Nicht nur für Nerds

jobsWer sich auf meinem Blog öfter mal herumtreibt, weiß, dass ich hier auch auch die Werke vorstellen, die zum Teil an meinem Schreibtisch entstanden sind. Heute ist mein jüngstes Übersetzungswerk auf den Markt gekommen: die Comic-Biographie Steve Jobs – Das wahnsinnig geniale Leben des iPhone-Erfinders, konzipiert, gezeichnet und verdichtet von der Amerikanerin Jessie Hartland.

In 13 Kapiteln fasst Hartland das viel zu kurze Leben von Jobs in klaren, kritzeligen schwarz-weiß Panels zusammen. Von seinen Anfängen in der Garage, über die Gründung von Apple und Jobs Rausschmiss aus der eigenen Firma bis hin zu seinen Erfindungen, die so gut wie jeder von uns heute in die Hand nimmt – egal ob da ein Apfel drauf ist oder ein anderer Schriftzug. Ob wir die Person Steve Jobs nun kennen oder nicht, in unseren Haushalten ist er auf die eine oder andere Art vertreten. Und sei es in der Form einer DVD eines Pixar-Films …
Jessie Hartlands Graphic Novel klärt auf sehr unterhaltsame und leicht ironische Art über den Menschen Jobs auf.

Übersetzungstechnisch war es für mich in mancher Hinsicht eine wahnsinnige und auch geniale Arbeit. Diverse Apfel-Produkte benutze ich selbst, habe mir aber nie groß Gedanken über ihre Herkunft gemacht. Hartland baut in ihre Biographie jedoch sehr geschickt Doppelseiten über die jeweilige Technik der vergangenen Jahrzehnte ein – und da wurde ich dann wieder an meine eigene Jugend erinnert und an die ersten Tippversuche auf einem C64 und seltsame Nintendo-Daddel-Spiele. Manches, was heute vergessen ist wie Kompaktkassette und Walkman kamen mir wieder in den Sinn. Irgendwann hatte ich sogar mal eine Basic-Programmier-Kurs, von dem ich aber nichts behalten habe. All das, und vieles weitere, fließt heute in den ganzen Smartprodukten auf die eine oder andere Weise zusammen. Und so wurde mir während des Übersetzens klar, wie tief die Wurzeln eines so kleinen Smartphones reichen, mit dem wir ständig unzählige Dinge tun und vieles nicht mehr lassen können.

Wahnsinnig an der Arbeit war die Kleinteiligkeit der Panels. Namen, Worte, Begriffe, Gesprochenes, Geschriebenes. Ständig musste ich aufpassen, dass ich nichts übersehe. Zum Glück hat meine Lektorin sehr aufmerksam mitgelesen und so haben wir wohl wirklich alles gefunden, was zu übersetzen war oder was Englisch gelassen werden musste.
Und auch wenn der Text hier nicht immer in engen Sprechblasen steht, die der Übersetzerin so gar keinen Raum lassen, sondern manche Texte richtig Platz zu haben scheinen, musste ich mich doch mit der Länge der Texte beschränken. Das hieß: zählen. Die Buchstaben von Jessie Hartlands handgeletterten Texten zählen. Ich habe also gezählt und dann meine Texte eingekürzt, damit alles passt.
Dankenswerterweise hat Jessie Hartland dem Fischer-Verlag einen Font mit ihrer Schrift zur Verfügungen gestellt, so dass die deutsche Ausgabe nun annähernd den Eindruck eines handgeletterten Comics hat. Die Herstellung im Verlag hat da perfekte Arbeit geleistet, all die Varianten von Groß- und Kleinschrift, von senkrechten Worten und Fettungen wie im Original einzubauen. Die Leichtigkeit, die im Vorfeld von einigen schon als hässliches Kinder-Gekrickel kritisiert wurde, die aber Jessie Hartland Stil ausmachen, sind für mich so in die deutsche Version herübertransportiert worden. Und all jene, die denken mögen, so ein Gekrickel sei ja total einfach hinzumalen, der nehme bitte einen Stift in die Hand und versuche es selbst …

Ich jedenfalls liebe diesen leichten und frechen Strich von Jessie Hartland, weiß durch ihre Geschichte gewisse Apple-Produkte nun besser zu würdigen und bin froh, dass ich keine 500-Seiten-Biografie lesen musste. Während des Übersetzens kam für mich somit alles zusammen, was Glück ausmacht: Spaß, neues Wissen über Technik und einen Menschen, nostalgische Erinnerungen und professionelle Herausforderungen. Besser konnte es für mich kaum sein.

Schön ist aber auch, dass heute bereits eine erste Besprechung von Irve online gegangen ist, nämlich hier. Danke dafür!
Ich hoffe, dass Ihr beim Lesen genauso viel Spaß mit dieser Graphic Novel habt, wie ich es beim Übersetzen hatte.

Jessie Hartland: Steve Jobs – Das wahnsinnig geniale Leben des iPhone-Erfinders. Eine Comic-Biographie. Übersetzung: Ulrike Schimming, Fischer, 2016, 240 Seiten, 16,99 Euro

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Ansteckend

fieberVor ein paar Monaten gingen die Berichte über die Ebola-Epidemie in Westafrika fast täglich durch die Presse. Nun scheint das Übel bekämpft und Normalität – soweit man das von hier aus beurteilen kann – wieder eingezogen. Wir in Nordeuropa haben das Glück, dass hier schon lange keine wirklich verheerende Krankheit mehr ausgebrochen ist, die unzählige Tote gefordert hätte. Ich weiß, es ist ein heikles Terrain, denn auch hier gibt es Opfer von Masern oder Grippe, und jedes ist eines zuviel. Doch ich möchte den Blick auf richtige Epidemien richten, die es auch in unseren Breiten gegeben hat und die sich junge Menschen wahrscheinlich nur schwer vorstellen können.

Eine Ahnung, wie es gewesen sein könnte, als vor fast 100 Jahren die Spanische Grippe ausbrach, liefert der Roman Das Fieber von Makiia Lucier, feinfühlig ins Deutsche gebracht von Katharina Diestelmeier. Erzählt werden knapp zwei Monate im Leben der fast 17-jährigen Cleo. Sie lebt in einem Internat in Portland, Oregon, hat Vater und Mutter vor Jahren bei einem Kutschenunfall verloren und nur noch ihren Bruder Jack und dessen Frau Lucy. Es ist Herbst 1918, in Europa tobt noch der große Krieg und an der Ostküste breitet sich gerade die Spanische Grippe aus. In Portland, an der Westküste, glauben sich Cleo und ihre Familie in Sicherheit. So brechen Jack und Lucy in ihre Flitterwochen auf, Cleo soll die Herbstferien im Internat verbringen.

Die Grippe schert sich natürlich nicht um irgendwelche Küstenverläufe, und wenige Tage später werden die ersten Krankheitsfälle in der Stadt gemeldet. Das Internat muss schließen. Cleo macht sich allein zum Haus des Bruders auf, obwohl dort niemand ist. Als sie in der Zeitung einen Aufruf vom Roten Kreuz liest, das Freiwillige sucht, meldet sie sich, um zu helfen.
Der Kontrast könnte nicht größer sein. Aus dem behüteten, gut bürgerlichen Zuhause erlebt Cleo auf einmal die Welt von Krankheit, Siechtum und Tod. Sie holt erkrankte Kinder und Frauen aus ihren Wohnungen, hilft im Notkrankenhaus aus, das im örtlichen Theater eingerichtet wurde – und würde nach einem Tag am liebsten weglaufen. Doch die Krankenschwestern Kate und Hannah und der junge Medizinstudent Edmund, der schwer verwundet aus Europa zurückgekehrt ist, machen ihr Mut.

Lucier versteht es meisterhaft, den Leser in die Zeit vor 100 Jahren zurückzuversetzen, wo es nicht selbstverständlich war, dass Mädchen Auto fahren oder gar allein in einem Haus wohnen, wo es noch keine Impfung gegen die Grippe gab und die Waschmaschinen noch nicht selbsterklärend waren. Und mittendrin Cleo, die ihren eigenen Kopf hat und täglich neu ihre Ängste überwindet. Das ist für eine Coming-of-Age-Geschichte sicherlich ein ungewöhnliches Setting, mit dem man sich heute vielleicht nicht besonders gut identifizieren kann. Doch es ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie man in nicht alltäglichen Situationen über sich hinauswachsen kann, wie in schwierigen Zeiten Freundschaft und Liebe entstehen können, wie man auf eigenen Beinen stehen kann. Eingebettet in die historische Tatsache der Spanischen Grippe und kombiniert mit einer sich zart andeutenden Liebesgeschichte ist Makiia Lucier eine sehr fesselnde Geschichte gelungen.

Makiia Lucier: Das Fieber, Übersetzung: Katharina Diestelmeier, Carlsen/Königskinder, 2015, 368 Seiten,  ab 14, 17,99 Euro

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Von der Pest und vom Leben

pestWie erträgt man ein Buch, in dem fast auf jeder Seite gestorben wird? Diese Frage schoss mir während der Lektüre von Sally Nicholls‘ Keiner kommt davon durch den Kopf. Gleich vorne weg: Man erträgt es – und das bis auf ein paar herzzerreißende Szenen ganz gut. Denn Nicholls bietet mehr als den Horror einer Pest-Epidemie.

Die 14-jährige Isabel lebt im Jahr 1348 in England auf dem Land. Zusammen mit dem Vater, seiner zweiten Frau Alice und den Geschwistern Ned, Maggie und Baby Edward genießt sie das Dorfleben. Die beiden größeren Brüder sind aus dem Haus. Richard hat eine eigene Familie, Geoffrey ist Mönch geworden. Allerdings sind Isabel und ihre Familie Leibeigene des Adligen Sir Edward, und manchmal ist es wirklich anstrengend neben dem eigenen Feld, auch noch die Felder des Herren zu bestellen. Zum Glück gibt es Abwechslung auf dem Johannisfest – und es gibt Robin, in den Isabel verliebt ist.
Doch in diesem Jahr breitet sich das Übel aus: die Pest ist aus Frankreich nach England gekommen und rückt unaufhaltsam vor. Im Dorf hört man von den ersten Toten in der Stadt, dann in der Nähe. Menschen fliehen aus den Städten, ziehen durch das Dorf. Und bringen neben der Pest auch die Angst mit. Mit wachsendem Entsetzen beobachtet Isabel, wie immer mehr Menschen in ihrer Umgebung sterben. Ständig bimmelt die Totenglocken. Noch glaubt sie, dass Thymian und Rosmarin und der Heilige Beda sie vor dem Schwarzen Tod bewahren könnte. Doch ihre Sicherheit schwindet von Tag zu Tag. Als auch Robins Mutter stirbt, nimmt Alice den Jungen kurzerhand bei sich auf. Das Sterben zieht sich bis zum letzten Kapitel durch das Buch – und das ist manchmal wahrlich keine leichte Kost. Zumal man als aufgeklärter Mensch der Gegenwart eine Ahnung von Ansteckung und Ausbreitung von Krankheit hat. Man leidet mit und nimmt beständig das Schlimmste an, weil die Menschen in der Geschichte einfach nicht wissen, wie sie sich schützen können.

Denn vor allem eins hat Sally Nicholls ganz hervorragend dargestellt: das Leben und Sterben im Mittelalter. Man hauste mit dem Vieh unter einem Dach, sanitäre Anlagen und hygienisches Verhalten gab es auf dem Land kaum. Ratten waren allgegenwärtig. Vor 700 Jahren waren die Erreger der Pest noch unbekannt, man wusste nichts von Bakterien, sondern vermutete den Ursprung des Übels im Miasma, im Pesthauch, im Blick der Kranken. Ansteckung, Tröpfcheninfektion, Übertragungswege waren unbekannt, von Medikamenten wie Antibiotika, die wir heute mit schon fast zu großer Selbstverständlichkeit einnehmen, ganz zu schweigen. Hatte man sich infiziert, war das zumeist das Todesurteil, außer man entwickelte Abwehrkräfte.
Rettung erhofften sich die Menschen im Mittelalter von der Kirche oder sie flüchteten sich in den Aberglauben.

All dies schildert Nicholls aus Isabels Perspektive auf eine sehr mitreißende Art, so dass man trotz des Dauersterbens das Buch nicht mehr weglegt. Für Leser, die einen Faible für das Mittelalter haben, ist diese Geschichte eine gelungene Bereicherung. Denn Nicholls zeichnet kein geschöntes, romantisches Bild des Mittelalters, so wie es auf all den Mittelalterfesten im Land anzutreffen ist, sondern nähert sich – soweit das von heute aus möglich ist – der historischen Wahrheit sehr genau an. Das auch durch die sehr treffende Übersetzung von Beate Schäfer. Ein Glossar erläutert zudem die wichtigsten Begriffe aus der vergangenen Zeit.

Keiner kommt davon ist nicht nur eine sehr anschauliche Pest-Darstellung, sondern verweist darüber hinaus in unsere Gegenwart zurück, indem Sally Nicholls den Lesern plastisch vor Augen führt, wie gut es uns heutzutage geht, da die Medizin für eine Vielzahl von Krankheiten Arzneimittel und Behandlungsmöglichkeiten gefunden hat. Daran sollte man sich vielleicht beim nächsten Mittelalterfest erinnern, wenn man sich zur puren Unterhaltung in dieses Zeitalter flüchtet.

Sally Nicholls: Keiner kommt davon – eine Geschichte vom Überleben,  Übersetzung: Beate Schäfer,  Hanser, 2014, 288 Seiten,  ab 12, 14,90 Euro

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[Jugendrezension] Verschwimmende Grenzen

tomomiTomomi Ishikawa hat sich das Leben genommen. Ihrem besten Freund Ben Constable hinterlässt sie rätselhafte Botschaften, welche ihn auf eine Reise durch ihre Vergangenheit schicken. Ben begibt sich mit seiner imaginären Katze Cat auf eine Suche, die ihn durch Paris und New York führt. Dabei findet er unglaubliche Sachen über Tomomi heraus. War Tomomi eine Mörderin? Sind ihre Geschichten nur einer blühenden Fantasie entsprungen? Ist sie wirklich tot? Ben weiß nicht mehr, was er glauben soll.

Autor Benjamin Constable und die Hauptperson tragen denselben Namen. Das ist merkwürdig, passt aber gut zum Roman, denn hier verschwimmen die Grenzen von Realität und Fiktion. Auch nach dem Lesen bin ich mir nicht sicher, was in der Geschichte alles nicht stimmte. Nur eins kann ich mit Sicherheit sagen: Die drei Leben der Tomomi Ishikawa zählt zu den Büchern, die eine Weile im Kopf bleiben.
Benjamin Constable schreibt in einer Sprache, die leicht und schwermütig zugleich ist. Es geht viel um traurige Themen wie Tod, Verlust und Sterbehilfe, welche beim Lesen nachdenklich machen. Dies ist kein Buch, das man nebenbei liest.
Der Autor glänzt durch tolle Ortsbeschreibungen. Er schafft es, jeden Moment so einzufangen, dass man ihn bildlich vor sich sieht.

Empfehlen würde ich das Buch für Jugendliche ab 14 und für Erwachsene. Das Buch ist oft traurig und nachdenklich, aber an vielen Stellen muss man auch lachen oder schmunzeln. Die drei Leben der Tomomi Ishikawa ist anders als die meisten Bücher – genau deshalb sollte man es lesen!

Juliane (15)

Benjamin Constable: Die drei Leben der Tomomi IshikawaÜbersetzung: Sandra Knuffinke/Jessika Komina, script5, 384 Seiten, 18,95 Euro

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Konventionen über Bord

vier beutel asche boris kochIch möchte ein neues literaturwissenschaftliches Thema zur Untersuchung vorschlagen: Welche Rolle spielt die Asche von Verstorbenen im zeitgenössischen Roman oder auch Film? Mir scheint, immer öfter taucht dieses Motiv in Geschichten auf … neuestes und sehr beeindruckendes Beispiel ist der Roman Vier Beutel Asche von Boris Koch.

Jans bester Freund, Christoph, ist kurz vor seinem siebzehnten Geburtstag bei einem Verkehrsunfall getötet worden. Jan hadert und kann sich mit dem Verlust nicht abfinden. Er sucht nach Gründen für den Tod des Freundes und will ihn rächen. Doch Jan bringt es nicht fertig, dem Autofahrer, der Christoph angefahren hat, ernsthaften Schaden zuzufügen. An Christophs Geburtstag geht Jan nachts zum Grab des Freundes und trifft dort auf Maik, einen Kumpel, der sich gerade eine Kugel in den Kopf jagen will, weil er sich für Christophs Tod verantwortlich fühlt. Jan hält ihn auf. Plötzlich tauchen auch noch Selina, Christophs Freundin, und Lena auf, von der niemand weiß, in welchem Verhältnis sie zu Christoph stand.

Jeder der Jugendlichen ist auf seine Weise über den Tod des Freundes bestürzt und sucht einen Weg, damit weiterleben zu können. Einig sind sich die vier am Grab dann aber ganz schnell, dass Christoph hier in dem kleinen Dorf bei Augsburg nicht begraben sein sollte. Er wollte weg und hatte sich als letzten Willen eine Seebestattung gewünscht. Nach anfänglichem Zaudern kommen sie überein, dem toten Freund diesen letzten Willen zu erfüllen. Sie graben die Urne aus und füllen seine Asche in vier Plastikbeutel. Noch in der Nacht machen sie sich auf einem Motorrad und einem Roller nach Frankreich auf, in das Dorf, wo Christoph Ferien gemacht hatte.

Auf dem Weg ans Meer erlebt das Quartett all das, was zu einem klassischen Road Roman dazugehört: Das wenige Geld, das sie für Lebensmittel und Benzin dabei haben, wird ihnen geklaut, Essen und Sprit müssen also geschnorrt werden. Sie treffen auf feierwütige Franzosen, gehen der Polizei aus dem Weg, weil sie fürchten wegen Grabschändung und Leichenraub verhaftet zu werden – wobei sie nicht einmal wissen, ob bei der Asche von einer Leiche gesprochen werden kann. Und sie kommen sich näher. Sie erzählen, wie sie Christoph kennengelernt und was sie mit ihm erlebt haben. Draufgänger Maik ist mit ihm nackt einen Berg heruntergeskatet, Selina hat mit ihm auf der Müllhalde Frösche und Schrott fotografiert, für Jan war Christoph wie ein Bruder, mit dem er gekickt hat, und Lena hat miterlebt, wie Christoph sich schützend vor die Mutter stellte, als sein Vater mal wieder zugeschlagen hat. Peu à peu kommen die Geheimnisse der Jugendlichen heraus, und sie müssen feststellen, dass niemand von ihnen Christoph bis ins Kleinste gekannt hat.

Jan ist erleichtert, dass Lena, in die er sich im Laufe der Tour immer mehr verliebt, nichts mit Christoph hatte. Denn für ihn wäre die Freundin des besten Freundes tabu. So jedoch entwickelt sich zwischen den beiden eine zarte Liebe – die wiederum den Unwillen von Selina erregt.
Nach einem Abstecher nach Paris gelangen die vier schließlich nach Finistere und lassen Christophs Asche in den Atlantik gleiten. Verändert und gereift kehren sie nach Hause zurück.

Boris Koch rührt mit Vier Beutel Asche an einem Tabu: Darf man das? Darf man die Asche eines Toten wieder ausgraben, um einen letzten Willen zu erfüllen? Manchen Menschen wird das sicherlich zu weit gehen, gegen die Konvention und den guten Ton. Die sollten dann die Finger von diesem Buch lassen. Für alle anderen werden sich diese Fragen ganz schnell nicht mehr stellen. Denn ja, man darf das, wenn das Motiv so eine Herzensangelegenheit ist wie bei diesen vier Helden. Der Konventionsbruch wird zum fesselnden Startpunkt für eine Reise ins Erwachsenen-Dasein. Die Jugendlichen lernen sich nicht nur gegenseitig kennen, sondern auch die Facetten des Lebens – das Gefühlschaos der Jugend, die Gewalt der Erwachsenen, die Nähe des Todes und das Recht auf Geheimnisse, das jeder Mensch hat.

Koch erzählt schnörkellos, geradeheraus und bringt damit den großen Lebens-Themen den nötigen Respekt entgegen. Herausgekommen ist dabei ein Pageturner, den man nicht eher aus den Händen legt, bevor die letzte Seite erreicht ist und man als Leser endlich sicher ist, dass Christophs letzter Wunsch erfüllt ist und Jan und seine neuen Freunde auf dem richtigen Weg ins Leben sind.
Und Kochs Hommage an The Big Lebowski und die gegen den Wind verstreute Asche von Donny ist einfach überaus charmant …

Boris Koch: Vier Beutel Asche, Heyne fliegt, 2012,  384 Seiten,  ab 15, 17,99 Euro

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Satt an Tagen

goodbye uromaUroma ist 92 und hat einen Entschluss gefasst: Am 14. September um 17 Uhr will sie sterben. Dann hat sie 33770 Tage gelebt, das reicht ihr, sie ist satt an Tagen. Und das möchte sie an dem Tag mit einem großen Fest im Kreis ihrer Familie und Freunde gebührend feiern. Das ist dem 11-jährigen Mikael nicht genug. Er lässt sich von der Schule befreien, um die restlichen zwölf Tage mit der geliebten Uroma zu verbringen.

Gemeinsam bereiten Urenkel und Uroma nun alles für den großen Tag vor: Sie kaufen orangefarbenen Stoff für das Leichenhemd, suchen einen schlichten weißen Sarg aus, unterrichten den Pfarrer über Uromas Musikwünsche für die Trauerfeier (die alte Dame steht auf Elvis und besteht auf „Return to Sender“), sie veranstalten einen Nachlass-Flohmarkt mit Uromas Habseligkeiten und machen einen letzten Ausflug.

Zwischendrin erzählt Uroma Mikael von den schönen und weniger schönen Dingen aus ihrem Leben, trainiert im Sarg das Sterben – und bringt dem Jungen quasi nebenher bei, dass der Tod zum Leben gehört.

Jetzt könnte man meinen, dieser amüsante Umgang mit dem Sterben sei pietätlos und gehöre sich nicht, doch der Norwegerin Eli Rygg gelingt es auf sehr charmante Art, sich diesem schweren Thema leicht und liebevoll zu nähern. Sein Leben auf natürliche Art und Weise selbstbestimmt zu beenden wird bei ihr zu einer erstrebenswerten Selbstverständlichkeit und hat etwas ungemein Tröstliches. Denn Uroma nutzt die Zeit davor, „den inneren Komposthaufen“ zu wenden, Versäumtes nachzuholen und ihrem Urenkel die Dinge zu gestehen, die sie bereut.

Erstaunlicherweise baut sich selbst bei der eher traurigen Aussicht auf Uromas Ende eine Spannung auf, ob ihr Vorhaben wirklich gelingt …

Man sollte sich von dem etwas sonderbaren Buchcover nicht abschrecken lassen – dahinter erwartet den Leser eine außergewöhnliche Geschichte, die eines der letzten Tabus unserer Zeit ankratzt und gleichzeitig das Leben feiert.

Eli Rygg: Goodbye, Uroma!, Übersetzung: Nina Hoyer, Gerstenberg Verlag, 2012, 221 Seiten, ab 9, 12,95 Euro

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Zum Heulen schön

Es gibt nur sehr wenige Bücher, die mich zum Weinen bringen. Patrick Ness, der in Sieben Minuten nach Mitternacht das literarische Vermächtnis der Autorin Siobhan Dowd umgesetzt hat, aber hat es geschafft, dass ich heulend im Zug von Frankfurt nach Hamburg saß. Auf äußerst berührende Weise erzählt er die Geschichte von Conor und dem Monster.

Immer um sieben Minuten nach Mitternacht taucht das Monster, das die Form einer riesigen Eibe hat, in Conors Zimmer auf und fordert den 13-Jährigen auf, sich seinen Ängsten zu stellen. Und Conor hat unglaubliche Angst. Denn seine Mutter ist todkrank. Von den Behandlungen ist sie so geschwächt, dass sie sich nicht um ihren Sohn kümmern kann. Allein macht er sich also das Frühstück und trägt den Müll hinaus. Als es der Mutter eines Tages noch schlechter geht, zieht die Großmutter im Haus ein. Conor kann sie nicht ausstehen, die Großmutter kann nichts mit dem Enkel anfangen. Doch sie müssen sich zusammenraufen, denn die Mutter muss schließlich ins Krankenhaus.

Conor ist niedergeschlagen. Alle um ihn herum behandeln ihn wie ein rohes Ei, seine Klassenkameraden ziehen sich immer mehr zurück, niemand nimmt ihn mehr wahr. Er scheint quasi zu verschwinden. Nur das Monster ist da, pünktlich um 12:07 Uhr. Es erzählt Conor drei märchenhafte Geschichten vom Leben – und er lernt sich seiner Wut, seiner Angst und seiner Trauer zu stellen.

Diese Geschichte vom Leben und Sterben ist schwere Kost und verdammt herzzerreißend – und trotzdem macht sie extrem viel Mut, sich den eigenen Gefühlen zu stellen, sie wahrzunehmen und sie auszusprechen.

Die eindrucksvoll-düsteren Illustrationen von Jim Kay unterstreichen die melancholische Stimmung aufs trefflichste. Bettina Abarbanell hat den Text auf den Punkt aus dem Englischen übersetzt.

Patrick Ness (nach einer Idee von Siobhan Dowd): Sieben Minuten nach Mitternacht, cbj Verlag, Übersetzung: Bettina Abarbanell, Illustration: Jim Kay, 215 Seiten, ab 12, 16,99 Euro

 

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