Unbändiger Forscherdrang

reiseBücher, die das Wort „Reise“ im Titel tragen, üben auf mich eine seltsame Anziehung aus. Vielleicht, weil ich selbst gern reise. Denn jede Reise ist Aufbruch, Entdeckung von Neuem, Erweiterung des eigenen Horizonts, Abenteuer. Wer wünscht sich das nicht?

Der 11-jährige Archer in Nicholas Gannons Debüt-Roman Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt kann genau das eigentlich gar nicht erwarten. Er will endlich aufbrechen, hinaus aus seinem Haus, in dem ihn die Mutter fast wie einen Gefangenen hält. Dies tut sie allerdings nicht aus Bosheit, sondern aus Angst. Denn Archer hat eine Neigung. Die Neigung, alles zu erforschen und zu ergründen. Diese Neigung hat er von seinen Großeltern, den bekannten Naturforschern Ralph und Rachel Helmsley. Das Haus, in dem Archer mit seinen Eltern lebt, gehört den Großeltern und ist dem entsprechend ausgestattet mit ausgestopften Tieren aus aller Welt und anderen Objekten, die die Großeltern von ihren Forschungsreisen mitgebracht haben.
Doch seit zwei Jahren sind die Großeltern verschollen. Angeblich sind sie auf einem Eisberg festgefroren. Archer glaubt jedoch nicht daran. Er will Oma und Opa, die er noch nie im Leben gesehen hat, in der Antarktis suchen.

Auf seiner Reise sollen ihn die Nachbarkinder Oliver Glub und Adelaide Belmont begleiten. Zu dritt machen sie sich heimlich an die Vorbereitungen. Nur ist Oliver etwas ängstlich, was sich immer darin äußert, dass er die Augen zumacht, wenn es gefährlich wird.
Adelaide hingegen, die eine talentierte Ballerina war, hat durch einen Unfall ein Bein verloren, kann jedoch niemandem die Wahrheit sagen, sondern erfindet lieber abenteuerliche Geschichten, die ihre Freunde auf eine falsche Fährte locken, was ihre Reise-Erfahrung angeht.
Gemeinsam jedoch nehmen die drei Freunde es mit all den Erwachsenen auf, die ihnen Hindernisse in den Weg legen wollen …

Nun ja, dass die drei es nicht ganz bis zum Südpol schaffen, darf ich wohl verraten. Doch wie es dazu kommt, ist ein ganz großes Lesevergnügen, nicht zuletzt durch die frech frische Übersetzung von Harriet Fricke. Die drei Helden erleben schon vor Abreise jede Menge Abenteuer, die sie als Freunde immer enger zusammenschweißen. Sie beweisen dabei ganz nonchalant, dass der Weg das Ziel sein kann. Und dass man sich von den Meinungen der Erwachsenen nicht gleich von seinen Überzeugungen abbringen lassen sollte.

Die Geschichte von Archer, Oliver und Adelaide ist mit Illustrationen vom Autor selbst ausgestattet. Und diese Illustrationen sind so wundersam wie die Geschichte selbst. In zarten Sepia- und Rottönen entführt Gannon die Lesenden in das Haus der Helmsleys, zeigt die vielen Tiere, Globen und geheimnisvollen Schränke, Schubladen und Koffer. Er liefert architektonische Zeichnungen vom Haus und der Schule der Kinder. Es ist eine verwunschene Welt, der jegliche heutige Technik fehlt, in der es noch genügend Raum für Fantasie und Träumereien gibt. Ein echter Kindheitskokon.

Man ahnt, dass die drei Helden, sobald sie diesen Kokon wirklich verlassen und es in die harte Welt hinausschaffen, sie sich irgendwann genau danach wieder zurücksehen. Die Fortsetzung des Romans wird zeigen, wie es mit ihnen weitergeht. Bis dahin kann man schon mal seine eigenen wundersamen Reisen sonst wohin planen …

Nicholas Gannon: Die höchst wundersame Reise zum Ende der Welt, Übersetzung: Harriet Fricke, Coppenrath Verlag, 2016, 368 Seiten, ab 10, 14,95 Euro

Von der Idylle zum wahren Horror

seeAuf der Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 steht in der Sparte Jugendbuch auch die Graphic Novel Ein Sommer am See der US-amerikanischen Cousinen Mariko und Jillian Tamaki. Jetzt hatte ich Gelegenheit, diese Geschichte noch vor der Preisverleihung im Oktober zu lesen. Ich habe sie genossen. So viel kann ich vorab verraten.

Die Tamakis erzählen von der 15-jährigen Rose und ihrer Sommerfreundin Windy, die sich seit Jahren immer in den Sommerferien an einem See wiedertreffen. In dem winzigen Dorf, in dem es gerade mal einen Kiosk gibt, können die Mädchen eigentlich nichts machen, etwas was Erwachsene ja durchaus als erholsam bewerten.
Die beiden gehen schwimmen, hören Musik, belauschen die Dorf-Jugend und rätseln, wer Sarah ein Kind gemacht hat. Außerdem leihen sie sich aus dem Kiosk Horror-Filme aus, für die sie eigentlich noch viel zu jung sind.

Doch rasch merken sie, dass der eigentlich Horror nicht in den Filmen, sondern im realen Leben zu finden ist. Rose‘ Mutter ist depressiv, ihr Vater hält es zwischendrin nicht mehr aus und verschwindet für ein paar Tage. Als es fast zur Katastrophe am See kommt, erfahren sie, was hinter der übergroßen Traurigkeit der Mutter steckt.

In dunkelblau, fast schwarzen Bildern, die in geordneten Panels angeordnet sind, entführen die Tamakis den Leser in eine scheinbare Idylle. Still ruht der See und birgt jede Menge Geheimnisse, die die Bewohner und Besucher mit sich herumtragen. Man möchte diese Ferien genießen, so wie Rose und Windy. Doch die beiden sind in dem Alter, wo man immer mehr Fragen stellt, wo die eigenen Gefühle Achterbahn fahren und man gewisse Sachen einfach nicht mehr überhören kann. Es ist der Sommer, in dem ihre Kindheit definitiv zu Ende geht. Die Spiele von einst sind nicht mehr interessant, da reizt selbst der picklige, freche Jüngling aus dem Kiosk mehr. Rose ist ein ganz klein bisschen verliebt.

Auch wenn es bei den Mädchen noch nicht sexuell zur Sache geht, dringt genau das in die Ferienstimmung. Dabei geht es nicht um den Akt selbst, sondern viel mehr um die Folgen – die unglaublich bitter sein können. Sei es, dass das Kind nicht gewollt war oder eine Schwangerschaft nicht gut ausgeht. Rose und Windy beobachten all dies und stehen dann am Ende der Sommerferien fast sprachlos vor dem Ende ihrer Kindheit. Sie reisen zurück in eine neue erwachsene Welt. Und da kommt dann wirklich kein noch so gruseliger Horror-Film mit.

Mariko Tamaki/Jillian Tamaki: Ein Sommer am See, Übersetzung: Tina Hohl, Reprodukt, 2015, 320 Seiten, ab 14, 29 Euro

Endlich! Die Antwort auf eine immens wichtige Frage

weihnachtsmannAlle Jahre wieder … steht man vor der Frage, wie man seinen Kindern, Nichten oder Neffen erklären soll, dass der Weihnachtsmann in nur einer Nacht alle Kinder der Welt beschenken kann. Ein Drama!

Einen Lösungsvorschlag liefert nun die japanische Sachbuchautorin Hiroko Motai in dem Bilderbuch Tausend Millionen Weihnachtsmänner, übersetzt von Anu Stohner. Demnach gab es anfangs tatsächlich nur einen Weihnachtsmann. Aber es gab auch weniger Menschen auf der Erde, also auch weniger Kinder, und so schaffte er es, sein Pensum in einer Nacht zu absolvieren.
Doch die Menschen vermehrten sich, und so wurden auch die Kinder immer zahlreicher. Für den Weihnachtsmann wurde die Belastung im Job immer höher, auch das Rentier brauchte jetzt öfter eine Pause. Da wandte sich der Weihnachtsmann an Gott und bat, dass dieser aus ihm zwei Weihnachtsmänner machen sollte. Gott erfüllte ihm diesen Wunsch. Jedoch halbierte er die Weihnachtsmänner in der Größe.
Doch auch zwei Weihnachtsmänner schafften es irgendwann nicht mehr, die unzähligen Wünsche der vielen Kinder zu erfüllen. Wieder fragten sie Gott, wieder wurden sie erhört, wieder wurden sie kleiner und kleiner und kleiner …

Die Illustratorin Marika Maijala hat Motais Geschichte in Kreidezeichnungen umgesetzt, die ein ganz besonders heimeliges Weihnachtsgefühl aufkommen lassen. Zwischen Schneegestöber schleppen die rotbemützten Weihnachtsmänner Geschenke zu den Rentieren, Kinder laufen Schlittschuhe, Eltern hetzen durch die vorweihnachtliche Stadt. Die Bilder sind im Stil von Kinderzeichnungen gehalten, was durchaus nicht einfach hinzubekommen, sondern eine große Kunst ist. Sie sind dadurch jedoch ganz dicht bei den kleinen Betrachtern und sind über jeden Zweifel an dieser Erklärung erhaben.

Für Kinder, die jedoch der Überzeugung sind, dass das Christkind die Geschenke bringt, dürfte Tausend Millionen Weihnachtsmänner allerdings ein harter Brocken sein. Denn auf diese Grundsatzfrage antwortete dieses Buch leider nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es überhaupt ein Bilder- oder Kinderbuch gibt, das hier mal für Aufklärung sorgt.  😉

Hiroko Motai: Tausend Millionen Weihnachtsmänner, Übersetzung: Anu Stohner, Illustrator: Marika Maijala, Sauerländer, 2015, 40 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

Hilfe für Hochbegabte

willowSeit ich diesen Blog betreibe, habe ich so einige Bücher gelesen, in denen Figuren mit einer speziellen Sichtweise auf die Welt den Leser unterhalten und sensibilisiert haben. Diese Protagonisten waren entweder von schweren Krankheiten gezeichnet oder gehörten zum Kreis der Autisten, die durch ihre Inselbegabung Alltägliches anders wahrnahmen.

In diese Reihe würde ich nun auch das Buch von Holly Goldberg Sloan, Glück ist eine Gleichung mit 7, in der Übersetzung von Wieland Freund, stellen. Nur dass die 12-jährige Protagonistin Willow weder krank noch autistisch, sondern hochbegabt ist, was ihre Umwelt jedoch nicht erkennt.

Willow hat einen Faible für die Zahl 7 und ist an medizinischen Zusammenhängen, vor allem Hautkrankheiten, interessiert. Darüber hinaus liebt sie ihren Garten, der in der Wüste Kaliforniens einer Oase gleicht. Als ihre Adoptiveltern bei einem Autounfall ums Leben kommen, bricht Willows fein austarierter Alltag zusammen. Sie steht ohne Angehörige da und wäre den Behörden heillos ausgesetzt, würden sich nicht der überforderte Sozialarbeiter Dell, Willows neue Freundin Mai und deren Mutter Pattie um sie kümmern.

Bei aller Tragik lebt diese Geschichte von Willows nüchternem, analysierenden Blick auf das Chaos und die Unvollkommenheit, das sie umgibt. Herausgerissen aus ihrem geordneten Zuhause lernt sie anderen „Lebensformen“ kennen: Mai und ihre vietnamesische Familie leben in einer Garage, Dell ist an der Schwelle zum Messie und schummelt sich so durch. Willows distanzierte, aber pragmatische Art setzt schließlich Dinge in Gang, die nicht nur ihr Leben ändern, sondern auch das ihrer Helfer.
Die Komik, die durch das Aufeinanderprallen dieser Welten unweigerlich entsteht, lässt einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Darüber habe ich dann auch das Übermaß an Drama – hochbegabtes Adoptivkind verliert Eltern und kämpf gegen die Behörden – mit Nachsicht akzeptieren können. Denn natürlich schließt man Willow, die als Ich-Erzählerin agiert, ins Herz.

Für junge Leser dürfte Willows Leidenschaft für Krankheiten jedoch ein sprachlich harter Brocken werden, denn sie scheut nicht davor zurück, die medizinischen Fachtermini zu benutzen, die schon Erwachsene nicht immer verstehen. Sie zeigt so zwar ihre hohe Intelligenz, beweist gleichzeitig jedoch, dass Wissen nicht vor Trauer schützt. Der Zusammenhalt von Menschen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, ist in jedem Fall wichtiger als 7er-Reihen.

Holly Goldberg Sloan: Glück ist eine Gleichung mit 7, Übersetzung: Wieland Freund, Hanser Verlag, 2015, 303 Seiten, ab 12, 16,90 Euro

Der Chor der Mutmacher

levithanZwei Jungs, die sich küssen, regt das heute noch irgendjemanden auf? Man möchte meinen, nicht. Doch wenn die es in aller Öffentlichkeit tun und das über 32 Stunden, um einen neuen Rekord aufzustellen, dann ist das ein Ereignis, dass die Gemüter bewegt.

Von so einem real durchgeführten Ereignis, das ins Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen wurde, erzählt David Levithan in seinem Roman Two Boys Kissing, vorzüglich übersetzt von Martina Tichy.
Harry und Craig wollen ein Zeichen setzen, wollen andere schwule Jungs ermuntern, sich zu outen, zu ihrer sexuellen Neigung zu stehen, sich nicht zu verstecken. Dafür küssen sie sich vor der Highschool ihres Ortes, in aller Öffentlichkeit, knapp anderthalb Tage, ohne sich hinzusetzen, ohne zu essen, ohne auf Toilette zu gehen, ohne zu schlafen. So wie die Qualen der beiden – schmerzende Muskeln, Hitze, Kälte, eine volle Blase, Schwindel, Kopfweh – zunehmen, so wächst auch die Schar der Zuschauer an. Anfangs sind nur ein paar Freunde und Lehrer vor der Schule, die die Küssenden mit Getränken und Klamotten versorgen oder sich um die Live-Übertragung des Ereignisses ins Internet kümmern. Doch mit jeder Stunde verbreitet sich der Rekordversuch im Netz immer weiter, in alle Winkel der Welt. Die Medien werden aufmerksam, die konservativen Mitmenschen des Ortes aber auch, die gegen diese angeblich ungebührliche Aktion protestierten.

Neben den Küssenden schildert Levithan jedoch auch noch zwei weitere schwule Paare sowie einen unglücklichen Einzelgänger. Bei dem einen können die Eltern nichts mit den Neigungen des Sohns etwas anfangen, bei dem anderen handelt es sich um einen Transgender-Jungen, der einst im Körper eines Mädchens geboren wurde, aber alle Unterstützung von seinen Eltern bekommt. Der Einzelgänger sucht sein Glück im Internet, wird jedoch nur enttäuscht. Als seine Eltern ihn unfreiwillig beim Chatten erwischen und ihn somit zwangsouten, haut er von zu Hause ab.

Levithan, dessen Roman Letztendlich sind wir dem Universum egal gerade von der Jugendjury mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, konzentriert sich hier ganz auf den Kosmos schwuler Jugendlicher, rund um ihr Coming-out und ihre erste Liebe. Anfangs ist die Fülle an männlichen Figuren etwas verwirrend, doch mehr und mehr nimmt die Erzählung an Fahrt auf und die Jungs wachsen einem ans Herz. Dies liegt auch an der sehr präsenten Erzählerstimme, die eine ungewöhnliche und erfrischende Alternative zu den vorherrschenden Ich-Erzählern bildet. Denn hier erzählt ein unbenanntes WIR, ein Chor, der den jungen Schwulen fast väterlich über die Schulter schaut, sie ermutigt, Tipps gibt, von eigenen Erfahrungen berichtet, von eigenen Ängsten, Sorgen und Freuden. Es ist ein Chor einer Generation von Schwulen, die Anfang der 90er Jahre die AIDS-Katastrophe am eigenen Leib erlebt hat, deren Partner, Freunde, Bekannte an der Krankheit gestorben sind, die die Diskriminierung noch schärfer erlebt haben, als die junge Generation heute. Sie waren die Wegbereiter dafür, dass seit diesem Sommer in den USA gleichgeschlechtliche Ehen legal sind. Sie erheben die Stimme, ermutigen, warnen aber auch und machen klar, dass es ein langer Weg war bis zu diesem Punkt, aber auch, dass noch ein langer Weg vor allen LGBT*-Leuten liegt, bis diese rechtlich völlig gleichgestellt sind.

Dieses Buch macht Mut. Keine Frage. Jedem Jungen, der mit seinen sexuellen Vorlieben hadert, sei diese Lektüre empfohlen. Levithan zeigt zwar, dass es nicht einfach ist – weder sich 32 Stunden lang zu küssen, noch mit seinen Eltern zu reden, noch die richtigen Freunde zu finden – doch er zeigt auch, dass es sich lohnt, zu sich selbst zu stehen und sich auf das Abenteuer Leben einzulassen.

Demnächst würde ich gern auf diesem Kanal die weibliche Variante dieses Themas vorstellen können … die aber wohl noch nicht geschrieben ist. Liebe Verlage, bitte kümmert euch darum!

David Levithan: Two Boys Kissing – Jede Sekunde zählt, Übersetzung: Martina Tichy, Fischer KJB, 2015, 288 Seiten,  ab 14, 14,99 Euro

[Gastrezension] Benimm dich

lumfiti„Chill mal dein Leben!“, raten Kinder ihren Eltern, wenn diese sie zum Beispiel bitten, nicht mit den Fingern zu essen, nicht andauernd zu pupsen und rülpsen oder mal das Zimmer aufzuräumen.

Auch Kari aus Birte Hosodas Kinderbuch Lumfiti kawumm! wünscht sich, dass vor allem ihre Mutter mal entspannter wird und sie nicht permanent mit den Benimmregeln ihres früheren Kinderfräuleins traktiert. Aber dass ihre Eltern plötzlich mit abgenagten Hühnerknochen werfen, in einer selbstgebauten Höhle im Wohnzimmer hausen, nur einen Kunstpelz um die Lenden oder eine übergeworfene Straußenfederdecke tragen und sich wohlig gegenseitig die haarigen Rücken lausen, das hat die Zehnjährige wirklich nicht gewollt. Jetzt hat sie ein sehr schlechtes Gewissen. Auch ihr bester Freund Edgar, der nebenan mit seiner sehr gechillten Mutter Shala und drei nervigen kleinen Brüdern in charmantem Dauerchaos wohnt und Karis stilbewusste Mama deshalb sehr schätzt, hält Kari anfangs für nicht ganz unschuldig am Durcheinander.
Aber gemeinsam mit Shala sowie der leicht überdrehten TV-Reporterin Betty Bo und dem schrulligen Professor Zerberbier entschlüsseln die plietschen Freunde die mysteriöse Verwandlung und kommen dem wahren Übeltäter auf die Spur.

Raffiniert mischt Birte Hosoda in ihrem Debüt Krimi, lustiges Abenteuer, Mediensatire und Freundschaftsgeschichte. Nebenbei erzählt sie knapp, aber anschaulich die Menschheitsgeschichte vom heutigen Homo sapiens bis zum menschenaffenähnlichen Australopithecus anamensis – vier Millionen Jahre im Schnellrücklauf. Der soeben nahe Johannesburg entdeckte, grazile Homo naledi hätte sich auch noch dazu gesellen können, die Entwicklung des Menschen ist lange noch nicht auserzählt.

Kari und Edgar sind einem sofort sympathisch, weil sie auch mal eingeschnappt und biestig oder traurig und verzweifelt sind. Sie sind so klug wie die Leser, es gibt keinen plumpen „Achtung-Kasper-das-Krokodil!“-Effekt. Aber sie sind auch keine Computer-Nerds, Klugscheißer oder unrealistisch ausstaffierte und versierte Miniagenten.
Kari ist mutig und manchmal ganz schön schlagfertig und Edgar hat technisch schon einiges auf Kasten, wovon er sich das Meiste angelesen hat. Okay, das ist unrealistisch. Aber es schmeichelt der Seele aller Leseratten und gibt uns Bücherwürmern etwas Genugtuung.

Die erwachsenen Charaktere sind liebevoll überzeichnet, genauso wie kluge Karikaturen sein sollten. Reporterin Betty Bo ist extrovertiert, laut, kennt kaum Tabus und würde für eine gute Story einiges tun – aber nicht alles, also Typ: raue Schale, guter Kern. Es gibt darüber hinaus Einblicke in moderne Arbeitsfelder und die ernüchternde Profanität von Fernsehstudios, die viel kleiner sind als erwartet, mit gecastetem Publikum und hässlicher Einrichtung.
Selbst der hochgelobte Anthropologie-Prof erweist sich als weltfremd und wenig hilfreich in seinem monothematischen Elfenbeinturm.
Und mit der Figur des schmierigen Schokoladenfabrikanten erfährt man einiges über Profitgier und plumpe Eitelkeit, schädliche Übernahmegerüchte und altbackende Geschäftskonzepte.

Sehr erfrischend ist Birte Hosodas Tonfall und Sprache. Die Autorin und studierte Japanologin verbindet die Klugheit des Homo sapiens mit der Kreativität des Homo habilis und der Verspieltheit des Australopithecus. „Lumfiti kawumm“ lautet übrigens die einzige an Sprache erinnernde Äußerung von Karis Vater am Anfang seiner Verwandlung und Kari interpretiert es als Warnung im Sinne von „gleich kracht’s“. Vielleicht heißt es aber einfach „entspann dich“ auf Steinzeitisch.
Ein Fazit des Buchs lautet: Hört mehr auf Kinder, selbst wenn es quakige kleine Brüder sind. Und ein bisschen „lumfiti kawumm!“ kann auch nicht schaden.

Elke von Berkholz

Birte Hosoda: Lumfiti kawumm!, Illustration: Stefanie Jeschke, Tulipan Verlag 2015, 176 Seiten, ab 8, 12,95 Euro

[Jugendrezension] Unzertrennlich

lilly„Ich liebe dich April. Ich liebe dich so sehr, dass ich in der Klinik einbrechen würde, um dich da rauszuholen und zurück nach Hause zu bringen.“

Phoebe und April aus dem Roman Was fehlt, wenn ich verschwunden bin von Lilly Lindner sind Geschwister und lieben sich, trotz kleiner Streitigkeiten, sehr.

Gegenseitig geben sie sich Halt, in einer Familie, die nicht mehr funktioniert, denn ihre Eltern sind maßlos überfordert. Deshalb reagieren sie in den meisten Situationen auch falsch. In den Momenten, in denen ihre Kinder Halt bräuchten, geben sie ihnen keinen. Als April in eine Klinik kommt, weil sie magersüchtig ist, fühlt sich Phoebe oft alleine, obwohl sie ihre guten Freundinnen hat.
Zu Hause ist nichts mehr, wie es vorher war. Das Mädchen wird nicht mehr von ihren Eltern verstanden. Ihr Vater arbeitet viel und ihre Mutter strickt nur noch. Phoebe will auf jeden Fall Kontakt mit April halten, deshalb schreibt sie oft Briefe an sie. Selbst wenn April nicht antwortet, schreibt sie trotzdem immer weiter. Sie erzählt von ihrem Leben zu Hause, von ihren Eltern und Freunden und von den schönen Erinnerungen mit April. Sie vermisst ihre große Schwester sehr und hofft, dass sie bald wieder zurück nach Hause kommt.

Was fehlt, wenn ich verschwunden bin von Lilly Linder ist ein trauriges und herzzerreißendes Buch. Die Beziehung zwischen Phoebe und April ist so stark, dass sie unzertrennlich scheint.

Diesen Roman zu lesen war sehr schön, denn er zeigt, wie sehr sich Geschwister lieben können, wenn sie getrennt sind und nicht mehr den ganzen Tag beisammen sind. Gleichzeitig war das Buch nicht nur angenehm, sondern auch sehr traurig, denn es wurde auch von der schlimmen Krankheit Magersucht erzählt. Da Lilly Lindner einen ganz eigenen Schreibstil hat und das Buch nur in Briefen geschrieben ist, kann man es rasch in einem Zug durchlesen. Wegen all diesen guten Sachen kann ich dieses Buch nur weiterempfehlen.

Laura (15)

Lilly Lindner: Was fehlt, wenn ich verschwunden bin, FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch, 2015, 400 Seiten, ab 14, 9,99 Euro