[Jugendrezension] Von Gut und Böse

mörderEin Haus am Ende der Welt. Nur umgeben von Felsen und Klippen. Keiner kommt zufällig zu diesem abgelegenen Ort am südlichen Rand von Chile. Dort leben der Bauer Poloverdo, seine Frau und ihr Sohn Paolo. Das Leben hier ist grausam. Paolo wächst eher wie eine zähe Pflanze auf, denn als ein Mensch. Gefühle wie Liebe sind ihm fremd.

Genauso geht es dem Mörder Angel Alegría. Wieder einmal ist er auf der Flucht. Dann findet er das perfekte Versteck: ein Haus am Ende der Welt, umgeben nur von Felsen und Klippen. Das Einzige, was ihn stört, sind seine Bewohner. Ohne mit der Wimper zu zucken, schneidet Angel dem Mann und der Frau die Kehle durch. Doch plötzlich steht ein Kind vor ihm, verdreckt, unschuldig und furchtlos: Paolo. Da der Junge keine Gefahr für ihn darstellt, lässt Angel ihn leben.

Die Zeit vergeht, und langsam entwickelt sich eine Art Zuneigung zwischen dem Mörder und dem Kind. Angel spürt zum ersten Mal so etwas wie Verantwortung. Und Liebe. Ein Leben ohne Paolo kann er sich nicht mehr vorstellen.

Als der gebildete Luis auftaucht, kämpfen plötzlich zwei Männer um Paolos Zuneigung, und der Junge erlebt eine Art von Glück. Doch dieses Glück währt nicht ewig. Auch in einem Haus am Ende der Welt ist man nicht sicher vor der Vergangenheit.

Die beiden Hauptpersonen in dem Roman Der Mörder weinte von Anne-Laure Bondoux haben ein hartes Leben und sind vom Schicksal gestraft. Man freut sich mit ihnen, wenn sie zum ersten Mal Glück empfinden, doch man vermutet gleich, dass es nicht so weitergehen wird. Am liebsten würden die beiden ihr Glück packen und festhalten, doch es zerrinnt ihnen unter den Fingern.

Ich fand es faszinierend, wie sich eine Beziehung zwischen Angel und Paolo entwickelte und die beiden sich stetig veränderten. Anne-Laure Bondoux beschreibt es sensibel und mit viel Fingerspitzengefühl. Wunderschön, wie unter der rauen Schale Angels ein weicher Kern zum Vorschein kommt. Ein weicher, verletzbarer Kern, auf den schon der Titel hindeutet.

Am Beispiel von Angel sieht man, wie Menschen in die Kriminalität hineinrutschen, zu Mördern werden. Man fragt sich, was aus einem selbst würde, wenn man unter solchen Umständen aufwachsen müsste.

Natürlich ist es seltsam, dass ausgerechnet Angel, der Mörder von Paolos leiblichem Vaters, so etwas wie ein Vater für Paolo wird. Was aber weit hergeholt klingen mag, macht hier absolut Sinn. Angel tötet Paolos Eltern, aber er zieht Paolo auf und beschützt ihn, wahrscheinlich besser, als seine Eltern es je vermocht hätten. Vielleicht wäre Paolo sonst auch zu einem Mörder geworden. Die beiden retten sich gegenseitig in ihren trostlosen Schicksalen.

Welche Strafe hat Angel verdient? Ist er nur ein brutaler Mörder? Gut und Böse liegen für mich in dieser Geschichte sehr nah beieinander.

Juliane (15)

Anne-Laure Bondoux: Der Mörder weinte, Übersetzung: Maja von Vogel, Carlsen Verlag, 2014, 192 Seiten, ab 12, 14,90 Euro

[Jugendrezension] Das perfekte Leben gibt’s nicht …

miss perfectEin Lebensdurcheinander ohne Vergleich, so lässt sich die aktuelle Situation der 17-jährigen Amy aus dem Buch Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne von Alice Kuipers am besten beschreiben. Eigentlich führt Amy, auch Bird genannt, ein perfekt durchgeplantes Leben. Sie ist gut in der Schule, ist überall beliebt und ihrem Traummann ist sie bereits begegnet.

Das glaubt sie jedenfalls … bis Pete Loewen in ihrem Leben auftaucht. Er ist der Neue in ihrer Klasse und schon als sie ihn das erste Mal sieht, macht es bei ihr Klick.
Ihr bisheriger Traummann Griffin weiß nichts von ihren Gefühlen für Pete. Er drängt Amy nach wie vor, endlich mit ihm zu schlafen. Sie aber vertröstet ihn weiterhin.
Amy’s beste Freundin Cleo möchte ihr bei ihrer Beziehung zu Griffin helfen, doch auch sie weiß noch nichts über die Geschichte mit Pete. Cleo mag Pete ebenfalls sehr gern und ist höchst verwundert, als dieser sie abweist, denn das hat bisher noch keiner gewagt …

Und Amy? Amy hat nun plötzlich doch ihr erstes Mal, aber nicht mit Griffin.
Und von da an läuft wirklich alles aus dem Ruder, denn als Amy mehrmals große Übelkeit verspürt, bemerkt sie etwas Erschreckendes: Sie ist schwanger. Und Pete ist der Vater. Sie hat niemanden, dem sie sich anvertrauen könnte, selbst ihren Eltern nicht, denn ihre Mutter hat die Familie gerade verlassen und ihr Vater ist seitdem nicht mehr ansprechbar, da er seine Frau so sehr vermisst.
Und plötzlich gehen auch noch Cleo und Griffin ein Licht auf. Cleo, dass Amy gar nicht mit Griffin geschlafen hat, und Griffin, dass Amy ein Kind erwartet.
Und nun? Wird Amy ihr Leben wieder in den Griff bekommen?

Ich finde Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne von Alice Kuipers richtig gut, denn ich habe beim Lesen die ganze Zeit mitgefiebert und gehofft, dass Amy ihre Probleme lösen kann. Und am Ende? Gibt es einen Schluss, wie ich ihn so gar nicht erwartet hätte…

Meine Empfehlung: Für Mädchen ab 12 Jahren, die gern mal für ein paar Stunden abtauchen wollen in die unplanbare Welt von Amy …

Bücherwurm (11)

Alice Kuipers: Miss Perfect oder Das Leben hält sich nicht an deine Pläne, Übersetzung: Angelika Eisold-Viebig, Fischer KJB, 2013, 352 Seiten, ab 12, 14,99 Euro

Liebe im Angesicht des Todes

schicksalEigentlich bin ich bei Sonnenschein ja am liebsten draußen, aber heute drängte es mich ins Kino. Am Nachmittag. Die Neugierde trieb mich hin. Denn lange angekündigt ist nun endlich Das Schicksal ist ein mieser Verräter in den deutschen Kinos angekommen.

Nachdem ich den gleichnamigen Roman von John Green vor zwei Jahren verschlungen und hier, hier und hier besprochen habe, war es für mich fast wie ein Pflichttermin, nun auch die Verfilmung zu begutachten. Als Vorbereitung hatte ich mir die Geschichte noch einmal per Hörbuch ins Gedächtnis gerufen. Gelesen von Anna Maria Mühe lieferte das mir einen ersten Vorgeschmack, wie es ist, wenn eine Geschichte das Medium wechselt, also vom selbst zu lesenden Text auf einmal von einer fremden Stimme vorgetragen wird.
Anfangs war ich von der Lesung etwas irritiert, da mir die Stimme von Anna Maria Mühe zu hoch und mädchenhaft vorkam. Doch zur 16-jährigen Hazel passt das ziemlich gut, und so war ich zum Schluss mit diesem Hörbuch sehr glücklich.

Mit dem Film ist es ähnlich, was die Gewöhnung angeht. Wie immer, wenn man nach einer Lektüre eigene Bilder von den Figuren, Settings und Szenen im Kopf hat, ist jede visuelle Umsetzung erst einmal ein kleiner Schock. Da John Green über die sozialen Netzwerke im vergangenen Jahr kontinuierlich von den Filmaufnahmen gebloggt, getwittert, getumblert, gevbloggt hat, konnte ich mich schon im Vorfeld an die beiden jungen Hauptdarsteller Shailene Woodley und Ansel Elgort gewöhnen. Woodley hätte ich aus The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten kennen können, war aber nicht so (wahrscheinlich hat mich damals George Clooney zu sehr von ihr abgelenkt). Elgort ist für mich ein ganz frisches Gesicht.
Frisch sind die Hauptdarsteller beide, und erfrischend ist es, wie sie wortlos miteinander kommunizieren, nur mittels hochgezogenen Augenbrauen oder Augenzwinkern. Woodley und Elgort haben das Zeug zu einem der tränenreichsten und dramatischsten Film-Liebespaare der Filmgeschichte zu werden. Das muss ich auf jeden Fall weiterverfolgen.
Auch sonst ist die Film-Version durchaus handfest. Regisseur Josh Boone hat sich so dicht es ging an die Vorlage gehalten, an einigen Stellen medienbedingt gekürzt und verändert, was aber durchaus vertretbar ist. So ist ein typischer Hollywood-Mainstream-Film entstanden, der zu Tränen rührt und keinen Zuschauer kalt lassen dürfte. Die deutsche Synchronisation entspricht in weiten Teilen dem Buchtext, was einen angenehmen Wiedererkennungseffekt birgt.

Was mir jedoch beim Schauen auf den Nerv ging, war das Phänomen, dass die visuelle Umsetzung extrem zum Kitsch neigt. Das, was im Buch völlig logisch daher kommt, nämlich das Hazel so unbedingt die Antworten ihres Lieblingsautor Peter Van Houten zu ihrem Lieblingsbuch haben will, wirkt im Film merkwürdig aufgesetzt. Da mag ich jetzt zu streng sein (schließlich ist dies ein Dreh- und Angelpunkt im Buch und gehört folglich im Film unbedingt dazu). Aber dennoch kam es für mich nicht richtig glaubwürdig rüber, dass ein krebskrankes Mädchen nichts Wichtigeres im Kopf hat als ein Buch (was ihr irgendwann auch Peter Van Houten, gespielt von Willem Dafoe, entgegenhält. Ich verbünde mich also gerade mit dem depressiven Säufer des Films … hoffentlich heißt das nicht, dass ich schon völlig verbittert bin …) Vermutlich ist es aber gerade das, was eine todkranke 16-Jährige umtreibt und so liebenswert macht. Und liebenswert ist Hazel allemal. Nur ob das eben einen ganzen Film trägt, das frage ich mich gerade. Vermutlich bin ich verdorben. Ich bin gespannt, wie andere das sehen werden.
Was mir allerdings echt zu dick aufgetragen war, war die Kuss-Szene im Anne-Frank-Haus. Auch hier hält sich der Regisseur sehr genau an die Buch-Vorlage. Doch wenn man es dort im Rausch des Lesens in sich aufsaugt, fast darüber hinwegfegt, so kann man im Film dem amerikanischen Pathos und dem Hollywood-Zuckerguss einfach nicht entkommen. Ich habe mich ein wenig gewunden. Hier wäre weniger vielleicht mehr gewesen. Aber vermutlich würden sich dann die Hardcore-Fans beschweren. Okay … mit der Film-Kritik ist es ein Kreuz.

Menschen beim Sterben zuzusehen ist nicht schön. Nie. Nicht im echten Leben und im Film auch nicht. Das geht echt an die Nieren. Handelt es sich dann noch um Jugendliche, ist es noch eine Umdrehung härter. So etwas in eine Geschichte zu gießen ist schwierig, und John Green hat es mitreißend gemacht. Das dann noch in bewegte Bilder umzusetzen, die uns viel direkter treffen, ist eine Gratwanderung. Doch die ist hier – trotz meiner Einwände – mit Respekt und Liebe gelungen. Eben à la Hollywood. Aber mal ehrlich: Wer wünscht sich das nicht – die bedingungslose, große Liebe seines Lebens bis in den Tod … und um das geht es in Das Schicksal ist ein mieser Verräter, um nicht mehr und nicht weniger. Alles andere sind Nebenwirkungen des Lebens und des Sterbens.

 

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter – Filmausgabe, 5 Audio-CDs, Gekürzte Lesung. 369 Min., Übersetzung: Sophie Zeitz, Gelesen von Anna Maria Mühe, Silberfisch, 2014, ab 12, 14,99 Euro

[Jugendrezension] Wertvolles Leben

deathSchluckt man die Pille, hat man nur noch eine Woche zu leben, doch dafür fühlt man sich in dieser kurzen Zeit so gut wie nie. Nach ziemlich genau einer Woche ist man allerdings wirklich tot. Davon handelt das Buch Death von Melvin Burgess.

Adam und seine Familie sind arm. Sein Vater ist arbeitsunfähig, und sein älterer Bruder Jess sorgt für die ganze Familie. Adams Zukunft kann man sich deshalb schon denken: Sie wird aus Arbeit bestehen.
Als er und seine Freundin Lizzie auf einem Konzert von Popstar Jimmy Earle sind, überschlagen sich die Ereignisse. Jimmy Earle stirbt vor den Augen der Zuschauer auf der Bühne, da er „Death“, die Todespille, geschluckt hat. „Death“ wird in den Straßen verteilt und viele Menschen schlucken es, da sie die beste Woche ihres Lebens haben wollen. Doch der Tribut ist der Tod, den trotzdem viele auf sich nehmen. Die Leute, die „Death“ geschluckt haben, werden „Deather“ genannt und schließen sich zu Gruppen zusammen, um die Regierung zu stürzen. Ihnen ist alles egal, da sie nichts zu verlieren haben.
Dann bekommen Adams Eltern die Nachricht, dass Jess tot ist; zudem glaubt Adam, dass seine Freundin Schluss gemacht hat. Er weiß nicht weiter und überlegt, ob er „Death“ schlucken soll …

Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt: Teil 1 „Death“, Teil 2 „Die Liste“ und Teil 3 „Revolution“. Schon das Cover wirkt mit der fast neongrünen Farbe bedrohlich. Mit der  „Death“-Kapsel darauf finde ich es total gelungen. Über den Seitenzahlen sieht man schwarze Totenschädel, und auch die Idee finde ich sehr gut.

Ich fand das Buch Death einfach nur fantastisch. Es war durchgehend spannend und ist für jeden, der Nervenkitzel mag, genau das Richtige. Außerdem mochte ich, dass das Buch auch etwas ausgesagt hat. Eine Stelle gefiel mir sehr gut: „Das Leben ist immer noch lebenswert. Es gibt so viel Wunderbares. Einen Job zu haben, der einem nicht gefällt – die meisten von uns müssen Dinge tun, die uns nicht gefallen, aber das Leben bleibt trotzdem ein Abenteuer.“
Ich denke, dass der Autor ausdrücken will, dass man seine Lebenszeit nicht vergeuden, sondern sinnvoll nutzen sollte. Man sollte sein Leben nicht einfach „wegschmeißen“, sondern er genießen.

Laura (15)

Melvin Burgess: Death, Übersetzung: Kai Kilian, Chicken House, Carlsen, 2014, 352 Seiten, ab 14, 14,99 Euro

 

Valentina F. – Es geht weiter!

2L8Mädels, ganz ruhig bleiben! Das Buch 2L8 – too late von Valentina F. ist noch nicht erschienen – es kommt erst am 22.1.2015 in die Buchläden. Und trotzdem möchte ich es schon mal kurz verkünden: Der vierte Teil von Valentina F.s Geschichte um Vale, Marco und Mirko ist auf dem Weg.

Nach ZDOZM – Zu dir oder zu mir und SGUTS – Schlaf gut und träum süß habe ich auch diesen Teil übersetzt. Dem war eine wahrlich lange Durststrecke vorausgegangen, weil es in Verlagen nun manchmal so ist, dass Wichtigeres ansteht, dass verhandelt wird, mit italienischen Verlagen kann sich das immer noch einen Schlag länger hinziehen, was auch immer …
Was mir allerdings zum ersten Mal passiert ist, war, dass eine ganze Reihe von Leserinnen mich kontaktiert haben, per Mail, per Facebook, per Twitter – also auf der ganzen Bandbreite der sozialen Netzwerke. Lange wusste ich selbst nicht, wie der Stand der Dinge war, konnte keine guten Nachrichten verbreiten. Die Anfragen der Leserinnen habe ich immer in das Jugendbuchlektorat des Fischer Verlags weitergeleitet. Auch dort gingen in den vergangenen Jahren so viele Fragen nach der Fortsetzung ein, dass schließlich im vergangenen Winter das Buch auf meinem Schreibtisch zum Übersetzen landete. Die Übersetzung ist mittlerweile fertig und muss noch lektoriert und Korrektur gelesen werden.
Seit dieser Woche ist das Buch mit dem Titel 2L8 – too late auch bereits bei Amazon gelistet. Zwar nicht, wie ich zuerst dachte, mit einem Erscheinungstermin im Herbst, sondern erst im nächsten Januar. Aber hey, die Zeit fliegt – und bis Januar haben alte und neue Valentina-F.-Fans  genug Zeit, die Vorgänger-Bände (noch einmal) zu lesen und sich auf den Stand der Geschichte um Vale, Marco und Mirko zu bringen.

Vom Inhalt aus Band 4 verrate ich hier natürlich nichts, nur dass Valentina F. es echt spannend gemacht hat, wie es mit den beiden süßen Jungs in Rom weitergeht. Freut euch schon mal drauf!

Valentina F.: 2L8 – Too late, Übersetzung: Ulrike Schimming, Fischer Sauerländer, 2015, 304 Seiten, ab 12, 8,99 Euro

[Jugendrezension] Vergänglichkeit, Liebe und Veränderung

sommernachtszauberCaroline – in Ellen Alpstens Roman Sommernachtszauber – studiert Schauspiel und wartet auf ihre erste Rolle. Durch Zufall wird sie von einem Regisseur entdeckt, der Romeo und Julia in einem sehr alten, verlassenen Theater neu auf die Bühne bringen will. Sie bekommt die Rolle der Julia und lernt bei heimlichen Proben in der Nacht Johannes kennen. Er ist ein Geist der 1935 in eben diesem Theater auf der Bühne starb, als er den Romeo spielte.

Johannes hilft Caroline beim Proben und die beiden verlieben sich ineinander. Doch es gibt einen Haken an der ganzen Sache und ihre Liebe gerät in Gefahr.

In einer Nebenhandlung geht es um Carolines eigentliche beste Freundin Mia, die sich ebenfalls als Julia beworben hat, aber nur als Kostüm-und Maskenbildnerin eingestellt wurde. Seitdem entfernen sich die beiden Mädchen von einander und das nicht zuletzt deswegen, weil Mia etwas mit ihrem Agenten anfängt, der mindestens 20 Jahre älter ist als sie.

Das ganze Buch besteht aus mehr oder weniger großen Geschichten, die alle ineinander fließen, was das Buch sehr interessant zu lesen macht.

Die meiste Zeit spielt das Buch im Theater und beschreibt wunderbar das Leben und Arbeiten dort. Die Geschichten von Johannes und Caroline sind perfekt aneinander gefügt und bilden eine ganz besondere und spannende Geschichte.

Was mir dagegen nicht so gut gefallen hat, sind die sehr detailliert beschriebenen Beischlafszenen zwischen Carolines Freundin Mia und ihrem Agenten. Diese Nebengeschichte lenkt von der eigentlichen Handlung ab und hat mir den Spaß am Lesen etwas genommen.

Mir hat das Buch leider nur mittelmäßig gut gefallen, was daran liegt, dass ich kein Geister-Fan bin und lieber romantische und nur zart angedeutete Liebesszenen lese. Wem das aber gefällt, kann ich das Buch nur weiterempfehlen!

Fine (15)

Ellen Alpsten: Sommernachtszauber, Coppenrath, 2013, 416 Seiten, ab 14, 17,95 Euro

Radtour durch Rom

ariaDie Aktion Blogger schenken Lesefreude geht in die zweite Runde. Und wie es der Zufall so will, verlose ich auch dieses Jahr eine frisch erschienen Übersetzung von mir: Aria – Das Schicksal fährt Fahrrad von der italienischen Autorin Miriam Dubini.

Und wie es der Zufall so will, spielt auch Aria – wie im vergangenen Jahr 99 und (m)ein Wunsch – in Rom. Ich schwöre, das ist keine Absicht!

Dieses mal sind es die Jugendlichen Aria und Anselmo, die Rom erkunden, per Fahrrad. Denn Anselmo hat eine besondere Gabe: Er findet verlorene Nachrichten und überbringt sie zu einem späteren Zeitpunkt den richtigen Empfängern. Bei einer seiner Touren durch Rom begegnet er der eigenwilligen Aria. Und für beide ändert sich plötzlich das Leben …

1920412_275348749290574_984065118_nAria ist ein fluffig-leichte Geschichte über Freundschaft, erste Liebe, die Leidenschaft des Radfahrens und über Rom. Ein Hauch von mysteriöser Fantasy liegt in der Luft, an der Mädchen ab 12 mit einem Hang zum Träumen ihren Spaß haben können.
Für den Herbst ist dann Band 2 dieser Trilogie geplant …
Einen entzückenden Eindruck, was passiert, wenn zwei Fahrrad-Verrückte aufeinandertreffen, vermittelt der italienischen Buchtrailer.

Wenn du an der Verlosung von fünf Exemplaren dieses Buches teilnehmen möchtest, dann schreibe mir bis zum 27. April 2014, 12 Uhr, in den Kommentar, was du oder deine Familie mit Rom verbindet.

Miriam Dubini: Aria – Das Schicksal fährt Fahrrad,  Übersetzung: Ulrike Schimming, Planet Girl, 2014, 208 Seiten, ab 12, 12,99 Euro

Die Vielfalt des Lebens, die große Liebe und der eigene Weg

levithanGibt es jemanden, der nicht schon mal gern das Leben eines anderen führen wollte? Wohl kaum. Zu unzufrieden sind wir oftmals mit unserem Dasein, zu neidisch auf andere, zu neugierig, zu ehrgeizig. Doch wir sind in unseren Körper und unserem Alltag gefangen und müssten uns schon ziemlich anstrengen, mal ein komplett anderes Leben zu führen.

David Levithan hat in seinem neuen Roman Letztendlich sind wir dem Universum egal ein Gedankenspiel auf sehr faszinierende Weise zu Ende gebracht.
Die 16-jährige Hauptfigur A wacht jeden Morgen im Körper eines anderen Jugendlichen auf. Jeden Morgen muss er/sie sich an einen neuen Körper, neuen Namen, neue Eltern, neues Haus, neue Umgebung, neue Stadt, neue Schule, neue Freunde oder Feinde gewöhnen. A kann diese Fähigkeit nicht steuern, er/sie weiß nie, wo er/sie am nächsten Morgen aufwacht. Eine Kontinuität gibt es nicht, und wenn dann liegt sie nur im beständigen Wandel.

Eines Tages jedoch steckt er/sie im Körper von Jason, der mit Rhiannon zusammen ist, das Mädchen jedoch nicht besonders gut behandelt. A verliebt sich auf den ersten Blick in sie und verbringt mit ihr einen wunderschönen, perfekten Tag am Meer. Von da an versucht A, so oft es geht zu Rhiannon zu fahren und sie zu treffen. Da A jedoch ständig in einem anderen Körper, also mal als Junge, mal als Mädchen, auftaucht, muss er/sie das Mädchen irgendwann in sein Geheimnis einweihen.
Natürlich will sie von diesem merkwürdigen Zustand zunächst nichts wissen, zu absurd ist diese Vorstellung. Doch je öfter A bei ihr auftaucht, umso schneller erkennt sie A in den verschiedenen Körpern wieder. Nach und nach kommen sich die beiden immer näher …

David Levithan hat hier vermutlich eine der ergreifendsten und ungewöhnlichsten Liebesgeschichten geschrieben, die mir je untergekommen ist. Trotz der fantastischen Idee ist man bereits auf den ersten Seiten gebannt, akzeptiert das Konstrukt, das Levithan im Laufe der Geschichte genau erklärt, uneingeschränkt. Und während man bei der Lektüre immer mehr mit A und Rhiannon liebt und leidet und sich fragt, wie das alles enden soll, erfährt man so ungemein viel über das Leben von anderen Menschen. Denn A steckt zwar immer wieder in neuen Körpern, kann aber durch seine Erfahrung und durch seinen „Außenblick“ ganz genau erkennen, ob der jeweilige Mensch gut oder schlecht zu seinem Körper ist.

Dabei sind zunächst das Geschlecht und die Hautfarbe völlig egal. A ist mal Junge, mal Mädchen, mal schwul, mal lesbisch, mal transsexuell, er/sie ist weiß, Afroamerikaner_in, Latino/a. Es ist egal, seine Liebe zu Rhiannon bleibt unverändert, und auch ihr ist es zunehmend egal.
Aber A ist daneben auch schon mal alkoholabhängig, übergewichtig, depressiv. Er/Sie steckte eines Tages im Körper eines Mädchens, das Suizidabsichten hegt. Normalerweise hält A sich aus den Leben der anderen heraus, hinterlässt keine Spuren, nur vage Erinnerungen an den Tag, an dem er/sie Besitz von dem/der anderen genommen hat. Doch in diesem Fall hält er/sie sich nicht heraus.
Ansonsten wertet A die körperlichen Zustände der anderen Jugendlichen nicht, zeigt aber, dass die Missachtung des eigenen Körpers ihn/sie an diesen Tagen in Schwierigkeiten bringt. Allerdings macht er/sie auch immer klar, dass es für diese Missachtung durchaus Gründe gibt, die eigentlich hinterfragt werden müssten. Doch dafür reicht sein/ihr einer Tag im Leben eines anderen nicht aus.
In diesen Betrachtungen findet man eine große Liebe und jede Menge Respekt für alle möglichen Lebensarten, bis A schließlich klar macht, dass man sich von den Dingen, die man vielleicht erstrebt und haben möchte auch wieder frei machen muss, um schließlich seinen ganz eigene Weg zu gehen.

Sprachlich gilt bei diesem Roman mein ganzer Respekt der Übersetzerin Martina Tichy, die es ganz fein verstanden hat, dieser ungewöhnlichen Figur A eine geschlechtsneutrale Sprache zu geben. Da A ja eigentlich körperlos ist und daher auch kein festgelegtes Geschlecht hat, kann er/sie nicht durch männliche oder weibliche Sprache charakterisiert werden. Ich-Erzähler_in A, der/die nie eine Aussage macht, welches Geschlecht ihm/ihr am liebsten wäre, erzählt daher in einer so unaufdringlichen und neutralen Sprache, das man als Leser nie stolpert oder gar zu einer Schlussfolgerung über As Geschlecht genötigt wird. Das im Deutschen so hinzukriegen ist eine große Kunst.

Letztendlich sind wir dem Universum egal ist ein großartiger Roman über die Liebe, das Leben und den Respekt, den man allen Arten von Liebe und Leben entgegenbringen sollte. Und das kann man in der heutigen Zeit nicht oft genug zum Ausdruck bringen.

David Levithan: Letztendlich sind wir dem Universum egal, Übersetzung: Martina Tichy, Fischer FJB, 2014, 400 Seiten, 16,99 Euro

 

[Jugendrezension] Vom Opfer zum Täter

knvmmdb.dllWenn man über eine längere Zeit gehänselt wird, was macht man dann?
Diese Frage stellt man sich, wenn man das Buch Der Tag wird kommen von Nina Vogt-Østli liest.

Hans-Petter ist 15 Jahre alt und wird schon seit der Grundschule von Andreas und den anderen Schülern verprügelt und gemobbt. Selbst in der weiterführenden Schule ändert sich daran nichts.
Am liebsten würde Hans-Petter unsichtbar sein und versucht so gut, wie es geht, nicht aufzufallen.
Er zieht sich in sein Zimmer zurück und verbringt die meiste Zeit vor seinem Computer.

Als ihn dann ein Mädchen namens Fera anschreibt, denkt er zuerst, dass es Andreas und seine Gang sei. Doch nach und nach schreibt er immer mehr mit der unbekannten Fera, die behauptet, aus der Zukunft zu kommen – und die beiden werden Freunde. Fera ist Hans-Petters einziger Freund.
Zu den Mobbing-Problemen in der Schule kommen auch noch seine Probleme zu Hause hinzu: Seine Mutter verliebt sich in seinen Lehrer, und sein Vater interessiert sich scheinbar nicht für Hans-Petter. Der Junge fängt an, einen bitter-bösen Plan zu schmieden …

Das Buch liest sich schnell. Die Kapitel sind aus der Sicht von Hans-Petter geschrieben und  relativ kurz. Teilweise kommen kleine Chatprotokolle vor, die sich von dem restlichen Text abheben.

Hans-Petter ist ein Junge, der mir wirklich Leid getan hat, weil er schon seit der Grundschule in der Rolle des Opfers ist, obwohl er nichts macht. Ich habe selbst über so manche Sachen dabei nachgedacht, wie man sich zum Beispiel als Erwachsener entwickelt, wenn man als Kind leiden muss, und ob man auch mit einem bösen Mensch befreundet sein kann.

Das Buch von Nina Vogt-Østli ist an sich interessant und einfach mal was für Zwischendurch. Ich persönlich fand die Chatprotokolle mit am Besten, weil es einfach mal etwas anderes war und sie ab und zu auch lustig geschrieben waren. Das Buch war abrupt zu Ende, was ich nicht erwartet habe.

Ich würde Der Tag wird kommen schon weiterempfehlen, weil es einfach ein Buch der etwas anderen Art ist, was man als erstes nicht erwartet.

Laura (14)

Nina Vogt-Østli: Der Tag wird kommen, Übersetzung: Dagmar Lendt, Coppenrath, 2014, 240 Seiten, ab 14, 14,95 Euro

[Jugendrezension] Flucht in ein anderes Leben

zoe willZwei Jugendliche, die erste große Liebe, Freiheit, der Highway – was sich kitschig anhört, entpuppt sich als das Gegenteil. Die Geschichte von Zoe und Will von Kirsten Halbrook ist ein wirklich berührender Liebesroman mit Tiefe und Nachwirkung.

Die 15-jährige Zoe und der 18-jährige Will haben ein Leben voller Leiden hinter sich: Zoes Mutter starb, als sie ein Kleinkind war. Sie wird immer wieder von ihrem betrunkenen Vater verprügelt.  Will wuchs in Kinderheimen und Pflegefamilien auf. Zoe ist die Erste, die an Will glaubt, und er würde alles für sie tun. Um ein anderes Leben zu beginnen, brechen sie eines Nachts mit Wills altem Camaro (ein alter Sportwagen) auf. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist alles perfekt – doch Zoe und Will ahnen, dass ihr Glück nicht ewig währen wird …

Mit Die Geschichte von Zoe und Will hat Kristin Halbrook einen tollen Debütroman geschrieben. Eine Besonderheit ist, dass der Roman abwechselnd aus Zoes und Wills Perspektive erzählt, sodass man sich gut in die beiden hineinversetzen kann.

In dem Roman geht es um große Gefühle, die Kristin Halbrook beeindruckend gut schildert.  Zoes und Wills Geschichte ist traurig. Es ist die Geschichte zweier Jugendlicher, denen das Leben übel mitspielt, die sich aber gegenseitig Kraft und Mut geben. Man wünscht den beiden so sehr, dass sie endlich ihr Glück finden. Doch das Leben ist nicht gerecht. Am Ende wird die Handlung immer dramatischer, und man kann das Buch kaum aus der Hand legen.

Zoe und Will sind mir noch lange im Kopf geblieben. Es sind für mich nicht einfach gewöhnliche Romanfiguren. Es gibt viele Zoes und Wills auf dieser Welt. Kristin Halbrook hat ihnen durch diesen Roman eine Stimme gegeben.

Juliane (14)

Kristin Halbroh: Die Geschichte von Zoe und Will, Übersetzung: Beate Brammertz,   Heyne fliegt, 2013,  320 Seiten ab 14, 14,99 Euro

 

[Jugendrezension] Vertraue niemandem

boynobodyIn dem Buch Boy Nobody von Allen Zadoff geht es um einen jungen Soldaten, der auf Anweisung von Unbekannten Menschen töten soll…

Ein 12-Jähriger, der immer wieder einen anderen Namen trägt, wird nach und nach zu einem Soldaten ausgebildet.
Nun ist er 16 Jahre alt, und seine  Eltern sind tot. Seine Auftraggeber soll er „Mutter“ und „Vater“ nennen, da es bei Telefonaten nicht auffällt. Für ihn gibt es immer wieder neue Umgebungen, neue Identitäten und neue Zielobjekte. Er selber hat gelernt zu kämpfen, sich zu verteidigen und emotionslos zu sein. Bekommt er einen Auftrag, versucht er, zunächst das Vertrauen des Opfers zu gewinnen. Hat er dies geschafft, tötet er es leise und still und verschwindet. Hauptsache weg. Dann wartet er auf den nächsten Auftrag.

Der junge Soldat hat schon mehrere Aufträge erfolgreich beendet, doch nun bekommt er einen, der sein schwierigster werden soll. Sein nächstes Zielobjekt ist ein bedeutender Mann in New York. Hatte er sonst immer ein paar Monate Zeit, so drängt dieses Mal  die Zeit. Nur fünf Tage, dann muss der Auftrag erledigt sein. Eigentlich wäre es ein Auftrag wie jeder andere,  wären da nicht die kurze Vorbereitungszeit … und die Tochter des Opfers. Der junge Killer entwickelt Gefühle, die er bisher immer unterdrückt hat. Er muss sich zwischen Liebe und seinem Auftrag entscheiden.

Das Buch ist sehr interessant geschrieben. Durch die Ich-Perspektive und durch kurze Sätze, wirkt alles so, als ob man mitten im Geschehen steht. Die Kapitel sind relativ kurz, was mir den Anreiz gab, immer weiter zu lesen. Auch die Überschriften der Kapitel waren etwas Neues, denn sie bestanden aus ganzen Sätzen und waren ab und zu, so schien es mir, gleich der erste Satz des Kapitels.

Ich fand Boy Nobody sehr aufregend und spannend. Allerdings war das Ende sehr traurig. Einerseits kann ich es verstehen, aber andererseits auch wieder nicht. Als ich es gelesen habe, war ich auf jeden Fall sehr erstaunt. Ich dachte, dass das Rätsel, das in diesem letzten Auftrag liegt, leicht zu erraten wäre, doch es stellte sich das genaue Gegenteil heraus. Durch viele Details und Wendungen wurde ich immer wieder überrascht.

Ich würde das Buch auf jeden Fall weiterempfehlen.

Laura (14)

Allen Zadoff: Boy Nobody. Ich bin dein Freund. Ich bin dein Mörder, Übersetzung: Petra Post/Andrea von Struve,  bloomoon, 2013, 336 Seiten, ab 14, 16,99 Euro

Das überhetzte Rößlein

hesseIm vergangenen Juli verbrachte ich eine wunderschöne Urlaubswoche im Schwarzwald, inklusive Ausflüge nach Calw und Kloster Maulbronn. Da war es fast selbstverständlich, mir mal wieder Hermann Hesses Unterm Rad vorzunehmen. Jetzt bin ich endlich dazu gekommen.

Meine Erinnerung an die Schullektüre von vor ewigen Zeiten war eher düster und nicht gerade mit Wohlgefühl verbunden.  Mit der um Jahrzehnte erweiterten Leseerfahrung fand ich nun jedoch eine ganz andere Geschichte vor mir.
Sicher sie ist immer noch düster, aber meine Fähigkeit zur Empathie sind scheinbar ebenfalls angewachsen. Jedenfalls tat mir Hans Giebenrath einfach nur leid. Eingezwängt zwischen lauter alten Männern, die nur ihre eigene Eitelkeit befriedigen wollen, kann er sich nicht gegen den Druck wehren. Er lernt rund um die Uhr, selbst in den wohlverdienten Ferien büffelt er weiter, nur um im Priesterseminar eine gute Figur zu machen. Ob er da je hin wollte, hat ihn natürlich niemand gefragt. Und er hat sich natürlich nicht gewehrt. Das stand damals nicht zur Debatte.

Seine Gegenwehr ist folglich eine andere, eine passive. Heute erkennen wir darin das Burnout und den schleichenden Übergang in die Depression. Der Freund im Seminar nutzt ihn nur aus, das Mädchen im Dorf treibt ihr Spiel mit ihm, selbst in der Mechaniker-Ausbildung und beim Saufabend mit den Kollegen kann er nicht mithalten. Sein Vater ist enttäuscht von Hansens Scheitern und überfordert von der „Nervenkrankheit“ des Sohnes. Alles keine guten Voraussetzungen, um den schwierigen Übergang von Kindheit ins Erwachsenenleben zu bewältigen. Die Nöte des Jungen erkennt niemand. Sein Gang ins Wasser – freiwillig oder als Unfall – ist folglich nur konsequent.

Vor ein paar Wochen ging die Pressemeldung über die Freizeit der Deutschen durch die Medien. Eine knappe Stunde haben die Jugendlichen heute pro Tag weniger Zeit für sich. Mit Hesses Geschichte im Hinterkopf kommt einem das Schaudern, sind die Kinder und Jugendlichen heute doch schon so rundum in ihrem Alltag durchgetaktet, dass man sich wirklich fragt, wo sie die nötige Zeit zur Entspannung, zum Spielen, zum Ausprobieren finden. Krass und überzogen gesagt, könnte man den Eindruck bekommen, dass hier die nächste Generation an Burnout- und Depressionspatienten großgezogen wird. Nicht nur das Schicksal von Hans Giebenrath führt uns vor Augen, dass mangelnde Freiräume und übertriebener Ehrgeiz von Erziehungsberechtigten ein schlimmes Ende nehmen können. Falls Hesses Unterm Rad immer noch Schullektüre sein sollte, müsste man eigentlich dafür plädieren, nicht die Schüler damit zu quälen, sondern die Geschichte zur Pflichtlektüre für Eltern und Lehrer zu machen. Zum Wohl der Kinder.

Was mich neben dieser Aktualität von Hesses Text aus dem Jahr 1903 fasziniert hat, war die Sprache. Antiquiert zwar, mit altertümlichen Ausdrücken wie „Sacktuch“ und  „Putzpulverhändler“, aber so klar und auf den Punkt gebracht, dass mir ganz wohlig und heimelig dabei geworden ist. Wenn es so etwas wie eine entschleunigende Lektüre gibt, dann habe ich sie bei Hesse wiedergefunden. Was einfach sehr zu empfehlen ist.

Hermann Hesse: Unterm Rad, Suhrkamp, 2012, 260 Seiten, 9 Euro

Blutzoll an eine Stadt

BerlinIn diesem Herbst habe ich Berlin nach vier Jahren verlassen. Aus guten Gründen. Dennoch blutet mein Herz. Als Kur gegen Heimweh habe ich mich dieses Mal auf die Graphic Novel Berlinoir von Reinhard Kleist und Tobias Meissner gestürzt. Und wurde in ein kongeniales Spektakel hineingezogen.

Berlinoir wird von Vampiren beherrscht. Die Menschen liefern ihnen das Blut – freiwillig oder gezwungenermaßen. Es regt sich Widerstand, immer wieder werden wirtschaftliche und politische Stützen der Vampir-Gesellschaft von Menschen umgebracht. Die Menschen setzen ihre Hoffnung in den Vampirjäger Niall, der als kommender Anführer die Stadt von der Unterdrückung durch die Untoten befreien könnte. Doch Niall sieht sich nicht als Messias, viel mehr ist er von den Vampiren angewidert, gleichzeitig aber auch angezogen. Er verliebt sich in eine Vampirfrau.
Wenig später treibt dann auch noch ein Mörder sein Unwesen in der Megacity, der eigentlich auch nur ein Vampir sein kann. Um die Vampire zu besiegen bleibt Niall schließlich nur ein Weg – er muss selbst zum Vampir werden …

Die Geschichte von Berlinoir ist durchaus komplexer, als ich sie hier kurz anreiße. Doch den verzwickten Plot muss jeder Leser selbst erkunden. Das, was mich vielmehr fasziniert und letztendlich amüsiert hat, sind die nonchalanten Seitenhiebe auf Berlin-Hype und Gewurschtele in der Stadt. Da wird im Blutroten Rathaus in der Kabinetts-Versammlung über die drei Opern und zwei Tierparks der Stadt geschimpft, die Mahnmalkultur aufs Korn genommen und mit „ruhiger Hand“ regiert. Eingebettet wird diese Politik, die nicht einfach auf irgendeine real-existierende Partei zu übertragen ist, in ein überschäumendes Berlinoir, das die wilden, expressionistischen 20er-Jahre wieder aufleben lässt.
Die Stadtarchitektur gleicht einer Mischung aus Metropolis und Gotham City. Fernsehturm, Dom, Potsdamer Platz verschwinden zwischen Hochhäusern, die man eher in New York erwartet. Auf jeder Seite entdeckt man Berliner Sehenswürdigkeiten, meist gut versteckt, oftmals dem Verfall anheim gegeben. Das Leben findet hauptsächlich nachts statt, da das Sonnenlicht bekanntermaßen eine Bedrohung für Vampire darstellt. Fledermäusen sind so zahlreich wie Ratten. Verschiedene Glaubensgruppen agieren in der Stadt. Und selbst unter den Vampiren gibt es Grabenkämpfe, die zu einer Teilung der Stadt in einen Nord- und einen Südsektor führen.
Die Anspielungen an die Stadtgeschichte von Real-Berlin sind offensichtlich, machen in ihrer überraschenden Art aber immer wieder Laune, da man beständig nach einer Einordnung oder einem Wiedererkennungseffekt sucht. Wahrscheinlich lässt sich das nicht eindeutig machen – jedenfalls ist es mir bei dieser ersten Lektürerunde nicht gleich gelungen und ich habe mit Sicherheit noch eine ganze Menge übersehen. Das macht aber erstmal gar nichts, denn so bleibt für die nächsten Male ein riesiges Potential an Neuentdeckungen und -interpretationen.

Kleists Panels wechseln von kalt-blau-dunkeln Farben zu warm-rot-orange, spiegeln so die tote Welt der Vampire und die noch blutgefüllte der Menschen. Die Figuren, die Kleist in ihnen agieren lässt, gleich denen von George Grosz, erinnern an Nosferatu von Murnau – und sind streckenweise nichts für schwache Nerven. Verbranntes Fleisch auf Schädelknochen, spritzendes Blut, rollende Köpfe und Tod reihen sich in einem fiebrigen Tanz um die Macht aneinander. Eine Stadt sucht einen Mörder. Ein Schreckensregime löst das nächst ab. Die Interpretationsebenen in dieser Graphic Novel sind so zahlreich, dass man das schon eher im wissenschaftlichen Rahmen genauer untersuchen müsste. Für den Normalleser ist auf jeden Fall eine Wonne. Das können einem die fiesen Blutsauger von Berlinoir auf gar keinen Fall vermiesen.

Der Narbenstadt Berlin, die „moderat tribalistischen Provinznachwuchs“ mit „den Ausschweifungen der Großstadtnächte“ anzieht, haben Kleist und Meissner ein düsteres, aber überaus hintersinniges Denkmal gesetzt.

Reinhard Kleist/Tobias O. Meissner: Berlinoir, Carlsen, 2013, 150 Seiten, 24,90 Euro

[Jugendrezension] Die Schokoladenmafia

schokoladeBitterzart ist der Auftakt einer Trilogie von Gabrielle Zevin. Der Roman spielt in New York im Jahre 2083: Wasser und Papier sind knapp, Schokolade und Kaffee verboten. In dieser düsteren Zukunftsvision lebt die 16-jährige Anya Balanchine. Ihre Familie gehört zu den fünf großen Schokoladen-Dynastien und beherrscht den illegalen Schokoladenhandel in New York. Anyas Vater, das ehemalige Oberhaupt einer dieser Familien, ist schon lange tot, und Anya muss allein für ihre Schwester, ihren Bruder und die Großmutter sorgen. Deshalb hält sie sich so gut wie möglich aus dem Familiengeschäft heraus. Doch die Ereignisse überschlagen sich, und es stellt sich die Frage: Wird sie sich weiterhin aus dem Schokoladengeschäft heraushalten können, oder wird sie das Erbe ihres Vaters antreten? Hinzu kommt, dass Anyas große Liebe Win der Sohn des Oberstaatsanwalts ist …

Bitterzart ist ein spannender und kurzweiliger Lesespaß. Gabrielle Zevin schreibt anschaulich und schafft es, den Leser ins Geschehen hineinzuziehen und bis zur letzten Seite in Bann zu halten.
Als ich den Klappentext las, fand ich die Idee vom illegalen Schokoladenhandel etwas seltsam. Beim weiteren Lesen erschien mir diese Vorstellung aber gar nicht mehr so weit hergeholt. Gabrielle Zevin hat eine durchaus mögliche Zukunft beschrieben, in der alles zu knapp ist und gespart werden muss.
Die Hauptperson hat aufgrund ihrer Familiengeschichte Einiges durchgemacht, und das hat sie geprägt. Da das Buch in der Ich-Perspektive geschrieben ist, kann man sich gut in Anyas Lage versetzen. Sie steckt in der Zwickmühle, weil sie sich um ihre Familie kümmern muss, die Tochter eines Mafiabosses ist und dennoch den Sohn des Oberstaatsanwalts liebt. Außerdem wird im Verlauf der Geschichte noch nicht klar, ob sie letztendlich ihr Geburtsrecht annimmt und Oberhaupt des Balanchine-Clans wird. Ich bin deshalb gespannt, wie Anya sich entscheidet, und freue mich schon auf die Fortsetzung Edelherb.

Juliane (14)

Gabrielle Zevin: Bitterzart, Übersetzung: Andrea Fischer, Fischer FJB, 2013, 544 Seiten, 16,99 Euro

[Jugendrezension] Seelenverwandte

sky

Du hast die Hälfte unserer Gaben, ich die andere …

Finding Sky ist der erste Band der Trilogie „Die Macht der Seelen“ von Joss Stirling. 2013 war das Buch für den Deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury nominiert.

Hauptperson ist die 16-jährige Sky Bright. Als Kleinkind wurde sie auf einer Autobahn-Raststädte gefunden, ohne Erinnerungen, nicht einmal ihren Namen wusste sie. Sky hat ihre Vergangenheit zum größten Teil verdrängt – bis sie mit ihren Adoptiveltern nach Wrickenridge in Colorado zieht. Dort trifft sie auf Zed. Er ist das Gegenteil von der schüchternen Sky, ein richtiger „Bad Boy“, aber irgendwie fühlt sich Sky zu ihm hingezogen. Das wandelt sich jedoch in Furcht um, als sie plötzlich seine Stimme in ihrem Kopf hört …

Zunächst dachte ich, Finding Sky wäre ein Liebesroman. Beim Lesen stellte ich jedoch fest, dass es um mehr geht. Der Roman ist gut geschrieben, die Dialoge sind witzig und geistreich und die Sprache sehr lebendig. Joss Stirling schafft es, die Figuren zum Leben zu erwecken. Die schüchterne Sky, die freche Tina, der charmante Zed … alle haben etwas Liebenswertes an sich. Man begleitet Sky durch einen Teil ihres Lebens, freut sich und leidet mit ihr. Die Musik ist ein wichtiger Teil ins Zeds und Skys Leben, das hat mir als Hobbymusikerin natürlich gut gefallen.
Die Handlung ist spannend, besonders zum Ende gibt es einige überraschende Wendungen und die Geschichte nimmt noch einmal an Fahrt auf.

Finding Sky ist eine spannende, paranormale Liebesgeschichte mit bezaubernden Hauptpersonen. Es ist außerdem ein Buch, das Jugendliche und Erwachsene lesen können. Für jeden ist etwas dabei!

Juliane (14)

Joss Stirling: Die Macht der Seelen – Finding Sky, Übersetzung: Michaela Kolodziejcok,
Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2013, Kategorie: Preis der Jugendlichen.  DTV, 2012, 459 Seiten, ab 14, 16,95 Euro