Der Chor der Mutmacher

levithanZwei Jungs, die sich küssen, regt das heute noch irgendjemanden auf? Man möchte meinen, nicht. Doch wenn die es in aller Öffentlichkeit tun und das über 32 Stunden, um einen neuen Rekord aufzustellen, dann ist das ein Ereignis, dass die Gemüter bewegt.

Von so einem real durchgeführten Ereignis, das ins Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen wurde, erzählt David Levithan in seinem Roman Two Boys Kissing, vorzüglich übersetzt von Martina Tichy.
Harry und Craig wollen ein Zeichen setzen, wollen andere schwule Jungs ermuntern, sich zu outen, zu ihrer sexuellen Neigung zu stehen, sich nicht zu verstecken. Dafür küssen sie sich vor der Highschool ihres Ortes, in aller Öffentlichkeit, knapp anderthalb Tage, ohne sich hinzusetzen, ohne zu essen, ohne auf Toilette zu gehen, ohne zu schlafen. So wie die Qualen der beiden – schmerzende Muskeln, Hitze, Kälte, eine volle Blase, Schwindel, Kopfweh – zunehmen, so wächst auch die Schar der Zuschauer an. Anfangs sind nur ein paar Freunde und Lehrer vor der Schule, die die Küssenden mit Getränken und Klamotten versorgen oder sich um die Live-Übertragung des Ereignisses ins Internet kümmern. Doch mit jeder Stunde verbreitet sich der Rekordversuch im Netz immer weiter, in alle Winkel der Welt. Die Medien werden aufmerksam, die konservativen Mitmenschen des Ortes aber auch, die gegen diese angeblich ungebührliche Aktion protestierten.

Neben den Küssenden schildert Levithan jedoch auch noch zwei weitere schwule Paare sowie einen unglücklichen Einzelgänger. Bei dem einen können die Eltern nichts mit den Neigungen des Sohns etwas anfangen, bei dem anderen handelt es sich um einen Transgender-Jungen, der einst im Körper eines Mädchens geboren wurde, aber alle Unterstützung von seinen Eltern bekommt. Der Einzelgänger sucht sein Glück im Internet, wird jedoch nur enttäuscht. Als seine Eltern ihn unfreiwillig beim Chatten erwischen und ihn somit zwangsouten, haut er von zu Hause ab.

Levithan, dessen Roman Letztendlich sind wir dem Universum egal gerade von der Jugendjury mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, konzentriert sich hier ganz auf den Kosmos schwuler Jugendlicher, rund um ihr Coming-out und ihre erste Liebe. Anfangs ist die Fülle an männlichen Figuren etwas verwirrend, doch mehr und mehr nimmt die Erzählung an Fahrt auf und die Jungs wachsen einem ans Herz. Dies liegt auch an der sehr präsenten Erzählerstimme, die eine ungewöhnliche und erfrischende Alternative zu den vorherrschenden Ich-Erzählern bildet. Denn hier erzählt ein unbenanntes WIR, ein Chor, der den jungen Schwulen fast väterlich über die Schulter schaut, sie ermutigt, Tipps gibt, von eigenen Erfahrungen berichtet, von eigenen Ängsten, Sorgen und Freuden. Es ist ein Chor einer Generation von Schwulen, die Anfang der 90er Jahre die AIDS-Katastrophe am eigenen Leib erlebt hat, deren Partner, Freunde, Bekannte an der Krankheit gestorben sind, die die Diskriminierung noch schärfer erlebt haben, als die junge Generation heute. Sie waren die Wegbereiter dafür, dass seit diesem Sommer in den USA gleichgeschlechtliche Ehen legal sind. Sie erheben die Stimme, ermutigen, warnen aber auch und machen klar, dass es ein langer Weg war bis zu diesem Punkt, aber auch, dass noch ein langer Weg vor allen LGBT*-Leuten liegt, bis diese rechtlich völlig gleichgestellt sind.

Dieses Buch macht Mut. Keine Frage. Jedem Jungen, der mit seinen sexuellen Vorlieben hadert, sei diese Lektüre empfohlen. Levithan zeigt zwar, dass es nicht einfach ist – weder sich 32 Stunden lang zu küssen, noch mit seinen Eltern zu reden, noch die richtigen Freunde zu finden – doch er zeigt auch, dass es sich lohnt, zu sich selbst zu stehen und sich auf das Abenteuer Leben einzulassen.

Demnächst würde ich gern auf diesem Kanal die weibliche Variante dieses Themas vorstellen können … die aber wohl noch nicht geschrieben ist. Liebe Verlage, bitte kümmert euch darum!

David Levithan: Two Boys Kissing – Jede Sekunde zählt, Übersetzung: Martina Tichy, Fischer KJB, 2015, 288 Seiten,  ab 14, 14,99 Euro

Es lebe die sexuelle Vielfalt!

gayDas Leben auf dieser Erde ist alles andere als einfach, und der Mensch und seine vermeintlichen Regeln tragen nicht gerade dazu bei, dass es leichter wird. Vor allem, wenn es um Sexualität geht und wie die angeblich zu sein hat. Für Jugendliche, die sich ihrer sexuellen Identität noch nicht ganz klar sind, macht die Hetero-Normierung unserer Gesellschaft es auch nicht besser.

Gegen diese Normierung und eine angeblich normale Sexualität stellt der britische Autor James Dawson sein Handbuch How to be gay. Er richtet sich an die Jugendlichen, die vor allem eins sind: neugierig. Auf sich, auf das Leben, auf andere Arten der Sexualität, die ihnen nicht in der Schule erklärt und in den Medien oftmals als Stereotypen präsentiert werden. Dawson hingegen lädt die jungen Leser mit klaren, oft witzigen und ironischen Worten – von Volker Oldenburg in charmant-coole deutsche Varianten übersetzt, die eine unterhaltsame Lektüre garantieren – in den Club der LGBT*-Leute ein, d.h. in die Welt der LesbischGayBiTrans*-Menschen (wobei das * für die Gesamtheit aller sexuellen Orientierungen, sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten steht). Das mag sich, so referiert, vielleicht etwas sperrig lesen, doch geht es Dawson darum, sich unbefangen seinen sexuellen Phantasien zu stellen und herauszufinden, was Mädchen/Junge eigentlich mag. Der Respekt vor sich selbst und den anderen steht dabei im Mittelpunkt – ist der gegeben, ist es egal, wen und wie man liebt und mit wem oder wie man Sex hat.

Ist sie oder er sich seiner sexuellen Vorlieben erst einmal klar geworden, hilft How to be gay als Gebrauchsanleitung für das tägliche Leben weiter.  Dawson liefert wichtige Gedanken, wie ein Coming-out am besten gestaltet werden kann, verrät, was bei schwulem und lesbischen Sex abgeht, bietet Argumentationshilfen, wenn man als LGBT* zu einer religiösen Diskussion genötigt wird, zeigt, was bei Sex-Apps  zu beachten ist, oder wie man als homosexuelles Paar eine Familie gründet. Gleichzeitig warnt er auch vor lästigen und unnötigen Geschlechtskrankheiten und wie man sich durch respektloses Verhalten oder die gedankenlose Benutzung von Begriffen zum Vollhorst machen kann. Er nennt die Dinge dabei ungeschminkt beim Namen, und genau das tut gut, damit die Jugendlichen nicht ewig im Nebel von Unausgesprochenem, Angedeuteten, Klischees, Vorurteilen, Diskriminierung und angeblicher Unnormalität herumstochern müssen.

Angereichert hat Dawson seine Tipps mit O-Tönen von LGBT*-Menschen, die von ihren Erfahrungen und Geschichten berichten. Sie zeigen die Facetten von Leben, in denen die Menschen sich nicht nach der angeblichen Norm richten, sondern zu ihren Vorlieben und damit zu sich selbst stehen. Das sind durchweg großartige Vorbilder.

Einziger Wermutstropfen bei diesem Buch ist die fehlende Lokalisierung für die deutsche Szene. Dawson schildert vornehmlich britische Gegebenheit, also die Geschichte, Gesetzeslage und Rechte in Großbritannien. Und auch das „kleine Lexikon der großen Schwulen- und Lesbenikonen“ ist von angloamerikanischen Star beherrscht. Bei all dem hätte von Verlagsseite durchaus eine Anpassung und/oder Erweiterung für Deutschland vorgenommen werden können: Die Fragen zu Homo-Ehe und Kinder von Homosexuellen in Deutschland müssen sich die jungen Leser nun selbst recherchieren. Die Doppelseite mit nützlichen Websites am  Ende ist da nur ein schmaler Anfang. Und allein für das Ikonen-Lexikon fallen mir spontan bereits ein Dutzend deutscher LGBT*-Leute ein, die man hätte integrieren können.

Trotz dieses Mankos kann man Jugendlichen How to be gay als wegweisenden und hilfreichen Ratgeber an die Hand geben, den Eltern sei die Lektüre nicht minder empfohlen – denn man lernt auch als cisgender Hetero noch so Einiges dazu, sowohl über einen selbst, als auch über die Feinheiten, die für einen sensiblen und respektvollen Umgang in unserer Gesellschaft einfach nötig sind.

James Dawson: How to be gay. Alles über Coming-out, Sex, Gender und Liebe, Übersetzung: Volker Oldenburg, Fischer TB, 2015, 304 Seiten, ab 14, 9,99 Euro

Im Strudel der Gefühle

danteAch, die Pubertät. Eine schwierige Zeit, alles verändert sich, der Körper vor allem, aber auch der Geist. Die Sicherheiten gehen verloren, die Richtung im Leben wird unklar. Alles gerät durcheinander. Von diesen Zuständen im Leben des 15-jährigen Aristoteles, genannt Ari, erzählt Benjamin Alire Saenz in seinem Roman Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums.

Ari trifft 1987 in El Paso, Texas, gleich an der Grenze zu Mexiko, Dante im Schwimmbad. Die Jungen könnten unterschiedlicher nicht sein: Ari ist introvertiert, verunsichert, hat keine Freunde. Er ist schwermütig, unter anderem, weil sein Vater nicht über seine Erlebnisse aus dem Vietnamkrieg berichtet. Zudem wird in der Familie nicht über Aris älteren Bruder gesprochen, der im Gefängnis sitzt.
Dante hingegen ist selbstsicher, liebt Poesie und Kunst, in seiner Familie gibt es keine Geheimnisse – und er weiß, dass er Jungs liebt. Nach und nach freunden sich die beiden an. Dante bringt Ari das Schwimmen bei, aber nicht nur das. Sie verbringen immer mehr Zeit miteinander, fahren in die Wüste und beobachten die Sterne, lesen Gedichte, diskutieren über ihre mexikanischen Wurzeln und ihr Leben in einer weißen Gesellschaft.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Aristoteles, und so stehen vor allem die Zweifel und Unsicherheiten des Heranwachsenden im Vordergrund. Lange, ganz lange kann und will er sich nicht eingestehen, dass er Dante liebt, zu außergewöhnlich ist das doch für einen Jungen, der aus einer katholischen Familie mit mexikanischen Wurzeln stammt. Aris Hadern, seine Wut, seine Suche, sein Übergang vom Kind zum Erwachsenen bekommt der Leser hautnah mit. Seine Gefühle werden quasi zu den Gefühlen des Lesers, so unmittelbar erzählt Saenz, in der lässigen deutschen Übersetzung von Brigitte Jakobeit. Und gerade das macht diesen Roman für pubertierende Jungen interessant. Hier finden sie eine Identifikationsfigur, die ihnen zeigt, dass all dieses Gefühlschaos zum Erwachsenwerden dazugehört, dass es okay ist, nicht dem Mainstream anzugehören, dass es in Ordnung ist, sich von familiären und gesellschaftlichen Traditionen zu verabschieden.
Gerade Jugendliche mit Migrationshintergrund finden in Ari und Dante zwei Helden, die sich aus ihrem alten Kontext lösen und um der Liebe willen ihren eigenen Weg gehen.

Benjamin Alire Saenz: Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums,  Übersetzung: Brigitte Jakobeit,  Thienemann Verlag, 2014, 384 Seiten,  ab 14, 16,99 Euro

Die Vielfalt des Lebens, die große Liebe und der eigene Weg

levithanGibt es jemanden, der nicht schon mal gern das Leben eines anderen führen wollte? Wohl kaum. Zu unzufrieden sind wir oftmals mit unserem Dasein, zu neidisch auf andere, zu neugierig, zu ehrgeizig. Doch wir sind in unseren Körper und unserem Alltag gefangen und müssten uns schon ziemlich anstrengen, mal ein komplett anderes Leben zu führen.

David Levithan hat in seinem neuen Roman Letztendlich sind wir dem Universum egal ein Gedankenspiel auf sehr faszinierende Weise zu Ende gebracht.
Die 16-jährige Hauptfigur A wacht jeden Morgen im Körper eines anderen Jugendlichen auf. Jeden Morgen muss er/sie sich an einen neuen Körper, neuen Namen, neue Eltern, neues Haus, neue Umgebung, neue Stadt, neue Schule, neue Freunde oder Feinde gewöhnen. A kann diese Fähigkeit nicht steuern, er/sie weiß nie, wo er/sie am nächsten Morgen aufwacht. Eine Kontinuität gibt es nicht, und wenn dann liegt sie nur im beständigen Wandel.

Eines Tages jedoch steckt er/sie im Körper von Jason, der mit Rhiannon zusammen ist, das Mädchen jedoch nicht besonders gut behandelt. A verliebt sich auf den ersten Blick in sie und verbringt mit ihr einen wunderschönen, perfekten Tag am Meer. Von da an versucht A, so oft es geht zu Rhiannon zu fahren und sie zu treffen. Da A jedoch ständig in einem anderen Körper, also mal als Junge, mal als Mädchen, auftaucht, muss er/sie das Mädchen irgendwann in sein Geheimnis einweihen.
Natürlich will sie von diesem merkwürdigen Zustand zunächst nichts wissen, zu absurd ist diese Vorstellung. Doch je öfter A bei ihr auftaucht, umso schneller erkennt sie A in den verschiedenen Körpern wieder. Nach und nach kommen sich die beiden immer näher …

David Levithan hat hier vermutlich eine der ergreifendsten und ungewöhnlichsten Liebesgeschichten geschrieben, die mir je untergekommen ist. Trotz der fantastischen Idee ist man bereits auf den ersten Seiten gebannt, akzeptiert das Konstrukt, das Levithan im Laufe der Geschichte genau erklärt, uneingeschränkt. Und während man bei der Lektüre immer mehr mit A und Rhiannon liebt und leidet und sich fragt, wie das alles enden soll, erfährt man so ungemein viel über das Leben von anderen Menschen. Denn A steckt zwar immer wieder in neuen Körpern, kann aber durch seine Erfahrung und durch seinen „Außenblick“ ganz genau erkennen, ob der jeweilige Mensch gut oder schlecht zu seinem Körper ist.

Dabei sind zunächst das Geschlecht und die Hautfarbe völlig egal. A ist mal Junge, mal Mädchen, mal schwul, mal lesbisch, mal transsexuell, er/sie ist weiß, Afroamerikaner_in, Latino/a. Es ist egal, seine Liebe zu Rhiannon bleibt unverändert, und auch ihr ist es zunehmend egal.
Aber A ist daneben auch schon mal alkoholabhängig, übergewichtig, depressiv. Er/Sie steckte eines Tages im Körper eines Mädchens, das Suizidabsichten hegt. Normalerweise hält A sich aus den Leben der anderen heraus, hinterlässt keine Spuren, nur vage Erinnerungen an den Tag, an dem er/sie Besitz von dem/der anderen genommen hat. Doch in diesem Fall hält er/sie sich nicht heraus.
Ansonsten wertet A die körperlichen Zustände der anderen Jugendlichen nicht, zeigt aber, dass die Missachtung des eigenen Körpers ihn/sie an diesen Tagen in Schwierigkeiten bringt. Allerdings macht er/sie auch immer klar, dass es für diese Missachtung durchaus Gründe gibt, die eigentlich hinterfragt werden müssten. Doch dafür reicht sein/ihr einer Tag im Leben eines anderen nicht aus.
In diesen Betrachtungen findet man eine große Liebe und jede Menge Respekt für alle möglichen Lebensarten, bis A schließlich klar macht, dass man sich von den Dingen, die man vielleicht erstrebt und haben möchte auch wieder frei machen muss, um schließlich seinen ganz eigene Weg zu gehen.

Sprachlich gilt bei diesem Roman mein ganzer Respekt der Übersetzerin Martina Tichy, die es ganz fein verstanden hat, dieser ungewöhnlichen Figur A eine geschlechtsneutrale Sprache zu geben. Da A ja eigentlich körperlos ist und daher auch kein festgelegtes Geschlecht hat, kann er/sie nicht durch männliche oder weibliche Sprache charakterisiert werden. Ich-Erzähler_in A, der/die nie eine Aussage macht, welches Geschlecht ihm/ihr am liebsten wäre, erzählt daher in einer so unaufdringlichen und neutralen Sprache, das man als Leser nie stolpert oder gar zu einer Schlussfolgerung über As Geschlecht genötigt wird. Das im Deutschen so hinzukriegen ist eine große Kunst.

Letztendlich sind wir dem Universum egal ist ein großartiger Roman über die Liebe, das Leben und den Respekt, den man allen Arten von Liebe und Leben entgegenbringen sollte. Und das kann man in der heutigen Zeit nicht oft genug zum Ausdruck bringen.

David Levithan: Letztendlich sind wir dem Universum egal, Übersetzung: Martina Tichy, Fischer FJB, 2014, 400 Seiten, 16,99 Euro