Gewebte Kindheitserinnerungen

bourgeoisJedes Kind ist zweifellos ein Künstler. Man muss es nur machen lassen. Finde ich. Darüber hinaus kann man ihm zeigen, wie andere Menschen dazu gekommen sind, Künstler zu werden, und was für Ideen und Einflüsse sich hinter ihren Werken verbergen.

Ein Beispiel dafür ist das biografische Bilderbuch Lied für Louise von Amy Novesky und der Illustratorin Isabelle Arsenault. Die beiden erzählen darin die Lebensgeschichte der Louise Bourgeois, die der Welt vor allem durch ihre riesigen Spinnen-Skulpturen bekannt ist.

Krabbeltiere sind ja bekanntlich nicht gerade beliebte Hausgenossen. So mancher von uns ekelt sich vor diesen hilfreichen Insekten. Wieso also hat sich Bourgeois ausgerechnet die Spinne als ein Hauptmotiv für ihre Arbeiten auserkoren? Als großer und kleiner Kunstlaie wundert man sich da schon ein bisschen.
Novesky und Arsenault erzählen in poetisch-grafischen Bildern die Kindheit von Louise. Sie wächst an einem Fluss auf, zelte in ihrem wunderschön bunten Garten und träumt. Doch Louise kann natürlich nicht nur träumen, sondern muss ihren Eltern in der Werkstatt helfen, wo diese alte Wandteppiche reparierten und restaurierten. Louise erlernt von der geduldigen Mutter das Handwerk, sie arbeitet mit Farben, Fäden, Stoffen, schneidet Dinge auseinander, setzt sie wieder neu zusammen.

Schließlich geht sie nach Paris, studiert Mathematik, auf der Suche nach Sicherheit und Wahrheit. Doch im Leben gibt es keine absoluten Sicherheiten. Die geliebte Mutter stirbt. Louise stürzt sich in die Kunst, webt, malt, fertigt riesige Spinnen aus Metall. Die Spinnen, die Meisterinnen des Webens, fügen nämlich Zerrissenes wieder zusammen, so wie ihre Mutter es im Leben mit den Stoffen getan hat. Louise nennt ihre Spinnen „Maman“.

Durch die scharlachroten und ultramarinblauen Tuschebildern von Isabelle Arsenault tauchen die Betrachtenden tief in die Welt von Louise ein. Man ahnt, wie sehr die Stoffe, die Arbeit mit Geweben Louise Halt gibt, die Erinnerung an die Kindheit bewahrt und zu einem Rettungsanker wird.  Sie zeigt dabei – fast nebenbei –, dass auch aus den alltäglichsten Dingen Kunst gemacht werden kann.

Sowohl die Biografie von Louise  Bourgeoise, als auch ihre Kunst wirken in diesem Bildberbuch-Schmuckstück anregend und inspirierend. Der Respekt vor dieser großen Künstlerin steigt, und zugleich bekommt man Lust, selbst Kunstwerke aus Alltäglichem zum erschaffen und sich seinen eigenen Weg im Leben zu suchen. Ganz nebenbei werden einem selbst die Spinnentiere, die ja immer wieder durch unsere Wohnungen krabbeln, sympathisch. Und auf einmal betrachtet man so manches in seiner Umgebung mit etwas anderen Augen, nicht nur die Kunstwerke von Bourgeois.
Wenn ein Bilderbuch all so etwas schafft, ist das einfach großartig!

Amy Novesky: Lied für Louise. Das bunte Leben von Louise Bourgeois, Illustration: Isabelle Arsenault, Übersetzung: Katharina Bendixen/David Blum, E.A. Seemann, 2016, 40 Seiten, ab 8, 16,95 Euro

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Die Psyche der Täter

attentäterSeit dem Anschlag im Zug bei Würzburg im Juli diesen Jahres dürfte auch der Letzte in unserem Land wissen, dass wir 15 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in Zeiten beständiger Bedrohung leben. Nun kann man vor lauter Angst absurde Maßnahmen ergreifen, wie Burkinis und Burkas verbieten lassen – oder man versucht zu ergründen, wie junge Menschen dazu kommen, zu Attentäter zu werden.

Für letztere Variante hat sich die Autorin Antonia Michaelis entschieden und hat ein Szenario erdacht, in dem Berlin zur Zielscheibe von islamistischen Attentäter wird. Dabei liefert sie jedoch keine reine Terror-Story, sondern baut eine komplexe psychologische Dreiecksgeschichte auf.
Ihre Helden sind der Halbfranzose Alain, der Halbtürke Cliff und das Mädchen Margarete. Gemeinsam wachsen sie in einem Wohnhaus im Prenzlauer Berg auf, sind Freunde von klein auf.
Alain und Cliff verbindet, dass beide begnadete Zeichner sind und gute Chancen hätten, auf der Kunsthochschule angenommen zu werden. Die Jungs fühlen sich aber auch emotional voneinander angezogen, ohne dass sie lange Zeit über ihre Liebe sprechen.
In dem Trio ist es Cliff, der mit den größten familiären Problemen zu kämpfen hat: Seine Mutter Cemre hat die Familie früh verlassen. Cliff glaubt lange, dass er die Schuld daran trägt. Er schwankt zwischen der Liebe zur Mutter und der Abgrenzung von ihr; er lehnt sich als keines Kind so sehr gegen seinen Vater auf, dass dieser ihn im Schuppen im Hinterhof in einer kalten Weihnachtsnacht einsperrt und vergisst. Alain und Margaret retten den Freund aus diesem eiskalten Gefängnis. Doch sie können Cliff nicht vor den Irrungen und Wirrungen des Heranwachsens bewahren. Cliff rebelliert, wo es nur geht. Er schließt sich rechten Schlägertrupps an, er will dazugehören – egal wo. Bis er bei einer Demo Alain, dem links Orientierten, direkt gegenübersteht.
Cliff lässt nach einer Weile die rechte Szene hinter sich. Sucht weiter, nach seinen Wurzeln, nach seinem Platz in der Gesellschaft und konvertiert zum Islam. Er geht in die Moschee und gerät mit der Zeit in den Einflussbereich der Islamisten. Trotz der Regeln und der vermeintlichen Klarheit des Islam kann Cliff jedoch nicht von Alain und Margarete lassen. Er ist zerrissen zwischen den verschiedenen Welten. Bis die dunkle Seite in ihm die Überhand gewinnt und er mit einem Kumpel nach Syrien ins Kalifat geht. Ein Jahr später kehrt er mit einem Auftrag nach Berlin zurück.

Der Roman von Antonia Michaelis ist auf mehreren Ebenen harte Kost. Sie erzählt die Geschichte der drei Helden nicht als chronologisches Kontinuum, sondern sie springt sowohl in den Zeitebenen, als auch in den Perspektiven ihrer Hauptfiguren. Alle drei lässt sie aus der Ich-Perspektive berichten, was sehr viel Aufmerksamkeit vom Leser erfordert, da nicht immer sofort erkennbar ist, wer spricht. Das ist zwar anstrengend, aber auch ziemlich genial, denn die drei Protagonisten bilden so eine Einheit, bei der es fast egal ist, wer erzählt.
Nach und nach setzt sich schließlich das Puzzle einer möglichen Attentäter-Psyche zusammen. Lange Zeit hält Michaelis den Leser im Unklaren, ob Cliff tatsächlich im Kalifat war – so wie er seine Freunde und seine Familie in Berlin im Unklaren lässt. Das ist extrem spannend und erzeugt im Laufe der Lektüre einen immer größeren Sog.

Gegen Ende war ich hin- und hergerissen. Man fiebert tatsächlich daraufhin, ob der „Tag des Blutes“, wie die Attentäter ihren Plan nennen, wirklich stattfindet, gleichzeitig will man das natürlich nicht. Stattdessen wünscht man sich für Alain und Cliff und auch Margarete endlich ein versöhnliches Ende. Das, was dann passiert, ist schockierend – aber gleichzeitig sind alle Figuren so tief gezeichnet, dass man sie ins Herz schließt. Selbst den Attentäter Cliff.
Natürlich wäre es einfach, ihn zu hassen. Er will Menschen und sich selbst töten. Das ist etwas zutiefst Unmenschliches und Abscheuliches. Doch das Wissen um seine vermurkste Kindheit und seine familiären Abgründe haben bei mir so viel Mitleid mit ihm aufgebaut, dass man ihm den Wunsch nach Erlösung wirklich abnimmt.

Darin liegt nun aber auch die Krux. Ich kann ja nicht mit jedem Attentäter Mitleid haben und alles mit einem verständnisvollen „Er-hatte-eine-schwere-Kindheit“ entschuldigen. Nein. Attentäter sind – entschuldigt den Ausdruck – Arschlöcher. Punkt.
Und nun tun sich jede Menge Fragen auf: Wie wird ein Mensch zum Attentäter? Sind also alle ausländischen Dschihadisten psychisch angeschlagen, zerrissen, nicht gut integriert? Könnte man Anschläge verhindern, wenn nur alle Menschen aus heilen Familien stammen? Oder die nötige Hilfe bekommen, wenn die familiären Verhältnisse nicht mehr zu retten sind?
Michaelis gibt darauf keine Antworten. Allgemein gültige Antworten kann es aber auch nicht geben. Wir sind alle gefordert, jungen Menschenkindern Halt, Wurzeln und Werte zu vermitteln, von Bildung mal ganz abgesehen, damit sie später Chancen auf gute Jobs und Anerkennung haben. Vielleicht könnte man dadurch eine offnere und tolerantere Gesellschaft schaffen und Anschläge verhindern.
Klar ist allerdings auch, dass das nicht immer klappen kann und wird. Zu tief sitzt die Verunsicherung des Menschen am Leben, zu stark sind die Einflüsse von Demagogen, zu tief sitzen bei vielen Menschen die Kränkungen und die Enttäuschung. Man kann beileibe nicht alle Menschen retten. Es ist schier zum Verzweifeln.

In dieser Hinsicht gibt einem der Roman von Antonia Michaelis jedenfalls sehr zu denken, wie man, jenseits des Kampfes gegen die Indoktrination durch Islamisten, jugendliche Seelen so stärken kann, dass sie diesen falschen Versprechungen nicht verfallen. Und das macht sie nebenbei auf äußerst fesselnde Art.

Antonia Michaelis: Die Attentäter, Oetinger Verlag, 2016, 432 Seiten, ab 16, 19,99 Euro

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Kinderland ist abgebrannt …

mawilAm kommenden Wochenende nun jährt sich der Mauerfall. Zum 25. Mal. Wie in den vergangenen Jahren auch versuche ich mich dann immer zu erinnern, wo ich am 9. November 1989 war. Aber da ist nur ein Loch in meinem Hirn. Dieses Jahr werde ich in Barcelona weilen, während in Berlin der ehemalige Mauerstreifen illuminiert wird. Man kann eben nicht alles haben. Leider. In all dem Erinnerungsmarathon ist mir jedoch etwas ganz Feines in die Hände gefallen: Kinderland von Mavil.

Das Sandmännchen und Pittiplatsch im ersten Panel weisen den Weg: in eine Kindheit in der DDR. Drei Panels weiter steht eine blau-weiße Schlumpffigur im Setzkasten – und schon ist man als Leser im widersprüchlichen Kosmos von Mawils Graphic Novel gefangen. Darin erzählt er die Geschichte von Mirco Watzke, 13 Jahre.
Der Junge geht in die siebte Klasse, in einer Schule in Ostberlin, im Sommer 1989. Er ist ein guter Schüler, der nur zu spät kommt, wenn der Bus mal ausnahmsweise eine Umleitung fahren muss. Er ist Mitglied bei den Jungen Pionieren, sportlich unbegabt, sammelt Briefmarken und ist Messdiener in der Kirche, also eher von der unauffälligen Sorte, Typ Außenseiter. Das ändert sich, als in der Parallelklasse Torsten auftaucht. Der ist laut, selbstbewusst und kein Pionier. Das Tischtennis bringt die beiden Jungs zusammen. Gemeinsam wollen sie ein Turnier organisieren, aus Anlass des Geburtstages ihrer Pionier-Organisation. Was nicht auf die Begeisterung der Lehrerin stößt.

In diesem Sommer, zwischen Nacktbaden am See, lästiger Klassenfahrt mit fiesen Streichen, Morgenlatte und ersten hormonellen Verwirrungen beim Anblick von Mädchen, dringen nach und nach die Veränderungen, die im Land vor sich gehen, in Mircos Bewusstsein. Torstens Vater ist in den Westen abgehauen, weshalb der Junge nie im Leben dorthin will. Mircos Eltern unterhalten sich über die Fluchtversuche von Freunden, was der Junge vom Flur aus belauscht. Erst fehlt eine Mitschülerin in der Schule, später sogar eine Lehrerin. Mirco nimmt es wahr, ahnt aber nichts von der Gefahr, die hinter allem immer lauert. Das macht ihm erst Torsten klar, der sich nicht einreiht und sich vor allem nicht einschüchtern lässt. Inmitten all des schleichenden Wandels ist für Mirco jedoch immer noch das Tischtennis das Wichtigste.

In der Mitte der Graphic Novel kommt es daher zu einem spektakulären Tischtennis-Match, bei dem Mirco und Torsten gegen zwei große FDJler antreten. Wenn es vor Jahren hieß, der Film The Big Lebowski habe das Bowlen in all seiner Faszination und Schönheit in Bilder gegossen, so kann man heute sagen, dass Kinderland eine Hymne auf das Tischtennis zeichnet, komponiert, darbietet. Rasant, dynamisch und mit Schmackes saust der Pingpong-Ball von einem Panel zum nächsten, durchbricht die Begrenzungen, überspringt die Seiten, lässt sich vom Regen nicht aufhalten. Einfach großartig!
Natürlich kann man hier auch ganz wunderbar interpretatorischen Tiefsinn hineindenken – Außenseiter und Unangepasster gegen den untergehenden Staat. Der vermutlich schönste Abgesang auf die DDR und die ungewöhnlichste Hommage an den Mut der Menschen, sich aufzulehnen.
Aber auch wenn nicht, Kinderland ist ein Spaß für die Leser, selbst wenn es für Mirco und Torsten kein Spaß mehr ist. Das liegt auch an den kleinen Details die Mawil immer wieder einbaut, sei es der CCCP-Satellit, das Gorbi-Foto in der Zeitung, eine Figur namens Angela Werkel oder Mircos subversives „Amen“ statt „Immer bereit“. Der genaue Blick lohnt hier alle Mal.

Mircos Kindheit zwischen Pittiplatsch, Schlümpfen, Winnetou-West-Filmen und Depeche-Mode-Klassenfahrt-Disco-Abenden endet am 10. November 1989. Politisch wie privat sehr dramatisch. Für den Leser geht das Nachdenken  weiter. Und das Erinnern, an die Zeit vor 25 Jahren, als das Kinderland vieler verschwand und etwas anderes einkehrte …

Mawil: Kinderland, Reprodukt, 2014, 280 Seiten, 29 Euro – ausgezeichnet mit dem „Max und Moritz“-Pries Internationalen Comic-Salons Erlangen als „Bester deutschsprachiger Comic“ 2014.

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Unsere Herzen brauchen Liebe

parnassMit manchen Persönlichkeiten geht es mir wie mit gewissen Sehenswürdigkeiten in meiner Heimatstadt: Sie sind da, ich kenne ihre Namen, ahne etwas über sie und habe mich aber noch nie näher mit ihnen befasst.
So ist es bei mir mit Peggy Parnass. Sie war immer irgendwie da, in Hamburg, in meinem Bewusstsein, da war diese Ahnung, dass sie etwas Linkes, Revolutionäres, Emanzipiertes gemacht hat. So in der Art.
Gestern habe ich sie auf der Buchpräsentation von Kindheit kennengelernt. Und eine weitere Bildungslücke annährungsweise geschlossen.

Kindheit ist ein Buch mit einer ganz eigenen Geschichte, neben der Geschichte, die darin erzählt wird. Zugrunde liegt allem die Freundschaft zwischen der Künstlerin Tita do Rêgo Silva und Peggy Parnass. Die beiden sind seit vielen Jahren Nachbarinnen in der Langen Reihe in Sankt Georg. Tita wurde auf Peggy aufmerksam, als diese immer splitterfasernackt ihre Blumen auf dem Balkon goss. Aus Neugierde wurde Nachbarschaftshilfe, Freundschaft, Liebe.
Tita, von Peggys Kindheit fasziniert, initiierte vor zwei Jahren dieses Buchprojekt. Der Text Kindheit aus Peggy Parnass‘ Buch Unter die Haut bildet dabei die Grundlage für Titas Illustrationen.

Tita, die vor vielen Jahren aus Brasilien nach Hamburg gekommen ist, stellt Holzschnitte her. Ursprünglich plante sie das Buch mit einer Auflage von 100 Exemplaren. Doch der Verleger und Drucker Klaus Raasch überzeugte sie davon, eine größere Auflage zu produzieren. Im Museum der Arbeit in Barmbek stehen nämlich noch die alten Druckmaschinen, die die Kunst des Holzschnittes perfekt umsetzen können.
Die Drucke für Kindheit entstanden mit der Technik der „verlorenen Form“, bei der Tita nach jedem Druckdurchlauf an der Holzplatte weiter schneidet, bis die nächste Farbe damit auf die zuvor gedruckten Bögen aufgebracht werden kann. Das erfordert ungemeine Präzision, Geduld und Geschick von allen Beteiligten, denn es gibt kein Zurück, kein Verbessern, kein Nochmal. So entstanden 1000 Exemplare von Kindheit, mit viel leuchtendem Gelb und Figuren mit Unmengen an Locken, was sich Peggy gewünscht hatte. Peggy durfte allerdings bis zum Schluss die Holzschnitte nicht sehen. Tita wollte sich nicht von ihr hereinreden lassen. Eine verständliche, im Nachhinein aber völlig unbegründete Sorge: Peggy war begeistert, von Titas Stil und ihren sympathischen Mensch-Tier-Figuren, die Peggys Geschichte genau entsprachen. 2013 prämierte die Stiftung Buchkunst Kindheit als eines der schönsten Bücher des Jahres.
Die 1000 Exemplare waren rasch vergriffen. Nachdruck durch die Technik der „verlorenen Form“ unmöglich. Bis die beiden Urheberinnen von Kindheit 2013 in der NDR-Talkshow saßen, ihr Buch präsentierten und meinten, sie suchten einen Verlag. Der Ausruf von Hubertus Meyer-Burckhardt noch in der Sendung: „Der ist hiermit gefunden“ sollte sich bewahrheiten.
Der Fischer Verlag sicherte sich die Rechte und hat nun Kindheit in der Reihe „Die Bücher mit dem blauen Band“ in einer Reproduktion neu herausgegeben. Es ist zwar kleiner im Format, aber dennoch strahlen die Farben, vor allem Peggys Gelb ganz warm und wohlig. Die Holzschnitte von Tita zeigen das Paradies, in dem Peggy lebte, bevor ihre Eltern in Treblinka umkamen. Aber auch die Hölle von Naziterror und Kinderverschickung. Den Anfang mach die Liebe zwischen Peggys Mutti und ihrem Vater Pudl – sie hätte nicht schöner und größer sein können. Pudl, der Filou und Zocker, stellt die Mutter zwar immer auf eine harte Probe, wenn er mal tagelang verschwindet, doch die Wiedersehen werden zu einem Fest der Liebe und einem Kussmarathon. Als Pudl deportiert wird, verschickt die Mutter Peggy und ihren kleine Bruder Bübchen nach Schweden. Sie rettet damit den Kinder zwar das Leben, doch Liebe gab es für die beiden ab dem Moment nicht mehr. Waisenhäuser, Pflegefamilien, Erziehungsdrachen wechselten sich ab. Peggy stürzte sich nach dem Krieg ins Leben und in die Liebe.

Gestern Abend zeigte sie in der Galerie Morgenland, dem Veranstaltungsraum der Geschichtswerkstatt Eimsbüttel, Fotos von ihren Lieben und ihrem Leben. Der verwegene Pudl, der „so dumm war wie die meisten Männer der Welt“ (Peggy-O-Ton), die schöne Mutter, das blondgelockte Bübchen, den die Nazijugend auf der Straße übel verprügelt haben, Peggys Sohn Kimmi, alle sind hier zu sehen. Immer wieder verharrt Peggy voll Sehnsucht vor den Fotos, um dann mit wachem Geist, die unglaublichsten Dinge zu erzählen. Wie selbstverständlich lässt sie die Namen ihrer Wegbegleiter fallen, Erich Fried, Erika Runge, Axel Eggebrecht, Georg Stefan Troller, Peter Weiss, Peter Rühmkorf, Ralph Giordano und jede Menge weitere. Viele Namen sagen mir nichts, da bin ich trotz meines Alters entweder zu jung oder zu ignorant gewesen, andere verweisen auf die kultur-politische Szene Deutschlands, die in den 60er-, 70er-, 80er-Jahren das Land geprägt haben. Und Peggy immer mittendrin.

Es sind die kurzen, fast nebenbei erzählten Anekdoten, die ihr ganzes Engagement und ihre Liebe zum Leben erkennen lassen. Da sieht man Peggy auf Demos, in Brockdorf, „der verbotenen“, oder aber auf der Demo „Frauen in die Bundeswehr? Wiederstand jetzt“ von 1982. Statt wie Alice Schwarzer die Gleichberechtigung in Form von weiblichen Soldaten zu fordern, sagte Peggy: „Nicht die Frauen sollten rein, sondern die Männer sollten raus.“ Eine Gegenposition, die man in anderen Kontexten auch heute noch ziemlich gut vertreten kann.
Peggy ließ und lässt sich nicht einschüchtern. Und sie stellt sich Diskussionen, die unsereins vermutlich von vornherein als vergebene Hassmüh bezeichnen würde. So setzte sie sich mit dem Nazi Michael Kühnen einst drei Stunden beim Chinesen am Hamburger Hauptbahnhof hin und diskutierte mit ihm. „Aber dem konnte ich nichts beibringen“, sagt sie dann. Man hätte es ihr gegönnt. Die Gründe für ihr ungebrochenes Engagement findet man in Kindheit.
Ungeschönt, direkt und streckenweise rotzig erzählt sie von ihren frühen Erlebnissen. Das wird nicht jedem gefallen. Aber man kann das nicht lesen, ohne ergriffen zu sein. Die Trauer um das verlorene Paradies ist zu groß, der Hass auf die Nazis ungebrochen. Das Werk ist, obwohl unter dem Label KJB bei Fischer erschienen, kein Kinderbuch. Dennoch ist es für Jugendliche eine Bereicherung, hört man doch die Stimme einer der letzten Zeitzeuginnen ganz unmittelbar und mit allen emotionalen Schattierungen. Die Holzschnitte von Tita do Rêgo Silva fangen mit ihrer Heiterkeit viel von dem Schrecken auf, der aus den Worten spricht. Ein gelungener Kontrast, allemal.

In Sachen Peggy Parnass habe ich nun noch eine Menge nachzuholen, an Lektüre und Film und Zeitgeschichte, aber nach diesem erhellenden Abend bleibt mir im Moment nur, mich vor dieser großen Dame des Widerstands zu verneigen.

Peggy Parnass/Tita do Rêgo Silva: Kindheit. Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete, Fischer KJB, 2014, 80 Seiten, 14,99 Euro

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Pädagogische Abgründe

ludwigGibt es Kinderbücher, die keine Kinderbücher sind? Im Falle von Sabine Ludwigs neuem Roman Schwarze Häuser möchte ich fast sagen, ja. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Ludwig erzählt die Geschichte der 12-jährigen Uli, die für sechs Wochen in ein Kinderheim an die Nordsee geschickt wird, zur Erholung. Das Ganze ist Mitte der 1960er Jahre angesiedelt.
Uli kommt aus Berlin, dort wohnt sie bei ihrer Oma. Auf der Insel lernt sie die Mädchen Fritze, Freya und die kleine Anneliese kennen. Jede von ihnen hat Probleme: Fritze kommt aus einem Künstlerhaushalt und wird von den Mitschülern gemobbt, Anneliese lutscht mit acht Jahren noch am Daumen und scheint in ihrer Entwicklung etwas zurückgeblieben zu sein, Freya meint aus einer intakten Arztfamilie zu kommen, doch auch da liegt etwas im Argen. Uli selbst ist unehelich geboren, und erst vor kurzem hat die Mutter einen Mann geheiratet, der nicht Ulis Vater ist.

Doch anstatt sich von den häuslichen Dramen erholen zu können, erwartet die Kinder im Heim das strenge Regime von Schwester Hildegard und der Heimleiterin Frau Butt. Mädchen und Jungen werden getrennt und zwar nicht nur in Sachen Schlafsäle, sondern auch beim Essen und beim Spielen. Kontakt unerwünscht. Die Jungs werden durchweg „netter“ behandelt als die Mädchen: Sie bekommen Brötchen zum Frühstück, während die Mädchen mit Milchsuppe versorgt werden. Das Essen wird zu einem beherrschenden Moment für die Mädchen, denn es ist schlecht, sehr, sehr schlecht. Es ist zu wenig, eklig, alt, verschimmelt, mit Maden durchsetzt, einfach fürchterlich. Die vier Hauptfiguren leiden regelrecht Hunger. Wagen sie es, die Qualität des Essens anzumahnen, werden sie drakonisch bestraft: Fensterputzen, Essensentzug oder umgekehrt Zwangsessen mit schrecklich fetter Butterkremtorte – die ihnen natürlich auch nicht bekommt. Dazu ist es kalt, es zieht durch die Fenster, Kuscheltiere sind nicht erlaubt, die Post wird kontrolliert. Es ist ein elender Leidensweg, den Uli und ihre Zimmergenossinnen beschreiten müssen. Sie magern ab, werden krank und die Stimmung ist alles andere als rosig oder gar erholsam. Als Freya dann noch eine schlechte Nachricht von zu Hause bekommt, reißt sie aus. Ihre Freundinnen kommen ihr zu Hilfe, doch die Rettungsaktion endet im Watt …

Sabine Ludwig beschreibt die schwarze Pädagogik, die vor einem halben Jahrhundert hier an der Tagesordnung war, sehr präzise und mit all der psychologischen Perfidität, die den Kindern immer wieder das Gefühl vermittelte, sie wären selbst an ihrem Unglück Schuld. Es ist eine ergreifende Lektüre, auch in dem Sinne, dass man als Ältere das alles so verdammt gut nachvollziehen und mitleiden kann. Dabei habe ich noch Glück gehabt und so Schlimmes nicht selbst erlebt, höchsten die Ausläufer noch mitbekommen. Was mir aber schon gereicht hat.

Vielleicht hadere ich deshalb damit, dieses Buch als Kinderbuch zu bezeichnen. Keinem Kind wünscht man solche Erlebnisse. Nie. Und schon die Lektüre kommt mir fast zu grausam vor. Dann jedoch denke ich, vielleicht sollten sie es gerade deshalb auf jeden Fall lesen, auch um zu erfahren, dass es andere Zustände gab (obwohl sich in manchen Heimen heute noch Ähnliches, wenn nicht gar Schlimmeres abspielt …). Denn auch diese Art des Umgangs mit Kindern ist ein Teil unserer Vergangenheit. Daran zu erinnern, damit es nicht wieder passiert, ist wichtig. Daran zu erinnern, was Eltern und Großeltern in der Kindheit durchgemacht haben könnten, ist ebenso wichtig, kann es doch eine mögliche Ursache für ihr heutiges Verhalten sein. Das sollten Kinder durchaus wissen. Nur sollte man sie bei der Lektüre von Schwarze Häuser nicht allein lassen, sondern ihre Fragen, die mit Sicherheit kommen werden, in aller Offenheit beantworten und ihnen so den Grusel nehmen.

Sabine Ludwig: Schwarze Häuser, Dressler, 2014, 352 Seiten,  ab 10, 14,99 Euro

 

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[Jugendrezension] Flucht in ein anderes Leben

zoe willZwei Jugendliche, die erste große Liebe, Freiheit, der Highway – was sich kitschig anhört, entpuppt sich als das Gegenteil. Die Geschichte von Zoe und Will von Kirsten Halbrook ist ein wirklich berührender Liebesroman mit Tiefe und Nachwirkung.

Die 15-jährige Zoe und der 18-jährige Will haben ein Leben voller Leiden hinter sich: Zoes Mutter starb, als sie ein Kleinkind war. Sie wird immer wieder von ihrem betrunkenen Vater verprügelt.  Will wuchs in Kinderheimen und Pflegefamilien auf. Zoe ist die Erste, die an Will glaubt, und er würde alles für sie tun. Um ein anderes Leben zu beginnen, brechen sie eines Nachts mit Wills altem Camaro (ein alter Sportwagen) auf. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist alles perfekt – doch Zoe und Will ahnen, dass ihr Glück nicht ewig währen wird …

Mit Die Geschichte von Zoe und Will hat Kristin Halbrook einen tollen Debütroman geschrieben. Eine Besonderheit ist, dass der Roman abwechselnd aus Zoes und Wills Perspektive erzählt, sodass man sich gut in die beiden hineinversetzen kann.

In dem Roman geht es um große Gefühle, die Kristin Halbrook beeindruckend gut schildert.  Zoes und Wills Geschichte ist traurig. Es ist die Geschichte zweier Jugendlicher, denen das Leben übel mitspielt, die sich aber gegenseitig Kraft und Mut geben. Man wünscht den beiden so sehr, dass sie endlich ihr Glück finden. Doch das Leben ist nicht gerecht. Am Ende wird die Handlung immer dramatischer, und man kann das Buch kaum aus der Hand legen.

Zoe und Will sind mir noch lange im Kopf geblieben. Es sind für mich nicht einfach gewöhnliche Romanfiguren. Es gibt viele Zoes und Wills auf dieser Welt. Kristin Halbrook hat ihnen durch diesen Roman eine Stimme gegeben.

Juliane (14)

Kristin Halbroh: Die Geschichte von Zoe und Will, Übersetzung: Beate Brammertz,   Heyne fliegt, 2013,  320 Seiten ab 14, 14,99 Euro

 

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[Jugendrezension] Finger weg!

buchEin Buch, das nach und nach immer mehr Menschen infiziert und die Welt erobern will… Darum geht es in  Dancing Jax – Auftakt von Robin Jarvis. Es ist der erste Teil einer Trilogie.

In einem verlassenen Haus werden viele alte Märchenbücher von dem Okkultisten Austerly Fellows gefunden. Alle Exemplare tragen denselben Titel: Dancing Jax. Jeder, der dieses Buch liest, denkt, dass er ein Teil der Geschichte ist und eine bestimmte Rolle darin spielt.

Die Figuren der Geschichte sind nach einem Kartenspiel aufgebaut. So gibt es z.B. eine Herzdame, eine Pikdame, und den Anführer, König Ismus. Damit ist die Rangfolge der verschiedenen Charaktere, die in einer alten Bunkeranlage leben, klar festgelegt. In dieser Bunkeranlage, die Mooncaster heißt, versammelt Ismus seine Anhänger, die willenlos seine Anweisungen befolgen. Er will immer mehr Menschen und Orte unter seine Kontrolle bringen.
Nur der Lehrer Martin Baxter und der Klavierlehrer Gerald sind scheinbar immun gegen das Buch und wollen dagegen vorgehen. Denn nach und nach versuchen die Infizierten, immer mehr Orte in die Welt des Buches einzuschließen. Vor allem will Martin Baxter seinen Sohn Paul aus den Fängen des Ismus befreien.

Das Buch wird aus zwei Sichten erzählt. Einmal aus der Sicht, der Leute, die bereits das Buch gelesen haben und davon befallen sind. Und einmal aus der Sicht der nicht infizierten Menschen.

Dancing Jax hat mir sehr gut gefallen, und ich kann es nur weiterempfehlen. Schon das Titelbild gefiel mir sofort. Es erinnerte mich an eine Spielkarte. Dahinter steckt eine sehr gute Geschichte, die sehr fantasievoll geschrieben ist. Für jeden, der Spannung mag, ist es genau das Richtige. Ab der Mitte des Buches fiebert man schon richtig mit, weil man nie weiß, wer infiziert ist und wer nicht. An manchen Stellen war es  gruselig, aber ich würde es eher als spannend bezeichnen, denn es fließt kein Blut.
Den zweiten Teil würde ich gerne lesen. Besonders, weil das Buch wahrscheinlich gleich  spannend anfängt. Ich möchte unbedingt wissen, wie es weitergeht und ob Martin Baxter das Buch noch aufhalten kann, bevor es die ganze Welt beherrscht.

Für Jugendliche ab 14 Jahren ist Dancing Jax gut geeignet.

Laura (14)

Robin Jarvis: Dancing Jax – Auftakt, Übersetzung: Nadine Mannchen,  script5, 2012, 542 Seiten, ab 14, 14,95 Euro

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