Von Liebe und Loslassen

Pferd

Kiki tut alles für ihr Pferd. Sie gibt ihm Wasser und füttert es. Sie hält es warm. Sie striegelt es, kratzt die Hufe aus und flechtet Zöpfe in Mähne und Schweif. Sie putzt den Stall. Und dann machen sie diese fantastischen Ausritte, an Strand und Steilküste entlang, zu Wasserfällen und im Sonnenuntergang die Hügel hinauf. Bei Wind und Wetter und zu jeder Jahreszeit. Die beiden sind unzertrennlich. Große Liebe.

Ein Pferdebuch, aber ein ganz besonderes

Kein Zweifel, Kiki & ich ist ein Pferdebuch. Ein grandioses und ganz besonderes. Denn Leo Timmers erzählt aus der Sicht des Pferdes. Es beginnt mit der ersten Begegnung, als die schwarze Stute zögernd aus dem Anhänger steigt. »Die Klappe ging auf. Da war sie: Kiki.« Liebe auf den ersten Aufstieg. Innig drückt sich das kleine Mädchen an den Hals des freundlichen Tieres. »Sie musste sich erst mal an mich gewöhnen.« Die kleine Reiterin purzelt und rutscht vom Rücken des geduldigen Pferdes, das mindestens ebenso ebenso verblüfft auf die heruntergerutschte Kiki zurückblickt. »Aber Kiki lernte schnell.«

Bewegungsstudien in Schwarz-Weiß

Leo Timmers lässt die schöne Stute in dynamischen Schwarz-Weiß-Bildern erzählen, manche erinnern an Bewegungsstudien, bewegte Bildern aus dem gemeinsamen Leben von Kind und Pferd. Kiki hat, typisch für Timmers Stil, etwas knuffiges an sich, mit relativ großem Kopf und Stupsnase, ein selbstbewusstes, quicklebendiges Wirbelwindmädchen.

Kulleraugen und umwerfende Mimik

Die Stute dagegen ist für die Verhältnissse des niederländischen Kinderbuchautors und Illustratoren sehr ausdiffernenziert und naturalistisch gezeichnet. Kräftige Muskeln zeichnen sich unter dem fein gestrichelten schwarzen Fell ab. Die Bewegungen sind dynamisch, lebendig und mitreißend. Dieses Pferd hat ein sehr ausdrucksstarkes Gesicht. Freude. Überraschung, Interesse, Mitgefühl oder auch mal Unbehagen, die Mimik ist umwerfend. Nur die runden Kulleraugen sind typisch Leo Timmers, doch es ist erstaunlich, wie viel sich darin ablesen lässt.

Bilder, in die man eintauchen möchte

Absolut fantastisch sind die doppelseitigen farbigen Panoramabilder der gemeinsamen Ausritte: Diese Seiten sind wahre Kunstwerke in Breitband und Technicolor, wunderschöne Landschaftsgemälde, in die man eintauchen möchte. In wildem Galopp geht es durch hohes Gras, durch spritzende Gischt am Strand, vorbei an friedlich grasenden Schafen, unter farbenprächtig schwindendem Tageslicht. Mal entkommen die beiden nur knapp wilden Gewitterblitzen, mal beobachten sie bei Vollmond von den Klippen aus, wie ein Wal in den Ozean eintaucht. Gemeinsam rasten sie unter einer Brücke, ein berückende Idylle.

Eines Tages ist alles anders

Das könnte immer so weiter gehen. »Ich dachte, es würde immer so bleiben. Aber eines Tages änderte sich alles.« Kiki hat nur noch Augen für einen Jungen. Ihr Pferd ist lediglich das Transportmittel. Die jungen Leute rudern zu einem Leuchtturm. Das Pferd bleibt traurig und allein am Strand zurück. »Ich sah Kiki immer seltener. Wir waren nicht mehr zusammen unterwegs. Sie erzählte mir keine Geheimnisse mehr.« Es folgt ein Doppelseite mit vier schwarz-weißen Pferdeprofilen, die immer diffuser werden und sich zunehmend aufzulösen scheinen. »Ich hatte mich noch nie so einsam gefühlt.«

Doppelte Coming-of-Age-Geschichte

Leo Timmers erzählt in diesem Buch, das sein persönlichstes ist, von Liebe, Vertrauen und tiefer Verbundenheit. Und von Verlust und Loslassen. Es ist eine Coming-of-Age Geschichte in doppeltem Sinn. Mit einem liebevollem und zeitlos wahrem Ende. Denn die Stute bleibt nicht allein, sondern bekommt einen Gefährten, obwohl das nun nicht mehr kleine Kind den Kummer des Tieres nicht sieht oder sehen kann. Doch ihr Vater übernimmt Verantwortung und und der gescheckte Hengst Bruno kommt als Vertrauter dazu.

»Kiki hatte mich auch vermisst«

»Ich erzählte Bruno, was passiert war. Dass Kiki weg war und ich nicht wusste, ob sie je wiederkommen würde. Bruno sagte, bestimmt würde alles wieder gut.« Und tatsächlich: »Er hatte recht. Denn eines Tages stand Kiki plötzlich wieder vor mir. Ich war so froh, sie zu sehen. Kiki hatte mich auch vermisst.« Zum Schluss sieht man zwei Pferde und zwei junge Leute in den Sonnenuntergang galoppieren.

Kinder gehen eigene Wege. Und kommen irgendwann zurück

Timmers erzählt klar und berührend. Eva Schweikart, die als Übersetzerin auf der Titelseite steht, so soll es sein, hat die von Timmers dem Pferd in den Mund gelegten Worte zärtlich und schön aus dem Niederländischen übertragen. Denn hier geht es nicht nur um ein Mädchen und ein Pferd. So ist es auch mit Eltern und ihren erwachsen werdenden Kinder. Erst ist man unzertrennlich, doch dann gehen Kinder ihre eigenen Wege. Sie lernen andere Menschen kennen. Machen ihr Ding. Probieren sich aus. Eltern lernen loszulassen. Und irgendwann, wenn man es als Mutter oder Vater nicht völlig verbockt hat, kommen die Kinder zurück. Und man kann noch sehr viel Freude miteinander haben.

Leo Timmers: Kiki & ich, Übersetzung: Eva Schweikart, aracari Verlag, 2026, 68 Seiten, 20 Euro, ab 3 Jahre

Kimchi, Kaffee, Liebe

Stuxx

Am Abend saßen wir in der Küche, Papa, Lila und ich. Papa war ziemlich müde, ich ebenfalls. Lila aber war ziemlich aufgekratzt und erzählte, was alles passiert war am Tag. In ihrem Leben passierten andauernd aufregende Dinge: Theo hatte ihr ein Geld geschenkt, oder bei einer ihrer Puppen war ein Arm ab, oder Jona hatte sie geboxt, voll auf die Nase, das war niss lustig.
»Das war niss lustiss!«, bemerkte sie.
Sie war erst vier, aber sie erzählte und erzählte, sie kannte alle möglichen Wörter und sprach sie fast alle richtig aus. Nur wenn sie etwas nicht lustig fand, sagte sie es wie früher, als sie noch winzig war und in die Windel kackte.
Papa guckte sie freundlich an und rieb sich die Augen.
»Das war niss lustiss!«, sagte Lila noch einmal, damit er es endlich kapierte.
»Nee, kann ich mir vorstellen«, sagte Papa. »So voll auf die Nase …«
Lila bekam plötzlich Mitleid mit sich selbst und fing an zu weinen. Das dauerte aber bloß ein paar Sekunden, dann war sie schon wieder bei was anderem.

Einiges nicht lustig

Im Leben von Stuxx ist einiges wirklich nicht lustig. Und das verfliegt auch leider längst nicht so schnell wie der Kummer seiner kleinen Schwester. Vor vier Jahren ist seine Mutter weggegangen und hat seinen Vater, die damals erst sieben Wochen alte Lila und ihn zurückgelassen. Ohne eine Erklärung. Die Schule interessiert ihn nicht, die Lehrer haben ihn auf dem Kieker, Stuxx träumt lieber von Straßenkreuzern aus den 60er Jahren. Vor Kurzem ist die Familie aus einer anderen Stadt hergezogen, in eine absolut öde Gegend, waste land. Die Pubertät rückt dem 13-Jährigem mit Pickeln, schlechter Laune, Müdigkeit und Missfallen an Kopf und Gesicht zu Leibe. Und Stuxx ist verliebt in Luzie Karsunke.

Unscharf nachdenken

Das ist die Ausgangssituatioin von Will Gmehlings erstem und sehr famosen Jugendroman. Also schwänzt Stuxx, wie ihn alle nennen (außer den Lehrerinnen und Lehrern, die sagen Stefan), den Unterricht und erkundet auf seinem Schrottrad die Stadt. Eigentlich kommt die kleine Familie ganz gut klar. Zwar ist sein Papa schon ziemlich krumm. Geld reicht auch immer nur so gerade eben. »Er war nicht besonders gern am Leben, aber er war trotzdem freundlich zu mir«, bringt Stuxx das friedliche Zusammenleben auf den Punkt. Obwohl Stuxx meist zunächst Keine Ahnung, oder zur Abwechslung weiß nicht sagt, ist das, was er dann gelegentlich antwortet, treffsicher. Das liegt auch daran, dass er ziemlich viel nachdenkt. »Unscharf nachdenkt«, wie Stuxx sagt. Mangels Ruhe und eigenem Zimmer, weil er sich ein kleines Kinderzimmer mit Lila teilt. Virginia Woolf würde ihn sofort verstehen.

Wer einmal jemanden im Stich lässt …

Aber dann meldet sich plötzlich, nach vier Jahren ohne ein Lebenszeichen, »die Frau, die seine Mutter war«. Sie möchte die Familie besuchen und ihre Kinder sehen. Ausgerechnet jetzt, wo so einiges passiert in Stuxx‘ Leben, er verschiedenste Leute kennenlernt, ungeahnte Fähigkeiten entdeckt. Und anfangen könnte, sein Leben in die Hand zu nehmen. Und überhaupt: »Wer einmal jemanden im Stich lässt, der tut das auch gern ein zweites Mal.«

Gong mit dem komischen Gang

Andere Menschen sind jetzt wichtiger, zum Beispiel Gong. Koreanischer Mitschüler mit köstlichem Kimchi in der Pausenbrotdose. Und »mit dem komischem Gang. Er lief kerzengerade durch die Gegend, fast ein bisschen steif, doch seine Arme schlenkerten aufgeregt vor und zurück. Wenn er über den Schulhof ging, gab es immer irgendeinen Vollpfosten, der ihn nachmachte, und die anderen Vollpfosten krümmten sich vor Lachen und riefen: Go, Gong, go!« Auch Gong ist verliebt. In den attraktiven Mitschüler und talentierten Fußballspieler Eren.

Klassismus und Queerness en passant

Man ahnt, wo Will Gmehlings Geschichte hinläuft: Zwei Außenseiter, einer schwul, der andere aus prekären Verhältnissen, mindestens einer wird dann bestimmt schlimm gemobbt. Und der andere muss nach einigem Zögern Position beziehen. Und dann schlagen sie zusammen zurück. Oder auch nicht … Und schon ist man in die erste, selbstgestellte Klischeefalle getappt. Es kommt nämlich immer anders, als man denkt. Genau das macht Will Gmehlings Roman so ungeheuer charmant: Zwar geht es auch um Klassismus. Und Queerness. Und Coming-of-Age. Doch der für seine Kinderbücher bereits mehrfach ausgezeichnete Autor erzählt in diesem wunderbaren Jugendroman davon en passant.

Nicht immer auf die Marmeladenseite

Vor allem ist Stuxx eine Geschichte voller überraschender Wendungen, interessanter Begegnungen und erfrischender Erlebnisse. Gänzlich frei von Stereotypen und Klischees. Mit viel unerwarteter Freundlichkeit, Fairness und Wärme. Und der Erkenntnis, dass das Brot nicht immer auf die Marmeladenseite fällt. Und nicht alle Menschen gemein, ignorant und egoistisch sind. Fürchterlich fiese gibt es natürlich auch. Aber sie müssen nicht immer gewinnen.

»??«

Manche lesen magischen Realismus in Stuxx. Ein Begriff, zu dem Stuxx, wie in diversen Dialogen »??« sagen würde. Auch ein schönes Detail: Dass Stuxx etliche Begriffe nicht kennt, zum Beispiel synchron, Ornithologe oder die Redewengung, das eigene Licht nicht unter den Scheffel stellen. Es macht sich aber keiner darüber lustig, man sagt einfach gleichzeitig, Vogelkundler, oder sich nicht unter Wert verkaufen. Weiter geht’s. Diese Art, Sprache bewusst zu machen, und der unprätenziöse Umgang damit zeugen von besonderer sprachlicher Finesse.

Killerpitbull und rumpelnde Restmülltonnen

Nochmal zum vermeintlichen magischen Realismus: Stuxx spricht mit dem ungerührt dahinströmenden Fluss, mit einem zähnefletschenden Killerpitbull, mit seinem Spiegelbild und eines Vormittags auch mit drei rumpelden Restmülltonnen. Das sind kluge und gewitzte Selbstgespräche und Reflexionen, die Stuxx selbst-bewusster werden lassen. Ein weiteres raffiniertes Stilmittel. Nicht zuletzt lebt dieser Roman von den drei liebenswerten, jugendlichen Helden: der zurückhaltende, nachdenkliche, manchmal schwärmerische Sohn, große Bruder, Freund und verliebte Junge Stuxx. Der sehr schlaue, nie besserwisserische, poetische, optimistische und für alle Ballsportarten hoffnungslos unbegabte Gong. Und die spröde, gradlinige, auch wütende und verletzliche Luzie. Stuxx gibt auf leise, glaubwürdige und zauberhafte Art einem ein bisschen den Glauben an das Gute im Menschen wieder. Nebenbei könnte das war niss lustiss zum geflügelten Wort werden.

Will Gmehling: Stuxx, Peter Hammer Verlag, 2026, 288 Seiten, 17 Euro, ab 13 Jahre

Kleine Löwen, große Themen

Katze

Die Katze ist verschwunden. Georg war schon öfters verschwunden. Aber noch nie für so lange. Und so begeben Kind und Vater sich auf die Suche nach Georg.
Sie fragen die Nachbarin. Und klappern Plätze ab, wo der Kater regelmäßig rumstromert. »GEORG! Wir rufen. Und wir horchen.«
Dann sehen sie auf der Straße Bremsspuren. »Genau hier überquert Georg immer die Straße. Ist das ein Blutfleck?« Dem Kind mit dem großen Kopf und den großen, schwarzen Augen schwant nichts Gutes. Vielleicht ist Georg von einem Auto angefahren worden und hat sich irgendwo versteckt. Doch im Gebüsch entlang der Straße ist die Katze auch nicht.

Was passiert mit denen, die sterben?

Der Vater bereitet behutsam und sensibel, dabei klar verständlich und ohne zu verharmlosen, sein Kind auf das Schlimmstmögliche vor. »Wenn wir ihn nicht finden … sagt Papa. Dann ist Georg vielleicht … tot. Tot?« Manchmal werden Katzen überfahren. Oder von anderen Tieren gefressen, erklärt der Vater. »Im Fernsehen hat jemand gesagt, dass Katzen eigentlich kleine Löwen sind. Löwen sind doch unbesiegbar, Oder etwa nicht?« Was bedeutet das eigentlich: Sterben. Tod. »Was passiert mit denen, die sterben?«

Niemand weiß es

Der norwegische Kinderbuchautor Ragnar Aalbu hat mit Auf der Suche nach Georg ein geradezu existenzialistisches Buch über das Sterben geschrieben, einfühlsam und berührend. Absolut ehrlich und klug erklärt der Vater, dass niemand weiß, was geschieht: »Manche Leute glauben, dass alles zu Ende ist, wenn man stirbt. Dass man dann einfach für immer … weg ist. Andere glauben, dass man nach dem Tod an einem anderen Ort ist. Niemand weiß es. Im Grund wissen wir nur, dass wir dieses Leben haben. Und eines Tages ist es zu Ende.«

Tut weh, macht wütend und frustriert

Die Vorstelliung, dass Georg für immer weg sein könnte, macht das Kind ungeheuer traurig. Und sehr wütend: »Es ist ungerecht. Der Tod ist doof. Er macht alles kaputt.« Allein schon diese furiosen philosophischen Dialoge machen Ragnar Aalbus Geschichte lesenswert, selten liest man in Kinderbüchern so offen und ungeschönt über den Tod, eine Tatsache, an die man sich mit zunehmenden Alter gewöhnt (oder immer effektiver aus den Gedanken verdrängt). Aber der Tod bleibt unbegreiflich. Und der Schmerz über den Verlust eines geliebten Lebewesens ist absolut und unvergleichbar mit allem anderen. Wir müssen damit leben. Aber es tut weh, macht wütend und frustriert. Kinder umso mehr. Schaurig schön bringt es Mephisto in Goethes Faust auf den Punkt: »Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.«

Diffuser Weißraum, Auslassungen, Lücken

Die Bilder, die Ragnar Aalbu zur Suche nach Georg geschaffen hat, sind soviel mehr als bloße Illustrationen. Sie erzählen die Geschichte noch einmal stimmig, stimmungsvoll, zeitlos wahr und voller Dramatik. Die Farben sind winterlich, kahle, rieisge Baumstämme in Schwarz und Braun. Das verbliebene Grün am Ufer und der Büsche am Straßenrand ist abgetönt und verfärbt, eher eine Erinnerung an die lebendige Farbe von Frühling und Sommer. Die Bilder wirken wie durch Siebdruck oder mit Airbrush Technik entstanden und dann digital ausgeschnitten. Es gibt keine scharfen Konturen. Dafür sehr viel diffusen Weißraum, Auslassungen, Lücken, im Wald wirken weiße Längsstrukturen wie Negativaufnahmen von Bäumen, die bereits verschwunden sind.

Kinderwagen, Rollator, Friedhof

Aalbu spielt mit sich verändernden Größenverhältnissen. Je länger die Suche dauert, desto verlorener wirken das Kind und auch der Vater in der Umgebung. Eingestreut sind kleine Details und Randszenen. Anfangs sehen wir den verwaisten Kratzbaum und ein liegengebliebenes Katzenspielzeug. Als der Vater davon spricht, dass Katzen manchmal von anderen Tieren gefressen, sieht man am unteren Bildrand einen Fuchs, der ein Eichhörnchen jagt. Es ist die alte Geschichte vom Fressen und Gefressen werden. Und dann zeigt der norwegische Bilderbuchkünstler noch eine größere, menschengemachte Gefahr für Katzen und auch für Kinder: das die Doppelseite durchschneidende, schwarze Band der Straße. Beim Dialog über Leben und Tod sieht man Kinderwagen und Babies, einen toten Vogel, alte Menschen mit Rollator, Baustellen und verfallene Gebäude, einen Friedhof. Der ewige Kreislauf von Entstehen und Vergehen, Und eine Bahnhofsuhr, Sinnbild verrinnender Zeit.

Mit Katzen existenzielle Themen erzählen

Trotz des ernsten Sujets hat dieses Buch eine besondere Schönheit und Leichtigkeit, dank seiner liebenswerten Figuren und der durchlässig, mit viel assoziativem Freiraum gestalteten Bilder. Nach Herr Ernst kauft eine Katze ist dies eine weitere kuriose und zauberhafte Katzengeschichte aus dem Kraus Kinderbuch Verlag, in der über die kleinen Löwen und mysteriösen Tiere elementare Themen erzählt werden.

Ragnar Aalbu: Auf der Suche nach Georg, Übersetzung: Katrin Frey, Kraus Kinderbuch, 2026, 40 Seiten, 18 Euro, ab 4

Ein Hauch Freiheit

Kann man etwas vermissen, das man gar nicht kennt? Man kann. Da ist ein blinder Fleck auf der Landkarte meiner Identität, den ich nicht mehr aushalte.« Aus diesem schon länger in ihr schwelendem Gefühl bittet Roya Soraya 2019 ihren Vater, mit ihr in sein Herkunftsland, den Iran, zu reisen. Aufgewachsen ist Soraya in Deutschland, als Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters. Sie spricht kein Persisch und versteht die Sprache kaum. Sie mag die ausgiebigen Essen bei der iranischen Verwandtschaft, als Kind kuschelt sie mit der Großmutter auf dem Sofa und guckt gemeinsam deutsche Vorabendserien. Doch sie hätte gern mehr über diesen Teil ihrer Familie erfahren und damit auch mehr über sich.

Reisetagebuch, Familiengeschichte und politischer Essay

Das wird sie auf der gemeinsamen Reise. Allerdings anders als gedacht. Und doch: »Ich habe das Gefühl, als sei etwas in mir zur Ruhe gekommen«, schreibt sie. Jetzt ist ihr autobiografischer Comic Wind in meinem Kopftuch erschienen. Und der ist ganz viel: spannendes Reisetagebuch und bewegende Familiengeschichte, politischer Essay und liebevolle Erinnerung an ihren Vater, der ein Jahr nach der Iranreise an einem Herzinfarkt gestorben ist.

Filmisch erzählt

Roya Soraya erzählt einerseits in kraftvollen Bildern, offenherzig, frisch, mit leisem Humor und leichter Wehmut. Dabei verzichtet sie fast vollständig auf klassische Panels. Ihre Erzählweise ist eher filmisch, mit Totalen von herb-schönen Landschaften oder wuseligen und dichten Stadtpanoramen. Sie zeigt viele intensive, mal beklemmende, mal lustige, immer sehr lebendige Szenen und Begegnungen, bei der Passkontrolle, auf den Straßen, im Nachtzug, im Bazar oder Restaurant. Vor nachtschwarzem Hintergrund visualisiert die Illustratorin gruselige Albträume und traumhafte Wiederbegegnungen mit dem verstorbenen Vater. In einer fantastischen Tanzsequenz bewegt Soraya sich im Pas de deux mit Bildern ihres Vaters über mehrere beschwingte Seiten. Wichtige Erinnerungsstücke, Souveniers, Kleidungsstücke oder Details bekommen genug Raum, um ihre Bedeutung für die Geschichte und ihre Protagonisten herauszustellen.

Dialoge, denen man gern zuhört

Roya Soraya ist eine Comic-Autorin, eine sprachgewandte und viruose Erzählerin. Der Plot ist klug konstruiert. Raffiniert, doch gut nachvollziehbar springt die Autorin zwischen verschiedenen Zeitebenen und verknüpft assoziativ Reiseerinnerungen und Momente der Trauer, politische Ereignisse und private Erlebnisse. Die Dialoge sind authentisch und mitreißend, man hört Tochter und Vater gern und mit großem Interesse zu. Hier klingt viel von der liebevollen Beziehung der beiden zueinander an. Aber auch von ihrer jeweiligen Zerrissenheit gegenüber dem mittlerweile (Vater) oder bleibend unbegreiflichen, auch verstörendem Land. Was für eine brillante Erzählerin Roya Soraya ist, zeigt sich, wenn ein junger Mann, kein geübter Leser und bestimmt kein Fan von Graphic Novels, auch am Iran und einer Tochter-Vater-Beziehung kaum interessiert, Wind in meinem Kopftuch fasziniert in einem Schwung durchliest.

Wunderbar vielsagendes Titelbild

Don’t judge a book by looking at it’s cover – man soll ein Buch nicht nach dem Titelbild beurteilen, eigentlich. Bei Graphic Novels relativiert sich diese Empfehlung schon etwas, weil das Cover unter anderem schon den Stil des Comics andeutet. Bei Wind in meinem Kopftuch würde man sich um das erste Vergnügen bringen, wenn man den Einband vernachlässigt. Roya Soraya hat hier bereits ein wunderbar vielsagendes Kunstwerk geschaffen: Mehrere dunkel verschleierte Köpfe von schräg oben, dazwischen sieht man das ernste, leicht verunsicherte, aber auch neugierig, offen und erwartungsvoll nach oben blickende Gesicht einer jungen Frau. Um ihren Kopf flattert ein lilanes Kopftuch. Umgeben ist sie von starr und unbeteiligt blickenden Frauen unterschiedlichen Alters, nur eine jüngere beobachtet sie kritisch, auch etwas neidisch, aus den Augenwinkeln.

Einiges durcheinandergewirbelt

Dazu der Titel Wind in meinem Kopftuch. Hier schwingt soviel mit, allein schon dass ein Kopftuch nie nur ein Stück Stoff ist. Der ursprüngliche Projektname war profan Iran Buch oder auch Iran Reisebuch, wie Roya Soraya erzählt. Drei Jahre nach ihrer Reise, während ihre Graphic Novel entsteht, erkennt Roya Soraya angesichts der Bilder von der kurzen feministischen Revolution im Iran, als sich im Rahmen der Frau-Leben-Freiheit-Proteste Frauen das Kopftuch herunterrissen, es öffentlich verbrannten und die Haare abschnitten: »Das Kopftuch war nur die Spitze eines Eisbergs aus Gewalt, Korruption und Tyrannei.« Ihre Erfahrungen im Iran haben tatsächlich einiges durcheinandergewirbelt im Kopf, im Leben und im Selbstverständnis der jungen Frau, Autorin und Künstlerin.
Und ihr berührendes Buch in den Köpfen und in den Herzen ihrer Leserinnen und Leser.

Roya Soraya: Wind in meinem Kopftuch, Carlsen, 2026, 192 Seiten, 25 Euro, ab 12 Jahre

Coldcase herzerwärmend

Das muss man sich erstmal trauen: In einem Comic für junge Leser von einem Coldcase zu erzählen. Obwohl, wer wenn nicht Josephine Mark kann ein lange zurückliegendes, unaufgeklärtes Verbrechen zu einer ebenso spannenden wie berührenden Geschichte machen?!
Die Comickünstlerin Josephine Mark hat bereits die Erfahrung einer Chemotherapie in Trip mit Tropf in einen mitreißenden und entzückenden Road Trip verwandelt. Red heißt ihr neues Werk. Da denkt man natürlich gleich an Rot wie Blut. Tatsächlich wird nur ein kleiner Tropfen davon zur Initialzündung, um einen alten Fall wieder aufzurollen. Doch es beginnt zunächst in einer eiskalten, tiefverschneiten Winternacht. Mit einem jaulenden Sirenenton. Und einem Toten, nackt, schwer betrunken gestürzt und erfroren. Red ist der Name des kaltgestellten Mannes.

Blut, Menschenblut

30 Jahre später erschallt erneut ein schrilles Jaulen durch die Nacht: Ein kleiner, struppiger und dreibeiniger Hund wird von zwei fiesen Waschbären gejagt. Verzweifelt kratzt er an der Tür der alten Rosa. Die schlägt die Angreifer in die Flucht und gewährt dem Opfer Obdach, aber »Nur eine Nacht!« Und hätte ihn sicherlich auch hochkant am nächsten Morgen rausgeworfen, wenn Dreibein nicht Blut, Menschenblut erschnüffelt hätte. Hinter einer Tür in einer Kammer unter der Treppe, an einer alten, karierten Jacke von Red, Rosas Mann.

Augen zu Schlitzen verengt

Und so kann sich der kleine Hund mit dem kuscheligen Namen Friedwart Plüschmann doch noch nützlich machen. Gemeinsam gehen die grantige Rosa und der freundliche Friedwart dem Rätsel um Reds Tod auf den Grund, bis in die Tiefen seines Grabs. Rosa sieht bereits auf dem Titelbild des imposanten Comicbandes wie die ruppige Version von Miss Marple aus, in Gestalt der burschikosen Margaret Rutherford in den alten Schwarz-Weiß-Verfilmungen von Agatha Christies Krimiklassiker: knielanger Tweedrock, Wollcape um die Schultern, die Augen zu skeptischen schmalen Schlitzen in Form eines durchgehenden Strichs verengt.

Faible für Antihelden

Das ist ein Markenzeichen Josephiine Marks: Die verschlagen oder wütend und grollend oder skeptisch zu Schlitzen verengten Augen, nur ein Querstrich. Nur kleine, offenherzige Tiere haben Punkte oder längsovale Tupfer als erkennbare Augen. Ein weiteres Merkmal Marks ist ihr Faible für Antihelden. Angefangen mit dem gewissenlosen und kaltblütigen Banditen Murr, der alles und jeden abknallt und abzockt. Bis er den Tod, durch den die Liebe und den Schmerz, und schließlich sein Herz (und die Lyrik) entdeckt.
Oder der schnodderige, coole und einzelgängerische Wolf in Trip mit Tropf. Auch der wirklich seinem Namen alle Ehre machende Bärbeiß ist im zusammen mit Annette Pehnt neu erzähltem, gleichnamigen Kindercomic die interessanteste Figur. Und jetzt also die kaltschnäuzige Rosa, unverblümt, direkt, zupackend und auch mal zuschlagend.

Kuriose Kapriolen

Dazu die üblichen Verdächtigen, ein Gruselkabinett dunkler Machenschaften: ein von Mord und Totschlag leicht durchgeknallter Polizist, ein versoffener Arzt und Gerichtsmediziner, ein Varietébetreiber und Spelunkenwirt sowie eine abgebrühte Nachtclubkünstlerin. Ein ganzer Haufen Antihelden also, und alle mit einer interessanten Geschichte. Marks Erzählung sprüht nur so vor kuriosen Kapriolen, kühnen Wendungen und skurillen Einfällen.

Für Fans der Rechtsmedizin

Dieser Coldcase springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her, bis zum hitzigen Showdown. Soviel sei verraten: Das eigentliche Verbrechen war es, eine junge, liebevolle und gutherzige Frau zu einer sarkastischen, bärbeißigen und desillusionierten Einzelgängerin zu machen. Aber das ist nicht das Ende … Josephine Mark erzählt in packenden Bildern, tiefsinnig, mit trockenem Humor und viel Herzblut. Es finden sich Leckerlis für Fans der Rechtsmedizin und lateinische Wortwitze. Es lohnt sich, Red gleich noch einmal zu lesen.

Nonchalante Selbstzitate

Nonchalant zitiert Mark auch mal sich selbst, sei es Murrs Erkenntnis über den Wert des Lebens angesichts des Todes. Oder das grandiose Schlussbild aus Trip mit Tropf: Ein Grummelkopf und ein kleines Tier von hinten, mit Blick auf ein weites Panorama und eine vielversprechende Zukunft.

So wird aus einem Coldcase ein herzerwärmender Comic.

Josephine Mark: Red, Kibitz, 2025, 248 Seiten, 26 Euro, ab 12 Jahre

Im Angesicht Agathes

Es ist schon etwas Besonderes, wenn die Heldin eines Kinderbuches gut 80 Jahre alt ist. Zwar gibt es mal eine uralte Großmutter. Die kann dann aber auch mehr als ein bisschen tüdelig sein, um Kindern das komplizierte Thema Demenz zu erklären. Die betagte Agathe aber krabbelt im neuen Kinderbuch der vielfach ausgezeichneten Antje Damm munter herum. Sie ist nämlich, wie der Untertitel verrät, eine Schildkröte.
Agathe. Papas Schildkröte und ich ist Autobiografie, Sachbuch und Familiengeschichte in einem. Antje Damm ist diese Kombination hervorragend gelungen. Die lange Entstehungszeit hat sich auf jeden Fall gelohnt. Die griechische Landschildkröte war schon lange da, bevor Antje Damm im Jahr 1965 geboren wurde. Ihr Vater, einst ein Tiere und Natur liebender Junge, hat sie mit einem genialen Trick in sein Leben, das seiner Tochter und deren Töchter, seinen Enkelkindern, gebracht.

Keine Haustiere!

Allein das ist schon eine Geschichte wert. Seine Mutter, Antje Damms Großmutter, war nämlich strikt gegen ein Haustier: »1. Haustiere machen Dreck. 2. Sie stinken. 3. Sie fressen einem die Haare vom Kopf. 4.Sie machen Krach. 5. Sie brauchen Platz. 6. Und sie machen soviel Arbeit!« zeigt Damm ihre Großmutter zeternd. »Aber meinem Papa war das egal!«, schreibt sie in großen Buchstaben auf der gegenüberliegenden Seite über einen kleinen und sehr entschlossen blickenden Jungen.

Geschenk zum Muttertag

In der Tierhandlung kauft er eine Schildkröte. Ein Tier, das jedes Argument aufs Schönste widerlegt. Und schenkt es seiner Mutter liebevoll verpackt zum Muttertag. Damals war Agathe noch so groß wie ein Fünfmarkstück, was als alte, ausgeschnittene Fotos, in Originalgröße nebeneinander gelegt, sehr niedlich aussieht. Für heutige Kinder in Euro, oder eher bargeldlosen Zeiten: das entspricht knapp drei Zentimeter Durchmesser. Und so stakste Agathe in die Herzen von mehreren Generationen. »Sie ist ungefähr 20 cm lang, wunderschön und klug und sehr still«, schreibt Damm.

Inspiration für ein vielfältiges Gesamtkunstwerk

»Ohne sie hätte ich nicht begonnen, Kinderbücher zu schreiben, denn durch die Geschichten, die ich mit ihr erlebt habe, entstand mein allererstes Bilderbuch. Es wurde allerdings nicht gedruckt«, erzählt die studierte Architektin Antje Damm zu Anfang. Gut, dass sie sich nicht hat entmutigen lassen. Und umso schöner, dass jetzt derjenigen, die Inspiration und Ursprung eines vielfältigen und grandiosen Gesamtkunstwerks ist, ein eigenes Buch gewidmet wird.

Comic, Schautafeln, Grundrisse

Auch in diesem Buch verwendet Damm verschiedene, sehr individuelle Gestaltungstechniken und für sie typische Illustrationsstile. Es gibt comicartig gezeichnete Episoden und Kindheitserinnerungen, lustige, traurige und auch peinliche. Dazwischen sieht man auf detailierten Schautafeln, was Agathe am liebsten isst. Oder wie technisch ausgereift ihr Schutzhaus im Garten mittlerweile ausgestattet ist. Oder der spezielle Kühlschrank, in dem Agathe überwintert. Hier kommt Damms ursprünglicher Beruf als Architektin ebenso zur Geltung wie im Grundriss des Hauses und der Nachbargrundstücke, als die Familie mit Agathe aus der Stadtwohnung auf Land zieht.

Mettigel und Toast Hawaii

Zahlreiche Fotos aus dem Familienalbum zeigen Agathe unterschütterlich im Wandel der Zeit. Collagen mit kulinarischen Modeerscheinungen wie Mettigel und Toast Hawaii oder der ikonische VW Käfer, bunte 70er-Jahre Kinderklamotten, in Versuchung führende Barbiepuppen und mit Glanzbildchen verzierte Schulaufsätze – Agathe hat alles gesehen. Sich selbst dagegen hat sie oft unsichtbar gemacht, die abendliche Suche nach ihr im Garten war ein regelmäßiges Familienritual. Einmal war sie richtig ausgebüxt und über acht Wochen verschwunden.

Zehen hat sie zum Fressen gern

Es gibt zahlreiche Anekdoten mit Agathe, etwa warum die Familie in Antje Damms Kindheit nur einmal in den Ferien weggefahren ist und fortan den Sommer entspannt zu Hause im Garten verbrachte. Oder Agathes mit Fotos belegte Freundschaft mit einer Taube. Antje Damm erzählt lustig und ungeheuer liebevoll von dem stillen Familienmitglied. Auch von deren Macken: »Wenn es warm ist, ist sie immer auf der Suche nach etwas zu fressen, und wenn man in ihre Nähe kommt, untersucht sie sofort die Füße. Das ist auch das einzige, wo sie drankommt. Wenn man im Sommer barfuß geht, muss man wirklich aufpassen, dass sie einen nicht in den Zeh beißt. Sie liebt Zehen über alles und keiner weiß, warum.«

Wirklich kein Haustier

Mann wünscht sich, dass Agathe noch viele Sommer in Zehen beißt. Allerdings ist mit gut 80 Jahren die Lebenserwartung selbst für griechische Landschildkröten mittlerweile erreicht. Und wenn Kinder jetzt von einer eigenen Schildkröte träumen, so mahnt Antje Damm auf der letzten Seite: »Schildkröten sind wunderbare Tiere und am allerbesten geht es ihnen in ihrem ursprünglichen Lebensraum und nicht in der Gefangenschaft als Haustier.« Das Vergnügen an dieser wunderbaren Lebensgeschichte mit einer entzückenden Heldin mindert das keineswegs.

Antje Damm: Agathe. Papas Schildkröte und ich, Moritz Verlag, 2026, 72 Seiten, 18 Euro, ab 6 Jahre

Protest ist Kunst

Ist das Kunst, oder kann das weg? Das ist ein dummer Spruch von Leuten, die sich damit über etwas lustig machen, das sie nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Kunst ist nämlich nach der Meinung solcher Ignoranten nur etwas Dekoratives, möglichst naturalistisch, gern idyllisch. Also eher Kunsthandwerk.
Kunst dagegen bewegt, regt an nachzudenken und motiviert, Missstände in Frage zu stellen. Und im besten Fall bringt sie Menschen auf die Straße! Und ändert die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Guten. Die US-amerikanische Sozialarbeiterin und Kunstpädagogin De Nichols erklärt mitreißend, wie Kunst als Protest funktioniert. Und dass Protest an sich schon eine Form von Kunst ist. Gleich fünf verschiedene Illustratorinnen und Graphikdesigner aus den USA, Rumänien, Großbritannien und Chile haben dieses Buch vielfältig, farbintensiv und unwiderstehlich ansprechend gestaltet.

Mehr als demonstrieren

Die Initialzündung für De Nichols als Aktivistin war der 9. August 2014. An dem Tag hatte ein Polizist einen Jungen erschossen. »Er war durch das Wohnviertel seiner Großmutter geschlendert. Der Name des Teenagers war Michael Brown. Viereinhalb Stunden lang lag Michael auf der Straße, während Nachrichtensender berichteten und sich ringsum bestürzte Nachbar:innen versammelten. In den folgenden Tagen gingen in Michaels Heimatstadt Ferguson, Missouri, Hunderte auf die Straße. Nachdem auch ich täglich – und bald jede Nacht – demonstriert hatte, verspürte ich das Bedürfnis, noch mehr zu tun.«

Gesicht und Stimme geben

Zunächst gründete Nichols, die zu der Zeit als Erzieherin im örtlichen Museum für moderne Kunst arbeitete, die Onlineplattform Connected for Justice, über die Spenden an soziale Einrichtungen vor Ort verteilt wurden. Mit einem Fotografen veröffentlichte sie Portraits von Protestierenden und machte ihre Geschichten bekannt. Das ist der Zweck von Protestkunst: Menschen, die ungehört bleiben, eine Stimme zu geben. Sie mit ihren Wünschen und Problemen sichtbar machen. Und klar, einfach und unmissverständlich ihr Anliegen zu äußern.

Spiegelsarg

»Von all unseren Aktionen ist der Spiegelsarg am bekanntesten geworden. Das Projekt entstand aus einer Reihe von Träumen, die ich nach meinen ersten Demo-Nächten hatte. Jedes Mal kamen darin Männer vor, die einen Sarg aus Spiegeln trugen. Das Bild ging mir nicht mehr aus dem Kopf.« Sie bauten einen solchen Sarg und trugen ihn von der Straße, in der Michael erschossen wurde, zum Polizeirevier. Danach wurde der Spiegelsarg bei weiteren Demonstrationen eingesetzt und im ganzen Bundesstaat Missouri ausgestellt. Mittlerweile hat das Nationalmuseum für afroamerikanische Geschichte und Kultur in Washington D. C. den Spiegelsarg erworben.

Kunst für die Straße

In diesem Werk der Protestkunst vereinen sich wesentliche Eigenschaften sozialer Bewegungen: Es wurde nicht ursprünglich für ein Museum oder Kunstsammler hergestellt, sondern für die Straße. Es informiert. Es macht Botschaften sichtbar. Es reflektiert. Der Sarg macht Trauer, erfahrene Gewalt und in diesem Fall die Polizeiwillkür plastisch und eindringlich deutlich. Das Kunstwerk prangert Zustände an.

Remix aus Vorhandenem

»Ein Hauptanliegen von Protestkunst ist die Auflehnung gegen bestehende Gesellschaftsnormen und Regeln. Mit ihren Werken drücken Künstler:innen wie Elizabeth Vega, Ai Weiwei, Banksy und viele andere ihren Widerstand aus. Oft greifen sie auf vorhandenes Material und Kulturgut zurück und arrangieren es neu. Zum Beispiel remixen sie Werbebotschaften, Denkmäler und Bauwerke, Nachrichten oder politische Slogans, um auf Heucheleien, überholte Werte und andere Missstände hinzuweisen«, erklärt Nichols. Künstler:innen und Aktivist:innen okkupieren Insignien der Macht, verfremden sie geschickt – und entlarven so Strukturen der Unterdrückung und Ungerechtigkeit.

Tänze und Regenschirme

Dabei ist Protestkunst nicht neu: Anfang des 19. Jahrhunderts erschütterte Francisco de Goyas Zyklus Die Schrecken des Krieges, Diego Riveras erzählte in riesigen Wandgemälden Mexikos Geschichte, 1929 wehrten sich Frauen in Nigeria mit Tänzen und Gesängen gegen die britische Kolonialherrschaft, Dada-Künstler wendeten sich gegen Kriegstreiberei. De Nichols stellt Symbole von Protesten vor, zum Beispiel gefaltete Papierkraniche, Regenschirme, geballte Fäuste oder die Regenbogenflagge.

Farben und Typografien

Farben spielen ebenfalls besondere Rollen: Das Orange der Revolution in Kiew. Rot war die Farbe die Nelkenrevolution in Portugal. Blau stand für die Indigo-Unruhen in Indien. Auch Lila, Grün, Pink, Schwarz und Weiß haben gesellschaftliche und kulturelle Bedeutungen und prägen bestimmte Protestbewegungen. Sogar für unterschiedliche Typografien gibt es eine Doppelseite in diesem appellativem Sachbuch und Ratgeber: Es macht einen Unterschied, ob man gelehrt und elegant wirkende oder moderne und schnörkellose Schriften verwendet. Auch Groß- oder Kleinschreibung oder in Versalien (nur in Großbuchstaben) verändert die Wahrnehmung des Geschriebenen.
Dazwischen finden sich immer wieder motivierende Seiten mit praktischen Tipps, wie man selbst Protestkunst schaffen kann. Das reicht von einfachen Schildern, Bannern und Plakaten über Playlists mit Protestsongs, Logos und Flashmobs bis zu Memes, Videos und Zeitschriften, sogenannten Protest-Zines.

Bewegendes und inspirierendes Kunstwerk

Bunte und detailierte Collagen, Scherenschnitte, Siebdruck, Graffiti und Stencils, Fotografien. Auf der nächsten Seite Comicelemente, Bilder in knalligen Farben und scharf konturierte Schwarzweiß-Grafiken im Wechsel. Dazu eingestreute Zitate, im Spiel mit verschieden Schriftarten und Größen, auf farbigem Untergrund oder großzügigem Weißraum – so unterschiedlich die fünf Illustrator:innen sind, so heterogen sind ihre Gestaltungsmethoden und Umsetzung der vielfältigen Aspekte. Sie alle machen Auf die Straße! zum inspirierenden und ermutigendem Protestkunstwerk.

Bei der nächsten Demonstration gegen Rassismus oder Sexismus, für Gleichberechtigung oder Umweltschutz mit kreativen Plakaten, mitreißenden Slogans und überraschenden Aktionen ist das Motto: Das ist Kunst! Und DAS (wahlweise einsetzen: digitale Gewalt, Rechtsextremismus, SUVs, also super unnütze Verkehrswendehindernisse, etc.) muss weg!

De Nichols: Auf die Straße! – Kunst als Protest, Illus: Diana Dagadita, Saddo, Olivia Twist, Molly Mendoza, Diego Becas, Übersetzung: Leena Flegler, Gerstenberg, 2026, 80 Seiten, 22 Euro, ab 13

Aber wir lebten

Was ist mir Bolt?«. Das fragt der 16-jährige Felix nach einer langen, schlaflosen und schweigenden, sprachlosen Nacht. Nachdem ihm die Polizei mitgeteilt hat, dass seine Eltern und seine jüngere Schwester bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Bolt ist der Hund seiner Schwester, von ihr heißgeliebt, von Felix bislang spöttisch ignoriert. Er war im Kofferraum. Jetzt ist dieser kompakte, triefäugige Bulldoggenmix neben Felix das einzige überlebende Familienmitglied.
Das ist die krasse, erschütternde und absolut schreckliche Ausgangssituation von Franziska Hörners erstem Jugendroman … und mir bleibt der hässliche Hund. Bolt wird zu Felix ständigem Begleiter. Hund und Junge gelingt es gemeinsam, ins Leben zurückzufinden.

»Ich sprach nicht viel Hund«

Anfangs liegt Felix nur in seinem Bett, niedergedrückt von einem gewaltigen Schmerz. »Der erste Moment, in dem ich gespürt hatte, so richtig tief in meinem Innern gespürt hatte, dass mit mir nun etwas anders war, war etwa zwei Wochen nach dem Unfall gewesen. Es war um die Mittagszeit gewesen und ich hatte bereits diverse Löcher erst in meine Zimmerdecke und dann in den Wohnzimmerteppich gestarrt. Irgendwann war mir Bolts Gebettel aufgefallen und es muss schon viel bedeuten, dass er es geschafft hatte, sich in mein Bewusstsein zu drängen, denn das war zu dem Zeitpunkt ein wirklich weit entfernter Ort. Er musste aufs Klo. Zumindest ging ich davon aus. Ich sprach nicht viel Hund.«

»Ihr Hund hat Depressionen«

Draußen, in einem nahegelegenen Park, erleidet Felix seine erste Panikattacke. Franziska Hörner beschreibt sie unmittelbar, packend und klischeefrei. »Meine Angst machte mir Angst«, fasst Felix diese irrationale Reaktion zusammen. »Was meine Aktivitäten anging, so war es bei dem einen Ausflug in den Park geblieben. Irgendwann, nachdem ich mehrere Wochen so zugebracht hatte, schaute ich auf den Hund, der da neben meinem Bett lag und blieb mit den Augen hängen. Irgendetwas stimmte nicht. Er war noch genauso hässlich wie immer, Fledermausohren, der Überbiss, bei dem die untere Zahnreihe hervorblitzte, der kleine unproportionale Körper. Aber etwas war anders.« Bolt hat abgenommen, das Fell hängt schlaff um ihn rum und wirkt stumpf. Er wirkt apathisch. Felix rafft sich auf, versucht, dem Tier verschiedenes Futter und Leckereien anzubieten. Doch egal, was Felix auch versucht, Bolt frisst nicht. »Ich glaube, Ihr Hund hat Depressionen«, lautet die Diagnose einer Tierärztin.

Auf dem Longboard

Mit diesem tragikomischen Dreh bringt Franziska Hörner, studierte Biologin und Elefantenforscherin, die Geschichte ins Rollen, auch buchstäblich. Felix sucht Hilfe, für Bolt und für sich. Und landet in einer psychotherapeutischen Praxis bei Frau Rose. Bolt immer an seiner Seite. Oder bald schon vor seiner Nase. Weil Bolt auf seinen kurzen Beinen schnell aus der Puste kommt, kramt Felix sein Longboard hervor, setzt den Hund vorn drauf und so fahren sie durch die Gegend.

Mo bringt es mit einem Wort auf den Punkt

Im Wartezimmer begegnet Felix Mo. Mo ist mit seiner Mutter und seinen Geschwistern aus Syrien nach Deutschland geflohen. Über seine traumatischen Erlebnisse redet Mo nicht. Doch auch er leidet unter Panikattacken. Und er kann nicht mehr schlafen. Stattdessen liest er viel. Sein eigenes Trauma kaschiert Mo  scharfzüngig mit sarkastischem Humor und flapsigen Sprüchen. Gegenüber Felix bringt er dessen Situation wohltuend klar auf den Punkt: »›Scheiße‹, sage Mo. Nur das. Mehr nicht. Ich schaute ihn überrascht an. In seinem Blick lag kein Schock, keine Betroffenheit. Nicht dieses schmerzliche Mitleid, and das ich mich schon so gewöhnt hatte. Bloß ein Verständnis dafür, wie es war. Nämlich scheiße.«

Sehnsucht nach Leichtigkeit

Zu den beiden Jungen gesellt sich noch Marie, die zunächst Bolts Charme erliegt. Marie scheint alles leicht zu nehmen und hadert nicht mit Zumutungen. Genau diese Leichtigkeit hätte Felix auch gern. Zwischen den beiden bahnt sich eine erste, zarte Liebe an.
Mo, Marie, die Therapeutin Frau Rose, seine Tante Becca und ihr Freund Phil, das sind die Menschen, die Felix helfen, ins Leben zurückzukehren.

Schmerz ist nicht relativ

Psychotherapie spielt in diesem Roman und beim Heilungsprozess eine nicht unwesentliche Rolle, und zwar in der Person der absolut professionell ebenso empathischen wie motivierenden Frau Rose: »›Felix, was dir passiert ist, entspricht nicht dem normalen Maß an menschlichem Leid, das uns widerfahren kann. Du hast deine ganze Familie auf einen Schlag verloren. Das ist schlimm‹, sagte sie nachdrücklich. ›Aber ganz unabhängig davon sollte man seine Erfahrungen und die daraus entstehenden Emotionen nicht mit denen anderer vergleichen. Emotionen sind nicht relativ. Schmerz ist nicht relativ. Also kannst du auch nicht sagen, dass du zu stark empfindest und kein Recht auf deine Gefühle hast, weil anderen, wie du es formulierst, schlimmere Dinge passiert sind‹«.

Warmherziger Witz und schräger Humor

Franziska Hörner, die beim Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 in der Sonderkategorie Neue Talente nominiert ist, erzählt von ungeheuer tiefen Gefühlen, von Schmerz, Verlust, Angst, und von Freundschaft und Liebe, berührend und einfühlsam, ohne sentimental zu werden. Das liegt auch an dem warmherzigen Witz und schrägem Humor, der immer wieder aufblitzt. Etwa wenn Felix als Neuling im Umgang mit Hund das merkwürdige Verhalten anderer beobachtet: »Ich ließ Bolts Halsband los, damit die zwei Hunde sich ausführlich gegenseitig am Hintern beschnuppern konnten. Hunde waren so komisch. Die Frau und ich standen daneben und sahen ihnen dabei zu. Hundebesitzer waren mindestens ebenso komisch. Nichts war vergleichbar mit dem einträchtigen Schweigen, wenn zwei Hundebesitzer ihren Hunden beim Spielen zusehen.«
Und den spritzigen Dialogen, zum Beispiel als Mo und Felix sich gegenseitig aufzählen, was ihnen Angst macht: »›An lauten Baustellen vorbeigehen‹, ›Sirenen‹, ›Das Zimmer meiner Schwester betreten‹, ›Männer in Uniform‹, ›Ohne Bolt wohin gehen.‹ Mo blickte mit hochgezogenen Augenbrauen auf den Hund, den ich noch auf Arm hatte und dann zu mir. ›Und ich dachte, ich hätte Probleme‹, sagte er.«

»Wir waren Glückskinder«

… und mir bleibt der hässliche Hund ist eine herzergreifende und komische Geschichte vom Erwachsenwerden, brillant geschrieben, klug und witzig beschrieben. Franziska Hörners Debüt besticht und berührt in seiner Wahrhaftigkeit und Intensität: Es erzählt von ungeheurer Trauer, Schmerz und existenziellem Verlust. Und enthält doch so viel Liebe. Es ist eine Freude, diese jungen Menschen und den besonderen Hund kennenzulernen und einen Sommer lang zu begleiten. »Es war noch nicht gut, auch noch nicht wie früher. Das würde es wohl auch nie wieder werden. Aber wir lebten. Darauf kam es an. Mo und ich, wir waren Glückskinder.«

Franziska Hörner: … und mir bleibt der hässliche Hund, Thienemann, 2026, 256 Seiten, 14 Euro, ab 13 Jahre

Nur eine Menschheit

Papa, was ist Rassismus? Wenn man auch nur einen Moment nachdenkt, merkt man, dass diese Frage, die Merjem ihrem Vater Tahar Ben Jelloun stellte, weder naiv, geschweige denn leicht zu beantworten ist.
1998 veröffentlichte der marokkanisch-französische Autor Ben Jelloun unter dem sprechenden Titel Le racisme expliqué à ma fille ein kleines Buch, in dem er die anfangs gestellte Frage seiner Tochter klar und verständlich beantwortet. Es wurde von vielen Kindern und Jugendlichen gelesen und zum Bestseller. Jetzt haben die Illustratorin Hélène Le Cam und die Autorin und Dokumentarfilmerin Marzena Sowa den Text als bewegenden und erhellenden Comic adaptiert.

Dialog in Bewegung

Wir begleiten Vater und Tochter bei ihrem Gespräch, das durch viele kluge und aufmerksame Nachfragen des Mädchens das Thema Rassismus in allen seinen Facetten ausleuchtet. Ein raffinierter Kniff Le Cams in ihrem ersten Comic ist es, dass die beiden fast immer unterwegs sind, spazieren gehen, auf dem Heimweg, kreuz und quer durch die Stadt und im Park, in Bus und Métro, Richtung Fußballstadion oder zu einer Demonstration gegen neue Einwanderungsgesetze. Man sieht sie in Alltagssituationen, beim Tee trinken, Kochen, Einkaufen, Eis essen. Die Szene sind durchgängig und vollständig koloriert, überwiegend in warmen, sympathischen Farben, viel Gelb und Hellrot.

Schritt für Schritt angehen

Schritt für Schritt folgt man Vater und Tochter und geht Teilaspekte des allgegenwärtigen und komplexen Phänomens aus verschiedenen Richtungen an. Es beginnt mit dem Ursprung von Rassismus, einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber allem Fremden bei vielen Menschen. Alles, was sie nicht kennen und was ihnen nicht vertraut ist, macht diesen Leuten Angst. Das können unbekannte Rituale, fremde Speisen, andere Glaubensrichtungen sein, ungewöhnliche Kleidung und vor allem, das, was darunter ist, die Hautfarbe.

Wissenschaftlich widerlegt

Unterschiedliche Hautfarben haben auch zur irrigen, wissenschaftlich von der Humangenetik längst widerlegten Theorie geführt, es gebe unterschiedliche Rassen. Was jedoch immer wieder von Menschen, vor allem im globalen Norden und mit heller Hautfarbe als Begründung genommen wurde, sich anderen gegenüber überlegen zu fühlen. Und Andere in der Folge zu unterwerfen, auszubeuten, zu quälen und zu vernichten.

Kolonialismus und Sklaverei

Diese Logik ist für jeden denkenden und fühlenden Menschen nicht nachvollziehbar und absurd. Und doch ist sie für sehr viele Menschen alltägliche grausame Realität. Sie leiden unter politisch instrumentalisiertem und systematischem Rassismus in Form von Kolonialismus, Sklaverei, Vertreibung, organisierter Vernichtung und Massenmord.

Permanente Pöbeleien und Diskriminierungen

Auch hierzulande werden nur selten rassistische Übergriffe bekannt und sogar juristisch als solche zweifelsfrei definiert und verurteilt. So wie kürzlich, als der Kinderwagen einer schwarzen Frau wegen des unbegründeten und falschen Verdachts auf Diebstahl durchwühlt wurde. Oder als vor einigen Jahren eine afrodeutsche Familie als einzige während einer Zugfahrt ohne Anlass einer Ausweiskontrolle unterzogen wurde. Für viele Mitmenschen sind permanente Pöbeleien, übergriffige und verletzende Fragen, Diskriminierungen in Schule, Beruf und bei Behörden bis hin zu offener Gewalt Alltag.

Verallgemeinerung und Unwissenheit

»Ein Rassist ist jemand, der einen Einzelfall verallgemeinert«, erklärt der Vater, »wenn er von einem Araber bestohlen wird, wird er daraus schließen, dass alle Araber Diebe sind. Er verurteilt nicht den Dieb, sondern den Araber.« Verallgemeinerung, Xenophobie, also die Angst vor allem Fremden, Klischees, religiöse Verblendung, Unwissenheit, auch fehlende Bildung und das diffuse Gefühl von Benachteiligung sind Ursachen für Rassismus.

Dummheit ausgenutzt

Nun kann man sagen, diese Leute sind einfach nur dumm und zu blöd nachzudenken. Was so lange egal wäre, solange ihre Dummheit nicht anderen Menschen schadet. Und nicht in Hass und Gewalt umschlägt. Wenn aber diese Dummheit von Extremisten, sei es politischen Parteien oder religiösen Führern ausgenutzt wird, um ihre eigenen Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen, wird es gefährlich. Der Vater macht immer wieder durch alltagsnahe Situationen und Beispiele Rassismus anschaulich; etwa wenn Kinder mit dunkler Hautfarbe generell schlechter benotet, schwarze Fußballspieler im Stadion beleidigt werden, oder Frauen ihre Handtasche angesichts People of Colour umklammern.

Von Antisemitismus bis Ziviler Ungehorsam

Dazwischen streut Hélène Le Cam schlichte und sehr eingängige Infografiken, mal aus verschieden intensiv gefärbten Punkten, mal aus Quadraten und Dreiecken in unterschiedlichen Relationen, wie ganz reduzierte Smileys mit mal ernsten, traurigen oder auch grimmigen Gesichtern. Abgerundet wird der Comic durch ein Glossar von A wie Antisemitismus und AfD bis Z wie Ziviler Ungehorsam.
Sehr beeindruckend ist auch, wie Marzena Sowa Ben Jellouns exzellenten Originaltext in einen kongenialen Dialog umwandelt, in dem das ganz und gar nicht banale Thema Rassismus grundlegend und in allen Aspekten angegangen und beleuchtet wird.

Sich selbst in Frage stellen

Was am Ende zu Merjems Frage führt: »Kann man Rassisten nicht heilen?« Was auch rührend ist, weil das Mädchen, obwohl sie mittlerweile alle furchtbaren Auswüchse von Rassismus und Antisemitismus kennengelernt hat, immer noch an das Gute in allen Menschen zu glauben scheint. »Ihre Heilung hängt von ihnen selbst ab. Davon, ob sie in der Lage sind, sich selbst in Frage zu stellen«, antwortet ihr Vater. Also selbst zu beobachten, anstatt Vorurteile zu übernehmen. Das eigene Misstrauen zu hinterfragen. Letztlich geht es um Respekt gegenüber jedem einzelnen Menschen. Wie immer gilt: Denken hilft. »Es gibt nur eine Menschheit« lautet schlicht und ergreifend der wahre und wunderbare Schusssatz.

Papa, was ist Rassismus? ist nicht nur ein ungeheuer wichtiges und brillant gemachtes Sachcomic und Essay. Es ist auch ein leuchtendes Vorbild, um komplizierte Themen klug und eingängig zu erklären. Und der Dummheit Paroli zu bieten.

Tahar Ben Jelloun, Hélène Le Cam, Marzena Sowa: Papa, was ist Rassismus?, Übersetzung: Edmund Jacoby, Jacoby & Stuart, 2026, 128 Seiten, 16 Euro, ab 12 Jahre

Schnurren statt schlucken

Herr Ernst kauft eine Katze ist der vielversprechende Titel dieses Bilderbuchs. Nach den ersten Seiten fragt man sich aber selbst als Katzenliebhaberin, warum? Was soll jemand wie dieser Herr Ernst mit einer Katze? »Es war einmal ein vielbeschäftigter Herr, der sich immer nur damit befasste, was er für nützlich und notwendig hielt.«
Mit wenigen pointierten Worten charakterisiert die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Roksana Jędrzejewska-Wróbel diesen Herrn Ernst. Man beachte bereits in diesem ersten Satz das kleine, von Dorota Stroińska raffiniert aus dem weichen Polnischen ins nüchterne Deutsch übersetzte Wörtchen nur.

Was soll ein so rationaler Mann mit einer Katze?

»Er würde nie seine Zeit mit albernen Spielereien verschwenden, wie kitzeln, im Kreis drehen, auf einem Bein hüpfen, Grimassen schneiden, an frisch gemähtem Gras riechen oder anderen Dingen, die Spaß machen, aber völlig unnütz sind.«
Natürlich liebt dieser sehr ernste Herr Ernst Zahlen, Grafiken und Tabellen. Er plant mit dem größten Vergnügen seine Tage. Überraschungen dagegen mag er überhaupt nicht. Also, was soll so ein rationaler und dröger Mann mit einer Katze?
Vielleicht erinnert der von Adam Pękalski gestaltete Mann mit dem sprechenden Namen nicht von ungefähr an Friedrich Merz: Ein asketischer Typ in Pullunder und Krawatte, mit Hornbrille und wenig verbliebenem Haar über dem Scheitel; ein Mensch, dessen Lebensinhalt Effizienz, Ordnung, Routine und Leistung sind. Hauptsache alles ist nützlich und notwendig, was man tut oder auch isst, egal ob es schmeckt.

Außerordentlich nützlich und etwas nervös

Dass dieses Leben doch nicht ganz so toll ist, wie Herr Ernst glaubt, merkt man an den Medikamenten, die er nimmt, um sich zu beruhigen. »Denn Menschen, die sich wie unser vielbeschäftigter Herr ununterbrochen nur mit sehr wichtigen und außerordentlich nützlichen Sachen beschäftigen, sind oft etwas nervös.« Das ist sprachlich ebenso schön wie treffend auf den Punkt gebracht. Angesichts ihrer reizvollen Figur und spannender, erzählerischer Wendungen erkennt man, dass Roksana Jędrzejewska-Wróbel auch eine ausgezeichnete Theater- und Drehbuchautorin ist.

Bilder von Piet Mondrian an der Wand

Adam Pękalskis Illustrationen dazu sind auf den ersten Blick stilvollendet und klar. Doch verstecken sich etliche subtile und witzige Anspielungen darin, die sie auch für erwachsende Betrachterinnen und Betrachter zu einer Augenweide machen. Und das bereits ab dem Vorsatzpapier, einer Charakterstudie in wenigen Gegenständen. Auch die Bilder an den Wänden in Herrn Ernsts Wohnung sprechen Bände. Die sind nämlich im Stil Piet Mondrians: Klare, gerade Linien und Gitterstrukturen in den Komplementärfarben Rot, Blau, Gelb. Die geordneten Gemälde scheinen wie die Faust aufs Auge zu passen.

Billiger als rosarote Beruhigungstabletten

Dann kommt die Katze ins Spiel: Im Radio hört Herr Ernst, als er gerade seine Tabletten schlucken will, »dass es sehr gesund sei, eine Katze zu haben, denn ihr Schnurren wirke beruhigend und besänftigend auf den Menschen.« Also überlegt Herr Ernst aus rein pragmatischen Gründen – Medikamente kosten Geld und schlagen auf den Magen – sich eine Katze zuzulegen. Selbst als er zunächst schon für die Grundausstattung für das Entspannungsmittel auf vier Pfoten ziemlich viel ausgegeben hat, rechnet er sich aus, dass er langfristig spart, Geld und Magengeschwüre, »viel billiger als ein Jahresvorrat seiner rosaroten Beruhigungstabletten.«

Kater kaputt

Herr Ernst kauft einen eleganten Siamkater. Doch trotz genügend Futters, frischem Wasser, regelmäßig gesäubertem Klo, Vitaminen und Spielzeug schnurrt der Kater nicht. Der Kater ist offensichtlich kaputt. Empört bringt Herr Ernst das grimmig blickende Tier zum Arzt, wo sich ein absurd komischer Dialog entspinnt:
»Und wie oft streicheln Sie Ihren Kater?«
»Streicheln? Davon stand nichts im Ratgeberbuch«
»Mag sein, dass davon nichts im Ratgeber steht – aber es ist doch das Natürlichste der Welt, eine Katze zu streicheln!«
»Natürlich? Ich bin mir nicht sicher, ich habe noch nie jemanden gestreichelt.«

Wie Jazz

Ob es zu guter Letzt doch noch klappt mit Herrn Ernst und der Katze wird hier nicht verraten. Verraten sei aber, dass Piet Mondrian sich für seine vermeintlich so auf Rationalität, Ordnung und Minimalismus ausgerichteten Bilder vom Jazz und Bebop hat inspirieren lassen. Sie zeigen das harmonische Miteinander verschiedener Schwingungen, reduziert auf essenzielle Farben und Formen.

Es ist nett, nett zu sein

Er gibt wohl kaum ein Bilderbuch, das so virtuos auf so vielen Ebenen spielt, sowohl intellektuell als auch emotional, optisch wie sprachlich. Dabei aber überhaupt nicht verkopft daherkommt. Stattdessen sehr lustig und liebevoll und vor allem super nett ist. Wie singt Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen in ihrer hinreißenden Hommage dieses sträflich unterschätzten und gänzlich irrationalen Charakterzugs: »Es ist nett, nett zu sein / Ohne was zu wollen / Es ist nett, nett zu sein / Ohne Müssen, ohne Sollen / Einfach nur so, egal wann egal wo / … / Halt auf die Tür / Und streichel ein Tier«

Roksana Jędrzejewska-Wróbel: Herr Ernst kauft eine Katze, Illus: Adam Pękalski , Übersetzung: Dorota Stroińska, Kraus Verlag, 2025, 36 Seiten, 18 Euro, ab 4 Jahre

Es ist kompliziert

Valentinstag. Das ist der Tag, an dem in Restaurants nur Tische für zwei reserviert sind. Wenn schon Wochen vorher rosa glasiertes Gebäck in Herzform angeboten wird, sogar Pasta, mit Rote Bete gefärbt. Wenn selbst Floristen mit Stil geschmacklose Bouquets an Menschen verkaufen, die nur einmal im Jahr Blumen verschenken. Überhaupt Blumen im Februar, geht’s noch weniger umweltbewusst?
Was Valentinstag nicht ist: Es ist kein Tag für all jene, die unerwidert lieben. Zumindest vordergründig nicht, nicht nur Charlie Brown und seine Sehnsucht nach dem rothaarigen Mädchen wissen ein Lied davon zu singen.

Buch zum Valentinstag

Auch die österreichische Philosophin Miriam Metze kennt sich damit aus. Jetzt hat sie ein Buch über dieses Gefühl geschrieben, das an diesem Valentinstag erscheint. Unerwidert lieben ist bewusst keine allgemeine Philosophie der Liebe. Es geht der Frage nach, was unerwidert zu lieben mit Liebe zu tun hat. Warum man unerwidert liebt. Und wie man damit leben und sich arrangieren kann.

Schulklosprüche und Brotkörbe

Miriam Metze ist fündig geworden. Von der Antike übers Mittelalter bis in die Gegenwart haben viele kluge Menschen, Philosophinnen, Wissenschaftler, Geistliche, Mystiker, Dichterinnen, Dramatiker und Schriftstellerinnen nachgedacht über den Sinn oder auch Unsinn der Liebe. Wobei es in Metzes Buch fast ausschließlich um die Liebe von Paaren geht.
In zwölf Kapiteln mit durchweg seht lustigen und neugierig machenden Überschriften beleuchtet Metze verschiedene Teilaspekte, etwa den wahren Kern von Schulklosprüchen, warum man blöd sein muss, ob Liebe immer ein Abenteuer ist, welche Rolle die Ewigkeit dabei spielt und wie ein Brotkorb das materialisierte Menetekel einer kaputten Liebe sein kann.

Blitz-Metaphern und Altherrenkitsch

Anfangs heideggert es in Metzes Buch ein bisschen zu sehr. Die Affäre mit seiner Studentin verklärt der verheiratete Philosophieprofessor Martin Heidegger mit Blitz-Metaphern, die er gleich dreifach strapaziert. Plötzlich und schlagartig, gefährlich und schmerzhaft soll sie sein, die einzigartige Liebe. Abgesehen davon, dass Heidegger später erneut über Blitze schwadroniert hat, bei seinen Schwärmereien über Krieg, was ihn als Experten noch fragwürdiger erscheinen lässt, hat Miriam Metze den Nazi-nahen Haudegen wohl gebraucht, um zu eben jener ehemaligen Studentin zu kommen: Hannah Arendt. Die selbst eine Philosophin, vor allem eine geniale und unbestechliche, politische Denkerin war. Über die Liebe hat Arendt einige erstaunlich erhellende und wohl überlegte Gedanken festgehalten. Und über den Kitsch ihres früheren Dozenten hat sie sich mit genügend Abstand und Erfahrung auch gut lustig gemacht.

Begreifen, dass es unbegreiflich ist

Von Arendt, die in ihrem späteren Leben glückliche und gegenseitige Liebe erfahren hat, kommt unter anderem Tröstliches: Einzig und allein die unerwidert Liebenden wären imstande, wirklich zu begreifen, dass die Liebe unbegreiflich ist. Und weil sich unerwidert Liebende mit nichts anderem beschäftigen als mit der Liebe (anstatt mit ihrem/r Partner/Partnerin und den aus dieser Partnerschaft entsprungenen Kindern), machen sie auch eine tiefere Erfahrung mit ihr. Ob sie das wirklich möchten, steht auf einem anderen Blatt. Erwiderte, gelebte und viel beschäftigende Liebe ist wahrscheinlich gedankenloser, aber auch schmerzfreier.

Philosophin und Kurtisane

Eine beeindruckend souveräne und moderne Sicht auf die Liebe, die geistige wie die körperliche, hat Tullia d’Aragona, eine italienische Philosophin der Renaissance. Tatsächlich war sie auch Kurtisane. In ihrem Dialogo della infinità d’amore beschreibt sie das Wesen der Liebe genauso – als unendlich. Wobei ihr das Italienische dabei entgegenkommt, weil fine nicht nur Ende, sondern auch Zweck und Ziel bedeutet. Die Liebe ist also nicht nur unendlich, kennt auch keine Grenzen, Einschränkungen oder Absicht. Das macht die unerwiderte Liebe gleichberechtigt mit allen anderen Formen.

Inbegriff der gegenseitig unerwiderten Liebe

Solche zeitlos schöne (Wieder-)Entdeckungen machen mit den Reiz von Metzes Buch aus. Natürlich darf auch das Paar, der Inbegriff unerwidert Liebender nicht fehlen, allein schon weil es beweist, dass man sich tatsächlich gegenseitig unerwidert lieben kann: Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Zumindest hat dieses unglaublich tragische und auch bescheuerte Missverständnis der Welt literarische Meilensteine und einen epischen Briefwechsel beschert.
Wie die Dichterin Bachmann mit gefeilten Worten ihre Liebe seziert, so analysiert auch die Philosophin Metze wiederholt vermeintlich alltägliche Begriffe, sei es die Ent-Täuschung, die das Ende der Täuschung und damit Aufklärung und Wahrheit bedeutet. Oder dass man etwas er-innert, also etwas abruft, was man in seinem Innern bewahrt hat. Auch im Hebräischen findet Metze viele anschauliche und bildmalerische Begriffe und Redewendungen. Und aus dem Österreichischen erfreuen noch »mieselsüchtige Naturen« und »Grausbirnen«.

Charmante, kluge und gut aussehende Begleitung

Gelegentlich verzettelt die aus dem Wienerwald stammende Philosophin sich nach manch schmissiger Überschrift ein wenig und verläuft sich zwischen verschiedenen Gedankensträngen und Stichwortgebern. Trotzdem ist Unerwidert lieben ein Lesegenuss, ideale Wellness für Kopf, Seele und Herz.
Also, am besten jetzt gleich am Valentinstag einen Tisch für eine/einen reservieren und das Buch als Begleitung mitnehmen. Weil es amüsant, faszinierend, vielstimmig und charmant ist. Und nicht zuletzt auch sehr gut aussieht, in seinem edlen brombeer-, aubergine- und fuchsiafarbenen Leineneinband (50 Shades of Rose), mit zart altrosa Vorsatzpapier, sogar ein Strauß Blumen ist drauf. Man muss dieses Buch einfach lieben. Ob erwidert oder nicht.

Miriam Metze: Unerwidert lieben. Eine philosophische Tröstung, mairisch Verlag, 2026, 256 Seiten, 24 Euro, ab 16

Lecker Abenteuer

Das nennt man understatement: Einmal kurz nicht aufgepasst – und zack, schon treibt man in einem großen Kochtopf mit einem Löffel als Ruder auf dem Ozean. Wie die beiden Waschbären, das Kaninchen und die Hündin in diese Situation gekommen sind und wie sie sich geschickt wieder rausmanövrieren, erzählt die Illustratorin Regina Kehn in ihrem wundervollen Debüt als Comicautorin.
Regina Kehn hat schon zahlreiche Bücher exzellenter Autorinnen und Autoren wie unter anderen Anna Woltz, Kirsten Boie, Andreas Steinhöfel, Nikola Huppertz mit ihren prägnanten Titelbildern in Gesamtkunstwerke verwandelt. Saša Stanišićs von Kehn illustriertes Jugendbuchdebüt Wolf wurde 2024 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Außerdem ist sie auch vielen ganz jungen Lesern bekannt durch zwei von ihr gestaltete Pixi-Bücher. Kannst du das lesen? hat Kehn ebenfalls selbst geschrieben. Und jüngst hat sie ein weiteres Buch Stanišićs, als Autor für die Jubiläumsreihe der kleinen ikonischen Bücher, charakteristisch in Szene gesetzt.

Ligne Kehn

Und nun ist also Regina Kehns erstes Comic erschienen, logischerweise bei Kibitz, dem Verlag für Kindercomics. Kehn erzählt in klassischen Panels mit ihren unverwechselbaren Stilmitteln. Da sind zum einen die Farben: vor allem kräftiges, klares Ozeanschwimmbadkachelnblau, Schiffscontainerkarottenorange und Laternenbutterblumengelb. Und dann eine im Laufe der Jahre immer deutlichere ligne claire. Mittlerweile ist sie so zu ihrem Markenzeichen geworden, dass man von einer ligne Kehn sprechen könnte. Innerhalb dieser klaren, stabilen Umrandung erweckt Kehn unterschiedlichste und sehr liebenswerte Typen zum Leben, und gibt diesen Freigeistern verlässliche Struktur.

Verkettung kurzer Unaufmerksamkeiten

Da sind zum einen die beiden Waschbärenkumpels Juri und Walther: der eine ein hibbeliger, plietscher Draufgänger mit einem leichten Hygienefimmel, der andere eher gemütlich und etwas stoffelig. Was sie vereint, ist der Appetit auf Neues. Und so klettern sie in eine Mülltonne, naschen etwas zu viel Lifestyle-Zeug, werden in eine Recyclinganlage gekippt, kurz vor knapp rausgefischt und landen im Tierheim, entkommen von dort, verirren sich auf dem Nachhauseweg im Hamburger Hafen auf ein Containerschiff. Dort begegnen sie dem kämpferischen Kaninchen Dexter und Tony, der hübschen Hündin des Schiffskochs. Und diese verrückte Verkettung kurzer Unaufmerksamkeiten ist nichtmal die Hälfte dieses furiosen Abenteuers.

Unterschiedliche Typen geben Dynamik

Kehn erzählt mitreißend, mit lauter kuriosen Einfällen und Wendungen. Dabei kommen die unterschiedlichen Charaktere ihrer Figuren zum Tragen und geben der Geschichte eine besondere Dynamik. Es geht um Freundschaft, Solidarität und Toleranz für unterschiedliche Lebensentwürfe und Bedürfnisse. Ohne dass großes Gewese drum gemacht wird. Reibung erzeugt Wärme. Prägnant auf den Punkt gebracht werden die verschiedenen Perspektiven durch drei Motivationsreden, bei denen wahlweise von den Kandidaten für die Rolle eines Anführers John F. Kennedy, Martin Luther King oder Winston Churchill zitiert werden. Das ist schön schräge Politiksatire, wenn das Kaninchen mal eben aus dem Stehgreif auf »Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß« sowie »Monate des Kämpfens und Leidens« einstimmt. Einstimmig gewählt wird aber Walther, ohne Rede, wegen seiner guten Nase.

Appetit auf mehr

Ein Waschbär tauchte erstmals in Kehns selbst getexteter Pixi-Geschichte auf. Jetzt sind gleich zwei der forschen, knuffigen Einwanderer mit den Räubermasken Helden von Regina Kehns fantastischem Debüt als Kinderbuchautorin. Einmal kurz nicht aufgepasst macht großen Appetit auf mehr aus ihrer Feder.

Regina Kehn: Einmal kurz nicht aufgepasst!, Kibitz, 2025, 136 Seiten, 20 Euro, ab 6

Passt perfekt

Wenn Henri Matisse, Yves Klein und Günther Bruno Fuchs gemeinsam ein Bilderbuch gemacht hätten, dann könnte es so aussehen, wie Schaut, ein Elefant! Der tschechische Illustrator Jakub Plachý vereint kongenial die fantasievollen Formen und das ultimative Blau der französischen Künstler mit Fuchs‘ dadaistisch liebevollem Tonfall.
»Ein Elefant, der mit einem Ball spielt« – das erste Bild erinnert auch durch die in schönster Schreibschrift drunter stehende Erklärung ein wenig an den poetischen Auftakt zur Geschichte des Kleinen Prinzen. Dort zeigt die erste Zeichnung nur vermeintlich einen Hut. Plachýs Elefant ist in seiner minimalistischen Gestaltung ein wandlungsfähiges Wesen, das bei genauerem Hinschauen anders ist als es auf den ersten Blick scheint.

Der Elefant weint

Über mehrere Seiten spielt der Elefant geschickt mit dem Ball, dribbelt, balanciert ihn auf dem Kopf, lässt ihn über den Rücken rollen, kickt die Kugel aus dem Handstand. Wie possierlich, wie niedlich, wie geschickt, denkt man. Und übersieht, dass der Elefant weint. Weil er eingesperrt ist. Weil sein Käfig zu klein ist. Weil er allein ist. Weil der nicht mit seinen Artgenossen im Stadion nebenan Fußball spielen kann.
Man denkt an Tiere im Zoo und wie der Mensch auf sie blickt. Warum sperren wir Tiere ein? Wie alle Lebewesen haben sie einen Freiheits- und Bewegungsdrang. Obwohl Zoos unter anderem argumentieren, dass sie Menschen, die Wichtigkeit und Schönheit der Tierwelt zeigen und sogar Arten vorm Aussterben retten, haben sie in der heutigen globalen Welt keine Berechtigung mehr.

Das Naheliegendste: raus aus dem Käfig

Und während man so grübelt, über das Verhältnis von Menschen und Tieren allgemein und Zoos im Besonderen, macht Plachý in seiner Geschichte das Naheliegendste: Er befreit den Elefanten aus seinem Käfig und lässt ihn ins Stadion. »Gleich wird er eingewechselt! Und er ist im Spiel!« Und wie: Der Elefant fliegt geradezu über das Feld. Er passt. Er spielt ab.

Erschöpft, schwach und platt

Doch dann, nur zwei Seiten weiter, was ist das? »Wieso bleibt er stehen? Damit haben wir nicht gerechnet, das Spielfeld ist einfach zu groß für ihn.« Das ist mit wenigen lakonischen Worten auf den Punkt gebracht, von Katharina Hinderer pointiert übersetzt, was Gefangenschaft macht: Erschöpft, überfordert, schwach und platt. Während die anderen Elefanten sich beraten, robbt der kleine blaue Elefant traurig, wie eine Raupe von den Mitspielern weg an den Spielfeldrand.

Der perfekte Platz

Wundersamerweise gelingt Plachý eine dritte Volte: Der Elefant findet sich im Tor wieder. Und tatsächlich: »Passt wie angegossen!« Der Elefant hat seinen Platz in der Gemeinschaft gefunden, nicht nur als Spieler. Es ist absolut verblüffend, wie Jakub Plachý absolut minimalistisch, mit eher amorphen Formen, Blau als prägnante Farbe seiner Hauptfigur und erdigem Braun für die Mitspieler, sowie ein paar einfachen Bleistiftstrichen eine so vielschichtige Geschichte erzählen kann. Mit mehreren überraschenden Wendungen, viel Empathie und zartem Humor.

Elegante Zehengänger

Überraschend ist auch das Format dieses außergewöhnlichen Bilderbuches. Nicht typisch großtiermäßig, sondern knuffige 12,5 mal 14,4 Zentimeter klein, knapp anderthalb pixi-Bücher. Das ist Schönheit auf handliche Eleganz reduziert. Schon der Leineneinband besticht mit blauem Prägedruck. Diese zauberhafte Leichtigkeit und das Zusammenspiel von Form, Optik und Text, trotz aller zugrunde liegenden Ernsthaftigkeit der Erzählung, passt perfekt zu dem, was Elefanten sind: Zehengänger. Die riesigen Tiere schreiten ihres imposanten Gewichtes zum Trotz erstaunlich leise und auf Zehenspitzen durchs Leben. Gerade deshalb sollten wir ihnen und ihren Bedürfnissen umso mehr Gehör schenken.

Jakub Plachý: Schaut, ein Elefant!, Übersetzung: Katharina Hinderer, Rotopol, 2025, 36 Seiten, 12 Euro, ab 3 Jahre

Feuer und Flamme für Gerechtigkeit

Silvester spielt eines der traurigsten und rührseligsten Märchen: Ende 1845 erschien Hans Christian Andersens Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern. Unbeachtet von den vorbeihastenden Mitmenschen erfriert die junge Verkäuferin, nachdem sie verzweifelt ihre letzten Streichhölzer angezündet und durch Kälte und Hunger hervorgerufenen Halluzinationen erlebt hat.
Andersen schwamm mit seiner Erzählung ganz oben auf einer Welle von gefühligen Geschichten, wie sie Mitte bis Ende des 19. Jahrhundert populär waren, zu Beginn des industriellen Zeitalters. Andersens Märchen sind heute noch beliebte Vorlagen für Filme und Musicals, obwohl sie zutiefst misogyn sind. Jede junge Frau und jedes Mädchen, dass sich nicht ihrem Schicksal und der vorgegebenen Rolle fügt, stirbt, versteinert, wird grausam bestraft. Noch mehr auf die Spitze getrieben wurde dieses gestörte Frauenbild anderthalb Jahrhunderte später von Andersens Landsmann, dem Regisseur Lars von Trier.

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern hat einen Namen

Aber dieses Silvester ist Schluss mit dieser vergifteten Erzählweise (obwohl es gleich auch um hochgiftige Substanzen wird). »Der Mann, der das Märchen geschrieben hatte, wurde sehr reich, obwohl er wahrscheinlich nie einem echten Mädchen mit Schwefelhölzern begegnet war. Denn sonst hätte er gewusst, dass wir nicht alle niedliche kleine Wesen mit blonden Locken und winzigen, eiskalten Händen sind und die meisten von uns es satthatten, ständig hungrig zu sein. Wir wollten nicht, dass man Mitleid mit uns haben musste; vielmehr wollten wir eine echte Chance auf ein normales, gutes Leben; wir wollten eines Tages dazu imstande sein, unsere eigene Geschichte zu erzählen, in unseren eigenen Worten. Dieser Schriftsteller hat seine Hausaufgaben nicht gemacht, jedenfalls nicht richtig. Hätte er die Mühe auf sich genommen, mit einer von uns zu sprechen, hätte er gewusst, dass selbst Mädchen die Schwefelhölzer verkaufen, einen Namen haben.«

Besonders mutige und kühne Heilige

So furios beginnt Emma Carroll ihre Neuerzählung mit dem kämpferischen Titel Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück. Bridie heißt Carrolls Heldin – »das ist die Kurzform von Brigid, die einzige weibliche irische Heilige, die zudem noch besonders mutig und kühn war.« Und genauso herausfordernd, mit einem entschlossenen Zug um den Mund, blickt Bridie mit ihrem feuerroten Haar vom Einband dieses brillanten Buchs.

Knochenzerfressender Phosphor

Es ist Silvester, eiskalt. Bridie will besonders viele Streichhölzer verkaufen, um zur Feier des Tages ein gutes Essen, am besten eine Gans nach Hause bringen zu können. Die Schwefelhölzer produziert ihre Mutter mit Hunderten weiteren Arbeitern in einer Fabrik, wo sie in 14-Stunden-Schichten unter furchtbaren Arbeitsbedingungen Holzstäbchen in hochgiftigen und knochenzerfressenden weißen Phosphor taucht. Ihr kleiner Bruder faltet zu Hause eifrig Schachteln, anstatt in die Schule zu gehen.

Hunger und Kälte rauben ihr fast den Verstand

Das hat sich Emma Carroll nicht ausgedacht. Das war grausame Realität für hunderttausende Arbeiterinnen, Arbeiter und ihre Familien in den Großstädten. Bridie ist eine tolle Geschichtenerzählerin, als Zauberhölzer preist sie die Stäbchen an. Und sie verkauft anfangs gut. Doch dann macht ihr ein Konkurrent die Kundschaft streitig, sie wird fast von einer Kutsche, ausgerechnet der des Streichholzfabrikanten, überfahren. Ihr Bauchlanden zerbricht, die Hölzer landen im Schneematsch, sie verliert ihre Pantoffeln. Kälte und Hunger rauben ihr fast den Verstand. Man kann es sich kaum vorstellen, wie kalt es ist, barfuß nur in Kleid und einem Schal stundenlang durch die Straßen über gefrorenen Schnee zu laufen. Heutzutage hüllen sich die meisten schon in dicke Daunenmäntel, wenn die Temperatur in einstellige Plusgrade sinkt.

Erhellende Träume

Wie bei Andersen zündet auch Bridie schließlich ihre drei letzten Schwefelhölzer an. Und fällt zunächst wie Alice im Wunderland ins Schwarze und träumt – drei verschiedene und sehr erhellende Träume. Der Name Carroll scheint ein Garant für starke Mädchenfiguren zu sein (Lewis Carroll hat sich das Pseudonym für seine Erzählung gegeben, hieß eigentlich Charles Lutwidge Dodgson).
Während bei Andersen das Leben des Mädchens erlischt, flammen Bridies Lebensgeister auf und ihr Wille zu kämpfen erwacht glühend und kraftvoll. »Wir müssen etwas unternehmen. Jetzt! Etwas Lautes und Öffentliches, und zwar vor den Toren der Fabrik.« Mit Hilfe einer Journalistin und Frauenaktivistin schafft Bridie es, die Fabrikarbeiterinnen zum Streik aufzurufen.

Schlagkräftige Neuerzählung

Dies ist kein Märchen. Und bestimmt nicht eine von Anderson Märtyrerinnenschmonzetten. Tatsächlich sind Schwefelholzfabrikarbeiterinnen in London 1888 in Streik getreten, für mehr Lohn und menschlichere Arbeitsbedingungen. Es war ein monatelanger Kampf, bis tatsächlich die Verhältnisse sich etwas besserten. Doch es dauerte noch fast ein Jahrzehnt, bis der hochgiftige und billige weiße Phosphor durch den weniger gesundheitsschädlichen roten ersetzt wurde. Ob nun ein wortgewandtes und wütend entschlossenes Mädchen den ersten Funken gegeben hat. Oder der Mut zur Gegenwehr schon länger vor sich hin glomm und schließlich durch noch größere Grausamkeiten entfacht wurde und aufloderte, ist unwichtig. Emma Carrolls schlagkräftige Neuerzählung ist mitreißend, bezaubernd und ein Lichtblick. Marion Hertle hat es feurig und warmherzig übersetzt und gibt Bridie auch hierzulande eine Stimme.

Durchdringende Blicke, vielsagende Farbakzente

Lauren Child hat dazu faszinierende Illustrationen geschaffen. Man kennt Childs bunt charmante Geschichten der Geschwister Charlie und Lola. Sie ist auch Autorin der Krimireihe um die junge Meisterspionin Ruby Redfort. Hier arbeitet sie, inspiriert von historischen Fotografien, in kraftvollem Schwarzweiß. Ihre Charaktere blicken stark und durchdringend. »Diese Frauen waren ausgezehrt, müde und arm, genau wie wir. Aber sie versprühten eine Energie, eine aufrichtige Wut, die ihnen Würde verlieh«, sagt Bridie über die Arbeiterinnen. Genau das spricht aus Lauren Childs gezeichneten Augen und Gesichtern.
Unterschiedlich gemusterte und strukturierte Flächen von Wänden, Böden und Kleiderstoffen kontrastieren die Bilder und verleihen ihnen Tiefe. Einzige Farbakzente sind Bridies feuerrotes Haar, Dekoration in den Häusern der Reichen und aufflammende Schwefelhölzer. Diese hervorgehobenen Details sprechen für sich.

Geldgier und Kapitalismus gewinnen nicht immer

Also, kratzt eure Pennies, Cents und Öre zusammen und kauft oder auch leiht in Bibliotheken, Büchereien und Bücherhallen Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück – eine wahre Geschichte von Wut und Kraft, von Solidarität, Entschlossenheit und Zusammenhalt. Ein Beweis, dass Kapitalismus und Geldgier nicht immer gewinnen.

Emma Carroll: Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück, Illustration: Lauren Child, Übersetzung: Marion Hertle, Woow Books 2024, 208 Seiten, 20 Euro, ab 9 Jahre

Gemeinsam eine Stimme finden

Girlhood

Ich bin nicht loud and proud, wie meine Freunde aus der Queer-AG. Ich bin still und extrem überfordert«, denkt Pree. Während ihre Schulfreunde sich auf den lang vorbereiteten und von Pree mitorganisierten Queer-Proud-March machen, ist sie auf der Hochzeit ihrer Cousine, einer richtig großen traditionellen indischen Feier. Und bis auf ihre sehr verständige Mutter weiß niemand, dass Pree auf Frauen steht.
Mit einem knallbunten, mitreißenden und sehr lustigen Zusammenprall der Kulturen beginnt die vielfältige Anthologie Girlhood. Sechs deutschsprachige Autorinnen mit unterschiedlicher Herkunft und Sozialisation erzählen in sechs Kurzgeschichten von Mobbing in der Schule und den sozialen Medien, von Diskriminierung und Rassismus, Ausgrenzung, Bodyshaming und Queerness.

Null Punkte für ihren Körper

Alle Mädchen und junge Frauen in diesen Geschichten haben gemein, dass sie am liebsten unter dem Radar, unscheinbar und unauffällig bleiben wollen. Was unmöglich ist, wenn man die einzige Schülerin mit einer sichtbaren Behinderung ist. Wie Liv, die wegen ihrer Glasknochenkrankheit auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Oder Dessi, die nicht den schlanken Schönheitsidealen entspricht und deshalb auch nur eine Zehn im zynischen Kategorisierungssystem ihrer Klassenkameraden ist. Je fünf Punkte für ihr Gesicht und ihren Charakter. Null Punkte für ihren Körper.

Plötzlich ein Meme-Girl

Oder Nour: »Ich dachte, wenn ich nur nett bin, so richtig nett, biete ich niemandem eine Angriffsfläche. Jetzt stecke ist genau in der Situation, weil ich etwas Nettes getan habe?« Nour hat für ihre Freundin, die sich ihren Text für ein Theaterstück nicht merken kann, spontan eine Eselbrücke getanzt. Leider hat das ein profilneurotischer Mitschüler, eigentlich ein guter Freund seit Kindergartenzeiten, gefilmt und online gestellt. Und jetzt ist sie Meme-Girl. Basma Hallaks Story erzählt geschickt, wie man aus der selbstgesuchten Peripherie mitten reingeschleudert, von der stillen Außenseiterin ungewollt zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wird.

Menschen für einen Gag missbraucht

Zuvor hat Nour auch nur über Memes, die ihr über die sozialen Kanäle zugespielt wurden, kurz geschmunzelt, vielleicht mal geteilt. Aber sie hat sich keine Gedanken gemacht, dass dafür Bilder von Menschen missbraucht werden, für ein Lachen auf Kosten anderer. Für einen bald schalen Witz, der aber nicht mehr aus dem Netz verschwindet und im schlimmsten Fall die Betroffenen ein ganzes Leben lang begleitet. Es ist ein schmaler Grad zwischen unbeteiligt und volle Granate betroffen zu sein.

Mut der Verzweiflung

Alle Geschichten in Girlhood wissen um diese Ambivalenz. Ist man jemals unbeteiligt, wenn jemand anderes gemobbt wird? Weil man schweigt, nicht einschreitet? »Ihr seid erbärmlich, weil ihr dabei mitmacht. Nur weil ihr Angst habt, dass es sonst euch trifft«, schleudert die ungewollt schwangere und brutalst gemobbte Biona der eifernden, ihr auflauernden Meute entgegen. In allen der sehr gut und intensiv geschriebenen und dialogstarken Kurzgeschichten ist für die Protagonistinnen irgendwann der Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr weiterkönnen. Wenn sie sich nicht länger verstecken können oder gute Miene zum bösen Spiel machen wollen. Anfangs mit dem Mut der Verzweiflung beginnen sie, sich zu wehren.

Zusammenhalt

So wie Dalia, die mit ihrer Familie aus Syrien geflüchtet ist und trotz größter Anstrengung und Bestnoten weiterhin in der sogenannten Willkommensklasse für Geflüchtete bleiben soll, obwohl sie Abitur machen und Medizin studieren möchte. »Wenn es nichts bringt, haben wir es wenigstens versucht.« Tatsächlich gibt es in allen Geschichten eine Initialzündung. Und die Mädchen und jungen Frauen beweisen großen Mut, für sich einzustehen. Und gewinnen Mitstreiterinnen und auch Mitstreiter. Darum geht es auch in Girlhood. Um Erfahrungen und Erlebnisse junger Frauen. Und um Zusammenhalt.
Noch einmal Biona in Justine Pusts Geschichte Die Stimme, die wir fanden: »Immer wenn eine Frau aufhört, den Mund zu halten, findet vielleicht auch eine andere von uns ihre Stimme wieder.« Girlhood, das sind starke Geschichten, die Mut machen.

Anna Dimitrova/Amani Padda/Basma Hallak/Rabia Doğan/Justine Pust/Katharina Seck: Girlhood, Arctis, 2025, 320 Seiten, 18 Euro, ab 14 Jahre