Im Angesicht Agathes

Es ist schon etwas Besonderes, wenn die Heldin eines Kinderbuches gut 80 Jahre alt ist. Zwar gibt es mal eine uralte Großmutter. Die kann dann aber auch mehr als ein bisschen tüdelig sein, um Kindern das komplizierte Thema Demenz zu erklären. Die betagte Agathe aber krabbelt im neuen Kinderbuch der vielfach ausgezeichneten Antje Damm munter herum. Sie ist nämlich, wie der Untertitel verrät, eine Schildkröte.
Agathe. Papas Schildkröte und ich ist Autobiografie, Sachbuch und Familiengeschichte in einem. Antje Damm ist diese Kombination hervorragend gelungen. Die lange Entstehungszeit hat sich auf jeden Fall gelohnt. Die griechische Landschildkröte war schon lange da, bevor Antje Damm im Jahr 1965 geboren wurde. Ihr Vater, einst ein Tiere und Natur liebender Junge, hat sie mit einem genialen Trick in sein Leben, das seiner Tochter und deren Töchter, seinen Enkelkindern, gebracht.

Keine Haustiere!

Allein das ist schon eine Geschichte wert. Seine Mutter, Antje Damms Großmutter, war nämlich strikt gegen ein Haustier: »1. Haustiere machen Dreck. 2. Sie stinken. 3. Sie fressen einem die Haare vom Kopf. 4.Sie machen Krach. 5. Sie brauchen Platz. 6. Und sie machen soviel Arbeit!« zeigt Damm ihre Großmutter zeternd. »Aber meinem Papa war das egal!«, schreibt sie in großen Buchstaben auf der gegenüberliegenden Seite über einen kleinen und sehr entschlossen blickenden Jungen.

Geschenk zum Muttertag

In der Tierhandlung kauft er eine Schildkröte. Ein Tier, das jedes Argument aufs Schönste widerlegt. Und schenkt es seiner Mutter liebevoll verpackt zum Muttertag. Damals war Agathe noch so groß wie ein Fünfmarkstück, was als alte, ausgeschnittene Fotos, in Originalgröße nebeneinander gelegt, sehr niedlich aussieht. Für heutige Kinder in Euro, oder eher bargeldlosen Zeiten: das entspricht knapp drei Zentimeter Durchmesser. Und so stakste Agathe in die Herzen von mehreren Generationen. »Sie ist ungefähr 20 cm lang, wunderschön und klug und sehr still«, schreibt Damm.

Inspiration für ein vielfältiges Gesamtkunstwerk

»Ohne sie hätte ich nicht begonnen, Kinderbücher zu schreiben, denn durch die Geschichten, die ich mit ihr erlebt habe, entstand mein allererstes Bilderbuch. Es wurde allerdings nicht gedruckt«, erzählt die studierte Architektin Antje Damm zu Anfang. Gut, dass sie sich nicht hat entmutigen lassen. Und umso schöner, dass jetzt derjenigen, die Inspiration und Ursprung eines vielfältigen und grandiosen Gesamtkunstwerks ist, ein eigenes Buch gewidmet wird.

Comic, Schautafeln, Grundrisse

Auch in diesem Buch verwendet Damm verschiedene, sehr individuelle Gestaltungstechniken und für sie typische Illustrationsstile. Es gibt comicartig gezeichnete Episoden und Kindheitserinnerungen, lustige, traurige und auch peinliche. Dazwischen sieht man auf detailierten Schautafeln, was Agathe am liebsten isst. Oder wie technisch ausgereift ihr Schutzhaus im Garten mittlerweile ausgestattet ist. Oder der spezielle Kühlschrank, in dem Agathe überwintert. Hier kommt Damms ursprünglicher Beruf als Architektin ebenso zur Geltung wie im Grundriss des Hauses und der Nachbargrundstücke, als die Familie mit Agathe aus der Stadtwohnung auf Land zieht.

Mettigel und Toast Hawai

Zahlreiche Fotos aus dem Familienalbum zeigen Agathe unterschütterlich im Wandel der Zeit. Collagen mit kulinarischen Modeerscheinungen wie Mettigel und Toast Hawai oder der ikonische VW Käfer, bunte 70er-Jahre Kinderklamotten, in Versuchung führende Barbiepuppen und mit Glanzbildchen verzierte Schulaufsätze – Agathe hat alles gesehen. Sich selbst dagegen hat sie oft unsichtbar gemacht, die abendliche Suche nach ihr im Garten war ein regelmäßiges Familienritual. Einmal war sie richtig ausgebüxt und über acht Wochen verschwunden.

Zehen hat sie zum Fressen gern

Es gibt zahlreiche Anekdoten mit Agathe, etwa warum die Familie in Antje Damms Kindheit nur einmal in den Ferien weggefahren ist und fortan den Sommer entspannt zu Hause im Garten verbrachte. Oder Agathes mit Fotos belegte Freundschaft mit einer Taube. Antje Damm erzählt lustig und ungeheuer liebevoll von dem stillen Familienmitglied. Auch von deren Macken: »Wenn es warm ist, ist sie immer auf der Suche nach etwas zu fressen, und wenn man in ihre Nähe kommt, untersucht sie sofort die Füße. Das ist auch das einzige, wo sie drankommt. Wenn man im Sommer barfuß geht, muss man wirklich aufpassen, dass sie einen nicht in den Zeh beißt. Sie liebt Zehen über alles und keiner weiß, warum.«

Wirklich kein Haustier

Mann wünscht sich, dass Agathe noch viele Sommer in Zehen beißt. Allerdings ist mit gut 80 Jahren die Lebenserwartung selbst für griechische Landschildkröten mittlerweile erreicht. Und wenn Kinder jetzt von einer eigenen Schildkröte träumen, so mahnt Antje Damm auf der letzten Seite: »Schildkröten sind wunderbare Tiere und am allerbesten geht es ihnen in ihrem ursprünglichen Lebensraum und nicht in der Gefangenschaft als Haustier.« Das Vergnügen an dieser wunderbaren Lebensgeschichte mit einer entzückenden Heldin mindert das keineswegs.

Antje Damm: Agathe. Papas Schildkröte und ich, Moritz Verlag, 2026, 72 Seiten, 18 Euro, ab 6 Jahre

Protest ist Kunst

Ist das Kunst, oder kann das weg? Das ist ein dummer Spruch von Leuten, die sich damit über etwas lustig machen, das sie nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Kunst ist nämlich nach der Meinung solcher Ignoranten nur etwas Dekoratives, möglichst naturalistisch, gern idyllisch. Also eher Kunsthandwerk.
Kunst dagegen bewegt, regt an nachzudenken und motiviert, Missstände in Frage zu stellen. Und im besten Fall bringt sie Menschen auf die Straße! Und ändert die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Guten. Die US-amerikanische Sozialarbeiterin und Kunstpädagogin De Nichols erklärt mitreißend, wie Kunst als Protest funktioniert. Und dass Protest an sich schon eine Form von Kunst ist. Gleich fünf verschiedene Illustratorinnen und Graphikdesigner aus den USA, Rumänien, Großbritannien und Chile haben dieses Buch vielfältig, farbintensiv und unwiderstehlich ansprechend gestaltet.

Mehr als demonstrieren

Die Initialzündung für De Nichols als Aktivistin war der 9. August 2014. An dem Tag hatte ein Polizist einen Jungen erschossen. »Er war durch das Wohnviertel seiner Großmutter geschlendert. Der Name des Teenagers war Michael Brown. Viereinhalb Stunden lang lag Michael auf der Straße, während Nachrichtensender berichteten und sich ringsum bestürzte Nachbar:innen versammelten. In den folgenden Tagen gingen in Michaels Heimatstadt Ferguson, Missouri, Hunderte auf die Straße. Nachdem auch ich täglich – und bald jede Nacht – demonstriert hatte, verspürte ich das Bedürfnis, noch mehr zu tun.«

Gesicht und Stimme geben

Zunächst gründete Nichols, die zu der Zeit als Erzieherin im örtlichen Museum für moderne Kunst arbeitete, die Onlineplattform Connected for Justice, über die Spenden an soziale Einrichtungen vor Ort verteilt wurden. Mit einem Fotografen veröffentlichte sie Portraits von Protestierenden und machte ihre Geschichten bekannt. Das ist der Zweck von Protestkunst: Menschen, die ungehört bleiben, eine Stimme zu geben. Sie mit ihren Wünschen und Problemen sichtbar machen. Und klar, einfach und unmissverständlich ihr Anliegen zu äußern.

Spiegelsarg

»Von all unseren Aktionen ist der Spiegelsarg am bekanntesten geworden. Das Projekt entstand aus einer Reihe von Träumen, die ich nach meinen ersten Demo-Nächten hatte. Jedes Mal kamen darin Männer vor, die einen Sarg aus Spiegeln trugen. Das Bild ging mir nicht mehr aus dem Kopf.« Sie bauten einen solchen Sarg und trugen ihn von der Straße, in der Michael erschossen wurde, zum Polizeirevier. Danach wurde der Spiegelsarg bei weiteren Demonstrationen eingesetzt und im ganzen Bundesstaat Missouri ausgestellt. Mittlerweile hat das Nationalmuseum für afroamerikanische Geschichte und Kultur in Washington D. C. den Spiegelsarg erworben.

Kunst für die Straße

In diesem Werk der Protestkunst vereinen sich wesentliche Eigenschaften sozialer Bewegungen: Es wurde nicht ursprünglich für ein Museum oder Kunstsammler hergestellt, sondern für die Straße. Es informiert. Es macht Botschaften sichtbar. Es reflektiert. Der Sarg macht Trauer, erfahrene Gewalt und in diesem Fall die Polizeiwillkür plastisch und eindringlich deutlich. Das Kunstwerk prangert Zustände an.

Remix aus Vorhandenem

»Ein Hauptanliegen von Protestkunst ist die Auflehnung gegen bestehende Gesellschaftsnormen und Regeln. Mit ihren Werken drücken Künstler:innen wie Elizabeth Vega, Ai Weiwei, Banksy und viele andere ihren Widerstand aus. Oft greifen sie auf vorhandenes Material und Kulturgut zurück und arrangieren es neu. Zum Beispiel remixen sie Werbebotschaften, Denkmäler und Bauwerke, Nachrichten oder politische Slogans, um auf Heucheleien, überholte Werte und andere Missstände hinzuweisen«, erklärt Nichols. Künstler:innen und Aktivist:innen okkupieren Insignien der Macht, verfremden sie geschickt – und entlarven so Strukturen der Unterdrückung und Ungerechtigkeit.

Tänze und Regenschirme

Dabei ist Protestkunst nicht neu: Anfang des 19. Jahrhunderts erschütterte Francisco de Goyas Zyklus Die Schrecken des Krieges, Diego Riveras erzählte in riesigen Wandgemälden Mexikos Geschichte, 1929 wehrten sich Frauen in Nigeria mit Tänzen und Gesängen gegen die britische Kolonialherrschaft, Dada-Künstler wendeten sich gegen Kriegstreiberei. De Nichols stellt Symbole von Protesten vor, zum Beispiel gefaltete Papierkraniche, Regenschirme, geballte Fäuste oder die Regenbogenflagge.

Farben und Typografien

Farben spielen ebenfalls besondere Rollen: Das Orange der Revolution in Kiew. Rot war die Farbe die Nelkenrevolution in Portugal. Blau stand für die Indigo-Unruhen in Indien. Auch Lila, Grün, Pink, Schwarz und Weiß haben gesellschaftliche und kulturelle Bedeutungen und prägen bestimmte Protestbewegungen. Sogar für unterschiedliche Typografien gibt es eine Doppelseite in diesem appellativem Sachbuch und Ratgeber: Es macht einen Unterschied, ob man gelehrt und elegant wirkende oder moderne und schnörkellose Schriften verwendet. Auch Groß- oder Kleinschreibung oder in Versalien (nur in Großbuchstaben) verändert die Wahrnehmung des Geschriebenen.
Dazwischen finden sich immer wieder motivierende Seiten mit praktischen Tipps, wie man selbst Protestkunst schaffen kann. Das reicht von einfachen Schildern, Bannern und Plakaten über Playlists mit Protestsongs, Logos und Flashmobs bis zu Memes, Videos und Zeitschriften, sogenannten Protest-Zines.

Bewegendes und inspirierendes Kunstwerk

Bunte und detailierte Collagen, Scherenschnitte, Siebdruck, Graffiti und Stencils, Fotografien. Auf der nächsten Seite Comicelemente, Bilder in knalligen Farben und scharf konturierte Schwarzweiß-Grafiken im Wechsel. Dazu eingestreute Zitate, im Spiel mit verschieden Schriftarten und Größen, auf farbigem Untergrund oder großzügigem Weißraum – so unterschiedlich die fünf Illustrator:innen sind, so heterogen sind ihre Gestaltungsmethoden und Umsetzung der vielfältigen Aspekte. Sie alle machen Auf die Straße! zum inspirierenden und ermutigendem Protestkunstwerk.

Bei der nächsten Demonstration gegen Rassismus oder Sexismus, für Gleichberechtigung oder Umweltschutz mit kreativen Plakaten, mitreißenden Slogans und überraschenden Aktionen ist das Motto: Das ist Kunst! Und DAS (wahlweise einsetzen: digitale Gewalt, Rechtsextremismus, SUVs, also super unnütze Verkehrswendehindernisse, etc.) muss weg!

De Nichols: Auf die Straße! – Kunst als Protest, Illus: Diana Dagadita, Saddo, Olivia Twist, Molly Mendoza, Diego Becas, Übersetzung: Leena Flegler, Gerstenberg, 2026, 80 Seiten, 22 Euro, ab 13

Aber wir lebten

Was ist mir Bolt?«. Das fragt der 16-jährige Felix nach einer langen, schlaflosen und schweigenden, sprachlosen Nacht. Nachdem ihm die Polizei mitgeteilt hat, dass seine Eltern und seine jüngere Schwester bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Bolt ist der Hund seiner Schwester, von ihr heißgeliebt, von Felix bislang spöttisch ignoriert. Er war im Kofferraum. Jetzt ist dieser kompakte, triefäugige Bulldoggenmix neben Felix das einzige überlebende Familienmitglied.
Das ist die krasse, erschütternde und absolut schreckliche Ausgangssituation von Franziska Hörners erstem Jugendroman … und mir bleibt der hässliche Hund. Bolt wird zu Felix ständigem Begleiter. Hund und Junge gelingt es gemeinsam, ins Leben zurückzufinden.

»Ich sprach nicht viel Hund«

Anfangs liegt Felix nur in seinem Bett, niedergedrückt von einem gewaltigen Schmerz. »Der erste Moment, in dem ich gespürt hatte, so richtig tief in meinem Innern gespürt hatte, dass mit mir nun etwas anders war, war etwa zwei Wochen nach dem Unfall gewesen. Es war um die Mittagszeit gewesen und ich hatte bereits diverse Löcher erst in meine Zimmerdecke und dann in den Wohnzimmerteppich gestarrt. Irgendwann war mir Bolts Gebettel aufgefallen und es muss schon viel bedeuten, dass er es geschafft hatte, sich in mein Bewusstsein zu drängen, denn das war zu dem Zeitpunkt ein wirklich weit entfernter Ort. Er musste aufs Klo. Zumindest ging ich davon aus. Ich sprach nicht viel Hund.«

»Ihr Hund hat Depressionen«

Draußen, in einem nahegelegenen Park, erleidet Felix seine erste Panikattacke. Franziska Hörner beschreibt sie unmittelbar, packend und klischeefrei. »Meine Angst machte mir Angst«, fasst Felix diese irrationale Reaktion zusammen. »Was meine Aktivitäten anging, so war es bei dem einen Ausflug in den Park geblieben. Irgendwann, nachdem ich mehrere Wochen so zugebracht hatte, schaute ich auf den Hund, der da neben meinem Bett lag und blieb mit den Augen hängen. Irgendetwas stimmte nicht. Er war noch genauso hässlich wie immer, Fledermausohren, der Überbiss, bei dem die untere Zahnreihe hervorblitzte, der kleine unproportionale Körper. Aber etwas war anders.« Bolt hat abgenommen, das Fell hängt schlaff um ihn rum und wirkt stumpf. Er wirkt apathisch. Felix rafft sich auf, versucht, dem Tier verschiedenes Futter und Leckereien anzubieten. Doch egal, was Felix auch versucht, Bolt frisst nicht. »Ich glaube, Ihr Hund hat Depressionen«, lautet die Diagnose einer Tierärztin.

Auf dem Longboard

Mit diesem tragikomischen Dreh bringt Franziska Hörner, studierte Biologin und Elefantenforscherin, die Geschichte ins Rollen, auch buchstäblich. Felix sucht Hilfe, für Bolt und für sich. Und landet in einer psychotherapeutischen Praxis bei Frau Rose. Bolt immer an seiner Seite. Oder bald schon vor seiner Nase. Weil Bolt auf seinen kurzen Beinen schnell aus der Puste kommt, kramt Felix sein Longboard hervor, setzt den Hund vorn drauf und so fahren sie durch die Gegend.

Mo bringt es mit einem Wort auf den Punkt

Im Wartezimmer begegnet Felix Mo. Mo ist mit seiner Mutter und seinen Geschwistern aus Syrien nach Deutschland geflohen. Über seine traumatischen Erlebnisse redet Mo nicht. Doch auch er leidet unter Panikattacken. Und er kann nicht mehr schlafen. Stattdessen liest er viel. Sein eigenes Trauma kaschiert Mo  scharfzüngig mit sarkastischem Humor und flapsigen Sprüchen. Gegenüber Felix bringt er dessen Situation wohltuend klar auf den Punkt: »›Scheiße‹, sage Mo. Nur das. Mehr nicht. Ich schaute ihn überrascht an. In seinem Blick lag kein Schock, keine Betroffenheit. Nicht dieses schmerzliche Mitleid, and das ich mich schon so gewöhnt hatte. Bloß ein Verständnis dafür, wie es war. Nämlich scheiße.«

Sehnsucht nach Leichtigkeit

Zu den beiden Jungen gesellt sich noch Marie, die zunächst Bolts Charme erliegt. Marie scheint alles leicht zu nehmen und hadert nicht mit Zumutungen. Genau diese Leichtigkeit hätte Felix auch gern. Zwischen den beiden bahnt sich eine erste, zarte Liebe an.
Mo, Marie, die Therapeutin Frau Rose, seine Tante Becca und ihr Freund Phil, das sind die Menschen, die Felix helfen, ins Leben zurückzukehren.

Schmerz ist nicht relativ

Psychotherapie spielt in diesem Roman und beim Heilungsprozess eine nicht unwesentliche Rolle, und zwar in der Person der absolut professionell ebenso empathischen wie motivierenden Frau Rose: »›Felix, was dir passiert ist, entspricht nicht dem normalen Maß an menschlichem Leid, das uns widerfahren kann. Du hast deine ganze Familie auf einen Schlag verloren. Das ist schlimm‹, sagte sie nachdrücklich. ›Aber ganz unabhängig davon sollte man seine Erfahrungen und die daraus entstehenden Emotionen nicht mit denen anderer vergleichen. Emotionen sind nicht relativ. Schmerz ist nicht relativ. Also kannst du auch nicht sagen, dass du zu stark empfindest und kein Recht auf deine Gefühle hast, weil anderen, wie du es formulierst, schlimmere Dinge passiert sind‹«.

Warmherziger Witz und schräger Humor

Franziska Hörner, die beim Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 in der Sonderkategorie Neue Talente nominiert ist, erzählt von ungeheuer tiefen Gefühlen, von Schmerz, Verlust, Angst, und von Freundschaft und Liebe, berührend und einfühlsam, ohne sentimental zu werden. Das liegt auch an dem warmherzigen Witz und schrägem Humor, der immer wieder aufblitzt. Etwa wenn Felix als Neuling im Umgang mit Hund das merkwürdige Verhalten anderer beobachtet: »Ich ließ Bolts Halsband los, damit die zwei Hunde sich ausführlich gegenseitig am Hintern beschnuppern konnten. Hunde waren so komisch. Die Frau und ich standen daneben und sahen ihnen dabei zu. Hundebesitzer waren mindestens ebenso komisch. Nichts war vergleichbar mit dem einträchtigen Schweigen, wenn zwei Hundebesitzer ihren Hunden beim Spielen zusehen.«
Und den spritzigen Dialogen, zum Beispiel als Mo und Felix sich gegenseitig aufzählen, was ihnen Angst macht: »›An lauten Baustellen vorbeigehen‹, ›Sirenen‹, ›Das Zimmer meiner Schwester betreten‹, ›Männer in Uniform‹, ›Ohne Bolt wohin gehen.‹ Mo blickte mit hochgezogenen Augenbrauen auf den Hund, den ich noch auf Arm hatte und dann zu mir. ›Und ich dachte, ich hätte Probleme‹, sagte er.«

»Wir waren Glückskinder«

… und mir bleibt der hässliche Hund ist eine herzergreifende und komische Geschichte vom Erwachsenwerden, brillant geschrieben, klug und witzig beschrieben. Franziska Hörners Debüt besticht und berührt in seiner Wahrhaftigkeit und Intensität: Es erzählt von ungeheurer Trauer, Schmerz und existenziellem Verlust. Und enthält doch so viel Liebe. Es ist eine Freude, diese jungen Menschen und den besonderen Hund kennenzulernen und einen Sommer lang zu begleiten. »Es war noch nicht gut, auch noch nicht wie früher. Das würde es wohl auch nie wieder werden. Aber wir lebten. Darauf kam es an. Mo und ich, wir waren Glückskinder.«

Franziska Hörner: … und mir bleibt der hässliche Hund, Thienemann, 2026, 256 Seiten, 14 Euro, ab 13 Jahre

Nur eine Menschheit

Papa, was ist Rassismus? Wenn man auch nur einen Moment nachdenkt, merkt man, dass diese Frage, die Merjem ihrem Vater Tahar Ben Jelloun stellte, weder naiv, geschweige denn leicht zu beantworten ist.
1998 veröffentlichte der marokkanisch-französische Autor Ben Jelloun unter dem sprechenden Titel Le racisme expliqué à ma fille ein kleines Buch, in dem er die anfangs gestellte Frage seiner Tochter klar und verständlich beantwortet. Es wurde von vielen Kindern und Jugendlichen gelesen und zum Bestseller. Jetzt haben die Illustratorin Hélène Le Cam und die Autorin und Dokumentarfilmerin Marzena Sowa den Text als bewegenden und erhellenden Comic adaptiert.

Dialog in Bewegung

Wir begleiten Vater und Tochter bei ihrem Gespräch, das durch viele kluge und aufmerksame Nachfragen des Mädchens das Thema Rassismus in allen seinen Facetten ausleuchtet. Ein raffinierter Kniff Le Cams in ihrem ersten Comic ist es, dass die beiden fast immer unterwegs sind, spazieren gehen, auf dem Heimweg, kreuz und quer durch die Stadt und im Park, in Bus und Métro, Richtung Fußballstadion oder zu einer Demonstration gegen neue Einwanderungsgesetze. Man sieht sie in Alltagssituationen, beim Tee trinken, Kochen, Einkaufen, Eis essen. Die Szene sind durchgängig und vollständig koloriert, überwiegend in warmen, sympathischen Farben, viel Gelb und Hellrot.

Schritt für Schritt angehen

Schritt für Schritt folgt man Vater und Tochter und geht Teilaspekte des allgegenwärtigen und komplexen Phänomens aus verschiedenen Richtungen an. Es beginnt mit dem Ursprung von Rassismus, einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber allem Fremden bei vielen Menschen. Alles, was sie nicht kennen und was ihnen nicht vertraut ist, macht diesen Leuten Angst. Das können unbekannte Rituale, fremde Speisen, andere Glaubensrichtungen sein, ungewöhnliche Kleidung und vor allem, das, was darunter ist, die Hautfarbe.

Wissenschaftlich widerlegt

Unterschiedliche Hautfarben haben auch zur irrigen, wissenschaftlich von der Humangenetik längst widerlegten Theorie geführt, es gebe unterschiedliche Rassen. Was jedoch immer wieder von Menschen, vor allem im globalen Norden und mit heller Hautfarbe als Begründung genommen wurde, sich anderen gegenüber überlegen zu fühlen. Und Andere in der Folge zu unterwerfen, auszubeuten, zu quälen und zu vernichten.

Kolonialismus und Sklaverei

Diese Logik ist für jeden denkenden und fühlenden Menschen nicht nachvollziehbar und absurd. Und doch ist sie für sehr viele Menschen alltägliche grausame Realität. Sie leiden unter politisch instrumentalisiertem und systematischem Rassismus in Form von Kolonialismus, Sklaverei, Vertreibung, organisierter Vernichtung und Massenmord.

Permanente Pöbeleien und Diskriminierungen

Auch hierzulande werden nur selten rassistische Übergriffe bekannt und sogar juristisch als solche zweifelsfrei definiert und verurteilt. So wie kürzlich, als der Kinderwagen einer schwarzen Frau wegen des unbegründeten und falschen Verdachts auf Diebstahl durchwühlt wurde. Oder als vor einigen Jahren eine afrodeutsche Familie als einzige während einer Zugfahrt ohne Anlass einer Ausweiskontrolle unterzogen wurde. Für viele Mitmenschen sind permanente Pöbeleien, übergriffige und verletzende Fragen, Diskriminierungen in Schule, Beruf und bei Behörden bis hin zu offener Gewalt Alltag.

Verallgemeinerung und Unwissenheit

»Ein Rassist ist jemand, der einen Einzelfall verallgemeinert«, erklärt der Vater, »wenn er von einem Araber bestohlen wird, wird er daraus schließen, dass alle Araber Diebe sind. Er verurteilt nicht den Dieb, sondern den Araber.« Verallgemeinerung, Xenophobie, also die Angst vor allem Fremden, Klischees, religiöse Verblendung, Unwissenheit, auch fehlende Bildung und das diffuse Gefühl von Benachteiligung sind Ursachen für Rassismus.

Dummheit ausgenutzt

Nun kann man sagen, diese Leute sind einfach nur dumm und zu blöd nachzudenken. Was so lange egal wäre, solange ihre Dummheit nicht anderen Menschen schadet. Und nicht in Hass und Gewalt umschlägt. Wenn aber diese Dummheit von Extremisten, sei es politischen Parteien oder religiösen Führern ausgenutzt wird, um ihre eigenen Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen, wird es gefährlich. Der Vater macht immer wieder durch alltagsnahe Situationen und Beispiele Rassismus anschaulich; etwa wenn Kinder mit dunkler Hautfarbe generell schlechter benotet, schwarze Fußballspieler im Stadion beleidigt werden, oder Frauen ihre Handtasche angesichts People of Colour umklammern.

Von Antisemitismus bis Ziviler Ungehorsam

Dazwischen streut Hélène Le Cam schlichte und sehr eingängige Infografiken, mal aus verschieden intensiv gefärbten Punkten, mal aus Quadraten und Dreiecken in unterschiedlichen Relationen, wie ganz reduzierte Smileys mit mal ernsten, traurigen oder auch grimmigen Gesichtern. Abgerundet wird der Comic durch ein Glossar von A wie Antisemitismus und AfD bis Z wie Ziviler Ungehorsam.
Sehr beeindruckend ist auch, wie Marzena Sowa Ben Jellouns exzellenten Originaltext in einen kongenialen Dialog umwandelt, in dem das ganz und gar nicht banale Thema Rassismus grundlegend und in allen Aspekten angegangen und beleuchtet wird.

Sich selbst in Frage stellen

Was am Ende zu Merjems Frage führt: »Kann man Rassisten nicht heilen?« Was auch rührend ist, weil das Mädchen, obwohl sie mittlerweile alle furchtbaren Auswüchse von Rassismus und Antisemitismus kennengelernt hat, immer noch an das Gute in allen Menschen zu glauben scheint. »Ihre Heilung hängt von ihnen selbst ab. Davon, ob sie in der Lage sind, sich selbst in Frage zu stellen«, antwortet ihr Vater. Also selbst zu beobachten, anstatt Vorurteile zu übernehmen. Das eigene Misstrauen zu hinterfragen. Letztlich geht es um Respekt gegenüber jedem einzelnen Menschen. Wie immer gilt: Denken hilft. »Es gibt nur eine Menschheit« lautet schlicht und ergreifend der wahre und wunderbare Schusssatz.

Papa, was ist Rassismus? ist nicht nur ein ungeheuer wichtiges und brillant gemachtes Sachcomic und Essay. Es ist auch ein leuchtendes Vorbild, um komplizierte Themen klug und eingängig zu erklären. Und der Dummheit Paroli zu bieten.

Tahar Ben Jelloun, Hélène Le Cam, Marzena Sowa: Papa, was ist Rassismus?, Übersetzung: Edmund Jacoby, Jacoby & Stuart, 2026, 128 Seiten, 16 Euro, ab 12 Jahre

Schnurren statt schlucken

Herr Ernst kauft eine Katze ist der vielversprechende Titel dieses Bilderbuchs. Nach den ersten Seiten fragt man sich aber selbst als Katzenliebhaberin, warum? Was soll jemand wie dieser Herr Ernst mit einer Katze? »Es war einmal ein vielbeschäftigter Herr, der sich immer nur damit befasste, was er für nützlich und notwendig hielt.«
Mit wenigen pointierten Worten charakterisiert die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Roksana Jędrzejewska-Wróbel diesen Herrn Ernst. Man beachte bereits in diesem ersten Satz das kleine, von Dorota Stroińska raffiniert aus dem weichen Polnischen ins nüchterne Deutsch übersetzte Wörtchen nur.

Was soll ein so rationaler Mann mit einer Katze?

»Er würde nie seine Zeit mit albernen Spielereien verschwenden, wie kitzeln, im Kreis drehen, auf einem Bein hüpfen, Grimassen schneiden, an frisch gemähtem Gras riechen oder anderen Dingen, die Spaß machen, aber völlig unnütz sind.«
Natürlich liebt dieser sehr ernste Herr Ernst Zahlen, Grafiken und Tabellen. Er plant mit dem größten Vergnügen seine Tage. Überraschungen dagegen mag er überhaupt nicht. Also, was soll so ein rationaler und dröger Mann mit einer Katze?
Vielleicht erinnert der von Adam Pękalski gestaltete Mann mit dem sprechenden Namen nicht von ungefähr an Friedrich Merz: Ein asketischer Typ in Pullunder und Krawatte, mit Hornbrille und wenig verbliebenem Haar über dem Scheitel; ein Mensch, dessen Lebensinhalt Effizienz, Ordnung, Routine und Leistung sind. Hauptsache alles ist nützlich und notwendig, was man tut oder auch isst, egal ob es schmeckt.

Außerordentlich nützlich und etwas nervös

Dass dieses Leben doch nicht ganz so toll ist, wie Herr Ernst glaubt, merkt man an den Medikamenten, die er nimmt, um sich zu beruhigen. »Denn Menschen, die sich wie unser vielbeschäftigter Herr ununterbrochen nur mit sehr wichtigen und außerordentlich nützlichen Sachen beschäftigen, sind oft etwas nervös.« Das ist sprachlich ebenso schön wie treffend auf den Punkt gebracht. Angesichts ihrer reizvollen Figur und spannender, erzählerischer Wendungen erkennt man, dass Roksana Jędrzejewska-Wróbel auch eine ausgezeichnete Theater- und Drehbuchautorin ist.

Bilder von Piet Mondrian an der Wand

Adam Pękalskis Illustrationen dazu sind auf den ersten Blick stilvollendet und klar. Doch verstecken sich etliche subtile und witzige Anspielungen darin, die sie auch für erwachsende Betrachterinnen und Betrachter zu einer Augenweide machen. Und das bereits ab dem Vorsatzpapier, einer Charakterstudie in wenigen Gegenständen. Auch die Bilder an den Wänden in Herrn Ernsts Wohnung sprechen Bände. Die sind nämlich im Stil Piet Mondrians: Klare, gerade Linien und Gitterstrukturen in den Komplementärfarben Rot, Blau, Gelb. Die geordneten Gemälde scheinen wie die Faust aufs Auge zu passen.

Billiger als rosarote Beruhigungstabletten

Dann kommt die Katze ins Spiel: Im Radio hört Herr Ernst, als er gerade seine Tabletten schlucken will, »dass es sehr gesund sei, eine Katze zu haben, denn ihr Schnurren wirke beruhigend und besänftigend auf den Menschen.« Also überlegt Herr Ernst aus rein pragmatischen Gründen – Medikamente kosten Geld und schlagen auf den Magen – sich eine Katze zuzulegen. Selbst als er zunächst schon für die Grundausstattung für das Entspannungsmittel auf vier Pfoten ziemlich viel ausgegeben hat, rechnet er sich aus, dass er langfristig spart, Geld und Magengeschwüre, »viel billiger als ein Jahresvorrat seiner rosaroten Beruhigungstabletten.«

Kater kaputt

Herr Ernst kauft einen eleganten Siamkater. Doch trotz genügend Futters, frischem Wasser, regelmäßig gesäubertem Klo, Vitaminen und Spielzeug schnurrt der Kater nicht. Der Kater ist offensichtlich kaputt. Empört bringt Herr Ernst das grimmig blickende Tier zum Arzt, wo sich ein absurd komischer Dialog entspinnt:
»Und wie oft streicheln Sie Ihren Kater?«
»Streicheln? Davon stand nichts im Ratgeberbuch«
»Mag sein, dass davon nichts im Ratgeber steht – aber es ist doch das Natürlichste der Welt, eine Katze zu streicheln!«
»Natürlich? Ich bin mir nicht sicher, ich habe noch nie jemanden gestreichelt.«

Wie Jazz

Ob es zu guter Letzt doch noch klappt mit Herrn Ernst und der Katze wird hier nicht verraten. Verraten sei aber, dass Piet Mondrian sich für seine vermeintlich so auf Rationalität, Ordnung und Minimalismus ausgerichteten Bilder vom Jazz und Bebop hat inspirieren lassen. Sie zeigen das harmonische Miteinander verschiedener Schwingungen, reduziert auf essenzielle Farben und Formen.

Es ist nett, nett zu sein

Er gibt wohl kaum ein Bilderbuch, das so virtuos auf so vielen Ebenen spielt, sowohl intellektuell als auch emotional, optisch wie sprachlich. Dabei aber überhaupt nicht verkopft daherkommt. Stattdessen sehr lustig und liebevoll und vor allem super nett ist. Wie singt Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen in ihrer hinreißenden Hommage dieses sträflich unterschätzten und gänzlich irrationalen Charakterzugs: »Es ist nett, nett zu sein / Ohne was zu wollen / Es ist nett, nett zu sein / Ohne Müssen, ohne Sollen / Einfach nur so, egal wann egal wo / … / Halt auf die Tür / Und streichel ein Tier«

Roksana Jędrzejewska-Wróbel: Herr Ernst kauft eine Katze, Illus: Adam Pękalski , Übersetzung: Dorota Stroińska, Kraus Verlag, 2025, 36 Seiten, 18 Euro, ab 4 Jahre

Es ist kompliziert

Valentinstag. Das ist der Tag, an dem in Restaurants nur Tische für zwei reserviert sind. Wenn schon Wochen vorher rosa glasiertes Gebäck in Herzform angeboten wird, sogar Pasta, mit Rote Bete gefärbt. Wenn selbst Floristen mit Stil geschmacklose Bouquets an Menschen verkaufen, die nur einmal im Jahr Blumen verschenken. Überhaupt Blumen im Februar, geht’s noch weniger umweltbewusst?
Was Valentinstag nicht ist: Es ist kein Tag für all jene, die unerwidert lieben. Zumindest vordergründig nicht, nicht nur Charlie Brown und seine Sehnsucht nach dem rothaarigen Mädchen wissen ein Lied davon zu singen.

Buch zum Valentinstag

Auch die österreichische Philosophin Miriam Metze kennt sich damit aus. Jetzt hat sie ein Buch über dieses Gefühl geschrieben, das an diesem Valentinstag erscheint. Unerwidert lieben ist bewusst keine allgemeine Philosophie der Liebe. Es geht der Frage nach, was unerwidert zu lieben mit Liebe zu tun hat. Warum man unerwidert liebt. Und wie man damit leben und sich arrangieren kann.

Schulklosprüche und Brotkörbe

Miriam Metze ist fündig geworden. Von der Antike übers Mittelalter bis in die Gegenwart haben viele kluge Menschen, Philosophinnen, Wissenschaftler, Geistliche, Mystiker, Dichterinnen, Dramatiker und Schriftstellerinnen nachgedacht über den Sinn oder auch Unsinn der Liebe. Wobei es in Metzes Buch fast ausschließlich um die Liebe von Paaren geht.
In zwölf Kapiteln mit durchweg seht lustigen und neugierig machenden Überschriften beleuchtet Metze verschiedene Teilaspekte, etwa den wahren Kern von Schulklosprüchen, warum man blöd sein muss, ob Liebe immer ein Abenteuer ist, welche Rolle die Ewigkeit dabei spielt und wie ein Brotkorb das materialisierte Menetekel einer kaputten Liebe sein kann.

Blitz-Metaphern und Altherrenkitsch

Anfangs heideggert es in Metzes Buch ein bisschen zu sehr. Die Affäre mit seiner Studentin verklärt der verheiratete Philosophieprofessor Martin Heidegger mit Blitz-Metaphern, die er gleich dreifach strapaziert. Plötzlich und schlagartig, gefährlich und schmerzhaft soll sie sein, die einzigartige Liebe. Abgesehen davon, dass Heidegger später erneut über Blitze schwadroniert hat, bei seinen Schwärmereien über Krieg, was ihn als Experten noch fragwürdiger erscheinen lässt, hat Miriam Metze den Nazi-nahen Haudegen wohl gebraucht, um zu eben jener ehemaligen Studentin zu kommen: Hannah Arendt. Die selbst eine Philosophin, vor allem eine geniale und unbestechliche, politische Denkerin war. Über die Liebe hat Arendt einige erstaunlich erhellende und wohl überlegte Gedanken festgehalten. Und über den Kitsch ihres früheren Dozenten hat sie sich mit genügend Abstand und Erfahrung auch gut lustig gemacht.

Begreifen, dass es unbegreiflich ist

Von Arendt, die in ihrem späteren Leben glückliche und gegenseitige Liebe erfahren hat, kommt unter anderem Tröstliches: Einzig und allein die unerwidert Liebenden wären imstande, wirklich zu begreifen, dass die Liebe unbegreiflich ist. Und weil sich unerwidert Liebende mit nichts anderem beschäftigen als mit der Liebe (anstatt mit ihrem/r Partner/Partnerin und den aus dieser Partnerschaft entsprungenen Kindern), machen sie auch eine tiefere Erfahrung mit ihr. Ob sie das wirklich möchten, steht auf einem anderen Blatt. Erwiderte, gelebte und viel beschäftigende Liebe ist wahrscheinlich gedankenloser, aber auch schmerzfreier.

Philosophin und Kurtisane

Eine beeindruckend souveräne und moderne Sicht auf die Liebe, die geistige wie die körperliche, hat Tullia d’Aragona, eine italienische Philosophin der Renaissance. Tatsächlich war sie auch Kurtisane. In ihrem Dialogo della infinità d’amore beschreibt sie das Wesen der Liebe genauso – als unendlich. Wobei ihr das Italienische dabei entgegenkommt, weil fine nicht nur Ende, sondern auch Zweck und Ziel bedeutet. Die Liebe ist also nicht nur unendlich, kennt auch keine Grenzen, Einschränkungen oder Absicht. Das macht die unerwiderte Liebe gleichberechtigt mit allen anderen Formen.

Inbegriff der gegenseitig unerwiderten Liebe

Solche zeitlos schöne (Wieder-)Entdeckungen machen mit den Reiz von Metzes Buch aus. Natürlich darf auch das Paar, der Inbegriff unerwidert Liebender nicht fehlen, allein schon weil es beweist, dass man sich tatsächlich gegenseitig unerwidert lieben kann: Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Zumindest hat dieses unglaublich tragische und auch bescheuerte Missverständnis der Welt literarische Meilensteine und einen epischen Briefwechsel beschert.
Wie die Dichterin Bachmann mit gefeilten Worten ihre Liebe seziert, so analysiert auch die Philosophin Metze wiederholt vermeintlich alltägliche Begriffe, sei es die Ent-Täuschung, die das Ende der Täuschung und damit Aufklärung und Wahrheit bedeutet. Oder dass man etwas er-innert, also etwas abruft, was man in seinem Innern bewahrt hat. Auch im Hebräischen findet Metze viele anschauliche und bildmalerische Begriffe und Redewendungen. Und aus dem Österreichischen erfreuen noch »mieselsüchtige Naturen« und »Grausbirnen«.

Charmante, kluge und gut aussehende Begleitung

Gelegentlich verzettelt die aus dem Wienerwald stammende Philosophin sich nach manch schmissiger Überschrift ein wenig und verläuft sich zwischen verschiedenen Gedankensträngen und Stichwortgebern. Trotzdem ist Unerwidert lieben ein Lesegenuss, ideale Wellness für Kopf, Seele und Herz.
Also, am besten jetzt gleich am Valentinstag einen Tisch für eine/einen reservieren und das Buch als Begleitung mitnehmen. Weil es amüsant, faszinierend, vielstimmig und charmant ist. Und nicht zuletzt auch sehr gut aussieht, in seinem edlen brombeer-, aubergine- und fuchsiafarbenen Leineneinband (50 Shades of Rose), mit zart altrosa Vorsatzpapier, sogar ein Strauß Blumen ist drauf. Man muss dieses Buch einfach lieben. Ob erwidert oder nicht.

Miriam Metze: Unerwidert lieben. Eine philosophische Tröstung, mairisch Verlag, 2026, 256 Seiten, 24 Euro, ab 16

Lecker Abenteuer

Das nennt man understatement: Einmal kurz nicht aufgepasst – und zack, schon treibt man in einem großen Kochtopf mit einem Löffel als Ruder auf dem Ozean. Wie die beiden Waschbären, das Kaninchen und die Hündin in diese Situation gekommen sind und wie sie sich geschickt wieder rausmanövrieren, erzählt die Illustratorin Regina Kehn in ihrem wundervollen Debüt als Comicautorin.
Regina Kehn hat schon zahlreiche Bücher exzellenter Autorinnen und Autoren wie unter anderen Anna Woltz, Kirsten Boie, Andreas Steinhöfel, Nikola Huppertz mit ihren prägnanten Titelbildern in Gesamtkunstwerke verwandelt. Saša Stanišićs von Kehn illustriertes Jugendbuchdebüt Wolf wurde 2024 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Außerdem ist sie auch vielen ganz jungen Lesern bekannt durch zwei von ihr gestaltete Pixi-Bücher. Kannst du das lesen? hat Kehn ebenfalls selbst geschrieben. Und jüngst hat sie ein weiteres Buch Stanišićs, als Autor für die Jubiläumsreihe der kleinen ikonischen Bücher, charakteristisch in Szene gesetzt.

Ligne Kehn

Und nun ist also Regina Kehns erstes Comic erschienen, logischerweise bei Kibitz, dem Verlag für Kindercomics. Kehn erzählt in klassischen Panels mit ihren unverwechselbaren Stilmitteln. Da sind zum einen die Farben: vor allem kräftiges, klares Ozeanschwimmbadkachelnblau, Schiffscontainerkarottenorange und Laternenbutterblumengelb. Und dann eine im Laufe der Jahre immer deutlichere ligne claire. Mittlerweile ist sie so zu ihrem Markenzeichen geworden, dass man von einer ligne Kehn sprechen könnte. Innerhalb dieser klaren, stabilen Umrandung erweckt Kehn unterschiedlichste und sehr liebenswerte Typen zum Leben, und gibt diesen Freigeistern verlässliche Struktur.

Verkettung kurzer Unaufmerksamkeiten

Da sind zum einen die beiden Waschbärenkumpels Juri und Walther: der eine ein hibbeliger, plietscher Draufgänger mit einem leichten Hygienefimmel, der andere eher gemütlich und etwas stoffelig. Was sie vereint, ist der Appetit auf Neues. Und so klettern sie in eine Mülltonne, naschen etwas zu viel Lifestyle-Zeug, werden in eine Recyclinganlage gekippt, kurz vor knapp rausgefischt und landen im Tierheim, entkommen von dort, verirren sich auf dem Nachhauseweg im Hamburger Hafen auf ein Containerschiff. Dort begegnen sie dem kämpferischen Kaninchen Dexter und Tony, der hübschen Hündin des Schiffskochs. Und diese verrückte Verkettung kurzer Unaufmerksamkeiten ist nichtmal die Hälfte dieses furiosen Abenteuers.

Unterschiedliche Typen geben Dynamik

Kehn erzählt mitreißend, mit lauter kuriosen Einfällen und Wendungen. Dabei kommen die unterschiedlichen Charaktere ihrer Figuren zum Tragen und geben der Geschichte eine besondere Dynamik. Es geht um Freundschaft, Solidarität und Toleranz für unterschiedliche Lebensentwürfe und Bedürfnisse. Ohne dass großes Gewese drum gemacht wird. Reibung erzeugt Wärme. Prägnant auf den Punkt gebracht werden die verschiedenen Perspektiven durch drei Motivationsreden, bei denen wahlweise von den Kandidaten für die Rolle eines Anführers John F. Kennedy, Martin Luther King oder Winston Churchill zitiert werden. Das ist schön schräge Politiksatire, wenn das Kaninchen mal eben aus dem Stehgreif auf »Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß« sowie »Monate des Kämpfens und Leidens« einstimmt. Einstimmig gewählt wird aber Walther, ohne Rede, wegen seiner guten Nase.

Appetit auf mehr

Ein Waschbär tauchte erstmals in Kehns selbst getexteter Pixi-Geschichte auf. Jetzt sind gleich zwei der forschen, knuffigen Einwanderer mit den Räubermasken Helden von Regina Kehns fantastischem Debüt als Kinderbuchautorin. Einmal kurz nicht aufgepasst macht großen Appetit auf mehr aus ihrer Feder.

Regina Kehn: Einmal kurz nicht aufgepasst!, Kibitz, 2025, 136 Seiten, 20 Euro, ab 6

Passt perfekt

Wenn Henri Matisse, Yves Klein und Günther Bruno Fuchs gemeinsam ein Bilderbuch gemacht hätten, dann könnte es so aussehen, wie Schaut, ein Elefant! Der tschechische Illustrator Jakub Plachý vereint kongenial die fantasievollen Formen und das ultimative Blau der französischen Künstler mit Fuchs‘ dadaistisch liebevollem Tonfall.
»Ein Elefant, der mit einem Ball spielt« – das erste Bild erinnert auch durch die in schönster Schreibschrift drunter stehende Erklärung ein wenig an den poetischen Auftakt zur Geschichte des Kleinen Prinzen. Dort zeigt die erste Zeichnung nur vermeintlich einen Hut. Plachýs Elefant ist in seiner minimalistischen Gestaltung ein wandlungsfähiges Wesen, das bei genauerem Hinschauen anders ist als es auf den ersten Blick scheint.

Der Elefant weint

Über mehrere Seiten spielt der Elefant geschickt mit dem Ball, dribbelt, balanciert ihn auf dem Kopf, lässt ihn über den Rücken rollen, kickt die Kugel aus dem Handstand. Wie possierlich, wie niedlich, wie geschickt, denkt man. Und übersieht, dass der Elefant weint. Weil er eingesperrt ist. Weil sein Käfig zu klein ist. Weil er allein ist. Weil der nicht mit seinen Artgenossen im Stadion nebenan Fußball spielen kann.
Man denkt an Tiere im Zoo und wie der Mensch auf sie blickt. Warum sperren wir Tiere ein? Wie alle Lebewesen haben sie einen Freiheits- und Bewegungsdrang. Obwohl Zoos unter anderem argumentieren, dass sie Menschen, die Wichtigkeit und Schönheit der Tierwelt zeigen und sogar Arten vorm Aussterben retten, haben sie in der heutigen globalen Welt keine Berechtigung mehr.

Das Naheliegendste: raus aus dem Käfig

Und während man so grübelt, über das Verhältnis von Menschen und Tieren allgemein und Zoos im Besonderen, macht Plachý in seiner Geschichte das Naheliegendste: Er befreit den Elefanten aus seinem Käfig und lässt ihn ins Stadion. »Gleich wird er eingewechselt! Und er ist im Spiel!« Und wie: Der Elefant fliegt geradezu über das Feld. Er passt. Er spielt ab.

Erschöpft, schwach und platt

Doch dann, nur zwei Seiten weiter, was ist das? »Wieso bleibt er stehen? Damit haben wir nicht gerechnet, das Spielfeld ist einfach zu groß für ihn.« Das ist mit wenigen lakonischen Worten auf den Punkt gebracht, von Katharina Hinderer pointiert übersetzt, was Gefangenschaft macht: Erschöpft, überfordert, schwach und platt. Während die anderen Elefanten sich beraten, robbt der kleine blaue Elefant traurig, wie eine Raupe von den Mitspielern weg an den Spielfeldrand.

Der perfekte Platz

Wundersamerweise gelingt Plachý eine dritte Volte: Der Elefant findet sich im Tor wieder. Und tatsächlich: »Passt wie angegossen!« Der Elefant hat seinen Platz in der Gemeinschaft gefunden, nicht nur als Spieler. Es ist absolut verblüffend, wie Jakub Plachý absolut minimalistisch, mit eher amorphen Formen, Blau als prägnante Farbe seiner Hauptfigur und erdigem Braun für die Mitspieler, sowie ein paar einfachen Bleistiftstrichen eine so vielschichtige Geschichte erzählen kann. Mit mehreren überraschenden Wendungen, viel Empathie und zartem Humor.

Elegante Zehengänger

Überraschend ist auch das Format dieses außergewöhnlichen Bilderbuches. Nicht typisch großtiermäßig, sondern knuffige 12,5 mal 14,4 Zentimeter klein, knapp anderthalb pixi-Bücher. Das ist Schönheit auf handliche Eleganz reduziert. Schon der Leineneinband besticht mit blauem Prägedruck. Diese zauberhafte Leichtigkeit und das Zusammenspiel von Form, Optik und Text, trotz aller zugrunde liegenden Ernsthaftigkeit der Erzählung, passt perfekt zu dem, was Elefanten sind: Zehengänger. Die riesigen Tiere schreiten ihres imposanten Gewichtes zum Trotz erstaunlich leise und auf Zehenspitzen durchs Leben. Gerade deshalb sollten wir ihnen und ihren Bedürfnissen umso mehr Gehör schenken.

Jakub Plachý: Schaut, ein Elefant!, Übersetzung: Katharina Hinderer, Rotopol, 2025, 36 Seiten, 12 Euro, ab 3 Jahre

Feuer und Flamme für Gerechtigkeit

Silvester spielt eines der traurigsten und rührseligsten Märchen: Ende 1845 erschien Hans Christian Andersens Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern. Unbeachtet von den vorbeihastenden Mitmenschen erfriert die junge Verkäuferin, nachdem sie verzweifelt ihre letzten Streichhölzer angezündet und durch Kälte und Hunger hervorgerufenen Halluzinationen erlebt hat.
Andersen schwamm mit seiner Erzählung ganz oben auf einer Welle von gefühligen Geschichten, wie sie Mitte bis Ende des 19. Jahrhundert populär waren, zu Beginn des industriellen Zeitalters. Andersens Märchen sind heute noch beliebte Vorlagen für Filme und Musicals, obwohl sie zutiefst misogyn sind. Jede junge Frau und jedes Mädchen, dass sich nicht ihrem Schicksal und der vorgegebenen Rolle fügt, stirbt, versteinert, wird grausam bestraft. Noch mehr auf die Spitze getrieben wurde dieses gestörte Frauenbild anderthalb Jahrhunderte später von Andersens Landsmann, dem Regisseur Lars von Trier.

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern hat einen Namen

Aber dieses Silvester ist Schluss mit dieser vergifteten Erzählweise (obwohl es gleich auch um hochgiftige Substanzen wird). »Der Mann, der das Märchen geschrieben hatte, wurde sehr reich, obwohl er wahrscheinlich nie einem echten Mädchen mit Schwefelhölzern begegnet war. Denn sonst hätte er gewusst, dass wir nicht alle niedliche kleine Wesen mit blonden Locken und winzigen, eiskalten Händen sind und die meisten von uns es satthatten, ständig hungrig zu sein. Wir wollten nicht, dass man Mitleid mit uns haben musste; vielmehr wollten wir eine echte Chance auf ein normales, gutes Leben; wir wollten eines Tages dazu imstande sein, unsere eigene Geschichte zu erzählen, in unseren eigenen Worten. Dieser Schriftsteller hat seine Hausaufgaben nicht gemacht, jedenfalls nicht richtig. Hätte er die Mühe auf sich genommen, mit einer von uns zu sprechen, hätte er gewusst, dass selbst Mädchen die Schwefelhölzer verkaufen, einen Namen haben.«

Besonders mutige und kühne Heilige

So furios beginnt Emma Carroll ihre Neuerzählung mit dem kämpferischen Titel Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück. Bridie heißt Carrolls Heldin – »das ist die Kurzform von Brigid, die einzige weibliche irische Heilige, die zudem noch besonders mutig und kühn war.« Und genauso herausfordernd, mit einem entschlossenen Zug um den Mund, blickt Bridie mit ihrem feuerroten Haar vom Einband dieses brillanten Buchs.

Knochenzerfressender Phosphor

Es ist Silvester, eiskalt. Bridie will besonders viele Streichhölzer verkaufen, um zur Feier des Tages ein gutes Essen, am besten eine Gans nach Hause bringen zu können. Die Schwefelhölzer produziert ihre Mutter mit Hunderten weiteren Arbeitern in einer Fabrik, wo sie in 14-Stunden-Schichten unter furchtbaren Arbeitsbedingungen Holzstäbchen in hochgiftigen und knochenzerfressenden weißen Phosphor taucht. Ihr kleiner Bruder faltet zu Hause eifrig Schachteln, anstatt in die Schule zu gehen.

Hunger und Kälte rauben ihr fast den Verstand

Das hat sich Emma Carroll nicht ausgedacht. Das war grausame Realität für hunderttausende Arbeiterinnen, Arbeiter und ihre Familien in den Großstädten. Bridie ist eine tolle Geschichtenerzählerin, als Zauberhölzer preist sie die Stäbchen an. Und sie verkauft anfangs gut. Doch dann macht ihr ein Konkurrent die Kundschaft streitig, sie wird fast von einer Kutsche, ausgerechnet der des Streichholzfabrikanten, überfahren. Ihr Bauchlanden zerbricht, die Hölzer landen im Schneematsch, sie verliert ihre Pantoffeln. Kälte und Hunger rauben ihr fast den Verstand. Man kann es sich kaum vorstellen, wie kalt es ist, barfuß nur in Kleid und einem Schal stundenlang durch die Straßen über gefrorenen Schnee zu laufen. Heutzutage hüllen sich die meisten schon in dicke Daunenmäntel, wenn die Temperatur in einstellige Plusgrade sinkt.

Erhellende Träume

Wie bei Andersen zündet auch Bridie schließlich ihre drei letzten Schwefelhölzer an. Und fällt zunächst wie Alice im Wunderland ins Schwarze und träumt – drei verschiedene und sehr erhellende Träume. Der Name Carroll scheint ein Garant für starke Mädchenfiguren zu sein (Lewis Carroll hat sich das Pseudonym für seine Erzählung gegeben, hieß eigentlich Charles Lutwidge Dodgson).
Während bei Andersen das Leben des Mädchens erlischt, flammen Bridies Lebensgeister auf und ihr Wille zu kämpfen erwacht glühend und kraftvoll. »Wir müssen etwas unternehmen. Jetzt! Etwas Lautes und Öffentliches, und zwar vor den Toren der Fabrik.« Mit Hilfe einer Journalistin und Frauenaktivistin schafft Bridie es, die Fabrikarbeiterinnen zum Streik aufzurufen.

Schlagkräftige Neuerzählung

Dies ist kein Märchen. Und bestimmt nicht eine von Anderson Märtyrerinnenschmonzetten. Tatsächlich sind Schwefelholzfabrikarbeiterinnen in London 1888 in Streik getreten, für mehr Lohn und menschlichere Arbeitsbedingungen. Es war ein monatelanger Kampf, bis tatsächlich die Verhältnisse sich etwas besserten. Doch es dauerte noch fast ein Jahrzehnt, bis der hochgiftige und billige weiße Phosphor durch den weniger gesundheitsschädlichen roten ersetzt wurde. Ob nun ein wortgewandtes und wütend entschlossenes Mädchen den ersten Funken gegeben hat. Oder der Mut zur Gegenwehr schon länger vor sich hin glomm und schließlich durch noch größere Grausamkeiten entfacht wurde und aufloderte, ist unwichtig. Emma Carrolls schlagkräftige Neuerzählung ist mitreißend, bezaubernd und ein Lichtblick. Marion Hertle hat es feurig und warmherzig übersetzt und gibt Bridie auch hierzulande eine Stimme.

Durchdringende Blicke, vielsagende Farbakzente

Lauren Child hat dazu faszinierende Illustrationen geschaffen. Man kennt Childs bunt charmante Geschichten der Geschwister Charlie und Lola. Sie ist auch Autorin der Krimireihe um die junge Meisterspionin Ruby Redfort. Hier arbeitet sie, inspiriert von historischen Fotografien, in kraftvollem Schwarzweiß. Ihre Charaktere blicken stark und durchdringend. »Diese Frauen waren ausgezehrt, müde und arm, genau wie wir. Aber sie versprühten eine Energie, eine aufrichtige Wut, die ihnen Würde verlieh«, sagt Bridie über die Arbeiterinnen. Genau das spricht aus Lauren Childs gezeichneten Augen und Gesichtern.
Unterschiedlich gemusterte und strukturierte Flächen von Wänden, Böden und Kleiderstoffen kontrastieren die Bilder und verleihen ihnen Tiefe. Einzige Farbakzente sind Bridies feuerrotes Haar, Dekoration in den Häusern der Reichen und aufflammende Schwefelhölzer. Diese hervorgehobenen Details sprechen für sich.

Geldgier und Kapitalismus gewinnen nicht immer

Also, kratzt eure Pennies, Cents und Öre zusammen und kauft oder auch leiht in Bibliotheken, Büchereien und Bücherhallen Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück – eine wahre Geschichte von Wut und Kraft, von Solidarität, Entschlossenheit und Zusammenhalt. Ein Beweis, dass Kapitalismus und Geldgier nicht immer gewinnen.

Emma Carroll: Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück, Illustration: Lauren Child, Übersetzung: Marion Hertle, Woow Books 2024, 208 Seiten, 20 Euro, ab 9 Jahre

Gemeinsam eine Stimme finden

Girlhood

Ich bin nicht loud and proud, wie meine Freunde aus der Queer-AG. Ich bin still und extrem überfordert«, denkt Pree. Während ihre Schulfreunde sich auf den lang vorbereiteten und von Pree mitorganisierten Queer-Proud-March machen, ist sie auf der Hochzeit ihrer Cousine, einer richtig großen traditionellen indischen Feier. Und bis auf ihre sehr verständige Mutter weiß niemand, dass Pree auf Frauen steht.
Mit einem knallbunten, mitreißenden und sehr lustigen Zusammenprall der Kulturen beginnt die vielfältige Anthologie Girlhood. Sechs deutschsprachige Autorinnen mit unterschiedlicher Herkunft und Sozialisation erzählen in sechs Kurzgeschichten von Mobbing in der Schule und den sozialen Medien, von Diskriminierung und Rassismus, Ausgrenzung, Bodyshaming und Queerness.

Null Punkte für ihren Körper

Alle Mädchen und junge Frauen in diesen Geschichten haben gemein, dass sie am liebsten unter dem Radar, unscheinbar und unauffällig bleiben wollen. Was unmöglich ist, wenn man die einzige Schülerin mit einer sichtbaren Behinderung ist. Wie Liv, die wegen ihrer Glasknochenkrankheit auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Oder Dessi, die nicht den schlanken Schönheitsidealen entspricht und deshalb auch nur eine Zehn im zynischen Kategorisierungssystem ihrer Klassenkameraden ist. Je fünf Punkte für ihr Gesicht und ihren Charakter. Null Punkte für ihren Körper.

Plötzlich ein Meme-Girl

Oder Nour: »Ich dachte, wenn ich nur nett bin, so richtig nett, biete ich niemandem eine Angriffsfläche. Jetzt stecke ist genau in der Situation, weil ich etwas Nettes getan habe?« Nour hat für ihre Freundin, die sich ihren Text für ein Theaterstück nicht merken kann, spontan eine Eselbrücke getanzt. Leider hat das ein profilneurotischer Mitschüler, eigentlich ein guter Freund seit Kindergartenzeiten, gefilmt und online gestellt. Und jetzt ist sie Meme-Girl. Basma Hallaks Story erzählt geschickt, wie man aus der selbstgesuchten Peripherie mitten reingeschleudert, von der stillen Außenseiterin ungewollt zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wird.

Menschen für einen Gag missbraucht

Zuvor hat Nour auch nur über Memes, die ihr über die sozialen Kanäle zugespielt wurden, kurz geschmunzelt, vielleicht mal geteilt. Aber sie hat sich keine Gedanken gemacht, dass dafür Bilder von Menschen missbraucht werden, für ein Lachen auf Kosten anderer. Für einen bald schalen Witz, der aber nicht mehr aus dem Netz verschwindet und im schlimmsten Fall die Betroffenen ein ganzes Leben lang begleitet. Es ist ein schmaler Grad zwischen unbeteiligt und volle Granate betroffen zu sein.

Mut der Verzweiflung

Alle Geschichten in Girlhood wissen um diese Ambivalenz. Ist man jemals unbeteiligt, wenn jemand anderes gemobbt wird? Weil man schweigt, nicht einschreitet? »Ihr seid erbärmlich, weil ihr dabei mitmacht. Nur weil ihr Angst habt, dass es sonst euch trifft«, schleudert die ungewollt schwangere und brutalst gemobbte Biona der eifernden, ihr auflauernden Meute entgegen. In allen der sehr gut und intensiv geschriebenen und dialogstarken Kurzgeschichten ist für die Protagonistinnen irgendwann der Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr weiterkönnen. Wenn sie sich nicht länger verstecken können oder gute Miene zum bösen Spiel machen wollen. Anfangs mit dem Mut der Verzweiflung beginnen sie, sich zu wehren.

Zusammenhalt

So wie Dalia, die mit ihrer Familie aus Syrien geflüchtet ist und trotz größter Anstrengung und Bestnoten weiterhin in der sogenannten Willkommensklasse für Geflüchtete bleiben soll, obwohl sie Abitur machen und Medizin studieren möchte. »Wenn es nichts bringt, haben wir es wenigstens versucht.« Tatsächlich gibt es in allen Geschichten eine Initialzündung. Und die Mädchen und jungen Frauen beweisen großen Mut, für sich einzustehen. Und gewinnen Mitstreiterinnen und auch Mitstreiter. Darum geht es auch in Girlhood. Um Erfahrungen und Erlebnisse junger Frauen. Und um Zusammenhalt.
Noch einmal Biona in Justine Pusts Geschichte Die Stimme, die wir fanden: »Immer wenn eine Frau aufhört, den Mund zu halten, findet vielleicht auch eine andere von uns ihre Stimme wieder.« Girlhood, das sind starke Geschichten, die Mut machen.

Anna Dimitrova/Amani Padda/Basma Hallak/Rabia Doğan/Justine Pust/Katharina Seck: Girlhood, Arctis, 2025, 320 Seiten, 18 Euro, ab 14 Jahre

Ritter auf dem Roller

Ritter sind auch nicht mehr das, was sie mal waren: »Können Sie wenigstens reiten?«, fragt die mysteriöse Frau den jungen Schluffi im roten Kapuzenpulli mit Baseballcap und Kopfhörern um den Hals. »Nicht besonders … ich bin mit dem Bus hier«, antwortet der zerknirscht. Da überlegt man sich als Fee schon, ob man das berühmte Schwert rausrückt.
Aber das Zuhause der Dame vom See ist schon lange nur noch ein vermüllter Tümpel. Sie will unbedingt weg aus diesem Dreck, ist aber durch einen Zauber gebunden, und der Junge ihre einzige Chance zu entkommen. So erfrischend in die Gegenwart transportiert beginnt der französische Comicautor Frédéric Maupomé seine mehrbändige Neuerzählung der Artussage. Genauer die des Königs Pellinor. Das ist eine je nach Sichtweise mehr oder weniger eng mit Artus, der Tafelrunde und vor allem der mythischen Waffe Exkalibur verbandelte Figur. Spinoffs gibt es nämlich nicht erst seit Frazier (aus Cheers) oder Better Call Saul. Schon die Kelten hatten viel Zeit zu erzählen und Anlässe, die Heldensagen immer weiter auszuspinnen.

Die Suche ist das Ziel

Jetzt ist also Pelli an der Reihe, ein Nachfahre Pellinors, sich auf die Suche nach dem Biest zu machen. Ein magisches Wesen mit dem Kopf einer Schlange, dem Körper eines Leoparden und den Füßen eines Rehs. Suche ist wörtlich gemeint. Das scheue Fabelwesen soll nicht gejagt und erlegt werden. Es zu finden ist das Ziel des adoleszenten Suchers.
Frédéric Maupomé erzählt die traditionsreiche Geschichte der Quest mitreißend und lustig, mit überraschenden Drehs. Seine Figuren sind lebendig, egal ob Zeitgenossen oder keltischen Legenden entsprungen. Die Dialoge lesen sich spritzig und klug, von Christiane Bartelsen flott und authentisch übersetzt.

Croissants sind nicht nur luftiges Plundergebäck

Raffiniert verknüpft Maupomé Mythos und Moderne. Zum Beispiel, wenn er die Die Dame vom See, die Fee Nimue, Pelli zur Begleiterin aufsatteln lässt und dem Ganzen einen wohltuend weiblichen Touch gibt. Apropos aufsatteln: Statt per Bus machen sich die beiden per laut pötterndem Motorroller auf die Reise. Allerdings keine stilvolle Vespa, sondern ein kantiges Modell in Rot namens Geraldine ist das Gefährt in dieser famosen Road Novel.
Très français entwickelt Nimue ein Faible für Croissants. »Ich weiß nicht, wie ich ohne sie leben konnte«, sagt sie am Anfang des zweiten Bands, der Protest des Fischerkönigs. Und man ahnt, es geht nicht nur um luftig-fettiges Plundergebäck in Hörnchenform. Jahrhunderte war die Fee als Schwertaushändigerin an den See gefesselt. Endlich hat sie ihre Freiheit gewonnen und kann leben und die Welt entdecken.

Absolut lesens-und sehenswert wird die Quest-Reihe durch Wauter Mannaerts Illustrationen. In den zunächst ruhig und fast klassisch angelegten, durch schräge Bildumrahmungen dynamisierten Panels versteckt der belgische Zeichner und Autor viel subtilen Witz. Dabei setzt er bewährte Tricks filmischer Inszenierung geschickt um. So beginnt er mit einem Knall, um sich dann langsam zu steigern. Und Band 1 und 2 enden mit verheißungsvollen Cliffhangern. Die Figuren sind klar und eher schlicht in Szene gesetzt. Dafür gestaltet Mannaert Landschaften umso detaillierter und aufwendiger. Vom verdreckten See durch Felder bis in dunkle Wälder besticht die Farbpallette durch zahlreiche Schattierung von Grün, von gräulichem Schlammgrün über zarte Gras- und Knospentöne bis zu samtigem Tannennadel- und kristallinem Flaschengrün.

Liebevoll gestaltetes Biest

Besondere Liebe hat Wauter Mannaert laut eigener Aussage der Darstellung des Biests gewidmet, und ihm noch eine blaue Löwenmähne gegönnt. Im zweiten Band ist es dann auch häufiger zu sehen, taucht immer wieder, von Pelli und Nimue ungesehend, am Rand auf. Und bekommt auch eigene, kleine Szenen.

Monobloc in Seerosenranken

Vielleicht liegt es an den gestiegenen Papierpreisen. Oder es ist eine sehr charmante, neuzeitliche Zugabe, dass immer häufiger bereits das Vorsatzpapier von bebilderten Büchern ein echter Hingucker ist. Maennert nutzt diese Doppelseite, die einem beim Aufklappen des Buchdeckels entgegenspringt, aufs Allerschönste. Im ersten Band sind es von Seerosen umrankte Fabelwesen und die Helden auf dem Roller Geraldine. In den Ranken verfangen sind Zivilisationsmüll, Getränkedosen, Plastikflaschen, Pommesverpackungen. Und, geradezu ikonisch, zwei sogenannte Monoblocs, die überall auf der Welt zu findenden weißen Plastikstühle. Das ist sehr witzig und dezent umweltkritisch zugleich. Und stimmt perfekt auf die fabelhafte Quest-Saga ein.

Frédéric Maupomé: Quest – 1. Die Dame vom See, Illustration: Wauter Mannaert, Übersetzung: Christiane Bartelsen, Reprodukt, 2025,120 Seiten, 20 Euro, ab 8

Frédéric Maupomé: Quest – 2. Der Protest des Fischerkönigs, Illustration: Wauter Mannaert, Übersetzung: Christiane Bartelsen, Reprodukt, 2025, 120 Seiten, 20 Euro, ab 8

Zuhause ist, wo man Katzen haben kann

Im Süden Londons steht ein Haus, in dem eine fröhliche Frau fast sechzig Jahre lang lebte. Das Haus liegt neben einem wunderschönen Park namens Barnes Common. Als junges Mädchen floh diese Frau mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihrem Bruder vor den Nazis aus Deutschland.«
So beginnt Thomas Harding die Geschichte eines besonderen Hauses zu erzählen. Und die seiner wundervollen und überaus liebenswerten Bewohnerin, ihrer Familie und weiterer ziemlich wichtiger Hausgenossen. »Das Mädchen wünschte sich verzweifelt eine Katze, aber sie durfte keine haben – und sie mussten schon wieder umziehen …« Der in ihrer Kindheit unerfüllbare Wunsch nach einer Katze wird zum Synonym für Flucht, Vertreibung und Unbehaustheit.

Bald ziehen zwei weitere Mitbewohner in das Haus am Park

So tummeln sich nicht zufällig auffallend viele Samtpfoten auf den Seiten dieses faszinierenden Bilderbuchs. Denn als die trotz aller schlimmen Erfahrungen fröhliche Frau endlich mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern ein Zuhause findet, eben Das Haus am Park in London, ziehen auch bald zwei weitere Mitbewohner ein. »Endlich durfte die Frau eine Katze haben. Also hatte sie gleich zwei. Ihre Namen waren Mog und Wienitz. Das Haus war ihr Zuhause. Und das Haus war glücklich.« So schön anschaulich fasst Harding in wenigen Sätzen zusammen, was Zuhause ausmacht: Ein Ort, an dem man bleiben darf. Und an dem man Katzen haben darf.

Küche und Kaninchen

Fast nebenbei bringt der Autor den Namen Mog ins Spiel. Ja, es ist genau der knuffige und nett verpeilte Kater, der seine Zuhausegeberin zu mehreren entzückenden Geschichten und Bilderbüchern inspirierte und sie zu einer der berühmtesten Kinderbuchautorinnen machte: Die fröhliche Frau ist Judith Kerr. Und Das Haus am Park erzählt von ihrem Leben in London, wie es im Untertitel heißt. Die gemütliche helle Küche und eine freundliche Großkatze wiederum sind der Ursprung für ein Tiger kommt zum Tee. Keine Katze, sondern ein Stofftier ist Ausgangspunkt und titelgebend für Judith Kerrs berührenden Roman von Flucht und Vertreibung Als Hitler das rosa Kaninchen stahl. Judith, Tochter des Theaterkritikers Alfred Kerr, beschreibt darin, wie es ist, wiederholt den Boden unter den Füßen zu verlieren und sich immer wieder neu anpassen zu müssen. Erzählen konnte sie diese Geschichte, die viele ihrer eigenen Erlebnisse beinhaltet, weil sie an einem sicheren Ort angekommen war.

Mischung aus Malerei und Collage

Das Haus am Park ist der vierte Band einer Reihe von Bilderbüchern mit Häusern im Mittelpunkt, die über die Lebensgeschichten ihrer Bewohner Geschichte lebendig und erfahrbar machen. Fabelhaft illustriert hat Britta Teckentrup alle diese Hausgeschichten. Ihr Stil ist eine einzigartige Mischung aus Malerei und Collage, aus Scherenschnitten und Fotorealismus, fast schon hyperrealen Bildbearbeitungen.

Jeder Scherenschnitt ist ein Unikat

Es beginnt mit Malerei, mit der sie Flächen und Folien für ihre Collagen gestaltet. Sie tupft, wischt, tropft, strichelt, bedruckt und stempelt. So entstehen die unterschiedlichsten Materialien, Papierbögen und Texturen, aus denen Teckentrup ihre Figuren und Formen ausschneidet. Etwa so wie einzeln bedruckte und gebatikte oder handgewebte Stoffe, aus denen Kleider zugeschnitten werden. Früher hat sie mit der Schere ausgeschnitten, mittlerweile macht sie das meist mit der Maus am Computer. Doch jeder Scherenschnitt, jedes Bildelement, selbst die Hintergründe, alles sind Unikate.
Ob menschliche Gesichter oder Katzenfell, dicht belaubte Bäume oder nacktes Mauerwerk, nichts ist einfach nur Farbe und Fläche. Alles changiert, hat Schatten und Licht, scheint lebendig, mehrschichtig und in Bewegung zu sein, strahlt Wärme oder auch mal Kälte aus.

Ein fröhlicher Geist, der Kinder glücklich macht

Bereits zum vierten Mal animieren Thomas Harding und Britta Teckentrup gemeinsam ein Gebäude. Doch Judith Kerrs Domizil, das fast sechs Jahrzehnte ihr Zuhause war und in dem sie 2019 friedlich mit Blick auf die Bäume starb, ist das erste, in dem man auch selbst leben möchte. Weil in ihm für immer der Geist dieser fröhlichen Frau wohnt, die mit ihren Geschichten immer noch viele Kinder glücklich macht.

Thomas Harding: Das Haus am Park – Judith Kerr und ihr Leben in London, Illustration: Britta Teckentrup, Übersetzung: Nicola T. Stuart, Jacoby & Stuart, 2025, 56 Seiten, 22 Euro, ab 8

Geistreiches Seelenleben

Manche Leute sagen, es gibt Gespenster. Manche Leute sagen, es gibt keine Gespenster. Ich aber sage, Hui Buh ist ein Gespenst!« . So raffiniert, fast schon dialektisch, begann jede Folge der Hörspielreihe um das Schlossgespenst Hui Buh. Ob es Geister gibt oder nicht – darüber streiten sich die Geister. Und zwar durchaus kluge und gewitzte.
So wie der Illustrator Adam Allsuch Boardman, der jetzt Alles über Geister gesammelt hat. Seine Recherchen stellt er in einem grandios gestalteten Band vor, voller schaurig-schöner Infografiken. Das beginnt schon mit dem üppig gestalteten Vorsatzpapier, das wie eine Wand voller Fotos, Fundstücke, interessanter Artikel und Kuriositäten aussieht.

Poltergeister, Hantus und Duppys

Der aus den beschaulichen Yorkshire Dales stammende Illustrator geht das Thema umfassend und global an. Detailliert und farbenreich beginnt er mit Grundlegendem wie verschiedenen Arten von Geistern, zum Beispiel Poltergeistern, Naturgeistern wie Kobolden und Feen, den Hantu in Indonesien und Duppys in der Karibik, auch Krisen- und Nahtoderscheinungen kommen vor. Auf der folgenden Doppelseite spukt es quer durch ein Schloss gleich in 14 Varianten, es kracht und flackert, Flecken tauchen plötzlich auf, es wird eiskalt und Gegenstände schweben durch die Luft, Haustiere verhalten sich merkwürdig.

Es eint die Seele

Der Begriff Geist ebenso wie der englische Ghost hatte ursprünglich laut Herkunftswörterbuch die Bedeutung Erregung, Ergriffenheit. Seine Bedeutung wandelte sich zu Seele, Gemüt, überirdisches Wesen und Gespenst. Und das ist es, was so gut wie alle Geisterphänomene weltweit eint: die Seele.
Geister sind in den verschiedensten Kulturen die Seelen von Verstorbenen, vermissten Angehörigen, verlorenen Kindern, Menschen, die offene Rechnungen haben oder mit denen man noch ein Hühnchen zu rupfen hat. Irgendwas lässt sie nicht in Frieden ruhen (der Grabspruch ist mehr als ein frommer Wunsch) und treibt um. Selbst wenn Geister vielleicht nur Halluzinationen der Hinterbliebenen, Ausdruck von Trauer, Schmerz und Verlust oder das projizierte schlechte Gewissen sind – es hat mit den Seelen von Toten und der Lebenden zu tun und hält Geistererscheinungen lebendig.

Erscheinungen im Halbschlaf

Da kommen wir wieder auf den Anfang des Kinderhörspiels Hui Buh zurück, der im Grunde ähnlich verzwickt ist wie René Descartes berühmte Behauptung »Ich denke, also bin ich«. Der vermutete übrigens den Sitz der Seele in der Zirbeldrüse. Einem kleinen, zapfenartigen Organ im Gehirn, das den Schlaf-Wach-Rhythmus durch die Produktion des Hormons Melatonin regelt.
Das ist zwar widerlegt. Aber hier spielen trotzdem zwei interessante Aspekte rein, die Descartes‘ These in Bezug auf paranormale und übersinnliche Phänomene gar nicht so abwegig machen. Geister erscheinen meist nachts. Und gern im Halbschlaf, dem diffusen Geisteszustand zwischen wach sein und Schlaf.

Von Geistertieren und Ektoplasma

Das Thema ist faszinierend und assoziationsreich. Viel zu schade, um es auf das Konsumremmidemmi Halloween oder ein paar mediokre Gruselfilme zu reduzieren.
Auf doppelseitigen Schaubildern widmet Boardman sich vielfältigen Aspekten, zum Beispiel Geistertieren, Geisterfahrzeugen und Geistern in den Medien, in Film, Fernsehen und Computerspielen (Pac Man!). Man lernt paranormale Puppen und das universelle Phänomen der weißen Fran kennen. Liebevoll illustriert erzählt Boardman von Spiritismus, Exorzismus und Ektoplasma. Manche Geistererscheinungen lassen sich als makaberer Scherz und schlechter Spuk entlarven, in Infografiken erklärt Adam Boardman wie die fiesen Tricks funktionieren. Der gewiefte Illustrator nimmt die Betrachter:innen mit auf Geisterjagd, durch die Jahrhunderte und kreuz und quer über die ganze Welt – super interessant und extrem spannend. Sabine Rahn hat es sachlich und gut verständlich übersetzt. Nur das Nazar-Auge, das vorm bösen Blick schützen soll, wird nicht im Mittleren, sondern im Nahen Osten als Amulett getragen. Zumindest aus der Perspektive hierzulande.

Skeptisches Bettlakengespenst

Ein guter Witz ist, dass Boardman auf dem Titelbild ein harmloses Bettlakengespenst abbildet. Vielleicht ist er auch infolge seiner weitreichenden Recherchen eher skeptisch ob der Existenz von Geistern. Das tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Alles über Geister ist ein geistreicher Genuss – ob man nun an Gespenster glaubt oder nicht.

Adam Allsuch Boardman: Alles über Geister, Übersetzung: Sabine Rahn, Karibu, 128 Seiten, 19,99 Euro, ab 10

Rückkehr ins Sargassum

Als hätte jemand einen seidenen Faden an sein Herz geknüpft und würde nun unendlich behutsam daran zupfen.« Zart und fast poetisch beschreibt Dita Zipfel das rätselhafte Ziehen, das der Held ihrer Geschichte, ein Aal namens Aali, eines Tages verspürt. Ein Ziehen, ein Signal zum Aufbruch, der Anfang einer mysteriösen und faszinierenden Verwandlung und Wanderung zum Ende des Lebens.
Oder wie es der Titel des von Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich gemeinsam erdachten Kinderbuches es auf den Punkt bringt: Aali muss los.
Es ist eine Jahrtausende alte und wahre Geschichte: Aale durchlaufen in ihrem Leben vier verschiedene Existenzformen. Von transparenten, flachen Weidenblattlarven im Atlantik werden sie zu weiterhin durchsichtigen Glasaalen und wandern aus dem Ozean durch die Mündungen in europäische Flüsse und Seen. Dort leben sie bis zu 30 Jahren und futtern sich eine imposante Fettschicht an. Die brauchen sie auch, denn wenn sie sich schließlich zum Blankaal verwandeln, hören sie komplett auf zu essen. Zum Ende ihres Lebens sind sie nur noch in Bewegung, über tausende Kilometer, fast ein Jahr lang, zurück zu ihren Ursprüngen und den Laichplätzen folgender Generationen.

Kein Appetit auf Frühstück

Das alles weiß Aali aber noch nicht. Jahrelang hat er beschaulich im Nord-Ostsee-Kanal vor sich hingedümpelt. Doch eines Morgens ist da dieses Ziehen, das er seinem Freund Frank nicht erklären kann, weil er es selbst nicht versteht. Auf jeden Fall hat er keinen Appetit auf Frühstück. »Lass mal schwimmen«, murmelt Aali. »Einfach schwimmen.«

Mitreißender Roadmovie

Für Zipfel und Heinrich ist das mysteriöse Leben der Aale die perfekte Steilvorlage für eine sympathische Heldensaga und einen mitreißenden »Roadmovie«, Drama und Abenteuer auf Wasserstraßen bis in die Weiten des Ozeans. Getragen von Dita Zipfels einzigartigem Sound. Einer Sprache, die ebenso witzig wie wortstark und bilderreich ist:  »Wie ein Biss in den europäischen Kontinent« ist die Küste Schleswig-Holsteins. Frank ist eine »loyale Brasse«, und gleich erkennt man den den gutmütigen und verwunderten Freund und Fisch. Und fühlt den Kummer, als Aali von ihm Abschied nehmen muss, um dem Ruf ins Unbekannte zu folgen. Ein Schwan, der Aali zum Probeliegen in seinem Nest einlädt, weil er das für das Ziel aller Suchenden hält, wirkt wie ein »übereifriger Matratzenverkäufer«.

Natur ist kein Ponyhof

Der Hafen ist ein »Moloch aus Rost und Rhythmus«. Und eine Subkultur voller skurriler, schillernder und feierfreudiger Wasserbewohner. Die vielfach ausgezeichnete Autorin lässt zum Beispiel die Schönheit des Wortes Robbe auf der Zunge zergehen, weil man aus ihm alles raushören kann, »das Runde und Weiche, das Fließende, genau richtig Dicke und sogar die Freundlichkeit in ihrer ganzen Art«.
Und dann ein Satz wie dieser: »Die Natur ist kein Ponyhof, sondern ein großes Fressenwollen und Gefressenwerden.« Damit hält Aali muss los die perfekte Balance zwischen sympathischer fiktionaler Erzählung und packender, faktenreicher Sachgeschichte, einfühlend in individuelle Lebewesen und voller Respekt vor den Wundern der Natur. Das ist sogenanntes Nature Writing at it’s best.

Grün in allen Schattierungen

Nele Brönners Bilder lassen die Lesenden ganz tief eintauchen und mit Aali mitschwimmen. Allein schon die Farben: Grün in allen Schattierungen dominiert, von zartem Hellgrün über zahlreiche Abstufungen und alle möglichen Varianten, gelegentlichen Ausflügen in Türkis bis zu Nachtdunkelgrün, fast Schwarz. Akzente setzen knalliges Geld und schwarze Tupfen. Selbst die Schrift fließt in verschiedenen Farben über die Seiten.

Chor aus Kleinlebewesen

In allen Gewässern (und an Land, Aale können über Land wutschen) tummeln sich die unterschiedlichsten Wesen, riesige Welse und winzige Fischchen, muntere Mantas, quirlige Krabben, Seepferdchen, Schildkröten. Brönners Unterwasserwelten, auch der Auf-dem-Land-Mikrokosmos, also Uferböschung und Flusswiesen, sprühen allein schon durch Zusammenspiel und Auftrag der Farben vor Lebendigkeit – von ihren Bewohnern ganz zu schweigen. Ein reizender Einfall der Kinderbuch-Illustratorin sind auch die hinzugefügten Schnecken, Garnelen und andere Kleinstlebewesen, die gelegentlich wie ein mahnender oder motivierender Chor fungieren. Die Frage des naturalistischen Autors Robert Macfarlane, ob Flüsse Lebewesen sind, kann nur mit Ja! beantwortet werden.

Es bleibt ein Geheimnis

Und was hat es jetzt mit dem rätselhaften Ziehen auf sich? Mittlerweile weiß man zwar, dass Magnetismus eine Rolle spielt. Aber warum Aale in die Sargassosee im Atlantik zurückkehren, und tatsächlich alle Aale auf der Welt aus den gigantischen Algenwäldern des Sargassums stammen, bleibt ein Geheimnis.
Aali schwimmt direkt ins Herz und zieht einen auf jeden Fall magisch und unwiderstehlich an. Also, zieht alle unverzüglich los, in die Buchhandlung eures Vertrauens.

Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich: Aali muss los, Illus: Nele Brönner, Huckepack im Verlag mairisch, 2025, 64 Seiten, 20 Euro, ab 7

Lecker Essen

Schmeckt! Was für ein treffender Titel. Denn dieses Sachbuch von Anke Loose und Ariane Camus ist kein Buch über Ernährung. Sondern über Essen. Ernährung, gern auch mit den Adjektiven vernünftig, gesund oder ausgewogen angereichert, ist das, was man dem Organismus, dem Körper zuführt, um ihn am Laufen zu halten. Eine Mischung aus Kohlenhydraten, Eiweiß und Fett, versehen mit Vitaminen und Mineralstoffen. Astronauten zum Beispiel saugen es mangels Küche und Schwerkraft aus Tuben. In Zukunft gibt es das womöglich komprimiert in Tablettenform.

Iss bunt!

Glücklich macht das nicht, Spaß sowieso keinen und die Seele wird davon auch nicht satt. Orthorexie ist der Inbegriff der ebenso vernünftigen wie freudlosen Ernährung.  Dieses Sachbuch ist das Gegenteil davon. Und es fängt auch gleich mit dem besten und allgemein gültigen Tipp überhaupt an: Iss bunt! Das ist wortwörtlich gemeint: Es ist erstaunlich, welche Farbvielfalt Obst und Gemüse haben. Das kann man im Supermarkt bewundern. Noch schöner auf dem Markt. Dabei muss man nicht auf ökologisch bedenkliche, von weit her eingeflogene und herbeigeschiffte Lebensmittel gucken. Auch regional gibt’s ein abwechslungsreiches Farbfeuerwerk für Topf und Teller. Selbst im Winter bringen Äpfel, Rotkraut oder Möhren noch Farbe ins Spiel.

Was wir am liebsten essen und was wir zum Würgen finden

Schon ist man drin in Anke Looses klugem, von Ariane Camus fröhlich illustriertem Rezept für gutes Essen. Von den Farben und was es damit auf sich hat, geht’s spannend und sehr wissenswert weiter zu Themen wie Warum wir essen. Warum wir was essen. Woraus sich Nahrung zusammensetzt. Wo Lebensmittel herkommen – nachhaltig, unverpackt, saisonal und regional spielt ebenfalls eine Rolle. Wie wir schmecken oder warum wir was am liebsten essen. Und manches zum Würgen finden. Welche Vorlieben die Menschen auf der ganzen Welt haben. Und wie vielfältig Essen ist, wenn man allein die vielen Brotsorten und die vielfältigen Varianten von Frühstücksspeisen betrachtet.

So lang wie ein Omnibus

Ariane Camus illustriert anschaulich, lustig und mit schrägem Witz. Hier isst das Auge schon beim Lesen mit. Nahrungsbausteine sind bei ihr genau das: zusammenpassende Legobausteine. Selbst die Verdauung wird so illustiert, dass einem nicht der Appetit vergeht. Eine forsche Toastbrotscheibe fragt sich, wie sie wohl durch den Körper wandert. Ein Regenwurm ist beeindruckt von wellenförmigen Bewegungen des Darms, der übrigens etwa so lang wie ein Omnibus ist, den Camus zum Vergleich gleich daneben gemalt hat. Bei diesem Kapitel stutzt man nur kurz über das Wort Pipi. Und merkt gleich, Urin wäre viel zu abgehoben – oder vernünftig. Anke Loose schreibt sehr unterhaltsam und absolut verständlich, doch weder albern noch verniedlichend.

Gehirn und Darm sind im Gespräch

Auf Ernährungsmoden und Dogmen verzichtet Loose, auch auf den vielbeschworenen Begriff des Mikrobioms. Stattdessen erklärt sie kurz und eingängig, dass Darm und Gehirn miteinander kommunizieren, so kann Stress zum Beispiel Durchfall verursachen. Camus lässt dazu das schlau bebrillte Gehirn mit den munteren Eingeweiden über ein Joghurtbechertelefon reden (wobei das Telefon für kleine Kinder vielleicht erklärungsbedürftig ist – und ein witziger Bastelvorschlag).
Lecker! ist ein wunderbares Sachbuch und gleichzeitig ein klasse Rezept für Essen, das wirklich Spaß macht. Als krönenden Abschluss gibt’s sogar noch ein paar einfache Anregungen zum Nachkochen und Schmecken.

Vom Fressen über vernünftige Ernährung zu leckerem Essen gelangt auch der Wolf im Bilderbuch Mahlzeit!. Eigentlich möchte der eher einzelgängerische Grauschnauz genüsslich in Ruhe den Mond anheulen. Doch dann übertönt ein scheußliches Schluchzen sein schönes Geheule und er entdeckt ein weinendes Hasenkind. Wenn sich das schon mitten in der Nacht im Wald aufhält, dann ist es ein willkommener Snack. Aber dem Häppchen für einen hohlen Zahn fällt ein Zettel aus der Tasche: »Lieber Finder dieser Nachricht, unser kleiner Knuffel liebt es, auf Entdeckungstour zu gehen. Solltest du ihn finden, begleite ihn doch bitte nach Hause. Als Dankeschön laden wir dich zu einem superleckeren Essen ein.«
So fantasievoll und skurril beginnt Larysa Maliush ihre entzückende Geschichte einer Nahrungsumstellung.

Festmahl statt kleinem Snack

Nach kurzem Nachdenken siegt die Vernunft über die spontane Snacklust. Warum sich mit einer winzigen Portion abspeisen, wenn sich ein Festmahl in Form einer ganzen Hasenfamilie anbietet. Also macht sich Grauschnauz mit Knuffel auf den Weg. Unterwegs verteidigt der Wolf das Häschen gegen seine Artgenossen und überwindet noch einige Widrigkeiten, zum Beispiel Bäche und Kletten. Das letzte Stück trägt er das inzwischen sehr müde Appetithäppchen auf den Schultern, wo es vertrauensvoll einschläft.

Gute Entscheidung

Zu Hause angekommen wird der Wolf von einer imposanten Großfamilie freudigst begrüßt. An der üppig gedeckten Tafel bekommt er den Ehrenplatz. »Noch nie hatte er so viel Essen auf einmal – und so hübsch angerichtet – gesehen. Bereits nach dem vierten Stück Karottenpastete war er pappsatt. Vielleicht war es doch eine gute Entscheidung gewesen, den kleinen Kerl nach Hause zu begleiten«, lässt Larysa Maliush den großen grauen Wolf zu guter Letzt überlegen. Anna Schaub hat die Geschichte ebenfalls sehr hübsch übersetzt.

Essen für die Seele

Mahlzeit! beginnt im nächtlichen Wald, in gedecktem Graublau. Doppelseitige Szenen wechseln sich mit lustig hoppelnden Stop-Motion-Sequenzen ab. Die sich verändernde Miene und Motorik des Wolfes im Laufe der Nacht ist hinreißend und für ältere Vorleser von hohem Wiedererkennungswert. Unter den vielen Grauschattierungen der Wölfe blitzt nur das weiße Häschen und vor allem seine leuchtend rote Jacke hervor, aus der der Zettel fällt (wer die Autorin dieser Zeilen kennt, wundert sich jetzt eventuell: Echt jetzt, bekleidete Tiere? Dazu kann ich nur mit Grauschnauz erwidern: Keine Regel ohne wohlüberlegte Ausnahme).

Augenschmaus

Wenn die beiden zu Hause bei Familie Hase ankommen, ist es mittlerweile Tag und die Welt wird detailreicher und vielfarbig. Vor allem die quirlige Familie rund um den bunt gedeckten Tisch ist ein Augenschmaus. Weil es einiges in der Szene zu entdecken gibt. Vor allem zeigt sich auch hier, dass Essen so viel mehr ist als Ernährung. Es macht glücklich und nicht nur den Körper satt. Es verbindet, schafft Gemeinschaft und Vertrauen und ist kommunikativ. Vor allem schmeckt’s!

Anke Loose (Text), Ariane Camus (Illustrationen): Schmeckt!, Carlsen, 2025, 64 Seiten, 15 Euro, ab 6

Larysa Maliush: Mahlzeit!, Übersetzung: Anna Schaub, NordSüd Verlag, 2025, 32 Seiten, 18 Euro, ab 4