Von wegen ausgestorben

Oje, ein Buch! Das werden wir bei LETTERATUREN schon von Berufung wegen nicht sagen – im Gegenteil. Dieses Bilderbuch mit ebenjenem Seufzer als Titel, ein Meta-Bilderbuch sozusagen, evoziert meinerseits Jubelschreie, so gut und besonders ist es. Und das obwohl oder gerade weil es ein klassisches Bilderbuch ist, 32 Seiten zwischen zwei farbigen, stabilen Deckeln, die Geschichte beginnt sofort nach dem Aufschlagen auf dem Vorsatzpapier und endet auch erst direkt, bevor man es nur noch zuklappen kann. Es ist ein Spiel mit den alten und neuen Medien und dem Umgang damit – und mit dem Medium Buch im Speziellen. Erdacht hat es sich der fabelhafte, immer wieder überraschende Schweizer Erzähler Lorenz Pauli, der vor allem für Werke gemeinsam mit der brillanten Illustratorin Kathrin Schärer bekannt ist, wie Pippilothek???, Rigo und Rosa oder jüngst Böse, eine vermeintlich nett daherkommende Tiergeschichte, die jedoch wie ein Schlag ins Gesicht ist und einen desillusioniert, aber umso klarsichtiger zu sich kommen lässt.

Diesmal hat Pauli sich mit Miriam Zedelius zusammengetan, die einen ganz anderen, wesentlich reduzierteren, aber nicht weniger raffinierteren Stil pflegt. Der passt in seiner nur auf den ersten Blick kindlichen, tatsächlich aber sehr ausgereiften Art perfekt zur Geschichte von Juri, der ein Bilderbuch geschenkt bekommt. Frau Asperilla soll es ihm vorgelesen. Weil diese aber nur noch an elektronische Geräte wie Tablets und Smartphones gewöhnt ist, muss Juri ihr (fast ungläubig, dass die Erwachsene so absolut keine Ahnung hat) erklären, wie ein Buch funktioniert, wie man es liest und so die Geschichte darin erfährt: Ein Buch „erzählt sich nicht“, wie Frau Asperilla es interessanterweise nennt und man muss es auch nicht anschalten, sondern fängt einfach oben links an vorzulesen und dann „umblättern, nicht wischen“. Allein dieser Hinweis ist schon entzückend. Auch kann man nicht durch charakteristische Spreizbewegungen zwischen Daumen und Zeigefinger einen Bildausschnitt vergrößern und ranzoomen. Und schon gar nicht kann man einfach so wegzappen. Natürlich könnte man aufhören zu lesen. Aber weil gute Bücher (und diese Geschichte und die Geschichte in der Geschichte) Leser und Zuhörer schnell in ihren Bann schlagen, will man wissen, wie es weitergeht, auch wenn es gruselig wird. Oder höchst unwahrscheinlich:

„HAPP!, machte die Maus und fraß das Monster.
Frau Asperilla ruft ins Buch hinein »Das geht doch gar nicht!«
Juri zuckt bloß mit den Schultern: »Doch, doch. Im Buch geht das.«
Frau Asperilla will wissen: »Findest du das denn gut so?«
»Das kommt darauf an, von welcher Seite man es anschaut …«

Besser als der neugierige, kluge und aufmerksame Zuhörer und Bilderbuchankucker Juri kann man den Reiz, das Faszinierende und Essenzielle von Büchern nicht beschreiben.

„Oh, ein Buch!“, dachte ich neulich erfreut. Dabei türmen sich bei mir zu Hause überall Bücherstapel. Aber selten finde ich dazwischen ein Kinderbuch, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es habe. Wilder Wurm entlaufen von Veronica Cossanteli ist mir vor einiger Zeit beim sinnlosen Versuch aufzuräumen in die Hände gefallen, und endlich habe ich es gelesen; die gebundene Ausgabe ist nämlich schon 2014 erschienen, jetzt ist es als hübsches Taschenbuch zu haben.

Dieses Buch ist grandios. Das sage ich jetzt nicht nur wegen der wirklich sehr fantasievollen Geschichte von wunderlichen mythischen oder eigentlich ausgestorbenen Tieren. Oder wegen der höchst sympathischen, charmant-schnodderigen jungen Helden sowie den durchweg bis in die kleinste Nebenrolle sehr lebendigen Charakteren. Oder der abwechslungsreichen Erzählung, in der sehr wahrhaftige Situationen wie folgende die Handlung vorantreiben: „In Filmen oder Büchern muss man nie im falschen Moment aufs Klo. Nur im wirklichen Leben.“

Darüber hinaus ist es von Ilse Rothfuss exzellent übersetzt und zwar wegen eines besonderen Kniffs. Es gelingt ihr, die Wortspiele, vor allem mit vielsagenden Namen, raffiniert ins Deutsche zu übersetzen, indem sie das englische Original stehen lässt, es aber im nächsten Satz wieder aufgreift und erklärt: So lernt der Leser, dass man wahrscheinlich nicht unbedingt mit Intelligenz glänzen muss, um den Job von Numpty Numbskull zu übernehmen, weil das Blödi Blödmann heißt. Und erschrickt, wenn einem die unheimliche Stiefmutter zur Begrüßung ein „die!“, also „stirb!“ entgegenschleudert, aber sich angeblich nur mit der Kurzform ihres Vornamens Diamond vorstellt.

Dieses Buch entlarvt die menschliche Arroganz gegenüber anderen Lebewesen und deren Bedürfnissen und dem nachvollziehbaren Wunsch, überleben zu wollen. Geschichte ist nämlich immer die der Sieger oder in diesem Fall die derjenigen, die andere vernichtet und ausgerottet haben. Für Außenseiter und Andersartige, Fremde und Exoten ist kein Platz auf dieser Welt. Der geheimnisvolle Junge Lo bringt es angesichts der aufgebrachten Kleinstadtbevölkerung auf den Punkt: „Ich kann es direkt riechen, die Wut und die Angst, den ganzen Hass. Der Mob hier ist gefährlicher als jeder Drache oder Basilisk. Die Welt verändert sich, aber die Menschen nicht. Es hört nie auf.“

„The Extincts“, die Ausgestorbenen, heißt das Buch im Original, beim Titel hat die Übersetzerin wahrscheinlich nicht mitreden dürfen. Aber von wegen: Drachen, Greife, Auerochsen, Schwanzbeißer, Dodos, Fischsaurier und Einhörner sind in dieser fantastischen Erzählung sehr lebendig und genauso wenig ausgestorben wie das Medium Buch. Und wir werden immer wieder beglückt rufen: „O ja, ein Buch!“

Lorenz Pauli: Oje, ein Buch!, Illustration: Miriam Zedelius, atlantis, 2018, 32 Seiten, ab 4, 14,95 Euro

Veronica Cossanteli: Wilder Wurm entlaufen, Übersetzung: Ilse Rothfuss, Carlsen, 2018, 288 Seiten,  ab 9, 7,99 Euro

Seele aufgefressen

Dass man mal was vergisst, kann passieren: den Herd auszustellen, die Klarsichtfolie von den Käsescheiben abzupulen, bevor man die Brote damit belegt oder Katzenfutter kauft, obwohl man nur noch einen Hund hat. Jeder vergisst mal was, auch der siebenjährige Foster vergisst, sein Handtuch aufzuhängen oder das Buch rechtzeitig zurückzuzbringen.

Aber dann fällt Foster bei seinem Vater etwas auf, was den wahren Schrecken der Krankheit Demenz ausmacht: sein Vater, der phantastische Geschichtenerfinder, verändert sich. Anfangs findet Foster es noch lustig, wenn sein Vater abends geschäftliche Telefonate mit seiner melodiösen Erzählerstimme führt. Und nicht wie sonst mit der seriösen, tieferen „Anzugstimme“, die „wie die Rüstung eines Ritters ist“. Aber obwohl er auch früher nicht den Sinn der Finanzberatungen verstanden hat, begreift er schnell, dass sein Vater beginnt, unverständlichen Quatsch zu reden, der die Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung irritiert. „Und er war einfach nicht darauf vorbereitet, wie sehr die Veränderung eines anderen Menschen all das, was er so sicher zu wissen und zu kennen glaubte, infrage stellen konnte.“

Die australische Autorin Dianne Touchell hat mit Forster vergessen eines der ehrlichsten und besten Bücher über die tückische Krankheit Demenz geschrieben, eine Krankheit, die mit zunehmender Lebenserwartung der Menschen und Überalterung der Gesellschaft zu einem gravierenden Problem wird. Und obwohl „vergessen“ im Titel steht und Vergesslichkeit als das Hauptsymptom gilt, beschreibt Touchell schonungslos, wie das anfangs „ein bisschen tüddelig sein“ den Kranken verändert und schließlich zerstört.

Man kann es Wesen, Persönlichkeit oder Seele nennen: Ein Mensch ist die Summe seiner Erlebnisse und Erinnerungen, seiner Taten und Gedanken, seiner Gefühle, Ängste und Wünsche. Und wenn das alles verschwindet, weil Nervenzellen und die Verknüpfungen zwischen ihnen zugrunde gehen, dann wird er ein anderer, in den seltensten Fällen besserer oder sympathischerer Mensch – im Gegenteil. Erwachsene wollen nicht wahr haben, dass dieser Mensch schließlich nichts mehr mit der Person zu tun hat, die man geliebt, der man vertraut hat. Foster aber erkennt diese Veränderungen. Noch ist dem Jungen aber nicht klar, dass diese Wesensmutationen unumkehrbar sind, der Beginn einer grausamen Reise ins Nichts, die totale Finsternis.

Seine Mutter kann damit überhaupt nicht umgehen, seit ihrem schweren Unfall vor einigen Jahren, Wochen im Koma und gezeichnet von einer halbseitigen Gesichtslähmung, verdrängt sie zunächst die nicht zu übersehenden ersten Anzeichen, dann die Schwere der Erkrankung ihres noch relativ jungen Mannes. Vor lauter eigenen Sorgen und Kummer lässt sie ihren Sohn allein mit seinen Sorgen, sagt, dass „er sich darüber nicht den Kopf zerbrechen soll“, was eher ein schlechter Witz, entsprungen aus schierer Hilflosigkeit, ist.

Foster ist ein sehr guter, sensibler Beobachter und Dianne Touchell beschreibt seine Empfindungen bildgewaltig und eindringlich: „Als Mum Foster nach der Schule abholte, wollte er sie fragen, ob das mit dem Verrücktwerden stimmte. Aber er ließ es dann doch lieber. Mum hatte einen ganz speziellen Ausdruck in ihrem Mienen-Repertoire, der ihr Gesicht zumachte wie eine Tür. Es war ihre Sprich-mich-nicht-an-Miene.“ Später lernt er, „auf leise Art traurig zu sein. Vorher war seine Traurigkeit etwas Lautes gewesen. Zu atmen, während gleichzeitig Schleim und und Tränen liefen, hatte Lärm gemacht. Aber in letzter Zeit konnte er weinen, ohne dass die Tränen überhaupt herausquollen.“

Der Siebenjährige erlebt, wie sein witziger, kluger, lebenszugewandter und patenter Papa zu einem Fremden wird, der den Familienhund auf die Straße scheucht, weil er ihn für einen Streuner hält; der im Eifersuchtswahn die Mutter schlägt und schließlich sein eigenes Spiegelbild angreift und zerschlägt, weil er sich selbst nicht erkennt.

Fosters Mutter verleugnet bis zur Selbstaufgabe. Wie so viele, die ihre dementen Angehörigen zu pflegen versuchen, kann sie sich nicht eingestehen, dass sie ihren einst geliebten Mann, ihren Beschützer, den optimistischen Fels in der Brandung und nicht zuletzt Hauptverdiener nicht mehr findet und immer wütender auf ihn wird, ihn vielleicht sogar schon hasst.

Demenz frisst die Seele des Menschen: Der rudimentäre Rest der vertrauten Person ist nur noch getrieben von Misstrauen, Wut, Gewalt, reduziert auf Instinkte, essen, schlafen, kacken, wobei Schlaf wegen der extremen inneren Unruhe immer seltener und schwieriger wird. Gegen diese Untoten hätte ich gern den Zombiefresser, der in meinem vorherigen Beitrag in den Koffer gepackt wurde. Demenz ist der pure Horror.

Unvermittelt bricht der ganze Zorn und die ganze Verzweiflung aus Fosters Mama in einem einzigen Laut heraus, einem lauten, kurzen Bellen. Nur ihre mit einem bodenständigen Galgenhumor ausgerüstete Schwägerin, Fosters Tante Linda, kann sie schließlich vor ihrem, man muss es so deutlich sagen, irrem Märtyrertum retten und professionelle Hilfe holen, geschulte Pfleger, die sich unvoreingenommen um den Kranken kümmern und sich selbst emotional schützen können. Helfer und Betreuer, die allen Beteiligten Pausen von der beklemmenden Familiensituation ermöglichen. Endlich erkennt auch jemand Fosters Elend und hört ihm zu.

Und Foster ist in der Lage, die winzigen, nur selten aufflackernden Lebenszeichen seines früheren, geliebten Papas zu erkennen und diese Momente festzuhalten: „Eine Gewohnheit ging nicht immer ihren gewohnten Gang.“ So gelingt es ihm, seinem Vater einen Rest Würde zu geben. Dad wird Foster vergessen, aber Foster wird sich noch lange an seinen geliebten, verlässlichen, phantastischen Vater erinnern.

Dianne Touchell: Foster vergessen, Übersetzung: Birgit Schmitz, Königskinder, 256 Seiten, ab 14, 16,99 Euro

Einpacken, einstecken, aufdecken

Es gibt Spiele die sind zeitlos gut, so das klassische Ich packe meinen Koffer. Die Autorin Regina Schwarz hat mit der Illustratorin Julia Dürr daraus ein sehr hübsches Bilderbuch gestaltet, das zusammen mit der kostenlos herunterladbaren App vor allem als Anregung zu verstehen ist. „Komm wir wollen Urlaub machen und packen alle Siebensachen …“ und schon geht es los. Was Erwachsene und Eltern meistens eher als anstrengend und lästig empfinden, steigert bei Kindern die Vorfreude auf die Ferien. Besonders wenn nicht unbedingt Vernünftiges in den Koffer wandert, sondern Sachen, deren Einsatz Spaß verheißt, unter anderem Picknickgabeln, Luftmatratze und Leuchtraketen.

Das wird aber, hübsch bunt und collageartig bebildert, den kindlichen Zuhörern nicht einfach so vor den Latz geknallt, sondern als zu erratender Reim. So lässt sich einiges anderes ins Gepäck hineinfantasieren: Warum nicht eine Picknickparabel und eine aufblasbare Fratze einpacken? Auf jeden Fall würde ich mit dem schönen, roten Taschenmesser auch einen Zombiefresser mitnehmen, den kann man immer brauchen (obwohl ich vor anderen lebenden Untoten sehr viel mehr Angst habe, aber das kommt beim nächsten Mal). Natürlich ist der Koffer viel zu klein, und Julia Dürrs lustiges und lebendiges Sammelsurium ergießt sich explosionsartig über mehrere Seiten … auf ein Neues! Ich packe meinen Koffer …

Der freundliche Herr Hoi hat in Pardon Bonbons auch mit Kindern zu tun, die etwas einstecken. Ihm gehört ein kleines Geschäft für Süßigkeiten, wo sich regelmäßig ein paar Kinder Bonbons nehmen, ohne zu bezahlen. Die junge Illustratorin Malin Neumann (1995 geboren) hat zu Marjaleena Lembckes Erzählung teils schwelgerische, doppelseitige Bilder gemalt, mit ungewöhnlichen Perspektiven. Dabei setzt sie nicht auf Bonbonfarben, sondern nimmt ein schönes gedecktes Blau als Grundton, der dem Ganzen etwas Gelassenes und zeitlos Elegantes gibt. Der aus Thailand stammende Herr Hoi glaubt einfach unerschütterlich an das Gute im Menschen. Er ist ein glücklicher Mensch, egal ob eine Kundin ihn ermahnt, „aufzupassen, dass die Kinder Ihnen nicht auf der Nase herumtanzen“ und sein Sohn sich über die Großzügigkeit des Vaters ärgert. „Pardon Bonbons“ sind seine Spezialität und die haben es in sich. Zwar wirbt der Bohem Verlag für das besondere Bilderbuch mit der Erkenntnis, „dass es nie zu spät ist, Entschuldigung zu sagen“, vor allem aber erzählt es von einer Lebenseinstellung, von der wir uns alle mehr als nur ein Stückchen einstecken sollten.

Zeitlose Wahrheiten entdeckt auch Emilia im Geheimnis der gelben Tapete. Andrea Schomburg erzählt in der Tulipan-Reihe Kleiner Roman, erneut sympathisch illustriert von Dorothee Mahnkopf, in zwei Zeitebenen von Freundschaft, Gruppendynamik und Außenseitern. Anscheinend hat es schon immer diese Typen oder – wie hier – biestige Mädchen gegeben, die als cool gelten und andere manipulieren können – bis man in den meisten Fällen merkt, dass es nur langweilige, oberflächliche Hohlbirnen sind.

Das ist harmlos und flott erzählt, ein bisschen im leicht betulichen Stil von Kinderbüchern aus den 50er Jahren, in denen das Geheimnis angesiedelt ist. Eindrückliche Sprachbilder wie in ihrer Erzählung Lisa und das Fluff findet Schomburg diesmal nicht. Doch abgesehen von der klugen Erkenntnis über das Wesen wahrer Freundschaft ist dieser Band Anlass für Erstleser, andere Kleine Romane zu entdecken.

Regina Schwarz: Ich packe meinen Koffer, Illustration: Julia Dürr, Tulipan, 2018, 36 Seiten, ab 4,18 Euro

Marjaleena Lembcke: Pardon Bonbons, Illustration: Malin Neumann, Bohem 2017, 42 Seiten, ab 3, 16,95 Euro

Andrea Schomburg, : Das Geheimnis der gelben Tapete, Illustration: Dorothee Mahnkopf, Tulipan, 2017, 64 Seiten, ab 7, 10 Euro

Glück mit vier Pfoten

Vor kurzem habe ich über einen Wunderhund gemeckert, die schneeweiße Retrieverhündin Alaska in Anna Woltz’ gleichnamigen Roman, weil mir das Tier doch etwas zu gut erschien, um wahr zu sein.

Jetzt kommen hier gleich zwei Hunde vor, und die sind alles andere als immer nur brav und duftend. Mein kleiner Hund Mister und Ein Hund namens Kominek sind zwei absolute Individuen und Charaktertypen, und genau das macht sie so sympathisch. Als Rudel brauchen beide nicht mehr als jeweils einen menschlichen Gefährten und von gehorsam unterordnen kann nicht die Rede sein. Eher auf der Nase rumtanzen und das ist bei Kominek fast wortwörtlich gemeint, doch dazu später mehr.

Mit dem struppigen Hund Mister und dem Erzähler fängt es denkbar zwiespältig und deshalb umso vielversprechender an: „Das ist keine so gute Idee“, sagt der Mann, als eines Tages ein kleiner Hund vor seiner Tür steht und sagt, er wolle bei ihm wohnen. Er habe einfach keine Zeit, er lasse sich nicht gern die Schnauze lecken, und einen Wachhund brauche er auch nicht. „Ich finde, nasse Hunde riechen grässlich“, kommt erschwerend dazu.

Aber der ungebetene Gast, von dem grandiosen Wolf Erlbruch hinreißend lebendig und ausdrucksstark gezeichnet, ist hartnäckig. Und so wird der Mann ein Herrchen wider willen, wobei selbst Herrchen schon viel zu viel vermeintliche Dominanz vorgaukelt. Vor allem ist er Unterhalter, Begleiter und Verfütterer von Leberwurstbroten an seinen haarigen Freund, den er trotz aller Frechheiten schon bald nicht mehr missen möchte.

Der Eingangsszene folgen viele tierisch gute Geschichten, die der Mann dem Hund Mister erzählt, moderne Fabeln und „Menschengeschichten“, wie Mister klug betont, weil sie so sind, wie Menschen glauben, dass Tiere denken und sich verhalten würden. Mister betreibt auf diese Art interessante anthropologische Studien, denen die Leser und Zuhörer durch seine gewitzten Einwände und Nachfragen folgen dürfen.

Der dänische Autor Thomas Winding, geboren 1932 (und 2008 gestorben) schreibt ungeheuer modern, von Gabriele Haefs ebenso frisch und klar übersetzt, allein seine Neuinterpretation des Märchens vom „Fischer un sin Fru“ als Portrait einer glücklichen Ehe lohnt das Buch. Oder die „Geschichte über Hühner im Wohnzimmer“, die von einem in sehr bedrängten Verhältnissen lebenden Mann handelt, der einfach nur mal seine Ruhe möchte und Rat beim Nachbarn sucht. „Es war einmal ein Mann, der allen Grund zum Jammern hatte.“ „Ja, wer hat das nicht“, kommentiert Mister. Nach einigen Tagen wundert er sich zwar über die „bekloppten Ratschläge und fragt sich, ob der Gute den Verstand verloren hat. Und doch gibt es eine überraschende Lösung und ein glückliches Ende.

Glücklich ist auch Mister mit seinem selbstgewählten Zuhause und Gefährten. Aber das war nicht immer so: Beim Anblick eines Spazierstocks reagiert das sonst so selbstbewusste Wesen sehr verstört und verängstigt – weil er als junger Hund gequält und fast totgeprügelt worden ist. Der geprügelte Hund steckt für immer in ihm drin.

Geprügelt wurde der kleine, schwarze Mischling Kominek nicht. Anfangs lebt er glücklich mit dem alten Autoschrauber Tadeusz auf einem Schrottplatz am Rande eines Dorfs am Fuß der Karparten. „Und so soll es für immer bleiben. Aber nichts im Leben ist für immer.“ Tadeusz stirbt. Das ist der traurige und spannende Beginn seiner Freundschaft mit Janusz, dem Klarinette spielenden Briefträger. Auch diese Beziehung beginnt unter widrigen Bedingungen. Und es dauert einige Zeit, bis der verwaiste Vierbeiner Vertrauen fasst und sich schließlich wieder „schnudelwohl“ in seinem Fell fühlt – er ist eine Mischung aus Schnauzer und Pudel.

Die Geschichte von Kominek und Janusz ist auch eine Liebeserklärung an das Land Polen und seine freundlichen Bewohner: 2017 erhielt die in Berlin Kreuzberg lebende Antje Bones ein Künstlerstipendium der Villa Decius in Krakau, das hat sie offensichtlich nachhaltig beeindruckt. Auch der Stadt huldigt sie: „In Warschau spielt die Politik, in Krakau der Jazz“, weiß Janusz und schwärmt von den unzähligen Clubs, die er selbst nur aus Erzählungen kennt. Jazz war schon immer die Musik freier Geister. Für Janusz und Kominek wird es das Tor in die weite Welt und in die Heimat des Jazz, nach Amerika (wobei die USA und geistige Freiheit unter Präsident Trump eher ein Oxymoron sind, aber in Kinderbüchern sei diese Analogie verziehen)

Wahrscheinlich hat der kleine Hund Mister recht und es sind letztlich keine Tiergeschichten, sondern wieder Menschengeschichten. Sie erzählen von unbedingter Freiheitsliebe, vom Respekt für das Individuum und vom großen Glück, das eigentlich ganz einfach ist: ein seelenverwandtes Wesen, genug zu Essen, ein Leben in Freiheit, ohne Angst. Glücklich macht Rumtoben, durch die Gegend stromern, in Dreck wälzen, schubbern, eine schöne Melodie oder ein unverhoffter Sommerferientag am Elbstrand mitten im April.

Natürlich kann ich als Katzenliebhaberin den Hunden nicht ganz das Feld überlassen, und seien sie auch noch so liebenswerte Typen. Dass Katzen nicht nur ganz reizenden Wesen sind, sondern auch ausgesprochen nützlich sein können, zeigt das Bilderbuch Sechs Gründe für schwarze Katzen der Italienerin Francesca Cosanti.

Mit viel Witz und Humor versucht Lili ihrer Mutter die große Schar schwarzer Samtpfoten schmackhaft zu machen: Nicht nur „sehen sie schöner aus als Gartenzwerge“, sie lassen sich auch vielseitig als stilvolle Accessoires aus dem Schöner-Wohnen-Spektrum verwenden: Zum Beispiel als hübsche Sofakissen, Buchstützen und Kleiderbügel. Die flächigen, farbenfrohen Bilder sind eine Augenweide und sehr überzeugend. Obwohl Cosanti auf dem hinteren Vorsatzpapier zeigt, dass Katzen natürlich lebendige Tiere mit eigenen Köpfen und nicht nur dekorativ sind. Deshalb unbedingt Restexemplare diese schnurrigschönen Buchs von 2012 kaufen.

Thomas Winding: Mein kleiner Hund Mister, Übersetzung: Gabriele Haefs, Illustrationen: Wolf Erlbruch, dtv Reihe Hanser, 2018, 160 Seiten, ab 8, 10,95 Euro

Antje Bones: Ein Hund namens Kominek, Illustrationen: Jasmin Schäfer, Knesebeck, 2018, 128 Seiten, ab 6, 13 Euro

Francesca Cosanti: Sechs Gründe für schwarze Katzen, aracari, 2012, 32 Seiten, ab 4, gebraucht ab 5,50 Euro

Auf den Hund gekommen

Der denkbare schlechteste Start in der neuen Klasse: Die 13-jährige Parker lässt sich hinreißen, bellt aus Spaß bei der Kennenlernrunde„Jingle Bells“ – und bekommt prompt den Spitznamen „Barker“ verpasst. Sven, der schlechte Witze auf ihre Kosten macht, um cool zu wirken, gibt selbst plötzlich merkwürdige Geistergeräusche von sich. Und muss allen sagen, dass er Epilepsie hat. Zwei Freaks knallen aufeinander.

In der Nacht begegnen sie sich erneut und sind ganz anders: Parker ist keine Witzfigur, sondern eine faszinierende Einbrecherin. Eine, die das Vertrauen in die Menschen verloren hat und sich nach einem bestimmten Lebewesen sehnt. Und Sven kann mir ihr reden, über seine Krankheit, die vor einem Jahr plötzlich begann und seitdem sein Leben bestimmt. Über seine Angst vor dem nächsten Anfall. Über seine Hilflosigkeit. Zwei verletzte Seelen nähern sich behutsam einander.

Die Verbindung zwischen Parker und Sven, zwischen ihren knalligen Images tagsüber und ihren sensiblen Nachtseiten, ist ein Hund. Genauer gesagt: Jene titelgebende Alaska, eine schneeweiße Golden-Retriever-Hündin. Jenes geliebte Wesen, von dem Parker sich vor vier Monaten trennen musste, weil einer ihrer kleinen Brüder allergisch reagierte. Und die jetzt als sogenannter Assistenzhund bei Sven lebt, von ihm „das Tier“ und „haariges Monster“ genannt, weil ihre Anwesenheit ihn ständig an seine Krankheit erinnert.
„Und da musste der Hund weg?“, fragt Sven seine nächtliche Besucherin.
„Oder Joey“, sagte sie. „Aber meine Eltern wollten ihn behalten. Also musste Alaska weg.“ Und riss ein hundeförmiges Loch in das Herz des Mädchens, dessen Leben ein paar Wochen später erschüttert wird durch einen Raubüberfall auf das Fotogeschäft ihrer Eltern. Parker muss, versteckt hinter einem Vorhang, ohnmächtig miterleben, wie ihre Mutter geschlagen und ihr Vater niedergeschossen wird. Weil die Täter entkommen, ist die Angst seitdem auch ihr ständiger Begleiter.

Ausgedacht hat sich diese vielschichtigen Charaktere die niederländische Autorin Anna Woltz in ihrem nun vierten Roman. In einem Alter, in dem man ohnehin unsicher ist, auf der Suche nach einem Sinn und sich selbst, wenn ein banaler Pickel einen schon aus der Bahn wirft, kann eine unkontrollierbare, beherrschende Krankheit, die einen mit dem Kopf auf den Boden knallen und „sabbernd und mit Gehirnerschütterung“ aufwachen lässt, einem komplett den Boden unter den Füßen wegreißen. Ebenso der Verlust eines geliebten Tieres.

Woltz lässt Sven und Parker aus wechselnder Perspektive erzählen und entspinnt grandiose Dialoge zwischen ihnen. Verständlich, dass Woltz die Lieblingsautorin der Übersetzerin Andrea Kluitmann ist, die erfrischend und glaubwürdig aus dem Niederländischem übersetzt. Mal komisch, mit trockenem Humor und Selbstironie, mal behutsam, dann wieder von entwaffnender Direktheit: „Das will jeder. Etwas Großartiges machen, damit die ganze Schule sofort weiß, wer man ist. Aber klappt das auch? Natürlich nicht! Das liegt wirklich nicht an deiner Epilepsie“, flüstert Parker. „Was hast du erwartet? Dass du Harry Potter bist? Dass man schon seit Jahren auf dich gewartet hat? Dass du die ganze Welt rettest?“

Später blafft Sven Parker an: „Sieh dich um Barker. Alle haben Angst. Oder sie haben nur mal kurz keine Angst – das ist so ziemlich dasselbe. Alle wissen, dass die Welt verdorben ist. Aber warum darfst du mehr Angst haben als alle anderen? Warum darfst du ständig darüber jammern und wir müssen einfach weitermachen mit dem Leben?“

Das erinnert an eine grandiose Szene aus Ally McBeal, in der die Titelheldin gefragt wird, warum eigentlich ihre Probleme immer so wichtig seien. Und Ally antwortet: „Weil es MEINE Probleme sind!“ Wie Sven und Parker nicht nur mit ihrem eigenen Leben weitermachen, wie sie beide über ihren Schatten und dem anderen zur Seite springen, und schließlich mit großem Mut für den anderen da sind – das ist die packende und zum Hinschmelzen schöne Geschichte von Freundschaft und größter Zuneigung.

Zuletzt noch eine kleine Mäkelei: So hübsch die Hündin als treues Bindeglied auch ist, wirkt sie doch etwas zu gut, um wahr zu sein. Kein Zweifel, dass manche Tiere einen sich anbahnenden epileptischen Anfall spüren und rechtzeitig vor dem Fallen warnen können. Aber dass ein Hund wirklich nur aus Wohlgeruch, Wärme und Verantwortungsbewusstsein besteht, sodass auch Sven schließlich vom haarigen Monster ganz hin und weg ist, erscheint doch etwas zu viel des Guten. Trotz Wunderhund ist es aber wieder ein wunderbarer Roman.

Anna Woltz: Für immer Alaska, Übersetzung: Andrea Kluitmann, Carlsen, 2018, 176 Seiten, ab 10, 12 Euro

Nur mit Verstand sieht man gut

PrinzMeine erste Begegnung mit Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz war nicht in Buchform, sondern auf der Bühne, genauer gesagt als Marionettentheater. Den Fuchs, der gezähmt werden will, und den Biss der Schlange zum Schluss erinnere ich vage. Am lebhaftesten ist mir die kürzeste Textpassage in der Puppen- Darstellung in Erinnerung geblieben: Die des Säufers, dem der kleine Prinz auf seiner Rundreise über seine Nachbarplaneten begegnet. Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass er in der Inszenierung gesagt hat, er trinke, weil er traurig sei, und sei traurig, weil er trinke, der Originaltext „vergessen, dass ich mich schäme“ war mir nicht präsent. Das fand ich einleuchtend und die traurigen Gestalten dazu, sogenannte „Penner“, kannte ich vom Sehen aus der Altstadt und später nicht nur dort.

Das Originalbuch habe ich tatsächlich nie gelesen. Es wird leider immer auf das Zitat „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ reduziert. Und dieser furchtbar Paulo-Coelho-hafte Sinnspruch, tausendfach verewigt auf Kaffeetassen, Radiergummis und Postkarten, wirkte auf mich bisher abschreckend.

Jetzt hat Isabel Pin für den Karl Rauch Verlag, der die deutschen Rechte am Original hat, unter dem Titel Kinder, wenn Euch ein Kleiner Prinz begegnet … die Geschichte für Kinder im Vorschulalter neu erzählt. Die Illustrationen sind die originalen des Autors, der Text wurde auf etwa ein gutes Viertel reduziert. Nur auf dem roten Vorsatzpapier sind sehr hübsche, von Pin gezeichnete, Wüstenfuchsköpfe zu sehen. Jetzt kann man natürlich fragen, warum so junge Kinder unbedingt diesen Text vorgelesen bekommen müssen, aber das ist eine Frage, die sich für viele Leute, denen de Saint-Exupérys Büchlein heilig ist, offensichtlich nicht stellt. Man merkt, ich stehe dem Projekt insgesamt etwas skeptisch gegenüber, wie auch der zwanghaften Modernisierung von Klassikern sowie einem vermeintlichen Kanon, was Kinder lesen und kennen sollten, im allgemeinen.

Deshalb gleich gerade heraus: Die kindgerechte Aufbereitung ist teils gut, teils schlecht. Insgesamt sind die Kürzungen gelungen, besonders auf das letzte Fünftel des Originals, die doch sehr rührselig und unvermutet leicht schwadronierende Todesszene und abschließende Gedanken, kann man sehr gut verzichten. Einige Passagen lesen sich fokussierter und gewinnen dadurch. Man merkt, dass die Kinderbuchautorin und preisgekrönte Illustratorin Isabel Pin als Tochter einer Deutschen und eines Franzosen in beiden Sprachen zu Hause ist.

In ihrer Version macht sich ein Problem aber schon mit dem neuen Buchtitel bemerkbar: „Kinder, wenn Euch …“. Störend wird diese direkte Ansprache, auf der ersten Seite im Vorwort: „Passt bitte gut auf, Kinder, es fängt an …“ Dieses etwas plumpe Abholen zieht sich vom Tonfall durch Pins gesamten Text. Ein guter Freund  von mir reagiert zu Recht aggressiv, wenn man im Gespräch sagt: „Jetzt pass auf!“, impliziert es doch, dass er seinem Gegenüber bis dahin nicht wirklich zugehört hat.

Verloren hat eine Schlüsselszene, als der Fuchs dem Prinzen erklärt, was es heißt, ihn zu zähmen: „Zähmen“, sagte der Fuchs, „bedeutet jemanden kennenzulernen und sich an ihn zu gewöhnen.“ Im Original kommt ein sehr essenzielles Wort vor für das, was Zähmen, also Freundschaft, bedeutet: „Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache“, sagte der Fuchs. „Es bedeutet, sich vertraut machen.“ Vertrauen ist ein soviel stärkerer Begriff als kennenlernen.

Verloren gegangen ist auch Antoine de Saint-Exupérys lakonische Sprache, sein trockener Humor und seine Illusionslosigkeit ob der „großen Leute“. Dass Erwachsene alles nur in monetären Werten bemessen und Vorurteile ihre Wahrnehmung bestimmen (und die Entdeckung des Heimatplaneten des kleinen Prinzen ungehört bleibt, weil der türkische Astronom keinen westlichen Anzug trägt), geht in Pins Neuerzählung ebenfalls unter. Gestrichen ist auch eine starke Szene zum Schluss des Originals, in der es um die missglückte Kommunikation zwischen Kindern und Erwachsenen geht: Wenn für Kinder wichtige Fragen unbeantwortet bleiben, weil die Großen sich mit vermeintlich relevanteren Problemen rumschlagen und gedanklich woanders sind; wenn, wie so oft, die großen Fragen vom schnöden Alltag gefressen werden.

Der Kleine Prinz handelt von Freundschaft. Und davon zu verstehen, wie Erwachsene ticken, sich mit ihrer Welt zu arrangieren und trotzdem Phantasie und ideelle Werte zu bewahren. Gewonnen hat auf jeden Fall das Original von 1946, beziehungsweise in meinem Fall die zeitlos moderne Übersetzung von Grete und Josef Leitgeb für den Karl Rauch Verlag 1956. Ich habe entdeckt: Der kleine Prinz ist viel mehr als ein billiger Kalenderspruch.

Isabel Pin: Kinder, wenn Euch ein Kleiner Prinz begegnet …, Antoine de Saint-Exupérys Der Kleine Prinz erzählt für Kindern, mit Originalillustrationen des Autors, Karl Rauch Verlag, 2018, 64 Seiten, 3 bis 6, 12 Euro

Plötzlich Mama

Dass das mit dem „großen bösen Fuchs“, wie der französische Illustrator Benjamin Renner seinen neuen Comic nennt, pures Wunschdenken des Helden ist, sieht man schon auf dem Titelbild: An das ziemlich müde, verkatert und absolut harmlos aussehende Pelztier kuscheln sich liebe- und vertrauensvoll drei putzmuntere Küken .

Tatsächlich haben Füchse kleine Vögel und auch schon deren Vorstufen, die Eier, zum Fressen gern, wortwörtlich. Friedlich mit ihnen zu spielen liegt nicht in ihrer Natur und entspricht bestimmt nicht dem Image eines gefährlichen Raubtiers. Das nennt man eine klassische Text-Bild-Schere – ein sehr anschaulicher Begriff aus dem Journalismus. Und etwas, das jeder aus seinem eigenen Leben nur allzu gut kennt: Man wäre gern souverän, cool, über den Dingen stehend und von allen respektiert. Oder eine erfolgreiche Karrierefrau, die Chefin, auf die alle hören, immer Herrin (absurder Ausdruck!) der Lage, die nebenher lässig Kinder wuppt und ebenso beiläufig ein fünfgängiges, total leckeres und gesundes Menü aus dem Ärmel zaubert. Aber so läuft’s selten mit den lieben Kleinen.

Aber wie ist der arme Fuchs überhaupt an den Anhang gekommen? Womit wir wieder zum klaffenden Unterschied zwischen Vorstellung und Realität kommen: Dieser Fuchs ist ein Loser, die totale Lusche. Niemand nimmt ihn ernst, wenn er sich auf den Bauernhof schleicht, um ein Ei zu klauen gegen seinen großen Hunger, da lachen ja die Hühner, im besten Fall. Meist sind sie ziemlich genervt vom notorischen Einbrecher, dem „rothaarigen Irren“ und schmeißen ihn hochkant wieder raus.

Vom Wolf kommt dann der vermeintlich raffinierte, todsichere Plan, dass der Fuchs ein paar Eier klauen soll, sie ausbrütet, und schon hat man deutlich mehr davon, nämlich ein paar leckere Hühnchen. Blöd nur, dass das frisch geschlüpfte Federvieh sich in bester Konrad-Lorenz-Manier auf das erstbeste Lebewesen fixiert, das sie sehen. Fortan denken die drei Federbälle nicht nur, der Fuchs sei ihre Mami, sondern halten sich selbst für kleine Füchse. Sie sind voller Bewunderung für ihre Mami und ihr liebstes Spiel wird eben das vom großen, bösen Fuchs, der sogar dem Wolf Angst macht. Natürlich lässt sich Isegrim überhaupt nicht von dem deutlich kleineren, rotbraunen Mit(-wald-)bewohner einschüchtern und fordert schon bald seinen Anteil vom genialen Plan: Hühnchenhappen. Dem stehen aber die neu entdeckten Gefühle des Fuchses entgegen. Er ist ganz gerührt von seinen Kükenkindern, geht ganz in der Mutterrolle auf und lässt sich schließlich auf enorme, auch schmerzhafte Kompromisse ein, um mit seinen Kleinen zusammensein zu können … und das kommt einem irgendwie bekannt vor.

Jüngere Leser erfreuen sich an den cartoonesken Übertreibungen, da wird ordentlich zugeschlagen, Gegner im Tom-und-Jerry-Stil mit Raketen in den Himmel geschossen, es gibt absurde Kostüme, und die Kampfküken behalten fast immer die Oberhand, ob es um Schlafplätze, Spielzeiten, Geschwisterrangeleien oder Mäkeleien beim Essen geht, und wenn’s wirklich brenzlig wird, rettet Mama sie.

Und sie lernen mal wieder, dass es nicht schlau ist, sich mit dem obercoolen Wald- bzw. Spielplatzmacker einzulassen, wenn es dem eigenen Naturell widerspricht.

Eltern erkennen sich in den pointierten, von Benjamin Mildner nonchalant mit trockenem Humor übersetzten Dialogen wieder, nämlich, was die Erziehung, die angeblich „zu emotionale Bindung“ angeht und auch in den nervtötend sinnfreien „Gesprächen“ mit dem frisch die Welt erkundenden Nachwuchs. Schlaflose, kräftezehrende Nächte, nie seine Ruhe haben und mal für sich sein können, immer verfügbar sein zu müssen ist ebenso dabei wie totale Sentimentalität angesichts kindlicher Liebesbekundungen für die „beste, liebste Mami“ (geht einem später auch so, wenn der pubertär-grummelige Sohn plötzlich sagt „Hab dich lieb, Mama“; der Verstand sagt „Was für ein Hollywood-Kitsch“, aber das Herz ist gerührt).

Für alle gibt’s schräge Nebenfiguren und Charaktertypen, etwa der schluffige Hofhund, der sich wie ein Dorfbürgermeister um die Begehrlichkeiten der Hofbewohner kümmern soll und geschickt alle Arbeit delegiert. Oder die extrem dominante, meckernde Oberhenne mit ihren militärischen Bürgerwehrambitionen gegen einen eigentlich harmlosen, höchstens lästigen Gegner.

Genial sind Benjamin Renners Illustrationen: Im Fuchs spiegelt sich das gesamte emotionale Spektrum, er ist euphorisch, frustriert, voller Liebe, Fürsorge und Zuneigung, zweifelt und verzweifelt, völlig erschöpft, am Rand des Nervenzusammenbruchs, wütend bis zum Ausflippen, manchmal treudoof und manchmal sehr schlau – das alles zeigt sich in absolut treffend gezeichneten Grimassen und Gesten. Bei den Küken, die kaum mehr sind als ein helles Oval (auch als sie schon lange nicht mehr in der Eierschale stecken) gelingt es Renner sogar in absolut minimalistischer Form, ihnen enorm viel Leben einzuhauchen.

Bücher mit Füchsen gefallen mir per se, diesen hinreißend hübschen, klugen Einzelgängern (umso enttäuschter war ich vom unerträglich naturalistischen Geraune in Sarah Pennybeckers „Mein Freund Pax“, das deshalb hier auch nicht empfohlen wurde). Und Benjamin Renners gar nicht großer, böser Fuchs ist ein besonders liebenswerter.

Nicht zuletzt zeigt sich wieder einmal, dass es keine Blutsverwandtschaft und größtmögliche genetische Übereinstimmung braucht, um echte Familienbande zu knüpfen.

Benjamin Renner: Der große böse Fuchs, Übersetzung: Benjamin Mildner, Avant Verlag, 192 Seiten, ab 10, 25 Euro

 

 

Nichts zu teilen

Das nennt man Understatement: Als Sara Nick fragt, ob er heute was Spannendes erlebt hat, antwortet der: „Nein. Ich hab ein paar Sachen gemacht. Aber richtig spannend waren die nicht.“ Nick erzählt, dass er Handstand gemacht hat, ein bisschen geschwommen ist, sich ausgeruht und ein paar Mäuse gesehen hat.

Also tatsächlich Nichts passiert, wie der niederländische Kinderbuchillustrator Mark Janssen sein erstes Bilderbuch nennt? Von wegen: Was Nick verschweigt, sehen wir auf seinen wunderschönen Aquarellbildern: Den Handstand hat Nick auf dem Kopf eines riesigen, sehr freundlichen Tigers gemacht. Geschwommen ist er mit Walen, inmitten eines Schwarms bunter Fische. Ausgeruht hat er auf dem vor spitzen Zähnen strotzenden Maul eines Drachen. Und die paar Mäuse waren eher ein paar Hundert.

Die doppelseitigen Bilder lassen den Betrachter eintauchen in eine betörende Phantasiewelt und stehen in größtmöglichem Kontrast zu den von Nick und Sarah angegebenen Tätigkeiten.

Wenn Sarah sagt, „heute morgen hab ich einen Apfel gepflückt“, verschweigt sie, dass sie hoch oben auf einer Räuberleiter aus wie schwerelose Wolken wirkenden Elefanten, auf der Rüsselspitze eines kleinen Elefanten balancierte, um an den himmelhoch hängenden Apfel zu gelangen. Und während sie auf der Flöte eine Melodie gespielt hat, war sie von in allen Farben schillernden Paradiesvögeln umgeben und sitzt bei einem von ihnen auf dem Schnabel.

Und der Betrachter fragt sich: Fanden die Kinder ihren Tag tatsächlich so langweilig? Oder verschweigen sie absichtlich, was sie wirklich erlebt haben? Warum?

Eine Erklärung könnte sein, dass es ihnen allein keinen Spaß macht, egal was sie tun. Am Schluss schlägt Nick Sarah etwas vor: „Ich hab eine Idee. Wie wär’s, wenn wir morgen zusammen …? Einfach mal zu zweit …?“ Eine vorsichtige Einladung zum gemeinsamen Nichtstun, auf die Sarah begeistert eingeht: „Das wär echt toll, Nick!“ Und während die Kinder in Vorfreude auf den gemeinsamen Tag einschlafen, verwandelt sich der neutrale, weiße Untergrund in ein das kuschelige Fell eines gigantischen Eisbären, auf dem auch noch drei winzige Eisbärbabies schlummern und ein paar Mäuse rumtoben.

Vielleicht muss man aber auch nicht immer alles erzählen, sondern kann seine Phantasiewelten und die eigenen Erlebnisse auch mal für sich behalten. Im Zeitalter, in dem alles ständig mit allen geteilt, fotografiert, festgehalten und ausgeplaudert wird, ist das ebenso ungewöhnlich wie angenehm. Die ganzen nur in der virtuellen Realität existierenden Leute halten Normalität gar nicht mehr aus, alles muss immer hammermäßig und mehr als überlebensgroß sein, und durch das permanente Geplapper in den sozialen Medien vergewissern sie sich ständig dessen. Und doch ist jeder für sich allein in seiner aufgeblähten Welt.

Und dann kommt dieses faszinierende und farbenprächtige Bilderbuch, in dem nichts passiert. Und lässt die ganzen Selbstdarsteller vor Neid erblassen.

Mark Janssen: Nichts passiert, Übersetzung: Eva Schweikart, Sauerländer, 2018, 36 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

Herzensbildungsreise

leeDie Mitte ihres Leibes ist vom Nabel bis zum Brustbein frisch vernäht, und ein rötlicher Schimmer dringt von innen durch die Haut, wie wenn eine Laterne unter einem Laken brennt. „Also gut.“ Er packt die Pistole am Lauf, holt aus und zertrümmert der Frau den Brustkorb. Es klingt, wie wenn ein Stein durch eine Eisdecke bricht. Und da liegt das Herz. Es schlägt nicht eigentlich, sondern pulsiert wie eine Wunde.

Dieses Herz soll das Allheilmittel und die Lösung existenzieller Probleme sein. Es soll auch Montys Liebe retten. Die Suche danach hat den jungen Engländer von Frankreich über Barcelona bis in die Gruft auf einer versinkenden Insel vor Venedig getrieben. Und doch muss dieses Herz jetzt vernichtet werden, bevor noch mehr Unheil deswegen geschieht.

Passend zum 200. Geburtstag von Mary Shelleys unsterblichem Klassiker über menschliche Allmachtsphantasien verbreitet die Autorin Mackenzi Lee in ihrem furiosen Historienroman Cavaliersreise, übersetzt von Gesine Schröder, sanftes Frankenstein-Grauen.

Ebenso passend und weiblich pragmatisch packt ausgerechnet Montys jüngere Schwester beherzt zu und beendet den makabren Spuk. Wie hatte sie zuvor sehr richtig bemerkt und damit den jungen Männern die Schamesröte ins Gesicht getrieben: „Frauen können es sich nicht leisten, in Bezug auf Blut zimperlich zu sein.“

Ein solch gruseliges Finale der gemeinsamen Bildungsreise hätte sich weder Henry Montague, genannt Monty, noch sein gestrenger Vater in ihren kühnsten Träumen ausdenken können. Ihre Albträume hatten auch mit Herzensangelegenheiten zu tun, aber ganz anderer Art.

Vor wenigen Monaten noch war Monty halbnackt und verdreht, mit Megaschädel und ohne Erinnerung an den vorherigen Abend aufgewacht, schlonzte kurz am Frühstückstisch vorbei, küsste flüchtig seine Mutter zum Abschied, ließ eine ätzende Unterredung mit seinem Vater über sich ergehen und sprang in die Kutsche. So unbekümmert und formvollendet nonchalant würde man auch gern reisen. Für Monty und Percy, seinen Freund seit Kindertagen, ist es der Auftakt zur Cavaliersreise. Auf die begaben sich im 17. und 18. Jahrhundert junge Adelige nach dem Schulabschluss, um sich zu bilden in Kunst und Architektur, um klassische Kapitalen kennenzulernen wie Rom, Paris, Wien, Florenz oder Amsterdam, und um Verbindungen zu knüpfen in der gehobenen, herrschenden Gesellschaft Europas. Und nicht zuletzt, um sich noch einmal richtig auszutoben, bevor sie Verantwortung für Gut und Ländereien übernehmen.

Heute reist man ganz demokratisch und klassenübergreifend per Billigfluglinie, wobei der Bildungsaspekt mittlerweile kaum eine Rolle spielt und von anschließendem seriösen Lebenswandel auch nicht auszugehen ist.

Was ein großer Spaß für den 18-jährigen Monty und seinen Freund Percy werden könnte, bekommt gleich einen fetten Dämpfer: Nicht nur müssen sie Montys jüngere, ernsthafte Schwester Felicity mitschleppen, die kaum ihre bebrillte Nase aus ihren Schundromanen nimmt. Als absolute Spaßbremse wird ihnen noch ein Tutor aufgedrückt, mit allen notwendigen Reisepapieren und strengem Zeitplan sowie erzieherischem Auftrag.

„Ich verspüre den Drang, mich auf seine Schnallenschuhe zu übergeben“, kommentiert Monty für sich den ungewünschten Reisebegleiter. Aber man ahnt, dass sich hinter seiner reizend schnodderigen Fassade tiefe Gefühle und große Ängste verbergen. Und er wiederum kapiert, dass auch Percy und Felicity Geheimnisse haben. Und überhaupt ist die Welt ganz anders, als er sie bisher aus seiner privilegierten Perspektive als junger, attraktiver, wohlhabender und weißer Mann wahrgenommen hat. Allein für diese Erfahrung lohnt sich die Reise.

Schon bald ist klar, dass die amerikanische Historikerin Mackenzi Lee nicht nur eine packende Abenteuergeschichte geschrieben hat, gewürzt mit reichlich Promille und Flirts, prunkvollen Festen und üppigen Kostümen, inklusive Verfolgungsjagden, Räubern und Piraten. Wenn Monty aufgescheucht von einem Techtelmechtel nackt über den Rasen von Versailles flitzt, muss ihm seine kleine Schwester sagen, dass die Situation für ihn jetzt ein vielleicht ein bisschen peinlich ist, für sein Gespielin aber mehr als den sozialen Tod bedeutet.

Und nicht nur Felicitys vermeintliche Liebeslektüre lehrt einen einmal mehr, dass man ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen soll: Nur weil für Monty Percys dunkle Hautfarbe – Percys früh verstorbene Mutter stammt aus der britischen Kolonie auf Barbados – kein Thema ist, sondern ihn in Montys Augen eher noch attraktiver macht, ist der relativ behütet aufgewachsene, farbige Junge trotzdem alltäglichem Rassismus und Vorurteilen ausgesetzt. Wie auch Montys Schwester als Mensch zweiter Klasse gilt, eben weil sie ein Mädchen ist. Beiden wird eine fundierte Ausbildung, ein Studium und ein selbstbestimmtes Leben verweigert.

Selbst Monty darf nicht so leben und vor allem nicht so lieben, wie er will. Wie ein blutroter Faden zieht sich seine Herzensangelegenheit durch die Geschichte. Es ist das ewige, verwirrende, erregende, auch nervtötende Spiel aus Anziehung und Zurückstoßen, Schüchternheit und Mut, Sprachlosigkeit und der Angst endgültig die Antwort zu bekommen, die man am meisten fürchtet, die Angst vor dem Verlust. Hier wird sie nicht unwesentlich dadurch kompliziert, dass Monty Percy liebt, einen Mann, und sich nach dessen Körper sehnt. Vor 200 Jahren galt die sogenannte „Sodomie“ als Kapitalverbrechen und ist auch erst seit den 1970er-Jahren kein Verbrechen mehr – hierzulande.

Es ist eine packende Herzensbildungsreise: Für Monty, der immer ein charmanter Exzentriker bleiben wird, nun gezeichnet mit ein paar Narben und oberflächlich nicht mehr ganz so schön, dafür innerlich gereift und wesentlich weniger egoistisch. „Tausend Meilen musste ich reisen, um zu begreifen, dass ich nicht so übel bin wie meine übelsten Taten“, schreibt er abschließend aus dem griechischen Exil. Und für den Leser, der diesen kuriosen Gentleman mit dem größten Vergnügen fast 500 Seiten lang begleitet.

Mackenzi Lee: Cavaliersreise. Bekenntnisse eines Gentlemans, Übersetzung: Gesine Schröder, Carlsen, 496 Seiten, ab 16, 19,99 Euro

Tierisch interessanter Sex

sexÜber Sex bei Menschen glauben bereits die meisten Grundschüler gut Bescheid zu wissen, unter anderem durch Videos, die gemeinsam auf dem Pausenhof angeguckt werden.

Aber wie machen es eigentlich die Tiere? „Wie machen Elefanten Sex? Können Tiere schwul sein?“ Solche angesichts von einschlägigen Bildungsmedien wie YouPorn rührend kindlich-naive Fragen hört die Sexualpädagogin Katharina von Gathen häufig. Und deshalb hat sie jetzt im Klett Kinderbuch Verlag, der ohnehin für mutige, gegen den Strich gebürstete Veröffentlichungen steht, ein ganz besonderes Tierbuch herausgebracht: Das Liebesleben der Tiere.

Umfassend, in zahlreichen Kapiteln und inklusive eines Registers aller genannten Tiere informiert sie auf 144 Seiten über alles, was zum Thema Sex gehört und weit über den eigentlichen Akt hinausgeht. Auch erwachsene Leser, die wissen, dass das Liebesleben ganz schön kompliziert sein kann, wundern sich und lernen noch einiges. „Lustiges und Erstaunliches, Gruseliges und Merkwürdiges, Vertrautes und Fremdartiges“ verspricht die Autorin, und das ist noch untertrieben. Die Formen der Fortpflanzung treiben mitunter bizarre Blüten. Und doch hat sich alles für die jeweilige Art und Gattung bewährt und ist von der Evolution erprobt und für sinnvoll befunden.

Es fängt wie beim Menschen meist auch mit der Partnersuche an: Da wird zunächst gebalzt und geworben, ganz ohne Datingportale, dafür umso variantenreicher und farbenfroher. Lauben werden gebaut, es wird getanzt, gerubbelt, und nicht nur Nachtigallen und Vögel im allgemeinen trällern Liebeslieder. Auch männliche Buckelwale und Bootsmannfische locken mit süßen Sirenengesängen (oder was für die weiblichen Ohren der jeweiligen Tierart so klingt). Gibbons finden mit der idealen Duettpartnerin auch die perfekt passende Gespielin. Und Kugelfische malen tagelang mit ihren Flossen kunstvolle Mandalas in den Meeresgrund.

Dann geht’s zur Sache: ganz langsam oder sekundenschnell, einige setzten auf Täuschung oder Bestechung, manchen reicht einmal im Leben (und es ist nicht die Eintagsfliege), andere legen Marathons hin, stundenlang oder bis zu 40 Mal am Tag, bis zur Erschöpfung oder sogar bis zum Tod! Arme Breitfuß-Beutelmausmänner.

Sex dient auch bei Tieren nicht nur der Fortpflanzung, sondern erfüllt zudem soziale Funktionen: Bonobos setzten bekannterweise auf körperliche Liebe statt Gewalt.

Silberfischchen bauen Stolperfallen, die Befruchtung findet indirekt, wenn auch nicht im Reagenzglas statt. Und Fledermäuse, Mauersegler oder Nacktschnecken stehen auf Funsportvarianten. Es gibt aber nicht nur Kuschelsex: Erpel, die ganz rührende und treue Entenpapas werden, stehen auf brutale Gruppenvergewaltigung. Und Katerpenisse haben an der Eichel Stacheln und Widerhaken und sind äußerst schmerzhaft. Kein Wunder, dass Katzen danach nicht gut auf die Kerle zu sprechen und die meiste Zeit des Jahres aufs Rolligsein überhaupt nicht scharf sind.

Katharina von der Ganthen beschreibt diese Kuriositäten wohltuend klar und nüchtern, ohne zu vermenschlichen oder verniedlichen und niemals mit einem Feigenblatt vor dem Mund. Der Humor ergibt sich aus den tierischen Absurditäten an sich.

Das alles wäre aber nur halb so unterhaltsam und lesenswert ohne Anke Kuhls brillante und eigenwillige Illustrationen. Kuhl, die mit dem schrägen Antiwestern-Bilderbuch Cowboy will nicht reiten (Carlsen) debütierte und mit Alle Kinder (Klett) charmant politisch unkorrekte Scherze mit Namen gemacht hat, bildet seit Klär mich auf. 101 Kinderfragen rund um ein aufregendes Thema seit 2014 mit von der Gathen ein bewährtes Duo in Sachen Aufklärung. Die charakteristischen kleinen Glubschaugen verleihen ihren Figuren, ob Mensch, ob Tier, grandios treffende Gesichtsausdrücke und Emotionen.

Echte Hingucker sind ihre beiden aufklappbaren Panoramaseiten mit „Geniale Genitalien“: Es gibt nichts, was es nicht gibt, und Größe ist beileibe nicht alles.

Auch in den Abschnitten Schwangerschaft, Geburt und Familienleben finden sich etliche Kuriositäten, von denen die zweifache Geburt der Kängurubabys die bekannteste und entzückendste ist. Katharina von der Gathen hat im Vorwort nicht zu viel versprochen. Bei „Vertrauten“ ertappt sich der erwachsene Leser immer wieder dabei, Parallelen zu ziehen und festzustellen, dass im menschlichen Miteinander auch nicht alles so anders ist und vieles bestimmt nicht logisch.

Nur der Begriff „Liebesleben“ im Titel ist nicht ganz treffend, denn mit dem, was wir unter Liebe verstehen und was beim Sex eine Rolle spielen kann, aber nicht muss, hat der tierische Akt nichts zu tun. Es macht auf jeden Fall Riesenspaß, darüber zu lesen, und genau so sollte Sex auch sein: Nicht wie in den einschlägigen Filmchen athletisch und hyperästhetisiert, sondern lustig, entspannt, unreflektiert, auch mal unfreiwillig komisch, lächerlich, gelegentlich peinlich, doch stets ein Vergnügen und keine Pflichtleibesübung.

Katharina von der Gathen, Anke Kuhl (Illustrationen): Das Liebesleben der Tiere, Klett Kinderbuch Verlag, 2017, 144 Seiten, ab 8, 18 Euro

Freunde auf dem Holodeck

whaleyDas Leben ist kein Ponyhof. Auch ohne Kriege, Hungersnöte und Naturkatastrophen ist es nicht einfach, in der Welt klarzukommen. Zu sagen, „der Mensch ist des Menschen Wolf“, wäre falsch, weil ein Wolf im Gegensatz zum Menschen nicht bewusst und ohne Kalkül handelt. Menschen verletzen einander, haben Vorurteile, grenzen aus, erwidern Liebe nicht, leben sich auseinander, entwickeln konträre Meinungen und inkompatible Pläne. Gemeinsames Glück ist selten von Dauer, dazu kommen noch Tod und Schmerz. „Zu viel Gefühl“, wie Annette Humpe mit der brillanten Band Ideal einst sang. Ziemlich normal, dass das Angst macht und verunsichert. Trotzdem haben sich fast alle damit arrangiert.

Manche halten diese Welt aber nicht aus. So wie der 16-jährige Solomon Reed, der in John Corey Whaleys drittem Roman Hochgradig unlogisches Verhalten das Haus nicht mehr verlässt. Vor drei Jahren, an seinem letzten Tag in der Schule, hat er sich während einer Panikattacke ausgezogen und in den Brunnen gesetzt. Auch zu Hause leidet er unter furchtbaren Anfällen, mit Herzrasen, Schwindel, Atemnot, aber seltener und nicht exponiert.

Solomon hat einen pragmatischen Blick auf seinen Zustand: „Nach dem Brunnen war ihm klar, was er zu tun hatte. Weg mit allem, was Panik auslöst. Er wunderte sich, warum die anderen das nicht verstanden. Er wollte einfach nur ohne Todesangst leben. Manche Menschen kriegen Krebs. Manche werden verrückt. Keiner käme auf den Gedanken, einem Krebskranken die Chemo auszureden.“ Ein Plädoyer dafür, psychische Krankheit gleichberechtigt mit körperlichen Gebrechen anzuerkennen. Laut aktuellen Studien haben beispielsweise Menschen mit Depression mit dem Vorurteil zu kämpfen, sie litten unter Charakterschwäche und müssten sich einfach mal zusammenreißen.

Solomons Agoraphobie, seine Angst, das Haus zu verlassen, macht ihn für Lisa Praytor interessant. Die 17-Jährige will sich um ein Stipendium für ein Psychologiestudium bewerben, an der zweitbesten Universität für diesen Studiengang, um dort dann die Beste werden zu können. Sie erinnert sich noch an ihren früheren Mitschüler im Brunnen, wie er nackt und nass vom Direktor, notdürftig mit einem Jackett bekleidet, weggeführt wurde und nicht mehr zurückkehrte. Über ihn will sie den für das vollbezahlte Studium notwendigen Aufsatz mit dem Thema „Meine persönliche Erfahrung mit psychischen Erkrankungen“ schreiben. Und nebenbei glaubt sie, Solomon aus dem Haus bringen und heilen zu können. Deshalb schreibt sie ihm einen rührseligen Brief, in dem sie ihre wahren Motive verschweigt, stattdessen Empathie und Sorge vortäuscht und ihm ihre Freundschaft anbietet.

Und Lisa Praytor, diese extrem ehrgeizige, zielstrebige, perfekte, immer 150 Prozent gebende, von sich selbst mehr als überzeugte und eingenommene Schülerin ist alles andere als wirklich sympathisch. Selbst wenn man erfährt, warum sie sich so verhält: „Lisa hatte von ihrer Mutter einige wichtige Dinge gelernt. Wie man sich beim Autofahren schminkt, wann man weiße Schuhe tragen kann und wann nicht – solchen Sachen. Aber vor allem hatte Lisa gelernt, sich im Leben nicht alles gefallen zu lassen. Sie hatte keine Lust, so zu enden wie ihre Mutter: überarbeitet, leicht depressiv und in dritter Ehe unglücklich.“ Und Lisa will unbedingt weg aus Upland, einer kleinen Stadt in Kalifornien. Erstaunlicherweise wird sie aber auch am meisten in dieser Geschichte lernen.

Genau das macht einen Reiz dieses aus wechselnder Perspektive erzählten Romans aus: Die vielschichtigen, plastischen und lebendigen Charaktere, die sich selten so verhalten wie man es erwarten würde. Da ist zum Beispiel der dritte im Bunde dieser Freundschafts- und Befreiungsgeschichte: Lisas Freund Clark, Modellathlet, Wasserballer, Posterboy der Highschool. Aber eben kein typisches Abziehbild, sondern ulkig, herzlich, auch rätselhaft.

Oder Solomons Eltern, seine Mutter Valerie, eine sportbegeisterte Zahnärztin, und sein Vater Jason, der seine Vorliebe für Filme und Konstruktionen zum Beruf gemacht hat und als Kulissenbauer arbeitet, allerdings die Hollywoodstars mangels Interesse kaum auseinander halten kann. Beide haben sich damit abgefunden, dass ihr Sohn das Haus nicht verlässt und Therapieversuche aufgegeben. Trotzdem sind sie nicht nur aufopferungsvolle Eltern, sondern Menschen mit Wünschen und Plänen, die sich nicht nur um ihr Kind drehen.

Zwischen allen diesen Figuren, die man gern kennenlernen möchte, entspinnen sich witzige, schlagfertige und kluge Dialoge. Ein bisschen Filmwissen und Star-Trek-Kenntnisse steigern den Genuss des hochgradig unlogischen Verhaltens. Grundlegende Wahrheiten über Freundschaft und Verlieben lassen sich hervorragend auf dem Holodeck darstellen. Beiläufig spielt auch das Thema Homosexualität eine Rolle, und es werden ein paar Vorurteile, gerade bei vermeintlich toleranten Leuten, aufgedeckt.

Das Ganze ist von Andreas Jandl spritzig und unprätentiös übersetzt, da ist dann jemand auch mal angefressen oder sauer. Vor allem in den teils Screwball Comedy reifen Dialogen merkt man, dass Jandl Theaterwissenschaften studiert hat und Bühnenstücke übersetzt.

Grandios und erfrischend ist auch Solomons pragmatische, lebenslustige Großmutter, eine erfolgreiche Immobilienmaklerin. Ihr gelingt es am besten, Solomon aus seiner selbstgewählten Isolation zu befreien, sie nimmt ihn ernst, lässt ihn aber auch nicht mit seiner Krankheit einfach so davonkommen.
Und sie hat auch genau die richtige Einstellung zu dieser Welt. Als Solomon von Lisas tatsächlichem Plan erfährt, wirft er sie und Clark, die er bis dahin für seine Freunde, seine ersten echten Freunde überhaupt, gehalten hat, aus dem Haus und zieht sich tief enttäuscht und in all seinen Vorurteilen bestätigt komplett zurück. „So was aber auch! Sie sind nicht perfekt. Trotzdem geht es dir mit ihnen besser als ohne sie.“

So ist es nämlich: Natürlich wäre das Leben einfacher, wenn wir alle Vulkanier wären – kontrolliert, ohne diese blöden, oft traurig oder wütend machenden, irrationalen Gefühle. Aber ohne hochgradig unlogisches Verhalten wäre das Leben auch so viel langweiliger und eigentlich sinnlos.

John Corey Whaley: Hochgradig unlogisches Verhalten, Übersetzung: Andreas Jandl, Hanser 2017, 240 Seiten,  ab 13, 16 Euro,

Kosmos für Kunst

MuseumSoeben hat Ulrike hier Bücher vorgestellt, die jungen Menschen nicht nur Kunst nahe bringen können, sondern auch selbst zu Stift und Pinsel greifen lassen  und – wer weiß – den einen oder anderen Künstler hervorbringen.
Was dann tatsächlich Kunst ist, darüber lässt sich vortrefflich streiten. Und wo kann man das besser als im Museum? Wo sich ganz viele Bilder, Objekte und Installationen befinden, die als Kunst gelten, weil sie sich in einem besonderen Gebäude befinden, auf dem fett Museum steht. Und wo ganz viele Menschen die Werke betrachten können.

Aber was ist ein Museum? Und: Wie kommt die Kunst ins Museum? Diese Fragen beantworten die Kuratoren und Kunsthistoriker Ondřej Chrobák, Rostislav Koryčánek und Martin Vaněk unter anderem in ihrem erstaunlichen, gleichnamigen Wimmelsachbuch.

Dies ist kein klassisches Kunstbuch mit Künstlerbiografien oder Darstellung von Epochen und Richtungen. Hier wird die Institution Museum als besonderer Kosmos mit vielen Beteiligten gefeiert. Und man spürt auf jeder der von David Böhm mit viel subtilem Witz illustrierten, teils auf Panoramabreite aufklappbaren Seiten die Begeisterung der Autoren für ihre Arbeit und Museen an sich. Dabei haben sich die tschechischen Kunstkenner nicht auf ein tatsächliches Gebäude kapriziert, sondern vom Architekten Svatoplik Sládecek einen puristischen Kubus, eine kühne Spielfläche für die Kunst, entwerfen lassen.

Ob man etwas über Kultur und Geschichte lernen möchte, endlich die Originale zu hundertfach gesehenen Reproduktionen sehen oder einfach nur vor dem Regen und Lärm flüchten möchte – gute Gründe für einen Museumsbesuch gibt es diverse. Mindestens ebenso vielfältig sind die Leute, die in einem Museum arbeiten und es am Laufen halten: Von der Kuratoren über die Öffentlichkeitsarbeit bis zum Restaurator und zur Raumpflegerin – ihre Aufgaben werden anschaulich und pointiert erklärt. Die Autoren zeigen, wie sie alle zusammen arbeiten und und jede und jeder wichtig ist, um eine Ausstellung auf die Beine zu stellen.

Denn es reicht noch lange nicht, dass ein Museum Kunstwerke sammelt und hortet, sei es durch Kauf, Schenkung, Leihgaben oder Nachlässe. Es geht vor allem darum, diese Werke lebendig zu präsentieren, sei es, indem man sie in einen klugen Kontext präsentiert oder sie in einem ungewöhnlichen Licht und neuen Blickwinkel ausstellt. Kunst entsteht im Auge des Betrachters: Für einige ist Kunst die täuschend echte Wiedergabe von Gesehenem und offensichtliche Kunstfertigkeit in der Pinselführung. Andere sind von in Formaldehyd eingelegten Tieren, riesigen Spinnenskulpturen oder kuriosen Kettenreaktionen fasziniert. Und hinter einem ungemachten, versifften Bett, wie es die englische Künstlerin Tracey Emin 1998 in eine Galerie stellte, kann sich eine dramatische und berührende Geschichte verbergen.

Museen sind vieles: bunt, streitbar, verstörend, unterhaltsam, spannend, erhellend – nur eins sind sie in den seltensten Fällen: langweilig.

Auf den letzten Seiten fordern die Autoren ihre Leser noch einmal heraus: In einem Glossar zeigen sie die Werke, die im Buch vorkommen. Bilder und Skulpturen aus allen Epochen, von einer Fruchtbarkeitsstatue über Meisterwerke wie Botticellis Venus, Caravaggios Rosenkranzmadonna oder van Goghs Sternennacht zu modernen Klassikern von David Hockney, Mark Rothko und Otto Dix bis zum Streetartkünstler Keith Haring und den witzigen Zeichner David Shrigley – alle bezaubernd und variationsreich wiedergegeben vom Illustrator David Böhm. Wo sich alle diese Kostbarkeiten befinden, das kann jeder Leser selbst herausfinden. Dabei spielt das Buch eine große Rolle: Es ist nämlich nicht nur ein raffiniertes Kunstwerk für sich, das spielerisch das schafft, was gute Kunst ausmacht: die Welt und in dem Fall insbesondere das Museum aus einem neuen Blickwinkel zu sehen.
Vor allem aber gelingt ihm eins: Es nimmt die Schwellenangst. Denn es gibt soviel zu sehen und zu entdecken.

Ondřej Chrobák/Rostislav Koryčánek/Martin Vaněk: Wie kommt die Kunst ins Museum, Illustrationen: David Böhm, Übersetzung: Lena Dorn, Karl Rauch Verlag 2017, 62 Seiten, ab 8, 20 Euro

Bitterer Honig

Erster Teil: Lill-Miriam versteckt sich auf dem Dachboden ihrer Schule. Der Alarm heult, Sirenen schrillen, bohren sich wie Granatsplitter in ihren Kopf: „Die Geräusche zerquetschen mein Gehirn.“ Sie beobachtet durch die Dachluke, wie ihre Mitschüler von Menschen in weißen Schutzanzügen in Busse gescheucht und weggefahren werden. Sie versteht nicht, was vor sich geht. Sie ist nicht wie die anderen, lässt sich nicht wie Schlachtvieh abtransportieren. Sie identifiziert sich mit einer Biene. Ihr Versteck ist ihre sichere Wabe. Sie kennt sich gut aus mit Insekten, insbesondere Bienen, deren soziale Ordnung und Fähigkeiten sie bewundert. Und deren Honig sie liebt. Süßes gegen die Bitterkeit. Sie denkt nach, assoziiert, erinnert sich, auch an das, was ihre Mitschülerinnen ihr angetan haben, und an den Jungen, der sie gerettet hat.

Zweiter Teil: Auch Susan erinnert sich an das, was sie den „Vorfall“ nennt. Sie war eine der Peinigerinnen. Sie ahnt, dass Lill-Miriam sich jetzt in großer Gefahr befindet. Es hat einen Giftgasunfall in der Fabrik gegeben, die Schule und alle umliegenden Gebäude wurden evakuiert. Sie hat gesehen, dass Lill-Miriam nicht wie die anderen nach draußen gerannt, sondern gegen den Strom gelaufen ist, hat die angsterfüllten Augen des Mädchens gesehen. Augen, die sie an ihre Schuld erinnern. Kann und soll sie jetzt versuchen, Lill-Miriam zu helfen?

Dritter Teil: Auch Ruben sorgt sich um Lill-Miriam. Er denkt an ihre erste dramatische Begegnung, dem noch einige ganz besondere Momente folgten. Lill-Miriam ist anders. Eine Außenseiterin, wie auch er, der erst vor einigen Jahren von Kuba nach Norwegen gezogen ist, in die Heimat seines Vaters. Er versucht, das Mädchen zu verstehen, sich in sie hineinzuversetzen, um sie zu finden.

Drei Charaktere, drei Perspektiven, drei verschiedene Gedankenwelten, die alle miteinander verbunden sind.

Die norwegische Autorin Marit Kaldhol hat in ihrem nur rund 200 Seiten langen Roman Zweet grandios sehr unterschiedliche Themen und Genres verknüpft. Da ist zum einen das außergewöhnliche Mädchen, traumatisiert durch eine fast tödliche Mobbingattacke, das sich in die Welt der Bienen hineindenkt und hineinflüchtet, und die lebenswichtigen Bestäuberinnen vor dem Aussterben retten will.

Ihre assoziativen Gedankenketten lesen sich wie ein expressionistisches Gedicht, der Text ist entsprechend gesetzt, Kapitelüberschriften gleichen Gedichttiteln, dazu kommen zahlreiche wissenschaftliche Fußnoten zu in diesem Kontext vieldeutigen Begriffen wie „Imago“, „Biodiversität“, „solitär“ oder „CCD – Collapse Disorder“.

Lill-Miriams Sorge um die Bienen erinnert an Kaldhol vorherigen Roman Allein unter Schildkröten, wo ein Junge an seiner Verzweiflung über fortschreitende Umweltzerstörung und das Sterben der Meeresschildkröten zerbricht.

Besondere Ironie dieser neuen Geschichte ist, dass die Insekten wahrscheinlich infolge von versprühten Insektiziden die Orientierung verlieren und aussterben könnten. Und Lill-Miriam in der Schule an ausströmenden Giftgas zu sterben droht.

Susan ist es bisher gelungen, sich in der Gruppe zu verstecken, und konnte so das Gefühl der Verantwortung für ihr Handeln verdrängen. Mit ihrer Figur zeigt Kaldhol die gruppendynamischen Prozesse, die zum Mobbing führen, manche zu Tätern und andere zu Opfern machen: „Sie war anders als wir. Wir konnten es nicht leiden, dieses Anderssein. Dass sie war, wie sie war. So verdammt sie selbst.Es hat uns tierisch gestört, ihr Anderssein.
Wir waren ihr egal, sie bestimmte selber. Und sie war allein.
Was hat uns eigentlich daran gestört?“

Anderssein als Provokation. Es provoziert diejenigen, die fühlen und wissen, dass auch sie anders sind, andere Bedürfnisse und Träume haben, sich aber nicht trauen, auszubrechen und diese auszuleben. Weil es viel einfacher ist, mit dem Strom zu schwimmen, sich in der Masse zu verstecken. Alleinsein halten viele nicht aus, fühlen sich gleich einsam, isoliert, schwach. Sie sind neidisch auf das, was sie vorgeblich so verachten. Susan ist aber einfach nicht dumm und abgestumpft genug, um weiterzumachen wie bisher. Schon bei der Beschreibung ihrer Eltern zeigt sich, wie empfindsam sie ist und wie klug sie sich und andere Menschen einschätzt, wofür Kaldhol ihr starke Bilder zuschreibt: „Sie reden nie mit mir, immer nur zu mir. Mama könnte genauso gut ganz woanders sein. Sie sieht mich nicht an. Ihre bittersüße Nörgelstimme stinkt.“ Und ihr Verantwortung leugnender Vater kocht „hirnlosen Fraß“. „Was bitte schön ist der Sinn dieser Familie?“

Und dann ist da Ruben. Poetisch, mit viel Wärme erzählt er von seiner früheren Heimat Kuba, seiner Großmutter, und wie sehr ihn die Insel geprägt hat. Er denkt an das besondere Mädchen, das er schlicht Miriam nennt, was weicher klingt. Obwohl es kaum einmal zu einer Berührung zwischen ihnen gekommen ist, waren sie sich bereits sehr nah. Sie haben zusammen Honig geschleckt, sich Geheimnisse anvertraut, ihr Inneres geöffnet. Ruben bündelt seine Liebe zu Miriam in einem Wort, das niemandem im Zusammenhang mit ihr als erstes einfallen würde: süß. Anders gesagt: Du bist zweet. Es könnte der Beginn einer besonderen Liebe werden …

Elke von Berkholz

Marit Kaldhol: Zweet, Übersetzung: Maike Dörries, mixtvision, 2017, 196 Seiten, ab 14, 12,90 Euro

Lebensrettendes Chaos

meschenmoserMit klassischen Märchen habe ich Probleme: Zu unreflektiert werden überkommene Werte und Rollenvorbilder wieder und wieder erzählt, passend zum heutigen Neokonservativismus. Noch verhasster sind mir Hans-Christian Andersens Schauergeschichten, in denen Mädchen sich prinzipiell opfern und die sich wie die kindliche, überhaupt nicht kindgerechte Vorlage für Filmtragödien des dänischen Regisseurs Lars von Trier lesen. Für Märchen im Sinn von Geschichten, wie sie die von mir sehr geschätzte Jugendbuchautorin Meg Rosoff gegen den grassierenden Realismuszwang verteidigt, bin ich dagegen auf jeden Fall zu haben – gern auch für fantastische, naturwissenschaftlich absolut abwegige Abenteuer. Nirgendwo kann man besser den Horizont erweitern und dem Denken eine neue Richtung geben als zwischen zwei Buchdeckeln und dem, was das im eigenen Kopf entfacht.

Gegen den Strich und gängige Erwartungen gebürstete Märchen gefallen mir umso besser: Sebastian Meschenmosers neuester Streich Die verflixten sieben Geißlein ist mindestens so gut wie seine hier von mir bereits vorgestellte Adaption eines anderen Grimmschen Klassikers. Rotkäppchen hat keine Lust enthebt das Mädchen der Opferrolle, lässt sie als unabhängige Räuberin glücklich werden, während nun Wolf und Großmutter in einer tierisch guten WG zusammen leben.

Schon damals hatte der Wolf einen klaren Plan: „Kind, Höhle, Kochtopf, Zack“. Auch diesmal ist der Wolf absolut erfolgsgewiss: Allerdings reicht ein bisschen Kreide fressen heute nicht mehr aus, sondern er gibt sich wirklich Mühe als Germanys-Next-Top-Geißenmutter zu landen: Schon auf dem Vorsatzpapier (!) bastelt er sich schicke Geißenhörner aus aneinander geklebten Klopapierrollen, trägt Puder und Lippenstift auf, dazu ein schickes Kleid und Highheels. Und dann das: Direkt hinter der der Schwelle fällt das aufgetakelte Raubtier über einen Ball und mit der Tür ins Haus – und landet im schönsten Durcheinander. „Haaarrrghnnpff!“ Das Wohnzimmer ist kunterbuntes Suchbild Nummer eins: Wer findet alle sieben Geißlein, die sich hier verstecken? Obwohl ich kein Freund von bekleideten Tieren bin, sind sie hier auf Meschenmosers farbenfrohen Aquarellen ganz und gar richtig.

Es hilft nichts, der Wolf muss aufräumen, um etwas zwischen die Zähne und in den Magen zu bekommen. Kein Chaos, keine Verstecke mehr. Deshalb bringt der Eindringling systematisch das Haus in Ordnung. Und gerade als er alle Verstecke auf- und weggeräumt hat und seinen überhaupt nicht verschreckten, potenziellen Opfern auch noch eine Standpauke hält, – „Wie kann man nur so unordentlich sein! Ob sie sich nicht schämten, wenn jemand vorkommt, um sie zu fressen und so einen Saustall vorfinden muss?“ – kommt die Geißenmutter nach Hause zurück und bereitet dem ordnungsliebenden Wolf ein unrühmliches Ende.

Und die Moral von der Geschichte? Es lebe das rettende Chaos! Als jemand mit einem angeborenen Hang zur Schlampigkeit und großem Mut zur Lücke freue ich mich über Meschenmosers märchenhaftes Plädoyer für ein kunstvolles Durcheinander. Aktuelle Metastudien beweisen sogar, dass Perfektionismus tatsächlich tödlich sein kann: Nämlich wenn Menschen mit zu hohem, unerfüllbarem Anspruch an sich selbst zum Scheitern verdammt sind und sich im Extremfall sogar umbringen. Oder wie der kluge Karl Kraus einst sagte: „Das Chaos sei willkommen, denn die Ordnung hat versagt.“

Ein buntes Durcheinander feiert auch die Doodle Cat: Eine auf das Wesentliche reduzierte, dafür umso ausdrucksstärkere Katze. Teilweise nur mit roter Umrandung gekritzelt („to doodle“) zeigt das Tier alles, was es liebt, vom Tanzen über Meer und Sterne zu geometrischen Mustern und Pupsen. Doodle Cat liebt Unterschiede, die vielfältigsten Typen, denn logische Begründung: „Unterschiede machen uns interessant. Wenn wir alle gleich wären, hätten wir einander nichts zu sagen. Stell dir vor, du würdest den ganzen Tag bloß in den Spiegel starre. Langweilig“.

Und nicht zuletzt liebt Doodle Cat sich selbst. Das heißt, sie nimmt sich so an wie sie ist: sprunghaft, verspielt, vielseitig, unperfekt. Gesundes Selbstbewusstsein kann nie schaden. Illustriert hat Doodle Cat Lauren Marriott, die von sich selbst als geborene Zeichnerin spricht, genauer als „doodler“. Es sind wirklich liebenswert exzentrische Kritzeleien, die das Kinderbuchdebüt der Wahl-Neuseeländerin Kat Patrick bebildern und zum Leben erwecken. Der Schweizer aracari Verlag ist eben immer für eine Überraschung gut: Nach diversen zarten Entdeckungen aus Südkorea und dem Bestseller Heute bin ich der Niederländerin Mies van Hout jetzt ein buntes Bilderbuch vom anderen Ende der Welt, das in der Übersetzung von Ilse Layer ebenfalls das Potenzial zum modernen Klassiker hat.

Sebastian Meschenmoser: Die verflixten sieben Geißlein, Thienemann Verlag 2017, 30 Seiten, ab 4, 12,99 Euro

Kat Patrick: Ich bin Doodle Cat, Illustratrion: Lauren Marriott, Übersetzung: Ilse Layer, aracari Verlag 2017, 36 Seiten, ab 3, 13.90 Euro

Schinkensandwich mit Marmelade

„Träges Auge, Riesenschädel, schnarcht wie ein Nilpferd, oft krank, abartiger Essgeschmack, schreckliches Gedächtnis, ständig außer Atem, schmächtig, frech, kann nichts allein machen oder sich mehr als zwei Sekunden auf irgendetwas konzentrieren, Hirn tickt verkehrt, keinen Begriff für Gefahren. Mein absolut bester Kumpel der Welt.“

Martin liebt seinen drei Jahre jüngeren Bruder Charlie heiß und innig. Charlie wurde viel zu früh geboren, hat in seinen ersten Lebenstagen und –wochen mehrmals mit dem Tod gerungen und gewonnen. Vor zehn Jahren stand er als das „Wunderbaby“ sogar in der Zeitung, er ist ein ganz besonderes Kind unter Millionen, oder Charlillion, wie Charlie selbst sagen würde. Mit dem Preis, dass der Junge unter Asthma, Herzschwäche, und Konzentrationsstörungen leidet. Vieles, was für Kinder in seinem Alter selbstverständlich ist, kann er nicht und wird es auch nie lernen, er ist immer auf Hilfe und jemanden, der ihn im Auge behält, angewiesen.

Charlie ist wie ein springender Delfin, wie Mark Lowerys neuer Roman („Das peinlichste Jahr meines Lebens“) hierzulande heißt – was das bedeutet, wird später verraten. Er ist scheinbar der perfekte Held für ein Buch über gelungene Inklusion, das selbstverständliche Zusammenleben von Menschen, egal, ob „normal“ oder mit geistiger oder körperlicher Behinderung (selbst die Aktion Mensch, ehemals Aktion Sorgenkind, spricht von „Behinderung“, der naive, politisch überkorrekte Euphemismus „anders begabt“ ist passé).

Neulich ging es in der sowieso sehr empfehlenswerten Radiosendung „Büchermarkt für junge Leser“ (Samstagnachmittag um fünf nach vier im Deutschlandfunk) um Inklusion. Angefangen mit Klassikern wie Peter Härtlings Das war der Hirbel oder Max von der Grüns Die Vorstadtkrokodile wurden auch neuere Titel wie Wunder von Raquel Palacio und Sarah Crossans Eins vorgestellt. Denn immer mehr Jugendromane handeln von Menschen, die anders sind, die mit physischen und psychischen Problemen zu kämpfen haben. Wie ein springender Delfin ist eine spritzige Variante des Themas.

Charlie ist ungeheuer witzig, auch weil laut Martin sein Gehirn „anders verdrahtet“ ist, und haut Sätze raus, wie „wir fahren in die Schweiz, da kriegt mein Schniedel-Laser ein Upgrade“. Damit wehrt er zum Beispiel lässig die Fragen des misstrauischen Kioskbesitzers ab, der wissen will, warum der 13-jährige Martin mit seinem kleinen Bruder Ende Oktober schon frühmorgens unterwegs ist. Die beiden brechen auf in ein großes Abenteuer. Im Gepäck eine Keksdose mit „super-besonderen Weihnachts-Überbleibsel-Keksen“ (unter anderem mit Schokokränzen aus 90 Prozent Schokolade, fünf Prozent Keks, die restlichen fünf Prozent sind „Träume“, sagt Charlie) und Schinkenbroten mit Marmelade, Charlies Lieblingssandwiches.

Nennt mich naiv, aber ich habe mich mitreißen lassen und mitgefiebert, wenn die Jungs brenzlige Situationen, teils von Charlie provoziert, mit fanatischen Fußballfans oder neugierigen Kartenverkäuferinnen meistern, und Schaffnern und Polizisten immer wieder entwischen. Spannend und lustig erzählt Martin vom aufregenden Trip mehrere hundert Kilometer aus ihrer nordenglischen Heimatstadt Preston an die Küste Cornwalls, im Wechsel mit Rückblenden auf ihre Sommerferien eben dort im vergangenen Jahr. Auch die eingestreuten, von Martin geschriebenen Gedichte haben mir gefallen, zum Beispiel ein hübsches Haiku

Du lebst nur einmal.
Wie wär es dann einfach mit
Keksen zum Frühstück?

Drei Zeilen mit fünf, sieben und wieder fünf Silben, so kann man sich die japanische Gedichtform doch endlich gut merken. Oder ein Formgedicht über und in Form einer Sanddüne.

Die Anzeichen, dass etwas nicht stimmt, habe ich willentlich ignoriert. Wer sich auf Mark Lowerys raffiniert aufgebaute, von Uwe-Michael Gutzschhahn erfrischend übersetzte Geschichte unvoreingenommen einlässt, den trifft die Wende umso heftiger. Gespoilert wird nicht, nur soviel: Die Fahrt nach Cornwall ist für Martin eine Reise zu sich selbst und ein Rettungsversuch. Familie ist ein fragiles Konstrukt. Und auch alle Liebe und Hingabe macht nicht alles möglich. Menschen mit Behinderungen sind sich meist schmerzlich bewusst, dass sie vieles nie werden tun und erreichen können. Sie haben dieselben Träume und Wünsche nach einem selbstbestimmten Leben, aber nicht die Freiheit, sie sich zu erfüllen.

Deshalb fühlt Charlie sich so zu dem Delfin hingezogen, den er im Sommer an Cornwalls Küste beobachtet. Ein freies Wesen, das nicht eingesperrt lebt und unabhängig ist. Ein Tier, in dessen wilden, kraftvollen Sprüngen sich Charlies Schicksal und das seiner Familie in allen Facetten spiegelt: Schöne Metapher, klasse Helden, tolles Buch!

Elke von Berkholz

Mark Lowery: Wie ein springender Delfin, Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, Rowohlt, 2017, 221 Seiten, ab 12, 14,99 Euro