Höllisches Paradies

martinIn diesen Tagen berichteten die Medien ja ein paar Mal über die Geflüchteten, die auf den griechischen Inseln festsitzen und jämmerlich frieren. Doch scheinbar interessiert sich kaum noch jemand für das Leid der Menschen vor Ort. Auf einmal ist Griechenland doch wieder ganz weit weg. Doch obwohl sich bei uns die mediale Aufregung um die neuen Mitbürger langsam gelegt hat, so sollten wir dennoch nicht vergessen, dass immer noch nicht alle in einer menschenwürdigen Unterkunft angekommen sind und dass immer noch Menschen über das Mittelmeer nach Europa flüchten. Viele von ihnen schaffen es nicht ans rettende Ufer. Im Vergangenen Jahr sind laut UNHCR über 4000 Menschen ertrunken, im Schnitt elf Männer, Frauen und Kinder pro Tag.
Da kommt der neue Roman von Peer Martin, der im vergangenen Oktober mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis für Sommer unter schwarzen Flügeln ausgezeichnet wurde, und von Antonia Michaelis (Die Attentäter) als eindrückliche Erinnerung gerade recht.

In Grenzlandtage erzählen die beiden Autoren die Geschichte der 17-jährigen Jule, die zwei Wochen Ferien auf einer griechischen Insel macht. Da ihre Freundin krank im Bett liegt, ist Jule allein unterwegs und will sich eigentlich in Ruhe auf die Abiturprüfungen vorbereiten. Noch ist die Insel, deren Namen nicht genannt wird, fast leer. Es ist Frühjahr, nur wenige Touristen sind da. Noch ist es zu kalt zum Baden. Jule wird freundlich aufgenommen, die Griechen sind bemüht, touristische Normalität zu bieten.
Doch schnell merkt Jule, dass auf der Insel nicht nur Griechen leben. Sie begegnet einem Jungen mit einer verbundenen Hand, den sie zunächst für einen Wildcamper hält. Ist er natürlich nicht, sondern einer von 32 Geflüchteten, die sich auf die Insel retten konnten, nachdem ihr seeuntüchtiges Boot abgesoffen ist. Von den Inselbewohnern bekamen sie keine Hilfe, im Gegenteil, sie wurden gezwungen, teueren Diesel zu kaufen, um damit nach Italien weiterzutuckern. Am Ende war ihr Geld futsch, und das Boot versank in den kalten Fluten. Von ursprünglich 104 Menschen an Bord retteten sich 32 auf die Insel.

Das alles erfährt Jule jedoch erst nach und nach. Sie freundet sich langsam mit Asman, so der Name des Jungen, an. Er versucht, Jule von ihrem Camp und der Höhle, in der sich die Geflüchteten verstecken, fernzuhalten. Aber Jule hat ihren eigenen Kopf, ist neugierig, einfühlsam und will es genau wissen. Als sie das ganze Ausmaß des Elends begreift, will sie um jeden Preis helfen. Doch das ist so gut wie unmöglich.
Als dann auch noch ein griechischer Inselbewohner tot aufgefunden wird, spitzt sich die Lage immer mehr zu.

Dem Autorenduo Martin und Michaelis ist eine sehr komplexe und mitreißende Geschichte gelungen. Sie verpacken die Flüchtlingsdramatik und ihre fürchterlichen Hintergründe, die exakt recherchiert sind, in eine ans Herz gehende Dramaturgie, indem sie sie sowohl mit einer Lovestory (Jule und Asman), als auch mit einem Krimi (der Tote) verknüpfen. Zwischendrin habe ich mich gefragt, ob das nicht ein bisschen dicke ist und ob die Flüchtlingsgeschichte nicht für sich hätte stehen können. Aber nein, es ist genau richtig so. Denn mit Jule ist man als Europäerin direkt dort vor Ort, wo die schicksalsgeplagten Menschen als erstes ankommen. Jule als offene, hilfsbereite Figur bietet ein hohes Identifikationspotential. Man ist bei ihr, verliebt sich mit ihr in den charmanten Asman, zermartert sich mit ihr Herz und Hirn, wie man nur helfen könnte. Und kann schließlich sogar ihren Entschluss verstehen, der sie in echte Gefahr bringt.
Der Krimi um den toten Griechen liefert zusätzliche Spannungsmomente, in denen man als Leserin schließlich mit den eigenen Überlegungen und Vorurteilen konfrontiert wird.

So komplex wie die gesamte Flüchtlingsproblematik ist auch dieses Buch. Es ist fordernd und durchaus keine leichte Kost. Dem Thema eben angemessen. Es bietet sehr viel Diskussionsstoff, beispielsweise darüber, wie man Hilfe besser organisieren könnte, damit die Geflüchteten aus Krisengebiet nicht mehr auf lecke Seelenverkäufer steigen und ihr gesamtes Geld habgierigen Schleppern opfern müssen, aber auch die Bewohner der griechischen Inseln nicht mit dem Ansturm allein gelassen werden und ihre Existenzgrundlage verlieren.

Darum lest dieses Buch, lest es im Unterricht, diskutiert und schaut euch solche Aktionen wie die Flüchtlingspaten Syrien e.V. an.

Peer Martin & Antonia Michaelis: Grenzlandtage, Oetinger, 2016, 460 Seiten, ab 15, 13,99 Euro.

Follow my blog with Bloglovin

Flattr this!

Von der Leidenschaft

vincentVor ein paar Wochen war der niederländische Maler Vincent Van Gogh den Medien kurz mal wieder eine Schlagzeile wert. Experten streiten sich seit Jahren um ein Skizzenbuch, das nun für die breite Öffentlichkeit herausgegeben wurde. Solange die sich Experten nicht einig sind, finde ich so ein Unterfangen ja immer etwas dubios. Das riecht mir zu sehr nach Geldmacherei mit einem großen Namen.
Aber mögen sich die Experten doch ruhig noch weiter darum streiten, wer sich wirklich für Vincent Van Gogh interessiert und seine Leidenschaft mit Kindern teilen möchte, der ist mit der Graphic Novel Vincent von Barbara Stok, in der feinen Übersetzung von Andrea Kluitmann, sowieso besser beraten.

In satten, fröhlichen Farben, umrandet von dickem schwarzen Strich zeichnet die niederländische Künstlerin das Bild eines Kunstbesessenen. Vincent bricht von Paris nach Südfrankreich auf, um sich dort zu erholen. Licht, Luft und Landschaft der Provence tun ihm gut, er malt wie verrückt, sucht nach der Seele seiner Themen, will sie einfangen. In Paris ist er mit seinen oft radikalen Ansichten mit anderen Kollegen aneinandergeraten, seinen gutmütigen Bruder hat er ständig zur Weißglut getrieben. Dennoch unterstützt dieser ihn treu, verkauft seine Bilder und schickt jede Woche 50 Francs, von denen Vincent lebt.

Van Gogh träumt davon eine Künstlervereinigung zu gründen, wo gemeinsam der Lebensunterhalt verdient wird. Doch bis es soweit ist, malt Vincent, entdeckt die Schönheit einer Landschaft, die andere öde finden, erfreut sich am Sternenhimmel, an weiten, endlosen Feldern. Er mietet schließlich ein Haus, das sein Künstlerhaus werden soll. Er lädt Gauguin ein, doch sein Traum soll ein Traum bleiben.
Er malt weiter, Bild um Bild, rechnet nach, wie viel Geld er seinem Bruder schuldet, fühlt sich als Nichtsnutz, weil er nichts verkauft. Doch er hat keineswegs die Absicht seinen Stil den Wünschen der Käufer anzupassen, um mehr Bilder umzusetzen. Er will Charakter und Gefühl festhalten, sich treu bleiben. Seiner Gesundheit bekommt all dies nicht. Vincent steigert sich immer weiter in seinen Arbeitswahn, kann nicht mehr abschalten, was Gauguin schließlich wieder vertreibt. Vincent dreht durch, schneidet sich das Ohr ab und landet in einer „Anstalt“. Nur das Malen verschafft ihm Erleichterung.

Stok erzählt nur einen kleinen Teil aus Vincent Van Goghs kurzem Leben, doch der ist so angefüllt mit Leidenschaft, Kreativität und Umtriebigkeit, dass es für drei gereicht hätte. Sie zeigt die Zerrissenheit eines Künstlers, der wahre Kunst schaffen und dafür gerecht entlohnt werden will. Seinem Bruder auf der Tasche zu liegen, behagt Vincent gar nicht. Und doch kann er ohne Kunst nicht. Vincent brennt dafür und zwar so, dass er bereits mit 37 Jahren stirbt, ein Alter, in dem heute manche erst anfangen.

Als Leser erfährt man in den knallbunten Bildern, die das Leben, die Natur und die Kunst feiern, den Kern von Vincent van Goghs Denken, seine Haltung gegenüber Massengeschmack und Kommerz, man ist gerührt von der bedingungslosen Bruderliebe, und nach und nach finden sich die Werke Vincents in den Panels wieder. Die Sonnenblumen, die Bauern auf dem Feld, der Sternenhimmel, der Postbote. Bilder, die wir Erwachsenen schon seit gefühlten Ewigkeiten kennen. Jungen Lesern werden sie hier in ihrem Entstehungskontext angedeutet, so dass die Kids, sollten sie später einmal in einem Museum vor einem echten Van Gogh stehen, wissen, wie es zu diesem Bild kam.

Eine schönere Annäherung an einen genialen Künstler, seine Kunst und die mit ihr verbundenen Leidenschaft, die ein Leben gegen alle Widrigkeiten bis zum Schluss prägt, kann ich mir kaum vorstellen. Sie bringt uns Van Gogh nahe, aber erinnert jeden großen und kleinen Leser daran, dass es sich immer lohnt, etwas mit bedingungsloser Leidenschaft zu tun.

Barbara Stok: Vincent, Übersetzung: Andrea Kluitmann, E.A. Seemann Bilderbande, 2016, 144 Seiten, ab 10, 19,95 Euro

Follow my blog with Bloglovin

Flattr this!

Rettung durch Schönheit

meurisseSo schwer es uns fällt, wir werden uns gewöhnen müssen. An den Terror, an unsinnige Anschläge. Nicht nur in anderen Ländern, weit weg von uns, sondern auch vor unserer Haustür, Ansbach und neulich Berlin haben es auf schreckliche Art gezeigt. In diesen Tagen jährt sich nun der Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo zum zweiten Mal. Die Zeichnerin arbeitet in ihrer Graphic Novel Die Leichtigkeit die schrecklichen Ereignisse auf.

Am 7. Januar 2015 stürmten zwei Brüder, die zu Al-Qaida gehörten, die Redaktionsräume von Charlie Hebdo und töteten zehn Menschen. Catherine Meurisse, die seit langem für das Blatt arbeitete, verschlief an diesem Tag, verpasste den Bus und entging durch diesen Zufall dem Massaker. Sie kam mit dem Leben davon, doch ihr Leben war nicht mehr ihres. Die geschätzten Kollegen waren tot. Trauer und Schock paarten sich mit der Unfähigkeit zu arbeiten. Meurisse bekam keinen Strich mehr hin, verlor das Gedächtnis und fand sich nicht mehr zurecht. Der Arzt diagnostizierte einen dissoziativen Schock, einen körperlichen Schutzmechanismus, der zwar das Überleben sichert, den Betroffenen jedoch völlig aus der Bahn wirft.
Catherine Meurisse sucht Hilfe in der Natur, bei Freunden und in der Therapie. Nichts scheint zu helfen. Überall sieht sie „Je suis Charlie“-Schilder. Alle sind Charlie, nur sie ist es nicht mehr.

Die Anschläge vom 13. November 2015 auf das Bataclan und andere Orte in Paris versetzen ihr dann einen erneuten Schlag, alles beginnt von vorn. Sie will fort aus der Stadt, will all das Schlimme nicht mehr sehen, sondern die Schönheit suchen und sich wie seinerzeit Stendhal von der Kunst bis zur Besinnungslosigkeit überfluten lassen.
Für einige Wochen kommt sie in der Villa Medici in Rom unter. Und dort taucht sie ein in die Schönheit antiker Ruinen, barocker Gemälde, marmorner Statuen. Im Atelier Ingres zeichnet sie schließlich wieder Comics.

In dieser Graphic Novel, übersetzt von Ulrich Pröfrock, verarbeitet Catherine Meurisse ihre Geschichte auf ganz persönliche Art. In einer Mischung aus Aquarellen und Federzeichnungen schildert sie, in was für ein tiefes, dunkles Loch sie als Überlebende bzw. Entgangene fällt. Sie gerät in ein Labyrinth aus Trauer, Wut, Zorn und Hilflosigkeit. Sie schildert, wie sehr ihre Sprache unter dem Anschlag leidet, wie sehr aber doch immer wieder in den scheinbar unmöglichsten Momenten der freche, oft auch selbstironische Charlie-Hebdo-Humor bei ihr durchschlägt. Ihre persönliche Suche nach Schönheit führt sie schließlich aus diesem Labyrinth heraus und gibt ihr die Leichtigkeit zurück.

Wir, die solche Anschläge zum größten, glücklicheren Teil nur über die Medien mitgekommen, können vielleicht zweierlei aus dieser extrem persönlichen Geschichte mitnehmen: Wir sind zwar schnell dabei zu sagen „Je suis Irgendwas“ und tun auf allen möglichen Kanälen unsere Betroffenheit kund – was zutiefst menschlich, nachvollziehbar und unbestreitbar wichtig ist – doch wir müssen uns auch klar sein, dass wir es nie wirklich nachvollziehen können, wie es sich für die direkt Betroffenen – und dazu gehört Catherine Meurisse, obwohl sie dem Anschlag auf Charlie Hebdo entgangen ist – anfühlt. Da kein ein zu rasch herausgehauenes „Je suis“ schon mal wie eine Anmaßung erscheinen. So vermittelt es jedenfalls Meurisse. Hier täte etwas Zurückhaltung unsererseits vielleicht gut.

Die zweite Ahnung mag sein, dass es für die Betroffenen vielleicht auch wieder einen Weg aus dem Trauer-und-Schock-Labyrinth gibt. Manche finden ihn schneller, andere brauchen länger. Manchen hilft die Natur, anderen, wie Meurisse, öffnet die Schönheit der Kunst wieder eine Tür zu einem leichteren Leben. Das ist tröstlich. Für alle.

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit, Übersetzung: Ulrich Pröfrock, Carlsen, 2016, 144 Seiten, 19,99 Euro

Follow my blog with Bloglovin

Flattr this!

Wehrt euch!

fülscherEin Kompliment. Ein charmantes Lächeln.Eine leichte Berührung. Als Mädchen und Frau hat man so etwas ja manchmal ganz gern. Es tut der Seele gut und schmeichelt. Doch ganz rasch ist eine Grenze überschritten, wo genau dies nicht mehr nett ist, sondern zu einer sexuellen Belästigung wird. Um diesen schmalen Grat geht es in Susanne Fülschers neuem Roman #fingerweg.

Die 18-jährige Lisa hat gerade ihr Abi gemacht und will eigentlich mit der besten Freundin ein paar Monate durch die Welt reisen, als sie die Zusage zu einem Praktikum bekommt. Und das ist nicht irgendein Praktikum, sondern das in ihrem Traumjob, beim Film, beim momentan angesagtesten Regisseur des Landes. Keine Frage, dass Lisa zusagt und der Freundin einen Korb gibt. Wer würde das nicht?
Mit Feuereifer stürzt sie sich in die Arbeit, die sie zunächst völlig unterfordert. Doch der Chef Maxime, ein George-Clooney-Beau mit graumelierten Haaren und entwaffnendem Jungenlächeln, lädt Lisa zum Essen ein, zum Frühstück, nimmt sie auf Filmpremieren und zu Interview-Terminen mit. Lauter Dinge, für die Lisa brennt und mit denen sich sie beruflich beschäftigen möchte. Eigentlich könnte es nicht besser laufen.

Doch in das Hochgefühl über diesen Traumjob mischt sich mit der Zeit immer mehr mulmigen Bedenken. Denn Maxime berührt Lisa immer wieder, fast wie zufällig. Morgens steht er auch schon mal halbnackt vor ihr, wenn er wieder im Büro geschlafen hat, weil es mit seiner Frau nicht gut läuft, und immer öfter lässt er anzügliche Bemerkungen fallen.
Lisa mag das alles gar nicht, doch für ihren Traumjob ist sie bereit einiges zu ertragen und sich nicht als Mimose anzustellen. Manches Mal befürchtet sie sogar, dass sie sich vielleicht falsch verhalten hat und Maxime quasi zu diesen Anzüglichkeiten aufgefordert hat. Sie ist hin- und hergerissen: Angezogen von der glitzernden Filmwelt und gleichzeitig abgestoßen von den immer drastischeren Annäherungsversuchen ihres Chefs.

Ihren Eltern will sie sich nicht anvertrauen, ihre beste Freundin tourt durch Kanada und ist nur per Skype zu erreichen. Maxime wird immer zudringlicher und legt eines Tages sogar pornografische Fotos von sich in der Teeküche aus. Lisa fühlt sich immer elender. Doch erst als er versucht, Lisa ins Bett zu bekommen, kündigt sie und lässt Maxime schließlich in aller Öffentlichkeit hochgehen …

In angenehm lockeren Ton schreibt Susanne Fülscher von einem sehr unsäglichen Problem unserer Gesellschaft. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gilt immer noch als Kavaliersdelikt, wird zumeist verschwiegen, wenn nicht gerade ein #aufschrei durch die sozialen Medien gepeitscht wird. Sobald die mediale Welle abebbt, wird wieder geschwiegen. Doch genau das darf nicht sein. Und das zeigt Fülscher auf sehr rasante und spannende Art. Dabei geht sie nicht in die reißerische Falle, einen Vergewaltigungsfall zu inszenieren, sondern zeigt die kleinen alltäglichen Gesten und Berührungen, lässt die scheinbar so charmant-harmlosen Sätze fallen, denen man ja keine böse Absicht unterstellen mag, in denen jedoch der Anfang von allem Unglück steckt. Genau damit zeigt sie jungen Mädchen auf, wie schmal der Grat zwischen ehrlicher Freundlichkeit und sexueller Belästigung ist, bei der das Machtgefälle zwischen Chef und Praktikantin schamlos ausgenutzt wird.

Fülscher bringt die Leserinnen zum Grübeln und sensibilisiert sie, wie weit man für seinen Traumjob gehen, was man erdulden und wo man die Grenze ziehen würde. Sie zeigt Lisas Zweifel, ihre Wünsche, es in im Job zu schaffen, und ihre Gewissensbisse, womöglich selbst schuld an Maximes Belästigungen zu sein. Lisas Freunde jedoch machen ihr eindeutig klar, dass sie mitnichten schuld ist, und zeigen ihr, wie wahre Zuneigung aussieht.
So bekommen die Leserinnen ein hilfreiches Gespür dafür vermittelt, was in Arbeitsverhältnissen, aber auch bei Freundschaften okay und was ein definitives No-go ist. Es bleibt zu hoffen, dass sich nach der Lektüre dieses wichtigen Buches mehr Mädchen und junge Frauen gegen sexuelle Belästigungen zur Wehr setzen und nicht alles wort- und tatenlos hinnehmen.

Ein Hinweis noch: Der Verlag empfiehlt das Buch für Leserinnen ab 12. Ich würde es jedoch eher ab 14 oder 15 empfehlen, denn die Szenen mit den pornografischen Fotos sind schon ziemlich explizit und nicht unbedingt für alle geeignet.

Susanne Fülscher: #fingerweg, Carlsen, 2016, 208 Seiten, ab 14, 6,99 Euro

Follow my blog with Bloglovin

Flattr this!

Die Wochenration Lyrik

Kinder KalenderEs gibt viele Arten, wie man Kinder an Poesie heranführen kann. Eine der schönsten ist für mich der Arche Kinder Kalender. Jetzt wieder zu haben für 2017.

Wie in den Jahren zuvor hat die Internationale Kinderbibliothek in München wieder mit feinem Gespür entzückende Gedichte mit ebenso wunderschöne Illustrationen aus aller Welt zusammengestellt. Jedes Wochenblatt brigt etwas Überraschendes, Fröhliches, Urkomisches, aber auch Nachdenkliches. Denn in diesen Mikrogeschichten eröffnen sich ganze Welten, zeigen sie doch, was in den verschiedenen Ländern von Italien bis China, von Portugal bis Russland, was also rund um den Globus die Menschen so sehr bewegt, dass sie es in einem Gedicht würdigen.

Das können fantastische Wesen wie der Drachen-Veteran, aber auch kulinarische Grundnahrungsmittel wie die Rote Bete oder Papadam sein. Oder aber die täglichen Ängste der Schüler vor dem Unterricht. Die Musik des Aprilregens wird genauso aufgeführt wie der Blumenreigen in einem Garten. Mäuse spielen Fußball, Schwäne ziehen über das Meer. Man kommt ins Träumen und fängt selbst an zu reimen, zu dichten. Ich möchte am liebsten meinen hopsenden Eichhörnchen im Baum vor dem Küchenfenster ein paar Zeilen widmen.

Wie schon vor zwei Jahren erfreut mich auch dieses Mal wieder, dass die Originalgedichte wie immer mitabgedruckt sind. Es würdigt die Autoren, aber im gleichen Maße die vielen vorzüglichen Übersetzer_innen, die großartige Lösungen für diese kondensierten Inhalte gefunden haben.
Aber gerade bei den Sprachen mit anderen Buchstabenschriften wie dem Kyrillischen, aber auch bei Chinesisch, Koreanisch oder bei den runden indischen Malayalam-Buchstaben, schaut man zudem die Gedichte selbst wie Bilder an. Manches Mal werden sie sogar Teil der Illustrationen, was ihre Schönheit doppelt unterstreicht. Im kommenden Jahr werde ich mit meiner dann fünfjährigen Nichte mal erkunden, wie das auf die Zielgruppe wirkt.

Sicher ist, dass die Kinder ein Gespür für Poesie entwickeln werden. Denn sie finden hier nicht nur gereimte Verse, sondern auch freie Formen und manch auf den ersten Blick rätselhafte Zeilen. Da werden dann die Gehirnwindungen gefragt sein, dem Gelesenen einen Sinn zu geben – oder vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall werden sie erfreuen, bewegen, anregen. Manch Baum wird vielleicht im Juni vorsichtiger bestiegen werden, damit Mama sich keine Sorgen mehr machen muss. Und Ende September sprudelt es möglicherweise aus den Kindern selbst heraus, denn dort gibt es eine leere weiße Seite, die mit Worten, Versen und Bildern gefüllt werden möchte.

Ich freue mich, dass ich diesen Begleiter durch das kommende Jahr bei mir aufhängen kann, und wünschte, dass er in möglichst vielen Kinderzimmern ebenfalls seinen Platz findet.

Arche Kinder Kalender 2017. Mit 53 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt. Herausgegeben und ausgewählt von der Internationalen Kinderbibliothek München, Arche Kalender Verlag, 2016, ab 5, 18 Euro

Follow my blog with Bloglovin

Flattr this!

Jeder Tag kann Weihnachten sein

 
Weihnachten im Januar? Das geht durchaus, und zwar im Hotel Wunderbar.

Ein Porträt über einen belgischen Hotelier, der seine Pforten für Obdachlose öffnet, brachte die Kinderbuchautorin Jutta Nymphius in Schwung für ihren neuen Roman. Ihr Tore öffnender Held heißt Mika, ist neun Jahre alt und lebt mit seinem Vater im familieneigenen Hotel „Jameel“. Mikas Mutter ist vor einiger Zeit gestorben, seitdem arbeitet Papa meist hinter verschlossenen Türen in seinem Büro, und Mika wird hauptsächlich von den Angestellten Fanny und Henry betreut. Doch egal, wie viel Mühe sich die beiden geben, die Eltern ersetzen können sie nicht. Vor allem fehlt Mikas Mutter, warmherzig, temperamentvoll und gastfreundlich. Und weil Mama überall fehlt, fehlen inzwischen auch die Gäste. Sogar an Weihnachten!

Auch in diesem Jahr, was Mika ehrlicherweise nicht weiter verwundert hat. Schon der Weihnachtsschmuck war furchtbar! Langweilige Plastiktannenbaumgirlanden baumelten am Hoteleingang. Das musste ja alle abschrecken, denkt Mika. Früher gab es echte Zweige mit bunten Kugeln, ein fröhliches Willkommen und jede Menge Gäste und Trubel, gerade an den Feiertagen. Deshalb wurde ja auch der Anbau mit sechs neuen Zimmern errichtet, doch inzwischen steht der meistens leer. Hier fehlt es an Wärme und Zuneigung, das spürt Mika ganz genau. Und während er noch seinen Gedanken nachhängt, stolpert er über Silvester, einen kleinen schwarzlockigen Hund, und dessen Besitzer Teddy. Im ersten Moment verzieht Mika die Nase, Teddy riecht ziemlich streng, und seine langen Haare zotteln genauso an ihm herum wie sein Bart. Aber er verwickelt Mika gleich in ein Gespräch, und schnell ist klar: Die beiden haben Hunger und suchen ein Quartier, denn der Winter ist kalt und streng und Teddy obdachlos. Plötzlich weiß Mika, wo er die beiden unterbringen kann: im Anbau. Natürlich heimlich. Morgen früh müssen Hund & Herrchen das Haus superpünktlich wieder verlassen — und abends steigen sie geräuschlos und unsichtbar wieder ein.

Ganz fix werden es mehr Gäste, die Hilfe brauchen, denn auch Käthe friert erbärmlich. Genau wie Herbert. Mika schließt alle fest in sein Herz, selbst wenn der Heimlichkeitsstress dadurch immer größer wird: Betten beziehen. Essen in der Hotelküche abzweigen. Früh aufstehen, um alle zu wecken, damit sie rechtzeitig wieder verschwinden. Keinen Piep zu erzählen … Mika wird immer blasser und schlapper — was Fanny und Henry schließlich nicht mehr verborgen bleibt. Die Wahrheit muss auf den Tisch, vor der auch Mikas Papa die Augen nicht mehr verschließen kann: Das Leben geht weiter, und sein Sohn braucht ihn!

Weihnachten ist zwar längst vorbei, gefeiert werden kann trotzdem. Und weil dazu Gemeinschaft gehört, verlegen Mika & Co das wunderbare Fest einfach in den Januar und holen nach, was am 24.12. nicht möglich war: mit anderen Menschen zusammen zu sein, ihre Geschichten zu teilen, die Herzen zu öffnen und einander Wärme zu geben. Bis Ende März wird Papa das Hotel von nun an für die Obdachlosen öffnen. Und Weihnachten? Da sind sich alle einig: So ein tolles Januar-Weihnachtsfest wird es auch im kommenden Jahr wieder geben.

Dieser Kinderroman — schwarz-weiß-schmunzelnd illustriert von Stephan Pricken (!) —ist nicht nur warmherzig geschrieben und verbreitet Festtagsstimmung. Mika, Papa und alle anderen Helden von Jutta Nymphius laden dazu ein, darüber nachzudenken, worauf es wirklich ankommt: Kinder brauchen Eltern, Eltern brauchen Kinder. Und Menschen, die Hilfe benötigen, sollten nicht allein durchs Leben gehen. Und Feste? Die lassen sich nicht nur feiern, wenn es der Kalender sagt. Vielleicht hat jemand Lust, das auch mal auszuprobieren? Nur Mut!

Heike Brillmann-Ede

Jutta Nymphius: Hotel Wunderbar, mit einem Nachwort und einem Spiel von Jutta Nymphius, Illustration: Stephan Pricken, Tulipan, 2. Auflage 2016, 144 Seiten, ab 9, 13,00 Euro

Flattr this!

Licht aus, Film ab!

lichternKurzfilme gelten nur als Fingerübung junger, angehender Regisseure, bevor diese den ersten „richtigen“, abendfüllenden Spielfilm drehen können. Kurzgeschichten werden ebenfalls gering geschätzt. Im Gegensatz zum angloamerikanischen Sprachraum genießt die knappe Erzählform hierzulande wenig Anerkennung als eigenständige, literarische Form; noch weniger, wenn sie „nur“ von Kinder- und Jugendbuchautoren geschrieben wurde, also Schriftstellern, die ohnehin belächelt werden.

Der Kurzgeschichtenband Hinter den Lichtern lässt das vernachlässigte Genre in neuem Glanz erstrahlen. 18 Autoren, darunter bekannte wie Frank Goosen, Antje Wagner und Nils Mohl haben Originalstories extra für die von Christian Walther herausgegebene Anthologie geschrieben.

18 Geschichten, 18 Parallelwelten, 18 mal Kopfkino, nicht nur in Elisabeth Steinkellners gleichnamiger Geschichte um Eifersucht, Betrug und das Erstarren einer Liebe.

Wir begeben uns auf eine spannende und skurrile Vatersuche, gleichzeitig eine Neuinterpretation des Schubladendenkens, wir erleben Selbstfindung in der Ferne und Entfremdung zu Hause. Eine in ungewöhnlichen Zeitsprüngen erzählte Liebesgeschichte entlarvt Geschlechterklischees. Ein getriezter Gymnasiast verstrickt sich in einen makabren Krimi. Eine neue Superheldin lässt nicht nur Herzen entflammen. Reisen durch Traum und Zeit. Nicht zuletzt geht es auch um die Zeit des Übergangs, um Orientierungslosigkeit und Sinnsuche, zum Beispiel der „Ex-Einserschülerin, der Ex-Person mit großer Zukunft“, die sagt: „Der Schulhof war meine Welt“, und die jetzt, verstoßen von dieser Welt, nicht weiß, wo sie hin soll.

Geschichten von Vertrauen und Verrat, von geträumten Heldentaten und albtraumhaften Verhältnissen, von der Lebendigkeit der Jugend gegen die sedierte Abgeklärtheit der Erwachsenen. Geschichten die neugierig machen, die rühren, verstören und nach Mehr schreien.

Diese Sammlung beinhaltet eine Fülle literarischer Rohdiamanten: Und während das Vorwort des prinzipiell lobenswerten Herausgebers und Germanisten Christian Walther etwas verwackelt und bildschief wirkt, sind viele der stories zu funkelnden Edelsteinen geschliffen, mit brillant entworfenen Charakteren und Figurenkonstellationen, raffiniert geschnittenen Szenen und besonderem Ton.

Hinter den Lichtern, das sind einerseits die im Dazwischen, in der Übergangszone, im Zwielicht – übrigens, soviel Zeit muss jetzt sein für einen kleinen Seitenhieb, das beste an der ganzen erzkonservativen, ansonsten überhaupt nicht ambivalenten Twilight-Saga ist der Titel. Die Geschichten blicken hinter das Vordergründige, Ausgeleuchtete, Eindeutige. Andererseits beschreibt das „dahinter“ auch die Perspektive derjenigen hinter dem Filmprojektor, auf deren innerer Leinwand die Erzählungen lebendig werden.

Hinter den Lichtern ist ein Buch für „eigentlich-Nicht-Leser“, für Bildermenschen.

Licht aus, story ab! Ganz großes Kino!

Elke von Berkholz

Hinter den Lichtern – 18 unglaubliche stories, Christian Walther (Hrsg.), Beltz & Gelberg 2016, 264 Seiten, ab 14, 13,95 Euro

Flattr this!