Grandiose Geschichten aus kleinen Klumpen

„Ich kann euch ganz in Ruhe meine Geschichte erzählen. Davon, wie eines Tages eine drangsalöse Misere über mich hereinbrach, die mein ganzes Leben durcheinanderbringen sollte. Hätte ich damals geahnt, was für Kalamitäten auf mich zukommen würden, ich wäre an jenem Morgen unter der Bettdecke geblieben …“

Mit diesen hübsch altmodischen Wörten beginnt der Erzähler seine Geschichte. Und während sich der eine oder andere Leser angesichts gelegentlich komplett verkorkster Tage denkt, dass es manchmal sicher die bessere Idee ist, morgens einfach liegen zu bleiben, schlägt einen Kirsten Reinhardts neuer Roman Der Kaugummigraf schon in seinen Bann: Es ist ein in vielfacher Hinsicht verblüffendes Buch. Nicht nur weil der Erzähler und Titelgeber ein alter Knorz ist, genauer der 81-jährige Eberhart von Eberharthausen. Es ist eine erstaunlich komplexe und vielschichtige Erzählung, wie man hinter dem für Reinhardts Standards sehr schlichten Titel nicht vermuten würde (frühere Titel waren Fennymores Reise oder wie man Dackel im Salzmantel macht und Die haarige Geschichte von Olga, Henrike und dem Austauschfranzosen).

Die Kalamitäten verursachende Misere tritt in Gestalt der struppigen, frechen und enorm hungrigen Ausreißerin Eli in das Leben des komischen Kauzes. Sie bringt ihn nach einigen Anlaufschwierigkeiten zum Erzählen. Und vielleicht zum ersten Mal am Ende seines langen Lebens öffnet sich Eberhart, stellt sich seinen Verletzungen, alter Schuld und lebenslanger Reue, Gedanken und Gefühlen, die er seit 20 Jahren mithilfe eines selbst auferlegten, strengen Zeitplans verdrängt und eingesperrt hat. Und natürlich sind das keine uralten Geschichten, „solche Dinge wie damals gibt es bestimmt nicht mehr“; da hofft Eberhart leider vergebens.

Aber warum nennt Eli ihn Kaugummigraf? Das hängt mit der höchst kuriosen Sammlung des betagten Helden zusammen, ein jahrelang verschlossener Raum in dem alten, vom Abriss bedrohten Bahnhof, in dem der Graf wohnt – und auch in seinem Herzen. Hier verwahrt er hunderte Kaugummis auf, die er seit seiner Kindheit gesammelt hat – gekaute, versteht sich. Denn „ein Kaugummi ist besser als ein Fingerabdruck“, wie der Graf sagt. Ein Fingerabdruck verrät nichts über seinen „Besitzer“. Ein ausgespuckter Kaugummiklumpen dagegen gibt erstaunlich viel preis: durch seine Form, die Zahnabdrücke, den Auffindeort, den Geruch, die Geschmacksrichtung, die Farbe. Und natürlich durch die präzise Erinnerung an all die kauenden Menschen, denen der Sammler begegnet ist und die sein Leben geprägt haben.

Es sind spannende, fantastische, erschütternde und rührende Geschichten, zeitlos gut und ewig wahr, Geschichten von abgeschobenen, missverstandenen Kindern, von Grausamkeit und Feigheit, von Wut und Mut. Davon, dass man stärker ist als man denkt und es nie zu spät ist, sein Leben in die Hand zu nehmen. Von der Suche nach Freundschaft, Liebe, Glück. Wahrheiten, gelassen ausgesprochen: Seine Verwandschaft kann man sich nicht aussuchen. Und es ist gar nicht so einfach, nichts zu tun. Die Freiheit, alles (oder nichts) tun zu können ist beängstigend, das muss man erst mal aushalten. Trotzdem ist sie das Beste am Leben, weil sie grenzenlose Möglichkeiten birgt.

Hat sich schon mal jemand beim Anblick der Flecken auf dem Pflaster überlegt, dass hier gelebte Geschichten kleben? Das entschuldigt natürlich nicht die Unsitte, Kaugummis in die Gegend zu spucken! Inzwischen haben Künstler die Sprengsel als winzige Leinwände entdeckt, um darauf grandiose Miniaturmeisterwerke zu schaffen, zu sehen unter anderem auf der Millenium Bridge in London.

Der Kaugummigraf ist ein Buch, so wie man sich das weltbeste Kaugummi wünscht, das es aber nie geben wird: Eine Wundertüte, ein Feuerwerk an unterschiedlichsten Geschmackerlebnissen, schönste, raumgreifende Blasen bildend, ein Genuss, sich damit zu beschäftigen und ganz lang anhaltend.

Elke von Berkholz

Kirsten Reinhardt: Der Kaugummigraf, mit Vignetten von Marie Geißler, Carlsen, 2017, 224 Seiten, ab 10, 12,99 Euro

 

P.S. Es gab schon mal ein besonderes Buch mit Kaumasse im Titel: Der quergestreifte Kaugummi von Ephraim Kishon, von 1977, eine unvergessene Erzählungssammlung.

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Frühjahrslesetage in Hamburg

lutherIn Hamburg gibt es ja so einige Lesefeste, das Harbour Front Literaturfestival, die Lange Nacht der Literatur und Lesefeste der Seiteneinsteiger, allesamt im Herbst. Nun versucht Rainer Moritz, der Chef des Hamburger Literaturhauses, ein neues Leseevent im Frühjahr zu platzieren. Vom 20. bis 26. April 2017 finden die „High Voltage“-Lesetage zum ersten Mal an verschiedenen Orten in der Hansestadt. Zwölf Veranstaltungen soll es insgesamt geben, unterstützt vom Stromnetz Hamburg.

Letzteres erinnert natürlich an die Vattenfall Lesetage, die nach heftiger Kritik wegen Greenwashing und Markenbranding 2013 zum letzten Mal stattfanden. Bereits 2011 gab es die 1. Anti-Vattenfall-Lesung, aus ihr entstanden die Lesetage „Lesen ohne Atomstrom“, die gerade zum 7. Mal stattgefunden haben – allerdings ziemlich unbemerkt von der Öffentlichkeit (an mir sind sie komplett vorbei gegangen…). Das lag vielleicht daran, dass nur sieben Lesungen stattfanden, die keine Kinder- und Jugendliteratur beinhalteten.

Anders sieht es bei den High Voltage Lesetagen aus. Die zwölf Veranstaltungen sind zu gleichen Teilen Kinderbüchern und Erwachsenenlektüre gewidmet. Eine ganz wunderbare Aufteilung, wie ich finde. So lesen immer vormittags Maja Nielsen, Ute Wegmann, Joachim Hecker, Uticha Marmon, Arne Rautenberg und Jan von Holleben für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren. Abends kann man Jostein Gaarder, Clemens Meyer, Sarah Bakewell, Zsuzsa Bánk oder Eva Menasse lauschen.

Zwei Bücher aus dieser kleinen, aber feinen Kinderbuch-Auswahl haben es mir angetan – und wenn ich nicht anderweitig vergeben wäre, würde ich zu den beiden Lesungen gehen. Passend zum Lutherjahr darf der Reformator natürlich nicht fehlen. Maja Nielsen hat ihm in ihrer Reihe „Abenteuer! Maja Nielsen erzählt“ einen Band gewidmet. Sie schildert das Leben von Luther in klar verständlichen Sätzen, erzählt von dem Leben vor 500 Jahren und macht die Zweifel und Ängste Luthers anschaulich, die ihn schließlich dazu brachten, sich gegen die katholische Kirche aufzulehnen. Margot Käßmann, Lutherbotschafterin 2017, liefert in kurzen Statements die heutige Sicht der Evangelischen Kirche zu ihrem Gründungsvater. Auch dies macht ganz gut deutlich, wie sehr eine Kirche und der Glauben auch in heutiger Zeit immer im Wandel sind.
Fotos von Luthers Wirkungsorten, Illustrationen von Anne Bernhardi und die Abbildungen von vielen Gemälden und Stichen zeigen Luther auf vielfältige Art, so dass sich schon für junge Lesende ein differenziertes Bild des Reformators ergibt.

wegmannEinen Tag nach Maja Nielsen liest Ute Wegmann aus ihrem Kinderbuch Dunkelgrün wie das Meer, das mir vergangenes Jahr leider durch die Lappen gegangen ist. Mit umso mehr Freude habe ich die zarte Geschichte von Linn jetzt gelesen.
Die Sommerferien stehen vor der Tür. Linn fährt wie jedes Jahr mit den Eltern nach Holland in ein Schiffshaus am Meer. Doch dieses Mal ist es nicht so schön wie sonst. Papa muss noch mal zurück in die Stadt, wegen der Arbeit. Mama ist sauer. Und auch Linns Ferienfreundin Smilla will dieses Mal gar nichts von ihr wissen.

Linn erkennt, dass auch in den Ferien nicht immer alles schön und unbeschwert ist. Manche Probleme von zu Hause verfolgen einen bis an den Strand. Vor lauter Kummer macht Linn einen langen Spaziergang und wird schließlich von einem heftigen Gewitter überrascht.

Ute Wegmann paart in ihrem Text die sommerliche Ferienhitze mit dem Unbehagen Linns über all die Veränderungen und schafft trotz der Trauer, die Linn empfindet, eine poetische Stimmung. Diese wird von den zarten dunkelgrün und orangen Illustrationen von Birgit Schössow ganz zauberhaft eingefangen. Man ahnt, dass es für Linn noch ein glückliches Ende gibt, auch wenn diese Erfahrung sie ein Stück reifer hat werden lassen.

Zwei ganz unterschiedliche Bücher, die jedoch die wunderbare Bandbreite des neuen Lesefests spiegeln. Möge es für die Macher von High Voltage diesmal keinen Ärger wegen ihres Sponsors geben. Ich werde das jedenfalls verfolgen.

Am 20. April liest Maja Nielsen um 10 Uhr in der Bramfelder Chaussee 130 in Hamburg, im Haus 12 des Betriebshof Stromnetz Hamburg. Ute Wegmann liest am 21. April um 10 Uhr am selben Ort. Der Eintritt kostet jeweils 4 Euro.

Das gesamte Programm der High Voltage Frühjahrslesetage findet sich hier.

Maja Nielsen: Martin Luther. Glaube versetzt Berge, Gerstenberg, 2016, 62 Seiten, ab 11, 12,95 Euro

Ute Wegmann: Dunkelgrün wie das Meer, Illustration: Birgit Schössow, dtv, 2016, 80 Seiten, ab 8, 12,95 Euro

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Vom Glück des Tüchtigen

schomburgPaul, der Held im neuesten Buch von Andrea Schomburg, ist ein wenig ängstlich, etwas dick und außerdem gerade erst umgezogen. In der neuen Schule findet er sich schwerlich zurecht, was vor allem an Matze Motzmann liegt. Der hat einen Pick auf Paul, führt ihn vor, wo immer er kann. Manchmal weiß sich Paul keinen anderen Rat, als sich auf dem Schulklo zu verstecken. Da wartet er dann einsam auf das Ende der großen Pause oder des Unterrichts.
Doch heute ist etwas anders. Heute spricht ihn eine fremde Stimme an! Nach einigem Herumblinzeln entdeckt Paul eine Winzlingsfrau in rotkarierter Schürze, mit Brille und Libellenflügeln — und jeder Menge Flüchen auf den Lippen. Ohne Punkt und Komma stellt sie sich als Elvira Meier vor und macht Paul unmissverständlich klar: So wird das nie was mit Matze! Dann entfleucht sie, und Paul schleicht gedankenverloren nach Hause. Nachmittags zeigt er beim Springen vom Drei-Meter-Brett große Klasse, trotzdem macht ihm Matze den Triumph streitig. In Paul wallt es gewaltig.

Nachts kommt es zu einem zweiten Treffen. Elvira Meier entpuppt sich als Fee und stellt in Aussicht, dass sich Grundlegendes verändern kann. Was Paul braucht, sei das Blaue Wunder, und das findet sich in Bielefeld, im Rathaus, dritter Stock, Zimmer 314. Bedingung: Er hat nur drei Tage Zeit, dafür wird ihm ein Gefährte zur Seite stehen. Mehr überrascht, als überzeugt, stimmt Paul zu. Als er merkt, dass sein Begleiter ein kleiner, dicker Elefant mit grauer Schrumpelhaut und ewig schlechter Laune ist, hat die Uhr bereits angefangen zu ticken.

Was dann passiert, ist eine wahre Heldenreise. Die beiden müssen miteinander klarkommen, Stärken und Schwächen tolerieren, Streit überwinden und die Köpfe zusammenstecken, um gemeinsam das Ziel zu erreichen. Denn das Blaue Wunder wird ihr Leben verbessern!

Unangenehmes, Überraschendes, zutiefst Trauriges erwartet sie: Ein Bus, der nur alle 13 Jahre fährt. Wegweiser, verwirrend und kaum entzifferbar. Eine alte Frau mit unsagbar traurigen Augen, verwünscht und zu ewig gleicher Tätigkeit verdammt. Ein zaubernder Prinz, der Angst und Schrecken verbreitet. Schließlich müssen sie noch an F. R. Runkelschwein vorbei, der so gewaltig stinkt, dass jeder in Ohnmacht fällt. Überdies sind die Pfade schlammig, die Schluchten tief, die Wälder dicht und die Nächte tieftiefschwarz.

Mut gegen Gefahr, Cleverness gegen Zauberkraft, Menthol gegen Gestank. Und dazwischen die wachsende Vertrautheit zweier halber Helden, die das atemberaubende Abenteuer als Ganzes bestehen.

Sie hat etwas Märchenhaftes, diese Geschichte der Autorin Andrea Schomburg. Die Stationen am Weg geben immer neue Rätsel auf, aber mit jeder gefundenen Lösung wird die nächste Aufgabe leichter. Kreise schließen sich, weil Paul und Elefant mit Verstand und Herz agieren. Das furchtbare Los der Alten lässt sie ebenso aktiv werden wie die anrührende Einsamkeit des Stinkeschweins, und im Kampf gegen wirkmächtige Gegner werden sie immer stärker.

Es ist ein Vergnügen, diese beiden sympathischen Helden auf ihrer kniffligen Reise zu begleiten und mitzuknobeln. Und es ist einmal mehr die quietschvergnügte Schomburg-Lust an Wort und Reim, die mitreißt. Allein die explodierenden Fluch-Salven von Fee und Elefant sind köstlich und regen nicht nur den zunehmend selbstbewussten Paul zu eigenen Kreationen an. Sprache und Fantasie, Helden, die zur Identifikation einladen, und ein gelungener Genremix voller Literaturzitate. Dazu ein Riesenlob an die zweifarbige Gestaltungskunst und augenzwinkernde Leichtigkeit von Betina Gotzen-Beek.

Das ist LeseAugenGenuss pur!

Heike Brillmann-Ede

Andrea Schomburg: Der halbste Held der ganzen Welt, Illustration: Betina Gotzen-Beek, Sauerländer, 2017, 256 Seiten, ab 8, 13,99 Euro

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Die Höhen und Tiefen des Lebens

Bekanntermaßen ist das Leben kein ununterbrochener  Kindergeburtstag. Vor allem, wenn psychische Krankheiten das Leben dauerhaft prägen. Diese Leiden Kindern zu erklären und ein Verständnis in ihnen zu wecken, ist ein schwieriges, wenn nicht gar heikles Unterfangen. Ulrich Fasshauer hat es gewagt und mit Das U-Boot auf dem Berg einen liebevoll rasanten Kinderoman zum Thema vorgelegt.

Mauritius ist zwölf und erst vor kurzem mit den Eltern aufs Land gezogen, irgendwo nach Norddeutschland, wo er von dem Hügel, auf dem ihr Haus steht, das Meer sehen kann (warum auf dem Buchcover im Hintergrund die Berge zu sehen sind, ist mir ein Rätsel…). Das Meer ist Mauritius große Leidenschaft, je tiefer und dunkler desto besser. Sein Zimmer ist dementsprechend eingerichtet und über die Bewohner der Tiefsee weiß er Bescheid. Nur redet Mauritius nicht besonders viel. Die Welt scheint ihn zu überfordern. Wenn alles extrem zu viel wird, wendet er sich an seinen imaginären Freund Herrn Glimm, einen Laternenfisch. Ihn füttert er mit allem, was ihn ärgert. Das sind momentan vor allem die neuen Klassenkameraden, die mit seinem Schweigen nicht viel anfangen können.

So bleibt es natürlich nicht. Eines Tage taucht Mauritius Onkel Christoph auf, ein gescheiterter Rockmusiker, der manisch-depressiv ist. Von dieser tückischen Krankheit bekommt Mauritius zunächst noch nicht viel mit, denn Christoph ist gerade in seiner manischen Phase und stellt das ruhige Leben der Familie gehörig auf den Kopf. Das nervt Mauritius anfangs ziemlich, so dass er den Onkel am liebsten an Herrn Glimm verfüttern würde. Wäre da nicht die anregende, mutmachende, lebensbejaende Seite von Onkel Christoph, an der sich Mauritius so gern anstecken würde. Denn Onkel Christoph ist auch ziemlich cool und erfüllt Mauritius seinen größten Wunsch zum Geburtstag, mit der Folge, dass der Kindergeburtstag völlig aus dem Ruder läuft. Onkel Christoph wird in die Psychiatrie eingeliefert, und da merkt Mauritius, wie anders der Onkel wirklich ist.

Fasshauer schreibt konsequent aus der Perspektive seines Ich-Erzählers, so dass das ungewöhnliche Verhalten des Onkels zunächst nicht unter den Beurteilungswahn der Erwachsenenwelt fällt. Erst nach und nach wird klar, dass es sich hier nicht um eine gewöhnliche Überdrehtheit handelt, sondern um wirklich krankhaftes Verhalten.
Wenn schon Erwachsene diese komplexe und unberechenbare Krankheit nicht so richtig einschätzen und angemessen damit umgehen können, ist dieses für Kinder natürlich noch um Längen schwieriger. An was soll man sich halten, wenn das Gegenüber von einer Sekunde auf die andere alles Gewohnte über den Haufen wirft, Regeln missachtet und seine eigenen Wahrheiten propagiert? Mauritius hält sich tapfer, versucht, Onkel Christoph nicht zu verurteilen, und entdeckt schließlich die liebenswerten Seiten des Onkels, die natürlich einen Einfluss auf ihn selbst haben.

In all dem Chaos, das Onkel Christoph anrichtet, erlebt Mauritius und mit ihm die jungen Lesenden, was für eine Belastung eine psychische Krankheit eines Angehörigen sein kann, aber auch, dass der Betroffenen dennoch ein liebenswerter und wichtiger Teil im Leben der Familie ist. Fasshauer schafft es so, dass Verständnis und Toleranz für psychisch Erkrankte steigt und man nicht verzweifelt. Denn es gibt immer einen Weg, wie man mit diesen Menschen und ihren Phasen umgehen kann.

Mauritius macht – mit anderen Worten – den Kindern Mut. Mut, sich einzulassen auf Ungewohntes, Mut, über den eigenen Schatten zu springen, Mut, Neues zu wagen. So wird das eigene Leben selbst durch eine Krankheit eines anderen bunter und lebenswerter.

Ulrich Fasshauer: Das U-Boot auf dem Berg, Tulipan, 2017, 188 Seiten, ab 10, 13 Euro

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Jeder Tag kann Weihnachten sein

 
Weihnachten im Januar? Das geht durchaus, und zwar im Hotel Wunderbar.

Ein Porträt über einen belgischen Hotelier, der seine Pforten für Obdachlose öffnet, brachte die Kinderbuchautorin Jutta Nymphius in Schwung für ihren neuen Roman. Ihr Tore öffnender Held heißt Mika, ist neun Jahre alt und lebt mit seinem Vater im familieneigenen Hotel „Jameel“. Mikas Mutter ist vor einiger Zeit gestorben, seitdem arbeitet Papa meist hinter verschlossenen Türen in seinem Büro, und Mika wird hauptsächlich von den Angestellten Fanny und Henry betreut. Doch egal, wie viel Mühe sich die beiden geben, die Eltern ersetzen können sie nicht. Vor allem fehlt Mikas Mutter, warmherzig, temperamentvoll und gastfreundlich. Und weil Mama überall fehlt, fehlen inzwischen auch die Gäste. Sogar an Weihnachten!

Auch in diesem Jahr, was Mika ehrlicherweise nicht weiter verwundert hat. Schon der Weihnachtsschmuck war furchtbar! Langweilige Plastiktannenbaumgirlanden baumelten am Hoteleingang. Das musste ja alle abschrecken, denkt Mika. Früher gab es echte Zweige mit bunten Kugeln, ein fröhliches Willkommen und jede Menge Gäste und Trubel, gerade an den Feiertagen. Deshalb wurde ja auch der Anbau mit sechs neuen Zimmern errichtet, doch inzwischen steht der meistens leer. Hier fehlt es an Wärme und Zuneigung, das spürt Mika ganz genau. Und während er noch seinen Gedanken nachhängt, stolpert er über Silvester, einen kleinen schwarzlockigen Hund, und dessen Besitzer Teddy. Im ersten Moment verzieht Mika die Nase, Teddy riecht ziemlich streng, und seine langen Haare zotteln genauso an ihm herum wie sein Bart. Aber er verwickelt Mika gleich in ein Gespräch, und schnell ist klar: Die beiden haben Hunger und suchen ein Quartier, denn der Winter ist kalt und streng und Teddy obdachlos. Plötzlich weiß Mika, wo er die beiden unterbringen kann: im Anbau. Natürlich heimlich. Morgen früh müssen Hund & Herrchen das Haus superpünktlich wieder verlassen — und abends steigen sie geräuschlos und unsichtbar wieder ein.

Ganz fix werden es mehr Gäste, die Hilfe brauchen, denn auch Käthe friert erbärmlich. Genau wie Herbert. Mika schließt alle fest in sein Herz, selbst wenn der Heimlichkeitsstress dadurch immer größer wird: Betten beziehen. Essen in der Hotelküche abzweigen. Früh aufstehen, um alle zu wecken, damit sie rechtzeitig wieder verschwinden. Keinen Piep zu erzählen … Mika wird immer blasser und schlapper — was Fanny und Henry schließlich nicht mehr verborgen bleibt. Die Wahrheit muss auf den Tisch, vor der auch Mikas Papa die Augen nicht mehr verschließen kann: Das Leben geht weiter, und sein Sohn braucht ihn!

Weihnachten ist zwar längst vorbei, gefeiert werden kann trotzdem. Und weil dazu Gemeinschaft gehört, verlegen Mika & Co das wunderbare Fest einfach in den Januar und holen nach, was am 24.12. nicht möglich war: mit anderen Menschen zusammen zu sein, ihre Geschichten zu teilen, die Herzen zu öffnen und einander Wärme zu geben. Bis Ende März wird Papa das Hotel von nun an für die Obdachlosen öffnen. Und Weihnachten? Da sind sich alle einig: So ein tolles Januar-Weihnachtsfest wird es auch im kommenden Jahr wieder geben.

Dieser Kinderroman — schwarz-weiß-schmunzelnd illustriert von Stephan Pricken (!) —ist nicht nur warmherzig geschrieben und verbreitet Festtagsstimmung. Mika, Papa und alle anderen Helden von Jutta Nymphius laden dazu ein, darüber nachzudenken, worauf es wirklich ankommt: Kinder brauchen Eltern, Eltern brauchen Kinder. Und Menschen, die Hilfe benötigen, sollten nicht allein durchs Leben gehen. Und Feste? Die lassen sich nicht nur feiern, wenn es der Kalender sagt. Vielleicht hat jemand Lust, das auch mal auszuprobieren? Nur Mut!

Heike Brillmann-Ede

Jutta Nymphius: Hotel Wunderbar, mit einem Nachwort und einem Spiel von Jutta Nymphius, Illustration: Stephan Pricken, Tulipan, 2. Auflage 2016, 144 Seiten, ab 9, 13,00 Euro

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Die Leiden der jungen Großstadtkinder

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Unkonventionelle Familienkonstellationen gibt es in Kinderbücher ja mittlerweile in allen möglichen Formen, Farben und Varianten. Jetzt ist mit dem neuen Roman von Anne C. Voorhoeve endlich auch das Konzept der „Kinderwohnung“ hinzugekommen. Und das auf eine sehr unterhaltsame Art.

Die Geschwister Pia und Jonas stellen irgendwann fest, dass sich ihre Eltern gar nicht mehr zoffen. Eine gespenstische Ruhe ist in ihrer Wohnung im Berliner Reuterkiez (Neukölln) eingezogen. Das ist kein gutes Zeichen. Schnell wird den beiden klar: Mama und Papa lassen sich scheiden. Doch anstatt, dass die Kinder mit dem einen oder anderen Elternteil in eine andere Wohnung ziehen, dürfen sie in ihrem Zuhause bleiben – nur die Erwachsenen ziehen um und wechseln sich wochenweise in der Kinderwohnung ab. Das Konzept bewährt sich, so dass die Kids wieder ihren einigermaßen normalen Alltag leben können.
Mit ihren Freunden, Nesrin, Kasim, Finn-Ole, Mustafa und Rifat, machen Pia und Jonas ihren Kiez unsicher – und zwar in Form einer Stadtteilführung: „Neukölln für starke Nerven!“ Die etwas andere Berlin-Rundtour soll den Touristen das „harte“ Neuklölln zeigen, wo Kampfhunde herumlaufen, am hellichten Tage Fahrräder gestohlen und Passanten beklaut werden. So sollen die Fremden davon abgehalten werden, in den Kiez zu ziehen und ihn zu gentrifizieren. Die erste Führung wird leider zum Reinfall, die zweite so ein Erfolg, dass gewiefte Geschäftsleute den Kids die Idee klauen.

Zu allem Überfluss findet Pia auf der Tour heraus, dass ihr Wohnhaus bereits von einer Investorin gekauft wurde und nun luxussaniert wird. Aus dem anfänglichen Spaß wird auf einmal bitterer Ernst: Wo sollen die Bewohner nur hin, wenn sie sich die Mieten nicht mehr leisten können oder kein Geld haben, die eigene Wohnung zu kaufen?

Voorhoeven lässt die Ich-Erzählerin Pia in einem leichten Ton von all diesen Unbill des Großstadtlebens erzählen. Trotz unglaublich vieler bitteren Dinge, die die Kinder erleben müssen (Scheidung, die neuen Partner der Eltern, sie verlieren ihr Zuhause), verströmt Pia dennoch so viel Zuversicht und pragmatischen Umgang mit den immer neuen Problemen, dass man die Geschichte schon fast als heiter bezeichnen muss. Sie zeigt, dass Ideenreichtum trotz aller Rückschläge weiterhilft, dass Gespräche beim Psychologen förderlich sind, dass das Leben weitergeht, auch wenn sich so einiges ändert. Und dass es immer noch schön sein kann.

Das Leben in einer Patchworkfamilie und die Gentrifizierung von Szenekiezen sind zwar zwei hammerharte Themen, die für sich allein schon eine Geschichte tragen würden. Doch ist es ja auch so, dass man im wahren Leben diese Probleme durchaus nicht immer einzeln auf dem Tablett serviert bekommt, sondern, wenn es mal kommt, es häufig eben auch so dicke kommt, dass man sich fragt, womit man all so ein Unglück eigentlich verdient hat. Natürlich hat das niemand verdient, aber junge Lesende bekommen hier einen Vorgeschmack auf die Komplexität unseres Lebens. Das ist nicht immer schön, und geht auch nicht immer gut aus. Aber die Helden von Wir 7 vom Reuterkiez zeigen mit ihren Aktionen, dass man doch so einiges in die Hand nehmen und bewegen kann. Ausruhen und jammern ist eben nicht.

Anne C. Voorhoeve: Wir 7 vom Reuterkiez, Sauerländer, 2016, 256 Seiten, ab 10, 12,99 Euro

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Die moderne Weihnachtsfamilie

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Was Adventsbücher angeht, hänge ich ja immer noch in einer unendlichen Schleife von Barbara Bartos-Höppners Schnüpperle fest. Das Buch mit den 24 Vorweihnachtsgeschichten von 1969 hat mich durch meine Kindheit begleitet und wurde in unserer Familie jedes Jahr wieder neu hervorgezogen und in Etappen bis Weihnachten gelesen. Dagegen anzukommen war bis jetzt für jedes neue Buch ziemlich schwer – nichts hat dieses wohlige Adventsgefühl in mir heraufbeschwören können wie Schnüpperle.

Doch jetzt – wenn auch mit einem Jahr Verspätung, denn Frohe Weihnachten, Zwiebelchen! ist bereits 2015 erschienen – bekommt Schnüpperle ernsthafte Konkurrenz. Die schwedische Autorin Frida Nilsson erzählt in 25 Kapiteln vom 6-jährigen Zwiebelchen, der eigentlich Stig heißt. Zusammen mit seiner Mama wohnt der klevere Junge im schwedischen Dorf Kilsmo und hat im Grunde nur zwei große Wünsche: ein Fahrrad und einen Papa.
Doch für ein Fahrrad hat seine Mama kein Geld, und das mit dem Papa ist eine schwierige Sache, denn den hat Mama vor Jahren in Stockholm bei einem Konzert kennengelernt und später den Zettel mit seiner Telefonnummer ganz rasch weggeworfen. Den Mann wollte Mama nicht, aber Zwiebelchen schon. Diese Geschichte kennt Zwiebelchen natürlich in- und auswendig. Trotzdem quält ihn dieser Gedanke, dass er einen Papa in Stockholm hat.
Darüberhinaus aber nervt ihn das Mitleid seiner Mitschüler, weil er eben doch keinen Papa hat. Richtig wütend wird er, wenn sein Mitschüler Elmar behauptet, er hätte es verdient keinen Papa zu haben. Dann wird Zwiebelchen schon mal aggressiv, schubst und haut.

Aber zum Glück gibt es im Dorf auch noch Karl, den alle für einen „komischen Vogel“ halten, weil eines seiner Beine kürzer ist und er angeblich Hühner hypnotisieren kann. Karl repariert Autos und wirkt ein bisschen wie der Außenseiter des Dorfes. Doch Karl ist ein herzensguter Typ und bringt Zwiebelchen alles über Hühner bei. Eines Tages schafft es Zwiebelchen sogar, den Hahn Hekto auf den Arm zu nehmen. Ein wunderbarer Moment an einem sonst ziemlich doofen Tag.

Mit so einigen Hochs und Tiefs schlägt sich Zwiebelchen also durch die Adventszeit und lernt in diesem schneelosen Dezember so einiges über Hühner und das Leben. Den kleinen Helden schließt man vom ersten Augenblick ins Herz, denn seine Beobachtungen des Alltags und seine Überlegungen über das Leben sind so bodenständig und liebenswert, dass man gar nicht anders kann.

Doch Zwiebelchen erfährt natürlich auch, dass das Leben kein Wunschkonzert ist. So kann man sich einen Vater nicht einfach erdichten, wie ihm die Reaktionen seiner Mitschüler zeigen. Es bringt auch nichts, einfach auf einem geklauten Fahrrad nach Stockholm fahren zu wollen. Zwiebelchen bleibt im endlich fallenden Schnee stecken, und mit dem Schnee reift in ihm schließlich auch der Gedanke, dass es auch die andere Seite der Papa-Frage gibt, nämlich die, dass dieser Mann ihn vielleicht ja gar nicht haben wollte…

In all diesem Gefühlschaos gibt es für Zwiebelchen zu Weihnachten schließlich doch ein Happy-End und die Erkenntnis, dass Familie auch aus selbstgewählten Mitgliedern bestehen kann und ein biologischer Erzeuger nicht unbedingt dazugehören muss.

In einfachen Sätzen, feinfühlig von Friederike Buchinger übersetzt, erzählt Frida Nilsson eine moderne Weihnachtsgeschichte, die das Zeug zum Klassiker hat. Sie macht deutlich, dass das Leben nicht immer aus perfekten Familienidyllen besteht, aber dennoch wunderschön sein kann. Eine sehr zu empfehlende Familien-Lektüre für die kommenden Wochen!

Frohe Weihnachten, Zwiebenlchen! war für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 in der Sparte Kinderbuch nominiert.

Frida Nilsson: Frohe Weihnachten, Zwiebelchen!, Übersetzung: Friederike Buchinger, Illustrationen: Anke Kuhl, Gerstenberg, 2015, 128 Seiten, ab 6, 12,95 Euro

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