Archiv der Kategorie: Jugendbuch

Mutig leben in einer neuen Heimat

Manchmal erscheinen Bücher zu einem Zeitpunkt, an dem der Inhalt auf erschreckende Weise zu dem aktuellen Tagesgeschehen passt. Dazwischen: Wir von Julya Rabinowich ist so ein Beispiel.
In der Fortsetzung von Dazwischen: Ich von 2016 erzählt die Wiener Autorin die Geschichte von Madina weiter, die mit ihrer Familie aus einem Kriegsgebiet geflohen ist und in einer Kleinstadt Zuflucht gefunden hat.

Mittlerweile wohnt Madina mit Mutter, Tante und Bruder Rami bei ihrer besten Freundin Laura, im ehemaligen Büro deren Vaters. Madinas Vater ist wieder in seine Heimat zurückgegangen, um zu kämpfen. Wieder belässt Rabinowich es im Unklaren, woher die Familie geflüchtet ist, es ist weiterhin unerheblich. Nun wartet die 15-Jährige täglich auf Nachricht von ihm.

Ein fast normales Teenager-Leben

Doch Madina, die wieder Tagebuch schreibt, berichtet auch von ihrem neuen Alltag, in dem sie in der Schule immer besser wird – auch durch die gnadenlose Förderung und Forderung der Klassenlehrerin King. Mit Laura und ihrem Bruder Markus erlebt sie so manches emotionale Hoch und Tief, träumt von einer Jeans und Reisen, möchte einfach nur dazugehören und hat eigentlich ein neues Zuhause gefunden. Im Grunde liefert sie das Bild eines ganz normalen Teenagermädchens.
Wären da nicht die fremdenfeindlichen Typen im Ort, die sich irgendwann immer Donnerstags vor dem Café treffen und gegen Migranten pöbeln. Zunächst duckt Madina sich noch weg, macht einen Bogen um diese Ansammlung. Als Hassparolen an den Hauswänden auftauchen, gründen Madina und Laura eine Gang, die diese Schmierereien einfach selbst übersprayen. Nach und nach entwickelt Madina immer mehr Mut, macht sich grade, wie sie sagt, bis sie schließlich den Pöblern entgegentritt …

Beunruhigende Aktualität

Vieles in dieser Geschichte ist von einer beunruhigenden Aktualität, die mich durch die Seiten getrieben hat. Man kommt als Leser:in nicht umhin, eine Parallele zu den geflüchteten Frauen und Kindern aus der Ukraine zu ziehen, deren Männer und Väter in der Heimat kämpfen. Konnte man Dazwischen: Ich als Spiegel auf die Fluchtbewegungen aus dem Nahen Osten 2015 lesen, so gleicht Teil 2, der sich inhaltlich nahtlos an den ersten Band anschließt (aber auch ohne ihn gut verständlich ist), wie ein Kommentar zu den jetzigen Ereignissen. Viele Geflüchtete kommen momentan glücklicherweise privat unter, und wir können nur hoffen, dass sie hier weiterhin viele positive Erfahrungen machen.

Doch die Fremdenfeindlichkeit und der Rassismus, die aus unserer Gesellschaft ja nicht verschwunden sind, lauern da draußen quasi schon. So hat mich (als alte Leserin) der fremdenfeindliche Aufmarsch vor Madinas Haus unwillkürlich an die Anschläge von Mölln, Solingen oder Rostock-Lichtenhagen erinnert. Ich verbiete mir jetzt aber, diesen Gedanken weiterzudenken, und setze darauf, dass sich doch etwas bei uns geändert hat.

Hoffnungsfigur Madina

Die Figur Madina jedenfalls zeigt mit ihrer liebenswerten und lebensfrohen Art, mit ihren Ängsten, Träumen und ihrer Wut die universellen menschlichen Eigenschaften, die es so völlig unerheblich machen, woher ein Mensch stammt. Ihr Mut macht deutlich, dass Geflüchtete sich nicht alles gefallen lassen müssen, sondern ein Recht haben, sich zu wehren – im Großen wie im Kleinen. Die Solidarität, die Madina erlebt, schürt die Hoffnung, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist.
Bücher wie Dazwischen: Wir bringen die Saat dafür aus, die in den jugendlichen Leser:innen hoffentlich aufgeht.

Julya Rabinowich: Dazwischen: Wir, Hanser, 2022, 256 Seiten, ab 14, 17 Euro

Gegen Schubladendenken und Vorurteile

Es gibt Fragen, die nerven Lucia Zamolo gewaltig. »Woher kommst du eigentlich?« ist so eine. Und mittlerweile hat Zamolo eine Reihe von Antworten auf Lager: »Von dahinten«, »Vom Klo« oder »Aus dem Kiosk«. Doch erst, wenn sie ergänzt: »Aber mein Vater kommt aus Italien«, geben die Fragenden meist Ruhe. Zufrieden ist Lucia Zamolo damit allerdings nicht. Und so geht die Autorin und Illustratorin
in ihrer Comic-Erzählung Jeden Tag Spaghetti sowohl ihrem Antwortverhalten, aber vor allem der Haltung der Fragenden auf den Grund.

Unterschwelliger Vorwurf

Für Zamolo hört sich die Frage, die meist von Unbekannten kommt, eher wie ein Vorwurf an – im Sinne: Du kommst doch nicht von hier! – und ist damit eine rassistische Grenzüberschreitung. Im Gespräch kann sie sich eventuell noch wegdrehen und Erklärungen vermeiden, in diesem Buch geht das natürlich nicht. Dann wäre es keine Buch. Und so erklärt sie hier ihre Familiengeschichte, die mit Italien nur verhältnismäßig wenig zu tun hat. Es gibt keine Großfamilie, keinen mafiösen Verstrickungen, der Vater kann nicht kochen und die Tomatensoße stammt von einem großen Fertig-Spaghetti-Hersteller … Der Vater ging aus Liebe nach Deutschland und nicht zum Arbeiten. Und Lucia Zamolo ist in Deutschland geboren und hat auch kein Sprachproblem, wie eine Lehrerin ihr unterstellte.

Vorurteile in den Köpfen

Zamolo thematisiert neben den gängigen Vorurteilen in den Köpfen der Leute die vertrackte Situation, wenn die fragende Person wirklich nur interessiert oder auch neugierig ist, die befragte sich jedoch angegriffen und verletzt fühlt. Sagt diese, dass sie die Frage für unangebracht hält, kann es gut sein, dass die fragende Person beleidigt ist. Eine absurde Umkehrung.
Die Autorin schildert zudem Erlebnisse und übergriffige Erfahrungen von Freunden, deren Migrationshintergrund auf einmal komplett in den Vordergrund rückte. Menschen neigen vermutlich generell dazu, andere in Schubladen einzusortieren, nur liegen diesen Einordnungen oftmals negative, rassistische Denkmuster zugrunde. Das anscheinend »Fremde« macht also selbst in globalisierten Zeiten immer noch Angst und muss wohl gebannt werden. Auch im Alltag, auch von Menschen, die nicht rechts wählen.

Ertappt!

Beim Lesen von Lucias Zamolos kurzweiligem Buch habe ich mich durchaus ertappt gefühlt, habe ich der Autorin doch allein aufgrund ihres Namens das Label »italienische Literatur« aufgedrückt. Was also auch nicht besser ist als die Frage vom Anfang. Das Erleichternde an Zamolos Buch ist, dass sie am Ende den versöhnlichen Ton des Aus-Fehlern-lernen anschlägt.

In diesem Land gibt es offensichtlichen Rassismus, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit, die wir jeden Tag bekämpfen müssen. Doch diesen Kampf können wir schon im Kleinen und im Alltag von jedem von uns beginnen, indem wir sensibler werden, genauer hinschauen und hinhören – und uns selbst ein Stück zurücknehmen, wenn es um Neugierde oder die damit verbunden Bestätigung von wie auch immer gearteten Annahmen geht. Zamolo fasst das als »Read + Watch + Listen = Grow« zusammen. Das stände uns allen gut zu Gesicht. Die Lektüre dieses Buches ist ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung.

Lucia Zamolo: Jeden Tag Spaghetti, Bohem Press, 2022, 128 Seiten, ab 12, 16 Euro

Trümmerkinder

heul doch

Hamburg im Juni 1945. Der Krieg ist seit gut sechs Wochen zu Ende, als sich im neuen Roman von Kirsten Boie – Heul doch nicht, du lebst ja noch – die Wege von Jakob, Hermann und Traute kreuzen. Die drei Jugendlichen haben auf unterschiedliche Art unter den Folgen des Weltkrieges und der langjährigen Nazi-Diktatur zu leiden.

Hermann, der ehemalige HJ-Junge, muss zu Hause seinen kriegsversehrten Vater auf die Toilette im Treppenhaus schleppen. Im Krieg hat dieser beide Beine verloren und ist zutiefst verbittert. Hermann, der immer noch im braunen Hemd der Jugendorganisation herumläuft (ohne die Armbinde allerdings), fühlt sich samt seiner nationalsozialistischen Glaubenssätze verraten. Er verachtet die britischen Soldaten, die nun in der Stadt das Sagen haben.

Traute hingegen vermisst ihre Freundinnen, die beim Feuersturm 1943 ums Leben gekommen sind. Sie möchte so gern wieder mit anderen Kindern spielen. Dafür klaut sie ein wertvolles Brot aus der Backstube des Vaters. Das bleibt natürlich nicht unbemerkt, aber zunächst wird die ostpreußische Flüchtlingsfamilie beschuldigt, die in der Wohnung von Trautes Familie einquartiert ist. Das Zusammenleben mit sieben Personen auf engstem Raum gestaltet sich schwierig.

Jakob wiederum ist ein halbjüdischer Junge, dessen Mutter kurz vor Ende des Krieges doch noch nach Theresienstadt deportiert wurde. Der Vater, der als „jüdischversippt“ galt, musste in der Organisation Todt Zwangsarbeit leisten und kam dabei ums Leben. Jakob versteckt sich in den Ruinen und wird von einem ehemaligen Nachbarn mit Lebensmittel versorgt. Als der jedoch eines Tages nicht mehr kommt, muss der Junge sein Versteck verlassen. Er denkt, dass immer noch Krieg herrscht …

Drei Erzählperspektiven, drei Lebenseinstellungen

Im zeitlichen Rahmen von einer Woche schildert Boie das Leben in der zerbombten Hansestadt. Dies konsequent aus der Sicht der drei Jugendlichen, deren personale Erzählstränge sich beständig abwechseln. So kann Boie in die unterschiedlichen, ja konträren Gedankenwelten der Protagonisten quasi hineinkriechen. Hermann ist immer noch überzeugter Anhänger der Nazis, denkt in in deren Vokabular, hegt weiter die Vorurteile gegenüber Juden, verachtet die Besatzer, glaubt an Feindpropaganda und dass das deutsche Volk betrogen wurde.
Traute zeigt zunächst wenig Mitgefühl für die Flüchtlinge aus Ostpreußen, mag deren Dialekt nicht. Sie kann und will vielleicht nicht nachvollziehen, was diese Menschen durchgemacht haben.
Jakob vermittelt den Lesenden die Ängste der Verfolgten. In seinem Versteck denkt er immer wieder an seine jüdische Mutter und was sie im Laufe der vergangenen Jahre alles nicht mehr durfte (z. B. Straßenbahn fahren, auf einer Bank sitzen). Ihre Kennkarte (der damalige Personalausweis) wurde mit einem J und dem Namen „Sara“ versehen, so dass sie für alle als Jüdin erkennbar war. Dass Jakob in seinem Versteck lange nicht weiß, dass der Krieg vorbei ist, wird über weite Strecken des Lesens zu einem spannend-irritierenden Rätsel – das natürlich am Ende aufgelöst wird.

Zertrümmerte Seelen, zertrümmerte Sprache

Kirsten Boie schafft es mit diesen drei Protagonist:innen, zu denen sich noch die Kinder Max und Adolf gesellen, ein kondensiertes Bild der deutschen Gesellschaft in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu zeichnen. Die Stadt liegt in Trümmern, und genauso sind die Seelen der Jugendlichen zertrümmert, was sich dann in elliptischen Sätzen sogar in einer zertrümmerten Sprache offenbart. Gleichzeitig sind die Überzeugungen, die zwölf Jahre das Land beherrscht haben noch da.
Das Zusammentreffen von Hermann und Jakob offenbart dann die verschobenen Sichtweisen der Nazis, die sich als Opfer der Alliierten generierten, obwohl sie den Krieg angezettelt haben. Jakobs stille Verwunderung über Hermanns seltsame Wut verdeutlicht eine Dramatik, mit der nicht nur die Jugendlichen im Roman zu kämpfen haben, sondern die deutsche Gesellschaft insgesamt, und das jahrelang: »In Hermanns Kopf ist der Krieg noch nicht wirklich vorbei, nicht der Krieg und nicht die Jahre davor, wie sollte diese Welt denn auch so schnell daraus verschwinden! Was so lange Wahrheit war, wird nicht auf einen Schlag Lüge.«

Es gab keine Stunde Null

Wenn im Geschichtsunterricht gelehrt wird, dass der Krieg mit der Kapitulation im Mai 1945 zu Ende war, so könnte man meinen, dass damit alles davor ausgelöscht war und die Menschen sofort bekehrt waren. Dass es aber diese Stunde Null, von der in Bezug auf die ersten Jahre nach dem Krieg immer gesprochen wird, nicht gab, sagte bereits Richard von Weizsäcker 1985 und sprach von einem »Neubeginn«. Das auch dieser Neubeginn nicht von einem Tag auf den nächsten startete, illustriert Kirsten Boie in ihrem Buch überaus anschaulich. Es ist der Kampf ums tägliche Überleben, das Organisieren von Lebensmitteln auf dem Schwarzmarkt, der Suche nach besser bezahlter Arbeit, der Suche nach Angehörigen, der Hoffnung auf ein Wiedersehen, der Hoffnung auf einen Neuanfang in einem anderen Land vielleicht. Lang geschürte Überzeugungen werden nicht einfach von heute auf morgen über Bord geworfen, das schwingt in dieser Geschichte mit. Viele dieser Überzeugungen sind leider auch heute noch vorhanden und bekommen wieder vermehrt Zulauf – was es zu verhindern gilt.
Kirsten Boies Heul doch nicht, du lebst ja noch liefert jungen Lesenden viel Material zum Nachdenken und Einfühlen in eine Zeit, in der die heutigen Großeltern Kind waren. Es ist jedoch kein schwarz-weißes Material, sondern vielmehr eine facettenreiche Darstellung einer Gesellschaft nach der Katastrophe, die so nicht nur in Hamburg, sondern auch in anderen Städten Deutschlands zu finden war. Vielleicht ermutigt dieses Buch die Lesenden, ihre eigenen Großeltern nach deren Kindheit und Erlebnissen in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu fragen – denn die Traumata aus Krieg und Verfolgung leben in uns ja bekanntermaßen weiter.

Kirsten Boie: Heul doch nicht, du lebst ja noch, Oetinger, 2022, 176 Seiten, ab 14, 14 Euro

Vertrauen ist dicker als Blut

Vater

Stell dir vor, mein Vater hätte in diesem Moment zufällig am Ufer gestanden. Hätte er mich dann nicht erkannt? Er hat nur ein Babyfoto von mir gesehen, aber trotzdem. Wäre da nicht etwas, eine Art Blitz, in dem ihm klar wird: Das ist mein Kind! Kann man ein Blutsband spüren?« Mit diesen Überlegungen steckt Eva schon mittendrin in einem furiosen Abenteuer in Suriname, weit weg von ihrer niederländischen Heimat. In dem kleinen Land an Südamerikas Nordostküste ist die Zwölfjährige mit den elf Zehen auf der Suche, denn: »Der Urwald hat meinen Vater verschluckt«, wie Simon van der Geests neuer, mitreißender Roman heißt.

Die Lücke in Evas Leben

Eva soll in Biologie eine Projektarbeit zu einem Thema schreiben, das sie ganz besonders interessiert. Und das sind Biologische Väter, genauer: ihr Vater, den sie nie gesehen und kennengelernt hat. Oder »der Wurm«, wie ihre Mutter sagt, wenn sie ihn überhaupt erwähnt. Eigentlich versteht sie sich mit ihrer Mutter sehr gut. Trotzdem ist in Evas Leben eine Lücke, weil sie nichts über ihren Vater weiß und ihre Mutter, eine berühmte Popmusikerin, beharrlich darüber schweigt.

Wie feiert man einen fast-nur-Männer-Geburtstag

Andere Kinder wachsen auch ohne Vater auf, zum Beispiel weil ihre Eltern sich getrennt haben. Aber sie wissen, wer ihr Vater ist. Eva weiß anfangs nichts über ihren Vater. Außer dass er dunklere Haut hat, weil sie selbst eines der wenigen Kinder mit dunkler Hautfarbe an ihrer Schule ist. Ihre Mutter hingegen ist sehr hellhäutig mit weißblonden Haaren.
Der Unterschied ist so extrem, dass gehässige Mitschülerinnen vermuten, sie sei adoptiert. Und Evas bester Freund Luuk will auf Anregungen seines Vaters seinen zwölften Geburtstag als Männerwochenende feiern, also seine Freunde mit ihren Vätern. Natürlich macht er einen »Fast-nur-Männer-Geburtstag« draus. Trotzdem reizt das Thema »Biologische Väter« Eva zunehmend wortwörtlich – und sie beginnt gegen den Widerstand ihrer Mutter und ihrer vorsichtigen Lehrerin zu recherchieren.

»Suriname packt mich. Bäm«

Schließlich landet Eva, mithilfe eines Filmteams, in Suriname. »Suriname packt mich. Im wahrsten Sinne. Die Luft schlägt ihre Arme um mich, die Hitze hält mich fest umschlungen, klebrig und klamm. Bäm.« Als Leser:in spürt man genauso direkt wie Eva die Hitze, die Luftfeuchtigkeit. Man hört den Straßenlärm, das Prasseln des Regens auf Wellblechdächer, das Rauschen und Gurgeln des reißenden Flusses, das Zirpen und Grollen des Urwalds, die schrillen Schreie der Vögel. Riecht die feuchte Erde, süßen Früchte, scharfen Speisen, Dieselabgase des Busses, Benzingestank der Motorboote, Blut geschlachteter Tiere.

Einige Prozent mehr übereinstimmende Gene

Durch ein Team der Fernsehsendung »Verlorene Zeit« ist Eva dorthin gekommen. Mit deren Hilfe suchen Menschen nach lang verschollenen Verwandten. Auch bei diesem Format stellt sich die Frage: Ist biologische Abstammung tatsächlich so wichtig? Was verbindet einen mehr mit jemandem, dessen Erbgut zu ein paar Prozent mehr mit dem eigenen übereinstimmt, als mit dem Rest der Menschheit? Eva hängt die wenig sensiblen, dafür umso mehr auf die Tränendrüsen drückenden Fernsehleute ab und dringt allein ins Landesinnere vor.

Heimweh nach einem Ort, an dem sie noch nie war

Sie stößt im Verlauf ihrer Suche einige Menschen vor den Kopf, auch wortwörtlich: Einem Mitschüler, in den sie kurz ein bisschen verliebt war, gibt sie eine Ohrfeige und den Laufpass, als der sich lustig macht.
Doch ist es bewundernswert, wie mutig und zielstrebig sie sucht. Weil sie eine Leere, eine Lücke, ein Loch in ihrem Herzen zu spüren meint. Und Heimweh verspürt nach einem Ort, an dem sie noch nie gewesen war.
Während ihrer Suche erfährt Eva einiges über Familienbande und ihre unterschiedlichsten Formen. Sie versteht ihre Mutter und auch sich selbst besser. Und sie erkennt sehr direkt und brutal ehrlich, dass biologische oder genetische Bande keinen Vater ausmachen.

Drehbuch für den besten Weihnachtsfilm

Simon van der Geest erzählt erneut eine ganz besondere Familiengeschichte. Bei Das Abrakadabra der Fische reiste Vonkie in die Vergangenheit, enthüllte das traurige Geheimnis ihres brummeligen Großvaters und half ihm, sich auszusöhnen. Der Urwald hat meinen Vater verschluckt ist ein spannender Abenteuerroman – und ein fantastisches Drehbuch für einen der besten Weihnachtsfilme aller Zeiten. Denn es geht um Familie und Freundschaft, Vertrauen und Verbundenheit. „Luuk ist eine Art Bruder. So fühlt es sich an. Kann ein Blutsband wachsen? Ich meine, kann jemand allmählich dein Bruder werden? Vielleicht ist es auch egal, wie ich ihn nennen, aber Freund ist nicht genug. Luuk ist mehr als das.«

Bekannteste Patchworkfamilie

Übrigens war bei der weihnachtlichen Urfamilie auch schon ein Stiefvater dabei, die heilige Familie ist eine der bekanntesten Patchworkonstellationen.
Evas Suche nach ihrem Vater ist so mitreißend, staunend und offenherzig geschrieben, dass man alles wirklich sieht, fühlt und miterlebt. Andrea Kluitmann hat es absolut stimmig und lebendig mit ein paar wichtigen, gut überlegten Einsprengseln aus dem Niederländischen übersetzt. Spannendes Thema, brillantes Buch, großes Kino.

Simon van der Geest: Der Urwald hat meinen Vater verschluckt, Übersetzung: Andrea Kluitmann, Thienemann Verlag, 432 S., 17 Euro, ab 10 Jahre

Gegen das Schubladendenken

Okay, der Sommer ist vorbei, draußen ist es nass, kalt, dunkel – beste Lesezeit und beste Gelegenheit, sich in den Sommer zurück- oder vorzuversetzen und zwar mit Meg Rosoffs Roman Sommernachtserwachen. Darin nimmt die preisgekrönte Autorin uns in ein verwinkeltes Sommerhaus irgendwo an einer englischen Küste mit. Eine Familie mit vier jugendlichen Sprösslingen macht sich auf, die großen Ferien dort zu verbringen – so wie immer. Alles deutet daraufhin, dass es ein gewöhnlicher Sommer mit Baden, Segeln, Tennis, Reiten, Grillen und Faulenzen wird.

Doch das Erzähl-Ich macht schnell klar, dass es dieses Mal anders laufen wird. Denn zur Familie stoßen noch Dads jüngere Cousine Hope mit ihrem Freund Malcom, von allen nur „Malanhope“ genannt, weil sie unzertrennlich scheinen. Hope wiederum hat eine kalifornische Patentante, eine mehr oder minder bekannte Hollywood-Diva der B-Liga, die ihre beiden Söhne Kit und Hugo über den Sommer bei ihr „parkt“.

Blendende Schönheit

So schlägt der 19-jährige Kit in dieser Runde ein wie ein Bombe. Die Schwester Mattie verliebt sich stante pede in den Schönling mit den goldenen Locken. Und er bändelt tatsächlich mit dem hübschen Mädchen an. Sarkastisch kommentiert das Erzähl-Ich, wie sich die Stimmung der Schwester in einem Auf und Ab immer schneller ändert, denn Kit ist nicht wirklich fassbar. Er legt sich trotz jugendlichem Geturtel und Gefummel nicht fest und verwirrt im Grunde alle Menschen in seinem Umkreis, mal mehr, mal weniger, je nach Alter, aber unabhängig vom Geschlecht.

Egoistischer Manipulator

Auch das Erzähl-Ich verfällt ihm im Laufe des Sommer, hat Sex mit ihm im Schilf und muss doch feststellen, dass Kit nur ein egoistischer Manipulator ist. Etwas, das sein zurückhaltender Halbbruder Hugo, den die anderen nicht ganz ernst nehmen und der als stilles, aber tiefes Wasser am Ende alle überrascht, schon immer wusste. Es ist faszinierend zu lesen, wie geschickt Meg Rosoff mit wenigen Sätzen die Sympathie der Lesenden von Kit zu Hugo leitet und so die eigene Beeinflussbarkeit deutlich macht.

Über Geschlechtergrenzen hinweg

Und so wie Hugo ist auch dieser Roman wie ein stilles, unaufgeregtes, aber überaus tiefes Textgewässer. In die heimelige, unbeschwerte Sommeratmosphäre, in der die Hochzeit von Malanhope vorbereitet wird, Bruder Alex Fledermäuse beobachtet, die kleine Schwester Tamsin bei einem Pferdeturnier mitreitet, schleichen sich nach und nach immer mehr Leerstellen und unlösbare Rätsel. Diese betreffen nicht nur Kit und Hugo, sondern vor allem auch das Erzähl-Ich, dessen Namen und damit auch dessen Geschlecht die Leserschaft in keiner Zeile erfährt.
Damit bleibt Meg Rosoffos Geschichte nicht nur eine schnell konsumierbare Lektüre, sondern gibt den Leser:innen zu denken, wie sie geschlechtliche Verhältnisse sehen. Die Autorin bringt – wenn einem diese Besonderheit des Erzähl-Ichs erst einmal bewusst geworden ist – unsere wie auch immer geschlossene oder offene Weltsicht ans Licht. Sie führt das stereotype Denken des Mainstreams vor und stellt es somit in Frage. Gleichzeitig zeigt sie, wie universell Verführung, Sex, Liebe sind, wie unwichtig Geschlechterdenken ist, wie menschlich charakterliche Abgründe sind. Der Nachhall dieser Sommergeschichte ist auch im tiefsten Winter gut zu spüren und trägt hoffentlich zu mehr Offenheit im Leben bei.

Meg Rosoff: Sommernachtserwachen, Übersetzung: Brigitte Jakobeit, Fischer KJB, 2021, ab 14, 15 Euro

Die Rechten erkennen

Juli ist Influencerin, trägt Zahnspange, lange braune Haare und erzählt auf ihrem YouTube-Kanal von ihrem Alltag. Soweit, so normal.
Juli ist eine erfundene Figur, mit der die Journalistin Lisa Duhm in ihrem Sachbuch Sie sind überall die Gefahr von scheinbar harmlosen rechten Influencern im Netz illustriert. Denn in Julis Filmchen schleichen sich nach und nach immer mehr unterschwellig rechte Tendenzen ein, manchmal sind es nur einzelne Sätze, manchmal ist es der schicke Leo, der einen Pulli mit dem Logo der Identitären Bewegung trägt. Als Julis Freundin Lotta ihr vorwirft rechts zu sein, ist Juli empört – denn sie hat doch nur ihre Meinung gesagt.

Von Alltagssorgen zum Hass

Juli mit ihren Alltagssorgen – auch in aktuellen Coronazeiten – klingt nachvollziehbar und plausibel. Aber Duhm zeigt in erklärenden Sachtexten zu den großen Themen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Meinungsfreiheit, Fake news oder Verschwörungserzählungen, wie perfide die Argumentationen von rechten Gruppierungen sein können. Es ist momentan nämlich alles andere als leicht, immer sofort klare Grenzen zwischen tolerablen Meinungsäußerungen und inakzeptabler Manipulation zu ziehen. Dafür muss man genau hinhören und hinsehen, man muss die Symbole der rechten Vereinigungen kennen und ihr Vokabular. Denn nur so kann man Hass und Hetze erkennen.

Grundlegende Bedeutungsklärungen

In leicht verständlichen Texten zeigt Duhm daher, wie schnell man in die rechte Szene rutschen kann, wenn man sich von Ideologen verführen lässt, ohne deren Absichten zu hinterfragen. Und wie schwierig es ist, dort wieder herauszukommen. Zudem liefert sie kurze Portraits der wichtigsten rechten Parteien und Gruppierungen, erklärt die Unterschiede zwischen Rechtspopulisten, Rechtsextremisten und Rechtsradikalen, Nazis, Neonazis, Faschisten und neuer Rechte – und listet die schlimmsten rechtsextremen Gewalttaten seit dem Jahr 2000 auf.

Sich gegen rechte Manipulation wappnen

Gerade die allgemeine Manipulierbarkeit der Menschen ist ihr bei all dem wichtig. Denn sich von anderen beeinflussen zu lassen ist durchaus menschlich. Kinder und Jugendliche müssen aber um diese Schwäche wissen, um sich dagegen wehren zu können. Da man als Eltern die Teens bei ihren Streifzügen durch das WWW jedoch nicht ständig begleiten und überwachen kann und will, ist gerade dieses Buch von Lisa Duhm so sinnvoll. Denn es gibt den Jugendlichen eine gut verständliche Aufklärung in Sachen Rechte im Netz an die Hand, sodass sie hoffentlich rasch deren Propaganda erkennen.
In einem abschließenden Quiz können die Lesenden ihr Wissen über die Rechten prüfen: Wofür stehen bestimmte Abkürzungen? Was darf man tatsächlich nicht sagen? Was war der meistgenutzte Hashtag? Das wird so einige (auch Erwachsene) sicher überraschen – doch genau das ist gut und hat den höchsten Lerneffekt. Dazu bekommen die Jugendlichen noch konkrete Hinweise, was sie tun und wie sie sich verhalten können, wenn ihnen oder anderen im realen Alltag Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit begegnet.
So sensibilisiert kann man hoffen, dass bei den Lesenden eine Immunisierung gegen rechtes Gedankengut stattfindet und sie sich dann später aktiv gegen die Verbreitung solcher Ideologien einsetzen.

Lisa Duhm: Sie sind überall. Gegen Faschismus in deinem Feed, Gabriel, 2021, ab 12, 15 Euro

Auf der Suche nach Italien …

in italienischen Kinder- und Jugendbüchern in Deutschland

2018 habe ich hier zum ersten Mal einen Überblick über die italienische KJL in Deutschlang geliefert. Nun habe ich mich erneut gründlich umgesehen, was es denn so Italienisches für Kinder und Jugendlichen auf dem hiesigen Markt gibt – und ich muss sagen: Es hat sich so einiges getan.
Hatte ich vor drei Jahren den Eindruck, dass die Bücher aus Italien noch irgendwie überschaubar sind, so präsentierte sich mir nun eine immense Vielfalt (vielleicht liegt das auch an einer besseren Recherche…). Nicht alles davon konnte ich im Detail lesen, doch die Tendenzen und Strömungen lassen sich auch so ganz gut erfassen. Auch hier gilt wieder, dass dieser Überblick keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat, zu mannigfaltig sind die Publikationen, sodass ich vermute, dass ich auch weiterhin noch das eine oder andere übersehen habe.

Die gefundenen Publikationen habe ich nach gewissen Kategorien geordnet, um ein bisschen Ordnung zu schaffen. Dabei kam heraus, dass italienische Bücher nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen sind, sieht man mal von den italienischen Autor:innennamen ab. In den 1990er Jahren während meines Studiums der italienischen Literatur hatte einer meiner Professoren immer betont, dass italienische Autor:innen nur über Italien schreiben. Einen gewissen Zweifel hatte ich damals schon, doch nun, durch diesen Blick auf die Neuerscheinungen der vergangenen Jahre, zeigt sich, dass diese Behauptung unhaltbar ist, selbst bei Kinder- und Jugendbüchern. Daher habe ich mich mal auf die Suche nach Italien und der Italianità, dem Italienischen an sich, in diesen Publikationen gemacht …

Den Auftakt machen aber auch dieses Mal die italienischen Klassiker. Denn quasi kein Herbst- oder Frühjahrsprogramm kommt ohne zumindest einen italienischen Autor aus: Carlo Collodi.

Klassiker

Italien

Die unzähligen Ausgaben von Pinocchio zeichnen sich heute dadurch aus, dass es sich dabei nicht um Neuübersetzungen, sondern um Neugestaltungen bzw. Neuillustrationen handelt. So beispielsweise bei der Ausgabe aus dem Coppenrath Verlag, bei der das Designatelier MinaLima aus London holzschnittartige Illustrationen und aufwändige Extras geliefert hat. Da kann man ein Minitheater aufklappen, Fingerpuppen ausschneiden, Pinocchio als Hampelmann zappeln lassen und ihn mit neuen Kleidern bestücken. Diese filigranen und empfindlichen Kunstwerke veredeln die altbekannte Geschichte um den hölzernen Lausbuben und sind fast zu schade, um sie aus dem Buch zu trennen und zu bespielen.
Die Übersetzung dieser Ausgabe stammt von Paula Goldschmidt. Sie stammt aus den 1960er Jahren – so habe ich es zumindest aus den Eintragungen in der Deutschen Nationalbibliothek entnommen. Da mich das nicht sehr befriedigt hat und ich über Paula Goldschmidt auch sonst noch keine weiteren Informationen gefunden habe, habe ich weiterrecherchiert. In diesem Zuge habe ich mir die verschiedenen Pinocchio-Übersetzungen etwas intensiver angesehen – quasi als berufsbedingte Übersetzerin-Fortbildung, weil ich einfach neugierig geworden bin. Das Ergebnis ist ein ellenlanger Riemen geworden, den ihr hier findet, und eine Fotoserie auf Instagram.

Die Beschäftigung mit Collodi spülte mir dann auch noch die Übersetzung seines Buches Pipì, der kleine rosarote Affe auf den Bildschirm. Hierin lässt Collodi einen kleinen Affenjungen pinocchieske Abenteuer erleben. Der neugierige Pipì verlässt seine Familie, erkundet die Welt, wird zum Kaiser einer verstrittenen Affenbande, verliert seinen Schwanz an ein hungriges Krokodil … den er von einer Fee zurückbekommt, wenn er denn seine Versprechen einhält. Das hört sich bekannt an, Collodi hat hier seine Ursprungsidee noch mal wiederverwertet, kommt aber an seinen echten Pinocchio natürlich nicht heran. Da helfen dann auch die Illustrationen von Axel Scheffler nicht wirklich. Zudem wurde Collodis Werk leider auf Grundlage eines englischen Textes ins Deutsche übersetzt, ist also ein Fall von Stiller Post, was eigentlich nicht üblich und keine guter Stil ist.

Als weiterer italienischer Kinderbuch-Klassiker ist eine kurze Geschichte von Gianni Rodari bei Eulenspiegel erschienen: Die Geschäfte des Mister Cat in der Übersetzung von Giulia Engler ist ein typischer Rodari, der in seinen Texten die absurden Gebaren unserer Wirtschaft und Gesellschaft aufs Korn nimmt. Da will nämlich Mister Cat reich werden und überlegt sich ein Geschäftsmodel – Mäuse in Dosen – und organisiert, besorgt Dosen, malt Plakate, stellt Verkäuferin und Lieferjunge an, nimmt Bestellungen entgegen, hat aber noch gar keine Mäuse für seine Dosen. Das kommt einem in Zeiten von Hypes um Produkte, seien es die neuesten Smartphones, Klopapier, Impfdosen und Schnelltests irgendwie bekannt vor. Die jungen Adressaten dieser entzückend illustrierten Geschichte erfahren hier so einiges über marktwirtschaftliches Denken bzw. die Abgründe desselben – und dass wir die Rechnung nie ohne den Wirt, besser gesagt die Mäuse machen sollten.

Die Italianità, also das typisch Italienische ist in diesen Klassikern nicht zu finden, sind sie doch eher universelle Märchen. Am ehesten spiegelt sich Italien in den erzählenden Jugendbüchern, so dachte ich es zunächst, doch auch in diesem Bereich lässt sich Erstaunliches entdecken.

erzählende Jugendbücher

Zwei aktuellere Jugendbücher – Der Sonne nach von Gabriele Clima und Alles ganz normal von Roberta Marasco – spielen ganz offensichtlich in Italien, auch wenn die Hauptorte nicht namentlich benannt werden. Italienische Figurennamen und das gesamte Setting der Real-Geschichten vermitteln einen Hauch Fremdheit, ohne dabei völlig exotisch zu wirken.
Clima erzählt die Geschichte von Dario, der zur Strafe für sein respektloses Verhalten in der Schule, den spastisch gelähmten Andy betreuen muss. Irgendwann hat Dario es satt und haut zusammen mit Andy ab. Es beginnt ein intensiver Roadroman, übersetzt von Barbara Neeb und Katharina Schmidt, der die zwei unterschiedlichen Jungs immer näher bringt und so eine Lanze für Inklusion und Menschlichkeit bricht.

Italien

Roberta Marasco widmet sich in ihrem Roman dem Thema Menstruation, das bisher in Deutschland hauptsächlich in Sachbüchern behandelt wurde. Sie erzählt aus der Sicht der schüchternen Camila und der erfolgreichen Tiktokerin Luna. Haben die Mädchen anfangs nicht miteinander gemein, so werden sie durch schulische Umstände zu einem Team. Als dann durch eine fiese Gemeinheit ein ungeschicktes Video Camilas, in dem sie über ihre erste Regel spricht, viral geht, entwickelt sich zwischen den Mädchen ein ganz besonderer Teamgeist.

Italien paart sich in diesen beiden Geschichten mit universellen Themen, die für unsere Gesellschaft relevant sind und daher möglicherweise etwas länger in den Buchhandlungen und Bibliotheken zu finden sein werden.

Anders als die beiden Romane von Francesco Gungui, die mir erst jetzt untergekommen sind und beide vom Team Neeb/Schmidt übersetzt wurden. Ich mag dich wie du bist. Es passt … oder eben nicht (2011) und Ich mag dich immer noch, wie du bist. Liebe ist nicht die Antwort, sondern die Frage (2012) sind zwei eher seichte Liebesromane für Jugendliche. Im ersten Teil macht die 16-jähre Alice gezwungenermaßen Campingurlaub in Apulien und kommuniziert via Netz mit ihrem Freund Luca, doch im zweiten Teil zieht dieser zum Studium nach San Francisco, womit sich der italienische Blick bereits weitet und international wird.

Alles andere als Italien hat Autor Davide Morosinotto im Sinn. In seinen Abenteuerbüchern, von denen mittlerweile drei auf Deutsch erschienen sind, alle übersetzt von Cornelia Panzacchi, erzählt er von fernen Zeiten und fremden Ländern. 2017 machte er mit seiner Mississippi-Bande in Deutschland Furore, war damit für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. In seinem Debüt entführte er die Lesenden in die USA des 19. Jahrhunderts. Nur ein Jahr später folgte Verloren in Eis und Schnee, worin es in den Kriegswinter 1941 in der UdSSR geht. Bezeichnend für Morosinottos Bücher sind die opulenten Illustrationen, die die Lesenden unterhalten, durch geografische Karten weiterbilden und die Lektüre zu einem kurzweiligen Vergnügen machen. So auch in dem aktuellen Buch Der Ruf des Schamanen, das im peruanischen Amazonasgebiet spielt. Morosinotto schickt seine kleinen Protagonisten stets auf »Reisen«, auf denen sie die diversesten Probleme überstehen müssen, um schließlich zu sich selbst zu finden. Das ist spannendes Lesefutter, bei dem die Leser:innen mitfiebern können, etwas lernen und jede Menge Spaß haben. Für den Oktober dieses Jahres ist bereits das nächste Buch angekündigt: Die Rebellen von Salento … scheinbar lässt er in seinem Erstlingswerk (das nun nach dem Erfolg auch veröffentlicht wird) die Geschichte in Italien spielen. Ich werde es herausfinden.

Italien

Pierdomenico Baccalario, bekannt für seine Ulysses-Moore-Reihe, veröffentliche 2015 die wahre und äußerst grausame Geschichte des afghanischen Jungen Hazrat in Dem Leben entgegen (Ü: Barbara Neeb und Katharina Schmidt). Hazrat erlebt in seinem Zuhause Schrecken und Gewalt, als sein Vater durchdreht und die Mutter sowie einige seiner Geschwister niedermetzelt. Hazrat kommt zunächst bei Verwandten unter, doch das bewahrt ihn nicht vor weiterer Gewalt. Er flieht und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und landet schließlich in einer Koranschule, in der er zum Selbstmordattentäter ausgebildet werden soll – was er jedoch nicht eindeutig erzählt. Ihm gelingt die Flucht. Nach einen jahrelangen Aufenthalt im Iran schlägt Hazrat sich schließlich nach Italien durch. Dieses Land spielt hier nur am Ende von Hazrats Geschichte eine Rolle, quasi als Rettung für den Jungen, der hier als Minderjähriger unproblematisch Aufnahme findet.

Kinderbücher

Bei den Kinderbüchern ist es mit der Italianità bereits wieder vorbei. Hier erzählen italienische Autor:innen universelle Geschichten, die zum Teil nicht einmal mehr in Italien spielen. So beispielsweise in der Reihe Ein Fall für Me, Mum & Mystery von Lucia Vaccarino, übersetzt von Bettina Dürr und Birgit Ulmer. Hier dreht sich alles um das Detektivbüro von Emily und ihrer Mutter Linda im englischen Kent, das die beiden von einem verstorbenen Onkel erben.
In gerade einmal drei Bänden aus dem Jahr 2016 lösen Mutter und Tochter (harmlose) Kriminalfälle, wie sie für 9-jährige Mädchen eben geeignet sind. Die Bücher sind nur noch antiquarisch zu haben – oder stehen in den Stadtbibliotheken.

Vaccarino gehört, ebenso wie Morosinotto, zur Storytelling-Agentur Book on a Tree. 2014 gegründet von Vielschreiber Pierdomencio Baccalario, arbeitet hier ein großes Team aus mehr als 50 Autor:innen und mehr als 100 Illustrator:innen an unzähligen Geschichten, die international funktionieren. Im Grunde kann man hier von einer Geschichten-Fabrik sprechen, die allerdings ziemlich gut den Geschmack der breiten Masse treffen und unzählige Bücher auf den Markt werfen, von denen jedoch nur verhältnismäßig wenige ins Deutsche übersetzt werden.

Ans und ins Meer entführen aktuell Elisa Sabatinelli und Iacopo Bruno die Leserschaft in Emilio und das Meer. Der kleine Held Emilio will unbedingt Taucher werden wie sein Vater, denn er kann ohne das Meer nicht leben. In einem namenlosen Dorf erkundet er schließlich mit einem zusammengesuchten Taucheranzug – der eher an 20000 Meilen unter dem Meer von Jules Vernes erinnert, als an modernes Sporttauchen – die Unterwasserwelt. Als der Junge dort unten tatsächlich eine sagenumwobene Perle findet, nimmt auch an Land das Abenteuer seinen Lauf und er muss es mit einem ausgemachten Bösewicht aufnehmen.
Illustriert hat diese Geschichte, in der es auch um den Respekt der Natur geht, Iacopo Bruno, ein Schwergewicht der Illustrator:innen-Szene (er hat die aktuellen deutschen Harry-Potter-Cover neu gestaltet). Seine maritimen Bilder besitzen eine antike Patina, die in die Welt von Seebären, Tauchern und fiesen Geschäftsmännern, aber auch in mystische Unterwasserwelten entführt. Sie sind wahrlich eine Augenweide.

Italien

Mit Die Kinder der verlorenen Bucht (Ü: Barbara Neeb/Katharina Schmidt) liefert Luca di Fulvio, der eigentlich für seine historischen Unterhaltungsromane bekannt ist, 2016 eine Fantasy-Abenteuergeschichte für junge Leser:innen. Darin müssen die Freunde Lily, Max und Red zusammen mit der Möwe Luigi eine Bucht erkunden, in der immer wieder Kinder verschwinden.

Bis auf die Namen einiger Figuren (Lehrer Tappabucchi) und Orten wie der Baia del Sole (Sonnenbucht) ist auch hier nicht viel Italianità zu finden. Das Bestehen von Abenteuern und der Kampf gegen fantastische Bösewichte ist einfach zu universell, um sie auf ein Land zu beschränken.

2018 brachte der Verlag Jacoby & Stuart Fulivo Tomizzas Kinderbuch Die Flöhe in der Oper neu heraus. Bereits 1997 war es in der Übersetzung von Edmund Jacoby im Gerstenberg Verlag erschienen. Quasi eine zeitliche Mogelpackung – oder vielleicht auch eher ein Klassiker, das Tomizza seine belletristischen Hauptwerke schon in den 1960er bis 1980er Jahren in Italien veröffentlichte. Seine Geschichte der Flohfamilie, die ein Opernhaus besucht und dort für Verwirrung sorgt, ist jedoch zeitlos lustig und entführen die jungen Leser:innen in diesen ganz speziellen Musikkosmos. Der Anhang »Alles über die Oper« erklärt dann die wichtigsten Begriffe, Komponisten und Werke. Illustriert hat Axel Scheffler, der Schöpfer des Grüffello.

Italien

Susanna Tamaro, die seit Ende der 1990er Jahre dem Buch Geh wohin dein Herz dich trägt bekannt ist, hat 2017 ein weiteres Kinderbuch veröffentlicht (schon in den 1990er Jahren sind ihre Kinderbücher ins Deutsche übersetzt worden). Mit Bart, das sprechende Huhn und der Hüter der Weisheit, übersetzt von Ingrid Ickler, nimmt sie die Technikgläubigkeit gewisser Eltern aufs Korn. Die Eltern von Bart haben viel zu tun und lassen ihren Sohn von den neuesten technischen Geräten überwachen. Als die Mutter seinen geliebten, aber hässlichen und nutzlosen Teddy wegwirft, bricht der Junge aus seiner überwachten Welt aus. Aufgrund der Leseprobe kann ich nur sagen, dass sich der Anfang durchaus witzig liest, aber auch mit einem moralischen Unterton daherkommt. Bei Gelegenheit werde ich die Geschichte zu Ende lesen.

Im vergangenen Herbst kam dann das Weihnachtsbuch Das Wunder von R. von Francesca Cavallo, in der Übersetzung von Daniela Papenberg, auf den Markt. Cavallo ist durch die Good Night Stories for Rebel Girls (s.u.) bekannt geworden. Wer dabei eine italienische Weihnachtsgeschichte erwartet, wird eher enttäuscht. Die Stadt R. könnte in jedem Land liegen, der Ort ist nicht wirklich wichtig. Das Besondere an diesem aufwändig illustrierten Buch ist die Familienkonstellation: Zwei Mütter ziehen mit ihren drei Kindern in die Stadt R., weil sie hier keine Repressalien wegen ihrer gleichgeschlechtlichen Liebe fürchten müssen. Diese Liebe erzählt Cavallo als etwas völlig Selbstverständliches und greift dann in die Fantasy-Kiste, um einen Weihnachtsabend zu schildern, bei dem die drei Kinder zusammen mit einer Horde Elfen dem Weihnachtsmann helfen, all die Geschenke für die Kinder der Welt zu packen.
Die Illustrationen von Verena Wugeditsch machen zudem die Diversität der Figuren an ihren unterschiedlichen Hautfarben deutlich.

Italien

Bei meiner Recherche zu italienischen Kinderbüchern tauchte dann – seltsamerweiser – auch ein ganz schmales Bändchen von Elena Ferrante auf: Der Strand bei Nacht, übersetzt von Karin Krieger. Darin erzählt die Bestseller-Autorin aus der Sicht einer Puppe eine ziemlich beklemmende Geschichte. Die fünfjährige Mati bekommt von ihrem Vater ein Kätzchen geschenkt und vergisst daraufhin die heißgeliebte Puppe Celina am Strand. Der Grausame Strandwärter schiebt mit seinem Rechen am Abend all die vergessenen und verlorenen Dinge eines Strandtages zu einem Haufen zusammen und zündet ihn an. Der Puppe würde er gern ihre Worte entlocken und sie auf dem Puppenmarkt verkaufen. Puppe Celina fürchtet sich sehr, fängt schon fast Feuer, als eine Welle sie ins Meer spült, bis Matis Kätzchen sie am nächsten Tag zu dem Mädchen zurückbringt.
Dieser psychologisch durchkomponierte Albtraum à la E.T.A Hoffmann, mit ebensolchen Illustrationen von Mara Cerri, ist eher nichts für kleine Leseratten, sondern nur etwas für Hardcore-Fans von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga um die beiden genialen Freundinnen Lila und Lenu.

Fantasy

Im Bereich der Fantasy-Roman gibt es von Silvana De Mari, der Autorin von Der letzte Elf, die neue Reihe Das Erbe des Magierkönigs, in der Übersetzung von Barbara Kleiner. Ehrlich gesagt, kann ich mich leider nicht zum Lesen dieser Bücher aufraffen, da Fantasy einfach nicht mein Genre ist. Viel interessanter, ja erschreckender fand ich die Schlagzeilen, die die Autorin 2018 machte. Die studierte Ärztin hatte sich wiederholt abschätzig und verunglimpfend gegenüber der LGBT*-Szene geäußert. De Mari meinte, dass »Homosexualität zu tolerieren sei wie Pädophilie zu akzeptieren«, zudem behauptete sie, »LGBT* wolle die Meinungsfreiheit unterdrücken und verbreite Pädophilie«. Sie wurde daraufhin zweimal zu seiner Geldstrafe verurteilt. Im Zuge der Diskussionen, wie sehr man Autor:innen von ihren Werken trennen sollte, dürfte das eigentlich keine Rolle spielen. Dennoch bleibt – bei mir – ein unguter Nachgeschmack.

Zum Fantasy-Genre muss man sicher auch die kurzen Geschichte um die Zombie-Protagonistin Mortina von Barbara Cantini rechnen. Erstleser:innen erleben die leicht gruseligen Abenteuer des kleinen Zombie-Mädchens, das so gern mit den Kindern aus der Nachbarschaft spielen möchte. Ein wenig erinnert die Villa Decadente, in der Mortina mit ihrer Tante Dipartita lebt, an die AdamsFamily. Die Bücher, bis dato sind vier Bände in der Übersetzung von Knut Krüger erschienen, bestechen durch ihre fantasievollen Illustrationen, die ebenfalls von der Autorin stammen.

Überaus lustig und mit Hintersinn kommt aktuell Fabrizio Sileis Orkobello daher. Er entführt die Leser:innen ins Monsterland, in dem alles hässlich, stinkend und fürchterlich ist. Je hässlicher, umso wohler fühlen sich die Monster, die Gestank und Müll lieben und um die gerechte Verteilung des Mülls streiten. Als der Bürgermeister Grollboll zum dritten Mal Vater wird und endlich der ersehnte Sohn geboren wird, bricht für ihn, den Hässlichsten und Stinkigsten von allen, jedoch eine Welt zusammen: Das Baby ist schön. Ganz wunderschön. Und der Junge Orkobello verhält sich in seinem weiteren Leben viel mehr wie die Menschen und verliebt sich schließlich sogar in ein Menschenmädchen. Orkobello ist ein herrlicher Spaß, um schlechten Geschmack, schlechte Manieren, Ekelkram und vor allem das Anderssein. Vorzüglich und mit Witz von Ingrid Ickler übersetzt.

Bilderbücher

Bei den Bilderbüchern findet sich eine wunderbare Vielfalt. So erzählt Marco Viale in Ich bin der König! mit wenigen Strichen und kaum Farbe von einem kleinen Angeber, der auf jeder Seite seine Grandezza herauspustet. Wie ein typischer Narzisst erklärt er, in der Übersetzung von Sebastian Hoch, was er alles hat, kann, macht. Er ist der Größte, der Beste, der Tollste. Sein Gegenüber kann immer nur mit »ich nicht« antworten, wenn der Angeber ihn fragt, ob er auch … Doch als es um die Dunkelheit geht, wendet sich das Blatt. Den ganz Kleinen wird hier fast spielerisch das Nachdenken über eigenes Verhalten näher gebracht, dass Angebertum eben nicht weiterhilft, wenn dann die Angst doch nicht beherrscht werden kann.

Italien

Farblich reduziert ist auch die Geschichte Schwarzer Kater, Weiße Katze von Silvia Borando, ebenfalls von Sebastian Hoch übersetzt. Hier werden die Gegensätze des Lebens thematisiert: schwarz, weiß, Kater, Katze, Tag, Nacht. Jede Facette im Leben und der Welt ist wichtig, jede hat ihre Funktion. Manches ist anders, manche macht einem vielleicht Angst. Doch dann zeigen Katze und Kater einander ihre Welten. Und so erkennen sie, dass sie sich gegenseitig ergänzen und das Leben erst dadurch rund und vollkommen wird.

Ein weiters Bilderbuch von Silvia Borando fällt unter die Kategorie »ohne Text« – gehört also eigentlich nicht in meine Kategorie der übersetzten Texte. Aber es ist eine entzückende Variante für ganz Kleine, genau hinzusehen: Ein Mädchen und ein Junge schauen aus dem Fenster und beobachten ein Vögelchen im Schnee, drei rosane Häschen, eine Katze und einen Bären. Die Action draußen ist cool, bis … ja, bis … der Bär Hunger bekommt. Als die Kinder nach draußen rennen, verändert sich die Lage. Und die Erwachsenen, die diese Geschichte vortragen, habe jede Menge Freiraum, die Bilder in eigene Worte zu fassen.

Tausendsassa Pierdomenico Baccalario hat in Zusammenarbeit mit Alessandro Gatti und den Bildern von Simona Mulazzani das Wendebuche Die Geschichte von Tropfen und Flocke herausgebracht (Ü: Elisa Collini). Jeweils aus der Sicht einer Schneeflocke und eine Tintentropfens wird die Sehnsucht geschildert, irgendwo anders zu sein. Der Wind spielt dann Schicksal und bringt die beiden schließlich zusammen. Mit zarten Cut-outs werden die Illus zunächst teilweise verdeckt, so dass nur die Farben durchschimmern und gerätselt werden kann, was sich hinter den durchbrochenen Seiten wohl befindet. Die Reisen, die Tropfen und Flocke machen, schüren die Neugierde und die Lust auf eigene Lebensreisen.

Wenn es um Italien in Bilderbüchern gibt, so findet sich das Land und seine Atmosphäre in den Alben Ein Strandtag und Ein Markttag von Susanna Mattiangeli und Vessela Nikolova, übersetzt von Lucia Zamolo, ganz besonders wider. Hier sind es namenlose Kinder, die alltägliche Situationen erleben und beobachten, sei es auf dem städtischen Wochenmarkt oder im Sommer am Meer. Da gibt es jede Menge Popos zu betrachten, Bäuche und Gesichter. Boote natürlich auch. Zwischen all den Füßen verliert man dann leicht den eigenen Sonnenschirm aus dem Blick. Auf dem Markt hingegen sind es die verschiedenen Stände mit den unzähligen Dingen, die sich dort erstehen lassen. In Italien sind das auf den Märkten aber eben nicht nur Obst und Gemüse, Fisch und Fleisch, sondern auch Kleidungsstücke, Handschuhe, Stoffe, Schuhe, Haushaltswaren, Gürtel, Taschen, Strümpfe und Unterwäsche. Und in diesen fast etwas rotzig gemalten Quasi-Wimmelbildern steckt für mich die größte Nähe zu Italien, die meine Sehnsucht nach dem Land auf jeder Seite weckt. Eine Wonne, bei der ich schon das Stimmengewirr höre und die unterschiedlichen Düfte verspüre.

Italien

Ganz ohne Italien kommt die Mischung aus Kinder- und Bilderbuch Sie nannten uns die Müll-Kids von Davide Calì und Maurizio A. C. Quarello aus. In einem dystopischen Wüstenland leben Lizzy und ihre Freunde vom Müllsuchen und -verkaufen. Als sie eines Tages auf dem Müllberg Ararat ein ihnen unbekanntes Objekt finden, durchlaufen sie die ganze Kette von Käufern, bis sie zu einem Mann gelangen, der ihnen sagen kann, um was es sich dabei handelt …
Bei dem italienischen Autor Calì liegt die Besonderheit, dass er die Originalausgabe dieses Buches auf Französisch erschienen ist. Die Übersetzung hat Verleger Edmund Jacoby selbst besorgt. Dieses Buch besticht neben der Geschichte, vor allem durch die Bilder einer postapokalyptischen Wüstenwelt. Die Menschen tragen fast zeitlose Wüstenkleidung, sie reiten auf seltsamen Tieren, die aus Star Wars entsprungen zu sein scheinen. Man erfährt nicht, was genau geschehen ist, nur von einem Blauen Blitz erzählt Lizzy, nachdem nichts mehr so war wie früher. Wer sich auf diese Geschichte einlässt, wird danach jedes Buch mit anderen Augen sehen.

Auch bei den Bilderbüchern gibt es natürlich solche, die sich mit fantastischen Inhalten auseinandersetzen. Besonders aufgefallen ist mir dabei das Kompendium von Frederica Magrin über Die schrecklichsten Monster & Geister der Welt (Ü: Britta Köhler). Wenn man bei diesem Titel an Vampire, Drakula, Frankenstein oder Trolle denkt, ist man richtig. Doch Magrin geht weit über europäische Sagenfiguren hinaus, indem sie eine monstermäßige Weltreise unternimmt und Schreckgestalten von allen Kontinenten präsentiert, deren Namen hier zumeist unbekannt sind, wie die Schlange Ogopogo aus British Columbia in Kanada, der japanische Karura, ein Mensch mit Vogelkopf oder der Bulle Kujata von der arabischen Halbinsel. Das ist beste Kulturkunde für junge Leser:innen.

Italien

Für Drachenfans hat Federica Magrin zudem ein Kompendium über diese fantastischen Wesen verfasst, übersetzt von Birgit Franz. Diese stammen beispielsweise aus Vietnam, so wie Con-Rong, aus Kambodscha wie Neak oder aus Frankreich wie Tarasque. Kulturkunde vermischt sich hier mit Geschichte, wenn sie von heldenhaften Drachentötern wie Herakles oder dem Gott Susanoo berichtet. Am Ende möchte man an die Existenz dieser wundersamen Kreaturen wirklich glauben …

Biografien

Ein Phänomen, das seit ein paar Jahren den Buchmarkt überrollt, sind die die Biografie-Sammlungen. Darin finden sich die unterschiedlichsten Kurzbiografien zu mal mehr, mal weniger berühmten Persönlichkeiten in mal mehr, mal weniger sinnvoller Fokussierung und Zusammenstellung.

Ausgangspunkt war das Buch Good Night Stories for Rebel Girls von Elena Favilli und Francesca Cavallo – ja, die Autorin vom Das Wunder von R. –, das die beiden jedoch auf Englisch verfasst haben. 2017 erschien es in der Übersetzung von Birgit Kollmann und bedarf eigentlich keiner weiteren Worte. Der Erfolg dieser Compilation von rebellischen Frauen löste jedoch eine wahre Welle von Nachahmer-Sammlungen. So beispielsweise der großformatige Heldenatlas von Miralda Colombo, in der Übersetzung von Eva Baumgart-Catania und mir, in dem dann nicht nur Frauen versammelt sind, sondern in kurzen Textschnipseln auch bedeutende Männer.
Renzo Barsotti lädt dann in seinem Kompendium die Leser:innnen dazu ein: Entdecke über 200 starke Frauen und wie sie die Welt verändert haben. Auch hier sind es nur kurze Texte, die jedoch mit zahlreichen Fakten gespickt sind. Meine Kolleginnen Katharina Schmidt, Barbara Neeb und ich haben beim Übersetzen gefühlt eigentlich mehr recherchiert als übersetzt.

Verschiedene Geschlechter sind auch in den Storys für Kinder, die die Welt retten wollen von Carola Benedetto und Luciana Ciliento vertreten (meine Ü). Hier jedoch liegt der Fokus auf Umwelt- und Klimaschutz, den sechzehn Prominente sich auf ihre Fahnen geschrieben haben. Die beiden Autorinnen stellen in relativ langen Kapiteln das Engagement von Menschen wie Leonardo Di Caprio, Emma Watson, Rigoberta Menchù, Greta Thunberg oder Sebastiaõ Salgado vor. Die Bandbreite der vorgestellten Persönlichkeiten und ihrer Schwerpunkte ist beeindruckend, denn es geht nicht nur um Gretas Klima-Anliegen, sondern auch um Wiederaufforstung, Menschenrechte, sauberes Wasser oder die Folgen der Fast-Fashion.

Italien

Überhaupt Greta: Die Klima-Aktivistin und Fridays-For-Future-Auslöserin hat selbst ein Reihe von Publikationen für junge Lesende inspiriert. Die Lebensgeschichte der jungen Frau wird darin in den bis dato bekannten Details erzählt, um Kinder und Jugendliche zum Nachahmen anzuregen. Warum dabei gerade italienische Autorinnen so zahlreich vertreten sind, wird wohl ein Rätsel bleiben.

Italien

Viviana Mazza hat dann auch gleich noch 13 weitere Jugendliche aus aller Welt recherchiert, die sich neben Greta fürs Klima einsetzen, und liefert deren Lebensläufe in kurzen Kapiteln in den Stories für Future, in der Übersetzung von Sophia Marzolff. Darin begehrt Emma Gonzalez gegen die US-amerikanische Waffenlobby auf, Nojoud Ali aus dem Jemen rebelliert gegen Zwangsverheiratungen oder Negin Khpalwak aus Afghanistan befasst sich mit Musik, was den Mädchen im Land eigentlich verwehrt ist. Hier zeigt sich, dass es viele Fronten gibt, an denen wir uns engagieren können, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Federica Magrin, Stammautorin im White Star Verlag (s. Bilderbücher), liefert in Helden der Zeitgeschichte 20 Biografien von Menschen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, deren Zusammenstellung keine eindeutige Linie erkennen lässt. Hier kommt es mir eher so vor, als wollte der Verlag bei einem Trend mitmachen, ohne ein klares Profil zu bieten. Zu White Star folgen unten noch ein paar Worte.

Biografien sind generell auch in der KJL ein dankbares Genre, so hat der Arena Verlag schon in den Nuller Jahren allein eine ganze Reihe dazu herausgebracht (Ü: Anne Braun). Der Autor Luca Novelli widmet sich in etwa einhundert Seiten langen Monografien herausragenden Persönlichkeiten – zumeist Männer – der Wissenschaft.

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Die Reihe Lebendige Biographien zeichnen sich dadurch aus, dass Novelli die Protagonisten aus der Ich-Perspektive von ihren Entdeckungen und Theorien erzählen lässt. Angereichert sind die einfach formulierten Texte mit Comiczeichnungen der Figuren und Sprechblasen – à la Gregs Tagebuch. Schwarzweiß abgedruckte Gemälde und Fotos vermitteln einen Hauch der vergangenen Atmosphäre. So kommen die großen Denker und Entdecker den Kids sehr nahe und vermitteln ihr Wissen auf eine verständliche Art. Novelli bekam dafür bereits 2004 in Italien den Andersen-Preis als bester populärwissenschaftlicher Autor. Dass Marie Curie als einzige Frau unter lauter Männern dargestellt wird, ist jedoch ein Mangel. 2020 ist in der Reihe zwar eine Biografie über Sophie Scholl, deren 100. Geburtstag gerade gedacht wurde, erschienen, jedoch nicht von Luca Novelli, und fällt damit nicht unter italienische Literatur.

Natur/Klima/Umwelt/Wissenschaft/Tiere

In den Bereichen von Wissenschaft, Natur, Umwelt, Klima und Tiere bietet sich mittlerweile eine enorme Bandbreite von Publikationen, die aus Italien kommen – aber natürlich Italien nicht zum Thema haben, sondern global gedacht sind.

Italien

Sowohl für Kinder als auch Jugendliche finden sich hier Sachbücher, die in kurzen Kapiteln Vorschläge machen oder Anregungen liefern, wie wir unser Leben nachhaltiger, klimafreundlicher und (umwelt-)gerechter gestalten können. So in Green Nation Revolution von Valentina  Giannella und Lucia Esther Maruzzelli (meine Ü).
Das literarische Multitalent Pierdomenico Baccalario spielt da gleich mit zwei Büchern mit: 50 Abenteuer für unter 12-Jährige und 50 kleine Revolutionen, mit denen du die Welt ein bisschen schöner machst, beide übersetzt von Sophia Marzloff.

Neben Umweltrevolutionen wie den eigenen CO2-Abdruck zu verringern, die Stadt vom Müll zu befreien oder sich eine Woche vegetarisch zu ernähren, gibt es aber auch so kuriose Anregungen, wie etwas ohne Wikipedia zu recherchieren, zehn Kilometer zu wandern oder ein altes Buch zu lesen. Baccalario und Mit-Autor Federico Taddia geht es dabei um fünf revolutionäre Anliegen: Aufmüpfigkeit, Umweltschutz, gute Taten, Verzicht und Neuentdeckungen. Eine bessere Ermunterung an die jungen Generationen unserer westlich verwöhnten Gesellschaft gibt es eigentlich kaum.

Um sich für die Weltverbesserung noch einen Überblick über unsere Erde ganz im allgemeinen zu verschaffen, gibt es diverse Atlanten, in denen junge Lesende sich vertiefen können: Ganz im Sinne von Stadt, Land, Stern …

Italien

Für den Atlas der Städte, quasi ein Wimmelbuch für Städtereisende, von Miralda Colombo und Ilaria Faccioli kann ich aus Übersetzerin-Sicht schildern, dass hier die Städte mit dem Fokus auf die Kinder, und was diese dort interessieren und unternehmen könnten, dargestellt werden. Wieder war es eine Fülle von Fakten und Infos, die das Übersetzen zeitweise mühsam gestaltet hat, aber das Ergebnis ist entzückend geworden.

Beim Space Atlas, in der Übersetzung von Dania D’Eramo, geht es dann in die unendlichen Weiten des Weltraums, zu den Sternen, Planeten und Galaxien. Technik-Afficionados und Sternenkucker:innen finden hier Interessantes über Raketen, Mondfahrzeuge, Satelliten und Raumanzüge.
Im Herbst wird es dann bei Carlsen eine Übersetzung von mir zum Thema Weltall geben, mit einem ganz wunderbaren Fokus auf die Frauen in der Astrophysik. Mehr dazu dann beim Erscheinen …

Von Stadt und Land können wir dann den Blick auf unsere tierischen Mitbewohner auf der Erde richten. Auch in diesem Bereich haben italienische Autor:innen so einiges zu erzählen, was nicht nur für Italien interessant ist.

Italien

Absolut entzückend und entsprechend der aktuellen Mode, Hühner als Haustiere zu halten, haben Barbara Sandri, Francesco Giubbilini und Camilla Pintonato quasi ein Kompendium über unser liebstes Federvieh zusammengestellt: Ich wollt‘ ich wär‘ ein Huhn besticht durch mitreißende Illustrationen und kuriose Details. So beispielsweise die Doppelseite über die verschiedenen Kämme der Hähne und ihren Ursprung in bei den Dinosauriern. Eierkunde und Hühnerassen-Parade fehlen ebensowenig wie die Anatomie von Hühnern. Hühnerliebhaber:innen und -halter:innen kommen an diesem Sachbilderbuch also nicht vorbei.

In das Reich der Insekten und anderer Tiere können kleine Forscher:innen dann mit den Büchern 100 % Prozent Insekten in Lebensgröße – dort mag das mit der Lebensgröße noch hinkommen – und 100 % Tiere in Lebensgröße eintauchen. Bei der Ausgabe mit den Tieren wird es schon schwieriger, denn einen Tiger in Lebensgröße im Buch, nun ja … Hier werden jedoch verschiedene Körperteile wie Krallen oder Zungen in Lebensgröße gezeigt. Die filigranen Illustrationen von Isabella Grott sind hier das absolute Faszinosum.

Beide Bücher sind im White Star Verlag erschienen, der noch einen kurzen Exkurs wert ist. Dieser Verlag, der zu DeAgostini gehört und in Mailand und Novara sitzt, produziert eher für den Massenmarkt und zeichnet sich aber durch hochwertige Illustrationen und Fotografien aus. Die Übersetzungen werden, wenn ich recht informiert bin, über Agenturen vergeben und unterliegen dem italienischen Verlagsrecht, sind von den Konditionen her für hiesige Übersetzer:innen eher unattraktiv (verbessert mich, wenn es da neue Entwicklungen gibt). Die Bandbreite der Veröffentlichungen von White Star reicht von Feen- und Drachenbücher, über geschichtliche Themen wie Wikinger oder das alte Ägypten, die zum größten Teil von Autorin Federica Magrin stammen. Da ich nicht alle Publikationen aus diesem Verlag real lesen und begutachten konnte, ist es hier zum Teil schwierig, die Übesetzer:innen ausfindig zu machen, da diese zumeist nur im Impressum erwähnt werden und daher bei manchen Bibliografien in Online-Buchhandlungen oder Büchereien nicht aufgeführt sind. Das ist generell kein gutes Zeichen für Übersetzer:innen, weil es bedeutet, dass der Verlag die Übersetzenden nicht angemessen nennt.

Psychologie

Ein Bereich, den ich bis jetzt tatsächlich noch nicht mit italienischen Kinderbüchern in Verbindung gebracht habe, sind psychologische Bücher, die für therapeutisch Zwecke eingesetzt werden können. So thematisiert Davide Calì, der Autor der Müll-Kids, beispielsweise im Buch Boris und der Ruf des Wasser, in der Übersetzung von Christel Rech-Simon, Andersartigkeit, Herkunft und eigene Wurzeln. Adoptivkinder, die auf der Suche mit ihrer Herkunft hadern, finden hier Trost und erhellende Gedanken.

Italien

Der Glücksverkäufer Herr Taube hingegen verkauft das Glück in großen oder kleinen Dosen an seinen gefiederten Mitbewohner im Wald, an Frau Wachtel, Frau Zaunkönig oder Frau Kohlmeise. Doch erst Herr Maus findet schließlich heraus, was in den Glücksdosen eigentlich steckt…
Von Davide Calì gibt es noch weitere Bilderbücher, die jedoch aus dem Französischen und Englischen übersetzt wurden, so Walfisch Wanda und So etwas tun Erwachsene nie.

In den Bereich der Psycho-Büchern gehört auch Wolkentage von Alice Brière-Haquet, das im Original auf Italienisch erschienen ist, obwohl die Autorin aus Frankreich stammt. Die kurzen Texte, in der Übersetzung von Christel Rech-Simon, drehen sich um Depression und werden von poetischen Illustrationen von Monica Barengo begleitet, die eine traurige Geigerin durch einen Tag begleiten. In der Reihe Carl-Auer Kids liefert die Herausgeberin und Übersetzerin Rech-Simon am Ende immer auch Hinweise für Eltern, Erziehende und Vorlesende, damit diese wichtigen Bücher auch ihre richtige Wirkung erzielen können.

Katholische Publikationen

Eine Kategorie von Büchern, die ich in meinem ersten Post über italienische KJL nicht berücksichtigt hatte, sind katholische Publikationen. Aktuell sind mir zwei passende Bücher untergekommen, die ich jedoch nur im Netz über Leseproben sichten konnte. In den Hamburger Bücherhallen sind sie nicht vorhanden – kein Wunder wohne ich doch im protestantisch geprägten Norden.

Bei Heilige Ritter, in der Übersetzung von Gabriele Stein, handelt es sich um eine Sammlung von kurz erzählten Legenden, um katholische Ritter wie der Hl. Georg oder der Hl. Martin. Clou ist im konfessionellen Kontext natürlich immer die Treue der Figuren zu Jesus und dem christlichen Glauben. Erstaunlich hier, dass der Verlag ausdrücklich »Für Jungen« in die Bibliografie schreibt. Ich erspare mir weitere Worte.

Italien

Für Kinder ab acht Jahren erzählt Theaterautor Marco Baliani, in der Übersetzung von Brigitte Korn-Wimmer, die Geschichte des Hl. Franziskus, der sich vom Sohn eines reichen Tuchhändlers zum Bettelmönch wandelte, die Nähe zur Natur suchte und den Franziskaner-Orden gründete. Zarte schwarzweiß Illustrationen von Brigitte Püls lockern die Lektüre auf.
Beide Bücher könnten auch gut unter dem Abschnitt Biografien laufen, doch der katholische Fokus erscheint mir schon wichtig, da hier mehr dahintersteckt als reine Information über legendäre oder historische Persönlichkeiten, sondern wie Tyrolia schreibt die »Hervorhebung religiöser Motivation«.

Graphic Novels

Bei den Graphic Novels gibt es mindestens drei Neuentdeckungen…

Ins Italien der 1960er Jahre führt Davide Reviati die Leserschaft mit seiner brikettgroßen Graphic Novel Dreimal Spucken, übersetzt von Myriam Alfano. In ausdrucksstarken schwarz-weißen Zeichnungen erzählt Reviati von einer Jugendclique in der Gegend von Rimini. Guido, Grisù und ihre Freunde hängen ab, kiffen, fallen durch Prüfungen an der Berufsschule, suchen Zeitvertreib in den Clubs der Küste. Und sie treffen immer wieder auf das Roma-Mädchen Loretta, das sie fasziniert, aber auch abstößt. Es vermischen sich die verschiedenen Welten der Jugendlichen und nach und nach dringt der Horror des Holocaust in die Seiten ein, den die Roma-Familie nur wenige Jahre zuvor erleben musste. Ein dichtes und kompliziertes Werk, das Aufmerksamkeit und mehrmalige Lektüre verlangt, um es vollständig zu begreifen.

Mit Andrea Serios Rhapsodie in Blau, übersetzt von Resel Rebiersch, tauchen wir ins faschistische Italien von 1938 ein. Nach einem unbeschwerten Sommer erlässt Mussolini die Rassengesetze und für den jungen Juden Andrea und seine Freunde ändert sich alle. Andrea wandert in die USA aus, kehrt aber während des 2. Weltkriegs nach Italien zurück. Serio erzählt eine wahre Geschichte in hauptsächlich blau gestalteten Buntstiftbildern nach, die die Absurdität von Faschismus und Krieg deutlich macht.

Matteo Mastragostino und Alessandro Ranghiasci liefern mit Primo Levi, in der Übersetzung von Georg Fingerlos, ein besonderes Stück Italien. Sie würdigen den Autor und Auschwitz-Überlebenden Primo Levi, indem sie seine Geschichte während des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust nachzeichnen. Levi besucht hier als alter Herr eine Schulklasse und erzählt einer zum Teil aufmüpfigen Klasse von 12-Jährigen sein Schicksal. Die Erinnerung an das das Vernichtungslager Auschwitz und der große Zufall, dass Levi den Horror überlebt hat, werden in eindrucksvollen Bildern lebendig. Die Tragik ist dem gezeichneten Levi ins Gesicht gezeichnet, die Wirkung, die sein Bericht auf die Kinder hat, ist in einem rührenden Wandel der Kinder beschrieben. Mastragostino und Ranghiasci ist eine wichtiges Stück Erinnerungsliteratur gelungen, die zeigt, wie sehr auch italienische Juden Opfer der Nazis geworden sind.

Gipi, vermutlich DER Graphic Novel-Künstler der Gegenwart, liefert aktuell mit Aldobrando, in der souveränen Übersetzung von Ulrich Pröfrock, eine Mittelaltergeschichte um den einfältigen Titelhelden, der von seinem Meister in die Welt hinausgeschickt wird. Mit seiner unbedarften, offenen Art gelingt es Aldobrando, einen tyrannischen König zu stürzen, ungerecht Verurteilte zu befreien und die Liebe zu finden. Die zumeist sepiagefärbten Tuschepanels von Luigi Critone entwickeln einen filmischen Sog in eine klassische Abenteuer- und Entwicklungsgeschichte mit zeitloser Message.

Bereits 2018 hat Gipi mit der Dystopie Die Welt der Söhne einen Mega-Erfolg in Italien abgeliefert. Die deutsche Übersetzung hat auch wieder Myriam Alfano geliefert, die die gebrochene und verlorene Sprache der Brüder gekonnt umsetzt. Die Brüder leben mit ihrem Vater in einem Holzhaus auf Stelen mitten in einer Lagune – man könnte an das Valle di Comacchio denken. Die Welt, wie wir sie kennen ist zerstört, nur wenige Menschen haben eine Katastrophe überlebt und zerfleischen sich jetzt bei Gelegenheit gegenseitig. Die Jungs können weder richtig reden, noch lesen und wundern sich daher immer, was der Vater in ein seltsames Heft kritzelt. Als dieser eines Tages an einem Herzinfarkt stirbt, machen sich die Brüder zu anderen Menschen auf, die ihnen sagen sollen, was es mit dem Gekritzel auf sich hat. Die Rohheit und die fehlende Menschlichkeit der »Überlebenden« sind teilweise nur schwer zu ertragen.

2015 erschien auf Deutsch, in der Übersetzung von Giovanni Peduto, MSGL – mein schlecht gezeichnete Leben, die Geschichte seiner Jugend zwischen Drogenkonsum, Gefängnis, Liebesexzessen und eine mysteriösen „Pimmelkrankheit“. Entgegen des Titels ist hier natürlich nichts schlecht gezeichnet, ganz im Gegenteil. Hier muss man einfach einen Faible für etwas durchgeknallte Jungsgeschichten haben und darf nicht zimperlich sein.

Die Bände von Manuel Fior, die ich bis jetzt noch nicht gelesen habe, sind Die Übertragung und Die Tage der Amsel. Beide sind schon etwas länger auf dem Markt, was aber den Geschichten natürlich nichts anhat. Faszinierend fand ich Die Übertragung, übersetzt von Claudia Sandberg, komplett in schwarzweiß gehalten, mit „Spezialeffekten“ von Anne-Lie Vernejoul, wie der Autor selbst erzählt. Diese Effekte lassen manche Zeichnungen wie fotografische Solarisationen wirken, die an die Werke von Man Ray erinnern.
Der irren Geschichte von um Telepathie und außerirdische Phänomene kommt man tatsächlich erst nach und nach auf die Spur. Es gibt immer wieder leichte Irritationen, wenn es beispielsweise für normale Autos keine Ersatzteile mehr gibt oder von Unruhen die Rede ist. Wer die Hauptfiguren Dora und Rainiero verfolgt, wird sich in einem seltsam vertrauten Italien wiederfinden – die unübersetzten Schriftzüge im Stadt- und Straßenbild lassen keinen Zweifel an dem Land aufkommen.

In dem Erzählband Die Tage der Amsel, Übersetzung von Carola Köhler, hingegen finden wir uns in Berlin, Paris oder auch in Norwegen wieder. Hier zeigt sich die gesamt Bandbreite von Fior grafischem und zeichnerischem Können, denn jede Geschichte, manche sind nur zwei Seiten lang, sind unterschiedlich gestaltet – mit Ligne clair, aquarelliert oder mit Kohle gestaltet, Panels mit Rahmen oder ohne, dick oder dünn umrandet. Manuel Fior kann alles.
Und wir begegnen in einer Geschichte Dora wieder und erleben auch dort bereits seltsame Phänomene in einem Marmorsteinbruch. Für Fans von Fior ist dieser Band natürlich ein Muss.

Damit endet – für den Moment – der Blick auf die übersetzten italienischen Kinder- und Jugendbücher. Italien ist, wie gesehen, eher selten zu finden, sieht man von den Graphic Novels mal ab. Das liegt natürlich auch daran, dass hauptsächlich die KJL-Autor:innen ins Deutsche übersetzt werden, die eben nicht so italienisch schreiben, nicht nur Italien und seine Charakteristika in den Mittelpunkt stellen, die bei hiesigen jungen Leser:innen eher Verwirrung als Unterhaltung stiften würden. Universelle Geschichten verkaufen sich eben besser.
Wenn Italien 2024 Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird, werden wir bis dahin sicher noch viele weitere italienische KJB auf Deutsch lesen können. Ich werde die Szene bis dahin weiter beobachten und wieder berichten …

Bibliografie

Klassiker

Carlo Collodi: Die Abenteuer des Pinocchio, Ü: Paula Goldschmidt, Illustration: MinaLima, Coppenrath, 2020, ab 10
Carlo Collodi: Pipì, der kleine rosarote Affe, Ü aus dem Englischen: Nicola T. Stuart, Illustration: Axel Scheffler, Jacoby & Stuart, 2018, ab 6
Gianni Rodari: Die Geschäfte des Mister Cat, Ü: Giulia Engler, Illustration: Karoline Grunske, Eulenspiegel, 2019, ab 8  

erzählende Jugendbücher

Roberta Marasco: Alles ganz normal, Ü: Ulrike Schimming, Carlsen, 2021, ab 12
Gabriele Clima: Der Sonne nach, Ü: Barbara Neeb/Katharina Schmidt, dtv, 2020, ab 12
Francesco Gungui: Ich mag dich wie du bist. Es passt … oder eben nicht und: Ich mag dich immer noch, wie du bist. Liebe ist nicht die Antwort, sondern die Frage, beide Ü: Barbara Neeb/Katharina Schmidt, Baumhaus Medien, 2012 , ab 14
Morosinotto, Davide: Die Mississippi-Bande. Wie wir mit drei Dollar reich wurden Ü: Cornelia Panzacchi, Thienemann, 10. Aufl. 2017, ab 10
Morosinotto, Davide: Der Ruf des Schamanen. Unsere abenteuerliche Reise in das Herz der Dunkelheit, Ü: Cornelia Panzacchi, Illus: Paolo Domeniconi, Thienemann, 2021, ab 12
Morosinotto, Davide: Verloren in Eis und Schnee Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow, Ü: Cornelia Panzacchi, Carlsen, 2020, ab 12
Pierdomenico Baccalario: Dem Leben entgegen. Eine wahre Geschichte, Ü: Barbara Neeb, Katharina Schmidt, cbt 2015, ab 12

Kinderbücher

Lucia Vaccarino: Ein Fall für Me, Mum & Mystery – Können Elefanten schwindeln?, Mitarbeit: Carolin Liepins, Ü: Birgit Ulmer
Ein Fall für Me, Mum & Mystery – Können Geister Fahrrad fahren?, Mitarbeit: Carolin Liepins, Ü: Bettina Dürr
Ein Fall für Me, Mum & Mystery – Können Gänseblümchen sprechen?, Mitarbeit: Liepins, Carolin, Ü: Bettina Dürr, Schneiderbuch, 2016, ab 9
Luca Di Fulvio: Die Kinder der Verlorenen Bucht, Ü: Katharina Schmidt, Barbara Neeb, Boje, 2016, ab 9
Fulvio Tomizza: Die Flöhe in der Oper, Ü: Edmund Jacoby, Illustration: Axel Scheffler, Jacoby & Stuart, 2018, ab 8
Francesca Cavallo: Das Wunder von R. Ü: Papenberg, Daniela, Mentor Berlin, 2020 ab 8
Susanna Tamaro: Bart, das sprechende Huhn und der Hüter der Weisheit, Ü: Ingrid Ickler, lllus: Thomas M. Müller, Hanser, 2017, ab 10
Elena Ferrante: Der Strand bei Nacht, Ü: Karin Krieger, Illus: Mara Cerri, Insel Verlag, 2018 

Fantasy

Barbara Cantini (Texte und Illus):
Mortina – Wer klopft da an die Tür? Ü: Knut Krüger, dtv, 2020, ab 5
Mortina – Das große Verschwinden, Ü: Knut Krüger, dtv, 2020, ab 6
Mortina – Ein Mädchen voller Überraschungen, Ü: Knut Krüger, dtv, 2019, ab 5
Mortina – Schwindelei zur Ferienzeit, Ü: Knut Krüger, dtv, 2021, ab 5 
Silvana De Mari:
Das Erbe des Magierkönigs – Tochter des Lichts, Ü: Barbara Kleiner, cbt, 2018, ab 11
Das Erbe des Magierkönigs – Der Aufbruch, Ü: Barbara Kleiner, cbj, 2017, ab 11
Fabrizio Silei: Orkobello, Ü: Ingrid Ickler, Illustration: Fabrizio di Baldo, Knesebeck, 2020, ab 8
Federica Magrin: Die schrecklichsten Monster & Geister der Welt, Ü: Britta Köhler,Illus: Laura Brenlla, White Star, 2019, ab 8
Federica Magrin: Drachen. Eine faszinierende Reise durch die Welt der fantastischen Wesen, Ü: Birgit Franz, Illus: Anna Láng, ars edition, 2019, ab 8

Bilderbücher

Viale, Marco: Ich bin der König!, Ü: Sebastian Hoch, Illus: Marco Viale, Freies Geistesleben, 2020, ab 3
Pierdomenico Baccalario/Alessandro Gatti: Die Geschichte von Flocke und Tropfen, Ü: Elisa Collini, Illus: Simona Mulazzani, Bohem Press, 2014, ab 3
Silvia Borando: Schwarzer Kater, Weiße Katze, Ü: Sebastian Hoch, Freies Geistesleben, 2020, ab 2
Silvia Borando: Pass auf!, Freies Geistesleben, 2019, ab 3
Susanna Mattiangli: Ein Strandtag und Ein Markttag, Ü: Lucia Zamolo, Illustration: Vessela Nikolova, Bohem Press, 2020, ab 3
David Cali/Maurizio A. C. Quarello: Sie nannten uns die Müll-Kids, Ü: Eduard Jacoby, Jacoby & Stuart, 2020, ab 8

Biografien

Elena Favilli/ Francesca Cavallo: Good Night Stories for Rebel Girls. 100 außergewöhnliche Frauen, Ü: Birgitt Kollmann, Hanser 2017, ab 10 
Miralda Colombo: Helden-Atlas. 101 Frauen und Männer, die die Welt verändert haben, Ü: Eva-Baumgart-Catania, Ulrike Schimming, Illus: Ilaria Faccioli, Midas, 2019 , ab 6
Carola Benedetto/Luciana Ciliento: Storys für Kinder, die die Welt retten wollen, Ü: Ulrike Schimming, Illus: Roberta Maddalena Bireau, Rowohlt, 2020, ab 9
Renzo Barsotti: Entdecke über 200 starke Frauen und wie sie die Welt verändert haben, Ü: Barbara Neeb, Ulrike Schimming, Katharina Schmidt, Ullmann Medien, 2020, ab 9
Viviana Mazza: Jeden Freitag die Welt bewegen – Gretas Geschichte, Ü: Christina Neiske, Illus: Elisa Macellari, DTV, 2019, ab 9
Valentina Camerini: Gretas Geschichte. Du bist nie zu klein, um etwas zu bewirken (Greta Thunberg), Ü: Thomas Albrecht, Heel Verlag, 2019, ab 6
Viviana Mazza: Stories for Future – 13 Jugendliche, die etwas bewegen, Ü: Sophia Marzolff, Illus: Paolo d’Altan, dtv, 2020, ab 12
Federica Magrin: Helden der Zeitgeschichte. Persönlichkeiten, die die Welt veränderten, Ü: Langue & Parole, Illus: Isabella Grott, White Star, 2019 ab 8
Arena Bibliothek des Wissens. Lebendige Biografien
Luca Novelli (Text eund Illustrationen):
Stephen Hawking und das Geheimnis der Schwarzen Löcher, Ü: Anne Braun, 2020, ab 11
Edison und die Erfindung des Lichts, Ü: Anne Braun 2006, ab 9
Leonardo da Vinci, der Zeichner der Zukunft, Ü: Anne Braun, ab 10
Galilei und der erste Krieg der Sterne, Ü: Anne Braun, 2005, ab 9
Archimedes und der Hebel der Welt, Ü: Anne Braun, 2006, ab 11
Newton und der Apfel der Erkenntnis, Ü: Anne Braun, 2009, ab 11
Einstein und die Zeitmaschinen, Übersetzung: Anne Braun, ab 9
Marie Curie und das Rätsel der Atome, Ü: Anne Braun, 2017, ab 11
Volta und die Seele der Roboter, Ü: Petra Kaiser, 2017, ab 9
Darwin und die wahre Geschichte der Dinosaurier, Ü: Anne Braun 2015, ab 11
Magellan und die Welt ohne Anfang und Ende, Ü: Anne Braun, 2015, ab 11
Mendel und die Antwort der Erbsen, Ü: Braun, Anne, 2. Aufl., ab 10

Natur/Klima/Umwelt/Wissenschaft/Tiere

Pierdomenico Baccalario/Federico Taddia: 50 kleine Revolutionen, mit denen du die Welt (ein bisschen) schöner machst, Ü: Sophia Marzolff, Illus: Anton Gionata Ferrari, DTV, 2019, ab 9
Pierdomenico  Baccalario/Tommaso Percivale: 50 Abenteuer, die du erleben solltest, bis du 12 bist, Ü: Sophia Marzolff, dtv, 2017, ab 9
Valentina  Giannella/Lucia Esther Maruzzelli: Green Nation Revolution. Klimajugend, grüne Ideen, New Economy, Ü: Ulrike Schimming, Illus: Manuela Marazzi, Midas, 2020, ab 12
Mein großer Weltatlas. Die Vielfalt der Welt entdecken, Ü: Dania D’Eramo, Ullmann Medien, 2019, ab 7
Miralda Colombo: Atlas der Städte. Eine Reise um die Welt, Ü: Ulrike Schimming, Illustration: Ilaria Faccioli, Midas, 2020, ab 6
Mein großer Space Atlas. Sterne, Planeten, Galaxien, Ü: Dania D´Eramo, Ullmann Medien, 2020, ab 8
Fogato, Valter 100% Insekten in Lebensgröße, Ü: Annette Ostlaender, Illust: Isabella Grott, White Star, 2020, ab 7
Rita Mabel Schiavo: 100% Tiere in Lebensgröße, Ü: Annette Ostlaender, Illus: Isabella Grott, White Star, 2020, ab 7
Barbara  Sandri/ Francesco Giubbilini: Ich wollt‘, ich wär‘ ein Huhn Wissenswertes über unser liebstes Federvieh, Ü: Christina Gauglitz, Illus: Camilla Pintonato, Die Gestalten Verlag, 2020, ab 7

Whitestar Verlag

Federica Magrin: Die Wikinger Spiel- und Entdeckerspaß, Ü: ?, Illus: Laura Brenlla, White Star, 2020, ab 5
Federica Magrin: Survival-Guide für Prinzessinnen, Ü: Annette Osterlaender, Illus: Laura Brenlla, White Star, 2020, ab 7
Federica Magrin: Das Alte Ägypten. Spiel- und Entdeckerspaß, Ü: Syliva Winnewieser, Illus: Laura Brenlla, White Star, 2020, ab 5
Federica Magrin: Die zauberhafte Welt der Feen, Ü: Annette Ostlaender, llus: Claudia Bordin, White Star, 2020, ab 6

Psychologie

Davide Calì: Boris und der Ruf des Wassers, Ü: Christel Rech-Simon, Illustration: Marco Soma, Carl-Auer 2018, ab 6
Davide Calì: Der Glücksverkäufer, Ü: Christel Rech-Simon, Illustration: Marco Somà, Carl-Auer, 2020, ab 4
Alice Brière-Haquet: Wolkentage, Ü: Christel Rech-Simon Illustration: Monica Barengo, Carl-Auer, 2016, ab 4
Sandro Natalini: Familie. Das alles sind wir – Bilderbuch über Zusammenhalt, Toleranz und Liebe Illustration: Sandro Natalini, Ü: Joshua Schulz, Loewe Verlag, 2020, ab 3

Katholische Publikationen

Alberto Benevelli: Heilige Ritter. Große Heilige und ihre Geschichten, für Jungen, Ü: Gabriele Stein, Illus: Loretto Serofilli, Tyrolia, 2017, ab 8
Marco Baliani/Felice Cappa: Franziskus steht Kopf. Das Leben des Franz von Assisi, Ü: Brigitte Korn-Wimmer, Illus: Brigitte Püls, Verlag Sankt Michaelsbund, 2016, ab 6

Graphic Novel

Davide Reviati: Dreimal spucken, Ü: Myriam Alfano, avant-verlag, 2020
Serio, Andrea: Rhapsodie in Blau, Zeichnungen: Andrea Serio, Schreiber & Leser, 2020
Matteo Mastragostino/Alessandro Ranghiasci: Primo Levi, Ü: Georg Fingerlos, bahoe books, 2017
Gipi/Luigi Critone: Aldobrando, Ü: Ulrich Pröfrock, Carlsen, 2021, 28 Euro
Gipi: MSGL – Mein schlecht gezeichnetes Leben, Ü: Giovanni Peduto, Reprodukt, 2015
Gipi: Die Welt der Söhne, Übersetzung: Myriam Alfano, avant-verlag, 2018 
Manuele Fior: Die Tage der Amsel, Übersetzung: Carola Köhler, avant-verlag, 2018 
Manuele Fior: Die Übertragung, Ü: Carola Köhler, avant-verlag, 2013

Elefanten im Bauch oder: Es muss nicht immer Kater sein

Elefanten sind kluge, sympathische, liebenswerte und meist friedliche Tiere. Nur auf sich sitzen möchte man keinen haben. Schon beim Gedanken bekommt man Beklemmung und Atemnot. Elefant auf der Brust nennt Lucia Zamolo ihr neues Buch absolut eindringlich.
Denn es geht um Liebeskummer. In ihrer sehr besonderen Mischung aus Comic, Sachbuch und persönlicher Betrachtung setzt die Illustratorin und Autorin das ätzende Gefühl in all seinen Facetten in Szene. Dass das nicht nur eine todtraurige Angelegenheit wird, obwohl es so anfängt, deutet Zamolo schon im Untertitel an: »Oder: Warum sich Liebeskummer lohnt«.
Echt jetzt? Ja. Oder: Warum ich dieses Buch gern schon vor vielen Jahren gehabt hätte. Und es trotzdem noch gut brauchen kann, steht ziemlich am Anfang bei den Fakten unter 2.: »Liebeskummer kommt in jedem Alter vor & und es wird nicht leichter«.

Liebeskummer kann man nicht trainieren

Stimmt, leider. Man kann das nicht trainieren. Es relativiert sich nur etwas, wenn man die Erfahrung, ins zunächst Bodenlose zu fallen und zu fallen und schließlich hart aufzuprallen, schon ein paar Mal überlebt hat. Wenn man schon ziemlich durchgerüttelt ist vom Leben und sich keine Illusionen mehr macht. Wenn eigene Kinder ins Spiel kommen, und mit ihnen eine andere Art der Liebe, auch der Sorge und Angst, ebenfalls sehr starke Gefühle, mit denen man klarkommen muss.

Man will immer mehr und bleibt lebenslang süchtig

Was macht diesen verflixten Liebeskummer so tückisch? »Das Hormon Oxytocin sorgt dafür, dass wir uns in Beziehungen stabil und ausgeglichen fühlen. Das ganze Verliebtsein findet in genau den Arealen im Gehirn statt wie bei einer Drogensucht«, erklärt Lucia Zamolo sehr anschaulich. Das heißt, man ist beim Verliebtsein wieder »drauf«, man könnte auch sagen rückfällig geworden. Auf jeden Fall will man regelmäßig den Stoff, am besten sogar immer mehr davon. »Das heißt: Wenn die Liebe wegfällt, hast du sozusagen Entzugserscheinungen, weil dir scheinbar etwas fehlt«. Wobei der Zusatz »scheinbar« aufgrund der nachweisbaren chemischen Prozesse in besonders anfälligen Regionen im Gehirn falsch ist. Liebeskummer gehört verboten. Aber eigentlich müsste der Dealer, also das Gefühl verliebt zu sein, verboten werden. Denn man bleibt lebenslang süchtig, wenn man einmal davon probiert hat. Wie gesagt, egal in welchem Alter.

Tolle Aussichten

Es kommt aber noch eine schlimmere, weitere Tatsache: »Der Herzschmerz eines gebrochenen Herzens finden dann in denselben Gehirnarealen wie körperliche Schmerzen statt.« Damit sind wir beim ganz realen, furchtbaren Herzschmerz – dem Broken-Heart-Syndrom. »Folgendes passiert: Aufgrund von starken Emotionen macht eine Seite des Herzens schlapp. Die Symptome sind ähnlich denen eines Herzinfarkts: Atemnot, Brustschmerzen, Übelkeit, Engegefühl im Brustkorb.« Was uns zum Buchtitel zurückbringt: »Dieses Gefühl wird auch so beschrieben: Ein Elefant sitzt auf der Brust.« Und es kommt noch besser: »Es betrifft hauptsächlich Frauen nach den Wechseljahren.« Na, das sind ja tolle Aussichten.

Den Göttern ging’s gehörig auf die Nerven

Apropos brechen und kaputt gehen, zahlreiche kluge Leute haben sich den Kopf über die Liebe zerbrochen. Von den alten griechischen Philosophen wie Platon und Aristophanes stammt die Idee, dass wir ursprünglich glückliche Kugelwesen waren. Die gingen mit ihrem Glückbärchigetue den Göttern auf die Nerven (nachvollziehbar, »Pärchen verpisst euch / keiner vermisst euch«, sangen die famosen Lassie Singers einst), so dass sie die Kuschelkugeln in zwei Einzelwesen teilten. Und seitdem sei man eben auf der Suche nach seiner anderen Hälfte.

Zamolo darf liebend gern ihren Senf dazu geben

Allein schon wie Lucia Zamolo mit klugem Strich witzig und geistreich zunächst die Theorie von Eros und Ente und anschließend die teils sehr fiesen Phasen vom anfänglichen Schock bis zur Genesung illustriert, machen dieses Buch lesenswert. Überzeugend warnt sie davor, sich für jemanden zu verbiegen und zu verstellen. Und auch von vorschnellen, neuen Beziehungen rät sie ab, weil dabei weitere Leute in Mitleidenschaft (!) gezogen werden. Zamolos Beobachtungen, Überlegungen und Vorschläge sind erfrischend, einfühlend und nicht in Stein gemeißelt, wie schon durch die lebendige und mitreißende Typographie deutlich wird. Da wird mal etwas durchgestrichen, verbessert, hervorgehoben, eingefügt. Buchstaben purzeln über die Seiten, fallen aus dem Kontext, bevormunden nicht. Auf die Fragen, »wie um Himmelswillen überlebe ich das?« darf Zamolo liebend gern ihren Senf dazugeben.

Allein für dieses Buch lohnt sich Liebeskummer

Wortspiele gelingen ihr ebenso virtuos wie die Darstellung unterschiedlicher, auch ambivalenter Gefühle nach dem Liebesaus. Sparsame Kolorierungen akzentuieren ihre kuriosen Bilder und Gedanken. Die Erkenntnis, dass allein sein nicht gleich einsam sein bedeutet. Und dass Liebeskummer sich von der Existenz der Liebe und der Fähigkeit zu lieben ableitet ist ebenso banal wie wahr. Einer Freundin erschien das trotz meiner begeisterten Erzählung etwas wenig. Aber sie hat Zamolos charmante Illustrationen dazu nicht gesehen. Allein dafür lohnt sich Liebeskummer.
Der Rausch der Liebe lohnt sich natürlich auch immer wieder, drauf sein auf rosa Wolken, purple Haze, Schmetterlinge im Bauch, diese Leichtigkeit, dass sich alles gut und richtig anfühlt, ihr wisst, was ich meine. Es muss ja nicht immer mit einem Kater enden. Es kann auch ein absolut liebenswertes Buch dabei entstehen.

Lucia Zamolo: Elefant auf der Brust oder: Warum sich Liebeskummer lohnt, Bohem Press, 128 Seiten, ab 12, 15 Euro

Jungvater in der Zwickmühle

thomas

Eigentlich hat Mav, 17 Jahre alt, sich sein Leben anders vorgestellt. Der Ich-Erzähler in Angie Thomas neuem Roman Concrete Rose ist als Mitglied der King Lords geachtetes Mitglied einer Gang in den Garden Heights. Er dealt und hat immer genug Kohle für coole Klamotten und angesagte Sneakers. So könnte es weitergehen.

Doch dann liefert ein Vaterschaftstest den unumstößlichen Beweis, dass er und nicht sein bester Freund King der Vater von Ieshas Baby ist. Und noch ehe Mav sich versieht, lässt die Kindsmutter das Kind bei ihm und taucht erste einmal unter, ohne sich weiter um ihren Sohn zu kümmern. So beginnt eine Zeit, die jungen Eltern nur allzu bekannt vorkommen wird: ein dauerschreiendes Baby, volle Windeln, gestörter Nachtschlaf – und die Kohle geht weg wie nix. Zumal Mav als guter Daddy das Dealen aufgegeben und einen miesbezahlten Job im Laden von Mr. Wyatt angenommen hat.

Das Leben als Teenage-Vater

Mavs Leistungen in der Schule gehen durch die Dreifach-Belastung von Lernen-Jobben-Baby den Bach runter und seine geliebte Lisa nichts mehr mit ihm zu tun haben, als sie von dem Baby erfährt. Und als ob das nicht schon genug ist, wird dann auch noch sein Cousin Dre auf offener Straße erschossen und stirbt in Mavericks Armen.
Harter Tobak und viel Stoff für einen Roman, doch Thomas gelingt es – wie in ihren Vorgängerromanen THUG und On The Come Up – die Spannung und die Sympathie für ihren Protagonisten zu halten.

Die Gesetze der Straße

Mav hat Hochs und Tiefs, hadert mit seinem Leben, liebt seinen Sohn aber abgöttisch. Er ist hin und hergerissen zwischen den Ansprüchen seiner Gang und den Aufgaben eines Familienvaters, wobei ihm die Vorbehalte der Gesellschaft gegenüber einem Teenager-Vater zusätzlich belasten und nerven. Doch er versucht sein Bestes, um auf dem rechten Weg zu bleiben, obwohl der Mord an Dre ihn auf eine extreme Probe stellt, denn die Gesetze der Straße sind eindeutig – und hart.

Slang liefert authentische Atmosphäre

Thomas liefert eine dynamische plotgetriebene Geschichte, voller Dialoge, Liebesverwirrungen und überraschenden Wendungen, alles von Henriette Zeltner gewohnt souverän übersetzt. Diese lässt dabei unzählige Slangausdrücke im Original stehen – ein Glossar liefert die Bedeutungen –, sodass eine überaus authentische Atmosphäre selbst im Deutschen entsteht.

Wer Thomas‘ Debüt kennt, wird sich hier über die Vorgeschichte von Starrs Familie freuen und vieles von dem wiederfinden, was auch in THUG prägend war. Gerade in Zeiten, in denen Black-Lives-Matter-Aktionen aus guten Gründen täglich in den Nachrichten gezeigt und geschildert werden, Zeiten, in denen mit einer traurigen Regelmäßigkeit schwarze Bürger:innen von weißen Polizist:innen grundlos getötet werden, bleibt Thomas ihrem Thema treu. Die Gewalt in Problemvierteln ist quasi allgegenwärtig und das eben nicht erst seit George Floyds Tod im vergangenen Jahr, sondern seit vielen, sehr vielen Jahrzehnten. Aus diesen Gewaltspiralen auszubrechen und ein friedliches Leben zu führen, ist eine schwierige Aufgabe, die Haltung und Durchhaltevermögen benötigt. Genau das zeigt Angie Thomas anschaulich aus Sicht der schwarzen Jugend, wobei sie selbst nicht über dealende Jugendliche oder Teenager-Eltern urteilt, sondern deren Nöte und Beweggründe für ihr Verhalten schildert. Thomas überlässt es den Leser:innen, sich eigene Gedanken dazu zu machen – und das ist die bestechende Stärke ihres Schreibens.

Angie Thomas: Concrete Rose, Übersetzung: Henriette Zeltner-Shane, cbj, 2021, ab 14, 20 Euro

Teebeutel ohne Bändchen

Zuhause ist da, wo die Teebeutel keine Bändchen haben. Wo das Brot weich und weiß ist. Heimat ist da, wo die Luft nach warmen Regen und salziger Luft vom rauen Atlantik riecht. Heimat ist da, wo man deine Sprache spricht.
Heimat ist definitiv nicht dort, wo man deinen Namen nicht aussprechen kann und dich mit fiesen Lauten als Affe verspottet. So ergeht es Emmas kleiner Schwester Aoife an ihrem ersten Schultag in der tiefsten Provinz Mecklenburg-Vorpommerns. Kurz zuvor hat Emmas Mutter mit ihren drei Kindern Dublin verlassen, um nach Deutschland umzuziehen. »Nach Velgow, in das Dorf unserer Mutter, in das sie seit zwanzig Jahren keinen Fuß und keins von ihren Kindern gesetzt hat.« Mit einer Auswanderung von West nach Ost, einer Reise ohne Rückfahrkarte, die für niemanden eine Heimkehr ist, beginnt Susan Krellers betörender und sprachgewandter Roman Elektrische Fische.

Innere Emigration im Schweigen

»Wir waren noch gar nicht fertig«, sagt die zwölfjährige Emma. »Dara hat mit der Hockeymannschaft alle Spiele und Mädchenherzen gewonnen. Auch Aoife und ich waren mittenrein und noch gar nicht fertig mit unserem Leben in Dublin.« Für Emma ist klar, sie will so schnell wie möglich zurück in ihr vertrautes Leben, zu den irischen Großeltern ziehen.
Aoife geht nach dem verstörenden ersten Schultag in die innere Emigration. Sie verstummt, sagt kein Wort mehr, nicht auf Englisch, nicht auf Irisch und erst recht nicht im von ihr verhassten Deutsch. Fortan kommuniziert die kleine Schwester nur noch über gelbe Klebezettel.

Leben zwischen zwei Sprachen

Zwar sind die drei Geschwister zweisprachig aufgewachsen und auf die deutschsprachige Schule in Dublin gegangen. Aber: »Die englische Sprache bin ich. Deutsch spreche ich nur. Deutsch ist immer noch ein paar Meere von mir entfernt«, stellt Emma sehr bald fest.
Sprache, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten, und wie man zwischen zwei Sprachen lebt – das alles spielt eine zentrale Rolle in Susan Krellers Jugendbuch. Die 1977 in Ostdeutschland geborenen Autorin hat Germanistik und Anglistik studiert. Bei ihr ist das nicht nur ein biografisches Detail. Allein das angehängte Glossar macht Elektrische Fische schon lesenswert.

Sehr viele Arten der Trunkenheit

Durch Emma lernen wir zum Beispiel fundamentale Unterschiede in Umgangsformen kennen. Man bekommt beim Lesen selbst einen ganz trockenen Mund, nachdem sie das einmal aus Höflichkeit angebotene Getränk abgelehnt hat – und niemand erneut nachfragt oder insistiert, etwas zu trinken zu bringen.
Es gibt auch traurige Gemeinsamkeiten: »Es stimmt tatsächlich, in Irland kann man auf sehr viele Arten betrunken sein, man ist zum Beispiel pissed oder stocious oder on his ear oder langered oder einfach nur full as a bingo bus. Mein Vater beherrschte fast alles davon.« Der Vater ist Alkoholiker und hat Frau und Kinder verlassen. Deshalb sind sie nach Deutschland umgezogen, Emmas Mutter konnte allein das Haus nicht bezahlen, es drohte der Umzug ins berüchtigte Northern Dublin.

Ausgerechnet in diesen Teil der Welt

Als der 16-Jährige Dara eines Nachts sturztrunken nach Hause kommt, fürchtet die Mutter, auch ihren Sohn an den Alkohol zu verlieren und flippt total aus. Dabei findet sie im Plattdeutschen erstaunlich viele Begriffe: »Buddelbroder. Sprietkopp. Suupbüdel.«
Oder wie ihre Großmutter es auf den Punkt bringt: »Sie steht neben mir und sagt etwas zu mir, was sie wahrscheinlich schon die ganze Zeit mal zu irgendjemand sagen wollte: wie verrückt es ist, vor dem Alkohol wegzurennen und dann ausgerechnet in diesen Teil der Welt zu ziehen.«

Verbunden durch das Meer

Emma erträgt die provinzielle Einöde, die unbekannten und schroffen deutschen Großeltern, ihre niedergeschlagene Mutter, das harte dunkle Brot und die Unfreundlichkeit der desillusionierten Dorfbewohner durch den Gedanken an ihre Heimreise. Und weil sie das Meer, in dem Fall die Ostsee für sich entdeckt. Sie schwimmt stundenlang, sie taucht unter und fühlt sich der irischen Heimat verbunden.
Ihr Mitschüler Levin hat einen Plan ausbaldowert, wie man als Minderjährige, ohne Flugzeug, nach Irland kommt. Levin in seinen übergroßen, ausgewaschenen Heavy-Metal-Band-T-Shirts, »dünn wie Dünengras«, ist selbst ein Außenseiter und Einzelgänger.

Entwurzelte Kinder

Zwar lassen die anderen den Jungen in Ruhe, doch wie Emma bald hautnah erfährt, hat auch Levin kein Zuhause. Seine Mutter ist psychisch krank, verweigert die Therapie, hält in ihrem Wahn ihre ganze Familie gefangen. Levin, sein Vater und sein älterer Bruder schweigen aus Scham und Hilflosigkeit. Durch seinen Plan für Emmas Flucht droht Levin den einzigen Menschen zu verlieren, dem er vertraut und sich verbunden fühlt.
Sprachdifferenzen, entwurzelte Kinder, die Kraft des Meeres und viele verschiedene Arten des Schweigens, kreative Schimpftiraden, zauberhafte, aber auch brutale Begriffe – das alles verbindet Susan Kreller zu einer herzzerreißend traurigen und schönen Geschichte.
Es heißt »home is where the heart is«. Das klingt kitschig, stimmt aber. Zum Schluss kommt Emmas Herz zu Hause an.

Susan Kreller: Elektrische Fische, Carlsen, 192 Seiten, 15 Euro, ab 12

Die dunklen Seiten des Menschen

Was ist nur los mit den Menschen in der Welt und mit uns selbst? Das könnten wir uns in diesen Tagen ständig fragen, und zwar nicht nur wegen der nervenaufreibenden Corona-Lage. Hass, Lügen, Verarschung, Provokationen, Protest und Manipulationen sind gefühlt in allen Bereichen des Lebens an der Tagesordnung, in der Politik, der Wirtschaft, im virtuellen Raum wie auch im Freundes- oder Familienkreis. Schnell bleibt bei uns der Eindruck zurück, dass der Umgang der Menschen miteinander immer nur noch schlimmer wird. Diesem komplexen Phänomen widmet der Philosoph Jörg Bernardy sein aktuelles Buch für Jugendliche. In sechs Kapiteln erörtert er die oben genannten menschlichen Verhaltensweisen, unsere dunklen Neigungen.

Aufklärung im Sinne der Philosophie

In jedem Kapitel erklärt er die Grundlagen, also warum es beispielsweise menschlich ist zu lügen oder über wen gelacht werden darf und bei welchem Thema so etwas nicht angebracht ist. Bereits hier finden sich die Leser:innen rasch in ihren eigenen Lebenswelten wieder, die Bernardy mit unzähligen Beispielen aus den vergangenen Jahren und der Historie anreichert: Trumps Fake News-Politik kommen zur Sprache, die Provokationen der Dadaisten von Anfang des 20. Jahrhunderts oder auch die me-too-Debatte. So stecken wir von Seite eins an in einem hochpolitischen Buch, das nichts weniger verhandelt als die Grundfesten unserer Demokratie: Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Menschenrechte.

Orientierung im Polittalk

Was sich abstrakt anhört, begegnet uns nämlich tagtäglich, sobald wir mit anderen Menschen Umgang pflegen und mit ihnen über das Weltgeschehen, die Kommunalpolitik oder auch den Schulalltag diskutieren. Denn niemand von uns möchte angelogen, manipuliert, gemobbt oder rassistisch beleidigt werden. Bernardy bietet im Zuge einer grundlegenden Aufklärung differenzierte Definitionen allgegenwärtiger (Hass-)Tendenzen (z.B. Islamismus, Antisemitismus, Faschismus, Sexismus etc.) und macht damit deutlich, wie wichtig es ist, sich zunächst über die Begriffe und ihre Bedeutung klar zu werden.
Denn sobald wir wissen, wer beispielsweise den Begriff »Lügenpresse« in welchem Kontext und aus welchen Gründen benutzt, werden wir uns nicht so leicht vereinnahmen lassen oder möglichen Verschwörungstheorien auf den Leim gehen. Ausführlich erläutert Bernardy in diesem Kontext auch die die Rolle der Medien, das Ziel von »Clickbaiting« oder warum Tabubrüche in gewissen Blättern oder Sendern so beliebt sind.
So gelangen die Leser:innen im Laufe der Lektüre dazu, sich eine Haltung zu erarbeiten und sich mit ihren eigenen Meinungen und Verhaltensweisen auseinanderzusetzen.

Eine Frage der Haltung

Doch Bernardy liefert nicht einfach nur Antworten und belässt es bei Erklärungen oder Definitionen, sondern er lädt die Leser:innen zu Gedankenspielen und -sprüngen ein, in denen ein jede/r angeregt wird, eigenes Tun und mögliche vorhandene Vorurteile zu überdenken. Er bedient sich dafür unzähligen Fragen, die tief in philosophische Diskussionen führen können, weil es selbst bei den dunklen Seiten von uns Menschen nicht einfach nur ein Richtig und ein Falsch gibt, sondern auch immer ein Es-kommt-darauf-an.
Ich glaube, es hackt! hat das Zeug, zur Diskussionsgrundlage für Schulklassen und Familien zu werden. Die gelungene Mischung aus Erklärungen, Beispielen und Fragen schafft ein kurzweiliges Lesevergnügen mit dem nachhaltigen Effekt, dass wir über viele Aspekte lange nachdenken und diskutieren können und sollten.
Junge Leute werden aus solchen Diskussionen auf jeden Fall gestärkt und mit einer eignen Haltung in diese anstrengende Welt gehen, in der scheinbar so vieles immer schlechter wird, es aber objektiv immer mehr Menschen besser geht. Wenn wir dann in Kenntnis unserer dunklen Seiten uns ganz bewusst für die guten Seiten wie Liebe, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und Toleranz entscheiden, kann jede/r von uns das Leben für alle noch ein bisschen schöner machen.

Jörg Bernardy: Ich glaube, es hackt! Leben in Zeiten von Tabubrüchen, Beltz & Gelberg, 2021, 174 Seiten, ab 14, 16,95 Euro

Vom Hinterhof zum Horizont

Will ein Mensch dazugehören, dann muss er im Hinterhof abhängen. Aber es gibt Momente, da merkt man, dass das nicht reicht. Auf dem Hinterhof ist meine Position Abseits. Da will doch niemand stehen. ›Ich geh dann mal nach Hause‹, sage ich und gehe, und keiner hält mich auf. Ich habe mich selbst ausgewechselt. In meiner Wohnung ziehe ich die Badekappe über. Und dann fange ich an zu heulen.
So endet die Geschichte.«
Wie, das war’s jetzt? So deprimierend könnte Sarah Jägers Romandebüt Nach vorn, nach Süden enden. Tut es aber nicht. Weil die Suche nach Jo noch nicht beendet ist. Weil durch sein Verschwinden das Geflecht der Leute im Hinterhof der Penny-Filiale in Bewegung geraten ist. Weil die Erzählerin mehr damit zu tun hat, als alle ahnen. Weil sie Lena heißt, von allen aber Entenarsch genannt wird. Weil ein halber Roadmovie im Landstraßentempo kein ganzer Roman ist.

Man chillt und grillt zusammen

Sarah Jäger erzählt sehr raffiniert mit interessanten Umwegen, Abzweigungen und Zeitsprüngen von einer zusammengewürfelte Bande aus Angestellten, Aushilfen, Freundinnen und jüngeren Brüdern von Aushilfen. Man chillt und grillt zusammen. Man küsst und zofft sich. Zwei haben eine gemeinsame kleine Tochter, sind aber nicht mehr zusammen. Manche sind verliebt, manche glücklich, manche geheim.

Festgefahrene Strukturen werden dynamisch

Lena alias Entenarsch ist die einzige mit Führerschein und eigenem, bisher wohlweislich nie genutztem Auto. In dem macht sich ein Teil der Hinterhoffamilie auf den Weg nach Süden, um Jo, Maries Liebsten zu finden. Die anderen aus dem Hinterhof fahren virtuell mit Tipps und Kommentaren mit. Vordergründig ist es ein Roadmovie oder Roadroman, und wie bei jedem guten Werk aus diesem Genre ist der Weg das Ziel. Vermeintlich festgefahrene Strukturen werden dynamisch. Zwei, die fast nichts miteinander zu tun haben, kommen sich sehr nahe. Man muss wegfahren, um anzukommen. Schnurgerade Straßen Richtung Zukunft werden zu Serpentinen und können sich sogar als Sackgasse entpuppen.

Je knapper die Sätze, umso gewichtiger ihre Bedeutung

Sarah Jäger erzählt aus Lenas Sicht. Mit ihren Augen entdecken wir nach und nach ganz unterschiedliche, vielschichtige Charaktere. Diese sind verwoben in spannenden Wahlverwandtschaften. Eine Schicksalsgemeinschaft aus sozial eher unterprivilegierten jungen Menschen, die sich aber nicht unterbuttern lassen. Besonderheiten, tragische Erlebnisse oder familiäre Schwierigkeiten werden nur dann angerissen, wenn es sich aus dem Verlauf ergibt und die Handlung dadurch vorangetrieben wird. Je knapper die Sätze, umso gewichtiger ihre Bedeutung.

T-Shirt-Sprüche wirken wie Zwischenüberschriften

Dabei ist Jägers furioses Debüt keinesfalls wortkarg oder minimalistisch. Es lebt von Wortwitz und dem Spiel mit Sprache. »Die Luft ist so dick und schwer wie ein Vorgartenbuddha, aber sie lächelt nicht, sie ist so mies gelaunt, dass es einem den Atem raubt«, beschreibt Lena nicht nur die dicke Luft eines heraufziehenden Gewitters. »Ich möchte in keiner Sackgasse wohnen«, sagt Can. »Was ist mit Einbahnstraßen?« »Wenigstens weiß man bei einer Einbahnstraße in welche Richtung es geht.« »Auch wieder wahr, das hilft bei absoluter Planlosigkeit.« Über Kreisverkehr, Standstreifen, Dauerbaustelle und Fahrbahnverengung kalauern Lena und ihr Schwarm Can in schlagfertigem Screwballstil und kommen sich näher. T-Shirt-Sprüche wirken wie pointierte Zwischenüberschriften. Zuckerwatte ist eben nicht nur süßes, klebriges Zeug, sondern steht für die Leichtigkeit des Seins. Nicht zuletzt geht es auch um Namen, Namen, die wie eine Auszeichnung sind. Und Namen, die sehr verletzend sein können und nicht nur dem Namensträger schaden.

Eine Geschichte wie aus einer verlorenen Zeit

Die Autorin konnte es nicht ahnen, aber Nach vorn, nach Süden wirkt wie eine Erzählung aus einer anderen, einer verlorenen Zeit: Es ist heiß, junge Leute verreisen dichtgedrängt, machen Party und tanzen auf Festivals. Gut also, dass die Geschichte nicht auf halber Strecke endet. Dass es nicht nur eine zweite Reise und etliche Kilometer mehr gibt. Und dass dieses von mir verspätet entdeckte Debüt den Horizont weitet und neugierig macht auf mehr: »Ich klettere auf die Plattform und höre die Stimme von unserem Pavel. ›Man muss doch mal weit gucken … das braucht man doch mal.‹« Absolut. Nicht nur in diesen erstarrten, distanzierten und vergnügungsfernen Zeiten.

Sarah Jäger: Nach vorn, nach Süden, Rowohlt 2020, 224 Seiten, ab 14, 18 Euro

Alles andere als perfekt, aber ziemlich schön

Steinkellner

In dieser Familie ist alles zu knapp:
– das Geld
– die Vorräte in unserem Kühlschrank
– der Platz in unserer Zweizimmerwohnung
– Ruths Hotpants (wer denkt sich so was eigentlich aus: Hosen für Zehnjährige, die so kurz sind, dass unten die Arschbacken rausgucken?)
– die Zeitspanne zwischen dem Moment, wenn Mama von der Arbeit heimkommt, und dem, wenn sie erschöpft auf der Couch einschläft.«
Ebenso knapp wie prägnant fasst die Maia in Elisabeth Steinkellners Papierklavier ihre familiäre Situation zusammen. Gespickt mit einer treffenden Kritik an absurden Klamottentrends und merkwürdigen Bildern, denen schon sehr junge Mädchen unterworfen werden.

Selbstmitleid so fern wie Size Zero

Nicht nur, dass Maia sich mit ihren beiden jüngeren Schwestern ein Neun-Quadratmeter-Zimmer und ein Drei-Etagenbett teilen muss. Zusätzlich trägt die 16-Jährige Kleidergröße 42, hat weder Modellmaße noch ansatzweise Geld für Designerfummel.
Elisabeth Steinkellners neuer Roman hat also alle Zutaten für eine deprimierende Geschichte über einen Teenagertrauerkloß aus prekären Verhältnissen. Das hätte ein tristes Sozialdrama oder eine kitschige Aschenputtelgeschichte werden können. Doch die Österreicherin hat eine famose, Mut machende, geradezu bezaubernde Geschichte in Form eines Tagebuchromans geschrieben. Mit einer absolut liebenswerten Heldin, der Selbstmitleid so fern ist wie Size Zero.

Dickes Fell in Übergröße wäre gut

Manchmal wünscht Maia sich zwar ein dickes Fell in Übergröße. Und natürlich gehen Lästereien über ihren »fetten Arsch« nicht spurlos an eben jenem an ihr vorbei. Trotzdem macht sie den Schönheitswahn nicht mit. Weil sie stark ist. Weil sie klug ist. Weil sie selbstbewusst ist. Weil sie weiß, um was es sich zu kämpfen lohnt.
Jetzt sind wir nämlich bei den Vorurteilen, denen Maia, ihre kleinen Schwestern, vor allem aber ihre Mutter ausgesetzt sind: »Drei Töchter von drei verschiedenen Männer. Leute (insgeheim): Schon mal was von Verhütung gehört? Oder: Schlampe. Wechselt die Männer wie die Unterwäsche, lässt sich von jedem ein Kinder machen und nimmt dann alle aus wie die Weihnachtsgänse.«

Freundinnen, die sich schätzen, weil sie sind, wie sie sind

Dass ihre Mutter von keinem der Väter auch nur einen Cent Unterhalt bekommt, interessiert niemanden. Zumindest im Umgang mit dem Sozialberater hilft es, wenn sie ein zu drei Vierteln absolviertes Medizinstudium heraushängen lässt, die Leute sind leicht zu blenden, und damit gilt sie zumindest nicht mehr als zu blöd zum Verhüten und wird etwas respektvoller behandelt.
Maias Mutter ist zwar chronisch erschöpft, manchmal wütend und würde sich ein anderes Leben wünschen. Aber sie liebt ihre Töchter, und das zeigt und sagt sie ihnen auch. Außerdem hat Maia zwei besondere, beste Freundinnen. Die drei akzeptieren sich gegenseitig so, wie sie sind. Und sie schätzen sich, weil jede eben so ist, wie sie ist.

Steinkellner lässt Leser:innen in die Vorurteilsfalle tappen

Steinkellner erzählt lebendig mit umwerfend viel Sympathie und ohne künstliches Drama. Die mehrfach ausgezeichnete Jugendbuchautorin karikiert Klischees und entlarvt Vorurteile.
Manchmal lässt sie dazu Leser:innen raffiniert in die Falle tappen: Etwa als Maias zehnjährige Schwester Ruth heulend auf dem Bett liegt und sagt »Niemand mag mich, nicht in der Klasse und nicht im Hort«, denkt man sofort, sie wird als »Asi« oder Schlimmeres gemobbt. Dabei sind es nur richtig schlechte Laune und blöde Zankereien, wie sie unter kleinen Mädchen öfter mal vorkommen. Das Ganze hat nichts mit sozialem Status und so zu tun. Maia ist auch nicht alarmiert, wünscht sich nur ein »Handbuch für kleine Schwestern«.

Die Illustration akzentuieren den Text und erzählen ihn weiter

Steinkellners Heldin ist ein beeindruckend empathisches Mädchen. Eine brillante Beobachterin, mit exzellentem Sinn für Situationskomik. Sie schreibt mit reichlich Wortwitz und einer gepfefferten Portion Selbstironie ihr Tagebuch. Und stattet es mit tollen Zeichnungen aus.
Diese Zeichnungen stammen natürlich nicht von Maia, sondern von Anna Gusella. Sie illustriert die Seiten mit vielfältigen, faszinierenden und dezent kolorierten Zeichnungen, die den Text akzentuieren, verstärken und weitererzählen.
Maia ist eine ganz normale, wenn auch ganz schön schlaue 16-Jährige. Zwar mit etwas weniger Geld, dafür aber mit viel Liebe in sich und um sie herum. Und die kann man bekanntlich nicht kaufen. Oder um es mit ihren Worten zu sagen: »Und wie ich mich so umsehe, stelle ich fest: Es ist alles andere als perfekt hier. Aber eindeutig ziemlich schön.«

Elisabeth Steinkellner: Papierklavier, Illustration: Anna Gusella, Beltz & Gelberg, 140 Seiten, ab 14, 14,95 Euro

Körperbewusstsein

oben ohne

Amelie, 13, hadert mit ihrer Figur: Sie wäre so gern eine Sanduhr, ist aber eher eine Pyramide. Breite Hüften und noch keine Oberweite. Sie fühlt sich pummelig und sucht Rat in YouTube-Videos, wie sie ihre vermeintlichen Makel verstecken kann. Doch allein solche Tipps wie »die Taille hochanzusetzen, damit die Hüften nicht noch breiter wirken«, frustrieren sie unglaublich. Amelie versteckt sich lieber in den weiten Hemden ihres Vaters und anderen Schlabberklamotten und montiert geschickt in der Fotoapp ihren eigenen Kopf auf den Körper eines angesagten Top-Modells. Schöne, fiese Internetwelt!

Jutta Nymphius widmet sich in ihrem ersten Jugendbuch Oben ohne einem zunehmend problematischen Phänomen unserer Zeit: Der Vergleich mit anderen Menschen im Netz, die sich absolut perfekt und unangreifbar darstellen. Und so zu einer Verschiebung der Maßstäbe beitragen, wenn es um die Beurteilung von »normalen« Körpern geht. Schlank, sportlich, makellos schön, so haben junge Frauen heute auszusehen – und ich möchte nicht wissen, wie viele Mädchen da draußen sich tatsächlich diesem mediengemachten Druck beugen und mit sich selbst und ihrem Körper hadern.

Bekanntes Setting, überraschendes Ende

Amelie jedenfalls hadert und schwärmt gleichzeitig für den Schul-Beau Elias. Breite Schultern, Modelqualitäten, sicher ein cooles Six-Pack, »Elias ist ein Event«. Doch wie es mit solchen Typen eben ist: Er beachtet Amelie nicht, kennt sie gar nicht und ist einfach unerreichbar weit weg. Erst als Amelie sich mit der Neuen in der Klasse, Kira, anfreundet, ändert sich das. Kira ist der selbstbewusste Gegenpol zu Amelie, sie trägt knallenge Tops, die schon mal ihre Speckröllchen freilegen, hautenge Hosen, schminkt sich die Augen dunkel und schert sich nicht im Geringsten um die Meinung der anderen, die es nicht mal wagen, ihr gegenüber auch nur eine Bemerkung fallen zu lassen.
Aber Kira kennt Elias. Und stellt den Kontakt zwischen den beiden her, als sie merkt, dass Amelie für ihn schwärmt. Dass die Kombination Beau trifft auf Mäuschen selten gut ausgeht, ist bekannt, und so auch hier. Irgendwann bittet Elias Amelie um ein Foto von ihr – »oben ohne« – angeblich, um sie besser kennenzulernen. Als erwachsene Leserin schrillen natürlich alle Alarmglocken und man möchte die Heldin schütteln und sagen: Nein, lass das, das führt zu nichts, außer zu Tränen.

Gut verpackte Medienkritik

Aber Amelie ringt sich durch, schickt ein Foto, was natürlich prompt die Runde in der Schule macht … Doch so vorhersehbar wie man jetzt vermuten würde, machte es Jutta Nymphius den Leser:innen nicht, sondern sie hat einen ganz wunderbaren Kniff parat, der aber natürlich nicht offenbart wird.
Die Elbautorin zeigt mit dieser Geschichte all ihr Verständnis für die Sehnsüchte junger Mädchen, für ihre Kämpfe mit sich selbst, mit dem sich verändernden Körper in der Pubertät und für das Bedürfnis dazuzugehören. Die Kritik, die in dieser Geschichte an den Medien, dem Netz und unserem Umgang mit all dem mitschwingt, ist perfekt verpackt und kommt nicht moralisierend daher. Nymphius zeigt, wie es auf Schulhöfen zugehen kann und dass selbst gut Freunde und Freundinnen, die Amelie durchaus mit Kira und ihrem Sandkastenfreund Nicki hat, einen nicht unbedingt vor falschen Entscheidungen bewahren können.

Hohes Identifikationspotential

Der Identifikationsfaktor bei dieser Geschichte ist damit extrem hoch und gibt jungen Leserinnen hoffentlich genügend Stütze, sich den Verführungen im Netz und auf dem Schulhof eben nicht so einfach hinzugeben, sondern ein selbstbewusstes Verhältnis zum eigenen Körper zu entwickeln und die wahren Freund:innen im Leben zu erkennen und wertzuschätzen.

Genau das richtige Cover

Als ich das Buch zum ersten Mal in der Hand hielt, fiel mir das Cover besonders auf. Themen wie Bodyshaming und Körperbilder von jungen Mädchen verführen oft dazu, auf Buchumschlägen diese Mädchen wieder als das oben genannte Ideal zu zeigen: eben gertenschlank. Hier jedoch ist ein völlig normales Mädchen zu sehen – das wir jedoch mit genau diesem medienverdorbenen Blick sofort als leicht übergewichtig bewerten würden, weil da ja die Jeans ein bisschen einschneidet, der Bauch nicht flach ist und die Taille nicht der einer Wespe entspricht. Schon hier sollten wir stutzig werden, wie sehr wir die angeblich heute normalen Sehgewohnheiten und angeblich normalen Maßeinheiten von Körpern bereits verinnerlicht haben. Ich nehme mich da gar nicht aus, ich kann Amelies Wünsche, diesem »Ideal« zu entsprechen, sehr gut verstehen. Aber das kann einfach nicht sein, dass wir junge Mädchen in diese absurden Muster pressen und damit für ihr Unglück mitverantwortlich sind.
Jutta Nymphius ist mit Oben ohne ein Roman gelungen, der mit dem Finger in einem Auswuchs der Medienwelt bohrt. Ob wir in gewissen Bereichen (Mode, Werbung, Film …) je zu einem menschlicheren Maß in der Darstellung von Frauen und Männern kommen, wage ich ja manchmal zu bezweifeln, aber je mehr Menschen ein Bewusstsein für die Überzogenheit in den Medien entwickeln, umso eher gibt es eine Chance, sich davon nicht mehr beeinflussen zu lassen. Dieses Buch ist so ein Bewusstseinsentwickler!

Jutta Nymphius: Oben ohne, Tulipan, 2020, 200 Seiten, ab 12, 13 Euro

Lasst uns die Regeln brechen

Bushnell

Ich betrachtete Deannas steinerne Miene. Ich wüsste nicht, dass ich mir je große Gedanken darüber gemacht hätte, warum eigentlich alle sagen, sie wäre eine Schlampe – abgesehen davon, dass sie viel Busen hat und schon in der Siebten mit einem Jungen zusammen war. Und selbst wenn sie mit einer Million Typen zusammen gewesen wäre, denke ich plötzlich, selbst wenn sie mit ihrer Kleidung Aufmerksamkeit erregen will, dann ist das doch einzig und allein ihre Sache?!«
Es ist etwas passiert im Leben der 17-jährigen Highschool-Schülerin Marin. Seitdem sieht sie ihr Umfeld anders. Sie denkt anders. Und sie schreibt anders – einen wütenden Leitartikel für die Schülerzeitung. Die ungeschriebenen Regeln für junge Mädchen, die Rules for being a Girl, wie Candace Bushnells erstes Jugendbuch heißt, das sie zusammen mit Katie Cotugno geschrieben hat.

Ausgerechnet die Autorin von Sex and the City

Candace Bushnell, ist das nicht die Autorin der 90er Jahre Kultserie Sex and the City? Wo es für vier erwachsene Freundinnen in New York vor allem um teure Klamotten, coole Partys, Genuss und Luxus ging – und letztendlich doch auch darum, den einen, den Mr. Big, zu finden.
Genau so fängt es an: Marin und ihre beste Freundin Chloe sind im letzten Jahr der Highschool, hängen mit den coolen Lacrosse-Spielern ab, freuen sich aufs College, tauschen Schminktipps, sind quasi die Redaktion des Bridgewater-Schulblättchens, zuständig für euphorische Spielberichte, Kursneuigkeiten, Klatsch und Tratsch. Und schwärmen beide für den jungen, lässigen Englischlehrer Mr. Beckett, genannt Bex.
Nebenbei ein bisschen Namedropping zu Kleidungs- und Getränkefirmen, Neckereien mit Jungs und die große Frage, wer mit wem und ob und wann. Hanni und Nanni der 2010er Jahre also?

Du kannst tun, was du willst! Solange du dich bloß an die Regeln hältst

Geschickte Täuschung. So wie Marin 17 Jahre in ihrer Heile-Welt-Blase gelebt hat, lullen Bushnell und die routinierte Frauenromanautorin Cotugno die Leser:innen zunächst ein. Es ist noch keine Feministin vom Himmel gefallen.
»Denk dran, Mädchen: Du zu sein, das war in der Geschichte der Menschheit noch nie so toll wie gerade jetzt. Du kannst tun, was du willst! Du kannst so sein, wie du willst! Dir ist alles erlaubt! Solange du dich bloß an die Regeln hältst.«
Diese ungeschriebenen Gesetze hat Marin ihr bisheriges Leben unbewusst befolgt. Süß, lieb, nett, kumpelhaft, später sexy, souverän, lässig, selbstbewusst – aber eben nicht zu sehr. Alles zwischen Mädchen zum Pferdestehlen (mit dem entsprechenden Appetit, trotzdem magischerweise natürlich gertenschlank), kluge Schülerin (die ihre Intelligenz nicht zu sehr raushängen lassen), gewitzte Gefährtin und Vamp – aber immer kontrolliert, immer antizipierend, dass sie keine falschen Signale aussendet, nicht falsch verstanden wird, keine scheinbar eindeutigen Angebote macht. Immer vor allem für die Jungs mitdenkend.

Den alltäglichen Sexismus längst verinnerlicht

Doch nun wird Marin der alltägliche, allgemeine Sexismus überdeutlich. Angefangen bei Frotzeleien über Übervorteilungen bis zu massiven Grenzüberschreitungen. Ein Sexismus, den sie selbst längst verinnerlicht hat. Oder warum hat sie sich noch nie für das sehr erfolgreiche Volleyballteam der Mädchen interessiert, die erneut kurz vor der Meisterschaft stehen? Und stattdessen die klägliche Jungen-Footballmannschaft angefeuert? Warum geht sie davon aus, dass ein Junge nicht wirklich ein Buch, noch dazu das einer Autorin über Frauen, gelesen haben kann?
Dabei lebt sie doch in einer vermeintlich toleranten, diversen Umgebung. Wo ein Mitschüler selbstverständlich von seinen zwei Müttern spricht (in der Übersetzung heißt es leider immer ausnahmslos »Mom«). Ein anderer datet einen »supersüßen Typen«. Auch die Hautfarbe der Interviewerin am College spielt keine Rolle – bis sie von ihr selbst thematisiert wird (»das ist hier schon ein ziemlich weißer Campus«).

Darüber würde ein Kerl sich gar keine Gedanken machen

Marin und mit ihr die Leser:innen werden immer sensibler für und vor allem immer wütender über die tagtäglichen verbalen Attacken und die allgegenwärtige Doppelmoral (»Hast du deine Tage, oder was?« »Du schreibst irgendeinen seltsamen Artikel und benimmst dich wie ein totaler Psycho … entwickelst dich zu irgendeiner verrückten Feministin?«): »Weil …«, überlege ich, weil sein beiläufiger Sexismus auf einmal anfing mich zu nerven …« denkt Marin zwar, spricht es aber nicht mal gegenüber ihrer Freundin aus, weil es ihr nicht mehr logisch erscheint.
Beim Bewerbungsgespräch ermahnt Marin sich selbst, nicht zu souverän auf ein ernstgemeintes Kompliment für ihren Leitartikel zu reagieren: »Ich lächle und senke erfreut den Kopf, aber ich will nicht zu großspurig wirken – worüber, denke ich urplötzlich, ich mir wahrscheinlich als Kerl gar keine Gedanken machen würde.«

Das ist schlicht die Realität, oder?

Später wird Marin richtig zornig: »Ich habe die Nase voll davon, euch alle einfach davonkommen zu lassen, wenn ihr so einen Scheiß redet.«
Sie gründet einen feministischen Buchclub, als Reaktion auf die männlich dominierte Literatur im Unterricht, und reagiert lautstark und handfest auf auch nur beiläufige, viel zu lange hingenommene Ungerechtigkeiten. Schließlich meldet Marin der Schulleitung, was ausgerechnet Bex ihr angetan hat, und hat fortan die ganze Schule gegen sich – fast …
Als später die Zeitungen über die Ereignisse an Marins Schule berichten und alle sich wundern, wie »so etwas heutzutage noch geschehen konnte«, konstatiert Marin trocken: »[…] ich schätze, das ist schlicht die Realität, oder?«
Dass der Kampf gegen die ungeschriebenen und ungerechten Regeln, gegen Sexismus und Diskriminierung, noch lange nicht ausgefochten ist – auch nicht in unserer ach so toleranten, aufgeklärten westlichen Welt – das schreiben Bushnell und Cotugno mitreißend und spannend in Rules for being a Girl. Bis auf einige unnötige Anglizismen und die inflationären »Moms« und »Grams« haben Sylvia Bieker und Martina Tichy auch frisch, eloquent und authentisch übersetzt. Mit einem sehr schönem Schluss: »Sorry, dass ich zu spät bin«, sagt er und zuckt ein wenig schüchtern mit den Schultern. »Ich musste erst das Buch zu Ende lesen.«

Nonchalant feministisch

Und von wegen Vorurteile: Wer hätte der Sex-and-the-City-Autorin so viel absolut überzeugenden, kenntnisreichen Feminismus zugetraut? Tatsächlich hat sie ihre Figuren nonchalant feministisch entworfen: »Diese Frauen nehmen sich einfach das, was für Männer völlig normal ist. Sie sind selbstbewusst, dominant, genießen Geld und Statussymbole – und sie haben Sex, wann und mit wem und mit wie vielen sie wollen«, sagt Bushnell. Richtig so, lasst uns die Regeln brechen!

Candace Bushnell & Katie Cotugno: Rules for being a Girl, Übersetzung: Sylvia Bieker und Martina Tichy, Dragonfly 2020, 287 Seiten, ab 14, 15 Euro