[Jugendrezension] Ein brennendes Problem

51BxFKbFxoL._SX315_BO1,204,203,200_Wer will nicht mit magischen Tieren reden können? Pip Bartlett aus dem Buch Pip Bartlett und die magischen Tiere – Die brandgefährlichen Fussels von Maggie Stiefvater & Jackson Pearce kann es.
Es muss aber auch nicht immer spaßig sein, mit magischen Tieren zu reden. Es kann auch sein, dass man deswegen 3 Cellos, 40 einwandfreie Burger, ganz viele Steine (Pips Vater nennt sie Geoden) und eine Brille schrottet. Genau das ist Pip Bartlett passiert.

Und was ist, wenn man sagt, dass das nicht mit Absicht war? Trotzdem: den Rest des Schuljahres Hausarrest.
Das Chaos ist auch daran schuld, dass sie die Sommerferien bei ihrer Tante Emma in einer Kleinstadt verbringen muss. Schlimm ist es eigentlich nicht, denn Pips Tante arbeitet in einer Tierarztpraxis für magische Tiere. Dort kann sie mit ganz vielen verschiedenen Tieren reden. Doch dann wird es brandgefährlich und das wortwörtlich, denn es tauchen überall Fussels auf. Die gehen immer in Flammen auf, wenn sie sich erschrecken oder wenn sie sich freuen. Zusammen mit ihrem neuen Freund Thomas versucht Pip herauszufinden, warum die Tierchen in die Kleinstadt gekommen sind. Zu doof, dass Pip mit allen magischen Tieren reden kann, außer mit Fussels.

Wird Pip es schaffen, die Fussels an einen Ort zu bringen, wo sie keinem schaden? Das musst du selber herausfinden. Ich empfehle das Buch Jungen und Mädchen von 8-11 Jahren, die sich für spannende und lustige Bücher interessieren.

Lese-Lotta (8 Jahre)

Maggie Stiefvater & Jackson Pearce: Pip Bartlett und die magischen Tiere – Die brandgefährlichen Fussels, Übersetzung: Stefanie Frida Lemke, Heyne fliegt, 2016, 240 Seiten, ab 8, 12,99 Euro

IMG_20160526_111950PS: Lese-Lotta hat diese Rezension als ein buntes Gesamtkunstwerk gestaltet. Ihre Mutter hatte beim Abtippen zwar etwas Mühe, weil die Neonfarben doch etwas schwer zu lesen sind, aber ich finde es großartig. Danke, liebe Lese-Lotta!

ulrike

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[Jugendrezension] Die Welt ist ein chaotischer Ort

antonIn der Welt von Anton und Marlene, die sich gerade erst kennengelernt haben, herrscht plötzlich Chaos. In dem Roman Anton und Marlene und die tatsächlichen Tatsachen von Antje Herden ist plötzlich nichts mehr wie es war oder wie es sein soll. Die Kinder begegnen „kriechender Erde“, „seufzenden Moosbüscheln“, „atmenden Steinen“ und „trockenem Regen“. Wie kann es etwas geben, das es gar nicht gibt?

Vier Wissenschaftler und Professoren, die Marvel Helden, erforschen, ob alle Dinge, die vorstellbar sind, auch tatsächlich wahr werden können. Aufgrund ihrer Experimentierfreudigkeit gerät so einiges außer Kontrolle. Eigentlich experimentieren sie nur in ihrem Versuchszentrum, einem Raum unterhalb von dem Ballettstudio, in dem Marlene tanzt. Einer der Wissenschaftler hat allerdings eigene, geheime Pläne. Er möchte sich ein eigenes Imperium aufbauen und zum Herrscher in einer Welt des Chaos werden.
Anton und Marlene wollen dies verhindern und so suchen sie in der wirklichen Welt nach Dingen, die dort nicht hingehören. Dennoch nimmt das Chaos zu, es passieren immer mehr merkwürdige Sachen, es verschwinden irgendwann sogar Kinder, ohne dass sich jemand dafür zu interessieren scheint. Außerdem haben Anton und Marlene das Gefühl, ständig beobachtet zu werden…

Doch, ob die beiden es schaffen, die chaosfreie Welt zu retten und ob die verschwundenen Kinder wieder auftauchen, müsst ihr selbst herausfinden…
Insgesamt hat mir das Buch Anton und Marlene und die tatsächlichen Tatsachen ganz gut gefallen, wobei es auch in meinem Kopf manchmal ein bisschen chaotisch zuging. Ich konnte mich gut in die Welt von Anton und Marlene hineinversetzen und an manchen Stellen wurde das Buch richtig spannend.
Ich empfehle das Buch Jungen und Mädchen ab 10 Jahren, die Spannung mögen und viel Fantasie haben!

Lese-Lotta (8 Jahre)

Antje Herden: Anton und Marlene und die tatsächlichen Tatsachen, Illustration: Regina Kehn, Fischer KJB, 2016, Bd.2, 256 Seiten,  ab 10, 12,99 Euro

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Tierisch gut kochen

essenKochbücher sind nicht so mein Ding. Zum einen lasse ich mich lieber bekochen. Zum anderen ist in den meisten Rezepten Fleisch drin, wobei Speckwürfel oft nur als Gewürz gelten und Risotto scheinbar am besten in Geflügelbrühe gelingt. Auch für eine in vieler Hinsicht konsequente, aber nicht hundertprozentige Vegetarierin (Fisch mag ich gelegentlich zu gern) ist die gängige Auswahl schlecht. Sofern man nicht gleich zur vegetarisch/veganen Sektion greift, die immer mit diesem angestrengten „fleischloses Essen kann auch sehr lecker sein“-Gusto daherkommt, was heute kaum jemand mehr ernsthaft bezweifelt. Außerdem machen fast alle Rezepte, egal ob Pasta, Salat oder Suppe, jahrzehntelange fade deutsche Küche wett, indem gefühlt jede Zutatenliste mit mindestens drei Knoblauchzehen beginnt. Ich habe durch die Küche meiner Eltern aber genug Knoblauch für den Rest meines Lebens und ziehe Chilischärfe vor. Und wie als Kind will ich an manchen Tagen nur Nachtisch essen.

Genau deshalb mache ich für Tanja Kirschners Essen wie die Tiere eine Ausnahme von meiner Kochbuch-Ignoranz. Nicht, weil ich mit dem fehlenden Knoblauch auch gleich alle Tischmanieren fahren und mich schmatzend und grunzend über rohe Nahrung hermachen will. Nein, dies ist schon ein echtes Kochbuch in dem Sinn, dass eine der wenigen menschlichen Errungenschaften, nämlich die Nutzung des Feuers zur Zubereitung von Speisen, auch zur Geltung kommt. Diese Sammlung von 27, überwiegend fleischfreien, leicht zuzubereitenden und oft süßen Gerichten orientiert sich am überraschend ausgewogenen Speiseplan von 13 Tieren.

Über die erfährt man auf der jeweils linken Seite dieses praktischen Ringbuchs ganz Erstaunliches: Zum Beispiel, dass Kaninchen vorkosten und mit einem Probebiss testen, ob etwas essbar oder giftig ist. So erweitert man den Speiseplan, und der Rat „Probier doch erst mal“ bekommt eine ganz neue Bedeutung.
Ziegen sind wahre Gourmets, käuen am liebsten nur feine Kräuter wieder und klettern für besonders leckere Blätter sogar auf Bäume. Trennungsschmerz aber verdirbt ihnen tagelang den Appetit.
Elefanten dagegen sind Gourmands: 400 Kilogramm müssen die Vielfraße täglich in sich reinhauen, 17 Stunden brauchen sie dafür. Das spricht ein wenig gegen kalorienarme, rein vegetarische Ernährung, denn für Schlaf bleibt da kaum Zeit.
Löwen und andere große Raubkatzen ziehen die umgekehrte Variante vor: Maximal einmal am Tag eine richtige Fleischorgie und dann ganz viel pennen. Und meist lassen Löwenmännchen die Weibchen jagen, weil die besser und geschickter sind, also lassen sie sich quasi „bekochen“. Eigentlich super, wenn das mit dem Fleisch nicht wär …
Füchse können ihre Lebensmittel hören und baldige Mahlzeiten austricksen. Haie haben einen echten siebten Sinn für die Nahrungsbeschaffung. Und von wegen Schweinefraß: Schweine haben eine sehr guten Geschmack und einen noch besseren Geruchssinn, was ja zusammen gehört, wie man merkt, wenn mit Schnupfennase alles wie Pappe schmeckt. Mit ihren Rüsseln können Schweine auch fühlen, tasten, wühlen und saugen.

Tanja Kirschners Zeichnungen sind witzig und lustig und geben jedem Tier Charakter. Ihre Rezepte wie Erdnuss-Kartoffel-Topf (Erdnüsse mögen Elefanten am liebsten), schnelle Thunfisch-Spaghetti (für kleine Haie) oder Penne Allerlei (für Allesesser) sind einfach zuzubereiten. Froschquark, Krake im Dip und sogar Termiten am Stil (Grissini mit Schokoladensoße und Streuseln für schlaue Affen) sind explizit „ganz einfach“. Anspruchsvoller sind Blutige Rote-Bete-Gnocchi und Kräuterknödelchen. Es sollten sich aber sowieso alle ambitionierten Jungköche helfen lassen, nie unbeaufsichtigt den Kochlöffel schwingen und sich mit Erwachsenen absprechen. Doch schon die Kleinsten können zum Beispiel Gemüse abwaschen oder Teig kneten. Alle Zutaten sind leicht erhältlich, kein exotisches Zeug, das nach einmaligem Gebrauch vor sich hin gammelt – auch so ein typisches Problem von Kochbüchern für Erwachsene. Jetzt muss ich nur noch einen Juniorküchenchef im Grundschulalter finden, Teenager lassen sich leider auch lieber bekochen. Ein Buch zum Anbeißen!

Elke von Berkholz

Tanja Kirschner (Text und Illustrationen): Essen wie die Tiere, aracari, 2016, 34 Seiten, ab 6, 16,90 Euro

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Gegen alle Widerstände

IMG_20160420_183251Heute ist Gratis-Comic-Tag, also auf in den nächsten Buchladen eures Vertrauens und nach Comics Ausschau halten. Ich habe bis jetzt noch nie einen von den Gratis-Comics erwischt, vielleicht klappt es heute.

Falls nicht, kann ich euch eine ganz wunderbare Geschichte ans Herz legen: Das neueste Werk von Pénélope Bagieu, die ich hier vor fast drei Jahren schon einmal vorgestellt habe, mit dem Titel California Dreamin‘, in der perfekten Übersetzung von Ulrich Pröfrock.
Den Älteren unter euch wird der Titel vielleicht etwas sagen und einen Song von The Mamas and the Papas ins Gedächtnis und ins Ohr holen, der für mich zu den ikonischen Liedern der Flower-Power-Bewegung gehört. Anhören könnt ihr euch das Stück hier:

Achtet auf die ausdrucksstarke Frau mit grünen Wallakleid und den weißen Stiefeln. Das ist Ellen Cohen, bekannt unter dem Namen Cass Elliot, deren Lebensgeschichte Pénélope Bagieu in ihrer Graphic Novel erzählt.

Ellen ist ein Gesangstalent, stammt aus einer jüdischen Familie, hat Angst vor dem Krieg, isst nichts, wie Kinder das in einem gewissen Alter einfach tun. Die Eltern flehen sie an, ihnen eine Freude zu machen und endlich etwas zu essen. Das tut Ellen schließlich doch und zwar mit Hingabe, als sie eine kleine Schwester bekommt und nicht mehr bei den Eltern an erster Stelle steht. Seitdem ist Ellen dick. Und wird gemobbt. Selbst von der eigenen Mutter.
Doch Ellen hat einen Traum: Sie will Sängerin werden. Und daran hält sie fest. Sie lässt sich von nichts und niemandem aufhalten – und reißt tatsächlich alle mit, sobald sie auf einer Bühne steht.

Bagieu lässt verschiedene Figuren von Cass erzählen – die jüngere Schwester, die Kommilitonen am College, die Fans, die Gesangslehrerin, den Radioproducer – und erzeugt so ein vielschichtiges Puzzle einer beeindruckenden Frau. Sie konzentriert sich dabei auf die professionelle Entwicklung von Cass, lässt ihre Tochter und ihren frühen Tod mit 32 Jahren außen vor. Und doch erhält man ein tiefgründiges Portrait der Sängerin, die gegen alle Widerstände und alle Aufforderungen abzunehmen ihren Weg ging und es so tatsächlich zum Star gebracht hat. Gleichzeitig vermittelt Bagieu einen Eindruck des Musikgeschäfts in den 1960er-Jahren, der Suche nach Originalität der Künstler und den doch oberflächlichen Taktiken, ein dünnes blondes Mädchen in die Band aufzunehmen, das hübsch anzusehen ist, aber leider nicht singen kann. Cass, wie gesagt, lässt sich von all dem nicht aufhalten.

Der Zeichenstil von Bagieu ist ein reduzierter Bleistiftstrich, der bei manchen Comic-Zeichnern gerade sehr beliebt ist, siehe hier und hier, und durch ihre Leichtigkeit punkten. Thematisch sind Comic-Biografien momentan ziemlich angesagt – man denke an die Werke von Reinhard Kleist (Cash, Castro, Der Boxer und Der Traum von Olympia), Jessie Hartland (Steve Jobs) und  Anais Depommier und Mathilde Ramadier (Sartre) und offenbaren sich als ein sehr cooles Mittel, um die Lebensläufe von mehr oder minder einflussreichen Menschen zu präsentieren. Umso schöner, dass Bagieu eine weniger bekannte Heldin würdigt. Cass Elliot hatte nämlich das Zeug zum Role Model, so wie heute Beth Ditto.
Bagieu macht mit ihrem Werk indirekt, aber durchaus deutlich klar, dass die Mainstreammedien und ihre Formate á la GNTM ziemlich kärgliche Veranstaltungen sind, wenn sie sich von Äußerlichkeiten blenden lassen und beispielsweise nur die extrem mageren Frauen ins Rampenlicht rücken.

Talent, Lebensfreude und ansteckende Begeisterung sind nämlich nie eine Frage des Gewichts oder vermeintlicher Schönheit. Insofern ist diese Graphic Novel ein ausgesprochenes Mutmachbuch – für alle.

Pénélope Bagieu: California Dreamin‘, Übersetzung: Ulrich Pröfrock, Carlsen, 2016, 272 Seiten, 19,99 Euro

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[Gastrezension] Fantastico!

mathildeAcht Geschichten versammelt dieser von Ulf K. pfiffig bebilderte Band der norwegischen Schauspielerin und Sängerin Andrea Bræin Hovig rund um die sechsjährige Wilde Mathilde und ihren Papa, den Christel Hildebrandt knackig und frech übersetzt hat.

Mathilde und Papa leben allein, wo Mama ist, spielt keine Rolle. Es geht um die Beziehung Tochter-Vater, um Mitmenschen, Ausflüge, Feste. Da wird aus dem nörgeligen Nachbarn Iversen, dem stets alles zu laut ist, plötzlich ein Rock-Fan. Weil ihn die Begeisterung der luftgitarrenspielenden Mathilde so mitreißt? Beim Arzt trifft Mathilde auf Dr. Mari Sville, die derart überarbeitet ist, dass sie alle Wörter verdreht und selbst das Bett hüten müsste. Kurzerhand assistiert die fieberkranke Patientin und zeigt Frau Doktor erst einmal, wie sie ihr Stethoskop richtig benutzt. Später begegnet sie Mari zusammen mit deren Nichte Liv im Schwimmbad. Papa meint, seine Tochter müsse schwimmen lernen, doch der graust es vorm Wasser. Als es Mathilde schließlich zu bunt wird, erklärt sie dem Schwimmlehrer mutig-laut, dass sie Angst habe und deshalb nicht weiter mitmachen werde. Der turbulente Tag endet bei heißem Kakao mit Liv, Mari und Papas gerötetem Gesicht. Ist der vielleicht verliebt?

Mathilde erkennt die Wahrheit oft fixer als Papa, auch bei ihrem Zeltausflug. Hat Papa wirklich Ahnung? Nun, das Zelt will nicht stehen, dazu regnet es in Strömen. Zum Glück entdeckt sie ein hell beleuchtetes Haus mitten im Wald, und der schrullige Besitzer gewährt Obdach. Zupacken, das kann die Wilde Mathilde auch im Osterurlaub, als Papa unbedingt Ski fahren will. Aber die Piste ist nix für sie, deshalb wird gestreikt – und es folgen lustige Tage ohne Sportgedöns. Doch nicht nur Papa lernt dazu. Als Mathilde Weihnachten mit fremden Menschen feiern soll statt mit Onkel Torstein, zieht sie aus Protest ihr Zwiebelkostüm an. Papa nimmt’s gelassen, und Mathilde erlebt ihr schönstes Fest mit Riesentanne, Geschenketausch und Scharade.

Mathilde und Papa sind ein absolutes Traumpaar – herzumgarnend, ehrlich, liebevoll. Sie probieren vieles aus, lernen voneinander, vertrauen sich, selbst wenn es manchmal Missverständnisse gibt. Und weiß Mathilde einmal keinen Rat, dann wackelt sie einfach mit dem Po und ruft: „Ich bin fantastico.“

Zum Nachahmen empfohlen!

Heike Brillmann-Ede

Andrea Bræin Hovig: Die Wilde Mathilde. Geschichten zum Vorlesen, Illustration: Ulf K., Übersetzung: Christel Hildebrandt, Gerstenberg Verlag, 2016, 120 Seiten, ab 5, 12,95 Euro

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Heldenhaft offenherzig

tessaWenn man sich auf Montage freut, kann es eigentlich nur einen Grund geben: Man sieht nach einem endlos erscheinenden Wochenende einen geliebten Menschen wieder. Das jedenfalls stellt Paul, 11 Jahre, in Lena Hachs erstem Kinderbuch Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis ziemlich verwundert fest.

Seit Tessa mit ihrem Vater im Haus gegenüber eingezogen ist, hat Möchte-gern-Detektiv Paul eine neue ZP – Zielperson – direkt vor der Tür. Paul beobachtet, macht sich Notizen und ja, man kann es nicht anders sagen, er entbrennt auf den ersten Blick für die rotgelockte Tessa, die ihn irgendwie an sein Lieblingseis, Kirsch-Sahne, erinnert.

Doch die Liebe wäre langweilig, würde sie einfach so geschehen. Paul tastet sich langsam an Tessa heran, beobachte sie auf dem Weg zur Schule und im Unterricht. Im Gegensatz zu Paul ist Tessa ein Mathegenie, allerdings mit merkwürdigen Eigenheiten: die Pause verbringt sie im Gebäude, auf der Straße macht sie merkwürdige Hüpf- und Trippelschritte, freundliche Angebote vom beliebtesten Mädchen der Klasse schlägt sie aus.

Jeder andere Junge hätte vermutlich die Segel gestrichen, sich an die Stirn getippt und wäre bolzen gegangen. Nicht so Paul. Das wohlige Gefühl im Bauch, sobald er Tessa sieht, ist einfach zu schön. Und merkwürdig sind wir doch alle ein bisschen. Also bleibt er dran und knüpft tatsächlich erste freundschaftliche Bande zu Tessa. Nach und nach bekommt er heraus, warum Tessa ständig den Inhalt ihres Schulrucksackes kontrolliert, Rillen ausweicht und die Erbsen erst zählen muss, bevor sie sie isst.

Lena Hach erzählt in Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis in liebevollem, leichtem Ton und einer Extraportion Sahne-Humor vom ersten Verliebtsein und von der Großherzigkeit von Kindern, anderen ihre „Macken“ zuzugestehen. Natürlich erfährt man im Verlauf des Buches, dass Tessa diese Macken nicht einfach so hat, sondern ein ernsthaftes psychologisches Problem dahinter steckt. Doch das ist im ersten Augenblick völlig wumpe. Paul sieht die Schönheit von Tessa, ganz gleich, womit sie im Leben zu kämpfen hat. Dieser Blick geht uns Erwachsenen leider oftmals viel zu schnell verloren, bzw. wir haben ihn schon gar nicht mehr, sehen wir doch meist nur die Probleme und Hindernisse, die bei einer Begegnung mit einem Fremden angeblich auf uns zukommen. Wir sollten uns mehr von Paul und seiner Offenheit abschauen, seiner uneingeschränkten Bereitschaft zu helfen – egal, ob das dann wirklich hilft oder eher kontraproduktiv ist. Paul ist auf jeden Fall ein Held, der klar macht, dass eine psychische Krankheit nicht der einzige und ausschließliche Aspekt eines Menschen ist, nachdem dieser bewertet werden darf.

Heldenhaft finde ich zudem die Erzählperspektive, die Lena Hach gewählt hat: Offensichtlich ist Paul der Ich-Erzähler, was jetzt nicht so etwas Besonderes wäre, ABER er spricht Tessa beständig an, so dass er die meiste Zeit in der zweiten Person Singular erzählt und das alles in der Vergangenheitsform. Das ist für mich so was von erfrischend! Die ganzen Ich-Erzählungen im Präsens aus den vergangenen Jahren haben mich echt geschafft, ich konnte nicht mehr – ernsthaft, manchmal habe ich Bücher sofort wieder zugeschlagen, wenn mir eine Ich-Figur im Präsens eine Geschichte erzählen wollte. Das ist sicher nicht nett und nicht fair, aber es war wie zu viel Kuchen, den man irgendwann nicht mehr runterbekommt – und jetzt gab’s zur Abwechslung endlich mal erzähltechnisches Kirsch-Sahne-Eis, vor dem ich höchsten Respekt  habe.  Diese Ich-Du-Kombination ist nicht ganz einfach durchzuziehen, vor allem, wenn es dann um vorzeitige Geschehnisse geht. Doch hier ist es perfekt gelungen. Der Ton ist leicht, man hört Paul ununterbrochen mit Tessa quatschen, selbst wenn sie nicht anwesend ist. Er wächst einem bereits nach den ersten Sätzen an Herz. Und durch dieses „Du“ kommt dem Leser auch Tessa ganz nah. Das Ich existiert nur durch das Du, so ähnlich sagte es Martin Buber. Es zeugt für mich vom höchsten Grad der Liebe. Und den zeigt uns Paul – wie gesagt – ganz heldenhaft.

Paul und Tessas Geschichte wird von leichten, sehr treffenden schwarzweiß Illustrationen von Kerstin Meyer begleitet. Der Held und seine Angebetete sind hervorragend getroffen, sie passen perfekt zum Text.
Doch – mag sein, dass ich jetzt pingelig werde, aber ich habe vor einiger Zeit schon mal darauf aufmerksam gemacht und werde es auch in Zukunft tun – eines hat mich gestört: das Bild der Großeltern! Ja, Pauls Großeltern sind alt und schon ewig miteinander verheiratet. Das heißt aber nicht, dass sie aussehen müssen, wie vor hundert Jahren. Ich sage nur: Nena ist Großmutter. Sie ist natürlich nicht das Maß aller Dinge, doch zur Orientierung, dass Großeltern in Bilder- und Kinderbüchern auch mal etwas jünger, modischer, heutiger dargestellt werden sollten, könnte sie schon dienen.
Sollte ich je die Illustration von jugendlichen Großeltern in die Hand bekommen, jenseits von irgendwelchen Oma- und Opa-Klischees, ich werde ein Fest feiern.

Bis dahin feiere ich Paul als den unerschrockenen, offenherzigen Held und Role-Model zukünftiger (Männer)Generationen!

Lena Hach: Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis, Illustration: Kerstin Meyer, mixtvision, 2016, 248 Seit, ab 10, 12,90 Euro

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[Gastrezension] Ein cooler Kumpel

bärEigentlich macht Leonard einen Ausflug in den Zoo. Die anderen Kindergartenkinder sind ganz hin und weg von den kleinen Eisbären und staunen, was die Robben und das Walross so können. Leonard scheint nicht so beeindruckt. Da legt sich etwas Schweres auf seine Schulter – die Tatze des Eisbären. „Gehst du ein Stück mit mir?“, fragt der Bär. Und jetzt wird der Ausflug für Leonard richtig spannend: Die beiden fahren mit der U-Bahn zum Hafen, essen Currywurst, spielen mit Leonards Holzeisenbahn und verdrücken Berge von Broten.

Genau dieser Kontrast von totaler Normalität dessen, was getan wird, und dem ganz und gar nicht alltäglichem Begleiter macht das Bilderbuch Ausflug mit Bär von Constanze Semidei so charmant. Das spiegelt sich auch in den grandiosen, außergewöhnlichen Illustrationen Volker Fredrichs: Der Hintergrund in gedeckten Farben ist fast hyperrealistisch, von den künstlichen Felslandschaften im Zoo über das geschmacklose Fleckenmuster der U-Bahn-Sitze bis zum ebenso stylischen wie unpraktischen Küchenmülleimer mit Federdeckel im typischen Beige-Emaille. Die Bilder wirken wie übermalte, dadurch akzentuierte Fotos einer Welt, die fast jedes Kind kennt und verinnerlicht hat, inklusive Hüpftierchen und Flachbildschirmfernseher (der sich nicht einfach so anschalten lässt, eine für Kinder sehr realistische Erfahrung).

Die Menschen und Tiere davor sind bunt und lebendig gemalt, wie Figuren aus einem richtigen Zeichentrickfilm, wobei die Erwachsenen ein bisschen karikaturesk rüberkommen und die Kinder unverstellt und einfach nett aussehen.

Der Eisbär ist groß, souverän, lässig, irgendwie erwachsen und doch für jeden kindlichen Spaß zu haben, ein echt cooler Kumpel. In einer Umhängetasche trägt er als Snack ein paar Fische mit sich und hinterlässt eine Spur abgenagter Gräten, was auch erklärt, warum die beiden in der Bahn so viel Platz haben: „Mein Freund roch ein wenig nach Fisch“, sagt Leonard. Die Gräten finden sich auch wie ein Emblem als skurriles Tapetenmuster auf den Innenseiten des Buchdeckels und dezent auf dem Titel wieder.

Ein ausgewachsener Eisbärenvater macht natürlich auch ganz erwachsene Sachen: Zur Wurst will er ein Bier und öffnet die Flasche mit den bloßen Pfoten. „Toll“, findet nicht nur Leonard. Der lakonische Tonfall, in dem Leonard vom Ausflug mit Bär erzählt, passt perfekt zu Geschichte: Wenn sich zwei auf Anhieb verstehen und sympathisch sind, braucht es nicht vieler, unnötig schmückender Worte. Die beiden sind ein tolles Gespann und man lässt sich nur zu gern auf dieses eigentlich unspektakuläre und doch absolut fantastische Abenteuer ein.

Als kleines Kind hatte ich das Bilderbuch „Ein dicker Mann wandert“ von Günter Bruno Fuchs. Für die damalige Zeit erfrischend anders und modern gestaltet, ganz einfach mit dicken Pinselstrichen konturiert, reduziert auf Schwarz, Blau, Rot und Grün, lebte auch diese Geschichte vom Kontrast aus vordergründig Banalem und dem subtilem Witz sowie einer inneren, verquerer Logik. Es war auch das Lieblingsbilderbuch meiner Mutter. Jetzt habe ich ein Lieblingsbilderbuch gefunden. Schade, dass mein Kind nicht mehr im entsprechenden Alter ist. Um so mehr wünsche ich mir, dass jetzt ganz viele jüngere Kinder einen Ausflug mit Bär machen und von Constanze Semideis Erzählung und Volker Fredrichs Illustrationen genauso begeistert sind, wie ich.

Einziger Einwand: Gut, dass der Bär sich ein Bier gönnt. Aber die gemalte Bierflasche gleicht der einer großen, ursprünglich Bremer Brauerei. Beck’s ist aber kein Synonym für Bier. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Aber in Hamburg, wo die Geschichte eindeutig spielt, trinkt man an den Landungsbrücken eher Astra, aus einer Knolle; macht sich auch gut in einer Tatze. Wenn schon Wiedererkennungseffekt und kindliche Lebenswelt, dann richtig. Ansonsten: Toll!

Elke von Berkholz

Constanze Semidei: Ausflug mit Bär, Illustration: Volker Fredrich, Tulipan, 2016, 36 Seiten, ab 3, 14,95 Euro

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An Apple a day …

jobsDen heutigen Welttag des Buches, samt seiner Veranstaltung Blogger schenken Lesefreude, werde ich zu einem persönlichen Feiertag erklären. Und zwar aus folgendem Grund.

Seit Beginn der Aktion vor vier Jahren habe ich mit diesem Blog immer teilgenommen – und konnte jedes Jahr Bücher verschenken, an denen ich als Übersetzerin mitgearbeitet habe. Eine größere Freude gibt es für mich eigentlich kaum.
Wäre ich abergläubisch, würde ich denken, wenn ich an der Aktion mitmache, sichere ich mir den nächsten Übersetzungsauftrag, um auch im kommenden Jahr wieder etwas zum Verschenken zu haben. Ich bin aber nicht abergläubisch, sondern es ist ein wunderbarer Zufall, dass es nun schon zum vierten Mal passt. Drückt die Daumen, dass es so weitergeht.

Nach drei Rom-Geschichten für Mädchen in den vergangenen Jahren habe ich dieses Mal eine andere Geschichte für Euch. Eine ganz besondere, wie ich finde. Es ist die Graphic Novel Steve Jobs. Das wahnsinnig geniale Leben des iPhone-Erfinders der Amerikanerin Jessie Hartland. Das Buch ist im Frühjahr bei Fischer erschienen.
Wie aus dem Titel zu erahnen handelt es sich um die Biografie von Steve Jobs. Ein paar Details dazu habe hier auch schon einmal vorgestellt. Ich bin immer noch ganz angetan, von Jessie Hartlands Arbeit und ihrer konsequenten Art, so ein üppiges Leben wie das von Steve Jobs auf wenigen Kapiteln so erhellend auf den Punkt zu bringen. Hartland labert nicht, sondern liefert in verknappter, aber durchaus ironischer Art die wichtigsten Lebensabschnitte und (Miss-)Erfolge von Jobs. Man kann die ewig lange Biografie von Walter Isaacson lesen oder den Film mit Michael Fassbender sehen, die Quintessenz jedoch findet Ihr hier. Vergangene Woche hat Deutschlandfunk über diese Graphic Novel berichtet und Jessie Hartland direkt zu ihrer Arbeitsweise und ihrem Zeichenstil befragt.

blogger2015v-W-177x300Und selbst wenn Ihr keine Apple-Gerätschaften benutzt, kann das Wissen um Steve Jobs trotzdem nützlich sein. Denn auch die anderen Smartphones und Tablets wären ohne ihn nicht das, was sie sind …

Falls Ihr also ein bisschen neugierig seid oder die absoluten Apple-Afficionados oder Comic-Fans oder gerne Pixar-Filme schaut oder … was-weiß-ich noch alles mit Steve Jobs verbindet, und ein Exemplar gewinnen wollt, dann schreibt bis zum 27. April 2016 hier unten einen Kommentar und erzählt, warum gerade Ihr diese Graphic Novel lesen wollt.
Ich verlose fünf Exemplare.

Viel Glück Euch! Ich bin gespannt auf Eure Kommentare …

Jessie Hartland: Steve Jobs – Das wahnsinnig genliale Leben des iPhone-Erfinders, Übersetzung: Ulrike Schimming, Fischer, 2016, 237 Seiten, 16,99 Euro

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Wichtiges ohne Worte erzählt

IMG_20160419_141151Kommt es nur mir so vor, oder leben wir in einer unglaublichen geschwätzigen Zeit. War das schon immer so? Gehört das zum Menschsein dazu? An manchen Tagen habe ich so meine Zweifel und möchten gewissen Menschen sagen: „Öfter mal die Klappe halten und einfach nur zuhören, könnte helfen.“
Man verpasst doch etliches, wenn man immer nur selbst quatscht. Dabei gibt es so viel zu entdecken, wie diese drei Bilderbücher beweisen, die ganz ohne Gequatsche, also ohne Text auskommen.

Den Anfang macht das comicartige Buch Überall Blumen des Kanadiers Jon A. Lawson. In schwarz-weißen Panels geht ein kleines Mädchen an der Hand des Vaters durch eine graue Stadt. Der Vater scheint sich nicht besonders für die Lütte zu interessieren, zerrt sie fast hinter sich her. Doch das hindert das rotgekleidete Mädchen nicht, mit offenen Augen durch die Welt zu laufen. Und dabei entdeckt sie an allen Ecken und Enden Schönes: das Vogeltattoo auf dem Arm eines Mannes, eine gelbe Hundeblume am Fuß eines Pfahls, ein rosanes Blümchen zwischen irgendwelchen Metallstreben, ein geblümtes Kleid einer Frau an der Haltestelle, noch mehr Blumen. Einen ganzen Strauß pflückt das Mädchen zusammen. Sie werden zu einem letzten Gruß an einen toten Sperling, der im Park auf dem Weg liegt. Das Mädchen verteilt die gepflückten Blumen, an einen schlafenden Mann auf der Parkbank, an den Hund der Nachbarn, an die Geschwister, die im heimischen Garten spielen.
Und auf einmal sieht der Betrachter überall Blumen. Immer mehr Farben dringen in die grauen Panels. Der Blick von Rotkäppchen überträgt sich auf den Betrachter, macht ihm ohne ein einziges Wort klar, das man mehr sieht, wenn man auch die Kleinigkeiten beachtet und nicht ständig mit dem Handy am Ohr oder vor der Nase durch die Welt läuft. Zudem zeigen ihre liebevolle Gesten gegenüber den anderen, sei es ein Mann auf der Bank, ein Hund oder ein toter Vogel, dass das Leben zu kurz ist für Unfreundlichkeit und Gehässigkeit.

Dass man sich bestens verstehen kann, selbst wenn man ganz unterschiedlichen Spezies angehört, zeigt hingegen die Französin Anne-Caroline Pandolfo in ihrem Büchlein Die Tinten Spinner. Die Geschichte könnte beginnen mit den Worten: „Treffen sich ein Tintenfisch und eine Spinne …“ Aber auch in diesem Buch gibt es keine Worte.
Dafür verbindet den roten Kopffüßler und das schwarze Insekt etwas Außergewöhnliches: ihre acht Beine bzw. Arme. Die beiden schauen sich mit großen Augen an, und schon geht der Wettbewerb los: Wer kann was am besten?
Der Tintenfisch protzt mit seinem Tintenvorrat, die Spinne webt ein wildes Chaos zusammen. Doch Konkurrenz macht erfinderisch und Wettkampf stachelt zu Höchstleistungen an, so wird aus dem Tintengeklekse ein entzückendes Seepferdchen, das Spinnennetz nimmt die Form eines Pferdes an. Und wenn diese Gesellen schon keine Selfies von sich machen, so schaffen sie schließlich doch jeweils das Portrait des anderen.
Und auf einmal sind aus zwei ganz verschiedenen Wesen Freunde geworden, die begriffen haben, dass der eine genauso gut ist wie der andere – und dass man gemeinsam einfach mehr Spaß hat.

Gemeinsam kann man sich zudem auch viel besser gegen die vermeintlich Stärkeren durchsetzen. Die katalanische Illustratorin Inma Pla, genannt Imapla, beweist dies mit wenigen einfachen schwarz-weißen Bildern in Der König der Meere: der kleine Fisch schwimmt durchs Wasser und hält sich für den König der Meere. Es kommt, wie es kommen muss: Groß frisst klein, größer frisst groß, und die Fische sammeln sich wie eine Matroschka im Bauch des Wals. Doch wenn der Größte meint, er sei tatsächlich der Größte, hat er die Rechnung ohne die Macht der Masse gemacht. Und so tun sich kleine blaue Fische zusammen und verweisen den Wal auf seinen Platz.
„Blubb“, „Zzzisch“ und „Happs“ sind die einzigen Worte auf den wenigen Seiten. Ich zähle sie nicht. Doch die Botschaft ist auch für die kleinen Betrachter dieses Pappbuches eindeutig: Die Gemeinschaft siegt, egal wie groß der Gegner auch sein mag, vorausgesetzt, sie tut solidarisiert sich.

Auch ohne Worte schaffen diese drei Bilderbücher es, ganz große Geschichten über das Leben zu erzählen. So unterschiedlich sie auch sind, sie zeigen, dass Gemeinschaft, Freundschaft und der offene Blick für seine Umwelt uns weiter bringen, als so manches leeres, angeberisches Geschwätz. Gleichzeitig kann man den jungen Betrachtern schon sehr früh klar machen, dass nicht immer die Worte zählen, sondern die Taten. Diese Erkenntnis hat so mancher Erwachsener, welch einflussreiche Position er auch bekleiden mag, leider immer noch nicht durchgeleitet. Man möchte ihnen diese Bücher ans Herz legen. Denn zum Lernen ist es ja bekanntlich nie zu spät.

PS: Die Geschichte von Imapla ist vielleicht nicht neu. Im Mai 2012 jedenfalls gab es in Berlin-Mitte folgenden Stencil, der genau das zeigt … Allerdings kann man diese Botschaft nicht oft genug zum Ausdruck bringen.

könig

Jon A. Lawson: Überall BlumenIllustration: Sydney Smith, Fischer Sauerländer, 2016, 32 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

Anne-Caroline Pandolfo: Die Tintenspinner, mixtvision, 2016, 32 Seiten, ab 3, 12 Euro

Imapla: Der König der Meere, Fischer Sauerländer, 2016,
20 Seiten, ab 3, 12,99 Euro

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[Gastrezension] Eine Frage der Identität

minhEs gibt einen tollen Cartoon des Zeichners Tom: Ein junger Schwarzer schlurft mit Skateboard unterm Arm und Baseballcap auf dem Kopf durchs Bild. Da schnauzt ihn ein dicker, alter Mann mit Lodenhütchen an: „Geh doch nach Hause!“ Gedankenblase über dem Skater: „Was soll ich in Dortmund?“

Genauso würde die 16-jährige Minh Thi, genannt Mini, die Heldin aus dem Roman Im Jahr des Affen, denken: „Was soll ich in Herford?“ Denn für die als Kleinkind aus Vietnam geflohene Chinesin ist die Stadt in Nordrhein-Westfalen längst ihr Zuhause. Sie spricht fließend und akzentfrei Deutsch. Sie denkt auf Deutsch. Mit ihrem Vater wechselt sie nur wenige, einfache Worte auf Chinesisch. Doch dann kommt ihr Onkel Wu zu Besuch und stellt vieles im Leben der Teenagerin in Frage. Dabei spielt die Sprache eine große Rolle im Zusammenprallen der Kulturen und Lebensweisen. Zum Beispiel begrüßen Chinesen sich mit dem Spruch: „Hast du schon gekochten Reis gegessen?“ Mini antwortet ihrem Vater: „Nein, ich habe noch keinen Reis gegessen – aber Kartoffeln.“ Das ist etwa so, als wenn man in Süddeutschland auf die Formel „Grüß Gott“ antwortet: „Mach ich, wenn ich ihn sehe.“ Nur mit dem Unterschied, dass die meisten Menschen am Weißwurstäquator ein bisschen beleidigt sind, wenn man sie beim Wort nimmt. Minis Vater dagegen lacht höflich, obwohl er den Witz seiner Tochter nicht versteht.

Klug beobachtend, mit leisem Humor und einem besonderem Gespür für vielsagende Situationen beginnt die 1974 im südvietnamesischen Saigon geborene und in Deutschland aufgewachsene Chinesin Que Du Luu ihr erstes Jugendbuch (nach zwei Erwachsenenromanen). Dabei hat sie zumindest bei mir von Anfang an leichtes Spiel, beschreibt sie doch im Jahr 1992, dem titelgebenden Jahr des Affen, eine Party, bei der Mini und ihre Freundinnen Sarah und Micha zu Hits wie Marc Almonds Tainted Love, I Just Can’t Get Enough von Depeche Mode und Balladen von Guns’n’Roses tanzen. Mini verliebt sich, ausgerechnet in Bela, für den doch Sarah aufs Melodramatischste schwärmt. Kurz darauf erleidet ihr Vater, überarbeitet von der Schufterei in seinem schlecht laufenden Restaurant einen Herzinfarkt, Mini findet ihn mitten in der Nacht auf der Straße, neben sich eine ausgekippte Schüssel mit extra für sie zubereitetem gebratenen Reis. Und dann kommt Onkel Wu, der in Australien lebt, aber nur Chinesisch sprechen will, und nennt sie eine Banane: Außen gelb, innen weiß.

Obwohl Mini es zu Recht absurd findet, Menschen als „gelb“ zu beschreiben, bringt der Vergleich es für sie doch auf den Punkt. Nach außen ist sie die Chinesin, sie fällt auf, weckt Erwartungen und Vorurteile bei den Leuten – unterscheidet sich aber in ihrem Fühlen und ihren Wünschen nicht von ihren deutschen Freundinnen.

Onkel Wu und die weitläufige Verwandtschaft in Australien dagegen pflegen und leben das Chinesische. Und während der ältere Bruder ihres Vaters an fast allem rummeckert, sich im Café laut palavernd Schnitzel zum Frühstück schmecken lässt und versucht, das Restaurant in Schwung zu bringen, erfährt Mini vieles über ihre Herkunft und ihr Geburtsland Vietnam, wo sich einst viele Chinesen angesiedelt hatten. Hier spielen Küchengötter, Wächterlöwen, Pfirsiche und das Vier-nicht-ähnlich-Tier wichtige Rollen.

Vor allem der störrische, auch nur auf Kantonesisch kommunizierende Koch Bao erzählt ihr, von Onkel Wu aus der Reserve gelockt, von der Flucht in einem wackeligen Motorboot über das Meer, von tagelanger Seekrankheit und der Angst zu kentern und wie sie gerade im vermeintlich sicheren Singapur angekommen, sofort abgewiesen und wieder aufs offene Meer geschleppt worden sind. Vom Auffanglager in Thailand, wo sie ein Jahr lang in provisorischen Hütten aus Planen gehaust hatten. Dramatische Bilder und Erlebnisse, wie sie momentan wieder so aktuell und allgegenwärtig sind.

Und Bao erzählt von einem dunklen Geheimnis, dass Minis Vater mit ihm verbindet.

An all das erinnert sich die Protagonistin genauso wenig wie an ihre nicht weiter erwähnte Mutter. Zum einen, weil sie gerade mal drei, vier Jahre alt war, als die Vietcong sie vertrieben. Zum anderen, weil ihr Vater sich hingebungsvoll um sie gekümmert, sie vor allem beschützt und alles für sie getan hat. Das wird ihr erst jetzt bewusst, nachdem sie sich immer für die mit gespendeten Möbeln ausgestattete Hochhauswohnung, das düstere Restaurant und mit chinesischen Delikatessen ruinierte Geburtstagspartys geschämt hatte. Und sie fragt sich, warum ihr Vater sich in einem ihm fremd gebliebenen Land, fern seiner Familie abmüht, ein Leben, das nur aus Arbeit und erschöpft nachts vor dem Fernseher einschlafen besteht, ohne einen einzigen Freund, einen Menschen, mit dem er reden kann.

In diesem Sommer Im Jahr des Affen ändert sich viel in Minis Leben. Que Du Luu erzählt von Flucht und Fremde, von zu Hause und Familie in einer ganz eigenen Sprache, die noch lange nachhallt und den Leser vieles mit anderen Augen sehen lässt.

Elke von Berkholz

Que Du Luu: Im Jahr des Affen, Königskinder, 2016, 288 Seiten, ab 14, 16,99 Euro

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Lesend die Welt erforschen

köllerErstlesebücher finde ich ja ziemlich speziell und schwierig einzuschätzen. Das ändert sich vielleicht, wenn meine Nichte in zwei Jahren in die Schule kommt und ich dann mal aus der Nähe mitbekomme, wie heute das Lesen unterrichtet wird. Bis dahin muss ich mich auf mein eigenes Gespür verlassen. Es hat dieser Tage positiv reagiert, als mir die Reihe Leseforscher von Kathrin Köller in die Hände gefallen ist.

Köller hat diese Reihe  für die jüngsten Leser konzipiert und dabei Neugierde mit Lesetraining verbunden. Unterteilt in drei Lesestufen (A, B und C) richten sich die schmalen Sachbücher an Leseanfänger, geübtere und fortgeschrittenere Leser.

Frisch herausgekommen ist für die Anfänger gerade der Band Natur! Durch Flüsse, Wüsten, Regenwälder, in dem der Fuchs Filu – der sich als kleiner Forscher duch alle Bände zieht – Ausflüge zu eben jenen Regionen der Welt und ans Meer unternimmt. Die naturwissenschaftlichen Infos zu den einzelnen Themen sind in kurzen Kapiteln kindgerecht verpackt. Filu unterhält sich mit einem Wüstenfuchs, einem Höhlenbewohner und allen möglichen anderen Tieren, wobei die Dialoge in Sprechblasen verpackt sind und fast wie ein Comic daherkommen. Einfache Sätze, lockere Umgangssprache und große Schrift machen das Lesen für Anfänger – oder Kinder, die nicht sehr geschickt darin sind – einfach. Für fremde Namen werden Aussprachehilfen geliefert (Grän Känjen). Die vermittelten Themen halten zudem kuriose Infos bereit, die man selbst als Erwachsener nicht unbedingt weiß.
Spielerisch lenkt Köller hier zudem den Blick auf den Naturschutz und entwickelt bei den kleinen Lesern ein Gespür für Umweltbewusstsein und Artenschutz.

köllerDie geübteren Leser können sich im Band Vollgas! über die Geschichte der Fortbewegungsmittel der Menschen informieren. Hier werden die Sprechblasen weniger, die Kapitel, Texte und die Sätze länger. Auch der Umfang des Buches wächst.

Inhaltlich können sich kleine Trecker-, Bagger- oder Rennfahrer schlau machen, wie der erste dampfgetriebene Wagen der Welt – ein Fünf-Tonnen-Monster – aussah, warum die Wuppertaler Schwebebahn eigentlich eine Hängebahn ist oder wie schnell die Wikinger-Schiffe waren.

Zu allen Bänden der Leseforscher hat die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ je ein Forscher-Experiment zum Nachmachen geliefert. So können in diesen beiden Ausgaben beispielsweise Tropfsteine oder ein Raketenantrieb nachgemacht werden.
Den Abschluss der Bücher bildet jeweils ein Quiz, in dem das Gelesene auf spielerische Art rekapituliert werden kann. Und am Ende des Leseabenteuers gibt es eine Urkunde für den echten Experten oder fleißigen Leseforscher.

Die Mischung aus den liebenswert-charmanten Illustrationen von Julia Dürr, Fotos und gut verständlichen Texten ist eine der Stärken dieser Reihe. Es gibt für die Leseanfänger viel zu schauen und zu entdecken – das Lesen passiert dann quasi von allein, wenn man verstehen will, wie beispielsweise eine Dampfmaschine funktioniert. Langeweile ist hier also nicht angesagt, Überforderung auch nicht, denn in diesen kleinen Büchern stecken Unmengen von Informationen, bei denen die Kinder nach der Lektüre bestimmt  öfter sagen: „Papa, weißt du …?“

Kathrin Köller: Natur! Durch Flüsse, Wüsten, Regenwälder, Leseforscher ABC, Illustration: Julia Dürr, Ueberreuter, 2016, 48 Seiten, ab 6, 8,95 Euro

Kathrin Köller: Vollgas! Mit Rädern, Rudern und Motoren, Leseforscher ABC, Illustration: Julia Dürr, Ueberreuter, 2016,  56 Seiten, ab  7, 8,95 Euro

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[Jugendrezension] Auch Zaubern will gelernt sein

magieKönnt ihr euch vorstellen, von eurem Vater zur Tante geschickt zu werden, um eine besondere Schule zu besuchen? Sicher nicht …

Doch genau so ergeht es Nory aus Murks Magie – Das verflixte Klassen Schlamassel von Sarah Mlynowski,  Emily Jenkins und Lauren Myracle. Eigentlich möchte Nory an die „Genie-Akademie“, eine Schule für besonders begabte Kinder, die magische Fähigkeiten haben und an der ihr Vater Schulleiter ist.
Doch bei ihrer Aufnahmeprüfung geht einiges schief. Statt sich in eine schwarze Katze zu verwandeln, wird sie zur „Dratze“, einer Mischung aus Drache und Katze, beißt ihrem Vater kräftig in die Hand und auch andere Aufgaben kann sie nicht wie gewünscht lösen…
Daraufhin muss Nory ihre Familie völlig überraschend verlassen, was sie aber erst erfährt, als ihre Tante im Wohnzimmer von Norys Familie auftaucht, um sie mitzunehmen. Nun soll sie eine Schule in der Nähe des Hauses ihrer Tante besuchen, genauer gesagt soll sie in eine Klasse gehen mit Kindern, die ihre magischen Fähigkeiten noch nicht vollständig unter Kontrolle haben.
Nory ist alles andere als begeistert, ist traurig und fühlt sich abgeschoben. Nur die Ferien kann sie noch mit ihrer Familie verbringen.

Was Nory nun alles in der neuen Schule erlebt, wen sie kennenlernt, ob sie neue Freunde findet und wie sich ihre magischen Fähigkeiten entwickeln, das kannst du in Murks Magie – Das verflixte Klassen Schlamassel selbst nachlesen. Ich kann dir versprechen, es ist sehr unterhaltsam, spannend und natürlich magisch.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich freue mich schon riesig auf die Veröffentlichung des nächsten Bandes!

Ich empfehle das Buch Jungen und Mädchen ab 8 Jahren, die sich für Magie und Freundschaft interessieren und die gern einmal in eine fremde Haut „schlüpfen“ würden.

Lese-Lotta (8)

Sarah Mlynowski/Emily Jenkins/Lauren Myracle: MurksMagie – Das verflixte Klassen-SchlamasselÜbersetzung: Katrin Segerer, Fischer KJB, 2016, 208 Seiten, ab 8, 12,99 Euro

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Variationen eines Kunstwerks

kaefigIn dieser Woche fand die Kinderbuchmesse in Bologna statt, und ich war nach langen Jahren der Abwesenheit mal wieder vor Ort.
Es gab dort für mich nicht nur wunderbaren Input in Sachen neue Jugendbücher aus Italien, sondern ich hatte die zudem die Gelegenheit die beiden großartigen Macher von Der goldene Käfig persönlich kennenzulernen: die italienische Autorin Anna Castagnoli und den flämischen Illustrator Carll Cneut. Wir haben natürlich auf die Nominierung des Goldenen Käfigs für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch angestoßen und uns für den 21. Oktober in Frankfurt verabredet. Aber bis dahin ist noch viel Zeit.

Beim Nach-Messe-Bummel durch das historische Zentrum von Bologna habe ich mir dann in der Kinderbuchhandlung an der Piazza Maggiore die italienische Variante des Goldenen Käfigs zugelegt – La voliera d’oro. Und wenn man nun denkt: Bilderbuch ist Bilderbuch, egal in welcher Sprache es herausgebracht wird – dem möchte ich hier ein paar Seiten zeigen, die die Unterschiede der beiden Ausgaben illustriert.

Ganz offensichtlich ist zunächst, wie das erste Bild oben zeigt, das kleinere Format des italienischen Buches. In Zahlen: 26,5 x 34,5 cm für die deutsche Version, 24 x 31 cm für die italienische. Gründe dafür kann ich nicht nennen (Verlagsstandards? Kosten?).
Auffällig ist die Anordnung des Titels – der italienische Golddruck geht zwischen den Papageien leider etwas unter. Dafür ist der blaue Papagei rechts unten nicht so sehr beschnitten und besser zu erkennen.

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Bei der Titelei im Buch zeigt sich, wie wichtig die richtige Skalierung von Bildern sein kann. Vogel und Blätter sind zwar bei beiden Büchern gleich groß, nur sind bei der italienischen Version, oben, Vogel und Blatt angeschnitten und wirken gedrängt. Auch der Stil des oberen Blattes geht fast verloren.

Eine Besonderheit zeigt sich hier bereits bei der Handschriftstypo des Titels: Beide in Schreibschrift, die deutsche Variante ist jedoch von Carll Cneut geschrieben worden. Das setzt sich im deutschen Buch fort.

An einigen Stellen gibt es in der deutschen Variante Sätze, die im italienischen Text fehlen. Dies liegt daran, dass mir beim Übersetzen zusätzlich zum Text von Anna Castagnoli das PDF der niederländischen Ausgabe vorlag, die bereits 2014 erschienen ist und in der diese zusätzlichen Sätze eingefügt worden waren. Sie geben der Geschichte der Blutprinzessin einen zusätzlich märchenhaften und poetischen Hauch. Auf dem rechten Bild, unten, wird durch die handschriftlichen Passagen der Inhalt noch ein weiteres Mal herausgehoben und betont.

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Eine größere Änderung sowohl beim Text, als auch beim Bild zeigt sich hier:

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Für diese ganz besondere Seite, die die grausame Neigung der Blutprinzessin illustriert, hat Cneut das „HACK“ der rechten Seite für die deutsche Variante noch einmal ganz neu gemalt – denn ohne das C von „HACK“ würde das flämische „HAK“ wie ein Schreibfehler aussehen und die Leser enorm irritieren.
Im italienischen Text lautet „HACK“ allerdings „ZAC“ – und ich frage mich, ob italienische Leser sich über die Text-Bild-Schere in ihrem Exemplar wundern oder das einfach so hinnehmen.

Dies sind jetzt nur einige wenige Beispiele – schließlich müsst Ihr Euch dieses wunderbare Bilderbuch im Original ansehen, um seine ganze Pracht zu begreifen – aber sie zeigen eindrücklich, wie unterschiedlich in den Ländern mit Bildern und Texten umgegangen wird.
Ich würde jetzt am liebsten auf die Jagd nach allen internationalen Ausgaben gehen und diese Vergleichsliste fortsetzen … je nachdem, in welches Land dieses Märchen noch verkauft wird. Ich hoffe, in sehr viele.

Anna Castagnoli/Carll Cneut: Der goldene Käfig, Übersetzung: Ulrike Schimming, Bohem, 2015, 48 Seiten, 28,95 Euro

Anna Castagnoli/Carll Cneut: La voliera d’oro, Topipittori, 2015, 48 Seiten, 24 Euro

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Konrad und der Bunker

konradGeschichte als Schulfach kann eine ziemlich dröge Angelegenheit sein, die die Schüler regelmäßig zur Verzweiflung treibt. So war es jedenfalls in meiner Erinnerung. Doch sobald man einen persönlichen Bezug zur Geschichte entdeckt, wird es interessant. So erlebt es der Protagonist in Marina Wildners Roman Finsterer Sommer.

Konrad ist 13, hat viel zu lange Arme und kommt sich so kurz vor der Pubertät wie ein unbeholfenes Monster vor. Zusammen mit seinen Eltern und seiner Cousine Lisbeth verbringt er die Sommerferien an der Atlantikküste Frankreichs. Die Mutter wollte aus unerfindlichen Gründen dorthin. Das Wetter ist nasskalt, Erholung Fehlanzeige, die oberschlaue Lisbeth nervt, und Konrad eckt irgendwie überall an. Sommerferien gehen eigentlich anders.

Am Strand vor der Bungalowanlage jedoch liegt ein Bunker halb versunken im Meer. Erstaunlich viele Menschen interessieren sich für den muschelüberzogenen Betonklotz. Eine Joggerin, ein fluchendes Pärchen, das Konrad für Agenten hält, ein seltsamer Mann mit Hund, der behauptet Schriftsteller zu sein. Lisbeth hält Konrad Vorträge über die Bunker an der französischen Westküste, die während des 2. Weltkriegs von der Organisation Todt errichtet worden waren.
Nach und nach kommen Konrad und Lisbeth dahinter, dass dieser Ort etwas mit ihrer Familie und einem Streit zwischen ihren Müttern zu tun hat. Sie sammeln Informationen, beobachten und ziehen ihre Schlüsse. Konrad nicht ganz so schnell wie Lisbeth, was ihn ziemlich wurmt. Schließlich finden sie heraus, was den Bunker (ein wunderbares Bild für die undurchdringliche, unauslöschbare Schuld einer Familie und einer Nation), einen alten einbeinigen Mann und ihren Urgroßvater verbindet – und noch bis heute in ihr Leben nachwirkt.

Martina Wildner, die 2014 mit Königin des Sprungturms den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen hat, ist mit Finsterer Sommer eine überaus vielschichtige und spannende Geschichte mit Krimielementen gelungen, in der sie heutige Familienverhältnisse, Erbstreitereien, Tod und den Wunsch nach schönen Sommerferien mit dem Erbe der Vergangenheit verbindet. Sie lässt Konrad die Erlebnisse erzählen und zeigt so, wie sich die Taten des Urgroßvaters, dessen Namen der Junge nicht einmal kannte, immer noch nachwirken. Konrad formuliert es so: „Aber nun war diese ferne Zeit wieder da, mit einem Schlag, mit diesem Namen, und sie lebte in mir weiter. Ich war verwandt mit einem schlimmen Nazi. Ich fühlte mich hässlich und schmutzig und schämte mich plötzlich, dass so jemand wie ich in Frankreich, das damals von Deutschland einfach erobert worden war, Urlaub machen konnte.“

Eindrucksvoller habe ich das Empfinden von kollektiver Schuld und das Verantwortungsgefühl für die Vergangenheit für junge Leser, die auf der Schwelle zum Teenageralter stehen, bis jetzt noch nicht gelesen.
Wenn Kriegskinder und Kriegsenkel heute glauben, sie haben genügend aufgearbeitet und sich ihrer Vergangenheit gestellt, so zeigt Wildner, dass das nicht genug ist. Auch die Urenkelgeneration, die gerade heranwächst, muss erfahren, was in den eigenen Familien damals passiert ist, mag es für die Kinder auch gefühlt unendlich lange her sein.
Die allgemeine Behandlung der Schrecken der NS-Zeit und des 2. Weltkrieges ist dabei natürlich unabdingbar, doch den Blick auf die persönliche Ebene zu lenken, auf den kleinsten gesellschaftlichen Nukleus, die Familie, gehört ebenso dazu. Das macht Martina Wildner unmissverständlich klar.

Finsterer Sommer könnte ich mir als Schullektüre vorstellen. Sprachlich bleibt Wildner durch ihren Erzähler Konrad dicht an der Zielgruppe und schildert somit die geschichtlichen Hintergründe verständlich, ohne die Leser mit den allergrößten Horroszenarien zu schocken.
Lisbeth, die schlaue Cousine, macht deutlich, dass Wissen wichtig ist und es hilfreich sein kann, auch mal im Duden einen Begriff nachzuschlagen. Hier treiben nicht die nervigen Eltern zum Lernen an, sondern Lisbeth lebt es Konrad auf Augenhöhe vor – was am Ende wirkungsvoller ist alle möglichen elterlichen Ermahnungen.
Von diesem didaktischen Kniff mal abgesehen, wird meiner Ansicht nach jede/r junge Leser/in nach dieser Lektüre Nachforschungen anstellen wollen, was in der eigenen Familie vor über 70 Jahren geschehen ist. Die Aufarbeitung und Bewahrung von Historie sowie die Vorbeugung vor Wiederholung des Schreckens könnten somit nicht besser in der Urenkelgeneration verankert werden.

Martina Wildner ist die bewundernswerte Meisterleistung gelungen, eine spannende Geschichte für Jungen und Mädchen mit Tiefe, historischer Aufklärung und dem Bezug zu unserer Gegenwart zu schaffen, die auch nach dem Lesen weiterwirkt.

Martina Wildner: Finsterer Sommer, Beltz & Gelberg, 2016,  238 Seiten, ab 11, 12,95 Euro

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[Gastrezension] Die pubertäre Vorhölle

fuckfischErinnert sich noch jemand an Helene Hegemann? Die Kernzielgruppe des sogleich vorgestellten Romans Fuckfisch von Juliette Favre ist noch nicht gemeint, die war damals noch in der Grundschule.

Im Januar 2010 veröffentlichte die damals 17-jährige Helene Hegemann ihr Romandebüt Axolotl Roadkill. Die Medien überschlugen sich geradezu und feierten die furiose Tour de Force einer knapp 15-jährigen, wohlstandsverwahrlosten Heldin zwischen Berliner Boheme, Patchworkfamilienbande und Technoclubs hymnisch. Nur um die Autorin bereits einen Monat später, als bekannt wurde, dass es sich bei einigen nächtlichen Szenen um Plagiate handelte, abgeschrieben aus einem Blog, um so vehementer zu verreißen; oder fast noch schlimmer, altväterlich wohlwollend und moralinsauer zu tadeln, ihr aber jedes Talent umgehend wieder abzusprechen. Was schreiend ungerecht war!

Die Erinnerung an Hegemann liegt nahe, veröffentlicht Juliette Favre nun ebenfalls als 17-Jährige ihr Debüt Fuckfisch im noch jungen Verlag Punktum. Darin erzählt sie tagebuchartig von der 14-jährigen Viktoria, die in den Sommerferien von ihrem Freund abserviert und in der Klasse zunächst ziemlich gemobbt wird. Dabei umgeht Favre, die das Buch mit 14 geschrieben hat, geschickt die Berghain-Falle. Sie beschreibt einfach nichts, was eine 14-Jährige unmöglich selbst erlebt haben kann, schon allein, weil sie nicht am Türsteher vorbei gekommen wäre.

Das macht ihr Debüt unspektakulärer als das von Hegemann, dafür aber umso authentischer: Absolut unverstellt, gnadenlos ehrlich und peinlich präzise beschreibt Favre das pubertäre Gefühlschaos zwischen Liebeskummer, Schulstress, Partys und Besäufnissen mit derben Wahrheit-oder-Pflicht-Spielen, testosteronstrotzenden Jungs und mal mehr, mal weniger ziemlich besten Freundinnen.

Favre und ihre Heldin Vicky bewegen sich im selben Milieu wie Hegemann, Tochter des Dramaturgen Carl Hegemann: zwischen Theaterwelt, Premierenparties und Patchworkfamilie. Ihre Stiefschwester ist gleichzeitig ihre beste Freundin. Erwachsene sind bestenfalls gute Kumpel, ansonsten ein bisschen albern und häufig angeschickert.

Vicky pendelt zwischen emotionalen Extremen – es gibt tieftraurige und ganz kurz auch euphorische Momente. Vor allem aber wird sie getrieben von einer ungeheuren Wut auf ihren Ex, auf ätzende Mitschüler, falsche Freunde, auf sich und auf die ganze Welt .

Vicky ist nicht zuletzt eine gute Beobachterin, auch sich selbst nimmt sie gelegentlich erfrischend selbstironisch unter die Lupe. Manchmal merkt man ihre Unreife und Unsicherheit, etwa wenn sie von ihrer „Mumu“ spricht. Solche albernen Verballhornungen wurden schon zu recht sogar in „Fack Ju Göhte 2“ veräppelt. Andererseits gibt es Witze, die echt knallen, scharfzüngige Blitzabrechnungen mit unrealistischen Mädchenbüchern und wirklich kluge Tipps: „Verliebt euch nie in einen Jungen aus eurer Klasse. Ich wurde dadurch zu Hackfleisch verarbeitet.“ Lässt sich nahtlos aufs Arbeitsleben übertragen: keine Affären im Job – sonst Hackfleisch.

Für jüngere Leser oder eher Leserinnen wird dieses Buch lustig und tröstlich sein, beruhigend, dass sich andere genauso peinlich benehmen und Liebeskummer immer völlig ätzend ist, aber hey, man überlebt es. Fuckfisch ist übrigens eine witzige Neuinterpretation des altmodischen Ausdrucks Backfisch, eine Bezeichnung für unreife Mädchen.

Für Erwachsene ist Favres schnodderig-ehrliches Debüt ein prima Schauerroman, eine gruselige Zeitreise: Man erinnert sich mit Grausen an die eigene Jugend, als man sich permanent selbst im Weg stand. Eigentlich war man damals extrem klarsichtig, voller Wut und Energie, die man hätte nutzen können, um wirklich etwas zu verändern. Stattdessen hat man sich mit nichtsnutzigem Liebeskummer, Haut- und Gewichtsproblemen rumgeschlagen. Die Aufforderung „Verschwende deine Jugend!“ ist überflüssig, weil leider ärgerliche Normalität.

Das klingt furchtbar altersarrogant, herablassend und desillusioniert. Aber es ist leider so, jetzt wieder mit den eigenen pubertären Kindern neu zu durchleiden. Oder um es mit der 17-jährigen Hegemann ganz abgeklärt zu sagen: „Vierzehn sein ist ja ganz schrecklich.“

Nicht zuletzt ist dieses Buch hübsch anzusehen und angenehm zu lesen: Handlich, in kräftigem Türkisgrün, mit aufgedrucktem, kleinem Mittelfinger-Ikon und stilvollem Lesebändchen in Pink. Die monochromen Einbände mit stilisierten, thematisch passenden Vignetten sind das Markenzeichen des Punktum Verlags, der Juliette Favre entdeckt hat. Fuckfisch ist kleiner Roman mit großer Wirkung, zum Glück ohne Skandal und Knalleffekt. Nicht so brillant wie Axolotl Roadkill, aber sehr vielversprechend. Für Helene Hegemanns weitere Werke hat sich kaum jemand interessiert. Juliette Favre jedoch steht die Welt noch offen.

Elke von Berkholz

Juliette Favre: Fuckfisch, Punktum Verlag, 2015, 204 Seiten, ab 14, 14,90 Euro

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