Ein Tanz von Kraft

pantherDer Panther ist eines der bekanntesten Werke von Rainer Maria Rilke, es gehört zu unserem Kulturgut, ist Teil des Unterrichtskanons. Viele kennen das Gedicht auswendig, erinnern sich an seine suggestive Kraft, an Gespräche und Diskussionen über das Recht oder Unrecht des vermeintlich Stärkeren, den vermeintlich Schwächeren einzusperren.

Julia Nüsch hat den Panther und seinen Dichter illustriert. Am Anfang sitzt Rilke am Schreibtisch, nachdenklich, zerknüllte Seiten zeigen, dass es schreibend gerade nicht weitergeht. Vielleicht fehlt es an Inspiration? Ein Spaziergang soll helfen. In den Jardin des Plantes in Paris, den Rilke oft besuchte, den Botanischen Garten mit Zoo, in dem noch heute exotische Tiere leben. Am 6. November 1902 trifft der in seinen Gedanken gefangene Dichter auf den Panther in seinem Käfig.

Neben dem reduzierten Ausdruck Rilkes, klar, stark und poetisch zugleich, ist es der Kunstgriff des Dichters, der dieses Gedicht unsterblich macht. Denn Rilke versetzt sich in die Lage des Gefangenen, nimmt seine Perspektive ein. Das ehemals ungezähmte Tier wurde eingesperrt, sein Dasein auf ein Minimum verengt. Der Blick ist müde, die Zahl der Gitterstäbe, die die Freiheit verhindern, scheint sich ins Endlose zu potenzieren. Sein weicher, federnder Gang kann nicht mehr greifen, es fehlt der Raum, das Majestätische der Wildkatze zeigt kaum noch Wirkung. Der namenlose Panther scheint gebrochen. Mitunter träumt er von früher, „schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf“ und Erinnerungen an sein früheres Leben, an andere wilde Tiere erfüllen sein Herz. Plötzlich meint er zu tanzen, der Wille zum Leben drängt nach oben, für einen winzigen Augenblick ist der Panther wieder er selbst. Und doch, es ist nur ein Traum, eine Vision — „und hört im Herzen auf zu sein“.

Die Bilder, Farben, Perspektiven sind klug und fein abgestimmt auf die Zeit und die Stimmung. Als wären wir im Kino — die ersten Doppelseiten sind eingefasst wie eine Leinwand —, blicken wir auf den Dichter in seiner Klause. Dann bewegen wir uns mit ihm hinein in die Menagerie, stehen neben ihm vor dem Käfig. Ein wenig zögerlich. Ist das unser Ziel? Noch zeigt uns das schwarze Tier seinen Rücken, doch dann, auf der nächsten Seite, schaut es mit trübem Blick an uns vorbei. Die Nachdenklichkeit des Menschen spiegelt sich in den Augen des Panthers, ab jetzt ist er die Hauptperson. Und rückt ganz nah. Wir können ihn berühren. Sein Schicksal lässt uns nicht mehr los. Die knappen Verse Rilkes erweitern sich zu großartigen Szenen, die zweiseitigen Tableaus berühren uns so tief wie der Text.

Am Ende des Buches ist das Gedicht noch einmal in Gänze abgedruckt, und Rilke sitzt mit entspannter Miene erneut an seinem Tisch. Die Feder fliegt über die Seiten, ein Knoten hat sich gelöst.

Und wir? Wir sind überwältigt von Wort und Bild, wollen reden, uns austauschen, zurückblättern, unserem Herzen Luft machen. Und tragen die Erinnerung an den Panther weiter.

In der Reihe „Poesie für Kinder“ im Kindermann Verlag Berlin ist Der Panther von Rainer Maria Rilke in der Interpretation von Julia Nüsch ein weiteres Meisterwerk!

Heike Brillmann-Ede

Rainer Maria Rilke/Julia Nüsch: Der Panther, Kindermann Verlag Berlin 2018. 24 Seiten, ab 5 (und für alle!), 15,90 Euro

Zahlen, Sterne und ein Leben

Yelin15 Kapitel für ein ganzes Leben! Als Webcomic 2015 in der literarischen Onlinezeitschrift Hundertvierzehn bei S. Fischer erschienen, haben Thomas von Steinaecker und Barbara Yelin ihre Graphic Novel für die Printausgabe überarbeitet und erweitert.

Der Sommer ihres Lebens erzählt von Gerda Wendt. Ihr Sommer ist fast zu Ende, fast 85 Jahre alt, lebt sie in einem Pflegeheim. Noch findet sie Halt an ihrem Gehstock, wenig später ist zu sehen, wie sie im Rollstuhl geschoben wird. Die Kräfte schwinden. Gleichzeitig ist Gerda hellwach. Erinnerungen an früher, an Stationen, die sie prägten, bewegen sie.

Da ist das Mädchen, das in der Schule durch seine hohe Begabung für die Mathematik auffiel. Etwas vermeintlich Ungewöhnliches, was ihr Lehrer mit großmütig-herablassendem Lob kommentierte; weibliche „Überlegenheit“ provozierte männliche Gönnerhaftigkeit. Diese bekam Gerda auch als Teenie und als junge Frau zu spüren. Ihr Ehemann Peter verfolgte seine Musikerkarriere, die promovierte Physikerin Gerda hatte er zuvor daran gehindert, ein verlockendes Uni-Angebot in Cambridge anzunehmen und ihn bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland auf sie warten zu lassen …

Gerdas Liebe zur Physik — ihre Doktorarbeit schrieb sie über Schwarze Löcher, die Relativitätstheorie Einsteins war ihre Passion — paarte sich mit Fleiß und Leidenschaft einerseits und einer gewissen Weltfremdheit andererseits. Dass sich ein Mann für sie interessieren könnte, überrumpelte sie beinahe. Ihre Rolle als Frau und Ehefrau zu hinterfragen, fiel ihr jahrelang schwer. Erst nach der Scheidung und diversen Fortbildungen u.a. in Computerkursen wurde sie Mitte der 1970er-Jahre Privatdozentin.

Ihre Tochter besucht sie hin und wieder, an der Enkelin freut sie sich. Mehr Bezug hat sie zu den Pflegekräften und später zu dem alten, stets formvollendeten Jörg Stahn, der schon so viel vergessen hat und manchmal orientierungslos ist. Gerda nimmt sich seiner an, die beiden vertrauen einander, und eines Abends erklärt sie dem Freund die Sternbilder am klaren Nachthimmel — so wie es einst ihr Vater tat, als Gerda noch ein Mädchen war: Während eines Feriensommers legte er unbewusst den Grundstein für ihr Interesse an (Astro-)Physik. Eine Schlüsselerinnerung in ihrem Leben und eine der vielen Szenen, die tief berühren. So wie der gemeinsame Blick der beiden alten Menschen in die funkelnde Sternennacht.

Dabei bleibt Gerdas Blick ein realistischer, sie weiß um die klitzekleine Minibedeutung eines menschlichen Lebens angesichts von Raum und Zeit. Doch gleichzeitig ist sie emotional-empathisch, eine Wissenschaftlerin, die an die Existenz der Seele glaubt. Während des Experiments eines Kollegen, der seinen sogenannten Seelendetektor auch an ihr ausprobierte, meinte sie, ihre Seele zu spüren. Ebenfalls ein Schlüsselmoment, den sich Gerda bewahrt hat.

Am Ende ihres Sommers stirbt Gerda. Friedlich und in Erinnerung an jene unbeschwerten Ferientage mit ihren Eltern, die ihr den Weg „ins All“ eröffneten. Jörg bleibt zurück. Würdevoll gekleidet mit Anzug und Hut, der Rücken ist grade durchgestreckt, den Stock in einer Hand, sitzt er auf der Parkbank, wo er vor nicht allzu langer Zeit Gerda kennengelernt hat. Ein Vogelzug fliegt vorbei. Einer tanzt ein wenig aus der Reihe. Und Jörg hebt die andere Hand zum Gruß.

Prall gefüllt sind diese 80 Seiten Leben! In gebotener Graphic-Novel-Kürze liest sich der Text von Thomas von Steinaecker anspruchsvoll, stößt zum Nachdenken und Mitfühlen an, am liebsten würde man sofort miteinander ins Gespräch eintreten. Die Worte erschließen sich auf zwei Ebenen: Auf dunklen, schmalen blauschwarzen Flächen folgen wir Gerdas Erinnerungsschnipseln, die stets überleiten in Szenen „von früher“. In den weißgrundigen Sprechblasen sind die Dialoge von damals und heute eingefügt. Die Kommentare der Ärzte und Pflegerinnen, die am Ende nur noch Gerdas Todeszeitpunkt notieren können, sind farbig hinterlegt; ein Spannungselement. Es ist beeindruckend, wie sich Gerdas Leben entfaltet und wie wir dieser Frau in ihren Lebensetappen folgen können, ihre Höhe- und Tiefpunkte miterleben. Dazu die sensible Illustrations- und Gestaltungskunst von Barbara Yelin, die die Worte zum Leben erweckt. Es berührt zu sehen, wie Gerda in gebückter Haltung ihren Rollator schiebt, sich langsam am Stock fortbewegt, im Rollstuhl geschoben wird. Wie sie, noch immer neugierig und fasziniert, am Fenster ihres kleinen Zimmers steht, ins All blickt und träumt. Wie sie sich hoch betagt den vorgeschriebenen Leibesübungen nicht verweigert oder mit anderen vor dem langweiligen TV-Programm sitzt. Ein alter Mensch, der mitunter nur verwahrt wird. Ein alter Mensch, der einmal jung war, talentiert, kompromissbereit und doch zielstrebig. Ein Mensch mit Würde, Wünschen und Ambitionen, einer von Milliarden von Erdbewohnern. Gerda ist eine Persönlichkeit, sie hinterlässt ihre Spuren. Wir begegnen ihr — und „bauen“ sie in unsere Erinnerung ein. Ganz, ganz großartig!

Heike Brillmann-Ede

Thomas von Steinaecker/Barbara Yelin: Der Sommer ihres Lebens, Reprodukt, 2017, 80 Seiten, 20,00 Euro

Für ihn soll’s bunte Blumen regnen

tuckermannIn diesem Frühjahr haben Anja Tuckermann, Mehrdad Zaeri & Uli Krappen ihr zweites gemeinsames Buch vorgelegt: Der Mann, der eine Blume sein wollte.
Bekannt wurden sie als Team bereits mit Nusret und die Kuh, das 2017 u.a. für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war. Beide Bilderbücher erscheinen im feinen Münchner Tulipan Verlag.

Doch wer ist nun dieser Mann ohne Namen aus dem Buchtitel? Und was ist das für eine Idee, eine Blume werden zu wollen?

Der Mann arbeitet als Bahnwärter. Sein Arbeitsleben ist nach der Uhr getaktet. Zugzeiten bestimmen den Tag, Pünktlichkeit und Verlässlichkeit haben Priorität, man vertraut ihm und dem richtigen Rhythmus. Der Beruf scheint sein Leben zu sein. Kommt er nach Hause, erwartet ihn nur ein Kleiderständer als Gesprächspartner …

Eines Tages beginnt dieser Mann zu träumen. Von einer Wiese, auf der er als Butterblume leuchten würde. Von großen Blüten, die ihm Schutz gewähren vor den Hummeln. Von schaukelnden Schmetterlingen. Eine Leichtigkeit überkommt ihn, sein Traum wird konkreter und wagemutiger. Er würde wachsen, seine Blätter würden Schatten spenden, die Blüten süß duften. Die Menschen würden sich nach ihm umschauen, sich an ihm freuen. Er würde schweben ganz hoch hinauf auf einen Berg, um als blaue Blume die Wanderer zu bezaubern. Und dann noch ein Gedankensprung: Blumen und Frauen gehören zusammen. Wie wunderbar wäre es, er könnte fließende Kleider tragen, mit Blumen bedruckt, in allen Farben. Doch er ahnt: Seinem Chef würde das nicht gefallen. Und den Leuten? Die würden ihn auslachen. Mal Frau, mal Mann, wo gibt´s denn so was?

Vielleicht im Karneval? Und aus dem Konjunktiv wird ein Indikativ! Er verkleidet sich als Blumenwiese — und alle sind begeistert. Und sie klatschen nicht nur. Eine wunderschöne rote Tulpe löst sich aus der Menge und tritt auf ihn zu. Sie nehmen sich an der Hand, laufen hinaus in die Nacht, in die unbekannte Weite. Auf ihrem Weg wachsen Blumenmeere, Blättergirlanden ranken aus den hell beleuchteten Fenstern des Bahnwärterhäuschens, Schmetterlinge und Vögel schwirren durch die Luft, und wir meinen fast, den Duft der Blüten zu riechen. Aus der ehemals karg getönten Landschaft wird ein lebendiges Gemälde.

Es ist eine Freude, sich zu vertiefen, ja verführen zu lassen. Der Kraft der Imagination des kleinen Mannes mit der großen Brille und dem breiten Schnäuzer zu folgen, der eines Tages zu fliegen beginnt. Die Worte nehmen uns mit auf die Reise, und gleichzeitig lassen sie Raum für prachtvolle Doppelseiten ohne Text. Die wir selbst füllen können mit unserer Fantasie. Indem wir die Blumen aus den Vorsätzen suchen, die so schillernde Namen tragen wie Babydoll, Shiva, Meier 3 oder Hanni & Nanni. Oder selbst zum Stift greifen, um unsere Blumen und Namen zu entwerfen, und uns auszutauschen über das, was möglich ist … Am Ende des Buches erzählt das Trio hautnah von seiner Arbeit. Herausgekommen ist ein inspirierendes Kunstwerk!

Heike Brillmann-Ede

Anja Tuckermann/Mehrdad Zaeri & Uli Krappen (Illus): Der Mann, der eine Blume sein wollte, Tulipan 2018, 56 Seiten, für alle, € 14,95

Die Krux mit den Geheimnissen

battutQuadratisch, knallig rot und mit einer kleinen Maus in einem strahlend weißen Spot! — Mein kleines großes Geheimnis ist gedichtet und illustriert von Éric Battut. Reduziert in Text und Bild, zieht uns sogleich der apfelrote Vorsatz hinein. Zum Begucken und zum Zählen. Ich komme auf über 200 Früchtchen allein auf einer Seite …

Aber hier geht es nicht ums Zählen. Hier geht es um ein wichtiges Geheimnis, nur für mich allein. Denkt die Maus, die Heldin dieses Bilderbuchs. Denn was findet sie? Einen Apfel. Und der ist soooo schön. Den will sie behalten. Auf keinen Fall teilen. Oder verlieren? Was liegt da näher, als den Fund zu vergraben. Tief in der Erde soll er nur ihr gehören. Ihr ganz allein.

Doch die Welt ist neugierig. Ein jeder, der vorbeikommt, erkundigt sich: „Was hast du da?“ Das rotbraune Eichhörnchen, der hellblaue Vogel, die grasgrüne Schildkröte, der braune Stacheligel, der braune Hase, der knallgrüne Frosch … Sie alle wollen´s wissen, die Maus aber bleibt stur: „Das ist mein Geheimnis und ich verrat´ es nicht.“

Und den Tieren scheint das zu genügen, sie trollen sich. Keines hakt nach, keines bedrängt die Maus. Voller Stolz steht sie da, mit roten Wangen, die Fäuste in die Taille gedrückt. Ha! Doch dann passiert etwas, das hat die graue Heldin nicht mehr in ihren Händen. Der Minisprößling neben ihr hat sich nämlich verwandelt. In einen immer größeren Baum mit kräftigem Stamm und wunderbarer Krone. Und inmitten grüner Blätterpracht werden Knospen zu Blüten. Blüten zu Früchten. Die der Baum nicht mehr lange halten kann …

Bass erstaunt guckt sich die kleine Maus um. Plötzlich ist alles voller Äpfel. Herrlich rot, kugelrund und bildschön. Oje, was wird denn jetzt aus ihrem großen Geheimnis? — Die allerletzte Sequenz soll hier nicht verraten werden. Die Auflösung, die Éric Battut anbietet, ist zu schön und auf jeden Fall gemeinsam zu genießen. In aller Eintracht.

Da steckt viel Stoff in dieser Geschichte, die nicht nur zum Betrachten einlädt. Groß und Klein sind schnell dabei. Fiebern mit der Maus. Beobachten aufmerksam die Gespräche mit den Tieren. Gönnen der Heldin ihren Triumph. Unser Blick ist fokussiert, die Handlung in Maushöhe nimmt uns gefangen. Wir sind ganz bei ihr, teilen still ihr Geheimnis — und ihre Überraschung. Und dann? Wandert unser Blick ein Stück zur Seite und staunend nach oben. Wie das? Wir blättern zurück …

Die Gestaltung ist so einfach wie überzeugend, die Maus charmant, das übrige Personal höchst liebenswert, das farbige Spiel mit dem Text gelungen. Ein Bilderbuch mit Mehrwert, wunderbar!

Éric Battut: Mein kleines großes Geheimnis, Übersetzung: Christiane Lawall, Annette Betz 2018, 32 Seiten, ab 3 (und für alle!), 14,95 Euro

Wenn Worte heilen

krankKrank zu sein, das wünscht sich niemand. Die Stimme krächzt, der Kopf schmerzt, die Nase trieft, in den Ohren pocht es fürchterlich. Und manchmal ist es kein Schnupfen, der quält, sondern ein Stolperer, und, schwupps, ist die Beule da.

Aber halt, Hilfe wartet gleich um die Ecke. Da gibt es nämlich eine beeindruckende Schar eifriger Profis. Die Igelgroßfamilie ist in Sachen Gesundheit auf dem neuesten Stand.
Verbände und Massage, Hustensaft und heißer Tee, Wärmflasche und Eisbeutel. Der Erste-Hilfe-Koffer ist stets gepackt und los geht´s zu den Patienten über Stock und Stein. Kein Weg ist zu weit, ob über Land oder zu Wasser. Und auch wenn jeder Einzelne glaubt, ihn habe es am schwersten getroffen, die Igeldoktoren wissen es besser: „Es geht noch schlimmer!“ Treffen kann es jeden: Hund und Katz, Esel und Kuh, Maus und Maulwurf, Ziege und Schaf, Frosch und Ente. Ja, selbst das arme Schweinchen fühlt sich gebeutelt.

Sicher, Pflaster oder Gips nehmen den ersten Schmerz. Doch die Igelei weiß ganz genau: Nichts geht über ganzheitliche Medizin! Ein liebes Wort, ein leichtes Streicheln, das ist mindestens so wichtig. So werden aus lädierten Kranken fix fidele Zeitgenossen, die gemeinsam ein Riesenfest schmeißen.

Regina Schwarz und Michael Schober bereichern die Bilderbuchszene seit vielen Jahren, es ist ein Genuss, die beiden als Team zu erleben. Sollte jemand wider Erwarten Das verrückte Schimpfwörter-ABC noch nicht kennen (nur als Beispiel), dem sei es an dieser Stelle herzlich anempfohlen!

SIE dichtet quicklebendig und schöpft behände aus einem lautmalerischen Wortschatz, der schon die Jüngsten anspricht. Schnell ist der Reim erfasst, flugs sprechen alle die kurzen Texte im Chor. — ER, der Bildkünstler, trifft den richtigen Ton, ob beim Layout oder Heldenporträt. Wie im Text so lebt auch die Illustration von Konzentration und öffnet damit umso mehr Möglichkeiten zur Identifikation. Wir werden Teil der Geschichte.

Ach ja, am Ende dieses gelungenen Bilderbuchs erwartet uns alle noch ein wunderbares Extra. Ein Tröstometer! Auf seiner Skala kann sich der junge Patient (und bestimmt auch der etwas ältere) von ein bisschen Trost bis ganz viel wünschen. Seht selbst, wann ein Knuddeln, ein gemeinsames Lied oder eine Vorleseauszeit die größte Chance auf Gesundung verheißt!

Heike Brillmann-Ede

PS: Da bei aller Kunst die Lektorate oft ein wenig kurz kommen, sei an dieser Stelle und ganz ausdrücklich der kreativen Esslinger-Spezialfrau Sabine Frankholz ein großes Lob ausgesprochen!

Regina Schwarz: Schlimmer geht immer!, Illustration Michael Schober, Esslinger, 2017, 32 Seiten, ab 3, 13,99 Euro

Vom Glück des Tüchtigen

schomburgPaul, der Held im neuesten Buch von Andrea Schomburg, ist ein wenig ängstlich, etwas dick und außerdem gerade erst umgezogen. In der neuen Schule findet er sich schwerlich zurecht, was vor allem an Matze Motzmann liegt. Der hat einen Pick auf Paul, führt ihn vor, wo immer er kann. Manchmal weiß sich Paul keinen anderen Rat, als sich auf dem Schulklo zu verstecken. Da wartet er dann einsam auf das Ende der großen Pause oder des Unterrichts.
Doch heute ist etwas anders. Heute spricht ihn eine fremde Stimme an! Nach einigem Herumblinzeln entdeckt Paul eine Winzlingsfrau in rotkarierter Schürze, mit Brille und Libellenflügeln — und jeder Menge Flüchen auf den Lippen. Ohne Punkt und Komma stellt sie sich als Elvira Meier vor und macht Paul unmissverständlich klar: So wird das nie was mit Matze! Dann entfleucht sie, und Paul schleicht gedankenverloren nach Hause. Nachmittags zeigt er beim Springen vom Drei-Meter-Brett große Klasse, trotzdem macht ihm Matze den Triumph streitig. In Paul wallt es gewaltig.

Nachts kommt es zu einem zweiten Treffen. Elvira Meier entpuppt sich als Fee und stellt in Aussicht, dass sich Grundlegendes verändern kann. Was Paul braucht, sei das Blaue Wunder, und das findet sich in Bielefeld, im Rathaus, dritter Stock, Zimmer 314. Bedingung: Er hat nur drei Tage Zeit, dafür wird ihm ein Gefährte zur Seite stehen. Mehr überrascht, als überzeugt, stimmt Paul zu. Als er merkt, dass sein Begleiter ein kleiner, dicker Elefant mit grauer Schrumpelhaut und ewig schlechter Laune ist, hat die Uhr bereits angefangen zu ticken.

Was dann passiert, ist eine wahre Heldenreise. Die beiden müssen miteinander klarkommen, Stärken und Schwächen tolerieren, Streit überwinden und die Köpfe zusammenstecken, um gemeinsam das Ziel zu erreichen. Denn das Blaue Wunder wird ihr Leben verbessern!

Unangenehmes, Überraschendes, zutiefst Trauriges erwartet sie: Ein Bus, der nur alle 13 Jahre fährt. Wegweiser, verwirrend und kaum entzifferbar. Eine alte Frau mit unsagbar traurigen Augen, verwünscht und zu ewig gleicher Tätigkeit verdammt. Ein zaubernder Prinz, der Angst und Schrecken verbreitet. Schließlich müssen sie noch an F. R. Runkelschwein vorbei, der so gewaltig stinkt, dass jeder in Ohnmacht fällt. Überdies sind die Pfade schlammig, die Schluchten tief, die Wälder dicht und die Nächte tieftiefschwarz.

Mut gegen Gefahr, Cleverness gegen Zauberkraft, Menthol gegen Gestank. Und dazwischen die wachsende Vertrautheit zweier halber Helden, die das atemberaubende Abenteuer als Ganzes bestehen.

Sie hat etwas Märchenhaftes, diese Geschichte der Autorin Andrea Schomburg. Die Stationen am Weg geben immer neue Rätsel auf, aber mit jeder gefundenen Lösung wird die nächste Aufgabe leichter. Kreise schließen sich, weil Paul und Elefant mit Verstand und Herz agieren. Das furchtbare Los der Alten lässt sie ebenso aktiv werden wie die anrührende Einsamkeit des Stinkeschweins, und im Kampf gegen wirkmächtige Gegner werden sie immer stärker.

Es ist ein Vergnügen, diese beiden sympathischen Helden auf ihrer kniffligen Reise zu begleiten und mitzuknobeln. Und es ist einmal mehr die quietschvergnügte Schomburg-Lust an Wort und Reim, die mitreißt. Allein die explodierenden Fluch-Salven von Fee und Elefant sind köstlich und regen nicht nur den zunehmend selbstbewussten Paul zu eigenen Kreationen an. Sprache und Fantasie, Helden, die zur Identifikation einladen, und ein gelungener Genremix voller Literaturzitate. Dazu ein Riesenlob an die zweifarbige Gestaltungskunst und augenzwinkernde Leichtigkeit von Betina Gotzen-Beek.

Das ist LeseAugenGenuss pur!

Heike Brillmann-Ede

Andrea Schomburg: Der halbste Held der ganzen Welt, Illustration: Betina Gotzen-Beek, Sauerländer, 2017, 256 Seiten, ab 8, 13,99 Euro

Es gibt kein schlechtes Wetter …

regenWow! Schon der Umschlag ist eine Augenweide. Man hört den Regen förmlich platschen und fühlt jeden einzelnen Tropfen, streichen die Finger zart über das Coverbild. Eine kleine Ente schwimmt munter in einem Pfützensee, und auf den Stufen vor dem Haus sitzt ein kleiner Junge. Mit rot gepunktetem Schirm und Unternehmungslust im Blick. Was hat er vor?

Der Blick ins Haus macht deutlich: Der Junge und sein Opa verbringen den Tag zwar unter demselben Dach, aber nicht gemeinsam. Während der Opa schwer beschäftigt ist, viel Papier zu beschriften, schaut der Enkel abwechselnd durchs Fenster in die Welt und dann wieder in seine Bilderbücher. Draußen herrscht Dauerregen, drinnen Langeweile. Ganz kribbelig vor lauter Nichtstun versucht der Junge alles, um Opa vor die Tür zu locken. Regen ist so toll!! Mit der Zunge kann man Tropfen auffangen, in Pfützen hüpfen und sich darin spiegeln. Oder so tun, als würde man auf dem weiten Meer segeln, Seeungeheuer bekämpfen und in die „schwimmende Stadt“ reisen, die der Junge aus seinen Büchern kennt. Doch egal, was er vorschlägt, Opa sagt, erst müsse der Regen aufhören. So ist die Nase fast plattgedrückt, als es unverhofft heißt: „Beeilung! Los — wir müssen dringend zur Post!“

Und das Wetter ist Opa plötzlich piepegal. Rein in die hohen Gummistiefel und die knallblauen Jacken, die an Kapitänsuniformen erinnern. Die Reise kann beginnen! Und das Ziel? Venedig, die Gondeln, das bunte Treiben der Masken im Karneval …

Sam Usher, dessen Helden wir bereits aus Mein Schneetag kennen, begeistert erneut mit einer lebensechten Geschichte und mit seinem temperamentvollen jungen Ich-Erzähler. Greifbar und verständlich erzählt Usher von den unterschiedlichen Wünschen, Wahrnehmungen und Geschwindigkeiten bei Jung und Alt. Ihr Zwiegespräch in Mimik und Wort zieht rein ins Bild und lässt uns in die eine wie die andere Rolle schlüpfen. Großflächige Illustrationen wechseln sich ab mit kleinen Szenerien, die die grenzenlose Fantasie des einen und die konzentrierte Beschäftigung des anderen spiegeln. Und dann diese Doppelseiten mit spritzendem Regen vor grau changierenden Hintergrund, rot-blau-orangen Spiegelungen und vereinzelten, schirmbewehrten Passanten! Unsere Empathie wächst, je öfter wir die schemenhafte Gestalt des Jungen hinter dem Fenster entdecken. Und auf einmal reißt der Himmel ein wenig auf, und eine Gondel schiebt sich vorsichtig ins Bild.

Sam Ushers leichter, farbenfroh-heiterer Strich lässt an Quentin Blake denken (und die Physiognomie des Großvaters erst recht). Und tatsächlich gehören Blake, aber auch Hergé, Sempé, Ronald Searle und Emma Chichester Clark zu Ushers Vorbildern. Dieser junge Illustrator macht eindeutig Lust auf weitere Bild-Text-Kreationen und auf Enkel-Großvater-Geschichten, über die er derzeit nachdenkt. Gerne auch in deutscher Übertragung von Meike Blatnik mit ihrem feinen Gespür für Tonalität.

Übrigens: Sam Usher ist mit Regen gerade für die Kate Greenaway Medaille 2017 nominiert worden, die britische Auszeichnung für herausragende Illustration.

Heike Brillmann-Ede

Sam Usher: Regen, Übersetzung: Meike Blatnik, Annette Betz, 2017, 32 Seiten, ab 4 (und jedes Alter!), 14,95 Euro

Junges Gemüse schließt Freundschaft

erbseDie Schottin Morag Hood ist eine wunderbare Neuentdeckung! 2015 hat sie an der Cambridge School of Art ihren Master in Illustration gemacht, seitdem lebt sie wieder in ihrer Heimatstadt Edinburgh. Lilli und Lotte – Erbse und Karotte (Original: Colin and Lee) heißt ihr Debüt, das 2014 gleich für den britischen Macmillan Prize für Illustration nominiert wurde.

Quietschgrün ist Lilli, die Erbse. Warmorange Lotte, die Karotte. Eigentlich haben die beiden nichts gemein. Lilli ist immer mittendrin, umgeben von ungezählten grünen Freunden. Lotte ist, so scheint es, allein unterwegs. Lilli, klein und rund und doch nicht gleich, sprüht vor Verschmitztheit. Lotte ist lang aufgeschossen und so akkurat rechteckig geschnibbelt, dass sie wie ein Musterbeispiel an Zurückhaltung wirkt. Lilli grinst unternehmungslustig über beide Ohren. Lotte guckt abwartend und ein bisschen traurig in die Gegend.

Eines Tages treffen die beiden aufeinander, zufällig. Lilli, die Erbse, erkennt schnell: Die sieht aber anders aus. Und nicht nur das. Die orange Fremde kann nicht mal rollen, geschweige denn hüpfen. Und inmitten der Erbsentruppe fällt sie so sehr auf, dass sie zum Versteckspielen gleich gar nicht geeignet ist. Hmm, was also tun? Aneinander vorbeigehen? Oder lieber rauskriegen, was die andere so draufhat?

Nun, Lilli ist nicht nur verschmitzt, sondern auch neugierig und sehr mutig. Fix hat sie raus, dass mit Lotte andere Spiele möglich sind. Denn Lotte kann so vieles sein: Ein riesenhoher Turm. Eine Brücke, die über einen tiefen Graben führt. Und eine superschräge Rutsche, die am liebsten alle Erbsenkinder gleichzeitig ausprobieren würden. Hui, da kommt Leben auf!

Erbse und Karotte, das ist wahrlich nicht dasselbe. Aber Lilli und Lotte stört das nicht, denn sie haben eines entdeckt: Freundschaft!

Ganz schön pfiffig, dieses Bilderbuch von Morad Hood rund um zwei Gemüsesorten, die auf der Hitliste von Kindern (und Erwachsenen) nicht gerade an erster Stelle stehen. Doch schnell entdecken Klein und Groß, dass Erbsen und Karotten nicht nur gesund sind. Im Gegenteil: Putzmunter erkunden sie die Welt, lässt man sie erst mal von der Leine. Und das tut die Illustratorin, die gekonnt mit reduzierten Farben und Formen spielt. Und grandios mit dem Minenspiel ihrer Helden: Punktaugen und Strichmünder spiegeln alle denkbaren Emotionen zwischen Ängstlichkeit und Mut, Alleinsein und Gemeinschaft, Anderssein und Toleranz.

Ein kluges Debüt, fein und nuanciert. Da capo!

Heike Brillmann-Ede

Morag Hood: Lilli und Lotte — Erbse und Karotte, Übersetzung: Anke Katz, Thienemann, 2017, 32 Seiten, ab 4 (und jedes Alter!), 11,99 Euro

 

Jeder Tag kann Weihnachten sein

 
Weihnachten im Januar? Das geht durchaus, und zwar im Hotel Wunderbar.

Ein Porträt über einen belgischen Hotelier, der seine Pforten für Obdachlose öffnet, brachte die Kinderbuchautorin Jutta Nymphius in Schwung für ihren neuen Roman. Ihr Tore öffnender Held heißt Mika, ist neun Jahre alt und lebt mit seinem Vater im familieneigenen Hotel „Jameel“. Mikas Mutter ist vor einiger Zeit gestorben, seitdem arbeitet Papa meist hinter verschlossenen Türen in seinem Büro, und Mika wird hauptsächlich von den Angestellten Fanny und Henry betreut. Doch egal, wie viel Mühe sich die beiden geben, die Eltern ersetzen können sie nicht. Vor allem fehlt Mikas Mutter, warmherzig, temperamentvoll und gastfreundlich. Und weil Mama überall fehlt, fehlen inzwischen auch die Gäste. Sogar an Weihnachten!

Auch in diesem Jahr, was Mika ehrlicherweise nicht weiter verwundert hat. Schon der Weihnachtsschmuck war furchtbar! Langweilige Plastiktannenbaumgirlanden baumelten am Hoteleingang. Das musste ja alle abschrecken, denkt Mika. Früher gab es echte Zweige mit bunten Kugeln, ein fröhliches Willkommen und jede Menge Gäste und Trubel, gerade an den Feiertagen. Deshalb wurde ja auch der Anbau mit sechs neuen Zimmern errichtet, doch inzwischen steht der meistens leer. Hier fehlt es an Wärme und Zuneigung, das spürt Mika ganz genau. Und während er noch seinen Gedanken nachhängt, stolpert er über Silvester, einen kleinen schwarzlockigen Hund, und dessen Besitzer Teddy. Im ersten Moment verzieht Mika die Nase, Teddy riecht ziemlich streng, und seine langen Haare zotteln genauso an ihm herum wie sein Bart. Aber er verwickelt Mika gleich in ein Gespräch, und schnell ist klar: Die beiden haben Hunger und suchen ein Quartier, denn der Winter ist kalt und streng und Teddy obdachlos. Plötzlich weiß Mika, wo er die beiden unterbringen kann: im Anbau. Natürlich heimlich. Morgen früh müssen Hund & Herrchen das Haus superpünktlich wieder verlassen — und abends steigen sie geräuschlos und unsichtbar wieder ein.

Ganz fix werden es mehr Gäste, die Hilfe brauchen, denn auch Käthe friert erbärmlich. Genau wie Herbert. Mika schließt alle fest in sein Herz, selbst wenn der Heimlichkeitsstress dadurch immer größer wird: Betten beziehen. Essen in der Hotelküche abzweigen. Früh aufstehen, um alle zu wecken, damit sie rechtzeitig wieder verschwinden. Keinen Piep zu erzählen … Mika wird immer blasser und schlapper — was Fanny und Henry schließlich nicht mehr verborgen bleibt. Die Wahrheit muss auf den Tisch, vor der auch Mikas Papa die Augen nicht mehr verschließen kann: Das Leben geht weiter, und sein Sohn braucht ihn!

Weihnachten ist zwar längst vorbei, gefeiert werden kann trotzdem. Und weil dazu Gemeinschaft gehört, verlegen Mika & Co das wunderbare Fest einfach in den Januar und holen nach, was am 24.12. nicht möglich war: mit anderen Menschen zusammen zu sein, ihre Geschichten zu teilen, die Herzen zu öffnen und einander Wärme zu geben. Bis Ende März wird Papa das Hotel von nun an für die Obdachlosen öffnen. Und Weihnachten? Da sind sich alle einig: So ein tolles Januar-Weihnachtsfest wird es auch im kommenden Jahr wieder geben.

Dieser Kinderroman — schwarz-weiß-schmunzelnd illustriert von Stephan Pricken (!) —ist nicht nur warmherzig geschrieben und verbreitet Festtagsstimmung. Mika, Papa und alle anderen Helden von Jutta Nymphius laden dazu ein, darüber nachzudenken, worauf es wirklich ankommt: Kinder brauchen Eltern, Eltern brauchen Kinder. Und Menschen, die Hilfe benötigen, sollten nicht allein durchs Leben gehen. Und Feste? Die lassen sich nicht nur feiern, wenn es der Kalender sagt. Vielleicht hat jemand Lust, das auch mal auszuprobieren? Nur Mut!

Heike Brillmann-Ede

Jutta Nymphius: Hotel Wunderbar, mit einem Nachwort und einem Spiel von Jutta Nymphius, Illustration: Stephan Pricken, Tulipan, 2. Auflage 2016, 144 Seiten, ab 9, 13,00 Euro

Vorweihnachtlicher Schabernack

weihnachten24 Kapitel, 13 wilde Kerle und mindestens vier pfiffige Kinder, dazu kunterbunte, slapstick-witzige Bilder von Susanne Göhlich: Barbara van den Speulhof hat eine kurzweilige Vorweihnachtsgeschichte geschrieben. Zu lesen in einem Rutsch oder an 24 Dezembertagen.

Wer die Autorin kennt, weiß um ihre Liebe zu Island. Und genau dort hat sie sich inspirieren lassen, denn ab dem 12. Dezember kommen 13 wilde Trolle, einer nach dem anderen, aus ihrer Höhle in den Bergen zu den Menschen. Frech sind sie, hungrig und ein wenig rau.

Auch die 13 wilden Weihnachtskerle stammen von der Insel, doch sind sie weniger rau als viel mehr liebenswert. Weshalb auch ihr Vorhaben von Herzensgüte getragen ist: Nichts wünschen sich die Menschenkinder Smilla und Snorre nämlich mehr als einen richtigen Tannenbaum. Doch in ihrer Heimat Island sind Bäume rar. Und so haben die 13 Weihnachtskerle beschlossen, Abhilfe zu schaffen. Aber wo findet man so einen Baum? Natürlich in Hamburg, das weiß der kecke Knut ganz genau. Hamburg ist doch das Land der Weihnachtsbäume! Und als dann im Hafen auch noch das Schiff Hamburg gesichtet wird, gibt es kein Halten mehr: Knut, Lametta, Schnüffelschnäutz, Pottpitt, Remmidemmi, Waumiau, Kuki, Blanco, Langfinger, Oskar, Pokus, Caruso und der Älteste der Brüder, der weise Rübe, entern den Kahn und schippern davon. Ihrem großen Abenteuer entgegen.

Leider sind die Dinge manchmal leichter beschlossen als durchgeführt. Kein Baum am Hamburger Hafen. Was tun? Kurzerhand schmuggeln sich die Kerle in einen Lkw voller Orangenkisten, denn ihr Wagemut ist ungebrochen und ihr Ziel haben sie fest vor Augen. Schließlich haben sie was versprochen — und das wird auch nicht gebrochen!

Mitten in der großen Stadt kreuzen sich ihre Wege mit denen von Malte und Antonia. Zum Glück, denn nur Kinder können die kleinen Kerle sehen, während Erwachsene allein rennende Gegenstände wahrnehmen und sich dann verwundert die Äuglein reiben. Malte und Antonia sind gleich Feuer und Flamme, schließlich geht es gar nicht, dass Smilla und Snorre da oben im hohen Norden Weihnachten ohne Tannenbaum feiern müssen.

Bis eine Lösung gefunden ist, sind natürlich reichlich Hürden zu nehmen und das gemeinsame Abenteuer entwickelt sich schnell zu einem trubeligen Chaos: Erstens sind die 13 kleine Weihnachtskerle ständig hungrig und klauen, was nicht niet- und nagelfest ist. Zweitens tanzt stets mindestens einer aus der Reihe. Und drittens brauchen sie dringend ein Dach über dem Kopf, schließlich ist es im Dezember auch in Hamburg ordentlich frisch. Ach, und viertens sind da noch die Eltern von Malte und Antonia, die manchmal aus dem Staunen nicht herauskommen, wenn gerade frisch gebackene Kekse ohne Mucks verschwinden oder die Wohnung plötzlich im Weihnachts-Osterhasen-Halloween-Geglitzer funkelt.

Doch wie das so ist vor Weihnachten: Eltern sind dann rundum beschäftigt und Kinder können ganz eigene Wege gehen. Deshalb gelingt das Unglaubliche: Eine Riesentanne wird für Smilla und Snorre gefunden und per Flugzeug auf die weite Reise nach Island geschickt. Streng bewacht von 13 wilden Kerlen. Welche Rolle dabei ein Bayrisch sprechender Schwede spielt und wie Antonia und Malte es überhaupt hinkriegen, den schönsten Baum zu ergattern und dabei keinen Kerl zu verlieren — das lest am besten selbst! Oder, noch besser: Schnappt euch ein bis zwei Erwachsene und lasst euch vorlesen. Dann kommen auch die endlich mal zur Ruhe …

Es ist schon eine Kunst, 13 wilde Weihnachtskerle (deren Steckbriefe Vorsatz und Nachsatz im Buch schmücken!) mit so markanten Wesenszügen auszustatten, dass sie einerseits ordentlich gegeneinander rumpeln, andererseits sich immer wieder frohgemut zusammenzuraufen. Es gelingt der Autorin nicht durchgehend, alle Mitglieder dieses Dream-Teams gleichberechtigt auftreten zu lassen. Und anstatt mehrmals laufende Würstchenschlangen oder davon springenden Apfelsinen zu bemühen, hätte hier und da ein anderer witziger Einfall der Geschichte gutgetan. Schade ist es auch, dass nicht alle fremd klingenden Begriffe so einleuchtend erklärt werden wie Kombüse oder Bug … Trotzdem: Barbara van den Speulhof schreibt humorvoll und lebensklug und immer auf respektvoller Augenhöhe mit ihrer Leserschaft. Sie fängt Gefühle und Sehnsüchte genauso ein wie Schabernack und Abenteuerlust. Kurzum: Es gelingt ihr, Geschichten zu spinnen, die Jung und Alt genießen können. Am besten vereint!

Heike Brillmann-Ede

Barbara van den Speulhof: 13 wilde Weihnachtskerle, Illustration: Susanne Göhlich, Fischer KJB, 2016, 176 Seiten, ab 6, 14,99 Euro

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Auf eigene Faust

lllewellyn_cover_ticktacktot_jubu_thienemann-2016Tom Llewellyn hat einen speziellen Humor. Schon sein Kinderbuch Das Haus, in dem es schräge Böden, sprechende Tiere und Wachstumspulver gibt steckt voller Absurditäten und macht großen Spaß, egal, ob man die Geschichte selber liest oder vorliest. Nun also ein Jugendbuch. Ein Thriller. Tick Tack Tot, übersetzt von Nina Scheweling. Ist der Titel ernst gemeint?

Seth Anomundy lebt mit seiner Mom Eve in einer Gegend, in der man sich nachts nicht unbedingt allein auf die Straße traut. Doch es gibt Ankerplätze: den Boxclub von ChooChoo, der mit Seths Mutter verbandelt ist und der Seth das Boxen beigebracht hat. Den Uhrenladen von Mr Nadel, bei dem sich Seth mit Botendiensten ein paar Dollars verdient. Das Shotgun Shack, in dem Miss Irene das Sagen hat und in deren Küche Seth dem Kochen fröhnt. Das Guinevere´s, wo ihm Nikki beibringt, wie man richtig guten Kaffee komponiert. Den Buchladen King´s Books mit seiner Riesenauswahl an Graphic Novels. Und selbst die Schule ist ein Ort, an dem sich Seth wohlfühlt.

Das Leben hat sich eingespielt. Eve hat vier verschiedene Putzjobs, nachts, und manchmal bricht sie tagsüber aus, kauft teure Klamotten, streitet mit Inbrunst, will das Leben spüren. Seth dagegen ist ruhig, verlässlich und wirkt ernster als andere Jugendliche in seinem Alter. Und dann steht die Polizei vor der Tür. Mom ist tot, man hat sie vor dem Boxclub in ihrem Jeep gefunden. Zunächst wird Drogenmissbrauch vermutet — was auch sonst, wenn man schwarz ist und auf dieser Seite der Stadt lebt —, dann findet man toxische Substanzen im Leichnam. War es Selbstmord? Oder Mord? Die Polizei scheint nicht allzu engagiert, also beginnt Seth, auf eigene Faust zu ermitteln.

„Fang mit dem Einfachsten an“, rät ChooChoo. So beschließt Seth als Erstes, die Schule zu schwänzen. Dann tastet er sich an die Arbeitgeber seiner Mutter heran, versucht, ihre letzten Stunden zu rekonstruieren. Er spricht mit den Gästen im Shotgun Shack — und sucht intensiv nach Miss Irene. Sie und seine Mom hatten Streit, jetzt ist Irene verschwunden, spurlos, niemand weiß etwas. Gibt es einen Zusammenhang mit Eves Tod?

Die Nachforschungen kosten Kraft. An Seths Seite ist Azura Lear (LLewellyn hat ein Händchen für Namen), eine Mitschülerin, reich und schön, eigentlich verbandelt mit Erik, doch sie interessiert sich für Seth. In dem Mädchen aus gutem Haus, zu deren Ahnen angeblich der Sekretär George Washingtons zählt, steckt mehr Power, als vermutet. Mit ihr kann Seth sprechen, sie arrangiert für ihn ein Treffen mit der Schulseelsorgerin, organisiert die Beerdigung seiner Mutter.

Das Ende der Geschichte ist überraschend und soll hier nicht verraten werden. Bis dahin wird gekämpft, es gibt Verdächtige und falsche Spuren, ein zweiter Toter wird gefunden. Es ist aber kein thrill auf ganzer Strecke, wir begleiten Seth, mitfiebern tun wir nicht, denn es gibt immer wieder Passagen, die sich vom eigentlichen Geschehen lösen. Das Ganze ist solide konstruiert und liest sich in einem Rutsch ohne literarische Finessen.
Was mich jedoch besonders überzeugt, ist das psychologische Moment. Seth, der ohne Vater aufwächst und seine Mutter aufrichtig liebt, nimmt gefangen. Er ist unglaublich sympathisch, realistisch, mutig und sensibel. Seine Beharrlichkeit, sein Netzwerk, seine Kombinationsgabe helfen ihm, den Fall zu lösen. Seine Bodenhaftung ist das beste Rüstzeug, um in (s)ein neues Leben zu starten.

Heike Brillmann-Ede

Tom Llewellyn, Tick Tack Tot, Übersetzung: Nina Scheweling, Thienemann Verlag 2016, 224 Seiten, ab 13, 12,99 Euro

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Auf dem eigenen Weg

herrick_cover_jubu_thienemann-2016Krimi oder Liebesgeschichte? Der Titel, ein Zitat aus diesem in ungereimten Versen geschriebenen Roman, lässt an beides denken. Die Liebe kommt nicht zu kurz, und spannend und überraschend liest sich das Ganze auch. Und doch ist es etwas Drittes. Eine Einladung, sich einzulassen auf das Leben, Abschiede zu wagen, Vertrautes hinter sich zu lassen, Ungewöhnliches auszuprobieren, sich gegen die Macht von Geld, Einfluss und Gewalt zu stemmen. Kurz, den eigenen Weg zu suchen und zu gehen.

Steven Herrick erzählt aus der Ich-Perspektive seiner drei Protagonisten: Billy Luckett, 16, hält den brutalen Vater zu Hause nicht mehr aus und haut ab. Mit wenig Geld, ohne konkretes Ziel. Mit einem Güterzug landet er im Nirgendwo und trifft auf Old Bill, obdachlos, verwahrlost, unzugänglich. Billy zieht in einen ausrangierten Eisenbahnwaggon in Old Bills Nähe, lässt sich nicht von Griesgram und Lebensverdrossenheit abschrecken. In diesem Nirgendwo wohnt auch Caitlin, 17. Wohl behütet und aus reichem Haus, stemmt sie sich gegen Daddys Kontrollzwang. Ihre Verbündete ist ihre Mutter, die deckt, dass Caitlin jobbt. Bei McDonald´s.

Ist es Zufall, dass sich diese drei Menschen begegnen? Das Schicksal? Ein innerer Kompass? Klar ist: Billy wird zum Auslöser für ein Aufeinandertreffen, das ihrer aller Leben verändert. Seine behutsam-beharrliche Art schließt Old Bill auf. Sie beginnen, gemeinsam zu frühstücken, arbeiten als Tagelöhner, Old Bill erzählt von seinem tiefen Schmerz und warum er die Einsamkeit gewählt hat. Billys Belesenheit (Bibliotheken sind seine Lieblingsorte), seine Feinfühligkeit, seine Ehrlichkeit erobern Caitlins Herz. Sie lernen sich kennen, weil Billy Essensreste in dem Schnellimbiss schnorrt, wo sie die Böden schrubbt. Und plötzlich ist sie da, die Liebe zwischen Caitlin und Billy, und die väterliche, dankbare Zuneigung Old Bills.

Doch dann wird Billy auf der Straße von Polizisten angesprochen. Wie alt er sei? Woher er komme? Wovon er lebe? Billy, der es hasst zu lügen, eiert herum, versucht sich rauszureden … Und kriegt die Adresse des Sozialamts in die Hand gedrückt. Eine unmissverständliche Aufforderung.

In dieser Situation erweist sich Old Bill als Retter in der Not. Früher war er Anwalt, lebte mit Frau und Kind in einem weißen Holzhaus, das ihm immer noch gehört. Er begleitet Billy aufs Amt, spricht von seinem gewalttätigen Zuhause, dass er Arbeit sucht und daran denkt, wieder zur Schule zu gehen … Und Old Bill überzeugt.

Herricks Geschichte ist durchwebt von Optimismus, Disparates fügt sich, das Leben ist wunderbar. Ist das weit weg von der Realität? Oberflächlich gesehen vielleicht, und doch: Es ist das eigene Handeln, das zu Veränderung führt. Auf andere zugehen schafft Vertrauen, lässt Vorurteile hinterfragen, sprengt soziale Grenzen. Und drei Menschen wachsen zu einer Gemeinschaft zusammen.

Das Buch, bereits 2000 in Australien erschienen, ist zeitlos. Sein knapper Text liest sich vermeintlich schnell, doch bietet sich auf jeder Seite Anlass, darüber nachzudenken, was wichtig ist und was verzichtbar, und die eigene Freiheit der Entscheidung zu feiern.

Uwe-Michael Gutzschhahn verantwortet eine Übersetzung, die sich rhythmisch liest und dazu einlädt, sich unbefangen auf diese ungewöhnlichere Textform einzulassen, für die der Autor in seiner Heimat bereits mehrfach prämiert wurde. Bei uns steht Wir beide wussten, es war was passiert auf der Empfehlungsliste „Die 7 besten Bücher für junge Leser“ (August 2016) und wurde zum „Jugendbuch des Monats“ gekürt.

Steven Herrick ist eine Entdeckung!

Heike Brillmann-Ede

Steven Herrick: Wir beide wussten, es war was passiert, Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, Thienemann Verlag, 2016, 208 Seiten, ab 13, 14,99 Euro

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Die Tragik der Außenseiter

LaBan_25082_MR1.indd„So wüst und schön sah ich keinen Tag“
Ein Shakespeare-Zitat als Buchtitel? Und dann ausgerechnet Macbeth? Diese blutige Tragödie? Ist das eine Einladung zum Lesen?

Ja!

Das Debüt der US-amerikanischen Autorin Elizabeth LaBan — ein komplexes Unterfangen und vorzüglich übersetzt von Birgitt Kollmann! — ist gelungen. In Anspruch, Stil, Botschaft, mit jeder Menge Einladung zur Identifikation und zum Fragenstellen. Auch an uns selbst, das eigene Verhalten, die eigene Schulzeit, Werte und Moral, Mut und Angst … Und nicht zuletzt besticht Mr Simon, der Törtchen backende Englischlehrer mit einem Faible für Shakespeare, der jedes Jahr neu seinen SchülerInnen eine Tragödie als Abschlussarbeit aufbrummt. Wunderbar und gar nicht kitschig sein Ausspruch am Ende jeder Englischstunde: „Und nun geht und verbreitet Schönheit und Licht!“

Doch worum geht es in LaBans Roman?

Aus zwei Perspektiven wird erzählt: Von der Gegenwart berichtet Duncan, ein junger Mann, der ziemlich entspannt das letzte Highschooljahr angeht (wäre da nicht der Tragödienaufsatz!) und seine immer intensiver werdende Freundschaft mit Daisy genießt. Von der Vergangenheit berichtet Tim. Die Verknüpfung ergibt sich dadurch, dass die Schüler des Abschlussjahres in ihrem Zimmer jeweils ein Geschenk des Vorbewohners finden. Duncan, der zunächst komplett unglücklich reagiert, weil ihm das kleinste Zimmer zugewiesen wird, bekommt von seinem Vorgänger Tim Macbeth ein außergewöhnliches Geschenk: Auf mehreren CDs hat Tim seine und damit ein Stück Schulgeschichte hinterlassen. Eine fesselnde Erzählung, der sich Duncan kaum entziehen kann. Denn das, was Tim erlebt hat, steuert nicht auf ein Happy End zu, das ahnt der Leser von Anfang an. Zur Erzählkunst der Autorin gehört, den Spannungsbogen bis zum Schluss aufrechtzuerhalten.

Es ist eine Dreiecksgeschichte, von der Tim spricht: Zufällig lernt er Vanessa kennen, weil wüstes Schneetreiben den rechtzeitigen Abflug verhindert; beide sind auf dem Weg zur Highschool, um ihr Abschlussjahr anzutreten, wissen aber nicht, dass sie dieselbe besuchen werden. Tim erlebt eine junge Frau ohne Vorurteil. Er ist Albino, hält den Kopf oft gesenkt, um nicht aufzufallen oder die Ablehnung in den Augen der anderen lesen zu müssen; sein Aussehen beeinflusst sein Leben. Vanessa dagegen begegnet ihm ungezwungen. Sie, die schön ist und sich auffallend bunt kleidet, akzeptiert seine Farblosigkeit. 18 Stunden lang, bis die Weiterreise möglich ist.

Der Dritte im Bunde ist Patrick, Vanessas Freund. Ein Beau, der sich die Mädchen aussuchen kann, oberflächlich, manipulativ und feige. Dass seine Wahl auf Vanessa fiel, hat diese überraschenderweise erstaunt; die Beziehung hält aber schon eine Weile.

Tim wird zum Gegenspieler Patricks und zum Katalysator. Auf seine leise, verlässliche Art besticht er nicht nur im Unterricht. Er hat etwas zu sagen, ist charakterstark, setzt sich für Mitschüler ein, handelt, wenn andere zurückschrecken, entlarvt Patrick. Gleichzeitig bleibt er verletzlich und glaubt eigentlich nie daran, dass ihn jemand anderes als seine Eltern vorurteilsfrei lieben wird. In Vanessa löst er zunehmend Fragen an ihre Beziehung mit Patrick aus. Sie geht mit Tim joggen, allerdings heimlich, lässt sich von ihm küssen, macht Nähe möglich. Letztendlich fehlen ihr jedoch Entschlusskraft und Mut, vielleicht empfindet sie auch nicht so tief wie Tim.

Das Ende der Geschichte ist tragisch. Bei einem nächtlichen Schlittenrennen rammen Tim und Vanessa einen Baum. Vanessa landet schwer verletzt im Krankenhaus (sie wird überleben), Tim erblindet. Seine Augenprobleme haben sich lange zuvor angekündigt, denn eigentlich müsste er draußen immer eine dunkle Brille tragen, doch die Eitelkeit ließ ihn das „vergessen“.

Tims Geschichte hat Auswirkungen auf Duncan. Dieser reflektiert intensiver sein eigenes Verhalten, Tim stärkt ihm den Rücken, macht ihn sensibel gegenüber seiner Freundin Daisy, lässt ihn Verantwortung übernehmen und eigene Fehler bekennen, auch gegenüber Mr Simon und dem Schuldirektor. Wir erleben mit, wie aus Unsicherheit Festigkeit wird, wie Duncan erwachsen wird.

LaBans Roman stimmt hoffnungsvoll und traurig. Im Gegensatz zu Shakespeares Macbeth, der aus Machtgier und angetrieben von der eigenen Ehefrau seinen Vetter Duncan tötet, um König von Schottland zu werden, hilft Tim dem jungen Duncan in vielfacher Hinsicht. Doch was wird aus ihm selbst? Werden er und Vanessa sich noch einmal begegnen? Wie wird Tims Zukunft  ohne Augenlicht aussehen? Wird er zurückgeworfen auf sein Zuhause bei liebenden Eltern oder wird ihm ein selbstbestimmtes Leben gelingen? Und wohin mit all seinen tiefen Gefühlen, seiner Liebenswürdigkeit, seiner Sensibilität? Zudem: Wird jemand wie Patrick bestraft, der sich nach Vanessas Unglück schnell mit einer Neuen tröstet?

Und wir, wie gehen wir selbst mit Außenseitern um?

PS: Neben dem empfehlenswerten Inhalt und allen Tipps zum Thema Tragödie (auch im Anhang!) sei noch auf den außergewöhnlich schönen Umschlag des Romans verwiesen. Ein unbedingter Hingucker und ein Hoch auf die Haptik von Büchern!

Heike Brillmann-Ede

Elizabeth LaBan: So wüst und schön sah ich noch keinen Tag, Übersetzung: Birgitt Kollmann, Hanser Verlag, 2016, 288 Seiten, ab 13, 16,90 Euro

Einladung zum Gespräch

mohrZwei Menschen begegnen sich. Im Zug. Die eine mit gültiger Fahrkarte, der andere offensichtlich nicht. Die eine nimmt ihn auf ihrem Ticket mit, der Fahrkartenkontrolleur gibt Ruhe. Und dann? Trennen sich ihre Wege? Nein, für die beiden beginnen 48 funkelnde, anstrengende, lebensentscheidende Stunden. Und wir fuchsen uns lesend rein in dieses Abenteuer, bis wir mitfiebern und die Daumen drücken.

Wer sind die beiden?

Da ist Aino, 18, schweigsam. Sie berührt sofort, etwas Geheimnisvolles umgibt sie, an sie heranzukommen, ist Arbeit.
Da ist Nik, 16, ein Draufgänger, der stets in Schwierigkeiten steckt, vor allem mit seinem älteren Bruder, und die nächsten Tage erst mal ungern daheim gesehen wird.

Nik ist sofort fasziniert, überrumpelt Aino geradezu durch seine Unmittelbarkeit, Neugier, Naivität, seine Jungenhaftigkeit; manchmal redet er wie ein Wasserfall. Als ihm Aino erklärt, sie gehe in ein Schweigekloster und werde Nonne, schlägt er ihr einen Deal vor: Wenn er ihr innerhalb von zwei Tagen und zwei Nächten beweist, was sie auf dieser Welt verpasst, wird sie ihm erzählen, warum sie für immer schweigen will. Aino willigt ein.

Sie haben kein Geld, keinen fahrbaren Untersatz, kein Dach über dem Kopf. Beste Voraussetzungen für ungewöhnliche Entscheidungen, die Nik leichter fallen als Aino. Trotzdem ist sie dabei, um sich auf nicht ganz legalen Wegen das Portemonnaie und den Magen zu füllen. Sie landen in einem Sexshop, treffen eine Wahrsagerin, fahren Riesenrad, übernachten in einer Hütte im Wald und unter klarem Himmel, hören Musik und singen gemeinsam. Sie tun Dinge, die sich für beide fremd anfühlen — und doch so richtig. Vertrauen baut sich auf, Nähe. Berührung überwindet das Schweigen und die Trauer. Denn Aino trauert um ihren kleinen Bruder, während Nik auf der Suche nach den Wurzeln seiner Familie, nach Heimat und Geborgenheit ist.

Angela Mohr erzählt in alternierenden Kapiteln, jeweils aus der Ich-Perspektive ihrer Protagonisten, davon, was sie bewegt. Was sie denken, fühlen, wovon sie träumen, was sie bedrückt, woher sie kommen — und warum sie beide auf der Flucht sind.
Da Aino zunächst beharrlich schweigt, ist die Kommunikation ein Balanceakt, verlangsamt das Tempo, denn sie schreibt ihre Fragen und Antworten in Kurzform auf kleine Zettel. Nik, der die Geschwindigkeit liebt, muss geduldig sein, kann manchmal nur intuitiv erfassen, was nicht formuliert ist, ist darauf angewiesen, aufmerksam zu sein und zu beobachten. Schließlich traut sich Aino doch zu sprechen. Noch ein Kraftakt, denn sie stottert, je aufgeregter sie ist, umso mehr.

»Aino sagt Worte.
Jede Menge Worte. Schöne Worte und hässliche Worte und seltsame Worte.
Sie hetzt ihnen nach. Sie reitet auf ihnen. Sie fliegt mit ihnen davon.
Ihre Stimme ist wie eine Landschaft, sie hat Täler und Höhen, Felsen und Geröllhalden, schneebedeckte Gipfel, leere Wüsten. Sie hat Dunkelheit und Sonne, Bäche und Flüsse und Gämsen, die von Fels zu Fels springen.
Ihre Stimme ist die ganze Welt.« (S. 301)

Dieser Roman schwingt, hat einen eigenen Ton und Rhythmus. Es gibt zahlreiche Textstellen, die man sich notieren möchte, weil die Autorin es schafft, dass wir mitfühlen, mitdenken, mithoffen. Uns mit Aino und Nik identifizieren. Ein authentisches Buch, vielschichtig, voller Humor — und eine Einladung zum Gespräch!

Angela Mohr: Zwei Tage, zwei Nächte und die Wahrheit über Seifenblasen, Arena Verlag, 2016, 310 Seiten, ab 14, 12,99 Euro

Ein Mädchen am Scheideweg

AdaAngela Mohr setzt im Jugendbuch Themen: Zivilcourage angesichts rechter Gewalt ist in ihrem Roman Wach auf, wenn du dich traust gefragt. Das geschenkte Leben mit einem neuen Herzen und der Gewissheit, dass jemand anderes starb, berührt schmerzlich in Vergiss nicht, dass du tot bist.

ADA. Im Anfang war die Finsternis heißt ihr drittes Jugendbuch, ein Roman, in dem das eigene Schicksal eine Rolle spielt. Denn ADA erzählt vom Leben in einer sektenähnlichen Gemeinschaft; Angela Mohr ist selbst eine Aussteigerin und weiß also ganz genau, wovon sie spricht.

Ada lebt mit ihren Eltern und Geschwistern im Nirgendwo. »Im Dorf«, umgeben von undurchdringlichem Wald. Die Männer, Frauen und Kinder versorgen sich selbst. Sie bauen Gemüse an, halten Tiere, hüten den einzigen Brunnen, denn sein Wasser ist lebensnotwendig. Im Versammlungshaus trifft sich der Ältestenrat, überhaupt herrscht Hierarchie, ein jeder ist an seinem festen Platz. Männer sind das traditionelle Oberhaupt der Familie. Und es wird noch verheiratet: So wartet auf Ada der junge Hoffnungsträger des Rates, Simon. Gefühle werden nur in der Familie gezeigt, Sittsamkeit, Gehorsam, die Verantwortung für die Gemeinschaft und die Heilige Schrift bestimmen das Leben jedes Einzelnen.

Doch Adas Familie ist ungewöhnlich, sie leidet. Ihre Mutter ist krank, der ältere Bruder Kassian tot. Ada muss stark sein und hält die Familie emotional zusammen. Sie glaubt an die Werte, die ihr von Kindheit an vermittelt wurden.

Und doch: Zweifel kommen auf, als sie eines Tages erfährt, dass Kassian noch lebt. Luca und seine Mutter sind neu ins Dorf gekommen. Luca zeichnet, und unter seinen Skizzen findet sich ein Porträt Kassians. Wie kann das sein? Bohrende Fragen lassen Ada nicht mehr zur Ruhe kommen, aus der folgsamen jungen Frau wird eine Rebellin, die sich auch von Strafandrohungen nicht mundtot machen lässt. Als der Ältestenrat beschließt, sie in eine unterirdische Einzelzelle zu sperren, wächst Adas beste Freundin über sich hinaus und hilft Luca, die Gefangene zu befreien.

Der Weg durch den verbotenen Wald und der Eintritt in »die Welt da draußen«, die als reine Teufelei und Hölle für jeden verdammt wurde, verlangt unglaublichen Mut. Ada überwindet alle Scheu, denn ihre Trauer und ihre Zweifel sind größer. Sie kennt weder Autos noch Züge, keinen Bus, kein Telefon oder Handy, kein Internet. Die Architektur der Stadt ist ihr fremd, die vielen Menschen, die Hektik. Gleichzeitig nimmt sie die Ordnung im Chaos wahr, dazu die Schönheit und die Zwischenmenschlichkeit, denn eine unbekannte Frau hilft ihr, den Ort zu finden, an dem Kassian gesehen wurde.
Es beginnt ein Rennen gegen die Zeit. Die Ältesten beschatten Abtrünnige wie Adas Bruder. Luca gerät in ihre Fänge, und ein junges Mädchen gibt Geheimnisse preis, die das Leben anderer gefährden.

Adas arrangiertes Leben ist plötzlich auf den Kopf gestellt. Nichts ist mehr wahr, der Boden, auf dem sie sich bewegt, schwankt. Verrat und Lüge erschüttern ihren Glauben und ihr Vertrauen. Doch da ist Luca, da ist Kassian, da ist ihr Wille, die Finsternis hinter sich zu lassen. Um frei zu sein.

Eindringlich erzählt Angela Mohr die Geschichte von Menschen am Scheideweg, an dem nicht nur Ada steht. Die Verführung durch andere, die Hoffnung auf ein ruhiges, sicheres Dasein machen, verfängt bei denjenigen, die sich nach Frieden sehnen und vielleicht zu schwach sind, sich selbst zu wehren. Aber auch bei Menschen, die, von Neugierde und Abenteuerlust durchdrungen, ein wenig leichtfertig sind oder sich unverstanden fühlen und deshalb anderen auf den Leim gehen. Solchen, die psychologisch geschult sind und mit Worten und Taten faszinieren können.

ADA ist ein Roman, der nach der letzten Seite nicht zu Ende ist. Denn er stellt existenzielle Fragen, auf die wir keine schnellen Antworten finden.
Fragen, die uns bewegen, über die wir nachdenken und reden wollen!
Ein Roman, der zu Recht für den Buxtehuder Bulle 2016 nominiert wurde.

Angela Mohr: ADA. Im Anfang war die Finsternis, Arena Verlag, 2015, 360 Seiten, ab 14, 14,99 Euro