Geschwister und andere Katastrophen

Da kann man sich tausendmal vernünftigerweise sagen, dass Blut nicht dicker als Wasser ist und nur weil man mit jemandem genetisch verwandt ist, man nicht automatisch mit ihm verbunden ist: Die Beziehung zwischen Geschwistern ist und bleibt speziell, zwischen Schwestern, die sich altersmäßig kaum unterscheiden, extrem.

Lauren Oliver hat mit Als ich dich suchte ein besonderes Buch über zwei Schwestern geschrieben. Ein Roman, der gleichzeitig auch Krimi, Psychothriller und zarte Liebesgeschichte ist. Ein Buch, das einen gleich packt und nicht mehr loslässt, weil es provokativ beginnt: „Das Komische daran, beinahe gestorben zu sein, ist, dass anschießend alle meinen, du müsstest ununterbrochen auf dem Glückstrip sein, Schmetterlingen im grünen Gras nachjagen oder in jeder Ölpfütze auf dem Highway einen Regenbogen entdecken. Das Leben ist ein Geschenk, um das du nie gebeten hast, das du dir nie gewünscht hast, nie haben wolltest.“

Wer jetzt glaubt oder auch fürchtet, dass nach diesem lakonisch-abgeklärtem Auftakt die große Glücksbärchi-Geschichte folgt und zum Schluss die Erzählerin Nick mit Schmetterlingen tanzt und das Leben begeistert umarmt, dass es nur so kracht, der wird zum Glück enttäuscht. Zur Zeit ist es bei Prominenten jeden Alters angesagt, permanent von „Demut“ zu sprechen, die sie angesichts ihres Lebens empfinden, von „Dankbarkeit“ für das, was sie haben.

Nick aber hat allen Grund, stinksauer auf ihr Leben zu sein: Ihre knapp ein Jahr jüngere Schwester Dara, die immer im Mittelpunkt steht, die alle lieben, die jeden haben könnte, hat ausgerechnet Nicks besten Freund seit Kindertagen geküsst. Ihr Vater hat die Familie für eine schönheitsoperierte, flachsinnige Witwe verlassen, die Mutter ist seitdem ein tablettengesteuerter Schatten ihrer selbst. Beide Schwestern hat es aus der Bahn einer glücklichen Kindheit geworfen. Dann erleiden die Mädchen einen schrecklichen Autounfall und fortan spricht Dara nicht mehr mit Nick. In Rückblenden und Zeitsprüngen wird aus der Sicht von Nick und Dara erzählt, wie es zu dieser Katastrophe gekommen ist. Parallel sorgt das rätselhafte Verschwinden eines neunjährigen Mädchens für zusätzliche Spannung. Und irgendwann ist auch Dara nicht mehr da. Vanishing Girls lautet der Originaltitel von Olivers neuem Jugendroman. Als ich dich suchte trifft es jedoch fast besser, weil Nick nicht nur ihre Schwester wiederzufinden versucht. Und nicht zuletzt ist da auch noch Nicks Freund, der Nachbarsjunge Parker …

Das alles verknüpft Lauren Oliver virtuos und erzählt mitreißend und unprätentiös, treffsicher übersetzt von Katharina Diestelmeier. Wiederholt finden sich so kluge, hellsichtige Sätze und Beobachtungen wie „das ist das Blöde an Therapeuten: Man bezahlt sie dafür, dass sie einem denselben Quatsch erzählen, den andere umsonst sagen.“ Oder: „Ist dir schon mal aufgefallen, dass wirklich glückliche Paare nicht das Bedürfnis haben, andauernd miteinander rumzuhängen?“

Neben dem echten Krimi, der mutmaßlichen Entführung einer Grundschülerin, spielt das wahre Drama zwischen den so unterschiedlichen Schwestern: Wie können sich zwei Menschen so nah und doch so fern sein? Nie ausgesprochene Eifersucht, Neid, Groll, Bewunderung und angeeignete Rollen führen zu grotesken Missverständnissen.

Die Lösung und gleichzeitig Katharsis der Geschichte kommt überraschend. Cineasten fühlen sich an einen Psychothriller vom Ende der 90er Jahre erinnert, aber der ist für die jugendliche Zielgruppe sicher entschieden zu lange her. Als ich dich suchte startet durch seine atmosphärisch dichte Erzählweise, plastische Charaktere und intensiv beschriebenen, widersprüchlichen Gefühle sofort ganz großes Kopfkino. Und sollte auch dieses Buch wie aktuell Lauren Olivers Debüt Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie (Carlsen 2010, Originaltitel Before I fall) verfilmt werden, wird es selbst für begnadete Schauspielerinnen schwer, die emotionale Vielfalt zu spielen.

Dieser mit schlagkräftiger Direktheit, lakonischem Witz und berührender Zartheit geschriebene Roman über Geschwisterhassliebe, Schuld und Sühne ist ein Plädoyer fürs Lesen. Und nicht zuletzt hervorragende Ferienlektüre.

Elke von Berkholz

Lauren Oliver: Als ich dich suchte, Übersetzung: Katharina Diestelmeier, Carlsen, 2017, 368 Seiten, ab 13, 19,99 Euro

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Der Junge im schwarzen Anzug

„Aber das immer Gleiche war die Art, wie der Mensch, der dem Toten am nächsten stand, reagierte. Tag für Tag, Woche für Woche, Beerdigung für Beerdigung, suchte ich nach diesen Menschen und beobachtete, wie sie damit umgingen. Wie sie verzweifelt um Hilfe baten in einem Raum voller Menschen, die helfen wollten, aber nicht wussten wie. Weil sie nicht helfen konnten. Nichts hilft.“
Matt arbeitet in einem Beerdigungsinstitut und ist bei einer Menge Trauerfeiern dabei. Aber nicht ein perverses Vergnügen am Schmerz anderer treibt den Jungen in Jason Reynolds Roman Love oder meine schönsten Beerdigungen. Matthew Miller ist selbst voller Trauer und Schmerz, seit seine Mutter vor wenigen Monaten an Krebs gestorben ist.

Eigentlich hätte der 17-Jährige mit Schule, Pubertät, Zukunftspläneschmieden, Mädchen und altersentsprechendem Herzgebreche genug Probleme. Doch jetzt ist seine Mutter, zu der das Einzelkind eine liebevolle Beziehung hatte, tot. Und sein Vater ertränkt seinen Kummer (und die Sorgen wegen der Krankenhausrechnungen) in Alkohol und erleidet bald einen schweren Unfall. Allein in seinem Leid, hilft Matt „das bloße Wissen, dass wir alle mit derselben Sache zu kämpfen haben, und dass mein Leben nicht das einzige war, dem etwas fehlte, was es nie mehr zurückbekommen würde“.

Deshalb jobbt Matt anstatt in seinem Lieblingsimbiss beim benachbarten Bestatter. Und da er sich jetzt in der Schule sowieso wie ein Freak fühlt, weil bis auf seinen besten Freund es niemand schafft, normal mit ihm umzugehen, und weil es zum Job passt, beginnt er tagein tagaus seinen schwarzen Anzug zu tragen – wie eine Mischung aus Uniform des Schmerzes und schützender, weil abgrenzender Hülle. The Boy in the Black Suit heißt das Buch des US-amerikanischen Schriftstellers Reynolds im Original. Ein sehr viel passenderer Titel, wesentlich individueller und assoziationsreicher, als die gewollte Eindeutschung, eine Mischung im Stil von Der 100-Jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand und Die wunderbare Welt der Amelie. Über verkorkste Buch- und Filmtitel könnte man ein eigenes Stück schreiben.

Jason Reynolds hat eine furiose, tragikomische und berührende Geschichte über Trauer und den Verlust geliebter Menschen geschrieben, über den Schmerz und wie man damit umgehen und weiterleben kann. Matt erfährt, dass Leute, von denen er es nicht gedacht hat, harte Schicksalsschläge erlitten haben. Manche wirft es aus der Bahn, manche können ihren Kummer auf einen symbolischen Ort konzentrieren. Beerdigungen geraten auch mal mehr zur Komödie als zum Trauerspiel, bei anderen bricht Chaos aus.

Nach etwa der Hälfte taucht erst die so prominent gesetzte Love auf, ein charismatisches Mädchen mit diesem selbst für US-Verhältnisse ungewöhnlichen Vornamen. Die 17-Jährige hat selbst vor sieben Jahren ihre Mutter und jetzt auch ihre Großmutter verloren, geht aber ganz anders damit um als Matt. Die beiden nähern sich auf ungewöhnliche Weise an, eine reizvolle Liebesgeschichte beginnt.

Nicht zuletzt spielt New York, und Brooklyn im Speziellen, eine Rolle in diesem Roman. Dazu gehören auch schöne Betrachtung von Flora und Fauna, Straßenbäumen und Typen in der Stadt.

Klaus Fritz hat als Übersetzer einen guten Job gemacht: Die Sprache ist jugendlich, aber kein aufgesetzter Jargon, frisch und lebendig. Den verunglückten Titel hat wahrscheinlich der Verlag gedichtet. Loben möchte man Fritz für ein mittlerweile nicht selbstverständlich richtig übertragendes „Hat aber keinen Sinn“, anstatt des inflationär und dumpf benutzten „das macht Sinn“. Doch schon auf der nächsten Seite stolpert man über „Blumenbuketts“. Die sind zwar laut Duden richtig, lesen sich aber wie eimerweise („bucket“) Blumen. Was wurde aus dem französischem Lehnwort „Bouquet“?

Blumen, ihre morbide vergängliche Schönheit, und die Entdeckung einer besonders robusten Pflanze illlustrieren auch Matts Weg aus der vereinsamenden, totalen Trauer. Reynolds zweiter Jugendroman ist ein todkomisches, kluges und liebenswertes Buch.

Elke von Berkholz

Jason Reynolds: Love oder meine schönsten Beerdigungen, Übersetzung: Klaus Fritz, dtv Reihe Hanser 2017, 288 Seiten, ab 14, 14,95 Euro

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Kinder brauchen Tiere

schomburgKinder und Tiere gehen in den (sozialen) Medien ja bekanntlich immer. In Kombination sind sie eigentlich unschlagbar.

Drei wunderbare Kinder-Tier-Geschichten haben mich in den vergangenen Wochen bezaubert. Etwas länger harrt hier schon Chamäleon Ottilie. Es scheint fast, als habe sich das Bilderbuch von Andrea Schomburg so unsichtbar gemacht, wie deren Hauptdarstellerin … Nein, im Ernst: Andrea Schomburg erzählt von Paul und Anna Sausebier aus Bonn. Die beiden Geschwister wünschen sich sehnlichst ein Tier, aber es ist wie so oft, die Eltern sagen Nein: Tiere machen Dreck und alles kaputt, sind zu groß oder zu gefährlich. Kennt man ja, diese Bedenken.

Dabei hat sich bei Familie Sausebier schon seit einiger Zeit ganz unbemerkt das Chamäleon Ottilie eingenistet. Durch seine Mimikri-Funktion verschmilzt es mal mit dem Sofakissen, mal mit dem Teddybären, der Tapete oder dem Mantel der Tante. Bis es eines Tages zur Katastrophe kommt und das Karo-Muster von der Bettwäsche nicht mehr weggeht. Anna und Paul entdecken Ottilie sofort… Na, wenn das mal gutgeht!

Nicht nur die Wahl des Chamäleons als Haupt- und Haustier ist außergewöhnlich und eine Herausforderung für die kleinen Leser, denn sie müssen das Tierchen auf jeder Seite erst einmal ausfindig machen, auch die Reime von Andrea Schomburg sind ein weiteres Mal so famos und leicht fließend, dass es eine Freude ist, sie laut vorzulesen. Fast möchte man nach Ende der Lektüre ein Chamäleon als Haustier anschaffen!

Ein ganz anderes Haustier wird hingegen in Jan Bircks Buch Zarah & Zottel zur Rettung für die junge Heldin.
Zarah ist mit ihrer Mutter in eine neue Wohnung gezogen. Unten im Hof, wo die Kinder spielen, kennt sie noch niemanden – und niemand will mit ihr spielen.
Zarah wünscht sich dringend einen Freund, doch der ist hier erst mal nicht zu finden. Sie träumt von einem Pferd, denn sie steht auf Indianer, doch ein Pferd passt leider nicht in eine Etagenwohnung – aber vielleicht ein Pony, wenn es klein genug ist.

Am nächsten Tag macht sich Zarah zum „Laden für alles“ auf, und der patente Verkäufer weiß Rat bzw. hat ein zotteliges vierbeiniges Tier für sie. Zarah steigt auf und reitet auf Zottel nach Hause. Dass Zottel Pfoten statt Hufe hat, an der Ampel das Bein zum Pinkeln hebt und die Kinder im Hof über Zottel lachen, stört sie nicht. Zottel passt in den Aufzug und in die Wohnung. Nur leider hat Mama kein Geld, um Zottel zu bezahlen. Doch auch dieses Problem lässt sich lösen …

Mit dem Zottelponyhund zeigt Jan Birck jungen Lesenden, dass es in einer Freundschaft ganz und gar unwichtig ist, was man ist oder wo man herkommt. Zusammenhalt über die Grenzen von Anatomie oder Gattung ist wichtiger, als die genauen Definitionen von Herkunft und Abstammung. So kann ein Hund durchaus auch als Pony durchgehen, und was die Hautfarben von Menschen angeht, so sind die nicht der Rede wert, wie es Jan Birck hier ganz selbstverständlich macht. Dass ich das hier extra erwähnen muss, zeigt allerdings, dass es immer noch nicht normal und eben nicht selbstverständlich ist, dass eine Bilderbuchheldin eine dunklere Hautfarbe hat als ihre Mama und die Kinder im Hof. Von solchen Heldinnen sollte es viel mehr geben, so dass die Diversität unserer Gesellschaft in den Büchern tatsächlich ein Abbild findet.

So schön das Zusammenleben mit Tieren auch sein kann, irgendwann kommt unweigerlich der Tag, an dem die Hausgenossen sterben. Dann wird aus Freude plötzlich Trauer und man stolpert in die Trauerpfützen.

So erklärt es der Kinderarzt der kleinen Leni, deren Hund Frieda neulich gestorben ist, im Bilderbuch von Hannah-Marie Heine. Zuhause erinnert Leni vieles an Frieda, und schwupps laufen ihr schon wieder die Tränen aus den Augen und der Bauch zieht sich zusammen. Aber ganz schnell hopst Leni auch wieder aus der Trauerpfütze heraus, genießt ein Stück Zuckerkuchen von Oma und schaut in die Sterne. Von dort oben kuckt Frieda ihr vielleicht zu …

Einfühlsam zeigt Hannah-Marie Heine kleinen Tierfreundinnen, dass es ganz normal ist, dass man seinem vierbeinigen oder geflügelten Freund nachtrauert. Gefühlsschwankungen gehören zum Abschied dazu, aber nach der Trauer kommt auch die Freude wieder. Wenn man dann noch die Erinnerungen an das geliebte Tier in einen würdigen Rahmen kleidet, kann man sicher sein, dass es auch weiterhin bei einem ist.

Dass Verlust und Tod Teil unseres Lebens sind, erfahren Kinder hier durch ganz alltägliche Szenen – wunderbar lässig von Katharina Vöhringer gezeichnet –, und genau die können helfen, so schwierige Momente zu bewältigen, wenn die geliebten Tiere plötzlich nicht mehr da sind.

 

Andrea Schomburg: Neu in der Familie: Chamäleon Ottilie, Illustration: Barbara Scholz, Sauerländer, 2016, 32 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

Jan Birck: Zarah & Zottel – Ein Pony auf vier Pfoten, Sauerländer, 2017, 64 Seiten, ab 5, 9,99 Euro

Hannah-Marie Heine: Leni und die Trauerpfützen, Illustration: Katharina Vöhringer, Kids in Balance, 2017, 40 Seiten, ab 4, 14,95 Euro

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Grandiose Geschichten aus kleinen Klumpen

„Ich kann euch ganz in Ruhe meine Geschichte erzählen. Davon, wie eines Tages eine drangsalöse Misere über mich hereinbrach, die mein ganzes Leben durcheinanderbringen sollte. Hätte ich damals geahnt, was für Kalamitäten auf mich zukommen würden, ich wäre an jenem Morgen unter der Bettdecke geblieben …“

Mit diesen hübsch altmodischen Wörten beginnt der Erzähler seine Geschichte. Und während sich der eine oder andere Leser angesichts gelegentlich komplett verkorkster Tage denkt, dass es manchmal sicher die bessere Idee ist, morgens einfach liegen zu bleiben, schlägt einen Kirsten Reinhardts neuer Roman Der Kaugummigraf schon in seinen Bann: Es ist ein in vielfacher Hinsicht verblüffendes Buch. Nicht nur weil der Erzähler und Titelgeber ein alter Knorz ist, genauer der 81-jährige Eberhart von Eberharthausen. Es ist eine erstaunlich komplexe und vielschichtige Erzählung, wie man hinter dem für Reinhardts Standards sehr schlichten Titel nicht vermuten würde (frühere Titel waren Fennymores Reise oder wie man Dackel im Salzmantel macht und Die haarige Geschichte von Olga, Henrike und dem Austauschfranzosen).

Die Kalamitäten verursachende Misere tritt in Gestalt der struppigen, frechen und enorm hungrigen Ausreißerin Eli in das Leben des komischen Kauzes. Sie bringt ihn nach einigen Anlaufschwierigkeiten zum Erzählen. Und vielleicht zum ersten Mal am Ende seines langen Lebens öffnet sich Eberhart, stellt sich seinen Verletzungen, alter Schuld und lebenslanger Reue, Gedanken und Gefühlen, die er seit 20 Jahren mithilfe eines selbst auferlegten, strengen Zeitplans verdrängt und eingesperrt hat. Und natürlich sind das keine uralten Geschichten, „solche Dinge wie damals gibt es bestimmt nicht mehr“; da hofft Eberhart leider vergebens.

Aber warum nennt Eli ihn Kaugummigraf? Das hängt mit der höchst kuriosen Sammlung des betagten Helden zusammen, ein jahrelang verschlossener Raum in dem alten, vom Abriss bedrohten Bahnhof, in dem der Graf wohnt – und auch in seinem Herzen. Hier verwahrt er hunderte Kaugummis auf, die er seit seiner Kindheit gesammelt hat – gekaute, versteht sich. Denn „ein Kaugummi ist besser als ein Fingerabdruck“, wie der Graf sagt. Ein Fingerabdruck verrät nichts über seinen „Besitzer“. Ein ausgespuckter Kaugummiklumpen dagegen gibt erstaunlich viel preis: durch seine Form, die Zahnabdrücke, den Auffindeort, den Geruch, die Geschmacksrichtung, die Farbe. Und natürlich durch die präzise Erinnerung an all die kauenden Menschen, denen der Sammler begegnet ist und die sein Leben geprägt haben.

Es sind spannende, fantastische, erschütternde und rührende Geschichten, zeitlos gut und ewig wahr, Geschichten von abgeschobenen, missverstandenen Kindern, von Grausamkeit und Feigheit, von Wut und Mut. Davon, dass man stärker ist als man denkt und es nie zu spät ist, sein Leben in die Hand zu nehmen. Von der Suche nach Freundschaft, Liebe, Glück. Wahrheiten, gelassen ausgesprochen: Seine Verwandschaft kann man sich nicht aussuchen. Und es ist gar nicht so einfach, nichts zu tun. Die Freiheit, alles (oder nichts) tun zu können ist beängstigend, das muss man erst mal aushalten. Trotzdem ist sie das Beste am Leben, weil sie grenzenlose Möglichkeiten birgt.

Hat sich schon mal jemand beim Anblick der Flecken auf dem Pflaster überlegt, dass hier gelebte Geschichten kleben? Das entschuldigt natürlich nicht die Unsitte, Kaugummis in die Gegend zu spucken! Inzwischen haben Künstler die Sprengsel als winzige Leinwände entdeckt, um darauf grandiose Miniaturmeisterwerke zu schaffen, zu sehen unter anderem auf der Millenium Bridge in London.

Der Kaugummigraf ist ein Buch, so wie man sich das weltbeste Kaugummi wünscht, das es aber nie geben wird: Eine Wundertüte, ein Feuerwerk an unterschiedlichsten Geschmackerlebnissen, schönste, raumgreifende Blasen bildend, ein Genuss, sich damit zu beschäftigen und ganz lang anhaltend.

Elke von Berkholz

Kirsten Reinhardt: Der Kaugummigraf, mit Vignetten von Marie Geißler, Carlsen, 2017, 224 Seiten, ab 10, 12,99 Euro

 

P.S. Es gab schon mal ein besonderes Buch mit Kaumasse im Titel: Der quergestreifte Kaugummi von Ephraim Kishon, von 1977, eine unvergessene Erzählungssammlung.

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Die 17-Jährige in uns

schomburgVor ein paar Tagen stellte Jan Schomburg in Hamburg seinen ersten Roman vor und ließ dabei den Satz fallen, dass in uns allen doch ein 17-Jähriges Mädchen stecke. Der Mann ist 40.

Und trotzdem hat er mit dieser Behauptung nicht ganz Unrecht, wie ich in den Diskussionen nach der Lesung feststellen konnte. Irgendwie fühlen wir uns alle, egal wie alt wir eigentlich sind, drin doch immer noch jung. Mit allem, was dazu gehört.
Genau dieses Gefühl hat Schomburg in seiner Geschichte eingefangen. Darin lässt er die 17-jährige Johanna erzählen, die mit Boris befreundet ist, gut befreundet, aber nicht seine Freundin ist. Boris‘ Freundin heißt Ana-Clara und kommt aus Portugal.

Johanna und Boris machen ziemlich alltägliche Dinge zusammen, eine Radtour an die Nordsee, eine Studienreise nach Barcelona, sie gehen tanzen und Döner essen, in einem See schwimmen. Doch sie küssen sich nie. Johanna konstatiert das mit einem gewissen Befremden. Sie beobachtet die Dinge um sich herum sehr genau, hat Mitleid mit gewissen kläglichen Figuren, kann aber auch nicht alles durchblicken.

Warum hält der eine Mitschüler auf der Studienfahrt einen anderen wie einen Sklaven? Warum wird Boris in der Disco verprügelt und später stellt sich der Schläger im Döner-Laden als der größte Spießer heraus? Warum schaut Ana-Clara so stumpf vor sich hin?
Manchmal begibt sich Johanna ganz angstfrei und neugierig in neue Situationen, später wundert sie sich wieder über sich selbst. Ein Ahnung von Unheil liegt über allem. Dann verschwindet Boris.

Schomburg erzählt in vielen Szenen von vielen Dingen, die nicht passieren. Und liefert damit einen rätselhaften und gleichzeitig faszinierenden Coming-of-Age-Roman, in dem sich vieles um die Machtspielchen in unserem Alltag dreht, in der Familie zwischen dem eiskalten Vater und dem Sohn, in der Klasse zwischen den Mitschülern, auf den Tanzflächen von angesagten Clubs.
Johanna, die ja alles aus ihrer Sicht erzählt, erkennt vieles davon, doch sie urteilt nicht. Sie probiert aus. Sie ist noch nicht wie wir erwachsen und festgelegt, sondern offen für die Möglichkeiten des Lebens – und landet irgendwann mit Ana-Clara im Bett.

Vieles an der Geschichte von Johanna, Boris und Ana-Clara ist konstruiert. Manches kann ich gar nicht richtig einschätzen, beispielsweise die gewollt-verwirrende Anordnung der Szenen, die nicht chronologisch ist, sondern bunt durcheinander. Sicher, chronologisches kann langweilig wirken, durch dieses Hin und Her in den Zeiten und Abläufen baut Schomburg natürlich eine gehörige Portion Suspense auf. Trotzdem frage ich mich, ob  mehr dahinter stecken kann.
Schomburg ist Filmemacher und Drehbuchautor, und genau das merkt man auch seinem Text an: Mit relativ schnellen Schnitten erzählt er sehr bildlich von seinen drei Helden. Als Leser schaut man fast mehr, als das man liest. Das erzeugt einen Sog, der einen durch die Geschichte trägt, die dann aber auch viele Fragen offen lässt. Und das ist schon gut – und schreit schon förmlich nach einer Arthaus-Verfilmung.

Denn das Leben liefert uns nicht immer klare Antworten, sondern fordert uns immer wieder auf, uns selbst in Frage zu stellen, so wie Johanna es beständig macht. Sie erinnert uns, dass wir alle mal 17 waren und mit Neugierde und Hoffnung in diese Welt geschaut haben. Schomburg weckt diese 17-Jährige in uns tatsächlich wieder auf.

Seine Geschichte, die im Erwachsenenprogramm von dtv erscheint, ist trotz seiner jugendlichen Helden kein Jugendbuch in dem Sinne, wie wir sie hier auf dieser Plattform sonst immer vorstellen. Es ist für mich aber ein Roman, der Jugendlichen, die genug von reinen Jugendbüchern haben, den Weg in die deutsche Gegenwartsliteratur eben kann. Schomburgs Sprache ist jugendlich und rotzig genug, um zu fesseln, die Geschichte selbst so geheimnisvoll und vielschichtig, dass sie lange nachhallt und man über viele Aspekte diskutieren und nachdenken kann. Und das finde ich ja ganz fein.

Jan Schomburg: Das Licht und die Geräusche, dtv, 2017, 256 Seiten, 20 Euro

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Junges Gemüse schließt Freundschaft

erbseDie Schottin Morag Hood ist eine wunderbare Neuentdeckung! 2015 hat sie an der Cambridge School of Art ihren Master in Illustration gemacht, seitdem lebt sie wieder in ihrer Heimatstadt Edinburgh. Lilli und Lotte – Erbse und Karotte (Original: Colin and Lee) heißt ihr Debüt, das 2014 gleich für den britischen Macmillan Prize für Illustration nominiert wurde.

Quietschgrün ist Lilli, die Erbse. Warmorange Lotte, die Karotte. Eigentlich haben die beiden nichts gemein. Lilli ist immer mittendrin, umgeben von ungezählten grünen Freunden. Lotte ist, so scheint es, allein unterwegs. Lilli, klein und rund und doch nicht gleich, sprüht vor Verschmitztheit. Lotte ist lang aufgeschossen und so akkurat rechteckig geschnibbelt, dass sie wie ein Musterbeispiel an Zurückhaltung wirkt. Lilli grinst unternehmungslustig über beide Ohren. Lotte guckt abwartend und ein bisschen traurig in die Gegend.

Eines Tages treffen die beiden aufeinander, zufällig. Lilli, die Erbse, erkennt schnell: Die sieht aber anders aus. Und nicht nur das. Die orange Fremde kann nicht mal rollen, geschweige denn hüpfen. Und inmitten der Erbsentruppe fällt sie so sehr auf, dass sie zum Versteckspielen gleich gar nicht geeignet ist. Hmm, was also tun? Aneinander vorbeigehen? Oder lieber rauskriegen, was die andere so draufhat?

Nun, Lilli ist nicht nur verschmitzt, sondern auch neugierig und sehr mutig. Fix hat sie raus, dass mit Lotte andere Spiele möglich sind. Denn Lotte kann so vieles sein: Ein riesenhoher Turm. Eine Brücke, die über einen tiefen Graben führt. Und eine superschräge Rutsche, die am liebsten alle Erbsenkinder gleichzeitig ausprobieren würden. Hui, da kommt Leben auf!

Erbse und Karotte, das ist wahrlich nicht dasselbe. Aber Lilli und Lotte stört das nicht, denn sie haben eines entdeckt: Freundschaft!

Ganz schön pfiffig, dieses Bilderbuch von Morad Hood rund um zwei Gemüsesorten, die auf der Hitliste von Kindern (und Erwachsenen) nicht gerade an erster Stelle stehen. Doch schnell entdecken Klein und Groß, dass Erbsen und Karotten nicht nur gesund sind. Im Gegenteil: Putzmunter erkunden sie die Welt, lässt man sie erst mal von der Leine. Und das tut die Illustratorin, die gekonnt mit reduzierten Farben und Formen spielt. Und grandios mit dem Minenspiel ihrer Helden: Punktaugen und Strichmünder spiegeln alle denkbaren Emotionen zwischen Ängstlichkeit und Mut, Alleinsein und Gemeinschaft, Anderssein und Toleranz.

Ein kluges Debüt, fein und nuanciert. Da capo!

Heike Brillmann-Ede

Morag Hood: Lilli und Lotte — Erbse und Karotte, Übersetzung: Anke Katz, Thienemann, 2017, 32 Seiten, ab 4 (und jedes Alter!), 11,99 Euro

 

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Gefühl Nummer Drei

zangeIn Plüschgewittern ließen sich nicht mehr ganz junge Menschen Anfang der 90er Jahre noch treiben. So nannte Wolfgang Herrndorff sein Romandebüt, das gleichzeitig diese freudig entspannte Stimmung im Berlin wenige Jahre nach dem Mauerfall beschrieb, mit Parties in halb zerfallenen Häusern, Leben in billigen Altbauwohnungen, alles wunderbar unhip und weit entfernt von Gentrifizierung, Start-ups und Selbstverwirklichungswahn.

25 Jahre später bewegt man sich in wesentlich widrigeren Elementen: Realitätsgewitter machen die Endzwanziger in Julia Zanges Roman zu Getriebenen. Diese Realitäten sind überwiegend virtuelle, die aber für die Protagonisten der Gegenwart die einzig realen und der tatsächliche Lebensraum zu sein scheinen. Mit dem Smartphone verwachsen fühlen sie sich nur unter dem Dauerbombardement von Nachrichten und Tweets lebendig. Ohne zig Friends und Followern auf Facebook und Twitter existiert man nicht, ein permanenter Zwang mehr zu scheinen als zu sein. Julia Zanges Heldin aber kann sich nicht länger erfolgreich mit permanenten Parties, pseudophilosophischem Geplauder, oberflächlichen Beziehungen und tristem Sex betäuben und über das Gefühl der hohlen Sinnlosigkeit hinwegtäuschen. „In den letzten Monaten ist etwas passiert. Etwas ist verschwunden und etwas anderes ist aufgetaucht“, stellt Marla auf den ersten Seiten fest. „Das ganz große Versprechen, das immer in mir schlummerte, etwas, das auf Erlösung hoffte, ein Wunder, ein unsinniger und irrsinniger Antrieb, eine naive Hoffnung, eine Frage – das gibt es nicht mehr. Es wurde ersetzt durch eine blanke, tiefe Traurigkeit, ein seltsames Wohlgefühl und eine Art Langeweile.“

So auf den Punkt beschreibt Julia Zange das Gefühl der Ernüchterung und Enttäuschung, das viele auf dem Weg zum Erwachsenwerden empfinden. „Denn auch wenn bei Gefühl 1 der Boden immerzu schwankte, gab es eine Intensität der Dinge, einen Zauber. Gefühl 2 brachte die Gewissheit, dass sich das Versprechen niemals einlösen wird, dass es keine andere Welt gibt als diese eine.“

Vermeintlich verliebt in einen neurotisch unverbindlichen Amerikaner und Kokskopf mit Hygienefimmel, angeödet vom Praktikum bei einem hippen Modemagazin, von Papa aus emotionaler Erpressung der Geldhahn zugedreht und komplett ideenlos versucht Marla der Leere ihres Lebens zu entkommen. Dazu reist sie zurück ins wohlstandsverwahrloste Elternhaus in die nordrhein-westfälischen Provinz und nach Sylt, um schließlich doch wieder nach Berlin und schließlich auch zu sich selbst zurückzufinden.

Mit sehr viel, gänzlich unkitschigem Lokalkolorit und schlaglichtartig aufblitzenden, politischen Ereignissen des Jahres 2015 (Flüchtlinge, Merkels „wir schaffen das“, Attentat in Nizza) haut die knapp 30-jährige Julia Zange eine höchst moderne Coming-of-Age-Geschichte raus. Weil das alles sehr klug beobachtet ist, darf es gelegentlich etwas altklug klingen, Marla nennt es „kitschigen Facebook-Eintrag“, Altklugheit ist schließlich ein Privileg der Jugend. „Wir haben eine Entscheidungsfreiheit, jede Sekunde. Aber das Seltsamste, was jetzt passiert, ist, dass auf einmal Gefühl 3 auftaucht“, erkennt Marla. „Und das hat etwas mit den anderen Menschen zu tun. Vielleicht kann man erst mit jemandem befreundet sein, wenn man den Falter von seinem Herzen entfernt hat.“

Junge Frauen auf der Suche nach sich und dem Sinn des Lebens in Berlin – das ist als Thema nicht neu. Noch nie hat man es aber so gegenwärtig und nicht zuletzt so elegant formuliert gelesen wie in Realitätsgewitter.

Elke von Berkholz

Julia Zange: Realitätsgewitter, Aufbau Verlag 2016, 157 Seiten, junge Erwachsene, 17,95 Euro

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