Von wegen ausgestorben

Oje, ein Buch! Das werden wir bei LETTERATUREN schon von Berufung wegen nicht sagen – im Gegenteil. Dieses Bilderbuch mit ebenjenem Seufzer als Titel, ein Meta-Bilderbuch sozusagen, evoziert meinerseits Jubelschreie, so gut und besonders ist es. Und das obwohl oder gerade weil es ein klassisches Bilderbuch ist, 32 Seiten zwischen zwei farbigen, stabilen Deckeln, die Geschichte beginnt sofort nach dem Aufschlagen auf dem Vorsatzpapier und endet auch erst direkt, bevor man es nur noch zuklappen kann. Es ist ein Spiel mit den alten und neuen Medien und dem Umgang damit – und mit dem Medium Buch im Speziellen. Erdacht hat es sich der fabelhafte, immer wieder überraschende Schweizer Erzähler Lorenz Pauli, der vor allem für Werke gemeinsam mit der brillanten Illustratorin Kathrin Schärer bekannt ist, wie Pippilothek???, Rigo und Rosa oder jüngst Böse, eine vermeintlich nett daherkommende Tiergeschichte, die jedoch wie ein Schlag ins Gesicht ist und einen desillusioniert, aber umso klarsichtiger zu sich kommen lässt.

Diesmal hat Pauli sich mit Miriam Zedelius zusammengetan, die einen ganz anderen, wesentlich reduzierteren, aber nicht weniger raffinierteren Stil pflegt. Der passt in seiner nur auf den ersten Blick kindlichen, tatsächlich aber sehr ausgereiften Art perfekt zur Geschichte von Juri, der ein Bilderbuch geschenkt bekommt. Frau Asperilla soll es ihm vorgelesen. Weil diese aber nur noch an elektronische Geräte wie Tablets und Smartphones gewöhnt ist, muss Juri ihr (fast ungläubig, dass die Erwachsene so absolut keine Ahnung hat) erklären, wie ein Buch funktioniert, wie man es liest und so die Geschichte darin erfährt: Ein Buch „erzählt sich nicht“, wie Frau Asperilla es interessanterweise nennt und man muss es auch nicht anschalten, sondern fängt einfach oben links an vorzulesen und dann „umblättern, nicht wischen“. Allein dieser Hinweis ist schon entzückend. Auch kann man nicht durch charakteristische Spreizbewegungen zwischen Daumen und Zeigefinger einen Bildausschnitt vergrößern und ranzoomen. Und schon gar nicht kann man einfach so wegzappen. Natürlich könnte man aufhören zu lesen. Aber weil gute Bücher (und diese Geschichte und die Geschichte in der Geschichte) Leser und Zuhörer schnell in ihren Bann schlagen, will man wissen, wie es weitergeht, auch wenn es gruselig wird. Oder höchst unwahrscheinlich:

„HAPP!, machte die Maus und fraß das Monster.
Frau Asperilla ruft ins Buch hinein »Das geht doch gar nicht!«
Juri zuckt bloß mit den Schultern: »Doch, doch. Im Buch geht das.«
Frau Asperilla will wissen: »Findest du das denn gut so?«
»Das kommt darauf an, von welcher Seite man es anschaut …«

Besser als der neugierige, kluge und aufmerksame Zuhörer und Bilderbuchankucker Juri kann man den Reiz, das Faszinierende und Essenzielle von Büchern nicht beschreiben.

„Oh, ein Buch!“, dachte ich neulich erfreut. Dabei türmen sich bei mir zu Hause überall Bücherstapel. Aber selten finde ich dazwischen ein Kinderbuch, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es habe. Wilder Wurm entlaufen von Veronica Cossanteli ist mir vor einiger Zeit beim sinnlosen Versuch aufzuräumen in die Hände gefallen, und endlich habe ich es gelesen; die gebundene Ausgabe ist nämlich schon 2014 erschienen, jetzt ist es als hübsches Taschenbuch zu haben.

Dieses Buch ist grandios. Das sage ich jetzt nicht nur wegen der wirklich sehr fantasievollen Geschichte von wunderlichen mythischen oder eigentlich ausgestorbenen Tieren. Oder wegen der höchst sympathischen, charmant-schnodderigen jungen Helden sowie den durchweg bis in die kleinste Nebenrolle sehr lebendigen Charakteren. Oder der abwechslungsreichen Erzählung, in der sehr wahrhaftige Situationen wie folgende die Handlung vorantreiben: „In Filmen oder Büchern muss man nie im falschen Moment aufs Klo. Nur im wirklichen Leben.“

Darüber hinaus ist es von Ilse Rothfuss exzellent übersetzt und zwar wegen eines besonderen Kniffs. Es gelingt ihr, die Wortspiele, vor allem mit vielsagenden Namen, raffiniert ins Deutsche zu übersetzen, indem sie das englische Original stehen lässt, es aber im nächsten Satz wieder aufgreift und erklärt: So lernt der Leser, dass man wahrscheinlich nicht unbedingt mit Intelligenz glänzen muss, um den Job von Numpty Numbskull zu übernehmen, weil das Blödi Blödmann heißt. Und erschrickt, wenn einem die unheimliche Stiefmutter zur Begrüßung ein „die!“, also „stirb!“ entgegenschleudert, aber sich angeblich nur mit der Kurzform ihres Vornamens Diamond vorstellt.

Dieses Buch entlarvt die menschliche Arroganz gegenüber anderen Lebewesen und deren Bedürfnissen und dem nachvollziehbaren Wunsch, überleben zu wollen. Geschichte ist nämlich immer die der Sieger oder in diesem Fall die derjenigen, die andere vernichtet und ausgerottet haben. Für Außenseiter und Andersartige, Fremde und Exoten ist kein Platz auf dieser Welt. Der geheimnisvolle Junge Lo bringt es angesichts der aufgebrachten Kleinstadtbevölkerung auf den Punkt: „Ich kann es direkt riechen, die Wut und die Angst, den ganzen Hass. Der Mob hier ist gefährlicher als jeder Drache oder Basilisk. Die Welt verändert sich, aber die Menschen nicht. Es hört nie auf.“

„The Extincts“, die Ausgestorbenen, heißt das Buch im Original, beim Titel hat die Übersetzerin wahrscheinlich nicht mitreden dürfen. Aber von wegen: Drachen, Greife, Auerochsen, Schwanzbeißer, Dodos, Fischsaurier und Einhörner sind in dieser fantastischen Erzählung sehr lebendig und genauso wenig ausgestorben wie das Medium Buch. Und wir werden immer wieder beglückt rufen: „O ja, ein Buch!“

Lorenz Pauli: Oje, ein Buch!, Illustration: Miriam Zedelius, atlantis, 2018, 32 Seiten, ab 4, 14,95 Euro

Veronica Cossanteli: Wilder Wurm entlaufen, Übersetzung: Ilse Rothfuss, Carlsen, 2018, 288 Seiten,  ab 9, 7,99 Euro

[Jugendrezension] Kann man Glück stehlen?

bücherdiebinAls ich Die Bücherdiebin von Markus Zusak in einer Buchhandlung entdeckte, las ich zunächst nur den Klappentext und legte das Buch wieder zurück. Doch Liesels Geschichte und das Buch gingen mir nicht mehr aus dem Kopf, und ein paar Tage später ging ich in die Stadt und kaufte es mir. Eine sehr gute Entscheidung, wie ich rückblickend sagen muss! Die Bücherdiebin ist eins von den Büchern, die man gelesen haben sollte.

In dem Roman geht es um Liesel Meminger. Zu Beginn der Geschichte ist sie neun Jahre alt und lebt im Jahr 1939. Da ihr verstorbener Vater Kommunist war, gibt Liesels Mutter sie und ihren kleinen Bruder Werner zu Pflegeeltern, um sie zu schützen. Aber ihr Bruder kommt niemals dort an und verstirbt auf dem Weg. Auf seiner Beerdigung findet Liesel ihr erstes Buch im Schnee. Obwohl sie nicht lesen kann, steckt sie es ein. Ihr Pflegevater bringt ihr das Lesen bei, und Wörter werden zum Einzigen, das Liesel in diesen Tagen Mut und Hoffnung schenkt. Fortan stiehlt sie Bücher und teilt ihre Schätze mit anderen. Im Schutzbunker liest sie den Nachbarn vor. Irgendwann beschließt sie auch, ihre eigene Geschichte aufzuschreiben. Doch das Buch ist nicht aus Liesels Sicht erzählt. Der Erzähler ist der Tod. Seine Wege haben die des jungen Mädchens so oft gekreuzt, dass er sie ins Herz schließt und ihre Geschichte weitererzählt.

Die Idee, die Geschichte aus der Sicht des Todes zu schildern, fand ich sehr originell. Das Buch ist an vielen Stellen lustig, aber auch oft nachdenklich und traurig. Liesel wird älter. Ihr Leben geht durch Höhen und Tiefen, und der Leser leidet mit ihr. Ihre Geschichte hilft, die Handlungen, Ängste und Probleme der Menschen im Dritten Reich besser zu verstehen. Außerdem wird bewusst, welche Macht Worte besitzen. Ich weiß nicht, ob Liesel ohne ihre Bücher – die ihr immer wieder Hoffnung schenkten – überlebt hätte. Liesel übersteht Bombennächte und sieht, wie Juden nach Dachau verschleppt werden. Doch das Buch ist nicht traurig. „Markus Zusak hält mühelos die Waage zwischen Ernst, Angst, Hass und Humor“, so die Jury, die für Die Bücherdiebin den Deutschen Jugendliteraturpreis 2009 verlieh. Dem kann ich mich nur anschließen!

Juliane (14)

Markus Zusak: Die Bücherdiebin, Buch zum Film, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2009, Kategorie Preis der Jugendjury und dem Jugendbuchpreis Buxtehuder Bulle 2008. Übersetzung: Alexandra Ernst, Blanvalet, 7. Auflage  2009, 608 Seiten, ab 12, 9,95 Euro

bücherdiebinAb Februar 2014 wird es bei cbj das Buch zum Film geben, der im selben Monat ins Kino kommt.

Markus Zusak: Die Bücherdiebin, Buch zum Film, cbj, 2014, 592 Seiten, ab 12, 9,99 Euro