Fukushimas absurd-unerträgliches Erbe

fukushimaVor fünf Jahren erlebte unsere ach so fortschrittlich technisierte Welt eine Kombination von katastrophalen Umständen, die sich so bis dato nicht einmal Hollywood hatte ausdenken können – unsägliche B- und C-Movies ziehe ich hier jetzt mal nicht in Betracht.

Der Tsunami infolge eines Seebebens war für sich schon verheerend, doch die Explosion mehrerer Atomreaktoren im japanischen Fukushima toppte dann das Undenkbare. Die genauen Abläufe von Kernschmelzen und Notabschaltungen, Austritt von radioaktiver Strahlung kann man dieser Tage an anderen Stellen ausführlich nachlesen. Die Schäden an Mensch und Umwelt sind immer noch immens, die Zahl der Toten und Geschädigten immer noch unklar. Die Kernkraft ist seitdem als Energielieferant erst recht nicht mehr tragbar. Das ist alles bekannt. Was uns hier so gut wie unbekannt ist, sind die momentanen Zustände in Fukushima und die Strapazen der Aufräumtrupps vor Ort.

Hier setzt der Manga Reaktor 1F von Kazuto Tatsuta an. Der Zeichner hat sich unter diesem Pseudonym vor ein paar Jahren als Arbeiter in Fukushima verpflichtet, um die Lage vor Ort mit eigenen Augen zu überprüfen und sich nicht mehr auf die Falschinformationen von Regierung und Betreiberfirmen verlassen zu müssen. In klaren, nüchternen Panels entwirft Tatsuta ein Panorama unglaublicher Tristess. Immer noch sind die Reste der Reaktoren verstrahlt und die Männer, die dort aufräumen, müssen sich einem Marathon von Schutzmaßnahmen unterziehen, bevor sie auch nur einen Handschlag tun können.
Detailliert beschreibt Tatsuta die An- und Umkleideprozeduren, vom Mundschutz über die Socken, die doppelten Schutzanzüge und die Überschuhe, Baumwollhandschuhe unter Gummihandschuhen, Atemmasken, die mit Klebeband befestigt werden müssen. In jeder Pause muss das verstrahlte Zeug entsorgt werden, neues wird angezogen. In der versiegelten Montur muss jede Nahrungsaufnahme, jede Zigarette, jeder Gang zur Toilette aufgeschoben werden, der Schweiß läuft in Strömen im Winter, im Sommer ertrinken die Männer fast im eigenen Schweiß. Die Nase juckt, kratzen unmöglich.
Um die zulässige tägliche Strahlendosis nicht zu überschreiten, trägt jeder Arbeiter ein Dosimeter am Leib. Dieses Gerät fiept, wenn gewisse Dosen erreicht werden. Nach dem vierten Fiepen ist Schichtende, damit die Männer keine gesundheitlichen Schäden davontragen. Manches Mal kann dies bereits nach einer Stunde der Fall sein. Weit kommt man so mit den Aufräumarbeiten nicht – und so wundert es einen auch nicht mehr, wenn von 30 bis 40 Jahren die Rede ist, bis alle verstrahlten Anlagen, Wassertanks und Gebäude zurückgebaut sein werden.

Tatsutas Geschichte ist im Grunde ziemlich unspektakulär, in manchen Teile etwas redundant, was jedoch die Unerträglichkeit der Zustände beim Lesen noch erhöht. Dumpinglöhne und geschäftsgeile Subunternehmer, die in anderen Zusammenhängen die kompletten Aufreger und eine Geschichte für sich wären, ranken sich zusätzlich um dieses Post-Katastrophen-Szenario.
Das Brisante beziehungsweise Unfassbare an dieser Geschichte ist der tatsächliche Aufwand, mit dem die Folgen dieser Katastrophe immer noch beseitigt werden müssen. Ich weiß nicht, was eigentlich schlimmer ist in diesem ganzen Horrorszenario, die vielen Toten, deren genaue Zahl man heute immer noch nicht weiß, die verstrahlten und zerstörten Häuser und Landschaften, oder der absurde, aber lebensnotwendige Aufwand, mit dem die Arbeiter ihren Job verrichten müssen. Allein die Einweg-Ausrüstungen der Arbeiter, die nach einem kurzen Einsatz kontaminiert sind, erzeugen immense Sondermüllberge – zusätzlich zu den gecrashten Reaktoren.

Eigentlich fasst man sich auf jeder Seite dieses Mangas an den Kopf.  Akute Katastrophen sind das eine, sie sind immer schrecklich. Das andere sind Folgen, die im Grunde vermeidbar gewesen wären, wenn. Über all diese Wenns fängt man bei der Lektüre von Reaktor 1F unweigerlich an zu grübeln. Und wünscht sich, dass die Technikgläubigkeit der Menschen weniger blind wäre. Hier offenbart sich eines der menschlichen Dilemmata: Ingenieure und Wissenschaftler machen uns mit ihren Erfindungen und Entwicklungen das Leben in der westlichen Welt oft sehr angenehm und bequem, doch die Folgen, mit denen wir umgehen müssen, wenn die Naturkräfte wirken, können wir dennoch nicht absehen.

Tatsutas Manga ist somit nicht nur eine großartige Dokumentation, sondern ein sehr gelungener Denkanstoß, dass wir solche Szenarien in Zukunft – wie auch immer – vermeiden sollten.

Kazuto Tatsuta: Reaktor 1F – Ein Bericht aus Fukushima Bd.1, Carlsen Manga! 2016, 208 Seiten, ab 14, 12,99 Euro

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Nicht nur für Nerds

jobsWer sich auf meinem Blog öfter mal herumtreibt, weiß, dass ich hier auch auch die Werke vorstellen, die zum Teil an meinem Schreibtisch entstanden sind. Heute ist mein jüngstes Übersetzungswerk auf den Markt gekommen: die Comic-Biographie Steve Jobs – Das wahnsinnig geniale Leben des iPhone-Erfinders, konzipiert, gezeichnet und verdichtet von der Amerikanerin Jessie Hartland.

In 13 Kapiteln fasst Hartland das viel zu kurze Leben von Jobs in klaren, kritzeligen schwarz-weiß Panels zusammen. Von seinen Anfängen in der Garage, über die Gründung von Apple und Jobs Rausschmiss aus der eigenen Firma bis hin zu seinen Erfindungen, die so gut wie jeder von uns heute in die Hand nimmt – egal ob da ein Apfel drauf ist oder ein anderer Schriftzug. Ob wir die Person Steve Jobs nun kennen oder nicht, in unseren Haushalten ist er auf die eine oder andere Art vertreten. Und sei es in der Form einer DVD eines Pixar-Films …
Jessie Hartlands Graphic Novel klärt auf sehr unterhaltsame und leicht ironische Art über den Menschen Jobs auf.

Übersetzungstechnisch war es für mich in mancher Hinsicht eine wahnsinnige und auch geniale Arbeit. Diverse Apfel-Produkte benutze ich selbst, habe mir aber nie groß Gedanken über ihre Herkunft gemacht. Hartland baut in ihre Biographie jedoch sehr geschickt Doppelseiten über die jeweilige Technik der vergangenen Jahrzehnte ein – und da wurde ich dann wieder an meine eigene Jugend erinnert und an die ersten Tippversuche auf einem C64 und seltsame Nintendo-Daddel-Spiele. Manches, was heute vergessen ist wie Kompaktkassette und Walkman kamen mir wieder in den Sinn. Irgendwann hatte ich sogar mal eine Basic-Programmier-Kurs, von dem ich aber nichts behalten habe. All das, und vieles weitere, fließt heute in den ganzen Smartprodukten auf die eine oder andere Weise zusammen. Und so wurde mir während des Übersetzens klar, wie tief die Wurzeln eines so kleinen Smartphones reichen, mit dem wir ständig unzählige Dinge tun und vieles nicht mehr lassen können.

Wahnsinnig an der Arbeit war die Kleinteiligkeit der Panels. Namen, Worte, Begriffe, Gesprochenes, Geschriebenes. Ständig musste ich aufpassen, dass ich nichts übersehe. Zum Glück hat meine Lektorin sehr aufmerksam mitgelesen und so haben wir wohl wirklich alles gefunden, was zu übersetzen war oder was Englisch gelassen werden musste.
Und auch wenn der Text hier nicht immer in engen Sprechblasen steht, die der Übersetzerin so gar keinen Raum lassen, sondern manche Texte richtig Platz zu haben scheinen, musste ich mich doch mit der Länge der Texte beschränken. Das hieß: zählen. Die Buchstaben von Jessie Hartlands handgeletterten Texten zählen. Ich habe also gezählt und dann meine Texte eingekürzt, damit alles passt.
Dankenswerterweise hat Jessie Hartland dem Fischer-Verlag einen Font mit ihrer Schrift zur Verfügungen gestellt, so dass die deutsche Ausgabe nun annähernd den Eindruck eines handgeletterten Comics hat. Die Herstellung im Verlag hat da perfekte Arbeit geleistet, all die Varianten von Groß- und Kleinschrift, von senkrechten Worten und Fettungen wie im Original einzubauen. Die Leichtigkeit, die im Vorfeld von einigen schon als hässliches Kinder-Gekrickel kritisiert wurde, die aber Jessie Hartland Stil ausmachen, sind für mich so in die deutsche Version herübertransportiert worden. Und all jene, die denken mögen, so ein Gekrickel sei ja total einfach hinzumalen, der nehme bitte einen Stift in die Hand und versuche es selbst …

Ich jedenfalls liebe diesen leichten und frechen Strich von Jessie Hartland, weiß durch ihre Geschichte gewisse Apple-Produkte nun besser zu würdigen und bin froh, dass ich keine 500-Seiten-Biografie lesen musste. Während des Übersetzens kam für mich somit alles zusammen, was Glück ausmacht: Spaß, neues Wissen über Technik und einen Menschen, nostalgische Erinnerungen und professionelle Herausforderungen. Besser konnte es für mich kaum sein.

Schön ist aber auch, dass heute bereits eine erste Besprechung von Irve online gegangen ist, nämlich hier. Danke dafür!
Ich hoffe, dass Ihr beim Lesen genauso viel Spaß mit dieser Graphic Novel habt, wie ich es beim Übersetzen hatte.

Jessie Hartland: Steve Jobs – Das wahnsinnig geniale Leben des iPhone-Erfinders. Eine Comic-Biographie. Übersetzung: Ulrike Schimming, Fischer, 2016, 240 Seiten, 16,99 Euro

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Der Maulwurf in uns

MaulwurfBehaglich haben es die Maulwürfe, unter der grünen Wiese: Plüschsessel, Streifenbettwäsche, Pünktchentapete, Bollerofen. In schwindelerregende Tiefe graben sie ihr Reich und nutzen immer ausgefeiltere Maschinen, um ihre Gänge auszubauen. Selbst legen sie keine Hand mehr an das Erdreich. Immer mehr Maulwurfshügel zieren die grüne Wiese.

Und in Moletown müssen die Maulwürfe Schlange stehen, wenn sie die Tram nehmen wollen.
Riesige Vortriebsbohrer legen neue Wege für Moletown an, immer mehr Aktenordner füllen sich mit Papieren über die Maulwurfstadt.
Die Behaglichkeit und der Luxus der Maulwürfe nimmt zu: Lautsprecher, Telefonanlagen, TV, künstliche Sonnen, Wasserklosett und Grammophon. Gemütlich haben es die Maulwürfe.
Doch die Straßen von Moletown sind voll: mit Autos, Straßenbahnen, Hüte tragenden Maulwürfen. Und um die Maulwurfshügel, oben auf der Wiese, ist keine Wiese mehr, sondern nur noch Abgasgrau und Fördertürme. Nur ein kleines Fleckchen Gras ist noch da, abgesperrt mit einem rot-weißen Flatterband  … Trist haben es die Maulwürfe.

Natürlich braucht man keine zwei Sekunden um im Maulwurf uns Menschen wiederzukennen. Aber wie Torben Kuhlmann das macht, in diesem schmalen Bilderbuch, ist ganz fein. Auf wenigen Seiten durchlaufen die Maulwürfe einen Jahrhunderte lange Entwicklung. Dabei sollte man aber ganz genau hinsehen, um all die Details und Seitenhiebe auf unsere dekadent-entartete-naturferne Gesellschaft zu entdecken.
Mit Maulwurfstadt hat Torben Kuhlmann nach Lindbergh sein zweites Bilderbuch vorgelegt. Er kommt dabei mit zwei Sätzen Text aus, den Rest erzählen seine Bilder. Die gedeckten Braun- und Sepiatöne geben der Geschichte ein wunderbar antiquiertes Aussehen, von dem man sich aber nicht täuschen lassen darf. Spätesten mit den Schwarzweißbildern auf den Umschlaginnenseiten wird klar, an wen sich diese Maulwurfiade richtet.

Mag sein, dass es für uns und die Natur um uns herum schon zu spät ist. Doch nach diesem Buch nimmt man sich vor, ganz schnell etwas zu ändern, am eigenen Leben, an der Umweltverschmutzung, am täglichen, blinden Gehetze durch die Stadt. Und den kleinen Lesern wird so schon sehr früh klar, auf wessen Kosten unsere Behaglichkeit und Bequemlichkeit geht. Vielleicht wissen die, die nach uns kommen, die Natur höher zu schätzen. Denn niemand möchte so enden wie die Maulwürfe.

Torben Kuhlmann: MaulwurfstadtNordSüd Verlag, 2015, 32 Seiten,  ab 5, 14,99 Euro

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Alles eine Frage der Geschwindigkeit

schnellerEs ist, glaube ich, unbestreitbar, dass wir in einer Zeit leben, in der in unserer Gesellschaft alles immer schneller gehen muss. Kommunikation per Mail, Chat, SMS in Sekundenschnelle über tausende Kilometer hinweg, schneller Shoppen im Internet, schneller Abi machen in nur acht statt neun Jahren, schneller studieren … die Liste lässt sich sicher noch um so Einiges fortsetzen.

Wie sehr die Geschwindigkeit unser gesamtes Universum prägt, verbildlicht das französische Graphikstudio Cruschiform auf ganz ungewöhnliche und eindrucksvolle Weise. In dem Bilderbuch Schneller?! ordnen sie in orange-gelb-blauen Illustrationen Tiere, Menschen und technische Errungenschaften der jeweiligen Geschwindigkeit zu. Angefangen beim langsamen Seepferdchen, das gerade einmal 300 Meter pro Stunde zurücklegt, über den Mauersegler mit 200 km/h bis hin zur Sternschnuppe, die mit mehr als 100.000 km/h am Himmel verglüht.

Obwohl es nur im „Nachspann“ kurze, erklärende Texte über die dargestellten Objekte gibt, sind die Doppelseiten mit der km/h-Angabe und der Legende links und den Illustrationen rechts überaus informativ – vor allem die, auf denen Technisches  Natürlichem gegenübergestellt wird. Da kommt zum bloßen Lernen, dass ein Schnellzug mit 350 km/h genauso schnell wie ein Formel-1-Rennwagen sein kann, das große Staunen, dass nämlich auch Wanderfalke und Fregattvogel diese  erreichen können.

Je genauer man hinschaut und je mehr man sich die dargestellten Dinge bewusst macht, umso mehr bekommen manche technische Errungenschaften einen ganz anderen Stellenwert – das Atom-U-Boot „USS Nautilus“ schafft gerade einmal 35 km/h und auch der Luxusdampfer „Queen Mary 2“ ist mit 50 km/h nicht sehr viel schneller. Gleichzeitig ist man jedoch auch beeindruckt, dass der Mensch Dinge wie die Raumfähre „Apollo 11“ bauen konnte, die mit 40.000 km/h ins All flog.

Den größten Respekt jedoch entwickelt der Betrachter unweigerlich für die Großartigkeit der Natur, die in Sachen Schnelligkeit –  und nicht nur darin – vermutlich für immer unschlagbar bleiben wird. Zum Ansehen dieses Buches sei daher Kindern und Erwachsenen jede Menge Muße empfohlen, um all die großartigen Details zu entdecken und zu begreifen.

Cruschiform: Schneller?!, Übersetzung: Barbara Heller, Illustration: Cruschiform, Fischer Sauerländer, 64 Seiten, ab 5, 15,99 Euro

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Das große Staunen

evolutionGroßväter sind wichtige Bezugspersonen für die Enkelkinder. Manches Mal erkennen sie viel deutlicher, wo die Talente der Kinder liegen. Diese These jedenfalls zieht sich durch den entzückenden Roman Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen von Jacqueline Kelly.

Es ist ein heißer Sommer im Jahr 1899 in Texas. Calpurnia, elf-drei-viertel-fast-zwölf, lebt mit ihren Eltern, acht Brüdern und dem Großvater auf dem Land. Sie genießt ihre Freiheit, streift durch die Natur und beobachtet Pflanzen und Tiere. Ihre Erkenntnisse hält sie in einem roten Notizbuch fest. Als ihr auffällt, dass es grüne und gelbe Grashüpfer gibt, kann ihr niemand aus der Familie erklären, warum das so ist. Als sie den Mut aufbringt, den Großvater zu fragen, der bis dahin so gut wie nie mit ihr gesprochen hat, schickt er sie zunächst weg: „Ich vermute, dass ein schlaues kleines Ding wie du allein dahinterkommen kann. Komm wieder und berichte mir, wenn du es weißt.“ Calpurnia beobachtet weiter, entdeckt, dass die grünen Grashüpfer öfter gefressen werden. Sie will ihre These nachlesen und versucht Darwins Buch „Von der Entstehung der Arten“ aus der Bibliothek auszuleihen, was ihr die resolute Bibliothekarin allerdings verweigert. Als sie  dem Großvater davon erzählt, leiht er ihr kurzerhand sein Exemplar von Darwins Buch – und eine wundersame Beziehung zwischen Alt und Jung entsteht.

Gemeinsam streifen Großvater und Enkelin durch die Gegend, finden ein Kolibri-Nest, entdecken eine merkwürdige Abart der Zottelwicke und eine dicke Raupe, die Calpurnia Petzi tauft und bei der Verpuppung beobachtet. Der Großvater führt das Mädchen in die Welt der Naturwissenschaft ein, zeigt ihr seine Präparate-Sammlung, berichtet von seinem Kollegen Charles Darwin, leitet sie zu wissenschaftlich genauem Beobachten an, lässt sie durch ein Mikroskop schauen und Einzeller zeichnen. Calpurnia saugt alles begierig auf und entwickelt immer mehr den Wunsch Wissenschaftlerin zu werden.
Das jedoch passt der Mutter gar nicht ins Konzept. Sie will ihre Tochter in die gute Gesellschaft einführen. Dafür soll Calpurnia kochen, stricken, sticken und klöppeln lernen. Nur äußerst widerwillig fügt sich das Mädchen in Koch- und Strickstunden, entwischt jedoch in jeder freien Minute zum Großvater. Es ist für sie unvorstellbar, später für einen Mann und eine Familie zu kochen. Calpurnia hätte dafür selber gern eine Frau.
Der Großvater hingegen nimmt sie mit zum Fotografen, um die Zottelwicke fotografieren zu lassen. Denn die beiden Naturforscher glauben, dass sie eine neue Wickenart entdeckt haben. Die Fotos und die genaue Beschreibung schicken sie nach Washington zur Smithsonian Institution, um die Pflanze kategorisieren zu lassen. Es dauert Monate bis sie Nachricht erhalten sollen.
In der Zwischenzeit zieht die moderne Technik in das Leben Calpurnias ein: die Mutter erhält die erste Windmaschine, im Dorf wird das erste Telefon installiert, auf dem Dorffest trinkt Calpurnia die erste Coca-Cola, der Großvater besteigt zum ersten Mal ein Automobil und an Weihnachten bestaunt die ganze Familie Fotos durch ein Stereoskop.
Als Calpurnia dann am ersten Januar 1900 zum ersten Mal Schnee erlebt, ahnt sie, dass alles möglich ist und auch ihr die Welt der Wissenschaft offen steht.

Jacqueline Kellys Roman ist eine ganz wundervolle Emanzipationsgeschichte, die jungen Leserinnen Mut macht, sich sowohl von elterlichen Vorstellungen als auch gesellschaftlichen Konventionen frei zu machen. Ist hier im historischen Kontext die Naturwissenschaft als Beispiel für eine scheinbare Männerdomäne gewählt, in die nun auch Calpurnia vordringt, so kann man durchaus die Parallele in die Jetztzeit ziehen und den nächsten Frauengenerationen Ingenieurwissenschaften und Informatik schmackhaft machen. Calpurnia jedenfalls taugt fantastisch als Identifikationsfigur für Mädchen, die ihren eigenen Kopf haben und sich nicht von äußeren Zwängen verschrecken lassen. Calpurnia zeigt, wie wichtig es ist, Fragen zu stellen und Dingen auf den Grund zu gehen – dafür kann der Apfelkuchen auch schon mal missraten. Als Leser freut man sich nicht nur mit der Heldin über all ihre Entdeckungen, selbst wenn aus der Raupe kein schöner Schmetterling schlüpft, sondern „nur“ eine extrem große Motte, und fängt auch gleich an, die Natur wieder mit wacheren Augen zu betrachten.

Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen ist ein herrlicher Lesegenuss, nicht zuletzt durch die gelungene Übersetzung von Birgitt Kollmann. Die Geschichte entführt den Leser in eine aufregende Zeit des Umbruchs, wo neben technischem Fortschritt die Emanzipation der Frauen ihren Anfang hatte. Schöner kann man dieses Thema den Mädchen von heute kaum näher bringen.

Jacqueline Kelly: Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen, Übersetzung: Birgitt Kollmann, Hanser, 2013, 336 Seiten, ab 12, 16,90 Euro

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Steampunk – oder vom Schreiben mit der Hand

Col Porpentine soll Karriere machen – jedenfalls wenn es nach dem Willen seines Großvaters geht. In ein paar Jahren soll der Junge das Kommando über den Juggernaut Worldshaker übernehmen. Auf diesem Riesen-Eisenkoloss, der sich auf Rollen über die Kontinente und durch die Meere wälzt, lebt die Viktorianische Elite auf den Oberdecks im absoluten Luxus. Col gehört dazu und muss sich eigentlich keine Sorgen machen – bis eines Tages die junge Riff auftaucht. Das Mädchen gehört zu den so genannten Dreckigen, die im Bauch des Schiffes unter unmenschlichen Bedingungen malochen. Riff ist die Anführerin der Aufständischen aus den Unterdecks und führt Col in die düstere Seite seiner Heimat ein. Der Junge schließt sich den Revolutionären an und verliebt sich in Riff…

Der australische Autor Richard Harland hat 15 Jahre an seiner extrem mitreißenden Steampunk-Geschichte gearbeitet und alles mit der Hand geschrieben. Warum, das hat er mir im Interview verraten …

Mr Harland, was fasziniert Sie daran, über eine viktorianische Alternativ-Gesellschaft auf einer Art Dampfschiff zu schreiben? Warum haben Sie sich für Steampunk und nicht für einen “normalen” historischen Roman entschieden?
Ich wuchs in einer Zeit auf, als modern sein sehr wichtig war. Alles sollte glatt, stromlinienförmig und verchromt sein. Dreckige, sonderbare, alte Maschinen gehörten der Vergangenheit an, einer schlimmen Vergangenheit. Heutzutage wirkt Verchromtes selbst schon völlig überholt. Aber was ist so schlimm an Dreckigem und Sonderbarem? Sonderbar ist schön! Ich glaube, dass sonderbare Dinge, wie alte Maschinen, Charakter haben – und das ist weitaus interessanter als Farblose, Glattes und Langweiliges. Anders als im historischen Roman kann ich bei Steampunk diese sonderbar-schönen Qualitäten einer Umgebung und einer Atmosphäre viel stärker betonen. Maschinen aus dem 19. Jahrhundert können darin noch viel mehr dampfen und qualmen, noch viel rußgeschwärzter und messinggelber aussehen, als sie es wirklich waren. Und sie können natürlich 100 Mal größer sein. Die Juggernauts in der Welt des Worldshakers sind drei Kilometer lang, sie bewegen sich auf Rollen über Land und durch das Meer. Historische Dampfschiffe sind damit nicht zu vergleichen!

Hat Jules Vernes Ihr Schreiben beeinflusst?
Nein. Da gibt es nicht den Hauch von Jules-Vernesschem Einfluss. Seine Bücher habe ich erst vor kurzem gelesen. Mich haben alte Maschinen und industrielle Szenerien einfach schon immer fasziniert. Wer mich dabei wirklich beeinflusst hat, war mein Cousin in England. Er war mein bester Freund, als ich zehn Jahre alt war, und er interessierte sich viel mehr für Mechanik als ich. Als Kinder bauten wir hinten im Garten große U-Boote, Flugzeuge und irgendwelche mechanischen Gebilde. Aber alles ganz nach unserer Fantasie. Dafür nahmen wir dann Zinkwannen, Gummischläuche, Holzplanken, verrostete Eisenstücke, Kartons und allen möglichen Abfall. Wir zeichneten Pläne von unseren eigenen Flugzeugen und Super-Vehikeln in unsere Schulhefte. Bei so einer Kindheit musste ich einfach Steampunk-Autor werden!

Sie schreiben Ihre Geschichten mit der Hand. Warum das? Was halten Sie von modernen Technologien?
Ich schreibe mit der Hand, weil ich dann nicht darüber nachdenken muss. Wenn ich auf einer Tastatur tippe, kann ich nicht so gut in meine Welt und meine Geschichte eintauchen. Die Tastatur lenkt mich ab und erinnert mich ständig an meine direkte Umgebung. Dabei habe ich nichts gegen Tastatur und Computer. Die Rechner haben mein schriftstellerisches Leben gerettet. Denn vor Erfindung der Computer schreckten die Schreibmaschinen einen richtig ab, irgendetwas zu Ende zu bringen. Alles musste beim ersten Mal richtig sein, ansonsten musste man die ganze Seite neu abtippen. Ich litt deshalb 25 Jahre unter einer Schreibblockade. Ohne die neuen Technologien könnte ich nicht mehr leben.

Könnten Sie sich vorstellen, auf Ihrem Juggernauten zu leben?
Aber sicher! Das ist ja meine Aufgabe als Fantasy-Autor – ich denke mir Dinge aus, die es nicht gibt, um sie dann so darzustellen, als ob es sie gibt. Viele Leser von Worldshaker berichten mir, dass sie beim Lesen den Eindruck bekommen, tatsächlich in diesen endlosen Korridoren, den engen Kabinen und zwischen den Spundwänden herumzulaufen – und in der höllischen Unterwelt, wo die Dreckigen zwischen Kesseln und Turbinen schuften.

Wie würden Sie das finden?
Das wäre eine schrecklich klaustrofobische und erdrückende Welt. Ich selbst würde das hassen! Aber wenn ich zu der Elite auf den Oberdecks gehören würde, wie Col, tja, dann würde ich mir keine Gedanken darüber machen, denn ich hätte ja nie etwas anderes kennengelernt.

Richard Harland: Worldshaker und Liberator, Verlagshaus Jacoby & Stuart, Übersetzung: Werner Leonhard,  je 16,95 Euro.

Ab Januar 2013 auch als Taschenbuch bei dtv, für 8,95 Euro.


Worldshaker

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