Danke für Eure Stimmen!

Die Abstimmung zum ersten Buchblog-Award ist beendet, die Shortlist steht fest und ist hier einsehbar: http://www.buchblog-award.de/news/shortlist.

LETTERATUREN hat es nicht in die zweite Runde geschafft, aber das war abzusehen, ging es hier doch nur um die meisten Klickzahlen und nicht um die Inhalte. Dennoch sagen wir Danke für Eure Likes – und machen jetzt unverdrossen weiter!

Bleibt uns treu und schaut ab und an mal vorbei, es gibt so viel zu entdecken, dass auch wir gar nicht hinterher kommen, über alles zu berichten. Aber wir tun weiterhin unser Bestes!

Den Nominierten der Shortlist herzlichen Glückwunsch! Am 13. Oktober verkündet die Jury auf der Buchmesse die Gewinner_in – und vielleicht schaue ich mir dieses Spektakel dann live vor Ort an …

Herzliche Grüße

Ulrike Schimming, Elke von Berkholz und Heike Brillmann-Ede

Der Buchblog-Award 2017

Heute mal etwas in eigener Sache. Dieses Jahr wird auf der Frankfurter Buchmesse zum ersten Mal der Buchbog-Award vergeben. LETTERATUREN steht auf der Longlist, und ab heute könnt Ihr abstimmen, wer von den Nominierten auf die Shortlist soll – und zwar hier: http://www.buchblog-award.de/abstimmen/

Dort sind jede Menge andere Buchblogs aufgeführt – was kein Wunder ist, beschäftigen sich doch über 900 Menschen im Netz mit Büchern. Doch teilt sich diese Leidenschaft dort auch ganz wunderbar auf, wenn man sich die Spezialisierungen der Blogs anschaut: Manche befassen sich mit Fantasy oder Romance, Krimi & Thriller, andere mit Sachbüchern, wieder andere – so wie LETTERATUREN – mit Kinder- und Jugendbüchern.
In jeder dieser Kategorien werden die sieben beliebtesten ermittelt, aus denen dann eine Jury die Gewinner auswählt.

Die Aufstellung der nominierten Blogs mag im ersten Augenblick nicht sehr übersichtlich und eher abschreckend wirken. Doch durch die Suchfunktion kommt Ihr ganz schnell zu den Blogs, die Ihr mit Namen kennt und für die Ihr stimmen möchtet.
Falls Ihr die Namen nicht kennt oder Euch inspirierend lassen wollt, dann scrollt gemütlich nach unten und stöbert. Es gibt auf jeden Fall viel zu entdecken!
Bis zum 11. September habt Ihr Zeit abzustimmen.

Allen Nominierten des Buchblog-Award 2017 wünsche ich viel Glück!
Über Eure Stimmen würden Elke von Berkholz, Heike Brillmann-Ede und ich uns auf jeden Fall sehr freuen. Wir sind gespannt, was dabei herauskommt und ob wir es eine Runde weiterschaffen. Ich werde dann berichten …

Herzliche Grüße

Ulrike Schimming

5 Jahre! Danke!

dankeHeute gibt es mal keine Buchvorstellung, sondern ein großes Dankeschön an alle, die diesem Blog die Treue halten. Denn LETTERATUREN wird heute 5 Jahre alt!

2011 saß ich, damals noch in meinem Büro in Berlin, zwischen einem riesigen Stapel an Kinder- und Jugendbüchern und sollte für eine Jugendzeitschrift die coolsten fünf aussuchen. Das ging durchaus, nur blieben gefühlt 500 andere Bücher auf der Strecke.

Im Gespräch mit meiner Kollegin Lisa (Danke!) entstand dann die Idee, diesen Blog aufzumachen und einfach selbst die Regie zu übernehmen. Hier war und ist Platz genug, die Neuerscheinungen und Lieblingsbücher gebührend zu würdigen, ohne dass wichtige Informationen wie Übersetzer_innen-Namen oder Illustrator_innen hinten runter fallen, was in Redaktionen immer gern als erstes gestrichen wird. Hier muss ich mich nicht beschränken, weil auf irgendeiner Heftseite kein Raum mehr ist. Hier muss ich mich nicht rechtfertigen oder absprechen, was ich vorstellen möchte. Hier kann ich das präsentieren, was mich wirklich überzeugt, mich fesselt, mich rührt, von dem ich denke, dass auch andere Lesende Gefallen, Erbauung oder Mehrwert daran finden. Voller Elan ging ich ans Werk, ein Buch pro Woche wollte ich vorstellen. Das habe ich mehr oder minder auch geschafft – und bin tatsächlich immer noch dabei.
Mit den Jahren habe ich mein Profil bzw. das von LETTERATUREN geschärft und weiß jetzt ziemlich genau, welche Bücher mir liegen, welche Themen mich langweilen, welche Autoren ich schätze und bei welchen Verlagen ich am ehesten fündig werde. Das sind meistens nicht die Bestseller oder der neueste Fanstasy-Dystopien-Vampir-Romance-Trend. Möglicherweise hat LETTERATUREN dadurch nicht immer sehr viele Leser, aber mir sind die Inhalte und die eher stiefmütterlich behandelten Bücher eben wichtiger als so mancher Hype. Und gerade in den eher schwierigen, problembelasteten Gefilden gibt es jede Menge Überraschungen, die auf einen warten.

Die Bücherstapel sind in all den Jahren natürlich nicht kleiner geworden. Und immer noch tut es mir um viele Bücher leid, die ich nicht rezensiere. Aber dieser Blog ist weiterhin eine zusätzliche Aufgabe zu meinen normalen Brotjobs, und die Zeit, das wissen wir alle, ist auch nicht unbegrenzt vorhanden.
Doch mittlerweile haben sich mir zwei engagierte Kolleginnen angeschlossen: Elke von Berkholz und Heike Brillmann-Ede tragen ihren Blick auf die aktuelle Kinder- und Jugendbücher bei und bereichern den Blog ungemein. Beiden bin ich für ihre Unterstützung sehr dankbar!

Auch den Jugendlichen, die eine Zeitlang hier sehr fleißig und mit wunderbaren Texten mitgeschrieben haben, gilt mein Dank und mein Respekt! Es ist immer toll, die Stimmen der Zielgruppe unverfälscht zu hören. Und das haben die Mädchen und Jungen einfach so aus Lust und Engagement neben ihren schulischen Pflichten erledigt. Was wirklich großartig war!
Mittlerweile hab ich diesen Versuch auslaufen lassen, denn es ist mir nicht möglich ständig Bücher zu verschicken. Aber ich möchte diese Erfahrung nicht missen.

Natürlich möchte ich auch allen Verlagen danken, die LETTERATUREN über diese fünf Jahre mit Rezensionsexemplaren versorgt haben. Ohne sie würde es diesen Blog wahrscheinlich nicht geben, jedenfalls nicht mit all diesen aktuellen Publikationen.
Ich hoffe sehr, dass diese Zusammenarbeit auch in den kommenden Jahren weiterbesteht und das wir als Team „unsere“ Perlen der Kinder- und Jugendbücher hier auch weiterhin vorstellen können.

Allen Lesern, die diesem Blog die Treue halten, die ihn über die sozialen Netzwerke finden und verfolgen, die lesen, liken oder auch mal kommentieren, danke ich ebenfalls. Es freut mich immer, wenn ich merke, dass unsere Texte bei euch ankommen und etwas bei euch bewirken.

In diesem Sinne bin ich stolz, fünf Jahre über so viele schöne, unglaubliche, interessante, berührende, fesselnde, lustige wie traurige, herzerwärmende und bereichernde Bücher geschrieben zu haben. Dank somit auch an alle Autor_innen, die ihre Kreativität, ihre Mühe und ihr Herzblut in diese Geschichten gesteckt haben und sie mit uns teilen.
Mittlerweile haben wir über 400 Rezensionen auf LETTERATUREN veröffentlicht und die nächsten sind bereits in Arbeit.

Also, auf die nächsten fünf Jahre! Und denkt dran: Lest mehr Kinderbücher!

Herzlich
Eure

Ulrike

 

Bücher, nicht Boote

13265957_886163521528811_3625728369545484442_nHeute mal etwas anderes, Wichtigeres.

Die Initiative „Autoren helfen“, die sich vor sechs Monaten gegründet hat und sich gegen Rassismus und für Menschlichkeit und Integration von Geflüchteten einsetzt, hat eine neue Aktion angestoßen.

Zugunsten der Flüchtlingspaten Syrien e.V., die von Krieg und IS bedrohte Menschen aus Syrien auf legalem und sicherem Weg nach Deutschland holt, heißt es am 14. Juni 2016 „Bücher, nicht Boote“.
Hierfür werden Menschen gebraucht, die regelmäßig spenden, um syrischen Familienangehörige per Flugzeug nach Deutschland zu holen. Mit Patenschaften schon ab 10 Euro pro Monat kann man helfen. 

Bei „Bücher, nicht Boote“ gibt es für die Spender ein ganz besonderes Goodie: Jeden Monat bekommen sie ein Jahr lang ein signiertes Buch nach Hause geschickt, z.B. von Alina Bronsky, Charlotte Roth oder Ursula Poznanski und einhundert anderen Autoren. Dies gilt allerdings nur, wenn man sich am 14. Juni auf der Seite der Flüchtlingspaten Syrien registriert und spendet.

Das System der Flüchtlingspaten Syrien funktioniert folgendermaßen: Es basiert auf zwei Säulen. Per Verpflichtungserklärung verpflichtet sich ein deutscher Bürger, für einen syrischen Menschen alle finanziellen Kosten zu übernehmen, bis dieser sich selbst versorgen kann. Bisher bedeutete eine Verpflichtungserklärung ein sehr hohes Risiko, da sie tatsächlich bis zum Lebensende des hereingeholten Menschen galt. Nun wurde dies im neuen Integrationsgesetz auf Betreiben der Kirchen und der Justiz auf fünf Jahre verkürzt. Damit wird das, was die Flüchtlingspaten Syrien e.v. als einzige Initiative in größerem Umfang und als letzten gangbaren Weg nach Deutschland ermöglichen – Menschen mit Verpflichtungserklärungen aus dem Krieg hierher holen – gerade ein bisschen leichter. Es nimmt vielen Menschen, die noch zögern, die Angst vor der „Unendlichkeit“ ihrer Unterschrift. Prompt spüren die Flüchtlingspaten Syrien e.V., dass erste Zögernde sich zu einem „Ja“ entschließen und die lange Warteliste Verzweifelter in Yarmouk und Aleppo nach und nach kürzer werden könnte. 

Könnte – denn Menschen aus dem Krieg hierher retten, können die Flüchtlingspaten Syrien e.V nur, wenn auch die zweite Säule ihres Systems gewährleistet ist: die Finanzierung. Um möglichst viele Bürger zu finden, die bereit sind, eine Verpflichtungserklärung zu unterschreiben, haben die Flüchtlingspaten Syrien e.V. einen Pool gegründet, von dem sie alle anfallenden Kosten für die hereingeholten Menschen bezahlen. So wird das finanzielle Risiko für die Verpflichtungsgeber auf Null reduziert. Monatliche Patenschaft ab 10 Euro machen das möglich. 400 Euro im Monat bedeuten: ein Mensch kann aus Syrien gerettet werden. Bisher haben 2.173 Menschen eine monatliche Patenschaft übernommen.

Ich finde die Arbeit der Flüchtlingspaten Syrien e.V. ziemlich beeindruckend, und auch „Autoren helfen“ ist großartig. Beide zusammen machen es nun noch einfacher zu helfen. Also, rafft Euch auf, jetzt schon! Und am 14. Juni! Und danach! Sagt es weiter!

Hier geht es zur Aktion „Bücher, nicht Boote!“

 

Der hellsichtige Meister

terzaniVor Jahren, als ich noch ziemlich neu im Übersetzer-Geschäft war, schlug mir meine italienische Freundin M. vor, doch die Bücher von Tiziano Terzani zu übersetzen. Ich hatte keine Ahnung, wer der Mann war, stellte aber ganz schnell fest, dass seine Bücher bereits alle übersetzt waren. Terzani verschwand wieder aus meinem Bewusstsein, hatte ich doch anderes zu tun – und diese Journalistengröße Terzani war damals eh eine Nummer zu groß für mich.
Aber wie es im Leben so ist, man begegnet sich irgendwie doch immer zweimal, und so bekam ich in diesem Sommer die Anfrage, ob ich die Tagebücher von Tiziano Terzani lektorieren könnte.

Trotz der sportlichen Vorgabe mehr als 700 Manuskriptseiten in zwei Monaten zu bearbeiten, habe ich mich auf dieses Abenteuer eingelassen. Und einen so intensiven Sommer der gedanklichen Reise in Raum und Zeit erlebt, wie noch nie zuvor.

Terzanis Aufzeichnungen setzen 1981 ein, als er gerade für den SPIEGEL ein Büro in Peking eröffnet hat. Auf diesen Seiten offenbart er seine Betrachtungen, die nicht in seine bereits veröffentlichten Büchern eingeflossen sind. Kürzere und längere Einträge wechseln sich ab, nicht jeden Tag schreibt TT – wie er später die Briefe an seine Frau Angela signiert –, doch als Leser taucht man fast augenblicklich in seinen Kosmos und seine Zeit ein. Man erlebt seine Ausweisung aus China, sein Unbehagen in Japan, seine Kritik an Konsum und Anpassung, sein unermüdliches Streben im Kampf gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Mehr und mehr hadert Terzani jedoch mit der Welt, dem raschen Wandel, der Globalisierung, der Gleichgültigkeit. Er möchte sich zurückziehen, als Namenloser irgendwo unerkannt leben. Immer wieder jedoch schimmert der eitle Journalist durch, der sein Business genau kennt, nach Aufmerksamkeit heischt und gleichzeitig abgestoßen ist von der Oberflächlichkeit dieser Medienwelt.

Terzani ist ständig unterwegs. Hongkong, Bangkok, Ban Phe in Thailand, dazwischen immer wieder nach Hause, nach Florenz und Orsigna zur Familie, dann schnell wieder zurück nach Asien, nach Islamabad, Neu Dehli oder Dharamsala. Er schreibt, er hadert und zieht sich in den Himalaja zurück, meditiert, versucht, dem weltlichen Leben zu entsagen, nicht immer mit Erfolg. Die Ereignisse vom September 2001 holen ihn vom Berg zurück. Obwohl er da schon an Krebs erkrankt ist, wirft er sich noch mal mitten ins Weltgeschehen, beobachtet die Vorgänge in Pakistan. Unzählige Geschichten erzählt er, sehr persönlich, sehr offen. Jede Zeile zeugt von seiner unbändigen Lebenslust und Lebenssucht. Terzanis Aufzeichnungen enden im April 2003, im Juli 2004 erliegt er seinem Leiden. Für alle Kenner von Terzanis Werken sind diese Tagebücher quasi der Blick hinter die Kulissen, der Blick auf den Journalisten Terzani, den Ehemann, den Vater, den Reisenden, den Krebspatienten, den Weisen, den Namenlosen.

Ich hatte vor diesem Auftrag noch nie viel mit Tagebüchern zu tun gehabt oder viele gelesen. Doch hier hat sich mir die ganze Faszination dieses Genres erschlossen. Das ist mehreren Faktoren zu verdanken: der schillernden Persönlichkeit von Terzani, seinem extrem umtriebigem Leben, seiner klaren Sprache, seiner kurzweilige Erzählart, seiner Widersprüchlichkeit, aber auch seiner Hellsichtigkeit, mit der er gesellschaftliche Zustände vorausgesehen und beurteilt hat, mit denen wir heutzutage kämpfen. Seine Sicht auf unseren heutigen Irrsinn hätte mich brennend interessiert. Ein wenig ahnt man, was er davon gehalten hätte. Ich habe es während des Lektorierens bedauert, seine Reportagen nicht schon zu seinen Lebzeiten gelesen zu haben, und habe mir vorgenommen, die Lektüre seiner anderen Bücher, so schnell es geht, nachzuholen.

Auch die Arbeit an diesem Text an sich war auf den unterschiedlichsten Ebenen ein Vergnügen. Zur inhaltlichen Bereicherung kam die vorzügliche Übersetzung von Barbara Kleiner, die mir das Lektorieren sehr erleichtert hat. Eine wertvolle Erfahrung war für mich darüber hinaus, dass ich auch den Auftrag hatte, den Anmerkungsapparat für die deutschen Leser anzupassen. Da ich dabei  quasi freie Hand hatte, konnte ich für die Anmerkungen etliche Punkte neu recherchieren und erweitern und so noch ein Quentchen mehr zu dem Buch beitragen.

Wenn mich TT jetzt also vom Buchcover mit diesem irgendwie verschmitzt-weisen und selbstbewussten Blick anschaut, freue ich mich noch einmal extra, dass ich diesen Sommer auf eine ganz eigene Weise mit dem Mann verbracht habe, den mir vor so vielen Jahren M. aus Florenz ans Herz gelegt hat.

Tiziano Terzani: Spiel mit dem Schicksal. Tagebücher eines außergewöhnlichen Lebens, Übersetzung: Barbara Kleiner, DVA, 2015, 576 Seiten, 22,99 Euro

Memento mori

nostalgiaManchmal erreichen mich Bücher, die eigentlich für meine Buch- und Medienseite in der Zeitschrift stern Gesund Leben gedacht sein sollen. Doch obwohl ich dort mittlerweile relative Freiheiten genieße, achte ich schon darauf, dass die Bücher auf der Seite immer etwas mit Gesundheit, Sport und Ernährung zu tun haben. Im weitesten Sinne. Bei dem opulenten Fotoband Nostalgia von Sven Fennema gelingt es mir leider nicht so gut, einen Bogen zum gesunden Leben zu schlagen.

Dennoch geht mir bei diesem Konvolut das Herz auf, so dass ich hier nach langer Zeit mal wieder eine thematische Exkursion unternehmen muss. Ich bitte um Verständnis …
Architekturfotograf Fennema, aus dessen „Dunkelkammer“ diese Lichtbilder stammen, hat einen Faible für verlassene, vergessene Ort. Für diesen Band hat er im Norden Italiens Ruinen abgelichtet. Allerdings nicht die klassischen Ruinen der Antike, sondern Villen, Palazzi, Klöster, Kirchen, Krankenhäuser, Psychiatrien, Industriegebäude, aus denen das Leben gewichen ist und die in einen Dornröschenschlaf gefallen sind.

Vor allem das Innenleben der düsteren Gebäude, in denen der Putz von den Wänden bröselt, die Dächer bereits eingestürzt sind, altes Mobiliar verstaubt, macht Fennema durch sehr lange Belichtungszeiten und raffinierte Montage von unterschiedlichen Aufnahmen in hyperrealistischen Bildern wieder sichtbar. Farben erstrahlen wie frisch aufgetragen, Fresken und Stuckaturen tauchen aus dem Dunkel auf. Treppen führen ins Nichts, Pflanzen erobern sich die leeren Räume zurück.

Man staunt über die Pracht, die dort dem Verfall anheim gegeben ist. Man ahnt das Leben, das einst in diesen Wänden pulsierte. Man möchte es wiedererwecken, möchte sofort Hand anlegen, Pinsel schwingen, restauratorisch tätig werden, die Villen wieder hübsch machen, den Kirchen ihren Glanz zurückzugeben. Man wird nostalgisch, sehnsüchtig. Mir tut es in der Seele weh, dass vieles davon nicht zu retten ist.
Bei Psychiatrie und Krankenhaus gruselt es einen, ob der Zustände in denen früher „geheilt“ wurde. Die Industrieanlagen zeigen mit voller Wucht die unmenschlichen Arbeitsbedingungen von einst. Dann ist es wieder gut zu sehen und zu ertragen, dass nichts für die Ewigkeit gemacht ist, und Vergänglichkeit zu unserem Leben dazu gehört.

So beeindruckend und fesselnd die Fotografien sind, so gibt es für mich einen Wermutstropfen: die Bildunterschriften. Fennema hat zwar ganz bewusst auf die genaue Lokalisierung der Örtlichkeiten verzichtet, um keinen „Ruinen“-Tourismus zu provozieren. Da seit ein paar Jahren auch in unseren Landen Fotosafaris zu verlassenen Orten sehr beliebt sind – ich denke da an die Beelitzer Heilstätten – kann ich diese Entscheidung sehr gut verstehen. Aber ein paar mehr Infos und nicht nur im Bild offensichtliche Angaben hätte ich mir schon gewünscht. Dafür sind die abgebildeten Gebäude einfach viel zu interessant, um auf Plattitüden wie „In dem faszinierenden Palast schreitet der Verfall voran“ reduziert zu werden.
Zwischen den verschiedenen Gebäudearten gibt es zwar Texte von der Autorin Petra Reski, die normalerweise sehr schätze, doch tragen auch die nicht besonders viel Erhellendes zu den abgebildeten Objekten bei. Mir sind die Texte teilweise zu assoziativ und zu wenig mit den Fotografien verbunden. Fennemas Motive verleiten mit Sicherheit zum Assoziieren, zum Sich-Geschichten-Ausdenken und Träumen, aber das kann jeder Betrachter selbst.

Ich werde jetzt einfach in den Bildern schwelgen, meiner Fantasie freien Lauf lassen und eventuell bei meiner nächsten Italien-Reise nach solchen Perlen Ausschau halten und den vergangenen Zeiten nachhängen.

Sven Fennema: NostalgiaOrte einer verlorenen Zeit, mit Texten von Petra Reski, Frederking & Thaler, 2015, 320 Seiten, 98 Euro

[Gastrezension] Bewegendes Vermächtnis

keeganEs ist nicht so einfach, das posthum erschienene Buch einer jung gestorbenen Autorin zu besprechen: 2012, fünf Tage nach ihrem Abschluss in Yale stirbt die 22-jährige Marina Keegan bei einem Autounfall. Zwei Jahre später haben ihre Eltern, gemeinsam mit Marinas Dozentin, mit Freunden und Familie unter dem Titel Das Gegenteil von Einsamkeit einen Band mit neun Geschichten und ebenso vielen Essays veröffentlicht. Auf dem Einband lächelt uns eine hübsche, junge Frau mit hellbraunen Haaren, in kurzem, blau geblümten Rock und kanariengelber Jacke entgegen, sympathisch, klug, ein wenig verschmitzt. Man will mit ihr befreundet sein, mit ihr ausgehen, über Bücher, Filme und Reisen quatschen, Ausstellungen und Theateraufführungen besuchen – und auf keinen Fall sie als Schriftstellerin kritisieren müssen. Oder noch schlimmer: Ihr „Potenzial“ bescheinigen.

Aber alle Bedenken sind sofort mit den ersten Zeilen (und nach der ebenso respekt- wie liebevollen, gänzlich unpathetischen Einleitung ihrer Dozentin Anne Fadiman) weggewischt. Weil hier eine junge Autorin schreibt, die wirklich gut ist, eine Stimme, eine Haltung und viel zu sagen hat. Die ersten Geschichten handeln von jungen Menschen wie Marina Keegan: Studenten, Anfang 20, gewitzt, suchend, wankelmütig, besonders in Liebesdingen, mutig und übermütig, mal frustriert, mal merkwürdig distanziert, mit Eltern und den beruflichen Aussichten hadernd, doch voller Neugier auf das Leben, das vor ihnen liegt. Das sind brillant beobachtete, leicht spöttische, manchmal wehmütige Porträts und Impressionen der College-Zeit.

Ebenso einfühlend kann Keegan von einer vereinsamten, alten Balletttänzerin erzählen, die ein wenig Zuneigung und Zärtlichkeit empfindet, wenn sie einem blinden, jungen Mann vorliest und sich dabei heimlich auszieht. Spannend und erschütternd beschreibt sie in E-Mails die zunehmende Verzweiflung eines jungen Architekten, der sich für ein Siedlungsprogramm im Irak hat anwerben lassen und in dem Wunsch, etwas zu bewirken, einen katastrophalen Fehler macht. Berührend ist auch die außergewöhnliche Weihnachtsgeschichte einer 42-Jährigen, die ein Baby adoptiert, 20 Jahre, nachdem sie ihr neugeborenes Mädchen zur Adoption freigegeben hat. Eine fünfköpfige U-Boot-Besatzung versinkt 11.000 Meter tief im Ozean in totaler Finsternis, harrt dem sicheren Ende entgegen. Und doch umschließt einen diese Endzeit-Metapher, die an Kathrin Passigs preisgekrönte Erzählung eines Erfrierenden erinnert, sanft und beruhigend.

Lustig und skurril preist Keegan ihr Auto als erweitertes Wohnzimmer und Teil ihrer Biografie. In einem anderen Essay beschreibt sie höchst anschaulich, mal wütend, mal witzig, selbstironisch und nie Mitleid heischend ihr Leben mit der Krankheit Zöliakie: Sie ist eine der wenigen Kranken, für die glutenfreie Lebensmittel lebenswichtig und nicht nur ein modischer Trend sind.

Marina Keegan schreibt erfrischend anders, klug, witzig, gefühlvoll und angriffslustig, ohne ein falsches Wort oder ein Wort zu viel. Weder eifert sie literarischen Vorbildern nach noch klingt sie manieriert oder bildungsbeflissen. Sie wollte etwas bewegen, verändern, Menschen mitreißen, nicht vernünftig handeln, weder karrieretechnisch oder einkommensmäßig. Im letzten Essay geht sie der Frage nach, warum ein Viertel aller Yale-Absolventen im Finanz- und Consulting-Sektor landet – obwohl doch so viele von ihnen ursprünglich Theaterprojekte leiten, die Bildung reformieren, den Wohnungsbau demokratisieren oder alternative Restaurants eröffnen wollten. Zu Recht hält sie das für ein Verschwendung von Geist, Kreativität, Leidenschaft und Wissen. Man spürt, wie wütend und fassungslos sie dieses normierte Aufgeben von Idealen macht.

Ihr Werk ist ein Plädoyer dafür, Dinge auszuprobieren, etwas zu wagen, ungewisse Wege zu gehen, offen zu bleiben für Neues – auch mit der Chance, zu scheitern. Genau deshalb wollte sie auch Schriftstellerin werden, obwohl sogar etablierte Autoren davon abrieten und sie wusste, dass sie ihren Kindern nicht die finanziellen Möglichkeiten bieten können würde, die sie selbst genossen hat.

Eigentlich hat sie mich genau deshalb gleich zu Anfang mit einem Satz im titelgebenden Text gepackt. Das Gegenteil von Einsamkeit hat Marina Keegan ihre Abschlussrede für Yale überschrieben. Damit hat sie ebenso prägnant wie geradezu poetisch diese besondere Phase und die Gemeinschaft beschrieben, umgeben von Wissen und Geistesgrößen, wenn jeder Tag eine neue Erfahrung birgt. „Herzlichen Glückwunsch, aber ihr kotzt mich an“, schleudert sie all den Kommilitonen entgegen, die von Anfang an genau wissen, was sie wollen und zielfixiert, unbeirrbar darauf zu arbeiten. Weil sie dieses „Meer von Wissenschaften“ ungenutzt lassen, weil sie für die „immense, undefinierbare potentielle Energie“ nicht empfänglich sind. „Wir haben kein Wort für das Gegenteil von Einsamkeit, aber wenn es eins gäbe, würde ich sagen, genau so fühle ich mich in Yale. Genau so fühle ich mich jetzt. Hier. Bei euch allen. Verliebt, beeindruckt, demütig, ängstlich. Und das dürfen wir nicht verlieren. Bewegen wir etwas in der Welt.“

Wie schade und tragisch, dass Marina Keegan nicht länger und mehr dazu Gelegenheit hatte. Aber wenigstens gibt es dieses Buch: Damit hat die Schriftstellerin schon mehr bewegt, als andere in einem ganzen langen Leben.

Elke von Berkholz

Marina Keegan: Das Gegenteil von Einsamkeit, Übersetzung: Brigitte Jakobeit, Fischer 2015, 285 Seiten, 18,99 Euro