Junges Gemüse schließt Freundschaft

erbseDie Schottin Morag Hood ist eine wunderbare Neuentdeckung! 2015 hat sie an der Cambridge School of Art ihren Master in Illustration gemacht, seitdem lebt sie wieder in ihrer Heimatstadt Edinburgh. Lilli und Lotte – Erbse und Karotte (Original: Colin and Lee) heißt ihr Debüt, das 2014 gleich für den britischen Macmillan Prize für Illustration nominiert wurde.

Quietschgrün ist Lilli, die Erbse. Warmorange Lotte, die Karotte. Eigentlich haben die beiden nichts gemein. Lilli ist immer mittendrin, umgeben von ungezählten grünen Freunden. Lotte ist, so scheint es, allein unterwegs. Lilli, klein und rund und doch nicht gleich, sprüht vor Verschmitztheit. Lotte ist lang aufgeschossen und so akkurat rechteckig geschnibbelt, dass sie wie ein Musterbeispiel an Zurückhaltung wirkt. Lilli grinst unternehmungslustig über beide Ohren. Lotte guckt abwartend und ein bisschen traurig in die Gegend.

Eines Tages treffen die beiden aufeinander, zufällig. Lilli, die Erbse, erkennt schnell: Die sieht aber anders aus. Und nicht nur das. Die orange Fremde kann nicht mal rollen, geschweige denn hüpfen. Und inmitten der Erbsentruppe fällt sie so sehr auf, dass sie zum Versteckspielen gleich gar nicht geeignet ist. Hmm, was also tun? Aneinander vorbeigehen? Oder lieber rauskriegen, was die andere so draufhat?

Nun, Lilli ist nicht nur verschmitzt, sondern auch neugierig und sehr mutig. Fix hat sie raus, dass mit Lotte andere Spiele möglich sind. Denn Lotte kann so vieles sein: Ein riesenhoher Turm. Eine Brücke, die über einen tiefen Graben führt. Und eine superschräge Rutsche, die am liebsten alle Erbsenkinder gleichzeitig ausprobieren würden. Hui, da kommt Leben auf!

Erbse und Karotte, das ist wahrlich nicht dasselbe. Aber Lilli und Lotte stört das nicht, denn sie haben eines entdeckt: Freundschaft!

Ganz schön pfiffig, dieses Bilderbuch von Morad Hood rund um zwei Gemüsesorten, die auf der Hitliste von Kindern (und Erwachsenen) nicht gerade an erster Stelle stehen. Doch schnell entdecken Klein und Groß, dass Erbsen und Karotten nicht nur gesund sind. Im Gegenteil: Putzmunter erkunden sie die Welt, lässt man sie erst mal von der Leine. Und das tut die Illustratorin, die gekonnt mit reduzierten Farben und Formen spielt. Und grandios mit dem Minenspiel ihrer Helden: Punktaugen und Strichmünder spiegeln alle denkbaren Emotionen zwischen Ängstlichkeit und Mut, Alleinsein und Gemeinschaft, Anderssein und Toleranz.

Ein kluges Debüt, fein und nuanciert. Da capo!

Heike Brillmann-Ede

Morag Hood: Lilli und Lotte — Erbse und Karotte, Übersetzung: Anke Katz, Thienemann, 2017, 32 Seiten, ab 4 (und jedes Alter!), 11,99 Euro

 

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Neugierde ist Trumpf

sammelsuriumVor Jahren gab es Bücher mit Namen Schotts Sammelsurium, ein Quell von wild durcheinander gewürfeltem Wissen, in denen man nach Belieben hin und her blättern und immer etwas Interessantes oder Unbekanntes entdecken konnte. Die eine oder der andere wird sich erinnern.

Nun gibt es eine grafisch ganz wunderbar aufgemachte Variation dieses Prinzips für junge Lesende. Autor Richard Platt hat zusammen mit Illustrator James Brown auf je einer großformatigen Doppelseite 30 Themen zusammengestellt. Und zwar querbeet. Da erfährt man, wie (Seemanns-)Knoten geschlagen werden, aus welchen Teilen ein Fahrrad besteht, was für Bleistifte und Pinsel es gibt. Die vermeintlich so einfachen, unwichtigen Dinge unseres Alltags werden hier zu faszinierenden Kunstwerken. Allein die Variationen von Schrauben und Nägeln, die man im normalen Leben so gar nicht beachtet, sind beeindruckend.

Doch die Themen streifen auch komplexere Bereiche unseres Lebens. Den Aufbau des menschlichen Körpers aus Knochen und Organen, bis hin zum menschlichen Auge. So geht es von unserer eigenen Haut nach draußen in die Welt, in der wir uns mithilfe von verschiedenen Alphabeten verständigen. Beispielsweise durch die Buchstabier-, Morse- und Winkeralphabete, das griechische Alphabet oder auch durch das internationale Signalbuch.

Egal, ob man vorn anfängt oder kreuz und quer blättert, in diesem Sammelsurium bleiben Wissensdurstige immer an etwas hängen. Seien es die stylischen Infografiken, die auf jeder Doppelseite immer nur in einer eleganten Farbe gestaltet sind, oder die kurzen Texte, die mit Fakten und erstaunlichem Wissen vollgestopft sind.
Nach und nach entsteht unsere Welt mit (fast) all ihren faszinierenden Facetten. Selbst Themen, die für mich als Jugendliche total unverständlich oder dröge waren wie Chemie oder Mineralienkunde, entfalten hier eine gewisse Sogwirkung. Man möchte weiter schauen, mehr wissen, anfangen zu forschen, Schriften selbst malen, ein Musikinstrument lernen, ein Konzert besuchen oder einfach nur die Wolken anschauen.

Platt und Brown, in der geschmeidigen Übersetzung von Christiane Manz, gelingen eine Art von Wissensvermittlung, die Spaß macht und deren ästhetische Aufmachung an Eleganz kaum zu überbieten ist. Das ist auch für große Lesende schön und genauso spannend, denn hier erfährt jeder etwas Neues und wird neugierig gemacht auf die Welt da draußen.

Richard Platt: Das große Wissens-Sammelsurium, Illustration: James Brown, Übersetzung: Christiane Manz, Gerstenberg Verlag, 2016, 64 Seiten, ab 10, 19,95 Euro

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Gefühl Nummer Drei

zangeIn Plüschgewittern ließen sich nicht mehr ganz junge Menschen Anfang der 90er Jahre noch treiben. So nannte Wolfgang Herrndorff sein Romandebüt, das gleichzeitig diese freudig entspannte Stimmung im Berlin wenige Jahre nach dem Mauerfall beschrieb, mit Parties in halb zerfallenen Häusern, Leben in billigen Altbauwohnungen, alles wunderbar unhip und weit entfernt von Gentrifizierung, Start-ups und Selbstverwirklichungswahn.

25 Jahre später bewegt man sich in wesentlich widrigeren Elementen: Realitätsgewitter machen die Endzwanziger in Julia Zanges Roman zu Getriebenen. Diese Realitäten sind überwiegend virtuelle, die aber für die Protagonisten der Gegenwart die einzig realen und der tatsächliche Lebensraum zu sein scheinen. Mit dem Smartphone verwachsen fühlen sie sich nur unter dem Dauerbombardement von Nachrichten und Tweets lebendig. Ohne zig Friends und Followern auf Facebook und Twitter existiert man nicht, ein permanenter Zwang mehr zu scheinen als zu sein. Julia Zanges Heldin aber kann sich nicht länger erfolgreich mit permanenten Parties, pseudophilosophischem Geplauder, oberflächlichen Beziehungen und tristem Sex betäuben und über das Gefühl der hohlen Sinnlosigkeit hinwegtäuschen. „In den letzten Monaten ist etwas passiert. Etwas ist verschwunden und etwas anderes ist aufgetaucht“, stellt Marla auf den ersten Seiten fest. „Das ganz große Versprechen, das immer in mir schlummerte, etwas, das auf Erlösung hoffte, ein Wunder, ein unsinniger und irrsinniger Antrieb, eine naive Hoffnung, eine Frage – das gibt es nicht mehr. Es wurde ersetzt durch eine blanke, tiefe Traurigkeit, ein seltsames Wohlgefühl und eine Art Langeweile.“

So auf den Punkt beschreibt Julia Zange das Gefühl der Ernüchterung und Enttäuschung, das viele auf dem Weg zum Erwachsenwerden empfinden. „Denn auch wenn bei Gefühl 1 der Boden immerzu schwankte, gab es eine Intensität der Dinge, einen Zauber. Gefühl 2 brachte die Gewissheit, dass sich das Versprechen niemals einlösen wird, dass es keine andere Welt gibt als diese eine.“

Vermeintlich verliebt in einen neurotisch unverbindlichen Amerikaner und Kokskopf mit Hygienefimmel, angeödet vom Praktikum bei einem hippen Modemagazin, von Papa aus emotionaler Erpressung der Geldhahn zugedreht und komplett ideenlos versucht Marla der Leere ihres Lebens zu entkommen. Dazu reist sie zurück ins wohlstandsverwahrloste Elternhaus in die nordrhein-westfälischen Provinz und nach Sylt, um schließlich doch wieder nach Berlin und schließlich auch zu sich selbst zurückzufinden.

Mit sehr viel, gänzlich unkitschigem Lokalkolorit und schlaglichtartig aufblitzenden, politischen Ereignissen des Jahres 2015 (Flüchtlinge, Merkels „wir schaffen das“, Attentat in Nizza) haut die knapp 30-jährige Julia Zange eine höchst moderne Coming-of-Age-Geschichte raus. Weil das alles sehr klug beobachtet ist, darf es gelegentlich etwas altklug klingen, Marla nennt es „kitschigen Facebook-Eintrag“, Altklugheit ist schließlich ein Privileg der Jugend. „Wir haben eine Entscheidungsfreiheit, jede Sekunde. Aber das Seltsamste, was jetzt passiert, ist, dass auf einmal Gefühl 3 auftaucht“, erkennt Marla. „Und das hat etwas mit den anderen Menschen zu tun. Vielleicht kann man erst mit jemandem befreundet sein, wenn man den Falter von seinem Herzen entfernt hat.“

Junge Frauen auf der Suche nach sich und dem Sinn des Lebens in Berlin – das ist als Thema nicht neu. Noch nie hat man es aber so gegenwärtig und nicht zuletzt so elegant formuliert gelesen wie in Realitätsgewitter.

Elke von Berkholz

Julia Zange: Realitätsgewitter, Aufbau Verlag 2016, 157 Seiten, junge Erwachsene, 17,95 Euro

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Tierische Bilderbücher

tierSeit Ende Januar feiern die Chinesen das Jahr des Hahns. Es soll Glück bringen für kommende Projekte. Eigentlich ein gutes Omen.

Ein Projekt hat auch Die kleine rote Henne von Pilar Martinez. Sie lebt mit ihren Küken auf dem Bauernhof und will ein Brot backen. Beim Bestellen des Feldes, beim Aussäen des Weizens, bei der Ernte, dem Mahlen der Körner und beim Backen könnte sie eigentlich ziemlich gut Hilfe gebrauchen. Doch ihre Mitbewohner Hund, Katze und Ente sind zu faul, schläfrig und lärmend und lehnen die wiederkehrende Frage, wer hilft, mit einem „Ich nicht!“ ab.
Da es bekanntermaßen so aus dem Wald herausschallt, wie man hineinruft, reagiert die kleine rote Henne am Ende dementsprechend, was hier mal nicht verraten wird.

Dieses freche spanische Volksmärchen ist eine entzückende Lektion in Sachen Hilfsbereitschaft, die kleinen Lesern durchaus zu denken geben wird. Und nicht nur denen.

Was mich bei diesem Buch noch ganz besonders freut, ist, dass die wunderbare Übersetzerin Ilse Layer auf dem Cover neben der Autorin und dem Illustrator genannt wird (wenn auch unverständlicherweise kleiner gedruckt). Das kommt in der deutschen Verlagslandschaft noch viel zu selten vor und sollte doch eigentlich selbstverständlich sein. Diesem Vorbild dürften andere Verlage bitte folgen.

Eine ebenso entzückende Federviehgeschichte ist die von Fledereule Eulenmaus der irischen Illustratorin und Schriftstellerin Marie-Louise Fitzpatrick. Ganz ohne Worte schildert sie die liebenswerte Begegnung zweier nachtaktiver Spezies des Tierreichs.

Da sitzt zunächst eine vierköpfige Eulenfamilie selig schlafend nebeneinander auf einem Ast, als sich eine Fledermausfamilie unter ihnen an den selben Ast hängt. Zunächst beäugt man sich misstrauisch, rückt auseinander und verbietet seinen Kindern den Kontakt während der Schlafenszeit.
Als ein Windstoß den Baum schüttelt, fällt das Getier vom Baum, und nun sammeln die besorgten Mütter ihren Nachwuchs wieder ein, allerdings nicht nur den eigenen, sondern auch den der Astnachbarin. Mittlerweile ist der Vollmond rund hinter dem Baum aufgegangen, die Lütten sind hellwach und alle rücken dichter zusammen.

Solidarität, Hilfsbereitschaft und Freundschaft brauchen hier keine Worte. Mutterliebe ist universell, und gemeinsam mit seinen Freunden macht die Erkundung der Nacht gleich doppelten Spaß. Braucht man mehr, um Kindern Offenheit und Toleranz zu zeigen? Ich glaube nicht.

bilderbücherDicke Freunde sind auch die beiden Wollschweinferkel Krümel & Fussel von Judith Allert. Sie führen ein schweinotastisches und wunderborstiges Leben voller Gegrunze, Geknurpse, Gemampfe und Gebuddel auf dem Bauernhof. Es fehlt ihnen an nichts. Nachts kuschelt die Großfamilienwollschweinsippe sich zusammen und veranstaltet ein Schnarchkonzert.
Doch eines Abends entdeckt Krümel ein faszinierendes Funkellicht. Er will ihm folgen, wird jedoch vom Zaun gestoppt. Was aber so ein abenteuerlustiges Wollschwein ist, das lässt sich natürlich nicht von einem einfachen Lattenzaun aufhalten. Am nächsten Morgen ziehen die Freunde los, finden ein Loch im Zaun und weiter geht es, immer dem Rüssel nach. Der dunkle Wald bei Nacht, die unheimlichen Geräusche und die fremden Waldbewohner halten die beiden nicht auf, um näher zum Funkellicht zu kommen.

Dass manchmal ein Perspektivwechsel des Rätsels Lösung bringen kann, erkennen die Freunde schon bald. Dass so eine Erkenntnis auch noch weitere Folgen hat und man manchmal einfach seinem Rüssel folgen muss, auch. Die beiden knuffigen Wollschweine machen einfach Lust darauf, dem eigenen Forscherdrang nachzugeben und den eigenen Weg unbeirrt weiterzugehen.

bilderbücherSo könnte das Leben eigentlich ganz wunderbar sein, wenn da nicht der nervige Schluckauf wäre. Vor allem, wenn er im ungelegensten Moment auftaucht und dann nicht mehr verschwindet, wie in Christian Gutendorfs Bilderbuch Hicks!
Krokodil Egbert kann ein Lied so einem Schluckauf singen. Als er eines Tages nach der Fütterung selig schlummert, schlägt der Aushilfsunterpfleger Tim die Tür mit so einem Ka-Bumm zu, dass es Egbert von seiner Mama runterschmeißt. „Eine Weile nix. Dann … Hicks“, so heißt es fort an. Es schüttelt und rüttelt und schmeißt Egbert hin und her, es ist herzerweichend.

Was macht man bei Schluckauf? Klar, man fragt andere um Rat. Egbert konsultiert Walross Wally, Mick, die Maus, Giraffe Ruth und noch so einige andere Zoobewohner. Doch nichts hilft, Luftanhalten nicht, Käse essen nicht, trocken schlucken erst recht nicht. Es ist zum … Hicks!

Und wenn schließlich alles nichts mehr geht, dann, ja dann sucht man auch endlich mal den Arzt auf. Egbert ist da nicht anders und traut sich endlich zum Tierarzt …

Liebevoll gereimt und humorvoll gezeichnet widmet sich Christian Gutendorf einem alltäglichen Phänomen, das zwar lästig, aber nicht lebensbedrohlich ist – und für das jeder sein eigenes Rezept entwickeln muss. Bis dahin ist diese Lektüre so wunderbar unterhaltsam, dass jede_r Schluckauf habende Leser_in vermutlich vor Lachen das nervige Gehickse wieder los wird …

 

Pilar Martinez: Die kleine rote Henne, Übersetzung: Ilse Layer, Illustration: Maro Somà, Aracari, 2017, 36 Seiten, ab 4, 13,90 Euro
Marie-Louise Fitzpatrick: Fledereule Eulenmaus, Sauerländer, 2017, 32 Seiten, ab 4, 14,99 Euro
Judith Allert: Krümel & Fussel immer dem Rüssel nach, Illustration: Joelle Tourlonias, Ravensburger, 2017, 32 Seiten, ab 4, 13 Euro
Christian Gutendorf: Hicks! Ein Krokodil hat Schluckauf, Lappan, 2017, 44 Seiten, ab 4, 12,99 Euro

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Die Höhen und Tiefen des Lebens

Bekanntermaßen ist das Leben kein ununterbrochener  Kindergeburtstag. Vor allem, wenn psychische Krankheiten das Leben dauerhaft prägen. Diese Leiden Kindern zu erklären und ein Verständnis in ihnen zu wecken, ist ein schwieriges, wenn nicht gar heikles Unterfangen. Ulrich Fasshauer hat es gewagt und mit Das U-Boot auf dem Berg einen liebevoll rasanten Kinderoman zum Thema vorgelegt.

Mauritius ist zwölf und erst vor kurzem mit den Eltern aufs Land gezogen, irgendwo nach Norddeutschland, wo er von dem Hügel, auf dem ihr Haus steht, das Meer sehen kann (warum auf dem Buchcover im Hintergrund die Berge zu sehen sind, ist mir ein Rätsel…). Das Meer ist Mauritius große Leidenschaft, je tiefer und dunkler desto besser. Sein Zimmer ist dementsprechend eingerichtet und über die Bewohner der Tiefsee weiß er Bescheid. Nur redet Mauritius nicht besonders viel. Die Welt scheint ihn zu überfordern. Wenn alles extrem zu viel wird, wendet er sich an seinen imaginären Freund Herrn Glimm, einen Laternenfisch. Ihn füttert er mit allem, was ihn ärgert. Das sind momentan vor allem die neuen Klassenkameraden, die mit seinem Schweigen nicht viel anfangen können.

So bleibt es natürlich nicht. Eines Tage taucht Mauritius Onkel Christoph auf, ein gescheiterter Rockmusiker, der manisch-depressiv ist. Von dieser tückischen Krankheit bekommt Mauritius zunächst noch nicht viel mit, denn Christoph ist gerade in seiner manischen Phase und stellt das ruhige Leben der Familie gehörig auf den Kopf. Das nervt Mauritius anfangs ziemlich, so dass er den Onkel am liebsten an Herrn Glimm verfüttern würde. Wäre da nicht die anregende, mutmachende, lebensbejaende Seite von Onkel Christoph, an der sich Mauritius so gern anstecken würde. Denn Onkel Christoph ist auch ziemlich cool und erfüllt Mauritius seinen größten Wunsch zum Geburtstag, mit der Folge, dass der Kindergeburtstag völlig aus dem Ruder läuft. Onkel Christoph wird in die Psychiatrie eingeliefert, und da merkt Mauritius, wie anders der Onkel wirklich ist.

Fasshauer schreibt konsequent aus der Perspektive seines Ich-Erzählers, so dass das ungewöhnliche Verhalten des Onkels zunächst nicht unter den Beurteilungswahn der Erwachsenenwelt fällt. Erst nach und nach wird klar, dass es sich hier nicht um eine gewöhnliche Überdrehtheit handelt, sondern um wirklich krankhaftes Verhalten.
Wenn schon Erwachsene diese komplexe und unberechenbare Krankheit nicht so richtig einschätzen und angemessen damit umgehen können, ist dieses für Kinder natürlich noch um Längen schwieriger. An was soll man sich halten, wenn das Gegenüber von einer Sekunde auf die andere alles Gewohnte über den Haufen wirft, Regeln missachtet und seine eigenen Wahrheiten propagiert? Mauritius hält sich tapfer, versucht, Onkel Christoph nicht zu verurteilen, und entdeckt schließlich die liebenswerten Seiten des Onkels, die natürlich einen Einfluss auf ihn selbst haben.

In all dem Chaos, das Onkel Christoph anrichtet, erlebt Mauritius und mit ihm die jungen Lesenden, was für eine Belastung eine psychische Krankheit eines Angehörigen sein kann, aber auch, dass der Betroffenen dennoch ein liebenswerter und wichtiger Teil im Leben der Familie ist. Fasshauer schafft es so, dass Verständnis und Toleranz für psychisch Erkrankte steigt und man nicht verzweifelt. Denn es gibt immer einen Weg, wie man mit diesen Menschen und ihren Phasen umgehen kann.

Mauritius macht – mit anderen Worten – den Kindern Mut. Mut, sich einzulassen auf Ungewohntes, Mut, über den eigenen Schatten zu springen, Mut, Neues zu wagen. So wird das eigene Leben selbst durch eine Krankheit eines anderen bunter und lebenswerter.

Ulrich Fasshauer: Das U-Boot auf dem Berg, Tulipan, 2017, 188 Seiten, ab 10, 13 Euro

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Keine Lust auf Konventionen

Dies ist ein Schlag ins Gesicht aller Märchenliebhaber: Obwohl Sebastian Meschenmosers Bilderbuch Rotkäppchen hat keine Lust ganz harmlos, geradezu klassisch, daherkommt, bricht es auf witzige Art mit allen Konventionen. Keine schreiend bunten Farben, nur dezent kolorierte, gegenständliche Illustrationen in normalem Buchformat – und doch entfaltet sich hier eine Geschichte, die es in sich hat. Es beginnt aus der Perspektive des ziemlich knuddelig wirkenden Wolfs. Der lebt in einer Höhle, die schön gruselig wie das Maul eines Monsters aussieht. Er ist auch kein Kuschel-, sondern ein echtes Raubtier, das gegen seine schlechte Stimmung dringend ein süßes Kind fressen muss. Der Plan ist klar: „Kind in ein Gespräch verwickeln, danach Wald, Höhle, Kochtopf, Zack!“

Aber da hat er die Rechnung ohne Rotkäppchen gemacht. Das hat nämlich so richtig schlechte Laune, weil es die Großmutter besuchen muss: „Eine Stunde hin, komische Fotoalben angucken, öde Geschichten anhören und dann eine Stunde zurück. Der Sonntag ist jedenfalls hin!“ Das Mädchen ist so sauer, dass es gar nicht kapiert, in welcher Gefahr es schwebt. Als der Wolf auch noch sieht, was es als Geburtstagsgeschenke im Korb hat – einen Ziegelstein, eine Socke, einen Kaugummi – ist er fassungslos. Also pflückt er Blumen, backt einen Kuchen und kauft Wein. Und versteht sich wunderbar mit der alten Dame, die beiden werden ein Herz und eine Seele.

Rotkäppchen wird währenddessen kein bisschen lieblicher, es sieht richtig hässlich mit seiner wütenden Miene aus. Erst ganz zum Schluss entwickelt es sich sehr attraktiv und in seinem Sinne. Die erfrischend direkte Erzählweise macht klar: Rotkäppchen hat keine Lust auf die Opferrolle.

Endlich räumt mal jemand damit auf: Viel zu selbstverständlich werden Märchen in klassischer Form wieder und wieder erzählt und als große Tradition gefeiert. Und wenn das bisher mal jemand in Frage gestellt hat, dann oft zu plakativ und nicht so deutlich auf den Punkt gebracht wie jetzt von Sebastian Meschenmoser. Seine Bildsprache ist zwar nicht sonderlich kunstvoll und raffiniert und auch nicht jedermanns Geschmack. Tiere gelingen ihm aber besonders gut und sind charmante Nebendarsteller. Grandios ist der genervt guckende Kater, der in einer Anspielung auf die Bremer Stadtmusikanten drei gestapelte Hühner beim Foto-Shooting auf seinem Rücken ertragen muss, während sich daneben zwei Mäuse köstlich amüsieren.

Jetzt könnte Meschenmoser eigentlich mit Christian Andersens Aufopferungsklassikern wie der kleinen Meerjungfrau und dem Mädchen mit den Schwefelhölzern gleich so weiter verfahren.

Tierisch genervt ist auch der Held im Bilderbuch Grododo. Für Michaël Escoffiers verhinderte Schlafgeschichte und Kris di Giacomos skurrile, puristisch in nächtlichem Schwarz, Grau und Braun gehaltene Illustrationen mache ich sogar eine Ausnahme meiner Regel, Bücher mit bekleideten Tieren abzulehnen. Das Nachthemd hätte der müde Hase zwar nicht gebraucht, die Melone auf seinem Kopf funktioniert aber als Magritte-Zitat und damit als Synonym für den typischen Spießer gut. Der Hase Cäsar kann nämlich nur nach einem Standardritual schlafen: Glas Wasser auf den Nachttisch stellen, Pantoffeln auf den kleinen Teppich, überprüfen, ob sich keine Monster unterm Bett verstecken, Teddy knuddeln, Augen nacheinander schließen, auf beiden Ohren einschlafen.

Und dann beginnt auf den folgenden Seiten das onomatopoetische, also lautmalerische Fest:TOCK, TOCK, TOCK klopft es laut auf einer Doppelseite. Cäsar schreckt auf und ist gleich empört: Ein Vogel nagelt mitten in der Nacht seine Bildergalerie an. Kaum ist der ignorante Kunstliebhaber verscheucht, beginnt Cäsar von neuem mit seinem Ritual. Nur um gleich von einem martialisch laut Nüsse kackenden Eichhörnchen aus dem Schlaf gerissen zu werden. CRUNCH, CRUNCH, CRUNCH, QUIETSCH, QUIETSCH, QUIETSCH, BUMM, BUMM, BUMM – so geht es immer weiter. Und die Einschlafroutine wird immer chaotischer. Ein großer Spaß ist es, zu beobachten, welche Fehler sich vor lauter Übermüdung einschleichen.

Einziger Grund zu Mäkeln: Es müsste nicht „Crunch“ heißen; das versteht hierzulande zwar mittlerweile jedes Kind. Aber warum nicht, da es doch ums Nüsseknacken geht,  KNACK, KNIRSCH, KNURPS? Man könnte sich noch so einige laute Geräusche vorstellen, die durch die Dunkelheit hallen, verursacht von Nachtaktiven, Bettflüchtern und sonstigen Somnambulen.

Wir lernen: Die Nacht ist nicht nur zum Schlafen da. Einschlafrituale sollten nicht zu kompliziert sein. Und: Man muss IMMER mit Monstern unterm Bett rechnen.

Elke von Berkholz

Sebastian Meschenmoser: Rotkäppchen hat keine Lust, Thienemann, 2016, 32 Seiten, ab 4, 12,99 Euro

Michaël Escoffier: Grododo, Illustration: Kris di Giacomo, Übersetzung: Anna Taube, Carlsen, 2017, 56 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

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Wort- und Weltenschöpfer

lutherEin Thema, das uns durch dieses Jahr begleiten wird, ist das 500-jährige Jubiläum der Reformation.
Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen und krempelte die bis dahin herrschende Religionswelt um.
Da ich im katholischen Kontext groß geworden bin, habe ich von dem Schaffen Luthers und der Entstehung des Protestantismus nur rudimentäre Kenntnisse. Mit umso mehr Interesse habe ich daher die Biografie von Christian Nürnberger und Petra Gerster über den Reformator gelesen.

Die beiden Autoren setzen darin den Menschen Martin Luther in Bezug zu einer Zeit und seiner Umwelt. Die jugendliche Rebellion gegen den Vater, die Suche nach Sinn und Gott lassen Luther ins Kloster eintreten. Von dort aus bricht er in relativ kurzer Zeit die verkrusteten Strukturen der katholischen Kirche auf, indem er gegen Ablasshandel, Machtgier und Protz wettert. Soweit, so bekannt. Erstaunlich war für mich viel mehr, dass Luther sich von den Umbrüchen, die in seiner Zeit zahlreich und fundamental waren (die Entdeckung Amerikas, die Kopernikanische Wende, der Humanismus), sich nicht hat beeinflussen lassen. Er blieb einem mittelalterlichen Gedankenkomplex verhaftet – und hat sich dennoch nicht der Macht des Papstes gebeugt.
Nürnberger und Gerster beschreiben Luthers Taten und Überzeugungen in einem locker, journalistischem Ton, sodass man durch die Seiten fliegt (an manchen Stellen hört man allerdings den Sprech der heute-Nachrichten von Petra Gerster ziemlich durch – das muss man mögen oder akzeptieren, um sich nicht vom Inhalt ablenken zu lassen). Die Autoren klären zudem über die Mythen um Luther auf (er hat die Thesen nicht an die Tür der Kirche genagelt) und widmen auch seiner Frau Katharina von Bora und ihren Verdiensten ein Kapitel.

Als Übersetzerin haben mich besonders die Erläuterungen zu Luthers Übersetzung der Bibel erfreut. Vor allem seine wortschöpferische Tätigkeit stellen Nürnberger und Gerster heraus und zeigen auf, welche Worte und Redewendungen, die uns heute ohne großes Nachdenken über die Lippen kommen, Luthers Kreativität entsprungen sind (beispielsweise Denkzettel, Gewissensbisse oder Feuereifer, der Wolf im Schafspelz oder ein Herz und eine Seele). Der Übersetzer Luther zerbrach sich aber nicht nur das Hirn, sondern recherchiert auch ganz praktisch vor Ort und ließ sich beispielsweise vom Metzger die Teile eines Lamms erklären, um die Tieropfer im Alten Testament genau beschreiben zu können.
Das könnte als Leitbild für Übersetzende dienen – wenn meine werten Kolleg_innen das nicht schon längst machen würden. Viel schöner wäre es natürlich, wenn die Mühen und Arbeiten von Übersetzer_innen generell von Lesenden und Kritikern so gewertschätzt würden. Doch ich schweife ab…

Für dieses große Luther-Jahr ist das Buch von Christian Nürnberger und Petra Gerster für Jugendliche eine perfekte Einführung in das Thema Reformation. Neben den historischen Begebenheiten um den Menschen Martin Luther bekommen sie ein Bewusstsein für den Einfluss von Kirche, eigentlich egal welcher. Sie erfahren, wie sehr unsere Gesellschaft durch unsere christlichen Wurzeln geprägt ist, und wie weit wir als Gesellschaft doch offen sein können und müssen für andere Glaubensrichtungen.
Das Einzige, was dem im Buch nicht zuträglich ist, ist eine Passage, in der der Anteil der protestantischen Politiker in unserer Regierung aufgelistet wird. Da schimmert dann doch kurz ein „Wir-sind-besser“ auf – was überhaupt nicht nötig gewesen wäre.

Christian Nürnberger/Petra Gerster: Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten, Illustrationen: Irmela Schautz, Gabriel Verlag, 2016, 208 Seiten, ab 13, 14,99 Euro

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