Wunderbar altmodisch

willoughby

Ich muss dich etwas fragen.« Mr Willoughby kaute einen Moment an seiner Lippe.
»Ja, Liebster?«
»Magst du unsere Kinder?«
»Oh, nein«, antwortete Mrs Willoughby. »Hab ich noch nie. Besonders den Großen. Wie heißt der noch mal?«
»Timothy Anthony Malachy Willoughby.«
»Genau, der. Den mag ich am allerwenigsten. Aber die anderen sind ebenfalls schrecklich. Das Mädchen quengelt ständig, und vor zwei Tagen hat sie sogar versucht, mich dazu zu bringen, einen hässlichen Säugling zu adoptieren.«
Ihrem Mann schauderte.
»Und dann sind da noch die beiden, die ich nie auseinanderhalten kann«, fuhr Mrs Willoughby fort.
»Die Zwillinge.«
»Ja, genau die. Wieso um Himmels willen müssen die so gleich aussehen?«

Mr und Mrs Willoughby können ihre Kinder nicht ausstehen.
Kein Wunder, dass die Abneigung längst gegenseitig ist und sich die vier Willoughby-Kinder, der zwölfjährige Timothy, die Zwillinge Barnaby A und B, zehn Jahre alt, sowie ihre sechsjährige Schwester Jane nichts sehnlicher wünschen als Waisen zu sein.

Vertrackt. Teuflisch. Gruselig

Als Ältester härtet Timothy seine jüngeren Geschwister mit Schikanen, demütigenden Spielen und Beschimpfungen gegen jede Gefühlsduselei ab, was ihn im Vergleich mit den Eltern sehr fürsorglich macht. Dass Mr und Mrs Willoughby überhaupt so viele Kinder bekommen haben, liegt daran, dass sie einander in ihrer Bösartigkeit sehr zugetan sind – Unfähigkeit oder Unwillen, Kinder groß zu ziehen, schützen leider nicht vor Schwangerschaft.
Als Erwachsener ist man noch kurz geneigt, die Eltern teilweise zu entschuldigen: Dass die Mutter nur widerwillig kocht, macht sie fast sympathisch. Auch dass der Vater Waffen hasst und Ehrfurcht ihn abstößt, sind nicht die schlechtesten Charakterzüge.
Doch spätestens als die Erwachsenen sich auf eine Reise begeben, das Haus zum Verkauf anbieten und ihre Kinder rausschmeißen lassen wollen, ist klar: Diese Eltern sind wirklich schrecklich! Oder wie die Kinder ganz richtig sagen: »Vertrackt. Teuflisch. Gruselig. Widerlich, absolut widerlich.«

Kinderbuchklassiker mit schrägem Humor

Das ist die perfekte Ausgangssituation für eine wunderbar altmodische Geschichte, die gleichzeitig zahlreiche Kinderbuchklassiker und Märchen karikiert.
Zwar sind es vor allem angloamerikanische Erzählungen wie Der geheime Garten, Die Abenteuer des Huckleberry Finn, James und der Riesenpfirsich oder Betty und ihre Schwestern, aber das Prinzip ist auch hierzulande verinnerlicht worden: Grundvoraussetzung ist fast immer, dass die Helden dieser Geschichten Waisen und auf sich allein gestellt sind.
Zur schrecklichen Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby gehören noch ein Findelkind und ein depressiver Millionär, dessen Frau und Kind von einer Lawine verschüttet wurden.
Autorin Lois Lowry, Jahrgang 1937, mischt exzellent Kinderbücher, die sie geprägt haben, mit erfrischender Direktheit und schrägem Humor: Zum Beispiel zeigt sie Amerikaner in der Schweiz, die genau jene Arroganz an den Tag legen, wie umgekehrt alle die Leute, die denken, sie könnten Englisch sprechen, weil es vermeintlich so simpel ist. »It makesch me vant to kotz«, ist zwar sehr treffend, aber kein Deutsch, nicht mal Schwyzerdütsch. Johanna Spyris Heidi wird von Tim beim Anblick eines späten Heimkehrers originell zusammengefasst: »Das ist der Ziegenpeter! Wir könnten ihm Lesen und Schreiben beibringen, und danach lächeln wir, umarmen uns und sagen irgendwelche religiösen Sachen.«

Kompetentes Kindermädchen

Es ist eine ziemlich gefühlskalte und kinderfeindliche Welt, in der sich nicht nur die Geschwister Willoughby behaupten müssen. Das Gegenteil der Realität vieler Kinder heutzutage, die sich vor ihren Helikoptereltern kaum retten können.
Und wenn wirklich alles ganz elend ist, dann geschieht manchmal ein Wunder – in diesem Fall in Gestalt einer handfesten, grundehrlichen und herzensguten Kinderfrau, die aber auf gar keinen Fall mit Mary Poppins verglichen werden will. »Diese Nachtschwärmerin, ich werde fast zuckerkrank, wenn ich nur an sie denke.« Womit sie  P .L. Travers selbstbewusster und eigenwilliger Originalfigur Unrecht tut, aber das gleichnamige Musical dominiert eben das Image.
»Ich bin einfach ein kompetentes und professionelles Kindermädchen«, sagt sie über sich selbst.
Neben ihr ist die kleine Jane die zweite, anders starke und sehr intelligente weibliche Figur. Beide bieten den notorischen Dulderinnen von Unglück und sozialer Ungerechtigkeit wie Jane Eyre oder Polyanna Paroli.

Wie am Ende (fast) alle glücklich werden und was das mit Schokoriegeln, einem sehr unglücklichen Jungen in der Schweiz und der Tatsache, dass eine protestantische Nanny nicht ins Kloster gehen kann, zu tun hat, erfährt man in dieser schrecklich schönen und abscheulich witzigen Geschichte.

Lois Lowry: Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby (Und wie am Ende alle glücklich wurden), Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, dtv junior, 2019, 176 Seiten, ab 9, 12,95 Euro

Fred zum Lesen

Heute erscheint ein Buch, auf das ich mich lange gefreut habe – denn ich durfte als Lektorin daran mitwirken. Nun ist mit Fred bei den Wikingern das erste Print-Produkt im Berliner ultramar Verlag erschienen. Warum ich das hier so betone? Ganz einfach, ultramar und seine beiden Hauptakteure Birge Tetzner und Rupert Schellenberger haben bis jetzt nur CDs herausgebracht, nämlich die wunderbar Hörspiel-Reihe um die Hauptfigur Fred. Über die spannenden Zeitreise-Geschichten und die Robin-Hood-Variation habe ich hier bereits berichtet.
Konnten archäologie-begeisterte Kids bis jetzt den insgesamt sieben Abenteuern von Fred und Opa Alfred nur lauschen, so können sie jetzt die Zeitreise zu den Wikingern auch nachlesen und sich von den stimmungsvollen Illustrationen von Karl Uhlenbrock in die Zeit des Nordvolkes vor ungefähr tausend Jahren entführen lassen.

Sturz durch die Zeit

Fred macht mit Opa Alfred ja bekanntermaßen Ferien in Dänemark. In Roskilde unternimmt der Junge eine Ruderpartie in einem originalgetreu nachgebauten Langboot der Wikinger – und geht über Bord. In dem aus den Hörspielen bereits bekannten Kniff fällt Fred durch die Zeit und findet sich bei den nordischen Kämpfern wieder.
Fred landet genau in dem Moment in einem Wikinger-Dorf genau, als der herrschende Jarl in einer Seeschlacht gefallen ist. Nun ist die Frage, ob sich dessen Sohn Ivar als Nachfolger durchsetzen kann. Fred und Ivar freunden sich an.
Fast ein Jahr verbringt Fred bei den Nordmännern und lernt durch Ivar und die Dorfbewohner das ganz normale Leben kennen, das die Menschen damals neben den Raubzügen führten. Er erfährt, was es mit Odin, Rán und Loki auf sich hat, welche Rolle die Seherin spielt … und muss schließlich einen Weg zurück in seine Zeit finden, um nicht auf ewig bei den Wikingern bleiben zu müssen.

Fundiert recherchiert

Und mit dem, was Fred so alles erfährt, lernt auch die Leserschaft. Denn genau wie die überaus akkurat und exzellent recherchierten Hörspiele ist auch diese gedruckte Ausgabe der Geschichte ein wahrer Schatz an fundiertem Wissen über die Wikinger. Neben der abenteuerlichen und packenden Geschichte ergänzen nämlich erklärende Sachtexte die Welt der Wikinger, ihre Lebensart, ihre Bestattungsriten, ihren Schiffbau, wie sie beispielsweise Taue, Segel und Waffen herstellten. Ein Glossar erläutert die wichtigsten Fachbegriffe sowie die Aussprache des Altnordischen und gibt Anregungen, welche Wikingerorte man in den nächsten Ferien besichtigen kann, um vor Ort diese Kultur weiter zu erforschen.

Liebevoll gemacht

So sorgsam, wie Birge Tetzner den Inhalt aufbereitet und verständlich gemacht hat, so liebevoll ist die Ausstattung dieses Buches: dickes champagnerfarbenes Papier, Hardcover mit Prägedruck, Lesebändchen. Dazu die zahlreichen Illustrationen von Karl Uhlenbrock. Die erzählenden Bilder sind in gedeckten, manchmal düsteren Farben gehalten, voller Dynamik, manchmal fast ein bisschen gruselig, mit wilden Kriegern. Sie allen füttern die Fantasie und machen die Geschichte noch lebendiger. Daneben gibt es zudem noch erklärende Illustrationen, die die Sachtexte begleiten und beispielsweise archäologische Fundstücke zeigen. Das Lesen und Schauen wird hier auf jeden Fall nicht langweilig.

Wem also das Hörspiel zu kurzweilig war, der kann hier ausgiebig weiterschmökern.
Da wünscht man sich, dass auch die anderen sechs Fred-Abenteuer möglichst bald in Buchform vorliegen…

Birge Tetzner: Fred bei den Wikingern, Illustration: Karl Uhlenbrock, ultramar media, 2019, 208 Seiten, ab 9, 22 Euro

Sommer der Veränderungen

moon

Gustav schämt sich. Denn ihr wachsen zwei Erbsen auf der Brust.
Doch, doch, das Geschlecht im zweiten Satz stimmt schon, denn Gustav ist ein Mädchen, heißt eigentlich anders, aber daran scheint sich in Lara Schützsacks Roman Sonne Moon und Sterne niemand mehr zu erinnern.
Gustav wird bald zwölf, und sie merkt, dass ab diesem Sommer nichts mehr so sein wird wie zuvor. Nicht nur wegen der Erbsen.
Denn zwischen ihren Eltern Iris und Erik herrscht Krise – die Pubertät der Eltern wie Gustav das nennt. Weshalb der Urlaub in Dänemark ausfällt, denn die Erwachsenen brauchen Abstand voneinander und wollen nicht im engen Camper aufeinander hocken. Gustavs Schwestern Ramona und Sara sind da auch keine Hilfe. Sie ziehen Gustav wegen der Erbsen auf, hängen nur am Musiktropf des iPods und jammern über nicht sichtbare Pickel. Und schwärmen von Jungs. Was Gustav völlig unerträglich findet.

Geheimnisvolle Glitzerleggins

Doch kurz vor den Sommerferien taucht in ihrer Klasse Moon auf. Er trägt Glitzerleggins und lange Haare und ist irgendwie geheimnisvoll. Während Gustavs Familie also im Krisen-Chaos versinkt, geht sie mit ihrem altersschwachen Hund Sand Gassi – und trifft Moon beim Flaschensammeln wieder.
Und in dem brütend-heißen Berlin entspinnt sich eine der charmantesten und ans Herz gehendsten Freundschafts- und Erste-Liebe-Geschichten, die mir seit langem untergekommen ist.

Jenseits aller Klischees

Schützsack erzählt mit wunderbaren Bildern (»In der Küche macht sich eine beklemmende Stimmung breit wie ein Tiefdruckgebiet.«) von einer Umbruchzeit im Leben eines Kindes – ohne auch nur irgendwie klischeehaft zu werden. Sie thematisiert nicht, warum Gustav Gustav genannt wird oder Moon Glitzerleggins trägt, sie zeigt es einfach und lässt ihren Figuren alle Freiheiten, so zu sein, wie sie wollen. Das ist in Zeiten, wo sich gefühlt alle Welt auf Instagram als Supermodel darstellt, so erholsam und wohltuend, dass man Gustav und Moon nach dem Schluss der Geschichte eigentlich gar nicht gehen lassen möchte. Aber man ahnt zum Glück, dass die beiden noch eine ganze Weile den Weg des Lebens gemeinsam bestreiten und dabei ganz viel Knisterkaugummi futtern werden.

Hoffnungsfroh in die Zukunft

Das soll jetzt nicht heißen, dass in Sonne Moon und Sterne alles schön und positiv ausgeht. Der Tod gehört zu dieser Geschichte genauso wie das Ende einer Liebe und der Anfang einer neuen. Damit macht Lara Schützsack ihren Leser_innen, die am Ende ihrer Kindheit ankommen, klar, dass das Leben eben nicht nur Glitzer und Knister bereithält. Doch dies gelingt ihr auf ganz großartige und hoffnungsfrohe Art, sodass diese Geschichte noch lange nachhallt – und man sich auf den nächsten Sommer, die kommenden Umbrüche und vielleicht eine neue Liebe freut.

Lara Schützsack: Sonne Moon und Sterne, Säuerländer, 2019, 240 Seiten, ab 10, 14 Euro

Von alten Wunden

erbsensuppe

Ich liebe dieses Buch. Das muss ich dieses Mal wirklich als erstes raushauen. Vielleicht bin ich befangen, weil hier ein Thema behandelt wird, dass ich aus meiner Familie sehr gut kenne.
Denn Rieke Patwardhan erzählt auf eine wunderbar entspannte Art von den (Spät-)Folgen einer Flucht. Etwas, an das man zunächst nicht unbedingt denkt, wenn Nils, Evi und Lina eine Detektivbande gründen und einen spannenden Fall lösen wollen.
Eigentlich passen die drei kaum zusammen: Nils ist ruhig und ausgleichend, Evi impulsiv und spontan, und Lina kommt als Neue in die Klasse. Sie ist mit ihrem Vater aus Syrien geflohen und soll nun „integriert“ werden. Doch das gerät ganz schnell in den Hintergrund, denn Lina kann bereits ziemlich gut Deutsch, ist nicht auf den Kopf gefallen und war schon in ihrer Heimat in einer Detektivbande.

Ein Fall muss her

Umso spannender wird es für die drei, als sie merken, dass bei Nils Großeltern, wo die Bande regelmäßig mittags essen kann, etwas nicht stimmt. Immer öfter gibt es angebrannte Bratkartoffeln, weil Opa kochen muss. Oma hat dafür nämlich keine Zeit mehr, denn sie sitzt die meiste Zeit vor dem Fernseher und schaut deprimierende Nachrichten. Wenn sie das nicht tut, geht sie mit Opa einkaufen – allerdings nicht die üblichen Sachen, sondern Erbsensuppe in der Dose, und zwar in solchen Massen, dass irgendwann die ganze Wohnung mit den Dosen vollgestellt ist.
Als Oma auch noch einen großen Koffer mit Winterkleidung, Decken und Kochgeschirr packt, beschließen Nils, Evi und Lina ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Von der Gegenwart in die Vergangenheit

Patwardhan schafft es mit einem Generationsbogen von Großeltern zu Enkel, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu verbinden. Lina als Geflüchtete der Gegenwart erinnert die Großeltern an die eigene Kindheit kurz nach dem zweiten Weltkrieg, als Flüchtlinge aus Ostpreußen bei Familien im Westen einquartiert wurden. Da die Großeltern nicht viel von den schrecklichen Zeiten erzählen, und die Kinder erst einmal auch keinen Grund sehen, intensiver nachzufragen, bleiben wichtige Informationen zunächst ungesagt.
Als erwachsene_r Leser_in ahnt man natürlich rasch, was den Großeltern zugestoßen ist, doch junge Leser_innen können hier auf fast spielerische Art dem Trauma der Großeltern-Generation auf die Spur kommen – ohne selbst traumatisiert zu werden.

Von alten und neuen Traumata

Die Autorin baut eine Brücke zwischen den Ängsten der aktuell Geflüchteten – wenn Lina fürchtet, etwas Illegales zu tun und dann womöglich abgeschoben zu werden – und den tiefsitzenden Traumata der Kriegskinder von damals, die bekanntermaßen auch ein knappes Dreivierteljahrhundert nach Kriegsende wieder hervorbrechen können – wie bei Nils‘ Großmutter.
Und so entsteht plötzlich ein Verständnis für die anderen, die Alten und die Menschen aus aktuellen Krisengebieten, bei den Figuren im Buch – und hoffentlich auch bei den Lesenden.

Generationskommunikation

Das Schöne an Forschungsgruppe Erbsensuppe ist aber auch, dass Linas Status als Geflüchtete im Laufe der Geschichte schon fast in den Hintergrund rückt. Sie ist selbstverständliches Mitglied der Bande, hier wird nicht auf irgendeine Tränendrüse gedrückt, weil die Zustände im Flüchtlingsheim möglicherweise ganz klischeemäßig fürchterlich sind. Das alles jedoch, ohne den unsäglichen Zustand von Duldung herunterzuspielen. So eine Darstellung ist immer eine Gratwanderung, hängen doch menschliche Schicksale daran, aber Patwardhan gelingt dieser Spagat.
Und so liefert sie eine Geschichte Anregungen in vielen Richtungen: Die Kommunikation unter den Generationen weiter fördert. Denn vermutlich werden nach der Lektüre die Kinder erst einmal ihre Großeltern über deren Kindheit befragen. Was beiden Seiten nur guttun kann, wenn die Jungen begreifen, was die Großeltern als Kinder durchgemacht haben, welche Schicksalsschläge sie geprägt haben.
Die Kinder, die von diesen Erfahrungen wissen, können dann vielleicht in der Gegenwart geflüchtete Mitschüler viel selbstverständlicher in ihre Cliquen aufnehmen und ihnen das Leben in einer neuen Heimat etwas leichter machen.

Rieke Patwardhan: Forschungsgruppe Erbsensuppe oder wie wir Omas großem Geheimnis auf die Spur kamen, Illustration: Regina Kehn, Knesebeck Verlag, 2019, 144 Seiten, ab 8, 13 Euro

Schwer erziehbare Eltern

Eltern können ganz schön nerven. Die Ansprüche. Die Vorstellungen. Nie kann man es ihnen recht machen. Die Erpressungen. Der neunjährige Jonathan Schreckster kann davon unzählige Geschichten erzählen. In Katalina Brauses Roman Die Bartfrau dreht es sich genau darum: Was erwarten Eltern von ihren Kindern?
Jonathan jedenfalls entspricht so gar nicht dem, was seine Eltern sich vorgestellt haben. Er ist zu dumm. Sein Zeugnis ist einfach nichts Besonderes. Und das trotz all der Extra-Kurse, die ihm die Eltern finanzieren: »Frühgotisch for Fun«, »Geiz und Gier, Teil 38«, »Komponieren für Kosmopoliten«. Er ist »das Durchschnitt« – und das ist nicht nett gemeint.

Das Problem Kind

Für solche »Problemkinder« gibt es in der Stadt Mumpitz jedoch eine Lösung: Und zwar die Bartfrau. In jedem Haus steht ein schwarzes Telefon mit direkter Leitung zur Bartfrau. Sie bringt die Lösung für solche Probleme – denken die Eltern und heben den Hörer ab.

Optimisation

Und so erscheint die Bartfrau im Hause Schreckster: groß, massig, mit einer Kaninchenohrenmütze auf dem Kopf, Puschen and den Füßen und einem langen Bart. Sie macht es sich im Schreckster-Heim gemütlich und beginnt schließlich mit der Arbeit: der »Optimisation«, also der Erziehung von »gar nicht erziehbaren, schwer erziehbaren und anders erziehbaren« … Eltern.

So viel darf verraten werden über diese Geschichte, die ein ganz wundervoller (Vor-)Lesespaß ist. Mit einem Hauch Magie und der Hilfe des Hamsters Speedy bekommen die Schreckster-Eltern ihr Fett weg, Jonathan darf auf einem Mammut reiten und all seine ausgefallenen Geburtstage werden nachgefeiert.
Vater Schreckster begreift schneller als seine Frau, was sie ihrem Sohn mit ihren überzogenen Ansprüchen angetan haben, und wandelt sich. Denn das Glück seines Sohnes liegt ihm dann doch am Herzen.

Sinnloser Perfektionismus

Katalina Brause nimmt in diesem Kinderroman die Anspruchshaltung so mancher Eltern gehörig aufs Korn. Das, was den Kindern heute oftmals neben der Schule noch alles zugemutet wird, lässt aber auch am Menschenverstand zweifeln. »Selbstoptimierung« und Perfektion in jungen Jahren braucht wirklich niemand, ganz egal, welche Traumata die Eltern möglicherweise erlebt haben. In späteren Jahren braucht man sie übrigens auch nicht.
Das Plädoyer für eine glückliche, spielerische Kindheit wird hier ganz groß geschrieben und das ist sehr fein. Wenn dieses Buch in durchgetakteten Kinderleben für ein wenig Chaos und Freiheit sorgt, ist schon sehr viel erreicht.
Den jungen Leser_innen wird dieses Buch bannig Spaß machen und manchen Eltern vielleicht etwas zu denken geben.

Katalina Brause: Die Bartfrau, Illustration: Kai Schüttler, Rowohlt, 2019, 160 Seiten, ab 8, 9,99 Euro

Die Welt braucht mehr Leute wie Onkel Stan

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Was für ein Glück, A.L. Kennedy als Babysitterin zu haben! In ihren Romanen und Erzählungen für Erwachsene schreibt die schottische Schriftstellerin über kaputte, traumatisierte, versoffene, gewalttätige und gequälte Menschen, für die es keine Hoffnung gibt. In ihre Geschichten für Kinder von Onkel Stan und Dan aber packt sie so viel Freude, Optimismus, Liebe, Glück und Witz, dass man sie nicht wiedererkennt.
Weil es doch extrem schade wäre, wenn die Abenteuer vom Dachs Dan und seinem Freund Onkel Stan im schottischen Hochland bei den Zwillingen der Schauspielerin Tilda Swinton (denen hat Kennedy sie vor Jahren erzählt) verschwinden würden, erscheinen sie jetzt nach und nach in Buchform.

A. L. Kennedy als Kinderbuchautorin

Dabei ist das Leben in Kennedys Kinderromanen keinesfalls ein Ponyhof. Im ersten Band über das fast ganz ungeplante Abenteuer, in dem der Dachs und Onkel Stan sich kennenlernen und Freunde werden, kommt es für einige der späteren Helden als unfassbar trostlose Lamafarm daher. Und für den knuffigen Dan könnte es auch gleich das Ende seines noch jungen Lebens bedeuten, in blutige Fetzen zerbissen bei einem äußerst unfairen Kampf mit drei Kampfhunden.

Der Dachs sowie vier Lamas sind in die Fänge einer absolut bösartigen Farmerfamlie geraten. Wie unglaublich fies diese Leute sind, macht Kennedy von Anfang an deutlich, mit der Entführung Dans durch die Schwestern Esther und Martha: Zwar steckt Dan in einem Sack und sieht zunächst nichts, aber »Dan brauchte bloß einmal zu schnüffeln, da wusste er: Wer ihn wegschleppt, hatte ein Herz voller Nägel, Sand und Gehässigkeit.«

Als er auf einen kalten Steinfußboden geschüttet wird, sieht er dass seine Kidnapperinnen »winzig kleine und verärgerte Augen von der Farbe schlecht schmeckender Bonbons haben«.

Poetische Metaphern schaffen Kopfkino

Es sind diese ungeheuer eindringlichen Bilder und Vergleiche, die dieses Buch so besonders machen. Eine Stimme klingt, »als würde man etwas Hässliches in einen Brunnenschacht fallen lassen.«  Oder »Esther kicherte, was sich anhörte wie falsch verlegte Rohrleitungen.« Diese fast poetischen Metaphern schaffen intensives Kopfkino. Hier werden Menschen beschrieben, die aus Spaß andere quälen und alle als extrem ekelige Pasteten enden lassen wollen.

Konterkariert werden diese komplexen Charakterisierungen von Gemma Corrells zahlreichen, sehr reduzierten Zeichnungen (angeblich von einem von ihr mit Karamellbonbons bezahlten Fünfjährigen angefertigt), die mit zahlreichen Erklärungen versehen wie Schautafeln eines sehr schrägen Wissenschaftlers daherkommen.
Ingo Herzke hat Kennedys bildgewaltige Prosa mit viel Wortwitz und Fantasie übersetzt, zum Teil selbst kleine Scherze angefügt, zum Bespiel gehört ein Hubschrauber zur Staffel der »Air Forst One«. In eine Reklame für schneeweiße Unterwäsche fügt er, frei nach der mütterlichen Mahnung, immer eine frische Hose anzuziehen, wenn man das Haus verlässt, die raffinierte Zeile »Man weiß nie« ein. Und ein Witz für Freunde von Druckerzeugnissen lautet: »Was kriegt man, wenn man eine Druckerpresse verprügelt? Schlagzeilen!«

Grausame Figuren – aber Hoffnung auf Rettung

Darf man Kindern von so grausamen Menschen erzählen? Ja. Wenn es Hoffnung auf Rettung gibt. Wenn die alte Westernregel, dass das Böse immer gewinnt, widerlegt wird. Wenn die Bösen nicht besser werden und deshalb gerechterweise ein bizarres Ende finden. Wenn das Gute so charmant und liebenswert und klug wie Onkel Stan daherkommt: »Ein großer, ziemlich dünner Mann mit rötlichbraunen Locken, schlaksigen Armen, knochigen Knien, schlenkernde Beinen«, der in seinen Taschen eine dösende Maulwurfsmutter und Käsestangen, aber keine Socken hat, weil er die einem Eichhörnchen als Schlafsack zum Campingurlaubspielen geliehen hat. Ein wahnsinnig netter und sympathischer Kerl, ein Traumtänzer mit scharfem Verstand.

dan

Im zweiten, dem »ungeheuer, ungewöhnlichen Abenteuer« geht es fast Onkel Stan an den Kragen. Genauer gesagt droht er von einem abgrundtief bösen Manipulator zerquetscht zu werden. Dieser Gegner geht sehr systematisch vor, er will alles Ungewöhnliche aus der Welt schaffen – und er hat erschreckend leichtes Spiel damit. Der Herdentrieb und das Streben nach Gleichförmigkeit und Normen sind entsetzlich stark.

Band zwei ist ein Plädoyer für Vielfalt, für den Mut anders zu sein und zu handeln. »Ich bin nicht so wie jeder andere auch«, sang der famose Carsten Friedrich einst bei Superpunk. Und mit Der Liga der gewöhnlichen Gentlemen gelingt ihm die Beschreibung des grundguten und kämpferischen Onkel Stans: »Immer freundlich, nie gemein / Und wenn doch, dann muss es sein … Streetwise wie ein East-End-Schläger / Schlau wie ein Nobelpreisträger / Niedlich wie ein Hasenkind / Und berauschend wie Absinth … Die Welt braucht mehr Leute so wie Dich.«

Ein Plädoyer für Vielfalt

Dass dieses Abenteuer dem ureigenen Wesen und der Seele Onkel Stans gefährlich nahe kommt, merkt man, dass dieser im Laufe der Geschichte zu seinem eigenen Erstaunen »innendrin zornig« wird. Obwohl er jedem Gelegenheit gibt, seine Meinung zu ändern, weiß er schließlich, dass es bei diesem Gegner sinnlos ist: »Sie hassen es, wenn Leute sie selbst und glücklich sind.«

Wie gut, dass A.L. Kennedy ihre Helden ganz sie selbst sein lässt. Und was für ein Glück, dass die Ersthörer der Abenteuer von Onkel Stan und Dan mittlerweile erwachsen sind – und deshalb jetzt alle die Geschichten kennen und lieben lernen können.

A.L. Kennedy: Onkel Stan und Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer, 192 Seiten, und Onkel Stan und Dan und das ungeheuerlich ungewöhnliche Abenteuer, 272 Seiten, Orel Füssli, 2018/2019, Illustration: Gemma Correll, Übersetzung: Ingo Herzke, ab 9, je 14,95 Euro

Trost ist ein schräger Vogel

Trost

»Ich gebe Gott bei Google ein. Zum Glück lässt sich das leicht buchstabieren. Es erscheinen eine Menge langer Worte, die ich überhaupt nicht verstehe. Zum Beispiel monotheistisch. Aber eine Sache finde ich trotzdem heraus: Gott ist der Herr über Leben und Tod. Ich würde gern mal ein Wörtchen mit ihm reden, diesem Herrn Gott.«

Ist Gott dumm?


Hugos heißgeliebter Opa liegt nämlich im Sterben. Samstag Morgen war noch alles wie immer mit Rosinenbrötchen, Kaffeeduft, Schlagballspielen im Park und Pokern. Am Abend ist der Großvater kollabiert. Donnerschnitzel, das sagt nur Hugos Opa. So nennen Ida-Marie Rendtorff und Daniel Zimakoff ihr ein bisschen trauriges, ziemlich lustiges, mal  spannendes und ungeheuer tröstliches Kinderbuch über Verlust und Tod, hilflose Wut und Trauer. Weil Religion, in den hiesigen westeuropäischen Gesellschaften vor allem das Christentum, bei dem Thema unumgänglich ist, lässt das dänische Autorenpaar geschickt und behutsam verschiedene Vorstellungen davon einfließen. In der Schule hören Hugo und sein bester Freund Dylan etwas vom Baum der Erkenntnis, von dem Adam und Eva aßen, und zur Strafe aus dem Paradies vertrieben und sterblich wurden. »Kann es sein, dass Gott ein bisschen dumm ist?«, fragt Hugo ob solch drastischer Maßnahmen, die Gott seinen eigenen Geschöpfen antut. Auch Mitschülerin Siri findet: »Gott ganz schön ungerecht.«

Trost aus dem Himmel?

Für manche ist die Vorstellung von Gott, Himmel, ewigem Leben und einer vermeintlich verdienten Hölle tröstlich. Hugo hilft es nicht. Zu konstruiert, abstrakt, auch unlogisch –  und überhaupt kann Opa, sein »Mentor«, ihm jetzt nicht mehr Pokern beibringen. »Manche Menschen glauben, dass man immer wieder neu geboren wird«, erzählt Hugos Vater. Als es plötzlich »Donnerschnitzel« aus einer Tierhandlung krächzt, ist Hugo sofort klar : »Mein Opa ist ein Papagei!« Und er muss Opa nach Hause holen.

Wie Hugo und Dylan mutig und erfinderisch das Geld für den besonderen Vogel verdienen und schließlich doch alles anders kommt, ist eine charmant geschriebene und hübsch illustrierte Geschichte, Donnerschnitzel!

Trost

Berührend und von Mehrdad Zaeri wunderschön illustriert erzählt Werner Holzwarth, wie der Madenpickervogel Hacki Abschied von seinem Freund nimmt. Mein Jimmy ist ein altes Nashorn, das spürt, dass es mit ihm zu Ende geht und Hacki mit gemeinsamen Erinnerungen und schrägen Witzen trösten möchte. »Ich hatte mal wieder gedöst. Dann öffne ich die Augen und schaue direkt einem Typen ins Gesicht, der sein Gewehr auf mich anlegt. Du merkst sofort was los ist, und fliegst auf ihn zu und flatterst ihm so um den Kopf herum, dass er die Hände nach oben reißt und dabei das Gewehr fallen lässt. Da hast du mir das Leben gerettet.« Aber Hacki ist zu traurig und frustriert: »Hat auch nicht viel gebracht, Jimmy, ist ja erst zwei Monate her … Dann hätte er dich auch gleich erschießen können.«

Der altersweise Jimmy sieht das anders: »Die letzten Wochen waren doch schön. Wie die ganze Zeit mit uns. Jeder einzelne Tag«, muntert der müde, alte Dickhäuter seinen gefiederten Freund auf. Und stirbt. Wobei man angesichts der ruhigen, dunklen, scherenschnittartigen Bilder über mehrere Doppelseiten ehrlich »schläft friedlich ein« sagen darf.

Berührender Abschied

Werner Holzwarth, der mit dem Kinderbuchklassiker »Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat« weltberühmt geworden ist, hat die Geschichte im Alter von 67 Jahren seinem kleinen Sohn erzählt. Die Zeichnungen, die der damals fünfjährige Tim dazu gemacht hat, sind auf dem Vorsatzpapier abgedruckt.
Seine Geschichte besticht durch die lebendige, nie sentimentale Sprache – die lebenskluge, gelassene und zärtliche Stimme Jimmys und die erst trotzige und enttäuschte und schließlich muntere und fröhliche Hackis.
Solange du an mich denkst, wird es mich geben«, sind Jimmys letzte Worte –  der einzige Trost, den es gibt, wenn ein geliebtes Wesen stirbt.

Ida-Marie Rendtorff, Daniel Zimakoff, : Donnerscnitzel. Mein Opa ist ein Papagei, Übersetzung: Friederike Buchinger, Illustration: Peter Bay Alexandersen, Carlsen 2018, 112 Seiten, ab 8, 7,99 Euro

Werner Holzwarth: Mein Jimmy, Illustration: Mehrdad Zaeri, Tulipan 2019, 40 Seiten, ab 4, 15 Euro

Befreit euch

wegeVor kurzem haben wir das 100-jährige Frauenwahlrecht gefeiert. Eine lang erkämpfte Errungenschaft, die von den heutigen Generationen oftmals als selbstverständlich und daher vernachlässigbar zu sein scheint, im Sinne, der Gang an die Wahlurne wird auch mal ausgelassen. Eine fatale Haltung, die den falschen Parteien nützt.

Dass unser heutiges Dasein als Frauen nicht selbstverständlich ist (und auch noch immer nicht paritätisch und gleichberechtigt) verbildlicht Julia Zejn in ihrer Graphic Novel Drei Wege auf eine stille, fast poetische Art.
Darin schneidet sie die entscheidende Momente aus den Biografien dreier junger Frauen gegeneinander, die im Abstand von je fünfzig Jahren leben. Ida tritt 1918 eine Stelle als Hausmädchen bei einer Arztfamilie in Berlin an, Marlies lernt 1968 den Studenten Wolfgang kennen, und Selina dümpelt 2018 nach dem Abi vor sich hin, ohne zu wissen, was sie aus ihrem Leben machen soll.

Machtvolle Männer

Idas und Marlies‘ Lebenswege sind noch den männlichen Machtstrukturen ausgesetzt. Hatte Ida ein gutes Verhältnis zur Hausherrin, solange deren Mann noch im Krieg war, so ändert sich das schlagartig, als der Gatte zurückkehrt und mit harter Hand das kaisertreu geprägte Regiment in der Familie wieder übernimmt. Mit seiner dix-haft gezeichneten Physiognomie ruft er sofort eine Reihe von militaristisch-patriarchalen Assoziationen in mir auf, die ohne viele Worte die bedrückende Stimmung in einem damaligen Haushalt evozieren.
Auch Marlies, ein Arbeiterkind, muss sich mit den erzkonservativen Ansichten ihres Vaters auseinandersetzen. Der hält Wolfgang für einen Gammler mit zweifelhaften Ansichten. Dass Marlies sich den Studentenprotesten anschließt, passt den Eltern gar nicht, es kommt zu familiären Eklat. Aber auch der scheinbar progressive Wolfgang entpuppt sich bei näherer Betrachtung ebenfalls als konservativ, was sein Verhältnis zu Frauen angeht. Marlies kämpft als quasi an zwei Fronten.

Heutige Zwänge

Selina hingegen scheint von den Männern unbehelligt zu sein, der Vater lebt weit weg in Vancouver, ihr bester Kumpel ist schwul, ihre Mutter macht Yoga und postet auf einem Foodblog gesunde Super-Lebensmittel. Doch heute sind es andere Zwänge, die das junge Mädchen verunsichern. Ihre beste Freundin Alina erzählt, dass sie an die Columbia Uni in New York gehen wird. Dass diese jedoch eine Lüge ist, kommt erst heraus, als Alina versucht, sich umzubringen. Selina möchte ihr beistehen, doch die Freundin ist gefangen in dem Zwang von guten Noten, bester Ausbildung und der gesellschaftlichen Forderung nach einem stringenten, erfolgreichen Lebenslauf. Für Freundschaft und Freiheit bleibt da nicht viel Platz. Als Selina das alles erkennt, macht sie sich frei.

Lebendige Wurzeln

Was scheinbar unverbunden daherkommt, verwebt Zejn äußerst geschickt. Jeder Erzählstrang mit seinen zarten Bleistiftzeichnungen ist einer anderen Pastellfarbe gefärbt, sodass man als Leserin immer gleich weiß, bei wem man gerade ist. Doch die Wege der drei Frauen sind zudem über verwandtschaftliche und nachbarschaftliche Verhältnisse miteinander verbunden. So wird klar, dass wir alle das Erbe unserer Vorfahren immer noch in uns tragen, uns andere Generationen beraten und uns helfen können, dass wir also nicht in einem Vakuum agieren, sondern eben sehr lebendige Wurzeln haben. Und diese Wurzeln sollte man kennen. Eben um nichts als selbstverständlich hinzunehmen, was mühsam erkämpft wurde, aber auch um für sich selbst einen freien und selbstbestimmten Weg zu finden – immer noch und immer wieder. Denn auch das ist heute immer noch nicht selbstverständlich.

Zu diesem Thema passt schließlich auch der Kinder-Comic Heraus aus der Finsternis von Christopher Tauber und Annelie Wagner, der in Zusammenarbeit mit dem Jungen Museum Frankfurt entstanden ist.

Mädchenbande

Darin erleben junge Leserinnen die etwa zehnjährige Käthe, die sich mit ihren Freundinnen gegen die Schikanen der Jungsbanden in ihrem Viertel zur Wehr setzen. Und zwar im Frankfurt der Jahre 1918/1919.
Der erste Weltkrieg ist gerade erst zu Ende gegangen, die Männer sind zum Teil noch nicht von der Front zurück. Die Frauen und Mütter haben sich daheim durchgeschlagen, haben in den Fabriken die Arbeit der eingezogenen Männer übernommen. Sie stehen sich gegenseitig hilfreich zur Seite, kämpfen für das Wahlrecht und meistern ihr Leben auch ohne männliche Bevormundung. Das sehen auch die jungen Mädchen und schauen sich ihren Teil von den Erwachsenen ab.

Solidarität und Freundschaft

In dieser fiktiven Geschichte Jungs gegen Mädchen, Mädchen gegen Jungs (Tina & Bibi lassen grüßen) bilden die Mädchen schließlich ihre eigene Bande, um sich gegen die Jungs zu wehren – und kommen zu der Erkenntnis, dass Solidarität hilft. Aber auch, dass Jungs und Mädchen gar nicht so verschieden sind, wenn es darum geht, dass keiner gern geärgert wird und das es viel schöner ist, Freunde zu sein.

Historischer Hintergrund

Zu den historischen Begebenheiten, Personen und Institutionen in der damaligen Zeit gibt es am Ende eine Doppelseite mit Hintergrundinformationen und einem Glossar. Der Kasten „Anachronismen“ schickt die Betrachterinnen dann noch mal mit einem Rätsel durch den Comic, in dem drei Dinge versteckt sind, die es vor 100 Jahren noch nicht gab. Leider ist hier die Frage aus einem anderen Comic übernommen worden (es werden nach vier Dingen gefragt, die es 1742 noch nicht gab) – dies wird hoffentlich in der nächsten Auflage korrigiert, denn die Idee ist charmant. Und ich habe mich dabei ertappt, die drei Anachronismen übersehen zu haben.

Für Mädchen ab acht ist dieser Comic jedoch in vielerlei Hinsicht ein Gewinn, denn neben all der Historie bekommen sie ein Gefühl für Feminismus und weibliche Solidarität, aber auch für Menschlichkeit. Und das ist nicht nur in Frankfurt wichtig.

Julia Zejn: Drei Wege, avant-verlag, 2018, 184 Seiten, ab 16, 25 Euro

Christopher Tauber/Annelie Wagner: Heraus aus der Finsternis, Junges Museum Frankfurt/Zwerchfell Verlag, 2018, 52 Seiten, ab 8, 12 Euro

Eine behutsame Annäherung an den Holocaust

Vor ein paar Tagen veröffentlichte CNN eine Studie über die Kenntnis des Holocaust in Europa. Das Ergebnis ist schlichtweg erschreckend. Ein Drittel der jungen Befragten gab an, nichts oder wenig über die systematische Vernichtung der Juden während der Nazi-Zeit zu wissen. Ich frage mich, wie das sein kann, da dieses Kapitel der deutschen Geschichte eigentlich im Schulunterricht durchgenommen wird. Doch scheinbar reichen ein paar Stunden im stressigen Schulalltag nicht aus, um nachhaltig aufzuklären. Ich kann nur vermuten, dass man Kinder schon viel früher und kontinuierlicher für diese Geschehnissen sensibilisieren sollte. Doch wie bringt man Kindern den Holocaust näher, ohne sie zu traumatisieren? Wann kann man damit anfangen, sie mit dem dunkelsten Kapitel Deutscher Geschichte bekannt zu machen?

Bis jetzt hatte ich nie eine Antwort darauf – war aber auch noch nie in der Situation, es tun zu müssen. Doch meine Nichte wächst heran und bekommt von unserer Welt sehr viel mit, so wie es für Kinder eben üblich ist.
Dank Myriam Halberstam vom Ariella Verlag bin ich nun auf eine Geschichte zu diesem Thema gestoßen, die für Kinder ab 9 Jahren geeignet ist.

Marishas Leben während der Nazi-Besetzung

In dem Buch Marisha – Das Mädchen aus dem Fass erzählt Autorin Gabriele Hannemann einfühlsam die Kindheitserlebnisse von Malka Rosenthal nach.
Malka, die in den 1930er Jahren in Polen in einer bürgerlichen Familie behütet aufwuchs, ihren Hund und den großen Garten des Hauses liebte, muss nach dem Einmarsch der Deutschen ins Ghetto ziehen. Schlagartig verändert sich das Leben der damals Siebenjährigen. Sie erlebt die Enge und die Entbehrungen im Ghetto, den Hunger und wie die jüdischen Mitbürger gezwungen werden, den Davidstern an ihrer Kleidung zu tragen. Nicht alles versteht das Mädchen, doch sie bekommt mit, wie die deutschen Soldaten im Hof des Hauses auch Kinder, darunter ihren kleinen Bruder, erschießen.
Die Mutter trichtert Marisha immer wieder ein, dass sie sich die Adresse der Tante Leah in Israel merken soll. Und wie ein Mantra wiederholt das Mädchen diese immer wieder – was unter anderem auch zu ihrer späteren Rettung beiträgt.

Doch bis es so weit ist, flüchtet die kleine Familie aus dem Ghetto, versucht, sich zu verstecken. Doch erst opfert sich die Mutter für Mann und Tochter, dann muss auch der Vater sich von Marisha trennen. Er lässt sie bei Freunden zurück, die nur eine Person verstecken können. Im Kuhstall, in einem eingegrabenen Fass, findet Marisha eine dunkle, aber sichere Zuflucht und übersteht dort die Kriegsjahre, wächst zur Teenagerin heran.
Als schließlich ein Brief des Vaters sie erreicht, macht Marisha sich auf dem Schiff „Exodus“ auf einen langen Weg Richtung Israel.

Kindgerecht aufbereitet

Marishas Geschichte, in hautnah zu erlebender Ich-Perspektive geschrieben, berührt die Leser_innen ungemein. Sie zeigt eindrücklich, wie sehr Kinder im Krieg und auf langen Wegen in eine neue Heimat leiden. Nicht nur heute, sondern vermutlich seit Urzeiten, seit der Mensch Krieg führt und andere vertreibt. Hier jedoch bekommen kleine Leser_innen erstes Wissen über den Holocaust, ohne von seiner – selbst für Erwachsene kaum zu ertragenden – Grausamkeit überwältigt zu werden. Die Vernichtungslager werden nicht erwähnt, das Grauen schimmert dennoch durch, weshalb man die jungen Leser_innen mit dieser Lektüre nicht allein lassen sollte.
Marisha wird während des Lesens jedoch zu einer Kameradin, mit der man mitleidet und sich am Ende unglaublich mit ihr freut, dass sie den Weg zu ihrer Tante bewältigt und ein neues Leben in Israel beginnen kann.
Gleichzeitig wird deutlich, welche Schuld sich die Deutschen im zweiten Weltkrieg aufgeladen haben, die nicht vergessen werden darf.
Eindrucksvoll trotz all der Schrecken, die Marisha erleben musste, ist jedoch ihr unerschütterlicher Lebenswille und ihre Lebensfreude. Hätte sie die nicht gehabt, wer weiß, was dann geschehen wäre. So jedoch wird zu zu einem Vorbild für die heutigen Kinder und zu einer Mahnung, dass so etwas keinem Kind mehr passieren darf.

Authentische Erfahrungen

Die Geschichte ist mit zarten Illustrationen von Inbal Leitner versehen, aber auch mit Fotos aus dem Leben von Malka Rosenthal. Die schwarzweißen Aufnahmen stehen in einem angenehmen Kontrast zu den farbigen Bildern und verdeutlichen den Leser_innen einmal mehr, dass es sich hierbei nicht um eine erfundene Geschichte handelt, sondern um authentische Erfahrungen eines Mädchens, die heute über 80 Jahre alt ist, also die (Ur-)Großmutter der Leserschaft sein könnte.

Ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen des jüdischen Lebens rundet das Buch ab. Handreichungen für Lehrer sind in Planung, um mit Schülern der 4. oder 5. Klasse zu diesem Buch arbeiten zu können.
Ich habe die Hoffnung, dass Kinder, die mit solch einfühlsamen Geschichten an den Holocaust herangeführt werden, zum einen mehr darüber wissen wollen, zum anderen später nicht sagen werden, sie hätten nichts davon gewusst.

Gabriele Hannemann: Marisha. Das Mädchen aus dem Fass, Illustrationen: Inbal Leitner, Ariella Verlag, 2015, 80 Seiten, ab 9, 12,95 Euro

Zeitreise nach Ostberlin

krauseWir nähern uns ja schon wieder den Jahrestagen, und in gar nicht all zu langer Zeit „nullt“ der Mauerfall. Jaja. Dreißig Jahre ist es dann her, dass die DDR sich abschaffte und der Westen zugriff. Wir Älteren erinnern uns noch, so einigermaßen. Die Jüngeren, die nach der Jahrtausendwende Geborenen, kennen höchstens unsere Anekdoten und die „Damals-war-alles-anders“-Geschichten. Nicht immer können wir (ich als Westfrau schon mal gar nicht) das Gefühl, wie es denn in dieser DDR wirklich war, noch mitreißend vermitteln. Mag sein, dass es Ost-Groß-Eltern noch gelingt, aber allen anderen?

Eine spannende Version hat nun Ute Krause vorgelegt mit ihrem Kinder-Roman Im Labyrinth der Lügen. Darin versetzt sie junge Leser_innen in die Mitte der Achtziger Jahre nach Ostberlin. Paul, 12, wohnt bei seiner Großmutter und seinem Onkel Henri, nachdem seine Eltern versucht haben, über Ungarn das Land zu verlassen. Sie sind erwischt und eingesperrt worden. Nun bekommt Paul die Nachricht, dass seine Eltern von der Bundesrepublik freigekauft wurden.

Natürlich ist ihm nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass er seine Eltern vielleicht nie mehr wiedersehen wird. Doch seine Oma und Onkel Henri tun ihr Bestes, damit der Junge nicht verzweifelt. So darf Paul den Onkel abends im Pergamonmuseum besuchen, wenn Oma im Hotel Metropol als Klofrau arbeiten muss. Allein im Museum, nur mit Onkel Henri, das ist aufregend und gruselig zugleich. Paul meint ungewöhnliche Geräusche zu hören. Der Onkel jedoch beruhigt ihn – versucht er zumindest.

Das gelingt jedoch nur mäßig, vor allem seit Paul die neue Mitschülerin Millie kennengelernt hat, deren Vater im Berliner Ensemble arbeitet. Gemeinsam streifen die beiden durch das Ostberlin rund um die Museumsinsel, beobachten, wie Onkel Henri ein merkwürdiges Paket hin- und herträgt, und fangen an, sich Fragen zu stellen: Zu dem, was die Erwachsenen ihnen erzählen, was Henri wohl verbirgt, über was man reden und worüber man am besten schweigen sollte. Sie vertrauen einander, doch irgendwo ist ein „Leck“ und eines Tages ist die Wohnung von Oma durchwühlt und Onkel Henri verschwunden.

Man könnte nun annehmen, es hier mit einer aktuelleren Version von Emil und die Detektive oder Pünktchen und Anton zu tun zu haben. Doch dem ist nicht so – denn in dem System der DDR bleibt den Kindern nicht viel Spielraum, selbst zu ermitteln. Zu schnell stoßen sie im eigenen Land an Grenzen, und sei es, dass Paul sogar am heimischen Küchentisch nicht mehr laut und unbeschwert reden kann, weil die Wohnung verwanzt ist.
So lösen am Ende zwar nicht die Kinder das Rätsel um Henri – es wird ihnen dann doch von den Erwachsenen erzählt –, aber sie und mit ihnen die Leser_innen bekommen einen fesselnden Eindruck davon, wie sehr vor mehr als dreißig Jahren die Atmosphäre in Ost- und Westberlin durch Misstrauen und Überwachung vergiftet war: Nicht linientreue Mitbürger wurden abgestraft, indem sie ihre Jobs oder Studienplätze verloren, Privatsphäre selbst in der eigenen Wohnung existierte so gut wie nicht und wenn jemand das Land verlassen wollte, wurde die Familie quasi in Sippenhaft genommen. So musste Paul eine Zeit in einem Kinderheim verbringen, ohne dass seine Oma wusste, wo der Junge eigentlich war. Eine schreckliche Vorstellung, die jedoch die Härte des DDR-Systems noch einmal eindrücklich zeigt, da nicht einmal vor den Kindern Halt gemacht wurde.

Fast nebenbei gelingt es Ute Krause zudem den Fremdenhass, den es offiziell in der DDR nicht gab, der jedoch im Alltag spürbar gewesen ist, einzuflechten. Das Mädchen Millie hat nämlich eine kubanische Mutter und daher dunkle Haut und schwarze Haare, was sie auffällig macht und ihr den Spott der Mitschüler einbringt.

Diese Facetten des DDR-Alltags verwebt Krause in Kombination mit einem Rätsel um das Pergamonmuseum zu einer fesselnden Agentengeschichte, der – zumindest für mich als Westsozialisierte – die beklemmende Atmosphäre des Stasi-Staates durchaus anhängt. Vielleicht sehen die in der DDR aufgewachsenen Menschen das anders – es wäre eine interessante Diskussion.

Im Glossar finden sich schließlich die Erklärungen zu den wichtigsten Begriffen aus DDR-Zeiten, die erwachsene Leser im Text vermutlich überhaupt nicht stören, weil sie altbekannt sind, die Kinder von heute jedoch irritieren können.
Schön ist zudem, dass im Vorsatz vorn und hinten Karten von der Museumsinsel und von Osterberlin eingefügt sind. Eine Karte des geteilten Deutschlands ergänzt diesen geografischen Überblick, der noch einmal das veranschaulicht, was heute in der Landschaft des Grünen Bandes und auf dem Mauerstreifen in Berlin kaum noch zu erkennen ist und man nur noch sieht, wenn man etwas darüber weiß.

Eins darf man bei diesem Buch allerdings nicht: sich von dem Cover abschrecken lassen. Mir sagt die Fotomontage aus sommerlich gekleidetem Jungen der Gegenwart vor der Rykestraße aus DDR-Zeiten in einer Farbgebung aus den Siebzigern nicht zu, auch wenn ich die Rykestraße sehr schön finde.  Zumal – jetzt werde ich mal wieder pingelig: An den Bäumen in der Straße sind keine Blätter, sprich: Es ist also Winter. Und der Winter in Berlin ist eisig. Da läuft kein Mensch im T-Shirt rum… Wer das also entspannt sehen kann, wird mit einer atmosphärisch dichten Geschichte belohnt, die der jungen Leserschaft einen annähernd authentischen Einblick in die DDR-Zeit gibt.
Mit diesem Wissen kann das dreißigjährige Jubiläum des Mauerfalls im kommenden Jahr dann mit noch mehr Wissen begangen werden. Und der nächste Familienausflug nach Berlin wird auf jeden Fall noch erhellender!

Ute Krause: Im Labyrinth der Lügen, cbt, 2018, 288 Seiten, ab 10, 8,99 Euro

Das Kaputtsein und das Nichts

tippo„… denn alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“ Mephistos Motto beschreibt die Motivation der Entropiewichte sehr treffend. Der was? Entropiewichte, auch Entröpfe genannt, sind kleine Wesen, die im Verborgenen emsig alles, was gerade noch glänzend und neu war, in kürzester Zeit schäbig und abgenutzt aussehen lassen. Der fiese Riss mitten durchs Display, der scheußliche Fettfleck auf dem Lieblingshemd, der hässliche Knick im hübschen Bucheinband – alles Werk dieser Wichte! Von wegen geplante Obsolenz und Sollbruchstellen.

Das ebenso entzückende wie alles andere dem Untergang geweihte Kinderbuch Tippo und Fleck von Barbora Klárová und Tomás Končinský enthüllt endlich, warum alles unweigerlich kaputtgeht. Tippo geht in die dritte Klasse der GSAD, der Grundschule für das Altern der Dinge. Er stammt aus einer altehrwürdigen Familie von Buchzersetzern: Sein Vater leitet die Abteilung, die Bücher vergilbt und zerlöchtert, seine Mitarbeiter sind „Esseisten“, die dafür zuständig sind, dass auf jeder Seite eines Buches irgendein Essen seine Spur hinterlässt. Und seine Mutter leitet die Einheit der Düfte und gibt den Bänden ihr eigenes Odeur. Tippo möchte sich mehr den digitalen Medien als Bibliotheken widmen, klappernde Tastaturen und Programmierfehler werden sein Metier. Tippos bester Freund ist Fleck, ein dauerkakaoverklebter kleiner Kerl, unfreiwillig Lieblingsschüler der Lehrerin für Kleckskonstruktion.

„Fleck und ich sind schon ziemliche Chaosmagneten. Und Fleck und ich waren schon immer beste Freunde und werden es für immer bleiben. Na ja, mit Ausnahme der unglücklichen Begebenheit mit dem Zahn der Zeit, aber bis dahin muss ich mich erst noch durchbeißen.“ Tippo erzählt von der Schule, berühmten Entröpfen, kuriosen Preisverleihungen – und schließlich vom Tag, an dem sich sein Leben ändert. Es ist eine spannend und mitreißend erzählte Geschichte von Erkenntnis und Zweifel, von Enttäuschung, Sinnsuche und existenzialistischen Fragen. Ein bisschen Kafka ist dabei, ein Hauch Alice im Wunderland, eine Prise Atheismus und die uralte Frage, was zuerst da war, die Henne oder das Ei. Das scheint nur ziemlich pompös philosophisch, kommt aber höchst charmant verpackt daher wie des Pudels Kern (womit wir schon wieder beim alten Faust sind) in einer komplexen Mistkäferkugel aus Hundedreck. Wobei keineswegs gemeint ist, dass letztlich alles Kacke ist! Ganz und gar nicht, es läuft eher hinaus auf das Kaputtsein und das Nichts.

„Vitat Entropia!“ lautet das tatsächliche Motto der Entropiewichte. Es springt einem auf dem Vorsatzpapier entgegen und steht in Stein gemeißelt auf der Bahnhofswand, durch die soeben eine Lok gerast ist (ein tatsächlicher historischer Unfall). „Entropie“ ist mir aus dem Studium als das Bestreben aller Teilchen, sich weitest möglich auszubreiten und zu vermischen, bekannt. Das Phänomen kann man auch bei Kleinfamilien, die kreuz und quer Gehwege blockieren, geplatzten Reistüten oder runtergefallenen und zerbrochenen Gläsern beobachten. Im Fremdwörterbuch steht eine andere Definition. Für die Entröpfe bedeutet es aber die Feier des totalen Chaos, des Herstellens von Unordnung, ihres obersten Sinn und Daseinszweck. Ist mir gleich sympathisch, habe ich auf LETTERATUREN doch auch schon mal bei einem anderen Buch das rettende Chaos gelobt.

Daniel Špaček setzt diese Lebenswelt auf wuseligen Panoramaseiten von Mülldeponien, Schimmelfleckfarmen, Buchbaustellen und schließlich dem absoluten, tiefschwarzen Nichts in Szene. Am schönsten sind aber seine vielen liebevollen Detailzeichnungen von Entropieapparaturen und –kreaturen wie dem Zweitaktdampfschokofleckator, dem riesigen Kettenstreuwagen für Verunreinigungen, „Krümel“, einem Teleskopschnellsplitterspinner, dem knuffigen Eselsohrer aus der Familie der Vandalibris und des hundsgemeinen Staubbüschels, einer „im Anbau relativ unkomplizierten Zierpflanze“. Nicht zuletzt hat sich Lena Dorn dem Überthema erfolgreich widersetzt und Tippo und Fleck aus dem Tschechischen quicklebendig und frisch, überhaupt nicht angestaubt oder altbacken übersetzt.

Dieses Kinderbuch ist ein geistreicher und optisch überbordender Genuss. Raffinierterweise ist es gleichzeitig Teil des großen Ganzen, des Laufs der Welt: „Mit dem Durchtrennen der Binde startest du feierlich das Altern dieses Buches!“ steht auf der Buchbinde, die man eigenhändig aufreißen oder schneiden und damit die Zerstörung in Gang setzen muss, sonst kann man es nicht lesen. Wenn einem Entropie, also der unaufhaltsame Zerfall und das Altern der Dinge so schmackhaft gemacht wird, dann kann auch ich mich damit arrangieren.

Obwohl … das Eselsohr im schönen Einband von Simone Buchholz’ neuem Roman Mexikoring ärgert mich doch so sehr, da muss fürs Buchregal noch ein neues her. Ich glaube, die Entropiewichte haben eine Abmachung mit den Buchhandlungen?!

Barbora Klárova, Tomás Končinský: Tippo und Fleck, Illustration: Daniel Špaček,  Übersetzung: Lena Dorn, Karl Rauch Verlag, 2018, 128 Seiten, ab 6, 18 Euro

Mal offline ist auch ganz nett

Kinderbücher über Smartphone, Internet und so können eine ziemlich öde und eindimensionale Angelegenheit werden. Wenn sie nämlich die modernen Medien pauschal verteufeln und stattdessen ein längst vergangenes, eigentlich nie wirklich existierendes Bullerbü-Kinderglück propagieren. Und damit in die Kerbe Manfred Spitzers schlagen, der polemisch polternde Prediger und Psychiater, der Computer plus Kinder und Jugendliche mit „Sucht“ gleichsetzt, von „Zivilisationskrankheit“ raunt und Volksverdummung sowie eine komplett depressive, vereinsamte und abgestumpfte Generation junger Menschen prophezeit.

Umso erfrischender sind Marc-Uwe Klings Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat und der neue Band aus der Sachbuchreihe Carlotta, Henri und das Leben: Mama ist offline und nix geht mehr. Beide Bücher kommen ohne mahnenden Zeigefinger aus, machen dafür einiges bewusst. Wobei auffällt, dass Frauen in diesen wirklich gelungenen Geschichten für die jüngsten Digital Natives anscheinend eine größere Internetaffinität haben.

Die Mama der Zwillinge Henri und Carlotta ist „echt cool. Sie hat über achthundert Freunde auf Facebook, ist in mindestens siebenunddreißig WhatsApp-Gruppen, schaut alle halbe Stunde, was auf Twitter passiert, skypt mit ihren Freundinnen und seit neuestem hat sie sogar Snapchat.“ Und natürlich hat sie immer das neueste Smartphone. In ihrem Job als Graphikerin läuft alles digital, sie ist auf permanenten Zugang zum Internet angewiesen. Nur Papa ist eher der analoge Typ. Jetzt sind Ferien, Papa „hat sich extra freigenommen, damit alle etwas unternehmen können“, also Wellenreiten statt im Netz surfen, draußen neue Eindrücke gewinnen statt Bilder posten, Konzerte besuchen statt Spotify-Listen anhören …

Dann spielt Henris Ungeschick Papa in die Hände: Henri fällt Mamas Smartphone ins Klo, das Teil ist kaputt, Reparatur dauert eine Woche, Mama ist offline und nix geht mehr. Katastrophe! Selbst Papa leidet und ist sauer, weil die Kaffee-App streikt und nicht wie gewohnt morgens frisch gebrühtes Wachmachergetränk kredenzt. Dann wettet er mit seiner Familie: Werden Mama, Carlotta und Henri es eine Woche offline aushalten? Ohne E-Mail, Videos, Onlinespiele, Messanger-Gruppe … arrgghh!

Unprätentiös und entspannt erzählt die Autorin und studierte Kommunikationsdesignerin Anette Beckmann von den kurzen, unfreiwilligen Ferien vom Internet. Da sieht man die Welt mit anderen Augen, die Familie entdeckt ein altes Schloss mit Flohmarkt statt des anvisierten Badesees, Musik kommt aus dem Autoradio oder vom Plattenspieler (gut, wenn man seine Schallplatten noch hat, obwohl, wichtiger Hinweis, „können schnell verkratzen“). Und merkt nebenbei, wie sehr mittlerweile Smartphones das Leben bestimmen, wenn zum Beispiel in der Pizzeria alle Gäste, egal welchen Alters, autistisch auf ihr Gerät starren, statt sich zu unterhalten. Oder die eigentlich coole, 15-jährige Cousine Ida zu Besuch kommt und total schlecht gelaunt ist, weil ein peinliches Foto von ihr gepostet worden ist. So lernt man, dass „Privates und Internet nicht zusammenpassen, weil alles auf ewig gespeichert wird und Dinge, die du heute lustig findest, in fünf Jahren vielleicht nicht mehr so lustig findest …“ Eine sehr charmante Geschichte mit absolut wissenswerten Erklärungen über ebenso selbstverständlich wie ahnungslos verwendete Begriffe, knappen Sachtexten sowie klugen Tipps zum gewinnbringenden Umgang mit digitalen Medien. Marion Goedelt hat sie cartoonesk mit vielen witzigen Details und lebhaften Einsprengseln illustriert, man hat fast einen richtigen Trickfilm vor Augen, soviel Bewegung ist in den Bildern.

Eine ganz unerwartete Dynamik bekommt auch der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat. Eine Doppelklick zu viel, und es hat sich was mit chatten, streamen und so. Die Großeltern sind da, weil Ferien sind und die Eltern arbeiten müssen. Jetzt hat aber Tiffany, die jüngste der drei Geschwister ein ganz schlechtes Gewissen, weil sie doch auf Oma aufpassen sollte und dann zerstört die das weltweite Netz. Die älteren Geschwister Max, der liegend chattet und ballert, und Luisa, Punkerin mit grünen Haaren, die sich laut ihres Vater in „einer politischen Phase“ befindet, können zwar kaum glauben, dass ausgerechnet ihre Großmutter alles lahm gelegt haben soll. Aber als der Pizzabote bei ihnen strandet, weil sein Navi nicht funktioniert, die Eltern früher, auf Umwegen, nach Hause kommen, weil arbeiten nicht mehr möglich ist, und sogar die alte E-Gitarre vom Dachboden wieder zur Geltung kommt, ist das auch egal.

Gewohnt ironisch und mit sanftem, politischem Witz inszeniert der Känguru-Chroniken-Autor ein freundliches, eintägiges, aber durchaus wiederholenswertes Chaos. Bei der Gelegenheit erklärt zum Beispiel Max der kleinen Schwester, was das Internet ist. „Kacknazis“, Kapitalismuskritik, Punkmusik und Teletext kommen auch kindgerecht zur Sprache, bunt und leicht karikaturesk bebildert von Astrid Henn. Und der mehrfach wiederholte Doppelklick ist wie eine augenzwinkernde Hommage an den Klassiker „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt: „klick, klick“. So ein Tag offline hat durchaus seinen Reiz.

Marc-Uwe Kling, Astrid Henn (Illustrationen): Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat, Carlsen 2018, 72 Seiten, ab 6, 12 Euro

Anette Beckmann, Marion Goedelt (Illustrationen): Carlotta, Henri und das Leben – Mama ist offline und nix geht mehr, Tulipan 2018, 64 Seiten, ab 7, 15 Euro

Italienische Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland

Ein Überblick – ohne Anspruch auf Vollständigkeit

Im Frühjahr hatte Laura von Lütte Lotte mich gefragt, ob ich einen Gastbeitrag über italienische Kinder- und Jugendliteratur schreiben möchte, während sie mit ihrer Familie in Italien urlaubte. Da ich seit zwanzig Jahren vor allem KJB aus dem Italienischen übersetze, habe ich die Gelegenheit genutzt und mal ein wenig die Veröffentlichungen in Deutschland rekapituliert.
Da vielleicht nicht alle Leser_innen von LETTERATUREN die drei Teile, die bei Lütte Lotte erschienen sind, verfolgt haben, werde ich meine Zusammenstellung hier noch einmal komplett, dafür aber leicht überarbeitet und ergänzt posten.

Für einen detaillierten Überblick über die italienischen KJB, die es in Übersetzung nach Deutschland geschafft hat, reichen jedoch selbst zwanzig Jahre Übersetzungstätigkeit nicht aus (von dem Platz hier mal ganz abgesehen – Achtung! Dieser Post wird lang!). Aber ich werde versuchen, euch ein paar Klassiker, Highlights und italienische Besonderheiten näherzubringen. Von den hier aufgeführten Titel habe ich jedoch (noch) nicht alle gelesen, Tendenzen lassen sich dennoch erkennen.

 

Die Klassiker

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Der italienische Klassiker schlechthin, den hierzulande vermutlich viele mit italienischer Kinderliteratur verbinden, ist immer noch Carlo Collodis Pinocchio. Die Geschichte von dem hölzernen Knaben, die zwischen 1881 und 1882 entstand, taucht laut den Einträgen der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) 1905 zum ersten Mal in deutscher Übersetzung auf, unter dem Titel Hippeltitsch’s Abenteuer. Geschichte eines Holzbuben. Übersetzer war Paul Artur Eugen Andrae, ein Name, der mir zwar nichts sagt, den ich aber trotzdem nenne.
Denn als Übersetzerin habe ich es mir angewöhnt, die anderen Übersetzer_innen immer zu nennen. Sie sind schließlich die Urheber der deutschen Texte (hier setze ich dann immer ein „Ü“ für „Übersetzer_in“; steht kein Ü hinter dem Titel, habe ich den Text übersetzt … 😉 ).
1913 folgte die erste „Neuübersetzung“ für Herder: Die Geschichte vom hölzernen Bengele lustig und lehrreich für kleine und große Kinder, deutsch bearbeitet von Anton Grumann.

Im selben Jahr wurde Pinocchio in Wien zu Hölzele, der Hampelmann, der schlimmer ist und nicht folgen kann. Eine viellehrreiche Böse-Buben-Geschichte, übertragen von Franz Latterer. Vermutlich 1929 spoilerte der Titel Kasperles Abenteuer: Die Geschichte eines Holzbuben, der schließlich ein wirklicher Knabe wird (Ü: Heinrich Siemer) bereits das Ende. 1938 heißt es dann nur noch Klötzlis lustige Abenteuer (Ü: Josef Kraft). Erst 1947 taucht der Name Pinocchio zum ersten Mal im deutschen Titel auf: Pinocchio, das hölzerne Bengele, eine Neuauflage der Übersetzung von Anton Grumann. 1948 versucht Ueberreuter in Wien es noch einmal mit Purzel, der Hampelmann (Ü: Alois Pischinger), danach wechseln die Titel beständig zwischen „hölzernem Bengele“, „Kasperle“, „Hampelchen“, „Purzel“ und „Pinocchio“. Der „hölzerne Bengele“ hält sich noch bis in die 70er Jahre, dann taucht in einer freien Nacherzählung von Otto Julius Bierbaum auf einmal „Zäpfel Kern“ als Name auf. Doch der setzt sich nicht durch. Viel mehr scheint mir, dass die zweite Synchronisation des Disney Zeichentrickfilms Pinocchio, die 1973 in die Kinos kam (der Film stammt ursprünglich von 1940), maßgebend wurde. Nun endlich hieß der namenstechnisch gebeutelte Holzjunge auch in Deutschland nur noch Pinocchio.

Dieser lange Auftakt zu nur einem Buch zeigt, dass hier eine italienische Geschichte über annähernd 115 Jahre auch in den deutschen Kinderzimmern zu finden gewesen ist – und immer noch zu finden ist. Denn seit Ende des zweiten Weltkrieges ist jedes Jahr mindestens eine Neuauflage oder Neuübersetzung erschienen. NordSüd und Coppenrath bringen dieser Tage ihre Neuauflagen auf den Markt. Pinocchio ist also dauerpräsent.

Von deutschen Kinderbüchern sind es gerade einmal die Werke von Erich Kästner, die zwar noch keine 100 Jahre alt sind, aber aus den Kinderzimmern ebenfalls nicht mehr wegzudenken sind.

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Ein weiterer Klassiker, auch in Italien, ist der Roman Cuore („Herz“) von Edmondo de Amicis (1846-1908) aus dem Jahr 1886. Die DNB verzeichnet Herz. Ein Buch für die Jugend in der Übersetzung von Raimund Wülser 1918 bereits mit einer Auflage von 57-58 Tausend in der Basler Buch- und Antiquariatshandlung. Enorm für die damalige Zeit, wenn man bedenkt, dass heute Kinderbücher oftmals nur mit einer Auflage von 3000 Exemplaren erscheinen, die oftmals nicht verkauft werden. Wann Cuore genau zum ersten Mal ins Deutsche übertragen wurde, lässt sich in der DNB jedoch nicht nachvollziehen.

Aus dem Band ist vor allem die Geschichte Von den Apenninen zu den Anden bekannt, auch unter dem Titel Marco sucht seine Mutter (1936). Aus diesem Auszug wurde in den 70er Jahren eine 52-teilige japanische Anime-Serie gemacht, die in Deutschland unter dem Namen Marco lief. 1981 wurde sogar der vollständige Roman als 26-teiliger Anime Ai no Gakkō: Cuore Monogatari umgesetzt. Zudem diente das Buch als Vorlage der 1990 entstandenen Weihnachtsserie Marco – Über Meere und Berge. Zu diesen filmischen Umsetzungen kann ich leider nichts sagen – es wäre aber eine gute Gelegenheit, dem mal nachzugehen.

Der Roman ist als Tagebuch angelegt, in dem der Junge Enrico Bottini von Erlebnissen und Mitschülern seiner Klasse, einer dritten Grundschulklasse, erzählt. Die Episoden berichten von den verschiedenen Landesteilen Italiens, das erst wenige Jahre zuvor zu einem Staat vereint worden war, und haben einen patriotischen Anstrich.
1986 hat Hans-Ludwig Freese Cuore neu übersetzt von und als gekürzte Version neu aufgelegt. Die letzte Auflage dieser Übersetzung ist von 1996, der Illustrationen der italienischen Prachtausgabe von 1892 beigefügt sind.
Cuore hat noch zwei, drei weitere Übersetzung erlebt, was jedoch nicht mit der beständigen Überarbeitung von Pinocchio vergleichbar ist. Hier lässt sich eine erste Vermutung, warum relativ wenige italienische Kinder- und Jugendbücher in Deutschland veröffentlicht werden, anbringen: Die extrem auf Italien zugeschnittenen Geschichten, die italienische Lebenswelten und italienische Heimatliebe spiegeln, bieten deutschen Leser_innen oftmals viel zu wenig Identifikationspotential. Ihnen fehlt somit die Allgemeingültigkeit, die Pinocchio in seiner fantastischen Märchenhaftigkeit für sich verbuchen kann.

italienischeAbenteuer hingegen sind universell. So sind auch die Romane von Emilio Salgari (1862-1911) – Sandokan (1907), Pharaonentöchter (1906), Der algerische Panther (1903), Der schwarze Korsar (1898) (alle Ü: Martha von Siegroth, 1929), Die Tiger von Mompracem (1900, Ü: Karl-Heinz Hellwig, 1930) – heute immer mal wieder zu haben. Die ersten Übersetzungen von Salgaris Büchern lagen bereits 1913 vor: Die Robbenjäger der Baffin-Bai und Die Schiffbrüchigen von Spitzbergen (beide Ü: Arthur Wihlfahrt).
2009 hatte der Schweizer Unionsverlag einige Neuübersetzungen herausgebracht (Sandokan, Ü: Jutta Wurm). Aktuell hat der Selfpublishing-Dienstleister Tredition vier lieferbare Titel im Programm, jedoch sind es alte Übersetzungen. Vielleicht kennt die eine oder andere von euch die Geschichten noch als Hörspielkassetten oder –platten.
In Deutschland galt Salgari, der einige Jahre für verschiedene Jugendzeitschriften gearbeitet hat, als der italienische Karl May. Insgesamt 80 Romane hat er geschrieben, die an den exotischsten Orten der Welt spielen, nur nicht in Italien. Dazu kamen noch unzählig Erzählungen. In den 50er und 60er Jahren entstanden zahlreiche Verfilmungen seiner Geschichten. Salgaris Werk ist folglich ein Zwitter zwischen Jugendbuch und Erwachsenenlektüre, ähnlich wie die Werke von Mark Twain oder Jules Verne, die eigentlich von allen Altersstufen gelesen werden können.

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Der nächste Autor, der sowohl in Italien als auch in Deutschland zu den italienischen Klassikern gehört, ist Gianni Rodari (1920-1980), der 1970 mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis für Jugendliteratur ausgezeichnet wurde.
Vor allem sein Roman Zwiebelchen, der 1954 im ostdeutschen Kinderbuchverlag in der Übersetzung von Pan Rova herauskam, und die Gutenachtgeschichten am Telefon sind hier bekannt. Dazu ein paar von seinen Gedichten, die in den 70er Jahren von James Krüss ins Deutsche gebracht wurden: Kopfblumen. 7 x 7 Gedichte für Kinder  (Kinderbuchverlag Berlin 1972).

1964 wurden die Favole al telefono zum ersten Mal von Ruth Wright übersetzt. Doch die ursprünglich 70 Geschichten waren bis vor ein paar Jahren in Deutschland nie komplett zu haben. In den verschiedenen Ausgaben, darunter auch eine Wagenbach-Ausgabe für Erwachsene (Das fabelhafte Telefon, Ü: Marianne Schneider), fehlten immer einige Geschichten.
2012 durfte ich eine komplette Neuübersetzung anfertigen – und habe auch vermeintlich unübersetzbare Geschichten ins Deutsche gebracht. Die fantasievollen kurzen Geschichten mit ihrem kritischen Geist eignen sich gut zum Vorlesen. Leider geht auch so ein wunderbarer Klassiker wie dieser hierzulande den Weg aller Bücher, die nicht zu Longsellern werden: In diesem Sommer erreichte mich die Nachricht, dass das Buch vom Markt und aus der Backlist des Verlages genommen wird. Schon schade. Aber vielleicht findet ihr ja irgendwo noch ein Exemplar.

Zwiebelchen war wegen seiner sozialistischen Ideale in der DDR sehr beliebt. Und ist 2009 von Katharina Thalbach als Hörbuch eingelesen worden (die Übersetzernennung fehlt). Bei meinen Freunden aus dem Osten fangen meistens die Augen an zu leuchten, wenn wir auf Zwiebelchen zu sprechen kommen. Alle anderen kennen die Geschichte meist nicht.

 

Die Vergessenen

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Nun wird es mit den „großen“ Namen der italienischen KJB-Szene in Deutschland schon etwas dünner. Natürlich wurden immer mal wieder Bücher aus Italien übersetzt, doch sie haben sich nicht zu Longsellern entwickelt, sondern sind relativ schnell wieder in der Versenkung verschwunden.
Wer erinnert sich an Donatella Ziliotto (Mister Master, Ü: Marlis Ingenmey, 1972), Bianca Pitzorno (Polissena mit dem Schweinchen, Ü: Bettina Dürr, 1995), Teresa Buongiorno (366 Geschichten zur guten Nacht, Ü: Gabriele Fentzke/Marcus Würmli, 1991), Roberto Piumini (Matti und der Großvater, Ü: Maria Fehringer, 1994), Silvana Gandolfi (Der Katze auf der Spur, 1998) Angela Nanetti (Mein Großvater war ein Kirschbaum, Ü: Rosemarie Griebel-Kuip, 2001), Beatrice Masini (Ballerina in Spitzenschuhen, Ü: fehlt, 2004)? Vielleicht ein paar Eltern oder Großeltern, doch die Kinder sicherlich nicht. Im Handel sind sie allesamt vergriffen.
In Italien jedoch gehören diese Autorinnen zum Kanon der KJB-Literatur, schreiben immer noch, z.T. auch belletristisch für die Großen. So war Angela Nanetti für den Premio Strega 2018 nominiert (vergleichbar mit dem Deutschen Buchpreis).

2013 gab es dann kurz eine kleine Sachbuchreihe von Federico Taddia mit dem Obertitel Warum? Darum!. Vier Bücher habe ich zu Themen wie Evolution, Astrologie, Geographie und Mathematik übersetzt. Eigentlich sollte die Reihe noch weitere Bände umfassen, aber die hat man gestrichen. Und ich vermute, dass auch daher kaum jemand Warum? Darum! kennt. Zudem sie ist nicht mehr im Handel erhältlich.

italienischeUnd auch an die Fußball-Serie Tor! von Luigi Garlando (Ü: Boris Pfeiffer) erinnern sich vermutlich  nur noch wenige. Sie kam von 2009 bis 2012 im Kosmos-Verlag  heraus und umfasste immerhin zehn Bände.
Mir selbst ist die Reihe damals nicht aufgefallen – aber das liegt eher daran, dass Fußball nicht gerade zu meinem Lieblingsthemen gehört.

 

 

Die Aktuellen

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Die Kinder heute kennen vermutlich eher Gironimo Stilton – ohne diese bunten Mäuse-Geschichten um die Verleger-Maus als ursprünglich italienisch zu identifizieren (Ü: Gesine Rickers/Carsten Jung). Erfunden hat diese Figur die Autorin Elisabetta Maria Dami, entwickelt und geschrieben werden die vielen Geschichten und die Trickfilmserie von der Agentur Atlantyca in Mailand.

Bekannt dürfte deutschen Kindern und Jugendlichen auch die Reihen Ulysses Moore, Century oder Der Zauberladen von Applecross – auch hier ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen, dass dahinter der Autor Pierdomenico Baccalario steht (Ü: Cornelia Panzacchi, Barbara Neeb, Katharina Schmidt). Baccalario, der in London lebt, ist einer der umtriebigsten Autoren Italiens, hat unzählige Serien geschrieben (vermutlich mit Hilfe von unzähligen Ghostwritern) und ist in Deutschland bei verschiedenen Verlagen erschienen (Coppenrath, cbj, Fischer). Das war vielleicht nicht unbedingt hilfreich, denn so hat er hier verlagstechnisch kein wirkliches Zuhause gefunden.

Jugendliche haben jüngst möglicherweise auch Staubgeboren. Stadt der Vergänglichen (Ü: Christiane Burkhardt) von Fabio Geda und Marco Magnone gelesen. Dieser Auftakt einer dystopischen Reihe spielt jedoch in Berlin und verweist nicht auf Italien. Ob die Nachfolgebände auch übersetzt werden, ist mir momentan nicht bekannt. Es ist aber nicht ungewöhnlich, dass die Verlage Reihen eingehen lassen, wenn sich kein Erfolg einstellt (dazu später unten mehr). Von Fabio Geda mögen manche von euch vielleicht Im Meer schwimmen Krokodile (Ü: Christiane Burkhardt) kennen, in dem er die bewegende Fluchtgeschichte des afghanischen Jungen Enaiat erzählt. Geda gehört damit und seinen anderen Romanen auch zu den Belletristikautoren, die auch für ein junges Publikum schreiben.

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Wer von euch KJB-Begeisterten den Deutschen Jugendliteraturpreis verfolgt, dem dürfte momentan der Roman Die Mississippi-Bande von Davide Morosinotto (Ü: Cornelia Panzacchi) bekannt sein. Er spielt Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA und ist eine mitreißende Abenteuergeschichte um vier Kinder, die drei Dollar finden und sich davon etwas aus dem beliebten Versandhauskatalog von Walker & Dawn bestellen wollen – was sich dann zu einem Flussabenteuer entwickelt, das die Kinder bis nach Chicago führt.

Auf der Nominierungsliste steht in der Sparte Sachbuch dieses Jahr sogar noch ein zweites italienisches Buch: Der Dominoeffekt – oder die unsichtbaren Fäden der Natur. Darin erzählt der Insektenexperte Gianumberto Accinelli in 18 Geschichten, wie der Mensch die Natur tiefgreifend beeinflusst, wenn er sie bearbeitet, beackert, Tiere fängt, züchtet oder aussetzt. Und was für irreparable Folgen dieses Tun für die Natur hat. Folgen, mit denen wir heute immer noch leben müssen. Accinelli sensibilisiert damit für einen vorsichtigeren Umgang mit unserer Umwelt – ein Thema, das in Zeiten von Klimawandel und Umweltzerstörung wichtiger ist denn je. Illustriert hat dieses nachhaltige Buch Serena Viola.

All diese Titel haben neben den italienischen Urhebern gemein, dass sie nicht die italienische Realität spiegeln, sondern in Fantasywelten, historischen Zeiten oder dystopischen Szenarien spielen. Oder unsere tatsächliche Welt global betrachten. Damit werden sie für deutsche Leser_innen interessant, da hier die allgemeine Fantasie gefordert ist und keine Kenntnis italienischer Realien.

 

Die Bilderbücher

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In Sachen Bilderbüchern ist es für mich etwas schwieriger einen Rückblick zu liefern, denn von den unzähligen Bilderbüchern, die in Italien entstehen, werden die meisten nicht übersetzt. Und die, die übersetzt werden, halten sich meist nicht lange am Markt.
Ein Klassiker unter den Büchern für die kleinsten Italiener ist mit Sicherheit Pimpa von Comiczeichner Francesco Tullio Altan, der in den 80er Jahren den Kunden von Schreiber & Leser bekannt gewesen sein dürfte.
Pimpa ist eine rot gepunktete Hündin, die Altan ab 1974 für die Kinderbeilage der Tageszeitung Corriere della Sera zeichnete. Heute gibt es sie als Bücher, zum Teil sind es Comics, zum Teil Bildergeschichten. Übersetzt ist Pimpa nicht.

Einen Sonderfall „italienischer“ Bilderbücher stellen die Werke des Grafikers und Künstlers Leo Lionni dar. Denn wenn ich es recht verstanden habe, hat der in Amsterdam geborene Lionni seine Bilderbücher wie Frederick, Das kleine Blau und das kleine Gelb auf englisch herausgebracht, nicht auf italienische. Frederick beispielsweise hat sich seit 1967 zu einem Longseller entwickelt und ist mittlerweile in der 16. Auflage bei Beltz zu haben, nachdem er anfangs von Middelhauve herausgebracht worden war.

Einen gewissen Eindruck über die vielfältige Illustratoren-Szene Italiens habe ich im Laufe der vergangenen zwei Jahre gewonnen, seit ich die ersten Bilderbücher übersetzt habe.
Allerdings ist meine erste Bilderbuchübersetzung, Der goldene Käfig von Anna Castagnoli, vom Belgier Carll Cneut illustriert worden und daher mehr ein europäisches Buch. Cneuts opulente Vogel-Illustrationen haben dazu beigetragen, dass das Märchen 2016 für den Deutschen Jugendliteraturpreise in der Sparte Bilderbuch nominiert wurde.

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Als Folge der Nominierung habe ich dann die Bilderbücher Schlaft, Tierchen schlaft von Simona Mulazzani mit den Illus von Giovanna Zoboli – gereimte Gute-Nacht-Gedichte – für den Schaltzeit Verlag, Zusammen umarmen wir die ganze Welt von Manuela Monari mit den Illus von Evelyn Daviddi, für Coppenrath, und Vorsicht, roter Wolf! von Marco Viale, für Sauerländer, übersetzen dürfen.

italienischeSo unterschiedlich die Geschichten, so unterschiedlich sind auch die Illustrationsstile. Eine Bewertung dieser Bücher werde ich hier nicht abgeben, sondern kann nur sagen: Das Übersetzen von Bilderbüchern ist eine Gratwanderung zwischen Frust und Freude. Auf eingeschränktem Raum die wenigen richtigen Worte zu finden, die das Gefühl der Geschichte in kurzen Texten angemessen rüberbringen, ist trotz oder wegen der Kürze nicht mal eben getan. Bis die endgültige Fassung steht, ändere ich immer und immer wieder Worte und Satzstellung, streiche oder füge hinzu. Da können dann bis zu zehn Versionen entstehen. Manchmal hilft auch erst der distanzierte Blick der Lektorin zu einer endgültigen Lösung. Doch trotz der Arbeit ist es für mich auf jeden Fall immer ein Fest!

 

Die Buchcover

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Kurzer Exkurs zu den Buchcovern: Einer der momentan bekanntesten Illustratoren Italiens ist Iacopo Bruno, der in Deutschland momentan durch die neuen Harry-Potter-Cover noch präsenter sein wird. Zuvor hat er bereits Eoin Colfers Swarp, Soman Chainanis School of Good and Evil, Baccalarios Ulysses Moore, Das Volk von Tarkaan und Der Zauberladen von Applecross oder Alan Bradleys Flavia de Luce illustriert. Insgesamt hat er mehr als 300 internationale Buchcover gestaltet. Man könnte fast sagen, ohne dass es uns bewusst ist, hat ein Italiener unsere Sehgewohnheiten in Sachen Cover mitgeprägt. (Ich kenne mich ehrlich zu wenig mit Grafik und Cover-Tendenzen aus, finde die neue HP-Verpackung auch nicht besonders toll, aber es ist schon beeindruckend.)

 

Die ganz jungen Autorinnen

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Ein spezielles Phänomen, das mir beim Übersetzen begegnet ist, sind die ganz jungen Autorinnen Italiens, die schon als Teenager bei Publikumsverlagen Bücher veröffentlichen. Zumeist handelt es sich dabei um Teenie-Liebesgeschichten, die auch bei uns funktionieren. So ging es 2008 mit den Romanen von Valentina F. los. 15-jährig hat sie begonnen ihre vierbändige Liebesgeschichte um Vale und Marco niederzuschreiben, die auf Deutsch die Titel HDGDL (Ü: Katja Massury), ZDOZM – Zu dir oder zu mir (2009), SGUTS – Schlaf gut und träum süß (2010) tragen. Diese Mädchenträume wurden zu stillen Bestsellern, die mehrere Auflagen erlebt haben. Die Leserinnen waren so begeistert, dass sie über Jahre immer wieder nachgefragt haben (selbst bei mir), wann der vierte Teil der Reihe den käme. Schließlich hat Fischer 2015 auch 2L8 – Too late herausgebracht.

Dieses Vorbild hat den Verlag über die Jahre dann veranlasst nach anderen jungen Autorinnen Ausschau zu halten. Sie fanden Erica Bertelegni, die bereits mit 13 ihr Debüt vorlegte: 99 und (m)ein Wunsch. Darin hat die Schülerin Aurora 100 Wünsche frei, was zunächst zu Chaos, dann zu immer mehr Verantwortungsgefühl führt. 2017 hat Bertelegni ihr zweites Buch, La chiave dell’amicizia („Der Schlüssel der Freundschaft“) veröffentlicht, eine Fantasygeschichte, die noch nicht übersetzt ist.

Aktuell ist bei Fischer die Reihe Mein Dilemma bist du von Cristina Chiperi zu haben. Die ersten beiden Bänder der Trilogie sind bereits erschienen, Teil drei erscheint im Herbst. Chiperi hat, als sie 16 Jahre alt war, eine Fanfiktion zu der vor ein paar Jahren angesagten Influenzergruppe Magcon um den US-Amerikaner Cameron Dallas geschrieben. Kapitelweise hat sie das On-Off-Drama zwischen der Ich-Erzählerin Chris und Cameron auf Wattpad hochgeladen und jede Menge Klicks gesammelt. Angeblich haben sechs Millionen Italienerinnen ihre Geschichten gelesen – doch das scheint mir etwas übertrieben. Als ein italienischer Verlag dann Printbücher daraus gemacht hat, ist der Fischer Verlag aufgesprungen.
Dass das junge Alter von Autorinnen jedoch nicht immer zum Erfolg führt, merkt man momentan daran, dass die Dilemma-Reihe gerade komplett untergeht (was durchaus an der dünnen Geschichte liegt).

 

Die Belletristikautor_innen

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Eine Besonderheit in der italienischen Literaturlandschaft ist aber auch, dass Autoren, die normalerweise für ihre belletristischen Erwachsenentitel bekannt und hochgelobt sind, immer auch Bücher für Kinder und Jugendliche schreiben.

Das haben bereits Dino Buzzati (1906-1972) mit Wie die Bären einst Sizilien eroberten (Hanser, 2005, Ü: Heide Ringe) und Italo Calvino (1923-1985) getan, die zu den Klassikern der Weltliteratur gehören.
Momentan ist Calvinos Geschichte Das schwarze Schaf (Ü: Burkhart Kroeber) in einer eindrucksvollen Collage-Version von Lena Schall bei mixtvision zu haben.
Zu Calvino, einer der größten italienischen Nachkriegsautoren, und Buzzati, einem Vertreter des Surrealismus, kann ich hier nicht mehr sagen, einfach weil es den Rahmen sprengen und zu sehr von den KJB ablenken würde.

italienischeAber auch Krimi-Autoren wie Carlo Lucarelli haben Exkurse zu den KJB gemacht. So konnten Jugendliche im Jahr 2000 hier die Romane Das Mädchen Nikita und Schüsse aus dem Walkman (später noch mal aufgelegt als Mafia alla Chinese) lesen. Diese zwei Romane spielen nun allerdings sehr in der italienischen Gegenwart – sodass sie eigentlich meiner Vermutung von oben widersprechen. Doch in beiden Fällen handelt es sich um Krimis. Und Krimis wie Liebesgeschichten scheinen hin und wieder auch global zu funktionieren.

Auch Patrizia Rinaldi, eine in Italien sehr geschätzte und preisgekrönte Autorin aus Neapel, schreibt sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Von ihr ist bis jetzt nur ein Krimi in Deutsche übersetzt worden (Die blinde Kommissarin, Ullstein, 2013). Ihre Kinderbücher Mare Giallo (2012), Federico il pazzo (2014) oder ll giardino di Lontan Town (2015) fehlen hierzulande, obwohl sie 2016 den Premio Andersen als beste Schriftstellerin bekommen hat. Ich werde mich bei Gelegenheit mit ihren Romanen befassen, um herauszufinden, warum sie für Deutschland nicht infrage kamen.

 

Die Fantasy-Autorinnen

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Im Bereich Fantasy ragen für Italien vor allem zwei Autorinnen heraus: Silvana De Mari und Licia Troisi.

De Mari ist seit 2010 mit Der letzte Elf (Ü: Barbara Kleiner) bekannt, einer entzückenden Geschichte um einen kleinen, verlassenen Elf, der eine Prophezeiung erfüllen und den Menschen die Freude und Fantasy wieder bringen muss. Es gibt zwar in ihrer Der-letzte-XX- Reihe noch drei Nachfolgebände (Der letzte Ork, Der letzte Zauberer, Die Rückkehr der Elfen), doch die bewegen sich so in Richtung High-Fantasy für Erwachsene, dass sie an den Erfolg vom letzten Elfen, der mittlerweile neun Auflagen erlebt hat, nicht mithalten können.

Licia Troisi hingegen ist hauptsächlich als Autorin von High-Fantasy für Erwachsene bekannt, mit Trilogien wie Die Schattenkämpferin, Die Feuerkämpferin, Die Eiskriegerin (Ü: Bruno Genzler). Diese Reihen zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass hier die Heldinnen durch die Bank weg Frauen sind – und zwar kompromisslos. Was durchaus beachtenswert ist (allerdings reichen meine Fantasy-Kenntnisse nicht so weit, um das als absolutes Alleinstellungsmerkmal zu nennen – zum mal momentan die Amerikanerin Tomi Adeyemi mit Children of Blood and Bone (Ü: Andrea Fischer) ebenfalls eine weibliche und schwarze Heldin an den Start gebracht hat). Troisi hat jedoch auch eine Reihe für Jugendliche geschrieben: Drachenschwester (Ü: Bruno Genzler), in der das Waisenmädchen Sofia entdeckt, dass sie das Herz eines Drachen in sich trägt und gegen einen dunklen Feind antreten muss. Von dieser ursprünglich fünfteiligen Reihe sind hier jedoch nur zwei Bänder erschienen.

2012 ist dann die Nina-Fantastik-Reihe von Moony Witcher erschienen (Ü: Julia Süßbrich/Gehring). Hinter dem Pseudonym verbirgt sich die Journalistin Roberta Rizzo, die die Reihe in Italien zwischen 2002 und 2017 herausgebracht hat. 2005 habe ich den ersten Teil begutachtet und – wie ich eben wieder nachgelesen habe – abgelehnt, weil er mir zu platt, zu esoterisch und ohne Zwischentöne geschrieben war. Mit einer altklugen Protagonistin, die immer gewinnt. Thienemann hat es fast zehn Jahre später wohl doch gefallen. Von den sieben italienischen Bänden sind vier auf Deutsch erschienen, zwei davon bereits vergriffen. Die weiteren Serien, die Witcher veröffentlicht hat, sind bei uns nicht übersetzt.

italienischeDass angefangene Reihen von den Verlagen nicht zu Ende geführt werden, ist mir mehrmals passiert: Im KJB-Bereich mit Pierdomenico Baccalarios Reihe Will Moogleys Geisteragentur (2009), von der ich zwei Teile übersetzt habe, aber nur einer davon je veröffentlicht wurde.
Das habe ich allerdings nie richtig verstanden, denn es war eine sehr witzige Reihe für Jungs über eine Agentur für Geister und Spukgestalten in New York, die unterschiedlichste chaotische Aufträge ausführen müssen (auch hier war das Cover bereits von Iacopo Bruno gestaltet, was jedoch den comicartigen Witz der Geschichte nur so gar nicht traf). Dass Will Moogley keine Leser in Deutschland fand, lag vermutlich auch daran, dass von Verlagsseite kein Marketingbudget für diesen Titel zur Verfügung stand. LETTERATUREN gab es damals noch nicht, sonst hätte ich ordentlich die Werbetrommel für diese liebenswert witzigen Helden gerührt.

italienischeZudem gab es mal den Auftakt einer Trilogie von Miriam Dubini, Aria. Das Schicksal fährt Fahrrad (2014), eine niedliche fantastische Engel-Geschichte, die in Rom spielte – aber leider nicht genügend Publikum fand.
Auch hier habe ich den zweiten Teil leider für die Schublade übersetzt. Aber auch das gehört zum Übersetzerinnendasein dazu.

Die Stillen

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Dann gibt es noch Autor_innen, die ins Deutsche übersetzt werden, die jedoch kaum Beachtung finden. So beispielsweise Fabrizio Silei mit Abseits. 1938. Ein Fußballer sagt Nein (Ü Edmund Jacoby, 2014) oder Nonno und der rosa Hund (Ü: Kathrin Wolf, 2016). Lediglich sein Buch Der Bus von Rosa Parks (Ü: Sarah Pasquay, 2011) wurde ein paar Mal besprochen und stand auf der Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2012, Sparte Sachbuch.

Mein filmreifer Sommer (Ü: Karin Rother) von Simona Toma von 2014 ist auch bereits vergriffen – und hat nicht einmal eine Bewertung auf Amazon.

Ohne Amazon-Rezension muss auch Paola Zannoners Ausgewechselt (Ü: Ingrid Ickler, 2012) auskommen. Dieses Buch kenne ich nicht, doch ich habe andere von Zannoner angelesen und begutachtet. Sie kamen nicht für eine Übersetzung infrage, da sie mir vom Erzählton her nicht gefielen (laut meinem Gutachten, also meinem Leseeindruck von damals, hat sie einen moralischen Ton und erzählt eher distanziert von oben herab).

italienischeNeulich habe ich hier den Roman Im Ghetto gibt es keine Schmetterlinge von Matteo Corradini (Ü: Ingrid Ickler, 2017) über die Kinder im Ghetto von Theresienstadt vorgestellt und den Autor dafür zu seinem Buch befragt. Seine Antworten, wie er diese tatsächlich passierten Ereignisse im Ghetto in einen Roman umgearbeitet hat, sind auf jeden Fall sehr aufschlussreich. Denn die Geschichten aus dem zweiten Weltkrieg und der Nazi-Zeit sind sicher nicht die Themen,  die Jugendliche aus eigenem Antrieb angehen.
Dennoch ist es wichtig, dass auch solche Bücher übersetzt werden, selbst wenn sie wenige Leser finden.

 

Die Comics und Graphic Novels

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Zum Schluss noch ein Mini-Abstecher noch zu den Comics. Italien hat eine langjährige Comic-Tradition, jedoch zumeist für Erwachsene. Da gibt es die Werke von Hugo Pratt (1927-1995, Ü: Harald Sachse/Resel Rebiersch), die spätestens seit den 80er Jahren hier bekannt wurden, Gipi (Ü: Giovanni Peduto) oder Zerocalcare (Ü: Carola Köhler), der vor zwei Jahren für den Premio Strega nominiert war. Doch auch Disneys Donald und Micky kommen zum Teil aus Italien (hier die Übersetzer_innen nachzuvollziehen sprengt für diese Format den Rahmen), ebenso wie die rosa Mädchen-Comics die Winx, die seit 2007 am Kiosk zu haben sind.

italienischeDiese Auflistung mag nun vielleicht nach sehr viel aussehen – ist es aber nicht, wenn man bedenkt, dass ich hier im Schnelldurchlauf mehr als 100 Jahre Literaturgeschichte abgehandelt habe. Sicherlich sind mir auch noch diverse Übersetzungen entgangen. Auf jeden Fall sind es natürlich längst nicht alle Publikationen oder Autor_innen, die in Italien selbst erschienen sind.
Es wäre ja aber auch absurd zu glauben, alle Bücher würden übersetzt werden. Zwar wundere ich mich manchmal, dass langjährige italienische Erfolgsautoren wie Roberto Piumini oder Bianca Pitzorno oder Premio-Andersen-Preisträger_innen nicht öfter ins Deutsche übersetzt werden, aber oft passen eben Inhalt, Erzählweise, pädagogischer Anspruch, italienische Lebens- und Erziehungswelten oder andere Fantasie- und Humor-Konzepte nicht zu deutschen Leser_innen.

2023 wird Italien Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. Bis dahin werden hoffentlich noch so einige italienische Bilder-, Kinder- und Jugendbücher übersetzt werden – auch wenn sie es anscheinend schwerer haben als Titel aus dem angloamerikanischen Raum.
Ich werde in der kommenden Zeit intensiver die Augen offenhalten, was es im Land noch an Geschichten und neuen Talenten zu entdecken gibt. Und dann liefere ich vielleicht ein Update zu Italiens KJB-Szene.
Bis dahin dürft ihr mir aber immer gern eure italienischen Lieblingsbücher nennen (unten im Kommentar oder direkt als Mail an mich), die ich hier vielleicht übersehen habe.

 

Im Hier und Jetzt

wilkeWelches Kind liest ein Buch über ein dickes Mädchen, einen Jungen mit Down-Syndrom und einen mit bunten Haaren, der ein Versprechen an seinen verstorbenen Opa halten will?
Hoffentlich ganz viele!

Jutta Wilkes Stechmückensommer ist so bittersüß, wie es der Titel bereits ahnen lässt. Eine Sommergeschichte, in schönster schwedischer Wald- und Seenlandschaft – jedoch voller quälender Mücken.
Die fast 14-jährige Ich-Erzählerin Madeleine, von allen nur Made genannt, berichtet als extrem gut beobachtende Zeitgenossin von ihren Sommerferien, die sie in einem Ferienlager – ohne die Eltern – verbringen soll. Die Eltern brauchen Zeit für sich, nachdem das zweite Kind tot geboren wurde. Madeleine selbst kann mit diesem toten Bruder, der nie gelebt hat, eigentlich auch nicht umgehen, doch hat sie niemandem, mit dem sie darüber reden kann. Sie fühlt sich unsichtbar, versteckt ihren dicken Körper unter Zeltkleidern und versucht, nur nicht aufzufallen.

Als sie sich auf einem Ausflug in ein Bergwerk früher in den Bus zurückzieht, lernt sie Julian kennen. Dieser klaut den Bus und will damit zum Nordkap, weil er es seinem kürzlich verstorbenen Großvater versprochen hat. Dass dieser Road-Trip zu einem ganz anderen Ziel führt, wird spätestens dann klar, als sich zu diesen beiden unfreiwilligen Reisegenossen auch noch der 16-jährige Vincent gesellt. Der trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Keep calm! It’s only an extra Chromosome“. Seine Eltern scheinen jedoch nicht so cool mit dem Extra-Chromosom umzugehen, verbringen sie doch nur die Ferien mit dem Sohn und schieben ihn die restliche Zeit des Jahres in ein Heim ab.

Mit anderen Worten: Hier treffen drei Jugendliche aufeinander, die alle ihr unbequemes Päckchen zu tragen haben. Als Leser möchte man sie alle drei drücken und trösten – und die Erwachsenen sonst wohin wünschen. Die drei selbst jedoch haben erst einmal keine Zeit fürs Trösten. Das Leben ist nämlich kein Ponyhof, und auch Bullerbü ist in Schweden nur noch schwer zu finden. So raufen sie sich mühsam zusammen. Madeleine kämpft gegen ihre Unsicherheit, Vincent führt allen vor Augen, dass er zwar das Down-Syndrom hat, aber eben kein Idiot ist, und Julian muss schmerzlich von seinem Vorhaben absehen, das Nordkap zu erreichen, und seine persönliche Schwäche eingestehen.

Die Erwachsenen spielen zum Glück keine Rolle bei dem Abenteuer dieses Trios, das zwischen Bäumen, Seen und festgefahrenem Auto sein Coming-of-Age erlebt und eine Ahnung davon bekommt, was im Leben wirklich wichtig ist – trotz all der traurigen Facetten, die das Leben prägen.

Sehr unaufgeregt entwickelt Jutta Wilke diese Geschichte, zeigt mit wunderbarer Leichtigkeit, dass Down-Menschen zu unserer Gesellschaft dazugehören – ohne dass sie mahnend den Inklusions-Zeigefinger hebt. Sie lässt Madeleine erkennen, dass auch sie trotz Übergewicht glücklich sein kann und sich eben nicht verstecken braucht. Und auch für Julian, der hinter all seiner Trauer noch ein weiteres Problem verbirgt, gibt es Hoffnung.

Überhaupt: Hoffnung und die Erkenntnis, dass der wichtigste Moment immer das Hier und Jetzt ist, das lässt einen beglückt zurück – und liefert jungen Leser_innen jede Menge Stoff zum Überdenken eigener Vorurteile, zur Diskussion, wie weit man gehen darf, und wie man sein Leben schließlich selbst besser gestaltet. Und wie wichtig richtig gute Freunde sind.

Jutta Wilke: Stechmückensommer, Knesebeck, 2018, 208 Seiten, ab 10, 15 Euro

Von wegen ausgestorben

Oje, ein Buch! Das werden wir bei LETTERATUREN schon von Berufung wegen nicht sagen – im Gegenteil. Dieses Bilderbuch mit ebenjenem Seufzer als Titel, ein Meta-Bilderbuch sozusagen, evoziert meinerseits Jubelschreie, so gut und besonders ist es. Und das obwohl oder gerade weil es ein klassisches Bilderbuch ist, 32 Seiten zwischen zwei farbigen, stabilen Deckeln, die Geschichte beginnt sofort nach dem Aufschlagen auf dem Vorsatzpapier und endet auch erst direkt, bevor man es nur noch zuklappen kann. Es ist ein Spiel mit den alten und neuen Medien und dem Umgang damit – und mit dem Medium Buch im Speziellen. Erdacht hat es sich der fabelhafte, immer wieder überraschende Schweizer Erzähler Lorenz Pauli, der vor allem für Werke gemeinsam mit der brillanten Illustratorin Kathrin Schärer bekannt ist, wie Pippilothek???, Rigo und Rosa oder jüngst Böse, eine vermeintlich nett daherkommende Tiergeschichte, die jedoch wie ein Schlag ins Gesicht ist und einen desillusioniert, aber umso klarsichtiger zu sich kommen lässt.

Diesmal hat Pauli sich mit Miriam Zedelius zusammengetan, die einen ganz anderen, wesentlich reduzierteren, aber nicht weniger raffinierteren Stil pflegt. Der passt in seiner nur auf den ersten Blick kindlichen, tatsächlich aber sehr ausgereiften Art perfekt zur Geschichte von Juri, der ein Bilderbuch geschenkt bekommt. Frau Asperilla soll es ihm vorgelesen. Weil diese aber nur noch an elektronische Geräte wie Tablets und Smartphones gewöhnt ist, muss Juri ihr (fast ungläubig, dass die Erwachsene so absolut keine Ahnung hat) erklären, wie ein Buch funktioniert, wie man es liest und so die Geschichte darin erfährt: Ein Buch „erzählt sich nicht“, wie Frau Asperilla es interessanterweise nennt und man muss es auch nicht anschalten, sondern fängt einfach oben links an vorzulesen und dann „umblättern, nicht wischen“. Allein dieser Hinweis ist schon entzückend. Auch kann man nicht durch charakteristische Spreizbewegungen zwischen Daumen und Zeigefinger einen Bildausschnitt vergrößern und ranzoomen. Und schon gar nicht kann man einfach so wegzappen. Natürlich könnte man aufhören zu lesen. Aber weil gute Bücher (und diese Geschichte und die Geschichte in der Geschichte) Leser und Zuhörer schnell in ihren Bann schlagen, will man wissen, wie es weitergeht, auch wenn es gruselig wird. Oder höchst unwahrscheinlich:

„HAPP!, machte die Maus und fraß das Monster.
Frau Asperilla ruft ins Buch hinein »Das geht doch gar nicht!«
Juri zuckt bloß mit den Schultern: »Doch, doch. Im Buch geht das.«
Frau Asperilla will wissen: »Findest du das denn gut so?«
»Das kommt darauf an, von welcher Seite man es anschaut …«

Besser als der neugierige, kluge und aufmerksame Zuhörer und Bilderbuchankucker Juri kann man den Reiz, das Faszinierende und Essenzielle von Büchern nicht beschreiben.

„Oh, ein Buch!“, dachte ich neulich erfreut. Dabei türmen sich bei mir zu Hause überall Bücherstapel. Aber selten finde ich dazwischen ein Kinderbuch, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es habe. Wilder Wurm entlaufen von Veronica Cossanteli ist mir vor einiger Zeit beim sinnlosen Versuch aufzuräumen in die Hände gefallen, und endlich habe ich es gelesen; die gebundene Ausgabe ist nämlich schon 2014 erschienen, jetzt ist es als hübsches Taschenbuch zu haben.

Dieses Buch ist grandios. Das sage ich jetzt nicht nur wegen der wirklich sehr fantasievollen Geschichte von wunderlichen mythischen oder eigentlich ausgestorbenen Tieren. Oder wegen der höchst sympathischen, charmant-schnodderigen jungen Helden sowie den durchweg bis in die kleinste Nebenrolle sehr lebendigen Charakteren. Oder der abwechslungsreichen Erzählung, in der sehr wahrhaftige Situationen wie folgende die Handlung vorantreiben: „In Filmen oder Büchern muss man nie im falschen Moment aufs Klo. Nur im wirklichen Leben.“

Darüber hinaus ist es von Ilse Rothfuss exzellent übersetzt und zwar wegen eines besonderen Kniffs. Es gelingt ihr, die Wortspiele, vor allem mit vielsagenden Namen, raffiniert ins Deutsche zu übersetzen, indem sie das englische Original stehen lässt, es aber im nächsten Satz wieder aufgreift und erklärt: So lernt der Leser, dass man wahrscheinlich nicht unbedingt mit Intelligenz glänzen muss, um den Job von Numpty Numbskull zu übernehmen, weil das Blödi Blödmann heißt. Und erschrickt, wenn einem die unheimliche Stiefmutter zur Begrüßung ein „die!“, also „stirb!“ entgegenschleudert, aber sich angeblich nur mit der Kurzform ihres Vornamens Diamond vorstellt.

Dieses Buch entlarvt die menschliche Arroganz gegenüber anderen Lebewesen und deren Bedürfnissen und dem nachvollziehbaren Wunsch, überleben zu wollen. Geschichte ist nämlich immer die der Sieger oder in diesem Fall die derjenigen, die andere vernichtet und ausgerottet haben. Für Außenseiter und Andersartige, Fremde und Exoten ist kein Platz auf dieser Welt. Der geheimnisvolle Junge Lo bringt es angesichts der aufgebrachten Kleinstadtbevölkerung auf den Punkt: „Ich kann es direkt riechen, die Wut und die Angst, den ganzen Hass. Der Mob hier ist gefährlicher als jeder Drache oder Basilisk. Die Welt verändert sich, aber die Menschen nicht. Es hört nie auf.“

„The Extincts“, die Ausgestorbenen, heißt das Buch im Original, beim Titel hat die Übersetzerin wahrscheinlich nicht mitreden dürfen. Aber von wegen: Drachen, Greife, Auerochsen, Schwanzbeißer, Dodos, Fischsaurier und Einhörner sind in dieser fantastischen Erzählung sehr lebendig und genauso wenig ausgestorben wie das Medium Buch. Und wir werden immer wieder beglückt rufen: „O ja, ein Buch!“

Lorenz Pauli: Oje, ein Buch!, Illustration: Miriam Zedelius, atlantis, 2018, 32 Seiten, ab 4, 14,95 Euro

Veronica Cossanteli: Wilder Wurm entlaufen, Übersetzung: Ilse Rothfuss, Carlsen, 2018, 288 Seiten,  ab 9, 7,99 Euro