Mit 200 Sachen ins Leben

200 Sachen – als Erwachsener kann man davon nur träumen. Damit ist nicht die Geschwindigkeit gemeint, mit der man über die Autobahn kacheln könnte, wenn man einen geeigneten und möglichst stilvollen, fahrbaren Untersatz hat.
Die junge Grafikerin Magdalena Skala, Jahrgang 1994,  hat mit Sachen – Mein 200-Bilder-Buch das perfekte Abbild der kindlichen Realität gestaltet. 200 farbige, klar konturierte Bilder von Alltagsgegenständen und Lebensmitteln finden sich auf zehn stabilen Papp-Doppelseiten.

Auf zehn Doppelseiten durch Lebensräume

Da geht es von der Garderobe mit Mantel, Schirm, Schuhen, Geldbörse und Smartphone gleich ins Kinderzimmer zu Schaukelpferd und Xylophon. Vor allem das Xylophon sticht ins Auge: Dieses einfache Instrument mit den bunten Metallplättchen findet sich doch tatsächlich bis heute magischerweise fast immer beim Spielzeug. Wenn es auch nur ansatzweise so viele ausgewachsenen Percussion- und Vibraphonisten gäbe, würde die Welt ganz anders, rhythmischer und auch schöner klingen.
Auf den nächsten Doppelseiten streift der Betrachter durchs Wohnzimmer mit Sessel, Wandschrank und Flachbildschirm in die Küche. Und mitten rein in den Kühlschrank, ins Bad, runter in den Keller und raus in den Garten. Wobei im eigentlichen Sinn keine Zimmer zu sehen sind, aber die Dinge, die man den einzelnen Räumen zuordnet.

Alltag in sattem Orange, Rot, Geld und Dunkelblau

In sattem Orange, Rot, Gelb und Dunkelblau entfaltet Skala alles, was die Alltagswelt eines Kindes prägt. Nichts fehlt, und kein Teil ist zu viel. Die idealen 200 Sachen halt, bei denen die Entrümplungsexpertin Marie Kondo garantiert nichts zum Ausmisten fände. Und auch keinen Anlass für den von ihr selbst absurderweise zum Verkauf angebotenen Krimskrams und Nippes, der Freude schenken soll, oder wie sie es sagt: „Spark joy.“

Kein Teil zu viel, nichts zu tun für die Entrümplungsexpertin

Dagegen wirkt Magdalena Skalas Wohnraumgestaltung wie pures Bauhausdesign, kein Schnickschnack, kein Firlefanz, kein überflüssiges Dekor. Für dieses Bilderbuch wurde Skala jetzt auch mit dem Meefisch (Fränkisch für Mainfisch – man kann als Erwachsener immer noch etwas lernen), einem in Markheidenfeld verliehenen Preis für Bilderbuchillustrationen ausgezeichnet. »Wie ein gutes italienisches Nudelgericht: einfach, klar, übersichtlich und vor allem wohlschmeckend«, so begründete der Illustrator und Hochschuldozent Marco Wagner den Juryentscheid.
Das ist zwar, insbesondere für einen Illustrator, ein etwas schräges Bild. Aber man versteht beim Betrachten von Skalas aufgeräumten, köstlich anzusehenden und Appetit auf mehr machenden Seiten was er meint.

Heißt es Pfannenwender? Sagt man Vierkantreibe?

Die Namen der Gegenstände sind ein Abbild der Wirklichkeit, sagt grob vereinfacht der Philosoph Ludwig Wittgenstein in seinem berühmten, später weitestgehend revidierten Frühwerk Tractatus logico-philosophicus. Magdalena Skala schafft mit ihren Illustrationen ein besonders gelungenes Abbild der kindlichen Realität. Das Tolle an diesem Buch ist, dass sie nichts benennt, nirgendwo steht »Stuhl«, »Waschmaschine« oder »Schubkarre«. Die Kinder lernen, den Sachen selbst Namen zu geben, vielleicht auch Dinge zu umschreiben. Und bei manchem Küchenutensil kommt der erwachsene Betrachter ins Grübeln, heißt es Pfannenwender? Sagt man Vierkantreibe?

Kondo kannste knicken

Gleichzeitig lernen Kinder Zusammenhänge, Funktionen und Themenkomplexe kennen: Im Bad findet sich nichts zu essen und Werkzeug eignet sich nicht zum Kochen.
Der Entdeckergeist wird zusätzlich durch einen Marienkäfer auf jeder Seite geweckt, der mal über ein Regal krabbelt, mal auf einem Flaschenetikett sitzt. Sachen ist ein klasse Bilderbuch – und kluger Einrichtungshelfer, da kann man jeden Kondo-Ratgeber knicken.

Magdalena Skala: Sachen – Mein 200-Bilder-Buch, Arena, 2020, 22 Seiten, ab 12 Monaten, 13 Euro

Mut zur Lücke

Becker

Zunächst wird es nur angedeutet: Eine handbeschriebene Tafel und Ärger mit dem Imbissbesitzer. Eine nicht wahrgenommene, viel sagende Widmung auf der ersten Seite. Die frotzelnde große Schwester: »Wer liest, ist im Vorteil.« Der ignorierte Klassenchat. Eltern, die sich selten, dieses Mal aber so richtig zoffen.
Erst nach gut einem Drittel taucht die Therapeutin in Anne Beckers Debütroman Die beste Bahn meines Lebens auf. Und man kapiert: Dies ist mehr als ein fabelhaft geschriebener Roman über das erste Verliebtsein. Und der 13-jährige Jan ist nicht nur ein höchst begabter und begeisterter Schwimmer, der mit seinen Eltern, älterer Schwester und Bruder im Kita-Alter ans andere Ende der Stadt gezogen ist.

»Du bist eigentlich zu alt für eine Therapie«

Jan hat LRS. Drei fiese Buchstaben, die für das stehen, womit Jan mehr als sein halbes, junges Leben bereits auf Kriegsfuß steht: Lesen und Rechtschreibung klappt bei ihm nicht. Aneinander gereihte Buchstaben ergeben für ihn keinen Sinn, Worte verschwimmen vor seinen Augen. Und dann sagt ihm die neue Therapeutin gleich in der ersten Stunde: »Du bist eigentlich zu alt für eine Therapie.«
Diese unverblümte Stimme ist ungeheuer erfrischend – und die Stimme der Autorin Anne Becker, die selbst als Förderschullehrerin arbeitet. Weil sie einem die Illusion nimmt, man könnte alles wegtherapieren, es wäre nur eine Frage von Ehrgeiz, Fleiß und Übung und alle Kinder wären gleich.

Chips-Cola-Momente mit dem Nachbarsmädchen

Es kann auch nicht jeder so schnell schwimmen wie Jan, geschweige denn in Rückenlage. Es schafft nicht jeder beim ersten Mal, ein ausgebüxtes Huhn einzufangen und zu beruhigen. Und es hat auch nicht jeder »Chips-Cola«-Momente mit dem Nachbarmädchen, der rothaarigen, sommersprossigen Flo (wie sich dieser Moment gestaltet, wird hier natürlich nicht verraten).
Die Vielseitigkeit macht den Reiz dieser charmant und beschwingt geschriebenen Geschichte aus. Es geht um neue Freunde und erste Liebe. Dazu gehören auch die typischen Missverständnisse, Schüchternheit, Ungeschicklichkeit und Übersprungshandlungen. Es geht um Angst und Mut, um Schwächen und Stärken. Auch Mobbing und die perfidere Form, das Cybermobbing, spielen eine Rolle: Geklaute Fahrradventile, entwendete Lieblingsbücher, spuckefeuchte Papierkügelchen, ungewollte Fotos und Filmaufnahmen.

Gefühle in Torten- und Balkendiagrammen

Das alles ist aber nie Schwarz-Weiß dargestellt, nicht auf Vorhersehbares reduziert: Jans Schwester Nele kann auch nett sein und ihm in peinlichen Situationen zur Seite springen. Der tumbe Fiesling und Konkurrent ist nicht nur böse. Und wenn man zusammen hält, kann man sich wehren. »Linus ist manchmal echt nett, weißt du? Aber das Nettsein hält nie lange an. Deshalb musste ich ihm leider mein Eisschirmchen in die Hand rammen.«
Erzählt wird aus Jans Perspektive. Dazwischen finden sich Seiten aus Flos Tagebuch. Und weil die ein Mathegenie, manchmal auch nerviger, nachrechnender Nerd ist, beschreibt sie ihre Gefühle in Form von Balken- und Tortendiagrammen, Skalen und Vektoren. Das ist schräg, super auf den Punkt gebracht und sehr witzig.

Nur ein Teilaspekt des Lebens

So wie das ganze Buch, das zeigt, dass eine Lese-Rechtschreibstörung echt kein Spaß ist und man diese Beeinträchtigung nicht einfach unter Wasser drücken kann. Aber sie ist nur ein Teilaspekt des Lebens und macht nie den ganzen Menschen aus – außer man lässt sie. »Dein Monster ist wasserscheu«, sagt Jans Therapeutin. Diese Haltung ist die Stärke dieses Debüts, das wahrscheinlich nur vorerst die beste Bahn in Anne Beckers Leben als Schriftstellerin ist. Einziges Manko des Buchs ist, dass betroffene Kinder und Jugendliche Jans Geschichte wahrscheinlich nicht selbst lesen werden. Sie sollten sie sich aber unbedingt vorlesen lassen. Und das grandiose Ende kann wirklich jeder selbst dechiffrieren, die beste Beschreibung eines Kusses: »Sprengt jede Grafik!«

Anne Becker: Die beste Bahn meines Lebens, Beltz & Gelberg, 176 Seiten, ab 11, 12,95 Euro

Hund adoptiert Familie

Rosoff

Allem Anfang wohnt angeblich ein Zauber inne. Kann sein, aber auch etwas zu beenden kann magisch sein und wahre Wunder bewirken. So im Fall der Familie Peachey, bestehend aus Vater, Mutter und drei Kindern, zumindest in der ursprünglichen Formation, als Mama Peachey beschließt Schluss zu machen und »ihren Job als Mutter an den Nagel zu hängen«: »Ich gebe auf«, sagte sie. »Ich habe keine Lust mehr, zu kochen und sauberzumachen und verlorene Schlüssel zu suchen. Ich habe keine Lust mehr auf langweilige und undankbare Aufgaben. Ich höre auf.«
Anfangs sind fast alle noch ganz begeistert. »Schluss mit gesundem Essen! Schluss mit mütterlicher Unterdrückung!« Doch schon nach kurzer Zeit versinken Vater und Kinder in Durcheinander und Dreckwäsche. Es gibt nur noch scheußlich schmeckende Fertiggerichte, die noch mehr Müll produzieren. Und keiner kommt mehr pünktlich zu Schule und Arbeit, weil der menschliche Familienwecker streikt.

Faire Arbeitsteilung ist eine schöne Wunschvorstelliung

Ein absolut glaubwürdiges Szenario und schöner Schlamassel, in den sich Mister Tavish, toller Hund und psychologisches Superhirn, in Meg Rosoffs famoser Familiengeschichte Glück für alle Felle begibt.
Nur die sonst sehr kluge Kinderbuchexpertin Ute Wegmann hat in ihrer Radiosendung den ziemlich dummen Einwand vorgebracht, das sei ja ein Frauenbild wie aus den 50ern. Blödsinn, denn erstens hat Mama Peachey einen guten Job als Buchhalterin, dem sie unverändert nachgeht. Und zweitens ist es in jeder modernen Familie nachweislich so, dass die Mütter am meisten im Haushalt arbeiten, neben ihren bezahlten Jobs, in ihrer Freizeit. Weil es auch nach mindestens 50 Jahren Frauenbewegung, Gleichberechtigung und Emanzipation immer noch nicht klappt mit der fairen Arbeitsteilung. Meg Rosoffs vermeintlich harmlose Tiergeschichte hat es also in sich.

Keine pflegeleichte Familie

Der andere raffinierte Dreh ist, dass der Hund die Familie adoptiert: »Er spürte sofort, dass sie nicht zu den pflegeleichten Familien gehörte. Ob sie schon sehr früh traumatisiert worden waren oder von Natur aus schwierig, konnte Mister Tavish natürlich nicht wissen. Aber er wusste, sie zu adoptieren würde Geduld, Disziplin und harte Arbeit erfordern … Doch es war schon zu spät. Mister Tavish hatte sich in die Peacheys verliebt.«
Nach Eoin Colfers Der Hund, der sein Bellen verlor ist jetzt auch Meg Rosoff auf den Hund als besonderes Familienmitglied gekommen. Wobei sie bereits 2013 in Alles was ich weiß über dich der zwölfjährigen Mila auch ein paar bemerkenswerte Fähigkeiten verliehen hat.

Soziopathen sondieren herrenlose Hunde

Besondere Bilder, pointierte Dialoge und grandiose Situationskomik machen auch den Charme dieser Geschichte aus. Während Vater Peachey zunächst »unverbindlich die Lage im Tierheim sondieren will«, bekommt er von seiner 14-jährigen, existenzialistisch angehauchten Tochter Ava bescheinigt, er sei ein Soziopath. Im Geiste schreibt Ava das Buch »Erinnerungen an eine zerrüttete Kindheit«, während der zwölfjährige Ollie seinem Vater klar macht, wie alt er tatsächlich ist: »Zu deiner Zeit sind noch Dinosaurier über die Erde gewandert.«
Wirklich bei Verstand ist abgesehen von der streikenden Mutter nur die achtjährige Betty, neben dem smarten Hund die wahre Heldin der Geschichte.

Famoses Familienporträt, Fortsetzung folgt

Brigitte Jakobeit, seit So lebe ich jetzt von 2005 Meg Rosoffs zuverlässige Übersetzerin, überträgt diese Geschichte für jüngere Leser erfrischend witzig und wohltuend klar (so schreibt sie zum Beispiel »Unterhosen« statt des alberner Begriffs »Schlüpfer«).
Man hätte dem Buch nur einen weniger kalauernden Titel gewünscht, im Original heißt die Geschichte Good Dog, Mister Tavish. Good book, Mrs Rosoff, indeed. Ein entzückendes, wenn auch schmales Familienporträt, das im Frühjahr fortgesetzt wird unter dem Titel (man ahnt es) Ferien für alle Felle.

Meg Rosoff: Glück für alle Felle, Übersetzung: Brigitte Jakobeit, Illustrationen: Anke Faust, Fischer KJB 2019, 128 Seiten, ab 8, 10 Euro

NEINhorn und KEINpferd

Spätestens seit dem wunderbarsten Weihnachtsfilm aller Zeiten, love actually, wissen wir, dass nicht nur Esel und Schaf im Stall von Bethlehem standen. Legendär der Dialog von Emma Thompson mit ihrer Tochter: »Erster Hummer? Es war also mehr als ein Hummer bei Jesus‘ Geburt dabei?« Hummer in Ehren, ruhige Charaktere mit beträchtlicher Altersweisheit, wenn sie nicht vorher im Kochtopf landen.
Wer aber definitiv dabei sein sollte, sind NEINhorn und KEINpferd.
Marc-Uwe Kling gesellt seinem anarchistischem Känguru jetzt ein sich genauso wenig um Konventionen scherendes Tier für jüngere Leser dazu. Dieses kleine Einhorn ist bestimmt nicht niedlich (eigentlich schon, wie es so wütend, mit verstrubbelter Mähne vom Cover starrt, aber sagen Sie ihm das bloß nicht!).

Gezuckerter Glücksklee und Knuddel-Engel? Nein, Nein, nochmals Nein

Auf jeden Fall fühlt es sich nicht wohl in seinem superflauschigem Fell, »es hatte oft das Gefühl, am falschen Ort zu sein.
Darum sagte es meist nichts, und wenn doch, dann sagte es NEIN.«
Waschen, Essen, Schule, Sport, und noch schlimmer, gezuckerter Glücksklee, weiche Knuddel-Engel, »im duftenden Blütenstaub der Wunderpflanzen / Ballett für die niedlichen Gnome tanzen« und was es sonst noch so an lilalaunefunkelglitzer Klischeebeschäftigungen für Einhörner gibt – Nein, Nein und nochmals Nein!
»Das geht mir total auf den Keks«, sagt der kleine Revoluzzer sehr deutlich – und immerhin ziemlich höflich.

Auf subtile Art sich dem Mainstream und Erwartungen verweigern

Also macht es sich auf den Weg, die Welt auf seine Art zu erkunden, badet im Schlamm, isst angedatschte Äpfel, bis ihm schlecht wird, jagt »irre niedliche Katzenbabies« auf Bäume. Und lernt Leute kennen, die sich ebenfalls auf subtile Art dem Mainstream und den Erwartungen verweigern: Einem Waschbär mit selektiver Schwerhörigkeit, also einem WASbär, einem durch nichts aus der Ruhe zu bringenden, »Na und?« fragenden Hund, also NahUnd, und einer trotzköpfigen KönigsDochter, die sie gemeinsam aus einem Turm befreien. »Mein Vater hat mich hier eingesperrt, weil ich immer Widerworte gegeben habe.«
Da schwant dem NEINhorn, dass es doch vergleichsweise tolerante und eigentlich ganz nette Verwandte hat. Gelegentlich besucht das bockige Quartett sogar die Einhorn-Familie und isst ein wenig Glücksklee.

Wider den Reimzwang

Diese Fabelwesengeschichte ist brillant gegen den Strich gebürstet. Astrid Henn findet  für ihre farbenfrohen Illustrationen genau die richtige Mischung aus niedlich-rundlich-bunt und kluger Karikatur, die alle Klischees in die Pfanne haut. Und fügt zum Schluss noch ein sehr witziges Bestarium aus Schmatze, Reichhörnchen, Egaal, Schnarcheoperteryx und weiteren klugen Kalauer-Kreaturen hinzu.
Nicht zuletzt räumt Marc-Uwe Kling mit dem immer noch in Kinderbüchern verbreitetem Reimzwang auf. »Und mich nervt auch, dass sich jeder Satz hier immer reimen muss«, sagt das zornige Fohlen zum Abschied. Wo schlechte Reime hinführen, weiß man auch vom Pumuckl, noch ein Punk aus dem Kinderzimmer, genauer der Werkstatt des Meister Eder: »Denn was sich reimt, ist gut«, argumentiert der Feuerkopf gern – und dann enden seine Aktionen oft richtig übel.
Dem neugeborenen Jesus hätte ich auf jeden Fall einen selbstbewussten Nein-Sager zur Seite und zum Vorbild gewünscht.

Und ein so überirdisch schönes Fantasiewiesen, wie aus Marcy Campbells und Corinna Luykens Adrian hat KEIN Pferd. Die Erzählerin in diesem Buch regt sich auch ganz schön auf. Weil sie glaubt, dass der Junge aus ihrer Klasse lügt. Und das sagt sie auch allen so. »Adrian wohnt in einem Haus, das sehr klein ist. Er bringt immer ein Butterbrot mit in die Schule, weil er kein Geld hat, um sich was zu kaufen. Und seine Schuhe haben Löcher«, stellt sie fest. Sie versteht, Adrian ist arm. Und weiß, dass ein Pferd ein teures Vergnügen ist.

Adrian scheint arm und ist doch sehr reich

Was sie aber nicht begreift, ist dass Adrian gleichzeitig sehr reich ist – an Fantasie. Für ihn gibt es dieses Pferd mit der goldenen Mähne und den braunsten Augen der Welt wirklich. Und schließlich gelingt es ihr doch, auch durch ihre sehr bodenständige Mutter, die Welt mit Adrians Augen zu sehen.
Corinna Luyken hat zu Marcy Campbells erfrischend klar und stringent erzählter Geschichte fantastische Bilder mit Buntstift und Aquarell gemalt, die immer farbenreicher, vielschichtiger, verschlungener werden. Das KEINpferd erscheint mal wie ein Fata Morgana, ein Wunschwesen, und wird mit dem wachsenden Verständnis der Erzählerin wahrhaftiger.

Tierische Begleiter, die man sich an jede Krippe wünscht

Auch die zahlreichen anderen Charaktere, liebevoll gezeichnete Nebendarsteller, wie die Mutter, die konzentriert während der empörten Tirade ihrer Tochter im Garten ein Fahrrad repariert, das großzügige, geschmackvoll eingerichtete Wohnzimmer, die direkte Konfrontation der Kinder im Profil mit ebenso minimalistischer wie ausdrucksstarker Mimik – Corinna Luykens Illustrationen sind absolute Hingucker, die einen von der Kraft der Fantasie überzeugen.
Also, Ja zum furiosen NEINhorn und zum fabelhaften KEINpferd, tierische Begleiter, die man sich an jede Krippe wünscht.

Marc-Uwe Kling (Text), Astrid Henn (Illustration): Das NEINhorn, Carlsen 2019, 48 Seiten, ab 3, 13 Euro

Marcy Campell (Text), Corinna Luyken (Illustration): Adrian hat gar KEIN Pferd, Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, cbj Verlag 2019, 40 Seiten, ab 5, 15 Euro

Die Antarktis, das Leben und der ganze Rest

Antarktis

Kälte ist nicht so mein Ding, weshalb ein Ausflug in die Antarktis, selbst nur als literarisch-virtueller, nicht naheliegend ist. Aber hey, da ist jetzt Sommer, die Sonne scheint rund um die Uhr, bei lauschigen –10° bis –40° Celsius, ohne das Minus davor geradezu perfekt.
Zum Südpol fällt einem zunächst nicht viel mehr ein als klirrendkalt und jwd und Pinguine. Der tschechische Autor und Illustrator David Böhm zeigt jetzt mit A wie Antarktis, das da unten, am anderen Ende der Welt so viel mehr ist – Spannendes, Unglaubliches, Überwältigendes.

Weltbild auf den Kopf gestellt

Was heißt das eigentlich, „da unten“? Gleich zu Beginn stellt Böhm unser Weltbild in Frage und auf den Kopf. Auf einer Kugel gibt es gar kein oben und unten, keinen Anfang und kein Ende. Unsere eurozentrische und am Äquator orientierte Sicht der Welt ist nicht nur perspektivisch verzerrt. Das fängt schon beim Namen an: Antarktis ist zunächst ein nur im Deutschen gebräuchlicher, unpräziser Ausdruck. In den meisten Sprachen heißt die Landfläche Antarktika und das umgebende Meergebiet Südpolarmeer oder Antarktik. Sie ist der südlichste Kontinent und ein in vielerlei Hinsicht ein Unikum.
Verblüffenderweise ist sie nicht nur mit durchschnittlich 2020 Metern überm Meeresspiegel der höchste (Ha! Himalaja), sondern auch der trockenste Kontinent. Es regnet dort seltener als in der Sahara. Und doch speichert sie dreiviertel des Süßwasser der ganzen Welt in ihrem Eis. Zur extremen Kälte, –89° C wurde 1983 gemessen, kommen noch bis über 250 Stundenkilometer schnelle Winde.

Antarktika gehört niemandem

Das sind die harten geographischen und klimatischen Fakten. Es gibt auch sehr sympathische Fakten: Die Antarktis gehört niemandem – oder allen. Mittlerweile haben 54 Nationen den Antarktisvertrag vom 1. Dezember 1959 unterschrieben. Der besagt, dass man hier keinen Krieg führen und keine militärischen Übungen machen darf. Niemand  darf mineralische Rohstoffe fördern. Die Antarktis darf nur friedlich genutzt werden und ist der ganzen Welt für wissenschaftliche Forschung zugänglich. Leider endet der Vertrag 2048.
Nicht nur aus edlen Motiven lieferten sich Anfang des vorherigen Jahrhunderts zahlreiche Abenteurer absurde Wettrennen, um Erster am Pol zu sein. Überschattet von ihren Gespenstern erzählt und zeigt Böhm auf der ersten von zahlreichen aufklappbaren Doppelbreitbandseiten die Abenteuer dieser Polverrückten.

Entspannte Pelztiere und kuriose Architektur

Die Weddelrobbe hätte gut auf diese Extremtouristen verzichten können. Wegen ihres superdichten und fantastisch wärmenden Pelzes wäre das am nächsten zum Südpol lebende Säugetier fast ausgerottet worden. Meist liegt sie nämlich entspannt auf dem Eis, als wäre es der Strand. Nicht nur mit ihr, die bis zu 80 Minuten unter Wasser bleiben kann, tauchen wir ein in David Böhms fantastische Panoramabilder zum Leben an Land und unter Wasser, über Eisberge und ins ewige Eis, das wie das Gedächtnis der Erdgeschichte ist. Wir sehen die kuriose, unter Extrembedingungen entstandene und völlig unterschiedliche Architektur der insgesamt 70 Stationen, die von derzeit 30 Nationen am Südpol bewohnt und unterhalten werden. Jüngst hat Südkorea 2014 eine der modernsten Stationen eröffnet, die chinesische ist in jeder Hinsicht extrem und die ukrainische hat als einzige ein Bar.

Tiefblaue Panoramen und plüschige Pinguine

Die klugen, fakten- und informationsreichen Texte allein machen A wie Antarktis schon zu einem höchst lesenswerten Buch. Perfekt wird es aber durch die abwechslungsreiche und lebendige Gestaltung. Böhm, Absolvent der Akademie für Bildende Künste in Prag, spielt mit Formaten, Farben und Formen. Wir tauchen ein in das Südpolarmeer in tiefen Blautönen, blicken winzigen Bärtierchen ins Auge, erkunden Eiswüsten in epischer Breite, leiden in Comicform mit an übelster Seekrankheit.
Dazwischen finden sich zahlreiche Fotos und realistische Collage-Elemente. Die verschiedenen Pinguin-Arten wiederum sind von einer Künstlerin extra als Stofftiere genäht.
A wie Antarktis ist so viel mehr als nur ein brillantes Sachbuch voller echter Abenteuer – es liefert neue Ansichten vom kältesten Kontinent, vom Leben und dem ganzen Rest

David Böhm: A wie Antarktis – Ansichten vom anderen Ende der Welt, Übersetzung: Lena Dorn, Karl Rauch Verlag, 2019, 78 Seiten, ab 7, 22 Euro

Muthasen

Angsthase

All lost in the supermarket – der knubbelige Held in Barrouxs Bin doch kein Angsthase verläuft sich zwischen gigantischen Regalwänden, irgendwo zwischen Süßigkeiten und Waschmittel. Eigentlich eine klassische Paniksituation für kleine Kinder. »Aber Angst? Ich doch nicht. Bin doch kein Angsthase! Hab‘ ja mein Kuscheltier dabei.«
Egal, ob ein Unwetter ums Haus tobt, er vom Dreimeterbrett springt oder nachts gruselige Schatten über die Wände huschen – der namenlose Held mit dem großen, kugeligen, an Charlie Brown erinnernden Kopf ist ein richtiger Muthase.
Barroux zeigt starke Szenen und üppige Panoramen in schwarzgrau und weiß, akzentuiert nur mit zwei Farben, einem kräftig klaren Gelb und Rot. Manchmal verirrt sich ein orangener Gummientenschnabel dazwischen.

Urvertrauen in die Welt

Es ist vermeintlich nur ein Stoffhase, der dem Kleinen Mut macht. Am besten gefällt mir die Szene im Zoo. »Auf einmal brüllt mich ein Löwe an«, das Maul der Raubkatze ist furchterregend, die dünnen Gitterstäbe sind ein Witz. Da kann einem schon mal vor Schreck die Mütze vom Kopf fliegen. Toll sind dann die folgenden Seiten, wenn wirklich alle, das Kind, die anderen Tiere im Zoo und sogar der Kuschelhase, richtig wütend und auch angsteinflößend den Löwen anstarren.
Das Stofftier steht für ein Urvertrauen des Kindes in die Welt, »weil Menschen, die mich lieb haben, immer für mich da sind, wenn ich sie brauche«.
Große Wahrheiten, gelassen gezeichnet vom französischen Autor Barroux, der übrigens in einem weiteren Buch der für Kinder schlafraubend interessanten Frage nachgeht, Was machen Eltern nachts?

Sanfter Superheld der Kuscheltiere

Angsthase

Diese Frage kann Ricardo Liniers zwar nicht beantworten. Aber was Kuscheltiere nachts so treiben, zeigt der Argentinier in seinem Comic Gute Nacht, Sternchen. Das staksige Wesen Sternchen erinnert aufgrund seiner Flecken an ein Rehkitz auf zwei Beinen. Auf jeden Fall ist es kein Angsthase, mehr ein diskreter Superheld der Kuscheltiere.
Tagsüber versteckt es seine Superfähigkeiten. Unterwegs mit einem Mädchen wirkt es wie die unanimierte, schlaffe Version des Tigers Hobbs aus den Abenteuern mit Calvin. In zart kolorierten Bildern wird durch Herbstlaub getobt und auf einer Doppelseite in kleinformatigen Bilderfolgen die Abendroutine aus offensichtlich nicht leckerem Abendessen, Zähneputzen und zu Bett gehen gezeigt. Gute Nacht, Sternchen, wünscht das Kind in aller Unschuld (nicht »Schlaf gut«!) – und das Abenteuer beginnt.

Einfach mal machen

Mutig stürzt sich das immer noch stofftierartige, aber gar nicht mehr schlaffe Wesen die Treppe herunter – und fällt, erschreckt von einem Geräusch, anmutig in Ohnmacht.
Sternchen ist anfangs einmal nervös, aber die Nacht ist noch jung. Sternchen lässt sich vom Hund des Hauses durchschütteln, genießt den wohligen Schwindel, und futtert Kekse mit ihm. Dann gilt es eine angeberische Maus zu beeindrucken. Mut ist bekanntlich nicht die Abwesenheit, sondern die Überwindung von Angst – einfach mal nicht lange, zu lange nachdenken – und machen. Sternchen greift nach den Sternen.
Liniers entzückender Comic ist eine leise, liebenswerte Variante von Winsor McCays Little Nemo in Slumberland. Es erzählt vom Zauber der Nacht und von Abenteuerlust. Und von Mut, der auch Sanftmut und Gelassenheit sein kann.

Barroux (Text und Illustrationen): Bin doch kein Angsthase, Übersetzung: Andreas Illmann, Schaltzeit Verlag, 2019, 28 Seiten, ab 4, 16 Euro

Ricardo Liniers (Text und Illustrationen): Gute Nacht, Sternchen, Übersetzung: Paula Peretti, Sauerländer, 2019, 40 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

Am Tag sind alle Kater bunt

Kleine Kinder können ziemliche Spießer sein. Das Leben ist noch zu komplex für ihren unerfahrenen Verstand. Um nicht die Orientierung zu verlieren, beharren sie auf das möglichst immer Gleiche und Wiedererkennbare.
Man kann also gar nicht früh genug anfangen, den kindlichen Horizont zu erweitern. Da kommt Peter, Kater auf zwei Beinen genau richtig. Phil findet den schwarz-weißen Vierbeiner herzzerreißend miauend vor der Tür in einem kleinen Karton, auf dem ein Name steht: Peter.
Schnell öffnet er die Kiste. »Jetzt, wo er endlich frei war, stellte sich Peter, der Kater, gleich auf seine Hinterbeine. Phil hatte noch nie einen Kater auf zwei Beinen gesehen. Aber egal – er hatte schon immer davon geträumt, eine Katze zu haben! So kam es, dass er Peter gleich bei sich aufnahm.«

Mäusejagd auf dem Skateboard

Dieses »Aber egal« macht das Bilderbuch der Autorin Nadine Robert und des Illustrators Jean Jullien sofort absolut liebenswert.
Peter ist nämlich absolut kein typischer Kater und entspricht keinem Klischee, das Phils Schulfreundin Pam von Katzen hat. Anstatt Mäuse zu jagen, verfolgt der Kater sie lieber mit dem Skateboard. Statt mit Wollknäueln zu spielen, serviert er gelegentlich Tee.

Wollknäuel sind langweilig!

Grandios zeigt Jullien mit aufs Wesentliche reduzierten, farbigen Bildern, wie abwegig es dem Kater erscheint, eine freundliche, ebenfalls auf zwei Beinen stehende Maus zu jagen. Noch besser ist der höchst gelangweilte Gesichtsausdruck angesichts der Vorstellung, mit einem Wollknäuel rumzualbern.
Eher schenkt er schön blasiert wie die Karikatur eines altehrwürdigen Butlers Tee ein. Leicht irre und sehr witzig wird Peters Blick bei der Idee, nach seinem eigenen Schwanz zu schnappen. Wo er den doch viel geschickter nutzen kann, um damit ein Tässchen anzuheben.

Vielfalt des Lebens charmant gefeiert

Phil nimmt Peter so wie er ist. »Peter ist ein Kater auf zwei Beinen, und er ist sehr besonders. Aber am allerbesten finde ich …, dass er mein Freund ist.« Schöner und charmanter kann man die Vielfalt des Lebens und aller Lebewesen nicht zeigen und als absolute Bereicherung feiern. Was als Diversity gefordert wird, leben Phil, Peter und bald auch ihre jungen Leser ganz selbstverständlich.

Harry bleibt lieber drinnen – eigentlich

Seinen Horizont erweitert, wenn auch zunächst unfreiwillig, der gemütliche Siamkater Harry im Bilderbuch von Leo Timmers.
Harry hat zwar keine Schmetterlinge im Bauch. Aber einen vor der Nase. Und der fragt ihn, ob sie fangen spielen wollen. »Harry hatte noch nie draußen gespielt. Er bleibt lieber drinnen. Aber fangen spielen ist sicher sehr schön.«
Und so verlässt Harry ungewohnt mutig die bekannten vier Wände, folgt dem Schmetterling – und findet nicht mehr nach Hause. Er sieht, dass es ganz andere Häuser als seins gibt – kleine, hohe und niedrige. Traurig und ganz allein probiert er alles aus. Doch es gibt kein Haus für Harry bis er in einer stinkenden Mülltonne landet und dort andere, straßenschlaue und freundliche Katzen trifft.

Eine Art schnodderiger Aristocats

Der Niederländer Leo Timmers zeichnet den knuffigen Harry und die Katzenbande mit ihren großen Augen und knubbeligen Fellkörpern auf zarten Pfoten wie eine Art schnodderiger Aristocats. Dazu zitiert er fotorealistisch Elemente und Ausschnitte von verwirrenden Straßenschildern und Wegweisern. Gleich zu Anfang läuft Harry an einer Litfaßsäule vorbei, auf der gleichzeitig das Musical Cats und die Oper Madame Butterfly plakatiert sind.

Auf den Geschmack gekommen

Herrlich ist auch das bronzene Denkmal eines versonnen lächelnden Löwen, auf dessen Hinterteil selbstbewusst eine obligatorische Taube hockt. Timmers besonderer Stil macht Lust auf weitere Abenteuer.
Harry findet zwar schließlich nach Hause, wo er schon sehnsüchtig von einem Kind erwartet wird. Aber der Kater hat die Welt draußen entdeckt und ist auf den Geschmack gekommen: »Morgen komme ich wieder raus zum Spielen!«

Nadine Robert, Jean Jullien (Illustrationen): Peter, Kater auf zwei Beinen, Übersetzung: Daniel Beskos, mairisch, 2019, 56 Seiten, ab 3, 16 Euro

Leo Timmers: Ein Haus für Harry, Übersetzung: Rolf Erdorf, aracari 2019, 56 Seiten, ab 3, 14 Euro

Gib Laut gegen die Angst

colfer

Aus der Sicht von Tieren zu erzählen ist heikel. Schlimmstenfalls endet es in dräuend pseudo-philosophischem Geraune eines alten Fuchses wie in Sara Pennypackers Mein Freund Pax.
Eoin Colfer macht in Der Hund, der sein Bellen verlor alles richtig. Hund, wie er sich selbst nennt, weil es neben Mischling und Welpe das meist gehörte Wort ist, ist genau das, ein Mischlingshundewelpe. Anfangs lebt er mit seinen Geschwistern und seiner Mutter beim lauten Mann.

Eine vage Ahnung von Freiheit

Nach und nach verschwinden die anderen Welpen. Hund würde gern bei seiner Mutter bleiben. Doch er sehnt sich auch nach dem Draußen, der Außenwelt, von der seine Mutter ihm erzählt und er schon Witterung aufgenommen hat. Bisher hat er nur eine vage Ahnung durch das Gras, das im Hof zwischen den Ritzen wächst. Er strebt nach Freiheit, die so aufregend wie beängstigend scheint.
Dann wird auch er eines Tages rausgenommen, in eine Kiste gepackt und mit einem Auto weggefahren. Schnell ahnt Hund. »Es würde schlimm werden.«

Plädoyer für jedes lebendige Wesen

Eindringlich beschreibt Colfer aus der Sicht des verängstigten Tieres, wie ihn seine neuen Besitzer aus Dummheit und Gemeinheit quälen. Nicht dass sie ihn prügeln oder anketten. Aber sie geben unverständliche Laute von sich, überhaupt sind sie peinigend laut. Der Schmerz wird unerträglich, als der Junge der Familie Hund zur Belustigung am Schwanz hochzieht. Schließlich sperren sie Hund in der Waschküche ein, weil es für sie das einfachste ist.
Hund lernt, sich unsichtbar zu machen und keinen Mucks von sich zu geben. Als ihm ein unvermeidliches Malheur in seinem Gefängnis passiert, wird er auf einer wilden Müllkippe entsorgt, mit den gehässigen Worten »AUFWIEDERSEHENDUMMERKACKHUND«.

Ein Junge, der sein Bellen verlieren wird

Das traurige Hundeschicksal wäre an sich schon eine starke Geschichte. Es ist erschütternd, aber hier kindgerecht beschrieben, wie mitleidlos viele Menschen sind. Ein Plädoyer dafür, dass jedes lebendige Wesen das Recht hat, ohne Schmerz, Angst und Hunger leben und sich bewegen zu dürfen. Und ein Hund muss auch mal bellen dürfen.
Aber die Geschichte geht weiter, denn, soviel darf verraten werden, der Hund, der sein Bellen verlor, wird es wieder lernen. Und er wird nicht nur seine eigene Angst wegbellen. Denn dies ist auch die Geschichte eines Jungen, der sein Bellen verlieren wird.

Manchmal sind Mütter klüger als das Internet

Patrick entdeckt Hund, den er spontan Oz nennt, im Tierheim. Es ist Liebe auf den ersten Blick, trotz der eindringlichen Warnung des Tierpflegers, dass dieser Hund besonders intensive Betreuung bräuchte und für Kinder ungeeignet sei. Bewundernswert geduldig und mit ungewöhnlichen Methoden schafft Patrick es nach und nach, dass Oz wieder frisst und sich aus seinem Versteck wagt. Und Patricks Mutter bringt Oz mit tierischer Unterstützung sogar wieder zum Bellen: »Manchmal sind Mütter klüger als das Internet«, kommentiert sie lässig ihren klugen Einfall (danke, Eoin Colfer!).
Irgendwann sind die Ferien fast vorbei und Patricks Vater ist immer noch nicht von seiner angeblichen Tournee in Australien zurück. Also muss Patrick, der laut seinem Großvater »ganz groß im Fragen ist«, die Frage stellen, vor der er sich fürchtet, die sein abwesender Vater bei allen Chats immer unbeantwortet lässt und die Patrick durch Oz lange verdrängen konnte: Wird sein Dad jemals wieder nach Hause kommen?

… und manchmal sind dumme Sachen wahr

Und dann kommt alles raus: Warum seine Mutter so traurig ist. Warum Patrick plötzlich einen Hund haben darf. Und dass sein Vater sich in jemand anders verliebt hat und die Familie verlassen wird.
»›Gaubst du, es ist endgültig?‹ Mum nickte stumm, und Patrick erstarrte wie ein Computer, der zu viele Befehle gleichzeitig bekommt und sich aufhängt«, wie Colfer sehr anschaulich schreibt und Ingo Herzke lebendig übersetzt.
Begleitet wird diese Szene von den sehr guten, vielsagenden und hyperrealistischen Illustrationen P.J. Lynchs.
»Hast du einen besseren Sohn gefunden?« schreibt Patrick seinem Vater, mit dem Gefühl, verraten worden zu sein. Und er droht einen folgenschweren Fehler zu machen: »Entweder Oz oder Dad. Er musste wählen. Das ist doch dumm, sagte eine Stimme in seinem Kopf. Und das weißt du genau. Vielleicht ist es dumm, aber manchmal waren dumme Sachen wahr.«

Zusammen gegen schlimme Dinge

Wie zum Schluss nicht alles wieder gut, aber besser wird, weil zwei verwundete Seelen ihr Bellen wiedergefunden haben, das erzählt Eoin Colfer hier absolut hinreißend. »Oz war ein kluger Hund, er wusste, dass manchmal schlimme Dinge passieren. Aber die schlimmen Dinge konnten nichts ausrichten gegen Oz und Patrick.«

Eoin Colfer, P.J Lynch (Illustrationen): Der Hund, der sein Bellen verlor, Übersetzung: Ingo Herzke, Orell Füssli, 2019, 140 Seiten, ab 8, 12,95 Euro

Unter uns das Meer

steinkellner

Ein Junge, ein Mädchen, beide 16 Jahre alt und beide auf der Suche nach einem bestimmten Menschen. Zufällig begegnen Simon und Antonia sich im Park. Antonia sieht in Simon erst jemand anderen, alles dreht sich vor ihren Augen und sie sinkt in Simons Arme.
Aber wer jetzt eine leicht kitschige Liebesgeschichte vermutet, liegt völlig falsch.
Dieser wilde Ozean den wir Leben nennen von Elisabeth Steinkellner ist viel mehr. Unweigerlich taucht man ein in diesen aus zwei Perspektiven erzählten Roman. Anfangs sind die Wechsel noch etwas verwirrend, doch bald wird klar, dass Simons Passagen immer mit Farben überschrieben sind, Antonias mit prägnanten Begriffen.

Romantische Sehnsucht nach dem Meer

Die Liebe ist nur ein Teilaspekt des Lebens (und des Buchs), wie die formidablen Lassie Singers richtig sangen. Dass die allein schon deutlich mehr sein kann, ahnt Simon bereits: »Woher weiß man, dass man verliebt ist? Dass es wirklich verliebtheit ist und nicht einfach nur anziehung oder der wunsch nach aufregung und abenteuer oder schlichtweg selbstbetrug, weil man in dem anderen jemanden sieht, der man selbst gern ware?«, tippt er ins Telefon. Die Antwort seiner besten Freundin kommt prompt: »Vermutlich gehört das alles irgendwie dazu, der selbstbetrug und die die sehnsucht nach abenteuer und großem gefühlskino …«
Simon ist total verknallt in Paulus, den er vor einem halben Jahr im Zug kennengelernt hat. Leider weiß er kaum mehr als den Vornamen und wo sein Schwarm studiert. Und dass Paulus taucht und unter Wasser fotografiert, weshalb er eine romantische Sehnsucht nach dem ihm unbekannten Meer hat (das Buch spielt in Österreich). Jetzt ist er in den Ferien in jene nicht genannte Universitätsstadt gereist, um Paulus zu suchen – und Farbe in sein eintönig graues Leben zu bringen.

Outing erst drei Jahre später

Dass Simon schwul ist, wird angenehm unaufgeregt thematisiert. Selbst weiß er schon länger, dass er auf Jungs steht. Sich offiziell zu outen, »Farbe zu bekennen«, hat er sich noch nicht getraut. Das passt gut zu den Zahlen einer Jugendstudie, laut der Jungen sich mit gut 13 Jahren innerlich outen, aber im Durchschnitt erst drei Jahre später anderen sagen, dass sie homosexuell sind. Bei Mädchen ist der zeitliche Abstand übrigens nur ein Jahr. Simons Verhalten spiegelt treffend unsere Gesellschaft: Sexualität ist allgegenwärtig, aber das auf T-Shirts des FC St. Pauli aufgedruckte Motto »Liebe doch wen du willst« ist längst noch nicht selbstverständlich.

Die Kapitänin wie ein sterbendes Tier

Antonia vermisst ihren älteren Bruder. Die Leerstelle, die seit Joels Verschwinden in ihrem Leben entstanden ist, bildet auch einen immer breiter werdenden Graben zu allen anderen Menschen in ihrem Leben, zu ihrer besten Freundin, zu ihrer Mutter, zu ihrem Vater, zu ihrem Freund.
»Ich merke, wie unglaublich groß die Wut in mir ist. Die Wut darauf, dass ich immer noch traurig bin wegen Joel und dass ich mich so verdammt machtlos fühle gegen die Leere, die er in mir hinterlassen hat. Die Wut darauf, die falschen Dinge gesagt zu haben, als es darauf angekommen ist, und immer wieder die falschen Dinge tue, wenn es darauf ankommt.«
Antonias Bruder Joel ist kurz vorm Abitur (Österreichisch: Matura) komplett ausgetickt, litt unter Wahnvorstellungen, Angst, Panik, wurde aggressiv. Wie diese schwer zu begreifende Psychose die Familie verzweifelt, hilflos, traurig und wütend macht, Rollen durcheinanderbringt und alles auseinander sprengt, beschreibt Antonia im Laufe des Buchs eindringlich und erschütternd. »Mama war immer die Kapitänin unseres Schiffs … In der Nacht, nachdem sie Joel ins Auto gepackt und in der Psychiatrie abgeliefert hatte, hat sie stundenlang gewimmert wie ein sterbendes Tier.«

Szenen zärtlicher Leichtigkeit

Elisabeth Steinkellner verleiht ihren sich so liebenswert selbst im Weg stehenden Charakteren starke Stimmen. Auch den Nebenfiguren, »als Mutter liebst du niemanden auf der Welt so sehr wie deine Kinder. Und trotzdem machst du Fehler, vielleicht aus Unachtsamkeit oder Angst, vielleicht aus Egoismus oder Ungeduld. Bei dir bleibt am Ende das Gefühl der Liebe. Aber wer weiß, bei deinem Kind wiegt vielleicht der Schrecken schwerer«, sagt Antonias Mama zum Ende.
Zwischen spritzigen Dialogen, gern auch in Form von Textnachrichten, schonungslosen Selbstreflexionen und klassischen Fehlinterpretationen, gewinnen Simon und Antonia immer mehr Klarheit über ihre Wünsche. Typisch pubertäre Stimmungsumschwünge beenden Szenen voller unerwarteter Ausgelassenheit und zärtlicher Leichtigkeit. Es gibt echtes Drama, nie künstlich oder überzogen. So kommt es mal zum heftigen Krach zwischen Antonia und ihrer besten Freundin. Aber das ist nicht das Ende: Ines schätzt es nämlich, dass Antonia sehr emotional agiert und sich nicht verstellt, um anderen zu gefallen.

Knoten lösen

»Ich weiß selber nicht, warum ich das Gefühl habe, dass mir die richtigen Worte fehlen«, sagt Simon am Anfang. Auch seine Hände versteckt er lieber zu Fäusten in den Hosentaschen geballt, als jemandem zu nahe zu kommen, seltene Gesten geraten ihm zum Slapstick. Bei Antonia aber macht er von Anfang an instinktiv fast alles richtig. So lösen sich bei beiden nicht nur ein paar hartnäckige Knoten im Schopf. Und beide finden ihren Weg zum Meer, mit dem sie ganz unterschiedliche Gefühle assoziieren.
Steinkellner hat auf jeden Fall genau die richtigen Worte für diesen vielschichtigen, brillanten Roman. Sie ist eine der faszinierendsten Jugendbuchautorinnen aus Österreich, seit der wunderbaren, im vergangenen Jahr gestorbenen Christine Nöstlinger.

Elisabeth Steinkellner: Dieser wilde Ozean den wir Leben nennen, Beltz & Gelberg, 2018, 236 Seiten, ab 14, 13,95 Euro

Besser als Netflix

smith

Ich liebe das Kino. Ein Abend, ein Film, ein Erlebnis. Serien streamen ist dagegen überhaupt nicht mein Ding, massenhaft Folgen hintereinander wegzugucken bringt mir nichts. Keine Vorfreude, kein stimmungsvoller Rahmen.
Deshalb hat es bei mir einen negativen Effekt, wenn auf dem Umschlag von Diebische Elstern über dem Foto von drei hübschen, spitzbübisch lächelnden Mädchen der Netflix-Schriftzug prangt, mit den Worten „Ein Netflix Original“.
Zum Glück habe ich mich von dieser zweifelhaften Reklame nicht abschrecken lassen. Weil sich dahinter eine grandiose Geschichte verbirgt, erzählt aus drei Perspektiven.

Selbsthilfegruppe für Kleptomaninnen

Tabitha, Elodie und Moe sind zwischen 15 und 16 Jahre jung, gehen alle in die vorletzte Stufe der High School – und könnten kaum unterschiedlicher sein. Nur eins haben sie gemeinsam. Und deshalb begegnen sie sich in einer Selbsthilfegruppe für Kleptomanie, einem Programm, zu dem man sie verdonnert hat, nachdem jede von ihnen beim Klauen erwischt wurde.
Kirsten Smith hat dieses reizvolle Szenario entworfen, in dem die angehimmelte Schulschönheit Tabitha, die schüchterne Elodie und die leicht punkige, trotzige Moe aufeinandertreffen. Smith ist Drehbuchautorin, hat unter anderem die intelligenten, anspielungsreichen Collegekomödien Natürlich blond und 10 Dinge, die ich an dir hasse geschrieben, außerdem zwei Graphic Novels.
Diese Frau versteht es exzellent, in Bildern zu denken, vielschichtige Charaktere zu schaffen und faszinierend in Szene zu setzen. Das Verwirrende ist, dass man es sich total gut als Film vorstellen kann, obwohl sie durch ihre Erzählweise in wechselnden, tagebuchartigen Passagen genau gegen die elementare Regel für Drehbücher verstößt: Don’t tell, show. Also laber nicht langatmig über Gefühle, zeige sie durch Handlungen. Dem Trailer zur Serie nach wirkt diese auch ziemlich krawallig und etwas plump.

Klauen ist wie Sex

Verfilmt würde man beim filligranen, einfühlsamen Buchtext ein ständiges Voice over hören. »Doch die Wahrheit ist, durch die Angst fühlst du dich lebendiger, als wenn du einfach nur lebst.« So pointiert, geradezu philosophisch, beschreibt Elodie ihre Motivation aus Läden zu stehlen. Ihre Mutter ist an Krebs gestorben, ihr Vater hat zwei Jahre später eine deutlich jüngere Frau geheiratet, Elodie hat mit ihrer Stiefmutter wenig gemeinsam.
»Lebendiger, als wenn du einfach nur lebst«, einfach nur leben, weiterleben, das tut Elodie seit dem Tod der Mutter. Ihr Vater hat seinen Kummer mit sich allein ausgemacht und eine andere Art der Trauerarbeit gewählt. »Du spürst, wie sich deine Lunge weitet und dein Herz pumpt und die Blutkörperchen durch dich hindurch rauschen. Ich hab mal gelesen, dass Sex das Gleiche bewirkt. Aber da ich noch nie welchen hatte, muss ich mich wohl hiermit zufrieden geben.«

Spring Fling trifft Kaputte Suppe

Elodie weiß mit Worten umzugehen und schreibt wie Kirsten Smith Gedichte. Ganz nebenbei wird eine großartige Jugendbuchautorin zitiert und zwar Jenny Valentine mit ihrem Roman Kaputte Suppe, das zeugt echt von Stil. Und Stefanie Frida Lemke hat das amerikanische Original stimmig und schwungvoll übersetzt, nur einzelne, nicht übertragbare Begriffe bleiben stehen wie »Spring Fling«, einer dieser Schulbälle, wo dann doch alle dabei sein müssen.
Natürlich entkommt diese Geschichte nicht den typisch US-amerikanischen Eigenheiten, dieser teils aberwitzig oberflächliche und überflüssige Mist, der seit Jahren zu uns herüberschwappt und weshalb die Eintrittskarten für Abifeiern auch mal über 100 Euro kosten können.

Eher so mittelsexy

Smith nutzt diese Rahmen und Klischees raffiniert, zum Beispiel zeigt sie an der Platzverteilung in der Schulkantine Hierarchien und das Klassensystem innerhalb der Schülerschaft. Verloren haben die, die zu keiner Gruppe dazugehören und in keine Schublade passen, das Individuum zählt nicht viel.
So wie der eigentlich ganz attraktive, aber total uncoole Patrick Cushman, kein Sportheld, kein Emo, auch kein richtiger Nerd, sondern hoffnungslos normal. Er bietet Tabitha ein Kaugummi an. »Das ist Wassermelone. Sicher, dass du keins willst?« »Okay, sage ich und nehme widerwillig ein Kaugummi. Er grinst und ich frage: »Und, war es die Sache wert?« Überrascht sieht er mich an. »Ehrlich gesagt hab ich noch nie im Leben was geklaut. Es war total aus Versehen. Ich geb es jetzt nur als kriminelle Tat aus, um aufregend zu wirken.« »Ich weiß nicht, ob ich das wirklich aufregend finde, vielleicht eher so mittelsexy?«

Schräg romantisch im Pyjama

Das ist erfrischend ehrlich und charmant, und dabei hat Patrick keine Ahnung, dass er mit einer absoluten Expertin spricht. Tabithas Motivation fürs Klauen lautet: »Leute verschwinden, aber Dinge bleiben.« Ein schöner Dialog, zu dem man leicht zurückblättern kann. Und nicht mühsam zurück zappen muss, sodass die Stelle, wenn man sie endlich gefunden hat, nur noch halb so nett ist.
Noch eine Besonderheit des Buchs: Die drei Perspektiven sind auch typografisch unterschiedlich gestaltet, sodass gar nicht jedes Mal der Name des jeweiligen Mädchens drüber stehen müsste. Elodies Texte lesen sich eher wie moderne Lyrik. Sie verliebt sich ausgerechnet in Moes Bruder Marc, schräg romantisch ist die nächtliche Begegnung der beiden, bei der sie einen Pyjama trägt – mehr wird hier nicht verraten.
Jetzt wird nichts mehr erzählt, Diebische Elstern muss man unbedingt selbst lesen. Viel besser als Netflix!

Kirsten Smith: Diebische Elstern, Übersetzung: Stefanie Frida Lemke, Carlsen, 2019, 272 Seiten, ab 13, 12 Euro

Diese ganze Energie stirbt nie

Long

Ein brüllendheißer Julitag. Ein Stau vor New York. Mittendrin eine Familie in einem Mini. Supersympathische Leute, Vater, Mutter, zwei Jungs, der jüngere, Griff Rhyss, hat Geburtstag, 13 Jahre ist er. Hayley Long erzählt aus der Sicht des zwei Jahren älteren Dylan Thomas. Nicht zufällig trägt der den Namen des berühmten walisischen Dichters: Ein Junge sparsam und behutsam ausgewählter Worte und ein faszinierender und pointierter Erzähler.
Die Familie lebt nach längeren Aufenthalten in London, München, Shanghai und Barcelona jetzt in New York und überlegt erstmals zu bleiben. Es sind waschechte Briten, sie sagen Motor- nicht Highway und die Mutter, eine Waliserin, tadelt Griff mit gespielter Empörung, als der stöhnt: »Ich schwitze mir den Arsch ab.«

Letzte Hoffnung Wales

Dann passiert ein schrecklicher Unfall. Zurück bleibt ein schwer traumatisierter, zutiefst verzweifelter und todtrauriger 13-Jähriger. Und Dylan Thomas, der sich an den nächstfernen Ort wünscht. Und doch alles versucht, um seinen jüngeren Bruder ins Leben zurückzuholen.
Weil die Familie eigentlich immer nur sich selbst hatte, landen die Brüder zunächst bei der einzigen Freundin in New York, Blessing Knowles, Arbeitgeberin der Eltern, die als Lehrer gearbeitet haben, und Schuldirektorin der Jungs, was an sich schon eine komische Situation ist. Auf der Suche nach Angehörigen landen die Brüder durch Vermittlung des britischen Konsulats schließlich bei der Cousine ihrer Mutter und deren Mann in Wales.
»Aberythwyth war unsere letzte Hoffnung«, sagt Dylan. Obwohl sich Blessing wirklich rührend gekümmert hat und Griff sogar überzeugen konnte, am »Tag des B-Wortes« mitzukommen, »ihr wisst schon Asche zu Asche und Staub zu Staub und so weiter«, der Tag, »an dem mein Hirn wie ein Panik-Tornado davonzuwirbeln droht«, bleibt Griff wie versteinert, ein totenstiller, dunkler Schatten seines früheren überschäumenden Ichs.

Eine Katze wie ein Früchtebrot

Nun also Aberythwyth in Wales, ein Kaff im Vergleich zum gigantischen New York, eingeklemmt zwischen schiefergrauen Bergen, unter einem meist grauen Himmel, am silbergrau schimmernden Meer. Mit einer Sprache, die man nicht versteht und Straßenschildern, deren Schriftzüge man nicht mal aussprechen kann. Bei einem kinderlosen, mittelaltem Paar, das so ganz anders ist als es die lebenslustigen, weltgewandten, viel jünger und wilder, auch verrückter und verliebter wirkenden Eltern es gewesen waren.
Griff erkennt zwar, wie freundlich und liebevoll bemüht Tante und Onkel sind. Aber in ihm drin ist nur Trauer und Verzweiflung, nichts und niemand kommt an ihn ran. Ein winziges bisschen können Tiere ihn trösten, erst Blessings Labrador Marlon, dann in Wales die schwarz und karamellfarbene Katze Bara Brith, benannt nach dem so aussehenden walisischen Früchtebrot, von dem Griff auch noch nie gehört hat.

Tod und Trauer, Leben und Liebe

Ist  Der nächstferne Ort die perfekte Ferienlektüre? Ja! Und zwar nicht, weil es im Juli auf einem kochend heißen Highway in New York beginnt und ein Jahr später, an Griffs 14. Geburtstag im mildem Wales endet. Sondern weil Dylan Thomas so hinreißend und fantastisch erzählt und uns mitnimmt zu ganz besonderen Momenten. Berührend erinnert er sich an Situationen, Orte und Menschen, seine Eltern und seine große Liebe Matilda aus München.
Es ist ein Buch über Verlust und Trauer – und doch voll von unfassbar viel Leben. Und von Liebe, die Liebe von Eltern zu ihren Kindern, die irre peinliche Liebe zwischen den Eltern (»ich und Dylan hätten fast gekotzt, weil unsere Eltern rumgeknutscht haben«), das erste Verlieben, die erste enttäuschte Liebe, die tröstende Liebe zu Tieren, die Kraft der Liebe: »Die Menschen, die man liebt, sind nie wirklich weg«, sagte Griff. »Diese ganze Energie muss schließlich irgendwohin.«

Beach Boys, Oasis und One Direction

Man lernt tolle, ganz unterschiedliche Menschen kennen. Auch Musik, die Magie, die von ihr ausgeht, spielt ein große Rolle: Nicht nur das titelgebende, kaum bekannte Instrumentalstück von den Beach Boys, The Nearest Faraway Place. Auch der kraftvolle, warme Souls Aretha Franklins, Brit-Pop von Oasis und Grunge von Nirwana begleiten die Geschichte. Sogar The Story of my Life der Boyband One Direction gehört dazu. Und ein bisschen Dylan Thomas, also der Originalschriftsteller und sein Poem Clown im Mond. Hayley Long motiviert einen nebenbei, ein paar Musikvideos zu gucken. Oder nach dem Gedicht zu suchen.
Man erfährt auch ein bisschen von anderen Städten und Ländern. Nicht zuletzt ist es eine Liebeserklärung an Hayley Longs Heimat, das spröde Wales und seine eigentümlichen und herzlichen Bewohner. Josefine Haubold übersetzt ganz im Sinne Dylan Thomas’, also des jüngeren Erzählers, warm, einfühlend, witzig und authentisch, jedes Wort treffend, keins überflüssig. »Ich sah, wie ihr Lächeln in sich zusammenfiel. Wie bei jemanden, dessen iPhone gerade in den Gully gefallen ist.«
Das ist nur ein Beispiel, Dylan beschreibt so eine hilflose Krankenschwester. Und »dann schaute eine Traumatherapeutin vorbei, die es tatsächlich fertigbrachte, dass wir uns noch traumatisierter fühlten.«
Leider ist dies auch das letzte Buch aus dem Verlag Königskinder. Was auch noch ein guter Grund ist, Hayley Longs Der nächstferne Ort  in diesen Sommerferien zu lesen und vielen davon zu erzählen.

Hayley Long: Der nächstferne Ort, Übersetzung: Josefine Haubold, Königskinder, 2018, 328 Seiten, ab 14, 19,99 Euro

Wunderbar altmodisch

willoughby

Ich muss dich etwas fragen.« Mr Willoughby kaute einen Moment an seiner Lippe.
»Ja, Liebster?«
»Magst du unsere Kinder?«
»Oh, nein«, antwortete Mrs Willoughby. »Hab ich noch nie. Besonders den Großen. Wie heißt der noch mal?«
»Timothy Anthony Malachy Willoughby.«
»Genau, der. Den mag ich am allerwenigsten. Aber die anderen sind ebenfalls schrecklich. Das Mädchen quengelt ständig, und vor zwei Tagen hat sie sogar versucht, mich dazu zu bringen, einen hässlichen Säugling zu adoptieren.«
Ihrem Mann schauderte.
»Und dann sind da noch die beiden, die ich nie auseinanderhalten kann«, fuhr Mrs Willoughby fort.
»Die Zwillinge.«
»Ja, genau die. Wieso um Himmels willen müssen die so gleich aussehen?«

Mr und Mrs Willoughby können ihre Kinder nicht ausstehen.
Kein Wunder, dass die Abneigung längst gegenseitig ist und sich die vier Willoughby-Kinder, der zwölfjährige Timothy, die Zwillinge Barnaby A und B, zehn Jahre alt, sowie ihre sechsjährige Schwester Jane nichts sehnlicher wünschen als Waisen zu sein.

Vertrackt. Teuflisch. Gruselig

Als Ältester härtet Timothy seine jüngeren Geschwister mit Schikanen, demütigenden Spielen und Beschimpfungen gegen jede Gefühlsduselei ab, was ihn im Vergleich mit den Eltern sehr fürsorglich macht. Dass Mr und Mrs Willoughby überhaupt so viele Kinder bekommen haben, liegt daran, dass sie einander in ihrer Bösartigkeit sehr zugetan sind – Unfähigkeit oder Unwillen, Kinder groß zu ziehen, schützen leider nicht vor Schwangerschaft.
Als Erwachsener ist man noch kurz geneigt, die Eltern teilweise zu entschuldigen: Dass die Mutter nur widerwillig kocht, macht sie fast sympathisch. Auch dass der Vater Waffen hasst und Ehrfurcht ihn abstößt, sind nicht die schlechtesten Charakterzüge.
Doch spätestens als die Erwachsenen sich auf eine Reise begeben, das Haus zum Verkauf anbieten und ihre Kinder rausschmeißen lassen wollen, ist klar: Diese Eltern sind wirklich schrecklich! Oder wie die Kinder ganz richtig sagen: »Vertrackt. Teuflisch. Gruselig. Widerlich, absolut widerlich.«

Kinderbuchklassiker mit schrägem Humor

Das ist die perfekte Ausgangssituation für eine wunderbar altmodische Geschichte, die gleichzeitig zahlreiche Kinderbuchklassiker und Märchen karikiert.
Zwar sind es vor allem angloamerikanische Erzählungen wie Der geheime Garten, Die Abenteuer des Huckleberry Finn, James und der Riesenpfirsich oder Betty und ihre Schwestern, aber das Prinzip ist auch hierzulande verinnerlicht worden: Grundvoraussetzung ist fast immer, dass die Helden dieser Geschichten Waisen und auf sich allein gestellt sind.
Zur schrecklichen Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby gehören noch ein Findelkind und ein depressiver Millionär, dessen Frau und Kind von einer Lawine verschüttet wurden.
Autorin Lois Lowry, Jahrgang 1937, mischt exzellent Kinderbücher, die sie geprägt haben, mit erfrischender Direktheit und schrägem Humor: Zum Beispiel zeigt sie Amerikaner in der Schweiz, die genau jene Arroganz an den Tag legen, wie umgekehrt alle die Leute, die denken, sie könnten Englisch sprechen, weil es vermeintlich so simpel ist. »It makesch me vant to kotz«, ist zwar sehr treffend, aber kein Deutsch, nicht mal Schwyzerdütsch. Johanna Spyris Heidi wird von Tim beim Anblick eines späten Heimkehrers originell zusammengefasst: »Das ist der Ziegenpeter! Wir könnten ihm Lesen und Schreiben beibringen, und danach lächeln wir, umarmen uns und sagen irgendwelche religiösen Sachen.«

Kompetentes Kindermädchen

Es ist eine ziemlich gefühlskalte und kinderfeindliche Welt, in der sich nicht nur die Geschwister Willoughby behaupten müssen. Das Gegenteil der Realität vieler Kinder heutzutage, die sich vor ihren Helikoptereltern kaum retten können.
Und wenn wirklich alles ganz elend ist, dann geschieht manchmal ein Wunder – in diesem Fall in Gestalt einer handfesten, grundehrlichen und herzensguten Kinderfrau, die aber auf gar keinen Fall mit Mary Poppins verglichen werden will. »Diese Nachtschwärmerin, ich werde fast zuckerkrank, wenn ich nur an sie denke.« Womit sie  P .L. Travers selbstbewusster und eigenwilliger Originalfigur Unrecht tut, aber das gleichnamige Musical dominiert eben das Image.
»Ich bin einfach ein kompetentes und professionelles Kindermädchen«, sagt sie über sich selbst.
Neben ihr ist die kleine Jane die zweite, anders starke und sehr intelligente weibliche Figur. Beide bieten den notorischen Dulderinnen von Unglück und sozialer Ungerechtigkeit wie Jane Eyre oder Polyanna Paroli.

Wie am Ende (fast) alle glücklich werden und was das mit Schokoriegeln, einem sehr unglücklichen Jungen in der Schweiz und der Tatsache, dass eine protestantische Nanny nicht ins Kloster gehen kann, zu tun hat, erfährt man in dieser schrecklich schönen und abscheulich witzigen Geschichte.

Lois Lowry: Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby (Und wie am Ende alle glücklich wurden), Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, dtv junior, 2019, 176 Seiten, ab 9, 12,95 Euro

Ein Genre – tausend Welten

Hans ist ein netter Kerl. Aber zum Haareschneiden hat er kein Talent, wie Øyvind Torseter auf der ersten Seite seines neues Kinderbuchs Hans sticht in See sehr lustig zeigt, wochenlange bad hair days garantiert. Also verliert der sanftmütige Schlacks mit dem freundlichen Gesicht, einer Mischung aus Mumin und Elchkopf, gleich wieder seinen ersten Job. Kurz darauf ist auch noch seine Wohnung weg, seine Habe weggeschlossen und nur gegen 70.000 Kronen auslösbar.
»Ich brauchte etwas Starkes«, denkt Hans und geht in die Hafenkneipe, wo er sonst nie hinkommt. »Was Starkes« sind Chilinüsse – aber die sind aus! Hans hat ziemliches Pech.
In der sozialen Realität von Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot beginnt der norwegische Autor und Zeichner Torseter seine charmante Neuerzählung von Hans im Glück. Seinen Hans, schüchtern und sanftmütig, kennt man von seiner Neuinterpretation der norwegischen Sage Der siebente Bruder. Vom Äußeren her erinnert er auch an sein niederländisches Pendant Krawinkel, bester Freund des Hundes Eckstein.
Weil Hans wirklich nichts mehr zu verlieren hat, lässt er sich von einem großspurigen Millionär anheuern, das größte Auge der Welt für dessen außergewöhnliche Sammlung zu suchen.

Keine Graphic Novel – hier wird über die Bilder erzählt

Auf einer stimmig kolorierten Doppelseite zeigt Torseter mit viel Liebe zum Detail zahlreiche Kuriositäten. So vielfältig und einfallsreich wie die Geschichte, die sich zu einer Odyssee und Liebesgeschichte entwickelt, sind auch die Bilder, mit denen der mehrfach ausgezeichnete Autor erzählt. Mal sind es nur ganz reduzierte Schwarzweißzeichnungen, gerade mal die Konturen mit leicht verwackeltem Strich angedeutet, dann malt er Tableaus von Kneipeninterieurs, Stadtansichten, Schiffsquerschnitten und Tiefseewelten. Dabei setzt Torseter Farbe dezent und meist flächig ein, um Stimmungen zu erzeugen. Als Innenarchitekt wäre er wohl auch sehr überzeugend.
Obwohl andere es so nennen, Hans sticht in See ist keine Graphic Novel, und zwar nicht nur, weil der Text deutlich unterliegt. Es ist die perfekte Mischung aus Comic und Kinderbuch, hier wird über die Bilder erzählt, Dialoge stehen in klassischen Sprechblasen.

Synthetischer Seemannspulli und Gin Tonic

Witzig ist die Mischung aus Märchen und Anspielungen an das Hier und Jetzt. Seinen Seemannspulli verschenkt Hans an einen frierenden Delfin, der sich sehr darüber freut, »obwohl es nur Synthetikwolle ist«. Gegen Skorbut auf große Fahrt mitgenommene Zitronen verschwinden im Gin Tonic, mit dem sich die blinde Passagierin unter Deck über Wasser hält. Es tauchen mythische Figuren auf wie ein sehr wütender Wal und ein gefährlicher Zyklop, wuschelig weiche Reisebegleiter spielen ebenso eine Rolle wie ein verlorenes Medaillon. Manchmal hat man das Glück direkt vor der (weichen, großen) Nase – und findet es aber erst nach langer Irrfahrt.
Hans sticht in See ist ein wunderbares Comic mit allem, was richtig gute Bildergeschichten brauchen.

Ein sprachlich und optisch höchst unterhaltsames Vergnügen ist der erste Band der neuen Comicreihe Atom Agency. Die Juwelen der Begum basieren auf einem dreisten Blitzüberfall 1949 an der Côte Azur, bei dem historisch verbürgt der Begum, Frau des Aga Khans, Schmuck im Wert von zwei Millionen Mark geraubt wurden. Der junge Atom, armenischstämmiger Sohn eines Polizeikommissars in Paris, wittert seine große Chance als Privatdetektiv. Gemeinsam mit Freundin und Assistentin Mimi sowie dem ehemaligen Catcher Jojo versucht er den Schmuck zu finden.

In der Tradition belgischer Comickünstler

So wohlbekannt das Genre, so klassisch sind auch die Zeichnungen. Olivier Schwartz ist ein Vertreter der Nouvelle Ligne claire, in der Tradition der großen belgischen Comickünstler wie Hergé und André Franquin, letzterer bekannt für Spirou und Fantasio. Deren Abenteuer setzt Schwartz gemeinsam mit dem Szenaristen Yann seit einigen Jahren fort. Und jetzt hat dieses kongeniale Duo ein schlaues und schlagkräftiges Trio ins Leben gerufen.
Schwartz‘ Bilder leben von der Detailtreue: in einer Autowerkstatt sind mehrere Michelinmännchen zu sehen, an der Wand hängt ein Plakat des Autorennens in Monaco von 1937. Das Bistro wird dekoriert mit Martini-Reklame, auf den Tisch kommt Ricard. Auf dem Boulevard wirbt ein Plakat für Orson Welles Der dritte Mann, Straßenkreuzer bekannter Automarken rauschen vorbei, historische Neonschriftzüge blinken an Fassaden.

Vielmehr ein Paradigmenwechsel

Yann setzt alles stimmig und spannend in Szene. Seine Dialoge sprühen vor Wortwitz, besonders die sehr selbstbewusste, kluge und unabhängige Mimi nimmt kein Blatt vor den Mund. Jojo, der die Ermittlungen finanziert, stellt klar: »Ich spiele auf keinen Fall den Muskelprotz, den Idioten mit ´ner Erbse im Schädel, der die Türen eintritt, den Frontmann, der die Bösen verhaut und den Strohkopf, der die Koffer schleppt! Nee! Njet! Nichts da!« Und schlägt »vielmehr einen Paradigmenwechsel vor«.
Ganz klassisch, ganz ohne Klischees. Nebenbei lernt der Leser einiges über die Résistance. Aus sehr unterschiedlichen Menschen mit diversen Motiven setzte sich die französische Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer während des zweiten Weltkriegs zusammen. Kommunisten, aufrechte Franzosen, politisch Verfolgte und echte Gangster kämpften gemeinsam für ein freies Frankreich und die Demokratie. Alte Netzwerke und merkwürdige Konstellationen blieben bis weit in die Nachkriegszeit bestehen.

Résistance und Armenier, Geschichte und Familienkonflikt

Man erfährt zudem etwas über Armenier in Frankreich, von denen der als guter Bekannter von Atoms Vater genannte Aznavourian der bekannteste ist, der Chansonier und Schauspieler Charles Aznavour. Atom ist ein traditionell armenischer Vorname, den sein Vater ihm zu Schadenfreude seiner ihm wohlgesonnenen Onkel verpasst hat, zusammen mit der Forderung, ein »anständiges armenisches Mädchen« zu heiraten. Also auf keinen Fall eine wie die emanzipierte und freiheitsliebende Mimi. Hier vermischt sich sehr raffiniert Geschichte mit Fiktion, wahre Verbrechen mit Krimistory, Familienkonflikt mit Zeitkolorit. Ein toller Auftakt, der große Lust auf Fortsetzung macht.

spiderman

Spiderman – A New Universe ist das, wie mehrfach auf den ersten Seiten betont wird, offizielle Buch zum Film. Also das Buch zum Film, der das Anime zum Spielfilm zum Comic ist – Comic auf der Metaebene. Und ein Band aus der Sachbuchreihe für Erstleser aus dem Dorling-Kindersley-Verlag. Jetzt können ganz junge Superheldenfans das neue Universum des Spinnenmanns erkunden.
Aber was heißt ein Universum oder Spinnenmann?! Viel besser, auch Marvel erweitert sein Weltbild. Seit dem Animationsfilm von 2018 wissen wir: Es gibt nicht nur einen Spiderman. Sondern ganz viele. Es sind Frauen und Mädchen, junge Schwarze und düstere Typen vom alten Schlag, und Spider-Ham, in dessen Universum es überhaupt nicht ungewöhnlich ist, dass Schweine Superhelden sind.

Helden und Schurken gibt es so viele wie Parallelwelten

Es gibt so viele Helden wie es denkbare Parallelwelten gibt. Und jede braucht Leute, die gegen das Böse antreten. Denn auch die gibt es weiterhin massenweise, da bleibt Marvel konservativ. Oder wie Toby Maguire in einer meiner Lieblingsszenen sagt, wenn er sich nach dem Kampf mit dem Sandmann auf einem Hochhaus sitzend den Sand aus den Schuhen kippt: »Wo kommen diese Typen nur alle her?«
Dieses Sachbuch erweitert auf originelle Weise das Weltbild ganz junger Leser_innen und lässt erfahrenere Leser (und Filmliebhaber_innen) die früher etwas eindimensionalen Superheldengeschichten mit neuen Augen sehen.

Drei Bücher, die zeigen, wie vielfältig und klug, erfrischend und lebendig das Comicgenre ist.

Øyvind Torseter: Hans sticht in See – Die Irrfahrt eines mittellosen Burschen auf der Suche nach dem Glück, Übersetzung: Maike Dörries, Gerstenberg 2019, 160 Seiten, ab 12, 26 Euro

Yann, Olivier Schwartz: Atom Agency – Band 1 Die Juwelen der Begum, Übersetzung: Marcel Le Comte, Carlsen 2019, 56 Seiten, ab 12, 12 Euro

Marvel: Spiderman – A New Universe. Das offizielle Buch zum Film, aus der Reihe Sach-Geschichten für Erstleser, Dorling Kindersley, 95 Seiten, ab 6, 7,95 Euro

Lebensräume und Lebensträume

maus

Die kleine Maus kennt sich aus in der Welt. Sie liest Bücher über Luftfahrt, Tiefsee und Radsport. Doch als immer mehr Wurzeln in ihre gemütliche Lesehöhle wachsen, merkt sie, dass sie keine Ahnung hat von ihrer näheren Umgebung. »Ich brauche ein gutes Buch über die Natur«, denkt die Entdeckermaus, und kommt raus, um ihren Lebensraum zu erkunden und selbst eins zu schreiben. Mit diesem Plädoyer fürs Selberentdecken und gute Sachbücher beginnt sie sofort rund um ihren Mäusebau.
Da gibt’s Larven und schlafende Spitzmäuse, die sich vom Kriechgetier ernähren. Weiter geht’s auf die Wiese, in den Wald, an den Teich und in den Garten. Die Maus hat leicht praktikable und tierschonende Tipps, um alles genau unter die Lupe nehmen zu können.
Die Mini-Humboldt erkundet einen Ameisenbau und taucht mit Kaulquappen ab, wo sie sogar noch eine Artverwandte findet. Die Natur funktioniert als Nahrungskette aus Fressen und gefressen werden. Leicht makaber ist die Vorratshaltung der Maulwürfe: Um immer frische Regenwürmer zu haben, verstümmeln sie die lebendigen Kriechtiere.
Tereza Vostradovská malt meist doppelseitige naturalistische Panoramen. Die getuschten Illustrationen von kleinen und großen Säuge- und Pelztieren, Vögeln und Fischen sind lebensecht und erinnern an Darstellungen klassischer Naturzeichnungen. Dazwischen tummelt sich die Entdeckermaus als Autorin. Sie ist ganz niedlich, aber nicht süßlich disneyhaft, mehr eine passende Gefährtin zu Zdeněk Milers kleinem Maulwurf.

Sympathisch aus der Zeit gefallen

Komm mit raus, Entdeckermaus ist sympathisch aus der Zeit gefallen. Kinder können heute kaum allein durch die Gegend stromern, es gibt keine verwilderten Grundstücke mehr wie in meiner Kindheit. Einen Garten haben zumindest die in der neuen Schrebergartengeneration.
Der Wald aber ist fast ein fast exotisches Habitat, dass auch die meisten Erwachsenen mehr aus den Büchern Peter Wohllebens kennen als durch eigene Anschauung, und wenn, dann als ein eher unnatürlich bewirtschaftetes Stück Forst. Trotzdem ist es ein großes Vergnügen mit der Maus ihren Lebensraum zu entdecken.

Auch im Wald, allerdings dem wirklich exotischeren, bunteren Dschungel, tummelt sich Äffchen. Die Großen schließen ihn aus ihren Vergnügungen aus – weil er noch zu klein sei. Deshalb macht sich Äffchen auf zu einer Soloklettertour. Mutig und unbekümmert überquert er den Fluss, hangelt sich zu den leckeren Früchten herauf und erklimmt den höchsten Wipfel. Dabei ist er sich der wahren Gefahr nicht bewusst, typischer Effekt, wenn Kinder nicht für voll genommen werden.
Das hätte auch grotesk schief gehen können, weil der von den älteren Affen getriezte Tiger sich durchaus an dem allein durch die Gegend stromernden Äffchen hätte rächen können. Stattdessen schwingt der Kleene sich zum krönenden Abschluss ausgerechnet am Schwanz der Raubkatze, den er für eine Liane hält, elegant vom höchsten Baum herab, direkt in die Arme der besorgten und liebenden Affenbande.

Äffchen wächst an seinem Abenteuer

Marta Altés erzählt in satten Farben mit subtilem Witz von der tierischen Exkursion. Dabei besticht auch wieder die hochwertige Ausstattung des Bilderbuchs aus dem Bohem Verlag: Die Titelseite in Leinen mit Prägedruck fühlt sich gut an, auf dem Vorsatzpapier schwingen grüne Palmwedel, wie ein elegantes Tapetenmuster. Altés Tiere haben Ausdruck und Charakter. Äffchens mit jedem überwundenen Hindernis größer werdende Freude und sein wachsendes Selbstbewusstsein stehen in schön illustriertem Kontrast zur immer schlechter werdenden Laune des ihn verfolgenden Tigers.
Äffchen beweist seinen Mut, erobert für sich selbst den Dschungel und wächst an diesem Abenteuer. Auch durch den Perspektivwechsel: Vom Wipfel des Baumgiganten sehen nämlich die Welt und alle anderen ganz klein aus.

maus

Die Perspektive wechselt auch zwischen den skurril verbundenen Helden Der Wolf, die Ente und die Maus von Marc Barnett und Jon Klassen. »Eines frühen Morgens traf eine Maus auf einen Wolf« (… umblättern…) »und wurde gleich verschlungen.« Einmal zu sehen und schon wieder verschwunden, und man denkt, arme Maus, böser Wolf. Aber die Maus lebt noch, das Phänomen tierischer Gier kennt man aus Rotkäppchen und Peter und der Wolf. »Oje! Ich bin gefangen im Bauch dieses Untiers. Gleich ist es aus mit mir.«
Aber von wegen: Die Maus trifft die Ente, die es sich schon länger im Wolf gemütlich macht. »Als ich draußen war, hatte ich jeden Tag Angst, ein Wolf könnte mich verschlingen. Hier drin gibt es solche Sorgen nicht.« Und weil so Einiges im Wolf landet, können Maus und Ente es so richtig krachen lassen mit lecker Essen, Tanz und Musik.
Davon bekommt der unfreiwillige Gastwirt schlimme Magenschmerzen, stöhnt und lockt einen Jäger an, dem er nicht entkommen kann.

Schau mir in die Augen, Kleines

Maus und Ente fürchten zu Recht das Schlimmste. Mutig und tollkühn verteidigen sie ihren Lebensraum und schlagen den Jäger in die Flucht. So retten sie dem Wolf das Leben. Zum Dank haben sie einen Wunsch frei … Armer Wolf, jetzt weiß man, warum er heult.
Jon Klassens Tierbilder sind hinreißend und entzückend. Vor überwiegend in dunklen Farben gehaltenem Hintergrund, die Geschichte spielt im Wolf und bei Nacht, zeichnen sich die weiß umrandeten Figuren in Buntstift und Wachsmalkreide ab.
Hell und höchst lebendig sind die Augen von Wolf, Ente und Maus: Die Pupillen sind die ganze Mimik und spiegeln alle Emotionen wider. Schau mir in die Augen, Kleines.

Tereza Vostradovská: Komm mit raus, Entdeckermaus!, Übersetzung: Jaromir Konecny, cbj, 2019, 56 Seiten, ab 4, 15 Euro

Marta Altés: Äffchen, Übersetzung: Gertrud Posch, Bohem Verlag, 2019, 40 Seiten, ab 3, 16,95 Euro

Marc Barnett, Jon Klassen (Illustrationen): Der Wolf, die Ente & die Maus, Übersetzung: Thomas Bodmer, NordSüd Verlag, 2019, 40 Seiten, ab 5, 15 Euro

Psychologie lohnt sich

Zu meiner Zeit studierten Betriebswirtschaft nur die Langweiler, die mit Aluaktenkoffern zur Schule gegangen sind und wirklich glaubten, so gleich ins gehobene Management zu steigen. Cool war das nicht. Psychologie hatte durchaus seinen Reiz, aber als Beruf konnte man sich das auch nicht vorstellen.
Eine Generation später ist Wirtschaftspsychologie so begehrt, dass viele es für viel Geld an privaten Universitäten studieren, hierzulande. Ob die alle Arbeit finden und die teure Ausbildung sich schließlich auszahlt, ist wiederum psychologisch ein interessantes Thema.
Auf jeden Fall kann man sich schon in der Schule auf dieses reizvolle Fach einstimmen, mit den hervorragenden Büchern Kernfragen Wirtschaft und Kernfragen Psychologie von Marcus Weeks. Die beiden je 160 anregende Seiten dicken Bände sind der Auftakt einer Sachbuchreihe des Verlags Dorling Kindersley.

Außergewöhnlich gut durch gutes Lektorat

Was macht sie so außergewöhnlich gut? Zum einen das gute Lektorat. Gleich sechs Leute stehen bei der Wirtschaft im Impressum, sogar sieben haben bei Psychologie Fakten überprüft, Themen gesetzt und eine stimmige Struktur entwickelt. Und Texte redigiert und in eine höchst lesenswerte Form gebracht.
Das ist der große Vorzug dieser Sachbücher gegenüber zum Beispiel textlastigen Genreklassikern aus der Reihe Was ist was. Jeweils auf einer Doppelseite wird ein Aspekt wie zum Beispiel Wettbewerb, Genossenschaften oder ethisches Handeln im Wirtschaftsbuch knackig erläutert. Bei der Psychologie werden abstrakte Themen wie Wahrnehmung, Gedächtnis und Wissen neben Fragen, ob man verrückt ist und wie wir uns entscheiden auf zwei Seiten facettenreich beleuchtet.
Vorangestellt ist ein Überblick über verschiedene Schwerpunkte, Spezialisten und Tätigkeitsbereiche des jeweiligen Fachgebiets, beide Bände schließen mit einem ausführlichen Personenregister und Glossar.
Und dazwischen gibt’s geballtes Wissen: Von den Anfängen des Geldes, warum wir von »Banknoten« sprechen, über Aktiengesellschaften, Angebot und Nachfragen und Armut bis zu persönlichen Finanzen spannt sich in den Kernfragen der Wirtschaft der Bogen, alles anschaulich und praxisnah erklärt.

Verrückt oder Volkswirt

Übrigens ist »die Ökonomie keine exakte Wissenschaft, mit der sich Theorien eindeutig beweisen oder widerlegen lassen. Einige Ökonomen machen Vorschläge zur Regelung der Wirtschaft. Aber letztlich ist sie nicht vorhersehbar und sie können auch völlig falsch liegen.« So steht es ganz ehrlich in der Zusammenfassung des ersten Kapitels, nebenbei auch eine treffende Analyse der Finanzkrise von 2007/2008, der bisher schlimmsten seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren. Oder wie es der britische Ökonom Kenneth Boulding erfrischend ehrlich auf den Punkt bringt: »Wer glaubt, exponentielles Wachstum könne in einer begrenzten Welt immer weitergehen, ist entweder verrückt oder Volkswirt.«
Das macht den Charme dieser Bücher neben den klugen Texten aus: die originellen Details, Einsprengsel und Anmerkungen, mal als Fingerzeig in einer Textblase oder als umkringelte Notiz, mal als kleiner Extrakasten. Hierzulande ist das Thema Wohnen und Eigentum brandaktuell. Bei unseren Nachbarn ist das kein Problem: »In den Niederlanden ist fast ein Drittel des Wohnraums im Besitz von Genossenschaften.«
Und in Fernost, im Staat Bhutan, wurde 1972 statt des Bruttoinlandsprodukts ein Maß für das Buttoinlandsglück ins Leben gerufen – arm, aber glücklich. Seitdem veröffentlichen auch die Vereinten Nationen jedes Jahr den Weltglücksreport.

Grafiken, die wirklich informieren statt nur illustrieren

Und immer wieder wird deutlich, wie viel Psychologie in der Wirtschaft steckt. Damit sind wir bei dem sogar noch besseren der beiden Bände. Hier sind die Illustrationen nicht bloß illustrativ und lockern das Ganze hübsch auf. Sondern sie veranschaulichen und intensivieren die Informationen. Sie leiten den Blick und geben jeder Doppelseite eine besondere Dynamik. Sei es der Schneeballeffekt der Wissensbildung, der munter und immer größer werdend über die Seiten purzelt. Oder »Assoziationen, die typisch sind für das menschliche Bewusstsein«, dargestellt in einem Apfel.
Es sind keine Infografiken im üblichen Sinn, also so typische wie langweilige Törtchen und Balkendiagramme mit mehr oder weniger sinnvollen Relationen.
Die Raffinesse der Illustrationen kommt auch bei den zahlreichen Porträts einflussreicher Köpfe zum Ausdruck. Prägende Charakteristika oder Theorien werden mit einfachen Symbolen versehen –  zum Beispiel, ob jemand sich mit Phantomgliedern, Hunden oder Träumen beschäftigt hat, ein Künstler oder viel in Afrika unterwegs war. Aus diesen individuellen Piktogrammen als grobe Pixel setzt sich das Gesicht der Psychologin oder Verhaltensforschers zusammen.
„Dieser erstaunliche Wirrwarr im Kopf macht uns zu dem, was wir sind“ lautet ein Zitat des britischen Neurowissenschaftler Colin Blakemore (zu dem im Anhang nicht verschwiegen wird, dass er Tierversuche befürwortet). Diese Bücher vergrößern das Wirrwarr aufs Beste, , »weil um etwas wirklich lernen zu können, müssen wir es verstehen«, wie schon am Anfang beim Thema Entwicklungspsychologie steht. Man kann sich nur wünschen, dass auch alle Schulbücher so lesenswert und lehrreich wären.

Marcus Weeks: Kernfragen Psychologie, Übersetzung: Edigna Hackelsberger, und Kernfragen Wirtschaft, Übersetzung: Ute Mareik, Dorling Kindersley Verlag, 2019, je 160 Seiten, je 14,95 Euro