Preiswürdige Bücher!

Vergangene Woche wurden auf der Leipziger Buchmesse die Nominierungen für den diesjährigen Jugendliteraturpreis bekanntgegeben. Für mich ist es nach 2016 nun zum zweiten Mal eine Freude mit einer Übersetzung aus dem Italienischen nominiert zu sein. Der Dominoeffekt von Gianumberto Accinelli, mit den wunderschönen Illustrationen von Serena Viola, hat es auf die Shortlist der Sparte Sachbuch geschafft.

accinelliDa ich den Dominoeffekt im vergangenen Jahr hier gar nicht vorgestellt habe, hole ich das nun kurz nach. In 18 Kapiteln erzählt der italienische Insektenforscher kuriose und eindrucksvolle Geschichten über das Zusammenspiel von Mensch und Natur. Anschaulich beschreibt Accinelli die umfassenden und nachhaltigen Auswirkungen, die entstehen, wenn der Mensch in die Natur eingreift.

Dabei geht es nicht nur um heutige Eingriffe, sondern vor allem auch um solche, die zum Teil hunderte von Jahren zurückliegen, und deren Auswirkungen die Bewohner Australiens beispielsweise heute noch spüren.
Faktenreich erzählt Accinelli von unterschiedlichsten Spezies: da gibt es die giftigen Frösche in Panama, die unkontrollierbaren Kaninchen in Australien, die Malariamücken auf Borneo, die überfischten Kabeljaubestände im Nordatlantik, schlaue Tauben und falsche Perserkatzen.

Viel kann man hier lernen, vor allem jedoch bekommen große und kleine Leser_innen ein Gespür dafür, wie sehr auf unserer Erde alles miteinander verknüpft ist. Genau dies besagt auch der Untertitel, der die wörtliche Übersetzung des italienischen Originaltitels ist: Die unsichtbaren Fäden der Natur. In diesem Sinne ist das Buch von Accinelli ein Augenöffner, das zeigt, dass Globalisierung nicht nur im Bereich der Wirtschaft (nicht) funktioniert, sondern auch die Ökosysteme so heikel austariert sind, dass der unwissende Mensch mit seinen oftmals merkwürdigen, weil egozentrischen Ideen unglaublich viel Schaden anrichten kann. Im Grunde wünscht man sich, dass dieses Buch die kommenden Generationen zu mehr Achtsamkeit, Zurückhaltung und Respekt im Umgang mit Tieren, Pflanzen und ihrem und unserem Lebensraum anleitet. Es wäre ein Buch, dass im besten Fall die Welt tatsächlich verändern könnte.

Für mich als Übersetzerin war die Arbeit an diesen Geschichten eine große Bereicherung, denn auch ich war mir über viele Zusammenhänge und Auswirkungen so nicht im Klaren. Rein arbeitstechnisch bedeutete das Übersetzen hier aber auch jede Menge Recherche. Zum einen, um die Fakten noch mal genau zu checken und auch um die richtigen Ausdrücke, Namen und Zusammenhänge zu finden. Und sie dann in eine gut lesbare Sprache zu bringen.
Umso mehr freue ich mich jetzt natürlich, dass all diese Arbeit von Gianumberto Accinelli, Serena Viola, die ganz wunderbar leichte, künstlerische Illustrationen und durchlaufende Fäden beigesteuert hat, und mir nun mit der Nominierung für den Jugendliteraturpreis gewürdigt wird.

Neben dem Dominoeffekt sind noch 28 weitere Bücher nominiert, die ihr hier nachschauen könnt. Ich möchte in diesem Rahmen nur noch kurz darauf hinweisen, dass Elke von Berkholz und ich so einige von den Nominierten im Laufe des vergangenen Jahres hier vorgestellt haben. Nämlich aus der Sparte Bilderbuch:

Grododo von Michael Escoffier und Kris di Giacomo, übersetzt von Anna Taube.

Sebastian Meschenmosers Die verflixten sieben Geißlein.

BruderØyvind Torseter: Der siebente Bruder, übersetzt von Maike Dörries.

Bluma

Aus der Sparte Kinderbuch haben wir Bluma und das Gummischlangengeheimnis von Silke Schlichtmann und Ulrike Möltgen vorgestellt.

Aus der Sparte Jugendbuch fand sich auf LETTERATUREN Angie Thomas mit The Hate U Give, in der Übersetzung von Henriette Zeltner, das dieses Mal auch von der Jugendjury nominiert wurde.

Sachbuchtechnisch haben wir zudem das Werk von Katharina von der Gathen und Anke Kuhl, Das Liebesleben der Tiere, empfohlen.

Was mich dann immer besonders freut, sind die Nominierungen der Jugendjury. Hier gab es allein drei Bücher, die auch wir hier präsentiert haben. Wie gesagt, Angie Thomas, dazu Der Junge auf dem Berg von John Boyne.

Und schließlich noch Johannes Herwigs Bis die Sterne zittern – auch wenn ich da einige Kritik anzubringen hatte.

Die übrigen Nominierten werden wir hier im Laufe des Sommers, bis zur Verleihung der Preise auf der Frankfurter Buchmesse vielleicht noch vorstellen.

Allen Nominierten ganz herzliche Glückwünsche! Es wird ein Fest im Oktober!

Gianumberto Accinelli: Der Dominoeffekt oder Die unsichtbaren Fäden der Natur, Illustrationen: Serena Viola, Übersetzung: Ulrike Schimming, Sauerländer, 2017, 128 Seiten, ab 10, 19,99 Euro

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schollHeute vor 75 Jahren wurden Sophie Scholl, Hans Scholl und Christoph Probst im Gefängnis Stadelheim in München hingerichtet, nachdem sie vier Tage zuvor verhaftet und innerhalb kürzester Zeit in einem Schauprozess zum Tode verurteilt worden waren. Sophie war da gerade einmal 22 Jahre alt, Hans war 25 und Christoph 24. Junge, kluge Menschen. Und wahrscheinlich ist es gerade auch das, was uns neben ihren Texten und Aktionen heute noch immer so beeindruckt und berührt. Denn trotz ihrer Jugend waren die drei, die mit ihren weiteren Freunden zur Widerstandsbewegung Die weiße Rose gehörten, sehr viel klarer und entschlossener in ihrem Willen, etwas gegen das Unrechtsregime der Nazis zu tun, als vermeintliche Erwachsene. Innerhalb kürzester Zeit, vom Sommer 1942 bis Frühjahr 1943, taten sie in sechs Flugblättern ihren Abscheu gegen das Regime kund, riefen zu passivem Widerstand und Sabotage auf, klagten den Massenmord an den Juden an und erkannten, dass ein föderales Staatssystem für Deutschland das einzig richtige wäre. Während die Widerständler der Wehrmacht um Graf Stauffenberg noch zögerten, klagte die Jugend aus München an und ging „grad und frei durchs Leben“, im vollen Bewusstsein der tödlichen Konsequenzen, die ihr Handeln haben könnte und schließlich hatte. So sind sie auch ein Dreiviertel Jahrhundert nach ihrem Tod immer noch Vorbild und Mahner.

schollIch habe mit 14 die sechs Flugblätter der Weißen Rose zum ersten Mal gelesen, in dem Buch der Scholl-Schwester Inge, das zu den Klassikern in Bezug auf die Veröffentlichungen zur Widerstandsgruppe gehört und Anfang der 1950er Jahre herauskam. Mag man heute der 1998 verstorbenen Inge Scholl auch Befangenheit vorwerfen, so ist für mich ihre Nähe zu den Geschwistern doch ein wichtiger Aspekt und ihr Text ein Dokument, das durch die zeitliche Nähe an den damaligen Geschehnissen auch heute noch besticht.

Für einen differenzierteren Blick auf Sophie eignet sich ein weiterer Klassiker, das preisgekrönte Jugendsachbuch Das kurze Leben der Sophie Scholl von Hermann Vinke, ausgezeichnet mit den Jugendliteraturpreis. 1980 hat er Inge Scholl und Fritz Hartnagel, Sophies Freund, zum Interview getroffen, dazu Weggefährten wie Traude Lafrenz, Otl Aicher und andere. Er lässt sie alle zu Wort kommen und zitiert aus den Tagebüchern von Sophie und Willi Graf. So entsteht ein vielschichtiger Bericht von Sophies Kindheit und Jugend, von ihrer künstlerischen Begabung, ihrer Lebensfreude – und wie sich im Laufe weniger Jahre aus einem BDM-Mädel ein kritischer Geist entwickelte.

schollWer sich auf bildlicher Ebene der Vorzeigefigur der Weißen Rose nähern will, kann seit 2015 auch zur Graphic Novel von Heiner Lünstedt und Ingrid Sabisch greifen. Auf wenigen Seiten zeigen Autor und Illustratorin die prägenden Momente in Sophie Scholls Leben und legen für die Darstellung ihres Charakters vor allem ihre Briefe an Fritz Hartnagel zugrunde.
Sophies unnachgiebige Haltung setzen Lünstedt und Sabisch überzeugend in Szene, sodass Jugendliche, die vielleicht nicht ganz so gerne dicke Bücher lesen, hier zumindest einen elementaren Einstieg in das Thema der Weißen Rose findet.

Bei der Masse der Publikationen, die seit Jahren auf dem Markt sind, bleiben diese drei Empfehlungen natürlich nur eine kleine Auswahl. Erstaunlich finde ich, dass mir bis jetzt noch kein Roman über die Weiße Rose untergekommen ist. Mag sein, dass ich ihn übersehen habe (bitte klärt mich auf, falls es einen Roman gibt), doch außer den Verfilmungen (Die Weiße Rose, 1982, und Sophie Scholl – Die letzten Tage,  2005, es gibt noch ein paar andere, die ich jedoch nicht kenne) fehlt mir eigentlich eine romanhafte Erzählung, die über eine sachliche Biografie hinausgeht.

Was es jedoch in Sachen Widerstand der Jugend im NS-Regime momentan gibt, ist der Debütroman Bis die Stern zittern von Johannes Herwig. Darin geht es um die sogenannten Meuten von Leipzig, lockere Jugendgruppen, die sich gegen die staatlich aufgezwungenen Organisationen wie HJ und BDM stellen.

Held von Herwigs Roman ist der 16-jährige Harro, der im heute so coolen Stadtteil Connewitz lebt und mit eben diesen HJ-Leuten nicht klar kommt. Viel lieber hängt er mit der Swing-Jugend ab, die Lederhosen, weiße Kniestrümpfe und Karo-Hemden tragen, und bei der auch die Mädchen mal in kurzen Hosen auftauchen. Die Clique fällt auf und eckt an. Doch sie lassen sich erst einmal nicht abschrecken, prügeln sich mit den Regimetreuen und hängen schließlich sogar eine Glosse gegen die Nazis in Schaukästen auf.

Herwigs Verdienst ist es, dass er mit diesem Buch den Fokus auf eine bis heute ziemlich unbekannte Widerstandsbewegung lenkt. Das ist unzweifelhaft wichtig.
Persönlich hat mir bei der Lektüre dieses Erstlingswerk ein bisschen das Lektorat gefehlt, gibt es doch ziemlich viele schräge Vergleiche („Ich klappte den Mund auf und zu wie ein Wolf.“, S. 121, „Sein Blick stach wie ein Bajonett.“, S. 122) und unstimmige Bilder. Diese wirken mir zu gewollt literarisch und gleiten dann manchmal ins unfreiwillig Komische ab, vor allem, wenn sich die Körperteile verselbständigen („Meine Innereien rannten nach oben, nach unten, zur Seite.“, S. 100, „Meine Augen folgten den Ohren.“, S. 127). Hier musste ich mich etwas zusammenreißen, das Buch nicht gleich wieder wegzulegen – denn es packt einen doch und die Erinnerung an die Meuten ist einfach ein zu wichtiges Puzzleteil im Komplex des jugendlichen Widerstands, zu dem auch die Kölner Edelweißpiraten gehören.

Bleibt zu hoffen, dass die heutige Jugend früh genug mit den verschiedenen Formen des Widerstands bekannt gemacht wird, um selbst eine Haltung zu beziehen. Denn wir können leider nicht mehr sagen: „Wehret den Anfängen!“ – dazu sind die Rechtspopulisten und -radikalen schon wieder viel zu salonfähig geworden. Vielmehr sollte es heute wieder heißen: „Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen; die Weiße Rose lässt Euch keine Ruhe!“

Inge Scholl: Die Weiße Rose, Fischer Verlag, 16. Auflage 2013 (1952), 208 Seiten, 7,95 Euro

Hermann Vinke: Das kurze Leben der Sophie Scholl, Ravensburger, 20. Auflage 2017 (1980), 219 Seiten, ab 14, 7,99 Euro

Heiner Lünstedt: Sophie Scholl. Die Comic-Biografie, Illustration: Ingrid Sabisch, Knesebeck, 2015, 56 Seiten, 29,95 Euro

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern, Gerstenberg Verlag, 2017, 240 Seiten, ab 14, 14,95 Euro

Der Mann mit der Goldfarbe

KlimtHeute vor 100 Jahren starb der Wiener Maler Gustav Klimt, uns Erwachsenen bekannt für seine goldbeherrschten Gemälde wie „Der Kuss“ oder „Die goldene Adele“. Als ich in Wien vor seinen Werken stand, bekam ich den Mund kaum zu und war seltsam berührt.

Damit auch Kinder etwas mit diesen außergewöhnlichen Jugendstilwerken etwas anfangen können, hat die Autorin Nora Rath-Hodann das Leben Klimts zum Thema eines Buches gemacht. Darin erzählt sie ihrer Tochter Julie, die so gern ins Museum geht, die Geschichte es berühmten Malers – zumeist direkt vor den Bildern, denn die beiden wohnen in Wien.

So wird aus Julies Neugierde ein überaus interessanter und kindgerechter Einblick in ein anfangs prekäres Künstlerleben um die Jahrhundertwende. Die erste Auftragsarbeit für Kaiserin Elisabeth bringt Gustav Klimt Geld für eine Deutschland- und Italien-Reise, derTod von Vater und Bruder schlägt sich in düsteren Bildern nieder. Klimt wird Familienoberhaupt, ohne verheiratet zu sein, und trägt die Verantwortung für sieben Frauen. So malt er sie gern, die Frauen, auch nackt, und schreckt vor Skandalsujets nicht zurück. Er experimentiert mit Formen und Farben, entwickelt seine eigene Bildsprache.

Julie will jedoch nicht nur etwas über die Bilder wissen, sondern auch über den Charakter Klimts selber. So erfährt man von seinem Barfuß-Tick und seinen schlechten Tischmanieren, aber auch von seiner Gutmütigkeit. Mit Geld konnte er wohl nicht umgehen, dafür genoss er das Leben zu sehr – was man sich in Wien nur zu gut vorstellen kann.

So erkunden Mutter und Tochter die Bilder der verschiedenen Phasen Klimts und ihre Geheimnisse, bewundern die Farben und versteckten Figuren, rätseln, was sich der Künstler wohl dabei gedacht hat – oder was die Dargestellten wohl empfunden haben.

Mit diesem liebevoll gemachten Bändchen, an dessen Ende die wichtigsten Bilder Klimts abgedruckt sind, und dessen Erzähltext mit eindrucksvollen Illustrationen von Peter Diamond ausgestattet ist, die die Stilrichtungen Klimts noch zusätzlich verdeutlichen, bekommt jede_r heranwachsende Kunstliebhaber_in einen vorzüglichen ersten Eindruck in das Schaffen von Gustav Klim.
Wien-Reisenden sei dieses Werk als Begleitlektüre für die Museumsbesuche empfohlen. Es lässt sich in den Pausen zwischen einer Sehenswürdigkeit und dem nächsten Kunstwerk gut vorlesen.

Nora Rath-Hodann: Klimt. Erzählt für Kinder, Illustration: Peter Diamond, JGIM Verlag, 2017, 80 Seiten, ab 6, 14,49 Euro

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Tierisch interessanter Sex

sexÜber Sex bei Menschen glauben bereits die meisten Grundschüler gut Bescheid zu wissen, unter anderem durch Videos, die gemeinsam auf dem Pausenhof angeguckt werden.

Aber wie machen es eigentlich die Tiere? „Wie machen Elefanten Sex? Können Tiere schwul sein?“ Solche angesichts von einschlägigen Bildungsmedien wie YouPorn rührend kindlich-naive Fragen hört die Sexualpädagogin Katharina von Gathen häufig. Und deshalb hat sie jetzt im Klett Kinderbuch Verlag, der ohnehin für mutige, gegen den Strich gebürstete Veröffentlichungen steht, ein ganz besonderes Tierbuch herausgebracht: Das Liebesleben der Tiere.

Umfassend, in zahlreichen Kapiteln und inklusive eines Registers aller genannten Tiere informiert sie auf 144 Seiten über alles, was zum Thema Sex gehört und weit über den eigentlichen Akt hinausgeht. Auch erwachsene Leser, die wissen, dass das Liebesleben ganz schön kompliziert sein kann, wundern sich und lernen noch einiges. „Lustiges und Erstaunliches, Gruseliges und Merkwürdiges, Vertrautes und Fremdartiges“ verspricht die Autorin, und das ist noch untertrieben. Die Formen der Fortpflanzung treiben mitunter bizarre Blüten. Und doch hat sich alles für die jeweilige Art und Gattung bewährt und ist von der Evolution erprobt und für sinnvoll befunden.

Es fängt wie beim Menschen meist auch mit der Partnersuche an: Da wird zunächst gebalzt und geworben, ganz ohne Datingportale, dafür umso variantenreicher und farbenfroher. Lauben werden gebaut, es wird getanzt, gerubbelt, und nicht nur Nachtigallen und Vögel im allgemeinen trällern Liebeslieder. Auch männliche Buckelwale und Bootsmannfische locken mit süßen Sirenengesängen (oder was für die weiblichen Ohren der jeweiligen Tierart so klingt). Gibbons finden mit der idealen Duettpartnerin auch die perfekt passende Gespielin. Und Kugelfische malen tagelang mit ihren Flossen kunstvolle Mandalas in den Meeresgrund.

Dann geht’s zur Sache: ganz langsam oder sekundenschnell, einige setzten auf Täuschung oder Bestechung, manchen reicht einmal im Leben (und es ist nicht die Eintagsfliege), andere legen Marathons hin, stundenlang oder bis zu 40 Mal am Tag, bis zur Erschöpfung oder sogar bis zum Tod! Arme Breitfuß-Beutelmausmänner.

Sex dient auch bei Tieren nicht nur der Fortpflanzung, sondern erfüllt zudem soziale Funktionen: Bonobos setzten bekannterweise auf körperliche Liebe statt Gewalt.

Silberfischchen bauen Stolperfallen, die Befruchtung findet indirekt, wenn auch nicht im Reagenzglas statt. Und Fledermäuse, Mauersegler oder Nacktschnecken stehen auf Funsportvarianten. Es gibt aber nicht nur Kuschelsex: Erpel, die ganz rührende und treue Entenpapas werden, stehen auf brutale Gruppenvergewaltigung. Und Katerpenisse haben an der Eichel Stacheln und Widerhaken und sind äußerst schmerzhaft. Kein Wunder, dass Katzen danach nicht gut auf die Kerle zu sprechen und die meiste Zeit des Jahres aufs Rolligsein überhaupt nicht scharf sind.

Katharina von der Ganthen beschreibt diese Kuriositäten wohltuend klar und nüchtern, ohne zu vermenschlichen oder verniedlichen und niemals mit einem Feigenblatt vor dem Mund. Der Humor ergibt sich aus den tierischen Absurditäten an sich.

Das alles wäre aber nur halb so unterhaltsam und lesenswert ohne Anke Kuhls brillante und eigenwillige Illustrationen. Kuhl, die mit dem schrägen Antiwestern-Bilderbuch Cowboy will nicht reiten (Carlsen) debütierte und mit Alle Kinder (Klett) charmant politisch unkorrekte Scherze mit Namen gemacht hat, bildet seit Klär mich auf. 101 Kinderfragen rund um ein aufregendes Thema seit 2014 mit von der Gathen ein bewährtes Duo in Sachen Aufklärung. Die charakteristischen kleinen Glubschaugen verleihen ihren Figuren, ob Mensch, ob Tier, grandios treffende Gesichtsausdrücke und Emotionen.

Echte Hingucker sind ihre beiden aufklappbaren Panoramaseiten mit „Geniale Genitalien“: Es gibt nichts, was es nicht gibt, und Größe ist beileibe nicht alles.

Auch in den Abschnitten Schwangerschaft, Geburt und Familienleben finden sich etliche Kuriositäten, von denen die zweifache Geburt der Kängurubabys die bekannteste und entzückendste ist. Katharina von der Gathen hat im Vorwort nicht zu viel versprochen. Bei „Vertrauten“ ertappt sich der erwachsene Leser immer wieder dabei, Parallelen zu ziehen und festzustellen, dass im menschlichen Miteinander auch nicht alles so anders ist und vieles bestimmt nicht logisch.

Nur der Begriff „Liebesleben“ im Titel ist nicht ganz treffend, denn mit dem, was wir unter Liebe verstehen und was beim Sex eine Rolle spielen kann, aber nicht muss, hat der tierische Akt nichts zu tun. Es macht auf jeden Fall Riesenspaß, darüber zu lesen, und genau so sollte Sex auch sein: Nicht wie in den einschlägigen Filmchen athletisch und hyperästhetisiert, sondern lustig, entspannt, unreflektiert, auch mal unfreiwillig komisch, lächerlich, gelegentlich peinlich, doch stets ein Vergnügen und keine Pflichtleibesübung.

Katharina von der Gathen, Anke Kuhl (Illustrationen): Das Liebesleben der Tiere, Klett Kinderbuch Verlag, 2017, 144 Seiten, ab 8, 18 Euro

Kosmos für Kunst

MuseumSoeben hat Ulrike hier Bücher vorgestellt, die jungen Menschen nicht nur Kunst nahe bringen können, sondern auch selbst zu Stift und Pinsel greifen lassen  und – wer weiß – den einen oder anderen Künstler hervorbringen.
Was dann tatsächlich Kunst ist, darüber lässt sich vortrefflich streiten. Und wo kann man das besser als im Museum? Wo sich ganz viele Bilder, Objekte und Installationen befinden, die als Kunst gelten, weil sie sich in einem besonderen Gebäude befinden, auf dem fett Museum steht. Und wo ganz viele Menschen die Werke betrachten können.

Aber was ist ein Museum? Und: Wie kommt die Kunst ins Museum? Diese Fragen beantworten die Kuratoren und Kunsthistoriker Ondřej Chrobák, Rostislav Koryčánek und Martin Vaněk unter anderem in ihrem erstaunlichen, gleichnamigen Wimmelsachbuch.

Dies ist kein klassisches Kunstbuch mit Künstlerbiografien oder Darstellung von Epochen und Richtungen. Hier wird die Institution Museum als besonderer Kosmos mit vielen Beteiligten gefeiert. Und man spürt auf jeder der von David Böhm mit viel subtilem Witz illustrierten, teils auf Panoramabreite aufklappbaren Seiten die Begeisterung der Autoren für ihre Arbeit und Museen an sich. Dabei haben sich die tschechischen Kunstkenner nicht auf ein tatsächliches Gebäude kapriziert, sondern vom Architekten Svatoplik Sládecek einen puristischen Kubus, eine kühne Spielfläche für die Kunst, entwerfen lassen.

Ob man etwas über Kultur und Geschichte lernen möchte, endlich die Originale zu hundertfach gesehenen Reproduktionen sehen oder einfach nur vor dem Regen und Lärm flüchten möchte – gute Gründe für einen Museumsbesuch gibt es diverse. Mindestens ebenso vielfältig sind die Leute, die in einem Museum arbeiten und es am Laufen halten: Von der Kuratoren über die Öffentlichkeitsarbeit bis zum Restaurator und zur Raumpflegerin – ihre Aufgaben werden anschaulich und pointiert erklärt. Die Autoren zeigen, wie sie alle zusammen arbeiten und und jede und jeder wichtig ist, um eine Ausstellung auf die Beine zu stellen.

Denn es reicht noch lange nicht, dass ein Museum Kunstwerke sammelt und hortet, sei es durch Kauf, Schenkung, Leihgaben oder Nachlässe. Es geht vor allem darum, diese Werke lebendig zu präsentieren, sei es, indem man sie in einen klugen Kontext präsentiert oder sie in einem ungewöhnlichen Licht und neuen Blickwinkel ausstellt. Kunst entsteht im Auge des Betrachters: Für einige ist Kunst die täuschend echte Wiedergabe von Gesehenem und offensichtliche Kunstfertigkeit in der Pinselführung. Andere sind von in Formaldehyd eingelegten Tieren, riesigen Spinnenskulpturen oder kuriosen Kettenreaktionen fasziniert. Und hinter einem ungemachten, versifften Bett, wie es die englische Künstlerin Tracey Emin 1998 in eine Galerie stellte, kann sich eine dramatische und berührende Geschichte verbergen.

Museen sind vieles: bunt, streitbar, verstörend, unterhaltsam, spannend, erhellend – nur eins sind sie in den seltensten Fällen: langweilig.

Auf den letzten Seiten fordern die Autoren ihre Leser noch einmal heraus: In einem Glossar zeigen sie die Werke, die im Buch vorkommen. Bilder und Skulpturen aus allen Epochen, von einer Fruchtbarkeitsstatue über Meisterwerke wie Botticellis Venus, Caravaggios Rosenkranzmadonna oder van Goghs Sternennacht zu modernen Klassikern von David Hockney, Mark Rothko und Otto Dix bis zum Streetartkünstler Keith Haring und den witzigen Zeichner David Shrigley – alle bezaubernd und variationsreich wiedergegeben vom Illustrator David Böhm. Wo sich alle diese Kostbarkeiten befinden, das kann jeder Leser selbst herausfinden. Dabei spielt das Buch eine große Rolle: Es ist nämlich nicht nur ein raffiniertes Kunstwerk für sich, das spielerisch das schafft, was gute Kunst ausmacht: die Welt und in dem Fall insbesondere das Museum aus einem neuen Blickwinkel zu sehen.
Vor allem aber gelingt ihm eins: Es nimmt die Schwellenangst. Denn es gibt soviel zu sehen und zu entdecken.

Ondřej Chrobák/Rostislav Koryčánek/Martin Vaněk: Wie kommt die Kunst ins Museum, Illustrationen: David Böhm, Übersetzung: Lena Dorn, Karl Rauch Verlag 2017, 62 Seiten, ab 8, 20 Euro

Den Blick schärfen, die Kreativität fördern, Kunst machen

Gerade ist – wieder mal – ein Gemälde eines alten Meisters für eine Unsumme versteigert worden, obwohl die Urheberschaft anscheinend nicht eindeutig geklärt ist und sich da ein potenter Käufer vielleicht gar keinen echten Leonardo Da Vinci zugelegt hat. Kunst ist eben ein ziemlich macht- und geldgetriebenes Geschäft geworden. Was aber auch wieder zeigt, dass Kunst in unserem Leben einen (ge)wichtigen Stellenwert einnimmt. Was mich zu der Frage bringt: Wie führt man Kinder an die Kunst und ihre Vielfältigkeit heran?

Selbst malen ist wahrscheinlich der beste Weg, kleine Menschen mit Kunst vertraut zu machen. Neben der Fähigkeit einen Stift zu halten, gehört dann aber auch das genaue Hinsehen und Beobachten dazu. Denn wer aufmerksam hinschaut, bringt irgendwann auch Wiedererkennbares aufs Papier.
Ganz spielerisch geht die Berliner Illustratorin Marion Goedelt an diese Herausforderung ran. Sie verwandelt die eigentlich immer etwas spießig und unkreativ daherkommenden Zahlenbilder – bei den man also durchnummerierte Punkte zu einem Objekt verbinden muss – in ein aufregendes Entdeckungsabenteuer.

Angelehnt an da Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist …“ wiederholt sich auf jeder Doppelseite dieser Satz, ergänzt durch etwas, das herausgefunden werden soll, beispielsweise etwas Spaciges, Schleimiges, Gruseliges oder Gefährliches. Auf wunderschön aquarellierten oder mit Wachsmalfarben gestalteten Hintergrundbildern müssen die kleinen Künstler nun das Werk vervollständigen. Die schrägen Figuren, die bei den Zahlenbildern entstehen, sind nicht leicht vorherzusehen (auch für Erwachsene nicht). Was die Angelegenheit dann auch noch spannend macht.
Und hat man mit einem dünnen Bleistift (meine Nichte und ich haben uns erst gar nicht getraut, dicke Filzer zu nehmen) alle Punkte verbunden, geht der Spaß noch eine Runde weiter, denn nun müssen die Gesellen mit dicken Stiften und bunten Farben weiter zum Leben erweckt werden. Die Endergebnisse verwandeln dieses so schon charmante Malbuch dann in ein ganz feines, wertvolles Einzelstück.

Ist nach diesem ersten Malabenteuer dann der Schritt zum genauen Hingucken und angeleitetem Zeichnen vollzogen, stellt sich oft die Frage: Wie bekommt man die Figuren und Gegenstände auf den Bildern so hin, dass sie witzig, dynamisch und mehr oder minder realistisch aussehen?
Der Münchner Comic-Zeichner Ja Reiser hat dafür nun, seine Strich-und-Farben-Kolumne, die zwei Jahre lang in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, zu einem knallbunten Anleitungsbuch zusammengefasst.
In seinem comic-artigen Stil zeigt er zunächst einmal alles, was man zum Zeichnen benötigt, neben Papier, Stifte und Farben, eben auch Anspitzer und Radiergummi, sowie einen passenden Stuhl, damit man beim Zeichnen keine Rückenschmerzen bekommt. Immer wieder eingeflochten sind dann kurze Kapitel über Grundlagen des Zeichnens, also Erläuterungen zu Licht und Schatten oder der Perspektive.

Reisers Sammlung von Motiven – Tiere, Menschen und Fahrzeuge aller Art – liefert unzählige Vorschläge, was alles gezeichnet werden kann. Dabei macht er durch den Aufbau einer Seite klar, dass nicht einfach drauflos gekritzelt wird, sondern, dass man jedes Motiv zunächst einmal genau betrachten sollte und es dann in seine Formen zerlegt. Diese zeichnet man vor und fügt schließlich die Details hinzu. Um den typischen Ligné-claire-Stil der Comics hinzubekommen, werden die Umrisse dann mit Schwarz nachgezogen und erst ganz zum Schluss werden die Motive bunt koloriert. Das mag für angehende Comic-Zeichner vielleicht erstmal frustrierend sein, macht ihnen jedoch bereits von Anfang an klar, dass es eben kein Kinderspiel ist, einen richtig guten Comic zu zeichnen.

Wem der humoristische Comic-Stil dann doch nicht so liegt, sondern wer sich völlig frei auf dem Zeichenblatt bewegen will, der findet eine überaus großartig Anregung bei Marion Deuchars. In ihrem fast DIN-A-4-großen Wälzer Malen und zeichnen wie die großen Künstler stellt sie 18 Künstler_innen vor, von Joan Mirò, Salvador Dalí, Frida Kahlo oder Andy Warhol bis zum Japaner Hokusai.

In kurzen Texten erläutert sie den besonderen Stil des jeweiligen Künstlers und lädt dann sofort zum Nachmachen ein. So entstehen auf dickem, ungebürstenem Papier kubistisch inspirierte Stillleben, Collagen, Selbstportraits, Kalligramme, Menschen und Tiere, Kreise und Dreiecke, Selbstportraits und Tintenkleckszeichnungen.

Auch hier wird wieder genau hingeschaut, beispielsweise bei den mexikanischen Glyphen oder bei den Unterschieden von zornigen oder fröhlichen Bleistiftstrichen. Und bei all dem entfaltet sich vor den Augen der Betrachter_innen die ganze Vielfältigkeit der Kunst und ihre Sinnhaftigkeit. Dabei zeigt auch das Beispiel der australischen Aborigine Emiliy Kngwarreye, dass man für künstlerische Betätigung nie zu alt ist (sie begann mit 80 Jahren zu malen). Ihr Rückgriff auf die eigenen Traditionen und die eigene Lebenswelt beweisen anschaulich, dass auch ein einfacher Stock zu einem Kunstwerk werden kann.

Nach der Beschäftigung mit diesem Buch, das selbst ein Kunstwerk ist, schaut man seine eigene Umwelt definitiv mit anderen Augen an. Man entdeckt, was in Haus und Garten alles für die Erstellung von Kunstwerken genutzt werden kann. Beim Malen, Zeichnen, Kleben, Ausschneiden, Zusammensetzen, Kolorieren und Ausdenken entsteht so ein sinnliches Erlebnis, das weitaus mehr befriedigt, als so manch andere passive Freizeitbeschäftigung. Hier bekommen die Synapsen im Hirn richtig Futter – und vielleicht findet der oder die kleine Künstler_in ganz nebenbei ihren eigenen Stil und ihre eigene Leidenschaft.

Marion Goeddelt: Ich sehe was, was du nicht siehst. Zahlenbilder zum Verbinden, Aus- und Weitermalen, Tulipan, 2017, 40 Seiten, ab 6, 10 Euro

Jan Reiser: Strich und Farben – Die große Zeichenschule, 96 Seiten, ab 8, 14,99 Euro

Marion Deuchars: Malen und Zeichnen wie die großen Künstler, Übersetzung: Claudia Koch/Kathrin Lichtenberg, Midas, 2. Aufl. 2015, 240 Seiten, ab 10, 24,90 Euro

Girls, Ihr könnt alles werden!

FrauenSchon seit einiger Zeit tauchen die Good Night Stories for Rebel Girls der beiden amerikanischen Autorinnen Elena Favilli und Francesca Cavallo in den Timelines meiner sozialen Medien immer wieder auf. Jetzt hatte ich endlich Gelegenheit, dieses anregende Werk, in der Übersetzung von Birgitt Kollmann, selbst zu lesen.

Die Grunddaten sind schnell umrissen: Auf je einer Doppelseite werden 100 Frauen vorgestellt. Links der Text, rechts das Portrait der jeweiligen Frau. Es sind Frauen aus aller Welt und aus allen Zeiten, die „älteste“ ist die Pharaonin Hatschepsut, die im 15. Jahrhundert vor Christus gelebt hat, die jüngste ist die Grundschülerin Coy Mathis, geboren 2007, die als Transgenderkind bekannt wurde. Manche der Frauen sind weltberühmt, wie Modemacherin Coco Chanel, Anwältin Michelle Obama oder Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. Andere wie Paläontologin Mary Anning, Motocrossfahrerin Ashley Fiolek, Turnerin Simone Biles oder Rapperin Sonita Alizadeh sind vermutlich nur eingeweihten Menschen dieser besonderen Disziplinen bekannt. Doch genau darin liegt die Faszination dieser Sammlung: Als Erwachsene freut man sich über den Wechsel zwischen bekannten und unbekannten Biografien, entdeckt unbekannte Heldinnen und neue, ganz junge Vorbilder.
Junge Leserinnen dürften sich mit den jungen Frauen wahrscheinlich leichter identifizieren, als mit lange verstorbenen Schriftstellerinnen oder Wissenschaftlerinnen. Doch jenseits von Identifikation finden sie hier Vorbilder aus allen Bereichen des Lebens wie unter anderem Informatik, Astrophysik oder Boxen, die eben nicht nur den Männern vorbehalten sind.

Diese Rebel Girls machen mehr als deutlich, dass Mädchen gerade heute alles werden können, was sie nur wollen, wenn sie es denn wirklich wollen. Denn es wird nicht immer einfach werden, und es werden immer wieder Hindernisse auftauchen, die überwunden werden müssen, doch die Rebellinnen, Widerstandskämpferinnen und Piratinnen in diesem Buch zeigen eindrücklich, dass frau es mit Beharrlichkeit und Mut weit bringen kann.
Dafür darf man sich – und das ist wirklich der einzige Wermutstropfen in diesem Buch – vom Stil der Texte nicht abschrecken lassen. Viele beginnen nämlich mit „Es war einmal …“ und verweisen so auf eine märchenhafte Geschichte. Märchen jedoch, das wissen wir, sind nicht real und werden nur selten wahr. Dabei sind genau hier, all die Träume und Wünsche der Mädchen und Frauen wahr geworden, und zwar ohne die Hilfe eines Zaubertranks oder eines Prinzen, sondern einzig durch die ungebändigte Kraft dieser Frauen selbst.

Dennoch bringen diese kurzen Text die wichtigsten Meilensteine und Überzeugungen der Frauen auf den Punkt, ohne mit Einzeldaten oder weitschweifigen Erklärungen zu langweilen. Wer dann sein persönliches Lieblingsvorbild findet und neugierig geworden ist, wird sicherlich an anderer Stelle weiterlesen und für sich dann die Wege finden, die zum eigenen Rebellinnen-Ziel führt.

Die Portraits der vorgestellten Frauen runden das Buch dann endgültig zu einem Gesamtkunstwerk ab: 60 Illustratorinnen aus aller Welt zeigen den jungen Leserinnen, dass auch grafische Kunst genauso vielfältig sein kann wie die Lebensentwürfe der außergewöhnlichen Frauen.

Die Good Night Stories for Rebel Girls sollten eigentlich jedem Mädchen mit auf den Weg gegeben, und zwar nicht erst ab zwölf, wenn die Girls schon fast zu alt für Gute-Nacht-Geschichten sind. Wenn sich das Potential dieses Buches ganz entfaltet, können wir alle uns auf eine Welt voller kreativer, anpackender, gerechtigkeitsliebender, mutiger, Welten entdeckender Rebellinnen freuen! Die dann vielleicht nicht mehr außergewöhnlich sind, sondern normaler Standard.

Elena Favilli/Francesca Cavallo: Good Night Stories for Rebel Girls. 100 außergewöhnliche Frauen, Übersetzung: Birgitt Kollmann, Hanser Verlag, 2017, 224 Seiten, ab 12, 24 Euro

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Süße Medizin

Erster Eindruck: Ein hübsches Buch, gewichtig, mit rotem Leinenrücken und pinkem Lesebändchen, auf dem Einband sind sechs kleine, bunte Kinderhelden abgebildet: Sandmännchen, die kleine Raupe Nimmersatt, Tigerente, Paddington Bär, der kleine Prinz und der bunte Elefant Elmar. Sehr interessanter Titel: Die Romantherapie für Kinder nennen die Literaturwissenschaftlerinnen Ella Berthoud und Susan Elderkin ihr Kompendium, ein Ableger ihrer Romantherapie für Erwachsene. Kurz die Sorge, dass in diesem Buch vielleicht wirklich der richtige Roman für jede Malaise steht und Blogs wie LETTERATUREN überflüssig werden.

Das passiert natürlich nicht und ist von den Autorinnen auch nicht beabsichtigt: Berthoud und Elderkin haben nach dem Studium in Cambridge mein privates (Über-)Lebenselexier zur Geschäftsidee gemacht und bieten seit 2008 an der Londoner School of Life Bibliotherapie-Sitzungen an. Daraus entstand 2013 die Romantherapie und jetzt eben, unter Mithilfe der Programmdirektorin der lit.Cologne, Traudl Bünger, das Kompendium für Jüngere.

Die Idee eines umfassenden Ratgebers und einer soliden Hausapotheke gegen die unterschiedlichsten Probleme, Sorgen, Konflikte, Lebenslagen und Leiden ist bestechend und konsequent umgesetzt. Unter Stichworten von A wie Abenteuerlust, Akne oder Apokalypse; Angst haben vor ihr bis Z wie Zimmer teilen müssen, Zündeln und Zweiter Weltkrieg findet man jeweils mindestens zwei Bücher, die einem helfen, weil hier jemand mit denselben Widrigkeiten kämpft und eine Lösung findet. Diese Medizin für das jeweilige Problem ist zwar sperrig, manchmal bitter und überhaupt nicht zu schlucken. Die dazugehörigen Nebenwirkungen sind aber auf jeden Fall erwünscht: Anregung der Phantasie, erweiterter Horizont, gestärktes Selbstbewusstsein sowie Training der Lesefertigkeiten, Vergnügen und Glücksgefühle.

Dazwischen eingestreut sind 74 (falls ich mich nicht verzählt habe) Bestenlisten mit jeweils den zehn besten Büchern für zum Beispiel „heikle Esser“, über Werwölfe oder Vampire, zum Thema Selbstmord oder „um der eigenen Sexualität auf den Grund zu kommen“. Ersteren wird originellerweise mit Enid Blytons Fünf Freunden Appetit gemacht während kluge Gedanken zu Sex und Gender in Cornelia Funkes Die wilden Hühner und die Liebe, Andreas Steinhöfels Mitte der Welt oder neueren Romanen wie George von Alex Gino und Zusammen werden wir leuchten von Lisa Willamson zu finden sind.

Hier zeigt sich aber auch ein Schwachpunkt der Romantherapie: Ob Klassiker oder Neuerscheinung, es werden fast nur Bücher von deutschen und anglo-amerikanischen Autorinnen und Autoren empfohlen sowie natürlich die üblichen Verdächtigen aus Skandinavien wie Astrid Lindgren oder Mumins-Schöpferin Tove Jansson. Da ist wenig wirklich Überraschendes dabei, man könnte es einen soliden Kanon nennen, bei dem manchmal ein moderner Klassiker in einen ungewöhnlichen, eigentlich merkwürdigen Kontext gestellt wird: So ist John Boynes Der Junge im gestreiften Pyjama unter dem Stichwort „Sinn, nach einem suchen“ einsortiert.

Dagegen fehlt fatalerweise unter E wie „Essstörung“ Mirjam Pressler brillantes Buch Bitterschokolade von 1980, das mich als Jugendliche noch lange beschäftigt hat.
Und zumindest auf die Liste der zehn besten Bücher über Hunde wenn schon nicht auf die, „die in einem Trauerfall helfen“ hätte das herzzerreißende koreanische Bilderbuch Abschied von Aika gehört.

Man findet kaum etwas wirklich bisher Unbekanntes und Neues, ein bisschen gemein gesagt vertraut die Romantherapie auf altbewährte Hausmittel.

Die Darreichungsform ist umso süßer und patientenfreundlicher: In der hübsch aufgemachten Verpackung stecken liebevoll geschriebene Buchbeschreibungen und Empfehlungen, durch die sich aufs Schönste in eigenen Leseerinnerungen und –erlebnissen schwelgen lässt. Allein die bloße Erwähnung des einen oder anderen Romantitels katapultiert Leser in die Kindheit und Jugend zurück und lässt lange Vergessenes neu erleben. Das funktioniert fast so intensiv wie Gerüche, die ja im ältesten Teil der Erinnerungen abgespeichert sind und zu ganz verwegenen Sinneseindrücken führen können. Das macht die Romantherapie auf jeden Fall sehr charmant. Und lässt den abgeklärten erwachsenen Leser, auf den auch die Version für Kinder letztlich zugeschnitten ist, die reichlich naive Sicht, man könnte mit einem Buch überzeugte Nichtleser für Bücher interessieren, verzeihen. Es kann keiner ernsthaft glauben, dass bei den gesondert aufgeführten Leseleiden von „Aufmerksamkeitsspanne, kurze“ bis „Vorgelesen bekommen, es nicht wollen“ Tipps wie „Spielen Sie mit der Buchgröße“, also wahlweise überdimensionierte und winzige Werke in die kleinen Hände zu geben, oder eine die Einführung einer „Vorlesestunde für die ganze Familie“ Abhilfe schaffen kann. Als Mutter eines gerade 16-Jährigen, der nach intensiven Vorlesejahren, unter anderem aller Harry-Potter-Bände, freiwillig nie wieder ein Buch in die Hand genommen hat, weiß ich das realistisch einzuschätzen. Es gibt Leser. Und es gibt hartnäckige Nichtleser, die selbst erzwungene Schullektüre weitestgehend durch Sekundärliteratur und Interpretationshilfen aus dem Internet zu umgehen wissen.

Die Romantherapie für Kinder ist in erster Linie ein Metalesevergnügen für erwachsene Leser. Für lesehungrige Kinder und Jugendliche kann sie in der einen oder anderen Situation sogar hilfreich und heilsam sein. Und obwohl das nun wirklich nicht mehr mein Thema ist, werde ich einer Empfehlung gern folgen und mitfiebern, wenn die Autoren Tom Ellen und Lucy Ivison aus wechselnder Perspektive Sannah & Ham umeinander herumtänzeln lassen, beim Versuch ihre Jungfräulichkeit zu verlieren (Carlsen, Chicken House). Der Roman ist mir 2014 entgangen und scheint ganz besonders sympathisch und bezaubernd mit dem Thema umzugehen. Sex bleibt wahrscheinlich ein Leben lang kompliziert, ein bisschen Medizin zur Entspannung kann nicht schaden.

Elke von Berkholz

Ella Berthoud & Susan Elderkin, mit Traudl Bünger: Die Romantherapie für Kinder, Übersetzung: Katja Bendele und Kirsten Riesselmann, Insel Verlag, 2017, 372 Seiten, 20 Euro

Anleitung zum Hinterfragen

bernardyIm Grunde sind wir doch alle Philosophen, jedenfalls im Alter von vier oder fünf sind wir Meister im Fragenstellen. Erinnert Ihr Euch? Merkt Ihr es an Euren Kindern, Enkeln, Nichten oder Neffen? Ständig fragen sie: „Warum?“ Sei es aus Neugierde oder aus Protest, die Wissensgier der kleinen Menschen ist schier unerschöpflich.
Irgendwann werden diese Fragen weniger – vielleicht, weil man meint, die Welt nun endlich mal verstanden zu haben.
Nun ja, das ist hoffentlich nur eine Phase, die rasch wieder vergeht …

Damit Kinder gar nicht erst aus dem Fragemodus rauskommen, bieten sich Jörg Bernardys Philosophische Gedankensprünge ganz hervorragend an. In zehn Kapiteln liefert Bernardy neben philosophischem Grundwissen vor allem eins: Unmengen an Fragen. Die Antworten dazu bleibt er schuldig, und genau so soll es sein. Denn so animiert er die Leser_innen sich den wichtigsten Fragen des Lebens und Zusammenlebens zu stellen. Und eigene Schlüsse zu ziehen.

Es fängt scheinbar harmlos beim Ich an: Wer bin ich eigentlich? Was ist der Körper, was Geist, was Seele? Schon da kann man vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Was ist real? Was ist Projektion? Was ist der Mensch, was das Tier? Was ist schützenswerter? Und bevor man es richtig merkt, steckt man in ethischen Dilemmata, für die Philosophen seit Jahrtausenden nach Antworten und Lösungen suchen. Vermeintliche Sicherheiten, an die man sich möglicherweise seit Jahren geklammert haben, geraten auf einmal ins Wanken. Vielleicht muss man sich eingestehen, dass man doch nicht so viel weiß und dass es eben keine einfachen Antworten gibt.

Bernardy sensibilisiert jedoch nicht nur für Moral und Ethik, sondern thematisiert auch unseren Umgang mit Sprache und den neuen Medien. Mit manchmal durchaus provokanten Gedankenspielen regt er zum Nach-Denken der Dinge und Zustände an, die wir im Alltag mal so lässig über Smartphones in die Welt blasen. Was lösen unsere Worte aus? Was folgt aus ihnen? Was will ich mit meiner Selbstdarstellung erreichen?
Spätestens hier begreift auch der Letzte, wie wichtig philosophische Gedanken und Überlegungen für unser tägliches Leben sind – und das Philosophie kein abgehobenes Zeug für Intellektuelle und Professor_innen ist, sondern uns alle angeht: Sei es beim Einkauf im Supermarkt oder bei der Bewertung von Nachrichten und Medien.

In diesem Sinne sind die Philosophischen Gedankensprünge von Jörg Bernardy nicht nur etwas für Jugendliche, sondern auch für Erziehungsberechtigte, die sich auf die nächste Phase voller Fragen wappnen und für heiße Diskussionen am Abendbrottisch gut vorbereitet sein möchten.
Das wir alle als Gesellschaft aus diesen kommenden Diskussionen dann etwas haben werden, davon bin ich überzeugt, denn das einmal gestärkte Bewusstsein für das Hinterfragen von bestehenden Zuständen wird im Leben der jungen wie alten Leser_innen nicht mehr verschwinden. Es wird sich viel mehr auf unseren Umgang mit anderen Menschen, Tieren und Natur, unseren Konsum und unser Wahlverhalten auswirken.
Es gibt also Hoffnung auf eine andere Zukunft.

Jörg Bernardy: Philosophische Gedankensprünge, Beltz & Gelberg, 2017, 140 Seiten, ab 14, 16,95 Euro

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Kunstwerk mit Köpfchen

Neulich unterhielt ich mich sehr ernsthaft mit meiner fünfjährigen Nichte über Kopfschmerzen. Sie berichtete, dass sie eigentlich sehr genau weiß, was bei ihr Kopfschmerzen auslöst. Ich war beeindruckt. Denn das weiß ich bei mir selbst manchmal nicht.

Dass der menschliche Kopf eine geniale Angelegenheit ist und sowohl unsere Sprache, wie auch unsere Kunst beeinflusst, beweisen die Tschechen David Böhm und Ondrej Buddeus in ihrem Bilder-Sachbuch Kopf im Kopf, ins Deutsche übertragen von Doris Kouba.

In einer Mischung aus kurzen Texten und Bildern von menschlichen Köpfen in allen Formen, Farben und Arten erfährt man so allerhand, angefangen bei den Redewendungen, in denen wir alle Teile des Gesichtes – also Nase, Mund, Augen, Ohren, Lippen – für unsere Kommunikation nutzen.
Ausklappbare Seiten erzählen großformatig von den Vorgängen in unserem Gehirn, entführen ins fiktive Kopfland oder zeigen das Portfolio eines Detektivs in Sachen Phantombild. Halbe Seiten hingegen offenbaren, was hinter Masken, Tüchern, Burkas, Astronautenhelmen stecken kann. Und ganz nebenbei erfährt man die Geschichten von Phantomas oder oder El Hijo el Santo.

Zwischendrin erzählt ein auf dem Kopf stehender Comic vom Ettamogah, der in seinem riesigen Kopf all das Wasser der Erde sammelt und erst durch den Vogellippler dazu bewegt wird, es wieder freizugeben. Das ist definitiv rätselhaft, aber so ein Wonne zum Anschauen, zum Blättern und Erkunden, dass sich jede_r Betrachter_in seinen/ihren eigenen Kopf dazu machen kann.

Man findet Hinweise, wie man sich Zahlen leichter merken kann, findet gereimte (Un-)Sinnssprüche, bekommt eine Karte der Hirnarealen. Die Mischung aus physiologischen und psychologischen Fakten mit charmant witzigen Kopfbildern führt kleine Betrachterinnen ganz wunderbar an die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper heran. Und der menschlichen Sprache.

Und auch das Thema Kopfschmerz hat seinen Platz in diesem Buch. Ich werde das Buch   beim nächsten Besuch meiner Nichte zeigen, mal sehen, was sie davon hält…

Sehr zu recht ist dieses Kunstwerk für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 in der Sparte Sachbuch nominiert.

David Böhm & Ondrej Buddeus: Kopf im Kopf, Übersetzung: Doris Kouba, Karl Rauch Verlag, 2016, 120 Seiten, ab 4, 25 Euro

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Die Facetten der Frauenpower

Es hat in meinem Leben tatsächlich mal eine Zeit gegeben, da dachte ich, den Feminismus brauche ich nicht. Dabei war ich durchaus dankbar, dass die Frauen in den Generationen zuvor für Wahlrecht, Gleichberechtigung und Gleichstellung gekämpft hatten. Ich hielt es für selbstverständlich, die Errungenschaften zu genießen. Wie naiv ich war!

Natürlich schätze ich diese Rechte immer noch, sehe aber auch die Pflichten darin (zur Wahl zu gehen, beispielsweise, was jedoch für jede_n gilt, der in einer Demokratie lebt). Vor allem aber habe ich erkennen müssen, dass wir den Feminismus immer noch brauchen und dass jede von uns auf ihre Art dafür kämpfen muss. Was ich aber auch erkannt habe, dass es nicht nur einen Feminismus gibt, sondern jede Menge Strömungen, Moden und Facetten. Einen richtig guten Überblick, über das, was der Feminismus heute alles beinhaltet, liefert nun Sonja Eismann, Mitbegründerin des Missy-Magazins.

In Ene, mene, Missy! hat sie all die Vielfältigkeit der Frauenbewegung zusammengestellt und liefert die nötigen Hintergründe und Zahlen. Allein das Kapitel über die verschiedenen Feminismen machen deutlich, dass man heute eigentlich nicht mehr von „dem“ Feminismus reden kann. Automatisch fragt man sich beim Lesen: Bin ich Anarchafeministin? Cyberfeministin? DIY-Feministin? Oder marxistische Feministin? Mag sein, dass frau erst mal verwirrt ist, doch so zeigt sich, dass das Leben, auch das private, in jedem Fall politisch ist. Wir können dem nicht entgehen. So ist es sinnvoll, dass auch die heranwachsenden Mädchen genau wissen, wo und wie sie sich engagieren und unsere Gesellschaft zum Besseren verbessern können.

Eismann belässt es jedoch nicht nur bei den Kategorisierungen, sondern bietet zudem Hilfestellungen für die täglichen Anfeindungen, denen Mädchen und Frauen immer noch ausgesetzt sind, wenn sie ein selbstbestimmtes Leben führen wollen. So macht sie Vorschläge, was frau auf „die allerblödesten Fragen zum Feminismus“ antworten oder wie der Feminismus uns im Alltag helfen kann, wenn man gegen überkommene Rollenbilder und Schönheitsnormen angeht.

Die Mischung aus Rückblicken auf historische Protestformen, emanzipatorische Mode oder feministische Manifeste und den Statements prominenter Feministinnen der Gegenwart, macht die Lektüre abwechslungs- und aufschlussreich. Die Kapitel über Mansplaning, über den Male Gaze und den Bechdel-Test sensibilisieren für männliche Überlegenheitsstrategien und zeigen, wie frau dagegen vorgehen kann.

Diese Einführung in eine feministische Lebensweise mit all ihren Facetten, mit ihrer Kunst, ihrer Lebensfreude und ihrem politischen Anspruch sollte eigentlich jedes Mädchen lesen – und jeder Junge. Das Kapitel mit den Fragen an die Männer ist da der passende Anfang. Schließlich sollte feministische Aufklärung für alle Geschlechter gelten, denn nur so kann im Endeffekt ein friedliches und wahrhaft gleichberechtigtes Zusammenleben in Zukunft gelingen.

Aber vielleicht bin ich immer noch naiv.

Sonja Eismann: Ene, mene, Missy! Die Superkräfte des Feminismus, Fischer, 2017, 256 Seiten, ab 14, 12,99 Euro

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Frühjahrslesetage in Hamburg

lutherIn Hamburg gibt es ja so einige Lesefeste, das Harbour Front Literaturfestival, die Lange Nacht der Literatur und Lesefeste der Seiteneinsteiger, allesamt im Herbst. Nun versucht Rainer Moritz, der Chef des Hamburger Literaturhauses, ein neues Leseevent im Frühjahr zu platzieren. Vom 20. bis 26. April 2017 finden die „High Voltage“-Lesetage zum ersten Mal an verschiedenen Orten in der Hansestadt. Zwölf Veranstaltungen soll es insgesamt geben, unterstützt vom Stromnetz Hamburg.

Letzteres erinnert natürlich an die Vattenfall Lesetage, die nach heftiger Kritik wegen Greenwashing und Markenbranding 2013 zum letzten Mal stattfanden. Bereits 2011 gab es die 1. Anti-Vattenfall-Lesung, aus ihr entstanden die Lesetage „Lesen ohne Atomstrom“, die gerade zum 7. Mal stattgefunden haben – allerdings ziemlich unbemerkt von der Öffentlichkeit (an mir sind sie komplett vorbei gegangen…). Das lag vielleicht daran, dass nur sieben Lesungen stattfanden, die keine Kinder- und Jugendliteratur beinhalteten.

Anders sieht es bei den High Voltage Lesetagen aus. Die zwölf Veranstaltungen sind zu gleichen Teilen Kinderbüchern und Erwachsenenlektüre gewidmet. Eine ganz wunderbare Aufteilung, wie ich finde. So lesen immer vormittags Maja Nielsen, Ute Wegmann, Joachim Hecker, Uticha Marmon, Arne Rautenberg und Jan von Holleben für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren. Abends kann man Jostein Gaarder, Clemens Meyer, Sarah Bakewell, Zsuzsa Bánk oder Eva Menasse lauschen.

Zwei Bücher aus dieser kleinen, aber feinen Kinderbuch-Auswahl haben es mir angetan – und wenn ich nicht anderweitig vergeben wäre, würde ich zu den beiden Lesungen gehen. Passend zum Lutherjahr darf der Reformator natürlich nicht fehlen. Maja Nielsen hat ihm in ihrer Reihe „Abenteuer! Maja Nielsen erzählt“ einen Band gewidmet. Sie schildert das Leben von Luther in klar verständlichen Sätzen, erzählt von dem Leben vor 500 Jahren und macht die Zweifel und Ängste Luthers anschaulich, die ihn schließlich dazu brachten, sich gegen die katholische Kirche aufzulehnen. Margot Käßmann, Lutherbotschafterin 2017, liefert in kurzen Statements die heutige Sicht der Evangelischen Kirche zu ihrem Gründungsvater. Auch dies macht ganz gut deutlich, wie sehr eine Kirche und der Glauben auch in heutiger Zeit immer im Wandel sind.
Fotos von Luthers Wirkungsorten, Illustrationen von Anne Bernhardi und die Abbildungen von vielen Gemälden und Stichen zeigen Luther auf vielfältige Art, so dass sich schon für junge Lesende ein differenziertes Bild des Reformators ergibt.

wegmannEinen Tag nach Maja Nielsen liest Ute Wegmann aus ihrem Kinderbuch Dunkelgrün wie das Meer, das mir vergangenes Jahr leider durch die Lappen gegangen ist. Mit umso mehr Freude habe ich die zarte Geschichte von Linn jetzt gelesen.
Die Sommerferien stehen vor der Tür. Linn fährt wie jedes Jahr mit den Eltern nach Holland in ein Schiffshaus am Meer. Doch dieses Mal ist es nicht so schön wie sonst. Papa muss noch mal zurück in die Stadt, wegen der Arbeit. Mama ist sauer. Und auch Linns Ferienfreundin Smilla will dieses Mal gar nichts von ihr wissen.

Linn erkennt, dass auch in den Ferien nicht immer alles schön und unbeschwert ist. Manche Probleme von zu Hause verfolgen einen bis an den Strand. Vor lauter Kummer macht Linn einen langen Spaziergang und wird schließlich von einem heftigen Gewitter überrascht.

Ute Wegmann paart in ihrem Text die sommerliche Ferienhitze mit dem Unbehagen Linns über all die Veränderungen und schafft trotz der Trauer, die Linn empfindet, eine poetische Stimmung. Diese wird von den zarten dunkelgrün und orangen Illustrationen von Birgit Schössow ganz zauberhaft eingefangen. Man ahnt, dass es für Linn noch ein glückliches Ende gibt, auch wenn diese Erfahrung sie ein Stück reifer hat werden lassen.

Zwei ganz unterschiedliche Bücher, die jedoch die wunderbare Bandbreite des neuen Lesefests spiegeln. Möge es für die Macher von High Voltage diesmal keinen Ärger wegen ihres Sponsors geben. Ich werde das jedenfalls verfolgen.

Am 20. April liest Maja Nielsen um 10 Uhr in der Bramfelder Chaussee 130 in Hamburg, im Haus 12 des Betriebshof Stromnetz Hamburg. Ute Wegmann liest am 21. April um 10 Uhr am selben Ort. Der Eintritt kostet jeweils 4 Euro.

Das gesamte Programm der High Voltage Frühjahrslesetage findet sich hier.

Maja Nielsen: Martin Luther. Glaube versetzt Berge, Gerstenberg, 2016, 62 Seiten, ab 11, 12,95 Euro

Ute Wegmann: Dunkelgrün wie das Meer, Illustration: Birgit Schössow, dtv, 2016, 80 Seiten, ab 8, 12,95 Euro

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Neugierde ist Trumpf

sammelsuriumVor Jahren gab es Bücher mit Namen Schotts Sammelsurium, ein Quell von wild durcheinander gewürfeltem Wissen, in denen man nach Belieben hin und her blättern und immer etwas Interessantes oder Unbekanntes entdecken konnte. Die eine oder der andere wird sich erinnern.

Nun gibt es eine grafisch ganz wunderbar aufgemachte Variation dieses Prinzips für junge Lesende. Autor Richard Platt hat zusammen mit Illustrator James Brown auf je einer großformatigen Doppelseite 30 Themen zusammengestellt. Und zwar querbeet. Da erfährt man, wie (Seemanns-)Knoten geschlagen werden, aus welchen Teilen ein Fahrrad besteht, was für Bleistifte und Pinsel es gibt. Die vermeintlich so einfachen, unwichtigen Dinge unseres Alltags werden hier zu faszinierenden Kunstwerken. Allein die Variationen von Schrauben und Nägeln, die man im normalen Leben so gar nicht beachtet, sind beeindruckend.

Doch die Themen streifen auch komplexere Bereiche unseres Lebens. Den Aufbau des menschlichen Körpers aus Knochen und Organen, bis hin zum menschlichen Auge. So geht es von unserer eigenen Haut nach draußen in die Welt, in der wir uns mithilfe von verschiedenen Alphabeten verständigen. Beispielsweise durch die Buchstabier-, Morse- und Winkeralphabete, das griechische Alphabet oder auch durch das internationale Signalbuch.

Egal, ob man vorn anfängt oder kreuz und quer blättert, in diesem Sammelsurium bleiben Wissensdurstige immer an etwas hängen. Seien es die stylischen Infografiken, die auf jeder Doppelseite immer nur in einer eleganten Farbe gestaltet sind, oder die kurzen Texte, die mit Fakten und erstaunlichem Wissen vollgestopft sind.
Nach und nach entsteht unsere Welt mit (fast) all ihren faszinierenden Facetten. Selbst Themen, die für mich als Jugendliche total unverständlich oder dröge waren wie Chemie oder Mineralienkunde, entfalten hier eine gewisse Sogwirkung. Man möchte weiter schauen, mehr wissen, anfangen zu forschen, Schriften selbst malen, ein Musikinstrument lernen, ein Konzert besuchen oder einfach nur die Wolken anschauen.

Platt und Brown, in der geschmeidigen Übersetzung von Christiane Manz, gelingen eine Art von Wissensvermittlung, die Spaß macht und deren ästhetische Aufmachung an Eleganz kaum zu überbieten ist. Das ist auch für große Lesende schön und genauso spannend, denn hier erfährt jeder etwas Neues und wird neugierig gemacht auf die Welt da draußen.

Richard Platt: Das große Wissens-Sammelsurium, Illustration: James Brown, Übersetzung: Christiane Manz, Gerstenberg Verlag, 2016, 64 Seiten, ab 10, 19,95 Euro

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Wort- und Weltenschöpfer

lutherEin Thema, das uns durch dieses Jahr begleiten wird, ist das 500-jährige Jubiläum der Reformation.
Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen und krempelte die bis dahin herrschende Religionswelt um.
Da ich im katholischen Kontext groß geworden bin, habe ich von dem Schaffen Luthers und der Entstehung des Protestantismus nur rudimentäre Kenntnisse. Mit umso mehr Interesse habe ich daher die Biografie von Christian Nürnberger und Petra Gerster über den Reformator gelesen.

Die beiden Autoren setzen darin den Menschen Martin Luther in Bezug zu einer Zeit und seiner Umwelt. Die jugendliche Rebellion gegen den Vater, die Suche nach Sinn und Gott lassen Luther ins Kloster eintreten. Von dort aus bricht er in relativ kurzer Zeit die verkrusteten Strukturen der katholischen Kirche auf, indem er gegen Ablasshandel, Machtgier und Protz wettert. Soweit, so bekannt. Erstaunlich war für mich viel mehr, dass Luther sich von den Umbrüchen, die in seiner Zeit zahlreich und fundamental waren (die Entdeckung Amerikas, die Kopernikanische Wende, der Humanismus), sich nicht hat beeinflussen lassen. Er blieb einem mittelalterlichen Gedankenkomplex verhaftet – und hat sich dennoch nicht der Macht des Papstes gebeugt.
Nürnberger und Gerster beschreiben Luthers Taten und Überzeugungen in einem locker, journalistischem Ton, sodass man durch die Seiten fliegt (an manchen Stellen hört man allerdings den Sprech der heute-Nachrichten von Petra Gerster ziemlich durch – das muss man mögen oder akzeptieren, um sich nicht vom Inhalt ablenken zu lassen). Die Autoren klären zudem über die Mythen um Luther auf (er hat die Thesen nicht an die Tür der Kirche genagelt) und widmen auch seiner Frau Katharina von Bora und ihren Verdiensten ein Kapitel.

Als Übersetzerin haben mich besonders die Erläuterungen zu Luthers Übersetzung der Bibel erfreut. Vor allem seine wortschöpferische Tätigkeit stellen Nürnberger und Gerster heraus und zeigen auf, welche Worte und Redewendungen, die uns heute ohne großes Nachdenken über die Lippen kommen, Luthers Kreativität entsprungen sind (beispielsweise Denkzettel, Gewissensbisse oder Feuereifer, der Wolf im Schafspelz oder ein Herz und eine Seele). Der Übersetzer Luther zerbrach sich aber nicht nur das Hirn, sondern recherchiert auch ganz praktisch vor Ort und ließ sich beispielsweise vom Metzger die Teile eines Lamms erklären, um die Tieropfer im Alten Testament genau beschreiben zu können.
Das könnte als Leitbild für Übersetzende dienen – wenn meine werten Kolleg_innen das nicht schon längst machen würden. Viel schöner wäre es natürlich, wenn die Mühen und Arbeiten von Übersetzer_innen generell von Lesenden und Kritikern so gewertschätzt würden. Doch ich schweife ab…

Für dieses große Luther-Jahr ist das Buch von Christian Nürnberger und Petra Gerster für Jugendliche eine perfekte Einführung in das Thema Reformation. Neben den historischen Begebenheiten um den Menschen Martin Luther bekommen sie ein Bewusstsein für den Einfluss von Kirche, eigentlich egal welcher. Sie erfahren, wie sehr unsere Gesellschaft durch unsere christlichen Wurzeln geprägt ist, und wie weit wir als Gesellschaft doch offen sein können und müssen für andere Glaubensrichtungen.
Das Einzige, was dem im Buch nicht zuträglich ist, ist eine Passage, in der der Anteil der protestantischen Politiker in unserer Regierung aufgelistet wird. Da schimmert dann doch kurz ein „Wir-sind-besser“ auf – was überhaupt nicht nötig gewesen wäre.

Christian Nürnberger/Petra Gerster: Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten, Illustrationen: Irmela Schautz, Gabriel Verlag, 2016, 208 Seiten, ab 13, 14,99 Euro

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Mit Tampons jonglieren

tage

Okay, ich gehöre definitiv nicht mehr zu der Generation, die noch mal ganz unverblümt über ihre Menstruation sprechen wird. Zu sehr habe ich die verschämte Sprachlosigkeit über das ganz natürliche Vorgehen im weiblichen Körper in den vergangenen Jahrzehnten verinnerlicht. Ich tue mich also schwer.

Umso mehr beneide ich jetzt die jungen Mädchen, die mit dem Buch Ja, ich habe meine Tage! So what? der schwedischen Bloggerin Clara Henry ein Manual an die Hand bekommen, das mal Klartext redet.

Clara Henry nimmt kein Blatt vor den Mund. Locker und wunderbar schnodderig – hier gilt der Dank der Übersetzerin Kerstin Schöps – erklärt sie die Vorgänge in der Vagina, die Auswirkungen auf Körper und Psyche, wenn ein Mädchen seine Tage hat, wenn sie blutet, menstruiert, ihre Regel hat. In persönlichen Anekdoten erzählt sie von ihrem eigenen Umgang mit Schmerz, durchgebluteten Unterhosen und Schokoladengelüsten, weil Schokolade einfach gut tut. Sie erörtert die Unterschiede zwischen Binden, Slipeinlagen, Tampons und Menstruationstassen. Das macht sie mit Witz und Selbstbewusstsein. Ich hätte dieses Buch gern als Teenagerin gehabt, dann hätte ich vielleicht nicht Jahre gebraucht, um einen entspannten Umgang mit diesen roten Tagen zu erlangen. Allein dafür ist Henrys Buch schon eine wichtige Lektüre.

Was jedoch fast noch wichtiger ist, als die rein hygienischen Maßnahmen, die frau treffen sollte, ist die Haltung, die Henry vermittelt. Sie liefert den Mädchen beispielsweise selbstbewusste Antworten und Entgegnungen, die frau all denen liefern kann, die sexistische, verachtende, frauenfeindliche, herabwürdigende oder lächerlich-machende Bemerkungen fallen lassen. Dabei zieht sie gleichzeitig gegen herrschende frauenverachtende Körperbilder ins Feld. Sie macht klar, dass es durchaus okay ist, sich nicht zu rasieren. Egal wo. Der Körper eines Mädchens, einer Frau ist vollkommen in Ordnung, so wie er ist, groß, klein, dick, dünn, kurvig, flach. Jedes Körperteil an einem weiblichen Körper ist in Ordnung, so wie es ist. Hört sich banal an, kann aber in diesen Zeiten des schönen Scheins gar nicht oft genug wiederholt werden. Kein Mädchen sollte sich angeblichen Schönheitsidealen unterwerfen müssen, keine sollte sich von Versprechungen der Werbung beeinflussen lassen, alle sollten selbstbewusst sagen können: Ja, ich habe meine Tage!

Clara Henry macht den Mädchen Mut, die Herrschaft über ihren Körper zu behalten. Sie allein bestimmen, wann sie Sex haben wollen, ob sie ihn überhaupt haben wollen. Sie entscheiden, ob sie sich einem Ideal unterwerfen wollen. Und so sollten sie sich nicht im Geringsten dafür schämen, wenn sie ihre Tage haben, einen Tampon oder eine Binde wechseln müssen. Viel mehr schlägt Henry vor, mit den Tampons auf dem Weg zur Toilette gut sichtbar zu jonglieren, die frischen Binden offen in der Hand zu halten und in Lokalen, in denen man nichts konsumieren will, ganz locker zu sagen: „Entschuldige. Mein Tampon läuft aus. Kann ich bei euch auf die Toilette gehen? Vielen Dank.“ Ich finde das herzerfrischend.

Bei all diesen Tipps und Hinweisen macht Henry aber auch klar, dass die Menstruation nicht unbedingt als Ausrede herhalten kann. Es geht nicht darum, sich hängen zu lassen, sondern einen bewussten und entspannten Umgang mit dem Zyklus zu finden, die Rote-Bete-Woche mit Freuden zu begrüßen und sich über dieses Zeichen der eigenen Fruchtbarkeit zu freuen.

Ich hätte all dies so gern viel früher gelesen.

Clara Henry: Ja, ich habe meine Tage! So what?, Übersetzung: Kerstin Schöps, Beltz, 2016, 196 Seiten, ab 13, 16,95 Euro

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