Die Wochenration Lyrik

Kinder KalenderEs gibt viele Arten, wie man Kinder an Poesie heranführen kann. Eine der schönsten ist für mich der Arche Kinder Kalender. Jetzt wieder zu haben für 2017.

Wie in den Jahren zuvor hat die Internationale Kinderbibliothek in München wieder mit feinem Gespür entzückende Gedichte mit ebenso wunderschöne Illustrationen aus aller Welt zusammengestellt. Jedes Wochenblatt brigt etwas Überraschendes, Fröhliches, Urkomisches, aber auch Nachdenkliches. Denn in diesen Mikrogeschichten eröffnen sich ganze Welten, zeigen sie doch, was in den verschiedenen Ländern von Italien bis China, von Portugal bis Russland, was also rund um den Globus die Menschen so sehr bewegt, dass sie es in einem Gedicht würdigen.

Das können fantastische Wesen wie der Drachen-Veteran, aber auch kulinarische Grundnahrungsmittel wie die Rote Bete oder Papadam sein. Oder aber die täglichen Ängste der Schüler vor dem Unterricht. Die Musik des Aprilregens wird genauso aufgeführt wie der Blumenreigen in einem Garten. Mäuse spielen Fußball, Schwäne ziehen über das Meer. Man kommt ins Träumen und fängt selbst an zu reimen, zu dichten. Ich möchte am liebsten meinen hopsenden Eichhörnchen im Baum vor dem Küchenfenster ein paar Zeilen widmen.

Wie schon vor zwei Jahren erfreut mich auch dieses Mal wieder, dass die Originalgedichte wie immer mitabgedruckt sind. Es würdigt die Autoren, aber im gleichen Maße die vielen vorzüglichen Übersetzer_innen, die großartige Lösungen für diese kondensierten Inhalte gefunden haben.
Aber gerade bei den Sprachen mit anderen Buchstabenschriften wie dem Kyrillischen, aber auch bei Chinesisch, Koreanisch oder bei den runden indischen Malayalam-Buchstaben, schaut man zudem die Gedichte selbst wie Bilder an. Manches Mal werden sie sogar Teil der Illustrationen, was ihre Schönheit doppelt unterstreicht. Im kommenden Jahr werde ich mit meiner dann fünfjährigen Nichte mal erkunden, wie das auf die Zielgruppe wirkt.

Sicher ist, dass die Kinder ein Gespür für Poesie entwickeln werden. Denn sie finden hier nicht nur gereimte Verse, sondern auch freie Formen und manch auf den ersten Blick rätselhafte Zeilen. Da werden dann die Gehirnwindungen gefragt sein, dem Gelesenen einen Sinn zu geben – oder vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall werden sie erfreuen, bewegen, anregen. Manch Baum wird vielleicht im Juni vorsichtiger bestiegen werden, damit Mama sich keine Sorgen mehr machen muss. Und Ende September sprudelt es möglicherweise aus den Kindern selbst heraus, denn dort gibt es eine leere weiße Seite, die mit Worten, Versen und Bildern gefüllt werden möchte.

Ich freue mich, dass ich diesen Begleiter durch das kommende Jahr bei mir aufhängen kann, und wünschte, dass er in möglichst vielen Kinderzimmern ebenfalls seinen Platz findet.

Arche Kinder Kalender 2017. Mit 53 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt. Herausgegeben und ausgewählt von der Internationalen Kinderbibliothek München, Arche Kalender Verlag, 2016, ab 5, 18 Euro

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Licht aus, Film ab!

lichternKurzfilme gelten nur als Fingerübung junger, angehender Regisseure, bevor diese den ersten „richtigen“, abendfüllenden Spielfilm drehen können. Kurzgeschichten werden ebenfalls gering geschätzt. Im Gegensatz zum angloamerikanischen Sprachraum genießt die knappe Erzählform hierzulande wenig Anerkennung als eigenständige, literarische Form; noch weniger, wenn sie „nur“ von Kinder- und Jugendbuchautoren geschrieben wurde, also Schriftstellern, die ohnehin belächelt werden.

Der Kurzgeschichtenband Hinter den Lichtern lässt das vernachlässigte Genre in neuem Glanz erstrahlen. 18 Autoren, darunter bekannte wie Frank Goosen, Antje Wagner und Nils Mohl haben Originalstories extra für die von Christian Walther herausgegebene Anthologie geschrieben.

18 Geschichten, 18 Parallelwelten, 18 mal Kopfkino, nicht nur in Elisabeth Steinkellners gleichnamiger Geschichte um Eifersucht, Betrug und das Erstarren einer Liebe.

Wir begeben uns auf eine spannende und skurrile Vatersuche, gleichzeitig eine Neuinterpretation des Schubladendenkens, wir erleben Selbstfindung in der Ferne und Entfremdung zu Hause. Eine in ungewöhnlichen Zeitsprüngen erzählte Liebesgeschichte entlarvt Geschlechterklischees. Ein getriezter Gymnasiast verstrickt sich in einen makabren Krimi. Eine neue Superheldin lässt nicht nur Herzen entflammen. Reisen durch Traum und Zeit. Nicht zuletzt geht es auch um die Zeit des Übergangs, um Orientierungslosigkeit und Sinnsuche, zum Beispiel der „Ex-Einserschülerin, der Ex-Person mit großer Zukunft“, die sagt: „Der Schulhof war meine Welt“, und die jetzt, verstoßen von dieser Welt, nicht weiß, wo sie hin soll.

Geschichten von Vertrauen und Verrat, von geträumten Heldentaten und albtraumhaften Verhältnissen, von der Lebendigkeit der Jugend gegen die sedierte Abgeklärtheit der Erwachsenen. Geschichten die neugierig machen, die rühren, verstören und nach Mehr schreien.

Diese Sammlung beinhaltet eine Fülle literarischer Rohdiamanten: Und während das Vorwort des prinzipiell lobenswerten Herausgebers und Germanisten Christian Walther etwas verwackelt und bildschief wirkt, sind viele der stories zu funkelnden Edelsteinen geschliffen, mit brillant entworfenen Charakteren und Figurenkonstellationen, raffiniert geschnittenen Szenen und besonderem Ton.

Hinter den Lichtern, das sind einerseits die im Dazwischen, in der Übergangszone, im Zwielicht – übrigens, soviel Zeit muss jetzt sein für einen kleinen Seitenhieb, das beste an der ganzen erzkonservativen, ansonsten überhaupt nicht ambivalenten Twilight-Saga ist der Titel. Die Geschichten blicken hinter das Vordergründige, Ausgeleuchtete, Eindeutige. Andererseits beschreibt das „dahinter“ auch die Perspektive derjenigen hinter dem Filmprojektor, auf deren innerer Leinwand die Erzählungen lebendig werden.

Hinter den Lichtern ist ein Buch für „eigentlich-Nicht-Leser“, für Bildermenschen.

Licht aus, story ab! Ganz großes Kino!

Elke von Berkholz

Hinter den Lichtern – 18 unglaubliche stories, Christian Walther (Hrsg.), Beltz & Gelberg 2016, 264 Seiten, ab 14, 13,95 Euro

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Bilder gegen Neonazis

drei steineBrutal zusammengeschlagen liegt ein Junge auf dem siffigem Fußboden eines Schulklos. Seine Schulsachen sind ausgekippt, an den Wänden Kritzeleien, die Comicfigur Werner, BVB Logo, ein verdrehtes Hakenkreuz.

Mit dem Titelbild seiner autobiographischen Graphic Novel Drei Steine springt Nils Oskamp direkt in die Geschichte: Dortmund-Dorstfeld in den 80er Jahren. Zechen werden geschlossen, mit der Stahlindustrie geht es bergab, die Arbeitslosigkeit steigt und die rechtsradikale Szene erstarkt.

Der Schüler Nils Oskamp hat bei den immer lauter werdenden, faschistischen Parolen an seiner Schule nicht weggehört und den Neonazis seine Meinung gesagt – und hätte das fast mit dem Leben bezahlt. Doch die rechte Gewalt hat ihn nicht mundtot gemacht – im Gegenteil: Statt den Neonazis mit den gleichen Mitteln zu begegnen und die Spirale der Gewalt weiterzudrehen, schlägt der Illustrator jetzt mit Drei Steine zurück.

Seine Geschichte zeigt, dass man sich wehren muss. Vor allem wird deutlich, wie gefährlich die Rechtsradikalen waren und immer noch sind. Und wer dachte, dass die Neonazi-Szene früher nur im repressiven DDR-Staat gedeihen konnte und wie aus dem Nichts mit der Wiedervereinigung über Deutschland hereingebrochen ist, dem werden mit diesen Szenen aus Dortmund, einer Hochburg der Rechtsradikalen seit Jahrzehnten, unmissverständlich die Augen geöffnet.

Zur Story: Oskamp, der auch Trickfilm studiert hat, beherzigt die alte Filmregel, mit einer Explosion zu beginnen und sich dann langsam zu steigern. Gleich auf dem Vorsatzpapier knallt es: Mit einem gewaltigem „BÄÄM“ wird ein riesiger Förderturm gesprengt und kracht in sich zusammen. Das Ende von Bergbau und Stahlindustrie im Ruhrgebiet Anfang der 80er Jahre. Und dann gerät der Leser unvermittelt in einen Albtraum: Mehrere Skinheads mit Baseballschlägern treiben einen Teenager in eine Falle, prügeln und treten auf ihn ein. Es ist ein wiederkehrender Albtraum, aus dem der Erzähler Nils Oskamp erwacht, geweckt von seinem kleinen Sohn Tom. Der ist nach einem Schulfreund Oskamps benannt, und jetzt erzählt der Vater seinem Jungen die Geschichte.

Die gegenwärtige Rahmenhandlung ist in warmen Sepiatönen gehalten. Die eigentliche Geschichte in kaltem Blau-Grau. Die Atmosphäre ist sofort so bedrückend wie das Geschehen. Als 14-Jähriger erlebt Oskamp, wie Mitschüler rechtsradikale Parolen grölen, ungeniert antisemitische Meinungen äußern, die Nazidiktatur verherrlichen und Wände mit Hakenkreuzen beschmieren. Er beobachtet, wie Altnazis Kinder für „kameradschaftliche“ Freizeitaktivitäten anwerben. Im Geschichtsunterricht verbreitet der Lehrer, früher Wehrmachtssoldat und Ostfrontkämpfer, angefeuert von interessierten Schülern, ungehemmt revanchistisches Gedankengut. Nils Oskamp kann und will das nicht hinnehmen. Seine vermeintlich neutralen Mitschüler lachen zwar, wenn er Paroli bietet, sich Wortgefechte liefert und aus dem Unterricht fliegt. Aber er ist isoliert und bleibt im unfairen Kampf gegen die Neonazis allein.

Die Gewalt, die die Faschos ausüben, um Andersdenkende mundtot zu machen, ist erschütternd anzusehen. Das sind nicht nur Einschüchterungen. Bei „mundtot“ liegt die Betonung auf dem zweiten Teil, so brutal und hemmungslos wie die Schläger auf ihre Opfer einprügeln. Da gibt es keine Anzeichen von Mitgefühl, Empathie oder Verständnis für den Schmerz des anderen. Ihre Ideologie scheint alle diese Emotionen auszuschalten und jedes Mittel zu rechtfertigen.

Fast ebenso schlimm und wirklich übelkeitserregend ist das Weggucken Außenstehender. Passanten drehen sich weg, Fenster werden geschlossen, Lehrer verkennen Tatsachen und Zusammenhänge. Als auf Oskamp in seinem Elternhaus durch ein Fenster geschossen wird, verharmlosen Polizisten den Anschlag als Luftgewehrstreich und „am Sonntag kommt die Spurensicherung nicht“. Richter ahnden rechtsradikale Verbrechen als Straftaten Minderjähriger und verurteilen Gewalttäter, falls es überhaupt zur Anzeige und einem Verfahren kommt, zu geringen Bewährungsstrafen. Oskamps Eltern sind von familiären und finanziellen Problemen absorbiert.

Das ist wirklich schwer auszuhalten und macht ungeheuer wütend. Nur Tom, eigentlich ein Kumpel seines ebenso ignoranten, älteren und pseudocoolen Bruders, hilft Nils gegen die Neonazis und haut ihn auch mal aus einer brenzligen Situation raus. Kurzzeitig war Tom selbst für die „kameradschaftlichen“, sportlichen Verlockungen der rechtsradikalen Verbände empfänglich, aber sein Verstand hat ihn vor falschen Freunden und deren kranken Ideologien bewahrt.

Umso erstaunlicher und bewundernswerter, dass Oskamp noch als Jugendlicher in einem entscheidenden Moment innehält, nicht mit dem Stein in seiner Hand zum finalen Schlag ausholt, sondern beschließt, mit anderen Mitteln und einer anderen Sprache zu kämpfen. Davon erzählt seine Graphic Novel Drei Steine sehr eindringlich.

Nur wie die Nazis ihre Propaganda so effektiv verbreiten können und was Menschen dafür so empfänglich macht, wird in dieser Geschichte nicht deutlich, insbesondere für jüngere Leser, die wenig von den gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen wissen. Oskamp erzählt aus der Perspektive eines 14-Jährigen. Auch der ausführliche Informationstext am Ende des Buchs ist eher eine zeitgeschichtliche Rekapitulation der erstarkenden Neonaziszene in Dortmund und Westdeutschland.

Drei Steine ist ein starkes Buch, eine eindringliche Graphic Novel. Es ist nur zum Kotzen (sorry für die deutlichen Worte), dass solche Geschichten immer noch und immer wieder erzählt werden müssen.

Elke von Berkholz

Nils Oskamp: Drei Steine, Panini Comics, 2016, 160 Seiten, ab 13, 19,99 Euro

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[Jugendrezension] Die unsichtbare Freundin

lunaWillst du wirklich eine Prinzessin wie Luna-Lila als Freundin haben, so wie Wilma in dem Buch Luna-Lila – Das allergrößte Beste-Freundinnen-Geheimnis von Anu und Friedbert Stohner?
Überlege es dir gut, denn nicht alle Prinzessinnen sind lieb und immer gut gelaunt …

Eine von diesen launischen Prinzessinnen ist Luna-Lila, die im Übrigen für alle Menschen unsichtbar ist, allerdings nicht für Wilma, ihre Freundin. Wilma hat seit ein paar Wochen Probleme, die sich um ihre oberfiesen, neuen Mitschüler, die Zwillinge und „Klassenmacker“ Ulli und Olli drehen. Die Beiden machen sich dauernd wichtig, ärgern ihre Klassenkameraden und setzen sie unter Druck. Eines Morgens verschwindet dann auch noch der Darth-Vader-Anspitzer der Jungen, die Wilma und ihre Freundin Ellen beschuldigen, den Anspitzer – ein wichtiges Erinnerungsstück, weggenommen zu haben. Zum Glück hat Luna-Lila einen Plan, wie sie ihrer Freundin helfen kann.
Allerdings funktioniert der Plan nicht genau so, wie sie es sich vorgestellt hat … denn manchmal kommt es eben anders als man denkt!
Was genau das für ein Plan ist und ob Wilmas Probleme gelöst werden können, das müsst ihr selbst herausfinden.

Das Buch hat mir gut gefallen, da es interessant und witzig und an manchen Stellen auch spannend war. Durch die genauen Beschreibungen konnte ich mir die Orte, an denen die Kinder unterwegs waren, sehr gut vorstellen.
Ich empfehle dieses Buch vor allem Mädchen im Alter von 7 bis 10 Jahren, die sich für das Thema Freundschaft interessieren und die sich vielleicht „im Geheimen“ manchmal auch einen unsichtbaren Helfer wünschen …

Lese-Lotta (8)

Anu Stohner/Friedbert Stohner: LunaLila. Das allergrößte BesteFreundinnen-Geheimnis, Illustration: Pe Grigo, Sauerländer, 2016, 176 Seiten, ab 8, 10,99 Euro

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Unantastbar

einsMenschen, die körperlich nicht den vermeintlichen Normen entsprechen, lösen oftmals ein voyeuristisches Bedürfnis bei uns allen aus. Man möchte schauen, vergleichen, sich abgrenzen, sich möglicherweise besser oder überlegen fühlen. Eine Geschichte, die solche Bedürfnisse auslösen könnte, hat jetzt die Britin Sarah Crossan vorgelegt. In Eins erzählt sie von den siamesischen Zwillingen Grace und Tippi.

In der Erwachsenen-Belletristik gibt es einige Romane zu diesem Thema, doch für Jugendliche ist es meines Erachtens das erste Buch, das sich mit der Lebenswelt von siamesischen Zwillingen befasst (korrigiert mich, wenn ich falsch liege). Crossan schildert die beiden 16-jährigen Mädchen als ziemlich normale Persönlichkeiten, obwohl sie an der Hüfte zusammengewachsen sind. Jede der beiden hat ihren eigenen Kopf, ihre eigenen Vorstellungen. Und sie haben eine Familie, die wie viele andere auch mit Problemen wie Arbeitslosigkeit, Alkohol- und Magersucht zu kämpfen hat. Jedes dieser Probleme ist an sich schon harter Tobak.

Wie schon in Crossans Werk Die Sprache des Wassers erzählt die Autorin die Geschichte in freien, also ungereimten Versen, erneut von Cordula Setsmann in geschmeidiges Deutsch gebracht. Jedes Wort bekommt durch die typografische Setzung, die die Worte manchmal kaskadenartig verschiebt, ein zusätzliches Gewicht. Und bleibt trotz der Schwere der Thematik ganz leicht.

Tippi und Grace, benannt nach Alfred Hitchcocks Lieblingsschauspielerinnen, müssen ab August eine öffentliche Schule besuchen, denn die Spendengelder bleiben aus, so dass die Schwestern nicht mehr zu Hause privat unterrichtet werden können. Natürlich werden die Mädchen in der neuen Schule angestarrt, mit unschönen Sätzen bedacht, aber sie finden auch zwei richtig gute Freunde, die den beiden einen Hauch von Normalität vermitteln.
Als dann jedoch auch die Mutter ihren Job verliert und die Familie fast schon das Haus verkaufen und fortziehen muss, treffen Tippi und Grace ein schwierige, aber lukrative Entscheidung.

Crossan gestaltet die Mädchen so liebevoll, dass sie dem Leser unweigerlich ans Herz wachsen, ihn aber auch ständig damit konfrontieren, wie es wäre, wenn man IMMER jemanden so dicht an seiner Seite hätte. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Ich kann es mir aber auch im normalen Leben kaum vorstellen, ständig mit einem einzigen Menschen zusammen zu sein. Doch im Laufe der Lektüre entwickelt man ein Gefühl und eine gehörige Portion Verständnis für die Heldinnen. Da Grace als Ich-Erzählerin agiert, schaut man quasi hinter die Fassade, lernt die beiden von innen heraus kennen. Grace bewirkt, dass die Zwillinge nicht als Freaks angesehen werden, sondern als gleichberechtigte Menschen, deren Entscheidung, nicht getrennt werden zu wollen, man mit Respekt begegnen muss.
In diesem Moment stehen Tippi und Grace dann für alle Menschen in dieser Welt, die nicht irgendwelchen blöden Normen entsprechen, und sei es, weil sie eine zu große oder zu kleine Nase haben.

So selbstverständlich es sein sollte, dass man sein Gegenüber nicht nach einer Nanosekunde aufgrund seines Äußeren beurteilen sollte, so wichtig ist es, genau dies in Zeiten von medialem Schönheitswahn, aber auch medialer Vorverurteilung aufgrund von Herkunft, Haut-, Haar- und Augenfarbe sowie Glauben, immer und immer wieder zu betonen, durchzuspielen und in neuen Varianten wie in diesem besonderen Buch zu diskutieren. Denn wir alle vergessen viel zu oft und viel zu schnell, dass es letztendlich immer und ausschließlich um das Eine geht:

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Sarah Crossan: Eins, Übersetzung: Cordula Setsmann, mixtvision, 2016, 424 Seiten, ab 12, 16,90 Euro

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Hinter der Fassade

prinzessinManchmal bin ich ratlos. Wie soll man ein Buch beschreiben und empfehlen, dass einen in den Bann zieht und gleichzeitig unendlich traurig ist?
Das ist der Fall bei Inken Weiands Roman Ich bin eine Prinzessin.

Darin erzählt sie die Geschichte von Mellani und ihren zwei Geschwistern. Sie leben in einer Familie, die kein Glück kennt. Der Vater trinkt, ist gewalttätig und ohne Arbeit. Die Mutter kann die Kinder nicht schützen, sie wird selbst gewalttätig. Sie kann nicht einmal sich selbst schützen, sucht Schutz und Liebe bei einem anderen Mann.
Mellani wird misshandelt. Sie kann nichts dagegen tun, sie deckt die Mutter, die sie gegen die Heizung geschlagen hat. Denn sie hat Angst in ein Kinderheim zu müssen, aus dem sie nie wieder herauskommt. Mellani übersteht den Horror nur, weil sie sich in eine Fantasiewelt flüchtet, in der sie die Prinzessin ist. In dieser Traumwelt ist alles schön, alle sind lieb und zuvorkommend zu Mellani. Dort hat sie Würde und übernimmt die Verantwortung für „ihr Volk“. Mehr und mehr kümmert sie sich um die Geschwister, versucht, ihnen wenigstens ein bisschen Essen zu besorgen, und geht mit ihnen zur Jugendstunde in der Gemeinde, weil es da Kekse gibt. Gegenüber den Damen vom Jugendamt spielt sie die häusliche Situation herunter. Erst als die Lage zu Hause zu eskalieren droht, ist Mellani bereit, Hilfe zu suchen …

Mellanis Geschichte ist keine schöne Geschichte. Keine, die man Kindern zu lesen geben möchte, und doch eine, die vermutlich viel zu oft in unseren Landen tatsächlich passiert. Weiand schreibt stringent aus der Perspektive Mellanis, erzählt von der Verwahrlosung, dem Hunger, dem Problemviertel, in dem die Familie lebt. Man ist als Leser dicht bei Mellani, erlebt ihre Ängste, Sorgen, versteht, warum sie handelt, wie sie handelt, und leidet doppelt, weil man weiß, dass es Hilfe gäbe.
Doch man verzweifelt auch fast, weil so viel schief läuft: Das Jugendamt lässt sich mit Ausreden abspeisen, ein düsteres Gespensterbild, das Mellani malt, wird zwar als ausdrucksvoll bewertet, doch nicht als Hilferuf gesehen. Da möchte man die Erwachsenen schütteln und rufen: „Macht doch mal die Augen auf.“ Es ist ehrlich frustrierend, weil man weiß, dass man manchmal nicht helfen kann.

Und genau deshalb habe ich so lange gebraucht über diesen preisgekrönten Roman zu schreiben. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Buch für Kinder ist. Möglicherweise kann es betroffene Kinder trösten, andere jedoch durchaus schockieren. Erwachsenen kann es möglicherweise eine Hilfestellung sein, wie es in misshandelten und traumatisierten Kindern aussieht, wie sie sich zu schützen versuchen. Mag sein, dass es beim Umgang mit solchen Kindern weiterhilft. Ich muss sagen, ich kenne mich da zu wenig aus. Beschwingte Unterhaltung ist dieser Roman auf jeden Fall nicht. Er legt den Finger auf eine wunde Stelle in unserer Gesellschaft, erzählt von den misshandelten Kinder, die viel zu oft allein gelassen werden.
Weiands Roman ist trotz allem packend und hält einen auch nach der Lektüre noch lange im Bann. Er löst intensive Gefühle aus, macht nachdenklich und eben auch ratlos.

Sicher ist aber auch, dass dieser Roman ein großartiges Stück Literatur ist.

Inken Weiand: Ich bin eine Prinzessin, Ruhland Verlag, 2014,  94 Seiten, ausgezeichnet mit dem Kinder- und Jugendliteraturpreis des Landes Steiermark 2012, 14,80 Euro

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Kinderland ist abgebrannt …

mawilAm kommenden Wochenende nun jährt sich der Mauerfall. Zum 25. Mal. Wie in den vergangenen Jahren auch versuche ich mich dann immer zu erinnern, wo ich am 9. November 1989 war. Aber da ist nur ein Loch in meinem Hirn. Dieses Jahr werde ich in Barcelona weilen, während in Berlin der ehemalige Mauerstreifen illuminiert wird. Man kann eben nicht alles haben. Leider. In all dem Erinnerungsmarathon ist mir jedoch etwas ganz Feines in die Hände gefallen: Kinderland von Mavil.

Das Sandmännchen und Pittiplatsch im ersten Panel weisen den Weg: in eine Kindheit in der DDR. Drei Panels weiter steht eine blau-weiße Schlumpffigur im Setzkasten – und schon ist man als Leser im widersprüchlichen Kosmos von Mawils Graphic Novel gefangen. Darin erzählt er die Geschichte von Mirco Watzke, 13 Jahre.
Der Junge geht in die siebte Klasse, in einer Schule in Ostberlin, im Sommer 1989. Er ist ein guter Schüler, der nur zu spät kommt, wenn der Bus mal ausnahmsweise eine Umleitung fahren muss. Er ist Mitglied bei den Jungen Pionieren, sportlich unbegabt, sammelt Briefmarken und ist Messdiener in der Kirche, also eher von der unauffälligen Sorte, Typ Außenseiter. Das ändert sich, als in der Parallelklasse Torsten auftaucht. Der ist laut, selbstbewusst und kein Pionier. Das Tischtennis bringt die beiden Jungs zusammen. Gemeinsam wollen sie ein Turnier organisieren, aus Anlass des Geburtstages ihrer Pionier-Organisation. Was nicht auf die Begeisterung der Lehrerin stößt.

In diesem Sommer, zwischen Nacktbaden am See, lästiger Klassenfahrt mit fiesen Streichen, Morgenlatte und ersten hormonellen Verwirrungen beim Anblick von Mädchen, dringen nach und nach die Veränderungen, die im Land vor sich gehen, in Mircos Bewusstsein. Torstens Vater ist in den Westen abgehauen, weshalb der Junge nie im Leben dorthin will. Mircos Eltern unterhalten sich über die Fluchtversuche von Freunden, was der Junge vom Flur aus belauscht. Erst fehlt eine Mitschülerin in der Schule, später sogar eine Lehrerin. Mirco nimmt es wahr, ahnt aber nichts von der Gefahr, die hinter allem immer lauert. Das macht ihm erst Torsten klar, der sich nicht einreiht und sich vor allem nicht einschüchtern lässt. Inmitten all des schleichenden Wandels ist für Mirco jedoch immer noch das Tischtennis das Wichtigste.

In der Mitte der Graphic Novel kommt es daher zu einem spektakulären Tischtennis-Match, bei dem Mirco und Torsten gegen zwei große FDJler antreten. Wenn es vor Jahren hieß, der Film The Big Lebowski habe das Bowlen in all seiner Faszination und Schönheit in Bilder gegossen, so kann man heute sagen, dass Kinderland eine Hymne auf das Tischtennis zeichnet, komponiert, darbietet. Rasant, dynamisch und mit Schmackes saust der Pingpong-Ball von einem Panel zum nächsten, durchbricht die Begrenzungen, überspringt die Seiten, lässt sich vom Regen nicht aufhalten. Einfach großartig!
Natürlich kann man hier auch ganz wunderbar interpretatorischen Tiefsinn hineindenken – Außenseiter und Unangepasster gegen den untergehenden Staat. Der vermutlich schönste Abgesang auf die DDR und die ungewöhnlichste Hommage an den Mut der Menschen, sich aufzulehnen.
Aber auch wenn nicht, Kinderland ist ein Spaß für die Leser, selbst wenn es für Mirco und Torsten kein Spaß mehr ist. Das liegt auch an den kleinen Details die Mawil immer wieder einbaut, sei es der CCCP-Satellit, das Gorbi-Foto in der Zeitung, eine Figur namens Angela Werkel oder Mircos subversives „Amen“ statt „Immer bereit“. Der genaue Blick lohnt hier alle Mal.

Mircos Kindheit zwischen Pittiplatsch, Schlümpfen, Winnetou-West-Filmen und Depeche-Mode-Klassenfahrt-Disco-Abenden endet am 10. November 1989. Politisch wie privat sehr dramatisch. Für den Leser geht das Nachdenken  weiter. Und das Erinnern, an die Zeit vor 25 Jahren, als das Kinderland vieler verschwand und etwas anderes einkehrte …

Mawil: Kinderland, Reprodukt, 2014, 280 Seiten, 29 Euro – ausgezeichnet mit dem „Max und Moritz“-Pries Internationalen Comic-Salons Erlangen als „Bester deutschsprachiger Comic“ 2014.

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