Archiv des Autors: Ulrike Schimming

Über Ulrike Schimming

Ulrike Schimming übersetzt Literatur – von Kinder- und Jugendbüchern bis zu Graphic Novels und Comics – aus dem Italienischen und Englischen und arbeitet als freie Lektorin. Dieses E-Magazin entstand aus ihrer Arbeit für die Jugendzeitschrift stern Yuno. Hier stellt sie Neuerscheinungen oder Klassiker der Kinder- und Jugendbuchliteratur vor, Graphic Novels oder Buch-Perlen, denen sie ein paar mehr Leser wünscht. Weitere Infos zu Ulrike Schimming finden Sie unter www.letterata.de

Klassischer Grusel in kindgerechtem Gewand

Sandmann

Dieser Tage habe ich eine literarische Zeitreise in meine Studienzeit gemacht, als ich vor mehr als 30 Jahren im germanistischen Seminar in Hamburg E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann analysiert habe. Das gelbe Reclam-Heftchen mit meinen Anmerkungen und Anstreichungen ist fast ein kleines Kunstwerk.
Auslöser für diese Wiederlektüre ist die Neuerzählung der romantischen Geschichte durch Anna Kindermann, passend zum 200. Todestag des Schriftstellers am 25. Juni. In ihrem gleichnamigen Verlag wird seit Jahren Weltliteratur für Kinder aufs Schönste aufbereitet. Beim Sandmann allerdings habe ich mich anfangs erstaunt gefragt, ob so eine düster-gruselige Geschichte für Kids überhaupt sinnvoll ist.

Tiefenpsychologische Romantik

Im Sandmann kämpft die Hauptfigur Nathanael nämlich im Grunde gegen eine frühkindliche Traumatisierung, verliebt sich in einen Automatenfrau und wird von unerklärlichen Figuren in seinem Umfeld in den Wahnsinn getrieben. Die Sache geht bekanntermaßen nicht gut aus.
Kindermann schafft es jedoch, die komplexe Geschichte, an der sich Heerscharen von Literaturwissenschaftler ihre grauen Interpretationshirnzellen zermartern, in eine rasant lesbare Story zu bringen, deren Knalleffekte und Twists fast mehr an großes Actionkino erinnern, denn an ein tiefenpsychologisches Drama. Überspitzt gesagt.

Unzählige Deutungsmöglichkeiten

Natürlich ist der Sandmann zutiefst psychologisch und überaus rätselhaft: Sind die Figuren vom Advokaten Coppelius und dem Wetterglashändler Coppola identisch? Gibt es den Sandmann vielleicht doch wirklich? Warum spielen die Augen so eine große Rolle? Warum liebt Nathanael Olimpia mehr als Clara? Und wieso merkt er nicht, dass Olimpia ein Automat ist?
Letzteres lässt mich heute aus Frauenperspektive aufhorchen: Männer mögen wortkarge Frauen also lieber, die ihren Kerlen aufmerksam zuhören, ohne zu stricken oder mit dem Schoßhündchen zu spielen, und nur mit »Ach, ach!« antworten. Die handfeste, hellsichtige Clara mit ihrer klaren Deutung von Nathanaels Zuständen ist schon damals (in Hoffmanns Original) viel zu selbstbewusst, um den tragischen Helden dauerhaft an sich binden zu können. Ziemlich hellsichtig, dieser E. T. A., schon vor mehr als 200 Jahren.

Kindgerecht neuerzählt

Kindermann lässt plot-technisch nichts aus, doch sie glättet gar zu gruselige Szenen – beispielsweise wenn die alte Kinderfrau im Original, den Sandmann, der so gar nichts mit dem TV-Sandmännchen zu tun hat, drastisch schildert: »Das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf.« Die in Kindermanns genutzten Originalzitate sind kursiv gedruckt und in diesem Fall endet es nach den »Händevoll Sand in die Augen«. Das macht die Lektüre für junge Leser ab zehn Jahren erträglich – und trotzdem gruselig-spannend.

Heimelige Illus

Zu dem Wohlfühl-Gruseln tragen dann die Illustrationen von Dorota Wünsch ihren Teil bei: Sie sind farblich eher abgetönt und erdig gehalten, versprühen also nicht gerade Fröhlichkeit, verstören aber auch nicht. Frackschöße und Krinolinenkleider versetzen das Publikum viel mehr in die Zeit des frühen 19. Jahrhunderts, als Alchemie und Automaten der letzte Schrei waren, aber auch damals schon der Kampf ums Urheberrecht (wer ist der eigentliche Schöpfer von Olimpia: Coppola oder Spalanzani?) im Gang war.

Verführung zur Weltliteratur

Okay, die Interpretationsansätze für den Sandmann sind vielfältig, und jede:r von uns wird sich bei der Lektüre etwas Eigenes denken. Für lesebegeisterte Kinder ist die Version von Anna Kindermann ein gelungener Einstieg in die Gruselliteratur der schwarzen Romantik und regt so vielleicht die Neugierde auf die Klassiker der Weltliteratur.

E. T. A. Hoffmann: Der Sandmann, neu erzählt von Anna Kindermann, Illustrationen: Dorota Wünsch, Kindermann Verlag, 2022, 40 Seiten, 18 Euro

Mutig leben in einer neuen Heimat

Manchmal erscheinen Bücher zu einem Zeitpunkt, an dem der Inhalt auf erschreckende Weise zu dem aktuellen Tagesgeschehen passt. Dazwischen: Wir von Julya Rabinowich ist so ein Beispiel.
In der Fortsetzung von Dazwischen: Ich von 2016 erzählt die Wiener Autorin die Geschichte von Madina weiter, die mit ihrer Familie aus einem Kriegsgebiet geflohen ist und in einer Kleinstadt Zuflucht gefunden hat.

Mittlerweile wohnt Madina mit Mutter, Tante und Bruder Rami bei ihrer besten Freundin Laura, im ehemaligen Büro deren Vaters. Madinas Vater ist wieder in seine Heimat zurückgegangen, um zu kämpfen. Wieder belässt Rabinowich es im Unklaren, woher die Familie geflüchtet ist, es ist weiterhin unerheblich. Nun wartet die 15-Jährige täglich auf Nachricht von ihm.

Ein fast normales Teenager-Leben

Doch Madina, die wieder Tagebuch schreibt, berichtet auch von ihrem neuen Alltag, in dem sie in der Schule immer besser wird – auch durch die gnadenlose Förderung und Forderung der Klassenlehrerin King. Mit Laura und ihrem Bruder Markus erlebt sie so manches emotionale Hoch und Tief, träumt von einer Jeans und Reisen, möchte einfach nur dazugehören und hat eigentlich ein neues Zuhause gefunden. Im Grunde liefert sie das Bild eines ganz normalen Teenagermädchens.
Wären da nicht die fremdenfeindlichen Typen im Ort, die sich irgendwann immer Donnerstags vor dem Café treffen und gegen Migranten pöbeln. Zunächst duckt Madina sich noch weg, macht einen Bogen um diese Ansammlung. Als Hassparolen an den Hauswänden auftauchen, gründen Madina und Laura eine Gang, die diese Schmierereien einfach selbst übersprayen. Nach und nach entwickelt Madina immer mehr Mut, macht sich grade, wie sie sagt, bis sie schließlich den Pöblern entgegentritt …

Beunruhigende Aktualität

Vieles in dieser Geschichte ist von einer beunruhigenden Aktualität, die mich durch die Seiten getrieben hat. Man kommt als Leser:in nicht umhin, eine Parallele zu den geflüchteten Frauen und Kindern aus der Ukraine zu ziehen, deren Männer und Väter in der Heimat kämpfen. Konnte man Dazwischen: Ich als Spiegel auf die Fluchtbewegungen aus dem Nahen Osten 2015 lesen, so gleicht Teil 2, der sich inhaltlich nahtlos an den ersten Band anschließt (aber auch ohne ihn gut verständlich ist), wie ein Kommentar zu den jetzigen Ereignissen. Viele Geflüchtete kommen momentan glücklicherweise privat unter, und wir können nur hoffen, dass sie hier weiterhin viele positive Erfahrungen machen.

Doch die Fremdenfeindlichkeit und der Rassismus, die aus unserer Gesellschaft ja nicht verschwunden sind, lauern da draußen quasi schon. So hat mich (als alte Leserin) der fremdenfeindliche Aufmarsch vor Madinas Haus unwillkürlich an die Anschläge von Mölln, Solingen oder Rostock-Lichtenhagen erinnert. Ich verbiete mir jetzt aber, diesen Gedanken weiterzudenken, und setze darauf, dass sich doch etwas bei uns geändert hat.

Hoffnungsfigur Madina

Die Figur Madina jedenfalls zeigt mit ihrer liebenswerten und lebensfrohen Art, mit ihren Ängsten, Träumen und ihrer Wut die universellen menschlichen Eigenschaften, die es so völlig unerheblich machen, woher ein Mensch stammt. Ihr Mut macht deutlich, dass Geflüchtete sich nicht alles gefallen lassen müssen, sondern ein Recht haben, sich zu wehren – im Großen wie im Kleinen. Die Solidarität, die Madina erlebt, schürt die Hoffnung, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist.
Bücher wie Dazwischen: Wir bringen die Saat dafür aus, die in den jugendlichen Leser:innen hoffentlich aufgeht.

Julya Rabinowich: Dazwischen: Wir, Hanser, 2022, 256 Seiten, ab 14, 17 Euro

Wasserschweingeschichten

In Bilder- und Kinderbüchern tummeln sich bekanntlich Tiere. Viele Tiere. Tiere aller Art. Ich habe mal versucht, eines zu finden, das noch nicht im Bilderbuch ein Abenteuer erlebt hat. Mir ist keines einfallen. Ich habe nicht ausgezählt, welche Tierart am häufigsten in Büchern auftaucht – Wölfe und Bären stehen ziemlich weit oben, Hasen oder Kaninchen ebenfalls, von Hunden und Katzen mal ganz zu schweigen, aber auch die Bewohner von Luft und Wasser sind in ordentlicher Zahl vertreten. In manchen Büchern geht es schon so weit, dass jetzt Fantasietiere wie Einschweine, Neinhörner oder Schmetterschweine herhalten müssen. Ich erinnerte mich dann an eines meiner liebsten Bilderbücher aus meiner Kindheit, in der ein Tier eine Hauptrolle spielte: das Capybara, vulgo Wasserschwein. Vielleicht liebe ich diesen Großnager so, weil ich als Kind mal ein Meerschweinchen hatte, ich weiß es nicht. Jedenfalls habe ich mich daraufhin auf die Suche nach Wasserschweingeschichten gemacht. Die Auswahl ist begrenzt, daher zeige ich hier einfach alle. Es sind sechs.

Ende der 1960er Jahre erschien Unser Freund Capy von Bill Peet, in der Übersetzung von G. A. Strasmann, im Carlsen Verlag, der damals noch als „Reinbeker Kinderbücher“ auf dem Cover firmierte. Peet erzählt die Geschichte seines Sohnes Bill, der Tiere liebte, Biologie studierte und eines Tages ein Capybara in der Zoohandlung bestellt. Ein Vorgehen, das heute undenkbar ist. Der Riesennager im amerikanischen Bungalow mit Pool stellt den Familienalltag auf den Kopf, erschreckt die Katzen, frisst deren Futter, ruiniert den Rasen, verdreckt das Poolwasser – und wird schließlich depressiv. Denn Wasserschweine sind Rudeltiere und allein macht es Capy in der Menschenfamilie keinen Spaß, außer es sind die Nachbarskinder zur Poolparty da. Als das depressive Tier irgendwann einen Jungen leicht verletzt, wird es ausgesperrt und schließlich in einen Zoo gebracht, wo es bei den Nilpferden ein neues Zuhause findet.

Andere Zeiten, andere Geschichten

Mit anderen Worten: Eine Geschichte, die heute eigentlich kein Mensch mehr so schreiben oder gar veröffentlichen würde. Es war für mich damals in den 1970ern wahrscheinlich die erste, in der deutlich wurde, dass Menschen wilde Tiere nicht einfach so einsperren und zu Haustieren machen dürfen. Capy fand ich süß – was an den hervorragenden Zeichnungen von Bill Peet lag – und gleichzeitig tat er mir unendlich leid.

Neues Kleid für Capy

Umso erstaunlicher ist es, dass noch 2012 der österreichische Kinderbuchautor Franz S. Sklenitzka seine Figuren Olaf und dessen Großvater ein Wasserschwein aus einem Tierheim holen lässt. In Mein Freund Pepe Wasserschwein braucht Olaf nämlich ein Haustier, weil der Junge immer allein ist und sich vor Einbrechern fürchtet, seit sein Papa weg ist. Eigentlich soll er ein Meerschweinchen bekommen, doch das kann keine Einbrecher verjagen. Im Tierheim entdeckt er Pepe, das Wasserschwein – und kann das Quieken des Tieres verstehen. Bei den beiden ist es Liebe auf den ersten Blick.

Ähnliche Geschichte

Zu Hause kürzt Pepe den Rasen, schwimmt im Gartenteich, frisst Radiergummis und Katzenfutter und wird die Attraktion für die Kinder der Gegend. Pepe wird größer und irgendwann langweilt er sich … Das Wasserschwein selbst erzählt dann Olaf, dass es Gesellschaft braucht. Und so wird Pepe schließlich in einen Tierpark zu seinen Artgenossen gebracht.
Die Ähnlichkeit dieses Erstleserbuches zu Bill Peet ist trotz diverser Unterschied nicht zu übersehen. Es scheint fast so, als hätte Sklenitzka die Geschichte von Capy gekannt…

Wasserschweine mit Botschaft

Wasserschweine können aber auch anders. Das zeigen zwei aktuelle Bilderbücher. In Die Wasserschweine im Hühnerhof des Uruguayaners Alfredo Soderguit taucht eines Tages eine Horde Wasserschweine im Hüherhof auf. Die Hühner, gestört in ihrem beschaulich-ruhigen Dasein, sind beunruhigt: »Niemand kennt die Wasserscheine, und niemand hat sie erwartet.« Für die vielen großen, nassen, haarigen Nager ist kein Platz im Hühnerhof. Nur können die Wasserschweine nicht mehr zurück in ihre Sumpflandschaft, denn dort wird Jagd auf sie gemacht.

So bekommen sie von den Hühnern Regeln diktiert, wie sie sich im Hof zu verhalten haben. Eigentlich dürfen sie nichts, vor allem nicht die Regeln hinterfragen. Doch die Neugierde der kleinen Hofbewohner lässt sich nicht aufhalten: Ein Küken und ein Mini-Capy freunden sich an. Und als die großen Wasserschweine das Küken vor einem der Jagdhunde beschützen, ändert sich alles. Einträchtig grasen Hühner und Wasserschweine im Gehege, schlafen zusammen im Stall. Und als die Jagdsaison zu Ende ist, kehren die Wasserschweine in ihren Lebensraum zurück. Allerdings nicht allein …

Mit schlichtem Strich und wenigen Farben (die Wasserschweine sind braun, die Kämme der Hühner rot, der Rest ist schwarz-weiß) erzählt Soderguit das komplexe Thema von Flucht und Vorurteilen – und bricht es überzeugend auf. Die menschlichen Jäger stehen am Ende mit leeren Händen da, während sich die Tiere zu einer starken, solidarischen Gemeinschaft zusammenfinden.

Zurück zur Natur

In seinem angestammten Urwald-Habitat, im brasilianischen Urwald, hingegen bewegt sich Capy, das kleinste Wasserschwein einer Capybara-Familie, in Die Papagei-Ei-Rettung von Sandra Grimm und Lisa Rammensee. Am Morgen fällt dem Wasserschwein-Mädchen ein Papageien-Ei quasi vor die Pfoten. Sofort steht für Capy fest, dass sie das Ei zu den Papageien-Eltern zurückbringen muss. Sie macht sich auf den Weg, das Ei unter den Bauch gebunden und durchquert den Urwald. Auf dem Weg begegnet sie netten Helfern, wie dem Kolibri Fedro, dem Brüllaffen Bört sowie dem Kaiman-Mädchen Kara, und gemeinsam bringen sie das Ei zu den blauen Aras zurück.
Die Freundschaftsgeschichte strahlt in grün-erdigen Urwaldfarben und diese Capy ist wieder so niedlich wie das Ur-Capy von Bill Peet.

Bedrohter Lebensraum

Im Anschluss an das Abenteuer gibt es acht Seiten mit Informationen über das Pantanal in Brasilien, das größte Binnenland-Feuchtgebiet der Erde, seine Artenvielfalt und die Besonderheiten der Wasserschweine (Schwimmhäute zwischen den Zehen). Kleine Tierliebhaber:innen lernen Jaguar, Gürteltier und Nandus kennen. Liebevoll werden hier schon die Kleinsten an schützenswerte Naturräume und exotische Tierarten herangeführt – was vielleicht dazu beiträgt, dass sie später einmal unserer Umwelt mit Respekt begegnen.

Das unübersetzte Capybara

Ein weiteres Wasserschwein-Bilderbuch fand ich dann noch in den Weiten des Netzes – allerdings ist es (noch) nicht auf Deutsch erschienen. Die Italienerin Michela Fabbri stellt in ihrem auf englisch erschienenen Buch I Am a Capybara die Tierart selbst vor. Dafür lässt sie ein namenloses Capybara von sich und seiner Art erzählen. Denn das größte Nagetier der Erde wird gern mit Mäusen, Bibern oder Murmeltieren verwechselt. So stellt es seine Besonderheiten im Vergleich zu einem Hund heraus: riesige Nase, immer halbgeschlossene Augen, winzige Öhrchen, versteckter Minischwanz, Schwimmhäute an den Pfoten, verborgene Nagezähne… Doch das wirklich Besondere ist aus Sicht dieses Capybaras ist seine Liebe zum einfachen Leben in Gesellschaft. Es spielt gern, erkundet die Gegend, schwimmt und streckt sich schließlich in yoga-ähnlichen Posen (das herabschauende Capybara).

Mehr Capybara sein

Das reale Wasserschwein entwickelt hier fast menschliche Züge: es trägt eine Fliege für den Besuch in der Oper, liebt eine gute Brühe und freundet sich mit einem kleinen Vogel an. Und natürlich kuschelt es gern mit seinen Artgenossen … Diese Mini-Capy-Autobiografie hat Michela Fabbri mit sparsamen Buntstiftzeichnungen illustriert und vermittelt den Betrachter:innen damit hauptsächlich, dass wir alle viel mehr wie ein genügsam-geselliges Capybara sein sollten. Ein eigentlich sehr erstrebenswertes Ziel.

Wasserschweine im Selbstverlag

Zum Schluss noch ein schmales Selfpublisher-Bilderbuch von Catalina Montoya Palacio mit Illustrationen von Vanessa forero Ramirez. Als das Umarmen verboten war erzählt vom Wasserschweinkind Dodo, das nicht vor die Tür darf, weil ein Virus kursiert und ansteckend ist. Die Wasserschweinmutter mit Perlenkette reicht Dodo das Smartphone und lässt ihn all seine Freunde, Hund, Katze, Vogel, Äffchen anrufen, damit sie einander nicht vergessen. Die Geschichte ist eher schlicht. Hier geht es nicht um das Wasserschwein an sich, sondern um die fehlende Nähe der Freunde in Coronazeiten. Ein netter Gedanke, leider eher unprofessionell umgesetzt (Layout, Schrifttype, fehlendes Impressum). Es soll hier aber der Vollständigkeit halber kurz erwähnt sein.

Bitte mehr Wasserschweingeschichten

Wasserschweine oder Capybaras sind meiner Ansicht nach also völlig unterrepräsentiert in der Bilderbuchfauna. Die sympathischen Nager mit ihrem geselligen Sozialverhalten haben Potential, in diverse Richtungen. Ich warte dann mal auf weitere Capy-Geschichten … und setze die Sammlung dann hier fort.

Alfredo Soderguit: Die Wasserschweine im Hühnerhof, Übersetzung: Eva Roth, atlantis, 2012, 48 Seiten, ab 4, 18 Euro

Sandra Grimm: Die Papagei-Ei-Rettung, Illustration: Lisa Rammensee, mixtvision, 2022, 40 Seiten, ab 4, 16 Euro

Michela Fabbri: I Am a Capybara, englische Ausgabe, Princeton Architectual Press, 2021, 40 Seiten, ab 4, 16,70 Euro

Krieg erklären – Frieden suchen

Die Ereignisse in der Ukraine in den vergangenen zwei Wochen haben mich – wie vermutlich jeden von uns – schockiert, deprimiert, wütend und ängstlich gemacht. Nach dem ersten News-Overflow, ersten Demos, blau-gelben Posts und Spenden für die humanitäre Hilfe konnte ich jetzt den Blick wieder auf die Bücher richten.

Krieg ist jedoch ein so großes, so komplexes Thema, dass es hier in einem kleinen Post kaum aufzufangen ist, selbst wenn es nur um Bücher geht. In dem Jahrzehnt, den es diesen Blog nun schon gibt, haben wir immer wieder Bücher über und gegen den Krieg vorgestellt. Es sind das jedoch vor allem Bücher über die beiden Weltkriege, zum Beispiel Elisabeth Zöllers Der Krieg ist ein Menschenfresser, Maja Nielsens Feldpost für Pauline, Dorothee Haentjes-Holländers Paul und der Krieg oder auch Joke van Leeuwens Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor. Das sind allerdings immer auch Geschichten über lang zurückliegende Ereignisse, die vielleicht das Verhalten von Großeltern und Eltern erklären, für Kinder aber eher abstrakt bleiben.

Mit dem Ukraine-Krieg rückt das Geschehen nun räumlich näher, wie schon in den 1990er Jahren im Serbien-Krieg, und hat aber, dadurch, dass mit Putins Russland eine Großmacht einen Nachbarstaat angreift, eine weltpolitische Reichweite, der sich niemand mehr entziehen kann. Und die Kinder spüren natürlich unsere Ängste, hören unsere Gespräche, gehen mit auf die Demos und stellen Fragen. Einige dieser Fragen lassen sich mit den folgenden drei Büchern ansatzsweise beantworten.

Die einfachen Grundregeln des Zusammenlebens

Louise Spilsbury erklärt in Wie ist es, wenn es Krieg gibt? in 13 kurzen Kapiteln die Grundvoraussetzungen für einen Krieg: den Streit zwischen Menschen und die Gründe für Konflikte unter ihnen. Die unterschiedlichen Traditionen in verschiedenen Ländern und Religionen gehören dazu. Der Krieg verändert das Leben der betroffenen Menschen, viele verlassen die Heimat, flüchten und suchen Sicherheit.
Spilsbury kann das alles natürlich nur kurz anreißen, zeigt aber in wenigen Worten und durch die eindrücklichen, aber nicht traumatisierenden Illustrationen von Hanane Kai, welche Lösungen es für Kriege und Konflikte gäbe: miteinander reden, Regeln aufstellen und diese auch einhalten. Dazu der Versuch, andere Menschen zu verstehen und zu respektieren. Im Fall eines Konfliktes ist es wichtig zu helfen, und auch dazu gibt es in diesem Buch einige Anregungen, die den jungen Leser:innen helfen können die eigene Ohnmacht zu überwinden. Dies hier so einfach aufzuschreiben, kommt mir fast unwirklich vor, weil es im Grunde so simpel ist – und doch von gewissen Machthabern nicht befolgt wird.

Die machtgierigen Männer

Wie es dazu kommt, dass Männer machtgierig werden, zeigte David McKee bereits 2014 in seinem Buch Sechs Männer. Diese Parabel heute zu lesen, lässt einen quasi erschaudern: Es wirkt wie die Blaupause zu Putins Verhalten.
Es beginnt harmlos mit sechs Männern, die einen friedlichen Ort zum Leben und Arbeiten suchen. Dort werden sie Baumeister und Bauern – und reich. Mit dem Reichtum kommen die Sorgen, weil sie ihr Gut schützen und behalten wollen. Die Männer stellen sechs Wachen an, vorsorglich. Doch die Wachen haben nichts zu tun. Die Herrscher wollen ihr Geld aber nicht umsonst ausgegeben haben. Also werden die Soldaten losgeschickt, andere Bauern zu überfallen und deren Land zu rauben.
Die Spirale der Gewalt kommt in Gang: mehr Soldaten werden gebraucht. Die Bauern auf der anderen Seite des Flusses bekommen Angst, rüsten ebenfalls auf. Ein dummer Zufall löst den Krieg aus … Die einfachen Strichzeichnungen von McKee treffen so ins Mark, dass ich diese wenigen Seiten eigentlich nur ungläubig anschauen kann. Hier ist die gesamte Absurdität des Krieges drin: Die Soldaten der kämpfenden Parteien sind nicht mehr auseinanderzuhalten und am Ende herrscht nur der Tod. Krieg ist keine Option. Niemals. Das begreifen mit dieser Lektüre bereits Kinder.

Give Peace a chance

Das Plädoyer für den Frieden kommt von Baptiste & Miranda Paul, zusammen mit den farbenfrohen Illustrationen von Esteli Meza. Kinder sind hier auf jeder Seite mit Tieren zusammen, seien es Elefanten, Füchse, Koalas, Pandas, Pferde oder Löwen. In kurzen, oftmals gereimten Zeilen beschwören die Pauls die Schönheit des Friedens, das Wohlgefühl, das Zuhause sein und die Sicherheit herauf, die der Frieden uns gibt. Mit wenigen Sätzen erklären sie, wie wichtig es ist, die eigenen Freunde wirklich anzusehen, ihre Namen zu kennen und gemeinsam etwas Mutiges zu tun. Das Geben wird über das Nehmen gestellt und viele kleine Fische können den spitzzähnigen Hai besiegen. Im Frieden werden auch die Kleinsten gehört und der Satz »Es tut mir leid« schafft Versöhnung und echten Frieden.

Frieden ist ein hoffnungsfrohes Buch, das die Tiere mit im Blick hat, denn auch sie leiden in kriegerischen Auseinandersetzungen. Die warmen Farben der Bilder, die Kinder aus allen Nationen, die mit den Tieren kuscheln und am Ende um das Lagerfeuer sitzen und einer Vorleserin lauschen – all dies ist so tröstlich und erstrebenswert. Es gibt keine andere Option als Frieden.

Das blau-gelbe Bild mit der Taube vom Anfang dieses Posts stammt aus dem Buch der Pauls – und die Farbwahl sehen wir heute natürlich mit ganz anderen Augen. Es dürfte einer dieser seltsamen Zufälle sein, die dieses Leben auch immer wieder so erstaunlich macht.

Die drei Bücher werden momentan nachgedruckt. Louise Spilsbury ist ab 7. April wieder zu haben.

Baptiste Paul & Miranda Paul: Frieden, Illustration Esteli Meza, Übersetzung: Thomas Bodmer, NordSüd Verlag, 2021, 40 Seiten, ab 4, 15 Euro

Louise Spilsbury: Wie ist es, wenn es Krieg gibt?, Illustration: Hanane Kai, Übersetzung: Jonas Bedford-Strom, Gabriel Verlag, 2022, 32 Seiten, ab 5, 10 Euro

David McKee: Sechs Männer, Übersetzung: Thomas Bodmer, NordSüd Verlag, 2014, 48 Seiten, ab 5, 13,99 Euro

Angst in Bilderbüchern

Bei mir auf dem Schreibtisch hat sich in den vergangenen Wochen, sei es bei meiner Arbeit als Übersetzerin und Lektorin, als auch bei der Suche nach »schönen« Kinderbüchern ein Thema herauskristallisiert: die Angst. Gefühlt leben wir in einer Zeit, in der die Menschen immer mehr Angst haben. Vor Viren oder Impfstoffen dagegen, vor den Auswirkungen der Klimakatastrophe, vor drohenden Kriegen in nicht allzu weiter Entfernung. Die Liste ließe sich beliebig erweitern.

Ein Leben ohne Angst gibt es allerdings nicht und hat es auch nie gegeben. Das Gefühl der Angst ist uns angeboren und erfüllt eine wichtige Funktion, in dem sie uns vor lebensbedrohenden Gefahren schützen will. Nur, dass wir in unserem hochtechnisierten und durchgetakteten Leben voller Ansprüche und Erwartung mittlerweile auch vor Dingen Angst haben, die nicht unbedingt lebensgefährlich sind. Aber wie oft hat man als Erwachsener Angst um den Ruf oder den Job. Menschen wollen dazugehören, denn auch das sichert unser Überleben.

Kindern geht es nicht anders. Nur verfügen sie noch nicht über die Erfahrung, wie sie das unangenehme Gefühl Angst bewältigen können, welche Tricks und Kniffe man anwenden kann, um es wieder loszuwerden. Oder auch hinter die Schatten zu blicken. Aus Erwachsenenperspektive von oben herab zu sagen: »Da ist doch gar nichts« hilft den Kindern nicht. Die Angst bleibt und wird im schlimmsten Fall größer.

Bei der Durchsicht der aktuellen Verlagsvorschauen sind mir dann eine Vielzahl von Neuerscheinungen zum Thema Angst aufgefallen. Daraufhin habe ich mich ein bisschen umgesehen und erst einmal die Bilderbücher aus den vergangenen drei Jahren gesichtet (weiter zurück zu gehen würde das Internet sprengen…). Die Bandbreite bei Bilderbüchern zum Thema Angst ist riesig. Auffallend ist, dass hauptsächlich tierische Akteuere auf die eine oder andere Art gegen ihre Angst ankämpfen, vom Opossum bist zum klassischen Wolf, vom Hasen bis zum Mops, es ist alles dabei. Sogar ein Ents-ähnlicher Baum hilft bei der Angstbewältigung. Mag sein, dass die Angst so weniger Angst macht und die Identifikation leichter fällt. Dazu gibt es in so einigen Büchern Reime und Bannsprüche, die im realen Leben Halt und Hilfe geben können.

Ich habe versucht, die Bücher ein wenig nach Themen zu sortieren. Aber ich erhebe hier natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Auch ersetzt die Lektüre nicht eine professionelle psychologische Betreuung, wenn ein Kind unter einer Angst so sehr leidet, dass es davon ernsthaft krank wird. Aber meine kleine Hoffnung ist, dass ihr hier vielleicht Anregungen findet, wie ihr eurem Kind die Angst vor der Angst nehmen könnt. Es gibt hier sehr viel zu gucken, zu entdecken, zum Schmunzeln und zum Lachen. Vor der Angst braucht sich niemand zu fürchten. Sie gehört zu uns, zu unserem Leben dazu. Es ist eine Frage der Einstellung und des Wissens, wie wir ihr begegnen. Und sie dann letztendlich in Mut verwandeln und uns viel mehr trauen.
Viel Spaß beim Stöbern.

Sich etwas trauen gegen die Angst

Schon für die kleinsten Leser:innen lässt sich das Gefühl Angst mit Hilfe eines Buches bewältigen. Das Pappbilderbuch Kleiner Angst-Frosch hab doch Mut! von Christine Kugler und Jutta Berend zeigt kindgerechte Alltagssituationen, in denen Angst aufkommen kann: auf der Rutsche, beim Sprung ins Schwimmbecken, abends im Bett oder auf der Bühne beim Chorkonzert. In kurzen gereimten Texten wird die Situation erklärt und Hilfe in Form von Freunden, Taschenlampe oder Mitsingenden geboten. So überwindet Frosch Ferdi schließlich seine Angst. Und jede kleine Leser:in erfährt schon hier, dass Angst etwas ganz Normales ist.

Angst versus Mut treffen unmittelbar im Wendebuch von Andrea Schütze und Stéffie Becker aufeinander: Ich trau mich/Ich trau mich nicht. Das mutige Orang-Utan-Mädchen Olivia und der ängstliche Tiger Jonte leben im Urwald und wüschen sich eigentlich nur einen Freund, ganz für sich. Die Elternteile können den beiden dabei nicht besonders gut helfen, ermuntern den jeweiligen Spross aber, auf die Suche zu gehen. Olivia und Jonte begegnen dem Krokodil Rokko, der sich als Freund anbietet. Allerdings unter der Bedingung, dass die beiden eine Mutprobe bestehen sollen …
Das Gegenüber der unterschiedlichen Charaktereigenschaften der Figuren lässt kleine Leser:innen sicher über die Vielfalt im Leben nachdenken. Die identische Reaktion von Olivia und Jonte auf die Mutprobenfrage von Rokko macht ihnen jedoch auch klar, dass Freundschaft nicht unter Bedingungen geschlossen werden kann – und es mitunter sehr mutig ist, Nein zu sagen.

Die Neuausgabe von Valeri Gorbachevs Nur Mut, kleine Küken! ist im Grunde ein Klassiker von 2001 und begleitet zwei Kükengeschwister bei ihrem ersten Besuch auf den Spielplatz. Alles ist groß und scheinbar gefährlich: die Wippe mit den Hundekindern, das Karussell mit den Ferkeln drauf, die Schaukeln, die von den Kätzchen besetzt sind. Die anderen Tierkinder sind nett und fragen die Küken, ob sie mitmachen wollen, doch die beiden antworten stets: »Danke, aber dafür sind wir noch zu klein.« Man kann es ihnen nicht verdenken… Doch als der Biberjunge auf der Rutsche Verständnis für ihre Angst zeigt (er hatte beim ersten Mal auch Angst) und mit ihnen gemeinsam rutscht, überwinden die beiden ihre Scheu.
Die nicht Verurteilung von Angst, das Verständnis der anderen und die Hilfsbereitschaft, die knuffige Tierfiguren hier zeigen, fördern auch bei den Betrachter:innen den Mut, sich auf neue Abenteuer, sei es auf dem Spielplatz oder sonst wo im Leben, einzulassen.

Der kleine rote Drache mit den niedlichen Flügeln traut sich nicht – zu fliegen. Obwohl das doch genau das ist, wozu er geboren ist, finden die großen Tiere wie Fuchs, Hase und Dachs. Allein Mama Drossel verteidigt den Ziehsohn: »Ach, das macht er schon noch, wenn die Zeit gekommen ist.«
Bis dahin entdeckt der kleine Drache die Moosrutsche auf dem Baumstamm, malt Bilder in den Sand, betrachtet hübsche Blumen. Alle Versuche seiner tierischen Genossen, ihn zum Fliegen zu bewegen, bringen nichts. Bis er es eines Nachts selbst ausprobiert … Neben der Bewältigung der Furcht vor einer zu erlernenden Fähigkeit, geht es in Ein komischer Vogel traut sich was von Michael Engler und Joëlle Tourlonias auch um das Aushalten von gesellschaftlichem Druck. Alle erwarten etwas, drängen den kleinen Drachen förmlich – doch nur die Ziehmutter hat im Blick, dass jedes Wesen seinen eigenen Rhythmus hat und Zeit braucht. Ein Mutmachbuch für kleine Leser:innen der besonderen Art, ganz im Sinne: Kommt Zeit, kommt Mut.

Tiere gibt es im psychologischen Bilderbuch Muträuber von Johannes Traub, Wiebke Alphei und Suse Schweizer nicht: Dafür sind die Räuberbrüder Hugo und Zugo ziemlich verschieden. Hugo ist eher der angstfrei Draufgänger, Zugo der ängstlich Zurückhaltende. Zugo möchte gern mutiger sein, weiß aber nicht, wie er das anstellen soll. Der Räubervater gibt ihnen den Tipp, sich Mut zu räubern. Und Mut findet man da, wo Angst ist … und so stellt sich Zugo seinen Ängsten (der großen Rutsche, Radfahren). Hugo unterstützt ihn dabei, so dass auch Zugo sich schließlich traut.
Geschickt sind hier im Text verschiedene Arten von Angst und ihre körperlichen Merkmale eingebaut. Die bestärkende Art von Hugo gegenüber dem Bruder zeigt den Lesenden, wie bei Kindern Ängste abgebaut werden sollten. Die Variante, dass hier nur Jungs und der Vater auftreten, macht das Buch zu einer perfekten Vater-Sohn-Vorlesegeschichte.

Mitmachbücher

Konkrete Strategien, wie Kinder mit ihren Ängsten umgehen können, liefern Nanna Neßhöver und Eleanor Sommer in Wenn ich ängstlich bin. Murmeltier Mumm verlässt seinen Bau und ist plötzlich einsam und bekommt Angst. Bär, Luchs, Mauerläufer und Steinbockmädchen machen ihm vor, wie sie ihre Angst wegbrummen, weghopsen, sich groß machen oder sich schöne Orte vorstellen. Mumm probiert das alles aus und findet schließlich das, was er am besten kann: pfeifen.

Mit kleinen Aufforderungen im Text werden die Kinder beim Betrachten der Bilder animiert, beispielsweise auf die Blüten zu tippen, über einen Stein zu streichen oder sich ihren Lieblingsplatz vorzustellen. Die Macherinnen zeigen den Kids durch süße Bilder und einfache Texte, wie sich die Angst körperlich zeigt (zittern), wofür sie gut ist (Warnung) und wie sie damit umgehen können (atmen, vorstellen, hopsen). Das Abenteuer von Mumm hat Unterhaltungswert und hilft Kindern und Eltern gleichzeitig mit alltäglicher Angst umzugehen.

Ähnlich geht es in dem Mitmachbuch Nur Mut, kleiner Schmollmops von von Lucy Astner und Alexandra Helm zu: Der Mopswelpe hat vor seinem ersten Tag in der Möpschen-Spielgruppe ein ganz seltsam kribbeliges Gefühl im Bauch. Mops-Eltern und -Großeltern konstatieren dem Nachwuchs Angst und reden ihm Mut zu. Doch wie wird man mutig? Hilfe naht durch Specht, Hamster, Dachs und Katze. Jedes Tier bringt dem kleinen Mops eine Entspannungs-Mutmach-Technik bei, die die kleinen Leser:innen dem Schmollmops aktiv vormachen sollen. Da wird geklopft, Katzenbuckel gemacht, die Backen aufgeblasen und durchgeatmet. Der Trick, den Kindern so ein paar Entspannungskniffe beizubringen, ist entzückend, bedarf aber sicher mehr als eine Lektüre, um alles wirklich zu verinnerlichen. Am Ende merkt der Schmollmops, dass es in der Spielgruppe gar nicht schlecht ist und er einfach seinem Herzen folgen sollte.

Angst vor Unbekanntem

Angst hat immer auch etwas mit dem Unbekannten, dem Fremden zu tun. Darum geht es in Jessica Meserves Die Welt da draußen. Die Betrachtenden tauchen ein in die Welt der Kaninchen, die am liebsten zu Hause und mit ihresgleichen zusammen sind. Am liebsten futtern sie Möhren und haben es gern kuschlig warm in ihrem Bau. Das Helden-Kaninchen gerät beim Ausrupfen eines leckeren Mörchens, das ein klein wenig außerhalb des bekannten Gefildes wächst, ins Neuland. Es kullert in ein unbekanntes Loch und erlebt ganz unkaninchenhafte Dinge wie Nasswerden und Luftanhalten.
Auf seiner Reise begegnet es einem Tier mit Krallen und Haaren, vor dem Kaninchen immer gewarnt wurde. Kaninchen steht böse Ängste aus. Doch das Nicht-Kaninchen ist gar nicht schlimm, im Gegenteil, es versorgt Kaninchen mit lecker Essen … Und so kommt Kaninchen auf den Geschmack, dass es auch noch was anderes im Leben geben kann. In einem Baum, auf den es ganz unkaninchenhaft klettert, findest es Freunde mit Federn, Schuppen, Hörnern oder Hufen – und von allen kann es etwas lernen …
Diese neue Häschen-Schule ist quasi ein Plädoyer für eine bunte Gesellschaft, in der wir alle von anderen sehr viel lernen können. Der Angst vor dem Fremden, dem vermeintlich Gefährlichen, wird hier eine charmante Absage erteilt – und tut uns allen gut.

Schon ganz junge Bilderbuchbetrachter:innen nimmt der kleine Bär, ein Puh-der-Bär-Look-a-like, mit auf einen Weg gegen die Furcht. Nach dem Besuch bei Großvater Bär geht der kleine Bär allein, aber mit einer Laterne in der Pfote nach Hause. Im Wald hört er immer wieder unheimliche Geräusche und findet kleine Tierkameraden, die sich im Dunkeln fürchten. Mit dem titelgebenden Mantra »Ich habe ein Licht und fürchte mich nicht!« nimmt er die Freunde mit und so gelangen alle schließlich sicher nach Hause.
Gerade dieser Reim, den auch kleine Kinder ganz rasch behalten, wirkt wie eine erhellende Ermutigung. Der blau gehaltene Nachtwald mit den Augen, den versteckten Tierchen und deren süßen Behausungen (genau hinschauen!) machen das Buch von Brigitte Weninger und Laura Bednarski zu einer Lektüre voller Überraschungen.

Auf eine Reise oder einen Weg begibt sich auch die Ente. Zusammen mit der Maus macht sie sich in Wird schon schiefgehen, Ente! von Daniel Fehr und Raphaël Kolly auf, den Biber an seinem neuen Damm zu besuchen. Nur plagen die Ente unzählige Alltagsängste: Man könnte sich verlaufen, sich im Regen erkälten, verhungern oder verdursten. Zum Glück hat die entspannte Maus Proviant dabei und erträgt die schwarzseherische Ente mit einer bewundernswerten Gelassenheit. Und plötzlich sind die beiden am Ziel – und nichts ist passiert. Dieser sommerlich orangefarbige Reisegeschichte ist im Grunde der Monolog der ängstlichen Ente. Die Maus reicht ihr zu essen und zu trinken und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch so kann man oder sollte man Ängsten von anderen vielleicht begegnen: Nicht viel sagen, sondern einfach weitermachen. Das Ergebnis ist überzeugender als jede Erklärung.

In einem tiefen, aber wunderbar bunten Wald treffen in Ab hier kenn ich mich aus von Andrea Schomburg und Amrei Fiedlerein ein Menschenkind und ein Baumwesen, das erstaunlich an die Ents aus »Herr der Ringe« erinnert aufeinander. Das Kind hat sich verlaufen, findet den Weg nicht mehr. Dazu die unheimlichen Geräusche, das Geraschel, Gepiepse, Geheule und Geklopfe. Der Baum erklärt und zeigt, und gemeinsam finden sie den Weg aus dem Wald und gelangen in die Stadt mit den vielen Menschen, Häusern, Autos, der Enge, dem Gerumpel. Nun erklärt das Menschenkind und findet den Weg nach Hause wieder. Andrea Schomburg reimt was das Zeug hält und öffnet die Augen für die Schönheit der schützenswerten Natur, auch in der Stadt. Der Angst des Kindes im Wald setzt sie die Angst des Baumes in der vollen Stadt entgegen und zeigt, dass die Angst verschwindet, sobald man sich besser auskennt und gewisse Regeln (die Ampel) beachtet.

Angst vor Gewitter

Die Angst vor dem Naturphänomen Gewitter findet sich aktuell in zwei Bilderbüchern. In Da liegt was in der Luft von Malin Hörl wohnt Svea mit ihren zwei Schwestern, Mama und Papa irgendwo auf dem Land, als ein Sommergewitter aufzieht. So ein richtig heftiges. Die Mädchen sind leicht panisch, ziehen im Haus die Stecker aus den Dosen. Aber Papa bleibt cool, erklärt wie man Schutz sucht und die Entfernung des Gewitters berechnet. Dann schmiert er Erdnussbutterbrote und vom geschützten Balkon beobachten Vater und Töchter das Naturspektakel, mit ganz viel Respekt. Dieser und die gelassene Zugewandtheit des Papas bewirkt, dass Svea schließlich sagt: »Ich mag Gewitter.« Die gemeinsame Lektüre und das Betrachten der warmfarbigen, aber sturmbewegten Bilder kann kleinen Menschen vielleicht die Gewitterangst nehmen.

Auch Hibiskus, der Hase, findet Gewitter nicht gerade toll. In Hase Hibiskus und das grausige Gruseln von Günther Jakobs und Andreas König freut sich der Langohrheld auf einen geruhsamen Abend mit Kakao, doch stattdessen zieht ein Gewitter auf und der Strom fällt aus. Allein im Dunkeln ist es ganz schön gruselig. Schaurige Geräusche dringen von außen ins Haus, dunkle Schatten sind zu sehen, Monster schauen durchs Fenster. Doch glücklicherweise sind es lauter Freunde von Hibiskus, die nach und nach vom Gewitter überrascht bei ihm Unterschlupf suchen. So füllt sich das Hasenhaus mit Maus, Bär, Esel, Uhu und Schlange. Und gemeinsam bei einem Becher Kakao sind sich die Freund einig: »Und gruselt dich auch mal etwas, hab keine Angst, wir klären das.« Genaues Hingucken hilft also gegen Angst, erfahren kleine Leser:innen hier – und Kakao im Warmen ist bei Gewitter ein Seelentröster.

Dunkelheit und Schattenwesen

Die generelle Angst vor der Dunkelheit thematisiert das künstlerische Bilderbuch Louisa und die Schattenmonster von Liliane Steiner. Louisas Eltern haben sich für das Mädchen einen Bannspruch ausgedacht, damit es im Dunkeln keine Angst mehr hat: »Feenschmalz und Kräutersalz, lässt verschwinden von allein, Geister, Monster und Gebeine.« Dazu wird Glitzerstaub verstreut.
Dennoch wird Louisa mulmig, wenn das Licht aus ist. Die Schatten an der Wand sind einfach unheimlich. Licht und Zauberspruch helfen ihr zunächst. Doch auf dem Weg in die Küche begegnen ihr noch mehr gruselige Schatten… Die Künstlerin arbeitet geschickt mit den Schatten von Alltagsdingen. So werden Holzlöffel, Spaghettizange und Kelle zu einem Skelett, Kehrblech, Handbesen und Wischeimer zu einem Teufel. Die Seiten sind dem Setting entsprechend dunkel gehalten, was für kleine Betrachter:innen spannend sein kann. Louisa enttarnt die Schattenmonster und verliert ihre Angst.
Auf dem Vorsatz sind Beispiele für Schattenspiele mit den Händen zu sehen, die sofort zum Nachmachen animieren und die Verwandlung von verschränkten Fingern zu mehr oder minder gefährlichen Tierschatten veranschaulicht.

Die Angst vor der Dunkelheit findet in Hab keine Angst, kleines Dunkel von Peter Vegas und Benjamin Chaud eine reizvolle Umkehrung: Das kleine Dunkel hat nämlich Angst vor dem Licht. Es versteckt sich in Schubladen, unterm Bett und traut sich erst vor die Tür, wenn die Sonne weg ist. Das Dunkel bleibt die ganze Nacht wach, damit die Kinder ruhig schlafen können, auch wenn es selbst dann nichts erlebt. Dafür lieben Fledermäuse und Sterne das Dunkel. Dunkelheit kommt hier als ein sehr sympathisches und wichtiges Element in unserem Leben daher. Es wird Kindern, die sich davor fürchten, wie ein guter Freund präsentiert, dem man durchaus mal »Hallo« sagen kann. Nach dieser Lektüre können junge Leser:innen dem Dunkel mit ganz anderen Augen begegnen.

Ganz anders geht es in der folgenden Geschichte zu: Eines sonnigen Morgens entdeckt Hase, dass etwas nicht stimmt. Da war plötzlich noch jemand: Schwarzhase. Und ganz gleich, was Hase tat – rennen, verstecken, schwimmen – Schwarzhase verfolgte ihn und machte ihm Angst. Erst im dunklen Wald hat er Ruhe vor Schwarzhase. Bis ihn der Wolf zu jagen beginnt. Als Hase aus dem Wald in die Sonne rennt, passiert es …
Das Schattenspiel in Philippa Leathers Bilderbuch Schwarzhase verdeutlicht die Funktion von menschlichen Ängsten schon für ganz kleine Leser:innen. Sie sind immer bei uns, aber sie schützen uns vor lebensbedrohlichen Gefahren.

Von Träumen und Albträumen

In der Dunkelheit kann es sein, dass wir von bösen Träumen belästigt werden. So er geht es Anton in Ben Furman und Mathias Weber Buch Antons Albtraum. Er soll bei Oma schlafen. Aber Anton hat in letzter Zeit immer wieder Albträume und kann nur schwer einschlafen. Oma weiß nichts davon und die Eltern vergessen, es ihr zu erzählen. Als Anton ihr selbst davon erzählt, sagt Oma: »Es gibt gar keine Albträume.«
Aus dieser überraschenden Aussage entsteht ein Gespräch über Antons Albtraum. Oma nimmt die Bilder aus Antons Traum auf und erzählt dazu eine Geschichte mit einem schönen Ende. Die Beschäftigung damit hilft Anton, ohne Angst einzuschlafen.
Nicht alle Albträume sind natürlich so »harmlos« wie Antons, daher erläutert Autor und Psychologe Ben Furman in einem Nachwort, wie Eltern damit umgehen können, wenn ihre Kinder etwas wirklich Erschreckendes erlebt oder gesehen haben. Offene Gespräche über das Erlebte oder Geträumte, das Malen von Bildern oder die Besuche von Orten oder Einrichtungen, die im Traum eine Rolle spielen, helfen den Kindern bei der Verarbeitung. Dieses Buch liefert eine wunderbarer Idee dafür.

Fantasie und Wirklichkeit treffen auf eine leichtere Art im Buch Timo kann was Tolles von Nikola Huppertz und Tobias Krejtschi aufeinander. In seinen Träumen ist Timo mutig, fliegt, hat keine Angst vor Dschungeltieren oder fährt große Feuerwehrautos. Doch tagsüber im Kindergarten schafft er es nicht hoch zu schaukeln, hat Angst einen Regenwurm zu streicheln und seine Bilder sehen aus wie Krikelkrakel. Die anderen Kinder lachen ihn aus. Bis auf Ava. Erst als sie Timo fragt, ob sie etwas zusammen machen wollen, erkennt Timo seine besondere Gabe. Und auf einmal fallen ihm zusammen mit Ava die Dinge ganz leicht. Träum können also wahr werden, wenn Kinder den Mut aufbringen, sich anderen anzuvertrauen. Gemeinsam ist man stärker und kann gewissen Hindernisse überwinden.

Angst als Freundin

Dass wir der Angst anders begegnen können, thematisieren zwei sehr ähnliche Bücher. In Mirjam Zels erdig-pastelligem Bilderbuch Fast wie Freunde geht es um das Mädchen Sophie. Sie wohnt in einer ganz normalen Stadt, in der die Leute sich zwar grüßen, aber nicht so genau hinschauen. Was sie nicht genau sehen, ist zunächst nicht erkennbar. Nach und nach wird klar, dass Sophie eine schwarze Last mit sich herumschleppt: ihre Angst. Sie hat Angst auf den Baum zu klettern oder im Teich zu schwimmen. Niemand versteht, was mit ihr los ist. Erst als sie ganz allein ist, entdeckt sie ihre Angst – und stellt fest, dass sie eigentlich gar nicht so schlimm ist. Sophie ändert ihre Taktik: Statt die Angst einfach herumzuschleppen, nimmt sie sie wie eine Freundin an die Hand und zeigt sie den Menschen in der Stadt. Und nun ändert sich etwas: Sophie erkennt, dass die Angst manchmal ganz sinnvoll ist – als Warnung vor Gefahren –, sie aber oftmals gar nicht nötig ist. Ihr Beispiel steckt an und so zeigen nun auch die anderen Menschen ihre Ängst und alle werden irgendwie netter zueinander.
Mut zur Angst ist hier das wichtige Thema. Denn kein Mensch ist ohne Angst. Sie macht uns menschlich. Die eigene Angst zuzugeben, zu ihr zu stehen macht vielleicht angreifbar, aber das Zusammenleben gestaltet sich freundlicher, wenn wir für andere Verständnis entwickeln.

Francesca Sanna, die hierzulande mit ihrem Buch Die Flucht bekannt wurde, verarbeitet in diesem künstlerischen Bilderbuch in ähnlicher Weise ihre eigenen Ängst. Sie zeigt ein Mädchen, das ihre Angst als weißes Knuddelmonster immer dabei hat. Diese Angst ist mal kleiner und mal größer, oft beschützt diese Angst das Mädchen.
Doch als es in ein neues Land kommt, in dem sich das Mädchen nicht wohl fühlt, wird diese Angst riesengroß. Sie stellt sich zwischen das Mädchen und die neuen Mitschüler:innen, sie verhindert, dass das Mädchen mit anderen reden kann, sie zerrt das Mädchen immer gleich wieder nach Hause. Erst als ein Junge aus ihrer Klasse ihr etwas zeigt und später beim Spielen seine eigene Angst offenbart, wird die Angst des Mädchens wieder kleiner.
Die Darstellung der Angst als Barbapapa-förmiges Etwas entspricht der von Mirjam Zels in Fast wie Freunde. Die Beherrschung von Angst durch die Hilfe eines Freundes ist auch hier eine wichtige Botschaft.

Märchen reloaded

Seit Rotkäppchen und der Wolf ist dieses wunderbare Tier zu einem Angstsymbol geworden – völlig zu Unrecht. Er bietet sich trotzdem immer wieder an, die Angst zu illustrieren oder damit zu spielen. Ein herrliches Spiel mit diesen Stereotypen ist das Bilderbuch von Jan De Kinder: Keine Angst, Großer Wolf. Schon der Titel könnte stutzig machen: Warum wird der Große Wolf angesprochen?
Das zeigt sich auf der ersten Doppelseite: Der kleine Wolf geht mit dem großen Papa Wolf in den Wald. Der kleine marschiert voran, der große mit angstvoller Schnauze hinterher. In farblich schön reduzierten Bildern lockt der Wolf-Sohn den Vater durch das Unterholz, erklärt, was für Geräusche zu hören sind, was es so zu sehen und zu riechen gibt. Bis die zwei tatsächlich jemandem begegnen und der große Wolf reiß aus nimmt.
De Kinder spielt geschickt mit dem Märchen von Rotkäppchen. Er löst Ängst durch genaues Beobachten auf. Gleichzeitig zeigt er Kindern durch die Umkehrung der Vater-Sohn-Rolle, dass sie mutiger sein können als der Papa. Und nimmt am Ende das psychologische Trauma des Vaters aufs Korn – was für erwachsene Vorleser:innen eine sehr amüsante Pointe darstellt.

Das angebliche Angsttier Wolf schwebt auch in Myriam Ouyessads und Ronan Badels Der Wolf kommt nicht, quasi über allem. Hasenmutter bringt hier ihr Hasenkind ins Bett, das ständig fragt: »Bist du ganz sicher, dass der Wolf nicht kommt?« Hasenmutter beruhigt mit allen möglichen Argumenten: Es gibt keine Wölfe mehr, sie leben weit weg im Wald, ein Wolf kommt nicht in die Stadt, im Verkehr würde er nicht überleben und so weiter. Häschen versteckt sich derweil unter der Decke, schaut erschreckt. Die Hasenszenen mit dem Text finden sich immer auf der linken Seite, während rechts der Wolf in den verschiedenen Situationen gezeigt wird und immer näher kommt. Als sich Häschen scheinbar beruhigt hat und das Licht aus ist, klingelt es an der Tür … Die Auflösung ist so charmant, die müssen die Lesenden selbst herausfinden. Der Twist, den die Geschichte dadurch bekommt, ist absolut Angstvertreibend.

Ein weiteres Spiel mit Märchenklischees ist Prinzessin Riesenmut von Rachel Valentine und Rebecca Bagley. In knallbunten Illus machen sich die drei Prinzessinnen-Schwestern Thea, Juno und Liliy entgegen dem Verbot ihres Königs-Großvaters auf, den Riesen zu suchen. Dieser hat das Land verwüstet und treibt sein Unwesen. Angst kennen die drei scheinbar nicht: der Zauberwald schreckt sie nicht. Die Spinnen, die darin hausen, setzen sie geschickt außer Gefecht. Eine kaputte Brücke über eine Schlucht überqueren sie mit Kreativität. Und schließlich holen sie den Riesen ein, verschnüren und verhaften ihn. Ein klärendes Gespräch liefert dann die Erklärung für das zerstörerische Verhalten des Riesen … und alles wird gut.
Der Mut der Prinzessinnen und ihr resolutes, aber auch einfühlendes Vorgehen räumt gehörig mit dem Image von braven Prinzessinnen auf, die auf ihren Prinzen warten und sich ihm unterwerfen. Die moderne Prinzessin trägt Kopfhörer und Sneakers, fährt Rollerskates, ist mit technischem Gerät ausgestattet und tanzt durchs Leben, ohne sich von schissigen Rittern Angst machen zu lassen. Die coolen Prinzessinnen geben vorzügliche Rolemodels ab.

Ängste im Alltag

Manchmal ist es natürlich auch so, dass wir mit der Angst leben, sie in unseren Alltag integrieren müssen. Wie so etwas entspannter geht, zeigt Kommt Zeit, kommt Opossum von Jennifer Black Reinhardt, das im April erscheint.
Wenn Opossum Alfred Angst hat, erstarrt es und stellt sich tot. Das ist jedoch nicht besonders hilfreich in der Schule oder beim Sport. Freunde hat er so auch nicht gefunden.
Doch dann lernt er Sofia, das Gürteltier, kennen. Sie rollt sich immer zu einer Kugel zusammen, wenn sie sich erschrickt.
Die Erkenntnis der beiden, dass sie etwas gemeinsam haben, entspannt die Lage schließlich. Immer wenn der eine erstarrt oder die andere sich zusammenrollt, wartet er oder sie einfach ab. Und mit der Zeit passiert es ihnen immer seltener. Stattdessen entdecken sie, dass auch die anderen ihre Ängste habe: der Krake versprüht schwarze Tinte, die Schildkröte versteckt sich im Panzer, die Ziege fällt auf den Rücken. Doch mit Geduld und Verständnis weitet sich so ihr Freundeskreis aus.
Die Verteidigungs- und Schutzmechanismen aus der Natur hat die Autorin für diese charmante Geschichte genutzt, um zu verdeutlichen, dass alle Menschen Ängste haben – und sogar die Tiere. Die Hilfe gegen die Angst liegt hier im Verständnis, das wir anderen gegenüber aufbringen sollten.

Auch Igel können Angst haben und bekanntermaßen rollen sie sich bei Gefahr zu stachligen Kugeln zusammen. Bei Autos haben sie damit leider nicht viel Glück. Doch in Britta Teckentrups Ich hab doch keine Angst! entgehen der große und der kleine Igel diesem Schicksal.
Die beide Stacheltiere verleben einen schönen Tag zusammen, aber auch hier gibt es immer wieder Momente, in denen sie Angst haben könnten: der dunkle Keller, Geräusche im Wald, der Fuchs, das herannahende Auto, der Nebel. Dabei hat der große Igel genauso wie der kleine Igel Angst. Der Lütte behauptet jedoch steif und fest: »Ach was, ich hab doch keine Angst!« – was nicht immer ganz stimmt.
In poetischen Illustrationen erleben die Betrachtenden hier, dass auch Erwachsene Ängst haben und damit umgehen müssen. Die Hilfe der befreundeten Katze verschafft den beiden Igeln schließlich einen guten Tagesabschluss.

In Kate Hindleys und Pamela Butcharts Buch Mika und das mutigste Mädchen der Welt hat der Titelheld Mika Angst vor allem: verbranntem Toast, komischen Socken, entlaufenen Dinos, zu knusprigen Keksen, bösen Eichhörnchen. Er benutzt keine Reißverschlüsse mehr, weil die ja klemmen könnten. Und am schrecklichsten ist der Wind, der ihn wegwehen könnte. Als Mika die unbeschwerte Emily trifft, die immer sagt: »Was soll schon passieren?«, erwacht sein Beschützerinstinkt. Doch da passiert’s: Der Wind bläst ihn davon, über Schnee und Meer zu den Piraten, bis ein Hubschrauber ihn rettet. Mika merkt, dass das alles gar nicht so schlimm ist und sogar Spaß machen kann. Und so wird er genauso mutig, wie das mutigste Mädchen der Welt. Gleichzeitig machen er und das Emily den jungen Leser:innen Mut, Dinge einfach mal auszuprobieren, denn: Was soll schon passieren?

Der Klassiker

Momentan ist auch wieder ein Klassiker der der psychologischen Bilderbücher zum Thema Angst auf dem Markt: Susi Bohdals Selina, Pumpernickel und die Katze Flora. In Neuauflage ist er seit vergangenem Jahr wieder zu haben. In schwarzweißen Federzeichnung erzählt Bohdal die Geschichte von Selina, die sich mit der Maus Pumpernickel anfreundet. Pumpernickel hat jedoch Angst vor der großen Katze Flora, der besten Mäusefängerin der Stadt.
Als Selina sich zwischen Flora und Pumpernickel stellt, wird Flora wild und verfolgt das Mädchen. Immer größer wird die Angstkatze, während Selina mit der Maus vor ihr flieht. Eindrucksvoll ist die Katze auf den Illus irgendwann größer als die Häuser der Stadt. Pumpernickels Rat: »Du musst gegen sie laufen und ihr fest in die Augen sehen!« Selina nimmt allen Mut zusammen und wendet sich der Katze zu. Sie blickt ihr in die Augen. Und so wird Flora wieder kleiner.
Natürlich merkt man diesem Buch sein Alter an. Illustrationen und Erzählstil haben eben schon 40 Jahre auf dem Buckel. Doch die Message gilt immer noch: Sich der eigenen Angst stellen, ihr in die Augen zu sehen, das kann helfen.

Das Sachbuch

Fiktive Geschichten können mit bunten Bildern, knuffigen Figuren und aufregenden Abenteuern bei der Angstbewältigung eine Form von Hilfe sein. Aber auch sachliche Texte, die zur Reflexion anregen, sind natürlich nicht zu unterschätzen. Ein solches Sachbuch ist Hey, du bist großartig von Karen Young und Norvile Dovidonyte, in dem es um Angst, Mut und die besonderen Fähigkeiten von kleine Menschen geht. Karen Young erklärt in einfachen Sätzen, was es mit unseren Angst-Gefühlen auf sich hat, welche Rolle das Gehirn dabei spielt und wie wir es trainieren oder verändern können. Bestärkende Gefühle und Gedanken können die Kinder quasi zu Superhelden machen, so dass sie in sich den Mut finden, schwierige Dinge zu meistern – beispielsweise vom Sprungturm im Schwimmbad zu springen.
Young zeigt den jungen Lesenden, wie sie ihre Aufmerksamkeit auf das Hier & Jetzt lenken können, wodurch die Angst ebenfalls verschwinden kann. Sie fördert die Kinder in ihrer Kreativität und ihrer Entdeckerlust, unterstützt sie bei Entscheidungsfindungen. Dieses bestärkende Buch spricht die Kinder direkt als »du« an, kommuniziert also auf Augenhöhe und gibt ihnen das Gefühl, dass sie wichtig und eben großartig sind.
Ein paar einfache Achtsamkeitsübungen schließen den Text ab und hinterlassen ein wohliges Gefühl.

Christine Kugler: Kleiner Angst-Frosch, hab doch Mut!, Illustration Jutta Berend, Penguin Junior, 2022, 12, Seiten, ab 2, 9 Euro
Andrea Schütze: Ich trau mich/Ich trau mich nicht!, Ein Wendebuch, Illustration: Stéffie Becker, Ellermann, 2022, 52 Seiten, ab 5, 15 Euro
Valeri Gorbachev: Nur Mut, kleine Küken!, Übersetzung: Christiane Jung, NordSüd, überarbeitete Neuausgabe 2022 (2001), 40 Seiten, ab 4, 15 Euro
Brigitte Weninger: Ich habe ein Licht und fürchte mich nicht!, Illustration: Laura Bednarski, Annette Betz, 2019, 32 Seiten, ab 4, 14,95 Euro
Michael Engler: Ein komischer Vogel traut sich was, Illustration: Joëlle Tourlonias, Annette Betz, 2020, 32 Seiten, ab 3, 14,95 Euro
Johannes Traub/Wiebke Alphei: Muträuber. Hugo und Zugo besiegen die Angst, Illustration: Suse Schweizer, Balance, 2020, 40 Seiten, ab 3, 17 Euro
Nanna Neßhöver: Wenn ich ängstlich bin, Illustration: Eleanor Sommer, Carlsen, 2022, 40 Seiten, ab 3, 15 Euro
Lucy Astner: Nur Mut, kleiner Schmollmops, Illustration: Alexandra Helm, esslinger, 2022, 32 Seiten, ab 3, 14 Euro
Jessica Meserve: Die Welt da draußen, Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, Bohem, 2022, 40 Seiten, ab 3, 16,95 Euro
Daniel Fehr: Wird schon schiefgehen, Ente!, Illustration: Raphael Kolly, Thienemann, 2022, 32 Seiten, ab 4, 14 Euro
Andrea Schomburg: Ab hier kenn ich mich aus, Illustration: Amrei Fiedler, Tulipan, 2021, 48 Seiten, ab 4, 15 Euro
Malin Hörl: Da liegt was in der Luft, annette betz, 2022, 32 Seiten, ab 4, 14,95 Euro
Günther Jakobs: Hase Hibiskus und das grausige Gruseln, Illustration: Andreas König, Ravensburger, 2022, 32 Seiten, ab 3, 14,99 Euro
Liliane Steiner: Louisa und die Schattenmonster, Kunstanstifter, 2021, 28 Seiten, ab 4, 20 Euro
Peter Vegas: Hab keine Angst, kleines Dunkel, Illustration: Benjamin Chaud, Übersetzung: Ebi Naumann, Aladin, 2022, 36 Seiten, ab 4, 14 Euro
Philppa Leathers: Schwarzhase, Übersetzung: Salah Naoura, Thienemann, 2019 (2013), 40 Seiten, ab 4, 13 Euro
Ben Furman: Antons Albtraum, Illustration: Mathias Weber, Carl-Auer, 2. Auflage 2021, 28 Seiten, ab 4, 19,95 Euro
Nikola Huppertz: Timo kann was Tolles, Illustration: Tobias Krejtschi, Tulipan, 2022, 32 Seiten, ab 4, 15 Euro
Mirjam Zels: Fast wie Freunde, Kunstanstifter, 2. korrigierte Auflage 2020 (2017), 44 Seiten, ab 4, 22 Euro
Francesca Sanna: Ich und meine Angst, Übersetzung: Thomas Bodmer, NordSüd, 2019, 40 Seiten, ab 4, 16 Euro
Jan De Kinder: Keine Angst, Großer Wolf, Übersetzung: Eva Schweikart, Sauerländer, 2020, 40 Seiten, ab 4, 14,99 Euro
Myriam Ouyessad: Der Wolf kommt nicht, Übersetzung: Ina Kronenberger, Illustration: Ronan Badel, Gerstenberg Verlag, 2020, 32 Seiten, ab 4, 13 Euro
Rachel Valentine: Prinzessin Riesenmut, Übersetzung: Sabine Rahn, Illustration: Rebecca Bagley, Penguin Junior, 2021, 38 Seiten, ab 4, 14 Euro
Jennifer Black Reinhardt: Kommt Zeit, kommt Opossum, Übersetzung: Ingrid Ickler, dtv, 2022, 32 Seiten, ab 4, 14 Euro – erscheint am 13.4.2022
Britta Teckentrup: Der große und der kleine Igel – Ich hab doch keine Angst, Jacoby & Stuart, 2022, 32 Seiten, ab 3, 12 Euro
Kate Hindley: Mika und das mutigste Mädchen der Welt, Illustration: Pamela Butchart, Übersetzung: Michael Petrowitz, Ravensburger, 2021, 32 Seiten, ab 3, 12,99 Euro
Susi Bohdal: Selina, Pumpernickel und die Katze Flora, Carl-Auer, 3. Auflage 2021 (ursprünglich 1981), 30 Seiten, ab 4, 19,95 Euro
Karen Young/Norvile Dovidonyte: Hey, du bist großartig! Ein Buch über Angst, Mut und deine besonderen Fähigkeiten, Übersetzung: Siegfried Joel, Peter Lieder und Weronika M. Jakubowska, Carl-Auer, 2. Auflage 2021, 38 Seiten, ab 6, 19,95 Euro

Gegen Schubladendenken und Vorurteile

Es gibt Fragen, die nerven Lucia Zamolo gewaltig. »Woher kommst du eigentlich?« ist so eine. Und mittlerweile hat Zamolo eine Reihe von Antworten auf Lager: »Von dahinten«, »Vom Klo« oder »Aus dem Kiosk«. Doch erst, wenn sie ergänzt: »Aber mein Vater kommt aus Italien«, geben die Fragenden meist Ruhe. Zufrieden ist Lucia Zamolo damit allerdings nicht. Und so geht die Autorin und Illustratorin
in ihrer Comic-Erzählung Jeden Tag Spaghetti sowohl ihrem Antwortverhalten, aber vor allem der Haltung der Fragenden auf den Grund.

Unterschwelliger Vorwurf

Für Zamolo hört sich die Frage, die meist von Unbekannten kommt, eher wie ein Vorwurf an – im Sinne: Du kommst doch nicht von hier! – und ist damit eine rassistische Grenzüberschreitung. Im Gespräch kann sie sich eventuell noch wegdrehen und Erklärungen vermeiden, in diesem Buch geht das natürlich nicht. Dann wäre es keine Buch. Und so erklärt sie hier ihre Familiengeschichte, die mit Italien nur verhältnismäßig wenig zu tun hat. Es gibt keine Großfamilie, keinen mafiösen Verstrickungen, der Vater kann nicht kochen und die Tomatensoße stammt von einem großen Fertig-Spaghetti-Hersteller … Der Vater ging aus Liebe nach Deutschland und nicht zum Arbeiten. Und Lucia Zamolo ist in Deutschland geboren und hat auch kein Sprachproblem, wie eine Lehrerin ihr unterstellte.

Vorurteile in den Köpfen

Zamolo thematisiert neben den gängigen Vorurteilen in den Köpfen der Leute die vertrackte Situation, wenn die fragende Person wirklich nur interessiert oder auch neugierig ist, die befragte sich jedoch angegriffen und verletzt fühlt. Sagt diese, dass sie die Frage für unangebracht hält, kann es gut sein, dass die fragende Person beleidigt ist. Eine absurde Umkehrung.
Die Autorin schildert zudem Erlebnisse und übergriffige Erfahrungen von Freunden, deren Migrationshintergrund auf einmal komplett in den Vordergrund rückte. Menschen neigen vermutlich generell dazu, andere in Schubladen einzusortieren, nur liegen diesen Einordnungen oftmals negative, rassistische Denkmuster zugrunde. Das anscheinend »Fremde« macht also selbst in globalisierten Zeiten immer noch Angst und muss wohl gebannt werden. Auch im Alltag, auch von Menschen, die nicht rechts wählen.

Ertappt!

Beim Lesen von Lucias Zamolos kurzweiligem Buch habe ich mich durchaus ertappt gefühlt, habe ich der Autorin doch allein aufgrund ihres Namens das Label »italienische Literatur« aufgedrückt. Was also auch nicht besser ist als die Frage vom Anfang. Das Erleichternde an Zamolos Buch ist, dass sie am Ende den versöhnlichen Ton des Aus-Fehlern-lernen anschlägt.

In diesem Land gibt es offensichtlichen Rassismus, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit, die wir jeden Tag bekämpfen müssen. Doch diesen Kampf können wir schon im Kleinen und im Alltag von jedem von uns beginnen, indem wir sensibler werden, genauer hinschauen und hinhören – und uns selbst ein Stück zurücknehmen, wenn es um Neugierde oder die damit verbunden Bestätigung von wie auch immer gearteten Annahmen geht. Zamolo fasst das als »Read + Watch + Listen = Grow« zusammen. Das stände uns allen gut zu Gesicht. Die Lektüre dieses Buches ist ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung.

Lucia Zamolo: Jeden Tag Spaghetti, Bohem Press, 2022, 128 Seiten, ab 12, 16 Euro

Trümmerkinder

heul doch

Hamburg im Juni 1945. Der Krieg ist seit gut sechs Wochen zu Ende, als sich im neuen Roman von Kirsten Boie – Heul doch nicht, du lebst ja noch – die Wege von Jakob, Hermann und Traute kreuzen. Die drei Jugendlichen haben auf unterschiedliche Art unter den Folgen des Weltkrieges und der langjährigen Nazi-Diktatur zu leiden.

Hermann, der ehemalige HJ-Junge, muss zu Hause seinen kriegsversehrten Vater auf die Toilette im Treppenhaus schleppen. Im Krieg hat dieser beide Beine verloren und ist zutiefst verbittert. Hermann, der immer noch im braunen Hemd der Jugendorganisation herumläuft (ohne die Armbinde allerdings), fühlt sich samt seiner nationalsozialistischen Glaubenssätze verraten. Er verachtet die britischen Soldaten, die nun in der Stadt das Sagen haben.

Traute hingegen vermisst ihre Freundinnen, die beim Feuersturm 1943 ums Leben gekommen sind. Sie möchte so gern wieder mit anderen Kindern spielen. Dafür klaut sie ein wertvolles Brot aus der Backstube des Vaters. Das bleibt natürlich nicht unbemerkt, aber zunächst wird die ostpreußische Flüchtlingsfamilie beschuldigt, die in der Wohnung von Trautes Familie einquartiert ist. Das Zusammenleben mit sieben Personen auf engstem Raum gestaltet sich schwierig.

Jakob wiederum ist ein halbjüdischer Junge, dessen Mutter kurz vor Ende des Krieges doch noch nach Theresienstadt deportiert wurde. Der Vater, der als „jüdischversippt“ galt, musste in der Organisation Todt Zwangsarbeit leisten und kam dabei ums Leben. Jakob versteckt sich in den Ruinen und wird von einem ehemaligen Nachbarn mit Lebensmittel versorgt. Als der jedoch eines Tages nicht mehr kommt, muss der Junge sein Versteck verlassen. Er denkt, dass immer noch Krieg herrscht …

Drei Erzählperspektiven, drei Lebenseinstellungen

Im zeitlichen Rahmen von einer Woche schildert Boie das Leben in der zerbombten Hansestadt. Dies konsequent aus der Sicht der drei Jugendlichen, deren personale Erzählstränge sich beständig abwechseln. So kann Boie in die unterschiedlichen, ja konträren Gedankenwelten der Protagonisten quasi hineinkriechen. Hermann ist immer noch überzeugter Anhänger der Nazis, denkt in in deren Vokabular, hegt weiter die Vorurteile gegenüber Juden, verachtet die Besatzer, glaubt an Feindpropaganda und dass das deutsche Volk betrogen wurde.
Traute zeigt zunächst wenig Mitgefühl für die Flüchtlinge aus Ostpreußen, mag deren Dialekt nicht. Sie kann und will vielleicht nicht nachvollziehen, was diese Menschen durchgemacht haben.
Jakob vermittelt den Lesenden die Ängste der Verfolgten. In seinem Versteck denkt er immer wieder an seine jüdische Mutter und was sie im Laufe der vergangenen Jahre alles nicht mehr durfte (z. B. Straßenbahn fahren, auf einer Bank sitzen). Ihre Kennkarte (der damalige Personalausweis) wurde mit einem J und dem Namen „Sara“ versehen, so dass sie für alle als Jüdin erkennbar war. Dass Jakob in seinem Versteck lange nicht weiß, dass der Krieg vorbei ist, wird über weite Strecken des Lesens zu einem spannend-irritierenden Rätsel – das natürlich am Ende aufgelöst wird.

Zertrümmerte Seelen, zertrümmerte Sprache

Kirsten Boie schafft es mit diesen drei Protagonist:innen, zu denen sich noch die Kinder Max und Adolf gesellen, ein kondensiertes Bild der deutschen Gesellschaft in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu zeichnen. Die Stadt liegt in Trümmern, und genauso sind die Seelen der Jugendlichen zertrümmert, was sich dann in elliptischen Sätzen sogar in einer zertrümmerten Sprache offenbart. Gleichzeitig sind die Überzeugungen, die zwölf Jahre das Land beherrscht haben noch da.
Das Zusammentreffen von Hermann und Jakob offenbart dann die verschobenen Sichtweisen der Nazis, die sich als Opfer der Alliierten generierten, obwohl sie den Krieg angezettelt haben. Jakobs stille Verwunderung über Hermanns seltsame Wut verdeutlicht eine Dramatik, mit der nicht nur die Jugendlichen im Roman zu kämpfen haben, sondern die deutsche Gesellschaft insgesamt, und das jahrelang: »In Hermanns Kopf ist der Krieg noch nicht wirklich vorbei, nicht der Krieg und nicht die Jahre davor, wie sollte diese Welt denn auch so schnell daraus verschwinden! Was so lange Wahrheit war, wird nicht auf einen Schlag Lüge.«

Es gab keine Stunde Null

Wenn im Geschichtsunterricht gelehrt wird, dass der Krieg mit der Kapitulation im Mai 1945 zu Ende war, so könnte man meinen, dass damit alles davor ausgelöscht war und die Menschen sofort bekehrt waren. Dass es aber diese Stunde Null, von der in Bezug auf die ersten Jahre nach dem Krieg immer gesprochen wird, nicht gab, sagte bereits Richard von Weizsäcker 1985 und sprach von einem »Neubeginn«. Das auch dieser Neubeginn nicht von einem Tag auf den nächsten startete, illustriert Kirsten Boie in ihrem Buch überaus anschaulich. Es ist der Kampf ums tägliche Überleben, das Organisieren von Lebensmitteln auf dem Schwarzmarkt, der Suche nach besser bezahlter Arbeit, der Suche nach Angehörigen, der Hoffnung auf ein Wiedersehen, der Hoffnung auf einen Neuanfang in einem anderen Land vielleicht. Lang geschürte Überzeugungen werden nicht einfach von heute auf morgen über Bord geworfen, das schwingt in dieser Geschichte mit. Viele dieser Überzeugungen sind leider auch heute noch vorhanden und bekommen wieder vermehrt Zulauf – was es zu verhindern gilt.
Kirsten Boies Heul doch nicht, du lebst ja noch liefert jungen Lesenden viel Material zum Nachdenken und Einfühlen in eine Zeit, in der die heutigen Großeltern Kind waren. Es ist jedoch kein schwarz-weißes Material, sondern vielmehr eine facettenreiche Darstellung einer Gesellschaft nach der Katastrophe, die so nicht nur in Hamburg, sondern auch in anderen Städten Deutschlands zu finden war. Vielleicht ermutigt dieses Buch die Lesenden, ihre eigenen Großeltern nach deren Kindheit und Erlebnissen in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu fragen – denn die Traumata aus Krieg und Verfolgung leben in uns ja bekanntermaßen weiter.

Kirsten Boie: Heul doch nicht, du lebst ja noch, Oetinger, 2022, 176 Seiten, ab 14, 14 Euro

Langeweile kann so schön sein …

Langeweile – dieser vermeintlich total uncoole Lebenszustand ist ein großes Buchthema. Es gibt wohl kaum einen Verlag, der nicht eine Publikation zum Thema im Programm hat. Meist mit dem Tenor: So werdet ihr die Langweile ganz schnell wieder los. Aktivismus ist das Mittel, um ja nicht in der Langeweile zu versinken.

Auch der Dachs, den wir schon in seiner übellaunigen Variante kennengelernt haben (Der Dachs hat heute schlechte Laune), langweilt sich im neuesten Band mit dem Titel Der Dachs hat heute Langeweile! Und zwar so sehr, dass ihm gar nichts einfällt, was er mal tun könnte. Er sitzt grübelnd vor seiner dampfenden Teetasse und überlegt, was er eigentlich am liebsten macht. Doch selbst seine Lieblingsbetätigung, das Malen, hilft nicht gegen seine Langweile. Die Leinwand auf der Staffelei bleibt leer. Zum Glück klopft der Fuchs an die Tür – doch auch ihm ist langweilig. Der Dachs, ganz schlau, schlägt ihm vor, etwas zu bauen, weil der Fuchs das doch am liebsten macht. Und das Resultat? Genau: Langeweile.

Aktionismus nützt nichts

Ganz im Dachsstil tauchen nun nach und nach die anderen Freunde vom Dachs auf, spielen alle Lieblingsspiele durch und langweilen sich fürchterlich. Erst als die Maus auftaucht und eine Augenklappe trägt, weil sie sich wehgetan hat, geht es der Langeweile an den Kragen …
Es ist hier also nicht der gut gemeinte Aktionismus, der durch Altbekanntes Ablenkung und Kurzweil schaffen will, sondern es ist das Leben selbst, das zu etwas Unerwartetem anregt. So erfindet die Gemeinschaft der Freunde etwas ganz Neues. Sie lassen ihrer Fantasie feien Lauf und können sich schließlich vor Einfällen gar nicht mehr retten.
Es ist das Aushalten-müssen der Langeweile – zumindest für eine gewisse Zeit –, was den Kopf anregt. Das erfahren kleine Leser:innen in diesem Buch ganz nebenbei. Vielleicht hilft es auch den vorlesenden Eltern, nicht immer mit Vorschlägen zu kommen, wenn die eigenen Kinder „Mir ist langweilig“ sagen, sondern sie einfach mal damit in Ruhe zu lassen. In Kombination mit guten Freund:innen, die den Zustand der Langeweile ja auch kennen, entsteht dann meist ganz von allein etwas Aufregendes.

Im NEINhorn-Universum von Marc-Uwe Kling herrscht zunächst einmal keine Langweile, sondern Streit. NEINhorn und KönigsDOCHter kloppen sich um Süßigkeiten. NAhUND und WASbär könnten nicht wirklich helfen.

So macht sich NEINhorn genervt vom Acker, pfeift auf Freunde, die doch kein Mensch braucht, und gerät in den Dschungel, wo ihm die SchLANGEWEILE begegnet. Natürlich fragt sie das NEINhorn, was sie denn so gegen die Langweile machen könnte. Doch nichts was das NEINhorn vorschlägt sagt ihr zu: »Ich schlache nie über Witzzze.«, »Nicht schlustig.«, »Ich bin doch keine Schluftschlange« »Zu schlaut«, »Zu schleise«, »Zu schlangsam«, erwidert sie auf alle möglichen Vorschläge in ihrer seltsam-komischen Art zu reden.
Dieses ständige Nein wird da selbst dem NEINhorn zu viel. Wieder haut es ab und galoppiert auf den wunderlichen Vulkan.

Ausklappbare Wunderwelt

Auf einem fünfseitigen, ausklappbaren Leporello schaut es nun in eine von Astrid Henn in zarten Bonbonfarben hingehauchte Welt mit Montgolfieren, Drachen, Burgen, chinesischen Tempeln, Dschunken, Fluggeräten, Gorillas und diebischen KLAUmeisen.
Bei so viel Entdeckungspotential in der Welt kann sich selbst das NEINhorn nur noch wundern, wie uns eigentlich überhaupt langweilig sein kann.
Aber dieses Gefühl ist nun einmal Teil von uns, da kann auch kein NEINhorn gegen an. Doch es findet, dass es traurig ist, diese wundersame Welt allein erkunden zu müssen. Also ruft er seine nervigen Freunde herbei, und selbst die SchLANGEWEILE schließt sich der Crew an. Und was soll man sagen: Am Ende haben die fünf trotz ihrer kleinen Fehler (die Verfressenheit des WASbären oder die Überheblichkeit der KönigsDOCHter) bannig viel Spaß.
Auch hier sind es wieder die Welt an sich und die Kombi mit den Freunden, die jenseits von hektischem Aktionismus, der Langeweile den Garaus machen. Fast möchte man von DEM Mittel gegen Langeweile sprechen …

Sprachspielereien bis zum Anschlag

Bücher von M-U-K wären nicht von Marc-Uwe Kling, wenn sie nicht vor herrlich rotziger Sprache strotzten und jede Menge Sprachspiele enthielten. Neben der vergnüglichen Sprechart der SchLANGEWEILE, die Nachahmungspotential in sich trägt, gibts am Ende sogar noch ein paar Spiele des Buchstabendurcheinanderbringers, die mit einem Haufen Freunde natürlich viel mehr Spaß bringen …

Moritz Petz: Der Dachs hat heute Langeweile!, Illus: Amélie Jackowski, NordSüd, 2021, 32 Seiten, ab 4, 15 Euro

Marc-Uwe Kling: Das NEINhorn und die SchLANGEWEILE, Illus: Astrid Henn, Carlsen, 2021, 54 Seiten, ab 3, 13 Euro

Gegen das Schubladendenken

Okay, der Sommer ist vorbei, draußen ist es nass, kalt, dunkel – beste Lesezeit und beste Gelegenheit, sich in den Sommer zurück- oder vorzuversetzen und zwar mit Meg Rosoffs Roman Sommernachtserwachen. Darin nimmt die preisgekrönte Autorin uns in ein verwinkeltes Sommerhaus irgendwo an einer englischen Küste mit. Eine Familie mit vier jugendlichen Sprösslingen macht sich auf, die großen Ferien dort zu verbringen – so wie immer. Alles deutet daraufhin, dass es ein gewöhnlicher Sommer mit Baden, Segeln, Tennis, Reiten, Grillen und Faulenzen wird.

Doch das Erzähl-Ich macht schnell klar, dass es dieses Mal anders laufen wird. Denn zur Familie stoßen noch Dads jüngere Cousine Hope mit ihrem Freund Malcom, von allen nur „Malanhope“ genannt, weil sie unzertrennlich scheinen. Hope wiederum hat eine kalifornische Patentante, eine mehr oder minder bekannte Hollywood-Diva der B-Liga, die ihre beiden Söhne Kit und Hugo über den Sommer bei ihr „parkt“.

Blendende Schönheit

So schlägt der 19-jährige Kit in dieser Runde ein wie ein Bombe. Die Schwester Mattie verliebt sich stante pede in den Schönling mit den goldenen Locken. Und er bändelt tatsächlich mit dem hübschen Mädchen an. Sarkastisch kommentiert das Erzähl-Ich, wie sich die Stimmung der Schwester in einem Auf und Ab immer schneller ändert, denn Kit ist nicht wirklich fassbar. Er legt sich trotz jugendlichem Geturtel und Gefummel nicht fest und verwirrt im Grunde alle Menschen in seinem Umkreis, mal mehr, mal weniger, je nach Alter, aber unabhängig vom Geschlecht.

Egoistischer Manipulator

Auch das Erzähl-Ich verfällt ihm im Laufe des Sommer, hat Sex mit ihm im Schilf und muss doch feststellen, dass Kit nur ein egoistischer Manipulator ist. Etwas, das sein zurückhaltender Halbbruder Hugo, den die anderen nicht ganz ernst nehmen und der als stilles, aber tiefes Wasser am Ende alle überrascht, schon immer wusste. Es ist faszinierend zu lesen, wie geschickt Meg Rosoff mit wenigen Sätzen die Sympathie der Lesenden von Kit zu Hugo leitet und so die eigene Beeinflussbarkeit deutlich macht.

Über Geschlechtergrenzen hinweg

Und so wie Hugo ist auch dieser Roman wie ein stilles, unaufgeregtes, aber überaus tiefes Textgewässer. In die heimelige, unbeschwerte Sommeratmosphäre, in der die Hochzeit von Malanhope vorbereitet wird, Bruder Alex Fledermäuse beobachtet, die kleine Schwester Tamsin bei einem Pferdeturnier mitreitet, schleichen sich nach und nach immer mehr Leerstellen und unlösbare Rätsel. Diese betreffen nicht nur Kit und Hugo, sondern vor allem auch das Erzähl-Ich, dessen Namen und damit auch dessen Geschlecht die Leserschaft in keiner Zeile erfährt.
Damit bleibt Meg Rosoffos Geschichte nicht nur eine schnell konsumierbare Lektüre, sondern gibt den Leser:innen zu denken, wie sie geschlechtliche Verhältnisse sehen. Die Autorin bringt – wenn einem diese Besonderheit des Erzähl-Ichs erst einmal bewusst geworden ist – unsere wie auch immer geschlossene oder offene Weltsicht ans Licht. Sie führt das stereotype Denken des Mainstreams vor und stellt es somit in Frage. Gleichzeitig zeigt sie, wie universell Verführung, Sex, Liebe sind, wie unwichtig Geschlechterdenken ist, wie menschlich charakterliche Abgründe sind. Der Nachhall dieser Sommergeschichte ist auch im tiefsten Winter gut zu spüren und trägt hoffentlich zu mehr Offenheit im Leben bei.

Meg Rosoff: Sommernachtserwachen, Übersetzung: Brigitte Jakobeit, Fischer KJB, 2021, ab 14, 15 Euro

Sie. wussten. davon.

Geschichte vergeht nicht. Jedenfalls nicht so schnell und so spurlos, wie mancher es vielleicht gerne hätte. Geschichte wirkt nach, bis heute. Vor allem die düstere Geschichte der Nazizeit. Und das so gut wie in allen Familien. Wir müssen nur hinsehen und nachforschen.
Genau dies hat die Berliner Grafikdesignerin Bianca Schaalburg getan und daraus die eindrucksvolle Graphic Novel Der Duft der Kiefern gemacht.
Als Schaalburg von ihrer Großmutter einen riesigen dunklen Kleiderschrank erbt, beginnt die 1968 Geborene über ihre Familie nachzudenken. Fragen kann sie ihre verstorbenen Eltern und Großeltern nicht mehr, nur ein Onkel steht ihr hilfreich zur Seite, als sich anfängt Nachforschungen über die Taten ihres Großvaters Heinrich während des Zweiten Weltkriegs anzustellen.

Der Wissensdurst der Kriegsenkel

Schaalburg gehört wie die Mehrheit der Boomergeneration zu den so genannten Kriegsenkeln, die dank der Bücher der Journalistin Sabine Bode seit ein paar Jahren vermehrt nachfragen, forschen und genauer hinsehen. Das Schweigen, das die Täter nach dem Zweiten Weltkrieg über ihre Verbrechen gelegt haben, versuchen diese Menschen zu durchbrechen. So liegt die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte momentan – man könnte fast sagen – im Trend. Ich kann mich da nicht ausnehmen, ich gehöre ebenfalls zu dieser Generation und merke immer mehr, wie sehr die Erlebnisse meiner Großeltern und Eltern während der Nazizeit und im Krieg selbst mein Leben geprägt haben. Diesen aktuellen Wandel von der Sprachlosigkeit unser Jugendjahre – als wir die Großeltern noch fragen konnten, aber meist nur abweisende oder gar keine Antworten bekamen – hin zum Drang nach Aufklärung, finde ich wichtig und nötig, um uns allen immer wieder klar zu machen, dass der Spruch „Wir wussten von nichts“ eine große gesellschaftliche Lüge war.

Gegen die vermeintliche Ahnungslosigkeit

Auch Schaalburg hörte diesen Satz als Kind von ihrer Oma. Und wird in der Gegenwart durch die Stolpersteine vor dem ehemaligen Haus ihrer Familie in Berlin-Zehlendorf auf einen krassen Widerspruch aufmerksam: Dort hatten einst jüdische Menschen gelebt, waren vertrieben und später nach Theresienstadt deportiert worden. Doch die Großeltern wollten von alldem nichts gewusst haben und haben dennoch ihren Profit daraus geschlagen, wovon der große Esstisch der jüdischen Vormieter das offensichtlichste Zeugnis ist.
Wie es bei solchen Nachforschungen an der Tagesordnung ist, findet Bianca Schaalburg relativ schnell immer neue Details heraus. Sie fängt zusammen mit ihrem erwachsenen Sohn an, in den Bundesarchiven zu recherchieren, Akten zu lesen, Online-Datenbanken zu nutzen und alte Adressbücher zu wälzen. So erfährt sie, dass der Großvater Anfang der 1940er Jahre in Riga als Buchhalter bei der Wehrmacht Dienst tat. Riga – dort wo eines der schlimmsten Kriegsverbrechen an den Juden stattfand. Die Frage, wie viel ihr Großvater davon mitbekam, ob er selbst darin verstrickt war, lässt sich nicht beantworten.
Genauso wenig kann Schaalburg auch über die drei jüdischen Bewohner ihres Hauses herausfinden. Wie Puzzleteile setzt sie die wenigen Informationen, denen sie habhaft wird, zusammen. Wer sich die Mühe macht nachzuforschen, wird am Ende meistens mit mehr Fragen als mit klaren Antworten dastehen. Und genau das zeigt Schaalburg in ihrem Buch. Hält sie sich bei der Familie an die Fakten, lässt die Leerstellen im Raum stehen, so erlaubt sie es sich, für die drei ermordeten Juden Clara, Carl und Margarete jeweils einen kurzen fiktiven Lebenslauf zu entwerfen. Auf den einzigen komplett schwarzweiß gehaltenen Seiten liefert sie so ein lebensfrohes, fast schillerndes Bild möglicher Biografien, die die Ungeheuerlichkeit der Judenverfolgung noch krasser erscheinen lässt.

Deutsche Geschichte am Beispiel einer Familie

Schaalberg beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Nazizeit, sondern schildert ihre Familiengeschichte auch im Nachkriegsberlin, während der Teilung der Stadt und schließlich beim Mauerfall. Anhand ihrer Mutter Edda und deren drei Geschwister illustriert sie, wie sehr nazivergiftete Regeln und Glaubenssätze („Stell dich nicht so an“, „Ein deutscher Junge weint nicht“ oder „Mädels müssen brav sein und immer lächeln“) ihre Eltern in der Nachkriegszeit geprägt und geformt haben. Dieses Nazigift, davon bin ich überzeugt, wirkt in vielen der Kriegsenkel immer noch und wird ohne Aufarbeitung vermutlich an die nächsten Generationen weitergegeben.

Das verschreckte innere Kind der Mutter

Beeindrucken ist, wie Schaalberg die durch diese elendige Erziehung und die Kriegserlebnisse verschreckte Mutter als Kind zeigt: Da sitzt die kleine Edda als transparente graue Figur mit Propellerschleife im Haar unter dem Tisch und starrt aus großen leeren Augen vor sich hin. Es ist für mich eines der treffendsten Bilder der Generation der heute 80-Jährigen, die zum einen Opfer ihrer Elterngeneration wurden, zum anderen Mitte des 20. Jahrhunderts unglaublich viel gearbeitet und das zerstörte Land wieder aufgebaut haben, die jedoch kaum über ihre Kindheitserlebnisse sprechen konnten bzw. professionelle psychologische Hilfe in Anspruch genommen haben, weil das Stell-dich-nicht-so-an über allem lag. Man möchte diese traumatisierten inneren Kinder unwillkürlich trösten.

Gelungenes Farbkonzept

Neben den vielen inhaltlichen Finessen und Fakten hat Bianca Schaalburg ein sehr gelungenes Farbkonzept für ihre Geschichte gewählt. Die unterschiedlichen Kapitel spielen in unterschiedlichen Jahren, sind jedoch nicht chronologisch angelegt, sondern springen durch die Jahrzehnte. Jedes Jahrzehnt ist in einem Farbton mit unterschiedlichen Nuancen gehalten. Die Nazizeit natürlich in adäquatem Kackbraun, doch nach dem Krieg wird es lichter, die 1950er kommen in grünen Schattierungen daher, die 1960er in blauen, die 70er sind quietschorange. So wird es in Richtung Gegenwart immer heller, wenn auch nicht absolut fröhlich. Die gebrochenen Pink- und Violettöne des 21. Jahrhunderts laden eben nicht zum gedankenlosen Dahinleben ein, sondern erinnern daran, den Blick zurückzuwerfen und die Auseinandersetzung zu suchen.
Den Abschluss bildet ein sehr hilfreicher Anmerkungsapparat, der u.a. den Familienstammbaum zeigt, das Viertel in Zehlendorf verortet, Informationen zu Theresienstadt und den Verbrechen in Riga liefert sowie Anregungen zum Weiterlesen aufführt.

So wird Der Duft der Kiefern nicht nur zu einer persönlichen Familiengeschichte, sondern fast zu einer Anleitung, auf jeden Fall zu einer Anregung, in der eigenen Familie nachzufragen und nachzuforschen. Um der Stille und dem Schweigen ein Ende zu setzen.

Bianca Schaalburg: Der Duft der Kiefern. Meine Familie und ihre Geheimnisse, avant-verlag, 2021, 26 Euro

Erhellendes Wiedersehen mit alten Bekannten


Disney

Habe ich eigentlich schon mal erzählt, dass ich Lexika liebe? Ich glaube, nicht. Aber es ist tatsächlich so, und das schon ziemlich lange, wie ich neulich beim Ausmisten feststellen konnte. Da fand ich zwei alte Kinderlexika aus den 1970er Jahre und ich erinnerte mich, wie gern ich darin geblättert, gelesen und geschaut habe. Leider musste ich diese beiden Bücher nun dem Wiederverwertungskreislauf zuführen, da es gewisse Einträge in den Werken gab, die heute nicht mehr akzeptabel sind (die Darstellung und Benennung von Menschen aus anderen Kontinenten und Ländern). Es war jedoch eine gute Erinnerung daran, wie sehr Wissen veraltet und wie sehr wir uns in unserer Weltsicht glücklicherweise weiterentwickeln.

Disneys Welt

Eine gewisse Reise in die Vergangenheit liefert mir nun auch das Who’s-Who-Kompendium zum Disney-Kosmos, war doch Schneewittchen der erste Film, den ich je im Kino gesehen habe. Seit fast fünfzig Jahren begleitet mich Disney also durchs Leben, hält schöne Momente bereit, aber auch ambivalente Gefühle, wenn es um die Darstellung von Mädchen und Frauen in den alten Filmen geht.
In Disneys Who’s Who kann man sich jedoch ganz wunderbar auf die Suche nach seinen Lieblingsfiguren machen, die Inhalte der Filme nachlesen, endlich die Namen der Figuren lernen und richtig zuordnen sowie Wissenswertes über die Verflechtung und die jeweiligen Anspielungen der 61 hier vorgestellten Zeichentrick- und Animationsfilme untereinander erfahren. Unter der Rubrik

Schon gewusst?

gibt es nämlich Fakten zu Figuren, Frisuren und Vorlagen. Welche Filme zitieren welche Figuren aus dem Disney-Kosmos? Tinkerbell, Entschuldigung, Naseweis taucht in jedem Vorspann auf … Eine Fundgrube für kleine und große Schlaumeier, wenn z. B. die Anzahl der animierten Haare der Figuren diskutiert werden. So wartet Sully aus der Monster-AG mit stattlichen 2.320.413 einzelnen Haaren auf, während Eiskönigin Elsa sich mit gerade mal 400.000 begnügen muss. Okay, sie ist nicht ganzkörper behaart … Also, ein Lexikon voll geballtem nützlichen und nutzlosen Wissen, wie ich es liebe.

Von gezeichnet zu animiert

Die Abbildungen der Filmfiguren bringen einem dann jedoch nicht nur die Held:innen der Kindheit wieder, sondern illustrieren zudem überaus anschaulich die technischen und stilistischen Entwicklungen der Trickfilme. Waren Schneewittchen oder Susi und Strolch noch zweidimensional gezeichnet, so geht es bei Findet Nemo schon annähernd dreidimensional zu.
Auch den Wandel der Frauenfiguren lässt sich hier beobachten, von der blonden (!) Blauen Fee aus Pinocchio, für deren Animation in den 1940er Jahren eine Hollywood-Schauspielerin Patin stand, zu den starken Prinzessinnen wie Tiana aus Küss den Frosch oder der entschlossenen Vaiana, die nicht als abgemagertes Etwas mit unmenschlich schmaler Taille daherkommt. Ja, Disney hat im Laufe der Jahre ordentlich Gegenwind für seine klischeehaften Darstellungen von Mädchen bekommen. Ich mag die Hoffnung jedoch nicht aufgeben, dass sich das weiterhin ändert und noch mehr Vielfalt in die Filme einzieht. Auch könnte Disney sicher mal queerer werden. Der Hashtag #GiveElsaAGirlfriend ist meines Wissens bis jetzt nicht umgesetzt worden. Es wäre die Gelegenheit gewesen.

Literarische Vorlagen

Doch noch etwas Anderes wird beim Vor- und Zurückblättern in diesem Kompendium deutlich. Neben den offensichtlichen literarischen Vorlagen wie Pinocchio von Carlo Collodi oder Der Glöckner von Notre Dame von Victor Hugo bedient sich das Disney-Team immer wieder an der Literatur. So ist Jim Hawkins aus Der Schatzplanet dem Roman Die Schatzinsel von Robert Louis Stevenson entlehnt. Von Schneewittchen und Cinderella als Märchen-Ikonen mal ganz abgesehen. Hochkultur trifft hier auf Unterhaltung. Die sehr freien Umsetzung bei Disney werden Literaturliebende zwar nicht immer erfreuen, denn oft sind die Unterschiede erheblich, so wie ich das für Pinocchio auf Instagram vor ein paar Monaten angerissen habe.

Das kann man kritisieren und bemängeln, dennoch stecken im Disney-Kosmos unzählige großartige Geschichten und Figuren, seien es Prinzen und Prinzessinnen, Autos, Spielzeuge, Dinos oder Fische, Katzen und Dalmatiner, Micky-Mäuse oder ungarische weiße Mäuse-Damen, gemütliche Bären und hypnotisierende Schlangen, einäugige Glotzkowskis oder heldenhafte Hectors. Im Who’s Who begegnet man allen wieder, macht neue Entdeckungen, geht auf Zeitreise und stellt fest, welche Filme man unbedingt noch nachholen muss. Hier ist also der Disney’sche Kulturschatz aus fast 100 Jahren versammelt. Besser geht’s kaum.

Disney: Who’s Who – Das A bis Z der Disney-Figuren. Das große Lexikon
Das offizielle Standardwerk zu den Heldinnen und Helden aus den Disney-Filmen
, Übersetzung: Rahel Schumacher, Victoria Hahn, CHP Carlsen, 2021, ab 12, 32 Euro

Von Museumsfreuden und kreativem Kritzeln

Museum

Nach meinem Post über italienische KJL in Deutschland habe ich mir ja vorgenommen, die Szene weiter zu beobachten – und nun gibt es bereits die Fortsetzung vom Markt- und Strandtag. Dieses Mal führen uns Susanna Mattiangeli und Vessela Nikolova durch ein Kunstmuseum. Ein namenloses Kind erzählt dabei, wie es in so einer ehrwürdigen Institution zugeht – angefangen bei den Schließfächern und der Ticketkasse.
Sind diese unspektakulären Hürden jedoch erst einmal genommen, eröffnen sich den Besucher:innen die Schätze eines Museums, die alle in den Bann ziehen: Farben und Formen, Abbilder von Menschen, bekleidet, unbekleidet, naturalistisch oder abstrakt, als zweidimensionale Gemälde oder als dreidimensionale Statuen. Tierliebhaber finden Lämmer, Tauben, Hermeline oder tote Frösche, Gourmets erfreuen sich an opulenten Stillleben, die Hunger auf die mitgebrachten Butterbrote machen. Jeder Saal birgt neue Überraschungen.

Mehr Fragen als Antworten

Und ständig tauchen neue Fragen auf: Wieso schauen manche Personen auf den Bildern so ernst? Warum tragen sie so seltsame Kleidung? Wie bekommt man Hände so gut hin? Manchmal kann man die Antworten auf den Schildern an den Bildern finden, meistens jedoch muss man sie hinterher nachschlagen oder im Netz recherchieren. Und so wie jeder Saal im Museum wirft auch jede Seite in diesem Bilderbuch Fragen auf, die kleine Buchmenschen zu diversen Vermutungen anregen. Hier gibt es viel zu sehen – eben wie in einem Museum – aber auch viel zu lachen, wenn die Porträtierten schräg kucken oder die Besucher:innen fast mit den Bildern verschmelzen (wie in den #peoplematchingartworks-Fotos von Stefan Draschan). Natürlich können wir hier nicht um die Statuen herumgehen, aber die Lust steigt, bei nächster Gelegenheit, mal wieder ein Museum zu besuchen.

Anregung für junge Kunstliebhabende

Damit die Kunst im Museum für Kinder nicht langweilig wird, wenn die Aufmerksamkeitsspanne noch nicht so groß ist, bieten sich Ralleys oder thematische Fragestellungen an – das Gleiche gilt auch für dieses Buch. So könnten die Kinder hier nach bestimmten Farben suchen, Kopfbedeckungen oder Frisuren betrachten und dabei dem Mädchen im gelben Anorak folgen. Erwachsene Kunstkenner:innen finden hier so manch bekanntes Werk wieder (Da Vincis »Dame mit Hermelin« oder Jan van Eycks »Arnolfini-Hochzeit«) und können sich am Wiedererkennungseffekt freuen.
Wenn dann – was nicht unwahrscheinlich ist – der Wunsch aufkommt, selbst kreativ zu werden und ein Kunstwerk zu schaffen, sollte man rasch Papier und Stifte bereithalten und dem Schaffensdrang Raum geben.

Malfreuden mit Carll Cneut

Sollten jedoch die Anregungen aus dem Museumstag dafür noch nicht ausreichen, bietet der belgische Künstler Carll Cneut in seinem neuen Malbuch Unter Wasser großartige Vorlagen und Ideen. Die Flora und Fauna der Meere hat er hier versammelt und auf ganz verschiedene Arten für Kinder zum Aus- und Abmalen aufbereitet. Da gibt es Muschelumrisse mit Bleistift und Kohle gezeichnet, aber auch bunte Fische, bei denen er nur Kopf und Schwanz detailgenau farbig gestaltet hat. Die restlichen Meeresbewohner harren der Vervollständigung durch Jungkünstler:innen.
Hier darf gekritzelt, gezeichnet, gemalt und vor allem übergemalt werden. Cneuts Bilder animieren dazu, verschiedene Techniken auszuprobieren, also mit Bunt- oder Filzstiften, mit Kreiden, dicken oder dünnen Pinseln, mit Aquarellfarben oder Klebepapieren. Krumme Linien sind erwünscht, aber auch genaues Hinsehen und Nachmachen. Die Ergebnisse werden in jedem Fall einzigartig künstlerisch sein.

Susanna Mattiangeli: Ein Museumstag, Illus: Vessela Nikolova, Übersetzung: Lucia Zamolo, Bohem Press, 2021, ab 3, 15 Euro

Carll Cneut: Unter Wasser. Malen und Zeichnen, Bohem Press, 2021, ab 3, 17,95 Euro

Gefiederte Liebesgeschichten

Ente

Federvieh in der KJL hat momentan Hochkonjunktur. Neulich hatten wir hier das ultimative Hühnerbuch, jetzt gibt es gleich zwei Bücher mit entsprechenden Protagonisten.
Bei Ulrich Hubs neuestem Werk meint man vielleicht in einem Treppenwitz gelandet zu sein, wenn man den Titel Lahme Ente, blindes Huhn betrachtet und die Assoziationen im Kopf schießen sofort ins Kraut.
Doch die Lektüre offenbart bereits auf Seite eins eine der entzückendsten Fabeln über das Leben, versteckte Wünsche, die Macht der Fantasie und die Freundschaft.

Eine tierisch gute Kombination

In einem grauen Hinterhof lebt die lahme Ente, futtert Erdnüsschen und wünscht sich eigentlich jemanden, mit dem sie diesen Snack teilen könnte. Eines Tages schneit das laute und selbstbewusste blinde Huhn herein und lässt sich durch nichts beirren. Die beiden raufen sich zusammen und ziehen hinaus in die Welt. Das Huhn stützt, die Ente sieht. So geht es eine lange Straße entlang, durch einen dunklen Wald, über eine hohe Schlucht, den höchsten Berg hinauf bis zum goldenen Tor, hinter dem die verborgenen Wünsche erfüllt werden.

Perfekte Ergänzung und das Wesentliche

Natürlich geht so eine Reise nicht ohne Konflikte und Streitigkeiten ab. Doch der Weg verändert die beiden Held:innen. Sie lernen sich gegenseitig besser kennen, aber auch sich selbst – so entdeckt die Ente, dass Fliegen ja ganz leicht ist … Und sie finden heraus, auf was es im Leben wirklich ankommt.
Ulrich Hub, Experte für allzu menschliche Tierstorys, erzählt dies mit so hintersinniger Leichtigkeit, dass auch Erwachsene an dieser Geschichte Gefallen finden werden. Denn hier spiegelt sich der Kern des Lebens in seinen Facetten: Wir sind alle nicht perfekt, gleichen uns jedoch in unseren grundsätzlichen Wünschen nach Gesehen-werden und Freundschaft. Das alles suchen wir manchmal an weit entfernten Orten, können gar nicht schnell genug vom Hof kommen … um dann festzustellen, dass so manches schon ganz nah ist. Allen Redewendungsassoziationen zum Trotz gleitet Ulrich Hub aber nie ins Banale oder Kitschige ab, sondern schafft es mit feiner Ironie und viel Humor, dass einem mit jeder Seite Huhn und Ente mehr ans Herz wachsen und man das Wesentliche unsere Existenz erkennt.

Love rules

Eine weitere ungewöhnliche Vogelpaarung findet sich in dem Bilderbuch Der Habicht und der Hahn von Käptn Peng und Melanie Garanin.
Der Habicht, der normalerweise eine Gefahr für Hühner darstellt, mag in diesem Fall den Hahn. Und dieser erwidert die Gefühle, sehr zum Unverständnis von Bauer und Hühnerschar.
Doch die beiden lassen sich von ihrer Umwelt nicht abhalten und verschmelzen zu einer Einheit.

Dynamisch in Musik und Strich

Der kurze Text stammt aus dem gleichnamigen Song von Käptn Peng, auch bekannt als Robert Gwisdek, Schauspieler, Musiker, Autor. Man kann sich das Buch also quasi vorsingen lassen und zwar in bester Liedermacherqualität, bei der die Stärke des Textes so richtig zu Geltung kommt.
Doch auch die schwarzkonturierten, aber farbig-strahlenden Aquarelle von Melanie Garanin sind eine Wonne, die den Aufruhr im Hühnerstall um die beiden Liebenden dynamisch und verspielt zeigen. Da wird der Bauer fast zum Schwein und der Regenwurm schwingt die Rassel.

Liebe, wen du willst

Die Botschaft ist natürlich klar und ein Plädoyer für eine grenzenlose Liebe, jenseits von Geschlechtern oder sonstigen Schubladen. Das ist zum einen ein Buchtrend unserer Zeit, aber eben auch immer noch nicht selbstverständlich und daher wichtig, es auch den ganz jungen Menschen auf so charmante Weise klarzumachen. Nur mit solchen Geschichten wird es vielleicht mal Generationen geben, die um gleichgeschlechtliche Liebe und queere Lebensformen kein Gewese mehr machen werden.

Ulrich Hub: Lahme Ente, blindes Huhn, Illus: Jörg Mühle, Carlsen, 2021, ab 8, 13 Euro
Käptn Peng: Der Habicht und der Hahn, Illus: Melanie Garanin, Huckepack, 2021, ab 5, 15 Euro

Die Rechten erkennen

Juli ist Influencerin, trägt Zahnspange, lange braune Haare und erzählt auf ihrem YouTube-Kanal von ihrem Alltag. Soweit, so normal.
Juli ist eine erfundene Figur, mit der die Journalistin Lisa Duhm in ihrem Sachbuch Sie sind überall die Gefahr von scheinbar harmlosen rechten Influencern im Netz illustriert. Denn in Julis Filmchen schleichen sich nach und nach immer mehr unterschwellig rechte Tendenzen ein, manchmal sind es nur einzelne Sätze, manchmal ist es der schicke Leo, der einen Pulli mit dem Logo der Identitären Bewegung trägt. Als Julis Freundin Lotta ihr vorwirft rechts zu sein, ist Juli empört – denn sie hat doch nur ihre Meinung gesagt.

Von Alltagssorgen zum Hass

Juli mit ihren Alltagssorgen – auch in aktuellen Coronazeiten – klingt nachvollziehbar und plausibel. Aber Duhm zeigt in erklärenden Sachtexten zu den großen Themen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Meinungsfreiheit, Fake news oder Verschwörungserzählungen, wie perfide die Argumentationen von rechten Gruppierungen sein können. Es ist momentan nämlich alles andere als leicht, immer sofort klare Grenzen zwischen tolerablen Meinungsäußerungen und inakzeptabler Manipulation zu ziehen. Dafür muss man genau hinhören und hinsehen, man muss die Symbole der rechten Vereinigungen kennen und ihr Vokabular. Denn nur so kann man Hass und Hetze erkennen.

Grundlegende Bedeutungsklärungen

In leicht verständlichen Texten zeigt Duhm daher, wie schnell man in die rechte Szene rutschen kann, wenn man sich von Ideologen verführen lässt, ohne deren Absichten zu hinterfragen. Und wie schwierig es ist, dort wieder herauszukommen. Zudem liefert sie kurze Portraits der wichtigsten rechten Parteien und Gruppierungen, erklärt die Unterschiede zwischen Rechtspopulisten, Rechtsextremisten und Rechtsradikalen, Nazis, Neonazis, Faschisten und neuer Rechte – und listet die schlimmsten rechtsextremen Gewalttaten seit dem Jahr 2000 auf.

Sich gegen rechte Manipulation wappnen

Gerade die allgemeine Manipulierbarkeit der Menschen ist ihr bei all dem wichtig. Denn sich von anderen beeinflussen zu lassen ist durchaus menschlich. Kinder und Jugendliche müssen aber um diese Schwäche wissen, um sich dagegen wehren zu können. Da man als Eltern die Teens bei ihren Streifzügen durch das WWW jedoch nicht ständig begleiten und überwachen kann und will, ist gerade dieses Buch von Lisa Duhm so sinnvoll. Denn es gibt den Jugendlichen eine gut verständliche Aufklärung in Sachen Rechte im Netz an die Hand, sodass sie hoffentlich rasch deren Propaganda erkennen.
In einem abschließenden Quiz können die Lesenden ihr Wissen über die Rechten prüfen: Wofür stehen bestimmte Abkürzungen? Was darf man tatsächlich nicht sagen? Was war der meistgenutzte Hashtag? Das wird so einige (auch Erwachsene) sicher überraschen – doch genau das ist gut und hat den höchsten Lerneffekt. Dazu bekommen die Jugendlichen noch konkrete Hinweise, was sie tun und wie sie sich verhalten können, wenn ihnen oder anderen im realen Alltag Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit begegnet.
So sensibilisiert kann man hoffen, dass bei den Lesenden eine Immunisierung gegen rechtes Gedankengut stattfindet und sie sich dann später aktiv gegen die Verbreitung solcher Ideologien einsetzen.

Lisa Duhm: Sie sind überall. Gegen Faschismus in deinem Feed, Gabriel, 2021, ab 12, 15 Euro

Vogelfutter gegen Rechts

Vogelschiss

Es ist Wahlkampfzeit. Es geht um viel bei der Bundestagswahl im September. Im Westen Deutschlands hat das Hochwasser Leid & Zerstörung gebracht. Manche Politiker feixen, andere leugnen weiterhin die Klimakrise. Fast wie nebenbei zieht die vierte Coronawelle auf und es gibt Streit über mehr oder weniger Rechte für Geimpfte gegenüber Ungeimpften. In Hamburg hängen noch kaum Wahlplakate. Es fühlt sich so gar nicht nach Wahlkampf an, obwohl wir schon mitten drin sind.
In dieser komplizierten und anstrengenden Gemengelage ist nun die Graphic Novel Vogelschiss von Frauke Bahle und Julian Waldvogel erschienen, die uns noch einmal eindringlich daran erinnert, was bei der Wahl noch auf dem Spiel steht: die AfD im Bundestag – erneut, immer noch … In der aktuellsten Umfrage würden zwölf Prozent der Wähler:innen ihr Kreuzchen bei den Blaubraunen machen. Die Hoffnung, dass die AfD wieder aus dem Parlament verschwindet, können wir wohl begraben. Umso wichtiger ist es, sich klar zu machen, was da im Bundestag sitzt. Und dabei hilft Vogelschiss.

Aktion gegen Rechts

In dieser Graphic Novel machen sich die alleinerziehende Mutter Eleni und ihr Alt-68er-Nachbar Rudi auf, etwas gegen Rechts zu unternehmen, nachdem ein Bewohner aus ihrem Haus einen fremdenfeindlichen Amoklauf unternimmt. Geschockt davon, dass so viel Hass in unmittelbarer Nähe unbemerkt aufkeimen konnte, »dekorieren« die beiden zunächst AfD-Plakate mit neuen Texten um – was in den sozialen Medien sowohl positive wie negative Reaktionen nach sich zieht. Zuspruch, aber auch Hasskommentare treffen ein, doch noch läuft alles ziemlich unter dem Radar.
Als die beiden mit einer Konfettikanone Vogelfutter auf die AfD-Zentrale in Berlin regnen lassen und die Folgen sehr lustig sind, wird auch die Presse darauf aufmerksam. Es dauert nicht lange, bis ein gewaltbereiter Nazi vor Elenis Haustür steht, sich an Elenis Sohn heranmacht, und Rudi bei einer weiteren Plakataktion zusammengeschlagen wird.

Zitate von AfD-Mitgliedern

In die Geschichte um Eleni & Rudi flechten die Macher:innen von Vogelschiss immer wieder sehr geschickt reale Zitate von AfD-Mitgliedern ein, die an der rechtsextreme Gesinnung der Partei keinen Zweifel mehr lassen. Das sind zum Teil hammerharte Aussagen, die auf Parteiveranstaltungen gefallen sind und es nicht in die Presse »geschafft« haben – und die ich hier nicht zitieren werde. Diese Aussagen sind in blauer Schrift abgesetzt und somit leicht als Zitate erkennbar, im Anhang werden die Quellen genannt (»Dem rechten Bums seine Urheber«), sodass jede:r sie nachrecherchieren kann. Allein diese wenigen Aussagen der Parteigranden machen mehr als deutlich, welcher nicht zu tolerierenden Ideologie (rechtsextrem) die AfD anhängt. Wer diese Partei wählt, schickt Nazis in den Bundestag.

#niewiederfaschismus

Am 10. Juli starb Esther Bejarano. Die Auschwitz-Überlebende sang gegen Nazis an. Sie hat bis zu letzt die Stimme gegen Rechts erhoben. Nie wieder Faschismus war eines ihrer Motti, das wir uns alle auf die Fahnen schreiben sollten. Bahle, Waldvogel & ihr Team heizen mit ihrer großartigen Geschichte, die durch Crowdfunding entstanden ist, die Fantasie nun weiter an, was man noch alles gegen Rechts unternehmen kann. Die Vogelfutteraktion live zu sehen, wäre natürlich ein enormer Spaß – aber die rechtlichen Konsequenzen mag man natürlich niemandem zumuten. Vielleicht wäre es auch zu viel der Ehre für diese Partei …
Ich denke, Esther Bejarano hätte diese Graphic Novel gefallen. Denn diese Geschichte ist eine Art, über die rechten Strömungen in unserem Land aufzuklären und dagegen die Stimme zu erheben. Möge das Guano Project viele Leser:innen finden, die diese Geschichte ins Land tragen und davon berichten. Ganz in Bejaranos Sinne von #nichtschweigen. Vielleicht machen dann nicht mehr ganz so viele Menschen ihr Kreuzchen bei den Blaubraunen.

Frauke Bahle & Julian Waldvogel: Vogelschiss. Die Graphic Novel gegen Rechts, Guano Project, 2021, ab 16, 24 Euro