Über Ulrike Schimming

Ulrike Schimming übersetzt Literatur – von Kinder- und Jugendbüchern bis zu Graphic Novels und Comics – aus dem Italienischen und Englischen, arbeitet als freie Lektorin und rezensiert Bücher für die Zeitschrift stern Gesund Leben. Dieser Blog entstand aus ihrer Arbeit für die Jugendzeitschrift stern Yuno. Hier stellt sie Neuerscheinungen oder Klassiker der Kinder- und Jugendbuchliteratur vor, Graphic Novels oder Buch-Perlen, denen sie ein paar mehr Leser wünscht. Weitere Infos zu Ulrike Schimming finden Sie unter www.letterata.de

Zum Nachmachen empfohlen…

In Hamburg schneit es bekanntlich äußerst wenig. Große Ausnahme war vergangene Woche der Tag, an dem Orkan Friederike durch MItteldeutschland tobte. Hier im Norden war von Wind nichts zu spüren, dafür aber legte sich eine weiße Schneeschicht über die Stadt. Es sah einfach wunderschön aus.

Als ich nun dieser Tage in meiner liebsten Buchhandlung Marissal am Rathaus war, die für ihr exzellentes Bilderbuchsortiment bekannt ist, kam ich mit der Chefin unter anderem über den Schnee ins Gespräch und noch ehe ich es mich versah, zeigte sie mir voller Begeisterung ein Schneeflocken-Bilderbuch, das es in keiner Verlagsvorschau gibt.

Denn diese winterliche Geschichte, der dicken Schneeflocke Gisela, die eigentlich keine Lust hat, den langen Weg runter von ihrer Wolke zur Erde zu machen, haben sieben Kinder im Haus der Jugend Kiwittsmoor in Hamburg-Langenhorn selbst gestaltet.
Bei der Veranstaltung mit dem Titel „Wir illustrieren ein Kinderbuch“ haben sich junge Besucher der Jugendbegegnungsstätte Gedanken zu der Geschichte von Gisela gemacht und sind dann kreativ tätig geworden.
Gemeinsam haben sie zunächst verschiedene Mal- und Basteltechniken ausprobiert – mit Tusche und Aquarellfarben, Wachsmalstiften, Frottagen und Marmoriertechnik. Aus den kunterbunten Ergebnissen haben die kleinen Künstler dann passenden Formen und eindrückliche Figuren ausgeschnitten und jeweils eine Seite der Geschichte gestaltet.
Die Illustratorin Jana Walczyk hat anschließend alles professionell gelayoutet und wunderschön gesetzt, sodass nun ein leichtes und luftiges Schneeflocken-Abenteuer für die Kleinsten herausgekommen ist.

Denn Gisela macht sich natürlich auf den Weg zur Erde, wo sie von den Kindern schon sehnlichst erwartet wird. Das können vor allem die Hamburger richtig gut nachvollziehen, eben wegen der seltenen Schneefälle.

Was mich jedoch an dem ganzen Projekt zusätzlich bewegt, ist, dass man mit kleinen Mitteln – einer kurzen Geschichte, Papier, Farben und Kreativität – Kindern zeigen kann, was sie alles selbst gestalten können. Und dass aus ihren Ideen und ihrem Einsatz ein eigenes Buch werden kann, dass in der Buchhandlung am Hamburger Rathausmarkt im Schaufenster steht. Auf dieses entzückende Kunstwerk können die Macherinnen aus dem Haus der Jugend Kiwittsmoor jedenfalls bannig stolz sein!
Zudem hege ich die Hoffnung, dass durch solche kreativen Projekte, die Kinder noch mehr zu Büchern greifen – und ihren Wert und die viele Arbeit, die in jedem einzelnen steckt, ein Stückchen mehr begreifen.

Meyering und Walczyk haben die Geschichte als Hardcover in einer Auflage von 25 drucken lassen. Ich wünsche diesen engagierten Menschen, dass sie bald nachdrucken lassen müssen. Denn diese kleine Bilderbuchperle hat es alle mal verdient, von vielen kleinen schneeflocken-liebenden Kindern betrachtet zu werden.

Haus der Jugend Kiwittsmoor: Die Schneeflocke Gisela, Text: Corinne Meyering, Illustrationen von Ebru, Jessica, Katerina, Leonie, Lion, Melanie und Ulrike, Layout: Jana Walczyk, 2017, 26 Seiten, ab 3, 12,95 Euro zu bestellen bei der Buchhandlung Marissal in Hamburg

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Tiere machen Sachen

Am Anfang des neuen Jahres räume ich immer etwas rum – und dieses Mal ist mir aufgefallen, dass ich da noch eine ganze Reihe von Bilderbüchern liegen habe, die ich hier noch gar nicht gewürdigt habe. Obwohl sie es allesamt verdient haben. Das muss jetzt auf der Stelle nachgeholt werden.

Thematisch haben diese Werke alle tierische Hauptfiguren – die uns unterhalten, verwundern, amüsieren und von denen wir und eine ganze Scheibe abschneiden können.

Da wäre dann gleich mal zum aufräumenden Anfang der Dachs, der es in Emily Gravetts Bilderbuch gern ordentlich hat. Er lebt im Wald, wo er alles Mögliche stutzt und schneidet, dem Fuchs den Schwanz striegelt, Laub saugt und alles mit Stumpf und Stiel wegschafft. Der Gute gerät in so einen Wahn, dass er vor nichts Halt macht – mit drastischen Folgen: Der Wald verschwindet und stattdessen erstreckt sich dort eine glatte saubere Betonfläche. Doch auch ein Dachs kann dazulernen und Fehler eingestehen.
Die wunderbaren Reime von Uwe-Michael Gutzschhahn mildern die krassen Konsequenzen, die so ein rigoroses Vorgehen gegen die Natur haben kann, zwar ein bisschen, aber der Denkanstoß, in Zeiten, wo die Insekten wegsterben, ist gesetzt: Mehr Respekt vor der Natur tut uns allen gut!

Auch im Wald leben Hase, Igel, Eule und Maulwurf, in Jadwiga Kowalskas Bilderbuch Ich bin ein Wolf, sagt Hase. Die vier sind beste Freund und spielen gern Verstecken. Nur leider muss Hase abends immer allein nach Hause und hat Angst vor dem Wolf.
Eines Tages kommt er auf die Idee, sich selbst als Wolf zu verkleiden, dann muss er keine Angst mehr vor gar nichts haben. Eigentlich gar nicht so dumm, doch leider erkennen ihn nun seine Freunde nicht mehr … Hases Erkenntnis zeigt ganz charmant, dass es nicht immer sinnig ist, den großen Macker zu spielen. Denn das kann ziemlich einsam machen. Und gemeinsam mit Freunden verschwinden manchmal auch die Ängste ganz von selbst.

Wenn man jedoch partout etwas anderes machen möchte als im Alltag, kann man sich an Elch Erasmus ein Beispiel nehmen. Inspiriert von einer wahren Geschichte erzählt Franziska Walther ohne Worte in Hoch hinaus, wie dieser Elch sich aufmacht.
Aus dem hohen Norden wandert er los, überquert schneebedeckte Berge, weite Felder, schwimmt durch Flüsse und landet in einer Stadt. Erasmus schaut sich um, lässt sich mit Äpfeln füttern und scheut nicht davor zurück, einem Kaufhaus einen Besuch abzustatten. Doch auf dem Dach gerät er in eine Falle und muss sich einen Weg überlegen, wie er von dort wieder fortkommt.
In herrlich kräftig knalligen Farben schickt Walther den Elch durch die Welt – und zeigt, dass man es mit Neugierde, Mut und Fantasie sehr weit bringen kann. Man muss nur den ersten Schritt machen.

Ebenfalls ohne Worte kommt das optisch ganz großartige Bilderbuch der Italienerinnen Giovanna Zoboli und Mariachiara di Giorgio aus.
Wir lernen ein Krokodil kennen, begleiten es durch den Tag: Morgens um sieben klingelt der Wecker, Krokodil trägt einen gestreiften Pyjama und Pantoffeln, es putzt sich Zähne und sucht sich sorgsam einen Schlips aus, der zum gelben Hemd mit den roten Punkten passt. Dann gibt es Frühstück, danach verlässt Krokodil den Altbau, in dem er wohnt. Zwischen hetzenden Menschen, die am Handy telefonieren und rücksichtslos Auto fahren, durchquert es die Stadt, nimmt die Metro, in der auch eine sonnenbrillentragende Giraffe und ein Affe mit Mütze und Schal fahren. Krokodil erledigt seine Einkäufe, Blumen und Fleisch, bis er schließlich bei seinem Arbeitsplatz ankommt.

In zarten Bildern aus Buntstift, Kohle und Aquarellfarben erschaffen Zoboli und di Giorgio ein sehr vertrautes Stadtbild, mit einer finalen Überraschung, die einem ein Lächeln entlockt – und bei dem man denkt: „Na, klar, das konnte ja gar nicht anders sein.“
Mich entzückt diese Buch zudem, weil Krokodil mich mal wieder an Bernard Wabers Bilderbuch Das Haus in der Lindenallee erinnert hat, in dem schon 1962 ein Krokodil Einzug in das normale Leben hält. Ja, denn auch Krokodile haben einen Alltag.

Und ist es dann nach all dem Bilderbuch-Gegucke die Zeit zum Schlafen gekommen, empfiehlt sich für kleine Energiebündel, die noch nicht ins Bett wollen, der Reim-Spaß von Andrea Schomburg.

Sie schildert das Schicksal von Schaf Regine, das zur Schäfchen-Schlafenszeit mal wieder nicht einschlafen kann. Auch Schäfchen zählen funktioniert so gar nicht.
Aber Regine gibt nicht auf und macht sich auf die Suche nach Herrn Schlaf: beim Schäfer, im Pferde- und auch im Schweinestall ist er allerdings nicht zu finden.
Als Erwachsener leidet man ein bisschen mit dem knuffigen Schaf – ganz reizend hat Karsten Teich das Getier in Szene gesetzt – aber Regines Plan, dann eben die Nacht über wach zu bleiben, geht auch nur kurz auf … Bleibt nur zu hoffen, dass es bei der Gutenachtlektüre nicht zu abendlichen Aktivitäten animiert.

Emily Gravett: Aufgeräumt!, Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, Sauerländer, 2017, 40 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

Jadwiga Kowalska: Ich bin ein Wolf, sagt Hase, Atlantis, 2017, 32 Seiten, ab 4, 14,95 Euro

Franziska Walther: Hoch hinaus, Kunstanstifter, 2017, 40 Seiten, 22 Euro

Giovanna Zoboli/Mariachiara di Giorgio: Krokodrillo, Bohem, 2017, 32 Seiten, ab 3, 16,95 Euro

Andrea Schomburg: Wie das Schaf den Schlaf fand, Illustration: Karsten Teich, Sauerländer, 2017, 32 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

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Parole Emil!

kerrWer LETTERATUREN einigermaßen regelmäßig besucht, weiß, dass Erich Kästner hier einen festen Platz hat. Währen der Feiertage bin ich auf zwei verschiedene Arten mit Erich Kästner konfrontiert worden – und das mit sehr anregenden Folgen.
Zum einen lief vor Kurzem Erich Kästner und der kleine Dienstag im TV und lieferte eine bewegende Teil-Biografie dieses großartigen Schriftstellers, die sich auf sein Leben während der Nazi-Diktatur konzentrierte. Wer diesen Fernsehfilm noch irgendwo sehen kann, sollte dies unbedingt tun.

Eine ähnliche Geschichte findet sich im Kinderbuch des Briten Philip Kerr. In Friedrich der große Detektiv stellt er Erich Kästner einen fiktiven Nachbarsjungen zur Seite. Friedrich ist großer Kästner-Fan, hat Emil und die Detektive seit Erscheinen jeden Monat einmal gelesen und möchte nun ebenfalls Detektiv werden. Bis es soweit ist, spürt er zusammen mit seinen Freunden Albert und Viktoria verlorene Gegenstände auf und bringt sie zur Polizei. Doch die Zeiten sind im Wandel und das Vertrauen in die Polizei geht verloren. Das müssen die Kinder feststellen, als sie einen toten Maler (und Freund Kästners) im Tiergarten finden. Denn die Nazis haben die Macht übernommen, und Erich Kästner macht Friedrich und seinen Freunden klar, dass es nicht klug wäre, weiter Detektiv zu „spielen“.

Was Kerr hier auf sehr charmante und respektvolle Weise gelingt, ist es, einen Einblick in die Veränderungen des Alltags während der Nazi-Herrschaft zu geben. Friedrich ist ein aufgeweckter Junge, der durchaus mitbekommt, wie sich die Gesellschaft ziemlich schnell wandelt. Sein eigener Bruder wird erst Mitglied der HJ, später tritt er der SS bei. Durch die Freundschaft zu Kästner erlebt Friedrich die Bücherverbrennung auf dem Opernplatz mit und erkennt nach und nach, dass immer mehr Menschen (Kommunisten, Schwule, Juden) verschwinden.
Er bekommt zudem mit, dass Kästner nicht mehr arbeiten darf, aber das Land aus Rücksicht auf seine alte Mutter nicht verlassen will.

Kerr zeichnet ein eindrückliches Bild vom Berlin der 1930er-Jahre. Neben Erich Kästner lässt er Walter Trier, den Illustrator von Kästners Büchern, aber auch Max Liebermann und die Darsteller der Billy-Wilder-Verfilmung von Emil und die Detektive auftreten. Er schreibt jedoch keine Fortsetzung des Kästner-Buches, sondern verneigt sich respektvoll vor Kästner. Gleichzeitig macht er den jungen Leser_innen anschaulich klar, wie schwierig und gefährlich das Leben unter den Nazis war. Kästners kritischen Ton schlägt er an, ohne moralisch zu werden.

Ohne Bitterkeit geht es jedoch auch bei Kerr nicht aus – dafür ist die Zeit damals einfach zu grausam gewesen. Junge Leser_innen lernen hier jedoch, die Zeichen zu erkennen, die solchen Katastrophen, in die die Nazi die Menschen gestürzt haben, frühzeitig zu erkennen.
Bei der allgemeinen rechtslastigen Lage in der Welt ist das eine Fähigkeit, die heute gar nicht hoch genug geschätzt werden kann.

Für mich bedeutet dieses zufällige Kästner-Doppel zudem, dass ich mich endlich mehr mit dem Menschen Kästner beschäftigen möchte, mal wieder Fabian sowie Drei Männer im Schnee als Hörbuch genießen könnte. Und dann endlich mal die restlichen Kinderbücher von ihm lese, die ich immer noch nicht kenne. Ich glaube, das könnte als Literatur-Challenge für das noch junge Jahr durchgehen!

Philip Kerr: Friedrich der große Detektiv, Übersetzung: Christiane Steen, Illustration: Regina Kehn, Rowohlt Verlag 2017, 256 Seiten, ab 11, 14,99 Euro

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Der Geist wahrer Geschenke

paketAuch am heutigen Heiligabend werden in den meisten Familien wieder unzählig Geschenke gemacht. Sinnige und unsinnige. Große und kleine. Schöne und enttäuschende.
Die Wirtschaft und die Ladenbesitzer freut es, aber macht all dieser übermäßige Konsum uns wirklich glücklich?

Linda Wolfsgruber und Gino Alberti haben da eine etwas andere Vorstellung vom Schenken. In ihrem Bilderbuch Das rote Paket, das vor zwanzig Jahren zum ersten Mal herausgekommen ist, erzählen sie, was Schenken wirklich bedeuten kann.
Dazu schicken sie die kleine Anna in den Winterferien zu Oma aufs Land. An einem Tag ist Oma mit dem Einkaufen schneller fertig als sonst. Niemand hatte Zeit zum Plaudern, alle hetzten nur durch die Gegend.
Da kommt Oma auf die Idee, ein rotes Paket zu schnüren – das niemand öffnen darf. Anna und Oma bringen es dem allein stehenden Förster: Es soll ihm Glück und Zufriedenheit bringen. Der Förster stahlt … und schenkt das geheimnisvolle Paket weiter. Nun soll es dem Schornsteinfeger endlich einmal Glück bringen. Und so geht das rote Paket auf Wanderschaft. Von Hand zu Hand: Es macht ein krankes Kind gesund, verbreitet Spaß und Spannung, tröstet den Bäcker über seine verbrannten Brote und führt Nachbarn zusammen.

Je weiter man liest, schaut und blättert, umso klarer wird, dass es nur wenig braucht, um Menschen glücklich zu machen. Das muss kein großes, teueres Bling-Bling sein, sondern ein lieber Gedanke, ein bisschen Zuwendung, ein paar aufmerksame Worte oder etwas Trost können sehr viel mehr bedeuten.
Gerade in den gegenwärtigen Zeiten des Immer-Mehr und Immer-Größer kann dieser grundlegende Gedanke nicht oft genug wiederholt werden. Er ist vermutlich nachhaltiger und sinnvoller als blinder Konsum. Denn egal ob kleines Kind oder erfahrener Erwachsener, so gibt es für uns alle doch eigentlich nichts Schöneres als die Liebe und Zuwendung anderer Menschen.

Wer so ein symbolisches Geschenk braucht, findet bei dieser edel aufgemachten Bilderbuch-Neuauflage einen Bastelbogen, mit dem man ein kleines rotes Paket zusammenfügen kann. Und schon lassen sich Glück, Zufriedenheit und Trost verschenken. Auch nach Weihnachten und im neuen Jahr noch. Es braucht gar nicht viel.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen frohe Weihnachten!

Linda Wolfsgruber/Gino Alberti: Das rote Paket, Bohem Verlag, 2017, 32 Seiten, ab 3, 16,95 Euro

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Türchen Nr. 16: Mit Leidenschaft zum Traum!

Hereinspaziert – durch das 16. Türchen des Kinderbuchblogger-Adventskalender! Heute könnt Ihr ein zauberhaftes Bilderbuch für tanzbegeisterte Mädchen gewinnen: Der Schwan. Das Leben der Anna Pawlowa aus dem NordSüd Verlag.

Laurel Snyder und Julie Morstad erzählen darin die Lebensgeschichte der russischen Meistertänzerin Anna Pawlowa.
Alles beginnt damit, dass die Mutter die kleine Anna an einem verschneiten Winterabend in St. Petersburg mit ins Ballett nimmt. Es ist Annas erster Ausflug ins Theater überhaupt. Die Tänzer auf der Bühne faszinieren Anna so, dass in ihr der unstillbare Drang und Wunsch erwacht, ebenfalls zu tanzen. Zuhause übt sie Pirouetten, kann nicht mehr stillsitzen und versucht, so schnell wie möglich in diese Welt der großen Menschen hineinzukommen.

anna

Doch bei ihrem ersten Vortanzen an der Imperial Ballet School wird sie abgelehnt: Sie ist mit acht Jahren einfach noch zu jung.
Zwei Jahre später jedoch wird sie aufgenommen, trotz ihrer zarten Figur und ihren dürren Beinen (was damals noch nicht dem gängigen Ballettideal entsprach) – und nun beginnt eine Tanzkarriere, die fast 40 Jahre andauern soll.
Anna wird zum Schwan, ihrer Paraderolle, die sie zur Musik von Camille Saint-Saens Karneval der Tiere eindrücklich tanzt.

Autorin Laurel Snyder, übersetzt von Elisa Martins, erzählt in kurzen, überaus poetischen Sätzen von dem Durchhaltevermögen Annas, die sich aus ärmlichen Familienverhältnissen zur weltberühmten Diva hocharbeitet. Die wichtigsten Stationen im Leben der Tänzerin werden eher angedeutet, als lang ausgewalzt. Dafür liefern die Illustrationen von Julie Morstad traumhafte Einblicke. Alles an ihnen ist zart: die Figuren, die Striche, die Farben (mit ein paar kräftigen Ausnahmen), die Stoffe der Kleider und Tutus, sodass die Figur Anna scheinbar aus den Seiten zu schweben schein.
Doch die Bilder zeigen auch die harte Arbeit, die dem Balletttanz zu Grunde liegt, deuten die Bewunderung an, die Anna überall auf der Welt entgegenschlägt – und sie zeigen, wie sehr Tanz eine eigene Sprache, eine besondere Ausdrucksform ist, mit der Anna all das sein kann, was sie möchte: eine Königin, ein Geist, eine Libelle!

Und genau so ein Vorbild brauchen Mädchen – jeden Alters: Sie können nämlich alles sein! Im Tanz, aber auch so. Vielleicht brauchen sie dafür einen Traum, dem sie folgen, eine Leidenschaft, die sie nicht loslässt, auf jeden Fall aber brauchen sie Durchhaltevermögen und dürfen sich von Anstrengung und Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen lassen. Das zeigt ihnen die zarte Anna Pawlowa sehr eindrücklich!

Zusammen mit den NordSüd Verlag verlose ich hier nun drei Exemplare dieses wunderschönen Buches. Wenn du eines davon gewinnen möchte, verrate mir bitte unten im Kommentar bis zum 17.12.17, 24 h, welche Leidenschaft oder welchen Traum deine Tochter hat oder was sie im Leben einmal machen möchte? Ich bin gespannt, ob vielleicht eine neue Anna Pawlowa dabei ist – oder eine Forscherin, Raumfahrerin, Schriftstellerin … Denn das Leben ist bunt und vielfältig und das feiern wir!

Wer zum Abschluss Anna Pawlowa tanzen sehen möchte, hat hier Gelegenheit dazu:

Die Liste mit den teilnehmenden Blogs am Kinderbuchblogger-Adventskalender findet Ihr übrigens hier. Morgen geht es weiter bei Papillionis liest.

Laurel Snyder: Der Schwan. Das Leben der Anna Pawlowa, Illustration: Julie Morstad, Übersetzung: Elisa Martins, NordSüd, 2017, 48 Seiten, ab 4, 16 Euro

TEILNAHMEBEDINGUNGEN

  • Die Verlosung beginnt am 16.12.2017 um 0.01 Uhr und endet am 17.12.2017 um 23.59 Uhr.
  • Jeder, der unter diesem Beitrag einen Kommentar hinterlässt, erklärt sich mit den Teilnahmebedingungen einverstanden und kann gewinnen.
  • Teilnahmeberechtigt sind Personen ab 18 Jahren.
  • Über den Gewinner entscheidet das Los.
  • Der Gewinner wird per E-Mail benachrichtigt.

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Von der Last des schlechten Gewissens

BlumaMit dem schlechten Gewissen ist das so eine Sache. Wenn man nicht völlig abgebrüht ist, lässt es einen nicht so schnell wieder los und frisst ganz schön viel Energie.

Das muss auch die neunjährige Bluma im Kinderroman von Silke Schlichtmann erleben. Darin schreibt sich die Protagonistin selbst ihren ganzen Kummer von der Seele, von einer Sache, die Erwachsene vielleicht erst mal als nicht so schlimm empfinden würden – denn wer hat nicht schon mal eine Süßigkeit stibitzt?

Bluma jedoch macht sich fürchterliche Sorgen, weil sie ihrer Nachbarsfreundin Alice, einer unkonventionellen älteren Künstlerin, eine ihrer seltenen, superleckeren, bitzelnden Gummischlangen geklaut hat. Und alles nur, weil Bluma zwei Sorgen auf einmal quälen: Sie hat eine Fünf in Mathe geschrieben und möchte den Hund Flocki der alten Thea Quast bei sich aufnehmen, die ins Altersheim soll. Doch den Eltern beides auf einmal zu sagen, das traut sich Bluma nicht, also wollte sie erst einmal Alice um Rat fragen. Doch die hat ausgerechnet an diesem Tag keine Zeit für Bluma. Allerdings gibt es bei Alice selbstgemachte magische Gummischlangen, die dafür bekannt sind, dass sie bei der Lösung von Problemen helfen.

Das dies jedoch nicht für heimlich geklaute Exemplare gilt, merkt Bluma ganz schnell – zum Glück noch bevor sie die Gummischlange ganz verspeist hat. Irgendwie muss sie jetzt versuchen, das nun allerdings kopflose Tier wieder an seinen Platz zu schaffen. Bei diesem Unterfangen verstrickt sich Bluma jedoch in immer mehr Ausreden, Notlügen und peinliche Situationen, sodass aus dem einst kleinen Fehltritt eine immer größere Last an schlechtem Gewissen wird. Denn alle Versuche, den Fehler unbemerkt wieder gutzumachen, gehen schief.

Silke Schlichtmanns Kinderroman, mit den atmosphärischen, rot-schwarzen Illustrationen von Ulrike Möltgen, ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie man Kinder an die Fragen der Moral heranführen kann. Hier wird nicht von oben herab doziert, was richtig und was falsch ist, sondern Ich-Erzählerin Bluma zeigt, wie sehr ein schlechtes Gewissen intrinsischer Antrieb sein kann, den richtigen Weg zu suchen. Das große Herz der Heldin dürfte jede_n Leser_in entzücken.
Gleichzeitig erlebt Bluma aber auch, dass nicht alles, was wir aus der Beobachtung und durch die Erzählungen anderer erfahren, der Wahrheit entsprechen muss. Viel wichtiger ist es, den Mut aufzubringen, sich anderen gegenüber zu öffnen und das Gespräch zu suchen – egal, wie sehr man sich davor fürchtet.

Blumas Beispiel, wie sie den Weg zu dieser Offenheit und dem Vertrauen zu anderen Menschen findet, dürfte in jungen Leser_innen lange nachklingen und zusätzlich, wenn beide Seiten sich daran halten, zu einem gestärkten Eltern-Kind-Verhältnis führen.
Das hoffe ich zumindest.

Silke Schlichtmann: Bluma und das Gummischlangengeheimnis, Illustration: Ulrike Möltgen, Hanser, 2017, 176 Seiten, ab 8, 12 Euro

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Aus dem Gleichgewicht

calvinoBilderbücher mit italienischen Geschichten gibt es bei uns ja eher selten. Nun hat mich eines erreicht, das in mehrfacher Hinsicht interessant ist.

Da wäre zunächst die Geschichte: Das schwarze Schaf von italienischen Meister-Romancier Italo Calvino. Meine Neugierde als Italianistin war natürlich geweckt. Calvino, bei uns eher bekannt für seine fantastischen Romane wie Der Baron auf den Bäumen oder Der Ritter, den es nicht gab, erzählt hier in wenigen Sätzen von der Entstehung einer ungerechten Gesellschaft – die uns heute nur allzu bekannt vorkommt.

Es beginnt fast idyllisch mit einer Gemeinschaft, in der jedoch jeder jeden bestiehlt. Das hat System, das ist allen bekannt, alle machen mit, niemand leidet, keiner ist arm, keiner ist reich. Doch eines Tages taucht ein Ehrlicher auf. Der hockt lieber zu Hause, raucht und liest, anstatt andere zu bestehlen. Soll er doch, mag man denken, endlich ein Guter!
Doch sein extravagantes Verhalten bringt das Gleichgewicht dieser Gemeinschaft durcheinander. Auf einmal geht einer der Diebe leer aus, da er nicht beim Ehrlichen einbrechen kann. Zudem bleibt ein anderes Diebes-Haus unangetastet. Und schon häuft sich dort das Diebesgut. Reichtum entsteht – und Armut.
Das Gleichgewicht lässt sich nicht mehr herstellen, vielmehr verspüren die Reichen auf einmal den Drang, ihr Gut zu schützen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf …

Illustriert hat diese Parabel Lena Schall und zwar auf sehr ungewöhnliche, vielleicht sogar gewöhnungsbedürftige Art. In Collagen erschafft sie die Stadt mit den diebischen Einwohnern, die sie wiederum aus Alltagsgegenständen zu unförmigen kuriosen Monstern zusammensetzt. Die Bewohner mit den langen Armen haben Knopfaugen, tragen Kronkorken als Hüte, haben Ohren, die aus den zugeknoteten Enden von Luftballons bestehen, sie kleiden sich in Frotteestoffe und kommen irgendwie nicht besonders sympathisch rüber. Im Gegensatz zum Ehrlichen, der mit seinem schwarz-weißen Matrosenanzug und seiner Brille aus Blister-Lutschbonbon-Verpackung, der hohen Stirn und dem gescheitelten Haar wie ein sympathischer Nerd daherkommt.
Die Raffkes, die sich alles unter den Nagel reißen – selbst die alten Bücher des Ehrlichen –, werden zu einem schauderhaften Spiegelbild unserer selbst – wie sie schließlich mit Goldkrone und Cocktail am Flussufer dem Müßiggang frönen, während sie zu Hause drei Autos und Goldberge stapeln.

Schalls Arrangement von Alltagsgegenständen, bestehend aus Fotografien von Plastikgießkannen, Bobbycars, Frühlingszwiebeln, Klopapierrollen, Spielzeugautos, Dekoschirmchen, Goldhasen und Spielzeug-Knips-Fernsehern, ist ein großartiges Bild für unsere absurde Konsumwelt. So wie neulich jemand im Zuge der Cyber-Monday-Woche sagte: „Das kann man bestimmt mal gebrauchen, und wenn nicht, dann schmeißt man es eben weg.“ Man fasst sich an den Kopf, ob dieser Aussage und ob der gnadenlosen Entwicklung in Calvinos Parabel …

Was deutschen Lesern vermutlich nur andeutungsweise klar wird – und ich bin da keine Ausnahme – sind die sarkastischen Anspielungen Calvinos auf den italienischen Staat. Denn im Grunde hält er seinen Landleuten mit dieser Geschichte, die er bereits im Juli 1945 geschrieben hat, den Spiegel vor. Noch unter dem Einfluss des gerade beendeten Krieges und seiner Zeit bei den Partisanen zeigt Calvino die Widersprüchlichkeiten des Kapitalismus‘ auf, aber auch die Machenschaften eines Staates und seiner Bewohner, in dem nicht das Miteinander, sondern das Gegeneinander das tägliche Leben bestimmt. Dabei erinnern mich Calvinos Sätze stark an die Befindlichkeiten auch im heutigen Italien, wo der Staat absurde Steuern erhebt, die Bewohner hingegen alles tun, um keine Steuern zu zahlen, wo die Bürokratie kafkaeske Züge annimmt und die Bestechung fast zum guten Ton gehört, wo mafiöse Strukturen fast alle Lebensbereiche durchdringen und es kein Entkommen daraus gibt, außer man verlässt das Land, oder lässt sich wie der einzig Ehrliche in der Geschichte ausplündern, um dann zu verhungern. Es ist ein verzweifeltes Bild von einer Lage, die sich scheinbar nie ändern wird und ändern kann, weil all dies schon seit Urzeiten in den Menschen drinsteckt, und es eben kein richtiges Leben im falschen geben kann.

In diesem Sinne ist Das schwarze Schaf von Italo Calvino, in der bewährten Übersetzung von Burkhart Kroeber und den aufrüttelnden Illustrationen von Lena Schall, ein Meisterwerk und ein tiefgründiger Anstoß zum Nachdenken. Ein unterhaltsames Bilderbuch für Kinder ist es allerdings nicht.

Italo Calvino: Das schwarze Schaf, Übersetzung: Burkhart Kroeber, Illustration Lena Schall, mixtvision, 32 Seiten, 19,90 Euro

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