Was bleibt

Kurz vorab: Ich tue in Zeiten der Corona-Krise nicht so, als würde ich hier weitermachen wie bisher – ich mache tatsächlich weiter wie bisher. Denn wann hat man mehr Gelegenheit zu lesen, als jetzt, während dieser verflixten Pandemie, die hier auch nur einmal namentlich erwähnt werden soll. Also, los geht’s …

Plötzlich weiß ich es: Solange ich Noa hasse, wird Mama nicht sterben.«
Leas beste Freundin Noa hat das ausgesprochen, was Lea schon lange verdrängt und nicht zu denken wagt: Dass Leas Mutter den Kampf gegen den Krebs verlieren und sterben wird.
Deshalb versucht die Neunjährige das grausame Schicksal ebenso grausam auszutricksen, indem sie Noa, schneidet, ignoriert, wegschubst, beschimpft, mobbt, aus ihrem Leben verbannt. Das ist irrational – aber absolut verständlich.
Wie der drohende Tod Seele und Herz eines Mädchens mit Hass und Schmerz erfüllen – und dann doch ein stärkeres Gefühl sie tröstet und rettet, erzählt die schwedische Autorin Moni Nilsson absolut ergreifend und brillant mit So viel Liebe.

Wie ist es, wenn da nichts und niemand ist?

Man kennt den Kampf eines jungen Mädchens gegen ihre Krebserkrankung aus John Greens mal todtraurigem, mal todkomischem Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Hier blickt die Heldin dem eigenen Tod ins Auge.
Aber wie ist es für Kinder, wenn ein Elternteil stirbt? Wenn da ein großes Nichts ist, wo jemand war, der tröstet, beschützt, Halt gibt, bedingungslos liebt, auf den man sich verlassen kann – der eigentlich immer da sein sollte, solange man noch Kind ist?

Herz kaputt, Hirn zerreißt

Schon für Erwachsene ist es nicht leicht, mit dem Tod geliebter Menschen umzugehen, selbst darüber nur nachzudenken scheuen die meisten. Moni Nilsson beschreibt ungeheuer eindringlich, was diese Angst, die kein Kind erleiden sollte, mit Kindern macht.
»Es ist unbegreiflich.
In einem Monat gibt es Mama nicht mehr.
In einem Monat ist sie tot.
In einem Monat kann sie nicht mehr abwaschen.
Nicht einmal weinen. Oder ihre Lieblingsband hören.
Das ist unbegreiflich.
Es geht einfach nicht.
Mein Gehirn zerreißt.
Mein Herz ist schon kaputt.«
Lea versucht, das Undenkbare nicht zu denken. Aber das geht natürlich nicht. Eigentlich kennt sie ihre Mutter nur krank: »Alle anderen Mamas arbeiten. Meine Mama ist fast immer zu Hause, schon seit ich in die erste Klasse gekommen bin. Sie sagt, ihre Arbeit ist es, gesund zu werden. Und mich rund um die Uhr lieb zu haben.«

Prügeln ist auch keine Lösung

Lea ist extrem wütend auf das Schicksal, das manchmal tatsächlich ein richtig mieser Verräter zu sein scheint. Sie ist wütend über die schreiende Ungerechtigkeit, dass alle anderen gesunde Mütter haben. Und sie ist wütend auf jeden, der Mitleid mit ihr hat und sie bedauernd ankuckt. Da schlägt sie sofort zu.
Jeden Tag verprügelt sie ein Kind auf dem Schulhof. Bis ihr großer Bruder eingreift: »Es ist Lucas, der mich von meiner Prügelkrankheit heilt. Er kommt in mein Zimmer, ohne anzuklopfen, packt mich und drückt mich auf den Boden. Hält mich fest. Sehr fest. Er ist schwer. Ich krieg kaum Luft. Lucas guckt mich fuchsteufelswild an. ›Du hörst verdammt noch mal damit auf, dich wie eine Idiotin zu benehmen, kapiert? Damit machst du es Mama und Papa nur noch schwerer. Du bist nicht die Einzige, die einem leidtun muss, falls du das glaubst.‹«

Brutaler Deal mit dem Schicksal

Lektion verstanden, Prügeln ist keine Lösung. Aber an ihrem brutalen Deal gegen den Tod hält Lea fest: »Ich darf nicht vergessen, Noa zu hassen.«
Die Niederländerin Marjolijn Hof hat von dieser verqueren Logik, die nicht nur Kinder verfolgen, um dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen, in der fesselnden Erzählung Buch Tote Maus für Papas Leben erzählt.
Leas Angst ist noch konkreter, erlebt sie doch das langsame, qualvolle Sterben ihrer Mutter hautnah mit. Horrorfilme, die sie selbstverständlich nicht sehen darf, erscheinen ihr harmlos im Vergleich dazu. »Die Wirklichkeit, in der Eltern abends weinen und in der man nicht vergessen darf, seine beste Freundin zu hassen, die sollte für Kinder verboten werden.«

Kraft und Mut, sie sterben zu lassen

Patrick Ness hat in dem bereits verfilmten Sieben Minuten nach Mitternacht diese unerträgliche Wirklichkeit zu einem bizarren, schließlich befreienden Albraum werden lassen. Moni Nilsson bleibt realistisch und ganz nah an ihrer authentischen und sehr sympathischen Heldin.
Leas Mutter gelingt es schließlich zusammen mit dem ebenso traurigen Vater und Bruder Lea zu befreien von ihrer Wut, ihrer Verzweiflung, der Angst und Einsamkeit. Absolut überzeugend und glaubwürdig gibt sie ihrer Tocher das Vertrauen und auch den Mut und die Kraft, sie sterben zu lassen. Denn da ist nicht Nichts. Was bleibt, ist so viel Liebe.

Moni Nilsson: So viel Liebe, Übersetzung: Angelika Kutsch, Carlsen, 2020, 128 Seiten, ab 10, 12 Euro

Weil die Zeiten gerade ungewöhnlich sind, hier auch noch eine zusätzliche Leseempfehlung für junge Erwachsene:

In seinem Roman Die Pest beschreibt Albert Camus sehr eindringlich, was eine tödliche Infektionskrankheit macht mit einer menschlichen Gemeinschaft. Er erzählt, vor allem aus der Perspektive des Arztes Bernard Rieux, einfühlend vom Zwischenmenschlichen in einer isolierten Gemeinschaft. Vom Kampf dieses Arztes gegen die Schöpfung und seinen Weg zur Wahrheit. Vom Umgang mit der Ungewissheit, mit der Zeit, mit Sehnsucht, Angst, Schuld. Von Glauben, Moral, Werten und Überzeugungen. Und vom Tod.
»Was treibt Sie eigentlich, sich damit zu befassen?«
»Ich weiß nicht. Meine Moral vielleicht.«
»Und die wäre?«
»Mein Verständnis.«
Die Pest ist so voller kluger und letztlich erstaunlich optimistischer Gedanken (das unterscheidet den Philosophen und Nobelpreisträger Camus von seinem Kollegen Jean-Paul Sartre), dass man dieses Buch auf jeden Fall lesen sollte, am besten jetzt.

Albert Camus: Die Pest, Übersetzung: Uli Aumüller, Rowohlt, 12 Euro.

Liebenswerte Sturköpfe

Geest

Während wir zurückfahren, drücke ich mich fest an Opa. Er legt den Arm um mich. Auch wenn wir sie nicht mehr sehen, dreht er sich immer wieder um. Dann stößt er einen tiefen Seufzer aus. »Vonkie … Ich kenne niemanden, der sich so an etwas klammert wie du … der so eigenwillig ist.« »Oh, ich schon.« Ich tippe ihm mit einem Finger in den Bauch. »Du zum Beispiel.«

Zauber des Miteinandersprechens

Vonk und ihr Großvater Leo sind sich viel ähnlicher als anfangs gedacht – zwei echte Sturköpfe. Beharrlich und unbeirrbar gelingt es der Zwölfjährigen, ihren störrischen Opa zum Reden zu bringen. Das Abrakadabra der Fische handelt vom Zauber des Miteinandersprechens und der dunklen Magie vielsagenden Schweigens.
Eigentlich ist Vonkie nur für eine Woche zum Großvater auf den Polder abgeschoben worden, weil ihre Eltern unter sich etwas klären müssen. Es begann mit einem großen Knall – als ihre Mutter, wütend auf Vonks Vater, explodiert und mit der Bratpfanne dessen heißgeliebtes Aquarium zertrümmert.

Lönneberga liegt in Polderland

Weil Vonk nichts an der Krise zu Hause ändern kann, kitzelt sie Geschichten aus dem Griesgram mit imposantem Schnurrbart heraus. Das sind zunächst verrückte Schnurren von derben Streichen, Blutsbrüderschaft, tollen Hechten und wilden Wettkämpfen mit Älteren. Aufgewachsen mit sechs Brüdern, klingen Großvaters Erzählungen wie die von Michel aus Lönneberga, verlegt ins ärmlich-ländliche Nachkriegsholland.
Eine ganz besondere Beziehung hatte Leo, genannt Eisen, wegen seiner damals schon legendären Sturheit, zu seinem nur zwei Jahre älteren Bruder, genannt Beule, was vor allem an dessen Hang zu tollkühnen Mutproben hing. Aber dann muss irgendwas furchtbar schief gelaufen sein zwischen den beiden.

Ein zerrissener Brief und eine verfluchte Mühle

Während bei Vonk Zuhause alles immer komplizierter zu werden scheint und sie sich ihrer Hilflosigkeit bewusst wird, findet sie immer mehr über Eisen und Beule raus. Ein Brief wird ungelesen zerrissen und weggeworfen. In einer Truhe auf dem Dachboden liegt ein unheimlicher Puppenkörper. Und niemand wagt sich zur alten, verfluchten Mühle.
Vonkie kommt, auch mit Hilfe ihres unter seiner linkisch-angeberischen Schale doch sehr netten Cousins, einem dunklen Familiengeheimnis auf die Spur. Und beschließt, wenn sie schon ihre eigene Familie nicht reparieren kann, zumindest zwei seit 50 Jahren zerstrittene Brüder wieder einander anzunähern. »Was bilde ich mir ein? Dass ich, ein zwölfjähriges Mädchen, mal eben diesen Streit lösen kann? Mit einer rostigen Keksdose?«

Falscher Stolz und fatale Vorurteile

Tochterweh und rechteckige Miniaturmumien, alte Kühe im Graben und superdumme Schafe auf der falschen Deichseite – der junge Niederländer Simon van Geest erzählt sein komplexes Familiendrama mit funkelndem Wortwitz und pointierten Bildern. Fatale Sprachlosigkeit, falscher Stolz und gefährliche Vorurteile kommen dort ebenso zum Tragen wie Liebe, Tod und Eifersucht.
Ist es eine Lüge, wenn man etwas verschweigt? Können Worte Leben zerstören?
Weshalb darf man vom Erwachsenengetue nichts wissen, wenn man als Kind doch sowieso mitten drin steckt? Und warum sprechen die Großen nicht miteinander?

Vermächtnis der fabelhaften Mirjam Pressler

Große Fragen und die spannende Suche nach Antworten, eingebettet in die einzigartige Polderlandschaft mit ihren stoischen Bewohnern, all das macht Das Abrakadabra der Fische zu einem exzellenten Kinderroman. Leider ist es auch eines der letzten Bücher, das Mirjam Pressler übersetzt hat. Die fabelhafte Autorin und fast noch brillantere Übersetzerin aus dem Niederländischen und Hebräischen ist Anfang 2019 gestorben. In diesem Buch bleibt ihre stets mitreißende und facettenreiche Stimme lebendig.

Simon van der Geest: Das Abrakadabra der Fische, Übersetzung: Mirjam Pressler, Thienemann, 2019, 320 Seiten, ab 10, 15 Euro

Tierisch faszinierende Berliner

Parakenings

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was entdecken. Zum Beispiel mitten in Berlin in einem sogenannten Kulturkaufhaus, einem großen Buch- und Tonträgerladen, auf einem für Touristen zusammengestellten Büchertisch. Zwischen den üblichen Stadtführern mit Gastrotipps, den 100 schönsten Orten, Berliner Geschichten und allerlei Vorschlägen für spezielle Interessen liegt eher dezent, mit blassgrünen Zeichnungen auf dem Einband Berliner Tiere – Ein kleiner Guide für Naturbanausen & Stadtkinder.
Abgesehen davon, dass ich immer anspringe, wenn mich das Bild eines Fuchses anblickt, scheint die Autorin und Illustratorin Marie Parakenings mit dem Untertitel genau mich gemeint zu haben.

Originelles Zahlensystem und frischer Blick auf die Hauptstadt-Fauna

Natur ist echt nicht so mein Ding, viel stechendes Kleinvieh und gern mal ein Wolkenbruch aus heiterem Himmel auf freiem Feld. Und Stadtkind bin ich von Geburt an – mit allen entsprechenden Vorbehalten gegenüber Land, Dörfern und Kleinstädten.
Über marodierende Wildschweine, zutrauliche Füchse und neugierige Waschbären mitten in Berlin hat man schon reichlich gehört. Aber die Designerin Marie Parakenings kommuniziert einen ganz neuen, frischen Blick auf die Fauna der Großstadt.

Abhängen am Paul-Lincke-Ufer

Das liegt auch am originellen Ordnungssystem, mit dem Parakenings die Tiere nach Fakten von 6.000.000 auf Null sortiert. Es fängt mit sechs Millionen Wanderratten an, die sich in Berlin tummeln, also fast doppelt so viele, wie Menschen in Berlin leben. Und wenn’s gut läuft für die vor 600 Jahren zugewanderten Säugetiere, könnte sich das Verhältnis zum Menschen zu ihren Gunsten noch locker verbessern – zahlenmäßig zumindest. Ein Rattenweibchen kann bis zu acht Würfe mit bis zu zwanzig Jungen haben, pro Jahr. Kommunizieren tun die bis zu 200 Tiere starken Familienverbände mit Lauten im Ultraschallbereich und hängen am liebsten, wie auch vor allem junge Berlinbesucher, am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer ab.

Verbündeter im Kampf um autofreie Innenstädte

Dieser allein ob ihrer Menge ziemlich beeindruckenden Hauptstadtbewohnerin folgt ein ebenso hübscher, naturalistisch gezeichneter und liebevoll kolorierter Steinmarder auf pastelfarbenem Fond – und die Zahl 2.500.000. Die nennt aber nicht die Größe der Population. Zweieinhalb Millionen Euro Schaden richten die einst menschenscheuen Allesfresser an Berliner Autos an, indem sie Kabel und Schläuche kaputtbeißen. Ein guter Verbündeter im Kampf für autofreie Innenstädte (meine Sicht, nicht dass die Autorin Ärger mit der mächtigen Autolobby bekommt).

Ansprechende Abschlussarbeit

307.088 Einwohner wiederum hat der Berliner Bezirk, der nach einem Vogel mit sprechendem, onomatopoetischem Namen benannt wurde, dem Stieglitz. »Welcher Bezirk mag das wohl sein? Na … zugezogen? Steglitz natürlich! Im Slawischen heißt das soviel wie da, wo es Stieglitze gibt« schreibt Parakenings. Was sie hier so souverän erklärt, weiß die selbst in Berlin aufgewachsene Autorin erst seit den Recherchen für ihr Buch. Berliner Tiere ist ihre Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Weißensee.

Gema-Gebühren und Kotcontent

Es gibt viel Skurriles und Lustiges über Berlins tierische Bevölkerung zu erfahren. Die 168 im U-Bahnhof Hermannplatz lebenden, an Dönerfleisch adaptierten Gleismäuse waren ursprünglich Feldmäuse. Spatzen machen ihre Nester mit Kippen milbensicher. Rotkehlchenmännchen bleiben zu 20 Prozent ihr Leben lang Singles. Und nicht nur die in der Kapitale ansässigen 65 Waldkäuze wären »ziemlich reich, würde ihnen die Gema Tantiemen zahlen für jedes Mal, wenn in Film und Fernsehen ihr typisches huuu huuu ertönt«. Fakten über Fuchsfäkalien, Losung genannt, nennt Parakenings scherzhaft »Kotcontent«. Den Ausdruck könnte man auch als höfliche Umschreibung für den vielen im Netz kursierenden Dreck verwenden.

Für welches Tier steht »4,99«?

Was es unter anderem mit den Zahlen »1945«, »569«, »275« und »4,99« auf sich hat, wird hier auf keinen Fall verraten – unbedingt selbst lesen!
So war diese Reise nach Berlin und ist dieses brillante Tierbuch in vielfacher Hinsicht ein fa(u)ntastisches und bereicherndes Erlebnis.

Marie Parakenings (Text und Illustration): Berliner Tiere – Ein kleiner Guide für Naturbanausen & Stadtkinder, Kulturverlag Kadmos Berlin, 2020, 160 Seiten, ab 10, 19,90 Euro

Mit 200 Sachen ins Leben

200 Sachen – als Erwachsener kann man davon nur träumen. Damit ist nicht die Geschwindigkeit gemeint, mit der man über die Autobahn kacheln könnte, wenn man einen geeigneten und möglichst stilvollen, fahrbaren Untersatz hat.
Die junge Grafikerin Magdalena Skala, Jahrgang 1994,  hat mit Sachen – Mein 200-Bilder-Buch das perfekte Abbild der kindlichen Realität gestaltet. 200 farbige, klar konturierte Bilder von Alltagsgegenständen und Lebensmitteln finden sich auf zehn stabilen Papp-Doppelseiten.

Auf zehn Doppelseiten durch Lebensräume

Da geht es von der Garderobe mit Mantel, Schirm, Schuhen, Geldbörse und Smartphone gleich ins Kinderzimmer zu Schaukelpferd und Xylophon. Vor allem das Xylophon sticht ins Auge: Dieses einfache Instrument mit den bunten Metallplättchen findet sich doch tatsächlich bis heute magischerweise fast immer beim Spielzeug. Wenn es auch nur ansatzweise so viele ausgewachsenen Percussion- und Vibraphonisten gäbe, würde die Welt ganz anders, rhythmischer und auch schöner klingen.
Auf den nächsten Doppelseiten streift der Betrachter durchs Wohnzimmer mit Sessel, Wandschrank und Flachbildschirm in die Küche. Und mitten rein in den Kühlschrank, ins Bad, runter in den Keller und raus in den Garten. Wobei im eigentlichen Sinn keine Zimmer zu sehen sind, aber die Dinge, die man den einzelnen Räumen zuordnet.

Alltag in sattem Orange, Rot, Geld und Dunkelblau

In sattem Orange, Rot, Gelb und Dunkelblau entfaltet Skala alles, was die Alltagswelt eines Kindes prägt. Nichts fehlt, und kein Teil ist zu viel. Die idealen 200 Sachen halt, bei denen die Entrümplungsexpertin Marie Kondo garantiert nichts zum Ausmisten fände. Und auch keinen Anlass für den von ihr selbst absurderweise zum Verkauf angebotenen Krimskrams und Nippes, der Freude schenken soll, oder wie sie es sagt: „Spark joy.“

Kein Teil zu viel, nichts zu tun für die Entrümplungsexpertin

Dagegen wirkt Magdalena Skalas Wohnraumgestaltung wie pures Bauhausdesign, kein Schnickschnack, kein Firlefanz, kein überflüssiges Dekor. Für dieses Bilderbuch wurde Skala jetzt auch mit dem Meefisch (Fränkisch für Mainfisch – man kann als Erwachsener immer noch etwas lernen), einem in Markheidenfeld verliehenen Preis für Bilderbuchillustrationen ausgezeichnet. »Wie ein gutes italienisches Nudelgericht: einfach, klar, übersichtlich und vor allem wohlschmeckend«, so begründete der Illustrator und Hochschuldozent Marco Wagner den Juryentscheid.
Das ist zwar, insbesondere für einen Illustrator, ein etwas schräges Bild. Aber man versteht beim Betrachten von Skalas aufgeräumten, köstlich anzusehenden und Appetit auf mehr machenden Seiten was er meint.

Heißt es Pfannenwender? Sagt man Vierkantreibe?

Die Namen der Gegenstände sind ein Abbild der Wirklichkeit, sagt grob vereinfacht der Philosoph Ludwig Wittgenstein in seinem berühmten, später weitestgehend revidierten Frühwerk Tractatus logico-philosophicus. Magdalena Skala schafft mit ihren Illustrationen ein besonders gelungenes Abbild der kindlichen Realität. Das Tolle an diesem Buch ist, dass sie nichts benennt, nirgendwo steht »Stuhl«, »Waschmaschine« oder »Schubkarre«. Die Kinder lernen, den Sachen selbst Namen zu geben, vielleicht auch Dinge zu umschreiben. Und bei manchem Küchenutensil kommt der erwachsene Betrachter ins Grübeln, heißt es Pfannenwender? Sagt man Vierkantreibe?

Kondo kannste knicken

Gleichzeitig lernen Kinder Zusammenhänge, Funktionen und Themenkomplexe kennen: Im Bad findet sich nichts zu essen und Werkzeug eignet sich nicht zum Kochen.
Der Entdeckergeist wird zusätzlich durch einen Marienkäfer auf jeder Seite geweckt, der mal über ein Regal krabbelt, mal auf einem Flaschenetikett sitzt. Sachen ist ein klasse Bilderbuch – und kluger Einrichtungshelfer, da kann man jeden Kondo-Ratgeber knicken.

Magdalena Skala: Sachen – Mein 200-Bilder-Buch, Arena, 2020, 22 Seiten, ab 12 Monaten, 13 Euro

Mut zur Lücke

Becker

Zunächst wird es nur angedeutet: Eine handbeschriebene Tafel und Ärger mit dem Imbissbesitzer. Eine nicht wahrgenommene, viel sagende Widmung auf der ersten Seite. Die frotzelnde große Schwester: »Wer liest, ist im Vorteil.« Der ignorierte Klassenchat. Eltern, die sich selten, dieses Mal aber so richtig zoffen.
Erst nach gut einem Drittel taucht die Therapeutin in Anne Beckers Debütroman Die beste Bahn meines Lebens auf. Und man kapiert: Dies ist mehr als ein fabelhaft geschriebener Roman über das erste Verliebtsein. Und der 13-jährige Jan ist nicht nur ein höchst begabter und begeisterter Schwimmer, der mit seinen Eltern, älterer Schwester und Bruder im Kita-Alter ans andere Ende der Stadt gezogen ist.

»Du bist eigentlich zu alt für eine Therapie«

Jan hat LRS. Drei fiese Buchstaben, die für das stehen, womit Jan mehr als sein halbes, junges Leben bereits auf Kriegsfuß steht: Lesen und Rechtschreibung klappt bei ihm nicht. Aneinander gereihte Buchstaben ergeben für ihn keinen Sinn, Worte verschwimmen vor seinen Augen. Und dann sagt ihm die neue Therapeutin gleich in der ersten Stunde: »Du bist eigentlich zu alt für eine Therapie.«
Diese unverblümte Stimme ist ungeheuer erfrischend – und die Stimme der Autorin Anne Becker, die selbst als Förderschullehrerin arbeitet. Weil sie einem die Illusion nimmt, man könnte alles wegtherapieren, es wäre nur eine Frage von Ehrgeiz, Fleiß und Übung und alle Kinder wären gleich.

Chips-Cola-Momente mit dem Nachbarsmädchen

Es kann auch nicht jeder so schnell schwimmen wie Jan, geschweige denn in Rückenlage. Es schafft nicht jeder beim ersten Mal, ein ausgebüxtes Huhn einzufangen und zu beruhigen. Und es hat auch nicht jeder »Chips-Cola«-Momente mit dem Nachbarmädchen, der rothaarigen, sommersprossigen Flo (wie sich dieser Moment gestaltet, wird hier natürlich nicht verraten).
Die Vielseitigkeit macht den Reiz dieser charmant und beschwingt geschriebenen Geschichte aus. Es geht um neue Freunde und erste Liebe. Dazu gehören auch die typischen Missverständnisse, Schüchternheit, Ungeschicklichkeit und Übersprungshandlungen. Es geht um Angst und Mut, um Schwächen und Stärken. Auch Mobbing und die perfidere Form, das Cybermobbing, spielen eine Rolle: Geklaute Fahrradventile, entwendete Lieblingsbücher, spuckefeuchte Papierkügelchen, ungewollte Fotos und Filmaufnahmen.

Gefühle in Torten- und Balkendiagrammen

Das alles ist aber nie Schwarz-Weiß dargestellt, nicht auf Vorhersehbares reduziert: Jans Schwester Nele kann auch nett sein und ihm in peinlichen Situationen zur Seite springen. Der tumbe Fiesling und Konkurrent ist nicht nur böse. Und wenn man zusammen hält, kann man sich wehren. »Linus ist manchmal echt nett, weißt du? Aber das Nettsein hält nie lange an. Deshalb musste ich ihm leider mein Eisschirmchen in die Hand rammen.«
Erzählt wird aus Jans Perspektive. Dazwischen finden sich Seiten aus Flos Tagebuch. Und weil die ein Mathegenie, manchmal auch nerviger, nachrechnender Nerd ist, beschreibt sie ihre Gefühle in Form von Balken- und Tortendiagrammen, Skalen und Vektoren. Das ist schräg, super auf den Punkt gebracht und sehr witzig.

Nur ein Teilaspekt des Lebens

So wie das ganze Buch, das zeigt, dass eine Lese-Rechtschreibstörung echt kein Spaß ist und man diese Beeinträchtigung nicht einfach unter Wasser drücken kann. Aber sie ist nur ein Teilaspekt des Lebens und macht nie den ganzen Menschen aus – außer man lässt sie. »Dein Monster ist wasserscheu«, sagt Jans Therapeutin. Diese Haltung ist die Stärke dieses Debüts, das wahrscheinlich nur vorerst die beste Bahn in Anne Beckers Leben als Schriftstellerin ist. Einziges Manko des Buchs ist, dass betroffene Kinder und Jugendliche Jans Geschichte wahrscheinlich nicht selbst lesen werden. Sie sollten sie sich aber unbedingt vorlesen lassen. Und das grandiose Ende kann wirklich jeder selbst dechiffrieren, die beste Beschreibung eines Kusses: »Sprengt jede Grafik!«

Anne Becker: Die beste Bahn meines Lebens, Beltz & Gelberg, 176 Seiten, ab 11, 12,95 Euro

Hund adoptiert Familie

Rosoff

Allem Anfang wohnt angeblich ein Zauber inne. Kann sein, aber auch etwas zu beenden kann magisch sein und wahre Wunder bewirken. So im Fall der Familie Peachey, bestehend aus Vater, Mutter und drei Kindern, zumindest in der ursprünglichen Formation, als Mama Peachey beschließt Schluss zu machen und »ihren Job als Mutter an den Nagel zu hängen«: »Ich gebe auf«, sagte sie. »Ich habe keine Lust mehr, zu kochen und sauberzumachen und verlorene Schlüssel zu suchen. Ich habe keine Lust mehr auf langweilige und undankbare Aufgaben. Ich höre auf.«
Anfangs sind fast alle noch ganz begeistert. »Schluss mit gesundem Essen! Schluss mit mütterlicher Unterdrückung!« Doch schon nach kurzer Zeit versinken Vater und Kinder in Durcheinander und Dreckwäsche. Es gibt nur noch scheußlich schmeckende Fertiggerichte, die noch mehr Müll produzieren. Und keiner kommt mehr pünktlich zu Schule und Arbeit, weil der menschliche Familienwecker streikt.

Faire Arbeitsteilung ist eine schöne Wunschvorstelliung

Ein absolut glaubwürdiges Szenario und schöner Schlamassel, in den sich Mister Tavish, toller Hund und psychologisches Superhirn, in Meg Rosoffs famoser Familiengeschichte Glück für alle Felle begibt.
Nur die sonst sehr kluge Kinderbuchexpertin Ute Wegmann hat in ihrer Radiosendung den ziemlich dummen Einwand vorgebracht, das sei ja ein Frauenbild wie aus den 50ern. Blödsinn, denn erstens hat Mama Peachey einen guten Job als Buchhalterin, dem sie unverändert nachgeht. Und zweitens ist es in jeder modernen Familie nachweislich so, dass die Mütter am meisten im Haushalt arbeiten, neben ihren bezahlten Jobs, in ihrer Freizeit. Weil es auch nach mindestens 50 Jahren Frauenbewegung, Gleichberechtigung und Emanzipation immer noch nicht klappt mit der fairen Arbeitsteilung. Meg Rosoffs vermeintlich harmlose Tiergeschichte hat es also in sich.

Keine pflegeleichte Familie

Der andere raffinierte Dreh ist, dass der Hund die Familie adoptiert: »Er spürte sofort, dass sie nicht zu den pflegeleichten Familien gehörte. Ob sie schon sehr früh traumatisiert worden waren oder von Natur aus schwierig, konnte Mister Tavish natürlich nicht wissen. Aber er wusste, sie zu adoptieren würde Geduld, Disziplin und harte Arbeit erfordern … Doch es war schon zu spät. Mister Tavish hatte sich in die Peacheys verliebt.«
Nach Eoin Colfers Der Hund, der sein Bellen verlor ist jetzt auch Meg Rosoff auf den Hund als besonderes Familienmitglied gekommen. Wobei sie bereits 2013 in Alles was ich weiß über dich der zwölfjährigen Mila auch ein paar bemerkenswerte Fähigkeiten verliehen hat.

Soziopathen sondieren herrenlose Hunde

Besondere Bilder, pointierte Dialoge und grandiose Situationskomik machen auch den Charme dieser Geschichte aus. Während Vater Peachey zunächst »unverbindlich die Lage im Tierheim sondieren will«, bekommt er von seiner 14-jährigen, existenzialistisch angehauchten Tochter Ava bescheinigt, er sei ein Soziopath. Im Geiste schreibt Ava das Buch »Erinnerungen an eine zerrüttete Kindheit«, während der zwölfjährige Ollie seinem Vater klar macht, wie alt er tatsächlich ist: »Zu deiner Zeit sind noch Dinosaurier über die Erde gewandert.«
Wirklich bei Verstand ist abgesehen von der streikenden Mutter nur die achtjährige Betty, neben dem smarten Hund die wahre Heldin der Geschichte.

Famoses Familienporträt, Fortsetzung folgt

Brigitte Jakobeit, seit So lebe ich jetzt von 2005 Meg Rosoffs zuverlässige Übersetzerin, überträgt diese Geschichte für jüngere Leser erfrischend witzig und wohltuend klar (so schreibt sie zum Beispiel »Unterhosen« statt des alberner Begriffs »Schlüpfer«).
Man hätte dem Buch nur einen weniger kalauernden Titel gewünscht, im Original heißt die Geschichte Good Dog, Mister Tavish. Good book, Mrs Rosoff, indeed. Ein entzückendes, wenn auch schmales Familienporträt, das im Frühjahr fortgesetzt wird unter dem Titel (man ahnt es) Ferien für alle Felle.

Meg Rosoff: Glück für alle Felle, Übersetzung: Brigitte Jakobeit, Illustrationen: Anke Faust, Fischer KJB 2019, 128 Seiten, ab 8, 10 Euro

Das Sabbatical

sabbatical

An meinem Herd klebt schon seit Jahren dieser Magnet mit dem Spruch von Konfuzius. Und diese tägliche Erinnerung, dass Veränderung ein wichtiger Bestandteil des Lebens ist und guttut, möchte ich nicht missen. Sie hilft mir, mit manchen Dingen gelassener umzugehen, und mahnt mich gleichzeitig nicht stillzustehen.
Jetzt mit Beginn dieses neuen Jahres, dieses neuen Jahrzehnts ist für mich wieder ein Moment der Veränderung gekommen. Ein selbstgewählter Moment, der mit diesem Blog, diesem E-Magazin zu tun hat.

Zeit für Veränderung

Gefühlt habe ich LETTERATUREN jetzt die gesamten Zehner Jahre hindurch betrieben (ja, wer nachrechnen möchte, es sind noch keine zehn Jahre, aber eine durchaus viele Jahre) und schon seit einiger Zeit merke ich, dass ich eine Pause brauche. Vom Rezensieren, vom Lesen von Kinder- und Jugendliteratur, vom Suchen nach neuem Material, von der Suche nach neuen Worten für die Rezensionen.
In den vergangenen Monaten bin ich schon einfach nicht mehr hinterhergekommen, die Massen an Neuerscheinungen zu sichten, zu bestellen und dann auch würdig zu begutachten bzw. zu lesen. Das ist gegenüber von Verlagen und Machern der Bücher nicht fair.
LETTERATUREN ist und war für mich immer ein zusätzliches Projekt neben meiner Arbeit. Als Freiberuflerin hatte ich da mal mehr, mal weniger volle Auftragsbücher. Momentan habe ich das große Glück, dass ich gut beschäftigt bin und mich mit äußerst interessanten Themen beschäftigen darf. Dafür brauche ich all meine Konzentration und Kraft.

Mehr Übersetzen, mehr selber schreiben

sabbatical

In den vergangenen Wochen habe ich zudem gemerkt, dass ich mich noch mehr auf das Übersetzen von Literatur und das eigene Schreiben besinnen möchte. Das alles braucht Zeit. Zudem habe ich mir vorgenommen, wenn ich schon Bücher lese, mich endlich einmal an meinem eigenen Regal, in dem jede Menge ungelesene Bücher stehen zu bedienen und die bis jetzt aufgeschobenen Lektüren nachzuholen, statt immer neuen Stoff aus den Buchhandlungen zu holen, der dann doch wieder auf dem SUB landet.

Aus all diesen Gründen habe ich beschlossen, mir in diesem Jahr eine Auszeit zu nehmen. Quasi ein Sabbatical vom Rezensieren. Ich ahne schon, dass ich es in gewisser Weise auch vermissen werde, daher will ich gar nicht ausschließen, dass ich zwischendrin doch auch immer mal wieder Kinder- und Jugendliteratur lesen und möglicherweise besprechen werde. Doch zunächst möchte ich mich ganz frei, meinem beruflichen Büchermachen widmen.

Niemand geht so ganz

LETTERATUREN wird darum jedoch nicht eingestellt und schon gar nicht aus dem Netz genommen. Glücklicherweise hat sich Elke von Berkholz bereit erklärt, diese Seite weiter zu betreuen und Rezensionen zu veröffentlichen. Dafür, liebe Elke, jetzt schon ganz herzlichen Dank!

Herzlichen Dank für alles!

Auch bei den Verlagen und ihren Presseabteilungen bedanke ich mich sehr herzlich für die Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren, die vielen wunderschönen Rezensionsexemplare, die Veranstaltungen und guten Gespräche auf den Messen. Ich werde die KJB-Szene auf jeden Fall weiter beobachten, Vorschauen sichten, hoffentlich das eine oder andere Kinder- oder Jugendbuch übersetzen … in diesem Sinne werde ich also immer noch da sein und wir werden uns bei der einen oder anderen Gelegenheit sicher wieder treffen.

Damit wünsche ich allen Leser*innen von LETTERATUREN ein gutes neues Jahr, viele schöne, spannende und bewegende Bücher und bedanke mich bei Euch für Eure Treue! Schaut weiter vorbei …

Hausbesuch

Planet

Seit nun mehr einem guten Jahr mahnt Greta Thunberg uns immer wieder und völlig zu Recht: »Unser Haus steht in Flammen.«
Das Bild des Hauses für unseren Planeten Erde haben die Macher des großformatigen Sach-Bilderbuches So geht Planet! sehr genial aufgegriffen.
In 17 Kapiteln, die jeweils eine Doppelseite umfassen, erklärt Emmanuelle Figueras, wie die Erde entstanden, aufgebaut, bewohnt, bewässert, bewirtschaftet, aber auch von uns zerstört wird.

Unser Planet – eine Bestandsaufnahme

Das Haus Erde verfügt in dieser Darstellung unter anderem über ein Untergeschoss – das Erdinnere –, über Etagen und Dach – die Berge –, eine Küche – unsere Nahrungsressourcen –, Badezimmer und Toilette – die Weltmeere –, eine Werkstatt voller Bodenschätze, sowie über menschliche und tierische Mitbewohner. Zu jedem Lebensbereich des Hauses und seiner Umgebung – also dem Weltall – gibt es grundlegende Fakten und Zahlen, die erstaunen, aber auch erschrecken können.

Beeindruckende Zahlen

So erstaunt der Bau des Hauses Erde durch die langen Jahren bis zu seinem heutigen Aussehen. Die Vorstellung von Million oder gar Milliarden Jahren ist nicht einfach zu realisieren, ebensowenig Mengenangaben in Trilliarden – ich würde beim Aufschreiben der Nullen rettungslos durcheinander kommen. Doch genau diese immensen, quasi unfassbaren Zahlen setzen unser Hier und Jetzt in ein Verhältnis – vor allem, wenn es um die Zerstörung dieses Hauses geht, dessen Bau so ewig gedauert hat und das wir, die Mitbewohner, nun quasi in Null Komma Nix wieder einreißen.

Erschreckende Zahlen

Denn sobald es in die Werkstatt unseres Hauses geht, wird es erschreckend: Hier lagern die Bodenschätze und die Regale sind zum Teil schon verdammt leer. Kupfer, Zink und Blei dürften in etwa 25 Jahren erschöpft sein, Erdöl, Erdgas und Kohle in etwa 50 Jahren. Ja, könnte man sagen, das ist alles längst bekannt – doch bleibt es meist abstrakt und eine Umkehr im Denken, vor allem in der Wirtschaft und der Politik, scheint es nicht zu geben. Betrachtet man jedoch diese letzten Reste in den hier gezeichneten Regalen, kommt man ziemlich ins Grübeln.

Zusammenhänge erkennen

Man grübelt jedoch nicht nur hier, sondern auch bei solchen Infos wie der, dass ein Schaf nur etwa vier Kilogramm Wolle pro Jahr liefert. Das erscheint nicht viel, wenn man an die steigende Weltbevölkerung und den Bedarf an Kleidung denkt. Plastikkleidung scheint keine gute Lösung zu sein, denn die Herstellung verschmutzt Luft und Wasser viel zu sehr.
Ähnlich ergeht es einem im Wintergarten des Hauses, in dem die Lebensräume und Vegetation erklärt werden. Dort heißt es, dass in jeder Sekunde auf der Welt 32 Bäume gepflanzt werden. Im ersten Moment freut man sich vielleicht, doch dann liefert der nächste Kasten darunter die Information, dass in jeder Sekunde auch ein halbes Fußballfeld an Vegetation auf der Welt verschwindet. Was das dann für den wenigen Raum heißt, der auf der Erde überhaupt mit Bäumen und Pflanzen bedeckt ist, kann sich wirklich jedes Kind ausrechnen.

Hoffnung inklusive

Damit es jedoch nicht völlig frustrierend wird, liefern Figueras & Co. immer auch Lösungsvorschläge, wie wir das Haus Erde noch retten können. Sei es, dass man die Kleidung öfter trägt oder mehr Second-Hand-Klamotten kauft, sei es, dass man Wertstoffe recycelt oder neue Energien nutzt. Diese Kombination aus Zahlen, Fakten und Handlungshinweisen erscheint mir ein sehr gelungenes Konzept, um das Bewusstsein für unsere Umgebung, unsere Umwelt und unser eigenes Verhalten noch weiter zu schärfen.

Graphisch klar und aktuell

Zusätzlich trägt das optische Layout und die Illustrationen zu einem gelungenen Lese- und Schmökererlebnis bei. Verschieden große Kästen, in perfekt abgestimmten, gedeckten Farben liefern moderne flächige Illus, die in ihren Details viel zum Entdecken bieten. Da sitzt dann auch schon mal der Hipster mit einem Panda auf dem Sofa oder die überschwappende Badewanne bekommt Besuch vom Pinguin.

Nicht nur für Kinder interessant

Und wenn man am Ende der Lektüre erfährt, dass es mit dem Zweitwohnsitz auf Mond, Mars oder Jupiter eher schwierig werden dürfte, wird jedem doppelt klar, dass wir nur dieses eine Haus haben. Wir sollten es sorgsam behandeln, die Feuer löschen, unser eigenes Verhalten überdenken und verändern und uns so mehr um den Erhalt unseres Planeten kümmern. Es wären gute Vorsätze für das neue Jahr.

Emmanuelle Figueras: So geht Planet! Wissenswertes für junge Erdbewohner, Illustration: Alexandre Verhille und Sarah Tavernier, Übersetzung: Frederik Kugler, Kleine Gestalten, 2019, 45 Seiten, ab 8, 22,90 Euro

NEINhorn und KEINpferd

Spätestens seit dem wunderbarsten Weihnachtsfilm aller Zeiten, love actually, wissen wir, dass nicht nur Esel und Schaf im Stall von Bethlehem standen. Legendär der Dialog von Emma Thompson mit ihrer Tochter: »Erster Hummer? Es war also mehr als ein Hummer bei Jesus‘ Geburt dabei?« Hummer in Ehren, ruhige Charaktere mit beträchtlicher Altersweisheit, wenn sie nicht vorher im Kochtopf landen.
Wer aber definitiv dabei sein sollte, sind NEINhorn und KEINpferd.
Marc-Uwe Kling gesellt seinem anarchistischem Känguru jetzt ein sich genauso wenig um Konventionen scherendes Tier für jüngere Leser dazu. Dieses kleine Einhorn ist bestimmt nicht niedlich (eigentlich schon, wie es so wütend, mit verstrubbelter Mähne vom Cover starrt, aber sagen Sie ihm das bloß nicht!).

Gezuckerter Glücksklee und Knuddel-Engel? Nein, Nein, nochmals Nein

Auf jeden Fall fühlt es sich nicht wohl in seinem superflauschigem Fell, »es hatte oft das Gefühl, am falschen Ort zu sein.
Darum sagte es meist nichts, und wenn doch, dann sagte es NEIN.«
Waschen, Essen, Schule, Sport, und noch schlimmer, gezuckerter Glücksklee, weiche Knuddel-Engel, »im duftenden Blütenstaub der Wunderpflanzen / Ballett für die niedlichen Gnome tanzen« und was es sonst noch so an lilalaunefunkelglitzer Klischeebeschäftigungen für Einhörner gibt – Nein, Nein und nochmals Nein!
»Das geht mir total auf den Keks«, sagt der kleine Revoluzzer sehr deutlich – und immerhin ziemlich höflich.

Auf subtile Art sich dem Mainstream und Erwartungen verweigern

Also macht es sich auf den Weg, die Welt auf seine Art zu erkunden, badet im Schlamm, isst angedatschte Äpfel, bis ihm schlecht wird, jagt »irre niedliche Katzenbabies« auf Bäume. Und lernt Leute kennen, die sich ebenfalls auf subtile Art dem Mainstream und den Erwartungen verweigern: Einem Waschbär mit selektiver Schwerhörigkeit, also einem WASbär, einem durch nichts aus der Ruhe zu bringenden, »Na und?« fragenden Hund, also NahUnd, und einer trotzköpfigen KönigsDochter, die sie gemeinsam aus einem Turm befreien. »Mein Vater hat mich hier eingesperrt, weil ich immer Widerworte gegeben habe.«
Da schwant dem NEINhorn, dass es doch vergleichsweise tolerante und eigentlich ganz nette Verwandte hat. Gelegentlich besucht das bockige Quartett sogar die Einhorn-Familie und isst ein wenig Glücksklee.

Wider den Reimzwang

Diese Fabelwesengeschichte ist brillant gegen den Strich gebürstet. Astrid Henn findet  für ihre farbenfrohen Illustrationen genau die richtige Mischung aus niedlich-rundlich-bunt und kluger Karikatur, die alle Klischees in die Pfanne haut. Und fügt zum Schluss noch ein sehr witziges Bestarium aus Schmatze, Reichhörnchen, Egaal, Schnarcheoperteryx und weiteren klugen Kalauer-Kreaturen hinzu.
Nicht zuletzt räumt Marc-Uwe Kling mit dem immer noch in Kinderbüchern verbreitetem Reimzwang auf. »Und mich nervt auch, dass sich jeder Satz hier immer reimen muss«, sagt das zornige Fohlen zum Abschied. Wo schlechte Reime hinführen, weiß man auch vom Pumuckl, noch ein Punk aus dem Kinderzimmer, genauer der Werkstatt des Meister Eder: »Denn was sich reimt, ist gut«, argumentiert der Feuerkopf gern – und dann enden seine Aktionen oft richtig übel.
Dem neugeborenen Jesus hätte ich auf jeden Fall einen selbstbewussten Nein-Sager zur Seite und zum Vorbild gewünscht.

Und ein so überirdisch schönes Fantasiewiesen, wie aus Marcy Campbells und Corinna Luykens Adrian hat KEIN Pferd. Die Erzählerin in diesem Buch regt sich auch ganz schön auf. Weil sie glaubt, dass der Junge aus ihrer Klasse lügt. Und das sagt sie auch allen so. »Adrian wohnt in einem Haus, das sehr klein ist. Er bringt immer ein Butterbrot mit in die Schule, weil er kein Geld hat, um sich was zu kaufen. Und seine Schuhe haben Löcher«, stellt sie fest. Sie versteht, Adrian ist arm. Und weiß, dass ein Pferd ein teures Vergnügen ist.

Adrian scheint arm und ist doch sehr reich

Was sie aber nicht begreift, ist dass Adrian gleichzeitig sehr reich ist – an Fantasie. Für ihn gibt es dieses Pferd mit der goldenen Mähne und den braunsten Augen der Welt wirklich. Und schließlich gelingt es ihr doch, auch durch ihre sehr bodenständige Mutter, die Welt mit Adrians Augen zu sehen.
Corinna Luyken hat zu Marcy Campbells erfrischend klar und stringent erzählter Geschichte fantastische Bilder mit Buntstift und Aquarell gemalt, die immer farbenreicher, vielschichtiger, verschlungener werden. Das KEINpferd erscheint mal wie ein Fata Morgana, ein Wunschwesen, und wird mit dem wachsenden Verständnis der Erzählerin wahrhaftiger.

Tierische Begleiter, die man sich an jede Krippe wünscht

Auch die zahlreichen anderen Charaktere, liebevoll gezeichnete Nebendarsteller, wie die Mutter, die konzentriert während der empörten Tirade ihrer Tochter im Garten ein Fahrrad repariert, das großzügige, geschmackvoll eingerichtete Wohnzimmer, die direkte Konfrontation der Kinder im Profil mit ebenso minimalistischer wie ausdrucksstarker Mimik – Corinna Luykens Illustrationen sind absolute Hingucker, die einen von der Kraft der Fantasie überzeugen.
Also, Ja zum furiosen NEINhorn und zum fabelhaften KEINpferd, tierische Begleiter, die man sich an jede Krippe wünscht.

Marc-Uwe Kling (Text), Astrid Henn (Illustration): Das NEINhorn, Carlsen 2019, 48 Seiten, ab 3, 13 Euro

Marcy Campell (Text), Corinna Luyken (Illustration): Adrian hat gar KEIN Pferd, Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, cbj Verlag 2019, 40 Seiten, ab 5, 15 Euro

Von eigenen Welten und Liebestränken

Zipfel

Lucie, 13, braucht einen Job. Sie will weg von der Mutter, die sich schon wieder so einen seltsamen Typen angelacht hatte. So ein ökologisches Weichei mit Namen der Michi.
Da kommt ihr im Roman von Dita Zipfel der Zettel mit dem Angebot, als Hundesitter zu arbeiten, ganz gelegen. 20 Euro pro Stunde scheinen zudem ungemein lohnend.
Doch als sie an der Tür von einem gewissen Klinge läutet, ist da kein Hund sondern nur ein seltsamer Alter in Outdoor-Klamotten mit Sprachfehler, der sie einfach nur »Mädchen« nennt und ihr vegetarische Rezepte diktiert. Angeblich haben diese Rezepte Zauberkraft und sollen Ungeheuer fernhalten oder als Liebestrunk wirken.

Rösti des Lebens/Sterbens

Eigentlich glaubt Lucie an nichts davon, beobachtete Klinge aber überaus aufmerksam, stellt sich Fragen zu seinem Geisteszustand – und dennoch: Das mit dem Liebestrank muss sie ausprobieren, als Marvin, der angesagteste Boy der Schule, sie um ein Treffen im Freibad bittet. Er könnte schließlich funktionieren – man weiß ja nie.

Amüsante Weltbetrachtung

Lucies Beobachtungen und Schlussfolgerungen sind eine Mischung aus amüsanter Weltbetrachtung voller skurriler Menschen und der Entdeckung der eigenen Wünsche, des eigenen Weges, den Lucie schließlich einschlägt. Ihre Skepsis und ihre Verwunderung gegenüber Menschen wie Klinge oder der Michi kennen wir Lesende alle nur zu gut. Manchmal hält man einzelne Menschen für »verrückt«, manchmal auch die ganze Welt und steht mittendrin – mit seinen eigenen Zweifeln oder der leisen Ahnung, dass man vielleicht selbst »ver-rückt« ist.

Der Einfluss anderer

Dann bleibt die Frage, wie sehr man sich beeinflussen lässt, wie sehr man an gewissen Menschen hängt, wie sehr man Trends folgt – und dann feststellen muss, dass so ein Marvin vielleicht der Schwarm von vielen ist, im Grunde aber nicht gut riecht und auch ansonsten ein ziemliches A*loch sein kann.
Lucie begreift, dass es nicht nur eine objektive Welt gibt, sondern jeder von uns in seinem kleinen Kosmos lebt. Dass wir im Grunde vom anderen immer viel zu wenig wissen – und an dem Spruch »wer die Musik nicht hört, hält die Tanzenden für verrückt« ziemlich viel Wahres dran ist. Und dennoch neigen die Menschen dazu, andere immer und ständig in Schubladen zu stecken und sie zu bewerten. Lucie kann sich da gar nicht ausnehmen, aber sie lernt dazu und zwar in einer extrem steilen Lernkurve, die tatsächlich auf die Lesenden abfärben kann, wenn sie nur offen für dieses charmant wilde Buch von Dita Zipfel sind.

Anregend illustriert

Illustriert hat diese Wahnsinnsgeschichte (sorry, der passte jetzt grade!) Rán Flygenring, und es ist eine Wonne, die grellrot-schwarzen Drachen- und Punamy-Bilder zu betrachten. Und mögen die Rezepte nun Drachen im Zaum halten oder die Liebe heraufbeschwören, sie lesen sich so lecker, dass ein Nachkochen nach dieser Lektüre nur folgerichtig ist.

Dita Zipfel: Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte, Illustration: Rán Flygenring, Hanser Verlag, 2019, 200 Seiten, ab 12, 15 Euro

Die Antarktis, das Leben und der ganze Rest

Antarktis

Kälte ist nicht so mein Ding, weshalb ein Ausflug in die Antarktis, selbst nur als literarisch-virtueller, nicht naheliegend ist. Aber hey, da ist jetzt Sommer, die Sonne scheint rund um die Uhr, bei lauschigen –10° bis –40° Celsius, ohne das Minus davor geradezu perfekt.
Zum Südpol fällt einem zunächst nicht viel mehr ein als klirrendkalt und jwd und Pinguine. Der tschechische Autor und Illustrator David Böhm zeigt jetzt mit A wie Antarktis, das da unten, am anderen Ende der Welt so viel mehr ist – Spannendes, Unglaubliches, Überwältigendes.

Weltbild auf den Kopf gestellt

Was heißt das eigentlich, „da unten“? Gleich zu Beginn stellt Böhm unser Weltbild in Frage und auf den Kopf. Auf einer Kugel gibt es gar kein oben und unten, keinen Anfang und kein Ende. Unsere eurozentrische und am Äquator orientierte Sicht der Welt ist nicht nur perspektivisch verzerrt. Das fängt schon beim Namen an: Antarktis ist zunächst ein nur im Deutschen gebräuchlicher, unpräziser Ausdruck. In den meisten Sprachen heißt die Landfläche Antarktika und das umgebende Meergebiet Südpolarmeer oder Antarktik. Sie ist der südlichste Kontinent und ein in vielerlei Hinsicht ein Unikum.
Verblüffenderweise ist sie nicht nur mit durchschnittlich 2020 Metern überm Meeresspiegel der höchste (Ha! Himalaja), sondern auch der trockenste Kontinent. Es regnet dort seltener als in der Sahara. Und doch speichert sie dreiviertel des Süßwasser der ganzen Welt in ihrem Eis. Zur extremen Kälte, –89° C wurde 1983 gemessen, kommen noch bis über 250 Stundenkilometer schnelle Winde.

Antarktika gehört niemandem

Das sind die harten geographischen und klimatischen Fakten. Es gibt auch sehr sympathische Fakten: Die Antarktis gehört niemandem – oder allen. Mittlerweile haben 54 Nationen den Antarktisvertrag vom 1. Dezember 1959 unterschrieben. Der besagt, dass man hier keinen Krieg führen und keine militärischen Übungen machen darf. Niemand  darf mineralische Rohstoffe fördern. Die Antarktis darf nur friedlich genutzt werden und ist der ganzen Welt für wissenschaftliche Forschung zugänglich. Leider endet der Vertrag 2048.
Nicht nur aus edlen Motiven lieferten sich Anfang des vorherigen Jahrhunderts zahlreiche Abenteurer absurde Wettrennen, um Erster am Pol zu sein. Überschattet von ihren Gespenstern erzählt und zeigt Böhm auf der ersten von zahlreichen aufklappbaren Doppelbreitbandseiten die Abenteuer dieser Polverrückten.

Entspannte Pelztiere und kuriose Architektur

Die Weddelrobbe hätte gut auf diese Extremtouristen verzichten können. Wegen ihres superdichten und fantastisch wärmenden Pelzes wäre das am nächsten zum Südpol lebende Säugetier fast ausgerottet worden. Meist liegt sie nämlich entspannt auf dem Eis, als wäre es der Strand. Nicht nur mit ihr, die bis zu 80 Minuten unter Wasser bleiben kann, tauchen wir ein in David Böhms fantastische Panoramabilder zum Leben an Land und unter Wasser, über Eisberge und ins ewige Eis, das wie das Gedächtnis der Erdgeschichte ist. Wir sehen die kuriose, unter Extrembedingungen entstandene und völlig unterschiedliche Architektur der insgesamt 70 Stationen, die von derzeit 30 Nationen am Südpol bewohnt und unterhalten werden. Jüngst hat Südkorea 2014 eine der modernsten Stationen eröffnet, die chinesische ist in jeder Hinsicht extrem und die ukrainische hat als einzige ein Bar.

Tiefblaue Panoramen und plüschige Pinguine

Die klugen, fakten- und informationsreichen Texte allein machen A wie Antarktis schon zu einem höchst lesenswerten Buch. Perfekt wird es aber durch die abwechslungsreiche und lebendige Gestaltung. Böhm, Absolvent der Akademie für Bildende Künste in Prag, spielt mit Formaten, Farben und Formen. Wir tauchen ein in das Südpolarmeer in tiefen Blautönen, blicken winzigen Bärtierchen ins Auge, erkunden Eiswüsten in epischer Breite, leiden in Comicform mit an übelster Seekrankheit.
Dazwischen finden sich zahlreiche Fotos und realistische Collage-Elemente. Die verschiedenen Pinguin-Arten wiederum sind von einer Künstlerin extra als Stofftiere genäht.
A wie Antarktis ist so viel mehr als nur ein brillantes Sachbuch voller echter Abenteuer – es liefert neue Ansichten vom kältesten Kontinent, vom Leben und dem ganzen Rest

David Böhm: A wie Antarktis – Ansichten vom anderen Ende der Welt, Übersetzung: Lena Dorn, Karl Rauch Verlag, 2019, 78 Seiten, ab 7, 22 Euro

Liebe über Grenzen

Maike Stein

Die Feierlichkeiten zum 30-jährigen Mauerfall sind beendet, da bietet sich ein Blick darauf an, was dem Ganzen 28 Jahre zuvor vorausgegangen ist: der Mauerbau.
Maike Stein erweckt mit ihrem Roman Ein halber Sommer das Berlin von 1961 wieder zum Leben. Die Stadt ist in Sektoren unterteilt, als sich Marie aus dem sowjetischen Sektor und Lennie aus dem amerikanischen im Westteil der Stadt zufällig über den Weg laufen.
Die beiden sind sofort voneinander fasziniert, sind überwältigt, dass sie in der konservativ-düsteren Nachkriegsgesellschaft einen Menschen gefunden haben, der genauso tickt wie sie selbst.

Verwundete Familien

Heimlich treffen sie sich in einer Kriegsbrache voller Brombeergestrüpp, schreiben sich Briefchen oder treffen sich bei Lennies Tante im Osten. Beide kommen aus unvollständigen Familien, Lennies Vater ist im Krieg gefallen, Maries Mutter hat den Mann und die zwei Kinder verlassen. Und beide Mädchen sollen nach dem Wunsch des verbliebenen Elternteils etwas werden, was sie nicht wollen. Lennie soll Friseurin werden wie die Mutter, Marie Theaterschneiderin. Verständnis und familiärer Rückhalt ist bei diesen Konstellationen für beide nicht zu erwarten. Zumal Maries Vater einen guten Posten in der DDR-Administration bekleidet und viel auf den Sozialismus hält. Dass Marie regelmäßig in den Berliner Westen fährt, weiß er nicht und würde es auch nicht gutheißen.

Getrenntes Glück

In den ersten Wochen ihrer Liebe können die beiden noch annähernd ungehindert über die Grenze, sie verbringen heimlich ein Wochenende zusammen – denn ihre Liebe können sie nicht offen ausleben.
Im Sommer schließlich riegelt die DDR die Grenze ab, zieht Stacheldraht, baut die Mauer, verweigert ihren Bürgern die Ausreise und kappt die Telefonverbindungen. Lennie und Marie drehen schier durch – jede auf ihrer Seite der Mauer. Und dennoch hoffen sie, glauben an sich und an ihre Liebe, obwohl sie keinen Kontakt zueinander haben. Beide suchen Wege, wie Marie Ostberlin verlassen kann, doch die Grenzkontrollen werden immer schärfer …

Liebenswerte Figuren

Maike Stein hat mit Marie und Lennie zwei wunderbar liebenswerte Frauenfiguren erschaffen, die in ihrer Komplexität die Dramen des Lebens spiegeln und dadurch sehr viel Identifikationspotential liefern. So läuft Lennie am liebsten in den Klamotten ihres verstorbenen Vaters herum, möchte Uhrmacherin werden wie ihre geliebte Tante Ilse und sucht nach Nachrichten zum ungeklärten Tod des Vaters. Marie hingegen berlinert überaus sympathisch, ersetzt dem jüngeren Bruder quasi die Mutter und kann daher nicht so einfach alles stehen und liegen lassen, als sie Lennie kennenlernt. Die Figuren sind, so wie jeder von uns, in ihren eigenen Welten eingebettet und doch Teil des großen Ganzen. In diesem Fall ist es die Stadt Berlin in der heißen Phase des kalten Krieges, die so quasi zur dritten Hauptfigur wird.
Mit gekonnt gesetzten Wendungen hält Maike Stein bei dieser queeren Liebesgeschichte die Spannung wirklich bis zur letzen Seite und zeigt gleichzeitig, wie grausam die DDR-Regierung durch die Mauer das Leben der Menschen beeinflusst und beschädigt hat, wie sehr die Menschen leiden mussten. Erst dieses Wissen macht den Mauerfall dann zu diesem großen Glücksfall, der er gewesen ist.

Irreführendes Cover

Man darf sich bei dieser perfekten Geschichte nur nicht vom knallbunten Cover leiten lassen, das durch die Graffitis eher den Eindruck vermittelt, hier würde etwas aus den 1980er-Jahre erzählt. Ein bisschen mehr Zeitkolorit bei der Grafik hätte ich persönlich passender und authentischer gefunden. Ich frage mich dann immer, ob man jugendlichen Leserinnen so etwas nicht zumuten mag (von den ökonomischen Gründen mal abgesehen). Die Bilder, die Maike Stein mit ihrem stimmigen Text in mir erzeugt hat, sehen auf jeden Fall ganz anders aus und liefern mir quasi meinen eigenen inneren Film. Und den mag ich sehr gern!

Maike Stein: Ein halber Sommer, Oetinger, 2019, 270 Seiten, ab 14, 19 Euro

Muthasen

Angsthase

All lost in the supermarket – der knubbelige Held in Barrouxs Bin doch kein Angsthase verläuft sich zwischen gigantischen Regalwänden, irgendwo zwischen Süßigkeiten und Waschmittel. Eigentlich eine klassische Paniksituation für kleine Kinder. »Aber Angst? Ich doch nicht. Bin doch kein Angsthase! Hab‘ ja mein Kuscheltier dabei.«
Egal, ob ein Unwetter ums Haus tobt, er vom Dreimeterbrett springt oder nachts gruselige Schatten über die Wände huschen – der namenlose Held mit dem großen, kugeligen, an Charlie Brown erinnernden Kopf ist ein richtiger Muthase.
Barroux zeigt starke Szenen und üppige Panoramen in schwarzgrau und weiß, akzentuiert nur mit zwei Farben, einem kräftig klaren Gelb und Rot. Manchmal verirrt sich ein orangener Gummientenschnabel dazwischen.

Urvertrauen in die Welt

Es ist vermeintlich nur ein Stoffhase, der dem Kleinen Mut macht. Am besten gefällt mir die Szene im Zoo. »Auf einmal brüllt mich ein Löwe an«, das Maul der Raubkatze ist furchterregend, die dünnen Gitterstäbe sind ein Witz. Da kann einem schon mal vor Schreck die Mütze vom Kopf fliegen. Toll sind dann die folgenden Seiten, wenn wirklich alle, das Kind, die anderen Tiere im Zoo und sogar der Kuschelhase, richtig wütend und auch angsteinflößend den Löwen anstarren.
Das Stofftier steht für ein Urvertrauen des Kindes in die Welt, »weil Menschen, die mich lieb haben, immer für mich da sind, wenn ich sie brauche«.
Große Wahrheiten, gelassen gezeichnet vom französischen Autor Barroux, der übrigens in einem weiteren Buch der für Kinder schlafraubend interessanten Frage nachgeht, Was machen Eltern nachts?

Sanfter Superheld der Kuscheltiere

Angsthase

Diese Frage kann Ricardo Liniers zwar nicht beantworten. Aber was Kuscheltiere nachts so treiben, zeigt der Argentinier in seinem Comic Gute Nacht, Sternchen. Das staksige Wesen Sternchen erinnert aufgrund seiner Flecken an ein Rehkitz auf zwei Beinen. Auf jeden Fall ist es kein Angsthase, mehr ein diskreter Superheld der Kuscheltiere.
Tagsüber versteckt es seine Superfähigkeiten. Unterwegs mit einem Mädchen wirkt es wie die unanimierte, schlaffe Version des Tigers Hobbs aus den Abenteuern mit Calvin. In zart kolorierten Bildern wird durch Herbstlaub getobt und auf einer Doppelseite in kleinformatigen Bilderfolgen die Abendroutine aus offensichtlich nicht leckerem Abendessen, Zähneputzen und zu Bett gehen gezeigt. Gute Nacht, Sternchen, wünscht das Kind in aller Unschuld (nicht »Schlaf gut«!) – und das Abenteuer beginnt.

Einfach mal machen

Mutig stürzt sich das immer noch stofftierartige, aber gar nicht mehr schlaffe Wesen die Treppe herunter – und fällt, erschreckt von einem Geräusch, anmutig in Ohnmacht.
Sternchen ist anfangs einmal nervös, aber die Nacht ist noch jung. Sternchen lässt sich vom Hund des Hauses durchschütteln, genießt den wohligen Schwindel, und futtert Kekse mit ihm. Dann gilt es eine angeberische Maus zu beeindrucken. Mut ist bekanntlich nicht die Abwesenheit, sondern die Überwindung von Angst – einfach mal nicht lange, zu lange nachdenken – und machen. Sternchen greift nach den Sternen.
Liniers entzückender Comic ist eine leise, liebenswerte Variante von Winsor McCays Little Nemo in Slumberland. Es erzählt vom Zauber der Nacht und von Abenteuerlust. Und von Mut, der auch Sanftmut und Gelassenheit sein kann.

Barroux (Text und Illustrationen): Bin doch kein Angsthase, Übersetzung: Andreas Illmann, Schaltzeit Verlag, 2019, 28 Seiten, ab 4, 16 Euro

Ricardo Liniers (Text und Illustrationen): Gute Nacht, Sternchen, Übersetzung: Paula Peretti, Sauerländer, 2019, 40 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

Kein Mensch ist illegal

illegal

Kaum ein Tag, an dem die Nachrichten nicht von Rettungsschiffen im Mittelmeer berichten, die Italien immer noch viel zu selten anlaufen dürfen. Das Leid der Menschen an Bord können wir uns in unseren sicheren Häusern und Wohnungen kaum vorstellen dürfen.
Und nun berichtet die UNHCR seit gestern von den noch größeren Gefahren an Land für die Flüchtenden.
Wie so eine Flucht durch den afrikanischen Kontinent aussehen könnte, zeigen uns Eoin Colfer und Andrew Donkin in der Graphic Novel Illegal, in der Übersetzung von Ulrich Pröfrock.
Colfer, eigentlich für seine Fantasy-Romane um Artemis Fowl, Warp und den nicht bellenden Hund bekannt ist, widmet sich hier dem tatsächlichen Leben.

Höllentour durch die Wüste

Colfer schildert die fiktive Geschichte des zwölfjährigen Ebo. Sein großer Bruder Kwame ist in der Nacht abgehauen, auf den Weg nach Europa zur Schwester. Kwame hat nichts gesagt und Ebo ist fest entschlossen, dem Bruder zu folgen. Aus seinem Dorf, irgendwo in Nigeria oder Ghana, nimmt er den Bus in die nächste größere Stadt: Agadez, eine riesige, labyrinthische Stadt in der Wüste. Hier sitzt Ebo erst einmal fest, er braucht Geld, ist aber noch zu jung, um für die üblichen Arbeitgeber zu schuften. Doch Ebo kann singen, und das tut er dann auf einer Hochzeit – und findet so durch Zufall seinen Bruder wieder.
Fünf Monate müssen die beiden arbeiten und sparen, bis sie die Tickets für den Lastwagen zusammen haben, der sie durch die Sahara bringen soll.

In den Fängen der Schlepper

Die Fahrt wird zur Tortur, dicht gedrängt stehen sie mit Fremden auf der Ladefläche. Die Sonne brennt ohne Schutz auf sie nieder. Als ein Mann vom Wagen fällt, hält der Fahrer nicht an. Das wenige Wasser, was mitgenommen wurde, verkauft der Schlepper für immer mehr Geld.
Bei der Übergabe an den nächsten Schlepper ist nicht mehr genug Platz für alle. Ebo, Kwame und ein halbes Dutzend weiterer Männer müssen zu Fuß durch die Wüste weiterlaufen. Die in Ligne claire gezeichneten Panels von Giovanni Rigano machen die tödliche Hitze und den Durst förmlich spürbar. Zu dritt schaffen sie es bis zur nächsten Siedlung.

Ebo wird krank. Doch die Brüder arbeiten weiter, um so von einer Stadt zur nächsten zu gelangen, bis sie schließlich Tripolis erreichen. Sie müssen sich vor Soldaten verstecken, dürfen niemandem vertrauen, nicht auffallen. Sie schlafen in einem Abflussrohr, werden von Ratten angeknabbert. Colfer erspart den Lesenden zwar die schrecklichen Lager, euphemistisch „Gefangenen-Zentren“ genannt, für die Libyen mittlerweile bekannt ist, doch das mindert den Schrecken in seiner Darstellung der Landflucht nicht.

Auf See in einem zu kleinen Schlauchboot

Und irgendwann ist der Tag bzw. die Nacht da, an dem Ebo und Kwame mit zwölf anderen Menschen auf ein Schlauchboot steigen, das nur für sechs Personen ausgelegt ist.
Ebo erzählt aus diesem Moment heraus. Die Kapitel auf dem Meer wechseln mit dem Rückblick auf Durchquerung der Wüste. Und das Meer ist nicht weniger lebensfeindlich wie die Sahara. Auch hier brennt die Sonne, das Wasser ist kalt, das Boot hat ein Leck. Diese Seefahrt ist alles andere als lustig.
Irgendwann ist der Sprit alle und das Trinkwasser auch. Die Richtung ist nicht mehr klar, in die die Jungs paddeln müssen. Die nächste Katastrophe steht kurz bevor.

Sensibilisierung für Ursachen und Gefahren einer Flucht

Colfers Geschichte, auch wenn sie fiktiv ist, orientiert sich an realen Schicksalen und kann daher als eine gelungene Illustration für jugendliche Leser_innen angesehen werden, die ihnen die täglichen Dramen auf dem Mittelmeer näher bringt. Das Verständnis und die Empathie für die Menschen, die sich nicht zum Spaß auf diesen lebensgefährlichen Weg machen, wächst. Die Ursachen, warum die Menschen die Heimat verlassen, werden zwar nur angedeutet und nicht in ihrer teilweise traumatisierenden Realität dargestellt, dennoch werden die Lesenden auf vielen Ebenen sensibilisiert.

Was heißt schon illegal

Gerade weil hier ein Kind flüchtet, wird zudem noch einmal deutlicher, dass kein Mensch illegal ist. Sie werden erst von Populisten und unmenschlichen Gesetzen dazu gemacht, eine Vorgehensweise, die unter keinen Umständen akzeptabel ist. Diese eigentlichen Banalitäten und Selbstverständlichkeiten über eine schnell zu lesende Graphic Novel auch der Jugend klar zu machen ist die Stärke dieses Buches.

Eoin Colfer/Andrew Donkin: Illegal, Illustrationen: Giovanni Rigano, Übersetzung: Ulrich Pröfrock, Rowohlt, 2019, 144 Seiten, ab 11, 16,99 Euro

Mauergeschichten

Mauerfall

Dieser Tage häufen sich in den Medien die Rückblicke und Erinnerungen an den Mauerfall vor 30 Jahren.
Hierzu gibt es natürlich eine Reihe von Publikationen für eine junge Zielgruppe. Vier davon habe ich herausgegriffen, die den Kids, für die dieses Kapitel jenseits der persönlichen Erfahrung liegt und über das sie nur von Eltern oder Großeltern Dinge erzählt bekommen, einen guten Eindruck von der damaligen Zeit liefern.
Bei zweien muss ich feststellen, dass es tatsächlich gewisse erzählerische Wendungen gibt, die offensichtlich in der Luft liegen und nicht durch Plagiat entstanden sein können (es würde mich jedenfalls sehr wundern). Denn sowohl in Helen Endemanns Roman Todesstreifen und in dem Briefroman Mauerpost von Maike Dugaro und Anne-Ev Ustorf entwickeln die Autorinnen einen Blick von zwei Seiten auf die Mauer, sprich auf die DDR und die Lebensverhältnisse ihrer Bewohner.
Endemann erzählt vom Ben, der in einem Westberliner Sportinternat wohnt und mit seiner Mannschaft zu einem Freundschaftstreffen in den Ostteil der Stadt fährt. Geplant ist ein Tag Aufenthalt mit Wettkampf. Doch für Ben wird es eine Odyssee, denn während des Querfeldeinlaufs wird er von zwei DDR-Jungs entführt und in einen Schuppen verschleppt. Dort steht ihm dann Marc gegenüber – und der sieht Ben verdammt ähnlich.

Republikflucht und Jugendwerkhof

Marc schlüpft in die Klamotten von Ben und fährt mit den westdeutschen Sportschülern nach Westberlin. Keiner der Schüler merkt, dass Marc nicht Ben ist.
Ben hingegen soll zu Marcs Oma und dessen Vater, die ihn dann – so die Vorstellung der Entführer – gleich wieder an der Grenze abliefern, weil er ja nicht Marc ist. Dass dieser halbgare Plan von Marc nicht aufgeht, merken Ben und die zwei »Fluchthelfer« von Marc, als vor dessen Haus die Stasi steht und Ben/Marc in einen Jugendwerkhof steckt, weil er kein ordentliches Mitglied der DDR-Gesellschaft ist. Ben sitzt in der Falle und die Möglichkeiten, rasch und unbehelligt wieder in den Westen zu gelangen sind gleich Null.

Beklemmende Atmosphäre

Das ist spannender Lesestoff, der auf sehr intensive Weise die beklemmende Atmosphäre, die Überwachung und das Eingesperrtsein in der DDR vermittelt. Jeden Weg, den die Jungs sich überlegen, wie Ben wieder nach Westen kommen kann, ist versperrt. Auch aus dem Westen ist keine Hilfe zu erwarten, denn Bens Eltern sind in Afrika auf einer Hilfsmission.
Marc hingegen macht sich im Westen auf die Suche nach seiner Mutter, die vor Jahren illegal über die Grenze geflüchtet ist. Doch auch er stößt auf Hindernisse: eine Tante, die etwas über die Mutter wissen könnte, ist dement. So ist es schließlich seine Oma, die den Enkeltausch natürlich gleich erkennt, nachdem Ben aus dem Jugendwerkhof zurückkommt, die als Botin zwischen den Welten wandelt.

Die Verbindung zwischen Ost und West

Mauerfall

Eine grenzgängerische Oma ist auch in dem Briefroman Mauerpost das verbindende Element zwischen Ost und West. Hier vermittelt Oma Ursel eine Brieffreundschaft zwischen ihrer Westberliner Enkelin Ines und der Ostberliner Nachbarstochter Julia. Die Mädchen beginnen sich zu schreiben, erzählen der jeweils anderen von ihrem Alltag und der Schule. Waren die Jungs noch 1985 in Berlin unterwegs, so kommunizieren die Mädchen bereits 1988 und schreiben sich mehr als ein Jahr, sodass die Ereignisse in der DDR, die zum Mauerfall geführt haben, in die die Briefe einfließen. Julia erzählt von den Demos auf der Straße, während Ines von dem merkwürdigen Verhalten der Mutter erzählt, die einst aus der DDR freigekauft wurde.

Erzählerische Parallelen

Hier entfaltet sich zwischen den beiden nach und nach ein fesselnder Krimi, in dem zwar nicht die Zustände in den Jugendwerkhöfen, dafür aber die in den Staatsgefängnissen wie Hoheneck und Hohenschönhausen geschildert werden. Dabei entdecken Ines und Julia immer mehr Details, die ihre Schicksale miteinander verbinden.
Zwar erzählen beide Romane unterschiedliche Geschichten, so zeigen sich doch bestimmte Muster, die bei beiden auftauchen: Ost trifft West, die Omas werden als Boten benutzt, die Stasi spielt natürlich immer mit, der Knast in der DDR ist für Jugendliche nicht weniger schlimmer wie der für Erwachsene, und am Ende stehen die Helden in beiden Geschichten in einem gewissen Verhältnis zueinander, dass ich nicht nennen werde, das man sich aber in beiden Geschichten relativ schnell denken kann. Es liegt eben in der Luft, 30 Jahre nach dem Mauerfall.
Parallel ist in beiden Romanen selbst eine gewisse Verwirrung um Ostberliner Stadtteile: So liegt im Todesstreifen eine Psychiatrie mal in Potsdam, ein paar Seiten weiter dann in Pankow (S. 194 vs. 202), in der Mauerpost werden Kekse in ein und demselben Laden gekauft, der mal in Friedrichshain, mal im Prenzlauer Berg zu finden ist (S. 100 vs. 134). Früher hat mich so was immer geärgert, heute schmunzle ich, weil das nun mal in der Hektik der Buchproduktion passiert. Es wäre trotzdem schön, wenn das in den nächsten Auflagen, soweit es die geben wird, behoben wird.
Beide Geschichten entwickeln jedoch einen packenden Drive und lassen die Leser und Leserinnen in die Zeit vor der Wende und vor dem Mauerfall eintauchen.

Blutsbrüder über die Mauer hinweg

Mauerfall

Etwas anders verhält es sich mit dem Kinderroman Alles nur aus Zuckersand von Dirk Kummer. Hier geht es hauptsächlich um eine Jungenfreundschaft in der DDR im Jahr 1979. Fred und Jonas sind dickste Kumpels, verbringen ihre Zeit zusammen, schließen Blutsbrüderschaft und erzählen sich alles – bis Jonas‘ Mutter einen Ausreiseantrag stellt.
Fred, dessen Vater beim Grenzschutz in Falkensee arbeitet, verbietet ihm den Kontakt mit Jonas. Doch daran hält er sich natürlich nicht. Stattdessen fangen die Jungs an, angeregt durch die Erzählungen vom alten Nachbar Marek über Australien, einen Tunnel in den brandenburgischen Sand zu graben. Sie wollen sich später in Australien treffen …

Kindgerechter Blick auf die DDR

Aufgrund der noch jüngeren Zielgruppe sind die Schrecken der DDR hier nicht ganz so heftig zu spüren wie in den beiden Jugendromanen. Fred fungiert als Ich-Erzähler und zeigt durch seine kritischen Kommentare alles das, was in der Schule und im System schief läuft. Er konstatiert, dass die Lehrerin den Schülern Angst macht, dass das System den Menschen Angst macht vor allem, was aus dem Westen kommt. Fred aber will keine Angst haben, sondern nur mit Jonas zusammen sein.
Als Jonas dann tatsächlich mit seiner Mutter ausreist und plötzlich weg ist, vermisst Fred ihn sehr. Ein Brief, den er an Jonas schreibt, kommt zurück, da Westkontakt verboten ist.

Das Buch nach dem Film

Wem diese Geschichte jetzt vielleicht bekannt vorkommt, liegt richtig, denn dieses Buch beruht auf dem gleichnamigen Film von Dirk Kummer, der 2018 mit den Grimme-Preis ausgezeichnet ist. Sind normalerweise erst die Bücher in der Welt und die Verfilmungen folgen später, so ist hier der andere Weg gegangen worden – allerdings mit einem entscheidenen Haken.
Um das Buch für Zehnjährige erträglich zu machen, haben Autor und Verlag auf einen Erzählstrang aus dem Film völlig verzichtet. Da ich den Film bereits kannte, habe ich mich zu Beginn der Lektüre noch gefragt, wie dieser Teil im Buch wohl erzählt wird (Achtung Filmspoiler: Jonas läuft kurz vor der Ausreise, als er mit der Mutter schon im Tränenpalast ist, noch einmal weg und findet in dem bereits gegrabenen Loch der Jungs ein schreckliches Ende). Dieser Teil wird gar nicht erzählt, was mich kurzfristig enttäuscht hat. Doch ich kann diese Auslassung verstehen, denn Jonas Schicksal ist im Film selbst für Erwachsene kaum zu ertragen.
So bleibt für junge Lesende eine liebevolle Freundschaftsgeschichte aus einem anderen Land. Sie erzählt von dem zerstörerischen Einfluss eines Staats in das Privatleben, aber auch noch ein Fünkchen Hoffnung aufblitzen lässt, dass die Jungs sich möglicherweise nach ein paar Jahren wiedersehen.

Doku-Fiktion zum Lesen

Mauerfall

Junge Lesende, die es nicht so sehr mit Romanen haben, können sich hingegen in dem Sachbuch Mein Mauerfall über die Zeit vor 30 Jahren informieren. Hier führt zwar der zwölfjährige Theo mit Erzähltexten durch das Buch, doch viele Fakten zur deutsch-deutschen Geschichte werden in Infokästen, Sprechblasen, Grafiken und Bildern in kurzen Texten geliefert.
Dabei geht Autorin Juliane Breinl auch auf die historischen Gründe für die deutsche Teilung ein, erläutert, was Hitler und die Nazis mit all dem zu tun haben und wie es überhaupt zu zwei deutschen Staaten gekommen ist.

BRD versus DDR

Gerade diese Gegenüberstellung von BRD und DDR zieht sich durch das Buch. Die Unterschiede, die wir heute immer noch spüren, wenn wir von West nach Ost und von Ost nach West fahren, bekommen in diesem Sachbuch ein Gesicht und eine Erklärung. Das mag uns Erwachsenen selbstverständlich vorkommen, doch den jungen Generationen das auf diese Art noch einmal vor Augen zu führen erscheint mir wichtig zu sein – und sehr gelungen.

DDR-Alltag und Zeitzeugenberichte

Breinl berichtet von den alltäglichen Unterschieden in beiden Staaten, von der allgegenwärtigen Überwachung in der DDR, den unterschiedlichen Inhalten in den Schulen, den Trabis und den Intershops, dem West-Konzert an der Mauer, zu denen die Ost-Jugend pilgerte und brutal niedergeknüppelt wurde. Doch auch staatlich organisierte Konzerten im Osten konnten die Menschen nicht mehr besänftigen, die Unzufriedenheit wuchs, man wollte raus und ging dafür in Massen auf die Straße. Die Mauer fiel. Von all dem lässt Breinl unter anderem Zeitzeugen erzählen, bekannte wie Jana Pallaske (Ost) oder Peter Wohlleben (West) und unbekannte, und bringt so jede Menge Authentizität in ihre Darstellung der damaligen Ereignisse.

Brüderlichkeit und Freiheit

Doch mit dem Mauerfall endet das Buch nicht. Es schlägt vielmehr eine Brücke bis in die Gegenwart, zum neuaufgeflammten Rechtspopulismus, ja Rechtsextremismus, dem grassierenden Fremdenhass, aber auch zum Bekenntnis für Europa, für Brüderlichkeit und eine grenzenlose Freiheit. Je länger ich in dem Buch vor und zurück gelesen habe, umso öfter wünschte ich mir, dass nicht nur Kinder dieses Buch lesen, sondern alle, die diese blöde blaue Partei wählen und anscheinend vergessen haben, was die Politik vor 80 Jahren und in den 40 Jahren der DDR-Geschichte angerichtet hat. Mögen die Kinder durch diese Lektüre ordentlich angeregt werden, in den eigenen Familien nachzufragen und die eigenen Familiengeschichten erkunden, ganz gleich, ob in Ost oder West.

Helen Endemann: Todesstreifen, Rowohlt, 2019, 256 Seiten, ab 13, 14 Euro
Maike Dugaro/Anne-Ev Ustorf: Mauerpost, cbt, 2019, 336 Seiten, ab 13, 9,99 Euro
Dirk Kummer: Alles nur aus Zuckersand, Carlsen, 2019, 144 Seiten, ab 10, 12 Euro
Juliane Breinl: Mein Mauerfall. Von der Teilung Deutschlands bis heute, arsEdition, 2019, 144 Seiten, ab 10, 15 Euro