Kosmos für Kunst

MuseumSoeben hat Ulrike hier Bücher vorgestellt, die jungen Menschen nicht nur Kunst nahe bringen können, sondern auch selbst zu Stift und Pinsel greifen lassen  und – wer weiß – den einen oder anderen Künstler hervorbringen.
Was dann tatsächlich Kunst ist, darüber lässt sich vortrefflich streiten. Und wo kann man das besser als im Museum? Wo sich ganz viele Bilder, Objekte und Installationen befinden, die als Kunst gelten, weil sie sich in einem besonderen Gebäude befinden, auf dem fett Museum steht. Und wo ganz viele Menschen die Werke betrachten können.

Aber was ist ein Museum? Und: Wie kommt die Kunst ins Museum? Diese Fragen beantworten die Kuratoren und Kunsthistoriker Ondřej Chrobák, Rostislav Koryčánek und Martin Vaněk unter anderem in ihrem erstaunlichen, gleichnamigen Wimmelsachbuch.

Dies ist kein klassisches Kunstbuch mit Künstlerbiografien oder Darstellung von Epochen und Richtungen. Hier wird die Institution Museum als besonderer Kosmos mit vielen Beteiligten gefeiert. Und man spürt auf jeder der von David Böhm mit viel subtilem Witz illustrierten, teils auf Panoramabreite aufklappbaren Seiten die Begeisterung der Autoren für ihre Arbeit und Museen an sich. Dabei haben sich die tschechischen Kunstkenner nicht auf ein tatsächliches Gebäude kapriziert, sondern vom Architekten Svatoplik Sládecek einen puristischen Kubus, eine kühne Spielfläche für die Kunst, entwerfen lassen.

Ob man etwas über Kultur und Geschichte lernen möchte, endlich die Originale zu hundertfach gesehenen Reproduktionen sehen oder einfach nur vor dem Regen und Lärm flüchten möchte – gute Gründe für einen Museumsbesuch gibt es diverse. Mindestens ebenso vielfältig sind die Leute, die in einem Museum arbeiten und es am Laufen halten: Von der Kuratoren über die Öffentlichkeitsarbeit bis zum Restaurator und zur Raumpflegerin – ihre Aufgaben werden anschaulich und pointiert erklärt. Die Autoren zeigen, wie sie alle zusammen arbeiten und und jede und jeder wichtig ist, um eine Ausstellung auf die Beine zu stellen.

Denn es reicht noch lange nicht, dass ein Museum Kunstwerke sammelt und hortet, sei es durch Kauf, Schenkung, Leihgaben oder Nachlässe. Es geht vor allem darum, diese Werke lebendig zu präsentieren, sei es, indem man sie in einen klugen Kontext präsentiert oder sie in einem ungewöhnlichen Licht und neuen Blickwinkel ausstellt. Kunst entsteht im Auge des Betrachters: Für einige ist Kunst die täuschend echte Wiedergabe von Gesehenem und offensichtliche Kunstfertigkeit in der Pinselführung. Andere sind von in Formaldehyd eingelegten Tieren, riesigen Spinnenskulpturen oder kuriosen Kettenreaktionen fasziniert. Und hinter einem ungemachten, versifften Bett, wie es die englische Künstlerin Tracey Emin 1998 in eine Galerie stellte, kann sich eine dramatische und berührende Geschichte verbergen.

Museen sind vieles: bunt, streitbar, verstörend, unterhaltsam, spannend, erhellend – nur eins sind sie in den seltensten Fällen: langweilig.

Auf den letzten Seiten fordern die Autoren ihre Leser noch einmal heraus: In einem Glossar zeigen sie die Werke, die im Buch vorkommen. Bilder und Skulpturen aus allen Epochen, von einer Fruchtbarkeitsstatue über Meisterwerke wie Botticellis Venus, Caravaggios Rosenkranzmadonna oder van Goghs Sternennacht zu modernen Klassikern von David Hockney, Mark Rothko und Otto Dix bis zum Streetartkünstler Keith Haring und den witzigen Zeichner David Shrigley – alle bezaubernd und variationsreich wiedergegeben vom Illustrator David Böhm. Wo sich alle diese Kostbarkeiten befinden, das kann jeder Leser selbst herausfinden. Dabei spielt das Buch eine große Rolle: Es ist nämlich nicht nur ein raffiniertes Kunstwerk für sich, das spielerisch das schafft, was gute Kunst ausmacht: die Welt und in dem Fall insbesondere das Museum aus einem neuen Blickwinkel zu sehen.
Vor allem aber gelingt ihm eins: Es nimmt die Schwellenangst. Denn es gibt soviel zu sehen und zu entdecken.

Ondřej Chrobák/Rostislav Koryčánek/Martin Vaněk: Wie kommt die Kunst ins Museum, Illustrationen: David Böhm, Übersetzung: Lena Dorn, Karl Rauch Verlag 2017, 62 Seiten, ab 8, 20 Euro

Den Blick schärfen, die Kreativität fördern, Kunst machen

Gerade ist – wieder mal – ein Gemälde eines alten Meisters für eine Unsumme versteigert worden, obwohl die Urheberschaft anscheinend nicht eindeutig geklärt ist und sich da ein potenter Käufer vielleicht gar keinen echten Leonardo Da Vinci zugelegt hat. Kunst ist eben ein ziemlich macht- und geldgetriebenes Geschäft geworden. Was aber auch wieder zeigt, dass Kunst in unserem Leben einen (ge)wichtigen Stellenwert einnimmt. Was mich zu der Frage bringt: Wie führt man Kinder an die Kunst und ihre Vielfältigkeit heran?

Selbst malen ist wahrscheinlich der beste Weg, kleine Menschen mit Kunst vertraut zu machen. Neben der Fähigkeit einen Stift zu halten, gehört dann aber auch das genaue Hinsehen und Beobachten dazu. Denn wer aufmerksam hinschaut, bringt irgendwann auch Wiedererkennbares aufs Papier.
Ganz spielerisch geht die Berliner Illustratorin Marion Goedelt an diese Herausforderung ran. Sie verwandelt die eigentlich immer etwas spießig und unkreativ daherkommenden Zahlenbilder – bei den man also durchnummerierte Punkte zu einem Objekt verbinden muss – in ein aufregendes Entdeckungsabenteuer.

Angelehnt an da Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist …“ wiederholt sich auf jeder Doppelseite dieser Satz, ergänzt durch etwas, das herausgefunden werden soll, beispielsweise etwas Spaciges, Schleimiges, Gruseliges oder Gefährliches. Auf wunderschön aquarellierten oder mit Wachsmalfarben gestalteten Hintergrundbildern müssen die kleinen Künstler nun das Werk vervollständigen. Die schrägen Figuren, die bei den Zahlenbildern entstehen, sind nicht leicht vorherzusehen (auch für Erwachsene nicht). Was die Angelegenheit dann auch noch spannend macht.
Und hat man mit einem dünnen Bleistift (meine Nichte und ich haben uns erst gar nicht getraut, dicke Filzer zu nehmen) alle Punkte verbunden, geht der Spaß noch eine Runde weiter, denn nun müssen die Gesellen mit dicken Stiften und bunten Farben weiter zum Leben erweckt werden. Die Endergebnisse verwandeln dieses so schon charmante Malbuch dann in ein ganz feines, wertvolles Einzelstück.

Ist nach diesem ersten Malabenteuer dann der Schritt zum genauen Hingucken und angeleitetem Zeichnen vollzogen, stellt sich oft die Frage: Wie bekommt man die Figuren und Gegenstände auf den Bildern so hin, dass sie witzig, dynamisch und mehr oder minder realistisch aussehen?
Der Münchner Comic-Zeichner Ja Reiser hat dafür nun, seine Strich-und-Farben-Kolumne, die zwei Jahre lang in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, zu einem knallbunten Anleitungsbuch zusammengefasst.
In seinem comic-artigen Stil zeigt er zunächst einmal alles, was man zum Zeichnen benötigt, neben Papier, Stifte und Farben, eben auch Anspitzer und Radiergummi, sowie einen passenden Stuhl, damit man beim Zeichnen keine Rückenschmerzen bekommt. Immer wieder eingeflochten sind dann kurze Kapitel über Grundlagen des Zeichnens, also Erläuterungen zu Licht und Schatten oder der Perspektive.

Reisers Sammlung von Motiven – Tiere, Menschen und Fahrzeuge aller Art – liefert unzählige Vorschläge, was alles gezeichnet werden kann. Dabei macht er durch den Aufbau einer Seite klar, dass nicht einfach drauflos gekritzelt wird, sondern, dass man jedes Motiv zunächst einmal genau betrachten sollte und es dann in seine Formen zerlegt. Diese zeichnet man vor und fügt schließlich die Details hinzu. Um den typischen Ligné-claire-Stil der Comics hinzubekommen, werden die Umrisse dann mit Schwarz nachgezogen und erst ganz zum Schluss werden die Motive bunt koloriert. Das mag für angehende Comic-Zeichner vielleicht erstmal frustrierend sein, macht ihnen jedoch bereits von Anfang an klar, dass es eben kein Kinderspiel ist, einen richtig guten Comic zu zeichnen.

Wem der humoristische Comic-Stil dann doch nicht so liegt, sondern wer sich völlig frei auf dem Zeichenblatt bewegen will, der findet eine überaus großartig Anregung bei Marion Deuchars. In ihrem fast DIN-A-4-großen Wälzer Malen und zeichnen wie die großen Künstler stellt sie 18 Künstler_innen vor, von Joan Mirò, Salvador Dalí, Frida Kahlo oder Andy Warhol bis zum Japaner Hokusai.

In kurzen Texten erläutert sie den besonderen Stil des jeweiligen Künstlers und lädt dann sofort zum Nachmachen ein. So entstehen auf dickem, ungebürstenem Papier kubistisch inspirierte Stillleben, Collagen, Selbstportraits, Kalligramme, Menschen und Tiere, Kreise und Dreiecke, Selbstportraits und Tintenkleckszeichnungen.

Auch hier wird wieder genau hingeschaut, beispielsweise bei den mexikanischen Glyphen oder bei den Unterschieden von zornigen oder fröhlichen Bleistiftstrichen. Und bei all dem entfaltet sich vor den Augen der Betrachter_innen die ganze Vielfältigkeit der Kunst und ihre Sinnhaftigkeit. Dabei zeigt auch das Beispiel der australischen Aborigine Emiliy Kngwarreye, dass man für künstlerische Betätigung nie zu alt ist (sie begann mit 80 Jahren zu malen). Ihr Rückgriff auf die eigenen Traditionen und die eigene Lebenswelt beweisen anschaulich, dass auch ein einfacher Stock zu einem Kunstwerk werden kann.

Nach der Beschäftigung mit diesem Buch, das selbst ein Kunstwerk ist, schaut man seine eigene Umwelt definitiv mit anderen Augen an. Man entdeckt, was in Haus und Garten alles für die Erstellung von Kunstwerken genutzt werden kann. Beim Malen, Zeichnen, Kleben, Ausschneiden, Zusammensetzen, Kolorieren und Ausdenken entsteht so ein sinnliches Erlebnis, das weitaus mehr befriedigt, als so manch andere passive Freizeitbeschäftigung. Hier bekommen die Synapsen im Hirn richtig Futter – und vielleicht findet der oder die kleine Künstler_in ganz nebenbei ihren eigenen Stil und ihre eigene Leidenschaft.

Marion Goeddelt: Ich sehe was, was du nicht siehst. Zahlenbilder zum Verbinden, Aus- und Weitermalen, Tulipan, 2017, 40 Seiten, ab 6, 10 Euro

Jan Reiser: Strich und Farben – Die große Zeichenschule, 96 Seiten, ab 8, 14,99 Euro

Marion Deuchars: Malen und Zeichnen wie die großen Künstler, Übersetzung: Claudia Koch/Kathrin Lichtenberg, Midas, 2. Aufl. 2015, 240 Seiten, ab 10, 24,90 Euro

Girls, Ihr könnt alles werden!

FrauenSchon seit einiger Zeit tauchen die Good Night Stories for Rebel Girls der beiden amerikanischen Autorinnen Elena Favilli und Francesca Cavallo in den Timelines meiner sozialen Medien immer wieder auf. Jetzt hatte ich endlich Gelegenheit, dieses anregende Werk, in der Übersetzung von Birgitt Kollmann, selbst zu lesen.

Die Grunddaten sind schnell umrissen: Auf je einer Doppelseite werden 100 Frauen vorgestellt. Links der Text, rechts das Portrait der jeweiligen Frau. Es sind Frauen aus aller Welt und aus allen Zeiten, die „älteste“ ist die Pharaonin Hatschepsut, die im 15. Jahrhundert vor Christus gelebt hat, die jüngste ist die Grundschülerin Coy Mathis, geboren 2007, die als Transgenderkind bekannt wurde. Manche der Frauen sind weltberühmt, wie Modemacherin Coco Chanel, Anwältin Michelle Obama oder Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. Andere wie Paläontologin Mary Anning, Motocrossfahrerin Ashley Fiolek, Turnerin Simone Biles oder Rapperin Sonita Alizadeh sind vermutlich nur eingeweihten Menschen dieser besonderen Disziplinen bekannt. Doch genau darin liegt die Faszination dieser Sammlung: Als Erwachsene freut man sich über den Wechsel zwischen bekannten und unbekannten Biografien, entdeckt unbekannte Heldinnen und neue, ganz junge Vorbilder.
Junge Leserinnen dürften sich mit den jungen Frauen wahrscheinlich leichter identifizieren, als mit lange verstorbenen Schriftstellerinnen oder Wissenschaftlerinnen. Doch jenseits von Identifikation finden sie hier Vorbilder aus allen Bereichen des Lebens wie unter anderem Informatik, Astrophysik oder Boxen, die eben nicht nur den Männern vorbehalten sind.

Diese Rebel Girls machen mehr als deutlich, dass Mädchen gerade heute alles werden können, was sie nur wollen, wenn sie es denn wirklich wollen. Denn es wird nicht immer einfach werden, und es werden immer wieder Hindernisse auftauchen, die überwunden werden müssen, doch die Rebellinnen, Widerstandskämpferinnen und Piratinnen in diesem Buch zeigen eindrücklich, dass frau es mit Beharrlichkeit und Mut weit bringen kann.
Dafür darf man sich – und das ist wirklich der einzige Wermutstropfen in diesem Buch – vom Stil der Texte nicht abschrecken lassen. Viele beginnen nämlich mit „Es war einmal …“ und verweisen so auf eine märchenhafte Geschichte. Märchen jedoch, das wissen wir, sind nicht real und werden nur selten wahr. Dabei sind genau hier, all die Träume und Wünsche der Mädchen und Frauen wahr geworden, und zwar ohne die Hilfe eines Zaubertranks oder eines Prinzen, sondern einzig durch die ungebändigte Kraft dieser Frauen selbst.

Dennoch bringen diese kurzen Text die wichtigsten Meilensteine und Überzeugungen der Frauen auf den Punkt, ohne mit Einzeldaten oder weitschweifigen Erklärungen zu langweilen. Wer dann sein persönliches Lieblingsvorbild findet und neugierig geworden ist, wird sicherlich an anderer Stelle weiterlesen und für sich dann die Wege finden, die zum eigenen Rebellinnen-Ziel führt.

Die Portraits der vorgestellten Frauen runden das Buch dann endgültig zu einem Gesamtkunstwerk ab: 60 Illustratorinnen aus aller Welt zeigen den jungen Leserinnen, dass auch grafische Kunst genauso vielfältig sein kann wie die Lebensentwürfe der außergewöhnlichen Frauen.

Die Good Night Stories for Rebel Girls sollten eigentlich jedem Mädchen mit auf den Weg gegeben, und zwar nicht erst ab zwölf, wenn die Girls schon fast zu alt für Gute-Nacht-Geschichten sind. Wenn sich das Potential dieses Buches ganz entfaltet, können wir alle uns auf eine Welt voller kreativer, anpackender, gerechtigkeitsliebender, mutiger, Welten entdeckender Rebellinnen freuen! Die dann vielleicht nicht mehr außergewöhnlich sind, sondern normaler Standard.

Elena Favilli/Francesca Cavallo: Good Night Stories for Rebel Girls. 100 außergewöhnliche Frauen, Übersetzung: Birgitt Kollmann, Hanser Verlag, 2017, 224 Seiten, ab 12, 24 Euro

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Süße Medizin

Erster Eindruck: Ein hübsches Buch, gewichtig, mit rotem Leinenrücken und pinkem Lesebändchen, auf dem Einband sind sechs kleine, bunte Kinderhelden abgebildet: Sandmännchen, die kleine Raupe Nimmersatt, Tigerente, Paddington Bär, der kleine Prinz und der bunte Elefant Elmar. Sehr interessanter Titel: Die Romantherapie für Kinder nennen die Literaturwissenschaftlerinnen Ella Berthoud und Susan Elderkin ihr Kompendium, ein Ableger ihrer Romantherapie für Erwachsene. Kurz die Sorge, dass in diesem Buch vielleicht wirklich der richtige Roman für jede Malaise steht und Blogs wie LETTERATUREN überflüssig werden.

Das passiert natürlich nicht und ist von den Autorinnen auch nicht beabsichtigt: Berthoud und Elderkin haben nach dem Studium in Cambridge mein privates (Über-)Lebenselexier zur Geschäftsidee gemacht und bieten seit 2008 an der Londoner School of Life Bibliotherapie-Sitzungen an. Daraus entstand 2013 die Romantherapie und jetzt eben, unter Mithilfe der Programmdirektorin der lit.Cologne, Traudl Bünger, das Kompendium für Jüngere.

Die Idee eines umfassenden Ratgebers und einer soliden Hausapotheke gegen die unterschiedlichsten Probleme, Sorgen, Konflikte, Lebenslagen und Leiden ist bestechend und konsequent umgesetzt. Unter Stichworten von A wie Abenteuerlust, Akne oder Apokalypse; Angst haben vor ihr bis Z wie Zimmer teilen müssen, Zündeln und Zweiter Weltkrieg findet man jeweils mindestens zwei Bücher, die einem helfen, weil hier jemand mit denselben Widrigkeiten kämpft und eine Lösung findet. Diese Medizin für das jeweilige Problem ist zwar sperrig, manchmal bitter und überhaupt nicht zu schlucken. Die dazugehörigen Nebenwirkungen sind aber auf jeden Fall erwünscht: Anregung der Phantasie, erweiterter Horizont, gestärktes Selbstbewusstsein sowie Training der Lesefertigkeiten, Vergnügen und Glücksgefühle.

Dazwischen eingestreut sind 74 (falls ich mich nicht verzählt habe) Bestenlisten mit jeweils den zehn besten Büchern für zum Beispiel „heikle Esser“, über Werwölfe oder Vampire, zum Thema Selbstmord oder „um der eigenen Sexualität auf den Grund zu kommen“. Ersteren wird originellerweise mit Enid Blytons Fünf Freunden Appetit gemacht während kluge Gedanken zu Sex und Gender in Cornelia Funkes Die wilden Hühner und die Liebe, Andreas Steinhöfels Mitte der Welt oder neueren Romanen wie George von Alex Gino und Zusammen werden wir leuchten von Lisa Willamson zu finden sind.

Hier zeigt sich aber auch ein Schwachpunkt der Romantherapie: Ob Klassiker oder Neuerscheinung, es werden fast nur Bücher von deutschen und anglo-amerikanischen Autorinnen und Autoren empfohlen sowie natürlich die üblichen Verdächtigen aus Skandinavien wie Astrid Lindgren oder Mumins-Schöpferin Tove Jansson. Da ist wenig wirklich Überraschendes dabei, man könnte es einen soliden Kanon nennen, bei dem manchmal ein moderner Klassiker in einen ungewöhnlichen, eigentlich merkwürdigen Kontext gestellt wird: So ist John Boynes Der Junge im gestreiften Pyjama unter dem Stichwort „Sinn, nach einem suchen“ einsortiert.

Dagegen fehlt fatalerweise unter E wie „Essstörung“ Mirjam Pressler brillantes Buch Bitterschokolade von 1980, das mich als Jugendliche noch lange beschäftigt hat.
Und zumindest auf die Liste der zehn besten Bücher über Hunde wenn schon nicht auf die, „die in einem Trauerfall helfen“ hätte das herzzerreißende koreanische Bilderbuch Abschied von Aika gehört.

Man findet kaum etwas wirklich bisher Unbekanntes und Neues, ein bisschen gemein gesagt vertraut die Romantherapie auf altbewährte Hausmittel.

Die Darreichungsform ist umso süßer und patientenfreundlicher: In der hübsch aufgemachten Verpackung stecken liebevoll geschriebene Buchbeschreibungen und Empfehlungen, durch die sich aufs Schönste in eigenen Leseerinnerungen und –erlebnissen schwelgen lässt. Allein die bloße Erwähnung des einen oder anderen Romantitels katapultiert Leser in die Kindheit und Jugend zurück und lässt lange Vergessenes neu erleben. Das funktioniert fast so intensiv wie Gerüche, die ja im ältesten Teil der Erinnerungen abgespeichert sind und zu ganz verwegenen Sinneseindrücken führen können. Das macht die Romantherapie auf jeden Fall sehr charmant. Und lässt den abgeklärten erwachsenen Leser, auf den auch die Version für Kinder letztlich zugeschnitten ist, die reichlich naive Sicht, man könnte mit einem Buch überzeugte Nichtleser für Bücher interessieren, verzeihen. Es kann keiner ernsthaft glauben, dass bei den gesondert aufgeführten Leseleiden von „Aufmerksamkeitsspanne, kurze“ bis „Vorgelesen bekommen, es nicht wollen“ Tipps wie „Spielen Sie mit der Buchgröße“, also wahlweise überdimensionierte und winzige Werke in die kleinen Hände zu geben, oder eine die Einführung einer „Vorlesestunde für die ganze Familie“ Abhilfe schaffen kann. Als Mutter eines gerade 16-Jährigen, der nach intensiven Vorlesejahren, unter anderem aller Harry-Potter-Bände, freiwillig nie wieder ein Buch in die Hand genommen hat, weiß ich das realistisch einzuschätzen. Es gibt Leser. Und es gibt hartnäckige Nichtleser, die selbst erzwungene Schullektüre weitestgehend durch Sekundärliteratur und Interpretationshilfen aus dem Internet zu umgehen wissen.

Die Romantherapie für Kinder ist in erster Linie ein Metalesevergnügen für erwachsene Leser. Für lesehungrige Kinder und Jugendliche kann sie in der einen oder anderen Situation sogar hilfreich und heilsam sein. Und obwohl das nun wirklich nicht mehr mein Thema ist, werde ich einer Empfehlung gern folgen und mitfiebern, wenn die Autoren Tom Ellen und Lucy Ivison aus wechselnder Perspektive Sannah & Ham umeinander herumtänzeln lassen, beim Versuch ihre Jungfräulichkeit zu verlieren (Carlsen, Chicken House). Der Roman ist mir 2014 entgangen und scheint ganz besonders sympathisch und bezaubernd mit dem Thema umzugehen. Sex bleibt wahrscheinlich ein Leben lang kompliziert, ein bisschen Medizin zur Entspannung kann nicht schaden.

Elke von Berkholz

Ella Berthoud & Susan Elderkin, mit Traudl Bünger: Die Romantherapie für Kinder, Übersetzung: Katja Bendele und Kirsten Riesselmann, Insel Verlag, 2017, 372 Seiten, 20 Euro

Anleitung zum Hinterfragen

bernardyIm Grunde sind wir doch alle Philosophen, jedenfalls im Alter von vier oder fünf sind wir Meister im Fragenstellen. Erinnert Ihr Euch? Merkt Ihr es an Euren Kindern, Enkeln, Nichten oder Neffen? Ständig fragen sie: „Warum?“ Sei es aus Neugierde oder aus Protest, die Wissensgier der kleinen Menschen ist schier unerschöpflich.
Irgendwann werden diese Fragen weniger – vielleicht, weil man meint, die Welt nun endlich mal verstanden zu haben.
Nun ja, das ist hoffentlich nur eine Phase, die rasch wieder vergeht …

Damit Kinder gar nicht erst aus dem Fragemodus rauskommen, bieten sich Jörg Bernardys Philosophische Gedankensprünge ganz hervorragend an. In zehn Kapiteln liefert Bernardy neben philosophischem Grundwissen vor allem eins: Unmengen an Fragen. Die Antworten dazu bleibt er schuldig, und genau so soll es sein. Denn so animiert er die Leser_innen sich den wichtigsten Fragen des Lebens und Zusammenlebens zu stellen. Und eigene Schlüsse zu ziehen.

Es fängt scheinbar harmlos beim Ich an: Wer bin ich eigentlich? Was ist der Körper, was Geist, was Seele? Schon da kann man vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Was ist real? Was ist Projektion? Was ist der Mensch, was das Tier? Was ist schützenswerter? Und bevor man es richtig merkt, steckt man in ethischen Dilemmata, für die Philosophen seit Jahrtausenden nach Antworten und Lösungen suchen. Vermeintliche Sicherheiten, an die man sich möglicherweise seit Jahren geklammert haben, geraten auf einmal ins Wanken. Vielleicht muss man sich eingestehen, dass man doch nicht so viel weiß und dass es eben keine einfachen Antworten gibt.

Bernardy sensibilisiert jedoch nicht nur für Moral und Ethik, sondern thematisiert auch unseren Umgang mit Sprache und den neuen Medien. Mit manchmal durchaus provokanten Gedankenspielen regt er zum Nach-Denken der Dinge und Zustände an, die wir im Alltag mal so lässig über Smartphones in die Welt blasen. Was lösen unsere Worte aus? Was folgt aus ihnen? Was will ich mit meiner Selbstdarstellung erreichen?
Spätestens hier begreift auch der Letzte, wie wichtig philosophische Gedanken und Überlegungen für unser tägliches Leben sind – und das Philosophie kein abgehobenes Zeug für Intellektuelle und Professor_innen ist, sondern uns alle angeht: Sei es beim Einkauf im Supermarkt oder bei der Bewertung von Nachrichten und Medien.

In diesem Sinne sind die Philosophischen Gedankensprünge von Jörg Bernardy nicht nur etwas für Jugendliche, sondern auch für Erziehungsberechtigte, die sich auf die nächste Phase voller Fragen wappnen und für heiße Diskussionen am Abendbrottisch gut vorbereitet sein möchten.
Das wir alle als Gesellschaft aus diesen kommenden Diskussionen dann etwas haben werden, davon bin ich überzeugt, denn das einmal gestärkte Bewusstsein für das Hinterfragen von bestehenden Zuständen wird im Leben der jungen wie alten Leser_innen nicht mehr verschwinden. Es wird sich viel mehr auf unseren Umgang mit anderen Menschen, Tieren und Natur, unseren Konsum und unser Wahlverhalten auswirken.
Es gibt also Hoffnung auf eine andere Zukunft.

Jörg Bernardy: Philosophische Gedankensprünge, Beltz & Gelberg, 2017, 140 Seiten, ab 14, 16,95 Euro

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Kunstwerk mit Köpfchen

Neulich unterhielt ich mich sehr ernsthaft mit meiner fünfjährigen Nichte über Kopfschmerzen. Sie berichtete, dass sie eigentlich sehr genau weiß, was bei ihr Kopfschmerzen auslöst. Ich war beeindruckt. Denn das weiß ich bei mir selbst manchmal nicht.

Dass der menschliche Kopf eine geniale Angelegenheit ist und sowohl unsere Sprache, wie auch unsere Kunst beeinflusst, beweisen die Tschechen David Böhm und Ondrej Buddeus in ihrem Bilder-Sachbuch Kopf im Kopf, ins Deutsche übertragen von Doris Kouba.

In einer Mischung aus kurzen Texten und Bildern von menschlichen Köpfen in allen Formen, Farben und Arten erfährt man so allerhand, angefangen bei den Redewendungen, in denen wir alle Teile des Gesichtes – also Nase, Mund, Augen, Ohren, Lippen – für unsere Kommunikation nutzen.
Ausklappbare Seiten erzählen großformatig von den Vorgängen in unserem Gehirn, entführen ins fiktive Kopfland oder zeigen das Portfolio eines Detektivs in Sachen Phantombild. Halbe Seiten hingegen offenbaren, was hinter Masken, Tüchern, Burkas, Astronautenhelmen stecken kann. Und ganz nebenbei erfährt man die Geschichten von Phantomas oder oder El Hijo el Santo.

Zwischendrin erzählt ein auf dem Kopf stehender Comic vom Ettamogah, der in seinem riesigen Kopf all das Wasser der Erde sammelt und erst durch den Vogellippler dazu bewegt wird, es wieder freizugeben. Das ist definitiv rätselhaft, aber so ein Wonne zum Anschauen, zum Blättern und Erkunden, dass sich jede_r Betrachter_in seinen/ihren eigenen Kopf dazu machen kann.

Man findet Hinweise, wie man sich Zahlen leichter merken kann, findet gereimte (Un-)Sinnssprüche, bekommt eine Karte der Hirnarealen. Die Mischung aus physiologischen und psychologischen Fakten mit charmant witzigen Kopfbildern führt kleine Betrachterinnen ganz wunderbar an die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper heran. Und der menschlichen Sprache.

Und auch das Thema Kopfschmerz hat seinen Platz in diesem Buch. Ich werde das Buch   beim nächsten Besuch meiner Nichte zeigen, mal sehen, was sie davon hält…

Sehr zu recht ist dieses Kunstwerk für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 in der Sparte Sachbuch nominiert.

David Böhm & Ondrej Buddeus: Kopf im Kopf, Übersetzung: Doris Kouba, Karl Rauch Verlag, 2016, 120 Seiten, ab 4, 25 Euro

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Die Facetten der Frauenpower

Es hat in meinem Leben tatsächlich mal eine Zeit gegeben, da dachte ich, den Feminismus brauche ich nicht. Dabei war ich durchaus dankbar, dass die Frauen in den Generationen zuvor für Wahlrecht, Gleichberechtigung und Gleichstellung gekämpft hatten. Ich hielt es für selbstverständlich, die Errungenschaften zu genießen. Wie naiv ich war!

Natürlich schätze ich diese Rechte immer noch, sehe aber auch die Pflichten darin (zur Wahl zu gehen, beispielsweise, was jedoch für jede_n gilt, der in einer Demokratie lebt). Vor allem aber habe ich erkennen müssen, dass wir den Feminismus immer noch brauchen und dass jede von uns auf ihre Art dafür kämpfen muss. Was ich aber auch erkannt habe, dass es nicht nur einen Feminismus gibt, sondern jede Menge Strömungen, Moden und Facetten. Einen richtig guten Überblick, über das, was der Feminismus heute alles beinhaltet, liefert nun Sonja Eismann, Mitbegründerin des Missy-Magazins.

In Ene, mene, Missy! hat sie all die Vielfältigkeit der Frauenbewegung zusammengestellt und liefert die nötigen Hintergründe und Zahlen. Allein das Kapitel über die verschiedenen Feminismen machen deutlich, dass man heute eigentlich nicht mehr von „dem“ Feminismus reden kann. Automatisch fragt man sich beim Lesen: Bin ich Anarchafeministin? Cyberfeministin? DIY-Feministin? Oder marxistische Feministin? Mag sein, dass frau erst mal verwirrt ist, doch so zeigt sich, dass das Leben, auch das private, in jedem Fall politisch ist. Wir können dem nicht entgehen. So ist es sinnvoll, dass auch die heranwachsenden Mädchen genau wissen, wo und wie sie sich engagieren und unsere Gesellschaft zum Besseren verbessern können.

Eismann belässt es jedoch nicht nur bei den Kategorisierungen, sondern bietet zudem Hilfestellungen für die täglichen Anfeindungen, denen Mädchen und Frauen immer noch ausgesetzt sind, wenn sie ein selbstbestimmtes Leben führen wollen. So macht sie Vorschläge, was frau auf „die allerblödesten Fragen zum Feminismus“ antworten oder wie der Feminismus uns im Alltag helfen kann, wenn man gegen überkommene Rollenbilder und Schönheitsnormen angeht.

Die Mischung aus Rückblicken auf historische Protestformen, emanzipatorische Mode oder feministische Manifeste und den Statements prominenter Feministinnen der Gegenwart, macht die Lektüre abwechslungs- und aufschlussreich. Die Kapitel über Mansplaning, über den Male Gaze und den Bechdel-Test sensibilisieren für männliche Überlegenheitsstrategien und zeigen, wie frau dagegen vorgehen kann.

Diese Einführung in eine feministische Lebensweise mit all ihren Facetten, mit ihrer Kunst, ihrer Lebensfreude und ihrem politischen Anspruch sollte eigentlich jedes Mädchen lesen – und jeder Junge. Das Kapitel mit den Fragen an die Männer ist da der passende Anfang. Schließlich sollte feministische Aufklärung für alle Geschlechter gelten, denn nur so kann im Endeffekt ein friedliches und wahrhaft gleichberechtigtes Zusammenleben in Zukunft gelingen.

Aber vielleicht bin ich immer noch naiv.

Sonja Eismann: Ene, mene, Missy! Die Superkräfte des Feminismus, Fischer, 2017, 256 Seiten, ab 14, 12,99 Euro

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