Kleiner großer Held

kleinVergangene Woche geschah etwas doch Außergewöhnliches. Da postetet Klett Kinderbuch auf Facebook einen Hilferuf. Das Bilderbuch Klein der Schwedin Stina Wirsén war im Monat Mai gerade einmal sieben Mal bestellt worden – ein Debakel für ein Buch, über das ein Verlag nicht gerne spricht. Umso schöner, dass Klett es gewagt hat und im Netz um Unterstützung gebeten hat. Denn Klein ist eine Perle, die wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient hat.

Ich gebe zu, ich habe Klein vor dem Post auch nicht bemerkt, bei etwa 8000 Neuerscheinungen pro Jahr im Kinder- und Jugendbuchbereich ist das aber auch nicht wirklich verwunderlich. Jetzt könnte man sagen: Da hat das Marketing wohl versagt. Oder die Presseabteilung. Oder die Verlagsvertreter. Nun, das kommt vor. Sind sie doch auch alle nur Menschen, die bei so einem unbequemen Thema wie häusliche Gewalt in der Familie gern den Kopf einziehen und die Segel streichen. Solche Bücher gelten dann schnell als nicht vermittelbar, vor allem nicht an die Käufer von Bilderbüchern, die Erwachsenen.
Es ist wie mit Zeitschriften, die über Drogenmissbrauch berichten und aufklären und helfen wollen, die dann aber am Kiosk wie Blei liegen, weil sich kein Käufer outen möchte, ein Problem mit so was zu haben.
Die wirklich Betroffenen, die den Weg zur Einsicht noch nicht gefunden haben, werden weder so eine Zeitschrift, noch so ein Bilderbuch kaufen. Obwohl es so wichtig wäre. Das ist ein echtes Dilemma.

Und so ein Dilemma hat ein Buch wie Klein nicht verdient. Klein ist ein Wusel und lebt mit Groß und Stark zusammen. Klein geht in die Kita und freut sich, wenn zu Hause alles friedlich ist. Aber das ist es nicht immer, dann streiten Groß und Stark, schreien Klein an, schreien sich gegenseitig an, Groß zieht aus, Stark will sich nicht trösten lassen. Niemand kümmert sich mehr um Klein. Aber Klein ist mutig und weiß, dass Klein sich selbst retten muss.
Klein flüchtet nach nebenan zu Jemand. Und am nächsten Tag erzählt Klein alles seiner Kita-Betreuerin, Frau Traulich. Hier findet Klein Hilfe und Verständnis. Denn kein Großer oder Starker darf Kleinen Angst machen oder sie schlagen.

Eigentlich eine selbstverständliche Botschaft. Doch wenn man sich Zahlen und Statistiken anschaut, merkt man ganz rasch, dass hier nichts selbstverständlich ist. Die UNO schätzt, dass „30 bis 60 Prozent der Kinder, die im Kontext der Gewalt in der elterlichen Paarbeziehung aufwachsen, selbst unter Gewalt leiden“. Die Öffentlichkeit bekommt das meist erst mit, wenn wieder ein Kind getötet wurde und sich die Medien über den Fall hermachen. Das ist zu spät. Schon wenn ein Kind geschlagen wird, ist es zu spät.
Und hier sind alle gefragt, darauf zu achten, dass es gar nicht erst so weit kommt. Nie. Egal wie gestresst Eltern sind oder wie zerstritten. Hier dürfen weder die entfernteren Verwandten, noch die Freunde, noch die Nachbarn, noch Erzieher und Lehrer die Verantwortung abgeben – und genau diese großen Menschen können und sollten ein Buch wie Klein kaufen und es betroffenen Kindern als Angebot, Ermunterung und Ermutigung, Unterstützung und Vorbild vermachen. Und mit den Kindern darüber und die eigene Situation sprechen.

Wunderbar finde ich bei Klein zusätzlich noch, dass die Figuren Groß und Stark geschlechtslos gezeigt werden. Man weiß nicht, wer hier Mutter oder Vater ist, man kann hier auch ein gleichgeschlechtliches Elternpaar erkennen, wo eben wie in allen Familien auch mal die Fetzen fliegen.
Dieses Buch ist offen für alle Konstellationen und das ist ganz fein, so schlimm das Thema auch ist.

Mittelpunkt ist und bleibt aber auf jeden Fall Klein, der oder die geschlechtlich auch nicht festgelegt ist, seine/ihre Traurigkeit und sein/ihr lebensrettender Mut, sich anderen anzuvertrauen. Diesen Mut gilt es allen kleinen Menschen zu vermitteln. Und ihnen klar zu machen, dass die Eltern zwar streiten können, sie aber dennoch nicht allein sind.

Stina Wirsén: Klein, Übersetzung: Susanne Dahmann, Klett Kinderbuch, 2016, 40 Seiten, ab 3, 9,95 Euro

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Die Spirale des Lebens

bondouxEs war ein mal ein Buch … das gibt mir Rätsel auf. Und fasziniert mich doch ganz ungemein. So jüngst geschehen nach der Lektüre von Anne-Laure Bondouxs neuem Roman Von Schatten und Licht, in der sehr gelungenen Übersetzung von Maja von Vogel.

Bondoux erzählt die Geschichte von dem Mädchen Hama und dem Jungen Bo. Beide arbeiten in einer riesigen Fabrik in einem nichtgenannten Land in einer unbestimmten, aber fast gegenwärtigen Zeit. Hama und Bo sehen sich immer beim Schichtwechsel und verlieben sich. Sie verbringen die wenige Zeit, die sie gleichzeitig frei haben, zusammen. Doch etwas Düsteres liegt über der Fabrik, ein alter weiser Mann macht dunkle Vorhersagen, bis eines Tages die Fabrik in die Luft fliegt. Hama wird schwer verletzt, Bo entkommt der Katastrophe durch einen Zufall.

Doch nun schlägt Bo der Hass der Bevölkerung entgegen, glauben doch plötzlich alle, dass er für das Unglück verantwortlich ist. Hama und Bo verlassen die Stadt, ziehen in die Einöde. Dort gebiert Hama eine Tochter, Tsell, die die Gabe besitzt, ihre Schatten in die Silhouetten von allen möglichen Tieren zu verwandeln.

So wie Tsells Schatten sich beständig verändert, so verändert sich auch die Geschichte von Seite zu Seite, Kapitel zu Kapitel. Bondoux wechselt in den Kapiteln die Perspektive, anfangs lässt sie ein unbekanntes „Wir“ erzählen, später wird Tsell zur Erzählerin. Das mag ein wenig verwirren, entwickelt aber gleichzeitig einen Sog, der einen das Buch nicht mehr weglegen lässt. Denn in allem verhandelt Bondoux nichts weniger als die menschliche Existenz in ihren Facetten und Widersprüchlichkeiten. Liebe und Hass prallen aufeinander, die Freude weicht der Angst, die Sicherheit der Unsicherheit. Aus dem Aufbruch wird ein Rückzug, die Helden erleben eine Zeit des Friedens, bis der Krieg auch sie auf ihrer paradiesischen Landzunge einholt und das Glück der Familie zerbricht. Und wieder ein Aufbruch erfolgt, der zu einer Rückkehr wird.

„Wer ständig glücklich sein will, muss sich oft verändern“, hat angeblich Konfuzius gesagt. So ähnlich vollzieht es sich in dieser Geschichte, in der nichts dauerhaft ist, und schließlich die nächste Generation, in diesem Fall Tsell und ihr Freund Vigg, den Weg wieder zurückgehen und sich auf die Suche nach den familiären Wurzeln machen. Die Geschichte mäandert und kreist, bis sich Anfang und Ende fast wieder berühren. Über allem liegt die unbeantwortete Frage: „Glaubst du, man muss immer einen Teil von sich verlieren, damit das Leben weitergeht?“

In unserer unruhigen Zeit ist dieser rätselhafte, märchengleiche Roman eine wahre Herausforderung. Und das meine ich im positiven Sinne. Denn es erschließt sich nicht sofort, was Bondoux eigentlich sagen will. Viele Szenen sind mysteriös – so treffen Bo und Hama auf eine zwergenhafte Familie, die in einem Berglabyrinth lebt –, aber genau dies bietet jedem Leser eine riesige Spielfläche für Assoziationen und eigene Interpretationen. Jeder kann in diesem Roman ein Stück des eigenen Lebens finden. Pubertierende werden sich mit den wechselnden Schatten von Tsell, die einfach noch nicht weiß, was sie eigentlich sein will, möglicherweise identifizieren können.
Man findet die Kritik an der Gesellschaft, die möglichst schnell Sündenböcke für irgendetwas braucht. Man erlebt die Sehnsucht nach dem Paradies, das jedoch schon längst verloren ist, wenn man sich doch nur mal ein paar Schritte davon entfernt und seinen Horizont erweitert. Man erfährt, wie wichtig es ist, die eigenen Wurzeln zu kennen.

Je mehr ich über Bondoux Werk nachdenke, je mehr könnte ich solcher Erkenntnisse hier niederschreiben. Doch das ist nicht der Sinn der Sache hier. Denn jeder Leser muss seine eigenen Schlüsse aus dieser merkwürdig schönen und gleichzeitig dramatisch und zutiefst menschlichen Universalgeschichte ziehen. Man wird viel und lange über Bondouxs Roman diskutieren können und sich doch, so wie es bei Märchen nun mal üblich ist, dennoch getröstet und verstanden fühlen. Eine große Geschichte mit langem Nachhall.

Anne-Laure Bondoux: Von Schatten und Licht, Übersetzung: Maja von Vogel, Carlsen Verlag, 2016, 252 Seiten, ab 14, 17,99 Euro

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Das Leben in Bildern

babySo unterschiedlich Bilderbücher auch sind, manchmal kann man sie in einen Zusammenhang stellen. Bei diesen vier tut sich beispielsweise die ganze Bandbreite unseres Lebens auf.

Auftakt liefert das Buch von Anna Herzog, Ein Baby in Mamas Bauch, das klassisch-knuffig von Joelle Tourlonias illustriert ist. Die Zwillinge Mia und Oskar bekommen ein Geschwister. Diese umwerfende Neuigkeit nutzen die beiden Kindergartenkinder, um jede Menge Fragen zu stellen, wie das mit Babys und ihrer Herstellung eigentlich so ist. Auch so „eklige“(O-Ton Mia) Sachen wie knutschen und „sexen“ kommen ganz offen zur Sprache, dazu die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen, was es mit den Hormonen auf sich hat, ob eine Gebärmutter platzen kann und wie das Baby schließlich auf die Welt kommt.
Die fiktive Geschichte wird durch Kästen mit Sach-Information bereichert, in denen anatomische Details, Entwicklung des Babys oder die Entstehung von Zwillingen erklärt werden. Die Erläuterungen sind so dicht an der Lebenswelt von Kindern, dass diese wie selbstverständlich an so geheimnisvolle Vorgänge wie Zeugung, Schwangerschaft und Geburt herangeführt werden. Mit so einem liebevollen und schön anzusehenden Aufklärungsbuch wird die Ankunft des neues Familienmitglieds für alle ein Fest.

bus

Dass das Leben dann später nicht immer rund läuft, davon berichten Stefanie Harjes und Marjaleena Lembcke in Der Bus mit den eckigen Rädern.

Ein Konstruktionsfehler in der Fabrik führt dazu, dass der neue Bus eckige Räder hat. Damit kann er natürlich nicht im Linienverkehr eingesetzt werden. Traurig macht sich der Bus auf den Weg – und sammelt mit der Zeit doch Menschen ein, die sich auf seinen bequemen Sitzen niederlassen: eine alte Dame, die wehmütig auf ihr Leben zurückblickt, ein alter Mann, der überprüfen möchte, ob das Rote Meer wirklich rot ist, ein Junge, der in Alaska Lachse angeln will, ein Mädchen auf dem Weg zum Tanz, ein streitendes Ehepaar, ein Priester, der keine Gemeinde mehr hat. Im Bus werden sie für eine kurze Zeit zu Schicksalsgenossen, die ihrem Ziel immer näher kommen.

Stefanie Harjes illustriert die Lebensreise im holprigen Bus mit Collagen, in denen Bleistiftzeichnungen auf Fotos, Kartenmaterial, Wortschnipsel, Stempelabdrücke und bunte Farben zusammentreffen. Ziegen haben Kinderköpfe, Schnecken schlafen auf Baumstümpfen, die Tasche der alten Frau ist größer als sie selbst. Vieles ist rätselhaft, wie das Leben eben so ist, und dadurch sehr faszinierend. Jeder Betrachter wird eigene Assoziationen und Verbindungen haben, in die Bilder eigene Geschichten hineindenken.

unfall

Einen traurigen Teil im Leben schildert das psychologische Bilderbuch Papas Unfall vom Atelier artig. Zunächst lernt man eine ganz normale vierköpfige Familie kennen, die immer etwas Neues unternimmt, schwimmen geht, Rad oder Schlitten fährt. Alles ändert sich, als Papa eines Tages mit dem Motorrad verunglückt und danach nicht mehr laufen kann. Er liegt lange im Krankenhaus, ist traurig und kann nicht richtig sprechen. Mama organisiert das Leben neu, sucht sich einen neuen Job, kümmert sich um Papa, schafft ein Krankenbett ins Wohnzimmer. Die Schwestern sind jetzt zwar mehr mit Oma zusammen, doch sie merken genau, wie traurig alles ist.

Wut und Trauer herrschen in dieser Geschichte zwar vor, aber die Kinder begreifen, dass es Gründe dafür gibt. Für Familien, die Ähnliches erlebt haben, bietet dieses Bilderbuch Identifikation und Hoffnung, denn mit der Zeit gewöhnen sich alle an dieses neue Leben, das zwar anders ist, aber dennoch Alternativen und schließlich auch schöne Momente bieten kann.

bär

Von solchen Momenten, schönen wie schlimmen, könnte man dann Geschichten erzählen. So wie der Bär. Doch der hat sich leider den falschen Zeitpunkt zum Erzählen ausgesucht, denn so kurz vor dem Winter haben Maus, Ente, Frosch und Maulwurf Wichtigeres zu tun, als Bär zuzuhören. Und so fallen die ersten Schneeflocken und Bär legt sich schlafen.
Im Frühling versammeln sich dann die Freunde alle wieder um Bär und haben endlich Zeit, die Geschichte zu hören …

Erin Stead hat die Geschichte Als Bär erzählen wollte von Philip Stead mit duftigen Aquarellen und zarten Bleistiftstrichen illustriert und dabei ganz viel Weißraum gelassen, so dass eine poetische Leichtigkeit die Szenerie bestimmt. Der Zusammenhalt der Freunde und ihre Aufmunterung von Bär am Ende zeigen, dass Freundschaft auch dann hält, wenn man einmal keine Zeit für den anderen hat oder sich lange nicht sieht. Die entzückende Abschlusspointe kann ich hier natürlich nicht verraten …

Ein abschließende Bitte hätte ich an die Illustratoren da draußen: Hier kommen in drei von vier Büchern alte Damen und Großmütter vor. Die Darstellung mit Kopftuch, Dutt und Puschen mag ja ganz heimelig und liebenswert sein, aber ich kenne heute keine Großmütter mehr, die so antiquiert herumlaufen. Es ist an der Zeit mal ein neues Großmutterbild zu entwickeln, würde ich sagen …

Anna Herzog: Ein Baby im Mamas Bauch, Illustration: Joelle Tourlonias, Sauerländer, 2015, 40 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

Marjaleena Lembcke: Der Bus mit den eckigen Rädern, Illustration: Stefanie Harjes,
Ravensburger, 2015, 32 S.  ab 6, 15,99 Euro

Achim Kirsch: Papas Unfall, Balance Buch + medien, 2015, 40 Seiten, ab 4, 14,95 Euro

Philip Stead: Als Bär erzählen wollte, Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn,   Illustration: Erin A. Stead, Sauerländer, 2015, 32 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

 

 

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Wer hat an der Uhr gedreht …

antonEin Leben ohne Uhr – wäre eigentlich überaus erstrebenswert, aber leider nicht sehr hilfreich. Das weiß man als Erwachsener, nur zu gut. Für Kinder ist die Zeit bis zu einem gewissen Alter ein Mysterium, zwischen Unendlichkeit und rum in null Komma nix. Davon erzählt das schnuckelige Buch Anton hat Zeit von Meike Haberstock.

Anton versteht sich normalerweise ziemlich gut mit seiner Mama. Nur an manchen Tagen läuft alles schief, wenn er wieder einmal etwas sehr gründlich gemacht hat, weil Mama das so wollte. Aber dann hat Mama auf einmal keine Zeit mehr und die beiden müssen die Treppen hinunterrennen, um pünktlich zu sein.
Dann fühlt sich Anton schrecklich, hat einen blöden Kugelfisch im Bauch und versteht die Welt nicht mehr. Mama kann zwar erstaunlich viele Dinge gleichzeitig machen und fragt sich doch ständig, wo die Zeit nur geblieben ist.
Aber Anton erkennt auch, dass nicht nur Mama ein Problem mit der Zeit hat, sondern scheinbar alle Erwachsenen, der Schulbusfahrer, die Betreuerin aus dem Hort, die schreckliche Mutter von Antons Freundin Marie. Nicht mal für ein Spontanbegräbnis eines Eichhörnchens bleibt ausreichend Zeit. Das ist alles überaus merkwürdig.
Hilfe liefert schließlich Antons Opa, der sich Zeit nimmt.

Liebevoll und voller Witz führt Meike Haberstock junge Leser an das Thema Zeit heran. Es geht nicht darum, die Uhr lesen zu lernen, sondern um das Bewusstsein, dass es so etwas wie Zeit gibt. Mit einem großen Augenzwinkern hält sie dabei den Erwachsenen den Spiegel vor, die aus welchen Gründen auch immer nie Zeit haben. Hier lernen folglich Groß und Klein etwas.
Damit bei der Lektüre keinem die Zeit zu lang wird, hat die Autorin die Geschichte gleich auch noch mit entzückenden Illustrationen und frechen Sprechblasen angereichert. Vor jedem Kapitel steht zudem, wie lange man für das Lesen brauchen wird, jedoch nicht in minütlichen Einheiten, sondern in Tätigkeiten, wie Rechenaufgaben lösen, Schokotorte in sich reinstopfen oder auf einen Apfelbaum klettern. Schon da fängt man an zu grübeln, warum man als Erwachsener alles in Stunden und Minuten abmessen und einteilen muss, anstatt der eigentlichen Tätigkeit den Zeitraum zu geben, den sie eben braucht. Könnte man mal drüber nachdenken …

Meike Haberstock: Anton hat Zeit – Aber keine Ahnung warum, Oetinger, 2015, 112 Seiten, ab 6, 12,99 Euro

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Pädagogische Abgründe

ludwigGibt es Kinderbücher, die keine Kinderbücher sind? Im Falle von Sabine Ludwigs neuem Roman Schwarze Häuser möchte ich fast sagen, ja. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Ludwig erzählt die Geschichte der 12-jährigen Uli, die für sechs Wochen in ein Kinderheim an die Nordsee geschickt wird, zur Erholung. Das Ganze ist Mitte der 1960er Jahre angesiedelt.
Uli kommt aus Berlin, dort wohnt sie bei ihrer Oma. Auf der Insel lernt sie die Mädchen Fritze, Freya und die kleine Anneliese kennen. Jede von ihnen hat Probleme: Fritze kommt aus einem Künstlerhaushalt und wird von den Mitschülern gemobbt, Anneliese lutscht mit acht Jahren noch am Daumen und scheint in ihrer Entwicklung etwas zurückgeblieben zu sein, Freya meint aus einer intakten Arztfamilie zu kommen, doch auch da liegt etwas im Argen. Uli selbst ist unehelich geboren, und erst vor kurzem hat die Mutter einen Mann geheiratet, der nicht Ulis Vater ist.

Doch anstatt sich von den häuslichen Dramen erholen zu können, erwartet die Kinder im Heim das strenge Regime von Schwester Hildegard und der Heimleiterin Frau Butt. Mädchen und Jungen werden getrennt und zwar nicht nur in Sachen Schlafsäle, sondern auch beim Essen und beim Spielen. Kontakt unerwünscht. Die Jungs werden durchweg „netter“ behandelt als die Mädchen: Sie bekommen Brötchen zum Frühstück, während die Mädchen mit Milchsuppe versorgt werden. Das Essen wird zu einem beherrschenden Moment für die Mädchen, denn es ist schlecht, sehr, sehr schlecht. Es ist zu wenig, eklig, alt, verschimmelt, mit Maden durchsetzt, einfach fürchterlich. Die vier Hauptfiguren leiden regelrecht Hunger. Wagen sie es, die Qualität des Essens anzumahnen, werden sie drakonisch bestraft: Fensterputzen, Essensentzug oder umgekehrt Zwangsessen mit schrecklich fetter Butterkremtorte – die ihnen natürlich auch nicht bekommt. Dazu ist es kalt, es zieht durch die Fenster, Kuscheltiere sind nicht erlaubt, die Post wird kontrolliert. Es ist ein elender Leidensweg, den Uli und ihre Zimmergenossinnen beschreiten müssen. Sie magern ab, werden krank und die Stimmung ist alles andere als rosig oder gar erholsam. Als Freya dann noch eine schlechte Nachricht von zu Hause bekommt, reißt sie aus. Ihre Freundinnen kommen ihr zu Hilfe, doch die Rettungsaktion endet im Watt …

Sabine Ludwig beschreibt die schwarze Pädagogik, die vor einem halben Jahrhundert hier an der Tagesordnung war, sehr präzise und mit all der psychologischen Perfidität, die den Kindern immer wieder das Gefühl vermittelte, sie wären selbst an ihrem Unglück Schuld. Es ist eine ergreifende Lektüre, auch in dem Sinne, dass man als Ältere das alles so verdammt gut nachvollziehen und mitleiden kann. Dabei habe ich noch Glück gehabt und so Schlimmes nicht selbst erlebt, höchsten die Ausläufer noch mitbekommen. Was mir aber schon gereicht hat.

Vielleicht hadere ich deshalb damit, dieses Buch als Kinderbuch zu bezeichnen. Keinem Kind wünscht man solche Erlebnisse. Nie. Und schon die Lektüre kommt mir fast zu grausam vor. Dann jedoch denke ich, vielleicht sollten sie es gerade deshalb auf jeden Fall lesen, auch um zu erfahren, dass es andere Zustände gab (obwohl sich in manchen Heimen heute noch Ähnliches, wenn nicht gar Schlimmeres abspielt …). Denn auch diese Art des Umgangs mit Kindern ist ein Teil unserer Vergangenheit. Daran zu erinnern, damit es nicht wieder passiert, ist wichtig. Daran zu erinnern, was Eltern und Großeltern in der Kindheit durchgemacht haben könnten, ist ebenso wichtig, kann es doch eine mögliche Ursache für ihr heutiges Verhalten sein. Das sollten Kinder durchaus wissen. Nur sollte man sie bei der Lektüre von Schwarze Häuser nicht allein lassen, sondern ihre Fragen, die mit Sicherheit kommen werden, in aller Offenheit beantworten und ihnen so den Grusel nehmen.

Sabine Ludwig: Schwarze Häuser, Dressler, 2014, 352 Seiten,  ab 10, 14,99 Euro

 

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[Jugendrezension] Zetas Weg

dreisongsZeta, die Hauptfigur in Lola Renns Roman Drei Songs später, ist 16 Jahre alt und auf den ersten Blick ein ganz normales Mädchen mit ganz normalen Problemen. Doch dieses Bild täuscht. Zu Hause hat sie viele Probleme. Ihr Vater trinkt, brüllt sie ständig an und hält sie für nicht zurechnungsfähig. Auch ihre Mutter ist keine große Hilfe, denn sie stimmt immer ihrem Vater zu, um Streit zu vermeiden. Zeta ist verzweifelt. Das Einzige was sie will, ist Tänzerin werden, doch auch dort funkt ihr der Vater dazwischen. Und dann gibt es da noch das Problem mit der Schule und den Noten …

Doch ganz alleine ist sie nicht. Ihre Freundin Sahra, Sahras Mutter und ihr Freund Micha versuchen, ihr aus dieser schwierigen Situation zu helfen.

Das Buch ist in einem sehr schönen, schnellen Tempo geschrieben. Es gibt viele kleine Kapitel und Absätze, die die Geschichte sehr bildhaft darstellen. Die Personen sind perfekt geschildert, vor allem der Vater. Schon wenn man anfängt zu lesen, kann man ihn nicht leiden. Die Hauptperson Zeta gefällt mir auch sehr gut, ihre Art nicht alles zu machen, was ihr durchgeknallter Vater von ihr will und dass sie sich traut zu widersprechen, wenn ihr etwas seltsam vorkommt. Auch Micha, der im Laufe der Geschichte ihr Freund wird, gefällt mir. Eigentlich gefallen mir alle Personen, weil sie, jede auf ihre eigene Art sehr besonders sind. Das einzige was ich nicht zu 100 Prozent super fand, aber zu 98 Prozent, ist das Ende. Es kommt ein wenig überraschend und ich hätte es mir dramatischer vorgestellt, aber trotzdem ist Drei Songs später von Lola Renn ein wunderbares Buch, das man nur weiterempfehlen kann. Es hat super großen Spaß gemacht es zu lesen!!!

Ein Buch, das mit wenigen Seiten eine ganze Geschichte erzählt!

Fine (15)

Lola Renn: Drei Songs später, bloomoon, 2013, 160 Seiten, 12,99 Euro

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Wenn zwei sich streiten, leidet das Kind

nunoTrennungen sind ätzend. Sei es im Guten, wie im Schlechten. Der kleine Nuno in Saskia Hulas Buch Nuno geteilt durch zwei kann ein Lied davon singen. Von nun an muss er jeden Samstag umziehen, von Mama zu Papa, eine Woche später wieder von Papa zu Mama. In den sieben Tagen soll er sich wohlfühlen, sagt sein Papa. Kein Wunder, dass Nuno beim ersten Mal all seine Sachen einpackt, inklusive Ski, Schlauchboot und Kater Vincent.

Doch trotz seiner ganzen Sachen, die er in seinem neuen, leeren Zimmer verteilt, ist die Woche bei Papa nur halb gut. Hier hat er noch kein richtiges Bett, Papa kümmert sich nicht so richtig darum, dass Nuno Hausaufgaben macht, er bringt ihn nicht zum Fußballtraining und hat überhaupt kein Werkzeug, um Bilder aufzuhängen oder die gerissene Saite von Nunos Gitarre zu reparieren.
Auch bei Mama ist die folgende Woche nicht so besonders: Nuno darf am Mittwoch nicht Fußball im Fernsehen schauen, obwohl seine Lieblingsmannschaft spielt, Mama kann ihm nicht den verstauchten Fuß verbinden, sondern macht ein Drama daraus und bringt Nuno ins Krankenhaus.
Schließlich bringt Papas alte Nachbarin, Aloisia zusammen mit ihrer Katze Anandani, Nuno auf andere Gedanken. Sie leiht ihm Hammer und Nägel, er macht ihr dafür die Katzenfutterdosen auf, die sie mit ihren alten Händen nicht mehr schafft, und hilft ihr, die Vorhänge abzunehmen. Die Freundschaft zwischen Jung und Alt bringt Farbe in Nunos Leben und ihm schließlich die Idee, wie der die guten Seiten von beiden Elternteilen in einer Woche unter einen Hut bringen kann.

Liebevoll und einfühlsam zeigt Saskia Hula, wie junge Kinder lernen können, mit der Trennung der Eltern umzugehen. Dass diese Situation für kein Kind schön ist,  bezweifelt sicher niemand, doch dass ein Kind mit ein bisschen Grips und Kreativität das Beste aus der Lage machen kann, findet man in Hulas Erzählung Nuno geteilt durch zwei. Denn was die Eltern sich ausdenken, wenn es um die „Aufteilung“ des Kindes und die „Übergabe“ geht, ist nicht immer optimal. Hula macht Trennungskindern Mut, darüber nachzudenken, welche positiven Seiten jedes Elternteil besitzt – und welche Schwächen. Mit ein bisschen Fantasie lassen sich all diese Facetten dann möglicherweise in ein zweigeteiltes Leben einfügen. So können sich zwar weiterhin zwei streiten, aber der dritte muss dann nicht ganz so viel leiden.

Ergänzt wird die Geschichte von Nuno durch Illustrationen von Eva Muszynski. Die sind so knuffig und treffend, dass man den Blondschopf Nuno sofort ins Herz schließt. Das Vorlesen wird so zu einem bunten Vergnügen, und Leseanfänger können immer wieder mal pausieren und die Bilder erkunden.

Saskia Hula: Nuno geteilt durch zwei, Illustration: Eva Muszynski,  mixtvision, 2013, 96 Seiten,  ab 7, 12,90 Euro

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