Fuchs, du zeigst ganz unverhohlen

Wolf Erlbruch ist wirklich ein Schöpfer wundervoller Kinderbücher mit einer einzigartigen, unverwechselbaren Bildsprache. Sein bekanntestes Werk, das mit dem Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat, ist gar nicht repräsentativ für seinen Stil. Kunstwerke wie Nachts, Ente, Tod und Tulpe oder Die große Frage sind sowohl optisch als auch thematisch reizvoller und brillanter, besonders, wenn man sich weniger für den Kacka-Komplex und mehr für eben große Fragen interessiert.

Der Wuppertaler Illustrator Erlbruch dominiert hierzulande, neben dem in England lebenden Axel Scheffler, die Bilderbuchszene.
Und doch gibt es auch neue, exzellente Illustratoren, von denen man sich noch viele Bilderbücher mehr wünscht. Mit einiger Verspätung habe ich jetzt die Berlinerin Nele Brönner entdeckt. Ihr Debüt Affenfalle ist im österreichischen Luftschacht Verlag erschienen und wurde auch gleich mit dem Serafina Illustrationspreis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet.

Affenfalle kommt wie der Held des Buchs auf leisen, weichen Pfoten daher. Die Flächen gestrichelt, weit und in Fahlgelb wie die ausgetrocknete Steppe, in der die Geschichte spielt. Nur der schmale, junge Fuchs sticht mit seinem kräftig roten Fell hervor. Anfangs ist er nur ein kleiner Farbfleck, der sich durch ein großes Fast-Nichts bewegt, man fühlt die flirrende Hitze und seinen schrecklichen Durst.

Auf der Suche nach Wasser begegnet der Fuchs anderen Tieren, die auf unterschiedliche Art ihren Durst stillen: Erdferkel laben sich an stacheligen Nara-Melonen, die Gazelle wandert auf ihren langen Beinen zwei Tage bis in die Berge, Chamäleon und Käfer kommen mit einem Tropfen pro Tag aus. Zwischen Fuchs und anderen Steppenbewohnern entspinnen sich kurze, kuriose und interessante Dialoge, schön ist das wiederholte, abschließende „Hm“, das die beiderseitige Ratlosigkeit, wie der Fuchs seinen Durst stillen kann, elegant auf den Punkt bringt. So überzeugt Nele Brönners Affenfalle auch sprachlich.
Schließlich kommen wir zu den namensgebenden Affen und der Falle, in die die Tiere nur wegen ihrer Gier und ihres Geizes reinfallen.

Schlaue Füchse finden sich oft Fabeln und machen auf Missstände im Zusammenleben aufmerksam. Dieses faszinierende Bilderbuch nun führt eben diese zwei schlimmen Geißeln der Menschheit vor: Die Gier als den Motor des menschenverachtenden, grenzenlosen Kapitalismus. Und den Geiz, der noch nie geil war. Es sind Verbrechen der Menschheit gegen sich selbst, verantwortlich für Armut, Hunger, Krieg, Flucht und Klimakatastrophen.

Mit Grips und Geduld schlägt der fast schon dem Tode geweihte Fuchs die Affen mit ihren eigenen Waffen und triumphiert schließlich ebenso stilvoll wie spektakulär, ganz ohne Gedöns. Und das beschreibt dieses brillantes Buch sehr treffend.
Möge es nicht ein einzelnes Kleinod bleiben. Denn Nele Brönner ist eine würdige Nachfolgerin des großen Wolf Erlbruch.

Elke von Berkholz

Nele Brönner: Affenfalle, Luftschacht Verlag, 2015, 32 Seiten, ab 4, 21,30 Euro

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Vom preisgekrönten Sinn und Unsinn im Leben

erlbruchDiese Woche läuft in Bologna die Kinderbuchmesse – und jeder Buchmensch, der sich mit Kinder- und Jugendbüchern beschäftigt, ist entweder dort oder beobachtet aus der Ferne die Geschehnisse.

Dieses Jahr habe ich es leider nicht in dieses Geschichten- und Illustrationsparadies geschafft und bekomme die News also nur über die Medien. Eine schöne gab es gestern: Der Illustrator und Kinderbuchautor Wolf Erlbruch ist dieses Jahr mit dem hoch geschätzten und hoch dotierten Astrid Lindgren Memorial Award (ALMA) ausgezeichnet worden. Herzlichste Glückwünsche!

Die meisten werden Erlbruch sicherlich mit dem Maulwurf verbinden, der das Dilemma auf seinem Kopf klären will, ich hingegen habe ihn durch zwei andere kleine Bücher kennengelernt.
Seine visuelle Interpretation des Goeth’schen Hexen-Einmal-Eins fasziniert mich immer wieder. So kryptisch wie die Reime des Geheimrats, die einem so sanft von der Zunge gehen und doch keinen eigentlichen Sinn ergeben, so geheimnisvoll sind auch die Collagen, die Erbruch dazugestellt hat. Mechanische Figuren, ein rauchender Seemann mit einem überlangen Boot unter dem Arm, Boxer, eine schöne Frau, eine Gänse-Fünf, der Sensenmann … es ist herrlich. Auf wenigen Seiten gibt es viel zu entdecken, und seien es die Zahlenkolonnen und die französischen Worte in den Papierschnipseln.
Und ganz ohne Sinn füllt sich der Geist des Lesers und Betrachters mit Klang und Bildern. Man fängt an zu träumen und zu staunen. Ganz leicht, ganz schön.

erlbruchDer Gans und dem Sensenmann begegnet man dann in dem Büchlein Ente, Tot und Tulpe wieder, das Erlbruch sowohl als Autor wie als Illustrator geschaffen hat. Das Zwiegespräch, das die Ente (die für mich eher wie eine Gans aussieht) hier auf wenigen Seiten mit dem Gevatter Tod führt, ist so rührend und voller Essenz, dass ich bei jeder Lektüre wieder schlucken muss. Doch ist in dieser Begegnung der beiden auch so viel Tröstliches, dass der Tod am Ende wie ein guter Freund dasteht.

Die philosophische Tiefe, mit der Erlbruch hier über die Allgegenwart des Todes, seines Dazugehörens zum Leben und dem Verschwinden der Welt nach dem Tod hier erzählt, ist meiner Ansicht nach, so auf den Punkt gebracht, dass man sich lange Abhandlungen von Philosophen durchaus schenken kann. Die Seitenhiebe des Todes auf christliche Glaubensüberzeugungen, was den Tod angeht, sprechen mir persönlich aus der Seele. So stößt er im Vorbeigehen auch noch das Nachdenken über den Unterschied zwischen Glauben und Wissen an.

In diesem Meisterwerk verliert der Tod seinen Schrecken. Die Gans hat das große Glück, sanft einzuschlafen. Denn die Grausamkeit des Sterbens bleibt ein Teil des Lebens und kommt in Form von Unfall oder schlimmem Schnupfen. Das ist dann aber eine andere Geschichte. Der Tod hingegen, der der toten Ente eine Tulpe mit auf den letzten Weg gibt, ist ein gutmütiger Geselle.

Ein besseres Trostbuch für kleine und große Menschen ist mir bis jetzt noch nicht untergekommen. Dafür sage ich Danke, Wolf Erlbruch!

Wolf Erlbruch/Johann Wolfgang von Goethe: Das Hexen-Einmal-Eins, Hanser, 2016, 32 Seiten, ab 3, 7,90 Euro

Wolf Erlbruch: Ente, Tod und Tulpe, Kunstmann, 2007, ab 4, 32 Seiten, 14,90 Euro

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Wenn Worte heilen

krankKrank zu sein, das wünscht sich niemand. Die Stimme krächzt, der Kopf schmerzt, die Nase trieft, in den Ohren pocht es fürchterlich. Und manchmal ist es kein Schnupfen, der quält, sondern ein Stolperer, und, schwupps, ist die Beule da.

Aber halt, Hilfe wartet gleich um die Ecke. Da gibt es nämlich eine beeindruckende Schar eifriger Profis. Die Igelgroßfamilie ist in Sachen Gesundheit auf dem neuesten Stand.
Verbände und Massage, Hustensaft und heißer Tee, Wärmflasche und Eisbeutel. Der Erste-Hilfe-Koffer ist stets gepackt und los geht´s zu den Patienten über Stock und Stein. Kein Weg ist zu weit, ob über Land oder zu Wasser. Und auch wenn jeder Einzelne glaubt, ihn habe es am schwersten getroffen, die Igeldoktoren wissen es besser: „Es geht noch schlimmer!“ Treffen kann es jeden: Hund und Katz, Esel und Kuh, Maus und Maulwurf, Ziege und Schaf, Frosch und Ente. Ja, selbst das arme Schweinchen fühlt sich gebeutelt.

Sicher, Pflaster oder Gips nehmen den ersten Schmerz. Doch die Igelei weiß ganz genau: Nichts geht über ganzheitliche Medizin! Ein liebes Wort, ein leichtes Streicheln, das ist mindestens so wichtig. So werden aus lädierten Kranken fix fidele Zeitgenossen, die gemeinsam ein Riesenfest schmeißen.

Regina Schwarz und Michael Schober bereichern die Bilderbuchszene seit vielen Jahren, es ist ein Genuss, die beiden als Team zu erleben. Sollte jemand wider Erwarten Das verrückte Schimpfwörter-ABC noch nicht kennen (nur als Beispiel), dem sei es an dieser Stelle herzlich anempfohlen!

SIE dichtet quicklebendig und schöpft behände aus einem lautmalerischen Wortschatz, der schon die Jüngsten anspricht. Schnell ist der Reim erfasst, flugs sprechen alle die kurzen Texte im Chor. — ER, der Bildkünstler, trifft den richtigen Ton, ob beim Layout oder Heldenporträt. Wie im Text so lebt auch die Illustration von Konzentration und öffnet damit umso mehr Möglichkeiten zur Identifikation. Wir werden Teil der Geschichte.

Ach ja, am Ende dieses gelungenen Bilderbuchs erwartet uns alle noch ein wunderbares Extra. Ein Tröstometer! Auf seiner Skala kann sich der junge Patient (und bestimmt auch der etwas ältere) von ein bisschen Trost bis ganz viel wünschen. Seht selbst, wann ein Knuddeln, ein gemeinsames Lied oder eine Vorleseauszeit die größte Chance auf Gesundung verheißt!

Heike Brillmann-Ede

PS: Da bei aller Kunst die Lektorate oft ein wenig kurz kommen, sei an dieser Stelle und ganz ausdrücklich der kreativen Esslinger-Spezialfrau Sabine Frankholz ein großes Lob ausgesprochen!

Regina Schwarz: Schlimmer geht immer!, Illustration Michael Schober, Esslinger, 2017, 32 Seiten, ab 3, 13,99 Euro

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Das beste Schlafmittel überhaupt

einschlafenWenn ich sehe, wie schwer es meinem Neffen, 3, fällt einzuschlafen, tut es mir immer irgendwie in der Seele weh. Diese unbändige Lust, den Tag auszudehnen, obwohl die Stimmung im Keller ist, die Kräfte erschöpft sind und die Augen kaum noch offen bleiben. Doch der kleine Herr will partout nicht ins Bett. Eltern kennen das.

Rituale sollen ja helfen. Ich werde meinem Neffen demnächst mal dieses Bilderbuch von Chris Haughton vorlesen – falls ich nicht dabei einschlafe. Denn hier wird viel gegähnt und das ist ja bekanntlich ansteckend. In diesem montessorisch-knallbunten Werk geht die Sonne über dem Wald unter und alle Tiere sind müde, die Mäuse, die Hasen, die Rehe und selbst der große Bär gähnt.
Nur der kleine Bär ist noch nicht müde. Gar nicht. Er will noch ne Runde spielen und fragt also mal bei seinen Freunden, den Mäusen, den Hasen, den Rehen. Nichts zu machen, alle sind zu müde. Und so eine Suche nach Spielkameraden macht ziemlich müde, stellt der kleine Bär fest und gähnt.

Die Pointe ist klar. Alles schläft. Und als Vorlesende hat man  – wie schon angedeutet – unglaublich Mühe, nicht selbst zu gähnen und sich zum Kind ins Bett zu kuscheln und eine Runde zu schlafen.
Dieses eigentlich einfach Konzept, gähnende und schlafende Tiere zu zeigen, funktioniert. Durch die beständige Wiederholung von Gähnen und Schlafen dürfte eigentlich kein Auge offen bleiben.

Farblich und künstlerisch ist Haughtons Gute Nacht allerseits ein Knaller. Pink, Fuchsia, Zitronengelb, Frühlingsgrün treffen mit dunkelblauen Tieren zusammen und sind ein Augenschmaus. Die etwas grob ausgeschnittenen Figuren mit den schlafenden Augen mag man sofort. Sie erinnern ein bisschen an Frederick von Leo Lionni, sind eine wunderbare Hommage an die schlaue Maus. Auch an Eric Carles Kleine Raupe Nimmersatt gibt es eine Andeutung, in Form von geviertelten Seiten, die mit jedem Umblättern breiter werden.

Ich jedenfalls habe mich bereits beim ersten Lesen in den kleinen Bären verliebt und werde diesen Schatz auf meinem Nachttisch deponieren – falls mein Neffe ihn wieder hergibt.

Chris Haughton: Gute Nacht allerseits, Übersetzung: Stephanie Menge, Sauerländer, 2017, 32 Seiten, ab 3, 14,99 Euro

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Es gibt kein schlechtes Wetter …

regenWow! Schon der Umschlag ist eine Augenweide. Man hört den Regen förmlich platschen und fühlt jeden einzelnen Tropfen, streichen die Finger zart über das Coverbild. Eine kleine Ente schwimmt munter in einem Pfützensee, und auf den Stufen vor dem Haus sitzt ein kleiner Junge. Mit rot gepunktetem Schirm und Unternehmungslust im Blick. Was hat er vor?

Der Blick ins Haus macht deutlich: Der Junge und sein Opa verbringen den Tag zwar unter demselben Dach, aber nicht gemeinsam. Während der Opa schwer beschäftigt ist, viel Papier zu beschriften, schaut der Enkel abwechselnd durchs Fenster in die Welt und dann wieder in seine Bilderbücher. Draußen herrscht Dauerregen, drinnen Langeweile. Ganz kribbelig vor lauter Nichtstun versucht der Junge alles, um Opa vor die Tür zu locken. Regen ist so toll!! Mit der Zunge kann man Tropfen auffangen, in Pfützen hüpfen und sich darin spiegeln. Oder so tun, als würde man auf dem weiten Meer segeln, Seeungeheuer bekämpfen und in die „schwimmende Stadt“ reisen, die der Junge aus seinen Büchern kennt. Doch egal, was er vorschlägt, Opa sagt, erst müsse der Regen aufhören. So ist die Nase fast plattgedrückt, als es unverhofft heißt: „Beeilung! Los — wir müssen dringend zur Post!“

Und das Wetter ist Opa plötzlich piepegal. Rein in die hohen Gummistiefel und die knallblauen Jacken, die an Kapitänsuniformen erinnern. Die Reise kann beginnen! Und das Ziel? Venedig, die Gondeln, das bunte Treiben der Masken im Karneval …

Sam Usher, dessen Helden wir bereits aus Mein Schneetag kennen, begeistert erneut mit einer lebensechten Geschichte und mit seinem temperamentvollen jungen Ich-Erzähler. Greifbar und verständlich erzählt Usher von den unterschiedlichen Wünschen, Wahrnehmungen und Geschwindigkeiten bei Jung und Alt. Ihr Zwiegespräch in Mimik und Wort zieht rein ins Bild und lässt uns in die eine wie die andere Rolle schlüpfen. Großflächige Illustrationen wechseln sich ab mit kleinen Szenerien, die die grenzenlose Fantasie des einen und die konzentrierte Beschäftigung des anderen spiegeln. Und dann diese Doppelseiten mit spritzendem Regen vor grau changierenden Hintergrund, rot-blau-orangen Spiegelungen und vereinzelten, schirmbewehrten Passanten! Unsere Empathie wächst, je öfter wir die schemenhafte Gestalt des Jungen hinter dem Fenster entdecken. Und auf einmal reißt der Himmel ein wenig auf, und eine Gondel schiebt sich vorsichtig ins Bild.

Sam Ushers leichter, farbenfroh-heiterer Strich lässt an Quentin Blake denken (und die Physiognomie des Großvaters erst recht). Und tatsächlich gehören Blake, aber auch Hergé, Sempé, Ronald Searle und Emma Chichester Clark zu Ushers Vorbildern. Dieser junge Illustrator macht eindeutig Lust auf weitere Bild-Text-Kreationen und auf Enkel-Großvater-Geschichten, über die er derzeit nachdenkt. Gerne auch in deutscher Übertragung von Meike Blatnik mit ihrem feinen Gespür für Tonalität.

Übrigens: Sam Usher ist mit Regen gerade für die Kate Greenaway Medaille 2017 nominiert worden, die britische Auszeichnung für herausragende Illustration.

Heike Brillmann-Ede

Sam Usher: Regen, Übersetzung: Meike Blatnik, Annette Betz, 2017, 32 Seiten, ab 4 (und jedes Alter!), 14,95 Euro

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Frechheit siegt

hexenfeeGut, hier muss ich von vornherein zugeben, dass ich parteiisch bin. Denn seit ich vor anderthalb Jahren das Bilderbuch Der goldene Käfig von Anna Castagnoli mit den Illustrationen von Carll Cneut übersetzt habe, bin ich in die Bilderwelten des Belgiers verliebt.

Nun hat Cneut die Geschichte der Hexenfee, aus der Feder von Brigitte Minne und frech neuübersetzt von Rolf Erdorf, ein weiteres Mal illustriert. Eine erste Version ist in Belgien bereits 1999 erschienen, 2006 von Mirjam Pressler ins Deutsche übersetzt und hier mittlerweile vergriffen.

Die Hexenfee erzählt von dem Feenmädchen Rosmarinchen, die so gar keine Lust hat, lieb und ordentlich zu sein, wie es sich für ein Fee gehört. Den Zauberstab, den sie zum Geburtstag bekommt, findet sie doof. Rollschuhe hätte sie lieber und überhaupt wäre sie viel lieber eine Hexe. Die dürfen sich schmutzig machen und mit einem Boot über den Bach fahren.
Keine der Feen kann Rosmarinchen überzeugen, dass Hexen gemeine Biester sind. Die kleine Fee zieht in den Hexenwald, und dort erfüllen sich ihre Wünsche vom Rollschuhlaufen und Boot fahren. Und das Fliegen auf einem Besen lernt sie auch noch.
Doch Rosmarinchens Mama vermisst die Tochter und folgt ihr in den Hexenwald. Und lernt Erstaunliches.

Minne zeigt mit dem Märchen Hexenfee, dass man im Leben nicht immer das eine oder das andere sein muss, sondern mehreres in sich vereinen kann. Sie zeigt, dass Mädchen nicht immer die brave Fee sein müssen, sondern dass die Frechheit der Hexen Spaß machen, das Leben bereichern und auch Eltern zum Umdenken bringen kann. Hier wird den Mädchen, die auch heute noch viel zu oft in überkommene Rollenklischees gepresst werden, der Rücken gestärkt, sich gegen elterliche Vorgaben aufzulehnen, wenn sie in sich den Wunsch nach etwas anderem verspüren.

Der Illustrator Cneut zeigt die Feenmädchen zunächst in einem altrosa Luftschloss, mit den typischen cneutschen Spitzhüten, auch diese in diversen Rosa-Tönen. Im Kontrast dazu entwirft er einen tiefschwarzen Hexenwald und düstere Hexenhüte. Doch für Rosmarinchen geht genau zwischen den schwarzen Blättern ihr Traum in Erfüllung, in Form eines schier unendlich roten Blumenmeers.
Und mit jeder Seite wird der dunkle Wald auf den mysteriösen Bildern immer lichter, Rosmarinchens Mama gesellt sich zur rebellischen Tochter, die Hexen stellen sich als nette Gesellen heraus, und die Welten von Feen und Hexen vermischen sich. Als Hexenfee lebt Rosmarinchen nun in beiden und ist glücklich. Ihr Mut, ihre bekannte Welt zugunsten des unbekannten Waldes aufzugeben, wird zum großen Vorbild, dem die kleinen Leserinnen möglicherweise gern folgen.

Die Illustrationen von Carll Cneut sind – wie in Der goldene Käfig – großartige Kunstwerke, an denen man sich nicht satt sehen kann, deren Tiefe man sich erst nach wiederholtem Betrachten erschließt, über die man trotzdem rätseln kann: Was sollen die vielen spitznasigen und spitzhütigen Köpfe, die oftmals wie Männer aussehen, aber doch auch Frauen sein sollen, dem Betrachter sagen? Jede_r Betrachter_in wird ihre/seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.
Rosmarinchen in ihren roten Kniestrümpfen und dem altrosa Kleid, in dessen Farbe sich schon das Schwarz des Hexenwaldes mischt, denn es ist kein reines Rosa und erst recht kein Pink, reitet so selbstbewusst auf ihrem Besen, dass man trotz schwarzem Blättergewirr dennoch die Gewissheit hat, dass sie in beiden Welten unbeirrt ihren Weg  finden wird.
Genau dies wünscht man es sich für alle kleine Mädchen, die noch glauben, Fee zu sein wäre das Nonplusultra.

Brigitte Minne: Hexenfee, Illustrationen: Carll Cneut, Übersetzung: Rolf Erdorf, Bohem, 2017, 48 Seiten, ab 3, 24,95 Euro

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Junges Gemüse schließt Freundschaft

erbseDie Schottin Morag Hood ist eine wunderbare Neuentdeckung! 2015 hat sie an der Cambridge School of Art ihren Master in Illustration gemacht, seitdem lebt sie wieder in ihrer Heimatstadt Edinburgh. Lilli und Lotte – Erbse und Karotte (Original: Colin and Lee) heißt ihr Debüt, das 2014 gleich für den britischen Macmillan Prize für Illustration nominiert wurde.

Quietschgrün ist Lilli, die Erbse. Warmorange Lotte, die Karotte. Eigentlich haben die beiden nichts gemein. Lilli ist immer mittendrin, umgeben von ungezählten grünen Freunden. Lotte ist, so scheint es, allein unterwegs. Lilli, klein und rund und doch nicht gleich, sprüht vor Verschmitztheit. Lotte ist lang aufgeschossen und so akkurat rechteckig geschnibbelt, dass sie wie ein Musterbeispiel an Zurückhaltung wirkt. Lilli grinst unternehmungslustig über beide Ohren. Lotte guckt abwartend und ein bisschen traurig in die Gegend.

Eines Tages treffen die beiden aufeinander, zufällig. Lilli, die Erbse, erkennt schnell: Die sieht aber anders aus. Und nicht nur das. Die orange Fremde kann nicht mal rollen, geschweige denn hüpfen. Und inmitten der Erbsentruppe fällt sie so sehr auf, dass sie zum Versteckspielen gleich gar nicht geeignet ist. Hmm, was also tun? Aneinander vorbeigehen? Oder lieber rauskriegen, was die andere so draufhat?

Nun, Lilli ist nicht nur verschmitzt, sondern auch neugierig und sehr mutig. Fix hat sie raus, dass mit Lotte andere Spiele möglich sind. Denn Lotte kann so vieles sein: Ein riesenhoher Turm. Eine Brücke, die über einen tiefen Graben führt. Und eine superschräge Rutsche, die am liebsten alle Erbsenkinder gleichzeitig ausprobieren würden. Hui, da kommt Leben auf!

Erbse und Karotte, das ist wahrlich nicht dasselbe. Aber Lilli und Lotte stört das nicht, denn sie haben eines entdeckt: Freundschaft!

Ganz schön pfiffig, dieses Bilderbuch von Morad Hood rund um zwei Gemüsesorten, die auf der Hitliste von Kindern (und Erwachsenen) nicht gerade an erster Stelle stehen. Doch schnell entdecken Klein und Groß, dass Erbsen und Karotten nicht nur gesund sind. Im Gegenteil: Putzmunter erkunden sie die Welt, lässt man sie erst mal von der Leine. Und das tut die Illustratorin, die gekonnt mit reduzierten Farben und Formen spielt. Und grandios mit dem Minenspiel ihrer Helden: Punktaugen und Strichmünder spiegeln alle denkbaren Emotionen zwischen Ängstlichkeit und Mut, Alleinsein und Gemeinschaft, Anderssein und Toleranz.

Ein kluges Debüt, fein und nuanciert. Da capo!

Heike Brillmann-Ede

Morag Hood: Lilli und Lotte — Erbse und Karotte, Übersetzung: Anke Katz, Thienemann, 2017, 32 Seiten, ab 4 (und jedes Alter!), 11,99 Euro

 

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