Wunderbar altmodisch

willoughby

Ich muss dich etwas fragen.« Mr Willoughby kaute einen Moment an seiner Lippe.
»Ja, Liebster?«
»Magst du unsere Kinder?«
»Oh, nein«, antwortete Mrs Willoughby. »Hab ich noch nie. Besonders den Großen. Wie heißt der noch mal?«
»Timothy Anthony Malachy Willoughby.«
»Genau, der. Den mag ich am allerwenigsten. Aber die anderen sind ebenfalls schrecklich. Das Mädchen quengelt ständig, und vor zwei Tagen hat sie sogar versucht, mich dazu zu bringen, einen hässlichen Säugling zu adoptieren.«
Ihrem Mann schauderte.
»Und dann sind da noch die beiden, die ich nie auseinanderhalten kann«, fuhr Mrs Willoughby fort.
»Die Zwillinge.«
»Ja, genau die. Wieso um Himmels willen müssen die so gleich aussehen?«

Mr und Mrs Willoughby können ihre Kinder nicht ausstehen.
Kein Wunder, dass die Abneigung längst gegenseitig ist und sich die vier Willoughby-Kinder, der zwölfjährige Timothy, die Zwillinge Barnaby A und B, zehn Jahre alt, sowie ihre sechsjährige Schwester Jane nichts sehnlicher wünschen als Waisen zu sein.

Vertrackt. Teuflisch. Gruselig

Als Ältester härtet Timothy seine jüngeren Geschwister mit Schikanen, demütigenden Spielen und Beschimpfungen gegen jede Gefühlsduselei ab, was ihn im Vergleich mit den Eltern sehr fürsorglich macht. Dass Mr und Mrs Willoughby überhaupt so viele Kinder bekommen haben, liegt daran, dass sie einander in ihrer Bösartigkeit sehr zugetan sind – Unfähigkeit oder Unwillen, Kinder groß zu ziehen, schützen leider nicht vor Schwangerschaft.
Als Erwachsener ist man noch kurz geneigt, die Eltern teilweise zu entschuldigen: Dass die Mutter nur widerwillig kocht, macht sie fast sympathisch. Auch dass der Vater Waffen hasst und Ehrfurcht ihn abstößt, sind nicht die schlechtesten Charakterzüge.
Doch spätestens als die Erwachsenen sich auf eine Reise begeben, das Haus zum Verkauf anbieten und ihre Kinder rausschmeißen lassen wollen, ist klar: Diese Eltern sind wirklich schrecklich! Oder wie die Kinder ganz richtig sagen: »Vertrackt. Teuflisch. Gruselig. Widerlich, absolut widerlich.«

Kinderbuchklassiker mit schrägem Humor

Das ist die perfekte Ausgangssituation für eine wunderbar altmodische Geschichte, die gleichzeitig zahlreiche Kinderbuchklassiker und Märchen karikiert.
Zwar sind es vor allem angloamerikanische Erzählungen wie Der geheime Garten, Die Abenteuer des Huckleberry Finn, James und der Riesenpfirsich oder Betty und ihre Schwestern, aber das Prinzip ist auch hierzulande verinnerlicht worden: Grundvoraussetzung ist fast immer, dass die Helden dieser Geschichten Waisen und auf sich allein gestellt sind.
Zur schrecklichen Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby gehören noch ein Findelkind und ein depressiver Millionär, dessen Frau und Kind von einer Lawine verschüttet wurden.
Autorin Lois Lowry, Jahrgang 1937, mischt exzellent Kinderbücher, die sie geprägt haben, mit erfrischender Direktheit und schrägem Humor: Zum Beispiel zeigt sie Amerikaner in der Schweiz, die genau jene Arroganz an den Tag legen, wie umgekehrt alle die Leute, die denken, sie könnten Englisch sprechen, weil es vermeintlich so simpel ist. »It makesch me vant to kotz«, ist zwar sehr treffend, aber kein Deutsch, nicht mal Schwyzerdütsch. Johanna Spyris Heidi wird von Tim beim Anblick eines späten Heimkehrers originell zusammengefasst: »Das ist der Ziegenpeter! Wir könnten ihm Lesen und Schreiben beibringen, und danach lächeln wir, umarmen uns und sagen irgendwelche religiösen Sachen.«

Kompetentes Kindermädchen

Es ist eine ziemlich gefühlskalte und kinderfeindliche Welt, in der sich nicht nur die Geschwister Willoughby behaupten müssen. Das Gegenteil der Realität vieler Kinder heutzutage, die sich vor ihren Helikoptereltern kaum retten können.
Und wenn wirklich alles ganz elend ist, dann geschieht manchmal ein Wunder – in diesem Fall in Gestalt einer handfesten, grundehrlichen und herzensguten Kinderfrau, die aber auf gar keinen Fall mit Mary Poppins verglichen werden will. »Diese Nachtschwärmerin, ich werde fast zuckerkrank, wenn ich nur an sie denke.« Womit sie  P .L. Travers selbstbewusster und eigenwilliger Originalfigur Unrecht tut, aber das gleichnamige Musical dominiert eben das Image.
»Ich bin einfach ein kompetentes und professionelles Kindermädchen«, sagt sie über sich selbst.
Neben ihr ist die kleine Jane die zweite, anders starke und sehr intelligente weibliche Figur. Beide bieten den notorischen Dulderinnen von Unglück und sozialer Ungerechtigkeit wie Jane Eyre oder Polyanna Paroli.

Wie am Ende (fast) alle glücklich werden und was das mit Schokoriegeln, einem sehr unglücklichen Jungen in der Schweiz und der Tatsache, dass eine protestantische Nanny nicht ins Kloster gehen kann, zu tun hat, erfährt man in dieser schrecklich schönen und abscheulich witzigen Geschichte.

Lois Lowry: Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby (Und wie am Ende alle glücklich wurden), Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, dtv junior, 2019, 176 Seiten, ab 9, 12,95 Euro

Ein Genre – tausend Welten

Hans ist ein netter Kerl. Aber zum Haareschneiden hat er kein Talent, wie Øyvind Torseter auf der ersten Seite seines neues Kinderbuchs Hans sticht in See sehr lustig zeigt, wochenlange bad hair days garantiert. Also verliert der sanftmütige Schlacks mit dem freundlichen Gesicht, einer Mischung aus Mumin und Elchkopf, gleich wieder seinen ersten Job. Kurz darauf ist auch noch seine Wohnung weg, seine Habe weggeschlossen und nur gegen 70.000 Kronen auslösbar.
»Ich brauchte etwas Starkes«, denkt Hans und geht in die Hafenkneipe, wo er sonst nie hinkommt. »Was Starkes« sind Chilinüsse – aber die sind aus! Hans hat ziemliches Pech.
In der sozialen Realität von Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot beginnt der norwegische Autor und Zeichner Torseter seine charmante Neuerzählung von Hans im Glück. Seinen Hans, schüchtern und sanftmütig, kennt man von seiner Neuinterpretation der norwegischen Sage Der siebente Bruder. Vom Äußeren her erinnert er auch an sein niederländisches Pendant Krawinkel, bester Freund des Hundes Eckstein.
Weil Hans wirklich nichts mehr zu verlieren hat, lässt er sich von einem großspurigen Millionär anheuern, das größte Auge der Welt für dessen außergewöhnliche Sammlung zu suchen.

Keine Graphic Novel – hier wird über die Bilder erzählt

Auf einer stimmig kolorierten Doppelseite zeigt Torseter mit viel Liebe zum Detail zahlreiche Kuriositäten. So vielfältig und einfallsreich wie die Geschichte, die sich zu einer Odyssee und Liebesgeschichte entwickelt, sind auch die Bilder, mit denen der mehrfach ausgezeichnete Autor erzählt. Mal sind es nur ganz reduzierte Schwarzweißzeichnungen, gerade mal die Konturen mit leicht verwackeltem Strich angedeutet, dann malt er Tableaus von Kneipeninterieurs, Stadtansichten, Schiffsquerschnitten und Tiefseewelten. Dabei setzt Torseter Farbe dezent und meist flächig ein, um Stimmungen zu erzeugen. Als Innenarchitekt wäre er wohl auch sehr überzeugend.
Obwohl andere es so nennen, Hans sticht in See ist keine Graphic Novel, und zwar nicht nur, weil der Text deutlich unterliegt. Es ist die perfekte Mischung aus Comic und Kinderbuch, hier wird über die Bilder erzählt, Dialoge stehen in klassischen Sprechblasen.

Synthetischer Seemannspulli und Gin Tonic

Witzig ist die Mischung aus Märchen und Anspielungen an das Hier und Jetzt. Seinen Seemannspulli verschenkt Hans an einen frierenden Delfin, der sich sehr darüber freut, »obwohl es nur Synthetikwolle ist«. Gegen Skorbut auf große Fahrt mitgenommene Zitronen verschwinden im Gin Tonic, mit dem sich die blinde Passagierin unter Deck über Wasser hält. Es tauchen mythische Figuren auf wie ein sehr wütender Wal und ein gefährlicher Zyklop, wuschelig weiche Reisebegleiter spielen ebenso eine Rolle wie ein verlorenes Medaillon. Manchmal hat man das Glück direkt vor der (weichen, großen) Nase – und findet es aber erst nach langer Irrfahrt.
Hans sticht in See ist ein wunderbares Comic mit allem, was richtig gute Bildergeschichten brauchen.

Ein sprachlich und optisch höchst unterhaltsames Vergnügen ist der erste Band der neuen Comicreihe Atom Agency. Die Juwelen der Begum basieren auf einem dreisten Blitzüberfall 1949 an der Côte Azur, bei dem historisch verbürgt der Begum, Frau des Aga Khans, Schmuck im Wert von zwei Millionen Mark geraubt wurden. Der junge Atom, armenischstämmiger Sohn eines Polizeikommissars in Paris, wittert seine große Chance als Privatdetektiv. Gemeinsam mit Freundin und Assistentin Mimi sowie dem ehemaligen Catcher Jojo versucht er den Schmuck zu finden.

In der Tradition belgischer Comickünstler

So wohlbekannt das Genre, so klassisch sind auch die Zeichnungen. Olivier Schwartz ist ein Vertreter der Nouvelle Ligne claire, in der Tradition der großen belgischen Comickünstler wie Hergé und André Franquin, letzterer bekannt für Spirou und Fantasio. Deren Abenteuer setzt Schwartz gemeinsam mit dem Szenaristen Yann seit einigen Jahren fort. Und jetzt hat dieses kongeniale Duo ein schlaues und schlagkräftiges Trio ins Leben gerufen.
Schwartz‘ Bilder leben von der Detailtreue: in einer Autowerkstatt sind mehrere Michelinmännchen zu sehen, an der Wand hängt ein Plakat des Autorennens in Monaco von 1937. Das Bistro wird dekoriert mit Martini-Reklame, auf den Tisch kommt Ricard. Auf dem Boulevard wirbt ein Plakat für Orson Welles Der dritte Mann, Straßenkreuzer bekannter Automarken rauschen vorbei, historische Neonschriftzüge blinken an Fassaden.

Vielmehr ein Paradigmenwechsel

Yann setzt alles stimmig und spannend in Szene. Seine Dialoge sprühen vor Wortwitz, besonders die sehr selbstbewusste, kluge und unabhängige Mimi nimmt kein Blatt vor den Mund. Jojo, der die Ermittlungen finanziert, stellt klar: »Ich spiele auf keinen Fall den Muskelprotz, den Idioten mit ´ner Erbse im Schädel, der die Türen eintritt, den Frontmann, der die Bösen verhaut und den Strohkopf, der die Koffer schleppt! Nee! Njet! Nichts da!« Und schlägt »vielmehr einen Paradigmenwechsel vor«.
Ganz klassisch, ganz ohne Klischees. Nebenbei lernt der Leser einiges über die Résistance. Aus sehr unterschiedlichen Menschen mit diversen Motiven setzte sich die französische Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer während des zweiten Weltkriegs zusammen. Kommunisten, aufrechte Franzosen, politisch Verfolgte und echte Gangster kämpften gemeinsam für ein freies Frankreich und die Demokratie. Alte Netzwerke und merkwürdige Konstellationen blieben bis weit in die Nachkriegszeit bestehen.

Résistance und Armenier, Geschichte und Familienkonflikt

Man erfährt zudem etwas über Armenier in Frankreich, von denen der als guter Bekannter von Atoms Vater genannte Aznavourian der bekannteste ist, der Chansonier und Schauspieler Charles Aznavour. Atom ist ein traditionell armenischer Vorname, den sein Vater ihm zu Schadenfreude seiner ihm wohlgesonnenen Onkel verpasst hat, zusammen mit der Forderung, ein »anständiges armenisches Mädchen« zu heiraten. Also auf keinen Fall eine wie die emanzipierte und freiheitsliebende Mimi. Hier vermischt sich sehr raffiniert Geschichte mit Fiktion, wahre Verbrechen mit Krimistory, Familienkonflikt mit Zeitkolorit. Ein toller Auftakt, der große Lust auf Fortsetzung macht.

spiderman

Spiderman – A New Universe ist das, wie mehrfach auf den ersten Seiten betont wird, offizielle Buch zum Film. Also das Buch zum Film, der das Anime zum Spielfilm zum Comic ist – Comic auf der Metaebene. Und ein Band aus der Sachbuchreihe für Erstleser aus dem Dorling-Kindersley-Verlag. Jetzt können ganz junge Superheldenfans das neue Universum des Spinnenmanns erkunden.
Aber was heißt ein Universum oder Spinnenmann?! Viel besser, auch Marvel erweitert sein Weltbild. Seit dem Animationsfilm von 2018 wissen wir: Es gibt nicht nur einen Spiderman. Sondern ganz viele. Es sind Frauen und Mädchen, junge Schwarze und düstere Typen vom alten Schlag, und Spider-Ham, in dessen Universum es überhaupt nicht ungewöhnlich ist, dass Schweine Superhelden sind.

Helden und Schurken gibt es so viele wie Parallelwelten

Es gibt so viele Helden wie es denkbare Parallelwelten gibt. Und jede braucht Leute, die gegen das Böse antreten. Denn auch die gibt es weiterhin massenweise, da bleibt Marvel konservativ. Oder wie Toby Maguire in einer meiner Lieblingsszenen sagt, wenn er sich nach dem Kampf mit dem Sandmann auf einem Hochhaus sitzend den Sand aus den Schuhen kippt: »Wo kommen diese Typen nur alle her?«
Dieses Sachbuch erweitert auf originelle Weise das Weltbild ganz junger Leser_innen und lässt erfahrenere Leser (und Filmliebhaber_innen) die früher etwas eindimensionalen Superheldengeschichten mit neuen Augen sehen.

Drei Bücher, die zeigen, wie vielfältig und klug, erfrischend und lebendig das Comicgenre ist.

Øyvind Torseter: Hans sticht in See – Die Irrfahrt eines mittellosen Burschen auf der Suche nach dem Glück, Übersetzung: Maike Dörries, Gerstenberg 2019, 160 Seiten, ab 12, 26 Euro

Yann, Olivier Schwartz: Atom Agency – Band 1 Die Juwelen der Begum, Übersetzung: Marcel Le Comte, Carlsen 2019, 56 Seiten, ab 12, 12 Euro

Marvel: Spiderman – A New Universe. Das offizielle Buch zum Film, aus der Reihe Sach-Geschichten für Erstleser, Dorling Kindersley, 95 Seiten, ab 6, 7,95 Euro

Lebensräume und Lebensträume

maus

Die kleine Maus kennt sich aus in der Welt. Sie liest Bücher über Luftfahrt, Tiefsee und Radsport. Doch als immer mehr Wurzeln in ihre gemütliche Lesehöhle wachsen, merkt sie, dass sie keine Ahnung hat von ihrer näheren Umgebung. »Ich brauche ein gutes Buch über die Natur«, denkt die Entdeckermaus, und kommt raus, um ihren Lebensraum zu erkunden und selbst eins zu schreiben. Mit diesem Plädoyer fürs Selberentdecken und gute Sachbücher beginnt sie sofort rund um ihren Mäusebau.
Da gibt’s Larven und schlafende Spitzmäuse, die sich vom Kriechgetier ernähren. Weiter geht’s auf die Wiese, in den Wald, an den Teich und in den Garten. Die Maus hat leicht praktikable und tierschonende Tipps, um alles genau unter die Lupe nehmen zu können.
Die Mini-Humboldt erkundet einen Ameisenbau und taucht mit Kaulquappen ab, wo sie sogar noch eine Artverwandte findet. Die Natur funktioniert als Nahrungskette aus Fressen und gefressen werden. Leicht makaber ist die Vorratshaltung der Maulwürfe: Um immer frische Regenwürmer zu haben, verstümmeln sie die lebendigen Kriechtiere.
Tereza Vostradovská malt meist doppelseitige naturalistische Panoramen. Die getuschten Illustrationen von kleinen und großen Säuge- und Pelztieren, Vögeln und Fischen sind lebensecht und erinnern an Darstellungen klassischer Naturzeichnungen. Dazwischen tummelt sich die Entdeckermaus als Autorin. Sie ist ganz niedlich, aber nicht süßlich disneyhaft, mehr eine passende Gefährtin zu Zdeněk Milers kleinem Maulwurf.

Sympathisch aus der Zeit gefallen

Komm mit raus, Entdeckermaus ist sympathisch aus der Zeit gefallen. Kinder können heute kaum allein durch die Gegend stromern, es gibt keine verwilderten Grundstücke mehr wie in meiner Kindheit. Einen Garten haben zumindest die in der neuen Schrebergartengeneration.
Der Wald aber ist fast ein fast exotisches Habitat, dass auch die meisten Erwachsenen mehr aus den Büchern Peter Wohllebens kennen als durch eigene Anschauung, und wenn, dann als ein eher unnatürlich bewirtschaftetes Stück Forst. Trotzdem ist es ein großes Vergnügen mit der Maus ihren Lebensraum zu entdecken.

Auch im Wald, allerdings dem wirklich exotischeren, bunteren Dschungel, tummelt sich Äffchen. Die Großen schließen ihn aus ihren Vergnügungen aus – weil er noch zu klein sei. Deshalb macht sich Äffchen auf zu einer Soloklettertour. Mutig und unbekümmert überquert er den Fluss, hangelt sich zu den leckeren Früchten herauf und erklimmt den höchsten Wipfel. Dabei ist er sich der wahren Gefahr nicht bewusst, typischer Effekt, wenn Kinder nicht für voll genommen werden.
Das hätte auch grotesk schief gehen können, weil der von den älteren Affen getriezte Tiger sich durchaus an dem allein durch die Gegend stromernden Äffchen hätte rächen können. Stattdessen schwingt der Kleene sich zum krönenden Abschluss ausgerechnet am Schwanz der Raubkatze, den er für eine Liane hält, elegant vom höchsten Baum herab, direkt in die Arme der besorgten und liebenden Affenbande.

Äffchen wächst an seinem Abenteuer

Marta Altés erzählt in satten Farben mit subtilem Witz von der tierischen Exkursion. Dabei besticht auch wieder die hochwertige Ausstattung des Bilderbuchs aus dem Bohem Verlag: Die Titelseite in Leinen mit Prägedruck fühlt sich gut an, auf dem Vorsatzpapier schwingen grüne Palmwedel, wie ein elegantes Tapetenmuster. Altés Tiere haben Ausdruck und Charakter. Äffchens mit jedem überwundenen Hindernis größer werdende Freude und sein wachsendes Selbstbewusstsein stehen in schön illustriertem Kontrast zur immer schlechter werdenden Laune des ihn verfolgenden Tigers.
Äffchen beweist seinen Mut, erobert für sich selbst den Dschungel und wächst an diesem Abenteuer. Auch durch den Perspektivwechsel: Vom Wipfel des Baumgiganten sehen nämlich die Welt und alle anderen ganz klein aus.

maus

Die Perspektive wechselt auch zwischen den skurril verbundenen Helden Der Wolf, die Ente und die Maus von Marc Barnett und Jon Klassen. »Eines frühen Morgens traf eine Maus auf einen Wolf« (… umblättern…) »und wurde gleich verschlungen.« Einmal zu sehen und schon wieder verschwunden, und man denkt, arme Maus, böser Wolf. Aber die Maus lebt noch, das Phänomen tierischer Gier kennt man aus Rotkäppchen und Peter und der Wolf. »Oje! Ich bin gefangen im Bauch dieses Untiers. Gleich ist es aus mit mir.«
Aber von wegen: Die Maus trifft die Ente, die es sich schon länger im Wolf gemütlich macht. »Als ich draußen war, hatte ich jeden Tag Angst, ein Wolf könnte mich verschlingen. Hier drin gibt es solche Sorgen nicht.« Und weil so Einiges im Wolf landet, können Maus und Ente es so richtig krachen lassen mit lecker Essen, Tanz und Musik.
Davon bekommt der unfreiwillige Gastwirt schlimme Magenschmerzen, stöhnt und lockt einen Jäger an, dem er nicht entkommen kann.

Schau mir in die Augen, Kleines

Maus und Ente fürchten zu Recht das Schlimmste. Mutig und tollkühn verteidigen sie ihren Lebensraum und schlagen den Jäger in die Flucht. So retten sie dem Wolf das Leben. Zum Dank haben sie einen Wunsch frei … Armer Wolf, jetzt weiß man, warum er heult.
Jon Klassens Tierbilder sind hinreißend und entzückend. Vor überwiegend in dunklen Farben gehaltenem Hintergrund, die Geschichte spielt im Wolf und bei Nacht, zeichnen sich die weiß umrandeten Figuren in Buntstift und Wachsmalkreide ab.
Hell und höchst lebendig sind die Augen von Wolf, Ente und Maus: Die Pupillen sind die ganze Mimik und spiegeln alle Emotionen wider. Schau mir in die Augen, Kleines.

Tereza Vostradovská: Komm mit raus, Entdeckermaus!, Übersetzung: Jaromir Konecny, cbj, 2019, 56 Seiten, ab 4, 15 Euro

Marta Altés: Äffchen, Übersetzung: Gertrud Posch, Bohem Verlag, 2019, 40 Seiten, ab 3, 16,95 Euro

Marc Barnett, Jon Klassen (Illustrationen): Der Wolf, die Ente & die Maus, Übersetzung: Thomas Bodmer, NordSüd Verlag, 2019, 40 Seiten, ab 5, 15 Euro

Psychologie lohnt sich

Zu meiner Zeit studierten Betriebswirtschaft nur die Langweiler, die mit Aluaktenkoffern zur Schule gegangen sind und wirklich glaubten, so gleich ins gehobene Management zu steigen. Cool war das nicht. Psychologie hatte durchaus seinen Reiz, aber als Beruf konnte man sich das auch nicht vorstellen.
Eine Generation später ist Wirtschaftspsychologie so begehrt, dass viele es für viel Geld an privaten Universitäten studieren, hierzulande. Ob die alle Arbeit finden und die teure Ausbildung sich schließlich auszahlt, ist wiederum psychologisch ein interessantes Thema.
Auf jeden Fall kann man sich schon in der Schule auf dieses reizvolle Fach einstimmen, mit den hervorragenden Büchern Kernfragen Wirtschaft und Kernfragen Psychologie von Marcus Weeks. Die beiden je 160 anregende Seiten dicken Bände sind der Auftakt einer Sachbuchreihe des Verlags Dorling Kindersley.

Außergewöhnlich gut durch gutes Lektorat

Was macht sie so außergewöhnlich gut? Zum einen das gute Lektorat. Gleich sechs Leute stehen bei der Wirtschaft im Impressum, sogar sieben haben bei Psychologie Fakten überprüft, Themen gesetzt und eine stimmige Struktur entwickelt. Und Texte redigiert und in eine höchst lesenswerte Form gebracht.
Das ist der große Vorzug dieser Sachbücher gegenüber zum Beispiel textlastigen Genreklassikern aus der Reihe Was ist was. Jeweils auf einer Doppelseite wird ein Aspekt wie zum Beispiel Wettbewerb, Genossenschaften oder ethisches Handeln im Wirtschaftsbuch knackig erläutert. Bei der Psychologie werden abstrakte Themen wie Wahrnehmung, Gedächtnis und Wissen neben Fragen, ob man verrückt ist und wie wir uns entscheiden auf zwei Seiten facettenreich beleuchtet.
Vorangestellt ist ein Überblick über verschiedene Schwerpunkte, Spezialisten und Tätigkeitsbereiche des jeweiligen Fachgebiets, beide Bände schließen mit einem ausführlichen Personenregister und Glossar.
Und dazwischen gibt’s geballtes Wissen: Von den Anfängen des Geldes, warum wir von »Banknoten« sprechen, über Aktiengesellschaften, Angebot und Nachfragen und Armut bis zu persönlichen Finanzen spannt sich in den Kernfragen der Wirtschaft der Bogen, alles anschaulich und praxisnah erklärt.

Verrückt oder Volkswirt

Übrigens ist »die Ökonomie keine exakte Wissenschaft, mit der sich Theorien eindeutig beweisen oder widerlegen lassen. Einige Ökonomen machen Vorschläge zur Regelung der Wirtschaft. Aber letztlich ist sie nicht vorhersehbar und sie können auch völlig falsch liegen.« So steht es ganz ehrlich in der Zusammenfassung des ersten Kapitels, nebenbei auch eine treffende Analyse der Finanzkrise von 2007/2008, der bisher schlimmsten seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren. Oder wie es der britische Ökonom Kenneth Boulding erfrischend ehrlich auf den Punkt bringt: »Wer glaubt, exponentielles Wachstum könne in einer begrenzten Welt immer weitergehen, ist entweder verrückt oder Volkswirt.«
Das macht den Charme dieser Bücher neben den klugen Texten aus: die originellen Details, Einsprengsel und Anmerkungen, mal als Fingerzeig in einer Textblase oder als umkringelte Notiz, mal als kleiner Extrakasten. Hierzulande ist das Thema Wohnen und Eigentum brandaktuell. Bei unseren Nachbarn ist das kein Problem: »In den Niederlanden ist fast ein Drittel des Wohnraums im Besitz von Genossenschaften.«
Und in Fernost, im Staat Bhutan, wurde 1972 statt des Bruttoinlandsprodukts ein Maß für das Buttoinlandsglück ins Leben gerufen – arm, aber glücklich. Seitdem veröffentlichen auch die Vereinten Nationen jedes Jahr den Weltglücksreport.

Grafiken, die wirklich informieren statt nur illustrieren

Und immer wieder wird deutlich, wie viel Psychologie in der Wirtschaft steckt. Damit sind wir bei dem sogar noch besseren der beiden Bände. Hier sind die Illustrationen nicht bloß illustrativ und lockern das Ganze hübsch auf. Sondern sie veranschaulichen und intensivieren die Informationen. Sie leiten den Blick und geben jeder Doppelseite eine besondere Dynamik. Sei es der Schneeballeffekt der Wissensbildung, der munter und immer größer werdend über die Seiten purzelt. Oder »Assoziationen, die typisch sind für das menschliche Bewusstsein«, dargestellt in einem Apfel.
Es sind keine Infografiken im üblichen Sinn, also so typische wie langweilige Törtchen und Balkendiagramme mit mehr oder weniger sinnvollen Relationen.
Die Raffinesse der Illustrationen kommt auch bei den zahlreichen Porträts einflussreicher Köpfe zum Ausdruck. Prägende Charakteristika oder Theorien werden mit einfachen Symbolen versehen –  zum Beispiel, ob jemand sich mit Phantomgliedern, Hunden oder Träumen beschäftigt hat, ein Künstler oder viel in Afrika unterwegs war. Aus diesen individuellen Piktogrammen als grobe Pixel setzt sich das Gesicht der Psychologin oder Verhaltensforschers zusammen.
„Dieser erstaunliche Wirrwarr im Kopf macht uns zu dem, was wir sind“ lautet ein Zitat des britischen Neurowissenschaftler Colin Blakemore (zu dem im Anhang nicht verschwiegen wird, dass er Tierversuche befürwortet). Diese Bücher vergrößern das Wirrwarr aufs Beste, , »weil um etwas wirklich lernen zu können, müssen wir es verstehen«, wie schon am Anfang beim Thema Entwicklungspsychologie steht. Man kann sich nur wünschen, dass auch alle Schulbücher so lesenswert und lehrreich wären.

Marcus Weeks: Kernfragen Psychologie, Übersetzung: Edigna Hackelsberger, und Kernfragen Wirtschaft, Übersetzung: Ute Mareik, Dorling Kindersley Verlag, 2019, je 160 Seiten, je 14,95 Euro

Schöne Arroganz der Jugend

mason

Er konnte sie starren hören. Gleich würde sie ihm sagen, dass er ihr ein absolutes Rätsel sei. »Du bist mir ein absolutes Rätsel«, sagte sie. Und dann würde sie ihm sagen, dass sie gar nicht mehr wisse, wer er sei. »Garvie Smith«, sagte sie. »Ich weiß gar nicht mehr, wer das eigentlich ist.«
Mit dieser sehr lebensechten Szene – einer typischen Auseinandersetzung des 16-Jährigen Garvie Smith und seiner resoluten, alleinerziehenden Mutter – beginnt dieser hervorragende Krimi Running Girl von Simon Mason. Garvie ist ebenso intelligent wie gelangweilt von allem. Weshalb er zum Kummer seiner Mutter keine guten Noten mit nach Hause bringt und sich nur sporadisch in der Schule blicken lässt. »Was sah er, das ihn auch nur eine Sekunde lang daran zweifeln ließ, dass das Leben im Allgemeinen nichts weiter als ein in Zeitlupe vor sich hinschleichender, sinnloser, schäbiger und stinklangweiliger Teppichfussel billigster Machart war? Und daher starrte er mit unbewegtem Gesicht weiterhin an die Decke.»Ich glaube, wenn nicht gleich was passiert, raste ich aus«, sagt Garvie.« Und tatsächlich: Kurze Zeit später wird Garvies Mitschülerin, die »schöne, unsympathische Chloe«, ermordet in einem Tümpel aufgefunden. Und Garvies Lebensgeister erwachen.

Vor lauter geistiger Unterforderung unausstehlich

Das ist nur ein Parallele zum berühmtesten Meisterdetektiv Sherlock Holmes. Der wurde vor einigen Jahren in drei BBC-Miniserien mit angemessener Würdigung des Originals exzellent modernisiert. »Gebt ihm einen Fall«, lautet der verzweifelte Ruf seiner Freunde, wenn Sherlock vor lauter geistiger Unterforderung absolut unausstehlich wird.
Revival des legendären Helden von Arthur Conan Doyle, der die von ihm geschaffene Figur schon bald als Monster und Belastung empfand und töten wollte, gab es schon einige, eigentlich war er nie weg. Im Jugendbuch berufen sich auffällig viele weibliche Hauptfiguren auf  Sherlock, zum Beispiel Ingrid in der packenden Trilogie von Peter Abrahams Anfang der 2000er Jahre. Auch bei den aktuellen Krimis fragen sich die jungen, klugen Heldinnen wiederholt »Was würde Sherlock tun?« Und das liegt nicht daran, dass der berühmte Detektiv in Benedict Cumberbatch einen hinreißend attraktiven Wiedergänger gefunden hat.
Simon Mason erwähnt den genialen Kriminalisten namentlich nur spöttisch-ironisch.
Bewusste Irreführung, denn das Vorbild schimmert überall durch und wird ebenso charmant wie raffiniert neu interpretiert – nicht nur in Form von Garvie Smiths sehr ansehnlich beschriebenem Äußeren.

Sherlocks Wiedergänger

Er ist ein brillanter Beobachter mit fotografischem Gedächtnis und nimmt jedes Detail, besonders die vermeintlich unwichtigen wahr.  Seine Merkfähigkeit ist erstaunlich, nebenbei jongliert Garvie im Kopf mit komplexen Zahlen und zieht nachvollziehbare Analogien aus der abstrakten Mathematik. Und er kann sich an Szenen und Dialoge so exakt erinnern, dass es fast quälend ist.
Der 16-jährige Gelegenheitskiffer sieht immer hinter das Offensichtliche und lässt sich nie zu voreiligen Schlussfolgerungen verleiten. Weshalb er auch bei der ersten Begegnung mit Inspektor Singh diesem wütend »Es sind alles die falschen Fragen!« entgegenschleudert. Der Sikh Ramidar Singh ist ein moderner Inspektor Lestrade, nicht dumm, aber gefangen in einem konservativen Polizeiapparat und starren Vorurteilen und immer einen Schritt hinter dem geistig enorm wendigen Garvie.

Angenehm pädagogisch inkorrekt

Der hübsche Schlacks hat eine rasante Auffassungsgabe und erkundet zum Beispiel blitzschnell eine terra incognita wie die weibliche Psyche und verwendet sie für seine Zwecke. Gleichzeitig kokettiert er: »Nichts ist das einzige, was ich wirklich gut beherrsche.« Überhaupt nichts hält er von Ordnung, »sie erschien ihm als eine Form persönlicher Verblödung«. Tatsächlich gerät die »verhängnisvolle Dämlichkeit der Ordnungsliebe« dem Täter zum Verhängnis.
Wie Sherlock greift Garvie auch auf die Fähigkeiten seiner kleinkriminellen Freunde zurück. Ob die Methoden, ein Fahrradschloss oder eine Balkontür zu knacken, tatsächlich so funktionieren, wie minutiös beschrieben, würde man gern ausprobieren. Das ist nur ein erfrischendes Detail von Simon Masons flottem und packendem Stil. Garvie raucht Zigaretten und Gras, das ist stimmig und angenehm pädagogisch unkorrekt. Entzückend ist ein kurzes Zitat aus dem Klassiker To Have and Have Not, der coolste Flirt der Filmgeschichte und gleichzeitig die erste Begegnung Humphrey Bogarts mit seiner späteren großen Liebe und Ehefrau Lauren Bacall. Aber keine Sorge, eine Liebesgeschichte gibt’s in Running Girl nicht.
Überhaupt schreibt Mason, der im Hauptberuf Verlagsleiter ist und bereits die  sympathisch schräge Familiensaga der Quigleys geschrieben hat, wunderbar kitsch- und klischeefrei. Mit so originellen Einsprengseln wie den »auf gewinnende Art schiefen Zähnen«  eines jungen Polizisten.

Beinahe tödliche Coming-of-Age-Erkenntnis

Bis auf eine spätere Szene mit Garvies im Laufe der Geschichte immer mehr von Sorgen zerfressenen Mutter. Aber was zunächst wie ein Fall von emotionaler Erpressung, eine der scheußlichsten Erziehungsmethoden überhaupt, wirkt, läuft später auf eine Coming-of-Age-Erkenntnis hinaus. Natürlich ist Garvie Smith auch die pure Arroganz der Jugend: Man hat alles gecheckt, weiß viel besser, wie das Leben läuft, und die Alten haben sowieso keine Ahnung. Aber plötzlich, auf schmerzhaft eindringliche und beinahe tödliche Weise, versteht Garvie, was es bedeutet, Verantwortung zu tragen: »Ich weiß es jetzt«, flüsterte er, den Mund gegen ihre Schulter gepresst, »ich weiß, was es heißt, Mutter zu sein. Ich weiß, wie es ist, wenn alles deine Schuld ist.« Ein bisschen melodramatisch, aber wahr.
Karsten Singelmann hat Running Girl bereits 2014 übersetzt, damals erschien der Roman unter dem Titel einfallsreicheren Titel Zu schön, um tot zu sein, Rowohlt übernimmt einfach das englische Original. Bei der Gelegenheit hätte ein kleiner Makel redigiert werden können: Es wird ein bisschen zu oft »die Stirn gerunzelt«. Da hätte ein »skeptischer Blick« oder eine »nachdenkliche Mine« oder ein »grübelnder Gesichtsausdruck« gut getan.
Dem fesselndem Krimivergnügen insgesamt mit einem der liebenswertesten Sherlock-Epigonen schadet das nicht. Und der zweite Band Kid Got Shot ist auch soeben erschienen.

Simon Mason: Running Girl, Übersetzung: Karsten Singelmann, Rowohlt, 2019, 480 Seiten, ab 14, 14,99 Euro
Simon Mason: Kid Got Shot, Übersetzung: Alexandra Ernst, Rowohlt, 2019, 416 Seiten, ab 14, 14,99 Euro

Die Welt braucht mehr Leute wie Onkel Stan

dan

Was für ein Glück, A.L. Kennedy als Babysitterin zu haben! In ihren Romanen und Erzählungen für Erwachsene schreibt die schottische Schriftstellerin über kaputte, traumatisierte, versoffene, gewalttätige und gequälte Menschen, für die es keine Hoffnung gibt. In ihre Geschichten für Kinder von Onkel Stan und Dan aber packt sie so viel Freude, Optimismus, Liebe, Glück und Witz, dass man sie nicht wiedererkennt.
Weil es doch extrem schade wäre, wenn die Abenteuer vom Dachs Dan und seinem Freund Onkel Stan im schottischen Hochland bei den Zwillingen der Schauspielerin Tilda Swinton (denen hat Kennedy sie vor Jahren erzählt) verschwinden würden, erscheinen sie jetzt nach und nach in Buchform.

A. L. Kennedy als Kinderbuchautorin

Dabei ist das Leben in Kennedys Kinderromanen keinesfalls ein Ponyhof. Im ersten Band über das fast ganz ungeplante Abenteuer, in dem der Dachs und Onkel Stan sich kennenlernen und Freunde werden, kommt es für einige der späteren Helden als unfassbar trostlose Lamafarm daher. Und für den knuffigen Dan könnte es auch gleich das Ende seines noch jungen Lebens bedeuten, in blutige Fetzen zerbissen bei einem äußerst unfairen Kampf mit drei Kampfhunden.

Der Dachs sowie vier Lamas sind in die Fänge einer absolut bösartigen Farmerfamlie geraten. Wie unglaublich fies diese Leute sind, macht Kennedy von Anfang an deutlich, mit der Entführung Dans durch die Schwestern Esther und Martha: Zwar steckt Dan in einem Sack und sieht zunächst nichts, aber »Dan brauchte bloß einmal zu schnüffeln, da wusste er: Wer ihn wegschleppt, hatte ein Herz voller Nägel, Sand und Gehässigkeit.«

Als er auf einen kalten Steinfußboden geschüttet wird, sieht er dass seine Kidnapperinnen »winzig kleine und verärgerte Augen von der Farbe schlecht schmeckender Bonbons haben«.

Poetische Metaphern schaffen Kopfkino

Es sind diese ungeheuer eindringlichen Bilder und Vergleiche, die dieses Buch so besonders machen. Eine Stimme klingt, »als würde man etwas Hässliches in einen Brunnenschacht fallen lassen.«  Oder »Esther kicherte, was sich anhörte wie falsch verlegte Rohrleitungen.« Diese fast poetischen Metaphern schaffen intensives Kopfkino. Hier werden Menschen beschrieben, die aus Spaß andere quälen und alle als extrem ekelige Pasteten enden lassen wollen.

Konterkariert werden diese komplexen Charakterisierungen von Gemma Corrells zahlreichen, sehr reduzierten Zeichnungen (angeblich von einem von ihr mit Karamellbonbons bezahlten Fünfjährigen angefertigt), die mit zahlreichen Erklärungen versehen wie Schautafeln eines sehr schrägen Wissenschaftlers daherkommen.
Ingo Herzke hat Kennedys bildgewaltige Prosa mit viel Wortwitz und Fantasie übersetzt, zum Teil selbst kleine Scherze angefügt, zum Bespiel gehört ein Hubschrauber zur Staffel der »Air Forst One«. In eine Reklame für schneeweiße Unterwäsche fügt er, frei nach der mütterlichen Mahnung, immer eine frische Hose anzuziehen, wenn man das Haus verlässt, die raffinierte Zeile »Man weiß nie« ein. Und ein Witz für Freunde von Druckerzeugnissen lautet: »Was kriegt man, wenn man eine Druckerpresse verprügelt? Schlagzeilen!«

Grausame Figuren – aber Hoffnung auf Rettung

Darf man Kindern von so grausamen Menschen erzählen? Ja. Wenn es Hoffnung auf Rettung gibt. Wenn die alte Westernregel, dass das Böse immer gewinnt, widerlegt wird. Wenn die Bösen nicht besser werden und deshalb gerechterweise ein bizarres Ende finden. Wenn das Gute so charmant und liebenswert und klug wie Onkel Stan daherkommt: »Ein großer, ziemlich dünner Mann mit rötlichbraunen Locken, schlaksigen Armen, knochigen Knien, schlenkernde Beinen«, der in seinen Taschen eine dösende Maulwurfsmutter und Käsestangen, aber keine Socken hat, weil er die einem Eichhörnchen als Schlafsack zum Campingurlaubspielen geliehen hat. Ein wahnsinnig netter und sympathischer Kerl, ein Traumtänzer mit scharfem Verstand.

dan

Im zweiten, dem »ungeheuer, ungewöhnlichen Abenteuer« geht es fast Onkel Stan an den Kragen. Genauer gesagt droht er von einem abgrundtief bösen Manipulator zerquetscht zu werden. Dieser Gegner geht sehr systematisch vor, er will alles Ungewöhnliche aus der Welt schaffen – und er hat erschreckend leichtes Spiel damit. Der Herdentrieb und das Streben nach Gleichförmigkeit und Normen sind entsetzlich stark.

Band zwei ist ein Plädoyer für Vielfalt, für den Mut anders zu sein und zu handeln. »Ich bin nicht so wie jeder andere auch«, sang der famose Carsten Friedrich einst bei Superpunk. Und mit Der Liga der gewöhnlichen Gentlemen gelingt ihm die Beschreibung des grundguten und kämpferischen Onkel Stans: »Immer freundlich, nie gemein / Und wenn doch, dann muss es sein … Streetwise wie ein East-End-Schläger / Schlau wie ein Nobelpreisträger / Niedlich wie ein Hasenkind / Und berauschend wie Absinth … Die Welt braucht mehr Leute so wie Dich.«

Ein Plädoyer für Vielfalt

Dass dieses Abenteuer dem ureigenen Wesen und der Seele Onkel Stans gefährlich nahe kommt, merkt man, dass dieser im Laufe der Geschichte zu seinem eigenen Erstaunen »innendrin zornig« wird. Obwohl er jedem Gelegenheit gibt, seine Meinung zu ändern, weiß er schließlich, dass es bei diesem Gegner sinnlos ist: »Sie hassen es, wenn Leute sie selbst und glücklich sind.«

Wie gut, dass A.L. Kennedy ihre Helden ganz sie selbst sein lässt. Und was für ein Glück, dass die Ersthörer der Abenteuer von Onkel Stan und Dan mittlerweile erwachsen sind – und deshalb jetzt alle die Geschichten kennen und lieben lernen können.

A.L. Kennedy: Onkel Stan und Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer, 192 Seiten, und Onkel Stan und Dan und das ungeheuerlich ungewöhnliche Abenteuer, 272 Seiten, Orel Füssli, 2018/2019, Illustration: Gemma Correll, Übersetzung: Ingo Herzke, ab 9, je 14,95 Euro

Trost ist ein schräger Vogel

Trost

»Ich gebe Gott bei Google ein. Zum Glück lässt sich das leicht buchstabieren. Es erscheinen eine Menge langer Worte, die ich überhaupt nicht verstehe. Zum Beispiel monotheistisch. Aber eine Sache finde ich trotzdem heraus: Gott ist der Herr über Leben und Tod. Ich würde gern mal ein Wörtchen mit ihm reden, diesem Herrn Gott.«

Ist Gott dumm?


Hugos heißgeliebter Opa liegt nämlich im Sterben. Samstag Morgen war noch alles wie immer mit Rosinenbrötchen, Kaffeeduft, Schlagballspielen im Park und Pokern. Am Abend ist der Großvater kollabiert. Donnerschnitzel, das sagt nur Hugos Opa. So nennen Ida-Marie Rendtorff und Daniel Zimakoff ihr ein bisschen trauriges, ziemlich lustiges, mal  spannendes und ungeheuer tröstliches Kinderbuch über Verlust und Tod, hilflose Wut und Trauer. Weil Religion, in den hiesigen westeuropäischen Gesellschaften vor allem das Christentum, bei dem Thema unumgänglich ist, lässt das dänische Autorenpaar geschickt und behutsam verschiedene Vorstellungen davon einfließen. In der Schule hören Hugo und sein bester Freund Dylan etwas vom Baum der Erkenntnis, von dem Adam und Eva aßen, und zur Strafe aus dem Paradies vertrieben und sterblich wurden. »Kann es sein, dass Gott ein bisschen dumm ist?«, fragt Hugo ob solch drastischer Maßnahmen, die Gott seinen eigenen Geschöpfen antut. Auch Mitschülerin Siri findet: »Gott ganz schön ungerecht.«

Trost aus dem Himmel?

Für manche ist die Vorstellung von Gott, Himmel, ewigem Leben und einer vermeintlich verdienten Hölle tröstlich. Hugo hilft es nicht. Zu konstruiert, abstrakt, auch unlogisch –  und überhaupt kann Opa, sein »Mentor«, ihm jetzt nicht mehr Pokern beibringen. »Manche Menschen glauben, dass man immer wieder neu geboren wird«, erzählt Hugos Vater. Als es plötzlich »Donnerschnitzel« aus einer Tierhandlung krächzt, ist Hugo sofort klar : »Mein Opa ist ein Papagei!« Und er muss Opa nach Hause holen.

Wie Hugo und Dylan mutig und erfinderisch das Geld für den besonderen Vogel verdienen und schließlich doch alles anders kommt, ist eine charmant geschriebene und hübsch illustrierte Geschichte, Donnerschnitzel!

Trost

Berührend und von Mehrdad Zaeri wunderschön illustriert erzählt Werner Holzwarth, wie der Madenpickervogel Hacki Abschied von seinem Freund nimmt. Mein Jimmy ist ein altes Nashorn, das spürt, dass es mit ihm zu Ende geht und Hacki mit gemeinsamen Erinnerungen und schrägen Witzen trösten möchte. »Ich hatte mal wieder gedöst. Dann öffne ich die Augen und schaue direkt einem Typen ins Gesicht, der sein Gewehr auf mich anlegt. Du merkst sofort was los ist, und fliegst auf ihn zu und flatterst ihm so um den Kopf herum, dass er die Hände nach oben reißt und dabei das Gewehr fallen lässt. Da hast du mir das Leben gerettet.« Aber Hacki ist zu traurig und frustriert: »Hat auch nicht viel gebracht, Jimmy, ist ja erst zwei Monate her … Dann hätte er dich auch gleich erschießen können.«

Der altersweise Jimmy sieht das anders: »Die letzten Wochen waren doch schön. Wie die ganze Zeit mit uns. Jeder einzelne Tag«, muntert der müde, alte Dickhäuter seinen gefiederten Freund auf. Und stirbt. Wobei man angesichts der ruhigen, dunklen, scherenschnittartigen Bilder über mehrere Doppelseiten ehrlich »schläft friedlich ein« sagen darf.

Berührender Abschied

Werner Holzwarth, der mit dem Kinderbuchklassiker »Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat« weltberühmt geworden ist, hat die Geschichte im Alter von 67 Jahren seinem kleinen Sohn erzählt. Die Zeichnungen, die der damals fünfjährige Tim dazu gemacht hat, sind auf dem Vorsatzpapier abgedruckt.
Seine Geschichte besticht durch die lebendige, nie sentimentale Sprache – die lebenskluge, gelassene und zärtliche Stimme Jimmys und die erst trotzige und enttäuschte und schließlich muntere und fröhliche Hackis.
Solange du an mich denkst, wird es mich geben«, sind Jimmys letzte Worte –  der einzige Trost, den es gibt, wenn ein geliebtes Wesen stirbt.

Ida-Marie Rendtorff, Daniel Zimakoff, : Donnerscnitzel. Mein Opa ist ein Papagei, Übersetzung: Friederike Buchinger, Illustration: Peter Bay Alexandersen, Carlsen 2018, 112 Seiten, ab 8, 7,99 Euro

Werner Holzwarth: Mein Jimmy, Illustration: Mehrdad Zaeri, Tulipan 2019, 40 Seiten, ab 4, 15 Euro

So ’n Hals

Giraffe Roberta hat ein Problem: »Mein Hals macht mich fertig. Ehrlich.« Ihr Hals ist zu lang, zu dünn, zu auffällig … »Zu … halsig.« Anders gesagt: Roberta hat so ´nen Hals auf ihren Hals. Und sie ist der festen Überzeugung, dass alle ihren Hals anstarren,

Eine klassische Projektion wie aus Freuds Psychologiebuch: Weil sie immer nur an ihr prominentestes Körperteil denkt, glaubt sie, das geht allen anderen, von ihr beneideten Tieren auch so. Dabei ist allen anderen Robertas Hals egal, nur ihr Genöle geht den Savannenbewohnern auf die Nerven.

Bei ihren lächerlichen Versuchen, den Hals zu verstecken, stolpert die Giraffe über eine kleine Schildkröte namens Henry. Und der hat ein ganz anderes Problem: Sein Hals ist zu kurz. Und überhaupt ist er viel zu klein, um an die schön reife Banane oben am Baum zu gelangen. Entzückend lamentiert Henry auf den Hinterbeinen stehend, mit empört vorgeschobenem Panzerbäuchlein über seine wortwörtlich körperlichen Unzulänglichkeiten.

Von Projektionen & Freundschaft

Da zeigt sich, dass so ein langer Hals ganz schön praktisch ist. Und wir sehen den Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Roberta & Henry ist ein hinreißendes Buch über verquere Selbstwahrnehmung und Zuneigung, die entsteht, weil jeder im anderen etwas Besonderes sieht und beide sich ideal ergänzen. Manchmal braucht man genau so jemanden zur Selbstreflexion, der das eigene verzerrte Spiegelbild heilsam korrigiert.

Nebenbei wird sehr treffend bemerkt, dass Mütter für diesen Job nicht taugen: Die finden ihre Kinder fast immer wunderschön. Nicht nur Pubertierende mit florierenden Pickeln auf der Stirn, verunglücktem Haarschnitt und Speckröllchen können ein Lied davon singen. »Meine Mama meinte immer, ich sollte stolz auf meinen Hals sein. Sie sagte, andere Tiere würden sonst was für meinen Hals geben. Klar, sicher doch«, übersetzt Andreas Steinhöfel. »Nimms mir nicht übel, Mama. Aber keiner will so einen Hals. So einen Hals kann nur einen Mutter lieben.« »Übersetzt von Andreas Steinhöfel« steht wie ein Qualitätssiegel auf dem Einband. Ganz abgesehen davon, dass eigentlich immer auch die Übersetzungsarbeit gewürdigt werden sollte, ist Steinhöfel wirklich kongenial: »Einfach bekloppt«, so famos lässt Steinhöfel Roberta über ihren Hals schimpfen. »… während ich wartete und wartete … dass entgegen aller Hoffnung diese Banane vor mir herabfallen würde, um mir gleichermaßen Nahrung und einen Begriff von ihrer Süße zu verschaffen«, schwadroniert Henry kurios kompliziert.

Sprachlicher & optischer Genuss

Nicht nur sprachlich, auch optisch ist das Buch ein Genuss: Lane Smith hat brillante Bilder in raffinierter Mischtechnik dazu geschaffen. Überwiegend in erdigem Gelb, Braun und Grün gehalten, bekommen die Tiere durch dynamisch-breiten Pinselstrich und Druckvariationen geradezu Textur. Kleine Knopfaugen blinzeln lebendig und erstaunlich ausdrucksstark aus den collagierten Farbkörpern hervor. Roberta & Henry hat das Zeug zum Klassiker in einer Reihe mit Werken von Eric Carle oder Leo Leonni!

Das zweite Bilderbuch Fredy flunkert passt wegen des Untertitels »Lügen haben lange Hälse« anscheinend perfekt in diese etwas halslastige Auswahl. Jaqueline und Daniel Kauer haben ihre Geschichte von den Freunden Fredy, dem Lama, und Fauli, dem Faultier, aber irreführend betitelt. Weil es weniger um Unwahrheiten und ihre Folgen im allgemeinen geht, sondern darum, was eine Freundschaft ausmacht und warum man mit jemandem befreundet ist. Auch hier spielt ein schwaches Selbstbild eine Rolle. Fredy ist nämlich ein enormer Angeber: Sein von Fauli wegen eines klitzekleinen Nickerchens verpasster Bandauftritt war natürlich »komplett ausverkauft«, bald würden sie ganze Hallen rocken und ein Plattenvertrag winke auch. Fredys Laden brummt, Kunden stünden Schlange, alles sei komplett ausverkauft. Und wenn Fauli ein Date hat, dann geht Fredy natürlich gleich mit drei heißen Lamadamen schick essen …

Von Angebern & Faultieren

Anfangs wundert sich Fauli noch, dass im Internet nichts von einem furiosen Konzert zu lesen ist. Dann quellen aus der Kammer Unmengen von Schuhen hervor. Übernachtet hat Fredy einsam und allein in seinem Auto, von Begleiterinnen keine Spur. Und als Fredy schließlich noch behauptet, ein Ufo gesehen zu haben, reicht es dem Faultier und es zieht wütend aus.

Die Frage ist, warum stellt Fredy sich seinem Freund gegenüber immer viel cooler und erfolgreicher dar, als er es ist? Warum traut er sich nicht, ehrlich er selbst zu sein, mit allen Schwächen und Fehlern? Was ist das Wesen ihrer Freundschaft?
Diese interessanten Fragen reißt das Buch an und lässt den Betrachtern Raum für eigene Überlegungen.

Eine Frage der Ehrlichkeit

Mit den Illustrationen verhält es sich ähnlich: Auf den ersten Blick sind die beiden Hauptfiguren Lama und Faultier (zu den beiden Tierarten gibt es übrigens viel Wissenswertes auf dem Vorsatzpapier zu lesen) etwas plump und bunt und vermenschlicht geraten. Umso mehr erfreuen die munteren Kleinstnebendarsteller sowie witzige Details und Anspielungen: So heißt Fredys Band »The Dalai Lamas«, das Faultier ist ein echter Meister im Aufwandvermeiden (»Kochen für Faule«, Fertigessen aus der Mikrowelle).

Man versteht sehr gut, warum das Faultier zwischenzeitlich einen ziemlichen Hals auf seinen Freund hat. Fredy ist auch wirklich sehr zerknirscht und lernt seine Lektion: Ehrlich zu sein gegenüber seinem Freund – und sich selbst zu akzeptieren wie man ist.

Hals

Grete, das Kamel (genauer gesagt ein Dromedar) hat auch einen außergewöhnlichen  Hals, einen besonders schön gebogenen. Aber der beschäftigt die Trampeltierdame ebenso wenig wie Selbstdarstellungszwänge. Tiefenentspannt schreitet sie im Passgang durch die Wüste. Der Leser begleitet sie in 14 knappen Kapiteln über sieben Tage, in denen so gut wie nichts passiert. »Stinklangweilig« sind die Geschichten natürlich nicht, gerade weil »Manchmal in der Wüste gar nichts los ist. (Pause) Haaalt, Eine richtige Pause, bitte. Wer will, probiert es aus: Dem anderen zuhören, wie er gar nichts sagt.«

Vom Nichtstun & Zuhören

Die in Wien lebende Autorin Veronika Trubel schaltet ein paar Gänge zurück und übt das Nichtstun, ein Luxus heute, wenn Tage möglichst effizient durchgetaktet sind und zeitliche Lücken als Verschwendung gelten. Sind sie aber nicht, sondern notwendig, um dem Hirn Ruhe zu gönnen.

Und gerade wenn man sich auf den hypnotischen Rhythmus und die Wiederentdeckung der Langsamkeit eingelassen hat, und zu entspannen beginnt, dann lässt Trubel geschickt einen klugen Gedanken vorbeischweifen. Zum Beispiel: »Was ist eigentlich eine gute Nacht? Für ein Kamel? Für eine Eule? Für eine Maus? Für ein Beduinenkind? Für dich?« Im nächsten Kapitel lernt man den sehr nützlichen A… der Welt kennen, kann über den Geruch von Eulenrülpsern nachdenken. Oder es begegnet einem ein einzelgängerischer Termit (männliche Termite), der auf die harte Tour zur Erkenntnis gelangt, dass es »ungeheuer praktisch ist, wenn man ein paar Kumpels hat.« Und deshalb »hat er einen riesigen Termitenstaat gegründet: eine Volksdemokratie, mit sich selbst als Kaiserkönigpräsident und Chefdiktator.«

Entspannt runterkommen

Zu diesen nicht pseudophilosophisch verschwurbelten, dafür klugen und witzigen Texten hat Isabel Pin wunderschöne Aquarellszenarien und zart hingetupfte Tiere gemalt, in flirrendem Wüstensandgelb, Sonnenuntergangsorange, Mitternachts- oder Sternenhellblau. Entspannter und schöner Runterkommen geht kaum.

Jury John, Lane Smith (Illustrationen): Roberta & Henry, Übersetzung: Andreas Steinhöfel, Carlsen 2019, 40 Seiten, ab 4, 15 Euro

Jaqueline und Daniel Kauer: Fredy flunkert, Kalea Book 2018,  36 Seiten, ab 4, 18,90 Euro

Veronika Trubel, Isabel Pin (Illustrationen): Grete, das Kamel – Stinklangweilige Gute-Nacht-Geschichten, Karl Rauch Verlag 2019, 56 Seiten, ab 2, 15 Euro

Umfallen lernen

umfall

Was ist das denn für ein schräger Superheld? Ein moppeliger Kerl mit schwarzem Pilzkopf  und Oberlippenflaum, im rotgestreiften Schlafanzug und Badeschlappen an den Füßen, der sich seinen Umhang festknotet – so steht er auf dem Titelbild von Mikael Ross‘ Comic Der Umfall. Und wieso Umfall?

Zack, ist man schon drin in der Geschichte: Jetzt ist der Held namens Noel in seiner Daunenjacke ein rotes Michelinmännchen mit Mütze – und er benimmt sich auch ziemlich schräg: Bestaunt Prinzessinenpuppen, weiß nicht, wie alt er ist, schmettert lauthals im Feierabendrummel umgetextete Weihnachtslieder. Nach ein paar idyllischen, liebevollen Szenen mit seiner Mutter, genannt Mumsie, Geburtstagsgeschenken und gegrillten Marshmallows auf dem Balkon passiert der titelgebende Umfall: »Mumsie schläft auf dem Boden. Schlafen tut man aber im Bett. Und da is auch Blut … gehört da nicht hin.«

Panik, zur Beruhigung stülpt Noel sich einen Blumentopf über den Kopf, schließlich schafft er es mit größter Anstrengung einen Rettungswagen zu rufen.

Mit dem Umfall fällt Noel aus seinem bisherigen behüteten Leben in Berlin. Mumsie liegt im Koma, allein kann Noel nicht in der Wohnung bleiben. »Daheim ist nicht mehr mein Daheim.« Also bringt ihn »der Mann mit Bart« (sein Vater? Eine Frage, die Noel nicht stellt) nach Niedersachsen in das Dorf Neuerkerode.

Neuerkerode – die besondere Dorfgemeinschaft

Wie sein fiktiver Held Noel kam der Comiczeichner Mikael Ross in eine ihm zuvor völlig unbekannte Welt: Neuerkerode gibt es wirklich. Es ist ein inklusives Dorf, in dem Menschen mit und ohne Behinderung, unterschiedlichster Vorgeschichte und Prägung, leben und arbeiten. Ross erzählt die Geschichte dieser besonderen Dorfgemeinschaft aus Noels Perspektive: vorsichtig beobachtend und absolut unvoreingenommen. Langsam lernt er die Bewohner, Bürger genannt, und ihre individuellen Besonderheiten kennen. Wir sind hautnah dabei. Natürlich läuft beim »normalen« Leser (in der taz nannte eine Autorin, Mutter eines Sohns mit Downsyndrom und Tochter mit ADHS, ihren Mann »mehrfach schwer normal«) immer der Meta-Text mit: Wir versuchen die Art der Behinderung und ihre Schwere zu benennen, erkennen natürlich einen epileptischen Anfall als solchen, fremdeln in diesem Kontext noch mehr als sonst beim Thema Sex, denken über vermeintlich politisch korrekte Begriffe wie »anders begabt« nach. Oder, wie Andreas Steinhöfels Rico sagen würde: »tiefbegabt«.

Recherche vor Ort

Es gelingt Mikael Ross grandios, die Menschen aus Noels Sicht zu zeigen und sie einfach, so wie sie sind, auf sich zu kommen zu lassen. Ihren eigenen Humor, ihre Sprache, teils verquere Sichtweise und skurrile Logik übersetzt er geistreich und witzig. Zweieinhalb Jahre hat Ross in Neuerkerode recherchiert und wiederholt mehrere Tage in einem Apartment im Dorf gewohnt. Nach einiger Zeit hat er gelernt, dass er viel mehr über die Menschen vor Ort erfährt, wenn er, anstatt einzelnen gezielt Fragen zu stellen, sie auf sich zukommen lässt. Sie haben ihn an ihrem Leben, ihrer individuellen, teils sehr speziellen Erlebniswelt teilhaben lassen.

Und sie haben ihm viel von sich erzählt, unter anderem von dem schrecklichen Kapitel der 150 Jahre alten Einrichtung während der NS-Zeit. Zahlreiche Bewohner wurden abgeholt und ermordet. Damals waren Jungen und Mädchen, Männer und Frauen streng durch einen hohen Zaun voneinander getrennt. Trotzdem konnte ein Junge seine Schwester noch warnen, bevor auch er deportiert wurde. Die mit 92 Jahren älteste Bewohnerin Neuerkerodes überlebte, weil sie sich im Wald versteckt hatte. Diese erschütternde Erzählung webt Ross geschickt als eine frühmorgendliche Begegnung Noels mit der reizenden, alten Irma an der Bushaltestelle ein.

Beiläufig erfährt man andere Lebensgeschichten, vom autistisch-zahlenversessenen Valentin, von Alice, die bei großer Aufregung epileptische Anfälle erleidet, von der Frau, die sich früher selbst verletzt hatte, mit Medikamenten sediert und ans Bett fixiert wurde und dann Judo für sich als Therapie ohne schädliche Nebenwirkungen entdeckt hat und den übersetzt »sanften Weg« anderen Bewohnern beibringt.

Dabei beschönigt Ross nicht, er idealisiert und verharmlost Behinderungen nicht. Die meisten Neuerkeroder wären außerhalb, in der »normalen« Welt nicht lebensfähig. Schon am Anfang reißt Noels Mutter angesichts seiner Trödel- und Singerei irgendwann der Geduldsfaden und sie brüllt: »Es reicht. Du nervst.«

Sie alle sind mal niedlich, lustig, entzückend, sympathisch verschrobene, harmlose Spinner. Aber ebenso können sie extrem anstrengend sein, gewalttätig, nerven und einen in den Wahnsinn treiben.

Das Leben in allen Facetten

Während Noels Eingewöhnungszeit, seinen Begegnungen und Erfahrungen, wird uns klar, dass genau das unser Unbehagen gegenüber Behinderten ausmacht: Dass sie uns »Normalen« fremd und unberechenbar sind. Dass ihre Handlungen oft unlogisch erscheinen und wir uns nicht in sie hineindenken und –fühlen können; dass wir uns in ihrer Gegenwart deshalb selbst hilflos fühlen.

Ross zeigt auch, dass in Neuerkerode ebenso geliebt, gestritten, um Aufmerksamkeit geeifert, getrauert, vermisst und Freude empfunden wird. Leben in allen Facetten, nur halt ein bisschen anders.

Kluger Strich, kühne Konturen

Ross, der ursprünglich Herrenschneider gelernt und nie Illustration studiert hat und heute im Zweitjob als Kostümbildner arbeitet, fängt dieses eben nicht ganz normale Leben in Buntstiftzeichnungen ein. Die Technik hat er erst in Neuerkerode für sich entdeckt, wo viel und begeistert gezeichnet wird. Seine Figuren sind alle ausgereifte Charaktere mit markanten, nie genormten oder klassisch schönen Physiognomien. Manchmal bekommen die Zeichnungen etwas karikatureskes, doch ohne jemanden zu verspotten oder lächerlich zu machen. Außer bei der Gruppe Ärzte, die Noel über den Zustand seiner Mutter informieren wollen: Sie wirken absolut nachvollziehbar wie durcheinanderquakende Enten, angesichts unverständlicher und kaum empathisch hervorgestoßener Fachtermini. Flaschenbodendicke Brillengläser etwa lassen aus Sicht Noels die Augen seines Gegenübers wahlweise verschwinden oder untertassengroß erscheinen. Und Alices Eifersuchtsanfall zum Beispiel verwandelt sich zum Cartoon in Stop-Motion-Bildern. Ross braucht im Gegensatz zum Film keine aufwendigen Special Effects für seinen mitreißenden Comic. Kluger Strich, kühne Konturen und kräftige Colorationen machen seine Panels lebendig und dynamisch.

Erstaunlich ist die Entstehungsgeschichte dieses Comics: Es ist die offizielle Festschrift zum 150. Geburtstag Neuerkerodes am 13. September 2018, wie man erst im Nachwort  erfährt.  Zwar gab’s einen konkreten Abgabetermin, ansonsten hatte Ross aber hierfür sämtliche künstlerische Freiheiten. Das spricht auch für den ungewöhnlichen Geist dieses inklusiven Dorfs: Dass man eben nicht das macht, was man normalerweise macht.

Zum Schluss, ein Jahr ist mittlerweile rum, hat Noel sich mit seinem neuen Leben in Neuerkerode arrangiert. Er hat vieles gelernt. Auch, nicht zuletzt dank Judo, richtig umzufallen – und wieder aufzustehen.

Mikael Ross: Der Umfall, Avant Verlag 2018, 128 Seiten, ab 14, 28 Euro

Beschwingt

Zum Jahresende denke ich noch mal an die vielen guten, auch brillanten, hinreißenden, entzückenden Bücher, die ich in den vergangenenMonaten lesen und hier vorstellen durfte. Und überlege, welche ich verpasst und übersehen haben könnte und was manchmal auch auf dem Postweg verloren gegangen ist (A.L. Kennedys Onkel Stan, Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer hätte ich schon gern gelesen, wo das wohl gelandet ist?).

Bücherberg

Und dann kommen kurz vor Schluss unverhofft noch zwei sehr schöne Bilderbücher daher, die beide herausragend sind, obwohl sie weder durch besondere Aufmachung (anders als Marthas Reise von Christina Laube – das ist mit seinen filigranen Lasercut-Seiten ganz interessant, doch eher ein Coffeetablebook für Eltern als ein „haptisches Erlebnis“ für Kinder) noch mit berühmten Namen glänzen.

Dass das eine, Rocio Bonillas Der höchste Bücherberg der Welt, nicht zuletzt auch ein Plädoyer für Bücher und das Lesen an sich ist, macht es natürlich umso besser. Auch Einat Tsarfatis Wie sieht es aus in unserem Haus? macht Kinder zu besonders aufmerksamen Bilderlesern, dazu gleich mehr.

Bücherberg

Lukas in Der höchste Bücherberg der Welt wünscht sich nur eins: Fliegen! Er bastelt sich eine Million Flügel, malträtiert die Sprungfedern seines Betts und ist natürlich entsprechend angefressen, dass der Weihnachtsmann ihm jedes Jahr nur nutzlose Spielzeug-Flügel bringt. Der Gesichtsausdruck des zierlichen Jungen mit dem großen Kopf neben dem Christbaum spricht Bände.

Dann schenkt Mama Lukas ein Buch mit den rätselhaften Worten: „Man kann auch anders fliegen, Lukas.“ Und Lukas wird zum besessenen Leser und manischen Geschichtenverschlinger, so exzessiv und blind für alles andere, wie vor allem Jungs (ich spreche aus Erfahrung) eine Sache betreiben können. Die Bücher, die Verwandte, Nachbarn, sogar der Bäcker ihm geben, wachsen unter ihm zu einem imposanten Berg. Und schließlich kann Lukas, beschwingt durch soviel Leseglück, sogar fliegen. Und das ist soviel mehr, als sich nur durch die Lüfte schwingen.

Rocio Bonilla erzählt in großflächigen, meist doppelseitigen Bildern und zeigt, wie Lukas in die Geschichten eintaucht. Comicelemente und fast trickfilmartige Sequenzen fügen sich stimmig mit zarten Bleistiftzeichnungen auf Aquarellen in überwiegend gedeckten Farben zusammen. Es gibt sehr hübsche Details, eine schwarze Katze ist mehrmals zu sehen, der Feuerwehrmann, gerufen, um Lukas vom Berg zu holen, ist sichtbar genervt von dem total selbstvergessenen Jungen. Und wenn King Kong, von Lukas unbemerkt, am Bücherberg rüttelt (Zitat der berühmten Szene am Empire State Building, inklusive Flugzeug), wird deutlich, wie hoch der Turm mittlerweile ist – und wie tief Lukas in die Fantasiewelten eingetaucht ist.

Geheimnisvolle Türen

Optisch ganz anders, doch nicht minder fantasievoll ist Einat Tsarfatis Wie sieht es aus in unserem Haus? (im Original schlicht „The Neighbours“). Angedeutet wird die nachbarschaftliche Vielfalt in einem Haus mit sieben Stockwerken schon bei den Briefkästen. Ein Mädchen steigt nach ganz oben. Inspiriert durch die unterschiedlichen Wohnungstüren und was davor steht, stellt sie sich die Nachbarn vor, die dahinter wohnen. Hinter der Tür im Erdgeschoss mit den vielen Schlössern lebt eine Diebesfamilie, die einen Pharaonenschatz hütet. Große Grünpflanzen und Matsch vorm Eingang – das kann nur ein alter Jäger mit seinem zahmen Tiger sein. Und wenn im vierten Stock immer das Licht ausgeht, ist es eindeutig: Hier wohnt ein Vampir. Hinter jeder profanen Tür tun sich fantastische Welten auf – auf kunterbunten und detailreichen Wimmelbildern, die jeweils eine Doppelseite randvoll füllen. Und auf jeder Seite tummelt sich auch irgendwo ein vermisster Hamster, was den Betrachter auf der Suche nach ihm immer neue Anspielungen und Querverweise entdecken lässt. Und ganz oben: „Hinter der siebten Tür wohne ich mit meinen Eltern“, erzählt das Mädchen. Hier ist es zwar immer noch hübsch farbig, aber sehr aufgeräumt. „Sie sind furchtbar langweilig“, kommentiert sie ihr Zuhause und seine Bewohner. Aber, und das ist ein zauberhafte Fazit dieser Bilderbuchfantasie: „Ich hab sie trotzdem sehr lieb.“
Fantasie beflügelt nicht nur – sie macht auch gelassen.

Rocio Bonilla: Der höchste Bücherberg der Welt, Übersetzung: Renate Loew, Jumbo, 44 Seiten, ab 3, 15 Euro

Einat Tsarfati: Wie sieht es aus in unserem Haus?, Übersetzung: Bernd Stratthaus, Annette Betz, 44 Seiten, ab 4, 14,95 Euro

Nenn mich nicht „Untenrum“

Karbolsäure darüberkippen, wegschneiden, verstümmeln, verteufeln, auf ein Loch reduzieren – was ist es, das über Jahrhunderte Männer, leider auch einflussreiche, so ängstigte, dass sie es mit martialischen Mitteln bekämpften? Es ist die Vulva, das äußere weibliche Geschlechtsorgan, vom Maler Gustave Courbet auf seinem im facebook-Zeitalter erneut skandalisierten Gemälde „Ursprung der Welt“ genannt.

Und so nennt auch die schwedische Comiczeichnerin Liv Strömquist ihr furioses Porträt der Vulva, das Katharina Erben ins Deutsche übersetzt hat. Auf dem Einband posiert sie selbst, breitbeinig auf einer Bank sitzend, wuschelige, dunkle Haare auf dem Kopf (die wie ein hübsches Zitat Courbets wirken, auf dessen Bild man vor allem ein dichtes, großes Büschel Schamhaare sieht, nebenbei der Beweis, dass das Gemälde aus einem anderen Jahrhundert stammt) und die Hände dreiecksförmig im Schoß gehalten. Neben Strömquist lehnt eine Maschinenpistole – das Cover ist die perfekte Einstimmung auf ihr Buch: Strömquist schießt scharf, absolut treffsicher, und in rasantem Stakkato geht es durch die Geschichte der Menschheit und unzählige Absurditäten.

Mit wunderbar schwarzem Humor und genügend Selbstironie erzählt sie von der Wahrnehmung weiblicher Sexualität im Laufe der Zeit. Dass die Vulva fast nie beim Namen genannt wird, wenn dann eher veralbert oder beleidigt, meist schamvoll verschwiegen wird und alles, was mit ihr zusammenhängt, als peinlich gilt, ist nur ein Teil des Problems.

Schwerwiegender war, dass es genügend Männer gab, die geradezu besessen von der Vulva waren und sie für Teufelszeug und den Ursprung allen Übels hielten. Im Mittelalter wurden Frauen angesichts einer vorhandenen Klitoris zweifelsfrei als Hexen identifiziert – faktisch konnte also jedes weibliche Wesen mit dem Segen der Kirche gefoltert und verbrannt werden.

Strömquist hat Haarsträubendes, Gruseliges und schlicht Unglaubliches recherchiert und in wunderbar reduzierte schwarz-weiße Comicstrips umgesetzt. Zum Beispiel sendet die NASA Nachrichten an eventuelle außerirdische Lebensformen ins All und zeigt ein Paar, von dem einer am Penis zweifelsfrei als Mann zu identifizieren ist. Daneben steht ein merkwürdig asexuelles Wesen, gegen das eine Schaufensterpuppe voll Porno wirkt. Ursprünglich gab es in der Schamgegend noch eine angedeutete Linie. Doch auch die wurde eliminiert. Mit messerscharfem Witz denkt Strömquist die Botschaft der NASA zu Ende: Klassisch comiceske Außerirdische in Amöbenform mit mehreren Stielaugen und diversen Tentakeln wenden sich beim Anblick einer auch nur angedeuteten Vulva angewidert ab: „Igitt, darauf antworten wir nicht!“

Die Menschen hatten nicht immer so groteske Wahrnehmungsstörungen und Berührungsängste mit der Vulva: In der Steinzeit gab es hübsch explizite und verehrte Darstellungen in Form üppiger Fruchtbarkeitsgöttinnen. Und vor nicht allzu langer Zeit glaubte man, Frauen müssten einen Orgasmus haben, um überhaupt Kinder kriegen zu können. Weibliche Lust wurde also nicht als Bedrohung empfunden, sondern im Gegenteil geschätzt. Übrigens ist das mit dem Orgasmus und der Befruchtung gar nicht so falsch, durch die Kontraktionen von Beckenboden und Scheidenmuskulatur werden Spermien schneller Richtung Eizelle transportiert. Ärzte rieten damals instinktiv richtig bei Kinderwunsch zur Klitorisstimulation.

„Aber im späten 18. Jahrhunderts änderte das Bild der menschlichen Sexualität sich RADIKAL“, fährt Strömquist fort. Seitdem werden vor allem die Unterschiede zwischen den Geschlechtern betont, ein perfides Instrument, um Frauen zu benachteiligen. Die Vulva, bestehend aus großen und kleinen Schamlippen, Klitoris, Harnröhrenmündung, Damm und Vagina wurde maximal auf letztere reduziert – ein Loch, das gefüllt werden muss. Selbst das Magazin „Der Spiegel“ schreibt in einer euphorischen Buchkritik, „Strömquist erzählt von der Vagina“. Oft ist auch nur von „Untenrum“ die Rede und ich habe auch schon modern und aufgeklärt wirkende Mütter mit ihren Töchtern über „Sand in der Mumu“ reden hören – ein Ausdruck, den Elyas M’Barek im fahrlässig unterschätzten Film „Fack ju Göhte“ ungläubig mit „das hast du jetzt nicht wirklich gesagt“ kommentiert.

Irgendwie setzt sich dieses krude Denken auch in unseren weiblichen Köpfen fort, besonders beim Thema Menstruation. Strömquist wurde übelst beschimpft wegen eines roten Flecks auf einer hübschen Plakatillustration. Der befand sich auf der Unterhose einer Eiskunstläuferin, die lächelnd mit hochgestrecktem Bein dahingleitet.

Die Hälfte der Bevölkerung menstruiert monatlich, es sollte also das Normalste der Welt sein. Trotzdem wäre uns zum Beispiel ein kleiner Blutfleck auf dem Sofa des Gastgebers tausendmal peinlicher als verschütteter Rotwein. Ein sehr anschaulich illustriertes Beispiel, mit dem Strömquist unser verqueres Verhältnis zum eigenen Körper entlarvt. Auch dass so genannte Hygieneartikel vor allem mit „Frische“ werben, als wäre die Monatsblutung schon mal per se unhygienisch und müsse mit einer Extraportion Frische vertuscht werden. Sehr verwunderlich – und absolut umwerfend – wie Strömquist uns mit wenigen Bildern die Augen öffnet.

Aberwitzig ist auch der ausnahmsweise farbig illustrierte Monolog Evas, nachdem sie von der Frucht der Erkenntnis gegessen hat und sich fortan schämt, für das, was sie ist: also für ihre Periode, zu große Schamlippen (würden Männer sich den Penis operativ verkleinern lassen? Bestimmt nicht! Außer vielleicht Dirk Diggler nach Ende seiner Karriere als Pornofilmstar), zu feucht zu werden …

Wie das exzellente Aufklärungsbuch „Sex“ sollte auch jeder Liv Strömquists außerordentlich kluges und brillantes Biologiebuch „Der Ursprung der Welt“ lesen und darüber reden: Vulvadialoge statt Vaginamonologe.

Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt, Übersetzung: Katharina Erben, avant Verlag, 140 Seiten, ab 14, 19,95 Euro

Das Kaputtsein und das Nichts

tippo„… denn alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“ Mephistos Motto beschreibt die Motivation der Entropiewichte sehr treffend. Der was? Entropiewichte, auch Entröpfe genannt, sind kleine Wesen, die im Verborgenen emsig alles, was gerade noch glänzend und neu war, in kürzester Zeit schäbig und abgenutzt aussehen lassen. Der fiese Riss mitten durchs Display, der scheußliche Fettfleck auf dem Lieblingshemd, der hässliche Knick im hübschen Bucheinband – alles Werk dieser Wichte! Von wegen geplante Obsolenz und Sollbruchstellen.

Das ebenso entzückende wie alles andere dem Untergang geweihte Kinderbuch Tippo und Fleck von Barbora Klárová und Tomás Končinský enthüllt endlich, warum alles unweigerlich kaputtgeht. Tippo geht in die dritte Klasse der GSAD, der Grundschule für das Altern der Dinge. Er stammt aus einer altehrwürdigen Familie von Buchzersetzern: Sein Vater leitet die Abteilung, die Bücher vergilbt und zerlöchtert, seine Mitarbeiter sind „Esseisten“, die dafür zuständig sind, dass auf jeder Seite eines Buches irgendein Essen seine Spur hinterlässt. Und seine Mutter leitet die Einheit der Düfte und gibt den Bänden ihr eigenes Odeur. Tippo möchte sich mehr den digitalen Medien als Bibliotheken widmen, klappernde Tastaturen und Programmierfehler werden sein Metier. Tippos bester Freund ist Fleck, ein dauerkakaoverklebter kleiner Kerl, unfreiwillig Lieblingsschüler der Lehrerin für Kleckskonstruktion.

„Fleck und ich sind schon ziemliche Chaosmagneten. Und Fleck und ich waren schon immer beste Freunde und werden es für immer bleiben. Na ja, mit Ausnahme der unglücklichen Begebenheit mit dem Zahn der Zeit, aber bis dahin muss ich mich erst noch durchbeißen.“ Tippo erzählt von der Schule, berühmten Entröpfen, kuriosen Preisverleihungen – und schließlich vom Tag, an dem sich sein Leben ändert. Es ist eine spannend und mitreißend erzählte Geschichte von Erkenntnis und Zweifel, von Enttäuschung, Sinnsuche und existenzialistischen Fragen. Ein bisschen Kafka ist dabei, ein Hauch Alice im Wunderland, eine Prise Atheismus und die uralte Frage, was zuerst da war, die Henne oder das Ei. Das scheint nur ziemlich pompös philosophisch, kommt aber höchst charmant verpackt daher wie des Pudels Kern (womit wir schon wieder beim alten Faust sind) in einer komplexen Mistkäferkugel aus Hundedreck. Wobei keineswegs gemeint ist, dass letztlich alles Kacke ist! Ganz und gar nicht, es läuft eher hinaus auf das Kaputtsein und das Nichts.

„Vitat Entropia!“ lautet das tatsächliche Motto der Entropiewichte. Es springt einem auf dem Vorsatzpapier entgegen und steht in Stein gemeißelt auf der Bahnhofswand, durch die soeben eine Lok gerast ist (ein tatsächlicher historischer Unfall). „Entropie“ ist mir aus dem Studium als das Bestreben aller Teilchen, sich weitest möglich auszubreiten und zu vermischen, bekannt. Das Phänomen kann man auch bei Kleinfamilien, die kreuz und quer Gehwege blockieren, geplatzten Reistüten oder runtergefallenen und zerbrochenen Gläsern beobachten. Im Fremdwörterbuch steht eine andere Definition. Für die Entröpfe bedeutet es aber die Feier des totalen Chaos, des Herstellens von Unordnung, ihres obersten Sinn und Daseinszweck. Ist mir gleich sympathisch, habe ich auf LETTERATUREN doch auch schon mal bei einem anderen Buch das rettende Chaos gelobt.

Daniel Špaček setzt diese Lebenswelt auf wuseligen Panoramaseiten von Mülldeponien, Schimmelfleckfarmen, Buchbaustellen und schließlich dem absoluten, tiefschwarzen Nichts in Szene. Am schönsten sind aber seine vielen liebevollen Detailzeichnungen von Entropieapparaturen und –kreaturen wie dem Zweitaktdampfschokofleckator, dem riesigen Kettenstreuwagen für Verunreinigungen, „Krümel“, einem Teleskopschnellsplitterspinner, dem knuffigen Eselsohrer aus der Familie der Vandalibris und des hundsgemeinen Staubbüschels, einer „im Anbau relativ unkomplizierten Zierpflanze“. Nicht zuletzt hat sich Lena Dorn dem Überthema erfolgreich widersetzt und Tippo und Fleck aus dem Tschechischen quicklebendig und frisch, überhaupt nicht angestaubt oder altbacken übersetzt.

Dieses Kinderbuch ist ein geistreicher und optisch überbordender Genuss. Raffinierterweise ist es gleichzeitig Teil des großen Ganzen, des Laufs der Welt: „Mit dem Durchtrennen der Binde startest du feierlich das Altern dieses Buches!“ steht auf der Buchbinde, die man eigenhändig aufreißen oder schneiden und damit die Zerstörung in Gang setzen muss, sonst kann man es nicht lesen. Wenn einem Entropie, also der unaufhaltsame Zerfall und das Altern der Dinge so schmackhaft gemacht wird, dann kann auch ich mich damit arrangieren.

Obwohl … das Eselsohr im schönen Einband von Simone Buchholz’ neuem Roman Mexikoring ärgert mich doch so sehr, da muss fürs Buchregal noch ein neues her. Ich glaube, die Entropiewichte haben eine Abmachung mit den Buchhandlungen?!

Barbora Klárova, Tomás Končinský: Tippo und Fleck, Illustration: Daniel Špaček,  Übersetzung: Lena Dorn, Karl Rauch Verlag, 2018, 128 Seiten, ab 6, 18 Euro

Ein Sechsbuchstabenwort

Laut einer aktuellen Studie im Auftrag der Krankenkasse AOK sind Arbeitnehmer, die ihre Arbeit als sinnvoll empfinden, nur halb so viele Tage im Jahr krank. Wobei sinnvoll bedeutet, dass man mit den Kollegen gut klarkommt und sich vom Arbeitgeber wertgeschätzt fühlt. Es heißt auch, dass man sich nicht jeden Arbeitstag fragt, warum man überhaupt hingeht und das Gehalt bestenfalls als Schmerzensgeld empfindet. Arbeit ist nicht nur für den Lebensunterhalt da. Sie kann auch krank machen; wesentlich häufiger, als dass sie glücklich macht.

Vor allem nimmt Arbeit aber einen Großteil unseres Lebens ein. Sie bestimmt unseren Alltag, unseren Lebensrhythmus, unser Umfeld. Grund genug für das Kollektiv Spring, sich in der neuen, jährlich im Sommer veröffentlichten  Ausgabe ihrer gleichnamigen Anthologie-Reihe mit dem Thema Arbeit zu beschäftigen. Es gelingt den an diesem Magazin beteiligten 13 Zeichnerinnen, Illustratorinnen, Grafikerinnen und Comickünstlerinnen ganz famos, Arbeit in all seinen Spielarten und Facetten – und mit sämtlichen Nebenwirkungen – darzustellen. Wobei die Endung *innen diesmal nicht einfach nur politisch korrekt ist, sondern das 2004 in Hamburg gegründete Kollektiv tatsächlich nur aus Frauen besteht und inzwischen ein stabiles Netzwerk bildet.

Das ist wichtig und sinnvoll: Sei es, weil Frauen immer noch für dieselbe Arbeit schlechter bezahlt werden als Männer. Und in Bereichen arbeiten, die die meisten Männer nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden, weil sie viel zu wenig Geld einbringen. Dass Erzieherinnen oder Pflegerinnen viel mehr Geld verdienen (und das wortwörtlich) müssten, zeigt Carolin Löbbert in ihrer Strecke „Der Lohn der Arbeit: „Zeit, die ein deutscher Profifußballer ca. arbeiten muss, um sich einen VW Golf kaufen zu können: 1 Tag. Zeit, die eine Hebamme in Deutschland ca. arbeiten muss, um sich einen VW Gold kaufen zu können: 850 Tage.“ Eine sehr eingängige Verbildlichung des sogenannten „Gender Pay Gap“.

Überhaupt hängt mit Arbeit viel Ungerechtigkeit zusammen: Das zeigt der Spaziergang einer Comizeichnerin mit ihren eigenen Figuren durch den Hamburger Hafen. Der Reichtum der Stadt und westlichen Welt fußt auf Kolonialismus, Raub, Ausbeutung und Versklavung. Ironischerweise macht die auch nicht vor den selbstentworfenen Charakteren halt: Als die Comichelden auf Arbeitsrechte pochen, werden sie umgehend zensiert und sprechblasentot gemacht. Emsige, diskussionsfreudige Bienen finden sich in der Anthologie ebenso wie eine komplett wortlose Geschichte über den Alltag in Schlachthöfen, das Töten am Fließband und unsere verkorkste Tierliebe. Sehr überzeugend und umfassend, in eingängigen Plakaten zeigt Stephanie Wunderlich die Arbeit im Wandel der Zeit, von ora et labora über Karl Marx bis zum Generationenvertrag und der Automatisierung der Arbeit. Witzig zugespitzt setzt Katharina Geschwendtner lächerlich euphemistische Termini der modernen Arbeitswelt wie „Projektleiter“, „Influencer“, „Nehmerqualitäten“ und „Produktbindung“ in Szene. Gleich im Anschluss träumt Moki einen ebenso seifenblasengeschwängerten wie desillusionierenden Traum vom Tellerwäscher.

Katrin Stangl erzählt ein sehr erfrischendes Märchen vom Recht auf Faulheit. Dass aber selbst die raffinierteste Müßiggängerin irgendwann der Arbeit nicht entkommt, deutet das Schlussbild an, das gleichzeitig nebenbei einiges über Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern erzählt. Es illustriert auch hervorragend, wie vielsagend Zeichnungen sind, ganz ohne Worte. Und dass der Beruf der Illustratorin und Grafikerin soviel mehr beinhaltet, wie in Birgit Weyhes Selbstreflexion zum Titelthema: „Wie andere meine Arbeit sehen. (Mutter holt Tochter von der Schule ab.) Tochter: Heute sollten wir etwas über eure Arbeit schreiben. Ich habe geschrieben, dass du keine Arbeit hast, sondern nur zeichnest.“ Oder: „Sie sind Illustratorin? Wie nett, dann ist also Ihr Hobby Ihr Beruf.“ Kein Gedanke an den schwer zu bemessenden Wert von Inspiration und künstlerischer Arbeit, entsprechend schwierigen Honorarverhandlungen, die Unsicherheiten der Selbstständigkeit, Ansprüche von außen und an sich selbst.

Diese Ansprüche beschäftigen auch Larissa Bertonasco in ihrem Beitrag, der der letzte dieser Anthologie und der Höhepunkt ist. Bertonasco ist für ihre eher pastellfarbenen, gefälligen Illustrationen, vor allem von Kochbüchern, bekannt. Auffallend und den Stimmungswechsel versinnbildlichend ändern sich die Farben: Das zuvor vom Kollektiv  abgesprochene, ins Auge springende Farbschema dieser Ausgabe aus leuchtendem Rot, Schwarz und Weiß wirkt wie unter einem Grauschleier liegend. Extrem reduziert und pointiert erzählt die aus Schwaben stammende Bertonasco vom Burnout. Ihr Leben schien geradezu perfekt zu sein: „… ich machte als Diplom ein Buch, welches sofort verlegt wurde und dessen erste Auflage in einem Monat ausverkauft war. (…) Es wurde eine ganze Küchenkollektion mit meinen Bildmotiven entworfen. (…) Ich bekam viele Aufträge, verkaufte Bilder, wurde eingeladen, zu Ausstellungen, Vorträgen, gab Interviews für Zeitschriften.“ Dazu noch zwei tolle Kinder und einen Vertrag mit einem „super Verlag, der mir alle künstlerischen Freiheiten ließ.“

Trotzdem Angst: „Ich bekam Schiss. Würde nun auffliegen, dass ich in Wirklichkeit absolut untalentiert und ohne Plan bin?“ Dieser Gedanke ist typisch weiblich, nur wenige Männer zweifeln an sich selbst, an ihrer „Performance“ – noch so ein sehr bezeichnender Neologismus.

Und dann der totale Zusammenbruch, nichts geht mehr: „Ein innerer Widerstand, gegen den Druck, den ich mir selbst andauernd machte, wurde immer größer. Eine grenzenlose Erschöpfung und unendliche Müdigkeit legte sich bleischwer über meinen Körper.“ Das ganze Programm: Konzentrationsstörungen, nächtlich Heulkrämpfe, unfähig, die einfachsten Sachen zu machen, den Alltag zu bewältigen, Selbsthass.

Ihren Burnout, die völlige Selbstzerstörung und den langen, quälenden Weg zurück ins Leben, das illustriert Larissa Bertonasco bewundernswert persönlich, schmerzhaft intensiv und schonungslos ehrlich.

Dieser „Comicstrip“ hilft mehr als jedes markige Lebensratgeberbuch. Und macht sehr deutlich, dass der Platz, den Arbeit in unserem Leben einnimmt, und der Nimbus, den sie in unserer Gesellschaft hat, viel zu groß ist.

Wie singt Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen sehr wahr und wunderbar lakonisch: „Arbeit ist ein Sechsbuchstabenwort“. Wenn es richtig gut läuft, dann kann Arbeit, wie Anne Vagt im Vorwort schreibt, eine armour fou sein. Aber das ist wirklich nur den wenigsten vergönnt und sollte man auch nicht erwarten.

Spring Nr. 15: Arbeit, Mairisch Verlag 2018, 228 Seiten, 20 Euro

 

 

Lasst uns über Sex reden

sex„Über Sex, genau, dieses Thema: SEX, SEX, SEX … Es wird Zeit, die Dinge endlich beim Namen zu nennen.“ Genau das tut die spanische Bloggerin Chusita Fashion Fever in ihrem Buch Sex – was du schon immer wissen wolltest – klar, direkt, unverblümt, schamlos, lustvoll und erfrischend. Gleich zu Anfang stellt sie klar: „Lass die Finger von diesem Buch, wenn du keine Lust hast, über Sex zu reden.“

Genau darum geht’s: Über alles reden, was irgendwie mit Sexualität zu tun hat. Es ist schon erstaunlich: Heute scheint alles übersexualisiert – und ebenso prüde. Körper sollen nicht nur perfekt geformt sein. Das gängige Schönheitsideal ist auch irritierend asexuell und kindlich androgyn: komplett haarlos, absolut reine Haut, geruchsfrei, zyklusunabhängig und nicht menstruierend oder andere Flüssigkeiten absondernd, athletisch, symmetrisch, straff, fest, allzeit bereit.

Nur offen und ehrlich miteinander über Sex zu reden, Unwissen und Ängste zu offenbaren, das traut sich im Alltag kaum einer. Das ist nur uncool und peinlich. Was man selbst die besten Freunde nicht zu fragen wagt, das schafft man in der Anonymität des Internets. Chusita hat angefangen mit einem YouTube-Kanal über Mode. Aber ihre Abonnenten, über 270.000 mittlerweile, wollten vor allem Ratschläge über Sex und Gefühle,

So entstand ursprünglich die Rubrik „Ich an deiner Stelle“ und jetzt dieses Buch: mit viel Knallorange, illustriert im Mangastil, unterteilt in kompakte Kapitel wie zum Beispiel „Lust“, „Flirten“, „Orgasmus“, „Und noch mehr Küsse“, „Oralsex“, aufgelockert mit endlich mal sinnvollen Tests zur Selbsteinschätzung, Dialogfenstern, poppigen Einschüben, kennzeichnenden Emojis, akzentuierten Textfeldern. So sind beispielsweise „nette Nebeneffekte der Selbstbefriedigung“: „Baut Spannungen und Ängste ab, verbessert Wohlbefinden und Laune, vermindert Menstruationsbeschwerden“. In der Rubrik „Lügenmärchen“ räumt Chusita mit Mythen auf, zu Penisgröße, Jungfräulichkeit, Traumprinzen und Idealbeziehungen, Homosexualität oder auch „beim Sex muss man laut schreien“: „Im Kino vielleicht. Ob jemand laut stöhnt oder schreit oder nicht, ist etwas, was sich von selbst ergibt“.

Chusita macht klar: Sex ist soviel mehr als Penetration. Sex soll sich gut anfühlen. Alles, was Lust bereitet und niemandem schadet ist okay. Sex ist bei jedem, mit jedem und jedes Mal anders. Und vor allem: „Fall nicht auf Pornos rein. Sex im realen Leben ist etwas völlig anderes als der, den du im Fernsehen und in Filmchen siehst, weil dort alles total übertrieben ist! Vergleich dich bloß nicht damit!“ Ebenso hilfreich und wissenswert ist, was man beim Sex bitte niemals tun sollte: „Über deine Fehler oder die deines Partners sprechen, ein Selfie machen, während man miteinander schläft, schmutzige Wörter mit Schimpfwörtern verwechseln.“ Chusita lässt nichts aus und nennt alles beim Namen: Vulva, Vagina, Klitoris, Penis, Eichel, Hoden, ohne Albernheiten und Euphemismen. Es ist auch immer nur einfach und quasi geschlechtsneutral vom „Partner“ die Rede, egal ob Mädchen und Junge, Mädchen und Mädchen, Junge und Junge. Das hat sich selbst der Verlag in seiner Ankündigung nicht getraut, wo von „***innen“ die Rede ist.

Und Ilona Einwohlt hat es geradezu kongenial ins Deutsche übersetzt, so dass es wirklich nie peinlich ist, sondern immer total interessant und spannend. Man kann der Autorin, bürgerlich Maria Jesus Carna Anton, nur zustimmen: Hätte man dieses Buch bloß schon als Teenie gehabt! Umso besser für diejenigen, die jetzt Teenies sind und „Dies ist kein Sexbuch“, so der Originaltitel, lesen können. „Kein Sexbuch“, weil es jedes Klischee umgeht, mutig und selbstbewusst macht – und einfach totalen Spaß bereitet, also wie Sex sein sollte.

So sehr Ilona Einwohlt als Übersetzerin brilliert, so wenig überzeugt sie als Autorin. Dabei ist die Ausgangssituation ihres Buchs für Leser ab elf Jahren Gucken verboten! Das (fast) geheime Aufklärungsbuch ganz reizvoll. Paul und Pia, beide elfeinhalb, sind allerbeste Freunde, obwohl Mädchen und Jungen das angeblich nicht sein können. Und sie können auch wirklich über alles reden, nicht so direkt … Paul kommt durch seine große Schwester auf die Idee eines gemeinsamen Tagebuchs, in das sie wechselseitig reinschreiben, über nervende Penis- und Brustgrößenvergleiche schimpfen, von ersten Masturbationsversuchen erzählen, über Pickel, Schamhaare und Geruch räsonieren, Kondome ausprobieren, ersten Samenerguss und erste Menstruation beschreiben, also alles, was Fast-Teenager zwangsläufig so beschäftigt in dem Alter. Katharina Vöhringers bunte Illustrationen zum Thema sind überwiegend sehr nett und witzig.

Aber sprachlich überzeugt dieser Dialog, eigentlich eine Art Briefroman, leider nicht. So reden und schreiben Jugendliche in dem Alter nicht, selbst, wenn sie mutig genug sind, sich so zu offenbaren. Besonders deutlich wird dies ziemlich am Anfang, als Pia versucht Paul zu erklären, was ein Orgasmus ist, nachdem sie es sich selbst angelesen hat in einem hinten im Bücherregal versteckten Buch eines Sexforschers: „Ich schreib es mal mit meinen Worten auf, wie ich es verstanden habe. Wenn zwei Menschen sich ganz dolle lieb haben …“ Bei „dolle“ hört es bei mir schon auf. Das sagen höchstens Kinder in den Elbvororten oder München Grünwald, und die heißen nicht Paul und Pia sondern Karl-Ludwig und Helene-Charlotte und selbst die meinen es ironisch! Wie charmant dagegen bei Chusita, anschaulich übersetzt von Einwohlt: „Woran du einen Orgasmus erkennst: Du bekommst ein unglaublich intensives Gefühl im Genitalbereich, alles zuckt und bebt … Atmung und Herzschlag werden schneller …“

Einwohlt kann sich in ihrem Aufklärungsbuch nicht entscheiden, ob es eher klassisch aufklärt, also vor allem über Sexualität im Allgemeinen, Entwicklung, Geschlechtsreife, Verhütung schreiben will, dazu passt auch die parallele Schwangerschaft von Pauls Au-pair Matilda und einige lehrbuchmäßige Darstellungen. Oder ob es eben ein Sexbuch sein soll, wo Fortpflanzung eher nebensächlich ist und es um alles das geht, was nicht im Anatomieatlas und Physiologiebuch steht. Wahrscheinlich weil Einwohlt fürchtet, ihr noch sehr junges Publikum zu überfordern und sie vor allem kritische und besorgte Eltern nicht vor den Kopf stoßen will, greift sie auch sprachlich daneben: Das inflationär verwendete Wort „Pimmel“ zum Beispiel klingt nur unreif und albern. Ein Highlight gibt’s trotzdem: „Kotzgurke“ kann man durchaus in den eigenen Wortschatz übernehmen. Insgesamt ist dieses Aufklärungsbuch zu textlastig geraten.

In Sex steht tatsächlich drin, „was du schon immer wissen wolltest“. In Einwohlts Aufklärungsbuch leider nicht, dafür von einigem Uninteressantem und nicht wirklich Neuem eindeutig zu viel.

Chusita Fashion Fever: Sex – was du schon immer wissen wolltest, Übersetzung: Ilona Einwohlt, cjb, 2018, 160 Seiten, ab 14, 15 Euro

Ilona Einwohlt: Gucken verboten! Das (fast) geheime Aufklärungsbuch, Illustrationen: Katharina Vöhringer ()Sauerländer, 2017, 120 Seiten, ab 11, 15 Euro

Mal offline ist auch ganz nett

Kinderbücher über Smartphone, Internet und so können eine ziemlich öde und eindimensionale Angelegenheit werden. Wenn sie nämlich die modernen Medien pauschal verteufeln und stattdessen ein längst vergangenes, eigentlich nie wirklich existierendes Bullerbü-Kinderglück propagieren. Und damit in die Kerbe Manfred Spitzers schlagen, der polemisch polternde Prediger und Psychiater, der Computer plus Kinder und Jugendliche mit „Sucht“ gleichsetzt, von „Zivilisationskrankheit“ raunt und Volksverdummung sowie eine komplett depressive, vereinsamte und abgestumpfte Generation junger Menschen prophezeit.

Umso erfrischender sind Marc-Uwe Klings Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat und der neue Band aus der Sachbuchreihe Carlotta, Henri und das Leben: Mama ist offline und nix geht mehr. Beide Bücher kommen ohne mahnenden Zeigefinger aus, machen dafür einiges bewusst. Wobei auffällt, dass Frauen in diesen wirklich gelungenen Geschichten für die jüngsten Digital Natives anscheinend eine größere Internetaffinität haben.

Die Mama der Zwillinge Henri und Carlotta ist „echt cool. Sie hat über achthundert Freunde auf Facebook, ist in mindestens siebenunddreißig WhatsApp-Gruppen, schaut alle halbe Stunde, was auf Twitter passiert, skypt mit ihren Freundinnen und seit neuestem hat sie sogar Snapchat.“ Und natürlich hat sie immer das neueste Smartphone. In ihrem Job als Graphikerin läuft alles digital, sie ist auf permanenten Zugang zum Internet angewiesen. Nur Papa ist eher der analoge Typ. Jetzt sind Ferien, Papa „hat sich extra freigenommen, damit alle etwas unternehmen können“, also Wellenreiten statt im Netz surfen, draußen neue Eindrücke gewinnen statt Bilder posten, Konzerte besuchen statt Spotify-Listen anhören …

Dann spielt Henris Ungeschick Papa in die Hände: Henri fällt Mamas Smartphone ins Klo, das Teil ist kaputt, Reparatur dauert eine Woche, Mama ist offline und nix geht mehr. Katastrophe! Selbst Papa leidet und ist sauer, weil die Kaffee-App streikt und nicht wie gewohnt morgens frisch gebrühtes Wachmachergetränk kredenzt. Dann wettet er mit seiner Familie: Werden Mama, Carlotta und Henri es eine Woche offline aushalten? Ohne E-Mail, Videos, Onlinespiele, Messanger-Gruppe … arrgghh!

Unprätentiös und entspannt erzählt die Autorin und studierte Kommunikationsdesignerin Anette Beckmann von den kurzen, unfreiwilligen Ferien vom Internet. Da sieht man die Welt mit anderen Augen, die Familie entdeckt ein altes Schloss mit Flohmarkt statt des anvisierten Badesees, Musik kommt aus dem Autoradio oder vom Plattenspieler (gut, wenn man seine Schallplatten noch hat, obwohl, wichtiger Hinweis, „können schnell verkratzen“). Und merkt nebenbei, wie sehr mittlerweile Smartphones das Leben bestimmen, wenn zum Beispiel in der Pizzeria alle Gäste, egal welchen Alters, autistisch auf ihr Gerät starren, statt sich zu unterhalten. Oder die eigentlich coole, 15-jährige Cousine Ida zu Besuch kommt und total schlecht gelaunt ist, weil ein peinliches Foto von ihr gepostet worden ist. So lernt man, dass „Privates und Internet nicht zusammenpassen, weil alles auf ewig gespeichert wird und Dinge, die du heute lustig findest, in fünf Jahren vielleicht nicht mehr so lustig findest …“ Eine sehr charmante Geschichte mit absolut wissenswerten Erklärungen über ebenso selbstverständlich wie ahnungslos verwendete Begriffe, knappen Sachtexten sowie klugen Tipps zum gewinnbringenden Umgang mit digitalen Medien. Marion Goedelt hat sie cartoonesk mit vielen witzigen Details und lebhaften Einsprengseln illustriert, man hat fast einen richtigen Trickfilm vor Augen, soviel Bewegung ist in den Bildern.

Eine ganz unerwartete Dynamik bekommt auch der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat. Eine Doppelklick zu viel, und es hat sich was mit chatten, streamen und so. Die Großeltern sind da, weil Ferien sind und die Eltern arbeiten müssen. Jetzt hat aber Tiffany, die jüngste der drei Geschwister ein ganz schlechtes Gewissen, weil sie doch auf Oma aufpassen sollte und dann zerstört die das weltweite Netz. Die älteren Geschwister Max, der liegend chattet und ballert, und Luisa, Punkerin mit grünen Haaren, die sich laut ihres Vater in „einer politischen Phase“ befindet, können zwar kaum glauben, dass ausgerechnet ihre Großmutter alles lahm gelegt haben soll. Aber als der Pizzabote bei ihnen strandet, weil sein Navi nicht funktioniert, die Eltern früher, auf Umwegen, nach Hause kommen, weil arbeiten nicht mehr möglich ist, und sogar die alte E-Gitarre vom Dachboden wieder zur Geltung kommt, ist das auch egal.

Gewohnt ironisch und mit sanftem, politischem Witz inszeniert der Känguru-Chroniken-Autor ein freundliches, eintägiges, aber durchaus wiederholenswertes Chaos. Bei der Gelegenheit erklärt zum Beispiel Max der kleinen Schwester, was das Internet ist. „Kacknazis“, Kapitalismuskritik, Punkmusik und Teletext kommen auch kindgerecht zur Sprache, bunt und leicht karikaturesk bebildert von Astrid Henn. Und der mehrfach wiederholte Doppelklick ist wie eine augenzwinkernde Hommage an den Klassiker „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt: „klick, klick“. So ein Tag offline hat durchaus seinen Reiz.

Marc-Uwe Kling, Astrid Henn (Illustrationen): Der Tag, an dem Oma das Internet kaputt gemacht hat, Carlsen 2018, 72 Seiten, ab 6, 12 Euro

Anette Beckmann, Marion Goedelt (Illustrationen): Carlotta, Henri und das Leben – Mama ist offline und nix geht mehr, Tulipan 2018, 64 Seiten, ab 7, 15 Euro