Am Meer gibt’s mehr

Trudel

Trudel Gedudel, das Huhn, wohnt auf dem Hühnerhof Das-Gelbe-vom-Ei. Es ist ein netter Hühnerhof, mit Hühnerhaus, Misthaufen, Hahn, anderen Hühnern und den beiden Puten Ete und Petete. Muss man mehr wissen, über das entzückende Bilderbuch Trudel Gedudel purzelt vom Zaun von Eva Muszynski und Karsten Teich?
Aber sicher doch! Denn Trudel ist nicht wie andere Hühner, die nur auf einem Haufen hocken und viel zu spät für den ersten Wurm aufstehen. Trudel geht ihrer eigenen Wege – bis zum Zaun. Und nicht weiter. Denn hinter dem Zaun wohnt der Fuchs, und vor dem hat Trudel Respekt.

An diesem Morgen sitzt jedoch die Möwe Gräten-Käthe auf dem Zaun und schwärmt vom Meer, von Kartoffelchips und Pommes, lauter Leckereien, die es in Das-Gelbe-vom-Ei nicht gibt. »Hinter dem Zaun, Sprudel, da wohnt die Freiheit! Da gibt es Abenteuer und Currywurst!“, erzählt Käthe. Mal ehrlich, wer kann da noch widerstehen, selbst wenn er in Das-Gelbe-vom-Ei wohnt?

Meerchenhaftes Abenteuer

Käthe jedenfalls fliegt wieder davon und fordert Trudel auf, sie mal besuchen zu kommen, beim alten Strandkorb. Und so beginnt für Trudel ein meerchenhaftes Abenteuer, in dem sie zwar dem Fuchs nicht begegnet, zum Glück, dafür aber Herrn Klabautermann und Siegfried & Roy aus Schiszwack. Und diese neuen Freunde entpuppen sich als wahre Bereicherung und werden mit Sicherheit Kumpane fürs Leben.

Auf den Punkt illustriert

Muszynski und Teich haben hier ein Freundes-Trio erschaffen, dass man sich auch fürs echte Leben wünscht: Sie liefern genügend Anregung, um aus dem eigenen Trott und der eigenen Umzäunung auszubrechen, aber auch ein bisschen Frechheit und Gegrummel, wenn es um die Verteidigung des eigenen Lebensbereichs geht, und stehen am Ende doch für einander ein und sorgen sich um den anderen.
Die reduzierten Zeichnungen der tierischen Helden stattet Illustrator Teich mit so passenden Accessoires aus, dass jedem gleich klar ist, wer hier die Hühner-Dame, die Frechmöwe und der grummelnde Ratten-Alte ist. Und so unterschiedlich die Drei auch sind, sie passen bestens zueinander.

Nordisch wortkarg, aber wortverspielt

Texterin Eva Muszynski schafft es dann mit kurzen, lakonischen Sätzen und einer unbändigen Wortspiellust, den nassforschen Humor der Waterkant zu transportieren, sodass Trudel auch des Öfteren mal »Nudel«, »Sprudel« oder »Pudel« genannt wird. Gräten-Käthe wird zu »Gräten-Käse«, und der Klabautermann zu »Klautermann«.
Wenn die Kinder, denen dieses Buch vorgelesen wird, am Ende der Geschichte nicht selbst anfangen zu reimen und zu wortspielen, haben sie wahrscheinlich nicht richtig zugehört oder sich von den Illus ablenken lassen. Doch eigentlichen kann man nach dem Ganzen Trudel Gedudel gar nicht anders als sich zum einen noch Meer-Abenteuer auszudenken, und zum anderen sich auf den Weg zu machen, jenseits des eigenen Umzäuns, jenseits vom eigenen Gelbe-vom-Ei sich die wahren Freunde fürs Leben zu suchen. Ganz im Sinne von Trudels Abschluss-Erkenntnis am Meer: »Es gib hier so viel mehr Wasser.«

Eva Muszynski: Trudel Gedudel purzelt vom Zaun, Illustration Karten Teich, cbj, 2019, 88 Seiten, ab 5, 12 Euro

Katzen-Phänomenologie

katzeCat-Content genießt im Netz ja eine große Beliebtheit. Vielleicht, weil wir bei den flauschigen Vierbeinern immer auch vermeintlich menschliches Verhalten entdecken und uns in ihnen und anderen Tieren spiegeln.

Einen etwas anders gearteten Spiegel hält uns nun der amerikanische Illustrator Brendan Wenzel mit seinem Bilderbuch Alle sehen eine Katze vor, das es gerade auf die Liste der Besten 7 geschafft hat. Darin stromert ein Stubentiger durch die Gegend und wird von den unterschiedlichsten Zeitgenossen gesehen: einem Kind, einem Hund, einem Fuchs, einem Stinktier, einem Vogel, einer Maus, einem Wurm. Soweit so anscheinend sehr unspektakulär, doch natürlich gibt es einen sehr augenöffnenden Kniff. Jeder Zeitgenosse sieht die Katze auf seine ganz spezielle Art, mal mit großen niedlichen Augen, mal als dürres Gebilde, mal mit bedrohlich Riesenglubschaugen, oder nur als Punkte infolge der Echolotung durch eine Fledermaus.

Phänomenologie und Erkenntnistheorie gehören bekanntlich zu den philosophischen Disziplinen, und manchen erscheinen sie unverständlich und hochtrabend. Dass das im Grundsatz nicht so schwierig sein muss, zeigt Wenzel nun in seinem Werk mit verblüffender Einfachheit. Der Wandel der Katze in jedem Bild macht auch den jüngsten Betrachtern ganz schnell klar, dass jedes Individuum auf unserem Planeten seine ganz eigene Sicht auf die Dinge hat.
Wenzel legt mit seinen farbenfrohen Tusche- und Aquarellbildern auf diese Art sehr spielerisch ein Samenkorn in Sachen Wahrheitsfindung. Denn: Welche Katze ist denn nun die richtige? Und was zeigt der Blick der Katze im Teich auf ihr eigenes Spiegelbild? Die Wahrheit?
So muss man sich auf philosophisch geprägte Diskussionen nach der Lektüre dieses Buches einstellen. Doch genau das ist für die aggressive Debattenkultur unserer Zeit im Netz und in den Medien und im realen Leben eine überaus wichtige Fähigkeit – denn nur, wenn einem klar ist, dass jeder von uns eine andere Sicht auf die Dinge hat, kann man zum einen Toleranz entwickeln, aber auch besser gegen einseitige, totalitäre Meinungen argumentieren.

Also lest mit euren Kindern so früh wie möglich dieses Buch und philosophiert. Es macht stark und hilft, sich in einer komplexen Welt sehr viel besser zurechtzufinden.

Brendan Wenzel: Alle sehen eine Katze, Übersetzung: Thomas Bodmer, NordSüd Verlag, 2018, 44 Seiten, ab 4, 15 Euro

Die Fragen der Mentalität

kriegFiktive Geschichten über den ersten Weltkrieg habe ich bereits hier, hier und hier vorgestellt. Sie lassen die Geschehnisse für junge Leser lebendig werden, können jedoch immer nur Teile einer komplizierten weltpolitischen Entwicklung anreißen.

Einen Versuch, in einem Sachbuch, die Zeitläufte um den ersten Weltkrieg verständlich zu machen, unternimmt Nikolaus Nützel in seinem Buch Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg. Ausgangspunkt ist für ihn das Schicksal seines Großvaters, der bereits am 24. August 1914 so schwer im Kampf verletzt wurde, dass ihm ein Bein amputiert werden musste. Für die Familie war dies später immer ein Freudentag, denn für den Großvater war der Krieg damit bereits vorbei.

Dass dies natürlich nicht für alle Soldaten galt, schildert Nützel dann im Folgenden ausführlich, gut verständlich und sehr weitsichtig. Er beschränkt sich nämlich nicht nur auf die Jahre 1914-1918, auf Schlachtendarstellungen, Grabenkämpfe und die Not der Zivilbevölkerung, sondern bindet die Ereignisse in die politischen Strömungen ein und zeigt immer wieder deren Einflüsse bis zum 2. Weltkrieg und bis in unsere Gegenwart auf. Vor allem jedoch macht er die Mentalität und die Denkweisen der Deutschen und ihrer europäischen Nachbarn vor hundert Jahren klar.
Fällt es uns heute schon schwer manche aktuelle Überzeugungen zu verstehen, so erscheint uns das Denken von vor hundert Jahren umso fremder und ferner. Nützel jedoch versteht es, genau dieses Denken zu erklären und einzuordnen.

Das, was im Geschichtsunterricht – zumindest so, wie ich ihn noch erlebt habe – ungeklärt und mysteriös blieb und bleibt, wird hier beantwortet. Allen voran die „Hä-Frage“ (großartig!), nämlich wieso der Mord an dem österreichischen Thronfolgerpaar in Sarajevo den ersten Weltkrieg auslösen konnte. Nützel bringt immer wieder sein persönliches Unbehagen und seine Schwierigkeiten mit ein, die Mentalität von damals zu verstehen. Damit begibt er sich auf eine sehr angenehm unprätentiöse Art auf die Augenhöhe der jungen Leser, die all die geschichtlichen Fakten, die Kriegs-Grausamkeiten und die unverständlichen Winkelzüge von Erwachsenen natürlich nicht sofort verstehen können. Und genau diese Erzählweise, die immer dicht an den Wünschen und Ängsten der Menschen bleibt, macht Nützels Buch auch für Erwachsene zu einer erhellenden Bereicherung.

Das Buch Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg ist mit jeder Menge Bildern, Karten, Original-Dokumenten sowie Glossar, Zeittafel und weiterführender Literatur ausgestattet – und wird damit zu einem überaus vielschichtigen und anregenden Geschichtsbuch, das Lust darauf macht, die Historie genauer zu betrachten.

Nikolaus Nützel: Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg. Was der Erste Weltkrieg mit uns zu tun hat. Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2014, Kategorie Sachbuch, arsEdition, 2014, 144 Seiten,  ab 12, 14,99 Euro