Körperbewusstsein

oben ohne

Amelie, 13, hadert mit ihrer Figur: Sie wäre so gern eine Sanduhr, ist aber eher eine Pyramide. Breite Hüften und noch keine Oberweite. Sie fühlt sich pummelig und sucht Rat in YouTube-Videos, wie sie ihre vermeintlichen Makel verstecken kann. Doch allein solche Tipps wie »die Taille hochanzusetzen, damit die Hüften nicht noch breiter wirken«, frustrieren sie unglaublich. Amelie versteckt sich lieber in den weiten Hemden ihres Vaters und anderen Schlabberklamotten und montiert geschickt in der Fotoapp ihren eigenen Kopf auf den Körper eines angesagten Top-Modells. Schöne, fiese Internetwelt!

Jutta Nymphius widmet sich in ihrem ersten Jugendbuch Oben ohne einem zunehmend problematischen Phänomen unserer Zeit: Der Vergleich mit anderen Menschen im Netz, die sich absolut perfekt und unangreifbar darstellen. Und so zu einer Verschiebung der Maßstäbe beitragen, wenn es um die Beurteilung von »normalen« Körpern geht. Schlank, sportlich, makellos schön, so haben junge Frauen heute auszusehen – und ich möchte nicht wissen, wie viele Mädchen da draußen sich tatsächlich diesem mediengemachten Druck beugen und mit sich selbst und ihrem Körper hadern.

Bekanntes Setting, überraschendes Ende

Amelie jedenfalls hadert und schwärmt gleichzeitig für den Schul-Beau Elias. Breite Schultern, Modelqualitäten, sicher ein cooles Six-Pack, »Elias ist ein Event«. Doch wie es mit solchen Typen eben ist: Er beachtet Amelie nicht, kennt sie gar nicht und ist einfach unerreichbar weit weg. Erst als Amelie sich mit der Neuen in der Klasse, Kira, anfreundet, ändert sich das. Kira ist der selbstbewusste Gegenpol zu Amelie, sie trägt knallenge Tops, die schon mal ihre Speckröllchen freilegen, hautenge Hosen, schminkt sich die Augen dunkel und schert sich nicht im Geringsten um die Meinung der anderen, die es nicht mal wagen, ihr gegenüber auch nur eine Bemerkung fallen zu lassen.
Aber Kira kennt Elias. Und stellt den Kontakt zwischen den beiden her, als sie merkt, dass Amelie für ihn schwärmt. Dass die Kombination Beau trifft auf Mäuschen selten gut ausgeht, ist bekannt, und so auch hier. Irgendwann bittet Elias Amelie um ein Foto von ihr – »oben ohne« – angeblich, um sie besser kennenzulernen. Als erwachsene Leserin schrillen natürlich alle Alarmglocken und man möchte die Heldin schütteln und sagen: Nein, lass das, das führt zu nichts, außer zu Tränen.

Gut verpackte Medienkritik

Aber Amelie ringt sich durch, schickt ein Foto, was natürlich prompt die Runde in der Schule macht … Doch so vorhersehbar wie man jetzt vermuten würde, machte es Jutta Nymphius den Leser:innen nicht, sondern sie hat einen ganz wunderbaren Kniff parat, der aber natürlich nicht offenbart wird.
Die Elbautorin zeigt mit dieser Geschichte all ihr Verständnis für die Sehnsüchte junger Mädchen, für ihre Kämpfe mit sich selbst, mit dem sich verändernden Körper in der Pubertät und für das Bedürfnis dazuzugehören. Die Kritik, die in dieser Geschichte an den Medien, dem Netz und unserem Umgang mit all dem mitschwingt, ist perfekt verpackt und kommt nicht moralisierend daher. Nymphius zeigt, wie es auf Schulhöfen zugehen kann und dass selbst gut Freunde und Freundinnen, die Amelie durchaus mit Kira und ihrem Sandkastenfreund Nicki hat, einen nicht unbedingt vor falschen Entscheidungen bewahren können.

Hohes Identifikationspotential

Der Identifikationsfaktor bei dieser Geschichte ist damit extrem hoch und gibt jungen Leserinnen hoffentlich genügend Stütze, sich den Verführungen im Netz und auf dem Schulhof eben nicht so einfach hinzugeben, sondern ein selbstbewusstes Verhältnis zum eigenen Körper zu entwickeln und die wahren Freund:innen im Leben zu erkennen und wertzuschätzen.

Genau das richtige Cover

Als ich das Buch zum ersten Mal in der Hand hielt, fiel mir das Cover besonders auf. Themen wie Bodyshaming und Körperbilder von jungen Mädchen verführen oft dazu, auf Buchumschlägen diese Mädchen wieder als das oben genannte Ideal zu zeigen: eben gertenschlank. Hier jedoch ist ein völlig normales Mädchen zu sehen – das wir jedoch mit genau diesem medienverdorbenen Blick sofort als leicht übergewichtig bewerten würden, weil da ja die Jeans ein bisschen einschneidet, der Bauch nicht flach ist und die Taille nicht der einer Wespe entspricht. Schon hier sollten wir stutzig werden, wie sehr wir die angeblich heute normalen Sehgewohnheiten und angeblich normalen Maßeinheiten von Körpern bereits verinnerlicht haben. Ich nehme mich da gar nicht aus, ich kann Amelies Wünsche, diesem »Ideal« zu entsprechen, sehr gut verstehen. Aber das kann einfach nicht sein, dass wir junge Mädchen in diese absurden Muster pressen und damit für ihr Unglück mitverantwortlich sind.
Jutta Nymphius ist mit Oben ohne ein Roman gelungen, der mit dem Finger in einem Auswuchs der Medienwelt bohrt. Ob wir in gewissen Bereichen (Mode, Werbung, Film …) je zu einem menschlicheren Maß in der Darstellung von Frauen und Männern kommen, wage ich ja manchmal zu bezweifeln, aber je mehr Menschen ein Bewusstsein für die Überzogenheit in den Medien entwickeln, umso eher gibt es eine Chance, sich davon nicht mehr beeinflussen zu lassen. Dieses Buch ist so ein Bewusstseinsentwickler!

Jutta Nymphius: Oben ohne, Tulipan, 2020, 200 Seiten, ab 12, 13 Euro

Lasst uns die Regeln brechen

Bushnell

Ich betrachtete Deannas steinerne Miene. Ich wüsste nicht, dass ich mir je große Gedanken darüber gemacht hätte, warum eigentlich alle sagen, sie wäre eine Schlampe – abgesehen davon, dass sie viel Busen hat und schon in der Siebten mit einem Jungen zusammen war. Und selbst wenn sie mit einer Million Typen zusammen gewesen wäre, denke ich plötzlich, selbst wenn sie mit ihrer Kleidung Aufmerksamkeit erregen will, dann ist das doch einzig und allein ihre Sache?!«
Es ist etwas passiert im Leben der 17-jährigen Highschool-Schülerin Marin. Seitdem sieht sie ihr Umfeld anders. Sie denkt anders. Und sie schreibt anders – einen wütenden Leitartikel für die Schülerzeitung. Die ungeschriebenen Regeln für junge Mädchen, die Rules for being a Girl, wie Candace Bushnells erstes Jugendbuch heißt, das sie zusammen mit Katie Cotugno geschrieben hat.

Ausgerechnet die Autorin von Sex and the City

Candace Bushnell, ist das nicht die Autorin der 90er Jahre Kultserie Sex and the City? Wo es für vier erwachsene Freundinnen in New York vor allem um teure Klamotten, coole Partys, Genuss und Luxus ging – und letztendlich doch auch darum, den einen, den Mr. Big, zu finden.
Genau so fängt es an: Marin und ihre beste Freundin Chloe sind im letzten Jahr der Highschool, hängen mit den coolen Lacrosse-Spielern ab, freuen sich aufs College, tauschen Schminktipps, sind quasi die Redaktion des Bridgewater-Schulblättchens, zuständig für euphorische Spielberichte, Kursneuigkeiten, Klatsch und Tratsch. Und schwärmen beide für den jungen, lässigen Englischlehrer Mr. Beckett, genannt Bex.
Nebenbei ein bisschen Namedropping zu Kleidungs- und Getränkefirmen, Neckereien mit Jungs und die große Frage, wer mit wem und ob und wann. Hanni und Nanni der 2010er Jahre also?

Du kannst tun, was du willst! Solange du dich bloß an die Regeln hältst

Geschickte Täuschung. So wie Marin 17 Jahre in ihrer Heile-Welt-Blase gelebt hat, lullen Bushnell und die routinierte Frauenromanautorin Cotugno die Leser:innen zunächst ein. Es ist noch keine Feministin vom Himmel gefallen.
»Denk dran, Mädchen: Du zu sein, das war in der Geschichte der Menschheit noch nie so toll wie gerade jetzt. Du kannst tun, was du willst! Du kannst so sein, wie du willst! Dir ist alles erlaubt! Solange du dich bloß an die Regeln hältst.«
Diese ungeschriebenen Gesetze hat Marin ihr bisheriges Leben unbewusst befolgt. Süß, lieb, nett, kumpelhaft, später sexy, souverän, lässig, selbstbewusst – aber eben nicht zu sehr. Alles zwischen Mädchen zum Pferdestehlen (mit dem entsprechenden Appetit, trotzdem magischerweise natürlich gertenschlank), kluge Schülerin (die ihre Intelligenz nicht zu sehr raushängen lassen), gewitzte Gefährtin und Vamp – aber immer kontrolliert, immer antizipierend, dass sie keine falschen Signale aussendet, nicht falsch verstanden wird, keine scheinbar eindeutigen Angebote macht. Immer vor allem für die Jungs mitdenkend.

Den alltäglichen Sexismus längst verinnerlicht

Doch nun wird Marin der alltägliche, allgemeine Sexismus überdeutlich. Angefangen bei Frotzeleien über Übervorteilungen bis zu massiven Grenzüberschreitungen. Ein Sexismus, den sie selbst längst verinnerlicht hat. Oder warum hat sie sich noch nie für das sehr erfolgreiche Volleyballteam der Mädchen interessiert, die erneut kurz vor der Meisterschaft stehen? Und stattdessen die klägliche Jungen-Footballmannschaft angefeuert? Warum geht sie davon aus, dass ein Junge nicht wirklich ein Buch, noch dazu das einer Autorin über Frauen, gelesen haben kann?
Dabei lebt sie doch in einer vermeintlich toleranten, diversen Umgebung. Wo ein Mitschüler selbstverständlich von seinen zwei Müttern spricht (in der Übersetzung heißt es leider immer ausnahmslos »Mom«). Ein anderer datet einen »supersüßen Typen«. Auch die Hautfarbe der Interviewerin am College spielt keine Rolle – bis sie von ihr selbst thematisiert wird (»das ist hier schon ein ziemlich weißer Campus«).

Darüber würde ein Kerl sich gar keine Gedanken machen

Marin und mit ihr die Leser:innen werden immer sensibler für und vor allem immer wütender über die tagtäglichen verbalen Attacken und die allgegenwärtige Doppelmoral (»Hast du deine Tage, oder was?« »Du schreibst irgendeinen seltsamen Artikel und benimmst dich wie ein totaler Psycho … entwickelst dich zu irgendeiner verrückten Feministin?«): »Weil …«, überlege ich, weil sein beiläufiger Sexismus auf einmal anfing mich zu nerven …« denkt Marin zwar, spricht es aber nicht mal gegenüber ihrer Freundin aus, weil es ihr nicht mehr logisch erscheint.
Beim Bewerbungsgespräch ermahnt Marin sich selbst, nicht zu souverän auf ein ernstgemeintes Kompliment für ihren Leitartikel zu reagieren: »Ich lächle und senke erfreut den Kopf, aber ich will nicht zu großspurig wirken – worüber, denke ich urplötzlich, ich mir wahrscheinlich als Kerl gar keine Gedanken machen würde.«

Das ist schlicht die Realität, oder?

Später wird Marin richtig zornig: »Ich habe die Nase voll davon, euch alle einfach davonkommen zu lassen, wenn ihr so einen Scheiß redet.«
Sie gründet einen feministischen Buchclub, als Reaktion auf die männlich dominierte Literatur im Unterricht, und reagiert lautstark und handfest auf auch nur beiläufige, viel zu lange hingenommene Ungerechtigkeiten. Schließlich meldet Marin der Schulleitung, was ausgerechnet Bex ihr angetan hat, und hat fortan die ganze Schule gegen sich – fast …
Als später die Zeitungen über die Ereignisse an Marins Schule berichten und alle sich wundern, wie »so etwas heutzutage noch geschehen konnte«, konstatiert Marin trocken: »[…] ich schätze, das ist schlicht die Realität, oder?«
Dass der Kampf gegen die ungeschriebenen und ungerechten Regeln, gegen Sexismus und Diskriminierung, noch lange nicht ausgefochten ist – auch nicht in unserer ach so toleranten, aufgeklärten westlichen Welt – das schreiben Bushnell und Cotugno mitreißend und spannend in Rules for being a Girl. Bis auf einige unnötige Anglizismen und die inflationären »Moms« und »Grams« haben Sylvia Bieker und Martina Tichy auch frisch, eloquent und authentisch übersetzt. Mit einem sehr schönem Schluss: »Sorry, dass ich zu spät bin«, sagt er und zuckt ein wenig schüchtern mit den Schultern. »Ich musste erst das Buch zu Ende lesen.«

Nonchalant feministisch

Und von wegen Vorurteile: Wer hätte der Sex-and-the-City-Autorin so viel absolut überzeugenden, kenntnisreichen Feminismus zugetraut? Tatsächlich hat sie ihre Figuren nonchalant feministisch entworfen: »Diese Frauen nehmen sich einfach das, was für Männer völlig normal ist. Sie sind selbstbewusst, dominant, genießen Geld und Statussymbole – und sie haben Sex, wann und mit wem und mit wie vielen sie wollen«, sagt Bushnell. Richtig so, lasst uns die Regeln brechen!

Candace Bushnell & Katie Cotugno: Rules for being a Girl, Übersetzung: Sylvia Bieker und Martina Tichy, Dragonfly 2020, 287 Seiten, ab 14, 15 Euro

Drei Figuren suchen eine Autorin

Ich. Hasse. Mein. Leben.« Lizzy hat auch allen Grund dazu: Ihr Vater ist mit ihr auf eine kleine Insel hoch im Norden, vor der Küste Schottlands gezogen, weil dort seine Freundin das Ainsley Castle Hotel betreibt, eine edle Wellnessherberge. Weit weg von ihrem bisherigen Zuhause. An ihre Mutter hat Lizzy keine Erinnerung, »da ist nur so ein Gefühl. Etwas Warmes, wie die Farbe von Pfirsich … Etwas Süßes mit einer leicht herben Note, wie gezuckerte Schlagsahne mit Preiselbeeren.«
Die Mutter ist gestorben, als Lizzy drei Jahre alt war. Nichtmal ein Foto ist ihr geblieben, weil bei einem Einbruch der Laptop mit allen Bildern gestohlen wurde. Geblieben ist ihr nur ein Seidentuch, ein Souvenir, das ihre Mutter in Paris gekauft hatte.

Böse Stiefmutter

Und jetzt ist da diese Stiefmutter, die ständig meckert und an ihr rummäkelt: Lizzy soll aufräumen, Krümel wegfegen, ihre Umzugskartons auspacken, das Regal aufbauen, höflicher sein, freundlicher, umgänglicher … »Ha. Ich weiß ganz genau, wohin das führen wird. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie mir befiehlt, in der Spülküche zu schlafen, mit nichts als Mäusen und Küchenschaben zur Gesellschaft.
Ich wiederhole: Ich. Hasse. Mein. Leben.«

Merkwürdige Mails

Was aber, wenn es gar nicht ihr Leben ist? Erst sind es nur kleine Irritationen, verschwundene Sachen, falsche Erinnerungen, Schwindelattacken.
Aber plötzlich bekommt Lizzy merkwürdige Mails: Irgendjemand weiß nicht nur genau, was sie tut, sondern der unbekannte Absender – oder ist es nicht eher eine Absenderin? – scheint auch ihre Gedanken lesen zu können und kennt sogar ihre Albträume!
Lizzy ist überzeugt, dass ihre Stiefmutter dahinter steckt. Zusammen mit dem Aushilfskellner und Computerexperten Mack will sie ihr auf die Schliche kommen und Das Rätsel von Ainsley Castle lösen. Aber dann steht Lizzy ihrer Doppelgängerin gegenüber: Betty. Netter, adretter, naiver und mädchenhafter zwar – doch gespuckt ihr Ebenbild.
Was Holly-Jane Rahlens als modernes Märchen mit klassisch böser Stiefmutter und digitalen Kommunikationsmedien beginnt, entwickelt sie zum super spannenden Abenteuer und Gedankenexperiment über das Schreiben an sich.

Romane sind nur so gut wie ihre Charaktere

Schon ihre frühen Romane wie Mauerblümchen oder Max Minsky und ich, mit denen die seit den 1970er Jahren in Berlin lebende New Yorkerin Anfang der 2000er bekannt wurde, überzeugten mit außerordentlich echten und lebendigen Mädchencharakteren. Jetzt geht sie noch weiter.
Romane sind nur so gut wie ihre Figuren. Sie tragen die Handlung, man erlebt die Geschichte durch sie, sie begleiten uns bis zum Ende, und es fällt schwer, sich wieder von ihnen zu verabschieden, meist für immer.
Fortsetzungen gelingen nur selten, erstaunlicherweise schaffen es vor allem Krimiautor*innen, ihre Charaktere über mehrere Bände lebendig zu halten und jede Wiederbegegnung zu einem Vergnügen zu machen. Leser*innen leiden und lieben,  wandeln sich und wachsen mit den Figuren.

Spiel zwischen Fiktion und Realität

Das Beste, das einem Autor passieren kann, ist, wenn seine Figuren ein Eigenleben entwickeln und der Geschichte ungeahnte Dynamik geben. Der Theaterautor Luigi Pirandello hat dieses Spiel zwischen Fiktion und Realität vor fast genau 100 Jahren in seinem Stück Sechs Figuren suchen einen Autorauf die Spitze getrieben.
Tragischerweise gelingt es den sechs, alle Mitglieder einer Familie, nicht, in einem Theaterstück verewigt zu werden. Das ist natürlich absurd, denn genau das ist es – ein Theaterstück über sechs Figuren, die ihr Drama auf die Bühne bringen wollen.
Pirandellos Figuren wissen von ihrer Fiktionalität und wollen lebendig werden.

Gelöscht und ersetzt durch eine stimmigere Doppelgängerin

Bei Rahlens weiß Lizzy anfangs nicht, dass sie nicht real ist, hasst schön theatralisch das, was sie für ihr Leben hält, und glaubt, sie hätte Optionen auf  ein besseres, glücklicheres.
Aber dann begreift sie, dass sie nicht nur die Erfindung einer Autorin ist. Sondern diese mit ihr so unzufrieden ist, dass sie Lizzy in schwere Konflikte und lebensgefährliche Situationen treibt und schreibt. Und sie durch eine vermeintlich stimmigere Kopie ersetzen will.
Spätestens als auch das Leben ihres heißgeliebten Vaters bedroht ist, beginnt Lizzy um ihre Existenz zu kämpfen. »Schriftsteller erzählen doch manchmal, sobald sie richtig tief in Geschichte stecken, fangen ihre Figuren an, ihnen zu sagen, was sie schreiben sollen. Autoren lieben diese Phase. Sie blühen total auf. Sie werden zu Sklaven ihrer eigenen Charaktere. Wenn E. L. Northlander etwas taugt, wird sie uns tun lassen, was wir wollen«, erklärt Lizzy ihren Verbündeten Mack und Betty.

Figuren werden zugunsten eines aufregenden Plots geopfert

Mit diesem hoffnungsvollen Gedanken erklimmen die drei Ainsley Castle. »Drei Figuren auf der Suche nach einer Autorin« zitiert Rahlens Pirandello als Kapitelüberschrift.
Leider taugt die ominöse E. L. Northlander, Absenderin der mysteriösen Mails und raffinierte Manipulatorin, in diesem Sinn überhaupt nichts. Weil sie ohne jeden Skrupel ihrer Meinung nach misslungene Figuren zugunsten eines fesselnden Plots opfern will.

Das Leben ein bisschen weniger hassenswert

Was für ein Glück, dass Holly-Jane Rahlens eine viel bessere Autorin ist: Sie gibt ihren Figuren genug Raum und Freiheit, um ein Eigenleben zu entwickeln und sich in die Herzen der Leser zu spielen. Und sie weiß, wie man eine spannende Geschichte erzählt. Der sie sogar noch augenzwinkernd ein richtig kitschiges Ende gönnt. Ganz großes Kino.
Es sind genau solche Bücher, Geschichtens und Gefährten auf Zeit, die das Leben zumindest weniger hassenswert machen. Und im besten Fall lebenswert. Ich. Liebe. Meine. Bücher.

Holly-Jane Rahlens: Das Rätsel von Ainsley Castle, Übersetzung: Bettina Münch, Rowohlt Rotfuchs, 315 Seiten, ab 12, 15 Euro

Was bleibt

Kurz vorab: Ich tue in Zeiten der Corona-Krise nicht so, als würde ich hier weitermachen wie bisher – ich mache tatsächlich weiter wie bisher. Denn wann hat man mehr Gelegenheit zu lesen, als jetzt, während dieser verflixten Pandemie, die hier auch nur einmal namentlich erwähnt werden soll. Also, los geht’s …

Plötzlich weiß ich es: Solange ich Noa hasse, wird Mama nicht sterben.«
Leas beste Freundin Noa hat das ausgesprochen, was Lea schon lange verdrängt und nicht zu denken wagt: Dass Leas Mutter den Kampf gegen den Krebs verlieren und sterben wird.
Deshalb versucht die Neunjährige das grausame Schicksal ebenso grausam auszutricksen, indem sie Noa, schneidet, ignoriert, wegschubst, beschimpft, mobbt, aus ihrem Leben verbannt. Das ist irrational – aber absolut verständlich.
Wie der drohende Tod Seele und Herz eines Mädchens mit Hass und Schmerz erfüllen – und dann doch ein stärkeres Gefühl sie tröstet und rettet, erzählt die schwedische Autorin Moni Nilsson absolut ergreifend und brillant mit So viel Liebe.

Wie ist es, wenn da nichts und niemand ist?

Man kennt den Kampf eines jungen Mädchens gegen ihre Krebserkrankung aus John Greens mal todtraurigem, mal todkomischem Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Hier blickt die Heldin dem eigenen Tod ins Auge.
Aber wie ist es für Kinder, wenn ein Elternteil stirbt? Wenn da ein großes Nichts ist, wo jemand war, der tröstet, beschützt, Halt gibt, bedingungslos liebt, auf den man sich verlassen kann – der eigentlich immer da sein sollte, solange man noch Kind ist?

Herz kaputt, Hirn zerreißt

Schon für Erwachsene ist es nicht leicht, mit dem Tod geliebter Menschen umzugehen, selbst darüber nur nachzudenken scheuen die meisten. Moni Nilsson beschreibt ungeheuer eindringlich, was diese Angst, die kein Kind erleiden sollte, mit Kindern macht.
»Es ist unbegreiflich.
In einem Monat gibt es Mama nicht mehr.
In einem Monat ist sie tot.
In einem Monat kann sie nicht mehr abwaschen.
Nicht einmal weinen. Oder ihre Lieblingsband hören.
Das ist unbegreiflich.
Es geht einfach nicht.
Mein Gehirn zerreißt.
Mein Herz ist schon kaputt.«
Lea versucht, das Undenkbare nicht zu denken. Aber das geht natürlich nicht. Eigentlich kennt sie ihre Mutter nur krank: »Alle anderen Mamas arbeiten. Meine Mama ist fast immer zu Hause, schon seit ich in die erste Klasse gekommen bin. Sie sagt, ihre Arbeit ist es, gesund zu werden. Und mich rund um die Uhr lieb zu haben.«

Prügeln ist auch keine Lösung

Lea ist extrem wütend auf das Schicksal, das manchmal tatsächlich ein richtig mieser Verräter zu sein scheint. Sie ist wütend über die schreiende Ungerechtigkeit, dass alle anderen gesunde Mütter haben. Und sie ist wütend auf jeden, der Mitleid mit ihr hat und sie bedauernd ankuckt. Da schlägt sie sofort zu.
Jeden Tag verprügelt sie ein Kind auf dem Schulhof. Bis ihr großer Bruder eingreift: »Es ist Lucas, der mich von meiner Prügelkrankheit heilt. Er kommt in mein Zimmer, ohne anzuklopfen, packt mich und drückt mich auf den Boden. Hält mich fest. Sehr fest. Er ist schwer. Ich krieg kaum Luft. Lucas guckt mich fuchsteufelswild an. ›Du hörst verdammt noch mal damit auf, dich wie eine Idiotin zu benehmen, kapiert? Damit machst du es Mama und Papa nur noch schwerer. Du bist nicht die Einzige, die einem leidtun muss, falls du das glaubst.‹«

Brutaler Deal mit dem Schicksal

Lektion verstanden, Prügeln ist keine Lösung. Aber an ihrem brutalen Deal gegen den Tod hält Lea fest: »Ich darf nicht vergessen, Noa zu hassen.«
Die Niederländerin Marjolijn Hof hat von dieser verqueren Logik, die nicht nur Kinder verfolgen, um dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen, in der fesselnden Erzählung Buch Tote Maus für Papas Leben erzählt.
Leas Angst ist noch konkreter, erlebt sie doch das langsame, qualvolle Sterben ihrer Mutter hautnah mit. Horrorfilme, die sie selbstverständlich nicht sehen darf, erscheinen ihr harmlos im Vergleich dazu. »Die Wirklichkeit, in der Eltern abends weinen und in der man nicht vergessen darf, seine beste Freundin zu hassen, die sollte für Kinder verboten werden.«

Kraft und Mut, sie sterben zu lassen

Patrick Ness hat in dem bereits verfilmten Sieben Minuten nach Mitternacht diese unerträgliche Wirklichkeit zu einem bizarren, schließlich befreienden Albraum werden lassen. Moni Nilsson bleibt realistisch und ganz nah an ihrer authentischen und sehr sympathischen Heldin.
Leas Mutter gelingt es schließlich zusammen mit dem ebenso traurigen Vater und Bruder Lea zu befreien von ihrer Wut, ihrer Verzweiflung, der Angst und Einsamkeit. Absolut überzeugend und glaubwürdig gibt sie ihrer Tocher das Vertrauen und auch den Mut und die Kraft, sie sterben zu lassen. Denn da ist nicht Nichts. Was bleibt, ist so viel Liebe.

Moni Nilsson: So viel Liebe, Übersetzung: Angelika Kutsch, Carlsen, 2020, 128 Seiten, ab 10, 12 Euro

Weil die Zeiten gerade ungewöhnlich sind, hier auch noch eine zusätzliche Leseempfehlung für junge Erwachsene:

In seinem Roman Die Pest beschreibt Albert Camus sehr eindringlich, was eine tödliche Infektionskrankheit macht mit einer menschlichen Gemeinschaft. Er erzählt, vor allem aus der Perspektive des Arztes Bernard Rieux, einfühlend vom Zwischenmenschlichen in einer isolierten Gemeinschaft. Vom Kampf dieses Arztes gegen die Schöpfung und seinen Weg zur Wahrheit. Vom Umgang mit der Ungewissheit, mit der Zeit, mit Sehnsucht, Angst, Schuld. Von Glauben, Moral, Werten und Überzeugungen. Und vom Tod.
»Was treibt Sie eigentlich, sich damit zu befassen?«
»Ich weiß nicht. Meine Moral vielleicht.«
»Und die wäre?«
»Mein Verständnis.«
Die Pest ist so voller kluger und letztlich erstaunlich optimistischer Gedanken (das unterscheidet den Philosophen und Nobelpreisträger Camus von seinem Kollegen Jean-Paul Sartre), dass man dieses Buch auf jeden Fall lesen sollte, am besten jetzt.

Albert Camus: Die Pest, Übersetzung: Uli Aumüller, Rowohlt, 12 Euro.

Mut zur Lücke

Becker

Zunächst wird es nur angedeutet: Eine handbeschriebene Tafel und Ärger mit dem Imbissbesitzer. Eine nicht wahrgenommene, viel sagende Widmung auf der ersten Seite. Die frotzelnde große Schwester: »Wer liest, ist im Vorteil.« Der ignorierte Klassenchat. Eltern, die sich selten, dieses Mal aber so richtig zoffen.
Erst nach gut einem Drittel taucht die Therapeutin in Anne Beckers Debütroman Die beste Bahn meines Lebens auf. Und man kapiert: Dies ist mehr als ein fabelhaft geschriebener Roman über das erste Verliebtsein. Und der 13-jährige Jan ist nicht nur ein höchst begabter und begeisterter Schwimmer, der mit seinen Eltern, älterer Schwester und Bruder im Kita-Alter ans andere Ende der Stadt gezogen ist.

»Du bist eigentlich zu alt für eine Therapie«

Jan hat LRS. Drei fiese Buchstaben, die für das stehen, womit Jan mehr als sein halbes, junges Leben bereits auf Kriegsfuß steht: Lesen und Rechtschreibung klappt bei ihm nicht. Aneinander gereihte Buchstaben ergeben für ihn keinen Sinn, Worte verschwimmen vor seinen Augen. Und dann sagt ihm die neue Therapeutin gleich in der ersten Stunde: »Du bist eigentlich zu alt für eine Therapie.«
Diese unverblümte Stimme ist ungeheuer erfrischend – und die Stimme der Autorin Anne Becker, die selbst als Förderschullehrerin arbeitet. Weil sie einem die Illusion nimmt, man könnte alles wegtherapieren, es wäre nur eine Frage von Ehrgeiz, Fleiß und Übung und alle Kinder wären gleich.

Chips-Cola-Momente mit dem Nachbarsmädchen

Es kann auch nicht jeder so schnell schwimmen wie Jan, geschweige denn in Rückenlage. Es schafft nicht jeder beim ersten Mal, ein ausgebüxtes Huhn einzufangen und zu beruhigen. Und es hat auch nicht jeder »Chips-Cola«-Momente mit dem Nachbarmädchen, der rothaarigen, sommersprossigen Flo (wie sich dieser Moment gestaltet, wird hier natürlich nicht verraten).
Die Vielseitigkeit macht den Reiz dieser charmant und beschwingt geschriebenen Geschichte aus. Es geht um neue Freunde und erste Liebe. Dazu gehören auch die typischen Missverständnisse, Schüchternheit, Ungeschicklichkeit und Übersprungshandlungen. Es geht um Angst und Mut, um Schwächen und Stärken. Auch Mobbing und die perfidere Form, das Cybermobbing, spielen eine Rolle: Geklaute Fahrradventile, entwendete Lieblingsbücher, spuckefeuchte Papierkügelchen, ungewollte Fotos und Filmaufnahmen.

Gefühle in Torten- und Balkendiagrammen

Das alles ist aber nie Schwarz-Weiß dargestellt, nicht auf Vorhersehbares reduziert: Jans Schwester Nele kann auch nett sein und ihm in peinlichen Situationen zur Seite springen. Der tumbe Fiesling und Konkurrent ist nicht nur böse. Und wenn man zusammen hält, kann man sich wehren. »Linus ist manchmal echt nett, weißt du? Aber das Nettsein hält nie lange an. Deshalb musste ich ihm leider mein Eisschirmchen in die Hand rammen.«
Erzählt wird aus Jans Perspektive. Dazwischen finden sich Seiten aus Flos Tagebuch. Und weil die ein Mathegenie, manchmal auch nerviger, nachrechnender Nerd ist, beschreibt sie ihre Gefühle in Form von Balken- und Tortendiagrammen, Skalen und Vektoren. Das ist schräg, super auf den Punkt gebracht und sehr witzig.

Nur ein Teilaspekt des Lebens

So wie das ganze Buch, das zeigt, dass eine Lese-Rechtschreibstörung echt kein Spaß ist und man diese Beeinträchtigung nicht einfach unter Wasser drücken kann. Aber sie ist nur ein Teilaspekt des Lebens und macht nie den ganzen Menschen aus – außer man lässt sie. »Dein Monster ist wasserscheu«, sagt Jans Therapeutin. Diese Haltung ist die Stärke dieses Debüts, das wahrscheinlich nur vorerst die beste Bahn in Anne Beckers Leben als Schriftstellerin ist. Einziges Manko des Buchs ist, dass betroffene Kinder und Jugendliche Jans Geschichte wahrscheinlich nicht selbst lesen werden. Sie sollten sie sich aber unbedingt vorlesen lassen. Und das grandiose Ende kann wirklich jeder selbst dechiffrieren, die beste Beschreibung eines Kusses: »Sprengt jede Grafik!«

Anne Becker: Die beste Bahn meines Lebens, Beltz & Gelberg, 176 Seiten, ab 11, 12,95 Euro

Von eigenen Welten und Liebestränken

Zipfel

Lucie, 13, braucht einen Job. Sie will weg von der Mutter, die sich schon wieder so einen seltsamen Typen angelacht hatte. So ein ökologisches Weichei mit Namen der Michi.
Da kommt ihr im Roman von Dita Zipfel der Zettel mit dem Angebot, als Hundesitter zu arbeiten, ganz gelegen. 20 Euro pro Stunde scheinen zudem ungemein lohnend.
Doch als sie an der Tür von einem gewissen Klinge läutet, ist da kein Hund sondern nur ein seltsamer Alter in Outdoor-Klamotten mit Sprachfehler, der sie einfach nur »Mädchen« nennt und ihr vegetarische Rezepte diktiert. Angeblich haben diese Rezepte Zauberkraft und sollen Ungeheuer fernhalten oder als Liebestrunk wirken.

Rösti des Lebens/Sterbens

Eigentlich glaubt Lucie an nichts davon, beobachtete Klinge aber überaus aufmerksam, stellt sich Fragen zu seinem Geisteszustand – und dennoch: Das mit dem Liebestrank muss sie ausprobieren, als Marvin, der angesagteste Boy der Schule, sie um ein Treffen im Freibad bittet. Er könnte schließlich funktionieren – man weiß ja nie.

Amüsante Weltbetrachtung

Lucies Beobachtungen und Schlussfolgerungen sind eine Mischung aus amüsanter Weltbetrachtung voller skurriler Menschen und der Entdeckung der eigenen Wünsche, des eigenen Weges, den Lucie schließlich einschlägt. Ihre Skepsis und ihre Verwunderung gegenüber Menschen wie Klinge oder der Michi kennen wir Lesende alle nur zu gut. Manchmal hält man einzelne Menschen für »verrückt«, manchmal auch die ganze Welt und steht mittendrin – mit seinen eigenen Zweifeln oder der leisen Ahnung, dass man vielleicht selbst »ver-rückt« ist.

Der Einfluss anderer

Dann bleibt die Frage, wie sehr man sich beeinflussen lässt, wie sehr man an gewissen Menschen hängt, wie sehr man Trends folgt – und dann feststellen muss, dass so ein Marvin vielleicht der Schwarm von vielen ist, im Grunde aber nicht gut riecht und auch ansonsten ein ziemliches A*loch sein kann.
Lucie begreift, dass es nicht nur eine objektive Welt gibt, sondern jeder von uns in seinem kleinen Kosmos lebt. Dass wir im Grunde vom anderen immer viel zu wenig wissen – und an dem Spruch »wer die Musik nicht hört, hält die Tanzenden für verrückt« ziemlich viel Wahres dran ist. Und dennoch neigen die Menschen dazu, andere immer und ständig in Schubladen zu stecken und sie zu bewerten. Lucie kann sich da gar nicht ausnehmen, aber sie lernt dazu und zwar in einer extrem steilen Lernkurve, die tatsächlich auf die Lesenden abfärben kann, wenn sie nur offen für dieses charmant wilde Buch von Dita Zipfel sind.

Anregend illustriert

Illustriert hat diese Wahnsinnsgeschichte (sorry, der passte jetzt grade!) Rán Flygenring, und es ist eine Wonne, die grellrot-schwarzen Drachen- und Punamy-Bilder zu betrachten. Und mögen die Rezepte nun Drachen im Zaum halten oder die Liebe heraufbeschwören, sie lesen sich so lecker, dass ein Nachkochen nach dieser Lektüre nur folgerichtig ist.

Dita Zipfel: Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte, Illustration: Rán Flygenring, Hanser Verlag, 2019, 200 Seiten, ab 12, 15 Euro

Liebe über Grenzen

Maike Stein

Die Feierlichkeiten zum 30-jährigen Mauerfall sind beendet, da bietet sich ein Blick darauf an, was dem Ganzen 28 Jahre zuvor vorausgegangen ist: der Mauerbau.
Maike Stein erweckt mit ihrem Roman Ein halber Sommer das Berlin von 1961 wieder zum Leben. Die Stadt ist in Sektoren unterteilt, als sich Marie aus dem sowjetischen Sektor und Lennie aus dem amerikanischen im Westteil der Stadt zufällig über den Weg laufen.
Die beiden sind sofort voneinander fasziniert, sind überwältigt, dass sie in der konservativ-düsteren Nachkriegsgesellschaft einen Menschen gefunden haben, der genauso tickt wie sie selbst.

Verwundete Familien

Heimlich treffen sie sich in einer Kriegsbrache voller Brombeergestrüpp, schreiben sich Briefchen oder treffen sich bei Lennies Tante im Osten. Beide kommen aus unvollständigen Familien, Lennies Vater ist im Krieg gefallen, Maries Mutter hat den Mann und die zwei Kinder verlassen. Und beide Mädchen sollen nach dem Wunsch des verbliebenen Elternteils etwas werden, was sie nicht wollen. Lennie soll Friseurin werden wie die Mutter, Marie Theaterschneiderin. Verständnis und familiärer Rückhalt ist bei diesen Konstellationen für beide nicht zu erwarten. Zumal Maries Vater einen guten Posten in der DDR-Administration bekleidet und viel auf den Sozialismus hält. Dass Marie regelmäßig in den Berliner Westen fährt, weiß er nicht und würde es auch nicht gutheißen.

Getrenntes Glück

In den ersten Wochen ihrer Liebe können die beiden noch annähernd ungehindert über die Grenze, sie verbringen heimlich ein Wochenende zusammen – denn ihre Liebe können sie nicht offen ausleben.
Im Sommer schließlich riegelt die DDR die Grenze ab, zieht Stacheldraht, baut die Mauer, verweigert ihren Bürgern die Ausreise und kappt die Telefonverbindungen. Lennie und Marie drehen schier durch – jede auf ihrer Seite der Mauer. Und dennoch hoffen sie, glauben an sich und an ihre Liebe, obwohl sie keinen Kontakt zueinander haben. Beide suchen Wege, wie Marie Ostberlin verlassen kann, doch die Grenzkontrollen werden immer schärfer …

Liebenswerte Figuren

Maike Stein hat mit Marie und Lennie zwei wunderbar liebenswerte Frauenfiguren erschaffen, die in ihrer Komplexität die Dramen des Lebens spiegeln und dadurch sehr viel Identifikationspotential liefern. So läuft Lennie am liebsten in den Klamotten ihres verstorbenen Vaters herum, möchte Uhrmacherin werden wie ihre geliebte Tante Ilse und sucht nach Nachrichten zum ungeklärten Tod des Vaters. Marie hingegen berlinert überaus sympathisch, ersetzt dem jüngeren Bruder quasi die Mutter und kann daher nicht so einfach alles stehen und liegen lassen, als sie Lennie kennenlernt. Die Figuren sind, so wie jeder von uns, in ihren eigenen Welten eingebettet und doch Teil des großen Ganzen. In diesem Fall ist es die Stadt Berlin in der heißen Phase des kalten Krieges, die so quasi zur dritten Hauptfigur wird.
Mit gekonnt gesetzten Wendungen hält Maike Stein bei dieser queeren Liebesgeschichte die Spannung wirklich bis zur letzen Seite und zeigt gleichzeitig, wie grausam die DDR-Regierung durch die Mauer das Leben der Menschen beeinflusst und beschädigt hat, wie sehr die Menschen leiden mussten. Erst dieses Wissen macht den Mauerfall dann zu diesem großen Glücksfall, der er gewesen ist.

Irreführendes Cover

Man darf sich bei dieser perfekten Geschichte nur nicht vom knallbunten Cover leiten lassen, das durch die Graffitis eher den Eindruck vermittelt, hier würde etwas aus den 1980er-Jahre erzählt. Ein bisschen mehr Zeitkolorit bei der Grafik hätte ich persönlich passender und authentischer gefunden. Ich frage mich dann immer, ob man jugendlichen Leserinnen so etwas nicht zumuten mag (von den ökonomischen Gründen mal abgesehen). Die Bilder, die Maike Stein mit ihrem stimmigen Text in mir erzeugt hat, sehen auf jeden Fall ganz anders aus und liefern mir quasi meinen eigenen inneren Film. Und den mag ich sehr gern!

Maike Stein: Ein halber Sommer, Oetinger, 2019, 270 Seiten, ab 14, 19 Euro

Mauergeschichten

Mauerfall

Dieser Tage häufen sich in den Medien die Rückblicke und Erinnerungen an den Mauerfall vor 30 Jahren.
Hierzu gibt es natürlich eine Reihe von Publikationen für eine junge Zielgruppe. Vier davon habe ich herausgegriffen, die den Kids, für die dieses Kapitel jenseits der persönlichen Erfahrung liegt und über das sie nur von Eltern oder Großeltern Dinge erzählt bekommen, einen guten Eindruck von der damaligen Zeit liefern.
Bei zweien muss ich feststellen, dass es tatsächlich gewisse erzählerische Wendungen gibt, die offensichtlich in der Luft liegen und nicht durch Plagiat entstanden sein können (es würde mich jedenfalls sehr wundern). Denn sowohl in Helen Endemanns Roman Todesstreifen und in dem Briefroman Mauerpost von Maike Dugaro und Anne-Ev Ustorf entwickeln die Autorinnen einen Blick von zwei Seiten auf die Mauer, sprich auf die DDR und die Lebensverhältnisse ihrer Bewohner.
Endemann erzählt vom Ben, der in einem Westberliner Sportinternat wohnt und mit seiner Mannschaft zu einem Freundschaftstreffen in den Ostteil der Stadt fährt. Geplant ist ein Tag Aufenthalt mit Wettkampf. Doch für Ben wird es eine Odyssee, denn während des Querfeldeinlaufs wird er von zwei DDR-Jungs entführt und in einen Schuppen verschleppt. Dort steht ihm dann Marc gegenüber – und der sieht Ben verdammt ähnlich.

Republikflucht und Jugendwerkhof

Marc schlüpft in die Klamotten von Ben und fährt mit den westdeutschen Sportschülern nach Westberlin. Keiner der Schüler merkt, dass Marc nicht Ben ist.
Ben hingegen soll zu Marcs Oma und dessen Vater, die ihn dann – so die Vorstellung der Entführer – gleich wieder an der Grenze abliefern, weil er ja nicht Marc ist. Dass dieser halbgare Plan von Marc nicht aufgeht, merken Ben und die zwei »Fluchthelfer« von Marc, als vor dessen Haus die Stasi steht und Ben/Marc in einen Jugendwerkhof steckt, weil er kein ordentliches Mitglied der DDR-Gesellschaft ist. Ben sitzt in der Falle und die Möglichkeiten, rasch und unbehelligt wieder in den Westen zu gelangen sind gleich Null.

Beklemmende Atmosphäre

Das ist spannender Lesestoff, der auf sehr intensive Weise die beklemmende Atmosphäre, die Überwachung und das Eingesperrtsein in der DDR vermittelt. Jeden Weg, den die Jungs sich überlegen, wie Ben wieder nach Westen kommen kann, ist versperrt. Auch aus dem Westen ist keine Hilfe zu erwarten, denn Bens Eltern sind in Afrika auf einer Hilfsmission.
Marc hingegen macht sich im Westen auf die Suche nach seiner Mutter, die vor Jahren illegal über die Grenze geflüchtet ist. Doch auch er stößt auf Hindernisse: eine Tante, die etwas über die Mutter wissen könnte, ist dement. So ist es schließlich seine Oma, die den Enkeltausch natürlich gleich erkennt, nachdem Ben aus dem Jugendwerkhof zurückkommt, die als Botin zwischen den Welten wandelt.

Die Verbindung zwischen Ost und West

Mauerfall

Eine grenzgängerische Oma ist auch in dem Briefroman Mauerpost das verbindende Element zwischen Ost und West. Hier vermittelt Oma Ursel eine Brieffreundschaft zwischen ihrer Westberliner Enkelin Ines und der Ostberliner Nachbarstochter Julia. Die Mädchen beginnen sich zu schreiben, erzählen der jeweils anderen von ihrem Alltag und der Schule. Waren die Jungs noch 1985 in Berlin unterwegs, so kommunizieren die Mädchen bereits 1988 und schreiben sich mehr als ein Jahr, sodass die Ereignisse in der DDR, die zum Mauerfall geführt haben, in die die Briefe einfließen. Julia erzählt von den Demos auf der Straße, während Ines von dem merkwürdigen Verhalten der Mutter erzählt, die einst aus der DDR freigekauft wurde.

Erzählerische Parallelen

Hier entfaltet sich zwischen den beiden nach und nach ein fesselnder Krimi, in dem zwar nicht die Zustände in den Jugendwerkhöfen, dafür aber die in den Staatsgefängnissen wie Hoheneck und Hohenschönhausen geschildert werden. Dabei entdecken Ines und Julia immer mehr Details, die ihre Schicksale miteinander verbinden.
Zwar erzählen beide Romane unterschiedliche Geschichten, so zeigen sich doch bestimmte Muster, die bei beiden auftauchen: Ost trifft West, die Omas werden als Boten benutzt, die Stasi spielt natürlich immer mit, der Knast in der DDR ist für Jugendliche nicht weniger schlimmer wie der für Erwachsene, und am Ende stehen die Helden in beiden Geschichten in einem gewissen Verhältnis zueinander, dass ich nicht nennen werde, das man sich aber in beiden Geschichten relativ schnell denken kann. Es liegt eben in der Luft, 30 Jahre nach dem Mauerfall.
Parallel ist in beiden Romanen selbst eine gewisse Verwirrung um Ostberliner Stadtteile: So liegt im Todesstreifen eine Psychiatrie mal in Potsdam, ein paar Seiten weiter dann in Pankow (S. 194 vs. 202), in der Mauerpost werden Kekse in ein und demselben Laden gekauft, der mal in Friedrichshain, mal im Prenzlauer Berg zu finden ist (S. 100 vs. 134). Früher hat mich so was immer geärgert, heute schmunzle ich, weil das nun mal in der Hektik der Buchproduktion passiert. Es wäre trotzdem schön, wenn das in den nächsten Auflagen, soweit es die geben wird, behoben wird.
Beide Geschichten entwickeln jedoch einen packenden Drive und lassen die Leser und Leserinnen in die Zeit vor der Wende und vor dem Mauerfall eintauchen.

Blutsbrüder über die Mauer hinweg

Mauerfall

Etwas anders verhält es sich mit dem Kinderroman Alles nur aus Zuckersand von Dirk Kummer. Hier geht es hauptsächlich um eine Jungenfreundschaft in der DDR im Jahr 1979. Fred und Jonas sind dickste Kumpels, verbringen ihre Zeit zusammen, schließen Blutsbrüderschaft und erzählen sich alles – bis Jonas‘ Mutter einen Ausreiseantrag stellt.
Fred, dessen Vater beim Grenzschutz in Falkensee arbeitet, verbietet ihm den Kontakt mit Jonas. Doch daran hält er sich natürlich nicht. Stattdessen fangen die Jungs an, angeregt durch die Erzählungen vom alten Nachbar Marek über Australien, einen Tunnel in den brandenburgischen Sand zu graben. Sie wollen sich später in Australien treffen …

Kindgerechter Blick auf die DDR

Aufgrund der noch jüngeren Zielgruppe sind die Schrecken der DDR hier nicht ganz so heftig zu spüren wie in den beiden Jugendromanen. Fred fungiert als Ich-Erzähler und zeigt durch seine kritischen Kommentare alles das, was in der Schule und im System schief läuft. Er konstatiert, dass die Lehrerin den Schülern Angst macht, dass das System den Menschen Angst macht vor allem, was aus dem Westen kommt. Fred aber will keine Angst haben, sondern nur mit Jonas zusammen sein.
Als Jonas dann tatsächlich mit seiner Mutter ausreist und plötzlich weg ist, vermisst Fred ihn sehr. Ein Brief, den er an Jonas schreibt, kommt zurück, da Westkontakt verboten ist.

Das Buch nach dem Film

Wem diese Geschichte jetzt vielleicht bekannt vorkommt, liegt richtig, denn dieses Buch beruht auf dem gleichnamigen Film von Dirk Kummer, der 2018 mit den Grimme-Preis ausgezeichnet ist. Sind normalerweise erst die Bücher in der Welt und die Verfilmungen folgen später, so ist hier der andere Weg gegangen worden – allerdings mit einem entscheidenen Haken.
Um das Buch für Zehnjährige erträglich zu machen, haben Autor und Verlag auf einen Erzählstrang aus dem Film völlig verzichtet. Da ich den Film bereits kannte, habe ich mich zu Beginn der Lektüre noch gefragt, wie dieser Teil im Buch wohl erzählt wird (Achtung Filmspoiler: Jonas läuft kurz vor der Ausreise, als er mit der Mutter schon im Tränenpalast ist, noch einmal weg und findet in dem bereits gegrabenen Loch der Jungs ein schreckliches Ende). Dieser Teil wird gar nicht erzählt, was mich kurzfristig enttäuscht hat. Doch ich kann diese Auslassung verstehen, denn Jonas Schicksal ist im Film selbst für Erwachsene kaum zu ertragen.
So bleibt für junge Lesende eine liebevolle Freundschaftsgeschichte aus einem anderen Land. Sie erzählt von dem zerstörerischen Einfluss eines Staats in das Privatleben, aber auch noch ein Fünkchen Hoffnung aufblitzen lässt, dass die Jungs sich möglicherweise nach ein paar Jahren wiedersehen.

Doku-Fiktion zum Lesen

Mauerfall

Junge Lesende, die es nicht so sehr mit Romanen haben, können sich hingegen in dem Sachbuch Mein Mauerfall über die Zeit vor 30 Jahren informieren. Hier führt zwar der zwölfjährige Theo mit Erzähltexten durch das Buch, doch viele Fakten zur deutsch-deutschen Geschichte werden in Infokästen, Sprechblasen, Grafiken und Bildern in kurzen Texten geliefert.
Dabei geht Autorin Juliane Breinl auch auf die historischen Gründe für die deutsche Teilung ein, erläutert, was Hitler und die Nazis mit all dem zu tun haben und wie es überhaupt zu zwei deutschen Staaten gekommen ist.

BRD versus DDR

Gerade diese Gegenüberstellung von BRD und DDR zieht sich durch das Buch. Die Unterschiede, die wir heute immer noch spüren, wenn wir von West nach Ost und von Ost nach West fahren, bekommen in diesem Sachbuch ein Gesicht und eine Erklärung. Das mag uns Erwachsenen selbstverständlich vorkommen, doch den jungen Generationen das auf diese Art noch einmal vor Augen zu führen erscheint mir wichtig zu sein – und sehr gelungen.

DDR-Alltag und Zeitzeugenberichte

Breinl berichtet von den alltäglichen Unterschieden in beiden Staaten, von der allgegenwärtigen Überwachung in der DDR, den unterschiedlichen Inhalten in den Schulen, den Trabis und den Intershops, dem West-Konzert an der Mauer, zu denen die Ost-Jugend pilgerte und brutal niedergeknüppelt wurde. Doch auch staatlich organisierte Konzerten im Osten konnten die Menschen nicht mehr besänftigen, die Unzufriedenheit wuchs, man wollte raus und ging dafür in Massen auf die Straße. Die Mauer fiel. Von all dem lässt Breinl unter anderem Zeitzeugen erzählen, bekannte wie Jana Pallaske (Ost) oder Peter Wohlleben (West) und unbekannte, und bringt so jede Menge Authentizität in ihre Darstellung der damaligen Ereignisse.

Brüderlichkeit und Freiheit

Doch mit dem Mauerfall endet das Buch nicht. Es schlägt vielmehr eine Brücke bis in die Gegenwart, zum neuaufgeflammten Rechtspopulismus, ja Rechtsextremismus, dem grassierenden Fremdenhass, aber auch zum Bekenntnis für Europa, für Brüderlichkeit und eine grenzenlose Freiheit. Je länger ich in dem Buch vor und zurück gelesen habe, umso öfter wünschte ich mir, dass nicht nur Kinder dieses Buch lesen, sondern alle, die diese blöde blaue Partei wählen und anscheinend vergessen haben, was die Politik vor 80 Jahren und in den 40 Jahren der DDR-Geschichte angerichtet hat. Mögen die Kinder durch diese Lektüre ordentlich angeregt werden, in den eigenen Familien nachzufragen und die eigenen Familiengeschichten erkunden, ganz gleich, ob in Ost oder West.

Helen Endemann: Todesstreifen, Rowohlt, 2019, 256 Seiten, ab 13, 14 Euro
Maike Dugaro/Anne-Ev Ustorf: Mauerpost, cbt, 2019, 336 Seiten, ab 13, 9,99 Euro
Dirk Kummer: Alles nur aus Zuckersand, Carlsen, 2019, 144 Seiten, ab 10, 12 Euro
Juliane Breinl: Mein Mauerfall. Von der Teilung Deutschlands bis heute, arsEdition, 2019, 144 Seiten, ab 10, 15 Euro

Unter uns das Meer

steinkellner

Ein Junge, ein Mädchen, beide 16 Jahre alt und beide auf der Suche nach einem bestimmten Menschen. Zufällig begegnen Simon und Antonia sich im Park. Antonia sieht in Simon erst jemand anderen, alles dreht sich vor ihren Augen und sie sinkt in Simons Arme.
Aber wer jetzt eine leicht kitschige Liebesgeschichte vermutet, liegt völlig falsch.
Dieser wilde Ozean den wir Leben nennen von Elisabeth Steinkellner ist viel mehr. Unweigerlich taucht man ein in diesen aus zwei Perspektiven erzählten Roman. Anfangs sind die Wechsel noch etwas verwirrend, doch bald wird klar, dass Simons Passagen immer mit Farben überschrieben sind, Antonias mit prägnanten Begriffen.

Romantische Sehnsucht nach dem Meer

Die Liebe ist nur ein Teilaspekt des Lebens (und des Buchs), wie die formidablen Lassie Singers richtig sangen. Dass die allein schon deutlich mehr sein kann, ahnt Simon bereits: »Woher weiß man, dass man verliebt ist? Dass es wirklich verliebtheit ist und nicht einfach nur anziehung oder der wunsch nach aufregung und abenteuer oder schlichtweg selbstbetrug, weil man in dem anderen jemanden sieht, der man selbst gern ware?«, tippt er ins Telefon. Die Antwort seiner besten Freundin kommt prompt: »Vermutlich gehört das alles irgendwie dazu, der selbstbetrug und die die sehnsucht nach abenteuer und großem gefühlskino …«
Simon ist total verknallt in Paulus, den er vor einem halben Jahr im Zug kennengelernt hat. Leider weiß er kaum mehr als den Vornamen und wo sein Schwarm studiert. Und dass Paulus taucht und unter Wasser fotografiert, weshalb er eine romantische Sehnsucht nach dem ihm unbekannten Meer hat (das Buch spielt in Österreich). Jetzt ist er in den Ferien in jene nicht genannte Universitätsstadt gereist, um Paulus zu suchen – und Farbe in sein eintönig graues Leben zu bringen.

Outing erst drei Jahre später

Dass Simon schwul ist, wird angenehm unaufgeregt thematisiert. Selbst weiß er schon länger, dass er auf Jungs steht. Sich offiziell zu outen, »Farbe zu bekennen«, hat er sich noch nicht getraut. Das passt gut zu den Zahlen einer Jugendstudie, laut der Jungen sich mit gut 13 Jahren innerlich outen, aber im Durchschnitt erst drei Jahre später anderen sagen, dass sie homosexuell sind. Bei Mädchen ist der zeitliche Abstand übrigens nur ein Jahr. Simons Verhalten spiegelt treffend unsere Gesellschaft: Sexualität ist allgegenwärtig, aber das auf T-Shirts des FC St. Pauli aufgedruckte Motto »Liebe doch wen du willst« ist längst noch nicht selbstverständlich.

Die Kapitänin wie ein sterbendes Tier

Antonia vermisst ihren älteren Bruder. Die Leerstelle, die seit Joels Verschwinden in ihrem Leben entstanden ist, bildet auch einen immer breiter werdenden Graben zu allen anderen Menschen in ihrem Leben, zu ihrer besten Freundin, zu ihrer Mutter, zu ihrem Vater, zu ihrem Freund.
»Ich merke, wie unglaublich groß die Wut in mir ist. Die Wut darauf, dass ich immer noch traurig bin wegen Joel und dass ich mich so verdammt machtlos fühle gegen die Leere, die er in mir hinterlassen hat. Die Wut darauf, die falschen Dinge gesagt zu haben, als es darauf angekommen ist, und immer wieder die falschen Dinge tue, wenn es darauf ankommt.«
Antonias Bruder Joel ist kurz vorm Abitur (Österreichisch: Matura) komplett ausgetickt, litt unter Wahnvorstellungen, Angst, Panik, wurde aggressiv. Wie diese schwer zu begreifende Psychose die Familie verzweifelt, hilflos, traurig und wütend macht, Rollen durcheinanderbringt und alles auseinander sprengt, beschreibt Antonia im Laufe des Buchs eindringlich und erschütternd. »Mama war immer die Kapitänin unseres Schiffs … In der Nacht, nachdem sie Joel ins Auto gepackt und in der Psychiatrie abgeliefert hatte, hat sie stundenlang gewimmert wie ein sterbendes Tier.«

Szenen zärtlicher Leichtigkeit

Elisabeth Steinkellner verleiht ihren sich so liebenswert selbst im Weg stehenden Charakteren starke Stimmen. Auch den Nebenfiguren, »als Mutter liebst du niemanden auf der Welt so sehr wie deine Kinder. Und trotzdem machst du Fehler, vielleicht aus Unachtsamkeit oder Angst, vielleicht aus Egoismus oder Ungeduld. Bei dir bleibt am Ende das Gefühl der Liebe. Aber wer weiß, bei deinem Kind wiegt vielleicht der Schrecken schwerer«, sagt Antonias Mama zum Ende.
Zwischen spritzigen Dialogen, gern auch in Form von Textnachrichten, schonungslosen Selbstreflexionen und klassischen Fehlinterpretationen, gewinnen Simon und Antonia immer mehr Klarheit über ihre Wünsche. Typisch pubertäre Stimmungsumschwünge beenden Szenen voller unerwarteter Ausgelassenheit und zärtlicher Leichtigkeit. Es gibt echtes Drama, nie künstlich oder überzogen. So kommt es mal zum heftigen Krach zwischen Antonia und ihrer besten Freundin. Aber das ist nicht das Ende: Ines schätzt es nämlich, dass Antonia sehr emotional agiert und sich nicht verstellt, um anderen zu gefallen.

Knoten lösen

»Ich weiß selber nicht, warum ich das Gefühl habe, dass mir die richtigen Worte fehlen«, sagt Simon am Anfang. Auch seine Hände versteckt er lieber zu Fäusten in den Hosentaschen geballt, als jemandem zu nahe zu kommen, seltene Gesten geraten ihm zum Slapstick. Bei Antonia aber macht er von Anfang an instinktiv fast alles richtig. So lösen sich bei beiden nicht nur ein paar hartnäckige Knoten im Schopf. Und beide finden ihren Weg zum Meer, mit dem sie ganz unterschiedliche Gefühle assoziieren.
Steinkellner hat auf jeden Fall genau die richtigen Worte für diesen vielschichtigen, brillanten Roman. Sie ist eine der faszinierendsten Jugendbuchautorinnen aus Österreich, seit der wunderbaren, im vergangenen Jahr gestorbenen Christine Nöstlinger.

Elisabeth Steinkellner: Dieser wilde Ozean den wir Leben nennen, Beltz & Gelberg, 2018, 236 Seiten, ab 14, 13,95 Euro

Besser als Netflix

smith

Ich liebe das Kino. Ein Abend, ein Film, ein Erlebnis. Serien streamen ist dagegen überhaupt nicht mein Ding, massenhaft Folgen hintereinander wegzugucken bringt mir nichts. Keine Vorfreude, kein stimmungsvoller Rahmen.
Deshalb hat es bei mir einen negativen Effekt, wenn auf dem Umschlag von Diebische Elstern über dem Foto von drei hübschen, spitzbübisch lächelnden Mädchen der Netflix-Schriftzug prangt, mit den Worten „Ein Netflix Original“.
Zum Glück habe ich mich von dieser zweifelhaften Reklame nicht abschrecken lassen. Weil sich dahinter eine grandiose Geschichte verbirgt, erzählt aus drei Perspektiven.

Selbsthilfegruppe für Kleptomaninnen

Tabitha, Elodie und Moe sind zwischen 15 und 16 Jahre jung, gehen alle in die vorletzte Stufe der High School – und könnten kaum unterschiedlicher sein. Nur eins haben sie gemeinsam. Und deshalb begegnen sie sich in einer Selbsthilfegruppe für Kleptomanie, einem Programm, zu dem man sie verdonnert hat, nachdem jede von ihnen beim Klauen erwischt wurde.
Kirsten Smith hat dieses reizvolle Szenario entworfen, in dem die angehimmelte Schulschönheit Tabitha, die schüchterne Elodie und die leicht punkige, trotzige Moe aufeinandertreffen. Smith ist Drehbuchautorin, hat unter anderem die intelligenten, anspielungsreichen Collegekomödien Natürlich blond und 10 Dinge, die ich an dir hasse geschrieben, außerdem zwei Graphic Novels.
Diese Frau versteht es exzellent, in Bildern zu denken, vielschichtige Charaktere zu schaffen und faszinierend in Szene zu setzen. Das Verwirrende ist, dass man es sich total gut als Film vorstellen kann, obwohl sie durch ihre Erzählweise in wechselnden, tagebuchartigen Passagen genau gegen die elementare Regel für Drehbücher verstößt: Don’t tell, show. Also laber nicht langatmig über Gefühle, zeige sie durch Handlungen. Dem Trailer zur Serie nach wirkt diese auch ziemlich krawallig und etwas plump.

Klauen ist wie Sex

Verfilmt würde man beim filligranen, einfühlsamen Buchtext ein ständiges Voice over hören. »Doch die Wahrheit ist, durch die Angst fühlst du dich lebendiger, als wenn du einfach nur lebst.« So pointiert, geradezu philosophisch, beschreibt Elodie ihre Motivation aus Läden zu stehlen. Ihre Mutter ist an Krebs gestorben, ihr Vater hat zwei Jahre später eine deutlich jüngere Frau geheiratet, Elodie hat mit ihrer Stiefmutter wenig gemeinsam.
»Lebendiger, als wenn du einfach nur lebst«, einfach nur leben, weiterleben, das tut Elodie seit dem Tod der Mutter. Ihr Vater hat seinen Kummer mit sich allein ausgemacht und eine andere Art der Trauerarbeit gewählt. »Du spürst, wie sich deine Lunge weitet und dein Herz pumpt und die Blutkörperchen durch dich hindurch rauschen. Ich hab mal gelesen, dass Sex das Gleiche bewirkt. Aber da ich noch nie welchen hatte, muss ich mich wohl hiermit zufrieden geben.«

Spring Fling trifft Kaputte Suppe

Elodie weiß mit Worten umzugehen und schreibt wie Kirsten Smith Gedichte. Ganz nebenbei wird eine großartige Jugendbuchautorin zitiert und zwar Jenny Valentine mit ihrem Roman Kaputte Suppe, das zeugt echt von Stil. Und Stefanie Frida Lemke hat das amerikanische Original stimmig und schwungvoll übersetzt, nur einzelne, nicht übertragbare Begriffe bleiben stehen wie »Spring Fling«, einer dieser Schulbälle, wo dann doch alle dabei sein müssen.
Natürlich entkommt diese Geschichte nicht den typisch US-amerikanischen Eigenheiten, dieser teils aberwitzig oberflächliche und überflüssige Mist, der seit Jahren zu uns herüberschwappt und weshalb die Eintrittskarten für Abifeiern auch mal über 100 Euro kosten können.

Eher so mittelsexy

Smith nutzt diese Rahmen und Klischees raffiniert, zum Beispiel zeigt sie an der Platzverteilung in der Schulkantine Hierarchien und das Klassensystem innerhalb der Schülerschaft. Verloren haben die, die zu keiner Gruppe dazugehören und in keine Schublade passen, das Individuum zählt nicht viel.
So wie der eigentlich ganz attraktive, aber total uncoole Patrick Cushman, kein Sportheld, kein Emo, auch kein richtiger Nerd, sondern hoffnungslos normal. Er bietet Tabitha ein Kaugummi an. »Das ist Wassermelone. Sicher, dass du keins willst?« »Okay, sage ich und nehme widerwillig ein Kaugummi. Er grinst und ich frage: »Und, war es die Sache wert?« Überrascht sieht er mich an. »Ehrlich gesagt hab ich noch nie im Leben was geklaut. Es war total aus Versehen. Ich geb es jetzt nur als kriminelle Tat aus, um aufregend zu wirken.« »Ich weiß nicht, ob ich das wirklich aufregend finde, vielleicht eher so mittelsexy?«

Schräg romantisch im Pyjama

Das ist erfrischend ehrlich und charmant, und dabei hat Patrick keine Ahnung, dass er mit einer absoluten Expertin spricht. Tabithas Motivation fürs Klauen lautet: »Leute verschwinden, aber Dinge bleiben.« Ein schöner Dialog, zu dem man leicht zurückblättern kann. Und nicht mühsam zurück zappen muss, sodass die Stelle, wenn man sie endlich gefunden hat, nur noch halb so nett ist.
Noch eine Besonderheit des Buchs: Die drei Perspektiven sind auch typografisch unterschiedlich gestaltet, sodass gar nicht jedes Mal der Name des jeweiligen Mädchens drüber stehen müsste. Elodies Texte lesen sich eher wie moderne Lyrik. Sie verliebt sich ausgerechnet in Moes Bruder Marc, schräg romantisch ist die nächtliche Begegnung der beiden, bei der sie einen Pyjama trägt – mehr wird hier nicht verraten.
Jetzt wird nichts mehr erzählt, Diebische Elstern muss man unbedingt selbst lesen. Viel besser als Netflix!

Kirsten Smith: Diebische Elstern, Übersetzung: Stefanie Frida Lemke, Carlsen, 2019, 272 Seiten, ab 13, 12 Euro

Diese ganze Energie stirbt nie

Long

Ein brüllendheißer Julitag. Ein Stau vor New York. Mittendrin eine Familie in einem Mini. Supersympathische Leute, Vater, Mutter, zwei Jungs, der jüngere, Griff Rhyss, hat Geburtstag, 13 Jahre ist er. Hayley Long erzählt aus der Sicht des zwei Jahren älteren Dylan Thomas. Nicht zufällig trägt der den Namen des berühmten walisischen Dichters: Ein Junge sparsam und behutsam ausgewählter Worte und ein faszinierender und pointierter Erzähler.
Die Familie lebt nach längeren Aufenthalten in London, München, Shanghai und Barcelona jetzt in New York und überlegt erstmals zu bleiben. Es sind waschechte Briten, sie sagen Motor- nicht Highway und die Mutter, eine Waliserin, tadelt Griff mit gespielter Empörung, als der stöhnt: »Ich schwitze mir den Arsch ab.«

Letzte Hoffnung Wales

Dann passiert ein schrecklicher Unfall. Zurück bleibt ein schwer traumatisierter, zutiefst verzweifelter und todtrauriger 13-Jähriger. Und Dylan Thomas, der sich an den nächstfernen Ort wünscht. Und doch alles versucht, um seinen jüngeren Bruder ins Leben zurückzuholen.
Weil die Familie eigentlich immer nur sich selbst hatte, landen die Brüder zunächst bei der einzigen Freundin in New York, Blessing Knowles, Arbeitgeberin der Eltern, die als Lehrer gearbeitet haben, und Schuldirektorin der Jungs, was an sich schon eine komische Situation ist. Auf der Suche nach Angehörigen landen die Brüder durch Vermittlung des britischen Konsulats schließlich bei der Cousine ihrer Mutter und deren Mann in Wales.
»Aberythwyth war unsere letzte Hoffnung«, sagt Dylan. Obwohl sich Blessing wirklich rührend gekümmert hat und Griff sogar überzeugen konnte, am »Tag des B-Wortes« mitzukommen, »ihr wisst schon Asche zu Asche und Staub zu Staub und so weiter«, der Tag, »an dem mein Hirn wie ein Panik-Tornado davonzuwirbeln droht«, bleibt Griff wie versteinert, ein totenstiller, dunkler Schatten seines früheren überschäumenden Ichs.

Eine Katze wie ein Früchtebrot

Nun also Aberythwyth in Wales, ein Kaff im Vergleich zum gigantischen New York, eingeklemmt zwischen schiefergrauen Bergen, unter einem meist grauen Himmel, am silbergrau schimmernden Meer. Mit einer Sprache, die man nicht versteht und Straßenschildern, deren Schriftzüge man nicht mal aussprechen kann. Bei einem kinderlosen, mittelaltem Paar, das so ganz anders ist als es die lebenslustigen, weltgewandten, viel jünger und wilder, auch verrückter und verliebter wirkenden Eltern es gewesen waren.
Griff erkennt zwar, wie freundlich und liebevoll bemüht Tante und Onkel sind. Aber in ihm drin ist nur Trauer und Verzweiflung, nichts und niemand kommt an ihn ran. Ein winziges bisschen können Tiere ihn trösten, erst Blessings Labrador Marlon, dann in Wales die schwarz und karamellfarbene Katze Bara Brith, benannt nach dem so aussehenden walisischen Früchtebrot, von dem Griff auch noch nie gehört hat.

Tod und Trauer, Leben und Liebe

Ist  Der nächstferne Ort die perfekte Ferienlektüre? Ja! Und zwar nicht, weil es im Juli auf einem kochend heißen Highway in New York beginnt und ein Jahr später, an Griffs 14. Geburtstag im mildem Wales endet. Sondern weil Dylan Thomas so hinreißend und fantastisch erzählt und uns mitnimmt zu ganz besonderen Momenten. Berührend erinnert er sich an Situationen, Orte und Menschen, seine Eltern und seine große Liebe Matilda aus München.
Es ist ein Buch über Verlust und Trauer – und doch voll von unfassbar viel Leben. Und von Liebe, die Liebe von Eltern zu ihren Kindern, die irre peinliche Liebe zwischen den Eltern (»ich und Dylan hätten fast gekotzt, weil unsere Eltern rumgeknutscht haben«), das erste Verlieben, die erste enttäuschte Liebe, die tröstende Liebe zu Tieren, die Kraft der Liebe: »Die Menschen, die man liebt, sind nie wirklich weg«, sagte Griff. »Diese ganze Energie muss schließlich irgendwohin.«

Beach Boys, Oasis und One Direction

Man lernt tolle, ganz unterschiedliche Menschen kennen. Auch Musik, die Magie, die von ihr ausgeht, spielt ein große Rolle: Nicht nur das titelgebende, kaum bekannte Instrumentalstück von den Beach Boys, The Nearest Faraway Place. Auch der kraftvolle, warme Souls Aretha Franklins, Brit-Pop von Oasis und Grunge von Nirwana begleiten die Geschichte. Sogar The Story of my Life der Boyband One Direction gehört dazu. Und ein bisschen Dylan Thomas, also der Originalschriftsteller und sein Poem Clown im Mond. Hayley Long motiviert einen nebenbei, ein paar Musikvideos zu gucken. Oder nach dem Gedicht zu suchen.
Man erfährt auch ein bisschen von anderen Städten und Ländern. Nicht zuletzt ist es eine Liebeserklärung an Hayley Longs Heimat, das spröde Wales und seine eigentümlichen und herzlichen Bewohner. Josefine Haubold übersetzt ganz im Sinne Dylan Thomas’, also des jüngeren Erzählers, warm, einfühlend, witzig und authentisch, jedes Wort treffend, keins überflüssig. »Ich sah, wie ihr Lächeln in sich zusammenfiel. Wie bei jemanden, dessen iPhone gerade in den Gully gefallen ist.«
Das ist nur ein Beispiel, Dylan beschreibt so eine hilflose Krankenschwester. Und »dann schaute eine Traumatherapeutin vorbei, die es tatsächlich fertigbrachte, dass wir uns noch traumatisierter fühlten.«
Leider ist dies auch das letzte Buch aus dem Verlag Königskinder. Was auch noch ein guter Grund ist, Hayley Longs Der nächstferne Ort  in diesen Sommerferien zu lesen und vielen davon zu erzählen.

Hayley Long: Der nächstferne Ort, Übersetzung: Josefine Haubold, Königskinder, 2018, 328 Seiten, ab 14, 19,99 Euro

Psychologie lohnt sich

Zu meiner Zeit studierten Betriebswirtschaft nur die Langweiler, die mit Aluaktenkoffern zur Schule gegangen sind und wirklich glaubten, so gleich ins gehobene Management zu steigen. Cool war das nicht. Psychologie hatte durchaus seinen Reiz, aber als Beruf konnte man sich das auch nicht vorstellen.
Eine Generation später ist Wirtschaftspsychologie so begehrt, dass viele es für viel Geld an privaten Universitäten studieren, hierzulande. Ob die alle Arbeit finden und die teure Ausbildung sich schließlich auszahlt, ist wiederum psychologisch ein interessantes Thema.
Auf jeden Fall kann man sich schon in der Schule auf dieses reizvolle Fach einstimmen, mit den hervorragenden Büchern Kernfragen Wirtschaft und Kernfragen Psychologie von Marcus Weeks. Die beiden je 160 anregende Seiten dicken Bände sind der Auftakt einer Sachbuchreihe des Verlags Dorling Kindersley.

Außergewöhnlich gut durch gutes Lektorat

Was macht sie so außergewöhnlich gut? Zum einen das gute Lektorat. Gleich sechs Leute stehen bei der Wirtschaft im Impressum, sogar sieben haben bei Psychologie Fakten überprüft, Themen gesetzt und eine stimmige Struktur entwickelt. Und Texte redigiert und in eine höchst lesenswerte Form gebracht.
Das ist der große Vorzug dieser Sachbücher gegenüber zum Beispiel textlastigen Genreklassikern aus der Reihe Was ist was. Jeweils auf einer Doppelseite wird ein Aspekt wie zum Beispiel Wettbewerb, Genossenschaften oder ethisches Handeln im Wirtschaftsbuch knackig erläutert. Bei der Psychologie werden abstrakte Themen wie Wahrnehmung, Gedächtnis und Wissen neben Fragen, ob man verrückt ist und wie wir uns entscheiden auf zwei Seiten facettenreich beleuchtet.
Vorangestellt ist ein Überblick über verschiedene Schwerpunkte, Spezialisten und Tätigkeitsbereiche des jeweiligen Fachgebiets, beide Bände schließen mit einem ausführlichen Personenregister und Glossar.
Und dazwischen gibt’s geballtes Wissen: Von den Anfängen des Geldes, warum wir von »Banknoten« sprechen, über Aktiengesellschaften, Angebot und Nachfragen und Armut bis zu persönlichen Finanzen spannt sich in den Kernfragen der Wirtschaft der Bogen, alles anschaulich und praxisnah erklärt.

Verrückt oder Volkswirt

Übrigens ist »die Ökonomie keine exakte Wissenschaft, mit der sich Theorien eindeutig beweisen oder widerlegen lassen. Einige Ökonomen machen Vorschläge zur Regelung der Wirtschaft. Aber letztlich ist sie nicht vorhersehbar und sie können auch völlig falsch liegen.« So steht es ganz ehrlich in der Zusammenfassung des ersten Kapitels, nebenbei auch eine treffende Analyse der Finanzkrise von 2007/2008, der bisher schlimmsten seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren. Oder wie es der britische Ökonom Kenneth Boulding erfrischend ehrlich auf den Punkt bringt: »Wer glaubt, exponentielles Wachstum könne in einer begrenzten Welt immer weitergehen, ist entweder verrückt oder Volkswirt.«
Das macht den Charme dieser Bücher neben den klugen Texten aus: die originellen Details, Einsprengsel und Anmerkungen, mal als Fingerzeig in einer Textblase oder als umkringelte Notiz, mal als kleiner Extrakasten. Hierzulande ist das Thema Wohnen und Eigentum brandaktuell. Bei unseren Nachbarn ist das kein Problem: »In den Niederlanden ist fast ein Drittel des Wohnraums im Besitz von Genossenschaften.«
Und in Fernost, im Staat Bhutan, wurde 1972 statt des Bruttoinlandsprodukts ein Maß für das Buttoinlandsglück ins Leben gerufen – arm, aber glücklich. Seitdem veröffentlichen auch die Vereinten Nationen jedes Jahr den Weltglücksreport.

Grafiken, die wirklich informieren statt nur illustrieren

Und immer wieder wird deutlich, wie viel Psychologie in der Wirtschaft steckt. Damit sind wir bei dem sogar noch besseren der beiden Bände. Hier sind die Illustrationen nicht bloß illustrativ und lockern das Ganze hübsch auf. Sondern sie veranschaulichen und intensivieren die Informationen. Sie leiten den Blick und geben jeder Doppelseite eine besondere Dynamik. Sei es der Schneeballeffekt der Wissensbildung, der munter und immer größer werdend über die Seiten purzelt. Oder »Assoziationen, die typisch sind für das menschliche Bewusstsein«, dargestellt in einem Apfel.
Es sind keine Infografiken im üblichen Sinn, also so typische wie langweilige Törtchen und Balkendiagramme mit mehr oder weniger sinnvollen Relationen.
Die Raffinesse der Illustrationen kommt auch bei den zahlreichen Porträts einflussreicher Köpfe zum Ausdruck. Prägende Charakteristika oder Theorien werden mit einfachen Symbolen versehen –  zum Beispiel, ob jemand sich mit Phantomgliedern, Hunden oder Träumen beschäftigt hat, ein Künstler oder viel in Afrika unterwegs war. Aus diesen individuellen Piktogrammen als grobe Pixel setzt sich das Gesicht der Psychologin oder Verhaltensforschers zusammen.
„Dieser erstaunliche Wirrwarr im Kopf macht uns zu dem, was wir sind“ lautet ein Zitat des britischen Neurowissenschaftler Colin Blakemore (zu dem im Anhang nicht verschwiegen wird, dass er Tierversuche befürwortet). Diese Bücher vergrößern das Wirrwarr aufs Beste, , »weil um etwas wirklich lernen zu können, müssen wir es verstehen«, wie schon am Anfang beim Thema Entwicklungspsychologie steht. Man kann sich nur wünschen, dass auch alle Schulbücher so lesenswert und lehrreich wären.

Marcus Weeks: Kernfragen Psychologie, Übersetzung: Edigna Hackelsberger, und Kernfragen Wirtschaft, Übersetzung: Ute Mareik, Dorling Kindersley Verlag, 2019, je 160 Seiten, je 14,95 Euro

Schöne Arroganz der Jugend

mason

Er konnte sie starren hören. Gleich würde sie ihm sagen, dass er ihr ein absolutes Rätsel sei. »Du bist mir ein absolutes Rätsel«, sagte sie. Und dann würde sie ihm sagen, dass sie gar nicht mehr wisse, wer er sei. »Garvie Smith«, sagte sie. »Ich weiß gar nicht mehr, wer das eigentlich ist.«
Mit dieser sehr lebensechten Szene – einer typischen Auseinandersetzung des 16-Jährigen Garvie Smith und seiner resoluten, alleinerziehenden Mutter – beginnt dieser hervorragende Krimi Running Girl von Simon Mason. Garvie ist ebenso intelligent wie gelangweilt von allem. Weshalb er zum Kummer seiner Mutter keine guten Noten mit nach Hause bringt und sich nur sporadisch in der Schule blicken lässt. »Was sah er, das ihn auch nur eine Sekunde lang daran zweifeln ließ, dass das Leben im Allgemeinen nichts weiter als ein in Zeitlupe vor sich hinschleichender, sinnloser, schäbiger und stinklangweiliger Teppichfussel billigster Machart war? Und daher starrte er mit unbewegtem Gesicht weiterhin an die Decke.»Ich glaube, wenn nicht gleich was passiert, raste ich aus«, sagt Garvie.« Und tatsächlich: Kurze Zeit später wird Garvies Mitschülerin, die »schöne, unsympathische Chloe«, ermordet in einem Tümpel aufgefunden. Und Garvies Lebensgeister erwachen.

Vor lauter geistiger Unterforderung unausstehlich

Das ist nur ein Parallele zum berühmtesten Meisterdetektiv Sherlock Holmes. Der wurde vor einigen Jahren in drei BBC-Miniserien mit angemessener Würdigung des Originals exzellent modernisiert. »Gebt ihm einen Fall«, lautet der verzweifelte Ruf seiner Freunde, wenn Sherlock vor lauter geistiger Unterforderung absolut unausstehlich wird.
Revival des legendären Helden von Arthur Conan Doyle, der die von ihm geschaffene Figur schon bald als Monster und Belastung empfand und töten wollte, gab es schon einige, eigentlich war er nie weg. Im Jugendbuch berufen sich auffällig viele weibliche Hauptfiguren auf  Sherlock, zum Beispiel Ingrid in der packenden Trilogie von Peter Abrahams Anfang der 2000er Jahre. Auch bei den aktuellen Krimis fragen sich die jungen, klugen Heldinnen wiederholt »Was würde Sherlock tun?« Und das liegt nicht daran, dass der berühmte Detektiv in Benedict Cumberbatch einen hinreißend attraktiven Wiedergänger gefunden hat.
Simon Mason erwähnt den genialen Kriminalisten namentlich nur spöttisch-ironisch.
Bewusste Irreführung, denn das Vorbild schimmert überall durch und wird ebenso charmant wie raffiniert neu interpretiert – nicht nur in Form von Garvie Smiths sehr ansehnlich beschriebenem Äußeren.

Sherlocks Wiedergänger

Er ist ein brillanter Beobachter mit fotografischem Gedächtnis und nimmt jedes Detail, besonders die vermeintlich unwichtigen wahr.  Seine Merkfähigkeit ist erstaunlich, nebenbei jongliert Garvie im Kopf mit komplexen Zahlen und zieht nachvollziehbare Analogien aus der abstrakten Mathematik. Und er kann sich an Szenen und Dialoge so exakt erinnern, dass es fast quälend ist.
Der 16-jährige Gelegenheitskiffer sieht immer hinter das Offensichtliche und lässt sich nie zu voreiligen Schlussfolgerungen verleiten. Weshalb er auch bei der ersten Begegnung mit Inspektor Singh diesem wütend »Es sind alles die falschen Fragen!« entgegenschleudert. Der Sikh Ramidar Singh ist ein moderner Inspektor Lestrade, nicht dumm, aber gefangen in einem konservativen Polizeiapparat und starren Vorurteilen und immer einen Schritt hinter dem geistig enorm wendigen Garvie.

Angenehm pädagogisch inkorrekt

Der hübsche Schlacks hat eine rasante Auffassungsgabe und erkundet zum Beispiel blitzschnell eine terra incognita wie die weibliche Psyche und verwendet sie für seine Zwecke. Gleichzeitig kokettiert er: »Nichts ist das einzige, was ich wirklich gut beherrsche.« Überhaupt nichts hält er von Ordnung, »sie erschien ihm als eine Form persönlicher Verblödung«. Tatsächlich gerät die »verhängnisvolle Dämlichkeit der Ordnungsliebe« dem Täter zum Verhängnis.
Wie Sherlock greift Garvie auch auf die Fähigkeiten seiner kleinkriminellen Freunde zurück. Ob die Methoden, ein Fahrradschloss oder eine Balkontür zu knacken, tatsächlich so funktionieren, wie minutiös beschrieben, würde man gern ausprobieren. Das ist nur ein erfrischendes Detail von Simon Masons flottem und packendem Stil. Garvie raucht Zigaretten und Gras, das ist stimmig und angenehm pädagogisch unkorrekt. Entzückend ist ein kurzes Zitat aus dem Klassiker To Have and Have Not, der coolste Flirt der Filmgeschichte und gleichzeitig die erste Begegnung Humphrey Bogarts mit seiner späteren großen Liebe und Ehefrau Lauren Bacall. Aber keine Sorge, eine Liebesgeschichte gibt’s in Running Girl nicht.
Überhaupt schreibt Mason, der im Hauptberuf Verlagsleiter ist und bereits die  sympathisch schräge Familiensaga der Quigleys geschrieben hat, wunderbar kitsch- und klischeefrei. Mit so originellen Einsprengseln wie den »auf gewinnende Art schiefen Zähnen«  eines jungen Polizisten.

Beinahe tödliche Coming-of-Age-Erkenntnis

Bis auf eine spätere Szene mit Garvies im Laufe der Geschichte immer mehr von Sorgen zerfressenen Mutter. Aber was zunächst wie ein Fall von emotionaler Erpressung, eine der scheußlichsten Erziehungsmethoden überhaupt, wirkt, läuft später auf eine Coming-of-Age-Erkenntnis hinaus. Natürlich ist Garvie Smith auch die pure Arroganz der Jugend: Man hat alles gecheckt, weiß viel besser, wie das Leben läuft, und die Alten haben sowieso keine Ahnung. Aber plötzlich, auf schmerzhaft eindringliche und beinahe tödliche Weise, versteht Garvie, was es bedeutet, Verantwortung zu tragen: »Ich weiß es jetzt«, flüsterte er, den Mund gegen ihre Schulter gepresst, »ich weiß, was es heißt, Mutter zu sein. Ich weiß, wie es ist, wenn alles deine Schuld ist.« Ein bisschen melodramatisch, aber wahr.
Karsten Singelmann hat Running Girl bereits 2014 übersetzt, damals erschien der Roman unter dem Titel einfallsreicheren Titel Zu schön, um tot zu sein, Rowohlt übernimmt einfach das englische Original. Bei der Gelegenheit hätte ein kleiner Makel redigiert werden können: Es wird ein bisschen zu oft »die Stirn gerunzelt«. Da hätte ein »skeptischer Blick« oder eine »nachdenkliche Mine« oder ein »grübelnder Gesichtsausdruck« gut getan.
Dem fesselndem Krimivergnügen insgesamt mit einem der liebenswertesten Sherlock-Epigonen schadet das nicht. Und der zweite Band Kid Got Shot ist auch soeben erschienen.

Simon Mason: Running Girl, Übersetzung: Karsten Singelmann, Rowohlt, 2019, 480 Seiten, ab 14, 14,99 Euro
Simon Mason: Kid Got Shot, Übersetzung: Alexandra Ernst, Rowohlt, 2019, 416 Seiten, ab 14, 14,99 Euro

Eine Frage der Identität

Dieser Tage kann man Angie Thomas quasi im Doppelpack erleben. Im Kino läuft seit vergangener Woche die sehr gelungene Verfilmung ihres Debüt-Romans The Hate U Give, im Buchhandel ist ab heute ihr neues Werk mit dem Titel On The Come Up zu haben.
Auch Thomas‘ neuer Roman spielt im selben Viertel wie THUG, in Garden Heights, einer nicht genannten amerikanischen Großstadt. Ging es im Vorgängerroman um Polizeigewalt gegen die schwarze Bevölkerung und begann spektakulär mit den Tod eines Jungen, so ist die Gewalt in On The Come Up anders gelagert. Hier stirbt niemand, doch nett oder gar beschaulich geht es auch jetzt nicht zu. Thomas erzählt von der jungen Rapperin Bri, deren Familie kurz davor steht, obdachlos zu werden, da die Mutter ihren Job verliert und die laufenden Rechnungen nicht mehr bezahlt werden können. Bris Bruder findet trotz guter Ausbildung nur eine mies bezahlte Anstellung in einem Pizza-Laden. Der Vater, der im Viertel ein angesehener Gangsta-Rapper war, ist schon vor Jahren, als Bri noch klein war, bei einer Schießerei (die hier eben nicht erzählt wird) umgekommen.

Zwischen Leidenschaft und Rollenspiel

Bri möchte ihrer Familie helfen, indem sie als Rapperin groß durchstartet. Und sie kann Talent vorweisen. In einem Battle schlägt sie den Sohn eines Rap-Managers und wird quasi über Nacht zu einer Berühmtheit. Allerdings mit einem Song, in dem sie sich selbst als bewaffnet und zur Gewalt bereit darstellt. Damit reagiert sie auf einen Vorfall in ihrer Schule, bei dem zwei Sicherheitsbeamte sie bei der Taschenkontrolle aus rassistischen Gründen überwältigt und zu Boden geworfen haben. Rasch wird sie als Drogendealerin verunglimpft, obwohl sie nur Süßigkeiten verkauft hat – doch als Tochter einer ehemaligen Drogenabhängigen ist so ein Urteil schnell gefällt.

Mit einem Mal muss Bri feststellen, dass sie zwar Rap-Talent und eine Botschaft hat, doch dass diese Botschaft nicht so verstanden wird, wie sie es sich gedacht hatte. Der Rap-Manager würde sie allerdings gern unter Vertrag nehmen und ködert Bri mit schicken Timberlands und einem Radio-Interview. Bri sieht sich dem Erfolg schon ganz nah – bis sie hinter die Kulissen schaut und eine Entscheidung trifft.

Die Stimme erheben

Angie Thomas ist hier erneut eine sehr komplexe und faszinierende Geschichte gelungen, in der sie zahlreiche Themen anspricht und zu einem wahren Pageturner verflechtet. Sie führt den Leser_innen vor Augen, wie schwierig es ist, sich aus alt eingesessenen Strukturen zu befreien – sei es von einer Drogenabhängigkeit, sei es von dem Vergleich mit dem Vater, sei es aus einem Problemviertel herauszukommen und die Armut zu überwinden. Überall stoßen Bri und ihre Familie auf Widerstände, Vorurteile, Missgunst oder Gier.
Bri als impulsive 16-Jährige, die durch die Vorfälle, die in THUG geschildert werden – auf den Vorläuferroman spielt Thomas immer wieder sehr geschickt an –, verstanden hat, dass sie ihre Stimme erheben muss, hält folglich nicht den Mund. Sie redet den anderen nicht nach dem Maul, sondern sagt unumwunden ihre Meinung. Und macht sich damit angreifbar.

Wer bin ich?

Über allem steht für mich fast nicht so sehr die Frage, wie man in der Gesellschaft aufsteigt (eng. the come up), sondern wer man/frau selbst sein will. Was prägt die eigene Identität? Die Herkunftsfamilie? Der eigene Kiez? Die Leidenschaft, für die man alles tun würde? Bri stellt sich diese Fragen zwar nie konkret, doch sie schwingen immer mit, bei ihr, bei ihrem schwulen Freund, bei Mutter und Tante. Für Bri ist die Verlockung groß, für ihre Leidenschaft – das Rappen – alles zu geben und, wie von ihrem gierigen Fast-Manager empfohlen, eine Rolle zu spielen. Angie Thomas beschreibt dies so unmittelbar aus Bris Perspektive, dass man ihr den Erfolg und den (finanziellen) Durchbruch eine Zeit lang durchaus wünscht. Doch schnell wird auch klar, dass darin nicht das Glück liegt.
Denn das Offensichtliche ist nicht immer das, was einen Menschen glücklich macht. Das entdeckt Bri neben all den Karriere-Aufregungen dann fast noch wie nebenbei, als sie merkt, dass ihr alter liebenswerter Kumpel Malik nicht so ein Herzklopfen und Britzeln bei ihr auslöst, wie der coole Curtis.

Das Rapper-Vokabular

Sprachlich zeichnet sich On The Come Up, wie schon THUG, durch sehr viel Slang, Ghettosprache sowie amerikanische Jugend- bzw. Hiphop-Sprache aus. Hier muss man der Übersetzerin Henriette Zeltner erneut höchsten Respekt zollen, da sie dieses spezielle Vokabular so im Text belässt, dass es sich authentisch anhört, man aber durch ihre sprachlichen Hinleitungen immer genau weiß, was die einzelnen Ausdrücke und die Rap-Texte, die komplett auf englisch belassen wurden, bedeuten. Ich glaube jedoch, dass für die Jugend, die eh schon viel intensiver mit der englischen Sprache groß wird, als meine Generation, mit all diesen Texten und Worten keine Schwierigkeiten haben wird.
Für gewisse Zweifelsfälle kann man hinten im Glossar nachschlagen und sich schlau machen.

Auch ohne den Vorgänger THUG zu kennen kann man On The Come Up sehr gut lesen. Die Anspielungen an THUG, die Thomas in die neue Geschichte einwebt, bringen den Kennern ihres Debüts die Erinnerungen daran zurück, die Thomas-Neulinge werden auf jeden Fall neugierig gemacht, diese Lektüre nachzuholen.
Und wer es schneller haben möchte, kann dieser Tage The Hate U Give im Kino anschauen – und wird von Amandla Sternberg als Starr Carter hoffentlich genauso begeistert sein wie ich.

Angie Thomas: On The Come Up, Übersetzung: Henriette Zeltner, cbj, 2019, 512 Seiten, ab 14, 18 Euro

Mädchen, werdet laut!

moxie

Vor wenigen Tagen hat die Süddeutsche Zeitung ein Projekt zu Geschlechterklischees in Kinderbüchern veröffentlicht. Allein die Auswertung der Meta-Daten von Tausenden von Büchern zeigt bereits, dass – anders als gefühlsmäßig angenommen – männliche Protagonisten immer noch in der Überzahl sind, die weiblichen Heldinnen nicht so komplexe Abenteuer erleben dürfen und die Verschlagwortung den Jungs mehr Begriffe zugesteht. Vermutlich lese ich nicht genug Kinderbücher und lasse mich von den Jugendbüchern blenden, unter denen es mittlerweile doch so einige Geschichten von Mädchen gibt, die gegen die Klischee angehen und feministische Töne anschlagen. Aber vermutlich müsste man auch hier mal eine Meta-Daten-Analyse durchführen, um ein genaueres Bild zu bekommen.

Machogehabe an der Highschool

Ein aktuelles Jugendbuch, das gegen die männliche Dominanz angeht, ist in jedem Fall Jennifer Mathieus Moxie – Zeit, zurückzuschlagen. Die Heldin Vivian hat es nämlich satt, sich in ihrer Highschool, in einem kleinen Seekaff in Texas, von den Jungs ständig dumme Sprüche anhören zu müssen, in denen die Mädchen auf ihre vermeintliche Rolle in der Küche reduziert werden. Die Jungs haben an ihrer Schule alle Freiheiten der Welt: Sie dürfen T-Shirts mit Machosprüchen tragen, während den Mädchen die Miniröcke und Tops verboten werden. Die Jungs können die Mädchen körperlich angehen, ohne dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Und das Football-Team steht als Inbegriff von Männlichkeit und Erfolg über allem und wird von allen Seiten finanziell unterstützt, während die Mädchen das Nachsehen haben.

Moxie ruft zum Widerstand auf

Viv nervt dieses Gesamtsituation ziemlich. Eines Tages stöbert sie in den alten Sachen ihrer Mutter, die Viv seit dem Tod ihres Vater allein großzieht. Dort findet sie Andenken an deren rebellische Jugend und Riot-Grrrl-Manifeste, die eine ganz andere Seite der Mutter offenbaren. Viv kommt die Idee, selbst ein Zine, also ein Magazin, für Mädchen zu gestalten und an der Schule zu verteilen. Im Alleingang und ohne, dass sie irgendjemandem davon erzählt, stellt sie vier Seiten zusammen, kopiert sie und verteilt sie schließlich auf den Mädchentoiletten. Sie tauft ihr Zine Moxie, was so viel wie Mut, Tatkraft und Selbstbewusstsein bedeutet – und bei ihr für all die Mädchen steht, die sich nichts gefallen lassen. Als erstes Erkennungszeichen fordert sie die Leserinnen auf, sich Sterne auf die Hand zu malen, falls sie ebenfalls ein Moxie-Girl sind.

Zunächst scheint Vivians Zine nicht viele Mädchen aufzurütteln, nur wenige kommen am verabredeten Tag mit Sternen auf der Hand in die Schule. Doch als die Kleiderkontrollen des Direktors immer absurder werden und immer mehr Schülerinnen beschämen, fordert Viv in der nächsten Ausgabe die Leserinnen auf, im Bademantel zum Unterricht zu kommen. Dieses Mal folgen dem Aufruf von Moxie bereits mehr Schülerinnen. Ein erstes Gefühl von Gemeinschaft macht sich breit.
Die gute Stimmung unter ihnen jedoch sinkt wieder, als neben einem „Mädchen-Vergleichs-Wettbewerb“ im Internet, bei dem Jungs über den Coolness/Schönheitsfaktor der Mädchen abstimmen, zusätzlich bei den Jungs ein übergriffiges Spiel angesagt ist, bei dem sie die Mädchen begrapschen. Schließlich geht einer noch weiter. Da ruft Moxie zum Streik auf – doch dieses Mal steckt nicht Vivian hinter der Veröffentlichung. Und Vivian gerät in einen schweren Gewissenskonflikt.

Gemeinsam stark

Mathieus Roman, von Alice Jakubeit souverän ins Deutsche übertragen, liest sich wie im Rausch runter. Mag sein, dass die Lage an der Schule etwas zugespitzt und übertrieben ist – normalerweise würde eine frauenfeindliche Aktion ja schon ausreichen, um auf die Barrikaden zu gehen. Doch als erzählerisches Mittel treibt es die Leserinnen vorwärts, sodass deren Wut proportional zu der Wut der Mädchen in der Geschichte steigen dürfte. So emotional mitgenommen wirkt eine Lektüre später sicherlich auch nach außen und in das hiesige Schulleben. Denn zum Glück solidarisieren sich die Mädchen im Buch, Viv lernt neue Mitschülerinnen kennen und überwindet eigene Vorurteile gegenüber anderen, die sie zunächst für arrogant gehalten hat. Mehr und mehr wird den Schülerinnen bewusst, dass sie nur gemeinsam gegen Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Gewalt kämpfen können. Und sensibilisieren damit auch gleichzeitig die Leserinnen, was sie, sollten sie Ähnliches erleben, machen könnten.

Die Sensibilisierung geschieht nicht nur durch die Aktionen der Mädchen, sondern auch durch die abgebildeten Moxie-Ausgaben, in denen Viv neben Bildern von 40er-Jahre Boxerinnen mit jeder Ausgabe mehr und mehr Infos zur weiblichen Selbstwahrnehmung, zu unsinnigen Kleiderordnungen sowie Zahlen zu sexueller Belästigung und den psychischen Folgen davon liefert. Sie zeigt aber auch, dass sexuelle Diskriminierung nicht erst mit einer Vergewaltigung zu einem Delikt wird, das frau anzeigen sollte, sondern oft schon viel früher beginnt –  in vermeintlich normalen Situationen zwischen Mädchen und Jungen.

Liebe inklusive

Jetzt könnte man denken, dass in diesem Roman alle Jungs doof sind. Zugegeben viele sind es, aber Mathieu hat natürlich – erzähltaktisch clever – auch ein gutes Exemplar in die Geschichte eingebaut. Seth, der gut aussehende Neuzugang an der Schule, findet die Moxie-Zines klasse, noch bevor herauskommt, von wem sie eigentlich stammen. Und er mag Viv und unterstützt sie. So wird der durchaus aufregende Kampf um Gleichbehandlung und Gleichberechtigung von diesem Liebes-Plot-Strang begleitet. Ganz im Sinne: Frau kann Feministin sein und trotzdem einen Mann lieben. Hier gleitet es vielleicht ein bisschen ins Klischee, doch wenn es jungen Mädchen die Angst nimmt, sie würden allein bleiben, wenn sie sich feministisch betätigen, hat das durchaus seine Berechtigung. Und es zeigt zudem, dass auch Jungs sich für den Feminismus und die Gleichberechtigung begeistert können. Auch das ein Thema, das noch viel zu wenig dargestellt wird.

Jennifer Mathieu: Moxie – Zeit, zurückzuschlagen, Übersetzung: Alice Jakubeit, Arctis Verlag, 2018, 352 Seiten, ab 14, 16 Euro