So ’n Hals

Giraffe Roberta hat ein Problem: »Mein Hals macht mich fertig. Ehrlich.« Ihr Hals ist zu lang, zu dünn, zu auffällig … »Zu … halsig.« Anders gesagt: Roberta hat so ´nen Hals auf ihren Hals. Und sie ist der festen Überzeugung, dass alle ihren Hals anstarren,

Eine klassische Projektion wie aus Freuds Psychologiebuch: Weil sie immer nur an ihr prominentestes Körperteil denkt, glaubt sie, das geht allen anderen, von ihr beneideten Tieren auch so. Dabei ist allen anderen Robertas Hals egal, nur ihr Genöle geht den Savannenbewohnern auf die Nerven.

Bei ihren lächerlichen Versuchen, den Hals zu verstecken, stolpert die Giraffe über eine kleine Schildkröte namens Henry. Und der hat ein ganz anderes Problem: Sein Hals ist zu kurz. Und überhaupt ist er viel zu klein, um an die schön reife Banane oben am Baum zu gelangen. Entzückend lamentiert Henry auf den Hinterbeinen stehend, mit empört vorgeschobenem Panzerbäuchlein über seine wortwörtlich körperlichen Unzulänglichkeiten.

Von Projektionen & Freundschaft

Da zeigt sich, dass so ein langer Hals ganz schön praktisch ist. Und wir sehen den Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Roberta & Henry ist ein hinreißendes Buch über verquere Selbstwahrnehmung und Zuneigung, die entsteht, weil jeder im anderen etwas Besonderes sieht und beide sich ideal ergänzen. Manchmal braucht man genau so jemanden zur Selbstreflexion, der das eigene verzerrte Spiegelbild heilsam korrigiert.

Nebenbei wird sehr treffend bemerkt, dass Mütter für diesen Job nicht taugen: Die finden ihre Kinder fast immer wunderschön. Nicht nur Pubertierende mit florierenden Pickeln auf der Stirn, verunglücktem Haarschnitt und Speckröllchen können ein Lied davon singen. »Meine Mama meinte immer, ich sollte stolz auf meinen Hals sein. Sie sagte, andere Tiere würden sonst was für meinen Hals geben. Klar, sicher doch«, übersetzt Andreas Steinhöfel. »Nimms mir nicht übel, Mama. Aber keiner will so einen Hals. So einen Hals kann nur einen Mutter lieben.« »Übersetzt von Andreas Steinhöfel« steht wie ein Qualitätssiegel auf dem Einband. Ganz abgesehen davon, dass eigentlich immer auch die Übersetzungsarbeit gewürdigt werden sollte, ist Steinhöfel wirklich kongenial: »Einfach bekloppt«, so famos lässt Steinhöfel Roberta über ihren Hals schimpfen. »… während ich wartete und wartete … dass entgegen aller Hoffnung diese Banane vor mir herabfallen würde, um mir gleichermaßen Nahrung und einen Begriff von ihrer Süße zu verschaffen«, schwadroniert Henry kurios kompliziert.

Sprachlicher & optischer Genuss

Nicht nur sprachlich, auch optisch ist das Buch ein Genuss: Lane Smith hat brillante Bilder in raffinierter Mischtechnik dazu geschaffen. Überwiegend in erdigem Gelb, Braun und Grün gehalten, bekommen die Tiere durch dynamisch-breiten Pinselstrich und Druckvariationen geradezu Textur. Kleine Knopfaugen blinzeln lebendig und erstaunlich ausdrucksstark aus den collagierten Farbkörpern hervor. Roberta & Henry hat das Zeug zum Klassiker in einer Reihe mit Werken von Eric Carle oder Leo Leonni!

Das zweite Bilderbuch Fredy flunkert passt wegen des Untertitels »Lügen haben lange Hälse« anscheinend perfekt in diese etwas halslastige Auswahl. Jaqueline und Daniel Kauer haben ihre Geschichte von den Freunden Fredy, dem Lama, und Fauli, dem Faultier, aber irreführend betitelt. Weil es weniger um Unwahrheiten und ihre Folgen im allgemeinen geht, sondern darum, was eine Freundschaft ausmacht und warum man mit jemandem befreundet ist. Auch hier spielt ein schwaches Selbstbild eine Rolle. Fredy ist nämlich ein enormer Angeber: Sein von Fauli wegen eines klitzekleinen Nickerchens verpasster Bandauftritt war natürlich »komplett ausverkauft«, bald würden sie ganze Hallen rocken und ein Plattenvertrag winke auch. Fredys Laden brummt, Kunden stünden Schlange, alles sei komplett ausverkauft. Und wenn Fauli ein Date hat, dann geht Fredy natürlich gleich mit drei heißen Lamadamen schick essen …

Von Angebern & Faultieren

Anfangs wundert sich Fauli noch, dass im Internet nichts von einem furiosen Konzert zu lesen ist. Dann quellen aus der Kammer Unmengen von Schuhen hervor. Übernachtet hat Fredy einsam und allein in seinem Auto, von Begleiterinnen keine Spur. Und als Fredy schließlich noch behauptet, ein Ufo gesehen zu haben, reicht es dem Faultier und es zieht wütend aus.

Die Frage ist, warum stellt Fredy sich seinem Freund gegenüber immer viel cooler und erfolgreicher dar, als er es ist? Warum traut er sich nicht, ehrlich er selbst zu sein, mit allen Schwächen und Fehlern? Was ist das Wesen ihrer Freundschaft?
Diese interessanten Fragen reißt das Buch an und lässt den Betrachtern Raum für eigene Überlegungen.

Eine Frage der Ehrlichkeit

Mit den Illustrationen verhält es sich ähnlich: Auf den ersten Blick sind die beiden Hauptfiguren Lama und Faultier (zu den beiden Tierarten gibt es übrigens viel Wissenswertes auf dem Vorsatzpapier zu lesen) etwas plump und bunt und vermenschlicht geraten. Umso mehr erfreuen die munteren Kleinstnebendarsteller sowie witzige Details und Anspielungen: So heißt Fredys Band »The Dalai Lamas«, das Faultier ist ein echter Meister im Aufwandvermeiden (»Kochen für Faule«, Fertigessen aus der Mikrowelle).

Man versteht sehr gut, warum das Faultier zwischenzeitlich einen ziemlichen Hals auf seinen Freund hat. Fredy ist auch wirklich sehr zerknirscht und lernt seine Lektion: Ehrlich zu sein gegenüber seinem Freund – und sich selbst zu akzeptieren wie man ist.

Hals

Grete, das Kamel (genauer gesagt ein Dromedar) hat auch einen außergewöhnlichen  Hals, einen besonders schön gebogenen. Aber der beschäftigt die Trampeltierdame ebenso wenig wie Selbstdarstellungszwänge. Tiefenentspannt schreitet sie im Passgang durch die Wüste. Der Leser begleitet sie in 14 knappen Kapiteln über sieben Tage, in denen so gut wie nichts passiert. »Stinklangweilig« sind die Geschichten natürlich nicht, gerade weil »Manchmal in der Wüste gar nichts los ist. (Pause) Haaalt, Eine richtige Pause, bitte. Wer will, probiert es aus: Dem anderen zuhören, wie er gar nichts sagt.«

Vom Nichtstun & Zuhören

Die in Wien lebende Autorin Veronika Trubel schaltet ein paar Gänge zurück und übt das Nichtstun, ein Luxus heute, wenn Tage möglichst effizient durchgetaktet sind und zeitliche Lücken als Verschwendung gelten. Sind sie aber nicht, sondern notwendig, um dem Hirn Ruhe zu gönnen.

Und gerade wenn man sich auf den hypnotischen Rhythmus und die Wiederentdeckung der Langsamkeit eingelassen hat, und zu entspannen beginnt, dann lässt Trubel geschickt einen klugen Gedanken vorbeischweifen. Zum Beispiel: »Was ist eigentlich eine gute Nacht? Für ein Kamel? Für eine Eule? Für eine Maus? Für ein Beduinenkind? Für dich?« Im nächsten Kapitel lernt man den sehr nützlichen A… der Welt kennen, kann über den Geruch von Eulenrülpsern nachdenken. Oder es begegnet einem ein einzelgängerischer Termit (männliche Termite), der auf die harte Tour zur Erkenntnis gelangt, dass es »ungeheuer praktisch ist, wenn man ein paar Kumpels hat.« Und deshalb »hat er einen riesigen Termitenstaat gegründet: eine Volksdemokratie, mit sich selbst als Kaiserkönigpräsident und Chefdiktator.«

Entspannt runterkommen

Zu diesen nicht pseudophilosophisch verschwurbelten, dafür klugen und witzigen Texten hat Isabel Pin wunderschöne Aquarellszenarien und zart hingetupfte Tiere gemalt, in flirrendem Wüstensandgelb, Sonnenuntergangsorange, Mitternachts- oder Sternenhellblau. Entspannter und schöner Runterkommen geht kaum.

Jury John, Lane Smith (Illustrationen): Roberta & Henry, Übersetzung: Andreas Steinhöfel, Carlsen 2019, 40 Seiten, ab 4, 15 Euro

Jaqueline und Daniel Kauer: Fredy flunkert, Kalea Book 2018,  36 Seiten, ab 4, 18,90 Euro

Veronika Trubel, Isabel Pin (Illustrationen): Grete, das Kamel – Stinklangweilige Gute-Nacht-Geschichten, Karl Rauch Verlag 2019, 56 Seiten, ab 2, 15 Euro

Umfallen lernen

umfall

Was ist das denn für ein schräger Superheld? Ein moppeliger Kerl mit schwarzem Pilzkopf  und Oberlippenflaum, im rotgestreiften Schlafanzug und Badeschlappen an den Füßen, der sich seinen Umhang festknotet – so steht er auf dem Titelbild von Mikael Ross‘ Comic Der Umfall. Und wieso Umfall?

Zack, ist man schon drin in der Geschichte: Jetzt ist der Held namens Noel in seiner Daunenjacke ein rotes Michelinmännchen mit Mütze – und er benimmt sich auch ziemlich schräg: Bestaunt Prinzessinenpuppen, weiß nicht, wie alt er ist, schmettert lauthals im Feierabendrummel umgetextete Weihnachtslieder. Nach ein paar idyllischen, liebevollen Szenen mit seiner Mutter, genannt Mumsie, Geburtstagsgeschenken und gegrillten Marshmallows auf dem Balkon passiert der titelgebende Umfall: »Mumsie schläft auf dem Boden. Schlafen tut man aber im Bett. Und da is auch Blut … gehört da nicht hin.«

Panik, zur Beruhigung stülpt Noel sich einen Blumentopf über den Kopf, schließlich schafft er es mit größter Anstrengung einen Rettungswagen zu rufen.

Mit dem Umfall fällt Noel aus seinem bisherigen behüteten Leben in Berlin. Mumsie liegt im Koma, allein kann Noel nicht in der Wohnung bleiben. »Daheim ist nicht mehr mein Daheim.« Also bringt ihn »der Mann mit Bart« (sein Vater? Eine Frage, die Noel nicht stellt) nach Niedersachsen in das Dorf Neuerkerode.

Neuerkerode – die besondere Dorfgemeinschaft

Wie sein fiktiver Held Noel kam der Comiczeichner Mikael Ross in eine ihm zuvor völlig unbekannte Welt: Neuerkerode gibt es wirklich. Es ist ein inklusives Dorf, in dem Menschen mit und ohne Behinderung, unterschiedlichster Vorgeschichte und Prägung, leben und arbeiten. Ross erzählt die Geschichte dieser besonderen Dorfgemeinschaft aus Noels Perspektive: vorsichtig beobachtend und absolut unvoreingenommen. Langsam lernt er die Bewohner, Bürger genannt, und ihre individuellen Besonderheiten kennen. Wir sind hautnah dabei. Natürlich läuft beim »normalen« Leser (in der taz nannte eine Autorin, Mutter eines Sohns mit Downsyndrom und Tochter mit ADHS, ihren Mann »mehrfach schwer normal«) immer der Meta-Text mit: Wir versuchen die Art der Behinderung und ihre Schwere zu benennen, erkennen natürlich einen epileptischen Anfall als solchen, fremdeln in diesem Kontext noch mehr als sonst beim Thema Sex, denken über vermeintlich politisch korrekte Begriffe wie »anders begabt« nach. Oder, wie Andreas Steinhöfels Rico sagen würde: »tiefbegabt«.

Recherche vor Ort

Es gelingt Mikael Ross grandios, die Menschen aus Noels Sicht zu zeigen und sie einfach, so wie sie sind, auf sich zu kommen zu lassen. Ihren eigenen Humor, ihre Sprache, teils verquere Sichtweise und skurrile Logik übersetzt er geistreich und witzig. Zweieinhalb Jahre hat Ross in Neuerkerode recherchiert und wiederholt mehrere Tage in einem Apartment im Dorf gewohnt. Nach einiger Zeit hat er gelernt, dass er viel mehr über die Menschen vor Ort erfährt, wenn er, anstatt einzelnen gezielt Fragen zu stellen, sie auf sich zukommen lässt. Sie haben ihn an ihrem Leben, ihrer individuellen, teils sehr speziellen Erlebniswelt teilhaben lassen.

Und sie haben ihm viel von sich erzählt, unter anderem von dem schrecklichen Kapitel der 150 Jahre alten Einrichtung während der NS-Zeit. Zahlreiche Bewohner wurden abgeholt und ermordet. Damals waren Jungen und Mädchen, Männer und Frauen streng durch einen hohen Zaun voneinander getrennt. Trotzdem konnte ein Junge seine Schwester noch warnen, bevor auch er deportiert wurde. Die mit 92 Jahren älteste Bewohnerin Neuerkerodes überlebte, weil sie sich im Wald versteckt hatte. Diese erschütternde Erzählung webt Ross geschickt als eine frühmorgendliche Begegnung Noels mit der reizenden, alten Irma an der Bushaltestelle ein.

Beiläufig erfährt man andere Lebensgeschichten, vom autistisch-zahlenversessenen Valentin, von Alice, die bei großer Aufregung epileptische Anfälle erleidet, von der Frau, die sich früher selbst verletzt hatte, mit Medikamenten sediert und ans Bett fixiert wurde und dann Judo für sich als Therapie ohne schädliche Nebenwirkungen entdeckt hat und den übersetzt »sanften Weg« anderen Bewohnern beibringt.

Dabei beschönigt Ross nicht, er idealisiert und verharmlost Behinderungen nicht. Die meisten Neuerkeroder wären außerhalb, in der »normalen« Welt nicht lebensfähig. Schon am Anfang reißt Noels Mutter angesichts seiner Trödel- und Singerei irgendwann der Geduldsfaden und sie brüllt: »Es reicht. Du nervst.«

Sie alle sind mal niedlich, lustig, entzückend, sympathisch verschrobene, harmlose Spinner. Aber ebenso können sie extrem anstrengend sein, gewalttätig, nerven und einen in den Wahnsinn treiben.

Das Leben in allen Facetten

Während Noels Eingewöhnungszeit, seinen Begegnungen und Erfahrungen, wird uns klar, dass genau das unser Unbehagen gegenüber Behinderten ausmacht: Dass sie uns »Normalen« fremd und unberechenbar sind. Dass ihre Handlungen oft unlogisch erscheinen und wir uns nicht in sie hineindenken und –fühlen können; dass wir uns in ihrer Gegenwart deshalb selbst hilflos fühlen.

Ross zeigt auch, dass in Neuerkerode ebenso geliebt, gestritten, um Aufmerksamkeit geeifert, getrauert, vermisst und Freude empfunden wird. Leben in allen Facetten, nur halt ein bisschen anders.

Kluger Strich, kühne Konturen

Ross, der ursprünglich Herrenschneider gelernt und nie Illustration studiert hat und heute im Zweitjob als Kostümbildner arbeitet, fängt dieses eben nicht ganz normale Leben in Buntstiftzeichnungen ein. Die Technik hat er erst in Neuerkerode für sich entdeckt, wo viel und begeistert gezeichnet wird. Seine Figuren sind alle ausgereifte Charaktere mit markanten, nie genormten oder klassisch schönen Physiognomien. Manchmal bekommen die Zeichnungen etwas karikatureskes, doch ohne jemanden zu verspotten oder lächerlich zu machen. Außer bei der Gruppe Ärzte, die Noel über den Zustand seiner Mutter informieren wollen: Sie wirken absolut nachvollziehbar wie durcheinanderquakende Enten, angesichts unverständlicher und kaum empathisch hervorgestoßener Fachtermini. Flaschenbodendicke Brillengläser etwa lassen aus Sicht Noels die Augen seines Gegenübers wahlweise verschwinden oder untertassengroß erscheinen. Und Alices Eifersuchtsanfall zum Beispiel verwandelt sich zum Cartoon in Stop-Motion-Bildern. Ross braucht im Gegensatz zum Film keine aufwendigen Special Effects für seinen mitreißenden Comic. Kluger Strich, kühne Konturen und kräftige Colorationen machen seine Panels lebendig und dynamisch.

Erstaunlich ist die Entstehungsgeschichte dieses Comics: Es ist die offizielle Festschrift zum 150. Geburtstag Neuerkerodes am 13. September 2018, wie man erst im Nachwort  erfährt.  Zwar gab’s einen konkreten Abgabetermin, ansonsten hatte Ross aber hierfür sämtliche künstlerische Freiheiten. Das spricht auch für den ungewöhnlichen Geist dieses inklusiven Dorfs: Dass man eben nicht das macht, was man normalerweise macht.

Zum Schluss, ein Jahr ist mittlerweile rum, hat Noel sich mit seinem neuen Leben in Neuerkerode arrangiert. Er hat vieles gelernt. Auch, nicht zuletzt dank Judo, richtig umzufallen – und wieder aufzustehen.

Mikael Ross: Der Umfall, Avant Verlag 2018, 128 Seiten, ab 14, 28 Euro

Beschwingt

Zum Jahresende denke ich noch mal an die vielen guten, auch brillanten, hinreißenden, entzückenden Bücher, die ich in den vergangenenMonaten lesen und hier vorstellen durfte. Und überlege, welche ich verpasst und übersehen haben könnte und was manchmal auch auf dem Postweg verloren gegangen ist (A.L. Kennedys Onkel Stan, Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer hätte ich schon gern gelesen, wo das wohl gelandet ist?).

Bücherberg

Und dann kommen kurz vor Schluss unverhofft noch zwei sehr schöne Bilderbücher daher, die beide herausragend sind, obwohl sie weder durch besondere Aufmachung (anders als Marthas Reise von Christina Laube – das ist mit seinen filigranen Lasercut-Seiten ganz interessant, doch eher ein Coffeetablebook für Eltern als ein „haptisches Erlebnis“ für Kinder) noch mit berühmten Namen glänzen.

Dass das eine, Rocio Bonillas Der höchste Bücherberg der Welt, nicht zuletzt auch ein Plädoyer für Bücher und das Lesen an sich ist, macht es natürlich umso besser. Auch Einat Tsarfatis Wie sieht es aus in unserem Haus? macht Kinder zu besonders aufmerksamen Bilderlesern, dazu gleich mehr.

Bücherberg

Lukas in Der höchste Bücherberg der Welt wünscht sich nur eins: Fliegen! Er bastelt sich eine Million Flügel, malträtiert die Sprungfedern seines Betts und ist natürlich entsprechend angefressen, dass der Weihnachtsmann ihm jedes Jahr nur nutzlose Spielzeug-Flügel bringt. Der Gesichtsausdruck des zierlichen Jungen mit dem großen Kopf neben dem Christbaum spricht Bände.

Dann schenkt Mama Lukas ein Buch mit den rätselhaften Worten: „Man kann auch anders fliegen, Lukas.“ Und Lukas wird zum besessenen Leser und manischen Geschichtenverschlinger, so exzessiv und blind für alles andere, wie vor allem Jungs (ich spreche aus Erfahrung) eine Sache betreiben können. Die Bücher, die Verwandte, Nachbarn, sogar der Bäcker ihm geben, wachsen unter ihm zu einem imposanten Berg. Und schließlich kann Lukas, beschwingt durch soviel Leseglück, sogar fliegen. Und das ist soviel mehr, als sich nur durch die Lüfte schwingen.

Rocio Bonilla erzählt in großflächigen, meist doppelseitigen Bildern und zeigt, wie Lukas in die Geschichten eintaucht. Comicelemente und fast trickfilmartige Sequenzen fügen sich stimmig mit zarten Bleistiftzeichnungen auf Aquarellen in überwiegend gedeckten Farben zusammen. Es gibt sehr hübsche Details, eine schwarze Katze ist mehrmals zu sehen, der Feuerwehrmann, gerufen, um Lukas vom Berg zu holen, ist sichtbar genervt von dem total selbstvergessenen Jungen. Und wenn King Kong, von Lukas unbemerkt, am Bücherberg rüttelt (Zitat der berühmten Szene am Empire State Building, inklusive Flugzeug), wird deutlich, wie hoch der Turm mittlerweile ist – und wie tief Lukas in die Fantasiewelten eingetaucht ist.

Geheimnisvolle Türen

Optisch ganz anders, doch nicht minder fantasievoll ist Einat Tsarfatis Wie sieht es aus in unserem Haus? (im Original schlicht „The Neighbours“). Angedeutet wird die nachbarschaftliche Vielfalt in einem Haus mit sieben Stockwerken schon bei den Briefkästen. Ein Mädchen steigt nach ganz oben. Inspiriert durch die unterschiedlichen Wohnungstüren und was davor steht, stellt sie sich die Nachbarn vor, die dahinter wohnen. Hinter der Tür im Erdgeschoss mit den vielen Schlössern lebt eine Diebesfamilie, die einen Pharaonenschatz hütet. Große Grünpflanzen und Matsch vorm Eingang – das kann nur ein alter Jäger mit seinem zahmen Tiger sein. Und wenn im vierten Stock immer das Licht ausgeht, ist es eindeutig: Hier wohnt ein Vampir. Hinter jeder profanen Tür tun sich fantastische Welten auf – auf kunterbunten und detailreichen Wimmelbildern, die jeweils eine Doppelseite randvoll füllen. Und auf jeder Seite tummelt sich auch irgendwo ein vermisster Hamster, was den Betrachter auf der Suche nach ihm immer neue Anspielungen und Querverweise entdecken lässt. Und ganz oben: „Hinter der siebten Tür wohne ich mit meinen Eltern“, erzählt das Mädchen. Hier ist es zwar immer noch hübsch farbig, aber sehr aufgeräumt. „Sie sind furchtbar langweilig“, kommentiert sie ihr Zuhause und seine Bewohner. Aber, und das ist ein zauberhafte Fazit dieser Bilderbuchfantasie: „Ich hab sie trotzdem sehr lieb.“
Fantasie beflügelt nicht nur – sie macht auch gelassen.

Rocio Bonilla: Der höchste Bücherberg der Welt, Übersetzung: Renate Loew, Jumbo, 44 Seiten, ab 3, 15 Euro

Einat Tsarfati: Wie sieht es aus in unserem Haus?, Übersetzung: Bernd Stratthaus, Annette Betz, 44 Seiten, ab 4, 14,95 Euro

Nenn mich nicht „Untenrum“

Karbolsäure darüberkippen, wegschneiden, verstümmeln, verteufeln, auf ein Loch reduzieren – was ist es, das über Jahrhunderte Männer, leider auch einflussreiche, so ängstigte, dass sie es mit martialischen Mitteln bekämpften? Es ist die Vulva, das äußere weibliche Geschlechtsorgan, vom Maler Gustave Courbet auf seinem im facebook-Zeitalter erneut skandalisierten Gemälde „Ursprung der Welt“ genannt.

Und so nennt auch die schwedische Comiczeichnerin Liv Strömquist ihr furioses Porträt der Vulva, das Katharina Erben ins Deutsche übersetzt hat. Auf dem Einband posiert sie selbst, breitbeinig auf einer Bank sitzend, wuschelige, dunkle Haare auf dem Kopf (die wie ein hübsches Zitat Courbets wirken, auf dessen Bild man vor allem ein dichtes, großes Büschel Schamhaare sieht, nebenbei der Beweis, dass das Gemälde aus einem anderen Jahrhundert stammt) und die Hände dreiecksförmig im Schoß gehalten. Neben Strömquist lehnt eine Maschinenpistole – das Cover ist die perfekte Einstimmung auf ihr Buch: Strömquist schießt scharf, absolut treffsicher, und in rasantem Stakkato geht es durch die Geschichte der Menschheit und unzählige Absurditäten.

Mit wunderbar schwarzem Humor und genügend Selbstironie erzählt sie von der Wahrnehmung weiblicher Sexualität im Laufe der Zeit. Dass die Vulva fast nie beim Namen genannt wird, wenn dann eher veralbert oder beleidigt, meist schamvoll verschwiegen wird und alles, was mit ihr zusammenhängt, als peinlich gilt, ist nur ein Teil des Problems.

Schwerwiegender war, dass es genügend Männer gab, die geradezu besessen von der Vulva waren und sie für Teufelszeug und den Ursprung allen Übels hielten. Im Mittelalter wurden Frauen angesichts einer vorhandenen Klitoris zweifelsfrei als Hexen identifiziert – faktisch konnte also jedes weibliche Wesen mit dem Segen der Kirche gefoltert und verbrannt werden.

Strömquist hat Haarsträubendes, Gruseliges und schlicht Unglaubliches recherchiert und in wunderbar reduzierte schwarz-weiße Comicstrips umgesetzt. Zum Beispiel sendet die NASA Nachrichten an eventuelle außerirdische Lebensformen ins All und zeigt ein Paar, von dem einer am Penis zweifelsfrei als Mann zu identifizieren ist. Daneben steht ein merkwürdig asexuelles Wesen, gegen das eine Schaufensterpuppe voll Porno wirkt. Ursprünglich gab es in der Schamgegend noch eine angedeutete Linie. Doch auch die wurde eliminiert. Mit messerscharfem Witz denkt Strömquist die Botschaft der NASA zu Ende: Klassisch comiceske Außerirdische in Amöbenform mit mehreren Stielaugen und diversen Tentakeln wenden sich beim Anblick einer auch nur angedeuteten Vulva angewidert ab: „Igitt, darauf antworten wir nicht!“

Die Menschen hatten nicht immer so groteske Wahrnehmungsstörungen und Berührungsängste mit der Vulva: In der Steinzeit gab es hübsch explizite und verehrte Darstellungen in Form üppiger Fruchtbarkeitsgöttinnen. Und vor nicht allzu langer Zeit glaubte man, Frauen müssten einen Orgasmus haben, um überhaupt Kinder kriegen zu können. Weibliche Lust wurde also nicht als Bedrohung empfunden, sondern im Gegenteil geschätzt. Übrigens ist das mit dem Orgasmus und der Befruchtung gar nicht so falsch, durch die Kontraktionen von Beckenboden und Scheidenmuskulatur werden Spermien schneller Richtung Eizelle transportiert. Ärzte rieten damals instinktiv richtig bei Kinderwunsch zur Klitorisstimulation.

„Aber im späten 18. Jahrhunderts änderte das Bild der menschlichen Sexualität sich RADIKAL“, fährt Strömquist fort. Seitdem werden vor allem die Unterschiede zwischen den Geschlechtern betont, ein perfides Instrument, um Frauen zu benachteiligen. Die Vulva, bestehend aus großen und kleinen Schamlippen, Klitoris, Harnröhrenmündung, Damm und Vagina wurde maximal auf letztere reduziert – ein Loch, das gefüllt werden muss. Selbst das Magazin „Der Spiegel“ schreibt in einer euphorischen Buchkritik, „Strömquist erzählt von der Vagina“. Oft ist auch nur von „Untenrum“ die Rede und ich habe auch schon modern und aufgeklärt wirkende Mütter mit ihren Töchtern über „Sand in der Mumu“ reden hören – ein Ausdruck, den Elyas M’Barek im fahrlässig unterschätzten Film „Fack ju Göhte“ ungläubig mit „das hast du jetzt nicht wirklich gesagt“ kommentiert.

Irgendwie setzt sich dieses krude Denken auch in unseren weiblichen Köpfen fort, besonders beim Thema Menstruation. Strömquist wurde übelst beschimpft wegen eines roten Flecks auf einer hübschen Plakatillustration. Der befand sich auf der Unterhose einer Eiskunstläuferin, die lächelnd mit hochgestrecktem Bein dahingleitet.

Die Hälfte der Bevölkerung menstruiert monatlich, es sollte also das Normalste der Welt sein. Trotzdem wäre uns zum Beispiel ein kleiner Blutfleck auf dem Sofa des Gastgebers tausendmal peinlicher als verschütteter Rotwein. Ein sehr anschaulich illustriertes Beispiel, mit dem Strömquist unser verqueres Verhältnis zum eigenen Körper entlarvt. Auch dass so genannte Hygieneartikel vor allem mit „Frische“ werben, als wäre die Monatsblutung schon mal per se unhygienisch und müsse mit einer Extraportion Frische vertuscht werden. Sehr verwunderlich – und absolut umwerfend – wie Strömquist uns mit wenigen Bildern die Augen öffnet.

Aberwitzig ist auch der ausnahmsweise farbig illustrierte Monolog Evas, nachdem sie von der Frucht der Erkenntnis gegessen hat und sich fortan schämt, für das, was sie ist: also für ihre Periode, zu große Schamlippen (würden Männer sich den Penis operativ verkleinern lassen? Bestimmt nicht! Außer vielleicht Dirk Diggler nach Ende seiner Karriere als Pornofilmstar), zu feucht zu werden …

Wie das exzellente Aufklärungsbuch „Sex“ sollte auch jeder Liv Strömquists außerordentlich kluges und brillantes Biologiebuch „Der Ursprung der Welt“ lesen und darüber reden: Vulvadialoge statt Vaginamonologe.

Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt, Übersetzung: Katharina Erben, avant Verlag, 140 Seiten, ab 14, 19,95 Euro

Das Kaputtsein und das Nichts

tippo„… denn alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“ Mephistos Motto beschreibt die Motivation der Entropiewichte sehr treffend. Der was? Entropiewichte, auch Entröpfe genannt, sind kleine Wesen, die im Verborgenen emsig alles, was gerade noch glänzend und neu war, in kürzester Zeit schäbig und abgenutzt aussehen lassen. Der fiese Riss mitten durchs Display, der scheußliche Fettfleck auf dem Lieblingshemd, der hässliche Knick im hübschen Bucheinband – alles Werk dieser Wichte! Von wegen geplante Obsolenz und Sollbruchstellen.

Das ebenso entzückende wie alles andere dem Untergang geweihte Kinderbuch Tippo und Fleck von Barbora Klárová und Tomás Končinský enthüllt endlich, warum alles unweigerlich kaputtgeht. Tippo geht in die dritte Klasse der GSAD, der Grundschule für das Altern der Dinge. Er stammt aus einer altehrwürdigen Familie von Buchzersetzern: Sein Vater leitet die Abteilung, die Bücher vergilbt und zerlöchtert, seine Mitarbeiter sind „Esseisten“, die dafür zuständig sind, dass auf jeder Seite eines Buches irgendein Essen seine Spur hinterlässt. Und seine Mutter leitet die Einheit der Düfte und gibt den Bänden ihr eigenes Odeur. Tippo möchte sich mehr den digitalen Medien als Bibliotheken widmen, klappernde Tastaturen und Programmierfehler werden sein Metier. Tippos bester Freund ist Fleck, ein dauerkakaoverklebter kleiner Kerl, unfreiwillig Lieblingsschüler der Lehrerin für Kleckskonstruktion.

„Fleck und ich sind schon ziemliche Chaosmagneten. Und Fleck und ich waren schon immer beste Freunde und werden es für immer bleiben. Na ja, mit Ausnahme der unglücklichen Begebenheit mit dem Zahn der Zeit, aber bis dahin muss ich mich erst noch durchbeißen.“ Tippo erzählt von der Schule, berühmten Entröpfen, kuriosen Preisverleihungen – und schließlich vom Tag, an dem sich sein Leben ändert. Es ist eine spannend und mitreißend erzählte Geschichte von Erkenntnis und Zweifel, von Enttäuschung, Sinnsuche und existenzialistischen Fragen. Ein bisschen Kafka ist dabei, ein Hauch Alice im Wunderland, eine Prise Atheismus und die uralte Frage, was zuerst da war, die Henne oder das Ei. Das scheint nur ziemlich pompös philosophisch, kommt aber höchst charmant verpackt daher wie des Pudels Kern (womit wir schon wieder beim alten Faust sind) in einer komplexen Mistkäferkugel aus Hundedreck. Wobei keineswegs gemeint ist, dass letztlich alles Kacke ist! Ganz und gar nicht, es läuft eher hinaus auf das Kaputtsein und das Nichts.

„Vitat Entropia!“ lautet das tatsächliche Motto der Entropiewichte. Es springt einem auf dem Vorsatzpapier entgegen und steht in Stein gemeißelt auf der Bahnhofswand, durch die soeben eine Lok gerast ist (ein tatsächlicher historischer Unfall). „Entropie“ ist mir aus dem Studium als das Bestreben aller Teilchen, sich weitest möglich auszubreiten und zu vermischen, bekannt. Das Phänomen kann man auch bei Kleinfamilien, die kreuz und quer Gehwege blockieren, geplatzten Reistüten oder runtergefallenen und zerbrochenen Gläsern beobachten. Im Fremdwörterbuch steht eine andere Definition. Für die Entröpfe bedeutet es aber die Feier des totalen Chaos, des Herstellens von Unordnung, ihres obersten Sinn und Daseinszweck. Ist mir gleich sympathisch, habe ich auf LETTERATUREN doch auch schon mal bei einem anderen Buch das rettende Chaos gelobt.

Daniel Špaček setzt diese Lebenswelt auf wuseligen Panoramaseiten von Mülldeponien, Schimmelfleckfarmen, Buchbaustellen und schließlich dem absoluten, tiefschwarzen Nichts in Szene. Am schönsten sind aber seine vielen liebevollen Detailzeichnungen von Entropieapparaturen und –kreaturen wie dem Zweitaktdampfschokofleckator, dem riesigen Kettenstreuwagen für Verunreinigungen, „Krümel“, einem Teleskopschnellsplitterspinner, dem knuffigen Eselsohrer aus der Familie der Vandalibris und des hundsgemeinen Staubbüschels, einer „im Anbau relativ unkomplizierten Zierpflanze“. Nicht zuletzt hat sich Lena Dorn dem Überthema erfolgreich widersetzt und Tippo und Fleck aus dem Tschechischen quicklebendig und frisch, überhaupt nicht angestaubt oder altbacken übersetzt.

Dieses Kinderbuch ist ein geistreicher und optisch überbordender Genuss. Raffinierterweise ist es gleichzeitig Teil des großen Ganzen, des Laufs der Welt: „Mit dem Durchtrennen der Binde startest du feierlich das Altern dieses Buches!“ steht auf der Buchbinde, die man eigenhändig aufreißen oder schneiden und damit die Zerstörung in Gang setzen muss, sonst kann man es nicht lesen. Wenn einem Entropie, also der unaufhaltsame Zerfall und das Altern der Dinge so schmackhaft gemacht wird, dann kann auch ich mich damit arrangieren.

Obwohl … das Eselsohr im schönen Einband von Simone Buchholz’ neuem Roman Mexikoring ärgert mich doch so sehr, da muss fürs Buchregal noch ein neues her. Ich glaube, die Entropiewichte haben eine Abmachung mit den Buchhandlungen?!

Barbora Klárova, Tomás Končinský: Tippo und Fleck, Illustration: Daniel Špaček,  Übersetzung: Lena Dorn, Karl Rauch Verlag, 2018, 128 Seiten, ab 6, 18 Euro

Ein Sechsbuchstabenwort

Laut einer aktuellen Studie im Auftrag der Krankenkasse AOK sind Arbeitnehmer, die ihre Arbeit als sinnvoll empfinden, nur halb so viele Tage im Jahr krank. Wobei sinnvoll bedeutet, dass man mit den Kollegen gut klarkommt und sich vom Arbeitgeber wertgeschätzt fühlt. Es heißt auch, dass man sich nicht jeden Arbeitstag fragt, warum man überhaupt hingeht und das Gehalt bestenfalls als Schmerzensgeld empfindet. Arbeit ist nicht nur für den Lebensunterhalt da. Sie kann auch krank machen; wesentlich häufiger, als dass sie glücklich macht.

Vor allem nimmt Arbeit aber einen Großteil unseres Lebens ein. Sie bestimmt unseren Alltag, unseren Lebensrhythmus, unser Umfeld. Grund genug für das Kollektiv Spring, sich in der neuen, jährlich im Sommer veröffentlichten  Ausgabe ihrer gleichnamigen Anthologie-Reihe mit dem Thema Arbeit zu beschäftigen. Es gelingt den an diesem Magazin beteiligten 13 Zeichnerinnen, Illustratorinnen, Grafikerinnen und Comickünstlerinnen ganz famos, Arbeit in all seinen Spielarten und Facetten – und mit sämtlichen Nebenwirkungen – darzustellen. Wobei die Endung *innen diesmal nicht einfach nur politisch korrekt ist, sondern das 2004 in Hamburg gegründete Kollektiv tatsächlich nur aus Frauen besteht und inzwischen ein stabiles Netzwerk bildet.

Das ist wichtig und sinnvoll: Sei es, weil Frauen immer noch für dieselbe Arbeit schlechter bezahlt werden als Männer. Und in Bereichen arbeiten, die die meisten Männer nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden, weil sie viel zu wenig Geld einbringen. Dass Erzieherinnen oder Pflegerinnen viel mehr Geld verdienen (und das wortwörtlich) müssten, zeigt Carolin Löbbert in ihrer Strecke „Der Lohn der Arbeit: „Zeit, die ein deutscher Profifußballer ca. arbeiten muss, um sich einen VW Golf kaufen zu können: 1 Tag. Zeit, die eine Hebamme in Deutschland ca. arbeiten muss, um sich einen VW Gold kaufen zu können: 850 Tage.“ Eine sehr eingängige Verbildlichung des sogenannten „Gender Pay Gap“.

Überhaupt hängt mit Arbeit viel Ungerechtigkeit zusammen: Das zeigt der Spaziergang einer Comizeichnerin mit ihren eigenen Figuren durch den Hamburger Hafen. Der Reichtum der Stadt und westlichen Welt fußt auf Kolonialismus, Raub, Ausbeutung und Versklavung. Ironischerweise macht die auch nicht vor den selbstentworfenen Charakteren halt: Als die Comichelden auf Arbeitsrechte pochen, werden sie umgehend zensiert und sprechblasentot gemacht. Emsige, diskussionsfreudige Bienen finden sich in der Anthologie ebenso wie eine komplett wortlose Geschichte über den Alltag in Schlachthöfen, das Töten am Fließband und unsere verkorkste Tierliebe. Sehr überzeugend und umfassend, in eingängigen Plakaten zeigt Stephanie Wunderlich die Arbeit im Wandel der Zeit, von ora et labora über Karl Marx bis zum Generationenvertrag und der Automatisierung der Arbeit. Witzig zugespitzt setzt Katharina Geschwendtner lächerlich euphemistische Termini der modernen Arbeitswelt wie „Projektleiter“, „Influencer“, „Nehmerqualitäten“ und „Produktbindung“ in Szene. Gleich im Anschluss träumt Moki einen ebenso seifenblasengeschwängerten wie desillusionierenden Traum vom Tellerwäscher.

Katrin Stangl erzählt ein sehr erfrischendes Märchen vom Recht auf Faulheit. Dass aber selbst die raffinierteste Müßiggängerin irgendwann der Arbeit nicht entkommt, deutet das Schlussbild an, das gleichzeitig nebenbei einiges über Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern erzählt. Es illustriert auch hervorragend, wie vielsagend Zeichnungen sind, ganz ohne Worte. Und dass der Beruf der Illustratorin und Grafikerin soviel mehr beinhaltet, wie in Birgit Weyhes Selbstreflexion zum Titelthema: „Wie andere meine Arbeit sehen. (Mutter holt Tochter von der Schule ab.) Tochter: Heute sollten wir etwas über eure Arbeit schreiben. Ich habe geschrieben, dass du keine Arbeit hast, sondern nur zeichnest.“ Oder: „Sie sind Illustratorin? Wie nett, dann ist also Ihr Hobby Ihr Beruf.“ Kein Gedanke an den schwer zu bemessenden Wert von Inspiration und künstlerischer Arbeit, entsprechend schwierigen Honorarverhandlungen, die Unsicherheiten der Selbstständigkeit, Ansprüche von außen und an sich selbst.

Diese Ansprüche beschäftigen auch Larissa Bertonasco in ihrem Beitrag, der der letzte dieser Anthologie und der Höhepunkt ist. Bertonasco ist für ihre eher pastellfarbenen, gefälligen Illustrationen, vor allem von Kochbüchern, bekannt. Auffallend und den Stimmungswechsel versinnbildlichend ändern sich die Farben: Das zuvor vom Kollektiv  abgesprochene, ins Auge springende Farbschema dieser Ausgabe aus leuchtendem Rot, Schwarz und Weiß wirkt wie unter einem Grauschleier liegend. Extrem reduziert und pointiert erzählt die aus Schwaben stammende Bertonasco vom Burnout. Ihr Leben schien geradezu perfekt zu sein: „… ich machte als Diplom ein Buch, welches sofort verlegt wurde und dessen erste Auflage in einem Monat ausverkauft war. (…) Es wurde eine ganze Küchenkollektion mit meinen Bildmotiven entworfen. (…) Ich bekam viele Aufträge, verkaufte Bilder, wurde eingeladen, zu Ausstellungen, Vorträgen, gab Interviews für Zeitschriften.“ Dazu noch zwei tolle Kinder und einen Vertrag mit einem „super Verlag, der mir alle künstlerischen Freiheiten ließ.“

Trotzdem Angst: „Ich bekam Schiss. Würde nun auffliegen, dass ich in Wirklichkeit absolut untalentiert und ohne Plan bin?“ Dieser Gedanke ist typisch weiblich, nur wenige Männer zweifeln an sich selbst, an ihrer „Performance“ – noch so ein sehr bezeichnender Neologismus.

Und dann der totale Zusammenbruch, nichts geht mehr: „Ein innerer Widerstand, gegen den Druck, den ich mir selbst andauernd machte, wurde immer größer. Eine grenzenlose Erschöpfung und unendliche Müdigkeit legte sich bleischwer über meinen Körper.“ Das ganze Programm: Konzentrationsstörungen, nächtlich Heulkrämpfe, unfähig, die einfachsten Sachen zu machen, den Alltag zu bewältigen, Selbsthass.

Ihren Burnout, die völlige Selbstzerstörung und den langen, quälenden Weg zurück ins Leben, das illustriert Larissa Bertonasco bewundernswert persönlich, schmerzhaft intensiv und schonungslos ehrlich.

Dieser „Comicstrip“ hilft mehr als jedes markige Lebensratgeberbuch. Und macht sehr deutlich, dass der Platz, den Arbeit in unserem Leben einnimmt, und der Nimbus, den sie in unserer Gesellschaft hat, viel zu groß ist.

Wie singt Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen sehr wahr und wunderbar lakonisch: „Arbeit ist ein Sechsbuchstabenwort“. Wenn es richtig gut läuft, dann kann Arbeit, wie Anne Vagt im Vorwort schreibt, eine armour fou sein. Aber das ist wirklich nur den wenigsten vergönnt und sollte man auch nicht erwarten.

Spring Nr. 15: Arbeit, Mairisch Verlag 2018, 228 Seiten, 20 Euro

 

 

Lasst uns über Sex reden

sex„Über Sex, genau, dieses Thema: SEX, SEX, SEX … Es wird Zeit, die Dinge endlich beim Namen zu nennen.“ Genau das tut die spanische Bloggerin Chusita Fashion Fever in ihrem Buch Sex – was du schon immer wissen wolltest – klar, direkt, unverblümt, schamlos, lustvoll und erfrischend. Gleich zu Anfang stellt sie klar: „Lass die Finger von diesem Buch, wenn du keine Lust hast, über Sex zu reden.“

Genau darum geht’s: Über alles reden, was irgendwie mit Sexualität zu tun hat. Es ist schon erstaunlich: Heute scheint alles übersexualisiert – und ebenso prüde. Körper sollen nicht nur perfekt geformt sein. Das gängige Schönheitsideal ist auch irritierend asexuell und kindlich androgyn: komplett haarlos, absolut reine Haut, geruchsfrei, zyklusunabhängig und nicht menstruierend oder andere Flüssigkeiten absondernd, athletisch, symmetrisch, straff, fest, allzeit bereit.

Nur offen und ehrlich miteinander über Sex zu reden, Unwissen und Ängste zu offenbaren, das traut sich im Alltag kaum einer. Das ist nur uncool und peinlich. Was man selbst die besten Freunde nicht zu fragen wagt, das schafft man in der Anonymität des Internets. Chusita hat angefangen mit einem YouTube-Kanal über Mode. Aber ihre Abonnenten, über 270.000 mittlerweile, wollten vor allem Ratschläge über Sex und Gefühle,

So entstand ursprünglich die Rubrik „Ich an deiner Stelle“ und jetzt dieses Buch: mit viel Knallorange, illustriert im Mangastil, unterteilt in kompakte Kapitel wie zum Beispiel „Lust“, „Flirten“, „Orgasmus“, „Und noch mehr Küsse“, „Oralsex“, aufgelockert mit endlich mal sinnvollen Tests zur Selbsteinschätzung, Dialogfenstern, poppigen Einschüben, kennzeichnenden Emojis, akzentuierten Textfeldern. So sind beispielsweise „nette Nebeneffekte der Selbstbefriedigung“: „Baut Spannungen und Ängste ab, verbessert Wohlbefinden und Laune, vermindert Menstruationsbeschwerden“. In der Rubrik „Lügenmärchen“ räumt Chusita mit Mythen auf, zu Penisgröße, Jungfräulichkeit, Traumprinzen und Idealbeziehungen, Homosexualität oder auch „beim Sex muss man laut schreien“: „Im Kino vielleicht. Ob jemand laut stöhnt oder schreit oder nicht, ist etwas, was sich von selbst ergibt“.

Chusita macht klar: Sex ist soviel mehr als Penetration. Sex soll sich gut anfühlen. Alles, was Lust bereitet und niemandem schadet ist okay. Sex ist bei jedem, mit jedem und jedes Mal anders. Und vor allem: „Fall nicht auf Pornos rein. Sex im realen Leben ist etwas völlig anderes als der, den du im Fernsehen und in Filmchen siehst, weil dort alles total übertrieben ist! Vergleich dich bloß nicht damit!“ Ebenso hilfreich und wissenswert ist, was man beim Sex bitte niemals tun sollte: „Über deine Fehler oder die deines Partners sprechen, ein Selfie machen, während man miteinander schläft, schmutzige Wörter mit Schimpfwörtern verwechseln.“ Chusita lässt nichts aus und nennt alles beim Namen: Vulva, Vagina, Klitoris, Penis, Eichel, Hoden, ohne Albernheiten und Euphemismen. Es ist auch immer nur einfach und quasi geschlechtsneutral vom „Partner“ die Rede, egal ob Mädchen und Junge, Mädchen und Mädchen, Junge und Junge. Das hat sich selbst der Verlag in seiner Ankündigung nicht getraut, wo von „***innen“ die Rede ist.

Und Ilona Einwohlt hat es geradezu kongenial ins Deutsche übersetzt, so dass es wirklich nie peinlich ist, sondern immer total interessant und spannend. Man kann der Autorin, bürgerlich Maria Jesus Carna Anton, nur zustimmen: Hätte man dieses Buch bloß schon als Teenie gehabt! Umso besser für diejenigen, die jetzt Teenies sind und „Dies ist kein Sexbuch“, so der Originaltitel, lesen können. „Kein Sexbuch“, weil es jedes Klischee umgeht, mutig und selbstbewusst macht – und einfach totalen Spaß bereitet, also wie Sex sein sollte.

So sehr Ilona Einwohlt als Übersetzerin brilliert, so wenig überzeugt sie als Autorin. Dabei ist die Ausgangssituation ihres Buchs für Leser ab elf Jahren Gucken verboten! Das (fast) geheime Aufklärungsbuch ganz reizvoll. Paul und Pia, beide elfeinhalb, sind allerbeste Freunde, obwohl Mädchen und Jungen das angeblich nicht sein können. Und sie können auch wirklich über alles reden, nicht so direkt … Paul kommt durch seine große Schwester auf die Idee eines gemeinsamen Tagebuchs, in das sie wechselseitig reinschreiben, über nervende Penis- und Brustgrößenvergleiche schimpfen, von ersten Masturbationsversuchen erzählen, über Pickel, Schamhaare und Geruch räsonieren, Kondome ausprobieren, ersten Samenerguss und erste Menstruation beschreiben, also alles, was Fast-Teenager zwangsläufig so beschäftigt in dem Alter. Katharina Vöhringers bunte Illustrationen zum Thema sind überwiegend sehr nett und witzig.

Aber sprachlich überzeugt dieser Dialog, eigentlich eine Art Briefroman, leider nicht. So reden und schreiben Jugendliche in dem Alter nicht, selbst, wenn sie mutig genug sind, sich so zu offenbaren. Besonders deutlich wird dies ziemlich am Anfang, als Pia versucht Paul zu erklären, was ein Orgasmus ist, nachdem sie es sich selbst angelesen hat in einem hinten im Bücherregal versteckten Buch eines Sexforschers: „Ich schreib es mal mit meinen Worten auf, wie ich es verstanden habe. Wenn zwei Menschen sich ganz dolle lieb haben …“ Bei „dolle“ hört es bei mir schon auf. Das sagen höchstens Kinder in den Elbvororten oder München Grünwald, und die heißen nicht Paul und Pia sondern Karl-Ludwig und Helene-Charlotte und selbst die meinen es ironisch! Wie charmant dagegen bei Chusita, anschaulich übersetzt von Einwohlt: „Woran du einen Orgasmus erkennst: Du bekommst ein unglaublich intensives Gefühl im Genitalbereich, alles zuckt und bebt … Atmung und Herzschlag werden schneller …“

Einwohlt kann sich in ihrem Aufklärungsbuch nicht entscheiden, ob es eher klassisch aufklärt, also vor allem über Sexualität im Allgemeinen, Entwicklung, Geschlechtsreife, Verhütung schreiben will, dazu passt auch die parallele Schwangerschaft von Pauls Au-pair Matilda und einige lehrbuchmäßige Darstellungen. Oder ob es eben ein Sexbuch sein soll, wo Fortpflanzung eher nebensächlich ist und es um alles das geht, was nicht im Anatomieatlas und Physiologiebuch steht. Wahrscheinlich weil Einwohlt fürchtet, ihr noch sehr junges Publikum zu überfordern und sie vor allem kritische und besorgte Eltern nicht vor den Kopf stoßen will, greift sie auch sprachlich daneben: Das inflationär verwendete Wort „Pimmel“ zum Beispiel klingt nur unreif und albern. Ein Highlight gibt’s trotzdem: „Kotzgurke“ kann man durchaus in den eigenen Wortschatz übernehmen. Insgesamt ist dieses Aufklärungsbuch zu textlastig geraten.

In Sex steht tatsächlich drin, „was du schon immer wissen wolltest“. In Einwohlts Aufklärungsbuch leider nicht, dafür von einigem Uninteressantem und nicht wirklich Neuem eindeutig zu viel.

Chusita Fashion Fever: Sex – was du schon immer wissen wolltest, Übersetzung: Ilona Einwohlt, cjb, 2018, 160 Seiten, ab 14, 15 Euro

Ilona Einwohlt: Gucken verboten! Das (fast) geheime Aufklärungsbuch, Illustrationen: Katharina Vöhringer ()Sauerländer, 2017, 120 Seiten, ab 11, 15 Euro

Mal offline ist auch ganz nett

Kinderbücher über Smartphone, Internet und so können eine ziemlich öde und eindimensionale Angelegenheit werden. Wenn sie nämlich die modernen Medien pauschal verteufeln und stattdessen ein längst vergangenes, eigentlich nie wirklich existierendes Bullerbü-Kinderglück propagieren. Und damit in die Kerbe Manfred Spitzers schlagen, der polemisch polternde Prediger und Psychiater, der Computer plus Kinder und Jugendliche mit „Sucht“ gleichsetzt, von „Zivilisationskrankheit“ raunt und Volksverdummung sowie eine komplett depressive, vereinsamte und abgestumpfte Generation junger Menschen prophezeit.

Umso erfrischender sind Marc-Uwe Klings Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat und der neue Band aus der Sachbuchreihe Carlotta, Henri und das Leben: Mama ist offline und nix geht mehr. Beide Bücher kommen ohne mahnenden Zeigefinger aus, machen dafür einiges bewusst. Wobei auffällt, dass Frauen in diesen wirklich gelungenen Geschichten für die jüngsten Digital Natives anscheinend eine größere Internetaffinität haben.

Die Mama der Zwillinge Henri und Carlotta ist „echt cool. Sie hat über achthundert Freunde auf Facebook, ist in mindestens siebenunddreißig WhatsApp-Gruppen, schaut alle halbe Stunde, was auf Twitter passiert, skypt mit ihren Freundinnen und seit neuestem hat sie sogar Snapchat.“ Und natürlich hat sie immer das neueste Smartphone. In ihrem Job als Graphikerin läuft alles digital, sie ist auf permanenten Zugang zum Internet angewiesen. Nur Papa ist eher der analoge Typ. Jetzt sind Ferien, Papa „hat sich extra freigenommen, damit alle etwas unternehmen können“, also Wellenreiten statt im Netz surfen, draußen neue Eindrücke gewinnen statt Bilder posten, Konzerte besuchen statt Spotify-Listen anhören …

Dann spielt Henris Ungeschick Papa in die Hände: Henri fällt Mamas Smartphone ins Klo, das Teil ist kaputt, Reparatur dauert eine Woche, Mama ist offline und nix geht mehr. Katastrophe! Selbst Papa leidet und ist sauer, weil die Kaffee-App streikt und nicht wie gewohnt morgens frisch gebrühtes Wachmachergetränk kredenzt. Dann wettet er mit seiner Familie: Werden Mama, Carlotta und Henri es eine Woche offline aushalten? Ohne E-Mail, Videos, Onlinespiele, Messanger-Gruppe … arrgghh!

Unprätentiös und entspannt erzählt die Autorin und studierte Kommunikationsdesignerin Anette Beckmann von den kurzen, unfreiwilligen Ferien vom Internet. Da sieht man die Welt mit anderen Augen, die Familie entdeckt ein altes Schloss mit Flohmarkt statt des anvisierten Badesees, Musik kommt aus dem Autoradio oder vom Plattenspieler (gut, wenn man seine Schallplatten noch hat, obwohl, wichtiger Hinweis, „können schnell verkratzen“). Und merkt nebenbei, wie sehr mittlerweile Smartphones das Leben bestimmen, wenn zum Beispiel in der Pizzeria alle Gäste, egal welchen Alters, autistisch auf ihr Gerät starren, statt sich zu unterhalten. Oder die eigentlich coole, 15-jährige Cousine Ida zu Besuch kommt und total schlecht gelaunt ist, weil ein peinliches Foto von ihr gepostet worden ist. So lernt man, dass „Privates und Internet nicht zusammenpassen, weil alles auf ewig gespeichert wird und Dinge, die du heute lustig findest, in fünf Jahren vielleicht nicht mehr so lustig findest …“ Eine sehr charmante Geschichte mit absolut wissenswerten Erklärungen über ebenso selbstverständlich wie ahnungslos verwendete Begriffe, knappen Sachtexten sowie klugen Tipps zum gewinnbringenden Umgang mit digitalen Medien. Marion Goedelt hat sie cartoonesk mit vielen witzigen Details und lebhaften Einsprengseln illustriert, man hat fast einen richtigen Trickfilm vor Augen, soviel Bewegung ist in den Bildern.

Eine ganz unerwartete Dynamik bekommt auch der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat. Eine Doppelklick zu viel, und es hat sich was mit chatten, streamen und so. Die Großeltern sind da, weil Ferien sind und die Eltern arbeiten müssen. Jetzt hat aber Tiffany, die jüngste der drei Geschwister ein ganz schlechtes Gewissen, weil sie doch auf Oma aufpassen sollte und dann zerstört die das weltweite Netz. Die älteren Geschwister Max, der liegend chattet und ballert, und Luisa, Punkerin mit grünen Haaren, die sich laut ihres Vater in „einer politischen Phase“ befindet, können zwar kaum glauben, dass ausgerechnet ihre Großmutter alles lahm gelegt haben soll. Aber als der Pizzabote bei ihnen strandet, weil sein Navi nicht funktioniert, die Eltern früher, auf Umwegen, nach Hause kommen, weil arbeiten nicht mehr möglich ist, und sogar die alte E-Gitarre vom Dachboden wieder zur Geltung kommt, ist das auch egal.

Gewohnt ironisch und mit sanftem, politischem Witz inszeniert der Känguru-Chroniken-Autor ein freundliches, eintägiges, aber durchaus wiederholenswertes Chaos. Bei der Gelegenheit erklärt zum Beispiel Max der kleinen Schwester, was das Internet ist. „Kacknazis“, Kapitalismuskritik, Punkmusik und Teletext kommen auch kindgerecht zur Sprache, bunt und leicht karikaturesk bebildert von Astrid Henn. Und der mehrfach wiederholte Doppelklick ist wie eine augenzwinkernde Hommage an den Klassiker „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt: „klick, klick“. So ein Tag offline hat durchaus seinen Reiz.

Marc-Uwe Kling, Astrid Henn (Illustrationen): Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat, Carlsen 2018, 72 Seiten, ab 6, 12 Euro

Anette Beckmann, Marion Goedelt (Illustrationen): Carlotta, Henri und das Leben – Mama ist offline und nix geht mehr, Tulipan 2018, 64 Seiten, ab 7, 15 Euro

Echte Hingucker

„Wenn ich aufwache, ist das immer so – erst höre ich die Möwen, dann höre ich, wie ein Hund bellt, auf der Straße fährt ein Auto vorbei, jemand knallt hinter sich eine Tür zu und ruft lauf: „Guten Morgen!“ Eine Stadt am Meer, eine Kindheit am Meer.

Joanne Schwartz erzählt vom Leben im kanadischen Cape Breton. Bis in die 50er Jahre wurde hier unter dem Meer nach Kohle geschürft. Das Meer ist immer präsent, es glitzert und funkelt in der Sonne, mal ist es ganz ruhig, mal haben die Wellen weiße Kronen, es ist das erste, was der Junge nach dem Aufwachen sieht und das letzte, wenn seine Familie abends zusammen auf der Terrasse sitzt. „Die Luft riecht nach Salz. Ich kann es auf der Zunge schmecken.“

Ebenso wichtig ist das, was tief unter dem Meer passiert, dort, wo die Männer und Väter in den niedrigen Kohleflözen schuften. Während oben die Tage mit Schaukeln, Rumstromern, Einkaufen in hellem Licht unter weitem Himmel vergehen, verbringen die Bergleute sie in der Dunkelheit. In atemberaubend schönen, doppelseitigen Panoramabildern zeigt Sydney Smith die Stadt in lichten Farben, das weite, glitzernde Meer, die Menschen mit schwarzem Tuschestrich konturiert, zart koloriert und mit entspannten Mienen. Gelassenheit, Wärme, ruhige Lebensfreude strahlen diese Bilder aus. Dazwischen schneidet er immer wieder Seiten in dichtem Schwarz, auf denen nur ganz unten am Rand gebückt Männer mit Bohrer und Hacke den Stollen vorantreiben: „Und tief drunten unter dem Meer gräbt mein Vater nach Kohle.“

Der Großvater war ebenfalls Bergmann, der Junge besucht ihn auf dem Friedhof: „Wenn ich mal tot bin, will ich einen Blick aufs Meer haben! Ich habe lange genug unter Tage geschuftet.“ Das ist absurd und rührend und sagt sehr viel über die Menschen, deren Leben vom Meer und vom Bergbau bestimmt wird. Der Vater kommt müde und in schwarzen Staub gehüllt abends nach Hause, und der Junge weiß: „Eines Tages bin ich an der Reihe.“
Anfang des 20. Jahrhunderts noch mussten Jungen schon mit neun oder zehn Jahren einfahren und zwölf Stunden tief unter der Erde harte, gefährliche Arbeit leisten. Wahrscheinlich bleibt dem Jungen in der in den 50er Jahren spielenden Geschichte dieses Schicksal erspart. Aber für viele Millionen Kinder weltweit ist Kinderarbeit noch heute bittere Realität, ihre Kindheit endet abrupt in Minen, vor Brennöfen, in Steinbrüchen und Fabriken.

Auch das schwingt in Stadt am Meer mit, tut der Schönheit dieses bezaubernden Bilderbuchs aber keinen Abbruch. Gute Geschichten gründen tief und eine dunkle Seite schwingt immer mit.

Um einen besonderen Beruf, genauer: die Kündigung eines Jobs, geht’s auch in Monsta. Puscheliger Kopffüßler mit großem Maul, und riesigen Glubschaugen, das ist Harald, das Monster. Und es hat die Faxen dicke. Es wird nämlich gar nicht beachtet: Geduldig hat es gewartet, bis das von ihm auserwählte Kind alt genug war, um sich anständig gruseln zu können. Es hat trainiert, „Monsterblicke geübt (kann jetzt 47!), gegrimmt (laut), gegrummt, … einen Turm gebaut so hoch wie deine Wand, und ich bin gesprungen, einfach auf dich drauf.“

Und es passierte … Nichts! Das Kind ist „unreparierbar“, schläft jede Nacht tief und fest, grinst sogar manchmal im Traum und kommt auch in genau jenem absolut nicht auf die Idee, dass ein Monster in seinem Zimmer wohnt und nur für ihn speziell eine Supergruselshow abziehen will.

Dita Zipfel erzählt die klassische Geschichte vom Monster unterm Bett total neu und frisch. Bis dato wollen diverse Bücher Kindern die Angst nehmen, indem sie wahlweise die Existenz der Schauerlichen leugnen und logische Erklärungen für angenagte Bettpfosten und verschwundenes Spielzeug bieten. Oder die Unwesen aus der Dunkelheit ins Licht holen und dann ganz harmlos erscheinen lassen.
Dieses Bilderbuch jedoch ist aus der Perspektive des ungeahnten Mitbewohners gestaltet, als Brief. Darin schreibt sich Monsta den Frust von der Seele, überhaupt nicht beachtet zu werden. Von soviel Respektlosigkeit muss sich der fleißige Nachtarbeiter nun erholen, danach will er in der Geisterbahn anheuern, „da werden welche wie ich noch gebraucht“.
Mateo Dineen malt dazu leicht disneyeske, trotzdem ungeheuer liebenswerte Bilder. Auch auf die Gefahr hin, dass das jetzt doch das eine oder andere Kind um den Schlaf bringt, die Idee ist einfach monstermäßig famos: Schöner gruseln, man weiß nie, was man verpasst. Und ein bisschen Anerkennung für hart schuftende Grusler.

Etwas verpasst hätte auch fast das Kind in Beatrice Alemagnas Ein großer Tag, an dem fast nichts passierte. Es fängt allerdings nicht besonders vielversprechend an: „Da waren wir wieder, im selben Ferienhäuschen, im selben Wald, mit demselben Regen“, Mutter sitzt jeden Tag vorm Rechner und schreibt, Vater ist nicht mitgekommen, was bleibt dem Kind anderes übrig, als nichts zu tun, „nichts, außer Marsmännchen töten“ in der virtuellen Welt.
Als Mama ihm „dieses Ding“, unschwer als typische, tragbare Spielkonsole, früher Gameboy, erkennbar, wegnehmen will, schlüpft das bebrillte Kind in seine warnwestenorange Jacke und geht raus. Es kommt wie es kommen muss, nach kurzer Zeit fällt das elektronische Spielzeug ins Wasser – und nach kurzem Frust beginnt das Kind die Umgebung zu erkunden.

Das ist jetzt ein bisschen klischeehaft, weil ein Kind durchaus daddeln und ebenso viel und gern draußen spielen kann. Die Verteufelung elektronischer Spielgeräte finde ich unzeitgemäß und albern, dazu demnächst mehr. Und bei Regen, ohne Freunde kostet es schon einige Überwindung hinauszugehen.

Diese etwas gewollte Ausgangssituation wird aber wett gemacht von den wirklich entzückenden und berauschenden Bildern vom Wald, von Steinen und Tümpeln, Baumkronen und Büschen, Sonnenstrahlen, die durch die Wolken fallen, winzigen Lebewesen, unterirdischen Schätzen und sonderbaren Dingen im Boden.

Man spürt förmlich die Feuchtigkeit, riecht das nasse Laub, das rutschige Moos und die Pilze, hört das gurgelnde Wasser und fühlt die glitschigen Schnecken, die glatten Steine, die Regentropfen auf der Zunge. In reizvollem Kontrast zu den warmen, erdigen und grünblauen Tönen der Aquarellbilder mit teils radierungsartigen Strukturen steht die knallfarbene Regenjacke, in der das Kind durch die wirkliche Welt springt. Es ist ein „magischer, unglaublicher Tag voller Nichts“. Wie in Mark Janssens Nichts passiert entzündet auch dieses Bilderbuch ein optisches Feuerwerk, visuell passiert hier unglaublich viel.
Das sind Bilderbücher im besten Sinne.

Joanne Schwartz: Stadt am Meer, Übersetzung: Bernadette Ott, Illustrationen: Sydney Smith, Aladin 2018, 52 Seiten, ab 5, 18 Euro

Dita Zipfel: Monsta, Illustrationen: Mateo Dineen, Tulipan 2018, 48 Seiten, ab 4, 15 Euro

Beatrice Alemagna: Ein großer Tag, an dem fast nichts passierte, Übersetzung: Anja Kootz, Beltz & Gelberg 2018, 46 Seiten, ab 5, 14,95 Euro

Von wegen ausgestorben

Oje, ein Buch! Das werden wir bei LETTERATUREN schon von Berufung wegen nicht sagen – im Gegenteil. Dieses Bilderbuch mit ebenjenem Seufzer als Titel, ein Meta-Bilderbuch sozusagen, evoziert meinerseits Jubelschreie, so gut und besonders ist es. Und das obwohl oder gerade weil es ein klassisches Bilderbuch ist, 32 Seiten zwischen zwei farbigen, stabilen Deckeln, die Geschichte beginnt sofort nach dem Aufschlagen auf dem Vorsatzpapier und endet auch erst direkt, bevor man es nur noch zuklappen kann. Es ist ein Spiel mit den alten und neuen Medien und dem Umgang damit – und mit dem Medium Buch im Speziellen. Erdacht hat es sich der fabelhafte, immer wieder überraschende Schweizer Erzähler Lorenz Pauli, der vor allem für Werke gemeinsam mit der brillanten Illustratorin Kathrin Schärer bekannt ist, wie Pippilothek???, Rigo und Rosa oder jüngst Böse, eine vermeintlich nett daherkommende Tiergeschichte, die jedoch wie ein Schlag ins Gesicht ist und einen desillusioniert, aber umso klarsichtiger zu sich kommen lässt.

Diesmal hat Pauli sich mit Miriam Zedelius zusammengetan, die einen ganz anderen, wesentlich reduzierteren, aber nicht weniger raffinierteren Stil pflegt. Der passt in seiner nur auf den ersten Blick kindlichen, tatsächlich aber sehr ausgereiften Art perfekt zur Geschichte von Juri, der ein Bilderbuch geschenkt bekommt. Frau Asperilla soll es ihm vorgelesen. Weil diese aber nur noch an elektronische Geräte wie Tablets und Smartphones gewöhnt ist, muss Juri ihr (fast ungläubig, dass die Erwachsene so absolut keine Ahnung hat) erklären, wie ein Buch funktioniert, wie man es liest und so die Geschichte darin erfährt: Ein Buch „erzählt sich nicht“, wie Frau Asperilla es interessanterweise nennt und man muss es auch nicht anschalten, sondern fängt einfach oben links an vorzulesen und dann „umblättern, nicht wischen“. Allein dieser Hinweis ist schon entzückend. Auch kann man nicht durch charakteristische Spreizbewegungen zwischen Daumen und Zeigefinger einen Bildausschnitt vergrößern und ranzoomen. Und schon gar nicht kann man einfach so wegzappen. Natürlich könnte man aufhören zu lesen. Aber weil gute Bücher (und diese Geschichte und die Geschichte in der Geschichte) Leser und Zuhörer schnell in ihren Bann schlagen, will man wissen, wie es weitergeht, auch wenn es gruselig wird. Oder höchst unwahrscheinlich:

„HAPP!, machte die Maus und fraß das Monster.
Frau Asperilla ruft ins Buch hinein »Das geht doch gar nicht!«
Juri zuckt bloß mit den Schultern: »Doch, doch. Im Buch geht das.«
Frau Asperilla will wissen: »Findest du das denn gut so?«
»Das kommt darauf an, von welcher Seite man es anschaut …«

Besser als der neugierige, kluge und aufmerksame Zuhörer und Bilderbuchankucker Juri kann man den Reiz, das Faszinierende und Essenzielle von Büchern nicht beschreiben.

„Oh, ein Buch!“, dachte ich neulich erfreut. Dabei türmen sich bei mir zu Hause überall Bücherstapel. Aber selten finde ich dazwischen ein Kinderbuch, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es habe. Wilder Wurm entlaufen von Veronica Cossanteli ist mir vor einiger Zeit beim sinnlosen Versuch aufzuräumen in die Hände gefallen, und endlich habe ich es gelesen; die gebundene Ausgabe ist nämlich schon 2014 erschienen, jetzt ist es als hübsches Taschenbuch zu haben.

Dieses Buch ist grandios. Das sage ich jetzt nicht nur wegen der wirklich sehr fantasievollen Geschichte von wunderlichen mythischen oder eigentlich ausgestorbenen Tieren. Oder wegen der höchst sympathischen, charmant-schnodderigen jungen Helden sowie den durchweg bis in die kleinste Nebenrolle sehr lebendigen Charakteren. Oder der abwechslungsreichen Erzählung, in der sehr wahrhaftige Situationen wie folgende die Handlung vorantreiben: „In Filmen oder Büchern muss man nie im falschen Moment aufs Klo. Nur im wirklichen Leben.“

Darüber hinaus ist es von Ilse Rothfuss exzellent übersetzt und zwar wegen eines besonderen Kniffs. Es gelingt ihr, die Wortspiele, vor allem mit vielsagenden Namen, raffiniert ins Deutsche zu übersetzen, indem sie das englische Original stehen lässt, es aber im nächsten Satz wieder aufgreift und erklärt: So lernt der Leser, dass man wahrscheinlich nicht unbedingt mit Intelligenz glänzen muss, um den Job von Numpty Numbskull zu übernehmen, weil das Blödi Blödmann heißt. Und erschrickt, wenn einem die unheimliche Stiefmutter zur Begrüßung ein „die!“, also „stirb!“ entgegenschleudert, aber sich angeblich nur mit der Kurzform ihres Vornamens Diamond vorstellt.

Dieses Buch entlarvt die menschliche Arroganz gegenüber anderen Lebewesen und deren Bedürfnissen und dem nachvollziehbaren Wunsch, überleben zu wollen. Geschichte ist nämlich immer die der Sieger oder in diesem Fall die derjenigen, die andere vernichtet und ausgerottet haben. Für Außenseiter und Andersartige, Fremde und Exoten ist kein Platz auf dieser Welt. Der geheimnisvolle Junge Lo bringt es angesichts der aufgebrachten Kleinstadtbevölkerung auf den Punkt: „Ich kann es direkt riechen, die Wut und die Angst, den ganzen Hass. Der Mob hier ist gefährlicher als jeder Drache oder Basilisk. Die Welt verändert sich, aber die Menschen nicht. Es hört nie auf.“

„The Extincts“, die Ausgestorbenen, heißt das Buch im Original, beim Titel hat die Übersetzerin wahrscheinlich nicht mitreden dürfen. Aber von wegen: Drachen, Greife, Auerochsen, Schwanzbeißer, Dodos, Fischsaurier und Einhörner sind in dieser fantastischen Erzählung sehr lebendig und genauso wenig ausgestorben wie das Medium Buch. Und wir werden immer wieder beglückt rufen: „O ja, ein Buch!“

Lorenz Pauli: Oje, ein Buch!, Illustration: Miriam Zedelius, atlantis, 2018, 32 Seiten, ab 4, 14,95 Euro

Veronica Cossanteli: Wilder Wurm entlaufen, Übersetzung: Ilse Rothfuss, Carlsen, 2018, 288 Seiten,  ab 9, 7,99 Euro

Seele aufgefressen

Dass man mal was vergisst, kann passieren: den Herd auszustellen, die Klarsichtfolie von den Käsescheiben abzupulen, bevor man die Brote damit belegt oder Katzenfutter kauft, obwohl man nur noch einen Hund hat. Jeder vergisst mal was, auch der siebenjährige Foster vergisst, sein Handtuch aufzuhängen oder das Buch rechtzeitig zurückzuzbringen.

Aber dann fällt Foster bei seinem Vater etwas auf, was den wahren Schrecken der Krankheit Demenz ausmacht: sein Vater, der phantastische Geschichtenerfinder, verändert sich. Anfangs findet Foster es noch lustig, wenn sein Vater abends geschäftliche Telefonate mit seiner melodiösen Erzählerstimme führt. Und nicht wie sonst mit der seriösen, tieferen „Anzugstimme“, die „wie die Rüstung eines Ritters ist“. Aber obwohl er auch früher nicht den Sinn der Finanzberatungen verstanden hat, begreift er schnell, dass sein Vater beginnt, unverständlichen Quatsch zu reden, der die Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung irritiert. „Und er war einfach nicht darauf vorbereitet, wie sehr die Veränderung eines anderen Menschen all das, was er so sicher zu wissen und zu kennen glaubte, infrage stellen konnte.“

Die australische Autorin Dianne Touchell hat mit Forster vergessen eines der ehrlichsten und besten Bücher über die tückische Krankheit Demenz geschrieben, eine Krankheit, die mit zunehmender Lebenserwartung der Menschen und Überalterung der Gesellschaft zu einem gravierenden Problem wird. Und obwohl „vergessen“ im Titel steht und Vergesslichkeit als das Hauptsymptom gilt, beschreibt Touchell schonungslos, wie das anfangs „ein bisschen tüddelig sein“ den Kranken verändert und schließlich zerstört.

Man kann es Wesen, Persönlichkeit oder Seele nennen: Ein Mensch ist die Summe seiner Erlebnisse und Erinnerungen, seiner Taten und Gedanken, seiner Gefühle, Ängste und Wünsche. Und wenn das alles verschwindet, weil Nervenzellen und die Verknüpfungen zwischen ihnen zugrunde gehen, dann wird er ein anderer, in den seltensten Fällen besserer oder sympathischerer Mensch – im Gegenteil. Erwachsene wollen nicht wahr haben, dass dieser Mensch schließlich nichts mehr mit der Person zu tun hat, die man geliebt, der man vertraut hat. Foster aber erkennt diese Veränderungen. Noch ist dem Jungen aber nicht klar, dass diese Wesensmutationen unumkehrbar sind, der Beginn einer grausamen Reise ins Nichts, die totale Finsternis.

Seine Mutter kann damit überhaupt nicht umgehen, seit ihrem schweren Unfall vor einigen Jahren, Wochen im Koma und gezeichnet von einer halbseitigen Gesichtslähmung, verdrängt sie zunächst die nicht zu übersehenden ersten Anzeichen, dann die Schwere der Erkrankung ihres noch relativ jungen Mannes. Vor lauter eigenen Sorgen und Kummer lässt sie ihren Sohn allein mit seinen Sorgen, sagt, dass „er sich darüber nicht den Kopf zerbrechen soll“, was eher ein schlechter Witz, entsprungen aus schierer Hilflosigkeit, ist.

Foster ist ein sehr guter, sensibler Beobachter und Dianne Touchell beschreibt seine Empfindungen bildgewaltig und eindringlich: „Als Mum Foster nach der Schule abholte, wollte er sie fragen, ob das mit dem Verrücktwerden stimmte. Aber er ließ es dann doch lieber. Mum hatte einen ganz speziellen Ausdruck in ihrem Mienen-Repertoire, der ihr Gesicht zumachte wie eine Tür. Es war ihre Sprich-mich-nicht-an-Miene.“ Später lernt er, „auf leise Art traurig zu sein. Vorher war seine Traurigkeit etwas Lautes gewesen. Zu atmen, während gleichzeitig Schleim und und Tränen liefen, hatte Lärm gemacht. Aber in letzter Zeit konnte er weinen, ohne dass die Tränen überhaupt herausquollen.“

Der Siebenjährige erlebt, wie sein witziger, kluger, lebenszugewandter und patenter Papa zu einem Fremden wird, der den Familienhund auf die Straße scheucht, weil er ihn für einen Streuner hält; der im Eifersuchtswahn die Mutter schlägt und schließlich sein eigenes Spiegelbild angreift und zerschlägt, weil er sich selbst nicht erkennt.

Fosters Mutter verleugnet bis zur Selbstaufgabe. Wie so viele, die ihre dementen Angehörigen zu pflegen versuchen, kann sie sich nicht eingestehen, dass sie ihren einst geliebten Mann, ihren Beschützer, den optimistischen Fels in der Brandung und nicht zuletzt Hauptverdiener nicht mehr findet und immer wütender auf ihn wird, ihn vielleicht sogar schon hasst.

Demenz frisst die Seele des Menschen: Der rudimentäre Rest der vertrauten Person ist nur noch getrieben von Misstrauen, Wut, Gewalt, reduziert auf Instinkte, essen, schlafen, kacken, wobei Schlaf wegen der extremen inneren Unruhe immer seltener und schwieriger wird. Gegen diese Untoten hätte ich gern den Zombiefresser, der in meinem vorherigen Beitrag in den Koffer gepackt wurde. Demenz ist der pure Horror.

Unvermittelt bricht der ganze Zorn und die ganze Verzweiflung aus Fosters Mama in einem einzigen Laut heraus, einem lauten, kurzen Bellen. Nur ihre mit einem bodenständigen Galgenhumor ausgerüstete Schwägerin, Fosters Tante Linda, kann sie schließlich vor ihrem, man muss es so deutlich sagen, irrem Märtyrertum retten und professionelle Hilfe holen, geschulte Pfleger, die sich unvoreingenommen um den Kranken kümmern und sich selbst emotional schützen können. Helfer und Betreuer, die allen Beteiligten Pausen von der beklemmenden Familiensituation ermöglichen. Endlich erkennt auch jemand Fosters Elend und hört ihm zu.

Und Foster ist in der Lage, die winzigen, nur selten aufflackernden Lebenszeichen seines früheren, geliebten Papas zu erkennen und diese Momente festzuhalten: „Eine Gewohnheit ging nicht immer ihren gewohnten Gang.“ So gelingt es ihm, seinem Vater einen Rest Würde zu geben. Dad wird Foster vergessen, aber Foster wird sich noch lange an seinen geliebten, verlässlichen, phantastischen Vater erinnern.

Dianne Touchell: Foster vergessen, Übersetzung: Birgit Schmitz, Königskinder, 256 Seiten, ab 14, 16,99 Euro

Einpacken, einstecken, aufdecken

Es gibt Spiele die sind zeitlos gut, so das klassische Ich packe meinen Koffer. Die Autorin Regina Schwarz hat mit der Illustratorin Julia Dürr daraus ein sehr hübsches Bilderbuch gestaltet, das zusammen mit der kostenlos herunterladbaren App vor allem als Anregung zu verstehen ist. „Komm wir wollen Urlaub machen und packen alle Siebensachen …“ und schon geht es los. Was Erwachsene und Eltern meistens eher als anstrengend und lästig empfinden, steigert bei Kindern die Vorfreude auf die Ferien. Besonders wenn nicht unbedingt Vernünftiges in den Koffer wandert, sondern Sachen, deren Einsatz Spaß verheißt, unter anderem Picknickgabeln, Luftmatratze und Leuchtraketen.

Das wird aber, hübsch bunt und collageartig bebildert, den kindlichen Zuhörern nicht einfach so vor den Latz geknallt, sondern als zu erratender Reim. So lässt sich einiges anderes ins Gepäck hineinfantasieren: Warum nicht eine Picknickparabel und eine aufblasbare Fratze einpacken? Auf jeden Fall würde ich mit dem schönen, roten Taschenmesser auch einen Zombiefresser mitnehmen, den kann man immer brauchen (obwohl ich vor anderen lebenden Untoten sehr viel mehr Angst habe, aber das kommt beim nächsten Mal). Natürlich ist der Koffer viel zu klein, und Julia Dürrs lustiges und lebendiges Sammelsurium ergießt sich explosionsartig über mehrere Seiten … auf ein Neues! Ich packe meinen Koffer …

Der freundliche Herr Hoi hat in Pardon Bonbons auch mit Kindern zu tun, die etwas einstecken. Ihm gehört ein kleines Geschäft für Süßigkeiten, wo sich regelmäßig ein paar Kinder Bonbons nehmen, ohne zu bezahlen. Die junge Illustratorin Malin Neumann (1995 geboren) hat zu Marjaleena Lembckes Erzählung teils schwelgerische, doppelseitige Bilder gemalt, mit ungewöhnlichen Perspektiven. Dabei setzt sie nicht auf Bonbonfarben, sondern nimmt ein schönes gedecktes Blau als Grundton, der dem Ganzen etwas Gelassenes und zeitlos Elegantes gibt. Der aus Thailand stammende Herr Hoi glaubt einfach unerschütterlich an das Gute im Menschen. Er ist ein glücklicher Mensch, egal ob eine Kundin ihn ermahnt, „aufzupassen, dass die Kinder Ihnen nicht auf der Nase herumtanzen“ und sein Sohn sich über die Großzügigkeit des Vaters ärgert. „Pardon Bonbons“ sind seine Spezialität und die haben es in sich. Zwar wirbt der Bohem Verlag für das besondere Bilderbuch mit der Erkenntnis, „dass es nie zu spät ist, Entschuldigung zu sagen“, vor allem aber erzählt es von einer Lebenseinstellung, von der wir uns alle mehr als nur ein Stückchen einstecken sollten.

Zeitlose Wahrheiten entdeckt auch Emilia im Geheimnis der gelben Tapete. Andrea Schomburg erzählt in der Tulipan-Reihe Kleiner Roman, erneut sympathisch illustriert von Dorothee Mahnkopf, in zwei Zeitebenen von Freundschaft, Gruppendynamik und Außenseitern. Anscheinend hat es schon immer diese Typen oder – wie hier – biestige Mädchen gegeben, die als cool gelten und andere manipulieren können – bis man in den meisten Fällen merkt, dass es nur langweilige, oberflächliche Hohlbirnen sind.

Das ist harmlos und flott erzählt, ein bisschen im leicht betulichen Stil von Kinderbüchern aus den 50er Jahren, in denen das Geheimnis angesiedelt ist. Eindrückliche Sprachbilder wie in ihrer Erzählung Lisa und das Fluff findet Schomburg diesmal nicht. Doch abgesehen von der klugen Erkenntnis über das Wesen wahrer Freundschaft ist dieser Band Anlass für Erstleser, andere Kleine Romane zu entdecken.

Regina Schwarz: Ich packe meinen Koffer, Illustration: Julia Dürr, Tulipan, 2018, 36 Seiten, ab 4,18 Euro

Marjaleena Lembcke: Pardon Bonbons, Illustration: Malin Neumann, Bohem 2017, 42 Seiten, ab 3, 16,95 Euro

Andrea Schomburg, : Das Geheimnis der gelben Tapete, Illustration: Dorothee Mahnkopf, Tulipan, 2017, 64 Seiten, ab 7, 10 Euro

Glück mit vier Pfoten

Vor kurzem habe ich über einen Wunderhund gemeckert, die schneeweiße Retrieverhündin Alaska in Anna Woltz’ gleichnamigen Roman, weil mir das Tier doch etwas zu gut erschien, um wahr zu sein.

Jetzt kommen hier gleich zwei Hunde vor, und die sind alles andere als immer nur brav und duftend. Mein kleiner Hund Mister und Ein Hund namens Kominek sind zwei absolute Individuen und Charaktertypen, und genau das macht sie so sympathisch. Als Rudel brauchen beide nicht mehr als jeweils einen menschlichen Gefährten und von gehorsam unterordnen kann nicht die Rede sein. Eher auf der Nase rumtanzen und das ist bei Kominek fast wortwörtlich gemeint, doch dazu später mehr.

Mit dem struppigen Hund Mister und dem Erzähler fängt es denkbar zwiespältig und deshalb umso vielversprechender an: „Das ist keine so gute Idee“, sagt der Mann, als eines Tages ein kleiner Hund vor seiner Tür steht und sagt, er wolle bei ihm wohnen. Er habe einfach keine Zeit, er lasse sich nicht gern die Schnauze lecken, und einen Wachhund brauche er auch nicht. „Ich finde, nasse Hunde riechen grässlich“, kommt erschwerend dazu.

Aber der ungebetene Gast, von dem grandiosen Wolf Erlbruch hinreißend lebendig und ausdrucksstark gezeichnet, ist hartnäckig. Und so wird der Mann ein Herrchen wider willen, wobei selbst Herrchen schon viel zu viel vermeintliche Dominanz vorgaukelt. Vor allem ist er Unterhalter, Begleiter und Verfütterer von Leberwurstbroten an seinen haarigen Freund, den er trotz aller Frechheiten schon bald nicht mehr missen möchte.

Der Eingangsszene folgen viele tierisch gute Geschichten, die der Mann dem Hund Mister erzählt, moderne Fabeln und „Menschengeschichten“, wie Mister klug betont, weil sie so sind, wie Menschen glauben, dass Tiere denken und sich verhalten würden. Mister betreibt auf diese Art interessante anthropologische Studien, denen die Leser und Zuhörer durch seine gewitzten Einwände und Nachfragen folgen dürfen.

Der dänische Autor Thomas Winding, geboren 1932 (und 2008 gestorben) schreibt ungeheuer modern, von Gabriele Haefs ebenso frisch und klar übersetzt, allein seine Neuinterpretation des Märchens vom „Fischer un sin Fru“ als Portrait einer glücklichen Ehe lohnt das Buch. Oder die „Geschichte über Hühner im Wohnzimmer“, die von einem in sehr bedrängten Verhältnissen lebenden Mann handelt, der einfach nur mal seine Ruhe möchte und Rat beim Nachbarn sucht. „Es war einmal ein Mann, der allen Grund zum Jammern hatte.“ „Ja, wer hat das nicht“, kommentiert Mister. Nach einigen Tagen wundert er sich zwar über die „bekloppten Ratschläge und fragt sich, ob der Gute den Verstand verloren hat. Und doch gibt es eine überraschende Lösung und ein glückliches Ende.

Glücklich ist auch Mister mit seinem selbstgewählten Zuhause und Gefährten. Aber das war nicht immer so: Beim Anblick eines Spazierstocks reagiert das sonst so selbstbewusste Wesen sehr verstört und verängstigt – weil er als junger Hund gequält und fast totgeprügelt worden ist. Der geprügelte Hund steckt für immer in ihm drin.

Geprügelt wurde der kleine, schwarze Mischling Kominek nicht. Anfangs lebt er glücklich mit dem alten Autoschrauber Tadeusz auf einem Schrottplatz am Rande eines Dorfs am Fuß der Karparten. „Und so soll es für immer bleiben. Aber nichts im Leben ist für immer.“ Tadeusz stirbt. Das ist der traurige und spannende Beginn seiner Freundschaft mit Janusz, dem Klarinette spielenden Briefträger. Auch diese Beziehung beginnt unter widrigen Bedingungen. Und es dauert einige Zeit, bis der verwaiste Vierbeiner Vertrauen fasst und sich schließlich wieder „schnudelwohl“ in seinem Fell fühlt – er ist eine Mischung aus Schnauzer und Pudel.

Die Geschichte von Kominek und Janusz ist auch eine Liebeserklärung an das Land Polen und seine freundlichen Bewohner: 2017 erhielt die in Berlin Kreuzberg lebende Antje Bones ein Künstlerstipendium der Villa Decius in Krakau, das hat sie offensichtlich nachhaltig beeindruckt. Auch der Stadt huldigt sie: „In Warschau spielt die Politik, in Krakau der Jazz“, weiß Janusz und schwärmt von den unzähligen Clubs, die er selbst nur aus Erzählungen kennt. Jazz war schon immer die Musik freier Geister. Für Janusz und Kominek wird es das Tor in die weite Welt und in die Heimat des Jazz, nach Amerika (wobei die USA und geistige Freiheit unter Präsident Trump eher ein Oxymoron sind, aber in Kinderbüchern sei diese Analogie verziehen)

Wahrscheinlich hat der kleine Hund Mister recht und es sind letztlich keine Tiergeschichten, sondern wieder Menschengeschichten. Sie erzählen von unbedingter Freiheitsliebe, vom Respekt für das Individuum und vom großen Glück, das eigentlich ganz einfach ist: ein seelenverwandtes Wesen, genug zu Essen, ein Leben in Freiheit, ohne Angst. Glücklich macht Rumtoben, durch die Gegend stromern, in Dreck wälzen, schubbern, eine schöne Melodie oder ein unverhoffter Sommerferientag am Elbstrand mitten im April.

Natürlich kann ich als Katzenliebhaberin den Hunden nicht ganz das Feld überlassen, und seien sie auch noch so liebenswerte Typen. Dass Katzen nicht nur ganz reizenden Wesen sind, sondern auch ausgesprochen nützlich sein können, zeigt das Bilderbuch Sechs Gründe für schwarze Katzen der Italienerin Francesca Cosanti.

Mit viel Witz und Humor versucht Lili ihrer Mutter die große Schar schwarzer Samtpfoten schmackhaft zu machen: Nicht nur „sehen sie schöner aus als Gartenzwerge“, sie lassen sich auch vielseitig als stilvolle Accessoires aus dem Schöner-Wohnen-Spektrum verwenden: Zum Beispiel als hübsche Sofakissen, Buchstützen und Kleiderbügel. Die flächigen, farbenfrohen Bilder sind eine Augenweide und sehr überzeugend. Obwohl Cosanti auf dem hinteren Vorsatzpapier zeigt, dass Katzen natürlich lebendige Tiere mit eigenen Köpfen und nicht nur dekorativ sind. Deshalb unbedingt Restexemplare diese schnurrigschönen Buchs von 2012 kaufen.

Thomas Winding: Mein kleiner Hund Mister, Übersetzung: Gabriele Haefs, Illustrationen: Wolf Erlbruch, dtv Reihe Hanser, 2018, 160 Seiten, ab 8, 10,95 Euro

Antje Bones: Ein Hund namens Kominek, Illustrationen: Jasmin Schäfer, Knesebeck, 2018, 128 Seiten, ab 6, 13 Euro

Francesca Cosanti: Sechs Gründe für schwarze Katzen, aracari, 2012, 32 Seiten, ab 4, gebraucht ab 5,50 Euro

Auf den Hund gekommen

Der denkbare schlechteste Start in der neuen Klasse: Die 13-jährige Parker lässt sich hinreißen, bellt aus Spaß bei der Kennenlernrunde„Jingle Bells“ – und bekommt prompt den Spitznamen „Barker“ verpasst. Sven, der schlechte Witze auf ihre Kosten macht, um cool zu wirken, gibt selbst plötzlich merkwürdige Geistergeräusche von sich. Und muss allen sagen, dass er Epilepsie hat. Zwei Freaks knallen aufeinander.

In der Nacht begegnen sie sich erneut und sind ganz anders: Parker ist keine Witzfigur, sondern eine faszinierende Einbrecherin. Eine, die das Vertrauen in die Menschen verloren hat und sich nach einem bestimmten Lebewesen sehnt. Und Sven kann mir ihr reden, über seine Krankheit, die vor einem Jahr plötzlich begann und seitdem sein Leben bestimmt. Über seine Angst vor dem nächsten Anfall. Über seine Hilflosigkeit. Zwei verletzte Seelen nähern sich behutsam einander.

Die Verbindung zwischen Parker und Sven, zwischen ihren knalligen Images tagsüber und ihren sensiblen Nachtseiten, ist ein Hund. Genauer gesagt: Jene titelgebende Alaska, eine schneeweiße Golden-Retriever-Hündin. Jenes geliebte Wesen, von dem Parker sich vor vier Monaten trennen musste, weil einer ihrer kleinen Brüder allergisch reagierte. Und die jetzt als sogenannter Assistenzhund bei Sven lebt, von ihm „das Tier“ und „haariges Monster“ genannt, weil ihre Anwesenheit ihn ständig an seine Krankheit erinnert.
„Und da musste der Hund weg?“, fragt Sven seine nächtliche Besucherin.
„Oder Joey“, sagte sie. „Aber meine Eltern wollten ihn behalten. Also musste Alaska weg.“ Und riss ein hundeförmiges Loch in das Herz des Mädchens, dessen Leben ein paar Wochen später erschüttert wird durch einen Raubüberfall auf das Fotogeschäft ihrer Eltern. Parker muss, versteckt hinter einem Vorhang, ohnmächtig miterleben, wie ihre Mutter geschlagen und ihr Vater niedergeschossen wird. Weil die Täter entkommen, ist die Angst seitdem auch ihr ständiger Begleiter.

Ausgedacht hat sich diese vielschichtigen Charaktere die niederländische Autorin Anna Woltz in ihrem nun vierten Roman. In einem Alter, in dem man ohnehin unsicher ist, auf der Suche nach einem Sinn und sich selbst, wenn ein banaler Pickel einen schon aus der Bahn wirft, kann eine unkontrollierbare, beherrschende Krankheit, die einen mit dem Kopf auf den Boden knallen und „sabbernd und mit Gehirnerschütterung“ aufwachen lässt, einem komplett den Boden unter den Füßen wegreißen. Ebenso der Verlust eines geliebten Tieres.

Woltz lässt Sven und Parker aus wechselnder Perspektive erzählen und entspinnt grandiose Dialoge zwischen ihnen. Verständlich, dass Woltz die Lieblingsautorin der Übersetzerin Andrea Kluitmann ist, die erfrischend und glaubwürdig aus dem Niederländischem übersetzt. Mal komisch, mit trockenem Humor und Selbstironie, mal behutsam, dann wieder von entwaffnender Direktheit: „Das will jeder. Etwas Großartiges machen, damit die ganze Schule sofort weiß, wer man ist. Aber klappt das auch? Natürlich nicht! Das liegt wirklich nicht an deiner Epilepsie“, flüstert Parker. „Was hast du erwartet? Dass du Harry Potter bist? Dass man schon seit Jahren auf dich gewartet hat? Dass du die ganze Welt rettest?“

Später blafft Sven Parker an: „Sieh dich um Barker. Alle haben Angst. Oder sie haben nur mal kurz keine Angst – das ist so ziemlich dasselbe. Alle wissen, dass die Welt verdorben ist. Aber warum darfst du mehr Angst haben als alle anderen? Warum darfst du ständig darüber jammern und wir müssen einfach weitermachen mit dem Leben?“

Das erinnert an eine grandiose Szene aus Ally McBeal, in der die Titelheldin gefragt wird, warum eigentlich ihre Probleme immer so wichtig seien. Und Ally antwortet: „Weil es MEINE Probleme sind!“ Wie Sven und Parker nicht nur mit ihrem eigenen Leben weitermachen, wie sie beide über ihren Schatten und dem anderen zur Seite springen, und schließlich mit großem Mut für den anderen da sind – das ist die packende und zum Hinschmelzen schöne Geschichte von Freundschaft und größter Zuneigung.

Zuletzt noch eine kleine Mäkelei: So hübsch die Hündin als treues Bindeglied auch ist, wirkt sie doch etwas zu gut, um wahr zu sein. Kein Zweifel, dass manche Tiere einen sich anbahnenden epileptischen Anfall spüren und rechtzeitig vor dem Fallen warnen können. Aber dass ein Hund wirklich nur aus Wohlgeruch, Wärme und Verantwortungsbewusstsein besteht, sodass auch Sven schließlich vom haarigen Monster ganz hin und weg ist, erscheint doch etwas zu viel des Guten. Trotz Wunderhund ist es aber wieder ein wunderbarer Roman.

Anna Woltz: Für immer Alaska, Übersetzung: Andrea Kluitmann, Carlsen, 2018, 176 Seiten, ab 10, 12 Euro

Nur mit Verstand sieht man gut

PrinzMeine erste Begegnung mit Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz war nicht in Buchform, sondern auf der Bühne, genauer gesagt als Marionettentheater. Den Fuchs, der gezähmt werden will, und den Biss der Schlange zum Schluss erinnere ich vage. Am lebhaftesten ist mir die kürzeste Textpassage in der Puppen- Darstellung in Erinnerung geblieben: Die des Säufers, dem der kleine Prinz auf seiner Rundreise über seine Nachbarplaneten begegnet. Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass er in der Inszenierung gesagt hat, er trinke, weil er traurig sei, und sei traurig, weil er trinke, der Originaltext „vergessen, dass ich mich schäme“ war mir nicht präsent. Das fand ich einleuchtend und die traurigen Gestalten dazu, sogenannte „Penner“, kannte ich vom Sehen aus der Altstadt und später nicht nur dort.

Das Originalbuch habe ich tatsächlich nie gelesen. Es wird leider immer auf das Zitat „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ reduziert. Und dieser furchtbar Paulo-Coelho-hafte Sinnspruch, tausendfach verewigt auf Kaffeetassen, Radiergummis und Postkarten, wirkte auf mich bisher abschreckend.

Jetzt hat Isabel Pin für den Karl Rauch Verlag, der die deutschen Rechte am Original hat, unter dem Titel Kinder, wenn Euch ein Kleiner Prinz begegnet … die Geschichte für Kinder im Vorschulalter neu erzählt. Die Illustrationen sind die originalen des Autors, der Text wurde auf etwa ein gutes Viertel reduziert. Nur auf dem roten Vorsatzpapier sind sehr hübsche, von Pin gezeichnete, Wüstenfuchsköpfe zu sehen. Jetzt kann man natürlich fragen, warum so junge Kinder unbedingt diesen Text vorgelesen bekommen müssen, aber das ist eine Frage, die sich für viele Leute, denen de Saint-Exupérys Büchlein heilig ist, offensichtlich nicht stellt. Man merkt, ich stehe dem Projekt insgesamt etwas skeptisch gegenüber, wie auch der zwanghaften Modernisierung von Klassikern sowie einem vermeintlichen Kanon, was Kinder lesen und kennen sollten, im allgemeinen.

Deshalb gleich gerade heraus: Die kindgerechte Aufbereitung ist teils gut, teils schlecht. Insgesamt sind die Kürzungen gelungen, besonders auf das letzte Fünftel des Originals, die doch sehr rührselig und unvermutet leicht schwadronierende Todesszene und abschließende Gedanken, kann man sehr gut verzichten. Einige Passagen lesen sich fokussierter und gewinnen dadurch. Man merkt, dass die Kinderbuchautorin und preisgekrönte Illustratorin Isabel Pin als Tochter einer Deutschen und eines Franzosen in beiden Sprachen zu Hause ist.

In ihrer Version macht sich ein Problem aber schon mit dem neuen Buchtitel bemerkbar: „Kinder, wenn Euch …“. Störend wird diese direkte Ansprache, auf der ersten Seite im Vorwort: „Passt bitte gut auf, Kinder, es fängt an …“ Dieses etwas plumpe Abholen zieht sich vom Tonfall durch Pins gesamten Text. Ein guter Freund  von mir reagiert zu Recht aggressiv, wenn man im Gespräch sagt: „Jetzt pass auf!“, impliziert es doch, dass er seinem Gegenüber bis dahin nicht wirklich zugehört hat.

Verloren hat eine Schlüsselszene, als der Fuchs dem Prinzen erklärt, was es heißt, ihn zu zähmen: „Zähmen“, sagte der Fuchs, „bedeutet jemanden kennenzulernen und sich an ihn zu gewöhnen.“ Im Original kommt ein sehr essenzielles Wort vor für das, was Zähmen, also Freundschaft, bedeutet: „Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache“, sagte der Fuchs. „Es bedeutet, sich vertraut machen.“ Vertrauen ist ein soviel stärkerer Begriff als kennenlernen.

Verloren gegangen ist auch Antoine de Saint-Exupérys lakonische Sprache, sein trockener Humor und seine Illusionslosigkeit ob der „großen Leute“. Dass Erwachsene alles nur in monetären Werten bemessen und Vorurteile ihre Wahrnehmung bestimmen (und die Entdeckung des Heimatplaneten des kleinen Prinzen ungehört bleibt, weil der türkische Astronom keinen westlichen Anzug trägt), geht in Pins Neuerzählung ebenfalls unter. Gestrichen ist auch eine starke Szene zum Schluss des Originals, in der es um die missglückte Kommunikation zwischen Kindern und Erwachsenen geht: Wenn für Kinder wichtige Fragen unbeantwortet bleiben, weil die Großen sich mit vermeintlich relevanteren Problemen rumschlagen und gedanklich woanders sind; wenn, wie so oft, die großen Fragen vom schnöden Alltag gefressen werden.

Der Kleine Prinz handelt von Freundschaft. Und davon zu verstehen, wie Erwachsene ticken, sich mit ihrer Welt zu arrangieren und trotzdem Phantasie und ideelle Werte zu bewahren. Gewonnen hat auf jeden Fall das Original von 1946, beziehungsweise in meinem Fall die zeitlos moderne Übersetzung von Grete und Josef Leitgeb für den Karl Rauch Verlag 1956. Ich habe entdeckt: Der kleine Prinz ist viel mehr als ein billiger Kalenderspruch.

Isabel Pin: Kinder, wenn Euch ein Kleiner Prinz begegnet …, Antoine de Saint-Exupérys Der Kleine Prinz erzählt für Kindern, mit Originalillustrationen des Autors, Karl Rauch Verlag, 2018, 64 Seiten, 3 bis 6, 12 Euro