Vom preisgekrönten Sinn und Unsinn im Leben

erlbruchDiese Woche läuft in Bologna die Kinderbuchmesse – und jeder Buchmensch, der sich mit Kinder- und Jugendbüchern beschäftigt, ist entweder dort oder beobachtet aus der Ferne die Geschehnisse.

Dieses Jahr habe ich es leider nicht in dieses Geschichten- und Illustrationsparadies geschafft und bekomme die News also nur über die Medien. Eine schöne gab es gestern: Der Illustrator und Kinderbuchautor Wolf Erlbruch ist dieses Jahr mit dem hoch geschätzten und hoch dotierten Astrid Lindgren Memorial Award (ALMA) ausgezeichnet worden. Herzlichste Glückwünsche!

Die meisten werden Erlbruch sicherlich mit dem Maulwurf verbinden, der das Dilemma auf seinem Kopf klären will, ich hingegen habe ihn durch zwei andere kleine Bücher kennengelernt.
Seine visuelle Interpretation des Goeth’schen Hexen-Einmal-Eins fasziniert mich immer wieder. So kryptisch wie die Reime des Geheimrats, die einem so sanft von der Zunge gehen und doch keinen eigentlichen Sinn ergeben, so geheimnisvoll sind auch die Collagen, die Erbruch dazugestellt hat. Mechanische Figuren, ein rauchender Seemann mit einem überlangen Boot unter dem Arm, Boxer, eine schöne Frau, eine Gänse-Fünf, der Sensenmann … es ist herrlich. Auf wenigen Seiten gibt es viel zu entdecken, und seien es die Zahlenkolonnen und die französischen Worte in den Papierschnipseln.
Und ganz ohne Sinn füllt sich der Geist des Lesers und Betrachters mit Klang und Bildern. Man fängt an zu träumen und zu staunen. Ganz leicht, ganz schön.

erlbruchDer Gans und dem Sensenmann begegnet man dann in dem Büchlein Ente, Tot und Tulpe wieder, das Erlbruch sowohl als Autor wie als Illustrator geschaffen hat. Das Zwiegespräch, das die Ente (die für mich eher wie eine Gans aussieht) hier auf wenigen Seiten mit dem Gevatter Tod führt, ist so rührend und voller Essenz, dass ich bei jeder Lektüre wieder schlucken muss. Doch ist in dieser Begegnung der beiden auch so viel Tröstliches, dass der Tod am Ende wie ein guter Freund dasteht.

Die philosophische Tiefe, mit der Erlbruch hier über die Allgegenwart des Todes, seines Dazugehörens zum Leben und dem Verschwinden der Welt nach dem Tod hier erzählt, ist meiner Ansicht nach, so auf den Punkt gebracht, dass man sich lange Abhandlungen von Philosophen durchaus schenken kann. Die Seitenhiebe des Todes auf christliche Glaubensüberzeugungen, was den Tod angeht, sprechen mir persönlich aus der Seele. So stößt er im Vorbeigehen auch noch das Nachdenken über den Unterschied zwischen Glauben und Wissen an.

In diesem Meisterwerk verliert der Tod seinen Schrecken. Die Gans hat das große Glück, sanft einzuschlafen. Denn die Grausamkeit des Sterbens bleibt ein Teil des Lebens und kommt in Form von Unfall oder schlimmem Schnupfen. Das ist dann aber eine andere Geschichte. Der Tod hingegen, der der toten Ente eine Tulpe mit auf den letzten Weg gibt, ist ein gutmütiger Geselle.

Ein besseres Trostbuch für kleine und große Menschen ist mir bis jetzt noch nicht untergekommen. Dafür sage ich Danke, Wolf Erlbruch!

Wolf Erlbruch/Johann Wolfgang von Goethe: Das Hexen-Einmal-Eins, Hanser, 2016, 32 Seiten, ab 3, 7,90 Euro

Wolf Erlbruch: Ente, Tod und Tulpe, Kunstmann, 2007, ab 4, 32 Seiten, 14,90 Euro

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Die Wochenration Lyrik

Kinder KalenderEs gibt viele Arten, wie man Kinder an Poesie heranführen kann. Eine der schönsten ist für mich der Arche Kinder Kalender. Jetzt wieder zu haben für 2017.

Wie in den Jahren zuvor hat die Internationale Kinderbibliothek in München wieder mit feinem Gespür entzückende Gedichte mit ebenso wunderschöne Illustrationen aus aller Welt zusammengestellt. Jedes Wochenblatt brigt etwas Überraschendes, Fröhliches, Urkomisches, aber auch Nachdenkliches. Denn in diesen Mikrogeschichten eröffnen sich ganze Welten, zeigen sie doch, was in den verschiedenen Ländern von Italien bis China, von Portugal bis Russland, was also rund um den Globus die Menschen so sehr bewegt, dass sie es in einem Gedicht würdigen.

Das können fantastische Wesen wie der Drachen-Veteran, aber auch kulinarische Grundnahrungsmittel wie die Rote Bete oder Papadam sein. Oder aber die täglichen Ängste der Schüler vor dem Unterricht. Die Musik des Aprilregens wird genauso aufgeführt wie der Blumenreigen in einem Garten. Mäuse spielen Fußball, Schwäne ziehen über das Meer. Man kommt ins Träumen und fängt selbst an zu reimen, zu dichten. Ich möchte am liebsten meinen hopsenden Eichhörnchen im Baum vor dem Küchenfenster ein paar Zeilen widmen.

Wie schon vor zwei Jahren erfreut mich auch dieses Mal wieder, dass die Originalgedichte wie immer mitabgedruckt sind. Es würdigt die Autoren, aber im gleichen Maße die vielen vorzüglichen Übersetzer_innen, die großartige Lösungen für diese kondensierten Inhalte gefunden haben.
Aber gerade bei den Sprachen mit anderen Buchstabenschriften wie dem Kyrillischen, aber auch bei Chinesisch, Koreanisch oder bei den runden indischen Malayalam-Buchstaben, schaut man zudem die Gedichte selbst wie Bilder an. Manches Mal werden sie sogar Teil der Illustrationen, was ihre Schönheit doppelt unterstreicht. Im kommenden Jahr werde ich mit meiner dann fünfjährigen Nichte mal erkunden, wie das auf die Zielgruppe wirkt.

Sicher ist, dass die Kinder ein Gespür für Poesie entwickeln werden. Denn sie finden hier nicht nur gereimte Verse, sondern auch freie Formen und manch auf den ersten Blick rätselhafte Zeilen. Da werden dann die Gehirnwindungen gefragt sein, dem Gelesenen einen Sinn zu geben – oder vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall werden sie erfreuen, bewegen, anregen. Manch Baum wird vielleicht im Juni vorsichtiger bestiegen werden, damit Mama sich keine Sorgen mehr machen muss. Und Ende September sprudelt es möglicherweise aus den Kindern selbst heraus, denn dort gibt es eine leere weiße Seite, die mit Worten, Versen und Bildern gefüllt werden möchte.

Ich freue mich, dass ich diesen Begleiter durch das kommende Jahr bei mir aufhängen kann, und wünschte, dass er in möglichst vielen Kinderzimmern ebenfalls seinen Platz findet.

Arche Kinder Kalender 2017. Mit 53 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt. Herausgegeben und ausgewählt von der Internationalen Kinderbibliothek München, Arche Kalender Verlag, 2016, ab 5, 18 Euro

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Kopfüber

aliceBis zum heutigen Tag hatte ich nie Gelegenheit – und es hat mich auch nie jemand dazu gedrängt – den Kinderbuchklassiker Alice im Wunderland von Lewis Carroll zu lesen. Die Filme, selbst wenn ein Johnny Depp darin mitspielte, haben mich irgendwie nicht gereizt. Nun hat es allerdings die raffinierte Neuauflage aus dem Gerstenberg Verlag geschafft, die zum 150-jährigen Jubiläum des Werks erschienen ist, das Versäumte nachzuholen.

Zum Nonsens-Inhalt von Alice möchte ich hier gar nicht viel ausführen. Figuren wie das weiße Kaninchen, die Grinsekatze, die blaue Raupe, der verrückte Hutmacher, die Herzkönigin sind hinlänglich bekannt. Wissenschaftliche Werke über Carrolls Werk gibt es zu Hauf, ich würde ein eigenes Studium benötigen, um mich dort auf den aktuellen Stand zu bringen. Das kann jedoch in diesem Moment nicht meine Aufgabe sein.

Hier möchte ich viel lieber auf zwei Dinge aufmerksam machen, die mich erfreut haben. Da ist zunächst die Ausstattung dieser Neuausgabe: Illustriert von der Niederländerin Floor Rieder, die für Gerstenberg bereits das Buch Evolution von Jan Paul Schutten bebildert hat und zudem für die Zeitschrift flow arbeitet, kommt Alice in einem liebevoll aufgemachten Design und Outfit daher, dass man ihr die 150 Jahre nicht mehr anmerkt. Rieders Drucke (ich bin mir nicht sicher, ob Holz- oder Linoldrucke) kommen mit fünf kräftigen Farben aus, die dennoch ein ganzes Universum erschaffen. Alice mit rundem Hut, Brille, kurzem Kleid und Sneakern erscheint mir wie eines der pfiffigen Schulmädchen, die vor wenigen Tagen eingeschult wurden und nun eine neue Welt entdecken. Die Unsinnigkeiten und Unerklärlichkeiten des Leben bekommen so ein frisches Gesicht, was zwar nicht hilft, die Rätsel zu lösen oder die Strategien eines Schachspiels zu durchschauen. Aber sie machen Laune. Man liest sich von einem Bild zum nächsten.

Und auf der Mitte des dicken Buches, wenn das Wunderland durchschritten ist, wird man als Leser gezwungen, das Werk zu drehen, quasi von hinten neu anzufangen. Das spiegelverkehrte Cover von Alice hinter den Spiegeln irritiert zunächst. Alice klettert nun mit Hoody und Schachbrettrock durch die wundersame Welt. Ein Stück erwachsener nun schon, doch immer noch neugierig auf die Gesellen, die ihr weiterhin begegnen.
Dass sich Alice hinter den Spiegeln befindet, also quasi alles verkehrt herum ist, merkt man als Leser jedes Mal, wenn man das Lesebändchen von unten nach oben in den Text legt. Mich hat das bis zum Schluss verwirrt, erstaunt und mir immer wieder ein Lächeln entlockt.

Die andere Sache, die mich erfreut hat, war, dass mir die Lektüre von Alice endlich einen Schlüssel zu einem Märchen geliefert hat, das im Oktober in meiner Übersetzung bei Bohem erscheint. In Der goldene Käfig von Anna Castagnoli, üppig illustriert von Carll Cneut, lässt eine Prinzessin ihre Diener enthaupten, wenn diese ihr nicht die paradiesischen Vögel bringen, die sie sich so dringend wünscht. Es war mir ein Rätsel, wie man auf so eine doch ziemlich grausame Geschichte kommen kann. Doch nun ahne ich, dass hier die Kopf-ab-Manie der Herzkönigin aus Alice im Wunderland Pate gestanden haben könnte. Vielleicht werden mir andere diese Ahnung bestätigen, vielleicht werden sie mich auf wieder andere Quellen hinweisen.
Schön für mich war jedoch, dass bei der völlig zweckfreien, aber so unterhaltsamen Lektüre von Alice auch noch diese Verbindung zu Tage trat, und mir wieder einmal bewusst wurde, dass Literatur nicht im leeren Raum entsteht, sondern die Klassiker immer wieder und auf vielfältige Art und Weise wichtig sind. Und daher in ihren neuen schönen Gewändern es allemal wert sind, gelesen zu werden.

Lewis Carroll: Alice im Wunderland & Alice hinter den SpiegelnÜbersetzung: Christian Enzensberger, Illustration: Floor Rieder, Gerstenberg Verlag, 2015, 384 Seiten, 25 Euro

Nachtrag am 15.09.2015:

In Bezug auf die Illustrationstechnik hat mir der Gerstenberg Verlag gerade folgende Info zur Verfügung gestellt:

„[…] durch ihre Illustrationstechnik verbindet Rieder bewusst Tradition und Moderne: Sie bestreicht Glasplatten mit schwarzer Farbe, kratzt die Motive mit der Feder ein, scannt die Bilder und koloriert diese am Rechner. Die Motivwahl fand Rieder nicht schwierig:
„Die Geschichte gibt die Zeichnungen zum Teil vor. Danach ging ich auf Suche nach einer tieferen Ebene. Ich entdeckte, dass Lewis Carroll Mathematik mochte. Deswegen habe ich viel Symmetrie verwendet.“
Die Ausstattung war für Rieder ebenfalls wichtig: „Dass die zwei Bücher die Form einer altenglischen Bibel haben mussten (klein und ganz dick), war schnell entschieden.““
Copyright © Floor Rieder

 

 

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Schauen, Besinnen, Konzentrieren

walWie gelingt es einem, sich zu konzentrieren? Sich nicht ständig ablenken zu lassen? Als Kind, genauso wie als Erwachsener. Es ist nicht einfach und doch eigentlich ganz leicht. Jedenfalls, wenn man das entzückende Bilderbuch Wenn du einen Wal sehen willst von Julie Fogliano genau studiert.

Eigentlich ist dieses Buch für Kinder ab vier Jahren gedacht, doch ich möchte behaupten, dass Menschen jeden Alters von dieser Geschichte angetan sein werden und profitieren können. Es zeigt einen kleinen rothaarigen Jungen im blau-weißen Ringel-Pulli zusammen mit seinem Hund. Sie schauen aufs Meer, in der Erwartung eines Wals. Solange der nicht kommt, schnuppern sie an Rosen, betrachten Wolken, Segelboote, einen Pelikan, winzige Raupen … während der Erzähler im Text sie auffordert genau dies nicht zu tun. Sie sollen sich nicht ablenken lassen, sondern die Augen auf das Meer richten und warten … warten … warten …

Beim Betrachten der zarten Zeichnungen von Erin A. Stead gerät man unweigerlich ins Träumen, geht auf Fantasiereise, entdeckt Lebewesen, Dinge, Details … und wird immer wieder sanft von dem Text, einfühlsam aus dem Amerikanischen von Uwe-Michael Gutzschhahn übersetzt, auf das Wesentlich, das Ziel, das Wunschobjekt, den Wal, hingewiesen.
Man besinnt sich, konzentriert sich, fokussiert sich, man meditiert, man kontempliert, man ist ganz bei sich, wenn man die Bilder betrachtet und doch auch bei dem Jungen und den Ablenkungen der Welt.

Doch das Warten, das uns allen heutzutage scheinbar immer schwerer fällt, das wir nicht mehr wollen, für das wir keine Zeit mehr haben, dieses Warten jedoch führt zum Ziel, zum Wal.
Kleinen Lesern kann man so vielleicht ein bisschen die Ungeduld erleichtern, große Leser können sich wieder rückbesinnen, auf ihre Ziele, ihre Wünsche, ihre Träume. Es reicht der weite Horizont, das Meer, das Nichts. Keine Ablenkung. Man wird belohnt, vom Warten. Und von diesem kleinen, großen Buch.

Julie Fogliano: Wenn du einen Wal sehen willstÜbersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, Illustration: Erin A. Stead, FISCHER Sauerländer, 2014,  32 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

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[Jugendrezension] Verschwimmende Grenzen

tomomiTomomi Ishikawa hat sich das Leben genommen. Ihrem besten Freund Ben Constable hinterlässt sie rätselhafte Botschaften, welche ihn auf eine Reise durch ihre Vergangenheit schicken. Ben begibt sich mit seiner imaginären Katze Cat auf eine Suche, die ihn durch Paris und New York führt. Dabei findet er unglaubliche Sachen über Tomomi heraus. War Tomomi eine Mörderin? Sind ihre Geschichten nur einer blühenden Fantasie entsprungen? Ist sie wirklich tot? Ben weiß nicht mehr, was er glauben soll.

Autor Benjamin Constable und die Hauptperson tragen denselben Namen. Das ist merkwürdig, passt aber gut zum Roman, denn hier verschwimmen die Grenzen von Realität und Fiktion. Auch nach dem Lesen bin ich mir nicht sicher, was in der Geschichte alles nicht stimmte. Nur eins kann ich mit Sicherheit sagen: Die drei Leben der Tomomi Ishikawa zählt zu den Büchern, die eine Weile im Kopf bleiben.
Benjamin Constable schreibt in einer Sprache, die leicht und schwermütig zugleich ist. Es geht viel um traurige Themen wie Tod, Verlust und Sterbehilfe, welche beim Lesen nachdenklich machen. Dies ist kein Buch, das man nebenbei liest.
Der Autor glänzt durch tolle Ortsbeschreibungen. Er schafft es, jeden Moment so einzufangen, dass man ihn bildlich vor sich sieht.

Empfehlen würde ich das Buch für Jugendliche ab 14 und für Erwachsene. Das Buch ist oft traurig und nachdenklich, aber an vielen Stellen muss man auch lachen oder schmunzeln. Die drei Leben der Tomomi Ishikawa ist anders als die meisten Bücher – genau deshalb sollte man es lesen!

Juliane (15)

Benjamin Constable: Die drei Leben der Tomomi IshikawaÜbersetzung: Sandra Knuffinke/Jessika Komina, script5, 384 Seiten, 18,95 Euro

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[Jugendrezension] Über den Wolken

barnabyBei dem Buch Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket von John Boyne haben mir gleich das Titelbild und die Bilder sehr gefallen, weil sie sehr lustig gezeichnet sind.

In dem Buch geht es um den zehn Jahre alten Barnaby Brocket, der – wie man nach dem Titelbild schon vermuten kann – etwas ganz Besonderes ist: Er schwebt. Er kann seit seiner Geburt nicht aus eigener Kraft auf dem Boden bleiben. Um nicht fortzuschweben, muss er an ein Seil gebunden werden oder einen Rucksack mit Sandsäcken tragen. Das Erste  wird ihm fast zum Verhängnis, als seine Spezialschule abbrennt und er, während  alle anderen fliehen, an seinen Stuhl gebunden vergessen wird. Er muss jetzt auf eine normale Schule gehen und, damit er nicht unangenehm auffällt, den Rucksack mit Sandsäcken tragen. Das geht gut, bis eines Tages seine Mutter Eleanor Brocket mit ihm spazieren geht und ein Loch in Barnabys Sandsäcke schneidet. Der Sand läuft aus und als logische Konsequenz fliegt Barnaby los. Zum Glück sammeln ihn zwei Ballonfahrerinnen auf, die ihn zu ihrer Kaffeeplantage in Brasilien mitnehmen. Barnaby will zurück nach Sydney, ahnt aber noch nicht, dass das Beginn einer spannenden und teilweise auch gefährlichen Weltreise ist. Doch darüber schreibe ich nichts, weil es ansonsten die ganze Geschichte verrät und dem Leser die Spannung nimmt.

Im Ganzen sind Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket sehr schön, sehr spannend und immer wieder, auch wegen der Bilder von Oliver Jeffers, lustig.

Das Buch ist nur zu empfehlen. Es ist für Kinder ab 9 oder 10 Jahren sehr gut geeignet, für jüngere Kinder ist es wohl noch zu aufregend.

Lector03 (10)

John Boyne: Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket, Übersetzung: Adelheid Zöfel, Illustration: Oliver Jeffers,  Fischer KJB, 2013, 288 Seiten, ab 10, 14,99 Euro

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Vier Figuren suchen einen Autor

wenzelWas passiert, wenn ein etwas eigenbrötlerischer Schriftsteller und ein Kind mit Hummeln im Hintern auf einander treffen? Das kann eigentlich niemand wissen, denn das Leben und Wirken eines Schriftstellers ist zumeist ein großes Mysterium, und quirlige Kinder sind ein Garant für jede Menge Unplanbarkeiten … eine unschlagbar clevere Kombination für einen Roman, wie Nikola Huppertz beweist: Die unglaubliche Geschichte von Wenzel, dem Räuber Kawinski, Strupp und dem Suseldrusel heißt ihr Buch. Und so verwirrend wie der Titel ist auch der Inhalt. Aber das ist alles ganz wunderbar.

Wenzel muss eine Woche bei seinem schriftstellenden Onkel Nikolai (unverkennbar ein Alter-Ego der Autorin…) verbringen, weil seine Eltern eine Malediven-Reise für zwei gewonnen haben und nicht für drei. Der Junge, der mit Büchern so gar nichts am Hut hat, freut sich zwar überhaupt nicht, einfach so abgeschoben zu werden. Doch als er das Holzhaus des Onkels betritt und an der verschlossenen Ideenkammer vorbei kommt, ahnt er, dass sich dahinter ziemlich Interessantes verbirgt, das unbedingt erkundet werden muss. Denn Onkel Nikolai hat gerade mit einem neuen Roman angefangen …

Was nun beginnt, hat mich als Italianistin in gewissem Sinne an Luigi Pirandello und sein Theaterstück Sechs Personen suchen einen Autor erinnert: Hier sind es vier Figuren, der Hund Strupp, der Räuber Kawinski, die Prinzessin Melinda und das Suseldrusel, die sich vehement in das Leben von Nikolai hineindrängen. Denn so ist das beim Schreiben: Man hat eine Idee, man entwirft eine Figur und mit einem Mal entwickelt diese Figur ein Eigenleben und bestimmt, wo die Geschichte lang geht.
Nikola Huppertz illustriert dieses Phänomen mit ihrem Roman auf eine wundervoll turbulente Art und Weise. Wenzel geht mit Strupp auf Räuberjagd, erfindet eine coole Fußball-Prinzessin und stellt das ruhige Leben von Onkel Nikolai gehörig auf den Kopf.

Der Wechsel zwischen Nikolais Realität und seinen geschriebenen Texten markiert Huppertz durch wechselnde Schrifttypen, doch bald hat man als Leser die komplette Wirrnis im Kopf – die Erzählebenen verschränken sich so miteinander, dass man manchmal nicht mehr ganz durchblickt, was Wahrheit und was Dichtung ist. Aber genau das ist beabsichtigt, denn es zeigt, wie sehr Wirklichkeit und Fantasie verwoben sind – vor allen in den Köpfen von Schriftstellern. Wenn uns diese Autoren an ihren Erlebnissen und Erfahrungen teilhaben lassen, springt dieser Funke auch auf die Leser über. Das wusste schon Pirandello, als er vor fast hundert Jahren seine sechs Personen geschaffen hat.

Nikola Huppertz‘ Roman jedenfalls legt man erst wieder aus der Hand, wann alle Figuren zu ihrem Recht gekommen sind, und man ganz köstlich verwirrt und unterhalten wurde, und endlich das Mysterium, wie ein Schriftsteller denn so arbeitet, gelüftet wurde.

Von Regina Kehn, die das Cover und die Vignetten über den Kapiteln überaus zärtlich illustriert und Wenzel die traumhaftesten Mandelaugen verpasst hat, die ich je gesehen habe, hätten allerdings durchaus noch größere und mehr Bilder in dem Text sein können … aber man kann leider nicht alles haben. Und auch so ist dieses Buch ein Hauptgewinn.

Nikola Huppertz: Die unglaubliche Geschichte von Wenzel, dem Räuber Kawinski, Strupp und dem Suseldrusel, Illustration: Regina Kehn, mixtvision, 2014,  376 Seiten,  ab 10, 13,90 Euro

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