Frühjahrslesetage in Hamburg

lutherIn Hamburg gibt es ja so einige Lesefeste, das Harbour Front Literaturfestival, die Lange Nacht der Literatur und Lesefeste der Seiteneinsteiger, allesamt im Herbst. Nun versucht Rainer Moritz, der Chef des Hamburger Literaturhauses, ein neues Leseevent im Frühjahr zu platzieren. Vom 20. bis 26. April 2017 finden die „High Voltage“-Lesetage zum ersten Mal an verschiedenen Orten in der Hansestadt. Zwölf Veranstaltungen soll es insgesamt geben, unterstützt vom Stromnetz Hamburg.

Letzteres erinnert natürlich an die Vattenfall Lesetage, die nach heftiger Kritik wegen Greenwashing und Markenbranding 2013 zum letzten Mal stattfanden. Bereits 2011 gab es die 1. Anti-Vattenfall-Lesung, aus ihr entstanden die Lesetage „Lesen ohne Atomstrom“, die gerade zum 7. Mal stattgefunden haben – allerdings ziemlich unbemerkt von der Öffentlichkeit (an mir sind sie komplett vorbei gegangen…). Das lag vielleicht daran, dass nur sieben Lesungen stattfanden, die keine Kinder- und Jugendliteratur beinhalteten.

Anders sieht es bei den High Voltage Lesetagen aus. Die zwölf Veranstaltungen sind zu gleichen Teilen Kinderbüchern und Erwachsenenlektüre gewidmet. Eine ganz wunderbare Aufteilung, wie ich finde. So lesen immer vormittags Maja Nielsen, Ute Wegmann, Joachim Hecker, Uticha Marmon, Arne Rautenberg und Jan von Holleben für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren. Abends kann man Jostein Gaarder, Clemens Meyer, Sarah Bakewell, Zsuzsa Bánk oder Eva Menasse lauschen.

Zwei Bücher aus dieser kleinen, aber feinen Kinderbuch-Auswahl haben es mir angetan – und wenn ich nicht anderweitig vergeben wäre, würde ich zu den beiden Lesungen gehen. Passend zum Lutherjahr darf der Reformator natürlich nicht fehlen. Maja Nielsen hat ihm in ihrer Reihe „Abenteuer! Maja Nielsen erzählt“ einen Band gewidmet. Sie schildert das Leben von Luther in klar verständlichen Sätzen, erzählt von dem Leben vor 500 Jahren und macht die Zweifel und Ängste Luthers anschaulich, die ihn schließlich dazu brachten, sich gegen die katholische Kirche aufzulehnen. Margot Käßmann, Lutherbotschafterin 2017, liefert in kurzen Statements die heutige Sicht der Evangelischen Kirche zu ihrem Gründungsvater. Auch dies macht ganz gut deutlich, wie sehr eine Kirche und der Glauben auch in heutiger Zeit immer im Wandel sind.
Fotos von Luthers Wirkungsorten, Illustrationen von Anne Bernhardi und die Abbildungen von vielen Gemälden und Stichen zeigen Luther auf vielfältige Art, so dass sich schon für junge Lesende ein differenziertes Bild des Reformators ergibt.

wegmannEinen Tag nach Maja Nielsen liest Ute Wegmann aus ihrem Kinderbuch Dunkelgrün wie das Meer, das mir vergangenes Jahr leider durch die Lappen gegangen ist. Mit umso mehr Freude habe ich die zarte Geschichte von Linn jetzt gelesen.
Die Sommerferien stehen vor der Tür. Linn fährt wie jedes Jahr mit den Eltern nach Holland in ein Schiffshaus am Meer. Doch dieses Mal ist es nicht so schön wie sonst. Papa muss noch mal zurück in die Stadt, wegen der Arbeit. Mama ist sauer. Und auch Linns Ferienfreundin Smilla will dieses Mal gar nichts von ihr wissen.

Linn erkennt, dass auch in den Ferien nicht immer alles schön und unbeschwert ist. Manche Probleme von zu Hause verfolgen einen bis an den Strand. Vor lauter Kummer macht Linn einen langen Spaziergang und wird schließlich von einem heftigen Gewitter überrascht.

Ute Wegmann paart in ihrem Text die sommerliche Ferienhitze mit dem Unbehagen Linns über all die Veränderungen und schafft trotz der Trauer, die Linn empfindet, eine poetische Stimmung. Diese wird von den zarten dunkelgrün und orangen Illustrationen von Birgit Schössow ganz zauberhaft eingefangen. Man ahnt, dass es für Linn noch ein glückliches Ende gibt, auch wenn diese Erfahrung sie ein Stück reifer hat werden lassen.

Zwei ganz unterschiedliche Bücher, die jedoch die wunderbare Bandbreite des neuen Lesefests spiegeln. Möge es für die Macher von High Voltage diesmal keinen Ärger wegen ihres Sponsors geben. Ich werde das jedenfalls verfolgen.

Am 20. April liest Maja Nielsen um 10 Uhr in der Bramfelder Chaussee 130 in Hamburg, im Haus 12 des Betriebshof Stromnetz Hamburg. Ute Wegmann liest am 21. April um 10 Uhr am selben Ort. Der Eintritt kostet jeweils 4 Euro.

Das gesamte Programm der High Voltage Frühjahrslesetage findet sich hier.

Maja Nielsen: Martin Luther. Glaube versetzt Berge, Gerstenberg, 2016, 62 Seiten, ab 11, 12,95 Euro

Ute Wegmann: Dunkelgrün wie das Meer, Illustration: Birgit Schössow, dtv, 2016, 80 Seiten, ab 8, 12,95 Euro

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Vom preisgekrönten Sinn und Unsinn im Leben

erlbruchDiese Woche läuft in Bologna die Kinderbuchmesse – und jeder Buchmensch, der sich mit Kinder- und Jugendbüchern beschäftigt, ist entweder dort oder beobachtet aus der Ferne die Geschehnisse.

Dieses Jahr habe ich es leider nicht in dieses Geschichten- und Illustrationsparadies geschafft und bekomme die News also nur über die Medien. Eine schöne gab es gestern: Der Illustrator und Kinderbuchautor Wolf Erlbruch ist dieses Jahr mit dem hoch geschätzten und hoch dotierten Astrid Lindgren Memorial Award (ALMA) ausgezeichnet worden. Herzlichste Glückwünsche!

Die meisten werden Erlbruch sicherlich mit dem Maulwurf verbinden, der das Dilemma auf seinem Kopf klären will, ich hingegen habe ihn durch zwei andere kleine Bücher kennengelernt.
Seine visuelle Interpretation des Goeth’schen Hexen-Einmal-Eins fasziniert mich immer wieder. So kryptisch wie die Reime des Geheimrats, die einem so sanft von der Zunge gehen und doch keinen eigentlichen Sinn ergeben, so geheimnisvoll sind auch die Collagen, die Erbruch dazugestellt hat. Mechanische Figuren, ein rauchender Seemann mit einem überlangen Boot unter dem Arm, Boxer, eine schöne Frau, eine Gänse-Fünf, der Sensenmann … es ist herrlich. Auf wenigen Seiten gibt es viel zu entdecken, und seien es die Zahlenkolonnen und die französischen Worte in den Papierschnipseln.
Und ganz ohne Sinn füllt sich der Geist des Lesers und Betrachters mit Klang und Bildern. Man fängt an zu träumen und zu staunen. Ganz leicht, ganz schön.

erlbruchDer Gans und dem Sensenmann begegnet man dann in dem Büchlein Ente, Tot und Tulpe wieder, das Erlbruch sowohl als Autor wie als Illustrator geschaffen hat. Das Zwiegespräch, das die Ente (die für mich eher wie eine Gans aussieht) hier auf wenigen Seiten mit dem Gevatter Tod führt, ist so rührend und voller Essenz, dass ich bei jeder Lektüre wieder schlucken muss. Doch ist in dieser Begegnung der beiden auch so viel Tröstliches, dass der Tod am Ende wie ein guter Freund dasteht.

Die philosophische Tiefe, mit der Erlbruch hier über die Allgegenwart des Todes, seines Dazugehörens zum Leben und dem Verschwinden der Welt nach dem Tod hier erzählt, ist meiner Ansicht nach, so auf den Punkt gebracht, dass man sich lange Abhandlungen von Philosophen durchaus schenken kann. Die Seitenhiebe des Todes auf christliche Glaubensüberzeugungen, was den Tod angeht, sprechen mir persönlich aus der Seele. So stößt er im Vorbeigehen auch noch das Nachdenken über den Unterschied zwischen Glauben und Wissen an.

In diesem Meisterwerk verliert der Tod seinen Schrecken. Die Gans hat das große Glück, sanft einzuschlafen. Denn die Grausamkeit des Sterbens bleibt ein Teil des Lebens und kommt in Form von Unfall oder schlimmem Schnupfen. Das ist dann aber eine andere Geschichte. Der Tod hingegen, der der toten Ente eine Tulpe mit auf den letzten Weg gibt, ist ein gutmütiger Geselle.

Ein besseres Trostbuch für kleine und große Menschen ist mir bis jetzt noch nicht untergekommen. Dafür sage ich Danke, Wolf Erlbruch!

Wolf Erlbruch/Johann Wolfgang von Goethe: Das Hexen-Einmal-Eins, Hanser, 2016, 32 Seiten, ab 3, 7,90 Euro

Wolf Erlbruch: Ente, Tod und Tulpe, Kunstmann, 2007, ab 4, 32 Seiten, 14,90 Euro

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Der Lebenssinn der Küchenschabe

EisnerHeute würde einer der größten Comic-Künstler und Schöpfer der Graphic Novel seinen 100. Geburtstag feiern: Will Eisner.
Das gebührend zu feiern, hat der Carlsen Verlag Eisners Meisterwerk Ein Vertrag mit Gott nun als brikettdickes Paperback neu herausgebracht.

Mir ist Eisner Mitte der 90er Jahre zum ersten Mal begegnet, als ich über italienische Fotoromane meine Dissertation schrieb und irgendwann merkte, dass die Ähnlichkeit von gezeichneten und fotografierten Bildergeschichten einfach nicht zu leugnen war. So vertiefte ich mich in Eisners theoretisches Werk Mit Bildern erzählen, das dieser Tage unter dem Titel Comics als erzählende Kunst ebenfalls bei Carlsen neu herauskommt. Für das Verständnis, wie Comics und Graphic Novels funktionieren, wie mit Panels, Schriften und natürlich der Darstellung menschlicher Regung erzählt wird, ist dieses Grundlagenwerk immer noch unabdingbar und zeitlos.

Was mir bei meiner Forschung damals einfach durchgegangen ist, war allerdings Ein Vertrag mit Gott. Ein gute Gelegenheit, das Verpasste endlich mal nachzuholen. Auf über 500 Seiten entfaltet Eisner ein Panoptikum des Lebens in der Bronx in den 20er und 30er Jahren. Er erzählt von den Bewohnern in einem Mietshaus der fiktiven Dropsie Avenue, von ihren alltäglichen Sorgen, ihren Wandlungen, von verpassten Chancen, vom Ver- und Entlieben, von der Suche nach Sinn und dem großen Geld, das letztendlich doch nicht glücklich macht. Es sind die universellen Themen des menschlichen Daseins, die Eisner in dramatisch ausgeleuchtete Panels zeichnet. Die Figuren stellt er realistisch, fast schon brutal hässlich dar. Er beschönigt nichts, sondern macht deutlich, dass das Leben kein Ponyhof ist und vor allem das Zusammenleben zwischen Männern und Frauen, Jung und Alt, Arm und Reich von Konflikten aller Art geprägt ist.

EisnerIm letzten Teil der Graphic Novel macht Eisner die Dropsie Avenue selbst zur Hauptdarstellerin und porträtiert sie von ihren Anfängen im 19. Jahrhundert, als in der Bronx noch Bauernhöfe standen und der nächste Nachbar weit entfernt auf der anderen Seite des Feldes lebte. Nach und nach werden jedoch immer mehr Häuser gebaut, Menschen aus anderen Ländern ziehen her, die Holländer legen sich mit den Engländern an, diese wiederum wollen von den Iren nichts wissen. Noch mehr Häuser entstehen, Katholiken wohnen neben Juden. Das Viertel erlebt den Aufschwung, eine U-Bahn soll gebaut werden, noch mehr Menschen ziehen her, noch mehr Nationalitäten. Die ersten fühlen sich nicht mehr wohl oder sicher, wittern den Abstieg und ziehen weg. Verfall ist die Folge. Erste Mietskasernen entstehen, Prostitution, Gewalt, Mafia breiten sich aus. Iren kämpfen gegen Italiener. Spekulanten bereichern sich. Noch mehr Mietshäuser wachsen aus dem Boden, das Gesicht der Dropsie Avenue verändert sich. Das Leben der Menschen kaum.

Dieses Porträt einer Straße – man könnte es auch Aufstieg und Fall der Dropsie Ave nennen – ist so faszinierend und zeitlos, dass man sich mit jeder Seite und mit jedem Panel an die Entwicklungen in der eigenen Stadt erinnert. Das Auf und Ab des Lebens, den Kreislauf von Geburt bis Tod bringt Eisner in so universell gültigen Bildern auf den Punkt, dass man trotz der Dramatik und den menschlichen Schicksalen sich geborgen fühlt. Denn man findet sich in diesen vielen kleinen Geschichten und Episoden wieder, fühlt sich ertappt bei seinen eigenen Vorurteilen, gerät ins Träumen, wenn man dem eigenen Elend entfliehen will, schöpft Hoffnung, dass das tatsächlich möglich ist. Man ist gerührt, wenn die Liebe sich ihren Weg durch die Backstein-Hinterhöfe bahnt, über Religions- und Nationalitätsgrenzen hinweg.

So ist Will Eisners Meisterwerk in doppelter Hinsicht eine Bereicherung: Er zeigt in seinem 1978 entstandenen Werk, was die Graphic Novel ausmacht, was sie kann, wie literarisch Bild und Text zusammenarbeiten und profunde Geschichten erzählen können. Bereit in den 30er Jahren hatte er, der Meister des Comic-Strips und des Superhelden-Comics, den Traum, das literarische Potential des Mediums unter Beweis zu stellen. Damals hat niemand auf ihn hören wollen. Erst 40 Jahr später gelang es ihm, seinen Traum zu verwirklichen.
Zudem bringt er die Condition humaine in all ihren Facetten so auf den Punkt, dass man sich auf das Abenteuer Leben noch mal so gern einlässt. Eisner zeigt wie absurd die Feindschaft zwischen den Nationen und den Religionen ist. Die menschliche Natur macht bekanntlich keine Unterschiede, wenn es um die Grundbedürfnisse des Lebens geht. Bequem eingerichtet in unseren Filterblasen vergessen wir das viel zu häufig.

Vor Will Eisner kann ich mich nach dieser großartigen Lektüre nur noch mit absoluter Hochachtung und Bewunderung verneigen!

Will Eisner: Ein Vertrag mit Gott. Mietshausgeschichten, Übersetzung: Carl Weissner, Carlsen, 2017, 528 Seiten, 19,99 Euro

Will Eisner: Comic als erzählende Kunst. Grundlagen und Prinzipien, Carlsen, 2017, 176 Seiten, 19,99 Euro

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Einladung zum Gespräch

mohrZwei Menschen begegnen sich. Im Zug. Die eine mit gültiger Fahrkarte, der andere offensichtlich nicht. Die eine nimmt ihn auf ihrem Ticket mit, der Fahrkartenkontrolleur gibt Ruhe. Und dann? Trennen sich ihre Wege? Nein, für die beiden beginnen 48 funkelnde, anstrengende, lebensentscheidende Stunden. Und wir fuchsen uns lesend rein in dieses Abenteuer, bis wir mitfiebern und die Daumen drücken.

Wer sind die beiden?

Da ist Aino, 18, schweigsam. Sie berührt sofort, etwas Geheimnisvolles umgibt sie, an sie heranzukommen, ist Arbeit.
Da ist Nik, 16, ein Draufgänger, der stets in Schwierigkeiten steckt, vor allem mit seinem älteren Bruder, und die nächsten Tage erst mal ungern daheim gesehen wird.

Nik ist sofort fasziniert, überrumpelt Aino geradezu durch seine Unmittelbarkeit, Neugier, Naivität, seine Jungenhaftigkeit; manchmal redet er wie ein Wasserfall. Als ihm Aino erklärt, sie gehe in ein Schweigekloster und werde Nonne, schlägt er ihr einen Deal vor: Wenn er ihr innerhalb von zwei Tagen und zwei Nächten beweist, was sie auf dieser Welt verpasst, wird sie ihm erzählen, warum sie für immer schweigen will. Aino willigt ein.

Sie haben kein Geld, keinen fahrbaren Untersatz, kein Dach über dem Kopf. Beste Voraussetzungen für ungewöhnliche Entscheidungen, die Nik leichter fallen als Aino. Trotzdem ist sie dabei, um sich auf nicht ganz legalen Wegen das Portemonnaie und den Magen zu füllen. Sie landen in einem Sexshop, treffen eine Wahrsagerin, fahren Riesenrad, übernachten in einer Hütte im Wald und unter klarem Himmel, hören Musik und singen gemeinsam. Sie tun Dinge, die sich für beide fremd anfühlen — und doch so richtig. Vertrauen baut sich auf, Nähe. Berührung überwindet das Schweigen und die Trauer. Denn Aino trauert um ihren kleinen Bruder, während Nik auf der Suche nach den Wurzeln seiner Familie, nach Heimat und Geborgenheit ist.

Angela Mohr erzählt in alternierenden Kapiteln, jeweils aus der Ich-Perspektive ihrer Protagonisten, davon, was sie bewegt. Was sie denken, fühlen, wovon sie träumen, was sie bedrückt, woher sie kommen — und warum sie beide auf der Flucht sind.
Da Aino zunächst beharrlich schweigt, ist die Kommunikation ein Balanceakt, verlangsamt das Tempo, denn sie schreibt ihre Fragen und Antworten in Kurzform auf kleine Zettel. Nik, der die Geschwindigkeit liebt, muss geduldig sein, kann manchmal nur intuitiv erfassen, was nicht formuliert ist, ist darauf angewiesen, aufmerksam zu sein und zu beobachten. Schließlich traut sich Aino doch zu sprechen. Noch ein Kraftakt, denn sie stottert, je aufgeregter sie ist, umso mehr.

»Aino sagt Worte.
Jede Menge Worte. Schöne Worte und hässliche Worte und seltsame Worte.
Sie hetzt ihnen nach. Sie reitet auf ihnen. Sie fliegt mit ihnen davon.
Ihre Stimme ist wie eine Landschaft, sie hat Täler und Höhen, Felsen und Geröllhalden, schneebedeckte Gipfel, leere Wüsten. Sie hat Dunkelheit und Sonne, Bäche und Flüsse und Gämsen, die von Fels zu Fels springen.
Ihre Stimme ist die ganze Welt.« (S. 301)

Dieser Roman schwingt, hat einen eigenen Ton und Rhythmus. Es gibt zahlreiche Textstellen, die man sich notieren möchte, weil die Autorin es schafft, dass wir mitfühlen, mitdenken, mithoffen. Uns mit Aino und Nik identifizieren. Ein authentisches Buch, vielschichtig, voller Humor — und eine Einladung zum Gespräch!

Angela Mohr: Zwei Tage, zwei Nächte und die Wahrheit über Seifenblasen, Arena Verlag, 2016, 310 Seiten, ab 14, 12,99 Euro

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Nicht nur für Nerds

jobsWer sich auf meinem Blog öfter mal herumtreibt, weiß, dass ich hier auch auch die Werke vorstellen, die zum Teil an meinem Schreibtisch entstanden sind. Heute ist mein jüngstes Übersetzungswerk auf den Markt gekommen: die Comic-Biographie Steve Jobs – Das wahnsinnig geniale Leben des iPhone-Erfinders, konzipiert, gezeichnet und verdichtet von der Amerikanerin Jessie Hartland.

In 13 Kapiteln fasst Hartland das viel zu kurze Leben von Jobs in klaren, kritzeligen schwarz-weiß Panels zusammen. Von seinen Anfängen in der Garage, über die Gründung von Apple und Jobs Rausschmiss aus der eigenen Firma bis hin zu seinen Erfindungen, die so gut wie jeder von uns heute in die Hand nimmt – egal ob da ein Apfel drauf ist oder ein anderer Schriftzug. Ob wir die Person Steve Jobs nun kennen oder nicht, in unseren Haushalten ist er auf die eine oder andere Art vertreten. Und sei es in der Form einer DVD eines Pixar-Films …
Jessie Hartlands Graphic Novel klärt auf sehr unterhaltsame und leicht ironische Art über den Menschen Jobs auf.

Übersetzungstechnisch war es für mich in mancher Hinsicht eine wahnsinnige und auch geniale Arbeit. Diverse Apfel-Produkte benutze ich selbst, habe mir aber nie groß Gedanken über ihre Herkunft gemacht. Hartland baut in ihre Biographie jedoch sehr geschickt Doppelseiten über die jeweilige Technik der vergangenen Jahrzehnte ein – und da wurde ich dann wieder an meine eigene Jugend erinnert und an die ersten Tippversuche auf einem C64 und seltsame Nintendo-Daddel-Spiele. Manches, was heute vergessen ist wie Kompaktkassette und Walkman kamen mir wieder in den Sinn. Irgendwann hatte ich sogar mal eine Basic-Programmier-Kurs, von dem ich aber nichts behalten habe. All das, und vieles weitere, fließt heute in den ganzen Smartprodukten auf die eine oder andere Weise zusammen. Und so wurde mir während des Übersetzens klar, wie tief die Wurzeln eines so kleinen Smartphones reichen, mit dem wir ständig unzählige Dinge tun und vieles nicht mehr lassen können.

Wahnsinnig an der Arbeit war die Kleinteiligkeit der Panels. Namen, Worte, Begriffe, Gesprochenes, Geschriebenes. Ständig musste ich aufpassen, dass ich nichts übersehe. Zum Glück hat meine Lektorin sehr aufmerksam mitgelesen und so haben wir wohl wirklich alles gefunden, was zu übersetzen war oder was Englisch gelassen werden musste.
Und auch wenn der Text hier nicht immer in engen Sprechblasen steht, die der Übersetzerin so gar keinen Raum lassen, sondern manche Texte richtig Platz zu haben scheinen, musste ich mich doch mit der Länge der Texte beschränken. Das hieß: zählen. Die Buchstaben von Jessie Hartlands handgeletterten Texten zählen. Ich habe also gezählt und dann meine Texte eingekürzt, damit alles passt.
Dankenswerterweise hat Jessie Hartland dem Fischer-Verlag einen Font mit ihrer Schrift zur Verfügungen gestellt, so dass die deutsche Ausgabe nun annähernd den Eindruck eines handgeletterten Comics hat. Die Herstellung im Verlag hat da perfekte Arbeit geleistet, all die Varianten von Groß- und Kleinschrift, von senkrechten Worten und Fettungen wie im Original einzubauen. Die Leichtigkeit, die im Vorfeld von einigen schon als hässliches Kinder-Gekrickel kritisiert wurde, die aber Jessie Hartland Stil ausmachen, sind für mich so in die deutsche Version herübertransportiert worden. Und all jene, die denken mögen, so ein Gekrickel sei ja total einfach hinzumalen, der nehme bitte einen Stift in die Hand und versuche es selbst …

Ich jedenfalls liebe diesen leichten und frechen Strich von Jessie Hartland, weiß durch ihre Geschichte gewisse Apple-Produkte nun besser zu würdigen und bin froh, dass ich keine 500-Seiten-Biografie lesen musste. Während des Übersetzens kam für mich somit alles zusammen, was Glück ausmacht: Spaß, neues Wissen über Technik und einen Menschen, nostalgische Erinnerungen und professionelle Herausforderungen. Besser konnte es für mich kaum sein.

Schön ist aber auch, dass heute bereits eine erste Besprechung von Irve online gegangen ist, nämlich hier. Danke dafür!
Ich hoffe, dass Ihr beim Lesen genauso viel Spaß mit dieser Graphic Novel habt, wie ich es beim Übersetzen hatte.

Jessie Hartland: Steve Jobs – Das wahnsinnig geniale Leben des iPhone-Erfinders. Eine Comic-Biographie. Übersetzung: Ulrike Schimming, Fischer, 2016, 240 Seiten, 16,99 Euro

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Die Spirale des Lebens

bondouxEs war ein mal ein Buch … das gibt mir Rätsel auf. Und fasziniert mich doch ganz ungemein. So jüngst geschehen nach der Lektüre von Anne-Laure Bondouxs neuem Roman Von Schatten und Licht, in der sehr gelungenen Übersetzung von Maja von Vogel.

Bondoux erzählt die Geschichte von dem Mädchen Hama und dem Jungen Bo. Beide arbeiten in einer riesigen Fabrik in einem nichtgenannten Land in einer unbestimmten, aber fast gegenwärtigen Zeit. Hama und Bo sehen sich immer beim Schichtwechsel und verlieben sich. Sie verbringen die wenige Zeit, die sie gleichzeitig frei haben, zusammen. Doch etwas Düsteres liegt über der Fabrik, ein alter weiser Mann macht dunkle Vorhersagen, bis eines Tages die Fabrik in die Luft fliegt. Hama wird schwer verletzt, Bo entkommt der Katastrophe durch einen Zufall.

Doch nun schlägt Bo der Hass der Bevölkerung entgegen, glauben doch plötzlich alle, dass er für das Unglück verantwortlich ist. Hama und Bo verlassen die Stadt, ziehen in die Einöde. Dort gebiert Hama eine Tochter, Tsell, die die Gabe besitzt, ihre Schatten in die Silhouetten von allen möglichen Tieren zu verwandeln.

So wie Tsells Schatten sich beständig verändert, so verändert sich auch die Geschichte von Seite zu Seite, Kapitel zu Kapitel. Bondoux wechselt in den Kapiteln die Perspektive, anfangs lässt sie ein unbekanntes „Wir“ erzählen, später wird Tsell zur Erzählerin. Das mag ein wenig verwirren, entwickelt aber gleichzeitig einen Sog, der einen das Buch nicht mehr weglegen lässt. Denn in allem verhandelt Bondoux nichts weniger als die menschliche Existenz in ihren Facetten und Widersprüchlichkeiten. Liebe und Hass prallen aufeinander, die Freude weicht der Angst, die Sicherheit der Unsicherheit. Aus dem Aufbruch wird ein Rückzug, die Helden erleben eine Zeit des Friedens, bis der Krieg auch sie auf ihrer paradiesischen Landzunge einholt und das Glück der Familie zerbricht. Und wieder ein Aufbruch erfolgt, der zu einer Rückkehr wird.

„Wer ständig glücklich sein will, muss sich oft verändern“, hat angeblich Konfuzius gesagt. So ähnlich vollzieht es sich in dieser Geschichte, in der nichts dauerhaft ist, und schließlich die nächste Generation, in diesem Fall Tsell und ihr Freund Vigg, den Weg wieder zurückgehen und sich auf die Suche nach den familiären Wurzeln machen. Die Geschichte mäandert und kreist, bis sich Anfang und Ende fast wieder berühren. Über allem liegt die unbeantwortete Frage: „Glaubst du, man muss immer einen Teil von sich verlieren, damit das Leben weitergeht?“

In unserer unruhigen Zeit ist dieser rätselhafte, märchengleiche Roman eine wahre Herausforderung. Und das meine ich im positiven Sinne. Denn es erschließt sich nicht sofort, was Bondoux eigentlich sagen will. Viele Szenen sind mysteriös – so treffen Bo und Hama auf eine zwergenhafte Familie, die in einem Berglabyrinth lebt –, aber genau dies bietet jedem Leser eine riesige Spielfläche für Assoziationen und eigene Interpretationen. Jeder kann in diesem Roman ein Stück des eigenen Lebens finden. Pubertierende werden sich mit den wechselnden Schatten von Tsell, die einfach noch nicht weiß, was sie eigentlich sein will, möglicherweise identifizieren können.
Man findet die Kritik an der Gesellschaft, die möglichst schnell Sündenböcke für irgendetwas braucht. Man erlebt die Sehnsucht nach dem Paradies, das jedoch schon längst verloren ist, wenn man sich doch nur mal ein paar Schritte davon entfernt und seinen Horizont erweitert. Man erfährt, wie wichtig es ist, die eigenen Wurzeln zu kennen.

Je mehr ich über Bondoux Werk nachdenke, je mehr könnte ich solcher Erkenntnisse hier niederschreiben. Doch das ist nicht der Sinn der Sache hier. Denn jeder Leser muss seine eigenen Schlüsse aus dieser merkwürdig schönen und gleichzeitig dramatisch und zutiefst menschlichen Universalgeschichte ziehen. Man wird viel und lange über Bondouxs Roman diskutieren können und sich doch, so wie es bei Märchen nun mal üblich ist, dennoch getröstet und verstanden fühlen. Eine große Geschichte mit langem Nachhall.

Anne-Laure Bondoux: Von Schatten und Licht, Übersetzung: Maja von Vogel, Carlsen Verlag, 2016, 252 Seiten, ab 14, 17,99 Euro

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Unantastbar

einsMenschen, die körperlich nicht den vermeintlichen Normen entsprechen, lösen oftmals ein voyeuristisches Bedürfnis bei uns allen aus. Man möchte schauen, vergleichen, sich abgrenzen, sich möglicherweise besser oder überlegen fühlen. Eine Geschichte, die solche Bedürfnisse auslösen könnte, hat jetzt die Britin Sarah Crossan vorgelegt. In Eins erzählt sie von den siamesischen Zwillingen Grace und Tippi.

In der Erwachsenen-Belletristik gibt es einige Romane zu diesem Thema, doch für Jugendliche ist es meines Erachtens das erste Buch, das sich mit der Lebenswelt von siamesischen Zwillingen befasst (korrigiert mich, wenn ich falsch liege). Crossan schildert die beiden 16-jährigen Mädchen als ziemlich normale Persönlichkeiten, obwohl sie an der Hüfte zusammengewachsen sind. Jede der beiden hat ihren eigenen Kopf, ihre eigenen Vorstellungen. Und sie haben eine Familie, die wie viele andere auch mit Problemen wie Arbeitslosigkeit, Alkohol- und Magersucht zu kämpfen hat. Jedes dieser Probleme ist an sich schon harter Tobak.

Wie schon in Crossans Werk Die Sprache des Wassers erzählt die Autorin die Geschichte in freien, also ungereimten Versen, erneut von Cordula Setsmann in geschmeidiges Deutsch gebracht. Jedes Wort bekommt durch die typografische Setzung, die die Worte manchmal kaskadenartig verschiebt, ein zusätzliches Gewicht. Und bleibt trotz der Schwere der Thematik ganz leicht.

Tippi und Grace, benannt nach Alfred Hitchcocks Lieblingsschauspielerinnen, müssen ab August eine öffentliche Schule besuchen, denn die Spendengelder bleiben aus, so dass die Schwestern nicht mehr zu Hause privat unterrichtet werden können. Natürlich werden die Mädchen in der neuen Schule angestarrt, mit unschönen Sätzen bedacht, aber sie finden auch zwei richtig gute Freunde, die den beiden einen Hauch von Normalität vermitteln.
Als dann jedoch auch die Mutter ihren Job verliert und die Familie fast schon das Haus verkaufen und fortziehen muss, treffen Tippi und Grace ein schwierige, aber lukrative Entscheidung.

Crossan gestaltet die Mädchen so liebevoll, dass sie dem Leser unweigerlich ans Herz wachsen, ihn aber auch ständig damit konfrontieren, wie es wäre, wenn man IMMER jemanden so dicht an seiner Seite hätte. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Ich kann es mir aber auch im normalen Leben kaum vorstellen, ständig mit einem einzigen Menschen zusammen zu sein. Doch im Laufe der Lektüre entwickelt man ein Gefühl und eine gehörige Portion Verständnis für die Heldinnen. Da Grace als Ich-Erzählerin agiert, schaut man quasi hinter die Fassade, lernt die beiden von innen heraus kennen. Grace bewirkt, dass die Zwillinge nicht als Freaks angesehen werden, sondern als gleichberechtigte Menschen, deren Entscheidung, nicht getrennt werden zu wollen, man mit Respekt begegnen muss.
In diesem Moment stehen Tippi und Grace dann für alle Menschen in dieser Welt, die nicht irgendwelchen blöden Normen entsprechen, und sei es, weil sie eine zu große oder zu kleine Nase haben.

So selbstverständlich es sein sollte, dass man sein Gegenüber nicht nach einer Nanosekunde aufgrund seines Äußeren beurteilen sollte, so wichtig ist es, genau dies in Zeiten von medialem Schönheitswahn, aber auch medialer Vorverurteilung aufgrund von Herkunft, Haut-, Haar- und Augenfarbe sowie Glauben, immer und immer wieder zu betonen, durchzuspielen und in neuen Varianten wie in diesem besonderen Buch zu diskutieren. Denn wir alle vergessen viel zu oft und viel zu schnell, dass es letztendlich immer und ausschließlich um das Eine geht:

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Sarah Crossan: Eins, Übersetzung: Cordula Setsmann, mixtvision, 2016, 424 Seiten, ab 12, 16,90 Euro

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