Fantastisches aus Italien

Anfang dieses Jahres war ich eingeladen, an der Berliner FU über italienische Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland zu sprechen. Das bot mir eine willkommene Gelegenheit, endlich einmal gründlich zu recherchieren, was es an KJL-Übersetzungen aus Italien im deutschsprachigen Raum überhaupt so gegeben hat – seit etwa 1900. Rasch stellte sich jedoch heraus, dass dies ein langwierigeres Unterfangen werden würde. Denn allein die online-Expertensuche in der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) lieferte mir für den Zeitraum ab 1995 mehr als 1300 Fundstellen. Neuauflagen allerdings inklusive. Jetzt im Herbst sind es bereits mehr als 1400 Publikationen … und die habe ich bis jetzt natürlich nicht alle sichten und lesen können (falls das überhaupt je möglich sein soll).

Darüber hinaus gestaltet sich die Recherche nach den älteren Titeln noch schwieriger, da die Verschlagwortung in der DNB nach Originalsprache und/oder Übersetzer:innen-Namen vor 1995 nicht konsequent angelegt wurde. Sind einem die Namen der italienischen Autor:innen nicht bekannt, lassen sie sich folglich auch nur schwer finden. Aber ich nutze jede Gelegenheit, wenn mir in meiner täglichen Arbeit neue Namen und Titel unterkommen.
Daher führe ich eine eigene Liste der Übersetzungen, ohne Neuauflagen, allerdings mit den verschiedenen Übersetzungen von Pinocchio oder Gianni Rodari. Mittlerweile ist auch diese Liste auf knapp 1400 Publikationen zwischen 1894 und heute angewachsen – und ist noch lange nicht vollständig.

Aktuell habe ich wieder die Neuerscheinungen aus dem Italienischen, die ich ja seit ein paar Jahren intensiver beobachtet, zusammengetragen. Allerdings gelingt es mir auch dieses Mal nicht, einen vollständigen Überblick zu gewinnen. Zu vielfältig sind die Publikationen aus Italien, die manchmal gar nicht als solche zu erkennen sind, da die Autor:innen nur im Impressum genannt werden oder die Bücher nicht in Buchhandlungen, sondern in Discountern verkauft werden.

Universelle Geschichten aus Italien

Trotzdem habe ich wieder ziemlich viele Kinder- und Jugendbücher aus Italien gefunden – die erstaunlich wenig über Italien selbst erzählen. Es sind fantastische Geschichten oder Sachbücher, im überwiegenden Fall Bilderbücher für eine ganz junge Zielgruppe. Diese Bücher stehen über nationalen Eigenarten und sind universell gültig. Sie spielen in Wald und Feld, in New York, Paris, Nagasaki, Nürnberg oder Afghanistan. Sie erzählen von Walen und Lichtverschmutzung, suchen das Glück und animieren zum Reisen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass es in Italien keine KJL über Italien gibt. Es gibt sie durchaus. Nur wird sie meist nicht ins Deutsche übersetzt, da sich die hiesige Zielgruppe nur schlecht mit italienischen Lebensumständen und Realia identifizieren kann. Solche Geschichten würden sich demnach hier nur mäßig verkaufen.

Doch genug der Vorrede, hier kommt der Blick auf 50 Publikationen aus Italien, erschienen bei 27 verschiedenen deutschen Verlagen.

Bilderbücher

Gleich das erste Buch ist editorisch eine Besonderheit, denn die Autorin Kim Crumrine ist … Amerikanerin. Dennoch ist dieses entzückende kleine Pappbilderbuch aus dem Italienischen übersetzt worden. Ergo zähle ich es hier mit dazu.
Wir habe es hier mit dem klassischen Setting des Bauernhofs zu tun. Es ist Abend und die Tiere gehen nacheinander schlafen und zwar in den kleinen roten Stall. Als erstes eine Maus, dann zwei Katzen, danach drei Hunde. Und so geht der Reigen weiter, die Tiere werden immer zahlreicher, sodass man schließlich bis zehn zählt. Links ist immer unverändert der Eingang des kleinen roten Stalls zu sehen. Der Himmel hingegen färbt sich langsam immer dunkler. Die Hühner bringen zwei Eier im Körbchen mit, die Alpakas – auch die gehören heute zu modernen Bauernhöfen – haben Kuschelteddy und Kuscheldecke dabei. Dass die vielen Tiere alle in den kleinen roten Stall passen, lässt einen staunen … und schließlich lachen. Die Auflösung wird natürlich nicht verraten. Der Spaß ist jedenfalls garantiert!

Ausgezeichnet wurde das Büchlein in Italien 2025 mit dem renommierten Premio Andersen und dem Premio Nati per Leggere.

Kim Crumrine: Der kleine rote Stall, Ü: Markus Weber, Moritz, 2026, 36 Seiten, ab 2, 14 Euro

Von Rot zu Orange. So präsentiert sich das Dingsbums. Es ist nach dem Urknall übrig geblieben, bei dem jedes Ding, ob groß oder klein, seinen Platz gefunden hat. Nur das Dingsbums eben nicht. Niemand weiß, wofür es gut ist, und was es überhaupt ist. Für alle möglichen Funktionen ist es entweder zu klein, zu leicht, zu groß, zu schwer, zu unpassend.
Erst als es auf ein Kind in einer Sandkiste stößt, wird das Dingsbums zu etwas. Es verwandelt seine Gestalt und seine Funktion, entdeckt die Freundschaft und die Vielfältigkeit im Sein.

Für kleine Schauende ist dieses Buch ein großer Spaß und zeigt in den reduzierten grau-orangenen Bildern von Marianna Coppo die ganze Bandbreite des Lebens … und dass wir alle nicht nur das Eine oder das Andere sind, sondern viele verschiedenen Seiten in uns stecken.

Marianna Coppo: Dingsbums, Ü: Tanja Raich, leykam, 2026, 40 Seiten, ab 3, 30 Euro

Ohne einen Erzähltext kommt das Bilderbuch von Fred Paronuzzi aus. Lediglich die Geräusche des Tages werden lautmalerisch wiedergegeben.
Eine Geschichte wird in den Bildern erzählt: Der Vater weckt morgens sein Kind, beim Frühstück läuft das Radio , es wird geschlürft und geschmatzt, beim anschließenden Zähneputzen wird geschrubbt und auf der Straße herrscht richtiger Radau.
Dann geht es weiter im Leben des Kindes: Kindergarten, basteln, spielen im Garten, im Schwimmbad und wieder nach Hause.

Auch ohne Worte eröffnen die Illustrationen eine ganze Welt, die sich gut in gemeinsamen Schauen und Erzählen zwischen Elternteil und Kind entdecken lässt.
Der einzige Hinweis, dass hier ein italienischer Autor am Start war, ist die achteckige Caffetiera in der Küche … ohne die können Italiener:innen einfach nicht leben.

Fred Paronuzzi: Psst, Krach, Bumm. Wie klingt ein Tag?, Illus: Mariana Ruiz Johnson, Ü: Stefanie Beck, Hanser, 2026, 24 Seiten, ab 4, 16 Euro

Ein Hauch von Italien liegt bei der folgenden Bilderbuchreihe zumindest im Titel: Pettirosso bezeichnet das Rotkehlchen, das hier die Hauptrolle spielt.
Der kleine Jungvogel erlebt zum ersten Mal die Jahreszeiten Herbst und Winter. Die Blätter fallen, die Tiere im Wald ziehen sich in ihren Höhlen zurück oder fliegen in den Süden, ins Warme. Die Felder sind abgeerntet, aber der Bauer, der Brot und Apfelmus zubereitet, gibt den kleinen Federknäulen gern etwas ab.

Den Winter verbringt Pettirosso mit seiner Mutter in einem Vogelhäuschen, sucht aber draußen weiter nach seinen Freunden. Dabei erfährt er, wie kalt, aber weich der Schnee ist, wie die Formen im Schnee verloren gehen, wie der See zufriert. Schnell hat Pettirosso beim Spielen mit seinen verbliebenen Freunden Hunger, doch in dem kahlen, verschneiten Wald ist nichts zu finden … Zurück bei Mama ist es wenigstens kuschlig warm.

Diese beiden Bücher leben von den Illustrationen von Giulia Dragone. Die Geschichten sind eher Beschreibungen von jahreszeitlichen Phänomenen, die in Reimform vermittelt werden. Allerdings packen mich die übersetzten Reime leider nicht, denn es holpert an manchen Stellen doch etwas zu sehr. Vielleicht hätte man lieber auf die Reime verzichten und stattdessen die Geschichten freier erzählen sollen. Aber auch das muss man sich erst einmal trauen …

Ester Tomè: Winter mit Pettirosso, Illus: Giulia Dragone, Ü: Sebastian Hoch, Freies Geistesleben, 2026, 32 Seiten, ab 4, 18 Euro

Das nächste Tierkind will es seinem Vater recht machen: Der kleine Löwe wird von Vater Löwe aufgefordert, nun endlich mal seine erste Gazelle zu fangen. Und zwar allein. »Babyleicht!«, denkt sich der Lütte und rennt los.
Doch so einfach ist das Unterfangen natürlich nicht. Gazellen sind schnell, können weit springen, sind schlau. Da hilft auch das beste Training und der gewiefteste Plan nichts. Selbst der Tipp von Tante Elefant vielleicht mal »Bitte« zu sagen, bringt nicht das gewünschte Ergebnis. Der kleine Löwe gibt eine ziemlich lächerliche Figur ab und ist frustriert.

Er zieht sich zurück. Doch das weckt die Neugierde der Gazelle, die ihren Spielpartner vermisst. Die Lösung wird natürlich nicht gespoilert, aber hier wird ganz nonchalant vermittelt, dass man auch als kleiner König der Savanne lernen und Erfahrung sammeln muss. Und dass Fehler auf jeden Fall dazugehören!

Die dick schwarz umrandeten Figuren auf den himmelblauen und orangeroten Flächen sehen lustig aus, vermitteln humorvoll ihre Botschaft und überfordern kleine Betrachter:innen nicht.

Camilla Pintonato: Jetzt fang ich dich!, Ü: Markus Weber, Moritz, 2025, 48 Seiten, ab 3, 15 Euro

Auch im Bilderbuch von Alessandro Montagnana ist der Held ein Löwe. Allerdings ein pupsender. Und das ist dem König der Tiere in der afrikanischen Savanne ganz schön peinlich. Also verzieht er sich bei jedem Bauchgrummeln hinter einen Baum, um nicht erwischt zu werden.

Als eines Tages unbemerkt eine kleine Maus hinter ihm weggeblasen wird, versteckt sich der Löwe und schämt sich. Doch seine Freunde, Giraffe, Nilpferd, Affe, Krokodil und Stachelschwein machen sich Sorgen und suchen ihn. Am Ende veranstalten sie ein tierisch-lustiges Pupskonzert und machen klar, dass Darmwinde etwas ganz Natürliches ist. Kleine Bücherwürmer haben hiermit ganz sicher ihren Spaß, wenn sie dieses Buch noch in die Finger bekommen. Denn leider hat sich der deutschsprachige Teil von minedition im vergangenen Sommer aufgelöst. Aber vielleicht hat die eine oder andere Bibliothek das Buch noch zum Ausleihen im Regal.

Alessandro Montagnana: Der pupsende Löwe, Ü: Igna Gantschev, minedition, Zürich, 2025, ab 3, vergriffen

Die Sache mit den Haustieren ist manchmal nicht ganz einfach. Die Heldin dieser Geschichte beneidet ihre Freunde um ihre Haustiere und will also auch eins. Sie plündert ihr Sparschwein und kann sich von dem Geld sogar zwei Zwerghamster kaufen. Denen macht sie es so richtig schön, mit selbstgebastelten Klamotten und einem richtigen Hamsterhaus.
Doch irgendwann bekommen die zwei Hamster Nachwuchs. Die Bande verschläft die Tage, feiert die Nächte durch und wird immer größer. Die Hamsterhäuser nehmen bald das ganze Zimmer ein und werden in den Garten verfrachtet. Doch auch der wird irgendwann zu klein und die grauen Fellknäule erobern die Stadt.
Diese Eskalation eines Haustierabenteuers ist knallbunt illustriert, sehr witzig und hat ein überraschendes Ende. Die unzähligen Hamster verwandeln die Seiten in Wimmelbilder, sodass man ganz genau hinschauen muss, wo sie sich überall herumtreiben. Ein toller Spaß!

Martina Tonello: Hamsterinvasion, Ü: Andrea Grill, Achse Verlag, 2026, 48 Seiten, ab 4, 22,50

Und plötzlich ist da ein roter Knopf. Der Hase weiß nicht, ob er schon immer da war oder erst seit Neuestem. Nach und nach kommen die anderen Tiere an – Fuchs, Bär, Auerhahn, Eichhörnchen und Regenwurm. Es entspinnt sich eine heftige Diskussion, ob man diesen Knopf drücken soll oder nicht. Und was er wohl auslöst … Was Schönes? Hitze? Kälte? Färbt er vielleicht alle Tiere bunt? Gibt es eine Katastrophe? Fragen über Fragen. Optimisten treffen hier auf Pessimisten. Der Uhu will eine Abstimmung, aber der Größte entscheidet, dass nicht abgestimmt wird. Demokratisch ist das zwar nicht, aber darum geht es hier auch nicht.

Die überaus lustige Auflösung bleibt hier geheim – der Lese- und Diskutierspaß ist garantiert. Der Fantasie werden Tür und Tor geöffnet, was dieser rote Knopf noch so alles bewirken könnte.

Matilde Tacchini: Pfoten weg vom roten Knopf!, Ü: Amelie Thoma, mixtvision, 2026, 48 Seiten, ab 4, 18 Euro

Marco Viale, von dem bereits Vorsicht, roter Wolf! und Ich bin König auf Deutsch erschienen sind, schickt nun die alte Hexe Irma in die Buchhandlungen.
Irma hat keine Lust mehr auf ihr Hexendasein, will nicht mehr auf dem unbequemen Besen fliegen und immer dieselben Geschichten von ihren schwefelstinkenden Kolleginnen hören. Auch ihre Monsterfreunde hat sie satt. Hexen sind zudem ziemlich out.
Aber am meisten hasst sie ungehobelte Halbstarke, Besserwisser und Rabauken. Die verwandelt sie im Handumdrehen in Kröten, Hühner oder Goldfische – und wird dafür abgefeiert.

Plötzlich ist Irma ein Star und ihr Leben ändert sich mit einem Schlag … Doch irgendetwas fehlt ihr bei all der Popularität.

Marco Viale nimmt in diesem charmanten Büchlein die Influencer- und Promiszene aufs Korn und feiert mit seinen schrägen Zeichnungen schließlich die Freundschaft und das gewohnte, vermeintlich langweilige und muffige Leben jenseits der Kameras.

Marco Viale: Irma hebt ab, Ü: Pia Jüngert, mixtvision, 2026, 56 Seiten, ab 5, 15 Euro

Wer kennt es nicht? Im Schwimmbad vom höchsten Sprungbrett ins Wasser hüpfen – nichts leichter als das. Doch der Held aus diesem Bilderbuch zögert und zaudert. Die anderen Kinder drängeln, doch er lässt sich nicht beeinflussen. Im Geiste sieht er sich schon ganz wunderbar springen und Salti schlagen, und doch … er zaudert und zögert.

Auch das kennen wir: In Gedanken malen wir uns die Dinge ganz leicht und wunderschön aus, ernten bereits Lorbeeren, noch bevor wir geliefert haben. Um diese Diskrepanz zwischen Innenleben und Außenwelt dreht sich Joaquin Camps Bilderbuch Der Sprung, das uns mit quietschbunten Filzstiftillus im Kinderstil in ein Schwimmbad entführt.

Die vermeintlich schlichte Geschichte um einen Sprung ins Becken öffnet ein Fenster zu unserer Fantasie, unseren Ängsten und unserem Umgang damit. Vielleicht hilft es den Betrachtenden beim nächsten Schwimmbadbesuch, einfach mutig zu springen, auf jeden Fall gibt es zu denken und fordert eine Übertragung auf andere Alltagsängste geradezu heraus. Um schließlich doch den Mut für Neues zu finden.

Joaquin Camp: Der Sprung, Ü: Stefanie Malleier, Katapult Verlag, 2025, 40 Seiten, ab 5, 16 Euro

Hoch hinauf geht es in Ein Tag, ein Aufzug von Cristina Petit. In dem hochformatigen Bilderbuch ist auf jeder Seite die Tür eines Aufzugs zu sehen, aus dem gerade Menschen herauskommen oder in den sie einsteigen. Sie haben unterschiedlichste Dinge dabei: Briefe & Päckchen, Bonbons, Strickzeug, Werkzeugkiste, Einkäufe, unsichtbare Schuhe. Die Texte zu den Aufzuggästen sind skurril und leicht verdreht. So führt der Hund das Herrchen in den Park, ein Babysitter hört den ganzen Tag Gedichte über Dschungeltiere, eine Pilotin-Mama landet den Hubschrauber auf dem Dach … So geht es rauf und runter und am Ende erwartet alle eine wunderbare Überraschung.

Für kleine Menschen mit Fahrstuhl im Haus ist das Buch ein Wiedererkennungsschatz. Für alle anderen eine Einladung zum Schauen, Rätseln und Geschichtenausdenken, was die Aufzugbenutzer:innen noch so alles machen könnten.

Cristina Petit: Ein Tag, ein Aufzug, Illus: Chiara Ficarelli, Ü: Anne Brauner, Achse Verlag, 2025, 28 Seiten, ab 4, 22,50 Euro

Mein Freund der Baum ist … nicht tot. Es ist nur ein Traum, der das namenlose Mädchen mit ihrem kleinen Schwanzäffchen am Anfang dieses poetischen Bilderbuches quält. Nach dem Erwachen findet sie den riesigen Mammutbaum unversehrt im Urwald aufragen. Sie klettert hinauf und erblickt von dort oben die Schönheit der Welt, hört aber auch das Getöse von Kriegen.

Man möchte mit diesem zarten Mädchen mit langen Haaren bis zu den Knien weiter durch den Urwald laufen, möchte die Natur beschützen und die Menschen, die »klein wie Ameisen auf den Straßen herumlaufen«, daran erinnern, dass die Natur die Grundlage für unser aller Überleben ist. Eine stille Ermahnung an uns alle.

Nadia Al Omari: Ich bin ein Waldmädchen, Illus: Richolly Rosazza, Ü: Cornelia Panzacchi, Gabriel, 2025, 32 Seiten, ab 4, 18 Euro

»Wer weiß, was Glück ist, sage es und behalte es nicht für sich.« Wie ein Mantra zieht sich dieser Satz durch das Bilderbuch von Luca Tortolini. In kurzen Texten geht er auf die Suche nach eben diesem Gefühl, das wir alle so gern empfinden, dem wir aber manchmal viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken.

Denn schnell ist das Glück wieder vergangen oder wir haben es gar nicht erst bemerkt. Tortolini stellt mehr Fragen, als dass er Antworten gibt. Und so macht man sich automatisch auf die Suche nach Glücksmomenten in den zarten Illus von Marco Soma. Hier bevölkern bekleidete Tierfiguren fantastische Szenerien, in denen schon mal ein Schiff fliegt, ein Turm mit Baum obendrauf auf einem Boot schwimmt, Schmetterlinge größer als Katzen sind, ein Hase auf einem Koffer im Meer reitet. Je länger man schaut, umso mehr Absurditäten und glücklich machende Kleinigkeiten entdeckt man.
Und am Ende weiß am ein kleines Bisschen mehr über Glück und kann es schätzen.

Ein echtes Glücksbuch!

Luca Tortolini: Wer weiß, was Glück ist?, Illus Marco Soma, Ü: Paola Sfilio und Celine Eßlinger, Carl-Auer-Kids, 2025, 30 Seiten, ab 4, 19,95 Euro

Das Glück einer Reise kann man danach in dem quadratischen Bilderbuch von Beatrice Masini erkunden. Hier sind die Illus von Gianni de Conno reduzierter, aber nicht minder geheimnisvoll: Eine Brücke im Nebel, eine Vollmondnacht, ein Heißluftballon über seltsamen Felsen im Meer. Man wird als Erwachsene:r unweigerlich an Denis Hopper oder Magritte erinnert. Auch etwas, das glücklich macht.

Die ebenfalls kurzen Texte befassen sich mit den Erwartungen und guten wie bösen Überraschungen, die einem auf einer Reise begegnen können. So sind die nicht geplanten Wege, die falschen Abkürzungen oder die blöden Hindernisse oftmals ein Garant für Glück, auch wenn wir das oftmals erst am Ende einer Reise erkennen.

Die philosophischen Sentenzen geben jedenfalls eine Menge Anregungen, zum Nachdenken, zum Diskutieren und machen vor allem Lust auf die nächste Reise und das damit verbundene Glück!

Beatrice Masini: Die Reise zum Glück, Illus: Gianni De Conno, Ü: Brigitte Korn-Wimmer, Dresslerillustro, 2025, 32 Seiten, ab 4, 20 Euro

Um die vielen Aspekte einer Reise geht es auch in Anna Benottos Bilderbuch Reisen. Ein namenloser Bär reist, mal schnell, mal mit dem Fahrrad, mal allein, mal in Gesellschaft, mal blind für das Offensichtliche, mal aufmerksam für die Kleinigkeiten am Wegesrand.

Aber auch Aspekte wie Kulinaria, Fluchtbewegungen, Heimweh und Selbstfindung lassen sich in den grau-beigen Schrafurzeichnungen finden. Orte wie Venedig, Hongkong oder Kathmandu werden angedeutet, ebenso wie Flusslandschaften oder Urwald.

Hier kann in den jüngsten Leser:innen eine große Reiselust geweckt werden, aber auch die Freude nach all den Abenteuern wieder in das gewohnte und geliebte Zuhause zurückzukehren.

Anna Benotto: Reisen, Ü: Christel Rech-Simon, Carl-Auer Verlag, 2026, 38 Seiten, ab 4, 20 Euro

Fast schon ein Sachbuch mit sehr philosophischem Ansatz ist Unsichtbar von Daniela Pareschi. Die Doppelseiten bringen einem jeweils eine Art zu sehen näher. Links findet sich eine graphische Erklärseite mit dem zweiteiligen Satz »WENN ich …, SEHE ich …«, so beispielsweise: »WENN ich auf Einzelheiten achte, SEHE ich das Kleine im Großen.« Rechts gibt es dazu dann wunderschöne Illus in ganz unterschiedlichen Techniken.

Nach und nach kommen Elemente wie die Zeit, die Zukunft, die Langsamkeit, das Passieren, die Veränderung und anderes mehr ins Spiel. Und so baut sich hier eine Schule des Sehens und der Perspektiven auf. Denn je nach dem wie aufmerksam wir sind, wie sehr wir uns für große und kleine Dinge öffnen, unsere Fantasie einsetzen und uns selbst verändern, wechselt auch unsere Sicht auf die Welt. Auch das genaue Hinsehen und Betrachten der Seiten dieses Buches öffnet einen für Neues und hilft mit Sicherheit, die ständigen Veränderungen beim Großwerden spielerisch zu ertragen.

Daniela Pareschi: Unsichtbar, Ü: Cornelia Panzacchi, Gerstenberg, 2026, 44 Seiten, ab 5, 18 Euro

Unsichtbar ist in dem Bilderbuch Jetzt und für immer wir drei die dritte Person. Denn hier lebt Olivo mit seinem Papa zusammen und das, was früher reibungslos lief, ist nun auf einmal etwas komplizierter. Nur die Umarmungen von Papa sind mehr geworden.

Vater und Sohn müssen ihre Trauer und Wut über den Tod der Mutter verarbeiten. Olivo macht zunächst einiges kaputt, bis der Vater ihm Holz zum Bearbeiten gibt. Und so schaffen die beiden nach und nach ein wunderschönes Baumhaus. In dem auch Mama ihren Platz hat und für immer bei den beiden sein wird.

Marco Somà stellt Vater und Sohn als langohrige und spitzmäulige Wesen mit Fuchsschwänzen dar, die sehr liebevoll miteinander umgehen. Die detaillierten braun-blau-gehaltenen Illus bieten viel Entdeckungspotential, so dass dieses Buch ein wertvoller Trauerbegleiter werden kann.

Chiara Lorenzoni: Jetzt und für immer wir drei, Illus: Marco Somà, Ü: Celine Eßlinger und Paola Sfilio, Car-Auer Verlag, 2025, o.S., ab 6, 20 Euro

Fantastisch, mit Bezug auf unsere heutige Social-Media-Welt, geht es bei Davide Calì zu. Auf einer kleinen Insel wohnt Der Mann, der keinen Namen hatte. Weil er so allein ist, gibt er allem auf der Insel einen Namen: Den Bäumen, den Bergen, den Steinen und den wenigen Tieren. Der namenlose Mann hat also in gewisser Weise Gesellschaft und fühlt sich wohl.

Doch eines Tages kommen Menschen von der anderen Seite des Meers auf die Insel, machen Fotos und bestaunen den kleinen Mann.

Die Besucher nehmen ihn mit auf einen Kreuzfahrtdampfer und in eine große Stadt. Er bekommt einen Namen, wird interviewt und berühmt … bis seine angeblichen neuen Freunde einen seltsamen Typen aus einem Wald finden.

Diese Parabel auf die angeblichen Freundschaften im Netz und die schnelllebigen Hypes, die heute durchs virtuelle Dorf getrieben werden, gibt auf jeden Fall zu denken. Denn sie erinnert daran, wie schön es ist, einfach ein paar stille, aber reale Freunde in der echten Welt zu haben.

Davide Calì: Der Mann, der keinen Namen hatte, Illus: Licia Carlini, Ü: Celine Eßlinger, Carl-Auer Verlag, 2026, 38 Seiten, ab 5, 20 Euro

Eigentlich aus dem Französischen, aber doch von der italienischen Illustratorin und Autorin Beatrice Alemagna stammt das künstlerische Bilderbuch über die Veränderungen: Dinge, die vorüber gehen.

In der Mitte einer jeden Doppelseite findet sich eine durchlässige Seite Transparentpapier, auf der sich ein Teil der Illu befindet. Bei jedem Umblättern einer solchen Seite verändert sich das Bild: Alles ist im Fluss, alles geht vorbei, fliegt davon, Träume lösen sich auf, Wunden verschwinden, Musik verklingt, Seifenblasen zerplatzen … nur der Staub kommt immer wieder.

Mit ihren charaktervollen Tuschebildern gelingt es Beatrice Alemagna auch schon kleinen Kindern die vielleicht größte Herausforderung des Lebens nahezubringen: die permanente Veränderung, das Unstete, der Wechsel, der selbst den Erwachsenen oft zu schaffen macht. Das, was am Ende als Einziges bleibt, ist die Liebe zwischen Elternteil und Kind … und das macht dieses Buch zu einem Schatz.

Beatrice Alemagna: Dinge, die vorübergehen, Ü: Sophie Zeitz (aus dem Französischen), Hatje Cantz, 3. Aufl. 2026, 48 Seiten, ab 4, 20 Euro

Auch Hugo erlebt ständig Veränderungen. Es geht eines Morgens los, da fühlt er sich nach dem Aufstehen plötzlich ganz krickelkrackelig. Innerlich wie äußerlich ist alles durcheinander. Hugo hofft, am nächsten Tag wieder normal zu sein. Doch nix da. Nun ist er gestrichelt. Dann gepunktet, geschnörkelt, vernebelt.

Jede Seite, die einen von Hugos Zuständen zeigt, wird zu einem eigenen Kunstwerk. Es gibt keine Erklärungen, warum Hugo plötzlich so verändert ist. Und auch die Reaktionen seiner Umwelt auf seine Veränderungen helfen ihm nicht wirklich weiter.

Allen Betrachter- und Leser:innen geben Hugos Wandlungen viel Raum für Wiedererkennung und eigene Überlegungen. Die philosophische Frage »Wer bin ich?« bekommt hier eine Erweiterung im Sinne von »Wie bin ich?« und es ist am Ende okay, so zu sein, wie man ist – und das muss nicht jeden Tag gleich sein. Ein großartiges Buch gegen die angebliche Normalität.

Sergio Olivotti: Hugo sein, Illus: Giulia Pastorino, Ü: Nicola von Velsen, Hatje Cantz, 2026, 40 Seiten, ab 5, 18 Euro

Etwas ratlos lässt mich das Bilderbuch Hunde in London zurück. Nicht dass es nicht schön ist. Die Illus von unzähligen Hunden an den berühmtesten Orten Londons – Buckingham Palace, Piccadilly Circus, Tower Bridge und viele mehr – sind entzückend. Doch ich frage mich, an wen sich das Buch richtet. Denn in den kurzen Texten, die die Orte erklären, werden die Lesenden gesiezt. Und das ist für ein Kinderbuch echt sonderbar bzw. für kleine Schauende und Suchende wohl eher verwirrend. Sicherlich haben auch Erwachsene Spaß an Wimmelbildern und suchen gern die Nadel bzw. den Hund im Gewühl, aber ganz schlüssig erscheint mir das hier nicht.
Hier würde ich gern einen Blick ins Original werfen, um die ursprünglichen Texte zu lesen. Möglicherweise gab es ein Missverständnis beim Übersetzen, was in diesem Fall der Verleger selbst besorgt hat.

Wer sich an dem Gesieze nicht stört, kann in amüsanten Hundwimmelbildern versinken, die die italienische Illustratorin Ilaria Mancini liebevoll komponiert hat.

Ilaria Mancini: Hunde in London, Ü: Gregory C. Zäch, midas, 2026, 64 Seiten, ab 5, 16 Euro

Ganz ohne Worte interpretiert Mariachiara Di Giorgio in faszinierend, aber auch ein bisschen unheimlichen Bildern die Geschichte von Hänsel und Gretel neu. Die Mutter verlässt abends das Haus, Bruder und Schwester bleiben mit der Oma allein zu Hause. Aber die Oma ist schon etwas merkwürdig und beängstigend. Als sie schläft, schleichen sich die Kinder aus dem Haus und in den Wald. Während des einsetzenden Regens flüchten sie in eine Höhle. Dort begegnet ihnen ein schönes Mädchen – allerdings hat sie behaarte Ziegenbeine und leuchtende Augen, die die Dunkelheit durchdringen. Die Kinder schließen sich ihr an, tanzen durch die Nacht, den Wald, sehen Nachtkreaturen, fangen Sternschnuppen, beobachten, wie der Mond über die Berggipfel wandert … und gelangen schließlich nach Hause zurück.

Poetisch, aber durchaus etwas gruselig geht es hier zu. Die Geschichte kann man sich beim Ansehen dann selbst ausdenken. Und später vielleicht mal eine Nachtwanderung durch einen Wald wagen.

Mariachiara Di Giorgio: Eines Nachts, NordSüd, 2026, 48 Seiten, ab 4, 20 Euro

Sachbücher

Mit feinem Strich illustriert Valentina Gottardi das Bildersachbuch über umgestürzte, tote Bäume. Das mag zunächst abschreckend klingen, doch wenn im Wald ein Baum umfällt und quasi sein Leben beendet, schenkt er gleichzeitig unzähligen Lebensformen ein neues Zuhause. Flechten und Moose können sich auf ihm ausbreiten, Käfer, Ameisen und andere Insekten finden Unterschlupf und Nahrung, Pilze und Schnecken machen sich breit. Dazu kommen natürlich Vögel und Säugetiere. Totholz ist also ein überaus wichtiger Teil im Wald, der die Artenvielfalt fördert und unser Klima schützt.

Die kurzen gutverständlichen Texten liefern einen detaillierten Einblick in das Biotop Wald. Die Illus gleichen manchmal einem Blick durchs Mikroskop und zeigen die kleinsten Wesen und Pflanzenbestandteile in Vergrößerung. Nach dieser Lektüre wird man beim nächsten Waldspaziergang sehr viel mehr sehen, entdecken und wertschätzen können.

Danio Miserocchi/Maciej Michno: Das zweite Leben der Bäume, Illus: Valentina Gottardi, Ü: Cornelia Panzacchi, Gerstenberg, 2025, 48 Seiten, ab 6, 18 Euro

Zwei schon etwas ältere Sachbücher widmen sich zwei ganz besonderen, sehr beliebten Vierbeinern: den Schafen und den Kaninchen. Ilaria Demonti erzählt in kurzen Texten alles Wissenswerte über die Wolllieferanten und die kuschligen Haustiere. Dabei gibt es nicht nur altbekannte Fakten – wie Kaninchen bekommen viele Nachkommen oder Schafe sind ängstlich – sondern auch Überraschendes: So können sich Schafe selbst nach zwei Jahren noch an menschliche Gesichter erinnern und finden sich in einem Labyrinth zurecht. Dass Schafe also dumm wären, ist damit schon mal widerlegt.

Beide Bücher zeigen neben der Biologie der Tiere auch die Kultur, die uns mit diesen Wesen verbindet: Schafe liefern seit Urzeiten Wolle und Milch, die Kaninchen hingegen sind eine große Inspirationsquelle für die Kunst in Form von Geschichten (»Peter Hase«) oder Gemälden. Das Kaninchenwörterbuch hilft darüberhinaus, den eigenen Hausgesellen besser zu verstehen, während die Schafskäse-Leckereien aus aller Welt Lust auf eine kulinarische Erkundungstour macht.

Camilla Pintonato hat beide Bücher liebevoll illustriert, so dass man ganz tief in die Schaf- und Kaninchenwelten eintauchen kann und wunderbar bereichert aus der Lektüre wieder auftaucht.

Ilaria Demonti: Einmal extra Schaf! Wissenswertes über unser liebstes Wollknäuel, Illu: Camillla Pinotnato, Ü: Christina Gauglitz, Kleine Gestalten, 2022, 76 Seiten, ab 8, 19,90 Euro
Ilaria Demonti: Nenn mich nicht Hase. Alles Wissenswerte über Kaninchen, Illu: Camillla Pinotnato, Ü: Christina Gauglitz, Kleine Gestalten, 2024, 76 Seiten, ab 8, 19,90 Euro

Ein absolut großartiges Buch befasst sich mit den größten Säugetieren auf unserem Planeten: den Walen. Rossana Bossù zeigt nicht nur die verschiedenen Walarten, sondern erklärt die evolutionäre Entwicklung dieser Riesen vom Land ins Wasser, zeigt die Unterschiede bei den Blas – dem Ausstoß von Luft durch das Atemloch –, und erläutert die Sprache von Walen und Delfinen. Hier sind so viele Besonderheiten und Neuigkeiten versammelt, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.

Der Wal ist Inspiration für Geschichtenerzählende und Teil unzähliger Mythen. Aber er wird auch von den Menschen gejagt und bis ins Kleinste verwertet. So hat man nicht nur sein Fleisch gegessen und sein Öl als Brennmittel für Lampen und Leuchttürme genutzt, sondern auch die Stäbchen der früheren Mieder aus Walbarten gefertigt.

Wal Timmy hatte in diesem Sommer die Gemüter erregt. Wer sich wirklich für Wale interessiert und sie schützen möchte, kann mit dieser Lektüre beginnen – und wird em Wunderwesen Wal dann auf ewig mit sehr viel Respekt begegnen.

Rossana Bossù: Geheimnisvolle Wale. Entdecke die Welt der Meeresgiganten, Ü: Cornelia Panzacchi, Rotfuchs, 2026, 80 Seiten, ab 9, 25 Euro

Meist denken wir nicht groß darüber nach, wenn wir zu Hause das Licht anknipsen oder wenn in den Straßen der Städten die Laternen angehen. Doch wird Lichtverschmutzung in unseren Städten zu einem immer größeren Problem.

Nicht nur, dass wir die Sterne kaum noch sehen können, sondern auch die Tiere und Pflanzen, die im Stadtraum mit uns leben, sind von der Rund-um-Dauerbeleuchtung irritiert und werden zusätzlichen Gefahren ausgesetzt. Damit beschäftigt sich das Autoren-Illustratoren-Trio. Sie erzählen von der Wirkung des künstlichen Lichts auf Sing- und Zugvögel, denn vor allem letztere werden durch das viele Licht von ihren gewohnten Routen abgelenkt – was einfach nicht gut sein kann. Aber auch Insekten, Fledermäuse und kleine Jäger wie Geckos und Kröten werden durch die Lichtverschmutzung gestört. An den Küsten mit ihren Metropolen beeinflusst das Licht sogar die Unterwasserfauna, beispielsweise die Schildkröten, die dem Mondlicht an den Strand folgen, um dort ihre Eier zu legen.

Eindrücklich macht dieses Sachbuch in kurzen Texten klar, dass uns und der Natur auch in Sachen Beleuchtung etwas Mäßigung nicht schaden könnte. Wer braucht bitte noch Leuchtreklame!

Valentina Gottardi/Maciej Michno/Danio Miserocchi: Licht. Wenn die Nacht nicht dunkel wird, Ü: Cornelia Panzacchi, Gerstenberg, 2026, 48 Seiten, ab 8, 18 Euro

Dunkel sollte es auch sein, wenn man träumen will. In dem stylisch illustrierten Sachbuch von Sara Beltrame erfährt man so einiges über den aufregendsten Teil unseres Schlafes.
Neben einer kurzen Geschichte des Traums, Aristoteles Traumdeutung und Traumbücher sowie den diversen mythologischen Traum-Göttern geht es um die richtigen Zutaten fürs Träumen: Dunkelheit, Stille, ein warmes, gemütliches Bett.
Nach einem verknappten Abriss über die verschiedenen Schlafphasen und den verschiedenen Arten von Träumen, finden sich Beispiele wie Träume berühmte Künstler und Erfinder zu ihren Meisterwerken inspiriert haben.

Eine wirkliche Erklärung, was in unserem Gehirn auf physiologischer und biochemischer Ebene abgeht, wenn wir Träumen gibt es leider nicht.

Sara Beltrame: Die Welt der Träume, Illus: Tommaso Vidus Rosin, Ü: Qontent, Whitestar Kids, 2025, 80 Seiten, ab 8, 16,95 Euro

Bei meiner aktuellen Recherche zu Literatur aus Italien sind mir dann noch die Quid+-Bücher von Barbara Franco untergekommen. Sie richten sich vor allem an die Eltern, die ihren Kindern bei der persönlichen und intellektuellen Entwicklung helfen wollen. Vor allem die Bände zu Kreativität und 50 Dinge, die du vor der Einschulung ausprobieren solltest bieten jede Menge Anregungen, wie man Kinder ab drei Jahren dazu bringen kann, sich und seine Umwelt genau zu beobachten.

Hier wird gemalt, gebastelt, gezählt, gerätselt. Franco geht dabei von dem Konzept Maria Montessoris aus, die den Kindern auf Augenhöhe begegnete und ihnen mehr zutraute, als damals – und heute manchmal auch noch – üblich war. Zudem war sie davon überzeugt, dass Denkprozesse und Bewegungen zusammenspielen sollten, weshalb hier alles von Hand gemacht wird. So lässt auch Franco die Kinder in der Küche mitarbeiten, gibt ihnen Schere und Stifte in die Hand, fordert sie auf, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen.
Bei den 50 Dingen geht es im Buch erst einmal auf dem Papier zur Sache. Doch die einzelnen Kapitel machen Laune, danach das Haus zu verlassen und tatsächlich eine Düne hinunterzurollen oder in ein Aquarium zu gehen.

Die Quid+-Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie sieben Kompetenzbereiche fördern: Emotionen und soziale Beziehungen; körperliche und praktische Fähigkeiten; kreativer Ausdruck; Sachkunde; räumliche und zeitliche Orientierung; sprachliche sowie mathematische und logische Fähigkeiten. Die Förderung dieser Grundlagen ist entscheidend für die Bewältigung des späteren Lebens und Zusammenlebens mit anderen.

In den Vorlesegeschichten zum Thema Wut versammelt die Autorin dann 14 Kurzgeschichten, die Kinder in verschiedenen Stadien von Wut zeigen. Hinter der offensichtlichen Wut können sich beispielsweise Angst, Eifersucht oder Enttäuschung verstecken. Auch drücken Kinder ihre Wut oft durch ein bestimmtes Verhalten aus – schreien, beißen oder sind aggressiv –, was andere Kinder erschreckt.

Die beispielhaften Geschichten können den Lütten in ruhigen Momenten vorgelesen werden. Quasi als Nachbereitung der durchlebten Gefühlsstürme. So kann möglicherweise eine Reflexion bei den Kindern ausgelöst werden. Für jede Geschichte sind gerade einmal fünf Minuten Zeit notwendig. Die Kinder können darin ihr Verhalten und ihre Gefühle wiedererkennen, die Erwachsenen bekommen Anregungen, wie sie mit ihren wütenden Kids verständnis- und liebevoll reden können. Zudem gibt es Tipps und Tricks, wie man das Aufflammen von Wut erkennen und wie man Kindern das Runterkommen erleichtern können (z.B. durch eine Ruheecke oder bewusstes Atmen).

Leider habe ich keine Angabe dazu gefunden, wer die Texte übersetzt hat. Eine Nachfrage beim Verlag ist bis jetzt unbeantwortet geblieben. Das sollte in Zeiten von KI allerdings nicht sein, da kommt bei mir als Übersetzerin so eine gewisse Ahnung auf, die ich allerdings nicht belegen kann … Sollte ich Antwort bekommen, werde ich das hier ergänzen.

Barbara Franco: 50 Dinge, die du vor der Einschulung ausprobieren solltest, o.Ü., Klett Lerntraining, 2026, 80 Seiten, ab 3, 8,95 Euro
Barbara Franco: Kreativität entdecken und entwickeln, o.Ü., Klett Lerntraining, 2026, 128 Seiten, ab 3, 12,95 Euro
Barbara Franco: Ich will aber! Vorlesegeschichten zum Thema Wut, o.Ü., Klett Lerntraining, 2025, 192 Seiten, ab 3, 15,95 Euro

Kinderbücher

Von der Autorin der Good Night Stories For Rebel Girls gibt es ein neues Werk. Darin vereint Francesca Cavallo zwölf märchenhafte Erzählungen, rund um zwischenmenschliche Beziehungen. In Boys! Geschichten für die neue Generation von Jungs geht es um familiäre Traditionen, die nicht angerührt werden dürfen, Piraten oder Frosch-Jungen, die weibliche Zeitgenossinnen beeindrucken oder retten wollen. Es geht um Freundschaft zwischen Ungleichen und den Mut, um Hilfe zu bitten. Alles an sich schöne Ansätze und eigentlich wichtige Ideen.

Trotzdem ich bin mit dem Buch nicht glücklich. Denn Cavallo macht in ihrem Vorwort an die Erwachsenen sofort deutlich, worum es ihr geht: Die aktuelle Jungsgeneration zu respektvollen Menschen gegenüber Frauen zu erziehen. Auch das ist an sich ganz und gar nicht verkehrt und durchaus angebracht. Aber ich bezweifle, ob die Zielgruppe – also Jungs so ab zehn Jahren – diese Geschichten überhaupt lesen werden. Sie kommen mir zu verkopft und gewollt daher. Zu offensichtlich ist, dass man Mädchen, die schlafen oder ohnmächtig sind, nicht küssen soll. Zu offensichtlich ist, dass man niemanden in Gefahr bringen soll, nur um als Held dazustehen. Und dieses Muster zieht sich durch alle Geschichten.

Dazu kommen Illus in traurigem Schwarz-Weiß. Die bunten Frösche bleiben farblos, da hilft auch die Fantasie nicht viel. Möglicherweise hätten farbige Illustrationen den Leseanreiz erhöht und neugieriger gemacht. So aber bleibt diese Geschichtensammlung für mich leider eine vertane Chance für ein wichtiges Thema.

Francesca Cavallo: Boys! Geschichten für die neue Generation von Jungs, Illus: Luis San Vicente, Ü: Knut Krüger, dtv, 2026, 192 Seiten, ab 10, 18 Euro

Eine schon etwas ältere, aber durchaus fantasievolle Geschichte ist der Erstleseroman Familie von Zitterstein und das Hotel ›Zum langen Schatten‹ von Annalisa Strada. In einem alten Schloss ist ein Grand Hotel untergebracht, das seit 72 Generationen im Familienbesitz ist. Bekannt ist es für seine hervorragende Köchin Frau Krötenbein, die den Gästen »fluffig-wurmiges Wanzen-Soufflé« und »Pocken-Pastete mit knuspriger Krätze-Karamell-Kruste«. Doch eines Tages ist die Köchin verschwunden und mit ihr die Kinder Keuch und Husten. Anscheinend steckt der Erzfeind der Familie Zitterstein, der kalte Karl Kaltenfels, dahinter. Das Schlossgespenst Orlandooo kann leider nicht weiterhelfen, dafür aber die Glaskugel der Wahrsagerin Sibylle Schattengelfüster …

Die harmlose Gruselgeschichte erinnert leicht an die Olchis (die Speisen) und an die Adamsfamily, allerdings ohne eine sich verselbständigende Hand. Übersetzerin Myriam Alfano hat sich vergnügliche Namen für die Figuren ausgedacht (Tilli Transuse), sodass der Spaß für Leseanfänger trotz des etwas dünnen Plots garantiert ist.

Annalisa Strada: Familie von Zitterstein und das Hotel ›Zum langen Schatten‹, Illus: Marilisa Cotroneo, Ü: Myriam Alfano, Ueberreuter, 2024, 64 Seiten, ab 8, 13 Euro

Wenn schon Italien in den Bilder- und Kinderbüchern kaum zu finden ist (Caffetieras mal abgesehen), so bringt dieses ernsthafte Kinderbuch die Leserschaft immerhin nach Japan.

Als Erzähler fungiert hier ein Kaki-Baum, der Anfang des 20. Jahrhunderts in einem Garten in Nagasaki gepflanzt wird und heranwächst. Dabei beobachtet der Baum die Familie von Tomio, seinem Sohn Masao und dessen Kindern. Kriege trennen die Männer immer wieder von ihren Familien und der Abwurf der Atombombe im Sommer 1945 auf die Stadt zerstört beinahe auch den Baum.

Den Kaki-Baum gibt es tatsächlich und er ist mit den Jahren zu einem Symbol gegen den Krieg geworden. Seine Ableger und Samen sind mittlerweile in der ganzen Welt verteilt worden, so dass er nicht nur in Nagasaki fortlebt, sondern auch in Italien und anderen Ländern.
Dies ist keine Lektüre für zwischendurch und bedarf meines Erachtens der erwachsenen Begleitung. Im Rahmen einer Projektarbeit gegen Krieg und zum Erhalt des Friedens ist es eine wunderbare Geschichte mit einem hoffnungsmachenden Ende. Und vielleicht wächst dann irgendwann ein Ableger des japanischen Kaki-Baums in Deutschland.

Chiara Bazzoli: Da ist ein Baum in Japan, Illus: AntonGionata Ferrari, Ü: Birgit Albrecht, Verlagshaus Hernals, 2025, 80 Seiten, ab 8, 25 Euro

Angehende Krimifans kommen bei den ersten beiden Bänden der Jahreszeiten-Detektive auf ihre Kosten. Im Wald der Tanzenden Birke ermitteln Bärlock Bär und Biene Agatha – erwachsene Lesende werden bei diesen Namen natürlich sofort an berühmte Krimipersönlichkeiten denken.
Im herbstlichen Auftaktband verschwinden Dinge: der Wintervorrat des Eichhörnchens, eine Decke der Eichelhärin, eine Teekanne der Füchsin. Gemeinsam mit den Waldtieren macht sich das Ermittlungsduo auf die Suche … und wird schließlich fündig.
Im Winterband verschwindet der kleine Willi Waschbär ausgerechnet an Heiligen Abend, als sich die Tiere zum Feiern versammeln. Auch hier geht eine gemeinsame Suche durch den verschneiten Wald los.

Liebevoll und knuffig von der Autorin illustriert sind diese Cosy-Krimis für Kinder ein harmloser und gelungener Einstieg ins Krimigenre. Große Schrifttype und einfache Sätze machen das Lesen für Anfänger leicht.
Am Ende erfährt man immer ein paar Fakten zum Wald und seinen Bewohnern in den verschiedenen Jahreszeiten.

Und die nächsten zwei Jahreszeiten sind wohl schon in Arbeit …

Sara Fandrey: Die Jahreszeiten-Detektive: Wer hat den Herbst gestohlen?, Spurensuche im Schnee, Ü: Cornelia Panzacchi, dtv, 2026, je 80 Seiten, ab 8, 12 Euro

Paris, Ende der 1880er Jahre: Der ehemalige Waisenjunge Lupin schlägt sich als Dieb in der Stadt der Liebe durch, doch sein Herz schlägt für die Kleinen, die Armen, die Schwachen. Als der unheimliche Doktor Moustache in der Stadt auftaucht und immer wieder Waisenkinder verschwinden, macht sich Ich-Erzähler Lupin zusammen mit seinen Zirkus-Freunden Cyrano und Clarisse sowie dem jungen Polizisten Ganimard auf die Suche nach ihnen. Unter ihnen ist auch Lupins Freund Leon, den Moustache ein paar Jahre zuvor entführt hat.

Palazzesi verpasst dem Meisterdieb Arsène Lupin, der eine Erfindung des französischen Autors Maurice Leblanc ist, eine abenteuerliche Jugend. Erzählerisch anschaulich geht es durch Paris, von Montmartre bis zu Notre Dame und dem Eiffelturm, sodass die Metropole vor den Augen der Leserschaft lebendig wird. Viele Dialoge machen den Text unterhaltsam und kurzweilig. Die Verbrecherjagd mit den vielen Wendungen ist bestes Lesefutter. Und in Italien sind bereits zwei weitere Bände erschienen…

Marta Palazzesi: Die Abenteuer des jungen Lupin, Ü: Cornelia Panzacchi, Thienemann, 2026, 256 Seiten, ab 10, 15 Euro

Musikalisch wird es in Maddalena Vaglio Tanets Buch Das Haus der Musik. Renatas Opa zieht in ein Altersheim für ehemalige Musiker. Doch von Ruhestand kann hier keine Rede sein, denn die alten Leute machen immer noch Musik: Opa spielt Oboe, Benn Schlagzeug, Ivan Kontrabass und Mirella singt Opern.
Renata, die in dem Haus ein und ausgeht, lernt so nach und nach die verschiedenen Instrumente und Akteure in einem Orchester kennen. Sie ist hin und hergerissen, ob und welches Instrument sie lernen soll.

In kurzen Kapiteln und flankiert von knallbunten Filzstift-Illustrationen erfahren junge Leser:innen hier die Grundlagen des Musikmachens – was vor allem heißt, Spaß zu haben und mit anderen ein funktionierendes Orchester zu bilden. Am Ende liefert eine Übersicht die wichtigsten Charakteristika der Instrumente, die in der Geschichte vorkommen.

Vaglio Tanet hat sich bei ihrer Kindergeschichte an der tatsächlich existierenden Casa Verdi in Mailand orientiert, ein von Giuseppe Verdi gegründetem Heim für mittellose Musiker:innen. Und vielleicht regt diese Lektüre an, selbst zu einem Instrument zu greifen – oder zumindest mehr Musik zu hören.

Maddalena Vaglio Tanet: Das Haus der Musik, Illus: Giovanni Colaneri, Ü: Annette Kopetzki, Hatje Cantz, 2023, 64 Seiten, ab 8, 10 Euro

Eine weitere wahre Geschichte findet sich in dem Roman von Tea Ranno, Die Straßenbahn ins Leben. Und hier geht es tatsächlich mal um ein historisches Ereignis in Italien. Ranno erzählt sie die Geschichte von Emanuele di Porto, der als Zwölfjähriger die Razzia im römischen Ghetto am 16. Oktober 1943 überlebt hat.

Damals verhafteten die deutschen Besatzer 1024 jüdische Menschen, darunter Emanueles Mutter, und deportierten sie nach Auschwitz. Der Junge, der die Geschehnisse aus dem Fenster seiner Wohnung beobachtete, rannte seiner Mutter hinterher, wollte sie vom Lastwagen retten und wurde selbst auf den Wagen gezerrt. Doch in einem günstigen Moment stieß die Mutter Emanuele vom Wagen und befahl ihm, wegzulaufen. In seiner Not stieg der Junge in eine Straßenbahn – und blieb dort zweieinhalb Tage. Schaffner und Zugführer versorgten ihn mit Wasser, Nahrung und einem wärmenden Schal. Als die Straßenbahn abends ins Depot fuhr, konnte er im Wagen übernachten. Erst als ein Freund zufällig die Straßenbahn betritt, erfährt Emanuele, dass sein Vater und seine Geschwister noch in Rom sind, und kehrt nach Hause. Seine Mutter jedoch kommt nicht wieder.

Trotz der traurigen Tatsache, dass Emanueles Mutter nicht überlebt hat, verströmt Tea Ranno in ihrem Buch einen Hauch von Hoffnung. Denn Emanuele, der ihr die Geschichte persönlich erzählt hat und den ich im vergangenen Herbst kennengelernt habe, hat seinen Weg ins Leben gefunden, ohne sich dem Hass auf die Nazi hinzugeben. Er hat viele Jahre in italienischen Schulen seine Geschichte erzählt. Diese nun in einer leicht fiktionalisierten Version in Buchform zu haben, macht ihn unglaublich stolz.

Jungen deutschen Leser:innen bringt Tea Ranno damit ein Kapitel des so komplexen Holocaust wieder, den die Deutschen auch nach Italien gebracht haben. Die behutsame Art ihres Erzählens verhindert jedoch, dass die Jugendlichen geschockt aus dieser Lektüre gehen. Viel mehr besteht bei mir, als Übersetzerin, die Hoffnung, dass damit vielleicht das Interesse an diesen historischen Ereignissen geweckt wird.

Im Oktober 2026 stand das Buch auf der Deutschlandfunk-Liste der besten 7 Bücher für junge Leserinnen und Leser.

Tea Ranno: Die Straßenbahn ins Leben, Ü: Ulrike Schimming, mixtvision, 2026, 160 Seiten, ab 10, 16 Euro

Inspiriert von wahren Begebenheiten hat auch Gabriele Clima einen Roman für junge Leser:innen verfasst – der nicht in Italien spielt, sondern in Afghanistan: Räder meiner Freiheit. Das Mädchen Maryam bekommt zum sechsten Geburtstag ein gebrauchtes Fahrrad geschenkt, doch ihr Vater, ein gläubiger Mann, verbietet ihr, es zu benutzen. Maryam aber will unbedingt Rad fahren. Als sie eines Tages, sie ist fast 14, von der Frauen-Radmannschaft in Kabul erfährt, setzt sie alles daran, ins Team aufgenommen zu werden.
Ihre Eltern dürfen jedoch nichts davon wissen. Der Vater entwickelt sich immer mehr zum Taliban, verdunkelt das Haus mit schwarzen Vorhängen, zwingt seiner Frau die Burka auf, will Maryam von der Schule nehmen und zwangsverheirateten. Die Mutter steht jedoch auf Maryams Seite.
Als jedoch eines Tages ein Bild der Rad fahrenden Mädchen in der Zeitung erscheint, erfährt der Vater alles. Und Maryam verlässt letztendlich die Familie.

Clima hat für diese Geschichte mit vielen afghanischen Frauen in Italien gesprochen und so ein wohl authentisches Bild vom Leben der Frauen und ihrem Kampf um Autonomie gezeichnet. Man leidet mit Maryam und ihrer Freundin mit, ist gefesselt von ihrem Mut und ihrer Kraft, sich ein freies, unabhängiges Leben aufzubauen. Folgerichtig endet dieser Roman mit einem Hoffnungsschimmer, doch die tatsächliche Lage der Mädchen und Frauen unter der Herrschaft der Taliban ist nach wie vor schrecklich. Ein gewisses Bewusstsein dafür wird mit dieser Lektüre auf jeden Fall geschaffen.

Einzig bei Übersetzung bzw. Lektorat und Layout ist noch Luft nach oben. Eigentlich sehe ich über Tippfehler oder seltsame Formulierungen, wenn sie vereinzelt auftreten, hinweg, zumal wenn es sich um einen jungen Verlag handelt. Aber hier kommt mir der deutsche Text sehr dicht am Original vor, die verschiedenen Schreibweisen von »Burka« bzw. »Burqa« machen stutzig. Seiten mit nur einer Zeile sind layout-technisch ziemlich unglücklich, wenn nicht gar unprofessionell. Auch dass der Übersetzer nicht vorne in der Titelei genannt, sondern nur hinten im Impressum (inkl. Tippfehler) auftaucht, lässt dunkle Vermutungen über die wenig menschliche Urheberschaft des deutschen Textes aufkommen. Beweisen lässt sich das natürlich nicht. Aber es gibt schon zu denken.

Gabriele Clima: Räder meiner Freiheit, Ü: Giovanni Caselotti, Weltentdecker, 2026,155 Seiten, ab 12, 16 Euro

Natürlich sollte auch eine Pinocchio-Ausgabe in dieser Aufstellung nicht fehlen. In der Vorschau von NordSüd fand sich dann dieses Exemplar, das pünktlich zu Carlo Collodis 200. Geburtstag am 24. November noch mal aufgelegt wurde. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Neuübersetzung oder Neuausgabe, sondern um eine bereits existierende Version von 2018. Dieser liegt die erste Übersetzung von 1905, angefertigt von Paul Artur Eugen Andrae, zugrunde, die gründlich überarbeitet wurde. So wurde vor allem Andraes kuriose Namengebung »Hippeltisch« in das heute übliche »Pinocchio« geändert. Der deutsche Text wurde ansonsten vorsichtig entstaubt, behält aber dennoch seinen leicht antiquierten Charakter. Der Rückgriff auf alte, gemeinfreie Übersetzungen ist mittlerweile üblich, auch wenn mein Übersetzerin-Herz dann immer etwas blutet, aber nach mehr als 50 Übersetzungen (s. hier) ist der Text wahrscheinlich auch ausübersetzt und eine richtige Neuübersetzung wäre teuer.

Diese Halbleinenausgabe lebt von den charmanten Aquarellen des Belgiers Quentin Gréban, der seinen Pinocchio den in der Toskana allgegenwärtigen Holzfiguren angepasst hat, mit entsprechender roter Kegelmütze. Die Häuser und Dörfer erinnern mit ihren roten Ziegeldächern an die typische Architektur der Toskana, die Zypressen dazwischen verstärken dieses Flair. Liebevoll sind die Details bei den Figuren: Pinocchios Hemd ist mit kleinen Erdbeeren verziert, die Kleider der blauen Fee sind mit Blumen geschmückt. Die Schnecke trägt einen Schal. Die Schlange windet sich um ein dreieckiges Straßenschild, das vor einer kurvigen Straße warnt. Das humoristische Augenzwinkern des Illustrators ist hier deutlich zu spüren und genaues Hinsehen lohnt sich.

Auflagentechnisch haben wir es hier zwar mit einer Mogelpackung zu tun, aber zum 200. Geburtstag des Autors ist es eine schöne Geste, dieses Buch noch mal in den Vordergrund zu holen.

Carlo Collodi: Pinocchio, Ü: Paul Artur Eugen Andrae, Illus: Quentin Gréban, NordSüd, 2018, 176 Seiten, ab 5, 24 Euro

Jugendbuch

Zeno wird gemobbt. Und zwar richtig schlimm. Inklusive Video im Internet und jeder Menge Hassnachrichten auf seinem Phone. Davon erzählt Alessandro Barbaglia in seinem Chat-Roman Sorry, aber ich bleibe.
Zeno, der an einem unbenannten Ort lebt, findet zwischen all dem Hass dann aber auch eine unbekannte Stimme, die ihm nette Sachen schreibt. Das kann und will der Junge zunächst gar nicht glauben und blockiert diese Nummer. Aber die Neugierde ist doch zu groß, und so kommt er mit einer gewissen Luna in ein Chatgespräch.

Rasant ist der Austausch zwischen den beiden – der ausschließlich als Chat-Nachrichten geliefert wird –, sodass man als Leser:in immer weiter und immer schneller in die Geschichte gezogen wird. Denn es bleibt bis zum Schluss spannend, wer Luna überhaupt ist.

Mobbing und Diskriminierung werden hier in jugendaffiner Art behandelt. Die kurzen Texte lassen sich quasi wie in Echtzeit lesen – und doch entfaltet sich dahinter der Kosmos einer ganz besonderen Freundschaft, die all jenen Mut macht, die sich ausgeschlossen fühlen.

Alessandro Barbaglia: Sorry, aber ich bleibe, Ü: Susanne Just, WooW Books, 2025, 160 Seiten, ab 12, 16 Euro

Eine schon fast klassische Fantasy-Reihe bilden die beiden Bände von Valdombra von Martina Folena.
Darin gehen die Geschwister Isa und Teo nach einem verheerenden Erdbeben auf eine Reise. Sie wollen den legendären Drachen, genannt das Kryptid, finden, der für die Erdbeben verantwortlich ist. Es entspinnt sich eine Quest mit finsteren Banditen, holden Prinzessinnen, verkappten Rittern, schlauen Bibliothekaren, einem unsympathischen Oheim.

Ergänzt wird die liebevoll-humorige Geschichte von Illus in einem Stilmix aus Manga- und 1970er-Jahre-Figuren, sodass es für junge Lesende immer wieder kleine Pausen zum Schauen gibt. In der Mitte des Buches findet sich ein vierfarbiges Reisetagebuch der Ich-Erzählerin Isa.

Wer nach dem ersten Drachenabenteuer nicht genug hat, findet in der Fortsetzung dann sofort weiteres Lesefutter.

Martina Folena: Valdombra. Das Geheimnis des Drachen und Die Lichter vom Dunkelberg, Ü: Barbara Neeb und Katharina Schmidt, Coppenrath, 2025, 288 Seiten, ab 12, 18 Euro

Vielschreiber Davide Morosinotto führt seine Leserschaft in Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten nach Nürnberg ins Jahr 1829. Greta kommt mit ihrem Vater in der Stadt an, sie beziehen zwei Zimmer im Hotel Bayerischer Hof. Der Vater wurde in die Stadt gerufen, da einer Person nach dem Leben getrachtet wird: Kasper Hauser ist in Gefahr.

Und damit entwickelt sich eine spannende Detektivgeschichte, die den Kaspar-Hauser-Mythos jugendgerecht und mit einer jungen weiblichen Ermittlerin erzählt. Greta erforscht nach und nach die Geschehnisse um Kaspar. Dabei verwebt Morosinotto geschickt Fiktion und Wahrheit, zieht alte Dokumente heran, macht aber im Nachwort klar, dass das Geheimnis um diesen jungen Menschen bis heute nicht gelöst werden konnte.

Morosinotto erzählt gewohnt rasant und mitreißend. Das Nürnberg des frühen 19. Jahrhunderts ersteht bei ihm zu einer sehr plastischen Stadt, durch die Greta die Leserschaft mitnimmt. Der nicht-deutsche Blick auf das Kasper-Hauser-Thema ist erfrischend und kurzweilig – die Neugierde auf Kaspar Hausers Schicksal bleibt nach der Lektüre bestehen und verleitet zu weiteren Nachforschungen.

Davide Morosinotto: Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten, Ü: Cornelia Panzacchi, Thienemann, 2025, 272 Seiten, ab 12, 16 Euro

In seinem aktuellen Roman, Das verfluchte Gold von Hell Gate, kehrt Davide Morosinotto dann quasi zu seinen Anfängen zurück: in die USA. Dieses Mal ist es jedoch nicht der Mississippi wie in die Mississippi-Bande, sondern die Flussenge Hell Gate in New York, die die titelgebende Rolle spielt.
Fünf Freunde, die sogenannte Kakerlaken-Bande findet am Flussufer einen Toten. Das ist schon aufregend genug, doch hat dieser Mann drei seltsame Dinge bei sich: eine Streichholzschachtel mit einem Schlüssel und einer Zeichnung von einem Frachtschiff. Und schon steckt die Leserschaft in einer rasanten Schatzsuche in den 1920er Jahren. Die Protagonisten, die aus Italien, Puerto Rico, Korea und Afrika stammen, müssen sich gegen die Erwachsenen und die Mafia durchsetzen, sie erkunden New York auf eigene Faust, fahren illegalerweise selbst mit einem Automobil, »leihen« sich ein Boot aus und versuchen nachts in reißenden dunklen Gewässern ein gesunkenes Schiff zu finden.
Parallel dazu wird die Geschichte vom ehemaligen Sklavenjungen Bill Swann erzählt, der etwa 150 Jahre zuvor seinen versklavten Freund Cesar von eben jenem Schiff befreien will.

Herausragend ist hier die Ausstattung des Buches: Die Hardcover-Ausgabe steckt in einem Schuber, der wie das Äußere einer Streicholzschachtel aufgemacht ist und somit bereits auf den Inhalt verweist. Innen finden sich bei jedem Kapitel schwarz-weiße Illustrationen, die die Geschichte auf ihre Art weitererzählen und ergänzen. Man sollte sie also nicht einfach überlesen …

Das hier dargestellte New York der 1920er ist noch nicht der glitzernde Big Apple, sondern das New York der Prohibition, der Banden, der Einwanderer. Dies und die Geschichte der Sklaverei des 18. Jahrhunderts vermittelt Morosinotto in gewohnt lässiger Erzählweise und mit vielen Wendungen und Cliffhangern, sodass man den dicken Schinken so schnell nicht aus der Hand legt.

Davide Morosinotto: Das verfluchte Gold von Hell Gate, Ü: Cornelia Panzacchi, Thienemann, 2026, 512 Seiten, ab 12, 20 Euro

Ebenfalls in den USA sind die ersten beiden Teile der Love-me-love-me-Trilogie angesiedelt. Das romantisches Lesefutter von Stefania S. spielt in Kalifornien und erzählt in epischer Breite die Irrungen und Wirrungen junger Liebe.
June kommt neu an eine Elite-Highschool und lernt gleich am ersten Tag den unwiderstehlichen Badboy James Hunter kennen. Wir ahnen es: Hier werden Enemys irgendwann Lover. Doch davor müssen unzählige Wendungen, Hindernisse und Geheimnisse durchgestanden, überwunden und erkundet werden. Hier finden sich diverse Spice-Szenen, aber auch toxisches Verhalten der Hauptfiguren.

Erzählt wird multiperspektivisch in relativ kurzen Kapiteln. Ursprünglich ist diese Geschichte wohl auch auf der Schreibplattform Wattpad erschienen, einem Tummelplatz für Schreibende, die sofort Reaktionen auf ihre Texte haben möchten. Da die Plattform international zugänglich ist, werden als Location daher zumeist Orte außerhalb Italiens gewählt, mit denen sich mehr Leser:innen identifizieren können. Selbst wenn es über die Nennung der Ortsnamen und die Anglisierungen der Figurennamen meist kaum hinausgeht.

Stefania S. endet in diesen ersten beiden Bänden der Trilogie mit krassen Cliffhangern, sodass man mehr oder minder unfreiwillig zum nächsten Teil greifen muss, um es bis zum Happy End zu schaffen. Das wird vermutlich im dritten Band, der im Frühjahr 2027 auf den Markt kommen wird, erreicht werden. Die Spannung wird auf jeden Fall gehalten …

Stefania S.: love me love me. Unsere Herzen ziehen sich an / love me love me. Unsere Küsse sind magisch, Ü: Hanna Bäumker, Barbara Neeb, Katharina Schmidt, cbt, 2026, 685 und 544 Seiten, ab 14, 16 bzw. 17 Euro

Graphic Novel

In der mangaähnlichen Graphic Novel Heartbreak Hotel des Autorinnen-Duos Beltramini und Innocente geht es um fies gebrochene Herzen, Enttäuschungen, Verluste, Liebe und Tod. Das volle Paket Leben.

Vier Jugendliche finden sich im geheimnisvollen, total automatisierten Heartbreak Hotel wieder. Um diesen klaustrophobischen Ort, der überall sein könnte, verlassen zu können, müssen sie sich mit ihren gescheiterten Liebesbeziehungen auseinandersetzen.
Maya liebt Laura, aber die ist mit Finn zusammen. Laura stirbt bei einem Autounfall. Martin ist in den schönen Insta-Alex verknallt, aber der macht ihn bei einer Real-Begegnung runter. Fiona verpasst das Vortanzen, weil ihre beste Freundin Emma ihr den Freund wegschnappt.

Jugendlich-queeres Coming-of-Age ist hier in zarten Pastelltönen und einem manga-ähnlichen Stil verpackt. Die komplexe Geschichte bietet viel Raum zum Mitleiden, Mitfühlen, Identifizieren und zum Überwinden solch zutiefst menschlichen Krisen.

Micol Arianna Beltramini/Agnese Innocente: Heartbreak Hotel, Ü: Myriam Alfano, Ueberreuter, 2026, 224 Seiten, ab 13, 18 Euro

Unvergleichlich kostbar

Taubenschwänzchen

Vergleiche können manchmal Ansporn sein und motivieren. Sie können auch hinken (was eine sehr gute Metapher für einen zumindest fragwürdigen Vergleich ist). Meistens schüchtern Vergleiche aber ein, entmutigen oder schaden und verletzen sogar.
So geht es Trixi, einem leicht flatterhaften Wesen, aus der Feder der Kinderbuchkünstlerin Linda Schwalbe. Trixi ist ein Falter, genauer ein Taubenschwänzchen, das so heißt, weil die Haarbüschel an seinem Hinterleib an Taubenfedern erinnern. Mit 70 bis 90 Flügelschlägen in der Sekunde können Schmetterlinge sehr schnell fliegen. Und wie ein Kolibri in der Luft stehen. Dafür brauchen diese Insekten enorm viel Energie. Wie die kleinen, exotischen Vögel aus Südamerika saugen auch Taubenschwänzchen Nektar aus Blütenkelchen, aus unglaublich vielen, aus tausenden, 1300 bis zu 5000 täglich!

Ein bisschen verpeilt

Trixi fliegt gern rasend schnell mit ihrem Kumpel Siggi um die Wette. Und obwohl sie eigentlich viel flotter ist als die Fliege, lässt sie sich doch leicht kurz vorm Ziel durch leckere Fliederblüten ablenken. Trixi ist also ein bisschen unfokusiert und liebenswert verpeilt. Linda Schwalbe erweckt das Taubenschwänzchen Trixi als sympathisches Wesen mit großen, schwarz glänzenden Kulleraugen und einem coolen Stern auf der Brust zum Leben. Seine filigrane Leichtigkeit bekommt der Schmetterling, indem die Illustratorin die Flügel nur mit parallelen Linien in Pastelfarben konturiert und andeutet.

Insekten sind quasi Tauben

MIt diesen lufitig leichten Flügeln saust Trixi gelegentlich auch durch die Stadt und Straßenschluchten, über die Köpfe der Menschen hinweg. Und die sind zunächst auch ganz hin und weg von der virtuosen Fliegerin, halten sie Trixi doch erst für einen Kolibri. Trixi genießt die bewundernden Rufe, bis jemand erkennt, dass sie ein Insekt, ein »haariger Falter« ist. Schon ist Schluss mit lustig. Denn Vögel werden respektiert und für ihre Flugkünste bewundert – außer sie sind Tauben. Insekten aber sind quasi Tauben, gelten als lästig und ekelig. Außer es sind Bienen. Dabei bestäuben nicht nur die immer hungrigen und sehr umtriebigen Taubenschwänzchen genauso effektiv Blüten wie die beliebten Bienen.

Große Dynamik

Aber erklär das Mal der Frau, die wütend nach dem fetten Brummer schlägt. Linda Schwalbe ändert den Blick auf Insekten mit ihrem Kinderbuchdebüt. Bewusst hat sie es als Comic gestaltet. So bekommt die Geschichte eine große Dynamik. Auch die Mischung aus analoger Maltechnik mit Buntstiften und Acrylfarben und anschließender digitaler Bearbeitung der eingescannten Seiten bringt sichtbar Schwung in die Bilder. Wenn Trixi und Siggi dann mit sich über Seiten schlängelndem Brooooommmmmmmm durch die Lüfte sausen, wird fast der Lufthauch spürbar, mit dem die Flugakrobaten raffiniert Hindernisse umfliegen.

Solidarische Kleinstlebewesen

Modern ist diese Geschichte, modern erzählt und thematisch brandaktuell. Im Gegensatz zur putzigen Trickfilmwelt der Biene Maja zeigt Linda Schwalbe, wie wichtig Insekten sind. Sie erzählt es als spannendes Abenteuer: Siggi bleibt nämlich wegen seiner Lust auf Süßes an einem Lolli kleben, wird entführt und soll als Chamäleonfutter enden. Also nimmt Trixi all ihren Mut zusammen, um ihren Freund zu retten. Gemeinsam und solidarisch mit anderen Kleinstlebewesen und ihren besondern Talenten schafft sie es, ihren Fliegenkumpel zu befreien.

Die coolsten Taubenschwänzchen

Als auf dem bunten Schlussbild mit ganz vielen jubelnden Insekten, Flatter- und Krabbeltierchen, eines anerkennend sagt: »Trixi, du warst heute der überzeugendste Kolibiri, den ich je gesehen habe«, antwortet unsere knuffig leichte Heldin selbstbewusst: »Von wegen Kolibri – wir alle waren heute die absolut coolsten Taubenschwänzchen.« Schluss mit hinkenden Vergleichen. Die Taubenschwänzchen sind genau richtig und wichtig, wie sie sind.

Einzigartige und unvergleichliche Kinderbücher

Schön, berührend und interessant sind sie auch. So wie alle Kinderbücher aus dem Rotopol Verlag, mit dem Linda Schwalbe auf der Kinderbuchmesse in Bologna zusammengekommen und wo ihr außergewöhnliches Debüt erschienen ist. Wie die Bücher von Beatrice Alemagna (Ihre Hoheit Matsch, Prinzessin von Schlammland) oder Anna Haifisch sind diese Werke für junge Leserinnen und Leser alle ganz besonders, einzigartig – und einfach unvergleichlich.

Linda Schwalbe: Trixi – Es flattert im Flieder, Rotopol, 2026, 96 Seiten, 20 Euro, ab 7

Von Liebe und Loslassen

Pferd

Kiki tut alles für ihr Pferd. Sie gibt ihm Wasser und füttert es. Sie hält es warm. Sie striegelt es, kratzt die Hufe aus und flechtet Zöpfe in Mähne und Schweif. Sie putzt den Stall. Und dann machen sie diese fantastischen Ausritte, an Strand und Steilküste entlang, zu Wasserfällen und im Sonnenuntergang die Hügel hinauf. Bei Wind und Wetter und zu jeder Jahreszeit. Die beiden sind unzertrennlich. Große Liebe.

Ein Pferdebuch, aber ein ganz besonderes

Kein Zweifel, Kiki & ich ist ein Pferdebuch. Ein grandioses und ganz besonderes. Denn Leo Timmers erzählt aus der Sicht des Pferdes. Es beginnt mit der ersten Begegnung, als die schwarze Stute zögernd aus dem Anhänger steigt. »Die Klappe ging auf. Da war sie: Kiki.« Liebe auf den ersten Aufstieg. Innig drückt sich das kleine Mädchen an den Hals des freundlichen Tieres. »Sie musste sich erst mal an mich gewöhnen.« Die kleine Reiterin purzelt und rutscht vom Rücken des geduldigen Pferdes, das mindestens ebenso verblüfft auf die auf dem Boden gelandete Kiki zurückblickt. »Aber Kiki lernte schnell.«

Bewegungsstudien in Schwarz-Weiß

Leo Timmers lässt die schöne Stute in dynamischen Schwarz-Weiß-Bildern erzählen, manche erinnern an Bewegungsstudien, bewegte Bildern aus dem gemeinsamen Leben von Kind und Pferd. Kiki hat, typisch für Timmers Stil, etwas knuffiges an sich, mit relativ großem Kopf und Stupsnase, ein selbstbewusstes, quicklebendiges Wirbelwindmädchen.

Kulleraugen und umwerfende Mimik

Die Stute dagegen ist für die Verhältnissse des niederländischen Kinderbuchautors und Illustratoren sehr ausdiffernenziert und naturalistisch gezeichnet. Kräftige Muskeln zeichnen sich unter dem fein gestrichelten schwarzen Fell ab. Die Bewegungen sind dynamisch, lebendig und mitreißend. Dieses Pferd hat ein sehr ausdrucksstarkes Gesicht. Freude. Überraschung, Interesse, Mitgefühl oder auch mal Unbehagen, die Mimik ist umwerfend. Nur die runden Kulleraugen sind typisch Leo Timmers, doch es ist erstaunlich, wie viel sich darin ablesen lässt.

Bilder, in die man eintauchen möchte

Absolut fantastisch sind die doppelseitigen farbigen Panoramabilder der gemeinsamen Ausritte: Diese Seiten sind wahre Kunstwerke in Breitband und Technicolor, wunderschöne Landschaftsgemälde, in die man eintauchen möchte. In wildem Galopp geht es durch hohes Gras, durch spritzende Gischt am Strand, vorbei an friedlich grasenden Schafen, unter farbenprächtig schwindendem Tageslicht. Mal entkommen die beiden nur knapp wilden Gewitterblitzen, mal beobachten sie bei Vollmond von den Klippen aus, wie ein Wal in den Ozean eintaucht. Gemeinsam rasten sie unter einer Brücke, eine berückende Idylle.

Eines Tages ist alles anders

Das könnte immer so weiter gehen. »Ich dachte, es würde immer so bleiben. Aber eines Tages änderte sich alles.« Kiki hat nur noch Augen für einen Jungen. Ihr Pferd ist lediglich das Transportmittel. Die jungen Leute rudern zu einem Leuchtturm. Das Pferd bleibt traurig und allein am Strand zurück. »Ich sah Kiki immer seltener. Wir waren nicht mehr zusammen unterwegs. Sie erzählte mir keine Geheimnisse mehr.« Es folgt eine Doppelseite mit vier schwarz-weißen Pferdeprofilen, die immer diffuser werden und sich zunehmend aufzulösen scheinen. »Ich hatte mich noch nie so einsam gefühlt.«

Doppelte Coming-of-Age-Geschichte

Leo Timmers erzählt in diesem Buch, das sein persönlichstes ist, von Liebe, Vertrauen und tiefer Verbundenheit. Und von Verlust und Loslassen. Es ist eine Coming-of-Age Geschichte in doppeltem Sinn. Mit einem liebevollem und zeitlos wahrem Ende. Denn die Stute bleibt nicht allein, sondern bekommt einen Gefährten, obwohl das nun nicht mehr kleine Kind den Kummer des Tieres nicht sieht oder sehen kann. Doch ihr Vater übernimmt Verantwortung und und der gescheckte Hengst Bruno kommt als Vertrauter dazu.

»Kiki hatte mich auch vermisst«

»Ich erzählte Bruno, was passiert war. Dass Kiki weg war und ich nicht wusste, ob sie je wiederkommen würde. Bruno sagte, bestimmt würde alles wieder gut.« Und tatsächlich: »Er hatte recht. Denn eines Tages stand Kiki plötzlich wieder vor mir. Ich war so froh, sie zu sehen. Kiki hatte mich auch vermisst.« Zum Schluss sieht man zwei Pferde und zwei junge Leute in den Sonnenuntergang galoppieren.

Kinder gehen eigene Wege. Und kommen irgendwann zurück

Timmers erzählt klar und berührend. Eva Schweikart, die als Übersetzerin auf der Titelseite steht, so soll es sein, hat die von Timmers dem Pferd in den Mund gelegten Worte zärtlich und schön aus dem Niederländischen übertragen. Denn hier geht es nicht nur um ein Mädchen und ein Pferd. So ist es auch mit Eltern und ihren erwachsen werdenden Kinder. Erst ist man unzertrennlich, doch dann gehen Kinder ihre eigenen Wege. Sie lernen andere Menschen kennen. Machen ihr Ding. Probieren sich aus. Eltern lernen loszulassen. Und irgendwann, wenn man es als Mutter oder Vater nicht völlig verbockt hat, kommen die Kinder zurück. Und man kann noch sehr viel Freude miteinander haben.

Leo Timmers: Kiki & ich, Übersetzung: Eva Schweikart, aracari Verlag, 2026, 68 Seiten, 20 Euro, ab 3 Jahre

Kleine Löwen, große Themen

Katze

Die Katze ist verschwunden. Georg war schon öfters verschwunden. Aber noch nie für so lange. Und so begeben Kind und Vater sich auf die Suche nach Georg.
Sie fragen die Nachbarin. Und klappern Plätze ab, wo der Kater regelmäßig rumstromert. »GEORG! Wir rufen. Und wir horchen.«
Dann sehen sie auf der Straße Bremsspuren. »Genau hier überquert Georg immer die Straße. Ist das ein Blutfleck?« Dem Kind mit dem großen Kopf und den großen, schwarzen Augen schwant nichts Gutes. Vielleicht ist Georg von einem Auto angefahren worden und hat sich irgendwo versteckt. Doch im Gebüsch entlang der Straße ist die Katze auch nicht.

Was passiert mit denen, die sterben?

Der Vater bereitet behutsam und sensibel, dabei klar verständlich und ohne zu verharmlosen, sein Kind auf das Schlimmstmögliche vor. »Wenn wir ihn nicht finden … sagt Papa. Dann ist Georg vielleicht … tot. Tot?« Manchmal werden Katzen überfahren. Oder von anderen Tieren gefressen, erklärt der Vater. »Im Fernsehen hat jemand gesagt, dass Katzen eigentlich kleine Löwen sind. Löwen sind doch unbesiegbar, Oder etwa nicht?« Was bedeutet das eigentlich: Sterben. Tod. »Was passiert mit denen, die sterben?«

Niemand weiß es

Der norwegische Kinderbuchautor Ragnar Aalbu hat mit Auf der Suche nach Georg ein geradezu existenzialistisches Buch über das Sterben geschrieben, einfühlsam und berührend. Absolut ehrlich und klug erklärt der Vater, dass niemand weiß, was geschieht: »Manche Leute glauben, dass alles zu Ende ist, wenn man stirbt. Dass man dann einfach für immer … weg ist. Andere glauben, dass man nach dem Tod an einem anderen Ort ist. Niemand weiß es. Im Grund wissen wir nur, dass wir dieses Leben haben. Und eines Tages ist es zu Ende.«

Tut weh, macht wütend und frustriert

Die Vorstelliung, dass Georg für immer weg sein könnte, macht das Kind ungeheuer traurig. Und sehr wütend: »Es ist ungerecht. Der Tod ist doof. Er macht alles kaputt.« Allein schon diese furiosen philosophischen Dialoge machen Ragnar Aalbus Geschichte lesenswert, selten liest man in Kinderbüchern so offen und ungeschönt über den Tod, eine Tatsache, an die man sich mit zunehmenden Alter gewöhnt (oder immer effektiver aus den Gedanken verdrängt). Aber der Tod bleibt unbegreiflich. Und der Schmerz über den Verlust eines geliebten Lebewesens ist absolut und unvergleichbar mit allem anderen. Wir müssen damit leben. Aber es tut weh, macht wütend und frustriert. Kinder umso mehr. Schaurig schön bringt es Mephisto in Goethes Faust auf den Punkt: »Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.«

Diffuser Weißraum, Auslassungen, Lücken

Die Bilder, die Ragnar Aalbu zur Suche nach Georg geschaffen hat, sind soviel mehr als bloße Illustrationen. Sie erzählen die Geschichte noch einmal stimmig, stimmungsvoll, zeitlos wahr und voller Dramatik. Die Farben sind winterlich, kahle, rieisge Baumstämme in Schwarz und Braun. Das verbliebene Grün am Ufer und der Büsche am Straßenrand ist abgetönt und verfärbt, eher eine Erinnerung an die lebendige Farbe von Frühling und Sommer. Die Bilder wirken wie durch Siebdruck oder mit Airbrush Technik entstanden und dann digital ausgeschnitten. Es gibt keine scharfen Konturen. Dafür sehr viel diffusen Weißraum, Auslassungen, Lücken, im Wald wirken weiße Längsstrukturen wie Negativaufnahmen von Bäumen, die bereits verschwunden sind.

Kinderwagen, Rollator, Friedhof

Aalbu spielt mit sich verändernden Größenverhältnissen. Je länger die Suche dauert, desto verlorener wirken das Kind und auch der Vater in der Umgebung. Eingestreut sind kleine Details und Randszenen. Anfangs sehen wir den verwaisten Kratzbaum und ein liegengebliebenes Katzenspielzeug. Als der Vater davon spricht, dass Katzen manchmal von anderen Tieren gefressen, sieht man am unteren Bildrand einen Fuchs, der ein Eichhörnchen jagt. Es ist die alte Geschichte vom Fressen und Gefressen werden. Und dann zeigt der norwegische Bilderbuchkünstler noch eine größere, menschengemachte Gefahr für Katzen und auch für Kinder: das die Doppelseite durchschneidende, schwarze Band der Straße. Beim Dialog über Leben und Tod sieht man Kinderwagen und Babies, einen toten Vogel, alte Menschen mit Rollator, Baustellen und verfallene Gebäude, einen Friedhof. Der ewige Kreislauf von Entstehen und Vergehen, Und eine Bahnhofsuhr, Sinnbild verrinnender Zeit.

Mit Katzen existenzielle Themen erzählen

Trotz des ernsten Sujets hat dieses Buch eine besondere Schönheit und Leichtigkeit, dank seiner liebenswerten Figuren und der durchlässig, mit viel assoziativem Freiraum gestalteten Bilder. Nach Herr Ernst kauft eine Katze ist dies eine weitere kuriose und zauberhafte Katzengeschichte aus dem Kraus Kinderbuch Verlag, in der über die kleinen Löwen und mysteriösen Tiere elementare Themen erzählt werden.

Ragnar Aalbu: Auf der Suche nach Georg, Übersetzung: Katrin Frey, Kraus Kinderbuch, 2026, 40 Seiten, 18 Euro, ab 4

Schnurren statt schlucken

Herr Ernst kauft eine Katze ist der vielversprechende Titel dieses Bilderbuchs. Nach den ersten Seiten fragt man sich aber selbst als Katzenliebhaberin, warum? Was soll jemand wie dieser Herr Ernst mit einer Katze? »Es war einmal ein vielbeschäftigter Herr, der sich immer nur damit befasste, was er für nützlich und notwendig hielt.«
Mit wenigen pointierten Worten charakterisiert die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Roksana Jędrzejewska-Wróbel diesen Herrn Ernst. Man beachte bereits in diesem ersten Satz das kleine, von Dorota Stroińska raffiniert aus dem weichen Polnischen ins nüchterne Deutsch übersetzte Wörtchen nur.

Was soll ein so rationaler Mann mit einer Katze?

»Er würde nie seine Zeit mit albernen Spielereien verschwenden, wie kitzeln, im Kreis drehen, auf einem Bein hüpfen, Grimassen schneiden, an frisch gemähtem Gras riechen oder anderen Dingen, die Spaß machen, aber völlig unnütz sind.«
Natürlich liebt dieser sehr ernste Herr Ernst Zahlen, Grafiken und Tabellen. Er plant mit dem größten Vergnügen seine Tage. Überraschungen dagegen mag er überhaupt nicht. Also, was soll so ein rationaler und dröger Mann mit einer Katze?
Vielleicht erinnert der von Adam Pękalski gestaltete Mann mit dem sprechenden Namen nicht von ungefähr an Friedrich Merz: Ein asketischer Typ in Pullunder und Krawatte, mit Hornbrille und wenig verbliebenem Haar über dem Scheitel; ein Mensch, dessen Lebensinhalt Effizienz, Ordnung, Routine und Leistung sind. Hauptsache alles ist nützlich und notwendig, was man tut oder auch isst, egal ob es schmeckt.

Außerordentlich nützlich und etwas nervös

Dass dieses Leben doch nicht ganz so toll ist, wie Herr Ernst glaubt, merkt man an den Medikamenten, die er nimmt, um sich zu beruhigen. »Denn Menschen, die sich wie unser vielbeschäftigter Herr ununterbrochen nur mit sehr wichtigen und außerordentlich nützlichen Sachen beschäftigen, sind oft etwas nervös.« Das ist sprachlich ebenso schön wie treffend auf den Punkt gebracht. Angesichts ihrer reizvollen Figur und spannender, erzählerischer Wendungen erkennt man, dass Roksana Jędrzejewska-Wróbel auch eine ausgezeichnete Theater- und Drehbuchautorin ist.

Bilder von Piet Mondrian an der Wand

Adam Pękalskis Illustrationen dazu sind auf den ersten Blick stilvollendet und klar. Doch verstecken sich etliche subtile und witzige Anspielungen darin, die sie auch für erwachsende Betrachterinnen und Betrachter zu einer Augenweide machen. Und das bereits ab dem Vorsatzpapier, einer Charakterstudie in wenigen Gegenständen. Auch die Bilder an den Wänden in Herrn Ernsts Wohnung sprechen Bände. Die sind nämlich im Stil Piet Mondrians: Klare, gerade Linien und Gitterstrukturen in den Komplementärfarben Rot, Blau, Gelb. Die geordneten Gemälde scheinen wie die Faust aufs Auge zu passen.

Billiger als rosarote Beruhigungstabletten

Dann kommt die Katze ins Spiel: Im Radio hört Herr Ernst, als er gerade seine Tabletten schlucken will, »dass es sehr gesund sei, eine Katze zu haben, denn ihr Schnurren wirke beruhigend und besänftigend auf den Menschen.« Also überlegt Herr Ernst aus rein pragmatischen Gründen – Medikamente kosten Geld und schlagen auf den Magen – sich eine Katze zuzulegen. Selbst als er zunächst schon für die Grundausstattung für das Entspannungsmittel auf vier Pfoten ziemlich viel ausgegeben hat, rechnet er sich aus, dass er langfristig spart, Geld und Magengeschwüre, »viel billiger als ein Jahresvorrat seiner rosaroten Beruhigungstabletten.«

Kater kaputt

Herr Ernst kauft einen eleganten Siamkater. Doch trotz genügend Futters, frischem Wasser, regelmäßig gesäubertem Klo, Vitaminen und Spielzeug schnurrt der Kater nicht. Der Kater ist offensichtlich kaputt. Empört bringt Herr Ernst das grimmig blickende Tier zum Arzt, wo sich ein absurd komischer Dialog entspinnt:
»Und wie oft streicheln Sie Ihren Kater?«
»Streicheln? Davon stand nichts im Ratgeberbuch«
»Mag sein, dass davon nichts im Ratgeber steht – aber es ist doch das Natürlichste der Welt, eine Katze zu streicheln!«
»Natürlich? Ich bin mir nicht sicher, ich habe noch nie jemanden gestreichelt.«

Wie Jazz

Ob es zu guter Letzt doch noch klappt mit Herrn Ernst und der Katze wird hier nicht verraten. Verraten sei aber, dass Piet Mondrian sich für seine vermeintlich so auf Rationalität, Ordnung und Minimalismus ausgerichteten Bilder vom Jazz und Bebop hat inspirieren lassen. Sie zeigen das harmonische Miteinander verschiedener Schwingungen, reduziert auf essenzielle Farben und Formen.

Es ist nett, nett zu sein

Er gibt wohl kaum ein Bilderbuch, das so virtuos auf so vielen Ebenen spielt, sowohl intellektuell als auch emotional, optisch wie sprachlich. Dabei aber überhaupt nicht verkopft daherkommt. Stattdessen sehr lustig und liebevoll und vor allem super nett ist. Wie singt Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen in ihrer hinreißenden Hommage dieses sträflich unterschätzten und gänzlich irrationalen Charakterzugs: »Es ist nett, nett zu sein / Ohne was zu wollen / Es ist nett, nett zu sein / Ohne Müssen, ohne Sollen / Einfach nur so, egal wann egal wo / … / Halt auf die Tür / Und streichel ein Tier«

Roksana Jędrzejewska-Wróbel: Herr Ernst kauft eine Katze, Illus: Adam Pękalski , Übersetzung: Dorota Stroińska, Kraus Verlag, 2025, 36 Seiten, 18 Euro, ab 4 Jahre

Passt perfekt

Wenn Henri Matisse, Yves Klein und Günther Bruno Fuchs gemeinsam ein Bilderbuch gemacht hätten, dann könnte es so aussehen, wie Schaut, ein Elefant! Der tschechische Illustrator Jakub Plachý vereint kongenial die fantasievollen Formen und das ultimative Blau der französischen Künstler mit Fuchs‘ dadaistisch liebevollem Tonfall.
»Ein Elefant, der mit einem Ball spielt« – das erste Bild erinnert auch durch die in schönster Schreibschrift drunter stehende Erklärung ein wenig an den poetischen Auftakt zur Geschichte des Kleinen Prinzen. Dort zeigt die erste Zeichnung nur vermeintlich einen Hut. Plachýs Elefant ist in seiner minimalistischen Gestaltung ein wandlungsfähiges Wesen, das bei genauerem Hinschauen anders ist als es auf den ersten Blick scheint.

Der Elefant weint

Über mehrere Seiten spielt der Elefant geschickt mit dem Ball, dribbelt, balanciert ihn auf dem Kopf, lässt ihn über den Rücken rollen, kickt die Kugel aus dem Handstand. Wie possierlich, wie niedlich, wie geschickt, denkt man. Und übersieht, dass der Elefant weint. Weil er eingesperrt ist. Weil sein Käfig zu klein ist. Weil er allein ist. Weil der nicht mit seinen Artgenossen im Stadion nebenan Fußball spielen kann.
Man denkt an Tiere im Zoo und wie der Mensch auf sie blickt. Warum sperren wir Tiere ein? Wie alle Lebewesen haben sie einen Freiheits- und Bewegungsdrang. Obwohl Zoos unter anderem argumentieren, dass sie Menschen, die Wichtigkeit und Schönheit der Tierwelt zeigen und sogar Arten vorm Aussterben retten, haben sie in der heutigen globalen Welt keine Berechtigung mehr.

Das Naheliegendste: raus aus dem Käfig

Und während man so grübelt, über das Verhältnis von Menschen und Tieren allgemein und Zoos im Besonderen, macht Plachý in seiner Geschichte das Naheliegendste: Er befreit den Elefanten aus seinem Käfig und lässt ihn ins Stadion. »Gleich wird er eingewechselt! Und er ist im Spiel!« Und wie: Der Elefant fliegt geradezu über das Feld. Er passt. Er spielt ab.

Erschöpft, schwach und platt

Doch dann, nur zwei Seiten weiter, was ist das? »Wieso bleibt er stehen? Damit haben wir nicht gerechnet, das Spielfeld ist einfach zu groß für ihn.« Das ist mit wenigen lakonischen Worten auf den Punkt gebracht, von Katharina Hinderer pointiert übersetzt, was Gefangenschaft macht: Erschöpft, überfordert, schwach und platt. Während die anderen Elefanten sich beraten, robbt der kleine blaue Elefant traurig, wie eine Raupe von den Mitspielern weg an den Spielfeldrand.

Der perfekte Platz

Wundersamerweise gelingt Plachý eine dritte Volte: Der Elefant findet sich im Tor wieder. Und tatsächlich: »Passt wie angegossen!« Der Elefant hat seinen Platz in der Gemeinschaft gefunden, nicht nur als Spieler. Es ist absolut verblüffend, wie Jakub Plachý absolut minimalistisch, mit eher amorphen Formen, Blau als prägnante Farbe seiner Hauptfigur und erdigem Braun für die Mitspieler, sowie ein paar einfachen Bleistiftstrichen eine so vielschichtige Geschichte erzählen kann. Mit mehreren überraschenden Wendungen, viel Empathie und zartem Humor.

Elegante Zehengänger

Überraschend ist auch das Format dieses außergewöhnlichen Bilderbuches. Nicht typisch großtiermäßig, sondern knuffige 12,5 mal 14,4 Zentimeter klein, knapp anderthalb pixi-Bücher. Das ist Schönheit auf handliche Eleganz reduziert. Schon der Leineneinband besticht mit blauem Prägedruck. Diese zauberhafte Leichtigkeit und das Zusammenspiel von Form, Optik und Text, trotz aller zugrunde liegenden Ernsthaftigkeit der Erzählung, passt perfekt zu dem, was Elefanten sind: Zehengänger. Die riesigen Tiere schreiten ihres imposanten Gewichtes zum Trotz erstaunlich leise und auf Zehenspitzen durchs Leben. Gerade deshalb sollten wir ihnen und ihren Bedürfnissen umso mehr Gehör schenken.

Jakub Plachý: Schaut, ein Elefant!, Übersetzung: Katharina Hinderer, Rotopol, 2025, 36 Seiten, 12 Euro, ab 3 Jahre

Zuhause ist, wo man Katzen haben kann

Im Süden Londons steht ein Haus, in dem eine fröhliche Frau fast sechzig Jahre lang lebte. Das Haus liegt neben einem wunderschönen Park namens Barnes Common. Als junges Mädchen floh diese Frau mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihrem Bruder vor den Nazis aus Deutschland.«
So beginnt Thomas Harding die Geschichte eines besonderen Hauses zu erzählen. Und die seiner wundervollen und überaus liebenswerten Bewohnerin, ihrer Familie und weiterer ziemlich wichtiger Hausgenossen. »Das Mädchen wünschte sich verzweifelt eine Katze, aber sie durfte keine haben – und sie mussten schon wieder umziehen …« Der in ihrer Kindheit unerfüllbare Wunsch nach einer Katze wird zum Synonym für Flucht, Vertreibung und Unbehaustheit.

Bald ziehen zwei weitere Mitbewohner in das Haus am Park

So tummeln sich nicht zufällig auffallend viele Samtpfoten auf den Seiten dieses faszinierenden Bilderbuchs. Denn als die trotz aller schlimmen Erfahrungen fröhliche Frau endlich mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern ein Zuhause findet, eben Das Haus am Park in London, ziehen auch bald zwei weitere Mitbewohner ein. »Endlich durfte die Frau eine Katze haben. Also hatte sie gleich zwei. Ihre Namen waren Mog und Wienitz. Das Haus war ihr Zuhause. Und das Haus war glücklich.« So schön anschaulich fasst Harding in wenigen Sätzen zusammen, was Zuhause ausmacht: Ein Ort, an dem man bleiben darf. Und an dem man Katzen haben darf.

Küche und Kaninchen

Fast nebenbei bringt der Autor den Namen Mog ins Spiel. Ja, es ist genau der knuffige und nett verpeilte Kater, der seine Zuhausegeberin zu mehreren entzückenden Geschichten und Bilderbüchern inspirierte und sie zu einer der berühmtesten Kinderbuchautorinnen machte: Die fröhliche Frau ist Judith Kerr. Und Das Haus am Park erzählt von ihrem Leben in London, wie es im Untertitel heißt. Die gemütliche helle Küche und eine freundliche Großkatze wiederum sind der Ursprung für ein Tiger kommt zum Tee. Keine Katze, sondern ein Stofftier ist Ausgangspunkt und titelgebend für Judith Kerrs berührenden Roman von Flucht und Vertreibung Als Hitler das rosa Kaninchen stahl. Judith, Tochter des Theaterkritikers Alfred Kerr, beschreibt darin, wie es ist, wiederholt den Boden unter den Füßen zu verlieren und sich immer wieder neu anpassen zu müssen. Erzählen konnte sie diese Geschichte, die viele ihrer eigenen Erlebnisse beinhaltet, weil sie an einem sicheren Ort angekommen war.

Mischung aus Malerei und Collage

Das Haus am Park ist der vierte Band einer Reihe von Bilderbüchern mit Häusern im Mittelpunkt, die über die Lebensgeschichten ihrer Bewohner Geschichte lebendig und erfahrbar machen. Fabelhaft illustriert hat Britta Teckentrup alle diese Hausgeschichten. Ihr Stil ist eine einzigartige Mischung aus Malerei und Collage, aus Scherenschnitten und Fotorealismus, fast schon hyperrealen Bildbearbeitungen.

Jeder Scherenschnitt ist ein Unikat

Es beginnt mit Malerei, mit der sie Flächen und Folien für ihre Collagen gestaltet. Sie tupft, wischt, tropft, strichelt, bedruckt und stempelt. So entstehen die unterschiedlichsten Materialien, Papierbögen und Texturen, aus denen Teckentrup ihre Figuren und Formen ausschneidet. Etwa so wie einzeln bedruckte und gebatikte oder handgewebte Stoffe, aus denen Kleider zugeschnitten werden. Früher hat sie mit der Schere ausgeschnitten, mittlerweile macht sie das meist mit der Maus am Computer. Doch jeder Scherenschnitt, jedes Bildelement, selbst die Hintergründe, alles sind Unikate.
Ob menschliche Gesichter oder Katzenfell, dicht belaubte Bäume oder nacktes Mauerwerk, nichts ist einfach nur Farbe und Fläche. Alles changiert, hat Schatten und Licht, scheint lebendig, mehrschichtig und in Bewegung zu sein, strahlt Wärme oder auch mal Kälte aus.

Ein fröhlicher Geist, der Kinder glücklich macht

Bereits zum vierten Mal animieren Thomas Harding und Britta Teckentrup gemeinsam ein Gebäude. Doch Judith Kerrs Domizil, das fast sechs Jahrzehnte ihr Zuhause war und in dem sie 2019 friedlich mit Blick auf die Bäume starb, ist das erste, in dem man auch selbst leben möchte. Weil in ihm für immer der Geist dieser fröhlichen Frau wohnt, die mit ihren Geschichten immer noch viele Kinder glücklich macht.

Thomas Harding: Das Haus am Park – Judith Kerr und ihr Leben in London, Illustration: Britta Teckentrup, Übersetzung: Nicola T. Stuart, Jacoby & Stuart, 2025, 56 Seiten, 22 Euro, ab 8

Universum – Kosmos – Weltall. Ein Special

Als Übersetzerin habe ich seit Jahren immer mal wieder Kindersachbücher zum Thema Weltall und Sterne auf dem Schreibtisch, so auch dieses Jahr. Gerade ist meine neueste Übersetzung herausgekommen: Mein großes Buch vom Weltall von Camilla De la Bedoyere.
Die Geschichten über das Universum, seine Entstehung, unser Sonnensystem und seine Planeten, ferne Galaxien und Schwarze Löcher sind jedes Mal überaus faszinierend, dass mich immer wieder die Lust überkommt, Astronomie zu studieren – aber Mathe und Physik waren und sind leider nicht meine Stärken. Umso schöner, dass ich durch diese gutgemachten und verständlichen Kindersachbücher meinen Horizont auch ohne Studium erweitern kann.

Das nehme ich nun zum Anlass mal den Blick auf die aktuellen Publikationen anderer Verlage zu diesem unendlichen Thema zu werfen. Sternen-Bücher gibt es wohl seit Anbeginn des Buchdrucks. Bei uns zu Hause lagen schon in den 1970er Jahren sowohl alte Ausgaben aus der Nachkriegszeit, als auch WAS IST WAS-Bücher über Sterne herum. Ein Gesamtüberblick über dieses Genres wäre also ein unmögliches Unterfangen, weshalb ich mich auf die wichtigsten Erscheinungen aus den vergangenen vier Jahren beschränke. Falls mir bei meiner Recherche dabei etwas entgangen ist, bitte ich um einen Hinweis. Dann erweitere ich diese Sammlung.

Ähnliche Inhalte – viele Besonderheiten

Da sich die Inhalte bei Kindersachbüchern über das Weltall natürlich alle ziemlich ähneln, habe ich versucht, die jeweiligen Besonderheiten der einzelnen Publikationen hervorzuheben. Da eine Kategorisierung per se nicht ganz einfach ist, habe ich mich am Alter der Zielgruppen orientiert, beginnend bei den Jüngsten bis hin zu den junggebliebenen Erwachsenen.

Ich hoffe, hier jede:r etwas Passendes aus den Weiten der Buchproduktionen über unser Universum findet. Und los geht’s: 3 – 2 – 1 – Lift off!

Lesealter 2-5

Für Geschichten über den Himmel, das Weltall, den Weltraum und die Sterne kann man nie zu jung sein. So gibt es die ersten Pappbilderbücher bereits für Zwei- bis Vierjährige.
In Sonne, Mond und Sterne fängt es ganz einfach mit der Erklärung für das Phänomen von Tag und Nacht an. Kurze Texte liefern erste Infos zum Weltall, zur Raumfahrt und den Sternbildern.
Auf jeder Doppelseite gibt es immer die eine oder andere Klappe zum Aufmachen, dahinter betreten Astronauten den Mond oder zündet die nächste Raketenstufe. Genaues und wiederholtes Hinsehen ist damit garantiert. Auf diesen wenigen Pappseiten ist die Faszination für die unendlichen Weiten liebevoll und kleinkindgerecht angelegt. Die alltäglichen Welten der ganz Kleinen werden so um den Blick ins Universum geweitet.

Patricia Mennen: Wieso? Weshalb? Warum? junior – Sonne, Mond und Sterne, Illus: Peter Niederländer, Ravensburger Verlag, 5. Aufl. 2022, 16 Seiten, ab 2, 11,99 Euro

Poetisch wird es auf den zwölf Papp-Doppelseiten von Guck mal tief ins Weltall. Regina Schwarz liefert zu Sonne, Mond und fünf Planeten jeweils einen gereimten Vierzeiler mit den wichtigsten Infos. Dazu kommen ein Raketenstart und die Raumstation ISS.
Die ausgestanzten Löcher in der Seitenmitte, werden mit jedem Umblättern kleiner und enden in einer Sternschnuppe, die natürlich einen Wunsch erfüllt. Auf jeder Doppelseite hat sich zudem ein kleines grünes Wesen versteckt, das gesucht werden muss. Ein liebevoller Einstieg in das Weltall-Thema!

Regina Schwarz: Guck mal tief ins Weltall, Illus: Lisa Apfelbacher, Kosmos, 2023, 24 Seiten, ab 2, 14 Euro

Weiter geht es mit dem nächsten gereimten Bilderbuch mit Loch. Auf jeder Doppelseite von Unsere 8 Planeten wird genau ein Planet in jeweils vier Zeilen vorgestellt. Und das ist echt gut gemacht, denn auf diesem wenigen Raum schafft es Chris Ferrie die wichtigsten Merkmal der Planeten unseres Sonnensystems unterzubringen. Uranus liegt auf der Seite und ist der kälteste, Saturn besitzt 80 Monde und daher so viele Ringe. Auf Venus ist es 500 Grad heiß und er strahlt am hellsten. Beim Reimen hat Übersetzerin Silke Pöppel super Arbeit geleistet. Denn das so auf den Punkt hinzubekommen ist überhaupt nicht einfach!
Kleine Betrachter:innen bekommen hier also spielerisch die ersten harten Fakten über unsere Planeten. Und die Löcher, die auf jeder Seite ein bisschen kleiner werden, lassen immer die Sonne sehen, um die bekanntlich unsere Planeten kreisen. Ein wirklich tolles erstes Sternen-Buch!

Chris Ferrie: Unsere 8 Planeten, Illus: Lizzy Doyle, Übersetzung: Silke Pöppel, Penguin Junior, 2022, 20 Seiten, ab 3, 10 Euro

Nur wenige Seiten hat das Pop-up-Buch Im Weltall, doch die beherbergen filigrane Papierkunst, die sich beim Aufklappen entfaltet. Ein echtes Spektakel und ein wahrer Hingucker: Es startet eine Rakete ins All, zwei Astronauten hüpfen über den Mond, die ISS macht sich breit, ein Rover erkundet den rote Mars und zum Schluss umkreisen die Planeten die Sonne.
Hier steht natürlich der Pop-up-Effekt im Mittelpunkt, aber erste Infos zum Weltall und zur Raumfahrt lassen sich auch hier finden. Ein dynamischer Einstieg ins Thema!

Laura Cowan: Mein erstes Pop-up-Buch: Im Weltall, Illus: Chaaya Prabhat, Übersetzung: Birgit Zimmerer, Usborne, 2023, 10 Seiten, ab 3, 13 Euro

Eine erdbezogene Annäherung an das Universum kommt von Vater und Tochter Hawking. Lucy, die Tochter des 2018 verstorbenen Astrophysikers Stephen Hawking, fasst hier das Erbe ihres Vaters in dem inklusiven Bilderbuch Schaut zu den Sternen! zusammen. Sie lässt Stephen Hawking sprechen, der davon erzählt, dass er die großen Fragen des Weltalls lösen wollte: Wie groß ist das Universum? Wie viele Sterne gibt es? Was ist ein Schwarzes Loch? Sind Zeitreisen möglich?
Aber für ihn sind auch andere Fragen wichtige, die unser Zusammenleben auf der Erde betreffen: Wie können wir auf unseren Planeten aufpassen? Wie für eine lebenswerte Zukunft sorgen?
Die Hawkings fordern hier bereits die kleinen Menschen auf, über diese Fragen nachzudenken und unseren Planeten und das gemeinsame Zusammenleben darauf zu schützen. Am Ende des Buchs beantworten sie noch einige Fragen zum Weltall, die den ersten Wissensdurst kleiner Astrophysiker:innen stillen, aber auch zum Weiterforschen anregen.

Stephen Hawking/Lucy Hawking: Schaut zu den Sternen! Gemeinsam unterwegs in Richtung Zukunft, Illus: Xin Li, Übersetzung: Knut Krüger, Penguin Junior, 2025, 40 Seiten, ab 4, 16 Euro

Einen ersten Flug zur Raumstation ISS können mit Abenteuer im Weltraum Vorlesende und neugierige Kids gemeinsam unternehmen. In diesem Pappbuch fliegen die Kinder Marie und Luis ins All und erleben, wie mal als Astronaut:in auf der Raumstation den Alltag bewältigt. Die Schwerelosigkeit macht selbst das Schlafen zu etwas Besonderem – von den Toilettengängen und dem Haarewaschen mal ganz abgesehen. Dass die Kinder sogar Weltraumspaziergänge machen, ist zwar eigentlich Quatsch bzw. Fiktion, aber für die Identifikation mit dem Thema ganz schön. Auch hier gibt es wieder Klappen, hinter denen sich veränderte Illus und weitere Infos finden. Das Vorlesen wird so zum Gemeinschaftserlebnis. Dazu finden sich »Mach-mit!«-Aufforderungen, bei denen kleine Experimente durchgeführt werden können. Mit diesem Basis-Wissen über die Raumfahrt haben die Kinder nach der Lektüre schon eine ganze Menge Erstaunliches zu erzählen.

Volker Kratzenberg-Annies: WAS IST WAS Junior. Abenteuer im Weltraum, Illus: Niklas Böwer, Tessloff, 2024, 20 Seiten, ab 5, 14, 95 Euro

Lesealter 6-9

Leseanfänger können sich dann in Weißt du schon alles über das Weltall? in verschiedenen Formen ausprobieren. Hier gibt es kurze Text in einfacher Sprache, deren Silben farblich herausgehoben sind. So kann das Lesen ganz spielerisch geübt werden. Inhaltlich geht es um – na, klar – das Weltall, wie es entstanden ist, wie Sterne geboren werden und um Sonnen kreisen, wie aus kleinen Staubkörnchen Sternschnuppen werden, oder wie viele Menschen bereits auf der ISS waren. Am Ende jedes Kapitels gibt es ein Quiz, in dem das Gelesen wiederholt wird.
Dazu kommen Seiten mit »Profiwissen zum Vorlesen«. Damit wird die Lektüre dieses Buches zu einem Gemeinschaftserlebnis von Groß und Klein. Und vermutlich lernen dann beide Seiten etwas über Sterne, Planeten und Schwarze Löcher. Nur, dass man dann schon alles über das Weltall weiß, sollte man wirklich nicht glauben …

Helen Seeberg: Dein Lesestart. Weißt du schon alles über das Weltall?, Dudenverlag, 2025, 64 Seiten, ab 6, 10 Euro

In Geheimnisvolles Weltall wird auf jeder Doppelseite ein neues Thema behandelt. Es beginnt mit dem Überblick über das Universum und die wichtigste Maßeinheit, das Lichtjahr. Nach und nach geht es weiter ins Detail: Urknall, Sonnensystem, Planeten. Bei letzteren gibt es Einblicke in deren Aufbau und Materialien, so erfahren die angehenden Astrophysiker:innen was »Mondglas« ist und dass es Meteoriten aus Stein, Eisen oder einer Mischung daraus gibt.
Außerhalb unseres Sonnensystems faszinieren Helix-, Krebs- und Adlernebel ebenso wie die verschiedenen Formen der Galaxien. Exoplaneten könnten Lebensräume für Aliens sein. Und ein Rätsel gibt immer noch die Dunkle Materie auf, von der die Wissenschaft noch nicht weiß, woraus sie besteht.
Dieses Kompendium mit kurzen, gut verständlichen Texten, befasst sich zu dem mit Raumtechnik und Raumfahrt, thematisiert das Problem des Weltraumschrotts, die Schwierigkeit der Marsmissionen und spekuliert über Aliens. Den Abschluss bildet der eigene Blick in den Himmel, an dem sich Sternbilder entdecken lassen.

Shoshana Z. Weider: Geheimnisvolles Weltall. Entdecke die unendlichen Weiten des Universums, Illus: Claire McElfatrick, Übersetzung: Birgit Reit, Dorling Kindersley, 2025, 80 Seiten, ab 7, 16,95 Euro

In dem Klappenbuch Abenteuer Weltraum gibt es jede Menge Sachen zum Ausklappen. Gleich die erste Doppelseite verdoppelt sich noch mal und zeigt in comichaften Illustrationen das Weltall mit Sternen, Planeten, Galaxien. In einfachen Worten und kurzen Sätzen wird die Entstehung von Sternen erläutert und wie sie wieder sterben.
Auf einer mäandernden Zeitleiste gibt es Infos zur Geschichte der Astrophysik und den wichtigsten Protagonisten wie Galileo Galilei oder Albert Einstein. Auch das Sonnensystem wird wieder im Breitbandformat vorgestellt. Zu jedem Planeten sind Fakten und Zahlen zum Staunen eingestreut.
Als Goody gibt es am Ende ein Heftchen mit kleinen Sternkarten, auf denen man die Sternbilder entdecken und sie gleich abends am Himmel suchen kann.

Katie Daynes: Ich weiß mehr! Abenteuer Weltraum. Vom Urknall bis zur Raumfahrt, Illus: Peter Allen, Übersetzung: n.n., Usborne, 2025, 12 Seiten ab 7, 16 Euro

Unklare Besitzverhältnisse sind bekanntermaßen nie gut. Sie führen meist zu Streit. Auch beim Weltraum, den wir ja nach und nach immer weiter erforschen und erobern, stellt sich diese Frage: Wem gehört eigentlich der Weltraum? Nur ist es hier nicht ganz so einfach. Anne Scheller nähert sich in ihrem Buch dieser Frage, indem sie zunächst erklärt, wo der Weltraum überhaupt beginnt und wie er entstanden ist. In kurzen Texten geht es durch die Geschichte von Universum und Raumfahrt. Von der Forschung auf der ISS und möglichen Touristentouren ins All gelangt sie zu den Satelliten, die unsere Erde umkreisen. Diese mittlerweile unverzichtbaren Helfer in unserem Alltag sind dort oben heute so zahlreich vertreten, dass es langsam fast etwas eng wird. Und sie entwickeln sich zu einem Problem: Kaputte Satelliten bleiben einfach in der Erdumlaufbahn und werden zu Weltraumschrott. Doch wer macht den wieder weg? Normalerweise sind die Eigentümer zum Aufräumen verpflichtet, aber die unendlichen Weiten gehören niemandem. Der Blick auf diese ungeklärten Verhältnisse und die ersten Ansätze zur Lösung dieser Probleme ist eine interessante Facette in diesem liebevoll illustrierten Buch.

Anne Scheller: Wem gehört eigentlich der Weltraum?, Illus: Julia Christians, Beltz & Gelberg, 2025, 62 Seiten, ab 7, 16 Euro

Zu einem Tripp ins All startet Mein galaktischer Weltraum-Atlas von Jane Wilsher. Auf jeder Doppelseite gibt es ein neues Thema, angefangen bei der Betrachtung des Sternhimmels von der Erde aus, über den Raketenstart und den Alltag im Kosmos. Kleine Texthäppchen liefern Erstlesenden erstaunliche Infos – beispielsweise muss die Zahnpasta heruntergeschluckt werden. Dazu gibt es knallbunte Illus, in denen vor allem die Technik der Raumfahrt dargestellt wird, wie der Mond- und auch der Marsrover.
Zum Mitmachen und genauen Hinschauen animiert auf jeder Doppelseite ein bunter Kreis mit Fragen. So müssen die Sonneneruptionen gezählt oder der Planet mit dem Roten Fleck gesucht werden. Kleine Technik-Fans kommen hier voll auf ihre Kosten!

Jane Wilsher: Mein galaktischer Weltraum-Atlas. Eine Reise zu den Sternen und zurück, Illus: Paul Daviz, Übersetzung: Elena Bruns, moses. Verlag, 2024, 32 Seiten, ab 8, 14,95 Euro

Unter dem Sesamstraßen-Motto Wieso? Weshalb? Warum? Wer nicht fragt bleibt dumm! werden in diesem Ringbuch 27 Fragen zum Weltraum gestellt und beantwortet. Zwei kleine Weltall-Alliens begleiten die Lesenden und liefern in Sprechblasen lustige Anmerkungen zu den vielen Infos, die sich um Sonne, Planeten, Kometen und die Milchstraße drehen. Auf zum Teil aufklappbaren Seiten entfaltet sich so ein grundlegender Überblick über das Universum. Es gibt zudem einen kurzen historischen Abriss über die wichtigsten Astronomen und Entdecker.
In der Abteilung »Spezial-Wissen« wird ein Faktum des jeweiligen Themas vertieft, beispielsweise wie sich in der Sonne Protonen in Neutronen verwandeln.
Aber es bleibt nicht bei der Theorie, denn hier finden sich auch Anregungen, wie man die Phänomene des Alls in Experimenten nachstellen kann. Da wird dann eine Luftballon-Rakete gebaut, die Wirkung der Schwerelosigkeit oder eines Schwarzen Lochs gezeigt.
Abgerundet wird alles durch aufschlussreiche Interviews mit noch lebenden Astronomen, Astrophysikern und Astronauten. Die Frauen der Astrophysik fehlen allerdings gänzlich.

Stefan Greschik: Wieso? Weshalb? Warum? Profiwissen – Weltraum, Illus: Jochen Windecker, Ravensburger Verlag, 10. Auflage 2014, 56 Seiten, ab 8, 14,99 Euro

Wahrscheinlich eine der wichtigsten Fragen in Sachen Weltraumfahrt ist natürlich: Wie geht man im Weltall aufs Klo?
Eine vereinfachte Antwort findet sich in diesem Klappenbuch. Dazu noch jede Menge andere Fragen, wie: Wer erfand Raketen? Wo gehen Astronauten zur Schule? Warum funkeln Sterne? Welche Tiere nutzen Mond und Sterne?
Wissensdurstige Leser:innen finden dann hinter den Klappen die kurzen, aber präzisen Antworten. Wissensvermittlung findet hier ganz spielerisch statt. Trotzdem wird auf wenigen Seiten mit mehr als 50 Fragen eine große Bandbreite an Weltraumwissen geboten.

Katie Daynes: Wie geht man im Weltall aufs Klo?, Illus: Peter Donnelly, Übersetzung: Andrea Reinacher, Usborne, 2. Auflage 2024, 14 Seiten, ab 8, 14 Euro

Auslöser für dieses Weltall-Special war meine Übersetzung von Camilla De la Bedoyeres Mein großes Buch vom Weltall, das nun endlich im Handel ist. Es ist mit 64 Seiten eigentlich nicht so dick – der ursprüngliche Titel lautete auch ganz anders –, aber vom Format her mit fast 35 cm Länge eben ziemlich groß. Es zeigt liebevoll illustriert die wichtigsten Elemente des Weltalls: Unser Sonnensystem mit Planeten, Sonne, Erde und Mond; die Entstehung von Sternen und was aus ihnen wird; die verschiedenen Galaxien und die nördliche und südliche Hemisphäre.
Ein Überblick über die ersten Reisen ins All fehlt ebensowenig wie die Erkundung von Mars und die Suche nach außerirdischem Leben.
Als ein erster Einstieg in die Materie ist es zum Blättern, Schauen und Entdecken super geeignet.

Camilla De la Bedoyere: Mein großes Buch vom Weltall, Illus: Aaron Cushley, Übersetzung: Ulrike Schimming, carlsen, 2025, 64 Seiten, ab 8, 16 Euro

Noch ein paar Zentimeter größer ist der Atlas des Weltalls, in dem in fünf Überkapiteln Fragen zum All beantwortet werden: Was sehen wir mit bloßem Auge? Wo sind wir? Wie sind die anderen Planeten? Was sehen moderne Teleskope? Wie erforscht der Mensch das All?
Den Auftakt machen verschiedene Sternbilder und Himmelskarten aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen. Die alten Griechen sahen etwas anderes in den Sternen als die Chinesen, Afrikaner oder Navajo. Dieser Blick über unseren Himmelshorizont hinaus ist spannend und anregend.
Weiter geht es dann mit der Position der Erde in der Galaxie Milchstraße und den Portraits unser Planeten.
Bei der Betrachtung durch die Teleskope kommt man später noch mal auf die Sternbilder zurück.
Die grafisch ansprechenden Illustrationen abstrahieren die Himmelsphänomene und wirken dabei sehr modern.

Lara Albanese: Atlas des Weltalls. Die Geheimnisse des Himmels und der Sterne, Illus: Tommaso Vidus Rosin, Übersetzung: Claudia Koch, midas, 2021, 88 Seiten, ab 8, 25 Euro

Spielerisch geht es in dem Wissenwelten-Buch über das Weltall zu. Die wenigen, aber sehr aufwändig produzierten Seiten haben es in sich: Hier findet man überall kleine Klappen, hinter denen sich weitere Informationen z. B. über die Sonne, die Planeten, Atome oder Raumfahrttechnik verbergen. Fast kommt man sich wie bei einem Adventskalender vor – hinter jedem Türchen eine Überraschung.
Auf einer großen ausklappbaren Doppelseite sieht man dann sogar die Planten um die Sonne kreisen.
Die kurzen Texte sind durch die Übersetzung von Birgit Reit sehr gut verständlich und auch für junge Leser:innen geeignet. Die Cut-outs und Löcher in den Seiten werden zu einem zusätzlichen Hingucker, die immer wieder neue Perspektiven ermöglichen. Die teilweise dreidimensional angelegten Illustrationen in poppigen Farben vermitteln in ihrer Abstraktion einen ersten Eindruck des Universums um uns.
Langweilig wird es einem bei diesem Buch nicht.

Gail Armstrong (Illus): Wissenswelten Weltall. Schicht für Schicht die Weiten des Universums entdecken, Text: Ruth Symons, Übersetzung: Birgit Reit, Dorling Kindersley, 2025, 28 Seiten, ab 8, 19,95 Euro

Mit einem witzigen Anstrich geht es in dem Comic Auf der Raumstation zur ISS. Hier dreht sich alles um das Leben der international zusammengewürfelten Crew im Weltall. Jungastronautin Becky führt die Leser- und Betrachter:innen durch das Innere der Raumstation und zeigt, wie ein Tag 400 Kilometer über der Erde so abläuft.
Dabei geht es weniger um Sterne und Planeten, sondern um die ganz alltäglichen Dinge im All: Wieso schwebt alles? Und wieso ist das Schweben eigentlich ein Fallen? Stichwort: Mikrogravitation.
Auch die Nahrung im All hat ihre Besonderheiten. Nichts darf krümeln, damit die herumschwebenden Bröckchen nicht in die Bordelektronik geraten und eine Katastrophe auslösen. Daher gibt es eher Tortilla-Wraps anstatt Chips, alles ist in Dosen oder Plastik verpackt und Gurte, Magneten und Klettbänder helfen, dass die Dinge an Ort und Stelle bleiben.
Aber Becky berichtet auch von den Tieren und Pflanzen, die zu Forschungszwecken mitfliegen, den körperlichen Veränderungen, die die Astronaut:innen bei ihrem Aufenthalt im All durchmachen, und dem Training, damit sie fit bleiben.
Wer nach dieser Lektüre immer noch ins All will, dem erzählt Becky, wie lang und umfangreich die Ausbildung zum Astronauten ist. Danach kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Rob Lloyd Jones: 24-Stunden-Abenteuer. Auf der Raumstation, Illus: Laurent Kling, Übersetzung: Andrea Reinacher, Usborne, 2025, 64 Seiten, ab 8, 13 Euro

ESA-Astronaut Matthias Maurer verbrachte 175 Tage auf der ISS und hat nun zusammen mit Autorin Sarah Konrad und Illustratorin Noa Sauer den Comic Training für den Mond vorgelegt, in dem er von seinem größten Traum erzählt: nämlich einmal über den Mond zu hüpfen.
Was scheinbar eine leichte Übung in der Raumfahrt sein sollte – schließlich waren die Menschen schon vor mehr als 50 Jahren auf dem Mond – entpuppt sich jedoch als eine ziemlich komplizierte Angelegenheit. Und die muss sehr gut vorbereitet werden.
Mauerer nimmt die Leserschaft mit zu diesem intensiven Training, das die Astronaut:innen bewältigen müssen. So geht es in steinige Gebirge, dunkle Höhlen, trockene Wüsten, um dort das genaue Beobachten zu lernen und zu üben, in Raumanzügen und mit Greifern Gesteinsproben zu nehmen. Nur sind die natürlichen Bedingungen der Erde selbstverständlich nicht mit denen auf dem Mond zu vergleichen. Daher hat die ESA in der Nähe von Köln das Mondtrainingszentrum LUNA gebaut. Und auch dorthin nimmt Maurer uns mit und schenkt uns einen hochinteressanten Einblick in all das, was auf dem Mond alles zu beachten ist. Allein, dass das Licht wegen der mangelnden Atmosphäre anders ist und Schatten wirklich pechschwarz sind, stellt eine Herausforderung dar. Mauer erzählt lustig und manchmal selbstironisch, immer jedoch hochinformativ. Der Respekt für die Leistung der Astronaut:innen steigt nach dieser Lektüre umso mehr.

Matthias Maurer/Sarah Konrad: WAS IST WAS. Training für den Mond, Illus: Noa Sauer, Tessloff, 2025, 112 Seiten, ab 8, 16,95 Euro

Ebenfalls auf der ISS spielt die fiktive Geschichte, die die italienische Raumfahrerin Samantha Cristoforetti zusammen mit Emma Roberts geschrieben hat. Darin verbringt die junge Cassie Futura ein halbes Jahr auf der ISS – was natürlich reine Fiktion, aber dicht an der Zielgruppe ist.
Cassie beschreibt in ihrem Tagebuch, was sie dort oben alles erlebt. Eine Tutorin gibt dem Mädchen aus dem Missionkontrollzentrum auf der Erde bestimmte Aufgaben, die sie während ihres Aufenthalts auf der Raumstation lösen muss.
Hier wechseln sich Cassies Tagebucheinträge mit grau umrandeten Erklärseiten ab (Cassies Aufgaben), in denen beispielsweise der Aufbau der ISS, die Funktion des Webb-Weltallteleskops oder botanische Experimente erklärt werden. Natürlich haben auch Weltraumnahrung und Weltraumklogänge ihren Platz.
In der Mitte des Buches finden sich dann ein paar Seiten mit farbigen Fotos, die Samantha Cristoforetti auf ihrer Mission 2022 in der ISS zeigen. Samantha und ihre weibliche Protagonistin Cassie machen also neben der ganzen ISS-Vermittlung, die in Zusammenarbeit mit der ESA entstanden ist, deutlich, dass auch Frauen ins Weltall fliegen. Das ist bei der männlichen Dominanz in diesem Beruf immer noch nicht selbstverständlich, wird aber durch solche Vorbildbücher langsam aufgebrochen. Endlich.

Samantha Cristoforetti/Emma Roberts: Cassie Futura. Mit 11 1/2 Jahren im Weltall. Mein Tagebuch – streng geheim!, Übersetzung: Moritz Langer, Dorling Kindersley, 2025, 160 Seiten, ab 8, 12,95 Euro

Wer nicht nur lesen und Wissen aufsaugen möchte, hat bei Memo Wissen Weltall die Gelegenheit zu quizzen. Über die Lernplattform Kahoot! kann man testen, ob man auch all die vielen Zahlen und Infos über Planeten, Weltraummissionen, Sternengeburten und Galaxien behalten und abrufen kann. Personengebundene Daten werden dabei nicht erhoben, man spielt unter einem Nickname. Anmeldung und Benutzerkonto sind nicht erforderlich.
Zuvor sollte man jedoch das Buch genau lesen, denn manche Antworten sind nicht allgemein bekannt und es kommt auf das Detail an. Aber auch das macht bei den vielen Fotos und Illustrationen Spaß. Die kurzen Texte überfordern niemanden. Im Battle mit den Erwachsenen kann man dann spielerisch herausfinden, wer mehr über das Weltall und die Raumfahrt weiß.

Robin Kerrod: Memo Wissen Weltall, Übersetzung: Susanne Schmidt-Wussow, Dorling Kindersley, 2025, 72 Seiten, ab 8, 12,95 Euro

Fast wie ein Videospiel ist die Mission zum Mars aufgemacht. In neonknalligen science-fiction-artigen Illus wird eine Crew zum Mars geschickt. Als Crew-Mitglied muss man auf jeder Doppelseite eine Entscheidung treffen und wird so kreuz und quer durchs Buch geschickt. Man kann es natürlich auch ganz klassisch von vorn nach hinten lesen, aber dann geht die Spannung verloren.
So erfährt man spielerisch, was für ein langwieriges und schwieriges Unterfangen es ist, a.) überhaupt auf den Mars zu gelangen, b.) dort zu überleben und c.) beispielsweise sich dort fortzubewegen und Gesteinsproben zu nehmen.
Gerade träumen so einige Menschen von der Besiedlung dieses Planeten, aber noch ist das alles ziemliche Zukunftsmusik und vom Nutzen her auch eher fragwürdig. Aber in diesem interaktiven Abenteuer, das zusammen mit der ESA entwickelt wurde, bekommen die Kids eine Ahnung von den Herausforderungen der Astrophysik. Und manchmal muss man auch einfach groß träumen.

Sheila Kanani: Mission zum Mars. Aufbruch zum Roten Planeten, Illus: Adamstor, Übersetzung: Maria Zettner, Dorling Kindersley, 2025, 64 Seiten, ab 8, 14,95 Euro

Die WAS-IST-WAS-Bücher gab es ja schon zu meiner Kindheit, was auch schon ein halbes Jahrhundert her ist, und immer noch werden sie gepflegt und regelmäßig überarbeitet. Im aktuellen Universum-Band finden sich jetzt spektakuläre Illus und Bilder. Wobei hier endlich mal die Anmerkung auftaucht, dass viele Illustrationen nur eine Fantasie bzw. eine Vorstellung sind, wie es möglicherweise im All aussehen könnte. Das sensibilisiert ganz gut dafür, dass das Universum immer noch ein großes Unbekanntes ist. Neben den üblichen Infos über Sterne, Sonnen, Planeten, Sterngeburten und -tode beschreibt der Astrophysiker Kratzenber-Annies auch andere Theorien wie die vom Multiversum oder die Stringtheorie. Humoristisch wird es, wenn er sich das Weltall als Donut vorstellt oder ein (natürlich fiktives) Interview mit einem Alien führt. Das lockert die schwierige Materie auf, die ansonsten in bester WAS-IST-WAS-Manier in kurzen, gut verständlichen Texten umfangreiches Wissen vermittelt.

Volker Kratzenberg-Annies: WAS IST WAS Universum. Galaxien, Sterne, Schwarze Löcher, Tessloff, 2025, 48 Seiten, ab 8, 14,95 Euro

Wenn sich die Planeten-Begeisterung bei den Kindern halten sollte und sie mehr wissen wollen, bietet sich Sophie Allans Die Planeten an. Hier geht es rein in unser Sonnensystem bzw. zunächst einmal in unsere Galaxis, die Milchstraße. Übersetzerin Birgit Reit schafft es, die komplizierten Fakten mit ihren ganz speziellen Fachbegriffen so einfach zu schildern, dass Kinder mit ersten Lesekenntnissen hier bereits einsteigen können.
Die Planeten werden dann natürlich einzeln vorgestellt, ihre Besonderheiten herausgehoben und nützliche Vergleiche gezogen, um sowohl Größe, Entfernungen und Beschaffenheit genau einordnen zu können.
Beim Mond geht es dann selbstverständlich auch um die Mondmissionen der NASA und die ersten Menschen, die auf unserem Trabanten spazierten. Die Marsmissionen werden ebenso erläutert und machen klar, wie schwierig die Erforschung der anderen Planeten ist. Je weiter entfernt die Planeten von der Erde sind, umso schwieriger wird es natürlich.
Illustrativ wird hier sowohl mit Zeichnungen als auch mit Fotos von der NASA gearbeitet. Das liefert neben anschaulichen, gut verständlichen Illus auch einen ersten wissenschaftlichen Blick ins Universum.

Sophie Allan: Die Planeten. Entdecke unser faszinierendes Sonnensystem, Illus: Dawn Cooper, Übersetzung Birgit Reit, Dorling Kindersley, 2024, 80 Seiten, ab 9, 14,95 Euro

Nach all den Fakten über das All, die uns mittlerweile bekannt sind, stellt man sich irgendwann unweigerlich die Frage: Was kommt hinter dem Universum? Philosoph Jörg Bernardy, der mit Kindern und der Maus über die wichtigen, grundlegenden Fragen des Lebens nachdenkt, versucht, darauf eine Antwort zu finden. Spoiler: Er weiß es auch nicht. Aber das ist vielleicht auch nicht entscheidend. Wichtiger ist, sich über den Begriff »Unendlichkeit«, der im Zusammenhang mit dem Universum immer wieder fällt, Gedanken zu machen.
Und so stellt Bernardy hier nach bester Philosophen-Manier unzählige Fragen – über Zahlen, Grenzen, Größen, Dauer, Langeweile, Wurst und Käse, Schneeflocken und das Leben. Das mag mit dem Weltall nicht so viel zu tun haben, eröffnet aber das Universum in uns und trägt zum Verständnis unseres Daseins in dieser Unendlichkeit bei. Denn nur, wenn wir unsere Endlichkeit begreifen, haben wir möglicherweise eine Chance, uns dem Phänomen der Unendlichkeit und dem nicht zu begreifenden Universum anzunähern, ohne dabei den Kopf zu verlieren.

Jörg Bernardy: Was kommt hinter dem Universum? (Fast) alles über die Unendlichkeit, Illus: Andrea Stegmaier, Beltz & Gelberg, 2024, 62 Seiten, ab 8, 18 Euro

Lesealter 10-12

Einen ganz besonderen und hochaktuellen Blick ins Universum bekommt man in Jenseits der Unendlichkeit. An Weihnachten 2021 startete das James-Webb-Weltraumteleskop ins All und schickt seitdem spektakuläre Fotos von uralten Galaxien, Sternnebeln und Saturnmonden.
Auf den ersten Seiten wird der Aufbau und die Funktion dieses neuesten Teleskops erläutert. Vergleiche mit den Fotos vom Vorgänger Hubble verdeutlichen, wie sehr sich die Weltraumfotografie verbessert hat. Forschende können nun noch genauer die Geheimnisse des Universums erkunden und Rückschlüsse auf seine Entstehung, die Geburt von Sternen und mögliche Planeten mit Leben machen.
Top-Forscherinnen wie Quyen Hart, Megan Reiter, Naomi Rowe-Gurney und Tiffany Kataria beantworten Fragen zu unterschiedlichsten Themen, wie dem Wetter auf anderen Planeten, die Geheimnisse des Sonnensystems und Aliens. Und diese Runde zeigt einmal mehr, dass Astrophysik keine Männerdomäne mehr ist, sondern sehr viele Frauen dort ganz selbstverständlich neue Erkenntnisse liefern.
Die Fotos sind tatsächlich spektakulär – so erscheint der sonst immer rot gezeigte Jupiter auf einmal in grün-blau-weißen Streifen mit roten Polarlichtern. Man hat kann hier also über die Fotos staunen und bekommt daneben in verständlichen Grafiken, die Technologie hinter dem Webb-Teleskop erklärt und wie man mit Licht die verschiedenen chemischen Elemente im All ermitteln kann. So scheint das All plötzlich ganz nah.

National Geographic Kids: Jenseits der Unendlichkeit, Übersetzung Katja Hald, Ravensburger Verlag, 2025, 80 Seiten, ab 10, 16,99 Euro

Haben die Sternengucker:innen schließlich Lust bekommen, selbst ins All zu fliegen, so finden sie in Dein Ticket ins Weltall Informationen zur Raumfahrt. Kate Peridot stellt anschaulich die verschiedenen Transportraketen vor, was sie können und wie das »Leben« darin abläuft. Sie erklärt nur am Rande die Sterne, wie beispielsweise den Mars, wenn sie die geplanten Marsmissionen der Zukunft schildert. Astrophysik kommt in gut dosierten Maßen und leicht verständlich daher. So erfahren die Lesenden, wie sie Nachrichten ins All übermitteln können.
Hier vermischen sich der aktuelle Technikstand der Raumfahrt mit der Fantasie und der Vorstellung des Lebens im All. Vieles ist tatsächlich Zukunftsmusik, die vermutlich sogar die heutige Zielgruppe dieses Buches nicht erleben wird. Aber wer – wie irgendwelche durchgeknallte Tech-Milliardäre aus Silicon Valley – groß denken und dabei mitmachen will, findet hier Infos, wie man auf der ISS duscht und warum man sich dort auch um Pflanzen kümmern muss.
Am Ende gibt es ganz praktische Vorschläge, wie zukünftige Raumfahrende ihre Fähigkeiten fürs All schon hier auf der Erde trainieren können. Wer das dann durchzieht und länger durchhält, hat vielleicht wirklich Chancen irgendwann um die Erde zu kreisen oder gar zum Mars zu fliegen.

Kate Peridot: Dein Ticket ins Weltall. Wie du von der Erde ins Universum durchstartest, Illus: Terri Po, Übersetzung: Silke Körber, Knesebeck Verlag, 2025, 64 Seiten, ab 10, 20 Euro

Schon ausführlicher und weiter ins Detail geht es in Erstaunliches Universum. Neben den klassischen Infos zu Urknall, Planeten und Sonnensystem erfährt man Interessantes zu Weltraumschrott und Treibstoffen, mit denen die Raketen angetrieben werden.
Auch Phänomene wie die Oorthsche Wolke, Supernovae, Schwarze Löcher und Neutronensterne werden leicht verständlich erklärt – auch wieder Dank der Übersetzung von Birgit Reit. Nach und nach fließt die Physik in die Texte mit ein.
Die Mischung aus Weltraumfotografien und wunderschönen aquarellierten Illustrationen bietet jede Menge Anschauungsmaterial. Und bei einem Umfang von 176 Seiten kann man sich auf ein langes Lese- und Erkundungsabenteuer freuen. Dieses Kompendium deckt damit so gut wie alle wichtigen und bekannten Bereiche des Universums ab.

Sophie Allan/Josh Barker: Erstaunliches Universum. Von spannenden Raumfahrt-Missionen und fernen Galaxien, Illus: Tim Smart, Übersetzung: Birgit Reit, Dorling Kindersley, 2025, 176 Seiten, ab 10, 19,95 Euro

Der niederländische Grafikdesigner Jan Van Der Veken konzentriert sich in seinem Werk ganz auf die Raumfahrt. In großartigen Illus, die sich jeweils über die oberen zwei Drittel einer Doppelseite ziehen und ganz offensichtlich von Hergé inspiriert sind, stellt er alle Bereiche der Raumfahrt vor. Das beginnt mit den Bestandteilen der Raketen und der Raketenkontrolle, umfasst aber auch die Geschichte der Raumfahrt wie den russischen Sputnik und Gagarin als ersten Menschen im All. Van Der Veken zeigt die Flugbahn zum Mond und wie das Landemodul auf dem Erdtrabanten aufsetzt. Natürlich fehlen weder die Raumstation MIR noch die wiederverwendbaren Spaceshuttles und die ISS.
Launige Texte, von Rolf Erdorf lässig übersetzt, erläutern dann, was es mit der Technik auf sich hat, wo der Weltraumschrott auf der Erde entsorgt wird und welche unerklärlichen Objekte so schnell durch unsere Galaxie sausten, dass sie nicht erforscht werden konnten.
Dieses Buchkunstwerk war 2024 als Wissenschaftsbuch nominiert und ist ein Augenschmaus.

Jan Van Der Veken: Das Raumfahrt-Buch, Übersetzung: Rolf Erdorf, Gerstenberg Verlag, 2024, 104 Seiten, ab 10, 25 Euro

Im ungewöhnlichen Querformat von Alles dreht sich widmet sich die Katalanin Aina Bestard unserem Sonnensystem. Dabei geht sie ganz klassisch von den allgemeinen Infos aus, um sich dann, beginnend bei der Sonne durch die Planeten, den Asteroidengürtel, die Monde bis zu den Grenzen unseres Sonnensystems vorzuarbeiten. Die zumeist monochromen Illus erinnern an Radierungen und werden mittels durchscheinenden Pergamentseiten und einem ausklappbaren Planeten-Panorama zu beeindruckender Buchkunst. Aina Bestard hat sich dabei von den wissenschaftlichen Illustrationen des 19. Jahrhunderts inspirieren lassen. Diese Kunst geht über das rein Wissenschaftliche hinaus und verdeutlicht um so mehr die Faszination, die das Universum auf uns alle ausübt.
Die kurzen Texte, geschmeidig von Ursula Bachhausen übersetzt, liefern Zahlen, Infos und die aktuellen Fakten. 2023 war dieses Werk als Wissenschaftsbuch nominiert.

Aina Bestard: Alles dreht sich. Die Wunder unseres Sonnensystems, Übersetzung: Ursula Bachhausen, Gerstenberg Verlag, 2023, 60 Seiten, ab 10, 26 Euro

523 bemerkenswerte Informationen und ziemlich viel Text finden sich in Jan Paul Schuttens Buch Das Weltall oder Das Geheimnis, wie aus nichts etwas wurde. Hier muss man also wirklich Lust aufs Lesen haben. Doch zum Glück sind die Seiten immer wieder mit den grafischen Illus von Floor Rieder aufgelockert. Die Lesenden werden in der legeren Übersetzung von Verena Kiefer geduzt und direkt angesprochen – und so immer bei den riesigen Zahlen, die Schutten liefert, und den vielen Einzelheiten zur Entstehung des Universums, der Zeit, den chemischen Zusammensetzungen der Materie und des Menschen mitgenommen. Vom Kleinen bewegen wir uns hier immer weiter zum Größeren, hinaus ins All.
Dabei geht es weniger um die üblichen Erklärungen zu Sonne und Planeten, sondern mehr um die Art, wie wir das All erkunden, welche Fragen sich stellen, welche Rätsel und Geheimnisse noch ungelöst sind und vielleicht bleiben. Zwischendrin gibt es Hinweise zum Innehalten, um die Dinge hier auf Erden noch weiter zu hinterfragen oder sich von Einsteins Theorien zu erholen.
Ein Rezept für Blaubeerkuchen lädt zum Machen ein und erklärt dann noch ganz nebenbei die Ausdehnung des Universums.
Aus dieser Lektüre kommt man nicht als Raumfahrende:r, sondern viel mehr als Philosoph:in wieder heraus. Denn das Fragenstellen ist fast wichtiger, als die eindeutigen Antworten.
So war dieses Buch 2022 durchaus verdient für den Jugendliteraturpreis in der Sparte Sachbuch nominiert.

Jan Paul Schutten: Das Weltall oder Das Geheimnis, wie aus nichts etwas wurde, Illus: Floor Rieder, Übersetzung: Verena Kiefer, Gerstenberg Verlag, 2. Auflage 2022, 160 Seiten, ab 12, 28 Euro

Lesealter ab 14

Einen wahren Prachtband hat ein Autorenteam aus vier Physiker:innen und Astronom:innen vorgelegt. In Kosmos blicken wir anhand von aktuellen Fotos, die u.a. das James-Webb-Weltraumteleskop gemacht hat, in die Tiefen des Alls.
Auftakt machen jedoch zunächst Erläuterungen über das Licht, wie es eingefangen wird, mit welchen Teleskopen die Menschen einst den Sternhimmel beobachteten. Über die Portraits unserer Sonne und unserer Planeten geht es dann immer weiter in das Weltall, zur Milchstraße, zu Supernovae, diffusen Nebeln und Schwarzen Löchern.
Zwischen diesen hochaktuellen Fakten finden sich dann regelmäßig Kapitel über die Geschichte der Sternkunde und Astronomie. Alte Zeichnungen, Grafiken, Gemälde und Objekte zeigen das damalige Wissen, das dem unseren manchmal verblüffend genau entspricht, manchmal jedoch auch die Fantasie der Menschen spiegelt.
Diese zeigt sich vor allem in den Sternkarten, denen am Endes dieses Kompendium viel Raum gegeben wird. Alte Sternkarten und Zeichnungen der 88 offiziellen Konstellationen werden mit aktuellen Weltraumfotos kombiniert. Hier ergeben Wissenschaft und Mythologie eine faszinierende Mischung.

Abigail Beall/Philip Eales/Carolyn Kennett/Giles Sparrow: Kosmos. Wunderwelt des Universums, Übersetzung: Stephan Matthiesen, Dorling Kindersley, 2025, 416 Seiten, 49,95 Euro

Wer sich intensiver mit der Astronomie befassen will, aber noch keine Lust auf reine Physik- und komplizierte Fachbücher hat, findet in Alles über Astronomie längere, tiefer gehende Text mit jeder Menge Informationen, Zahlen, Übersichten, Listen, beispielsweise über die »10 hellsten Sterne am Himmel« oder »Heiße und kühle Sterne«. Ergänzt werden die Text durch unzählige, spannende Weltraum- und Planetenfotografien, die ins Detail gehen. So bekommt man einen hervorragenden Eindruck, mit welchen Daten und welchem Bildmaterial die Profis auf der Erde arbeiten, um den Raum zu erforschen.
Im hinteren Teil des Buches liefert das Autoren-Duo (über die es im Buch leider keine biografischen Infos gibt) praktische Tipps zur Himmelsbeobachtung. Monat für Monat zeigen sie den Sternhimmel und die daran zu erkennenden Sternbilder. Eine kurze Übersicht über Fernrohre und Teleskope erklärt, welche Hardware wichtig ist, um als Hobbyastronom:in in der Nacht wirklich etwas erkennen und eigene Sternfotos machen zu können.

Mark Emmerich/Sven Melchert: Alles über Astronomie. Das Einsteigerbuch. Die Wunder des Weltalls entdecken, Stern und Planeten beobachten, Kosmos, 6. Ausgabe 2025, 208, Seiten, ab 14, 16 Euro

In Zusammenarbeit mit der ESA entstand der aufwendige Comic Aufbruch ins Weltall, der sich an bereits ältere Lesende und Erwachsene richtet. Auf gerade einmal 192 Seiten wird die verwickelte Geschichte der Raumfahrt geschildert.
Dabei beginnt es ganz klassisch mit dem Urknall und der Entstehung des Universums, reißt ziemlich kurz die Astronomie-Geschichte von Altertum bis zur Neuzeit ab, um sich dann ausführlich, dem Wettrennen zwischen der Sowjetunion und den USA in Sachen Weltraumeroberung zu widmen.
Die Wissensvermittlung findet hier natürlich in den Sprechblasen statt, was durchaus anspruchsvoll ist. Zumal es sehr viele Figuren bzw. Wissenschaftler gab, die in Sachen Raumfahrt mitgemischt haben. Aber so wird eindrücklich deutlich, wie lang es überhaupt gedauert hat, bis die erste bemannte Rakete den Orbit erreicht hat und die ersten Menschen überhaupt den Mond betreten konnten. Das Weltall lässt sich also nicht so einfach bereisen, geschweige denn besiedeln.
Natürlich fehlen auch popkulturelle Anspielungen nicht, wie auf die Filme 2001 – Odyssee im Weltraum, Armageddon und Dont’t Look Up.
Von der NASA geht es am Ende dann zur ESA und den aktuellen Raumfahrern wie Alexander Gerst, Matthias Maurer und Astronautinnen wie Amelie Schoenenwald und Nicola Winter.
Reines Science-Fiction ist das Abschlussszenario, bei dem eine Schulklasse auf einem Planeten landet und sich bereit macht für die Besiedlung. Aber wer weiß – eines fernen Tages wird es möglicherweise so kommen.

Arnaud Delalande: Aufbruch ins Weltall. Eine kurze Geschichte der Raumfahrt, Illustration: Éric Lambert, Übersetzung: Anja Kootz, Knesebeck Verlag, 2025, 192 Seiten, ab 14, 28 Euro

Lecker Essen

Schmeckt! Was für ein treffender Titel. Denn dieses Sachbuch von Anke Loose und Ariane Camus ist kein Buch über Ernährung. Sondern über Essen. Ernährung, gern auch mit den Adjektiven vernünftig, gesund oder ausgewogen angereichert, ist das, was man dem Organismus, dem Körper zuführt, um ihn am Laufen zu halten. Eine Mischung aus Kohlenhydraten, Eiweiß und Fett, versehen mit Vitaminen und Mineralstoffen. Astronauten zum Beispiel saugen es mangels Küche und Schwerkraft aus Tuben. In Zukunft gibt es das womöglich komprimiert in Tablettenform.

Iss bunt!

Glücklich macht das nicht, Spaß sowieso keinen und die Seele wird davon auch nicht satt. Orthorexie ist der Inbegriff der ebenso vernünftigen wie freudlosen Ernährung.  Dieses Sachbuch ist das Gegenteil davon. Und es fängt auch gleich mit dem besten und allgemein gültigen Tipp überhaupt an: Iss bunt! Das ist wortwörtlich gemeint: Es ist erstaunlich, welche Farbvielfalt Obst und Gemüse haben. Das kann man im Supermarkt bewundern. Noch schöner auf dem Markt. Dabei muss man nicht auf ökologisch bedenkliche, von weit her eingeflogene und herbeigeschiffte Lebensmittel gucken. Auch regional gibt’s ein abwechslungsreiches Farbfeuerwerk für Topf und Teller. Selbst im Winter bringen Äpfel, Rotkraut oder Möhren noch Farbe ins Spiel.

Was wir am liebsten essen und was wir zum Würgen finden

Schon ist man drin in Anke Looses klugem, von Ariane Camus fröhlich illustriertem Rezept für gutes Essen. Von den Farben und was es damit auf sich hat, geht’s spannend und sehr wissenswert weiter zu Themen wie Warum wir essen. Warum wir was essen. Woraus sich Nahrung zusammensetzt. Wo Lebensmittel herkommen – nachhaltig, unverpackt, saisonal und regional spielt ebenfalls eine Rolle. Wie wir schmecken oder warum wir was am liebsten essen. Und manches zum Würgen finden. Welche Vorlieben die Menschen auf der ganzen Welt haben. Und wie vielfältig Essen ist, wenn man allein die vielen Brotsorten und die vielfältigen Varianten von Frühstücksspeisen betrachtet.

So lang wie ein Omnibus

Ariane Camus illustriert anschaulich, lustig und mit schrägem Witz. Hier isst das Auge schon beim Lesen mit. Nahrungsbausteine sind bei ihr genau das: zusammenpassende Legobausteine. Selbst die Verdauung wird so illustiert, dass einem nicht der Appetit vergeht. Eine forsche Toastbrotscheibe fragt sich, wie sie wohl durch den Körper wandert. Ein Regenwurm ist beeindruckt von wellenförmigen Bewegungen des Darms, der übrigens etwa so lang wie ein Omnibus ist, den Camus zum Vergleich gleich daneben gemalt hat. Bei diesem Kapitel stutzt man nur kurz über das Wort Pipi. Und merkt gleich, Urin wäre viel zu abgehoben – oder vernünftig. Anke Loose schreibt sehr unterhaltsam und absolut verständlich, doch weder albern noch verniedlichend.

Gehirn und Darm sind im Gespräch

Auf Ernährungsmoden und Dogmen verzichtet Loose, auch auf den vielbeschworenen Begriff des Mikrobioms. Stattdessen erklärt sie kurz und eingängig, dass Darm und Gehirn miteinander kommunizieren, so kann Stress zum Beispiel Durchfall verursachen. Camus lässt dazu das schlau bebrillte Gehirn mit den munteren Eingeweiden über ein Joghurtbechertelefon reden (wobei das Telefon für kleine Kinder vielleicht erklärungsbedürftig ist – und ein witziger Bastelvorschlag).
Lecker! ist ein wunderbares Sachbuch und gleichzeitig ein klasse Rezept für Essen, das wirklich Spaß macht. Als krönenden Abschluss gibt’s sogar noch ein paar einfache Anregungen zum Nachkochen und Schmecken.

Vom Fressen über vernünftige Ernährung zu leckerem Essen gelangt auch der Wolf im Bilderbuch Mahlzeit!. Eigentlich möchte der eher einzelgängerische Grauschnauz genüsslich in Ruhe den Mond anheulen. Doch dann übertönt ein scheußliches Schluchzen sein schönes Geheule und er entdeckt ein weinendes Hasenkind. Wenn sich das schon mitten in der Nacht im Wald aufhält, dann ist es ein willkommener Snack. Aber dem Häppchen für einen hohlen Zahn fällt ein Zettel aus der Tasche: »Lieber Finder dieser Nachricht, unser kleiner Knuffel liebt es, auf Entdeckungstour zu gehen. Solltest du ihn finden, begleite ihn doch bitte nach Hause. Als Dankeschön laden wir dich zu einem superleckeren Essen ein.«
So fantasievoll und skurril beginnt Larysa Maliush ihre entzückende Geschichte einer Nahrungsumstellung.

Festmahl statt kleinem Snack

Nach kurzem Nachdenken siegt die Vernunft über die spontane Snacklust. Warum sich mit einer winzigen Portion abspeisen, wenn sich ein Festmahl in Form einer ganzen Hasenfamilie anbietet. Also macht sich Grauschnauz mit Knuffel auf den Weg. Unterwegs verteidigt der Wolf das Häschen gegen seine Artgenossen und überwindet noch einige Widrigkeiten, zum Beispiel Bäche und Kletten. Das letzte Stück trägt er das inzwischen sehr müde Appetithäppchen auf den Schultern, wo es vertrauensvoll einschläft.

Gute Entscheidung

Zu Hause angekommen wird der Wolf von einer imposanten Großfamilie freudigst begrüßt. An der üppig gedeckten Tafel bekommt er den Ehrenplatz. »Noch nie hatte er so viel Essen auf einmal – und so hübsch angerichtet – gesehen. Bereits nach dem vierten Stück Karottenpastete war er pappsatt. Vielleicht war es doch eine gute Entscheidung gewesen, den kleinen Kerl nach Hause zu begleiten«, lässt Larysa Maliush den großen grauen Wolf zu guter Letzt überlegen. Anna Schaub hat die Geschichte ebenfalls sehr hübsch übersetzt.

Essen für die Seele

Mahlzeit! beginnt im nächtlichen Wald, in gedecktem Graublau. Doppelseitige Szenen wechseln sich mit lustig hoppelnden Stop-Motion-Sequenzen ab. Die sich verändernde Miene und Motorik des Wolfes im Laufe der Nacht ist hinreißend und für ältere Vorleser von hohem Wiedererkennungswert. Unter den vielen Grauschattierungen der Wölfe blitzt nur das weiße Häschen und vor allem seine leuchtend rote Jacke hervor, aus der der Zettel fällt (wer die Autorin dieser Zeilen kennt, wundert sich jetzt eventuell: Echt jetzt, bekleidete Tiere? Dazu kann ich nur mit Grauschnauz erwidern: Keine Regel ohne wohlüberlegte Ausnahme).

Augenschmaus

Wenn die beiden zu Hause bei Familie Hase ankommen, ist es mittlerweile Tag und die Welt wird detailreicher und vielfarbig. Vor allem die quirlige Familie rund um den bunt gedeckten Tisch ist ein Augenschmaus. Weil es einiges in der Szene zu entdecken gibt. Vor allem zeigt sich auch hier, dass Essen so viel mehr ist als Ernährung. Es macht glücklich und nicht nur den Körper satt. Es verbindet, schafft Gemeinschaft und Vertrauen und ist kommunikativ. Vor allem schmeckt’s!

Anke Loose (Text), Ariane Camus (Illustrationen): Schmeckt!, Carlsen, 2025, 64 Seiten, 15 Euro, ab 6

Larysa Maliush: Mahlzeit!, Übersetzung: Anna Schaub, NordSüd Verlag, 2025, 32 Seiten, 18 Euro, ab 4

Im Frieden mit dem Tod

sterben

Das Mysterium von Leben und Tod Kindern zu erklären, ist ein ewiges und schwieriges Unterfangen. Einen sehr liebevollen Versuch unternimmt nun Dita Zipfel in Leben, Sterben und Kaninchen. Die Illustrationen von Rán Flygenring spielen dabei erzählerisch eine entscheidende Rolle.

Namenloses Kind in einer Du-Erzählung

In dieser Geschichte hat nur das Kaninchen einen Namen, Miss Marpel. Ansonsten richtet sich ein:e ungenannte:r Erzähler:in an ein kindliches Du. Zunächst liegt der Fokus auf dem Leben, das wir – und gerade auch Kinder – als selbstverständlich und gegeben hinnehmen. Die Erzählstimme weist das Du auf so wunderschöne Dinge wie Gefühle im Bauch oder das flauschige Fell von Miss Marpel hin, auf die Einzigartigkeit jedes Lebewesen auf der Erde, die aber auf tiefen Wurzeln beruht. Und selbst das Backen von Pfannkuchen geht auf das jahrtausendelange Wissen der Menschen um Weizenkörner und das daraus gewonnene Mehl zurück.

Nichts geht verloren

Beim Aufbau des menschlichen Körpers spielt dann das 13,8 Millionen Jahre alte Universum eine entscheidende Rolle. Denn wir alle bestehen im Grunde aus Sternenstaub und unsere Atome, die uns formen, können nicht sterben, sondern verwandeln sich.
Und dann liegt plötzlich Miss Marpel tot am Boden, alle viere von sich gestreckt. Zwei dunkelblau-neogrün gehaltene Doppelseiten nur mit Illus erzählen von der Beerdigung im Karton und der Trauer des namenloses Kindes.
Überhaupt die Illus: Sie wimmeln in ihrer Zweifarbigkeit vor Leben, denn hier kribbeln und krabbeln große und kleine Tiere. Es ist ein Füttern und Fressen und überall ist der Tod zugegen – und sei es als neongrüner Röntgenblick auf die Knochen von Miss Marpel oder als kleiner Sensenmann in einer Ecke.

Liebevolle Trauerarbeit

Im zweiten Teil des Buches wird dann die Erzählstimme zu einer Ich-Erzählinstanz, die vom Sterben in ihrem Leben berichtet. Wie die eigenen Großeltern langsam gingen, wie die eigene Schwester plötzlich fort war. Sie erzählt von verschiedenen Arten der Trauerbewältigung, von dem, was Menschen glauben, was nach dem Tod kommt, von den großen Brocken, die die meisten Menschen während ihres Lebens mit sich herumschleppen, von dem Schmerz der Trauer. Das passiert sehr liebevoll und angemessen, und so wandelt sich die Trauer, wendet sich am Ende wieder dem Leben zu, das erst durch den Tod seine wichtige Bedeutung bekommt.

Trauerbegleiter

Diese ist kein Buch, das man Kindern einfach so in die Hand drückt. Es ist eins für Kinder, die in ihrem Leben gerade den Tod erleben. Es kann ihnen helfen, das Unbegreifliche zu verarbeiten. Es kann Gespräche zwischen Eltern und Kindern über den Tod und den Umgang unterstützen und anregen. Es kann helfen, eigene Rituale zu finden und den Abschied – ganz gleich, ob von Mensch oder Tier – bewusst zu gestalten. Und das ist einfach schön.

Dita Zipfel: Leben, Sterben und Kaninchen, Illus: Rán Flygenring, Hanser Verlag, 2025, 80 Seiten, ab 5, 17 Euro

Ein bisschen Selma sein

Selma

Es reicht! Schluss mit dem Besserwissertum. Spätestens seit Liv Strömquists tiefschürfendem Comicessay Das Orakel spricht ist bekannt, warum manche Leute ungefragt Ratschläge geben und andere korrigieren. Es macht sie auf billige und schäbige Art selbst glücklich. Sie fühlen sich total toll dabei, wenn sie anderen Tipps zur Selbstoptimierung geben, kommen sich allwissend und gottgleich vor.
Dabei interessiert es sie nicht, ob den unfreiwilligen Rezipienten damit geholfen wird oder es sie glücklicher macht.
Aber warum nehmen die so Beratschlagten, vom Rat erschlagenen sich das so zu Herzen? Selbst kluge, selbstreflektierte und erfolgreiche Menschen wie eben Liv Strömquist sind nicht davor gefeit, an sich selbst und der Richtigkeit ihres Tuns zu zweifeln. Es ist zum Verzweifeln.

Selbstbewusste Spinne

Da wünscht man sich doch wie Selma zu sein. Selma ist eine kleine Spinne. Angesichts ihrer kunstvollen und individuellen Netze sagen die anderen Spinnen aber Selma, du machst das falsch!
Die Bilderbuchillustratorin Tini Malina hat sich die selbstbewusste und unbeirrbare Spinne ausgedacht und furios in Szene gesetzt. Schon auf den ersten Seiten sieht man, dass Selma etwas ganz Besonderes ist. Und das liegt nicht nur an ihrer kecken roten Baskenmütze. Wie alle ist sie ganz puristisch ein schwarzer Punkt mit acht Beinen und zwei Kulleraugen. Als einzige blickt sie die Betrachtenden direkt an.

Die Schönheit der Nacht, eingefangen in einem Netz

Ihre Netze sehen aus wie Mosaike oder Gemälde. Mal sind sie von fallendem Regen inspiriert. Mal fangen sie die Schönheit der Nacht mit eingewebten Sternen ein.
Tini Malina erzählt in doppelseitigen Bildern mit auf das Wesentliche reduzierten Strukturen und großflächig aufgetragenen, kräftigen, gedeckten Farben. Mal erscheint Selma winzig klein, vor allem wenn sie mutig zwischen Menschen herumkrabbelt. Mal zoomt Malina ganz nah an Selma heran und zeigt die Welt aus ihrer Sicht.

Riskieren, auch auf die Gefahr zu scheitern

Eigentlich würde die Hommage an die Individualität schon reichen für eine gute Geschichte. Dass Selma es nicht so macht, wie man es halt macht. Und es einfach probiert, auch auf die Gefahr hin zu scheitern. »Nur die Spinne, die riskiert, zu weit zu spinnen, kann herausfinden, wie weit sie spinnen kann.« Aber die achtbeinige Spinnerin will hoch hinaus. Sie will ein Kunstwerk erschaffen, dass alle sehen sollen.

Höher hinaus als gedacht

Wie sie dann unversehens weit höher über sich hinauswächst als gedacht, ist lustig und überraschend – und wird natürlich nicht verraten.
Tini Malinas Grundidee ist auf jeden Fall grandios: Einfach ignorieren, wenn die langweilige Mehrheit mal wieder meint, alles besser zu wissen und anderen Vorschriften macht. Dieses Bilderbuch ist wie alle lesenswerten Bücher wahre Kunst: es berührt einen und kann selbst jüngste Leserinnen und Leser ermutigen, sich nicht einschüchtern zu lassen und etwas Eigenes zu wagen. Ein Hoch auf Selma.

Tini Malina: Selma, du machst das falsch!, NordSüd Verlag, 2025, 48 Seiten, 18 Euro, ab 4

Pinocchio faszinierend düster illustriert

Pinocchio

Auch mehr als 140 nach dem ersten Erscheinen der Geschichten von Pinocchio in Italien, regt die flunkernde Holzpuppe immer noch zu neuen Veröffentlichungen an. Die neueste auf dem deutschen Markt ist nun das opulente Bilderbuch aus dem Bohem Verlag, gestaltet von dem großartigen Carll Cneut.

Hier liegt allerdings keine Übersetzung des italienischen Originals von Carlo Collodi zugrunde, derer es in Deutschland seit 1905 ja bereits mehr als 50 Varianten gibt, siehe auch hier. Übersetzungstechnisch scheint Pinocchio auserzählt zu sein. Stattdessen liegt den Bildern die Nacherzählung der niederländischen Autorin Imme Dros, übersetzt von Rolf Erdorf, zugrunde.

Nacherzählung mit den wichtigsten Episoden

Dros hat die Abenteuer von Pinocchio auf die Kernepisoden zusammengedampft und leicht verändert. Der Holzjunge gehorcht immer noch nicht, geht Betrügern auf den Leim, trifft die Sprechende Grille und die Blaue Fee, landet im Bauch des Hais und wandelt sich zum braven Sohn. Soweit nichts Neues. Allen Veränderungen nachzuspüren, wäre eine rein akademische Aufgabe und langweilig. Denn hier liegt der Fokus woanders.

Bestiarium in den Illustrationen

Denn neu sind die Illustration von Carll Cneut. Hier gibt es keine niedlichen Figuren und hübschen Feen. Ganz in seinem unverwechselbaren Stil, der schon die Bilderbücher Der goldene Käfig und Hexenfee geprägt haben, versammelt Cneut hier ein wahres Bestiarium. Neben den Pinocchio-immanenten Tieren wie Grille, Katze, Fuchs, Hai, Kaninchen, Eule und Rabe finden sich in den dunkel gehaltenen Waldszenen zudem Frösche, Papageien, Elefanten, Seepferdchen und Clownsfische. Manchmal muss man sehr genau hinsehen, um sie zu entdecken.
Pinocchio selbst erinnert mit roter Jacke und spitzer roter Mütze an die typischen Holzfiguren, die man in Italien vor allem in der Toskana als Souvenir bekommt. Sein pausbackiges Gesicht mit langer Nase gleicht jedoch kaum einer Marionette, sondern hier sieht man eigentlich schon immer den menschlichen Jungen durchschimmern. Lediglich die Stricharme und -beine lassen die nichtmenschliche Natur des Protagonisten erahnen.
Neben den ganz- und doppelseitigen Gemälden in gedeckten Farben gibt es auf den Textseiten immer wieder schwarzweiße Strichzeichnungen von Pinocchio, Geppetto und den anderen Figuren.

Typische Cneut-Männerfiguren

Bei den menschlichen Figuren, die auf manchen Panels massenhaft die Szenen bevölkern, wechselt Cneut zwischen seinen Signature-Profilen von identischen Jungen mit Seitenscheitelfrisuren und ganz einfachen Punkt-Punkt-Komma-Strich-Gesichtern. Sogar die Blaue Fee wird nur im Profil dargestellt, was eher männlich wirkt. Mädchen und Frauen habe ich nicht entdecken können. Selbst die Marionette Gretel könnte als Mann durchgehen. Doch das passt zur Pinocchio-Geschichte, in dessen Original es bis auf die Blaue Fee keine Frauenfiguren gibt.

Herausforderndes Kunstwerk

Dieser Pinocchio also ist von den Illustrationen her ein absolutes Kunstwerk. Viele Details entdeckt man zum Teil erst auf den zweiten oder dritten Blick. Ob die dunklen Bilder Kindern gefallen oder ihnen womöglich Albträume bescheren, ist die große Frage. Ich werde das Buch bei Gelegenheit mal meiner jüngsten Nichte zeigen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Fantasie auf jeden Fall angeregt wird.
Einziger Wermutstropfen bei dieser wunderschönen Ausgabe mit rotem Leinenrücken ist, dass dem guten Carll auf dem Cover ein L seines Vornamens abhanden gekommen ist. Das ist gerade an dieser prominenten Stelle extrem ärgerlich, weil so eine teure Ausgabe nicht einfach eingestampft und neugedruckt werden kann. Aber solche Dinge sind auch zutiefst menschlich und kommen im stressigen Verlagsalltag eben vor.
Nichtsdestotrotz wurde das Pinocchio-Universum mit dieser großartigen Ausgabe um sehr beeindruckende und herausfordernde Illustrationen bereichert, die für jede:n Pinocchio-Liebhaber:in ein Muss ist.

Carlo Collodi: Pinocchio, nacherzählt von Imme Dros, Illus: Carll Cneut, Übersetzung: Rolf Erdorf, Bohem Verlag, 2025, 64 Seiten, ab 5, 28 Euro

Die Wut umarmen

Wut

Köstlich! Ich hätte nicht gedacht, dass Wut so gut schmeckt!«
»Hehe, die der anderen ist immer vorzüglich«, kichert sie hämisch.
Sie, das ist Ihre Hoheit Matsch, Prinzessin von Schlammland, titelgebende Figur in Beatrice Alemagnas fantastischem Bilderbuch. Eigentlich ist sie nicht hämisch. Von eher unansehnlicher, wenig prinzessinhafter Gestalt – eine unförmige tropfende Masse mit Haaren wie ein verdorrter Busch und Wurzeln als Händen und Füßen – ist sie doch ein empfindsames und liebenswertes Wesen.
So wie Yuki, obwohl die gleich zu Beginn sagt: »Ich habe einen schlechten Charakter. Ich bin fies und ungezogen. Wenn ich wütend bin, schreie ich, haue mit den Fäusten auf den Boden und weine. Alles in mir verknotet sich.«

Deshalb kann ihr Bruder Sen sie auch nicht ausstehen und redet nie mit ihr, wenn er sie von der Schule abholt. Eines Tages wirft Yuki auf dem Heimweg absichtlich die Hausschlüssel in einen Gully. Sofort packt sie das schlechte Gewissen und sie klettert in den offenen Gully, ganz tief hinab. Dort trifft sie die Prinzessin. Die heißt sie willkommen und bittet Yuki freundlich, ihr zu folgen. Kein Schluss-jetzt-Beruhig-dich-Geh-in-dein-Zimmer.

Durch den Ärgerwald zu den Müffelinos

Gemeinsam gehen sie vorbei an riesigen Bäumen, verschlungen, in warmem Braun und frischem Türkis, die ein bisschen an die Unterwasserwelt bei Swimmy erinnern. »Das ist der Ärgerwald«, erklärt die Prinzessin. »Wenn du schon mal gemeine Dinge getan hast, bist du hier sicher.«
Sie begegnen niedlichen, übelriechenden kleinen Kopffüßlern, den Müffellinos. »Sie lieben es, dir Schuldgefühle zu machen.« Das machen sie mit einer gewissen Penetranz. Aber auch sie sind ambivalente Wesen, wollen etwas Zuneigung und eigentlich nichts Böses. So kurz und knapp die Dialoge sind, so vielsagend sind sie. Nach einer stilechten Unterwasserkutschfahrt gelangen Yuki und die Prinzessin zur Wutothek, wo es viele Sorten Wut als Pulver, Gelee, Saft oder Sirup gibt. Im Museum der Zornobjekte, »alles Dinge, die die Leute wegwerfen, wenn sie wütend sind«, findet Yuki etwas sehr Verblüffendes.

Beschützend, verbindend, tröstlich

Und das ist nur eine der vielen wundersamen Überraschungen und genialen Einfälle in Beatrice Alemagnas hinreißender Geschichte über Wut in all ihren Facetten und Ausdrucksformen. Die Prinzessin von Schlammland ist einerseits so etwas wie die Hohepriesterin dieses emotionalen Reiches. Sie verkörpert aber auch die Wut eines jeden Individuums. Durch sie zeigt Alemagna, dass Wut nicht nur schlecht ist. Oder nur böse. So unansehnlich sie sein mag, ist sie doch auch beschützend, verbindend und tröstlich. Sie wächst, wenn man gemein zu ihr ist. Und schmilzt dahin, wenn man sie umarmt. Nicht zufällig zeigt das Titelbild Yuki und die Prinzessin in einer Szene, die an King Kong erinnert. Auch der unheimliche und riesige Gorilla war nie ein böses Monster. Henrieke Markert hat die tiefgehende Geschichte sehr schön und warmherzig übersetzt.

Fein und ausdrucksstark in Buntstift

Die Idee, die Tiefen des kindlichen Unterbewusstseins so traurig und schaurig schön zu zeigen, ist sehr charmant und originell. Virtuos gestaltet Alemagna diese Welt. Die Prinzessin und Müffelinos oder kutschenziehenden Kaninchen kommen eher amorph und rundlich in Erdfarben und als ineinanderfließende Wasserfarbenflecken daher. Nur lustige Kulleraugen sehen daraus hervor. Die Kinder Yuki und Sen sind dafür umso feiner und ausdrucksstärker mit farbigen Buntstiften gezeichnet und konturiert. Mimik und Bewegung sind berührend und lebensecht und zeugen von hoher Kunst der italienischen Illustratorin und Autorin. Ihre zutiefst menschliche und faszinierend gestaltete Geschichte hat das Zeug zum modernen Klassiker.

Beatrice Alemagna: Ihre Hoheit Matsch, Prinzessin von Schlammland, Übersetzung: Henrieke Markert, Rotopol, 2025, 56 Seiten, 24 Euro, ab 5

Sommersprossen auf der Zensur-Liste der Trump-Regierung

Streuselnase

Mitte Februar diesen Jahres postete die US-Schauspielerin Julianne Moore auf Instagram, dass die Trump-Administration ihr Bilderbuch Freckleface Strawberry aus den Schulen des Verteidigungsministerium (das sind die Schulen für die Kinder von Soldaten) verbannen will. Moore hatte die Geschichte bereits 2007 geschrieben, die Illustrationen dazu stammen von LeUyen Pham. Der Schock und das Entsetzen der Autorin ist berechtigt und nachvollziehbar, denn es ist völlig unverständlich, warum diese liebenswerte Geschichte nicht gelesen werden sollte.

Julianne Moore erzählt von einem siebenjährigen Mädchen, das hauptsächlich durch ihre vielen Sommersprossen auffällt. Die Punkte im Gesicht verleiten die anderen Kinder in der Schule dazu, Bemerkungen darüber zu machen. Sie halten die Sommersprossen für Schmutzflecken oder Sonnenbrand, vergleichen das Mädchen, dessen Name nicht genannt wird, mit einer Giraffe, oder wollen an ihr riechen. Alles sehr unangenehm. Vor allem, weil sie das Mädchen nur noch »Streuselnase-Erdbeekopf!« nennen, was ihr natürlich gar nicht gefällt.

Am liebsten verschwinden

Die Lütte tut alles, damit die unliebsamen Sommersprossen verschwinden: Sie schrubbt sich, behandelt die Haut mit Zitronensaft oder übermalt die Sprossen mit Filzstiften. Aber nichts hilft und Mama ist auch nicht begeistert.
Also beschließt das Mädchen, unsichtbar zu werden. Sie zieht eine Skimaske über – und weg sind die Sommersprossen. In der Schule hat sie fortan ihre Ruhe, niemand zieht sie mehr auf, niemand ärgert sie. Es ist, als wäre sie gar nicht mehr da. Die anderen Kinder fragen sich eher, wo Streuselnase-Erdbeerkopf denn abgeblieben ist.
So hatte die Protagonistin es sich nicht vorgestellt – außerdem ist es unter der Skimaske viel zu heiß und alles juckt.

Bereits 2009 in Deutschland

Diese Geschichte, deren Happy End ich hier nicht spoilere, war bereits 2009 in Deutschland, damals in der Übersetzung von Beatrice Howeg, unter dem Titel Sommersprossenfeuerkopf erschienen. Es gab einige Rezensionen in großen Medien wie DER SPIEGEL und Welt, was wohl dem Promi-Status von Julianne Moore zu verdanken war, werden doch Bilderbücher normalerweise in solchen Medien gar nicht erst erwähnt.

Heute kommen Promi-Status plus drohende US-Zensur dem Buch wahrscheinlich wieder zugute. Der Berliner Schaltzeit Verlag hat die in weiten Teilen autobiografische Geschichte Moores von Ruth Keen neu übersetzen lassen und wieder veröffentlicht. Das ist als Statement gegen staatliche Zensur natürlich per se begrüßenswert, denn Autokraten und ihrer disruptiven Politik sollten wir so wenig wie möglich durchgehen lassen bzw. versuchen, Gegengewichte zu schaffen und Hoffnung zu verbreiteten. Und sei es mit einer liebenswerten Geschichte über lustige Sommersprossen.
Den Aufkleber auf dem Cover, der verkündet: »Entfernt – gemäß einer Direktive der Regierung Trump«, hätte man sich allerdings sparen können. Er wirkt doch zu reißerisch und effektheischend.

Algorithmen und Zensur

In einem TV-Interview (ab Minute 6:00) vermutet Julianne Moore nämlich, dass u.a. auch Algorithmen an der Zensur mit Schuld sind, die nach Stichworten wie »different«/»anders« gesucht hätten und so auf diese sommersprossige Heldin gestoßen sind. Das macht den ganzen Vorgang mitnichten harmloser oder gar akzeptabel. Aber so kommt quasi noch ein weiteres Faktum dazu, das unsere heutige Zeit prägt: Das steigende Vertrauen in die KI. Auch hier sollten wir also vorsichtiger sein und nicht blind den Maschinen glauben.
Zudem ist der letzte Stand immer noch, dass die Bücher auf der entsprechenden Liste der Trump-Regierung »geprüft« werden sollten. Was das genau heißt und wie das für Julianne Moores Buch im Ende ausgegangen ist, scheint noch offen zu sein.

Das Schöne an dieser erschreckenden Episode ist jedoch, dass in den USA Julianne Moores Buch seit April nun wieder im Buchhandel erhältlich ist. Es gab so viele Vorbestellungen, dass Bloomsbury es wieder neu aufgelegt hat.
Und auch hierzulande können sich sommersprossige Kids freuen, wieder eine Identifikationsfigur zu haben, die nicht Pippi heißt …

Julianne Moore: Streuselnase Erdbeerkopf, Illus: LeUyen Pham, Schaltzeit Verlag, 2025, 40 Seiten, ab 4, 18 Euro

Leben und leben lassen

Sailor och Pekka gör ärenden på stan lautet der Titel im schwedischen Original. Sailor und Pekka erledigen was in der Stadt hat Hinrich Schmidt-Henkel es passend entspannt übersetzt. Schon der wunderbar unprätentiöse Titel sagt viel über Jockum Nordströms ebenso brillantes wie bodenständiges Bilderbuch.

Kinderbilder und korrekte Möbelskizzen

Es heißt bewusst nicht » … gehen in die Stadt«, was einen Land-Stadt-Kontrast assoziieren würde. Denn darum geht es nicht. Es passiert auch nichts Spektakuläres. »Eines Morgens als Sailor sich anziehen wollte, war sein Pullover weg. Er wusste absolut nicht, wo der geblieben sein konnte, Sailor durchsuchte das ganze Zimmer.« Ein Mann mit Schnurrbart, bloßem Oberkörper und Käppi auf dem kahlen Kopf sucht. Er sieht aus wie von einem Kind gemalt. Die Kommode, das Bett, die Hutablage und das Sideboard mit dem Globus drauf aber sind reduzierte, doch perspektivisch korrekte Zeichnungen. Drum herum ist anfangs viel Weißraum, der Sailor und auch Pekka, einem Hund in einem blauen Anzug Platz gibt.

»Er rief seinen kleinen Hund Pekka, der gerade Zeitung las.
Hej, Pekka! Hast Du meinen Pullover gesehen?
Nein, hab ich nicht.
Wir müssen in die Stadt fahren, einen neuen kaufen.
Gut, dann kann ich mir auch gleich die Haare schneiden lassen.«

Kein Drama, dann machen sie halt eine Spaziergang

Sie fahren mit dem Auto los, einem offensichtlich betagteren Modell aus den 1920er oder 1930er Jahren. »Der Motor machte seltsame Geräusche. Er hustete und spuckte. Plötzlich quoll schwarzer Rauch unter der Motorhaube hervor.« Das ist kein Drama, dann machen sie halt einen Spaziergang.
Und so sieht man Mann und Hund am Meer entlang in Richtung Stadt laufen. Unterwegs treffen sie einen traurigen Clown, der seine Trompete verloren hat. Und ihre Nachbarin Frau Jackson, die übrigens schwarz ist.

»Moinsen« grüßt der Biber im Vorbeigehen

Zunächst werden die Seiten kleinteiliger, erinnern ein wenig an Comic-Panels. Je näher die beiden dann der Stadt kommen, desto mehr verdichten sich die Bilder. Er gibt tolle, akkurate Architekturzeichnungen, unter anderem von an Le Corbusier erinnernde Hochhäuser mit farbigen Fassadendetails. Detailliert ausgestaltete Straßenkreuzer fahren im Hintergrund herum. Und immer mehr unterschiedlichste Wesen tauchen auf, winken, reden miteinander, tragen Möbel. Menschen und Tiere sind alle mehr oder weniger beschäftigt, auf dem Weg irgendwohin, ohne Hektik, man grüßt sich. »Moinsen«, sagt ein Biber im Vorbeigehen, eine lässig im Mundwinkel hängende Zigarette rauchend.
Sailor und Pekka finden einen Kleiderladen, daneben einen Frisör. Pekka bekommt einen neuen Haarschnitt. Sailor kauft einen neuen Pullover und ein weißes Hemd dazu. Anschließend lässt Sailor sich noch ein Tattoo stechen. Beim Tätowierer treffen sie einen Affen, der die Trompete gefunden hat.

Das Auto sieht wirklich erschöpft aus

Auf dem Rückweg lassen sie das Auto abschleppen. Der Abschleppdienst kommt schnurstracks, wie Hinrich Schmidt-Henkel schön übersetzt. Unterwegs geben sie dem Clown die Trompete zurück, »Juhuu! Tausend Dank! Der Clown freute sich riesig« und nehmen das Auto an den Haken. »Da steht unser Auto. Es sieht erschöpft und dreckig aus.« »Ja es sieht wirklich erschöpft aus«, bestätigt der Abschlepper.

Friedliches Miteinerander von Lebewesen und Stilen

Das friedliche Miteinander aller spiegelt sich auch in Jockum Nordströms lässigem Umgang mit verschiedensten Illustrationsstilen. Mal ein liebevoll ausgemaltes großes Hafenpanorama oder eine bunte Straßenszene oder das kleinteilige Ladensortiment. Dann setzt der Künstler wieder auf einen sehr kindlich wirkenden, für Kleine umso nahbareren Malstil, in denen er comicartige Seiten mit leisem Humor gestaltet. Sehr lustig ist die Szene, wenn Sailor mehrere Pullover anprobiert. Auf dem Vorsatzpapier arbeitet Nordström zur Abwechslung mit Fotos und Collagen.

Gut aufgehoben bei Péridot

Mit größter Selbstverständlichkeit erzählt der KInderbuchautor wunderbar unaufgeregt (wie schon beim Titel) von Vielfalt und Toleranz als gelebte Normalität. »Leben und leben lassen« hat mein Vater immer gesagt. Und es auch so gemeint, obwohl er ein konservativer und bestimmt nicht vorurteilsfreier Mann war. Jockum Nordström malt Bilderbücher unter diesem Lebensmotto. Der Kölner Péridot Verlag hat jetzt eine Geschichte von Sailor und Pekka veröffentlicht, hoffentlich folgen auch die fünf oder sechs weiteren. Wo wären sie hierzulande besser aufgehoben, als bei einem Verlag mit freundlichem Hund als Logo und übersetzt von Schmidt-Henkel. Die Welt von Sailor und Pekka wäre eine bessere, schöner und lebenswerter.

Jockum Nordström: Sailor und Pekka erledigen was in der Stadt, Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel, Péridot, 44 Seiten, 16 Euro, ab 6