Den Blick schärfen, die Kreativität fördern, Kunst machen

Gerade ist – wieder mal – ein Gemälde eines alten Meisters für eine Unsumme versteigert worden, obwohl die Urheberschaft anscheinend nicht eindeutig geklärt ist und sich da ein potenter Käufer vielleicht gar keinen echten Leonardo Da Vinci zugelegt hat. Kunst ist eben ein ziemlich macht- und geldgetriebenes Geschäft geworden. Was aber auch wieder zeigt, dass Kunst in unserem Leben einen (ge)wichtigen Stellenwert einnimmt. Was mich zu der Frage bringt: Wie führt man Kinder an die Kunst und ihre Vielfältigkeit heran?

Selbst malen ist wahrscheinlich der beste Weg, kleine Menschen mit Kunst vertraut zu machen. Neben der Fähigkeit einen Stift zu halten, gehört dann aber auch das genaue Hinsehen und Beobachten dazu. Denn wer aufmerksam hinschaut, bringt irgendwann auch Wiedererkennbares aufs Papier.
Ganz spielerisch geht die Berliner Illustratorin Marion Goedelt an diese Herausforderung ran. Sie verwandelt die eigentlich immer etwas spießig und unkreativ daherkommenden Zahlenbilder – bei den man also durchnummerierte Punkte zu einem Objekt verbinden muss – in ein aufregendes Entdeckungsabenteuer.

Angelehnt an da Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist …“ wiederholt sich auf jeder Doppelseite dieser Satz, ergänzt durch etwas, das herausgefunden werden soll, beispielsweise etwas Spaciges, Schleimiges, Gruseliges oder Gefährliches. Auf wunderschön aquarellierten oder mit Wachsmalfarben gestalteten Hintergrundbildern müssen die kleinen Künstler nun das Werk vervollständigen. Die schrägen Figuren, die bei den Zahlenbildern entstehen, sind nicht leicht vorherzusehen (auch für Erwachsene nicht). Was die Angelegenheit dann auch noch spannend macht.
Und hat man mit einem dünnen Bleistift (meine Nichte und ich haben uns erst gar nicht getraut, dicke Filzer zu nehmen) alle Punkte verbunden, geht der Spaß noch eine Runde weiter, denn nun müssen die Gesellen mit dicken Stiften und bunten Farben weiter zum Leben erweckt werden. Die Endergebnisse verwandeln dieses so schon charmante Malbuch dann in ein ganz feines, wertvolles Einzelstück.

Ist nach diesem ersten Malabenteuer dann der Schritt zum genauen Hingucken und angeleitetem Zeichnen vollzogen, stellt sich oft die Frage: Wie bekommt man die Figuren und Gegenstände auf den Bildern so hin, dass sie witzig, dynamisch und mehr oder minder realistisch aussehen?
Der Münchner Comic-Zeichner Ja Reiser hat dafür nun, seine Strich-und-Farben-Kolumne, die zwei Jahre lang in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, zu einem knallbunten Anleitungsbuch zusammengefasst.
In seinem comic-artigen Stil zeigt er zunächst einmal alles, was man zum Zeichnen benötigt, neben Papier, Stifte und Farben, eben auch Anspitzer und Radiergummi, sowie einen passenden Stuhl, damit man beim Zeichnen keine Rückenschmerzen bekommt. Immer wieder eingeflochten sind dann kurze Kapitel über Grundlagen des Zeichnens, also Erläuterungen zu Licht und Schatten oder der Perspektive.

Reisers Sammlung von Motiven – Tiere, Menschen und Fahrzeuge aller Art – liefert unzählige Vorschläge, was alles gezeichnet werden kann. Dabei macht er durch den Aufbau einer Seite klar, dass nicht einfach drauflos gekritzelt wird, sondern, dass man jedes Motiv zunächst einmal genau betrachten sollte und es dann in seine Formen zerlegt. Diese zeichnet man vor und fügt schließlich die Details hinzu. Um den typischen Ligné-claire-Stil der Comics hinzubekommen, werden die Umrisse dann mit Schwarz nachgezogen und erst ganz zum Schluss werden die Motive bunt koloriert. Das mag für angehende Comic-Zeichner vielleicht erstmal frustrierend sein, macht ihnen jedoch bereits von Anfang an klar, dass es eben kein Kinderspiel ist, einen richtig guten Comic zu zeichnen.

Wem der humoristische Comic-Stil dann doch nicht so liegt, sondern wer sich völlig frei auf dem Zeichenblatt bewegen will, der findet eine überaus großartig Anregung bei Marion Deuchars. In ihrem fast DIN-A-4-großen Wälzer Malen und zeichnen wie die großen Künstler stellt sie 18 Künstler_innen vor, von Joan Mirò, Salvador Dalí, Frida Kahlo oder Andy Warhol bis zum Japaner Hokusai.

In kurzen Texten erläutert sie den besonderen Stil des jeweiligen Künstlers und lädt dann sofort zum Nachmachen ein. So entstehen auf dickem, ungebürstenem Papier kubistisch inspirierte Stillleben, Collagen, Selbstportraits, Kalligramme, Menschen und Tiere, Kreise und Dreiecke, Selbstportraits und Tintenkleckszeichnungen.

Auch hier wird wieder genau hingeschaut, beispielsweise bei den mexikanischen Glyphen oder bei den Unterschieden von zornigen oder fröhlichen Bleistiftstrichen. Und bei all dem entfaltet sich vor den Augen der Betrachter_innen die ganze Vielfältigkeit der Kunst und ihre Sinnhaftigkeit. Dabei zeigt auch das Beispiel der australischen Aborigine Emiliy Kngwarreye, dass man für künstlerische Betätigung nie zu alt ist (sie begann mit 80 Jahren zu malen). Ihr Rückgriff auf die eigenen Traditionen und die eigene Lebenswelt beweisen anschaulich, dass auch ein einfacher Stock zu einem Kunstwerk werden kann.

Nach der Beschäftigung mit diesem Buch, das selbst ein Kunstwerk ist, schaut man seine eigene Umwelt definitiv mit anderen Augen an. Man entdeckt, was in Haus und Garten alles für die Erstellung von Kunstwerken genutzt werden kann. Beim Malen, Zeichnen, Kleben, Ausschneiden, Zusammensetzen, Kolorieren und Ausdenken entsteht so ein sinnliches Erlebnis, das weitaus mehr befriedigt, als so manch andere passive Freizeitbeschäftigung. Hier bekommen die Synapsen im Hirn richtig Futter – und vielleicht findet der oder die kleine Künstler_in ganz nebenbei ihren eigenen Stil und ihre eigene Leidenschaft.

Marion Goeddelt: Ich sehe was, was du nicht siehst. Zahlenbilder zum Verbinden, Aus- und Weitermalen, Tulipan, 2017, 40 Seiten, ab 6, 10 Euro

Jan Reiser: Strich und Farben – Die große Zeichenschule, 96 Seiten, ab 8, 14,99 Euro

Marion Deuchars: Malen und Zeichnen wie die großen Künstler, Übersetzung: Claudia Koch/Kathrin Lichtenberg, Midas, 2. Aufl. 2015, 240 Seiten, ab 10, 24,90 Euro

Kunstwerk mit Köpfchen

Neulich unterhielt ich mich sehr ernsthaft mit meiner fünfjährigen Nichte über Kopfschmerzen. Sie berichtete, dass sie eigentlich sehr genau weiß, was bei ihr Kopfschmerzen auslöst. Ich war beeindruckt. Denn das weiß ich bei mir selbst manchmal nicht.

Dass der menschliche Kopf eine geniale Angelegenheit ist und sowohl unsere Sprache, wie auch unsere Kunst beeinflusst, beweisen die Tschechen David Böhm und Ondrej Buddeus in ihrem Bilder-Sachbuch Kopf im Kopf, ins Deutsche übertragen von Doris Kouba.

In einer Mischung aus kurzen Texten und Bildern von menschlichen Köpfen in allen Formen, Farben und Arten erfährt man so allerhand, angefangen bei den Redewendungen, in denen wir alle Teile des Gesichtes – also Nase, Mund, Augen, Ohren, Lippen – für unsere Kommunikation nutzen.
Ausklappbare Seiten erzählen großformatig von den Vorgängen in unserem Gehirn, entführen ins fiktive Kopfland oder zeigen das Portfolio eines Detektivs in Sachen Phantombild. Halbe Seiten hingegen offenbaren, was hinter Masken, Tüchern, Burkas, Astronautenhelmen stecken kann. Und ganz nebenbei erfährt man die Geschichten von Phantomas oder oder El Hijo el Santo.

Zwischendrin erzählt ein auf dem Kopf stehender Comic vom Ettamogah, der in seinem riesigen Kopf all das Wasser der Erde sammelt und erst durch den Vogellippler dazu bewegt wird, es wieder freizugeben. Das ist definitiv rätselhaft, aber so ein Wonne zum Anschauen, zum Blättern und Erkunden, dass sich jede_r Betrachter_in seinen/ihren eigenen Kopf dazu machen kann.

Man findet Hinweise, wie man sich Zahlen leichter merken kann, findet gereimte (Un-)Sinnssprüche, bekommt eine Karte der Hirnarealen. Die Mischung aus physiologischen und psychologischen Fakten mit charmant witzigen Kopfbildern führt kleine Betrachterinnen ganz wunderbar an die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper heran. Und der menschlichen Sprache.

Und auch das Thema Kopfschmerz hat seinen Platz in diesem Buch. Ich werde das Buch   beim nächsten Besuch meiner Nichte zeigen, mal sehen, was sie davon hält…

Sehr zu recht ist dieses Kunstwerk für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 in der Sparte Sachbuch nominiert.

David Böhm & Ondrej Buddeus: Kopf im Kopf, Übersetzung: Doris Kouba, Karl Rauch Verlag, 2016, 120 Seiten, ab 4, 25 Euro

Follow my blog with Bloglovin

Wider die Bequemlichkeit

brüder„Wenn du vor mir stirbst, schreibe ich ein Buch über dich“, sagt der 18-jährige Quentin Bell zu seinem knapp drei Jahre älteren Bruder Julian. Das Buch Brüder für immer sollte es also nicht geben. Dann hätte Quentin seinen älteren Bruder und besten Freund noch. Ihren Eltern und Angehörigen wäre die Trauer über den frühen Tod des Sohns, Neffen und Freundes erspart geblieben. Vor allem der Mutter der beiden, der Malerin und Innenarchitektin Vanessa Bell, ältere Schwester der Schriftstellerin Virginia Woolf.

Aber es ist gut, dass es diesen Roman gibt, angelehnt an realen, historischen Personen, erdacht und geschrieben vom vielfach ausgezeichneten niederländischen Autor Rindert Kromhout.

Denn was von einigen Kritikern nur als die etwas naiv erzählte Geschichte zweier Brüder, aufgewachsen in einem unkonventionellen Milieu, aufgefasst wurde, ist tatsächlich ein hinreißendes Porträt der aus Schriftstellern, Journalisten, Verlegern, Künstlern und Wissenschaftlern bestehenden Bloomsbury Group.

Und es ist ein Manifest des freien Denkens, geradezu ein Imperativ sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, ohne Vorurteile, ohne geistige Scheuklappen, und nach seinen Idealen zu leben und zu lieben. Das ist heute, in Zeiten von Fremdenhass und nationalistischer Ideologie, religiösem Fanatismus und Vorurteilen gegen alles Nonkonforme, dem Erstarken rechtsradikaler Politiker und Parteien wichtiger denn je.
Die Hauptfiguren in Kromhouts Roman haben wirklich gelebt: Die Malerin Vanessa Bell, geborene Stephen, ihr Ehemann, der Kunstkritiker und Journalist Clive Bell, Vanessa Bells homosexueller Freund, künstlerischer Partner und Liebhaber Duncan Grant und dessen Freund David. Zudem Vanessa und Clive Bells Söhne Julian und Quentin sowie deren jüngere Halbschwester Angelica. Sie alle lebten in Charleston, einem von Vanessa und Duncan zum lebendigen Kunstwerk gestalteten Haus auf dem Land in Sussex.

Am bekanntesten ist die Schriftstellerin Virginia Woolf, Vanessas jüngere Schwester, und deren Ehemann Leonard, Verleger und Publizist. Beide wohnten und arbeiteten im Monk’s House, das in Fahrradfahrtdistanz zu Charleston lag.
Außerdem kommen die Malerin Dora Carrington und ihr Lebenspartner, der Biograf und Kritiker Lytton Strachey, und die Kunstmäzenin Ottoline Morrell vor.

Dazu hat Kromhout diverse Nebenfiguren erdacht, die exzellent zu der ebenso ungewöhnlichen wie liebenswerten Gemeinschaft passen: die patente, großherzige Köchin Grace, ein aufgeschlossener Pfarrer sowie eine anfangs gegenüber den zugezogenen Künstlern sehr skeptische Dorfgemeinschaft.

Kromhout bedient sich eines Kunstgriffs, um seiner Geschichte die gewünschte Perspektive zu geben. Er erzählt vom Erwachsen- und Bewusstwerden unter dem Eindruck des fortschreitenden Faschismus in Europa. Dazu macht er die realen Brüder Bell fast zehn Jahre jünger. 1925 zieht die bunte Familie in das Charleston Haus, da sind Quentin und Julian sechs und acht Jahre alt. Während Julian sich schon früh für Politik interessiert und sich als Jugendlicher den Kommunisten anschließt, ist der Erzähler Quentin ein aufmerksamer Beobachter. Unterstützt von seiner Tante Virginia Woolf beginnt er seine literarischen Ambitionen mit einer Hauszeitung, für die er kluge und witzige Geschichten und Szenen aus dem Alltag in Charleston notiert.

Es ist ebenso faszinierend wie erstaunlich, wie selbstverständlich die Bewohner absolut unkonventionell zusammenleben. Hier halten wahre Zuneigung, Liebe, gemeinsame Interessen, die Kunst und gegenseitiger Respekt die Menschen zusammen, nicht gesellschaftliche und sexuelle Konventionen. Diese Leute sind wirklich glücklich in ihrer selbst gewählten Wunschgemeinschaft, da können die meisten modernen Patchworkfamilien nur von träumen, wo doch immer einer den Kürzeren zieht oder verletzt wird.

Die Kinder verbringen eine Kindheit in ungeheurer Freiheit, mit Baumhaus, Kostümfesten, durch die Felder streifen und Staudämme bauen. Man traut ihnen Vieles zu, spricht mit ihnen offen und auf Augenhöhe, und sie danken dieses Vertrauen, indem sie zu freigeistigen, klugen, toleranten und offenherzigen Menschen heranwachsen.

Kromhout lässt Quentin von diesen zwölf Jahren, von der Ankunft in Charleston House bis zu Julians Tod im Spanischen Bürgerkrieg, in einer einfachen, klaren und unaufgeregten Sprache erzählen. Birgit Erdmann hat das erfrischend und flott zu lesen übersetzt.

Nebenbei gibt Quentins Tante Virginia Woolf Einblick in das Schreiben und was es bedeutet, Schriftsteller zu sein. Sie ist auch selbst eine kluge Beobachterin des Weltgeschehens und warnt vor gefährlichen Simplifizierungen: So war Benito Mussolini, Führer der italienischen Faschisten, kein „dummer Diktator“, wie Quentin ihn in einer Geschichte darstellen möchte: Mussolini idealisierte Bücher, etablierte einen jährlichen Feiertag des Buchs, schrieb sogar selbst, „ein Kollege“, wie Virginia erklärt. Natürlich wusste er genau, was er die Leute lesen ließ, aber anstatt Bücher zu verbrennen und zu verbieten, instrumentalisierte und unterminierte er geschickt ein Medium, das eigentlich für geistige Freiheit steht.

Brüder für immer ist ein differenzierter und klarer Blick auf Entstehung und Mechanismus von Faschismus und Diktatur, die ja nur die Oberhand und schließlich die Macht gewinnen, weil so viele Menschen bereitwillig mitmachen oder es zumindest zulassen. „Die meisten Menschen finden es großartig, wenn es jemanden gibt, der für sie nachdenkt. Dann brauchen sie sich um nichts zu kümmern. Sie brauchen nicht darüber nachzudenken, ob etwas sein muss. Nie müssen sie zweifeln oder unsicher sein“, erklärt Clive Bell seinen Söhnen, „das ist pure Bequemlichkeit. Werdet nicht bequem. Denkt immer darüber nach, was ihr selbst wollt und meint. Notfalls müsst ihr dafür kämpfen.“

In diesem Sinne: Bleibt unbequem! Lest unbequeme Bücher, besonders, wenn es so schöne, bewegende und gut erzählte wie „Brüder für immer“ sind.

Elke von Berkholz

Rindert Kromhout: Brüder für immer, Übersetzung: Birgit Erdmann, Mixtvison, 2016, 300 Seiten, ab 12, 14, 90 Euro,  Jahren

Rettung durch Schönheit

meurisseSo schwer es uns fällt, wir werden uns gewöhnen müssen. An den Terror, an unsinnige Anschläge. Nicht nur in anderen Ländern, weit weg von uns, sondern auch vor unserer Haustür, Ansbach und neulich Berlin haben es auf schreckliche Art gezeigt. In diesen Tagen jährt sich nun der Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo zum zweiten Mal. Die Zeichnerin arbeitet in ihrer Graphic Novel Die Leichtigkeit die schrecklichen Ereignisse auf.

Am 7. Januar 2015 stürmten zwei Brüder, die zu Al-Qaida gehörten, die Redaktionsräume von Charlie Hebdo und töteten zehn Menschen. Catherine Meurisse, die seit langem für das Blatt arbeitete, verschlief an diesem Tag, verpasste den Bus und entging durch diesen Zufall dem Massaker. Sie kam mit dem Leben davon, doch ihr Leben war nicht mehr ihres. Die geschätzten Kollegen waren tot. Trauer und Schock paarten sich mit der Unfähigkeit zu arbeiten. Meurisse bekam keinen Strich mehr hin, verlor das Gedächtnis und fand sich nicht mehr zurecht. Der Arzt diagnostizierte einen dissoziativen Schock, einen körperlichen Schutzmechanismus, der zwar das Überleben sichert, den Betroffenen jedoch völlig aus der Bahn wirft.
Catherine Meurisse sucht Hilfe in der Natur, bei Freunden und in der Therapie. Nichts scheint zu helfen. Überall sieht sie „Je suis Charlie“-Schilder. Alle sind Charlie, nur sie ist es nicht mehr.

Die Anschläge vom 13. November 2015 auf das Bataclan und andere Orte in Paris versetzen ihr dann einen erneuten Schlag, alles beginnt von vorn. Sie will fort aus der Stadt, will all das Schlimme nicht mehr sehen, sondern die Schönheit suchen und sich wie seinerzeit Stendhal von der Kunst bis zur Besinnungslosigkeit überfluten lassen.
Für einige Wochen kommt sie in der Villa Medici in Rom unter. Und dort taucht sie ein in die Schönheit antiker Ruinen, barocker Gemälde, marmorner Statuen. Im Atelier Ingres zeichnet sie schließlich wieder Comics.

In dieser Graphic Novel, übersetzt von Ulrich Pröfrock, verarbeitet Catherine Meurisse ihre Geschichte auf ganz persönliche Art. In einer Mischung aus Aquarellen und Federzeichnungen schildert sie, in was für ein tiefes, dunkles Loch sie als Überlebende bzw. Entgangene fällt. Sie gerät in ein Labyrinth aus Trauer, Wut, Zorn und Hilflosigkeit. Sie schildert, wie sehr ihre Sprache unter dem Anschlag leidet, wie sehr aber doch immer wieder in den scheinbar unmöglichsten Momenten der freche, oft auch selbstironische Charlie-Hebdo-Humor bei ihr durchschlägt. Ihre persönliche Suche nach Schönheit führt sie schließlich aus diesem Labyrinth heraus und gibt ihr die Leichtigkeit zurück.

Wir, die solche Anschläge zum größten, glücklicheren Teil nur über die Medien mitgekommen, können vielleicht zweierlei aus dieser extrem persönlichen Geschichte mitnehmen: Wir sind zwar schnell dabei zu sagen „Je suis Irgendwas“ und tun auf allen möglichen Kanälen unsere Betroffenheit kund – was zutiefst menschlich, nachvollziehbar und unbestreitbar wichtig ist – doch wir müssen uns auch klar sein, dass wir es nie wirklich nachvollziehen können, wie es sich für die direkt Betroffenen – und dazu gehört Catherine Meurisse, obwohl sie dem Anschlag auf Charlie Hebdo entgangen ist – anfühlt. Da kein ein zu rasch herausgehauenes „Je suis“ schon mal wie eine Anmaßung erscheinen. So vermittelt es jedenfalls Meurisse. Hier täte etwas Zurückhaltung unsererseits vielleicht gut.

Die zweite Ahnung mag sein, dass es für die Betroffenen vielleicht auch wieder einen Weg aus dem Trauer-und-Schock-Labyrinth gibt. Manche finden ihn schneller, andere brauchen länger. Manchen hilft die Natur, anderen, wie Meurisse, öffnet die Schönheit der Kunst wieder eine Tür zu einem leichteren Leben. Das ist tröstlich. Für alle.

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit, Übersetzung: Ulrich Pröfrock, Carlsen, 2016, 144 Seiten, 19,99 Euro

Follow my blog with Bloglovin

Gewebte Kindheitserinnerungen

bourgeoisJedes Kind ist zweifellos ein Künstler. Man muss es nur machen lassen. Finde ich. Darüber hinaus kann man ihm zeigen, wie andere Menschen dazu gekommen sind, Künstler zu werden, und was für Ideen und Einflüsse sich hinter ihren Werken verbergen.

Ein Beispiel dafür ist das biografische Bilderbuch Lied für Louise von Amy Novesky und der Illustratorin Isabelle Arsenault. Die beiden erzählen darin die Lebensgeschichte der Louise Bourgeois, die der Welt vor allem durch ihre riesigen Spinnen-Skulpturen bekannt ist.

Krabbeltiere sind ja bekanntlich nicht gerade beliebte Hausgenossen. So mancher von uns ekelt sich vor diesen hilfreichen Insekten. Wieso also hat sich Bourgeois ausgerechnet die Spinne als ein Hauptmotiv für ihre Arbeiten auserkoren? Als großer und kleiner Kunstlaie wundert man sich da schon ein bisschen.
Novesky und Arsenault erzählen in poetisch-grafischen Bildern die Kindheit von Louise. Sie wächst an einem Fluss auf, zelte in ihrem wunderschön bunten Garten und träumt. Doch Louise kann natürlich nicht nur träumen, sondern muss ihren Eltern in der Werkstatt helfen, wo diese alte Wandteppiche reparierten und restaurierten. Louise erlernt von der geduldigen Mutter das Handwerk, sie arbeitet mit Farben, Fäden, Stoffen, schneidet Dinge auseinander, setzt sie wieder neu zusammen.

Schließlich geht sie nach Paris, studiert Mathematik, auf der Suche nach Sicherheit und Wahrheit. Doch im Leben gibt es keine absoluten Sicherheiten. Die geliebte Mutter stirbt. Louise stürzt sich in die Kunst, webt, malt, fertigt riesige Spinnen aus Metall. Die Spinnen, die Meisterinnen des Webens, fügen nämlich Zerrissenes wieder zusammen, so wie ihre Mutter es im Leben mit den Stoffen getan hat. Louise nennt ihre Spinnen „Maman“.

Durch die scharlachroten und ultramarinblauen Tuschebildern von Isabelle Arsenault tauchen die Betrachtenden tief in die Welt von Louise ein. Man ahnt, wie sehr die Stoffe, die Arbeit mit Geweben Louise Halt gibt, die Erinnerung an die Kindheit bewahrt und zu einem Rettungsanker wird.  Sie zeigt dabei – fast nebenbei –, dass auch aus den alltäglichsten Dingen Kunst gemacht werden kann.

Sowohl die Biografie von Louise  Bourgeoise, als auch ihre Kunst wirken in diesem Bildberbuch-Schmuckstück anregend und inspirierend. Der Respekt vor dieser großen Künstlerin steigt, und zugleich bekommt man Lust, selbst Kunstwerke aus Alltäglichem zum erschaffen und sich seinen eigenen Weg im Leben zu suchen. Ganz nebenbei werden einem selbst die Spinnentiere, die ja immer wieder durch unsere Wohnungen krabbeln, sympathisch. Und auf einmal betrachtet man so manches in seiner Umgebung mit etwas anderen Augen, nicht nur die Kunstwerke von Bourgeois.
Wenn ein Bilderbuch all so etwas schafft, ist das einfach großartig!

Amy Novesky: Lied für Louise. Das bunte Leben von Louise Bourgeois, Illustration: Isabelle Arsenault, Übersetzung: Katharina Bendixen/David Blum, E.A. Seemann, 2016, 40 Seiten, ab 8, 16,95 Euro

Überfrachtetes Meisterwerk

mcCloudIn meinem Regal steht Scott McClouds Comics richtig lesen und fällt mittlerweile komplett auseinander. Die Seiten rutschen aus der Bindung, der Buchrücken knackt, sobald ich es in die Hand nehme. Vor zwanzig Jahren habe ich es beackert, studiert, darin hin und her geblättert und für meine Doktorarbeit analysiert, bzw. an Hand von McClouds Standardwerk dann die italienischen Fotoromane, über die ich promoviert habe, untersucht. Es war großartig. Und McClouds Abhandlung hat meine Liebe zum Comic verstärkt und zu etwas Dauerhaftem gemacht. Viele Comics und, wie sie seit ein paar Jahren heißen, Graphic Novels habe ich seit dem gelesen, faszinierende und abstruse, anrührende und langweilige. McCloud war in meinem Hinterkopf immer mit dabei. Keine Frage also, dass ich sein neuestes Werk – Der Bildhauer – auch lesen musste.

Es ist wie das Wiedersehen mit einem alten Bekannten, obwohl der Strich und die Farbgebung anders sind als bei Comics richtig lesen. Die schwarzen Außenlinien kombiniert McCloud mit zarten graublauen Schattierungen und Schraffuren, so dass die Panels an Tiefe und Plastizität gewinnen, gleichzeitig jedoch fast leicht erscheinen. Unschärfen und sich aufhellende Flächen rücken Figuren und Geschehnisse in den Fokus, lenken den Blick des Betrachters. McCloud spielt mit dem Handwerkszeug der Comiczeichner, lässt die Zeit schneller oder langsamer vergehen, fängt in langen Sequenzen die Gefühlslage seines Protagonisten ein, reißt den Betrachter mit dynamischen Strichführungen mit und zeigt seine handwerkliche Perfektion.

Und genau da kommt für mich das Aber, das merkwürdige Gefühl, der schale Beigeschmack, der während der Lektüre bei mir aufgekommen ist. Denn diese Perfektion des Comiczeichnens findet sich für mich nicht im Inhalt wieder.
McCloud erzählt die Geschichte des Bildhauers David Smith. Einst war dieser ein gefeiert Shootingstar der Kunstszene, dann fiel er in Ungnade. Weil er sich geschworen hat, keine Almosen anzunehmen, krebst David in New York vor sich hin, bis er eines Tages dem Tod in Gestalt seines verstorbenen Großonkel Harry begegnet. Dem Faust-Motiv entsprechend gibt David sein Leben für die Kunst: Er bekommt die Gabe mit bloßen Händen alles zu erschaffen, was er will, wird dafür aber nach zweihundert Tagen sterben.
Im Überschwang produziert David einen Haufen Skulpturen, die jedoch bei den Kritikern durchfallen, da sie zu ungerichtet sind und zu sehr nach „polynesischem Geschenkeladen“ aussehen. David ist am Boden zerstört, fliegt aus seinem Atelier, landet auf der Straße, lernt die erfolglose Schauspielerin Meg kennen, verliebt sich in sie, macht sich auf die Suche nach „echter“ Kunst, wird zum Superhelden-Streetart-Bildhauer, erstaunt die Bevölkerung, schwängert Meg, die jedoch bei einem Fahrradunfall stirbt, und verewigt sich schließlich an seinem letzten Tag mit einer Mega-Mutter-und-Kind-Skulptur.

Entschuldigt, wenn ich hier spoilere, aber hier liegt für mich der Knackpunkt: Es ist alles ein bisschen viel. Natürlich bereut David seinen Deal mit dem Tod in dem Moment, als er die Liebe findet und Vater werden soll. Natürlich ist der Kunstbetrieb ein gnadenloses Geschäft. Natürlich ist der Grat zwischen hoher Kunst und fürchterlichem Kitsch sehr schmal. Jedes dieser Themen hätte für eine eigene Geschichte ausgereicht und seine Berechtigung gehabt. Ein bisschen kommt mir McCloud gerade vor wie sein Held David, der in der Begeisterung über seine Fähigkeit viel zu viel produziert. Man steht zwar nicht im „polynesischen Geschenkeladen“, aber man verliert sich doch etwas in den Genres Fantasy, Romance, Superheldenepos, Künstlerschicksal. Und die Mutter-Kind-Verherrlichung am Schluss hat mich in ihrer Klischeehaftigkeit dann leider nur noch genervt.

Trotz allem wird Scott McCloud mein Comic-Hero bleiben, ich liebe seine Zeichnungen und Bilder weiterhin, aber der Plot dieser Geschichte ist mir einfach zu überfrachtet.

Scott McCloud: Der Bildhauer, Übersetzung: Jan-Frederik Bandel, Carlsen, 2015, 496 Seiten, ab 14, 34,99 Euro

Radtour durch Rom

ariaDie Aktion Blogger schenken Lesefreude geht in die zweite Runde. Und wie es der Zufall so will, verlose ich auch dieses Jahr eine frisch erschienen Übersetzung von mir: Aria – Das Schicksal fährt Fahrrad von der italienischen Autorin Miriam Dubini.

Und wie es der Zufall so will, spielt auch Aria – wie im vergangenen Jahr 99 und (m)ein Wunsch – in Rom. Ich schwöre, das ist keine Absicht!

Dieses mal sind es die Jugendlichen Aria und Anselmo, die Rom erkunden, per Fahrrad. Denn Anselmo hat eine besondere Gabe: Er findet verlorene Nachrichten und überbringt sie zu einem späteren Zeitpunkt den richtigen Empfängern. Bei einer seiner Touren durch Rom begegnet er der eigenwilligen Aria. Und für beide ändert sich plötzlich das Leben …

1920412_275348749290574_984065118_nAria ist ein fluffig-leichte Geschichte über Freundschaft, erste Liebe, die Leidenschaft des Radfahrens und über Rom. Ein Hauch von mysteriöser Fantasy liegt in der Luft, an der Mädchen ab 12 mit einem Hang zum Träumen ihren Spaß haben können.
Für den Herbst ist dann Band 2 dieser Trilogie geplant …
Einen entzückenden Eindruck, was passiert, wenn zwei Fahrrad-Verrückte aufeinandertreffen, vermittelt der italienischen Buchtrailer.

Wenn du an der Verlosung von fünf Exemplaren dieses Buches teilnehmen möchtest, dann schreibe mir bis zum 27. April 2014, 12 Uhr, in den Kommentar, was du oder deine Familie mit Rom verbindet.

Miriam Dubini: Aria – Das Schicksal fährt Fahrrad,  Übersetzung: Ulrike Schimming, Planet Girl, 2014, 208 Seiten, ab 12, 12,99 Euro