KI – Kritische Innovation

KI

Ja, auch wir hier kommen an KI nicht vorbei. Vielleicht könnten wir sogar unsere Rezensionen von den Maschinen schreiben lassen. Machen wir aber nicht, weil selber lesen und selber schreiben immer noch unsere Leidenschaft ist, die wir uns nicht wegnehmen lassen. Dennoch müssen wir uns alle mit diesen neuen Befindlichkeiten befassen. Das tun Ella von Berkholz und ich dieses Mal in einem Gemeinschaftspost zu drei aktuellen Publikationen zu Künstlicher Intelligenz.

Und bei so einem komplexen Thema ist es zunächst einmal gut, sich bereits in jungen Jahren damit zu befassen. Daher gibt’s für junge Buchliebhaber:innen jetzt neuen menschengemachten Lesestoff, der noch nicht überholt ist (was man sich ja bei der Rasanz der Entwicklung gerade denken könnte). Los geht es mit Wie wird KI unsere Welt verändern? aus der Erstlese-Reihe »Gute Frage! Wissen für Kinder«. Kurze Texte in großer Schrifttype erklären darin einfach und verständlich die Grundlagen der Künstlichen Intelligenz und ihren vielfältigen Anwendungen.

KI im Alltag

Von Schachcomputer über den Staubsaugroboter, von medizinischen Geräten bis Überwachung im öffentlichen Leben, vom Einsatz in der Landwirtschaft bis zum Schulunterricht werden die wichtigsten Einsatzbereiche auf je einer Doppelseite angerissen. Was im Hintergrund der KI-Tools technisch abläuft, wird auf einfache Infos heruntergebrochen. Hier geht es noch nicht in die verwirrenden Tiefen.
Ob eine »Superintelligenz« wirklich so hilfreich ist, wird allerdings auch hier bereits angezweifelt. Die guten und die schlechten Seiten der KI stellt die Autorin kurz gegenüber und warnt vor den Gefahren, die diese Technologie mit sich bringt.
Am Ende gibt es einen QR-Code, mit dem sich von der Carlsen-Verlagssite Seiten mit kniffligen Spielen und Rätseln sowie Bildern zum Ausmalen herunterladen und ausdrucken lassen – das Thema KI zieht sich auch hier durch, regt aber zum Selberdenken an.

Lesehilfen

Interessierte Erstleser:innen finden hier die Basics in den Anwendungsbereichen, schwierige Wörter werden erklärt, lange Fremdwörter durch Silbentrennungen lesbar gemacht. Die bunten Illus laden zum Schauen und Entdecken ein. So kann ein Bewusstsein für diese komplexe Thematik bereits frühzeitig geweckt werden. (US)

Olivia Watson: Wie wird KI die Welt verändern?, Illus: Denis Alonso, Ü: Fabienne Pfeiffer, Carlsen, 2026, 40 Seiten, ab 6, 12 Euro

Für Leseexperten ab 10

Ausführlicher und für Kids ab zehn Jahren erklären Axel Täubert und Christine Paxmann die KI. Sie bedienen sich dafür einer Rahmenhandlung, in der Familie Strudel – Eltern mit drei Kindern, Großeltern und Onkel – in ihrem Alltag mit der KI konfrontiert werden und sich damit auseinandersetzen.

Flankiert werden die kurzen Familiengespräche mit jeder Menge Infos zur Entwicklung von Computern und Internet im Allgemeinen und den aktuellen sowie speziellen Trends der KI der Gegenwart.
Abkürzungen wie ASR oder NLP, die wir meist benutzen, ohne zu wissen, was sie eigentlich bedeuten, werden entschlüsselt (Automatic Speech Recogniton und Natural Language Processing), Zusammenhänge verdeutlicht.

Shit in, shit out

Und mit einem Schlag ist man mittendrin im maschinellen Lernen, den richtigen und den falschen Daten – nur wer die Maschinen mit ordentlichen Daten füttert, bekommt gute Ergebnisse und keinen Müll. Dazu werden Phänomen wie die Bias-Falle, Glitches und Halluzinationen erläutert.
Historisches und Kulturelles rund um KI – z.B. in Filmen und Büchern – ergänzen das Spezialwissen und schenken erwachsenen Lesern Wiedererkennungsmomente, wo man im Leben schon mit KI in Kontakt gekommen ist.

Praxisnahe Übungen

Doch es bleibt hier nicht nur bei der Theorie: Hinweise wie ein ordentlicher Prompt aussehen sollte oder wie man eine App programmiert, bringen die Kids ins Tun und fördern so das Verständnis, was im Hintergrund dieser manchmal hilfreichen Programme oder unterhaltsamen Spiele-Apps abläuft. Mit einem Quiz am Ende kann jeder sein neuerlerntes Wissen dann gleich noch mal überprüfen. Die Gefahr, dass die KI uns dumm macht, weil wir nicht mehr selber denken, ist durch die vielen Anregungen in diesem Buch jedenfalls nicht gegeben.

Kritische Innovation

Neben den positiven Aspekten von KI hat das Autoren-Duo natürlich auch die negativen Seiten der Technik im Blick. Jede KI-Anfrage verbraucht Unmengen an Energie und führt zu einem erhöhten CO2-Ausstoß, eine Tatsache, die wir heute leider immer noch all zu oft verdrängen. Auch die Fragen, ob die KI unsere Arbeitsplätze zerstört, uns einsamer macht oder mit unseren Gefühlen spielt, werden angesprochen.
Die jungen Lesenden bekommen in diesem erzählten Sachbuch auf relativ wenigen Seiten einen überaus fundierten und ausgewogenen Überblick über die Glanz- und die Schattenseiten der KI, deren Entwicklung wohl gerade an einem entscheidenden Punkt angelangt ist.
Hoffen wir, dass die apokalyptischen Voraussagen nicht eintreffen werden … Bis dahin hilft diese Lektüre, bewusst mit KI umzugehen. (US)

Axel Täubert/Christine Paxmann: Künstliche Intelligenz für Kids erklärt, DK, 2026, 72 Seiten, ab 10, 18 Euro

Interaktiv

Der bescheuertste Präsident und Autokrat der westlichen Welt hat jüngst verkündet, KI soll jetzt Super Intelligence heißen. Wenn der Vollpfosten im Weißen Haus tatsächlich intelligent wäre und nicht nur wieder eine seiner vielen ekelhaften Duftmarken hätte setzen wollen, dann hätte er das zweite Wort des Begriffs KI ersetzt.

Künstliche Intelligenz ist nämlich vieles, aber nicht intelligent. »Die Technik der KI wird in unterschiedlichen Formen in Computerprogrammen angewendet oder als Werkzeug eingesetzt. Werkzeug heißt auf Englisch Tool. Daher spricht man auch von KI-Anwendungen oder KI-Tools«, erklären die Autorinnen Diana Knodel und Hannah Lesch gleich zu Anfang ihres kompakten und schlauen Sachbuchs KI und du.

Maschinelles Lernen

Zwar schreiben sie in diesem Zusammenhang auch, dass »KI bedeutet, dass wir Computern beibringen selbstständig zu lernen.« Ein zumindest bedenkenswertes Verb, für das, wie KI tatsächlich funktioniert. Was es mit diesem Lernprozess auf sich hat und wie der auch gewaltig schief gehen kann, das entschlüsseln Knodel und Lesch klug und verständlich. Sie steigen im Alltag der jungen Leser ein, ob Sprachassistent, Navigationssystem, moderne Medizin und Diagnostik, Smart Home oder insbesondere Soziale Medien: »Computer treffen Entscheidungen, die dein tägliches Leben beeinflussen können. Sie wählen zum Beispiel aus, was dir angezeigt wird, wenn du etwas im Internet suchst oder durch lustige Videos aus Social Media scrollst.«

Die Wahrheit über Social Media

Dass YouTube, TikTok oder Spotify und Co das nicht tun, weil sie nett sind oder uns etwas Gutes tun wollen, schreiben die Autorinnen schon wenige Seiten später: »Sie wollen, dass du möglichst lange auf ihrer Plattform bleibst. Je länger du schaust, hörst und scrollst, desto mehr Werbung kannst du sehen. Mit dieser Werbung verdienen die Plattformen Geld.« Solche unverblümten Wahrheiten hören die gemeingefährlichen Männerbünde und Tech Bros natürlich gar nicht gern.
KI kann durchaus nützlich sein und das Leben verbessern, wie zum Beispiel bei Hausaufgaben, als kritischer Dialogpartner, für Feedback und Verbesserungsvorschläge.

Kehrseiten der KI

Sehr aufschlussreich ist das ausführliche und differenzierte Kapitel über die Kehrseiten der KI. Dort wird gefragt, »ob es in Ordnung ist, wenn KI … schlecht für die Umwelt ist? Unter schlechten Arbeitsbedingungen trainiert wird? Ist es in Ordnung, wenn KI … dein Freund wird?« Ganz zu schweigen von Fälschungen, Deepfakes, Lügen, einseitigen Informationen und Manipulationen sowie rassistischen oder sexistischen Stereotypen.

Gefahren erkennen

Wie man diese Gefahren erkennt, prinzipiell kritisch bleibt und Behauptungen hinterfragt, erklären die Autorinnen lebensnah und sehr gut nachvollziehbar. Hilfreich sind auch die eingestreuten Erklärvideos, Interviews mit verschiedenen KI-Expertinnen und diverse Übungen, die per QR-Code aufgerufen werden können. Allerdings landet man bei den Interviews auf YouTube, das wiederum weitere, teils fragwürdige Inhalte empfiehlt. Die Übungen sind unterhaltsame, interaktive Möglichkeiten, KI praktisch auszuprobieren. Zum Beispiel zu prompten, KI zu trainieren, gefälschte Bilder zu erkennen oder Gedichte zu schreiben.

Menschengemachte Gestaltung

KI und du lebt auch von der exzellenten Gestaltung und den ansprechenden Illustrationen. Manuel Kilger lenkt die jungen Leserinnen und Leser mühelos durch die anspruchsvolle Thematik, gibt der abstrakten KI ein sympathisches Gesicht als Comicwesen und lockert die Seiten mit überraschender Situationskomik auf. Man sieht und spürt, dass hier ein kluges und einfühlsames, menschliches Wesen am Werk war.

Bis auf die unglückliche YouTube-Verlinkung ist KI und du ein sehr gelungenes und superintelligentes Sachbuch. (EvB)

Diana Knodel/Hannah Lesch: KI und du. Künstliche Intelligenz interaktiv erleben und verstehen, Illus: Manuel Kilger, Ravensburger, 2025, 96 Seiten, ab 10, 14,99 Euro

Geld und Liebe

Dies ist kein Schulmädchenreport. Und auch keine Liebesgeschichte (okay, ein bisschen schon …)«, stellt Issa gleich in den ersten zwei Zeilen klar. Es ist die Geschichte von zwei Freundinnen, Issa und Grace, beide fast 16 Jahre alt. Beide Töchter von alleinerziehenden Müttern. Geld ist immer ein Thema. Vor allem der Mangel an Geld.
Was besonders auffällt, weil beide ein Gymnasium voller Rich Kids in der Umgebung von Frankfurt besuchen. »Grace war die radikalere. Ich die sanftere.« Oder anders gesagt: Grace hält Geld für ein lösbares Problem, vor allem ist es die Lösung aller Probleme, egal, woher es kommt.

Alphabet des Geldes

Grace hat große Pläne und einen scharfen Blick auf die Ökonomie im Ganzen. Das liest man auch im von ihr verfassten Handbuch, dem fortlaufend eingestreuten, pointierten Alphabet des Geldes: Eine brillante Kampfschrift, im Sinne von Brechts Weisheit, was der Überfall auf eine Bank im Vergleich zur Gründung einer Bank sei. Aus feministischer Sicht.
Issa ist eher die pragmatische. Sie geht gern zu Schule und möchte Lehrerin werden, ein relativ krisensicherer und zumindest anständig bezahlter Job. Anders als ihre Eltern, die an der Verwirklichung ihrer hochfliegenden Träume als Musiker gescheitert sind.

Pubertät reicht doch schon

Auf die Erwachsenen ist also kein Verlass im Kampf gegen die Widrigkeiten des Lebens. Mädchen allein zu zweit hat Daniela Dröscher ihr furioses Jugendbuchdebüt genannt. In dem es zwar auch um Verliebtsein geht (siehe oben). Vor allem aber um junge Menschen, die sich gegen große Widrigkeiten und grundsätzliche, soziale Missstände behaupten müssen. Die erwachsener sein müssen als ihre Mütter. Als ob die chaotische Zeit der Pubertät nicht allein schon reichen würde.

Das Gewicht der Welt

Es ist der erste Schultag nach den Sommerferien. Und es beginnt mit zwei massiven Problemen für die Freundinnen. Zum einen hat Issas Mutter, die bisher immer versucht hat, sich keine Blöße zu geben und gerade so finanziell über die Runden zu kommen, nicht für die Klassenreise bezahlt. Und bei Grace sind die Brüste in kurzer Zeit enorm gewachsen. So sehr, dass sie unter großen Schmerzen leidet. Und keinen Sport mehr machen kann, an ihr heißgeliebtes Lauftraining ist nicht zu denken. »Als würde das Gewicht der Welt an mir ziehen«, sagt Grace.

Rebellierende Körper und Geldmangel

Daniela Dröscher erzählt hier von zwei existenziellen Problemen. Das gelingt ihr wunderbar, mitreißend und überzeugend. In ihren bisherigen Romanen, vor allem der Bestseller Lügen über meine Mutter, dessen Verfilmung demnächst ins Kino kommt, und auch in Junge Frau mit Katze beschäftigt sich Dröscher auf originelle und kluge Art mit Körpern, rebellierenden, von der Norm abweichenden oder kranken. Auch Geldmangel und prekäre Verhältnisse spielen immer wieder eine nicht unwesentliche Rolle.

Anmaßend und ungerecht

In Mädchen allein zu zweit verdichtet sie diese Themen raffiniert. Getragen wird die Geschichte von den vielschichtigen und in all ihrer Widersprüchlichkeit und Ambivalenz ungeheuer lebendigen und sympathischen, jungen Frauen. Grace möchte ihre Brüste verkleinern lassen. Die gesetzliche Krankenkasse zahlt eine Operation aber erst ab 16 Jahren. Und auch nur, wenn die Brüste ein bestimmtes Gewicht haben.
Hier zeigt sich eine weitere empörend groteske Ungerechtigkeit: Wer ermisst, was schwer genug ist, um einen Eingriff zu rechtfertigen? Wer maßt sich an, Schmerz und Leiden an einem bestimmten Gewicht festzumachen? Da wird nicht nur, wie in diesem Fall, über die Gesundheit junger Menschen bestimmt. Das ist eine Frechheit und auch gefährliche Rücksichtslosigkeit allen Frauen gegenüber. Und ein Grund mehr für gendersensible und gendergerechte Medizin.

Linie überschritten

Grace muss also die Operation selbst bezahlen, sie braucht dafür 5000 Euro. Issa fühlt, wie sehr ihre zuvor so selbstbewusste, rotzfreche und energische Freundin leidet und möchte ihr helfen. Doch dann überschreitet Grace in ihrer Verzweiflung eine Linie und verlangt zuviel. Issa soll das Geld von einem Jungen aus sehr reichem Haus, der Issa gern zu haben scheint, »leihen«. Wie sie das Geld jemals zurück zahlen sollen, dafür hat Grace keinen Plan. Warum sollte sie? Ihrer Meinung haben die Reichen doch genug. Es tut ihnen nicht weh, um im Bild zu bleiben. Tatsächlich hätten Mädchen wie Grace in dem Fall keine Probleme, wenn sie privat krankenversichert wären.

Mädchen allein

So wird aus Mädchen allein zu zweit ein Mädchen allein. Issa hat genug eigene Sorgen: Sie braucht das Geld für die Klassenreise. Sie fragt sich, ob ihre Mutter womöglich spielsüchtig ist. Oder todkrank. Warum macht ihre Mutter plötzlich Schulden? »Ich hatte es so satt, kein Geld zu haben. Und auch die Angst davor, kein Geld zu haben, hatte ich satt«, fasst Issa es sehr prägnant zusammen. Und warum spricht ihre kleine Schwester seit geraumer Zeit nicht mehr?
Als wäre das nicht schon kompliziert genug, kommen neue, bislang unbekannte Gefühle ins Spiel. Woran merkt man, dass man verliebt ist? Hat so eine Liebe zwischen Arm und Reich überhaupt eine Chance? Ist das nicht eher wie in schlechten oder zumindest sehr kitschigen und unrealistischen Filmen?

Für alle, die zu früh erwachsen werden müssen

Wie die beiden Mädchen sich doch wieder zusammenraufen und gemeinsam ihre Probleme überwinden, erzählt Daniela Dröscher aufs Schönste. Gewidmet hat sie ihren Roman allen Kindern alleinerziehender Mütter. »Für alle, die zu früh erwachsen werden müssen.« Wie Dröscher in einem Interview erzählt, beobachtet sie an alleinerziehenden Müttern einen Zustand permanenter Überforderung. Das ist einerseits nur allzu verständlich. Andererseits unfair gegenüber deren Kindern.
Denn so stark und kämpferisch diese Mädchen sind, es sind immer noch Kinder. Junge Menschen, zwar mit klarem Verstand. Aber rebellischen Körpern. Großen Gefühlen. Und eigenen Sorgen. Sie sollten sich ausprobieren und auch Fehler machen dürfen. Anstatt die Fehler anderer zu beheben, sich verantwortlich fühlen und zurückstecken zu müssen.
Und wenn, dann wenigstens allein zu zweit.

Daniela Dröscher: Mädchen allein zu zweit, Beltz & Gelberg, 2026, 192 Seiten, 18 Euro, ab 14 Jahre

Wissen ist Macht

Spionage

Der berühmteste Spion? Bond, James Bond. Jeder kennt den britischen Geheimagenten mit Codenamen 007. James Bond ist ein Synonym für den klassischen Geheimagenten.
Nur gibt es James Bond nicht wirklich, in keiner seiner verschiedenen Reinkarnationen, ob anfangs als klassisch charmanten Kerl und Gentleman, selbstironischer Dandy oder in der jüngsten Interpretation als Straßenschläger im Maßanzug. Erfunden wurde er vom Schriftsteller Ian Fleming, der seinen Helden nach einem Ornithologen benannte, einem Vogelkundler, einfach, weil er selbst ein Vogelliebhaber war.

Wahrheiten über James Bond

Lars Bové beginnt sein spannendes Sachbuch Spionage. Von Geheimcodes bis zur vergifteten Zahnpasta bewusst mit der schillernden, fiktiven Figur. Weil sich in James Bond vieles von der faszinierenden Welt der Spione und Spioninnen spiegelt. Den britischen Geheimdienst MI6 gibt es nämlich tatsächlich, gegründet wurde er 1909. Der Chef oder die Chefin wird traditionell mit einem Buchstaben angesprochen, in Wirklichkeit ist es aber C statt M. Und tatsächlich stattet Q, der Quartiersmeister, die Spione mit immer raffinierteren Waffen und Geräten aus.

Je mehr du weißt, desto stärker ist dein Staat

Aber warum das alles? Warum wurde bereits im 12. Jahrhundert der erste Geheimdienst in Georgien gegründet? Was suchen die Agenten? »Spione versuchen, an geheime Informationen zu gelangen. Sie hören heimlich Telefongespräche ab, dringen in Computer ein und lesen Nachrichten, die Menschen einander schicken. Sie durchsuchen Häuser und platzieren Kameras oder Mikrofone in den Zimmern. Sie bezahlen Mensch dafür, dass sie Geheimnisse enthüllen«, schreibt Bové, »Wissen ist Macht: Je mehr du weißt, desto stärker ist dein Staat.«

Die einbeinige Virginia

Spionage taucht ganz tief ein die Welt der Geheimdienste. Lars Bové ist investigativer Journalist, das heißt, er weiß, wie man an Informationen gelangt, die man nicht mit einer einfachen Suche im Internet findet. Er stellt berühmte Spioninnen und Spione vor, die es wirklich gegeben hat, zum Beispiel die niederländische Doppelagentin Mata Hari oder die einbeinige Virginia Hall, die im Zweiten Weltkrieg mit Bedacht und mit großem Geschick viele unvorsichtigere Kollegen gerettet hat.

Legendär, grotesk oder tragisch

Er erzählt von Geheimaktionen, erfolgreichen, legendären und auch grotesk oder tragisch schief gegangenen. Der australische Geheimdienst ASIS, von dem die Australier zuvor nicht wussten, dass er überhaupt existiert, hat 1983 mit einer Übung in einem Hotel in Melbourne nicht nur Gästen und Personal einen riesigen Schrecken eingejagt, sondern auch Schäden von mehreren Hunderttausenden Dollar verursacht. »Es war ein Wunder, dass niemand verletzt wurde, denn die Geheimagenten hatten sich richtig ausgetobt«, erzählt Bové.

Satansoperation gegen das Greenpeace Schiff

Tödlich dagegen endete für einen niederländischen Fotografen1985 der Bombenanschlag französischer Spione auf ein Schiff der Umweltorganisation Greenpeace. Er befand sich noch unter Deck, als die Rainbow Warrior explodierte. Die neuseeländische Polizei konnte die Agenten der sogenannten Satansoperation (!) festnehmen, weil sie sich zwar als Touristen ausgegeben hatten, von ihrem Hotel aber mit dem französichen Geheimdienst telefoniert hatten. Sie wurden wegen Mordes angeklagt.

Coole Hilfsmittel und abgedrehte Gadgets

Es geht gut zur Sache in diesem faktenreichen Sachbuch. Zwischen historischen Teilen stellt Bové coole Hilfsmittel und abgedrehte Gadgets vor. Angehende Spioninnen und Spione können sich selbst als Codeknacker versuchen. Was es mit der im Untertitel genannten vergifteten Zahnpasta auf sich hat, erzählt Bové ebenso wie eine als Dreharbeiten getarnte Befreiungsaktion im Iran. Auch Tiere wie Delfine, Hunde, sogar Insekten kommen zum Einsatz. Kurios ist das mit kleinen Kameras ausgestattete Bayerische Taubenkorps der US-Amerikaner. Auch sehr wissenswert: Der Papst ist Chef eines der ältesten Geheimdienste.

Stimmig, detailiert und plastisch illustriert

Yannick Pelegrin hat die facettenreichen Fakten atmosphärisch stimmig und schön düster illustriert. Da wird viel aus dem Dunkeln operiert, in geheimen Quartieren konferiert, hinter Vorhängen hervorgespäht und durch regnerische Nächte gestromert. Detailreich zeigt er altmodische Funkgeräte, eine Minikamera im Zigarettenetui oder das geheimnisvolle Gemälde Kryptos. Plastisch zeichnet er den Übertragungsweg eines tödlichen Nervengifts nach. Und er gibt Spioninnen wie unschuldigen Opfern ein lebendiges Gesicht.

Kurze Graphic Novel wie ein Film

Dem Kalten Krieg, einer »Blütezeit der Spionage«, wie Lars Bové schreibt, ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Yannick Pelegrin hat eine besonders skurrile Episode aus den 1950er Jahren in Form einer kurzen Graphic Novel gestaltet: Es ist die Geschichte eines sehr teuren Tunnelbaus und eines britischen Doppelagenten. Die wenigen Seiten visualisieren die Absurditäten des gegenseitigen Ausspionierens und würden auch Stoff für einen Film bieten.

Gefahren des Informationensammelns

Spionage ist unheimlich fesselnd, höchst informativ und sehr unterhaltsam. Aber nicht nur. Am Beispiel des Whistleblowers Edward Snowdon offenbart Lars Bové auch, welche Gefahren Geheimdienste bergen, wenn man sie ungehindert Informationen über jeden von uns sammeln lässt. Wer sich aber davon nicht abschrecken lässt und überlegt, selbst Spionin oder Spion zu werden, für den gibt es ganz zum Schluss noch eine Checkliste der CIA. Man muss nicht seine Familie verlassen oder Karate können und ein Spionagediplom braucht man auch nicht. Es ist selten glamourös und nicht jeder bekommt schickes Technikspielzeug. Auf jeden Fall ist es ein ungewöhnlicher Job. Und vor allem: geheim.

Lars Bové: Spionage. Von Geheimcodes bis zur vergifteten Zahnpasta, Illus: Yannick Pelegrin, Stuart & Jacoby, 2026, 152 Seiten, 20 Euro, ab 12 Jahre

Unvergleichlich kostbar

Taubenschwänzchen

Vergleiche können manchmal Ansporn sein und motivieren. Sie können auch hinken (was eine sehr gute Metapher für einen zumindest fragwürdigen Vergleich ist). Meistens schüchtern Vergleiche aber ein, entmutigen oder schaden und verletzen sogar.
So geht es Trixi, einem leicht flatterhaften Wesen, aus der Feder der Kinderbuchkünstlerin Linda Schwalbe. Trixi ist ein Falter, genauer ein Taubenschwänzchen, das so heißt, weil die Haarbüschel an seinem Hinterleib an Taubenfedern erinnern. Mit 70 bis 90 Flügelschlägen in der Sekunde können Schmetterlinge sehr schnell fliegen. Und wie ein Kolibri in der Luft stehen. Dafür brauchen diese Insekten enorm viel Energie. Wie die kleinen, exotischen Vögel aus Südamerika saugen auch Taubenschwänzchen Nektar aus Blütenkelchen, aus unglaublich vielen, aus tausenden, 1300 bis zu 5000 täglich!

Ein bisschen verpeilt

Trixi fliegt gern rasend schnell mit ihrem Kumpel Siggi um die Wette. Und obwohl sie eigentlich viel flotter ist als die Fliege, lässt sie sich doch leicht kurz vorm Ziel durch leckere Fliederblüten ablenken. Trixi ist also ein bisschen unfokusiert und liebenswert verpeilt. Linda Schwalbe erweckt das Taubenschwänzchen Trixi als sympathisches Wesen mit großen, schwarz glänzenden Kulleraugen und einem coolen Stern auf der Brust zum Leben. Seine filigrane Leichtigkeit bekommt der Schmetterling, indem die Illustratorin die Flügel nur mit parallelen Linien in Pastelfarben konturiert und andeutet.

Insekten sind quasi Tauben

MIt diesen lufitig leichten Flügeln saust Trixi gelegentlich auch durch die Stadt und Straßenschluchten, über die Köpfe der Menschen hinweg. Und die sind zunächst auch ganz hin und weg von der virtuosen Fliegerin, halten sie Trixi doch erst für einen Kolibri. Trixi genießt die bewundernden Rufe, bis jemand erkennt, dass sie ein Insekt, ein »haariger Falter« ist. Schon ist Schluss mit lustig. Denn Vögel werden respektiert und für ihre Flugkünste bewundert – außer sie sind Tauben. Insekten aber sind quasi Tauben, gelten als lästig und ekelig. Außer es sind Bienen. Dabei bestäuben nicht nur die immer hungrigen und sehr umtriebigen Taubenschwänzchen genauso effektiv Blüten wie die beliebten Bienen.

Große Dynamik

Aber erklär das Mal der Frau, die wütend nach dem fetten Brummer schlägt. Linda Schwalbe ändert den Blick auf Insekten mit ihrem Kinderbuchdebüt. Bewusst hat sie es als Comic gestaltet. So bekommt die Geschichte eine große Dynamik. Auch die Mischung aus analoger Maltechnik mit Buntstiften und Acrylfarben und anschließender digitaler Bearbeitung der eingescannten Seiten bringt sichtbar Schwung in die Bilder. Wenn Trixi und Siggi dann mit sich über Seiten schlängelndem Brooooommmmmmmm durch die Lüfte sausen, wird fast der Lufthauch spürbar, mit dem die Flugakrobaten raffiniert Hindernisse umfliegen.

Solidarische Kleinstlebewesen

Modern ist diese Geschichte, modern erzählt und thematisch brandaktuell. Im Gegensatz zur putzigen Trickfilmwelt der Biene Maja zeigt Linda Schwalbe, wie wichtig Insekten sind. Sie erzählt es als spannendes Abenteuer: Siggi bleibt nämlich wegen seiner Lust auf Süßes an einem Lolli kleben, wird entführt und soll als Chamäleonfutter enden. Also nimmt Trixi all ihren Mut zusammen, um ihren Freund zu retten. Gemeinsam und solidarisch mit anderen Kleinstlebewesen und ihren besondern Talenten schafft sie es, ihren Fliegenkumpel zu befreien.

Die coolsten Taubenschwänzchen

Als auf dem bunten Schlussbild mit ganz vielen jubelnden Insekten, Flatter- und Krabbeltierchen, eines anerkennend sagt: »Trixi, du warst heute der überzeugendste Kolibiri, den ich je gesehen habe«, antwortet unsere knuffig leichte Heldin selbstbewusst: »Von wegen Kolibri – wir alle waren heute die absolut coolsten Taubenschwänzchen.« Schluss mit hinkenden Vergleichen. Die Taubenschwänzchen sind genau richtig und wichtig, wie sie sind.

Einzigartige und unvergleichliche Kinderbücher

Schön, berührend und interessant sind sie auch. So wie alle Kinderbücher aus dem Rotopol Verlag, mit dem Linda Schwalbe auf der Kinderbuchmesse in Bologna zusammengekommen und wo ihr außergewöhnliches Debüt erschienen ist. Wie die Bücher von Beatrice Alemagna (Ihre Hoheit Matsch, Prinzessin von Schlammland) oder Anna Haifisch sind diese Werke für junge Leserinnen und Leser alle ganz besonders, einzigartig – und einfach unvergleichlich.

Linda Schwalbe: Trixi – Es flattert im Flieder, Rotopol, 2026, 96 Seiten, 20 Euro, ab 7

Superschützenswerte Superkraft

In Märchen gibt es Könige. Und England hat auch einen. Und früher gab es Könige auch in echt (und manchmal auch Königinnen, aber nicht hierzulande). Warum haben wir keinen König? Mit dieser aus Kindersicht und den ihnen vertrauten Geschichten naheliegenden Frage beginnt die Politologin Jonna Struwe ihr hervorragendes Sachbuch.
Kinderfragen zur Demokratie verständlich erklärt, lautet der Untertitel. Berechtigte Fragen, weil doch anscheinend mit Königen oder auch englisch Queens Gutes assoziiert wird. Das zeigt die Illustratorin Ina Hattenhauer gleich zu Beginn, wo ein Vater mit Töchterchen in Prinzessinaufmachung einen Einkaufswagen vorbeischiebt. Plakate und Schilder werben mit royalen Vorworten: Ein Fußballwettbewerb wird als Königsklasse gepriesen, ein Bier macht einen zum König für einen Tag, Blumen tragen Kaiserkronen, und ein Kaninchen mit schicken Einkaufstüten namens Hopping Queen ist eine niedliche Anspielung auf ein beliebtes TV-Format.

Monarchie ist ungerecht

So gibt Ina Hattenhauer dem vermeintlich drögen Thema gleich eine witzige und doppelbödige Note, so dass man umso neugieriger in Jonna Struwes klugen Sachtext einsteigt. Denn Demokratie ist wirklich für alle interessant und wichtig. Weil Demokratie von allen für alle ist. Dass Könige und sogenannte Monarchien kein märchenhafter Spaß sind, erklärt Struwe gleich zu Anfang: Ein alleiniger Bestimmer ist ungerecht und grausam.

Vor 2500 Jahren erdacht

»Das haben sich auch schon die Menschen im Alten Griechenland vor 2500 Jahren gedacht und überlegt: Was wäre, wenn niemand ein Leben lang Chef ist? Was wäre, wenn alle mitentscheiden könnten? Wenn sich alle Menschen im Land, also das Volk, die Macht teilen würden? Das griechische Wort für Volk ist demos und das für Macht kratos. Das wäre eine Demo-kratie. Das Volk bestimmt. Nicht einer allein, sondern alle zusammen.«

Reden und Regeln

Und wie das geht und wie das heute in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert, erklären und zeigen Struwe und Hattenhauer anschaulich und mitreißend auf den folgenden 60 Seiten. Gleich zu Anfang bringen sie die kindlichen Leserinnen und Leser mit ins Spiel: Wie können alle Bestimmer sein? lautet eine frühe Kapitelüberschrift. Oder was ein vom Taschengeld gekauftes Eis damit zu tun hat. Ein tolles stilistisches Mittel zur Wissenvermittlung ist auch, Begriffe und Bezeichnungen aufzudröseln und zu übersetzen. Wie Demokratie aus Volk und Macht aus dem Altgriechischen. Oder Parlament vom Französischem parler, also ein Ort, an dem vor allem viel miteinander geredet wird. Zum Beispiel über neue Gesetze. Gut ist es auch Gesetze, als gemeinsam erarbeitete Regeln für das Zusammenleben aller Menschen zu definieren.

Koala-Koalition

Dass ein Wahllokal kein Restaurant für große Meeressäuger ist. Warum bestimmte Farben mit Parteien assoziiert sind. Oder was es mit der Vorsilbe Bund auf sich hat. Man kennt ein Bund Radieschen oder einen Bund Möhren. Aber einen Bund Länder? Eine Bundeskanzlerin? Einen Bundestag? Einen Bundesrat? Im Zusammenspiel von Text und Illustration entstehen schöne Wort-Bild-Spiele: Zum Beispiel eine Koalition. Und, total niedlich, eine Koala-Koalition. Und ein Fahrrad für 16 Leute ist vielleicht ein Bundesrad, aber kein Rat.

Die Giraffe weiß mehr

Eine sehr lustige und raffinierte weitere Ebene der Wissensvermittlung sind die eingestreuten Zusatzinformationen, historische Herleitungen und kuriose Fakten. Warum die von einer Giraffe präsentiert werden, wird später auch illustriert. Und wie das große, weil langhalsige Tier mit dem nun Folgendem direkt zusammenhängt.

Das Super-Gesetz

Grundlage für all unsere Demokratie ist hierzulande das Grundgesetz, das im Buch sogenannte Super-Gesetz. Das eigentlich sehr gut geschützt ist, unter anderem durch Super-Mehrheiten, die es braucht, um einzelne Gesetze zu ändern. Zwei Gesetze aus diesem vor gut 80 Jahren von 61 Männern und nur vier (!) Frauen erarbeiteten Grundgesetz dürfen sogar von keiner Macht der Welt verändert oder ausgehebelt werden. Wie das mit der Gewaltenteilung in Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler, Bundestag, Bundesrat, Bundespräsident (eine Bundespräsidentin gab’s hierzulande tatsächlich noch nie, aber wer weiß, vielleicht ab 2027?) und dem Bundesverfassungsgericht zusammenhängt, erläutert Struwe exzellent und erstaunlich kurzweilig.

Besser kann man es nicht erklären

Als durchschnittliche, erwachsene Bundesbürgerin kann man das nicht so prägnant, pointiert und und unterhaltsam erklären. Und ehrlich gesagt, als einfache Wählerin wusste man das bisher auch nicht so genau, hat eher eine vage Ahnung, wie alles zusammenhängt. Auch die Erläuterung einzelner Begriffe hat einen großen Mehrwert. Und doch zuckt man zum Ende des Buches kurz zusammen.

Kurzer Blick in die Historie, mit Blick auf die Zukunft

Wenn der Grund für das Grundgesetz und die Demokratie als Staatsform historisch begründet wird: Mit einem kurzen Abriss über Diktaturen im allgemeinen und der der Nazis im speziellen. Dabei fehlt, dass Hitler nicht aus dem Nichts an die Macht kam. Sondern eine bereits bestehende Demokratie ausgehebelt hat. Das wäre natürlich zu kompliziert zu erklären. Dass eine Demokratie aber auch immer gefährdet ist, angegriffen wird und unbedingt verteidigt werden muss, wird dann kurz vor Schluss im wichtigen Kapitel Kann Deutschland wieder eine Alleinherrschaft werden? vor Augen geführt.

Unbedingt verteidigen

Das Buch endet mit dem Appell an alle, explizit auch an (noch nicht wahlberechtigte) Kinder, sich einzubringen, zum Beispiel über Petitionen, Demonstrationen oder die Kinderkommission. Warum die Demokratie unbedingt schützenswert ist und verteidigt werden muss, gerade in Zeiten wie diesen, zeigt dieses Sachbuch eindringlich und unmissverständlich allen, Kindern und Erwachsenen.

Jonna Struwe: Warum haben wir keinen König? Kinderfragen zur Demokratie verständlich erklärt, Illustration: Ina Hattenhauer, dtv, 2026, 64 Seiten, 16 Euro, ab 6

Von Liebe und Loslassen

Pferd

Kiki tut alles für ihr Pferd. Sie gibt ihm Wasser und füttert es. Sie hält es warm. Sie striegelt es, kratzt die Hufe aus und flechtet Zöpfe in Mähne und Schweif. Sie putzt den Stall. Und dann machen sie diese fantastischen Ausritte, an Strand und Steilküste entlang, zu Wasserfällen und im Sonnenuntergang die Hügel hinauf. Bei Wind und Wetter und zu jeder Jahreszeit. Die beiden sind unzertrennlich. Große Liebe.

Ein Pferdebuch, aber ein ganz besonderes

Kein Zweifel, Kiki & ich ist ein Pferdebuch. Ein grandioses und ganz besonderes. Denn Leo Timmers erzählt aus der Sicht des Pferdes. Es beginnt mit der ersten Begegnung, als die schwarze Stute zögernd aus dem Anhänger steigt. »Die Klappe ging auf. Da war sie: Kiki.« Liebe auf den ersten Aufstieg. Innig drückt sich das kleine Mädchen an den Hals des freundlichen Tieres. »Sie musste sich erst mal an mich gewöhnen.« Die kleine Reiterin purzelt und rutscht vom Rücken des geduldigen Pferdes, das mindestens ebenso verblüfft auf die auf dem Boden gelandete Kiki zurückblickt. »Aber Kiki lernte schnell.«

Bewegungsstudien in Schwarz-Weiß

Leo Timmers lässt die schöne Stute in dynamischen Schwarz-Weiß-Bildern erzählen, manche erinnern an Bewegungsstudien, bewegte Bildern aus dem gemeinsamen Leben von Kind und Pferd. Kiki hat, typisch für Timmers Stil, etwas knuffiges an sich, mit relativ großem Kopf und Stupsnase, ein selbstbewusstes, quicklebendiges Wirbelwindmädchen.

Kulleraugen und umwerfende Mimik

Die Stute dagegen ist für die Verhältnissse des niederländischen Kinderbuchautors und Illustratoren sehr ausdiffernenziert und naturalistisch gezeichnet. Kräftige Muskeln zeichnen sich unter dem fein gestrichelten schwarzen Fell ab. Die Bewegungen sind dynamisch, lebendig und mitreißend. Dieses Pferd hat ein sehr ausdrucksstarkes Gesicht. Freude. Überraschung, Interesse, Mitgefühl oder auch mal Unbehagen, die Mimik ist umwerfend. Nur die runden Kulleraugen sind typisch Leo Timmers, doch es ist erstaunlich, wie viel sich darin ablesen lässt.

Bilder, in die man eintauchen möchte

Absolut fantastisch sind die doppelseitigen farbigen Panoramabilder der gemeinsamen Ausritte: Diese Seiten sind wahre Kunstwerke in Breitband und Technicolor, wunderschöne Landschaftsgemälde, in die man eintauchen möchte. In wildem Galopp geht es durch hohes Gras, durch spritzende Gischt am Strand, vorbei an friedlich grasenden Schafen, unter farbenprächtig schwindendem Tageslicht. Mal entkommen die beiden nur knapp wilden Gewitterblitzen, mal beobachten sie bei Vollmond von den Klippen aus, wie ein Wal in den Ozean eintaucht. Gemeinsam rasten sie unter einer Brücke, eine berückende Idylle.

Eines Tages ist alles anders

Das könnte immer so weiter gehen. »Ich dachte, es würde immer so bleiben. Aber eines Tages änderte sich alles.« Kiki hat nur noch Augen für einen Jungen. Ihr Pferd ist lediglich das Transportmittel. Die jungen Leute rudern zu einem Leuchtturm. Das Pferd bleibt traurig und allein am Strand zurück. »Ich sah Kiki immer seltener. Wir waren nicht mehr zusammen unterwegs. Sie erzählte mir keine Geheimnisse mehr.« Es folgt eine Doppelseite mit vier schwarz-weißen Pferdeprofilen, die immer diffuser werden und sich zunehmend aufzulösen scheinen. »Ich hatte mich noch nie so einsam gefühlt.«

Doppelte Coming-of-Age-Geschichte

Leo Timmers erzählt in diesem Buch, das sein persönlichstes ist, von Liebe, Vertrauen und tiefer Verbundenheit. Und von Verlust und Loslassen. Es ist eine Coming-of-Age Geschichte in doppeltem Sinn. Mit einem liebevollem und zeitlos wahrem Ende. Denn die Stute bleibt nicht allein, sondern bekommt einen Gefährten, obwohl das nun nicht mehr kleine Kind den Kummer des Tieres nicht sieht oder sehen kann. Doch ihr Vater übernimmt Verantwortung und und der gescheckte Hengst Bruno kommt als Vertrauter dazu.

»Kiki hatte mich auch vermisst«

»Ich erzählte Bruno, was passiert war. Dass Kiki weg war und ich nicht wusste, ob sie je wiederkommen würde. Bruno sagte, bestimmt würde alles wieder gut.« Und tatsächlich: »Er hatte recht. Denn eines Tages stand Kiki plötzlich wieder vor mir. Ich war so froh, sie zu sehen. Kiki hatte mich auch vermisst.« Zum Schluss sieht man zwei Pferde und zwei junge Leute in den Sonnenuntergang galoppieren.

Kinder gehen eigene Wege. Und kommen irgendwann zurück

Timmers erzählt klar und berührend. Eva Schweikart, die als Übersetzerin auf der Titelseite steht, so soll es sein, hat die von Timmers dem Pferd in den Mund gelegten Worte zärtlich und schön aus dem Niederländischen übertragen. Denn hier geht es nicht nur um ein Mädchen und ein Pferd. So ist es auch mit Eltern und ihren erwachsen werdenden Kinder. Erst ist man unzertrennlich, doch dann gehen Kinder ihre eigenen Wege. Sie lernen andere Menschen kennen. Machen ihr Ding. Probieren sich aus. Eltern lernen loszulassen. Und irgendwann, wenn man es als Mutter oder Vater nicht völlig verbockt hat, kommen die Kinder zurück. Und man kann noch sehr viel Freude miteinander haben.

Leo Timmers: Kiki & ich, Übersetzung: Eva Schweikart, aracari Verlag, 2026, 68 Seiten, 20 Euro, ab 3 Jahre

Die langen Nachwirkungen der NS-Geschichte

NS-Geschichte

Zwei Graphic Novels beschäftigen sich derzeit mit den Einflüssen der NS-Vergangenheit auf das Leben von (jungen) Menschen der Gegenwart.

In Lebensborn schildert die Französin Isabelle Maroger (übersetzt von Silv Bannenberg), wie ihre Mutter Katherine die Geschichte ihrer Herkunft erforscht. Denn Katherine kam in Norwegen in einem Lebensborn-Heim auf die Welt. Lange schwieg Isas Mutter zu ihrer Vergangenheit, denn sie wusste selbst nicht viel. Auch die alte Großmutter erzählte nichts und starb, ohne Licht in das Dunkel zu bringen. Erst das Internet bot Anfang der 2000er Jahre die Möglichkeit zu recherchieren, was Isas Mutter schließlich tat und auf ihre Akte in einem norwegischen Archiv stieß. Die Tatsache, dass Katherine einen deutschen Vater hatte und von einer französischen Familie adoptiert wurde, ist für die Erzählerin lebensverändernd.

Plötzlich deutsch

Auf einmal ist Isa zu einem gewissen Anteil deutsch und wird von unbestimmten Schuldgefühlen überwältigt. Sie weiß erst einmal nicht, wie sie mit diesen Informationen umgehen soll. Ihre Mutter nimmt derweil Kontakt zu den norwegischen Verwandten auf, fährt zu ihnen, lernt ihre Geschwister und ihre alte Tante kennen. Die Familie wächst, und schließlich findet Katherine sogar ihren leiblichen Vater, einen ehemaligen deutschen Soldaten. Dieser gehörte in den 1940er zu den deutschen Besatzer Norwegens – und bandelte mit Gerda, Katherines Mutter an.

»Perfekte Babys«

Die Geschichte von Katherine und ihrer leiblichen Mutter erzählt in klaren Bildern und einem Wechsel aus Vierfarbdruck und schwarzweißen Sequenzen vom »Zuchtprogramm« der SS. Denn diese Terrororganisation war nicht nur für die Verfolgung und Vernichtung jüdischer Menschen verantwortlich, sondern wollte auf der anderen Seite perfekte, »arische« Deutsche züchten. Die Männer der SS wurden nach »arischen« Ansprüchen ausgewählt, die Frauen, die die »perfekten« Kinder austragen sollten, wurden vermessen und begutachtet und als »rassisch wertvoll« beurteilt. Ledige Frauen konnten die Schande einer ungewollten Schwangerschaft in so genannten Lebensborn-Heimen vor der Gesellschaft verstecken und dort entbinden.
Dass diese Kinder nicht zu Kanonenfutter wurden, ist dem Sieg der Alliierten über die Nazis zu verdanken. Über die Perversion der Nazi-Ideologie können sich die Leser:innen selbst ein Urteil bilden. Maroger zeigt jedoch eindrücklich, dass diese Geschichte in ihr und vielen anderen Nachkommen dieser Babys weiterlebt und somit nicht vergessen oder gar beendet ist.
Zu Recht ist diese Graphic Novel für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 nominiert.

NS-Geschichte

Ein anderes Erbe der Nazi-Vergangenheit findet sich in der Graphic Novel Baumschatten des Niederländers Joris Bas Backer, in der Übersetzung von Christoph Schuler. In schlammigen Farbtönen erzählt Backer eine vielschichtige Geschichte um eine Eiche, die auf einem Schulhof steht. Gepflanzt von den Nazis in den 1930er Jahren als Sinnbild für die »starken Deutschen« ist sie in der Gegenwart umkämpftes Objekt von verschiedenen Gruppen: Die einen wollen den Baum als wichtiges Naturdenkmal und klimaschützenden Schattenspender erhalten, die anderen arbeiten die Geschichte des Baumes auf und möchten das Nazi-Relikt fällen. Eine fiese Zwickmühle, denn die Beweggründe beider Seiten kann man sehr gut verstehen.

NS-Geschichte und das Private

Diese Zwickmühle greift in das Privatleben von Trans-Mann Sjonnie ein, dessen Tochter Joss sich für den Baum einsetzt, während Sjonnies Ex Kamil gegen die Nazi-Eiche kämpft. Das Leben des schüchternen Mannes wird dadurch nicht einfacher.
Daneben gibt es dann noch die dauer-kaugummikauende Schuldirektorin, deren Großvater die Eiche gepflanzt hat. In ihrer harten, lakonischen Art sinniert sie über die Historie sowie die Bedeutung und Deutung von Bäumen für und durch die Menschen.
Backer setzt der Nazi-Ideologie, die diese Eiche verkörpert, eine multikulturelle, queere Gesellschaft entgegen, die mit all ihren persönlichen Problemen, aufgrund von Herkunft oder sexueller Orientierung, zu kämpfen hat. Und auch wenn die aktuellen Probleme dieser Menschen schon Last und Inhalt genug wären für eine Graphic Novel, bricht zusätzlich die Historie in deren Privatleben ein. Und das ist perfekt. Denn niemand ist frei von Vergangenheit, mag sie auch mehr als acht Jahrzehnte zurückliegen.

Kampf um die Eiche

Der Kampf um die Eiche, um den öffentlichen Raum, um die Bedeutung von Geschichte ist heute aktueller und wichtiger denn je. Ich muss hier nicht auf aktuelle Diskurse verweisen, die uns allen nur zu offensichtlich vor Augen stehen. Umso schöner ist es, dass die Leser:innen in diesen beiden Graphic Novels Geschichten aus unserer Gegenwart erzählt bekommen, die mehr als deutlich machen, wie wenig man einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen kann und darf.
So liefern beide die Inspiration, in der eigenen Familiengeschichte zu recherchieren oder aber einen Ort zum Sprechen zu bringen, indem man sich mit seiner Historie befasst. Das wird im einen wie im anderen Fall nicht einfach sein und man wird vermutlich auf mehr Grauschattierungen als auf eindeutige Antworten treffen. Aber auch eine solche Erkenntnis trägt zum Verständnis des Gestern bei und macht unsere Gegenwart bunter, vielfältiger und menschlicher.

Isabelle Maroger: Lebensborn, Ü: Silv Bannenberg, Helvetiq, 2025, 224 Seiten, 22 Euro
Joris Bas Backer: Baumschatten, Ü: Christoph Schuler, Edition Moderne, 2026, 272 Seiten, 26 Euro

Kimchi, Kaffee, Liebe

Stuxx

Am Abend saßen wir in der Küche, Papa, Lila und ich. Papa war ziemlich müde, ich ebenfalls. Lila aber war ziemlich aufgekratzt und erzählte, was alles passiert war am Tag. In ihrem Leben passierten andauernd aufregende Dinge: Theo hatte ihr ein Geld geschenkt, oder bei einer ihrer Puppen war ein Arm ab, oder Jona hatte sie geboxt, voll auf die Nase, das war niss lustig.
»Das war niss lustiss!«, bemerkte sie.
Sie war erst vier, aber sie erzählte und erzählte, sie kannte alle möglichen Wörter und sprach sie fast alle richtig aus. Nur wenn sie etwas nicht lustig fand, sagte sie es wie früher, als sie noch winzig war und in die Windel kackte.
Papa guckte sie freundlich an und rieb sich die Augen.
»Das war niss lustiss!«, sagte Lila noch einmal, damit er es endlich kapierte.
»Nee, kann ich mir vorstellen«, sagte Papa. »So voll auf die Nase …«
Lila bekam plötzlich Mitleid mit sich selbst und fing an zu weinen. Das dauerte aber bloß ein paar Sekunden, dann war sie schon wieder bei was anderem.

Einiges nicht lustig

Im Leben von Stuxx ist einiges wirklich nicht lustig. Und das verfliegt auch leider längst nicht so schnell wie der Kummer seiner kleinen Schwester. Vor vier Jahren ist seine Mutter weggegangen und hat seinen Vater, die damals erst sieben Wochen alte Lila und ihn zurückgelassen. Ohne eine Erklärung. Die Schule interessiert ihn nicht, die Lehrer haben ihn auf dem Kieker, Stuxx träumt lieber von Straßenkreuzern aus den 60er Jahren. Vor Kurzem ist die Familie aus einer anderen Stadt hergezogen, in eine absolut öde Gegend, waste land. Die Pubertät rückt dem 13-Jährigem mit Pickeln, schlechter Laune, Müdigkeit und Missfallen an Kopf und Gesicht zu Leibe. Und Stuxx ist verliebt in Luzie Karsunke.

Unscharf nachdenken

Das ist die Ausgangssituatioin von Will Gmehlings erstem und sehr famosen Jugendroman. Also schwänzt Stuxx, wie ihn alle nennen (außer den Lehrerinnen und Lehrern, die sagen Stefan), den Unterricht und erkundet auf seinem Schrottrad die Stadt. Eigentlich kommt die kleine Familie ganz gut klar. Zwar ist sein Papa schon ziemlich krumm. Geld reicht auch immer nur so gerade eben. »Er war nicht besonders gern am Leben, aber er war trotzdem freundlich zu mir«, bringt Stuxx das friedliche Zusammenleben auf den Punkt. Obwohl Stuxx meist zunächst Keine Ahnung, oder zur Abwechslung weiß nicht sagt, ist das, was er dann gelegentlich antwortet, treffsicher. Das liegt auch daran, dass er ziemlich viel nachdenkt. »Unscharf nachdenkt«, wie Stuxx sagt. Mangels Ruhe und eigenem Zimmer, weil er sich ein kleines Kinderzimmer mit Lila teilt. Virginia Woolf würde ihn sofort verstehen.

Wer einmal jemanden im Stich lässt …

Aber dann meldet sich plötzlich, nach vier Jahren ohne ein Lebenszeichen, »die Frau, die seine Mutter war«. Sie möchte die Familie besuchen und ihre Kinder sehen. Ausgerechnet jetzt, wo so einiges passiert in Stuxx‘ Leben, er verschiedenste Leute kennenlernt, ungeahnte Fähigkeiten entdeckt. Und anfangen könnte, sein Leben in die Hand zu nehmen. Und überhaupt: »Wer einmal jemanden im Stich lässt, der tut das auch gern ein zweites Mal.«

Gong mit dem komischen Gang

Andere Menschen sind jetzt wichtiger, zum Beispiel Gong. Koreanischer Mitschüler mit köstlichem Kimchi in der Pausenbrotdose. Und »mit dem komischem Gang. Er lief kerzengerade durch die Gegend, fast ein bisschen steif, doch seine Arme schlenkerten aufgeregt vor und zurück. Wenn er über den Schulhof ging, gab es immer irgendeinen Vollpfosten, der ihn nachmachte, und die anderen Vollpfosten krümmten sich vor Lachen und riefen: Go, Gong, go!« Auch Gong ist verliebt. In den attraktiven Mitschüler und talentierten Fußballspieler Eren.

Klassismus und Queerness en passant

Man ahnt, wo Will Gmehlings Geschichte hinläuft: Zwei Außenseiter, einer schwul, der andere aus prekären Verhältnissen, mindestens einer wird dann bestimmt schlimm gemobbt. Und der andere muss nach einigem Zögern Position beziehen. Und dann schlagen sie zusammen zurück. Oder auch nicht … Und schon ist man in die erste, selbstgestellte Klischeefalle getappt. Es kommt nämlich immer anders, als man denkt. Genau das macht Will Gmehlings Roman so ungeheuer charmant: Zwar geht es auch um Klassismus. Und Queerness. Und Coming-of-Age. Doch der für seine Kinderbücher bereits mehrfach ausgezeichnete Autor erzählt in diesem wunderbaren Jugendroman davon en passant.

Nicht immer auf die Marmeladenseite

Vor allem ist Stuxx eine Geschichte voller überraschender Wendungen, interessanter Begegnungen und erfrischender Erlebnisse. Gänzlich frei von Stereotypen und Klischees. Mit viel unerwarteter Freundlichkeit, Fairness und Wärme. Und der Erkenntnis, dass das Brot nicht immer auf die Marmeladenseite fällt. Und nicht alle Menschen gemein, ignorant und egoistisch sind. Fürchterlich fiese gibt es natürlich auch. Aber sie müssen nicht immer gewinnen.

»??«

Manche lesen magischen Realismus in Stuxx. Ein Begriff, zu dem Stuxx, wie in diversen Dialogen »??« sagen würde. Auch ein schönes Detail: Dass Stuxx etliche Begriffe nicht kennt, zum Beispiel synchron, Ornithologe oder die Redewengung, das eigene Licht nicht unter den Scheffel stellen. Es macht sich aber keiner darüber lustig, man sagt einfach gleichzeitig, Vogelkundler, oder sich nicht unter Wert verkaufen. Weiter geht’s. Diese Art, Sprache bewusst zu machen, und der unprätenziöse Umgang damit zeugen von besonderer sprachlicher Finesse.

Killerpitbull und rumpelnde Restmülltonnen

Nochmal zum vermeintlichen magischen Realismus: Stuxx spricht mit dem ungerührt dahinströmenden Fluss, mit einem zähnefletschenden Killerpitbull, mit seinem Spiegelbild und eines Vormittags auch mit drei rumpelden Restmülltonnen. Das sind kluge und gewitzte Selbstgespräche und Reflexionen, die Stuxx selbst-bewusster werden lassen. Ein weiteres raffiniertes Stilmittel. Nicht zuletzt lebt dieser Roman von den drei liebenswerten, jugendlichen Helden: der zurückhaltende, nachdenkliche, manchmal schwärmerische Sohn, große Bruder, Freund und verliebte Junge Stuxx. Der sehr schlaue, nie besserwisserische, poetische, optimistische und für alle Ballsportarten hoffnungslos unbegabte Gong. Und die spröde, gradlinige, auch wütende und verletzliche Luzie. Stuxx gibt auf leise, glaubwürdige und zauberhafte Art einem ein bisschen den Glauben an das Gute im Menschen wieder. Nebenbei könnte das war niss lustiss zum geflügelten Wort werden.

Will Gmehling: Stuxx, Peter Hammer Verlag, 2026, 288 Seiten, 17 Euro, ab 13 Jahre

Kleine Löwen, große Themen

Katze

Die Katze ist verschwunden. Georg war schon öfters verschwunden. Aber noch nie für so lange. Und so begeben Kind und Vater sich auf die Suche nach Georg.
Sie fragen die Nachbarin. Und klappern Plätze ab, wo der Kater regelmäßig rumstromert. »GEORG! Wir rufen. Und wir horchen.«
Dann sehen sie auf der Straße Bremsspuren. »Genau hier überquert Georg immer die Straße. Ist das ein Blutfleck?« Dem Kind mit dem großen Kopf und den großen, schwarzen Augen schwant nichts Gutes. Vielleicht ist Georg von einem Auto angefahren worden und hat sich irgendwo versteckt. Doch im Gebüsch entlang der Straße ist die Katze auch nicht.

Was passiert mit denen, die sterben?

Der Vater bereitet behutsam und sensibel, dabei klar verständlich und ohne zu verharmlosen, sein Kind auf das Schlimmstmögliche vor. »Wenn wir ihn nicht finden … sagt Papa. Dann ist Georg vielleicht … tot. Tot?« Manchmal werden Katzen überfahren. Oder von anderen Tieren gefressen, erklärt der Vater. »Im Fernsehen hat jemand gesagt, dass Katzen eigentlich kleine Löwen sind. Löwen sind doch unbesiegbar, Oder etwa nicht?« Was bedeutet das eigentlich: Sterben. Tod. »Was passiert mit denen, die sterben?«

Niemand weiß es

Der norwegische Kinderbuchautor Ragnar Aalbu hat mit Auf der Suche nach Georg ein geradezu existenzialistisches Buch über das Sterben geschrieben, einfühlsam und berührend. Absolut ehrlich und klug erklärt der Vater, dass niemand weiß, was geschieht: »Manche Leute glauben, dass alles zu Ende ist, wenn man stirbt. Dass man dann einfach für immer … weg ist. Andere glauben, dass man nach dem Tod an einem anderen Ort ist. Niemand weiß es. Im Grund wissen wir nur, dass wir dieses Leben haben. Und eines Tages ist es zu Ende.«

Tut weh, macht wütend und frustriert

Die Vorstelliung, dass Georg für immer weg sein könnte, macht das Kind ungeheuer traurig. Und sehr wütend: »Es ist ungerecht. Der Tod ist doof. Er macht alles kaputt.« Allein schon diese furiosen philosophischen Dialoge machen Ragnar Aalbus Geschichte lesenswert, selten liest man in Kinderbüchern so offen und ungeschönt über den Tod, eine Tatsache, an die man sich mit zunehmenden Alter gewöhnt (oder immer effektiver aus den Gedanken verdrängt). Aber der Tod bleibt unbegreiflich. Und der Schmerz über den Verlust eines geliebten Lebewesens ist absolut und unvergleichbar mit allem anderen. Wir müssen damit leben. Aber es tut weh, macht wütend und frustriert. Kinder umso mehr. Schaurig schön bringt es Mephisto in Goethes Faust auf den Punkt: »Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.«

Diffuser Weißraum, Auslassungen, Lücken

Die Bilder, die Ragnar Aalbu zur Suche nach Georg geschaffen hat, sind soviel mehr als bloße Illustrationen. Sie erzählen die Geschichte noch einmal stimmig, stimmungsvoll, zeitlos wahr und voller Dramatik. Die Farben sind winterlich, kahle, rieisge Baumstämme in Schwarz und Braun. Das verbliebene Grün am Ufer und der Büsche am Straßenrand ist abgetönt und verfärbt, eher eine Erinnerung an die lebendige Farbe von Frühling und Sommer. Die Bilder wirken wie durch Siebdruck oder mit Airbrush Technik entstanden und dann digital ausgeschnitten. Es gibt keine scharfen Konturen. Dafür sehr viel diffusen Weißraum, Auslassungen, Lücken, im Wald wirken weiße Längsstrukturen wie Negativaufnahmen von Bäumen, die bereits verschwunden sind.

Kinderwagen, Rollator, Friedhof

Aalbu spielt mit sich verändernden Größenverhältnissen. Je länger die Suche dauert, desto verlorener wirken das Kind und auch der Vater in der Umgebung. Eingestreut sind kleine Details und Randszenen. Anfangs sehen wir den verwaisten Kratzbaum und ein liegengebliebenes Katzenspielzeug. Als der Vater davon spricht, dass Katzen manchmal von anderen Tieren gefressen, sieht man am unteren Bildrand einen Fuchs, der ein Eichhörnchen jagt. Es ist die alte Geschichte vom Fressen und Gefressen werden. Und dann zeigt der norwegische Bilderbuchkünstler noch eine größere, menschengemachte Gefahr für Katzen und auch für Kinder: das die Doppelseite durchschneidende, schwarze Band der Straße. Beim Dialog über Leben und Tod sieht man Kinderwagen und Babies, einen toten Vogel, alte Menschen mit Rollator, Baustellen und verfallene Gebäude, einen Friedhof. Der ewige Kreislauf von Entstehen und Vergehen, Und eine Bahnhofsuhr, Sinnbild verrinnender Zeit.

Mit Katzen existenzielle Themen erzählen

Trotz des ernsten Sujets hat dieses Buch eine besondere Schönheit und Leichtigkeit, dank seiner liebenswerten Figuren und der durchlässig, mit viel assoziativem Freiraum gestalteten Bilder. Nach Herr Ernst kauft eine Katze ist dies eine weitere kuriose und zauberhafte Katzengeschichte aus dem Kraus Kinderbuch Verlag, in der über die kleinen Löwen und mysteriösen Tiere elementare Themen erzählt werden.

Ragnar Aalbu: Auf der Suche nach Georg, Übersetzung: Katrin Frey, Kraus Kinderbuch, 2026, 40 Seiten, 18 Euro, ab 4

Ein Hauch Freiheit

Kann man etwas vermissen, das man gar nicht kennt? Man kann. Da ist ein blinder Fleck auf der Landkarte meiner Identität, den ich nicht mehr aushalte.« Aus diesem schon länger in ihr schwelendem Gefühl bittet Roya Soraya 2019 ihren Vater, mit ihr in sein Herkunftsland, den Iran, zu reisen. Aufgewachsen ist Soraya in Deutschland, als Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters. Sie spricht kein Persisch und versteht die Sprache kaum. Sie mag die ausgiebigen Essen bei der iranischen Verwandtschaft, als Kind kuschelt sie mit der Großmutter auf dem Sofa und guckt gemeinsam deutsche Vorabendserien. Doch sie hätte gern mehr über diesen Teil ihrer Familie erfahren und damit auch mehr über sich.

Reisetagebuch, Familiengeschichte und politischer Essay

Das wird sie auf der gemeinsamen Reise. Allerdings anders als gedacht. Und doch: »Ich habe das Gefühl, als sei etwas in mir zur Ruhe gekommen«, schreibt sie. Jetzt ist ihr autobiografischer Comic Wind in meinem Kopftuch erschienen. Und der ist ganz viel: spannendes Reisetagebuch und bewegende Familiengeschichte, politischer Essay und liebevolle Erinnerung an ihren Vater, der ein Jahr nach der Iranreise an einem Herzinfarkt gestorben ist.

Filmisch erzählt

Roya Soraya erzählt einerseits in kraftvollen Bildern, offenherzig, frisch, mit leisem Humor und leichter Wehmut. Dabei verzichtet sie fast vollständig auf klassische Panels. Ihre Erzählweise ist eher filmisch, mit Totalen von herb-schönen Landschaften oder wuseligen und dichten Stadtpanoramen. Sie zeigt viele intensive, mal beklemmende, mal lustige, immer sehr lebendige Szenen und Begegnungen, bei der Passkontrolle, auf den Straßen, im Nachtzug, im Bazar oder Restaurant. Vor nachtschwarzem Hintergrund visualisiert die Illustratorin gruselige Albträume und traumhafte Wiederbegegnungen mit dem verstorbenen Vater. In einer fantastischen Tanzsequenz bewegt Soraya sich im Pas de deux mit Bildern ihres Vaters über mehrere beschwingte Seiten. Wichtige Erinnerungsstücke, Souveniers, Kleidungsstücke oder Details bekommen genug Raum, um ihre Bedeutung für die Geschichte und ihre Protagonisten herauszustellen.

Dialoge, denen man gern zuhört

Roya Soraya ist eine Comic-Autorin, eine sprachgewandte und viruose Erzählerin. Der Plot ist klug konstruiert. Raffiniert, doch gut nachvollziehbar springt die Autorin zwischen verschiedenen Zeitebenen und verknüpft assoziativ Reiseerinnerungen und Momente der Trauer, politische Ereignisse und private Erlebnisse. Die Dialoge sind authentisch und mitreißend, man hört Tochter und Vater gern und mit großem Interesse zu. Hier klingt viel von der liebevollen Beziehung der beiden zueinander an. Aber auch von ihrer jeweiligen Zerrissenheit gegenüber dem mittlerweile (Vater) oder bleibend unbegreiflichen, auch verstörendem Land. Was für eine brillante Erzählerin Roya Soraya ist, zeigt sich, wenn ein junger Mann, kein geübter Leser und bestimmt kein Fan von Graphic Novels, auch am Iran und einer Tochter-Vater-Beziehung kaum interessiert, Wind in meinem Kopftuch fasziniert in einem Schwung durchliest.

Wunderbar vielsagendes Titelbild

Don’t judge a book by looking at it’s cover – man soll ein Buch nicht nach dem Titelbild beurteilen, eigentlich. Bei Graphic Novels relativiert sich diese Empfehlung schon etwas, weil das Cover unter anderem schon den Stil des Comics andeutet. Bei Wind in meinem Kopftuch würde man sich um das erste Vergnügen bringen, wenn man den Einband vernachlässigt. Roya Soraya hat hier bereits ein wunderbar vielsagendes Kunstwerk geschaffen: Mehrere dunkel verschleierte Köpfe von schräg oben, dazwischen sieht man das ernste, leicht verunsicherte, aber auch neugierig, offen und erwartungsvoll nach oben blickende Gesicht einer jungen Frau. Um ihren Kopf flattert ein lilanes Kopftuch. Umgeben ist sie von starr und unbeteiligt blickenden Frauen unterschiedlichen Alters, nur eine jüngere beobachtet sie kritisch, auch etwas neidisch, aus den Augenwinkeln.

Einiges durcheinandergewirbelt

Dazu der Titel Wind in meinem Kopftuch. Hier schwingt soviel mit, allein schon dass ein Kopftuch nie nur ein Stück Stoff ist. Der ursprüngliche Projektname war profan Iran Buch oder auch Iran Reisebuch, wie Roya Soraya erzählt. Drei Jahre nach ihrer Reise, während ihre Graphic Novel entsteht, erkennt Roya Soraya angesichts der Bilder von der kurzen feministischen Revolution im Iran, als sich im Rahmen der Frau-Leben-Freiheit-Proteste Frauen das Kopftuch herunterrissen, es öffentlich verbrannten und die Haare abschnitten: »Das Kopftuch war nur die Spitze eines Eisbergs aus Gewalt, Korruption und Tyrannei.« Ihre Erfahrungen im Iran haben tatsächlich einiges durcheinandergewirbelt im Kopf, im Leben und im Selbstverständnis der jungen Frau, Autorin und Künstlerin.
Und ihr berührendes Buch in den Köpfen und in den Herzen ihrer Leserinnen und Leser.

Roya Soraya: Wind in meinem Kopftuch, Carlsen, 2026, 192 Seiten, 25 Euro, ab 12 Jahre

Coldcase herzerwärmend

Das muss man sich erstmal trauen: In einem Comic für junge Leser von einem Coldcase zu erzählen. Obwohl, wer wenn nicht Josephine Mark kann ein lange zurückliegendes, unaufgeklärtes Verbrechen zu einer ebenso spannenden wie berührenden Geschichte machen?!
Die Comickünstlerin Josephine Mark hat bereits die Erfahrung einer Chemotherapie in Trip mit Tropf in einen mitreißenden und entzückenden Road Trip verwandelt. Red heißt ihr neues Werk. Da denkt man natürlich gleich an Rot wie Blut. Tatsächlich wird nur ein kleiner Tropfen davon zur Initialzündung, um einen alten Fall wieder aufzurollen. Doch es beginnt zunächst in einer eiskalten, tiefverschneiten Winternacht. Mit einem jaulenden Sirenenton. Und einem Toten, nackt, schwer betrunken gestürzt und erfroren. Red ist der Name des kaltgestellten Mannes.

Blut, Menschenblut

30 Jahre später erschallt erneut ein schrilles Jaulen durch die Nacht: Ein kleiner, struppiger und dreibeiniger Hund wird von zwei fiesen Waschbären gejagt. Verzweifelt kratzt er an der Tür der alten Rosa. Die schlägt die Angreifer in die Flucht und gewährt dem Opfer Obdach, aber »Nur eine Nacht!« Und hätte ihn sicherlich auch hochkant am nächsten Morgen rausgeworfen, wenn Dreibein nicht Blut, Menschenblut erschnüffelt hätte. Hinter einer Tür in einer Kammer unter der Treppe, an einer alten, karierten Jacke von Red, Rosas Mann.

Augen zu Schlitzen verengt

Und so kann sich der kleine Hund mit dem kuscheligen Namen Friedwart Plüschmann doch noch nützlich machen. Gemeinsam gehen die grantige Rosa und der freundliche Friedwart dem Rätsel um Reds Tod auf den Grund, bis in die Tiefen seines Grabs. Rosa sieht bereits auf dem Titelbild des imposanten Comicbandes wie die ruppige Version von Miss Marple aus, in Gestalt der burschikosen Margaret Rutherford in den alten Schwarz-Weiß-Verfilmungen von Agatha Christies Krimiklassiker: knielanger Tweedrock, Wollcape um die Schultern, die Augen zu skeptischen schmalen Schlitzen in Form eines durchgehenden Strichs verengt.

Faible für Antihelden

Das ist ein Markenzeichen Josephiine Marks: Die verschlagen oder wütend und grollend oder skeptisch zu Schlitzen verengten Augen, nur ein Querstrich. Nur kleine, offenherzige Tiere haben Punkte oder längsovale Tupfer als erkennbare Augen. Ein weiteres Merkmal Marks ist ihr Faible für Antihelden. Angefangen mit dem gewissenlosen und kaltblütigen Banditen Murr, der alles und jeden abknallt und abzockt. Bis er den Tod, durch den die Liebe und den Schmerz, und schließlich sein Herz (und die Lyrik) entdeckt.
Oder der schnodderige, coole und einzelgängerische Wolf in Trip mit Tropf. Auch der wirklich seinem Namen alle Ehre machende Bärbeiß ist im zusammen mit Annette Pehnt neu erzähltem, gleichnamigen Kindercomic die interessanteste Figur. Und jetzt also die kaltschnäuzige Rosa, unverblümt, direkt, zupackend und auch mal zuschlagend.

Kuriose Kapriolen

Dazu die üblichen Verdächtigen, ein Gruselkabinett dunkler Machenschaften: ein von Mord und Totschlag leicht durchgeknallter Polizist, ein versoffener Arzt und Gerichtsmediziner, ein Varietébetreiber und Spelunkenwirt sowie eine abgebrühte Nachtclubkünstlerin. Ein ganzer Haufen Antihelden also, und alle mit einer interessanten Geschichte. Marks Erzählung sprüht nur so vor kuriosen Kapriolen, kühnen Wendungen und skurillen Einfällen.

Für Fans der Rechtsmedizin

Dieser Coldcase springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her, bis zum hitzigen Showdown. Soviel sei verraten: Das eigentliche Verbrechen war es, eine junge, liebevolle und gutherzige Frau zu einer sarkastischen, bärbeißigen und desillusionierten Einzelgängerin zu machen. Aber das ist nicht das Ende … Josephine Mark erzählt in packenden Bildern, tiefsinnig, mit trockenem Humor und viel Herzblut. Es finden sich Leckerlis für Fans der Rechtsmedizin und lateinische Wortwitze. Es lohnt sich, Red gleich noch einmal zu lesen.

Nonchalante Selbstzitate

Nonchalant zitiert Mark auch mal sich selbst, sei es Murrs Erkenntnis über den Wert des Lebens angesichts des Todes. Oder das grandiose Schlussbild aus Trip mit Tropf: Ein Grummelkopf und ein kleines Tier von hinten, mit Blick auf ein weites Panorama und eine vielversprechende Zukunft.

So wird aus einem Coldcase ein herzerwärmender Comic.

Josephine Mark: Red, Kibitz, 2025, 248 Seiten, 26 Euro, ab 12 Jahre

Im Angesicht Agathes

Es ist schon etwas Besonderes, wenn die Heldin eines Kinderbuches gut 80 Jahre alt ist. Zwar gibt es mal eine uralte Großmutter. Die kann dann aber auch mehr als ein bisschen tüdelig sein, um Kindern das komplizierte Thema Demenz zu erklären. Die betagte Agathe aber krabbelt im neuen Kinderbuch der vielfach ausgezeichneten Antje Damm munter herum. Sie ist nämlich, wie der Untertitel verrät, eine Schildkröte.
Agathe. Papas Schildkröte und ich ist Autobiografie, Sachbuch und Familiengeschichte in einem. Antje Damm ist diese Kombination hervorragend gelungen. Die lange Entstehungszeit hat sich auf jeden Fall gelohnt. Die griechische Landschildkröte war schon lange da, bevor Antje Damm im Jahr 1965 geboren wurde. Ihr Vater, einst ein Tiere und Natur liebender Junge, hat sie mit einem genialen Trick in sein Leben, das seiner Tochter und deren Töchter, seinen Enkelkindern, gebracht.

Keine Haustiere!

Allein das ist schon eine Geschichte wert. Seine Mutter, Antje Damms Großmutter, war nämlich strikt gegen ein Haustier: »1. Haustiere machen Dreck. 2. Sie stinken. 3. Sie fressen einem die Haare vom Kopf. 4.Sie machen Krach. 5. Sie brauchen Platz. 6. Und sie machen soviel Arbeit!« zeigt Damm ihre Großmutter zeternd. »Aber meinem Papa war das egal!«, schreibt sie in großen Buchstaben auf der gegenüberliegenden Seite über einen kleinen und sehr entschlossen blickenden Jungen.

Geschenk zum Muttertag

In der Tierhandlung kauft er eine Schildkröte. Ein Tier, das jedes Argument aufs Schönste widerlegt. Und schenkt es seiner Mutter liebevoll verpackt zum Muttertag. Damals war Agathe noch so groß wie ein Fünfmarkstück, was als alte, ausgeschnittene Fotos, in Originalgröße nebeneinander gelegt, sehr niedlich aussieht. Für heutige Kinder in Euro, oder eher bargeldlosen Zeiten: das entspricht knapp drei Zentimeter Durchmesser. Und so stakste Agathe in die Herzen von mehreren Generationen. »Sie ist ungefähr 20 cm lang, wunderschön und klug und sehr still«, schreibt Damm.

Inspiration für ein vielfältiges Gesamtkunstwerk

»Ohne sie hätte ich nicht begonnen, Kinderbücher zu schreiben, denn durch die Geschichten, die ich mit ihr erlebt habe, entstand mein allererstes Bilderbuch. Es wurde allerdings nicht gedruckt«, erzählt die studierte Architektin Antje Damm zu Anfang. Gut, dass sie sich nicht hat entmutigen lassen. Und umso schöner, dass jetzt derjenigen, die Inspiration und Ursprung eines vielfältigen und grandiosen Gesamtkunstwerks ist, ein eigenes Buch gewidmet wird.

Comic, Schautafeln, Grundrisse

Auch in diesem Buch verwendet Damm verschiedene, sehr individuelle Gestaltungstechniken und für sie typische Illustrationsstile. Es gibt comicartig gezeichnete Episoden und Kindheitserinnerungen, lustige, traurige und auch peinliche. Dazwischen sieht man auf detailierten Schautafeln, was Agathe am liebsten isst. Oder wie technisch ausgereift ihr Schutzhaus im Garten mittlerweile ausgestattet ist. Oder der spezielle Kühlschrank, in dem Agathe überwintert. Hier kommt Damms ursprünglicher Beruf als Architektin ebenso zur Geltung wie im Grundriss des Hauses und der Nachbargrundstücke, als die Familie mit Agathe aus der Stadtwohnung auf Land zieht.

Mettigel und Toast Hawaii

Zahlreiche Fotos aus dem Familienalbum zeigen Agathe unterschütterlich im Wandel der Zeit. Collagen mit kulinarischen Modeerscheinungen wie Mettigel und Toast Hawaii oder der ikonische VW Käfer, bunte 70er-Jahre Kinderklamotten, in Versuchung führende Barbiepuppen und mit Glanzbildchen verzierte Schulaufsätze – Agathe hat alles gesehen. Sich selbst dagegen hat sie oft unsichtbar gemacht, die abendliche Suche nach ihr im Garten war ein regelmäßiges Familienritual. Einmal war sie richtig ausgebüxt und über acht Wochen verschwunden.

Zehen hat sie zum Fressen gern

Es gibt zahlreiche Anekdoten mit Agathe, etwa warum die Familie in Antje Damms Kindheit nur einmal in den Ferien weggefahren ist und fortan den Sommer entspannt zu Hause im Garten verbrachte. Oder Agathes mit Fotos belegte Freundschaft mit einer Taube. Antje Damm erzählt lustig und ungeheuer liebevoll von dem stillen Familienmitglied. Auch von deren Macken: »Wenn es warm ist, ist sie immer auf der Suche nach etwas zu fressen, und wenn man in ihre Nähe kommt, untersucht sie sofort die Füße. Das ist auch das einzige, wo sie drankommt. Wenn man im Sommer barfuß geht, muss man wirklich aufpassen, dass sie einen nicht in den Zeh beißt. Sie liebt Zehen über alles und keiner weiß, warum.«

Wirklich kein Haustier

Mann wünscht sich, dass Agathe noch viele Sommer in Zehen beißt. Allerdings ist mit gut 80 Jahren die Lebenserwartung selbst für griechische Landschildkröten mittlerweile erreicht. Und wenn Kinder jetzt von einer eigenen Schildkröte träumen, so mahnt Antje Damm auf der letzten Seite: »Schildkröten sind wunderbare Tiere und am allerbesten geht es ihnen in ihrem ursprünglichen Lebensraum und nicht in der Gefangenschaft als Haustier.« Das Vergnügen an dieser wunderbaren Lebensgeschichte mit einer entzückenden Heldin mindert das keineswegs.

Antje Damm: Agathe. Papas Schildkröte und ich, Moritz Verlag, 2026, 72 Seiten, 18 Euro, ab 6 Jahre

Protest ist Kunst

Ist das Kunst, oder kann das weg? Das ist ein dummer Spruch von Leuten, die sich damit über etwas lustig machen, das sie nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Kunst ist nämlich nach der Meinung solcher Ignoranten nur etwas Dekoratives, möglichst naturalistisch, gern idyllisch. Also eher Kunsthandwerk.
Kunst dagegen bewegt, regt an nachzudenken und motiviert, Missstände in Frage zu stellen. Und im besten Fall bringt sie Menschen auf die Straße! Und ändert die gesellschaftlichen Verhältnisse zum Guten. Die US-amerikanische Sozialarbeiterin und Kunstpädagogin De Nichols erklärt mitreißend, wie Kunst als Protest funktioniert. Und dass Protest an sich schon eine Form von Kunst ist. Gleich fünf verschiedene Illustratorinnen und Graphikdesigner aus den USA, Rumänien, Großbritannien und Chile haben dieses Buch vielfältig, farbintensiv und unwiderstehlich ansprechend gestaltet.

Mehr als demonstrieren

Die Initialzündung für De Nichols als Aktivistin war der 9. August 2014. An dem Tag hatte ein Polizist einen Jungen erschossen. »Er war durch das Wohnviertel seiner Großmutter geschlendert. Der Name des Teenagers war Michael Brown. Viereinhalb Stunden lang lag Michael auf der Straße, während Nachrichtensender berichteten und sich ringsum bestürzte Nachbar:innen versammelten. In den folgenden Tagen gingen in Michaels Heimatstadt Ferguson, Missouri, Hunderte auf die Straße. Nachdem auch ich täglich – und bald jede Nacht – demonstriert hatte, verspürte ich das Bedürfnis, noch mehr zu tun.«

Gesicht und Stimme geben

Zunächst gründete Nichols, die zu der Zeit als Erzieherin im örtlichen Museum für moderne Kunst arbeitete, die Onlineplattform Connected for Justice, über die Spenden an soziale Einrichtungen vor Ort verteilt wurden. Mit einem Fotografen veröffentlichte sie Portraits von Protestierenden und machte ihre Geschichten bekannt. Das ist der Zweck von Protestkunst: Menschen, die ungehört bleiben, eine Stimme zu geben. Sie mit ihren Wünschen und Problemen sichtbar machen. Und klar, einfach und unmissverständlich ihr Anliegen zu äußern.

Spiegelsarg

»Von all unseren Aktionen ist der Spiegelsarg am bekanntesten geworden. Das Projekt entstand aus einer Reihe von Träumen, die ich nach meinen ersten Demo-Nächten hatte. Jedes Mal kamen darin Männer vor, die einen Sarg aus Spiegeln trugen. Das Bild ging mir nicht mehr aus dem Kopf.« Sie bauten einen solchen Sarg und trugen ihn von der Straße, in der Michael erschossen wurde, zum Polizeirevier. Danach wurde der Spiegelsarg bei weiteren Demonstrationen eingesetzt und im ganzen Bundesstaat Missouri ausgestellt. Mittlerweile hat das Nationalmuseum für afroamerikanische Geschichte und Kultur in Washington D. C. den Spiegelsarg erworben.

Kunst für die Straße

In diesem Werk der Protestkunst vereinen sich wesentliche Eigenschaften sozialer Bewegungen: Es wurde nicht ursprünglich für ein Museum oder Kunstsammler hergestellt, sondern für die Straße. Es informiert. Es macht Botschaften sichtbar. Es reflektiert. Der Sarg macht Trauer, erfahrene Gewalt und in diesem Fall die Polizeiwillkür plastisch und eindringlich deutlich. Das Kunstwerk prangert Zustände an.

Remix aus Vorhandenem

»Ein Hauptanliegen von Protestkunst ist die Auflehnung gegen bestehende Gesellschaftsnormen und Regeln. Mit ihren Werken drücken Künstler:innen wie Elizabeth Vega, Ai Weiwei, Banksy und viele andere ihren Widerstand aus. Oft greifen sie auf vorhandenes Material und Kulturgut zurück und arrangieren es neu. Zum Beispiel remixen sie Werbebotschaften, Denkmäler und Bauwerke, Nachrichten oder politische Slogans, um auf Heucheleien, überholte Werte und andere Missstände hinzuweisen«, erklärt Nichols. Künstler:innen und Aktivist:innen okkupieren Insignien der Macht, verfremden sie geschickt – und entlarven so Strukturen der Unterdrückung und Ungerechtigkeit.

Tänze und Regenschirme

Dabei ist Protestkunst nicht neu: Anfang des 19. Jahrhunderts erschütterte Francisco de Goyas Zyklus Die Schrecken des Krieges, Diego Riveras erzählte in riesigen Wandgemälden Mexikos Geschichte, 1929 wehrten sich Frauen in Nigeria mit Tänzen und Gesängen gegen die britische Kolonialherrschaft, Dada-Künstler wendeten sich gegen Kriegstreiberei. De Nichols stellt Symbole von Protesten vor, zum Beispiel gefaltete Papierkraniche, Regenschirme, geballte Fäuste oder die Regenbogenflagge.

Farben und Typografien

Farben spielen ebenfalls besondere Rollen: Das Orange der Revolution in Kiew. Rot war die Farbe die Nelkenrevolution in Portugal. Blau stand für die Indigo-Unruhen in Indien. Auch Lila, Grün, Pink, Schwarz und Weiß haben gesellschaftliche und kulturelle Bedeutungen und prägen bestimmte Protestbewegungen. Sogar für unterschiedliche Typografien gibt es eine Doppelseite in diesem appellativem Sachbuch und Ratgeber: Es macht einen Unterschied, ob man gelehrt und elegant wirkende oder moderne und schnörkellose Schriften verwendet. Auch Groß- oder Kleinschreibung oder in Versalien (nur in Großbuchstaben) verändert die Wahrnehmung des Geschriebenen.
Dazwischen finden sich immer wieder motivierende Seiten mit praktischen Tipps, wie man selbst Protestkunst schaffen kann. Das reicht von einfachen Schildern, Bannern und Plakaten über Playlists mit Protestsongs, Logos und Flashmobs bis zu Memes, Videos und Zeitschriften, sogenannten Protest-Zines.

Bewegendes und inspirierendes Kunstwerk

Bunte und detailierte Collagen, Scherenschnitte, Siebdruck, Graffiti und Stencils, Fotografien. Auf der nächsten Seite Comicelemente, Bilder in knalligen Farben und scharf konturierte Schwarzweiß-Grafiken im Wechsel. Dazu eingestreute Zitate, im Spiel mit verschieden Schriftarten und Größen, auf farbigem Untergrund oder großzügigem Weißraum – so unterschiedlich die fünf Illustrator:innen sind, so heterogen sind ihre Gestaltungsmethoden und Umsetzung der vielfältigen Aspekte. Sie alle machen Auf die Straße! zum inspirierenden und ermutigendem Protestkunstwerk.

Bei der nächsten Demonstration gegen Rassismus oder Sexismus, für Gleichberechtigung oder Umweltschutz mit kreativen Plakaten, mitreißenden Slogans und überraschenden Aktionen ist das Motto: Das ist Kunst! Und DAS (wahlweise einsetzen: digitale Gewalt, Rechtsextremismus, SUVs, also super unnütze Verkehrswendehindernisse, etc.) muss weg!

De Nichols: Auf die Straße! – Kunst als Protest, Illus: Diana Dagadita, Saddo, Olivia Twist, Molly Mendoza, Diego Becas, Übersetzung: Leena Flegler, Gerstenberg, 2026, 80 Seiten, 22 Euro, ab 13

Finanziell souverän

Momentan gibt es wohl keinen Tag, an dem wir Erwachsenen uns nicht über die steigenden Preise in Läden, auf Märkten oder an Tankstellen ärgern. Ob wir es wollen oder nicht, die Gedanken ans Geld sind allgegenwärtig – und betreffen natürlich auch schon die ganz jungen Menschen, wenn es darum geht, aus dem Taschengeld das Beste zu machen.

Denn das Tückische an diesem Geld ist ja tatsächlich, dass es ganz schnell wieder weg ist, wenn man nicht aufpasst. Die Versuchungen und Verlockungen da draußen sind einfach zu groß und zu vielfältig. Und wenn man dann als junger Mensch bereits über eine eigene Geldkarte (welch perfide Idee der Banken) verfügt und bargeldlos zahlt, ist der Überblick über das eigene Vermögen auch schnell dahin. Dann gibt es böse Überraschungen, wenn die Karte auf einmal nicht mehr funktioniert.

Zwei Guppys als Guides

Um solchen Momenten vorzubeugen, kann man jetzt auf den Kinder-Ratgeber Von Geld, Gold, und Guppys zurückgreifen. Andrea Schwendemann, versierte Kindersachbuchautorin, hat sich dem Thema Geld angenommen und führt die jungen Leser:innen mit Witz in diese ziemlich komplizierte und manchmal nervtötende Welt. Sie holt dafür die Guppys Goldi und Fondia als Geld-Guides in ihr Team. Die beiden Fische nehmen die Kids an die Flosse und erklären verständlich und nachvollziehbar, was es mit dem Geld auf sich hat.

Super-Tauscher

Klar, möchte man sofort wissen, wie man aus wenig Geld viel machen kann, aber ohne ein bisschen Geschichte und Hintergrundwissen, wieso die Menschen so ein Zahlungsmittel überhaupt erfunden haben, geht es natürlich nicht. Doch Goldi und Fondia liefern interessante Beispiele für ursprüngliche Tauschobjekte (z.B. Wahl-Zähne, Gehäuse von Kaurischnecken oder Kakaobohnen) und zeigen, mit welchen Geheimzeichen unsere Banknoten, diese Super-Tauscher, heute ausgestattet sind, damit sie nicht gefälscht werden können.

Grundwissen um Sparen, Zinsen, Anlagen

Nach und nach kommen die Guppys dann zur Sache: Was sind Zinsen? Was Zinseszinsen? Was ist die Börse? Wo liegen die Unterschiede zwischen Aktien, Fonds und Sparbüchern? Was für Anlagestrategien gibt es? Was für ein Anlagetypus ist man überhaupt? Wie rutscht man (nicht) in die Schuldenfalle? Anschaulich und gutverständlich gibt es dann die entsprechenden Antworten.
Und so findet man als Leser:in plötzlich seinen eigenen Alltag in diesem Ratgeber wieder, wenn es beispielsweise darum geht, die richtigen Passwörter für Internetshops zu erfinden, oder nerviger Werbung im Netz zu widerstehen.

Das wirklich Wichtige im Leben

Doch neben allen praktischen und theoretischen Finanzinhalten, die Gold wert sind, geht es bei Andrea Schwendemann auch um das, was einem im Leben wirklich wichtig ist und wie man das Leben für sich und andere besser machen kann. Hier erfahren die Kids den Unterschied zwischen grundlegenden Bedürfnissen (Nahrung, Wohnung, Kleidung) und Wünschen (Spielzeug, Süßigkeiten, Sammelkarten) und dass man ganz klar Prioritäten setzen muss. In der Folge zeigen Goldi und Fondia, wie man sein Vermögen am geschicktesten aufteilt – nämlich in Ausgeben, Sparen und Teilen. Ja, auch teilen. Hier fließt auf eine sehr natürliche und selbstverständliche Art, die politische Dimension von Geld und Finanzen in den Ratgeber. Denn das Teilen, besser bekannt als Spenden, ist ein wichtiger Teil für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Dass die Kids das bereits in jungen Jahren erfahren, halte ich für enorm wichtig. Denn was nutzt es, wenn wenige Menschen Milliarden bunkern, und andere nicht genug zu essen haben …

Mitmachen, quizzen, unabhängig werden

Vertieft wird das neue Finanzwissen durch Mitmachspiele, Quizfragen, ein Geld-Tagebuch und einen Spar-Plan. Gelesenes setzt sich durch diese spielerischen Elemente ganz natürlich fest und trägt dann hoffentlich in der Zukunft viele tauschbare Früchte. Und so wie es heutzutage notwendig ist, in der Schule Medienkompetenzen zu erlernen, um sich im Netz und den sozialen Medien unbeschadet bewegen zu können, wäre auch das Fach Finanzwesen in der Schule sicherlich nicht verkehrt. Andrea Schwendemanns Ratgeber macht hier den Anfang und liefert das Grundwissen für finanzielle Souveränität, die nicht nur dem Einzelnen nützt, sondern langfristig uns allen.

Andrea Schwendemann: Von Geld, Gold und Guppys. Wie aus deinem Taschengeld ein ganzer Schatz wird, Stiftung Warentest, 2026, 128 Seiten, ab 8, 16,90 Euro

Aber wir lebten

Was ist mir Bolt?«. Das fragt der 16-jährige Felix nach einer langen, schlaflosen und schweigenden, sprachlosen Nacht. Nachdem ihm die Polizei mitgeteilt hat, dass seine Eltern und seine jüngere Schwester bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Bolt ist der Hund seiner Schwester, von ihr heißgeliebt, von Felix bislang spöttisch ignoriert. Er war im Kofferraum. Jetzt ist dieser kompakte, triefäugige Bulldoggenmix neben Felix das einzige überlebende Familienmitglied.
Das ist die krasse, erschütternde und absolut schreckliche Ausgangssituation von Franziska Hörners erstem Jugendroman … und mir bleibt der hässliche Hund. Bolt wird zu Felix ständigem Begleiter. Hund und Junge gelingt es gemeinsam, ins Leben zurückzufinden.

»Ich sprach nicht viel Hund«

Anfangs liegt Felix nur in seinem Bett, niedergedrückt von einem gewaltigen Schmerz. »Der erste Moment, in dem ich gespürt hatte, so richtig tief in meinem Innern gespürt hatte, dass mit mir nun etwas anders war, war etwa zwei Wochen nach dem Unfall gewesen. Es war um die Mittagszeit gewesen und ich hatte bereits diverse Löcher erst in meine Zimmerdecke und dann in den Wohnzimmerteppich gestarrt. Irgendwann war mir Bolts Gebettel aufgefallen und es muss schon viel bedeuten, dass er es geschafft hatte, sich in mein Bewusstsein zu drängen, denn das war zu dem Zeitpunkt ein wirklich weit entfernter Ort. Er musste aufs Klo. Zumindest ging ich davon aus. Ich sprach nicht viel Hund.«

»Ihr Hund hat Depressionen«

Draußen, in einem nahegelegenen Park, erleidet Felix seine erste Panikattacke. Franziska Hörner beschreibt sie unmittelbar, packend und klischeefrei. »Meine Angst machte mir Angst«, fasst Felix diese irrationale Reaktion zusammen. »Was meine Aktivitäten anging, so war es bei dem einen Ausflug in den Park geblieben. Irgendwann, nachdem ich mehrere Wochen so zugebracht hatte, schaute ich auf den Hund, der da neben meinem Bett lag und blieb mit den Augen hängen. Irgendetwas stimmte nicht. Er war noch genauso hässlich wie immer, Fledermausohren, der Überbiss, bei dem die untere Zahnreihe hervorblitzte, der kleine unproportionale Körper. Aber etwas war anders.« Bolt hat abgenommen, das Fell hängt schlaff um ihn rum und wirkt stumpf. Er wirkt apathisch. Felix rafft sich auf, versucht, dem Tier verschiedenes Futter und Leckereien anzubieten. Doch egal, was Felix auch versucht, Bolt frisst nicht. »Ich glaube, Ihr Hund hat Depressionen«, lautet die Diagnose einer Tierärztin.

Auf dem Longboard

Mit diesem tragikomischen Dreh bringt Franziska Hörner, studierte Biologin und Elefantenforscherin, die Geschichte ins Rollen, auch buchstäblich. Felix sucht Hilfe, für Bolt und für sich. Und landet in einer psychotherapeutischen Praxis bei Frau Rose. Bolt immer an seiner Seite. Oder bald schon vor seiner Nase. Weil Bolt auf seinen kurzen Beinen schnell aus der Puste kommt, kramt Felix sein Longboard hervor, setzt den Hund vorn drauf und so fahren sie durch die Gegend.

Mo bringt es mit einem Wort auf den Punkt

Im Wartezimmer begegnet Felix Mo. Mo ist mit seiner Mutter und seinen Geschwistern aus Syrien nach Deutschland geflohen. Über seine traumatischen Erlebnisse redet Mo nicht. Doch auch er leidet unter Panikattacken. Und er kann nicht mehr schlafen. Stattdessen liest er viel. Sein eigenes Trauma kaschiert Mo  scharfzüngig mit sarkastischem Humor und flapsigen Sprüchen. Gegenüber Felix bringt er dessen Situation wohltuend klar auf den Punkt: »›Scheiße‹, sage Mo. Nur das. Mehr nicht. Ich schaute ihn überrascht an. In seinem Blick lag kein Schock, keine Betroffenheit. Nicht dieses schmerzliche Mitleid, and das ich mich schon so gewöhnt hatte. Bloß ein Verständnis dafür, wie es war. Nämlich scheiße.«

Sehnsucht nach Leichtigkeit

Zu den beiden Jungen gesellt sich noch Marie, die zunächst Bolts Charme erliegt. Marie scheint alles leicht zu nehmen und hadert nicht mit Zumutungen. Genau diese Leichtigkeit hätte Felix auch gern. Zwischen den beiden bahnt sich eine erste, zarte Liebe an.
Mo, Marie, die Therapeutin Frau Rose, seine Tante Becca und ihr Freund Phil, das sind die Menschen, die Felix helfen, ins Leben zurückzukehren.

Schmerz ist nicht relativ

Psychotherapie spielt in diesem Roman und beim Heilungsprozess eine nicht unwesentliche Rolle, und zwar in der Person der absolut professionell ebenso empathischen wie motivierenden Frau Rose: »›Felix, was dir passiert ist, entspricht nicht dem normalen Maß an menschlichem Leid, das uns widerfahren kann. Du hast deine ganze Familie auf einen Schlag verloren. Das ist schlimm‹, sagte sie nachdrücklich. ›Aber ganz unabhängig davon sollte man seine Erfahrungen und die daraus entstehenden Emotionen nicht mit denen anderer vergleichen. Emotionen sind nicht relativ. Schmerz ist nicht relativ. Also kannst du auch nicht sagen, dass du zu stark empfindest und kein Recht auf deine Gefühle hast, weil anderen, wie du es formulierst, schlimmere Dinge passiert sind‹«.

Warmherziger Witz und schräger Humor

Franziska Hörner, die beim Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 in der Sonderkategorie Neue Talente nominiert ist, erzählt von ungeheuer tiefen Gefühlen, von Schmerz, Verlust, Angst, und von Freundschaft und Liebe, berührend und einfühlsam, ohne sentimental zu werden. Das liegt auch an dem warmherzigen Witz und schrägem Humor, der immer wieder aufblitzt. Etwa wenn Felix als Neuling im Umgang mit Hund das merkwürdige Verhalten anderer beobachtet: »Ich ließ Bolts Halsband los, damit die zwei Hunde sich ausführlich gegenseitig am Hintern beschnuppern konnten. Hunde waren so komisch. Die Frau und ich standen daneben und sahen ihnen dabei zu. Hundebesitzer waren mindestens ebenso komisch. Nichts war vergleichbar mit dem einträchtigen Schweigen, wenn zwei Hundebesitzer ihren Hunden beim Spielen zusehen.«
Und den spritzigen Dialogen, zum Beispiel als Mo und Felix sich gegenseitig aufzählen, was ihnen Angst macht: »›An lauten Baustellen vorbeigehen‹, ›Sirenen‹, ›Das Zimmer meiner Schwester betreten‹, ›Männer in Uniform‹, ›Ohne Bolt wohin gehen.‹ Mo blickte mit hochgezogenen Augenbrauen auf den Hund, den ich noch auf Arm hatte und dann zu mir. ›Und ich dachte, ich hätte Probleme‹, sagte er.«

»Wir waren Glückskinder«

… und mir bleibt der hässliche Hund ist eine herzergreifende und komische Geschichte vom Erwachsenwerden, brillant geschrieben, klug und witzig beschrieben. Franziska Hörners Debüt besticht und berührt in seiner Wahrhaftigkeit und Intensität: Es erzählt von ungeheurer Trauer, Schmerz und existenziellem Verlust. Und enthält doch so viel Liebe. Es ist eine Freude, diese jungen Menschen und den besonderen Hund kennenzulernen und einen Sommer lang zu begleiten. »Es war noch nicht gut, auch noch nicht wie früher. Das würde es wohl auch nie wieder werden. Aber wir lebten. Darauf kam es an. Mo und ich, wir waren Glückskinder.«

Franziska Hörner: … und mir bleibt der hässliche Hund, Thienemann, 2026, 256 Seiten, 14 Euro, ab 13 Jahre