Nur mit Verstand sieht man gut

PrinzMeine erste Begegnung mit Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz war nicht in Buchform, sondern auf der Bühne, genauer gesagt als Marionettentheater. Den Fuchs, der gezähmt werden will, und den Biss der Schlange zum Schluss erinnere ich vage. Am lebhaftesten ist mir die kürzeste Textpassage in der Puppen- Darstellung in Erinnerung geblieben: Die des Säufers, dem der kleine Prinz auf seiner Rundreise über seine Nachbarplaneten begegnet. Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass er in der Inszenierung gesagt hat, er trinke, weil er traurig sei, und sei traurig, weil er trinke, der Originaltext „vergessen, dass ich mich schäme“ war mir nicht präsent. Das fand ich einleuchtend und die traurigen Gestalten dazu, sogenannte „Penner“, kannte ich vom Sehen aus der Altstadt und später nicht nur dort.

Das Originalbuch habe ich tatsächlich nie gelesen. Es wird leider immer auf das Zitat „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ reduziert. Und dieser furchtbar Paulo-Coelho-hafte Sinnspruch, tausendfach verewigt auf Kaffeetassen, Radiergummis und Postkarten, wirkte auf mich bisher abschreckend.

Jetzt hat Isabel Pin für den Karl Rauch Verlag, der die deutschen Rechte am Original hat, unter dem Titel Kinder, wenn Euch ein Kleiner Prinz begegnet … die Geschichte für Kinder im Vorschulalter neu erzählt. Die Illustrationen sind die originalen des Autors, der Text wurde auf etwa ein gutes Viertel reduziert. Nur auf dem roten Vorsatzpapier sind sehr hübsche, von Pin gezeichnete, Wüstenfuchsköpfe zu sehen. Jetzt kann man natürlich fragen, warum so junge Kinder unbedingt diesen Text vorgelesen bekommen müssen, aber das ist eine Frage, die sich für viele Leute, denen de Saint-Exupérys Büchlein heilig ist, offensichtlich nicht stellt. Man merkt, ich stehe dem Projekt insgesamt etwas skeptisch gegenüber, wie auch der zwanghaften Modernisierung von Klassikern sowie einem vermeintlichen Kanon, was Kinder lesen und kennen sollten, im allgemeinen.

Deshalb gleich gerade heraus: Die kindgerechte Aufbereitung ist teils gut, teils schlecht. Insgesamt sind die Kürzungen gelungen, besonders auf das letzte Fünftel des Originals, die doch sehr rührselig und unvermutet leicht schwadronierende Todesszene und abschließende Gedanken, kann man sehr gut verzichten. Einige Passagen lesen sich fokussierter und gewinnen dadurch. Man merkt, dass die Kinderbuchautorin und preisgekrönte Illustratorin Isabel Pin als Tochter einer Deutschen und eines Franzosen in beiden Sprachen zu Hause ist.

In ihrer Version macht sich ein Problem aber schon mit dem neuen Buchtitel bemerkbar: „Kinder, wenn Euch …“. Störend wird diese direkte Ansprache, auf der ersten Seite im Vorwort: „Passt bitte gut auf, Kinder, es fängt an …“ Dieses etwas plumpe Abholen zieht sich vom Tonfall durch Pins gesamten Text. Ein guter Freund  von mir reagiert zu Recht aggressiv, wenn man im Gespräch sagt: „Jetzt pass auf!“, impliziert es doch, dass er seinem Gegenüber bis dahin nicht wirklich zugehört hat.

Verloren hat eine Schlüsselszene, als der Fuchs dem Prinzen erklärt, was es heißt, ihn zu zähmen: „Zähmen“, sagte der Fuchs, „bedeutet jemanden kennenzulernen und sich an ihn zu gewöhnen.“ Im Original kommt ein sehr essenzielles Wort vor für das, was Zähmen, also Freundschaft, bedeutet: „Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache“, sagte der Fuchs. „Es bedeutet, sich vertraut machen.“ Vertrauen ist ein soviel stärkerer Begriff als kennenlernen.

Verloren gegangen ist auch Antoine de Saint-Exupérys lakonische Sprache, sein trockener Humor und seine Illusionslosigkeit ob der „großen Leute“. Dass Erwachsene alles nur in monetären Werten bemessen und Vorurteile ihre Wahrnehmung bestimmen (und die Entdeckung des Heimatplaneten des kleinen Prinzen ungehört bleibt, weil der türkische Astronom keinen westlichen Anzug trägt), geht in Pins Neuerzählung ebenfalls unter. Gestrichen ist auch eine starke Szene zum Schluss des Originals, in der es um die missglückte Kommunikation zwischen Kindern und Erwachsenen geht: Wenn für Kinder wichtige Fragen unbeantwortet bleiben, weil die Großen sich mit vermeintlich relevanteren Problemen rumschlagen und gedanklich woanders sind; wenn, wie so oft, die großen Fragen vom schnöden Alltag gefressen werden.

Der Kleine Prinz handelt von Freundschaft. Und davon zu verstehen, wie Erwachsene ticken, sich mit ihrer Welt zu arrangieren und trotzdem Phantasie und ideelle Werte zu bewahren. Gewonnen hat auf jeden Fall das Original von 1946, beziehungsweise in meinem Fall die zeitlos moderne Übersetzung von Grete und Josef Leitgeb für den Karl Rauch Verlag 1956. Ich habe entdeckt: Der kleine Prinz ist viel mehr als ein billiger Kalenderspruch.

Isabel Pin: Kinder, wenn Euch ein Kleiner Prinz begegnet …, Antoine de Saint-Exupérys Der Kleine Prinz erzählt für Kindern, mit Originalillustrationen des Autors, Karl Rauch Verlag, 2018, 64 Seiten, 3 bis 6, 12 Euro

Deutsche Fluchttraumata

fluchtGeschichten aus Büchern triggern mich aus den unteschiedlichsten Gründen an, das können spannende Figuren sein, fremde Welten, ferne historische Ereignisse oder politische Aufarbeitung. Bei dem Buch Salz für die See von Ruta Septeys nun wird ein Teil meiner Familiengeschichte thematisiert, nämlich die Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen am Ende des zweiten Weltkrieges. Die literarische Umsetzung dieser traumatischen Erlebnisse ist somit für mich quasi ein Muss, da meine Mutter genau das durchgemacht hat. Anfang der 2000er-Jahre war es die Lektüre von Günter Grass‘ Im Krebsgang. Dieses Mal jedoch ist es ein Jugendbuch, das sich mit diesem düsteren Kapitel beschäftigt. Zunächst einmal habe ich recherchiert, ob es das erste ist, das über die Ereignisse im Januar 1945 für junge Leser berichtet. Ist es nicht. Bereits 1962 veröffentlichte Willi Fuhrmann seinen Roman Das Jahr der Wölfe, in dem er genau davon berichtet. So habe ich also beide Bücher gelesen.

Die Lektüre solch trauriger Bücher mag auf den ersten Blick nicht besonders anregend  sein, und doch ist es hier und jetzt quasi ein Muss, sich mit diesem düsteren Kapitel deutscher Geschichte auseinanderzusetzen. Denn der Blick zurück erinnert uns dran, was unsere Eltern und Großeltern erfahren haben und was uns in den Genen steckt. Gleichzeitig mahnen diese Geschichten, dass wir gegenüber den Geflüchteten, die in den vergangenen Jahren und Monaten zu uns gekommen sind und weiterhin kommen, noch mitfühlender sein sollten. Damit meine ich nicht die vielen tollen Helfer und Unterstützer, sondern diejenigen, die Obergrenzen diskutieren, den Familiennachzug begrenzen wollen und nur eingeschränkte Aufenthaltsgenehmigungen für Menschen aus Kriegsgebieten erteilen wollen.

fluchtSowohl Sepetys als auch Fährmann thematisieren nun also die Flucht der deutschen Bevölkerung aus Ostpreußen im bitterkalten Januar 1945, als die Rote Armee vorrückt. Viel zu spät ehaben die Menschen die Erlaubnis erhalten, die Heimat verlassen und sich in Sicherheit bringen zu dürfen.
Fährmann schildert die Erlebnisse der Familie Bienmann, detailliert und mit allem Vor und Zurück, das es im Laufe der Wochen und Monate gab: Ein Dorf nach dem anderen wird von den Russen eingenommen, rasch werden Fuhrwagen gepackt, das Nötigste mitgenommen, dann schließt sich die Familie dem Treck an, der sich durch Schnee und Matsch schließlich über das Haff auf die Frische Nehrung zubewegt. Die Kälte setzt den Menschen zu, ein Dach für die Nacht zu finden wird von Tag zu Tag schwieriger. Hinzu kommt, dass Mutter Bienmann schwanger ist und schließlich eine Tochter zur Welt bringt. In Gotenhafen weigert sich die Mutter, das Schiff „Wilhelm Gustolff“ zu besteigen, das die Flüchtenden nach Westdeutschland bringen soll. Ein Glück, wie sich für die Familie später herausstellen soll.
Die Begegnungen mit den Russen verlaufen für die Bienmanns relativ glimpflich, sie verlieren ihre Wertsachen und Pferde, aber nicht ihr Leben. Sie schlagen sich weiter nach Westen durch, erleben das Ende des Krieges, brauchen aber auch dann noch ein weiteres halbes Jahr, um endgültig in einer neuen Heimat anzukommen.

Im aktuellen Roman Salz für die See, souverän übersetzt von Henning Ahrens, treffen auf der Flucht aus Ostpreußen drei Jugendliche im Treck aufeinander: der Deutsche Florian, die Polin Emilia und die Litauerin Joana. Wider Willen werden sie zu einer Schicksalsgemeinschaft, die zusammen mit drei weiteren Menschen über das Haff zieht und es in Gotenhafen auf die „Gustloff“ schafft. Dort bringt Emilia, die von einem russischen Soldaten vergewaltigt wurde, eine Tochter zur Welt. Das Baby überlebt in den Armen von Florian den Untergang des Schiffes. Zusammen mit Joana, in die sich Florian im Laufe der Flucht verliebt, gründen die drei später eine Familie.

Ebenso wie Fährmann, der als Vertreter des engagierten Realismus gilt, hat die US-Amerikanerin Sepetys, die litauische Vorfahren hat, für ihren Roman ziemlich akkurat recherchiert und eine aktuelle Variante dieses Flucht- und Vertreibungsthemas geliefert. Die Komponenten wie Kälte, russische Tiefflieger und Panzer, ins Eis einbrechende Fuhrwerke, die Verzweiflung der Menschen finden sich in beiden Romanen. Ohne sie wäre ein Flucht-aus-Ostpreußen-Roman auch nicht denkbar. Interessant bei Sepetys ist, dass auch Litauer und Polen im Treck nach Westen flüchteten. Den jungen Lesern wird somit gleich klar gemacht, dass die Vertreibung also mehr war, als ein rein deutsches Schicksal.
Bleibt Fährmann, der seinen Roman vor über 50 Jahren verfasst hat, bei einer klassisch auktorialen Erzählweise, so hat sich Sepetys für wechselnde Ich-Perspektiven entschieden. Neben den drei Flüchtenden Figuren erzählt zudem noch der junge Nazi Alfred von seinen Erlebnissen als Matrose auf der „Gustloff“. Alle vier Erzähler tragen zusätzlich zu den entsetzlichen Kriegserlebnissen ihr ganz persönliches Päckchen, von denen sie dem Leser zwar erzählen, ihren Gefährten jedoch erst nach und nach. Die Figur des verbohrten Alfred ist von allen vieren dabei am schwersten zu ertragen, da hier ein uneinsichtiger Jungnazi gezeigt wird, der wegen seiner Überheblichkeit gepaart mit Trotteligkeit nicht ganz überzeugend wirkt.
Joana, Florian und Emilia jedoch wachsen einem ans Herz. Man wünscht ihnen, dass die Geschichte gut für sie ausgeht – was bei diesem tragischen Thema natürlich nur bedingt der Fall sein kann. Sepetys Romankonstruktion aus Perspektivwechseln und Cliffhangern hat mich dann doch ziemlich in den Bann gezogen. Der einzige Wermutstropfen an der Erzählart ist, dass durch den Perspektivwechsel manches redundant wird.
Doch obwohl man als Erwachsener das Ende der „Gustloff“ kennt – deren Untergang hier etwas zu sehr der Titanic-Verfilmung von James Cameron erinnert (hier scheint die Recherche versagt zu haben…) –, will man wissen, wie es mit den Figuren weitergeht. Für junge Lesende ist Salz für die See somit auf jeden Fall eine spannende Aufbereitung dieses wichtigen Themas.

Die Beschäftigung mit Willi Fährmann in diesem Zusammenhang war für mich zudem noch eine echte Entdeckung. Irgendwie ist dieser stille Autor, der seit über 50 Jahren Kinder- und Jugendbücher schreibt, völlig an mir vorbeigegangen. Eine unverzeihliche Lücke, die ich schleunigst schließen muss. Mag Das Jahr der Wölfe mittlerweile durch Erzählart und Sprache etwas altmodisch und betulich wirken, so ist es für mich doch eine vertraute Stimme, die dort spricht. Denn Ähnliches höre ich von meiner nun über 80-jährigen Mutter immer wieder, die als Neunjährige aus Königsberg fliehen musste und sich selbst heute noch als „Flüchtling“ bezeichnet. So schrecklich das alles damals war, und so glücklich ich mich schätzen kann, es nicht erlebt zu haben, umso mehr begreife ich nun, dass ich ein Kind von Geflüchteten bin. Hätte meine Oma mit ihren vier Kindern es nicht bis nach Schleswig-Holstein geschafft und hier keine Aufnahme gefunden, es wäre alles anders gekommen.

Womit wir zurück in die Gegenwart gelangen, in der immer noch viele Menschen in diesem Land Geflüchteten mit Abneigung und Hass begegnen. Zur Erinnerung: Fast zwölf Millionen Menschen flüchteten nach dem zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat in ein zerstörtes Deutschland (über die komplexen Ursachen und Gründe von Flucht und Vertreibung kann ich hier nicht ausführlich diskutieren), wo die Menschen noch weniger hatten als wir jetzt. Und heute regen sich manche über nicht mal eine Millionen Menschen auf, die aus Not ihre Heimat verlassen und zu uns kommen, um zu überleben. Hier sind Mitgefühl und Herz gefragt, nicht Missgunst und Hass.

Sepetys und Fährmann jedenfalls halten die Erinnerung an unsere eigene Geschichte wach und mahnen uns damit auch, ganz nach dem Kategorischen Imperativ Kants, uns anderen gegenüber so zu verhalten, wie wir selbst behandelt werden wollen: Niemand von uns will je flüchten müssen, und niemand von uns möchte mit solcher Missachtung behandelt werden, wie es momentan noch viel zu oft vorkommt.
Wer kann, befrage zu den Fluchterfahrungen der Deutschen seine Großeltern.
Ansonsten lest diese Bücher.

Ruta Sepetys: Salz für die See, Übersetzung: Henning Ahrens, Königskinder, 2016, 406 Seiten, 19,99 Euro

Willi Fährmann: Das Jahr der Wölfe, Arena, 1962 (31. Auflage 2015), 219 Seiten, 5,99 Euro

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Werther im Konsumstress

wertherGoethes Werther habe ich gefühlt vor einem halben Jahrhundert auf dem Gymnasium gelesen. Wie es mir damals gefallen hat, kann ich heute schon nicht mehr sagen. Zu viel ist seit dem passiert. Nun gab es die Gelegenheit zu einem Klassiker-Revival – in einer wunderbar frischen Form.

Illustratorin Franziska Walther hat sich über den alten Briefroman hergemacht und ihn in unsere Zeit geholt. Bei ihr ist Werther ein schmaler blauhaariger Jüngling mit Art-Director-Job in New York und einer Helikopter-Mutter, die ständig die Kontrolle über den Herrn Sohn haben muss – in Form von Handy-Dauer-Überwachung. Werther jedoch kümmert sich kaum um die mütterlichen Anrufe. Er streift durch die Stadt, arbeitet, shoppt, feiert, füttert den Wellensittich, hat (unverbindlichen) Sex und eine Zwangsneurose, die ihn ständig zählen lässt. Doch das Leben in der Konsumhauptstadt mit ihren Oberflächlichkeiten stresst ihn zusehends. Neudeutsch: Er hat ein Burn-out. Also zieht er sich aufs Land zurück, geht offline und kommt wieder zu sich.
Bis er Lotte trifft und sich so richtig verliebt. Der Rest dürfte bekannt sein. Allerdings bietet Franziska Walther ein anderes, offeneres Ende, entsprechend unserer Gesellschaft – und mit einem Fünkchen Hoffnung.

Walthers Zeichnungen sind poppig-knallig, obwohl das melancholische Lila durchaus überwiegt. Die Hektik der Großstadt überwältigt den Betrachter in immer kleineren, immer mehr werdenden Panels auf einer Seite. Die Natur-Stillleben lassen einen träumen und gemahnen zum sofortigen Aufbruch in die heilende Natur.
In die Panels sind Auszüge aus Goethes Text eingebaut, der das Augenmerk auf ebendiese Natursehnsucht und die große Liebe richtet. In dieser Gegenüberstellung von klassischem Text mit frischen Illustrationen liegt ein erhellendes Moment. Der Text wirkt genauso frisch wie die Bilder. Die Bilder genauso tiefgründig wie der Text. In beiden entdeckt man mit jedem Lesen neue Facetten, neue Hinweise, neue Momente, sich zu identifizieren.

An den Graphic-Novel-Teil sind Erläuterungen angeschlossen, die gewisse Bildelemente von Walther erklären und psychologisches Hintergrundwissen vermittelt. Das ist aufschlussreich – hätte jedoch nicht nötig getan. Walthers Bildsprache vermittelt diese psychologischen Hintergründe (die ich hier nicht aufzählen werde) dem Leser auch ohne lange Erklärungen sehr genau und bietet einen Anreiz, ganz genau hinzuschauen.

Auf jeden Fall ist diese Werther-Version eine Anregung, sich dem Original mal wieder zu widmen. Was man dann wunderbarerweise gleich im Anschluss machen kann, denn im hinteren Teil des Buches ist auf rosafarbenen Seiten Die Leiden des jungen Werther von Goethe vollständig abgedruckt. Eine komplett runde Sache!

Franziska Walther: Werther reloaded, Kunstanstifter, 2016, 224 Seiten, 24,50 Euro

Bimmelbähnchen und Unsinnsreime

IMG_20160529_205129Am Wochenende bin ich mit meiner Nichte, 4, und meinem Neffen, 2,  in das Universum von James Krüss eingetaucht. Für die Lütten war es eine Premiere, für mich eine Reise in die Kindheit.

Wir haben es rumpeln, pumpeln, ruckeln, zuckeln, klappern und plappern lassen. Haben vierzehn Häschen gezählt und Klee gesammelt, echten und ausgedachten. Die Bimmelbahn, die nie nach einem Plan fährt, hatte bei all dem nichts an ihrer Faszination verloren. Immer und immer wieder musste sie die Tour raus auf die Wiesen hinter dem Wald machen. Meine Bimmelbahn-Ausgabe von 1971 geht somit in die nächste Generation über.

Neben Henriette Bimmelbahn haben wir dann noch in den Reimen von James‘ Tierleben geschwelgt. Zwar konnten meine beiden Kleinen mit Medusen und frechen Straußen noch nicht viel anfangen, aber die Hundekunde-Stunde fanden sie toll. Die entsprechenden Illustrationen von Sabine Wilharm haben sie ausgiebig unter die Lupe genommen, eigene Malversuche unternommen, allerdings mit noch nicht viel Wiedererkennungseffekt. Doch das ist erst mal wurscht, wenn es dann hieß: „Noch mal.“

Ich selbst konnte bei den tierischen Reimereien auch kaum aufhören, sie laut vorzulesen. Denn es entsteht zum Teil ein behaglicher Rhythmus – tief in meinem Inneren kamen Erinnerungen an Schnäpse trinkende Möpse und Gedichte ohne Sinn wieder hoch. Als Kind habe ich sicher nicht all diese Gedichte gelesen, doch sie waren irgendwie präsent.
Die Sprachspielereien und -fertigkeiten von Krüss habe ich damals natürlich nicht erkannt, umso mehr freue ich mich jetzt an dem Erkennen von Hintergründigem in Form von Blauen Blumen, Gedichten mit und ohne E.
Und so plätscherten und wallten Wortwellen durch die Räume, es war eine Wonne, auch ohne Sonne.
Man meint das Seemannsgarn des Helgoländers zu hören, wenn man diese schöne Unsinns-Zoologie auf sich wirken lässt. Und merkt dabei nicht eine Sekunde, dass diese Zeilen, Strophen, Verse bereits über 50 Jahre alt sind. Als universell und zeitlos absurd kann man James‘ Tierleben mit Fug und Recht bezeichnen, es sollte in keinem Haushalt fehlen, egal, ob es dort Kinder gibt oder nicht.
Und auch die getreuliche Henriette wird sicherlich weiter ihre leise Weise bimmeln und durch die Kinderzimmer ruckeln und zuckeln.

James Krüss wäre heute 90 Jahre alt geworden. Herzlichen Glückwunsch und tausendfachen Dank für generationsübergreifende Lesefreude!

James Krüss: Henriette Bimmelbahn, Illustratorin: Lisl Stich, Boje Verlag, 28 Seiten, ab 4, 4,50 Euro

James Krüss: James‘ Tierleben, Illustratorin: Sabine Wilharm, Carlsen Verlag, 2009, 128 Seiten, ab 8, 19,99 Euro

[Gastrezension] Musikalische Wolfsjagd 2.0

campinowolfWer einmal Sergei Prokofjews Musikstück Peter und der Wolf gehört hat, wird beim Klang einer Oboe immer zunächst an eine junge Ente denken, der ihre Abenteuerlust zum Verhängnis wird. Und wenn er ein Fagott hört, einen gestrengen Großvater vor sich sehen. Es ist dem russischen Komponisten mit seiner 1936 uraufgeführten Kindersinfonie gelungen, Instrumenten eine Stimme zu geben, sie zu Schauspielern zu machen und eine Geschichte erzählen zu lassen – und so Kinder an klassische Musik heranzuführen. Auf diese Weise haben Generationen von Kindern den mutigen Jungen Peter, der mit Hilfe eines kleinen Vogels einen gefährlichen Wolf fängt, in ihrer Fantasie lebendig werden lassen. Ganz abgesehen davon ist Peter und der Wolf ein zeitlos schönes Stück.

Dieses Potential hat auch das Produktionsduo Giants Are Small erkannt, bestehend aus dem US-amerikanischen Videokünstler Doug Fitch und dem Filmemacher Edouard Getaz, einem gebürtigen Schweizer. Weil sie aber wissen, dass Kinder heutzutage nicht so leicht zu faszinieren sind, haben sie den Klassiker raffiniert modernisiert: Sie verlegen die ursprünglich im ländlichen Russland spielende Geschichte nach Hollywood und betten die Originalsinfonie in eine actiongeladene Rahmenhandlung ein. Da wird der Großvater zu einem Hippie, der sich als Gärtner um das Anwesen eines Filmstars kümmert und die Jäger werden zu lästigen Paparazzi, ein Seitenhieb auf den Celebritykult.

Vor allem haben Giants Are Small Bilder zur Musik geschaffen, einen liebevoll in Mischtechnik aus Zeichnung, Modellbau und Fotografie gestalteten Trickfilm. Mit der dazugehörigen App können Kinder die Wolfsjagd interaktiv vorantreiben und die Schlinge zuziehen.

Auch musikalisch haben sie das Stück erweitert. Zwar wird Prokofjews Sinfonie im Original unverändert komplett gespielt, im sogenannten Vorspiel aber klingen zusätzlich zahlreiche Kompositionen von unter anderem Satie, Elgar, Mahler, Grieg, Mussorgski und Ravel an.
So sollen Kinder heute für klassische Musik begeistert werden. Allerdings sind diese Schnipsel so kurz angespielt und teils schon so oft verwendet und zweckentfremdet, dass manches Kind darin zwar einen Reklamejingle erkennen mag, aber nicht auf die Idee kommt, dass sich ganze Sinfonien und Opern, also abendfüllende Spielfilme sozusagen, dahinter verbergen könnten. Natürlich darf bei der actionreichen Verfolgungsjagd mit einem riesigen Roboter und Hubschraubern Wagners Walkürenritt nicht fehlen. Das schrammt knapp an der Banalisierung vorbei. Und leider ist immer noch nicht geklärt, was aus der Ente wird, die „der Wolf in seiner Gier im Ganzen verschlungen hat“ und die zum Schluss leise aus dem Bauch herausquakt. Dabei soll in der Neuinterpretation die Ente geradezu menschliche Züge haben und Peters bester Freund in der amerikanischen Fremde sein.

Erzählt wird die Geschichte im amerikanischen Original vom Rockmusiker Alice Cooper. Der deutsche Alice Cooper ist Campino, seines Zeichens nicht nur Sänger der Toten Hosen, sondern schon als Mackie Messer mit Brechts Dreigroschenoper und für Wim Wenders als Schauspieler unterwegs. Klassikbezug hat er auch, hat er doch soeben mit seiner Band und dem Sinfonieorchester der Düsseldorfer Robert Schumann Hochschule ein Album namens Entartete Musik – Willkommen in Deutschland veröffentlicht, das von den Nationalsozialisten verbotenen Komponisten endlich wieder Gehör verschafft. Die lustigen Opel-Gang-Zeiten sind schon lange passé.
Campino habe sich geehrt gefühlt, dass man ihn als Erzähler ausgesucht hat. Und es war ihm wichtig, dass das von ihm sehr geliebte Original erhalten bleibt. Campino macht seine Sache als, wie er zugibt, nicht-professioneller Sprecher sehr charmant und mit hörbarer Freude.

Peter und der Wolf in Hollywood ist eine überwiegend sehr gelungene und reizvolle Modernisierung des bald 80 Jahre alten Klassikers. Nur eines gelingt der neuen Version nicht – oder man traut es multimedial überreizten Kindern heute nicht mehr zu: Mit den Ohren zu sehen.

Elke von Berkholz

Sergei Prokofjew/Giants Are Small: Peter und der Wolf in Hollywood, erzählt von Campino, eingespielt vom Bundesjugendorchester unter der Leitung von Alexander Shelley, Deutsche Grammophon, CD, 52 Minuten, Download oder Stream mit interaktiver App, auch in einer Sonderedition mit 48-seitigem Buch, ab 3 Jahren, 16,99 Euro

 

Kopfüber

aliceBis zum heutigen Tag hatte ich nie Gelegenheit – und es hat mich auch nie jemand dazu gedrängt – den Kinderbuchklassiker Alice im Wunderland von Lewis Carroll zu lesen. Die Filme, selbst wenn ein Johnny Depp darin mitspielte, haben mich irgendwie nicht gereizt. Nun hat es allerdings die raffinierte Neuauflage aus dem Gerstenberg Verlag geschafft, die zum 150-jährigen Jubiläum des Werks erschienen ist, das Versäumte nachzuholen.

Zum Nonsens-Inhalt von Alice möchte ich hier gar nicht viel ausführen. Figuren wie das weiße Kaninchen, die Grinsekatze, die blaue Raupe, der verrückte Hutmacher, die Herzkönigin sind hinlänglich bekannt. Wissenschaftliche Werke über Carrolls Werk gibt es zu Hauf, ich würde ein eigenes Studium benötigen, um mich dort auf den aktuellen Stand zu bringen. Das kann jedoch in diesem Moment nicht meine Aufgabe sein.

Hier möchte ich viel lieber auf zwei Dinge aufmerksam machen, die mich erfreut haben. Da ist zunächst die Ausstattung dieser Neuausgabe: Illustriert von der Niederländerin Floor Rieder, die für Gerstenberg bereits das Buch Evolution von Jan Paul Schutten bebildert hat und zudem für die Zeitschrift flow arbeitet, kommt Alice in einem liebevoll aufgemachten Design und Outfit daher, dass man ihr die 150 Jahre nicht mehr anmerkt. Rieders Drucke (ich bin mir nicht sicher, ob Holz- oder Linoldrucke) kommen mit fünf kräftigen Farben aus, die dennoch ein ganzes Universum erschaffen. Alice mit rundem Hut, Brille, kurzem Kleid und Sneakern erscheint mir wie eines der pfiffigen Schulmädchen, die vor wenigen Tagen eingeschult wurden und nun eine neue Welt entdecken. Die Unsinnigkeiten und Unerklärlichkeiten des Leben bekommen so ein frisches Gesicht, was zwar nicht hilft, die Rätsel zu lösen oder die Strategien eines Schachspiels zu durchschauen. Aber sie machen Laune. Man liest sich von einem Bild zum nächsten.

Und auf der Mitte des dicken Buches, wenn das Wunderland durchschritten ist, wird man als Leser gezwungen, das Werk zu drehen, quasi von hinten neu anzufangen. Das spiegelverkehrte Cover von Alice hinter den Spiegeln irritiert zunächst. Alice klettert nun mit Hoody und Schachbrettrock durch die wundersame Welt. Ein Stück erwachsener nun schon, doch immer noch neugierig auf die Gesellen, die ihr weiterhin begegnen.
Dass sich Alice hinter den Spiegeln befindet, also quasi alles verkehrt herum ist, merkt man als Leser jedes Mal, wenn man das Lesebändchen von unten nach oben in den Text legt. Mich hat das bis zum Schluss verwirrt, erstaunt und mir immer wieder ein Lächeln entlockt.

Die andere Sache, die mich erfreut hat, war, dass mir die Lektüre von Alice endlich einen Schlüssel zu einem Märchen geliefert hat, das im Oktober in meiner Übersetzung bei Bohem erscheint. In Der goldene Käfig von Anna Castagnoli, üppig illustriert von Carll Cneut, lässt eine Prinzessin ihre Diener enthaupten, wenn diese ihr nicht die paradiesischen Vögel bringen, die sie sich so dringend wünscht. Es war mir ein Rätsel, wie man auf so eine doch ziemlich grausame Geschichte kommen kann. Doch nun ahne ich, dass hier die Kopf-ab-Manie der Herzkönigin aus Alice im Wunderland Pate gestanden haben könnte. Vielleicht werden mir andere diese Ahnung bestätigen, vielleicht werden sie mich auf wieder andere Quellen hinweisen.
Schön für mich war jedoch, dass bei der völlig zweckfreien, aber so unterhaltsamen Lektüre von Alice auch noch diese Verbindung zu Tage trat, und mir wieder einmal bewusst wurde, dass Literatur nicht im leeren Raum entsteht, sondern die Klassiker immer wieder und auf vielfältige Art und Weise wichtig sind. Und daher in ihren neuen schönen Gewändern es allemal wert sind, gelesen zu werden.

Lewis Carroll: Alice im Wunderland & Alice hinter den SpiegelnÜbersetzung: Christian Enzensberger, Illustration: Floor Rieder, Gerstenberg Verlag, 2015, 384 Seiten, 25 Euro

Nachtrag am 15.09.2015:

In Bezug auf die Illustrationstechnik hat mir der Gerstenberg Verlag gerade folgende Info zur Verfügung gestellt:

„[…] durch ihre Illustrationstechnik verbindet Rieder bewusst Tradition und Moderne: Sie bestreicht Glasplatten mit schwarzer Farbe, kratzt die Motive mit der Feder ein, scannt die Bilder und koloriert diese am Rechner. Die Motivwahl fand Rieder nicht schwierig:
„Die Geschichte gibt die Zeichnungen zum Teil vor. Danach ging ich auf Suche nach einer tieferen Ebene. Ich entdeckte, dass Lewis Carroll Mathematik mochte. Deswegen habe ich viel Symmetrie verwendet.“
Die Ausstattung war für Rieder ebenfalls wichtig: „Dass die zwei Bücher die Form einer altenglischen Bibel haben mussten (klein und ganz dick), war schnell entschieden.““
Copyright © Floor Rieder

 

 

Happy Birthday, Pippi Langstrumpf!

pippiIn diesen Tag jährt sich nach all den Kriegende-Rückblicken noch ein Jahrestag: Vor 70 Jahren erblickte Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf das Licht der Buchwelt.

Aus diesem Anlass zeigt Arte am 24. Mai 2015 den Dokumentarfilm Astrid Lindgren der Schwedin Kristina Lindström.
Im Film taucht man ein in die Welt von Astrid Lindgren, die am 14. November 1907  in der Nähe von Vimmerby geboren wurde. In historischen Filmaufnahmen sieht man den Viehmarkt von Vimmerby und leicht unscharfe Aufnahmen von Astrid Ericsson, so ihr Mädchenname, mit großen weißen Schleifen im Haar. Filmemacherin Lindström rollt das Leben der Schriftstellerin auf, die bereits als Kind zu schreiben begann und schon früh als die „Selma Lagerlöf von Vimmerby“ bezeichnet wurde. Lindgren ist rebellisch, lässt sich als erste im Dorf einen Bubikopf schneiden, liebt das Kino und den Jazz. Sie macht ein Zeitungsvolontariat und wird mit 18 schwanger. Es ist keine Liebe. Heimlich bringt sie ihren Sohn Lars in Kopenhagen zur Welt und gibt ihn zu einer Pflegemutter – was sie ihr Leben lang bereuen wird, wie dieser Film sehr eindrücklich zeigt. Drei Jahre später holt sie den Sohn nach Schweden, doch erst 1931, als sie Sture Lindgren heiratet, kann sie sich richtig um ihn kümmern und Mutter sein. Die Jahre der Trennung vom Sohn haben Astrid Lindgren tief geprägt.

pippiNeben den Daten zu Astrid Lindgrens Biographie offenbart der Film zudem die Einflüsse, künstlerischer und familiärer Art, die in die Bücher der Schriftstellerin eingeflossen sind.
Es gibt hinreißende Ausschnitte aus dem Stummfilm „Through the Back Door“ von 1921, in dem Mary Pickford anfangs eine aufmüpfige 10-Jährige spielt. Lindgren liebte scheinbar die Filme von Pickford. Man sieht hier quasi eine frühe Version von Pippi, die auf Schrubberbürsten den Fußboden putzt und ein Pferd am Schwanz zieht.
Auch wie Lindgren die politischen Entwicklungen während des zweiten Weltkriegs allegorisch verarbeitet, macht der Film deutlich.

Das Schreiben hat Astrid Lindgren über ihren Schmerz geholfen. Wenn sie schrieb, ging es ihr gut, wird berichtet. Dann tauchte sie wieder ein in eine glückliche Kindheit. Ihre eigene endete, als sie schwanger wurde. Sie entwickelte aus ihren bitteren Erfahrungen als ledige junge Mutter den Respekt für die Kindern, der aus ihren Geschichten strahlt, und für den wir sie so lieben. So berichtete Oetinger-Verlegerin Silke Weitendorf im Gespräch nach der Filmvorführung, dass Lindgren sie in persönlichen Begegnungen nie mit lästigen Erwachsenenbemerkungen genervt hat, sondern sie immer fragte: „Bist du ein glückliches Kind?“
Das Glück der Kinder lag Lindgren am Herzen. Den Erwachsenen hat sie es in ihrer Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1978 noch einmal ganz deutlich und unmissverständlich gesagt: Niemals Gewalt gegen Kinder. Auch daran erinnert der Film.

Ursprünglich war dieser Film in der schwedischen Originalfassung drei Stunden lang. Für das deutsche Publikum wurde er auf 52 Minuten gekürzt – was ich sehr schade finde, den Astrid Lindgren ist so eine interessante Frau gewesen, dass man eigentlich nicht genug über sie erfahren kann …
Doch auch nach dieser kurzen Version ist man von Astrid Lindgren tief beeindruckt und liebt sie nun noch mehr. Ihre Bücher werde ich nun mit einem geweiteten Blick und diesem wichtigen Hintergrundwissen erneut lesen.

Astrid Lindgren. Ein Film von Kristina Lindström. Deutsche Fassung: Claudia Drexel, 2015, 52 Minuten. Zu sehen auf arte am 24.05.2015 um 22.15 h.

Eine Hörwonne

pastewka

Ich muss ganz dringend etwas nachreichen: das Neueste vom Neuesten in Sachen Pünktchen und Anton. Kästner habe ich ja in schöner Regelmäßigkeit hier auf dem Blog, aber meine Lektüre dieser Berlingeschichte ist auch schon wieder über drei Jahre her.

Doch nun fühle ich mich ein weiteres Mal in meine Kindheit zurückversetzt, denn endlich kann ich mir Kästners Geschichte wieder vorlesen lassen. Es ist herrlich. Schauspieler Bastian Pastewka hat den Roman  eingelesen und zwar ungekürzt. Nicht wie bei dem Kinderhörspiel von 1963, dem ich vor vielen Jahren bei meiner Großmutter gelauscht habe. Gerade eben habe ich sogar eine Audioversion auf You-Tube gefunden – und bin nach ein paar Minuten wieder ausgestiegen. Die schnarrende Art des ehemaligen Erzählers ist man einfach nicht mehr so richtig gewöhnt.

Umso feiner ist die Les-Art von Pastewka: Unaufgeregt in den Erzählpassagen, berlinernd, wenn die Dicke Berta auftritt, herrlich blasiert als Fräulein Andacht, frech als Pünktchen, hinterschleimig als Robert der Teufel. Kästners Figuren erwachen hier zu ganz frischem Leben, befreit von jeglichem Akustikstaub, so dass man die drei CDs in einem Rutsch durchhören kann. Viel zu schnell vergehen die 225 Minuten.
Das mag neben Pastewkas fesselnder Performance auch an den Musikstücken zwischen den Kapiteln liegen. Pfiffig, schmissig und ein bisschen schräg umrahmen sie Kästners Geschichte und vermitteln einen Hauch von einem Berlin der 20er, 30er Jahre, ohne altbacken oder nostalgisch zu erscheinen. Sie passen perfekt.

Die einzigen, leichten Textänderungen, die die CD-Macher vorgenommen haben, betreffen die Stellen, an denen Kästner seine Leser direkt anspricht und auf das Lesen bzw. Überlesen der Nachdenkereien hinweist. Hier wird in der Logik des Mediums von „hören“ und „überspringen“ gesprochen. Verwirrung bei jungen Zuhörern wird so vermieden, die Konzentration auf die Erlebnisse von Anton und Pünktchen befördert.
Für mich ist diese Audio-Version durch all diese liebevollen Bearbeitungen zu einem überaus gelungenen Gesamtkunstwerk geworden.

Erich Kästner: Pünktchen und Anton, 3 Audio-CDs, ungekürzte Lesung mit Musik, 225 Min., Komposition: Marc Schubring/Carsten Gerlitz, Illustration: Walter Trier, Gesprochen von Bastian Pastewka, Oetinger audio,  2015,  ab 8, 19,99 Euro

Die ganz große Liebe

vater 1vater 2vater 3Wenn ich so überlege, wo meine Leidenschaft für Bildergeschichten, Comics und Graphic Novels herrührt, gibt es eigentlich nur eine Antwort: von Vater und Sohn von E.O. Plauen.

Die Sammlung der Zeitungsstrips standen bei meinen Eltern im Regal im Wohnzimmer, und es gab für mich nichts Schöneres, als sie auf dem Teppich liegend anzuschauen, drei schmale Büchlein mit lustigen Bildergeschichten. Das war vor fast 40 Jahren. Jetzt hat der Südverlag diese Schätze wieder neu aufgelegt. Und ich schwelge in diesen hintersinnigen und auf den Punkt gebrachten Erlebnissen von Vater und Sohn.

Sie feiern Geburtstag, spielen Schach, gehen in den Zoo, rauchen Pfeife, helfen einander, jagen einander, erziehen einander, lesen gemeinsam, verteidigen sich gegen Fremde, Einbrecher und Lehrer, schummeln und beschenken sich, weinen zusammen, erben Reichtümer und landen auf einer einsamen Insel. Es sind alltägliche Situationen, die E.O.Plauen ab dem 13. Dezember 1934, also vor genau 80 Jahren, in der Berliner Illustrirten veröffentlicht hat. Doch hinter dem Alltäglichen steckt im Komischen das Subversive, das gegen Spießertum und absurde Regeln aufbegehrt. Und es steckt Liebe, jede Menge Liebe, in den Strips. Die Liebe vom Vater für den Sohn, vom Sohn für den Vater. Auch wenn es in der Tradition der schwarzen Pädagogik mal Prügel setzt, so setzt es die nicht nur für den Sohn, sondern auch für den Vater.
Was auf jeden Fall jedoch überwiegt, ist der Spaß, den beide miteinander haben. Sie beweisen auch in scheinbar aussichtslosen Situationen, dass es Lösungen gibt. Und darin sind diese Strips einfach zeitlos.

In ihrer Kürze – meist braucht E.O. Plauen nur vier bis neun Panels, um eine Geschichte zu erzählen – und in ihrem schnörkellosen Strich gleichen sie kurzen Gedichten, die einem die Welt eröffnen. Ist das Lachen und Schmunzeln vergangen, kommt die Erkenntnis und das Nachdenken, darüber, wie die Welt vielleicht sein sein sollte und wie die Beziehung von Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Sohn und Mutter, Tochter und Vater, Eltern und Kindern, Kindern und Eltern.
E.O. Plauen zeigt es eindrücklich und voller Liebe.

E. O. Plauen: Vater und Sohn. Band 1-3
50 Streiche und Abenteuer 

Noch 50 Streiche und Abenteuer
Die letzten 50 Streiche und Abenteuer
Südverlag, 2014, je 112 Seiten, je 12 Euro

Die Absurditäten des Krieges

frankIn den vergangenen Wochen ist mir ein Buch untergekommen, das eine echte Entdeckung für mich ist. Im Rahmen des Gedenkens an den Ausbruch des ersten Weltkriegs vor 100 Jahren ist bei Ravensburger der Antikriegsroman Der Junge, der seinen Geburtstag vergaß von Rudolf Frank neu erschienen.
Sind Bücher wie Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque oder Nesthäkchen und der Weltkrieg von Else Ury bekannte Geschichten aus jener Zeit, so ist der Text von Frank ziemlich in Vergessenheit geraten. Was verdammt schade ist.

Frank erzählt die Geschichte des 14-jährigen Jan Kubitzki, der als Deutschrusse in Polen lebt. Seine Mutter ist gestorben, der Vater von den Russen eingezogen worden. In Jans Dorf ist niemand mehr, als die Deutschen einmarschieren. Da der Junge nicht allein dort bleiben kann, schließt er sich in der Not den Deutschen an und wird Teil der Armee. Statt den Jungen wie einen Gefangen zu behandeln, wird er quasi zum Maskottchen der Kompanie. Mit seinem offenen, bodenständigen und menschlichen Blick hilft Jan den Soldaten immer wieder aus der Patsche und rettet sie vor den russischen Sümpfen, Spionen und Angriffen. Er lernt die Schlachten an der Ostfront und später auch den Grabenkrieg im Westen kennen. Dabei  konstatiert er immer wieder die Absurditäten von Krieg und Armeegebahren. So sind die Uniformen für ihn kein Zeichen der Einheit, sondern vielmehr ein Ausdruck „grenzenloser Ungleicheit und Uneinheit“. Jan hat mit Hierarchien und Auszeichnungen für angeblichen Heldenmut nichts am Hut.

Frank, der selbst im ersten Weltkrieg gekämpft hat, schrieb die Geschichte von Jan 1931. Zwei Jahre später verboten die Nazis das Buch und verbrannten es am 10. Mai 1933. Frank war also noch relativ dicht an den Geschehnissen des ersten Weltkriegs dran. Schonungslos erzählt er von verheerenden Schrapnellbomben und den Toten auf dem Schlachtfeld – und ahnte auch schon die kommende Katastrophe des zweiten Weltkrieges. So lässt er einen alten jüdischen Kaufmann räsonieren: „[Die Großmächtigen in Deitschland würden sagen:] Jetzt machen wir ä neuen Krieg, ä Krieg, der nix kostet und einbringt Geld. Jetzt machen wir Krieg gegen die Juden. Gegen die Juden im Land.“ Jan fragt den Alten daraufhin, ob er ein Prophet sei. Antwort: „Wozu braucht man sein ä Prophet, wenn man hat ä Kopf, der denkt, und zwei Augen, die sehen?“
Mir lief es bei diesen Zeilen eiskalt den Rücken runter. Denn Frank zeigt damit nicht nur seine Hellsichtigkeit bezüglich des damals aufkommenden Nazi-Terrors, sondern liefert universelle Botschaften, die auch heute noch gültig sind.

Dabei verklausuliert Frank seine Botschaft nicht, sondern sagt geradeheraus, was er von einer Unternehmung wie Krieg hält. Jans Erlebnisse illustrieren dazu das, was im Feld passiert. Immer wieder denkt der Junge darüber nach, wie die Sprache die Schrecken verbrämt, umbenennt und verfälscht.
Jungen Lesern zeigt Frank so ganz deutlich und unmissverständlich, dass Krieg immer grausam und zu verachten ist.
Uns Erwachsenen ruft der Text wieder einmal in Erinnerung, dass es heute nicht sehr viel anders zugeht. Wir in Deutschland haben zwar das unglaubliche Glück, nicht in einem Kriegsgebiet zu leben, doch die Nachrichten aus  der Ukraine, Syrien und dem Irak halten uns tagtäglich vor Augen, dass diese Welt alles andere als ein friedlicher Ort ist und die Menschheit aus Geschichte einfach nichts zu lernen scheint. Dann möchte ich am liebsten allen dieses Buch in die Hand drücken und den Soldaten Mut machen, Jans Beispiel zu folgen und den Dienst zu quittieren. Aber so simpel ist es ja bekanntlich nicht. Leider.

Rudolf Frank: Der Junge, der seinen Geburtstag vergaß, Ravensburger Buchverlag, 2014, 256 Seiten, ab 12, 7,99 Euro

50 Jahre Die drei ???

die drei ???Ach, die ewigen Berufsjugendlichen benutzen Handys? Das war die erstaunlichste und vermutlich banalste Feststellung, die ich machte, als ich mir dieser Tage eines der aktuellen Die drei-???-Bücher schnappte, das mit dem Titel Sinfonie der Angst.

Anlass war, dass Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews, die drei Detektive aus Los Angeles, heute 50 werden. Jawohl. Am 26. September 1964 erschien in den USA der erste Band unter dem Titel The Three Investigators. Die deutschen Kinder mussten noch bis 1968 warten, bis sie mit den Jungs mitfiebern und ermitteln konnten. Die drei ??? und das Gespensterschloss war gefühlt auch meine erste Detektivgeschichte. Ende der 70er Jahre habe ich sie mit meinem Bruder zusammen auf Kassette rauf und runter gehört. Damals war ich fest davon überzeugt, dass Alfred Hitchcock diese Geschichten persönlich geschrieben und inszeniert hatte. Zierten doch sein Name und sein Konterfei die Cover von Büchern und Kassetten. Das hatte immer etwas sehr Beeindruckendes und Respekteinflößendes.

Irgendwann habe ich Die drei ??? nicht mehr gehört und gelesen. Man wächst da ja raus und entdeckt anderes. Umso netter, jetzt einmal wieder einzutauchen, in die fast beschauliche Welt der Detektive. Los Angeles hat bei ihnen nichts von dem Ausufernden und Unüberschaubaren des realen Molochs. Nur am Rande bekommt man mit, dass die Autofahrten dort sehr zeitraubend sein können. Aber ich schweife ab. Denn darum geht eigentlich gar nicht. Es geht viel mehr – für mich – um die Entmystifizierung eines Kindheitsphänomens.
Denn natürlich hat Hitchcock die Fälle der Drei ??? nicht selbst geschrieben. Das war zunächst der Journalist Robert Arthur. Hitchcock hat ihm nur seinen Namen geliehen, clever und geschäftstüchtig. Es hat gewirkt. Bei mir jedenfalls. Arthur selbst hat die ersten zehn Folgen der Reihe geschrieben. Er verstarb 1969, danach setzten andere Autoren die Arbeit fort. In Deutschland sind bis jetzt 175 Fälle erschienen, zehn deutsche Autoren liefern mittlerweile die Geschichten. In den USA wurde die Serie bereits 1987 eingestellt. Vielleicht sollte man den Drei ??? die deutsche Staatsbürgerschaft anbieten, so sehr sind sie zu einem Teil von deutscher Kindheit geworden. Mehr als 16,5 Millionen Bände sind laut Verlagsangabe seit Reihenstart vor über 40 Jahren hierzulande verkauft worden. Man muss also von Kult sprechen, wenn man von den Drei ??? spricht.

Wenn ich die Pressmappe vom Kosmos-Verlag so lese, merke ich, dass ich damals nur die Vorhut eines Phänomens miterlebt habe. Mittlerweile gibt es neben den Büchern und Hörspielen Kinofilme, Computerspiele, Kids-Bände für Leser ab acht Jahren, Comics und Detektivkästen. In einem Airstream-Wohnwagen tourte die geheime Zentrale der Drei ??? 2005 durch Deutschland, die Hörspielsprecher Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich füllen mit dem Live-Event Phonophobia, dem der oben abgebildete Band Sinfonie der Angst zugrunde liegt, ganze Arenen. Es gibt Sonderausgaben und dreibändige Schuber. Im Netz können die Kinder den Drei ??? helfen einen üblen Rufmörder zu entlarven. Auf facebook sind die Detektive natürlich auch … Es kann einem fast ein bisschen schwindelig werden.

Sinfonie der Angst übrigens habe ich auf einer kurzen Bahnfahrt von Berlin nach Hamburg verschlungen und fühlte mich gut unterhalten. Darin geht es um einen synästhetischen und etwas durchgeknallten Orgelkomponisten, der die Musik zu einer bedrohlichen Waffe umfunktionieren will. Ziemlich schräg, aber auch sehr spannend. Da kann ich schon verstehen, dass Kinder und Erwachsene immer noch fasziniert und gebannt sind.

In der Pressemappe zum 50. Jubeltag der Drei ??? gibt es auch einen Zettel mit kuriosen Fakten, auf dem man solche Infos findet, wie: „Mit allen verkauften Bänden der Drei ??? könnte man rund 60 Fußballfelder bedecken“ oder „Die Band Jupiter Jones hat sich nach dem gleichnamigen Detektiv benannt, der in der deutschen Fassung der Bücher Justus Jonas heißt“. Kurios oder nicht, erschütternd fand ich darunter eher dieses Faktum: „Der Drei-???-Band Feuerteufel war bis dato der einzige Band, auf dem der Name des Autors auf dem Cover erschienen ist.“  Mit Name des Autors ist nicht Alfred Hitchcock gemeint (s.0.), sondern André Marx.
Wir Übersetzer beschweren uns immer, nicht wirklich sichtbar auf den Covern der übersetzten Bücher zu stehen. Und jetzt finde ich hier eine ganze Riege von Autoren, die auch nicht wirklich sichtbar sind. Daher gratuliere ich hiermit den aktuellen Schöpfern der Drei-???-Geschichten zu ihrer Arbeit und zu dem Erfolg (der sich hoffentlich auch für sie auszahlt), als da wären:

Hendrik Buchna, Christoph Dittert, Kari Erlhoff, Katharina Fischer, Brigitte Johanna Henkel-Waidhofer, André Marx, André Minninger, Ben Nevis, Marco Sonnleitner und Astrid Vollenbruch.

Kari Erhoff: Die drei ??? – Sinfonie der Angst, Kosmos, 2014, 144 Seiten,  ab 10, 8,99 Euro

Klassiker zum Hören

shakespeareWir Erwachsenen meinen ja manchmal, Klassiker der Weltliteratur zu kennen. Genau zu kennen. Wenn man ein gewisses Maß an Bildung genossen hat. Dachte ich auch.

Dann hatte ich Gelegenheit, die Klassiker-Versionen von Barbara Kindermann als Hörbücher zu genießen – und stellte fest, dass es doch mal gut tut, diese alt bekannten Geschichten in vereinfachter Form vorgetragen zu bekommen.

Aktuell hat die Hörcompany drei Shakespeare-Stück aufgenommen: Die Liebesgeschichte von Romeo und Julia, das Drama Hamlet und die Komödie Ein Sommernachtstraum. Gelesen werden sie, sehr angenehm und mitreißend, von den Schauspielern Devid  Striesow und Samuel Weiss. Erwachsene Zuhörer haben zwar sicherlich sehr schnell die Gesichter der beiden vor sich, doch das tut dem Genuss keinen Abbruch. Die klaren Sätze von Barbara Kindermann machen kleine Hörer schnell und verständlich mit den oftmals doch ganz schön verworrenen Geschichten bekannt. Nach den Zusammenfassungen gibt es dann jeweils noch ein, zwei Auszüge aus den Originaltexten. Ist also die Neugierde auf die Geschichte geweckt, kann der junge Mensch weiterforschen, ob er für die alten Texte, die komplizierte Syntax und die Theaterversion schon bereit ist.

tellGleiches gilt für die deutschen Klassiker. Seit vergangenem Jahr liegen Goethes Faust, Schillers Wilhelm Tell und Lessings Nathan der Weise auch als leicht verständliche Hörbücher vor. Hier liest noch Otto Sander zwei Geschichten (Tell und Nathan), was ein bisschen wie eine Reise in die Vergangenheit ist, gleichzeitig aber auch eine sehr schöne Erinnerung an einen großen Darsteller, der vor einem Jahr verstorben ist.

Auch bei diesen drei Geschichten gibt es im Anschluss an die Nacherzählungen Ausschnitte aus den Original-Stücken, die nicht nur Lust auf die Lektüre, sondern auch auf einen Theaterbesuch machen. Zu Recht hat die Reihe den Deutschen Hörbuchpreis 2014 für die beste verlegerische Leistung bekommen.

Ich will nicht verschweigen, dass ich beim Hören so meine Aha-Momente hatte. Im Sinne: „Ach, daher stammt dieses Zitat!“ Was mich wieder daran erinnerte, dass man als Erwachsener vielleicht schon viel gehört, gesehen, gelesen, konsumiert hat, aber auch genauso viel wieder vergisst. Daher ist es manchmal eben doch ziemlich hilfreich, sich ohne irgendwelche dämliche Dünkel die Klassiker-Versionen für Kinder anzuhören.
Man lernt immer was.

Weltliteratur für Kinder: Shakespeare leicht erzählt: Romeo und Julia, Hamlet, Ein Sommernachtstraum, Sprecher: Devid Striesow, Samuel Weiss, Hörcompany, 2014, 3 CDs, Laufzeit ca. 3 Stunden, 10 Minuten, 19,95 Euro

Weltliteratur für Kinder: Klassiker leicht erzählt: Faust, Wilhelm Tell, Nathan der Weise, Sprecher: Otto Sander, Joachim Meyerhoff, Hörcompany, 2013, 3 CDs, Laufzeit ca. 2 Stunden 50 Minuten, 19,95 Euro

Agnese, die Lagune und die Deutschen

agneseEndlich, endlich halte ich mein frisch gedrucktes, neu aufgelegtes, neu bearbeitetes italienisches Herzensbuch in Händen: Renata Viganòs Roman Agnese geht in den Tod.
Lange Jahre war dieses Buch auf Deutsch nur als antiquarische Version von 1951 oder 1959 erhältlich. Damals hatte der Ostberliner Verlag Volk und Welt den Partisanen-Roman veröffentlicht, der heute in Italien zum Schulkanon gehört. Jetzt hat editionfünf diesen Text wieder aus der Versenkung geholt. Passend zum 75. Jahrestag des Beginns des zweiten Weltkriegs.

Renata Viganò erzählt die Geschichte der einfachen Bäuerin und Wäscherin Agnese in den Jahren 1943 bis 1945. Agnese kümmert sich rührend um ihren kranken Mann Palita, bis im Spätsommer 1943, nachdem Mussolini gestürzt wurde und die deutsch-italienische Achse gefallen ist, die Deutschen durch ihr Dorf ziehen. Sie verhaften Verräter und Kommunisten und deportieren in die KZs. Palita überlebt den Transport nach Deutschland nicht. Agnese, eine äußerlich barsche, innerlich jedoch loyale und aufrichtige Frau, erschlägt einen deutschen Soldaten, nachdem dieser Palitas Katze erschossen hat. Nichts hält sie mehr auf ihrem Hof. Sie flüchtet und schließt sich den Partisanen der Gegend an.
Die Widerstandskämpfer verstecken sich zu der Zeit in der riesigen Lagune von Comacchio, die in dem Roman eine zweite Hauptrolle spielt. Von dort aus planen sie ihre Aktionen und brechen meist nachts auf, um ihre Vorräte aufzustocken, Waffen zu besorgen oder den deutschen Soldaten Fallen zu stellen. Agnese schlüpft auf der Flucht vor den deutschen Vergeltungsmaßnahmen bei ihnen unter und wandelt sich dort zur „Mutter der Kompanie“ und zu einer überzeugten Widerstandskämpferin.
Sehnsüchtig erwartet sie zusammen mit den Partisanen die Alliierten, die von Süden aus Italien befreien. Doch die Front rückt nur langsam nach Norden, zu sehr wehren sich die Deutschen und ihre letzten Verbündeten, die italienischen Faschisten. Der strenge Winter 1944/45 verzögert die Befreiung von Norditalien zusätzlich. Die Partisanen in ihren notdürftigen Unterkünften im Schilf leiden unter Regen, Schnee, Frost. Das Wasser der Lagune gefriert, einige der Genossen werden in einem überschwemmten Haus eingeschlossen.
Agnese, die mit der Organisation der „Staffette“, den Botengängerinnen, beauftragt ist, versucht alles, um den Nachschub an Lebensmittel für die Jungs zu gewährleisten. Die alte Frau wächst dabei über sich hinaus, sie wird zur „la Responsabile“, zur Verantwortlichen. Kilometer um Kilometer radelt sie über die Deiche, schleppt Körbe mit Brot, Wein und Käse, aber auch mit Sprengstoff und Flugblättern. Begegnet sie deutschen Patrouillen macht sie aus ihrer Verachtung den Besatzern gegenüber keinen Hehl. Immer wieder ist sie der Gefahr ausgesetzt, als Mörderin eines deutschen Soldaten erkannt zu werden.

Viganòs Roman ist harter Stoff. Der Tod ist ein beständiger Begleiter bei der Lektüre. Dazu kommen das Leiden der italienischen Partisanen, die Übergriffe und Greultaten der Deutschen, die Verschlagenheit der italienischen Faschisten, die Passivität der Alliierten. Der Krieg an und für sich ist hautnah zu spüren. Viganò schrieb in der Tradition des Neorealismus. Ihr Roman kam in Italien 1949 heraus und wurde noch im selben Jahr mit dem Premio Viareggio ausgezeichnet. Die Autorin, die selbst bei den Partisanen gekämpft hat, vermischt darin eigene Erfahrungen mit fiktiven Gestalten. Und illustriert so auf eindrucksvolle Weise, wie sich die Wehrmacht und die SS in den letzten Kriegsjahren in Italien verhalten haben.

Deutschlands Beziehung zu Italien scheint eine ewige Liebesbeziehung, seit Goethes Zeiten und den Filmschmonzetten aus den 50er Jahren (die in neuem Gewand heute immer noch produziert werden). Italien steht oftmals für Amore, Gelato, Kunst und Leichtigkeit. Die bittere Realität des Landes liefern uns Geschichten über Mafia und Korruption, manchmal spannend verpackt als Krimis, wie bei Carlo Lucarelli oder Patrizia Rinaldi, neuerdings mischen sich darunter auch vermehrt die Berichte über die Flüchtlinge aus Afrika. Gern hört man das hierzulande jedoch nicht. Dass Deutschlands Beziehung zu Italien jedoch selbst auch eine ganz düstere Seite hat, ist vielen nicht bekannt oder schon wieder vergessen. Renata Viganòs Roman erinnert nun ganz plastisch wieder daran, dass die Verbrechen der Wehrmacht nicht nur in Osteuropa stattfanden, sondern auch dort. Mit der gleichen Härte, der gleichen Unbarmherzigkeit. Aufgearbeitet sind diese Verbrechen noch viel zu wenig, wie eine deutsch-italienische Historikerkommission in ihrem Abschlussbericht im Juli 2012 festgestellt hat, und zwar auf beiden Seiten.

Mir ist Viganòs Roman zum ersten Mal 1992 während meines Studienjahres in Florenz untergekommen, und schon damals war ich fasziniert. Aus meinem Vorhaben, über den Roman meine Magisterarbeit zu schreiben, ist damals leider nichts geworden. Dann stand der Roman bei mir im Regal und lauerte in meinem Hinterkopf – bis sich editionfünf bereit erklärte, ihn in neuem Gewand herauszubringen.
Ich hätte gern eine richtige Neuübersetzung gemacht, doch wie immer ist das auch eine Frage der Finanzen. So konnte ich aber immerhin die alte Übersetzung von Ina Jun-Broda, die 1959 schon einmal von Ernst-August Nicklas redigiert worden war, gründlich überarbeiten. Es war nicht weniger Arbeit, vielmehr eine Gratwanderung zwischen drei verschiedenen Versionen (dem italienischen Original und den beiden DDR-Ausgaben). Ich glaube jedoch, dass nun Viganòs Text auch auf deutsch so frisch und hoffentlich zeitlos wirkt wie das italienische Original. Agnese geht in den Tod ist ein Puzzlestück, das eine weitere Nuance des zweiten Weltkrieges beleuchtet und damit zur Aufarbeitung beiträgt, die die Historiker einfordern.

Es bleibt die Hoffnung, dass sich das romantische Italienbild vielleicht ein winziges Bisschen zum Realistischen hin verschiebt und der nächste Italienurlaub möglicherweise mit anderen Augen genossen wird.

Renata Viganò: Agnese geht in den Tod, Übersetzung: Ina Jun-Broda, Neubearbeitung und Nachwort: Ulrike Schimming, editionfünf, 2014, 316 Seiten, 21,90 Euro

Aktuelles Erbe

Kann man zu Erich Kästner noch etwas sagen, was nicht längst schon gesagt wurde? Wahrscheinlich nicht. Aber man kann und sollte immer wieder an ihn erinnern. Und das will ich heute tun, denn vor 40 Jahren starb Kästner in München, 75-jährig. In memoriam habe ich kurzerhand noch einmal  Das fliegende Klassenzimmer und Das doppelte Lottchen gelesen.

kästner klassenzimmerDas Mutmacher-Buch über Johnny Trotz, Uli, Matze, Justus und den Nichtraucher stammt aus dem Jahr 1933. Kästner verpackt darin nicht nur die damals herrschende Armut in der Arbeiterschaft, sondern auch die Macht der Freundschaft und den Mut zu gesunden Menschenverstand. Gerade dieser Mut liegt Kästner am Herzen. Denn ohne Mut und Klugheit lässt sich das Leben nicht gut bewältigen. Das versucht er, den Kindern eindrucksvoll begreiflich zu machen. Mutig ist es demnach nicht, mit einem Regenschirm vom Turngerüst zu springen und sich dabei ein Bein zu brechen, nur weil man sonst als feige angesehen wird. Viel mutiger – und klüger – ist es, sich dem Druck der Mitschüler zu entziehen und sich im rechten Moment den Erwachsenen anzuvertrauen. Dieses Anti-Mobbing-Konzept gilt im Grunde auch heute noch. Womit man wieder bei dem unschlagbaren Punkt von Kästners Büchern ist: Selbst wenn sie über 80 Jahre alt sind, steckt in ihnen eine Aktualität, die immer wieder neu verblüfft.

kästner lottchenÄhnliches gilt für Das doppelte Lottchen. 1949 geschrieben ist das Lottchen vielleicht nicht ganz so „Problem belastet“. Hier erzählt Kästner die unterhaltsame Zwillings-Tausch-Geschichte um Luise und Lotte. Hinter der oberflächlich lustigen Verwechslungskomödie steckt das Drama von Scheidungskindern. Ist Scheidung per se schon meist eine unschöne Angelegenheit, so toppt Kästner das Elend noch, indem er die Zwillingsschwestern auseinander reißt, etwas, das uns heute unvorstellbar erscheint.
Auch hier hat Kästner ein Phänomen vorweggenommen, das heute immer mehr Familien betrifft, wird doch jede dritte Ehe geschieden. Jährlich stehen so in Deutschland über 130 000 Kinder vor zerbrochenen Familienverhältnissen. Kästner, der Moralist, der immer auf der Seite der Kinder steht, nimmt in seinem Roman die Eltern in die Pflicht. Das Wohl der Kinder hat bei ihm Vorrang vor den (Künstler)Wünschen der Eltern. So schenkt er Luise und Lotte ein herzerwärmendes Happy End.

Gibt es für die Scheidungskinder unserer Zeit meist nicht so einen glücklichen Ausgang, so können sie doch immer noch ein bisschen Trost und Rückhalt bei Erich Kästner finden. Und ohne das sollte kein Kind aufwachsen.

Erich Kästner:
Das fliegende Klassenzimmer,  Illustrationen: Walter Trier, Dressler, 169. Aufl. 2012, 174 Seiten, ab 10, 12 Euro
Das doppelte LottchenIllustrationen: Walter Trier, Dressler, 156. Aufl. 2006, 175 Seiten, ab 10, 12 Euro

 

Mein Lieblingsreporter

tim19Muss man Tim und Struppi noch irgendwem vorstellen? Wohl kaum.

Aber erinnern und hochleben lassen kann man sie eigentlich gar nicht genug. Vor 85 Jahr erschien der erste Band von Hergés rasendem Comic-Reporter und seinem weißen Hund.
Nachdem meine Eltern in den 70er Jahren nicht viel von Micky Maus hielten – und es mich und meinen Bruder ziemlich viel Überzeugungsarbeit gekostet hatte, bis die ersten Disneys bei uns einziehen durften – war es mit Tim und Struppi ganz anders: Mir nichts, dir nichts hatten wir sämtliche Bände im Haus, sie stehen noch heute bei mir im Regal. Woran das lag, dass Hergé die elterliche Zensur so anstandslos passiert hat, weiß ich bis heute nicht. Aber ich bin auch ganz dankbar dafür, denn Tim, Struppi, Käpitän Haddock, Schulze und Schultze, Professor Bienlein, Bianca Castafiore waren aus unserem Kinderzimmer nicht mehr wegzudenken. Und Haddocks Fluchereien bildeten meine erste bewusste Erinnerung an Sprachwitz und Sprachspiel, die eigentlich auch heute noch ihresgleichen suchen.

tim15Mit diesen Figuren bin ich dann also auf Weltreise gegangen, Amerika und Afrika fand ich zwar nicht so spannend, aber es gab ja genug Auswahl. Heute halte ich diese beiden Bände eh für die schwächeren, zumal sie mit ihrem offensichtlichen Rassismus nicht mehr tragbar sind.
Aber die späteren Abenteuer, in denen es Tim nach China, an den Amazonas, nach Arabien, Ägypten, Schottland und auf den Mond verschlägt, habe ich geliebt. Sie zeigten mir diese damals noch ziemlich fernen Länder, die neben den Schurken, Trotteln, verrückten Wissenschaftlern, Bonzen und einfachen Leuten auch immer eine eigene Rolle in den Geschichten spielten.

Heute erkennen wir sie natürlich als schlicht dargestellt, zum Teil mit Klischees behaftet, aber mir gaben sie damals ein Gefühl von Abenteuer und Aufregung und weckten meine Neugierde auf Orte, Geschichten und Lebensarten außerhalb unseres Landes. Denn neben den Schurken gab es in diesen Ländern auch immer liebenswerte Menschen und faszinierende Kulturen, die man auch im richtigen Leben entdecken sollte.

Bis jetzt habe ich im wahren Leben natürlich längst nicht all diese Länder und Kontinente bereist, schließlich bin ich kein rasender Reporter, aber Tim hat nicht wenig dazu beigetragen, dass ich mich immer wieder gern auf Reisen begebe. Seine Abenteuer waren zwar durchweg spannender, aber meine dafür echt.

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Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, welche Einflüsse Hergé mir mit seinen Comics noch auf den Weg gegeben hat, so ist es ganz klar mein Faible für seinen Zeichenstil, die Ligne claire. Sobald mir heute Comics oder Graphic Novels in diesem Stil in die Hände fallen, kann ich meist nicht anders und muss sie haben. Es gibt ganz sicher jede Menge faszinierende, neue und alternative Arten zu zeichnen und zu illustrieren, und ich lasse mich auch gern auf neue Experimente ein und bin von vielen Stilen angetan – aber bei Ligne claire wird bei mir immer dieser wohlige Kindheitseffekt ausgelöst, den ich mit Tim und Struppi verbinde und den ich vermutlich mein Leben lang nicht mehr loswerde. Ich glaube, es gibt Schlimmeres… Dank an Hergé für diese perfekte Kindheitserinnerung und herzlichen Glückwunsch zum 85. Geburtstag.

Hergé: Tim und Struppi, Band 1-23, Carlsen Verlag, je 9,99 Euro

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