[Gastrezension] Eine Frage der Identität

minhEs gibt einen tollen Cartoon des Zeichners Tom: Ein junger Schwarzer schlurft mit Skateboard unterm Arm und Baseballcap auf dem Kopf durchs Bild. Da schnauzt ihn ein dicker, alter Mann mit Lodenhütchen an: „Geh doch nach Hause!“ Gedankenblase über dem Skater: „Was soll ich in Dortmund?“

Genauso würde die 16-jährige Minh Thi, genannt Mini, die Heldin aus dem Roman Im Jahr des Affen, denken: „Was soll ich in Herford?“ Denn für die als Kleinkind aus Vietnam geflohene Chinesin ist die Stadt in Nordrhein-Westfalen längst ihr Zuhause. Sie spricht fließend und akzentfrei Deutsch. Sie denkt auf Deutsch. Mit ihrem Vater wechselt sie nur wenige, einfache Worte auf Chinesisch. Doch dann kommt ihr Onkel Wu zu Besuch und stellt vieles im Leben der Teenagerin in Frage. Dabei spielt die Sprache eine große Rolle im Zusammenprallen der Kulturen und Lebensweisen. Zum Beispiel begrüßen Chinesen sich mit dem Spruch: „Hast du schon gekochten Reis gegessen?“ Mini antwortet ihrem Vater: „Nein, ich habe noch keinen Reis gegessen – aber Kartoffeln.“ Das ist etwa so, als wenn man in Süddeutschland auf die Formel „Grüß Gott“ antwortet: „Mach ich, wenn ich ihn sehe.“ Nur mit dem Unterschied, dass die meisten Menschen am Weißwurstäquator ein bisschen beleidigt sind, wenn man sie beim Wort nimmt. Minis Vater dagegen lacht höflich, obwohl er den Witz seiner Tochter nicht versteht.

Klug beobachtend, mit leisem Humor und einem besonderem Gespür für vielsagende Situationen beginnt die 1974 im südvietnamesischen Saigon geborene und in Deutschland aufgewachsene Chinesin Que Du Luu ihr erstes Jugendbuch (nach zwei Erwachsenenromanen). Dabei hat sie zumindest bei mir von Anfang an leichtes Spiel, beschreibt sie doch im Jahr 1992, dem titelgebenden Jahr des Affen, eine Party, bei der Mini und ihre Freundinnen Sarah und Micha zu Hits wie Marc Almonds Tainted Love, I Just Can’t Get Enough von Depeche Mode und Balladen von Guns’n’Roses tanzen. Mini verliebt sich, ausgerechnet in Bela, für den doch Sarah aufs Melodramatischste schwärmt. Kurz darauf erleidet ihr Vater, überarbeitet von der Schufterei in seinem schlecht laufenden Restaurant einen Herzinfarkt, Mini findet ihn mitten in der Nacht auf der Straße, neben sich eine ausgekippte Schüssel mit extra für sie zubereitetem gebratenen Reis. Und dann kommt Onkel Wu, der in Australien lebt, aber nur Chinesisch sprechen will, und nennt sie eine Banane: Außen gelb, innen weiß.

Obwohl Mini es zu Recht absurd findet, Menschen als „gelb“ zu beschreiben, bringt der Vergleich es für sie doch auf den Punkt. Nach außen ist sie die Chinesin, sie fällt auf, weckt Erwartungen und Vorurteile bei den Leuten – unterscheidet sich aber in ihrem Fühlen und ihren Wünschen nicht von ihren deutschen Freundinnen.

Onkel Wu und die weitläufige Verwandtschaft in Australien dagegen pflegen und leben das Chinesische. Und während der ältere Bruder ihres Vaters an fast allem rummeckert, sich im Café laut palavernd Schnitzel zum Frühstück schmecken lässt und versucht, das Restaurant in Schwung zu bringen, erfährt Mini vieles über ihre Herkunft und ihr Geburtsland Vietnam, wo sich einst viele Chinesen angesiedelt hatten. Hier spielen Küchengötter, Wächterlöwen, Pfirsiche und das Vier-nicht-ähnlich-Tier wichtige Rollen.

Vor allem der störrische, auch nur auf Kantonesisch kommunizierende Koch Bao erzählt ihr, von Onkel Wu aus der Reserve gelockt, von der Flucht in einem wackeligen Motorboot über das Meer, von tagelanger Seekrankheit und der Angst zu kentern und wie sie gerade im vermeintlich sicheren Singapur angekommen, sofort abgewiesen und wieder aufs offene Meer geschleppt worden sind. Vom Auffanglager in Thailand, wo sie ein Jahr lang in provisorischen Hütten aus Planen gehaust hatten. Dramatische Bilder und Erlebnisse, wie sie momentan wieder so aktuell und allgegenwärtig sind.

Und Bao erzählt von einem dunklen Geheimnis, dass Minis Vater mit ihm verbindet.

An all das erinnert sich die Protagonistin genauso wenig wie an ihre nicht weiter erwähnte Mutter. Zum einen, weil sie gerade mal drei, vier Jahre alt war, als die Vietcong sie vertrieben. Zum anderen, weil ihr Vater sich hingebungsvoll um sie gekümmert, sie vor allem beschützt und alles für sie getan hat. Das wird ihr erst jetzt bewusst, nachdem sie sich immer für die mit gespendeten Möbeln ausgestattete Hochhauswohnung, das düstere Restaurant und mit chinesischen Delikatessen ruinierte Geburtstagspartys geschämt hatte. Und sie fragt sich, warum ihr Vater sich in einem ihm fremd gebliebenen Land, fern seiner Familie abmüht, ein Leben, das nur aus Arbeit und erschöpft nachts vor dem Fernseher einschlafen besteht, ohne einen einzigen Freund, einen Menschen, mit dem er reden kann.

In diesem Sommer Im Jahr des Affen ändert sich viel in Minis Leben. Que Du Luu erzählt von Flucht und Fremde, von zu Hause und Familie in einer ganz eigenen Sprache, die noch lange nachhallt und den Leser vieles mit anderen Augen sehen lässt.

Elke von Berkholz

Que Du Luu: Im Jahr des Affen, Königskinder, 2016, 288 Seiten, ab 14, 16,99 Euro

The Art of Being Normal

transgenderSchwule und lesbische Geschichten bespreche ich hier  ja in einer gewissen Regelmäßigkeit, doch sexuelle Identität geht bekanntlich weit über Homo- und Heterosexualität hinaus. Transgender ist seit Caitlyn Jenners öffentlichen Auftritten im vergangenen Jahr mal wieder das aktuelle „Skandalthema“, über das die im Schubladendenken geschulte Welt nur schwer hinwegzukommen scheint.

Lisa Williamsons Roman Zusammen werden wir leuchten, in der Übersetzung von Angelika Eisold Viebig, kommt da genau richtig, um die Vielfältigkeit und Buntheit des Lebens zu feiern.
Sie erzählt vom 14-jährigen David, der, seit er acht ist, sich nichts sehnlicher wünscht, als ein Mädchen zu sein. Noch hat er es nicht gewagt, seinen Eltern davon zu erzählen. Seine Wünsche und Ängste schreibt er in ein Notizbuch. Dort vermerkt er auch seine körperlichen Veränderungen, die ihn mehr und mehr zum Jungen machen. Ihm läuft ein bisschen die Zeit davon, wenn er den Hormonschub der Pubertät aufhalten will. Zwar wissen seine beiden besten Freunde Essie und Felix, die Bescheid, die können ihm aber nicht helfen.
Als David eines Tages in der Schule übel gemobbt wird, schreitet der neue Schüler Leo schlagkräftig ein und kommt David zu Hilfe. Leo, der aus einer sozial schwachen Familie stammt, hat die Schule gewechselt. Über die Gründe zerreißen sich die Schüler unentwegt das Maul. Doch an Leo scheint alles abzuprallen. Nach und nach kommen sich David und Leo näher und brechen schließlich zu einem Wochenende auf, das für beide die entscheidende Wendung in ihren Leben bringen wird.

Williamson erzählt die Geschichte der Jungs jeweils aus den Perspektiven von David und Leo, so dass man als Leser immer ganz dicht bei den Gefühlen, der Sicht auf sich selbst und dem jeweiligen Wissensstand ist. So baut sich nicht nur Spannung auf, sondern auch ein hohes Maß an Mitgefühl, anfangs vor allem für David, später auch für Leo. Man kann Davids Wunsch, ein Mädchen zu sein, so gut nachvollziehen, ohne dass Williamson über genetische oder soziale Gründe für diesen Wunsch referieren muss. Diese Gründe und auch die später notwendigen medizinisch-chirurgischen Maßnahmen klammert sie völlig aus. Denn sie sind unerheblich.
Hier geht es zunächst nur darum, wie sich der Held/die Heldin selbst sieht, empfindet und wie sie/er leben möchte. Das gilt es zu respektieren. Die spätere physische Umsetzung kann heute von kompetenter Seite begleitet werden, nur die Vorurteile der Gesellschaft, die Sensationslust der Menschen, ihre Häme und ihre Gewalt gegenüber Transgendermenschen kann leider noch nicht so kompetent beseitigt werden. Dieses Buch jedoch kann ein Schritt zu mehr Verständnis sein.

Der Blick auf den englischen Titel legt dabei, viel schöner als der deutsche, die Message ganz klar fest: The Art of Being Normal lautet er. Ich frage mich, warum er nicht ansatzweise übernommen wurde. Denn genau darum geht es doch, eine wie auch immer geartete Normalität für Transgendermenschen zu schaffen, ihnen den Leidensdruck zu nehmen, Vorurteile abzubauen und die vermeintliche Normalität der anderen auf ihren Platz zu verweisen.

Lisa Williamson: Zusammen werden wir leuchten, Übersetzung: Angelika Eisold Viebig, Fischer TB,  2015, 384 Seiten,  ab 14, 12,99 Euro

Gemeinsam stark

lesbeVor einiger Zeit habe ich hier das neueste Buch von David Levithan besprochen und mir gewünscht, des möge doch auch mal Geschichten über lesbische Liebe geben. Das Thema lag wohl in der Luft, denn nun ist Maike Steins Roman Wir sind unsichtbar im Handel.

Stein erzählt die Geschichte von Valeska und Inken. Die 15-jährige Leska färbt sich gern die Haare bunt, betreibt einen Blog und weiß, dass sie Mädchen liebt. Ihrer Familie hat sie das bereits gesagt, nur hat sie noch nie ein Mädchen geküsst. Nichts würde sie gerade lieber tun.
Auf einer Party darf sie schließlich beim Flaschendrehen Inken küssen – was eigentlich so gar nicht nach Leskas Geschmack ist, hält sie Inken doch für „traumalos“, also langweilig und uninteressant. Der Kuss ist zwar nicht besonders weltbewegend und doch merkt Leska, dass hinter Inkens makelloser Fassade etwas steckt. Die beiden Mädchen nähern sich an und verlieben sich, was jedoch – laut Inken – niemand erfahren darf. Mehr und mehr entdeckt Leska, was Inken verbirgt und was ihr Angst macht. Da Leska ein Mädchen der Tat ist und Ungerechtigkeiten nicht ausstehen kann, greift sie schließlich zu Farbe und Pinsel, um Inken zu rächen …

Maike Stein schafft es mitreißend, die zarte und zerbrechliche Gefühlswelt zweier Jugendlichen in Worte zu fassen. Leskas Blogeinträge wechseln mit der Ich-Erzählung von Leska und kurzen Flashbacks auf Inkens Erfahrungen. In den kurzweiligen Kapiteln trifft so der Mut der einen auf die Angst der anderen, doch gemeinsam entsteht schließlich eine große Liebe. Gleichzeitig macht Stein klar, dass es in unserer ach-so-vermeintlich liberalen und aufgeklärten Welt alles andere als liberal zugeht. Die Vorurteile gegenüber gleichgeschlechtlich Liebenden sind immer noch tief in unzähligen Köpfen unserer Gesellschaft verankert. Es ist nicht selbstverständlich, schon gar nicht als Teenager-Mädchen sich offen zu seiner sexuellen Identität zu bekennen, solange sie eben nicht hetero ist. Den jungen Leserinnen dieses Buches jedoch macht Maike Stein durch ihre Heldinnen mit allen Mitteln Mut, zu sich und ihrer Liebe zu stehen. Sie macht Mut, sich zu zeigen, sichtbar zu werden, nicht nur in den entsprechenden Communitys oder am CSD, sondern tagtäglich. Das ist nicht einfach, erfordert Überwindung und viel Kraft. Doch Leska zeigt Inken, dass es immer wieder auch Menschen gibt, die zu einem stehen und helfen.

Und so sollte es im wahren Leben viel öfter sein.

Maike Stein: Wir sind unsichtbarMitarbeit: Kathrin Schüler, Oetinger Taschenbuch, 2015, 192 Seiten, ab 12, 8,99 Euro

[Jugendrezension] Der Zauber von Istanbul

eveIn dem Buch Aprikosensommer von Deniz Selek geht es um das 16-jährige Mädchen Evelyn, die aktuell ganz schön viele Probleme gleichzeitig hat. Ihr Freund macht Schluss, sie schneidet sich fast einen Finger ab und vor allem weigert sich ihre Mutter immer noch, ihr zu verraten, wer ihr Vater ist.

Doch mit dieser Geheimnistuerei soll nun endlich Schluss sein. Eve redet so lange auf ihre Mutter ein, bis diese ihr alle ihre brennenden Fragen beantwortet. Nachdem sie endlich Antworten erhalten hat, ist sie Feuer und Flamme und will möglichst schnell ihren Vater ausfindig machen. Leider muss Eves Mutter ihren Eifer bremsen, denn sie selbst hat bereits vergeblich versucht, den Mann ausfindig zu machen. Am Ende vieler Diskussionen gelingt es Eve, ihre Mutter zu überreden, doch noch weitere Maßnahmen zur Auffindung von ihrem Vater zu ergreifen. Alles, was die beiden zu diesem Zeitpunkt wissen, sind sein Name und der Ort, wo er lebt – Istanbul. Mutter und Tochter ergreifen jeden kleinsten Strohhalm, um ihn zu finden, selbst einen Privatdetektiv beauftragen sie mit der Suche nach ihm.
Der Detektiv liefert ihnen einen guten Hinweis, aufgrund dessen sie dann in Richtung Istanbul aufbrechen. Hier finden Eve und ihre Mutter einiges Interessantes heraus, doch um was es sich hierbei handelt und ob Eve ihren Vater noch kennenlernen wird, musst du schon selbst herausfinden…

Mir gefällt Aprikosensommer sehr gut. Besonders der Titel und das Buchcover haben mich gleich angesprochen. Zwar hatte ich am Anfang ein paar Schwierigkeiten in die Geschichte einzusteigen, doch beim zweiten Anlauf konnte ich mich im Verlauf der Handlung kaum noch losreißen, in der Hoffnung, dass Eve ihren Vater noch findet. Nebenbei bemerkt ist das Buch sehr gut geschrieben und der Leser erfährt auch noch einiges über die Stadt Istanbul.

Ich empfehle das Buch Mädchen zwischen 11 und 14 Jahren. Außerdem ist Aprikosensommer sicher interessant für alle Leser, die Istanbul kennen und mögen oder dieses Stadt gern einmal kennenlernen möchten. Auch Lesern, die eine Familiensituation kennen, die der von Eve ähnelt, dürfte Aprikosensommer gut gefallen.

Bücherwurm (12)

Deniz Selek: AprikosensommerFISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch, 2015,  288 Seiten, ab 12, 9,99 Euro

[Jugendrezension] Vertraue niemandem

boynobodyIn dem Buch Boy Nobody von Allen Zadoff geht es um einen jungen Soldaten, der auf Anweisung von Unbekannten Menschen töten soll…

Ein 12-Jähriger, der immer wieder einen anderen Namen trägt, wird nach und nach zu einem Soldaten ausgebildet.
Nun ist er 16 Jahre alt, und seine  Eltern sind tot. Seine Auftraggeber soll er „Mutter“ und „Vater“ nennen, da es bei Telefonaten nicht auffällt. Für ihn gibt es immer wieder neue Umgebungen, neue Identitäten und neue Zielobjekte. Er selber hat gelernt zu kämpfen, sich zu verteidigen und emotionslos zu sein. Bekommt er einen Auftrag, versucht er, zunächst das Vertrauen des Opfers zu gewinnen. Hat er dies geschafft, tötet er es leise und still und verschwindet. Hauptsache weg. Dann wartet er auf den nächsten Auftrag.

Der junge Soldat hat schon mehrere Aufträge erfolgreich beendet, doch nun bekommt er einen, der sein schwierigster werden soll. Sein nächstes Zielobjekt ist ein bedeutender Mann in New York. Hatte er sonst immer ein paar Monate Zeit, so drängt dieses Mal  die Zeit. Nur fünf Tage, dann muss der Auftrag erledigt sein. Eigentlich wäre es ein Auftrag wie jeder andere,  wären da nicht die kurze Vorbereitungszeit … und die Tochter des Opfers. Der junge Killer entwickelt Gefühle, die er bisher immer unterdrückt hat. Er muss sich zwischen Liebe und seinem Auftrag entscheiden.

Das Buch ist sehr interessant geschrieben. Durch die Ich-Perspektive und durch kurze Sätze, wirkt alles so, als ob man mitten im Geschehen steht. Die Kapitel sind relativ kurz, was mir den Anreiz gab, immer weiter zu lesen. Auch die Überschriften der Kapitel waren etwas Neues, denn sie bestanden aus ganzen Sätzen und waren ab und zu, so schien es mir, gleich der erste Satz des Kapitels.

Ich fand Boy Nobody sehr aufregend und spannend. Allerdings war das Ende sehr traurig. Einerseits kann ich es verstehen, aber andererseits auch wieder nicht. Als ich es gelesen habe, war ich auf jeden Fall sehr erstaunt. Ich dachte, dass das Rätsel, das in diesem letzten Auftrag liegt, leicht zu erraten wäre, doch es stellte sich das genaue Gegenteil heraus. Durch viele Details und Wendungen wurde ich immer wieder überrascht.

Ich würde das Buch auf jeden Fall weiterempfehlen.

Laura (14)

Allen Zadoff: Boy Nobody. Ich bin dein Freund. Ich bin dein Mörder, Übersetzung: Petra Post/Andrea von Struve,  bloomoon, 2013, 336 Seiten, ab 14, 16,99 Euro

Alles auf Anfang

gedächtnisverlustVielleicht gibt es manchmal wirklich diese Tage, an denen man alles Alte über Bord werfen und wieder ganz von vorne anfangen möchte. Einfach mal die Reset-Taste drücken. Alles auf Anfang.

Die junge Französin Eloise bekommt in der Graphic Novel Wie ein leeres Blatt von Boulet und Pénélope Bagieu diese Gelegenheit. Allerdings auf eine sehr erschreckende Art: Sie sitzt in Paris auf einer Bank und weiß plötzlich nicht mehr, wer sie ist. Name, Adresse, Beruf – alles ist aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Was sie auf der Bank macht, ist ihr rätselhaft. Nicht mal an die Tasche neben sich kann sie sich erinnern. Immerhin findet sie darin einen Ausweis mit Name und Adresse sowie einen Haustürschlüssel. So macht sie sich auf, durch eine unbekannte Stadt, in ein unbekanntes Viertel, in ein unbekanntes Wohnhaus mit einem unbekannten Eingangscode. Nichts weckt die Erinnerung in ihr. Nicht mal das Stockwerk, in dem sie wohnt, fällt ihr wieder ein.
Als sie schließlich in einer kleinen Wohnung mit Katze steht, geht das Rätselraten weiter: Wer ist Eloise? Nach und nach durchforscht sie die Wohnräume, schaut sich Kleider, Bücher, DVDs und CDs an, forscht im Handy. Nichts weckt Erinnerungen, alles bleibt rätselhaft und unpersönlich.
Eloise weigert sich zunächst, zum Arzt zu gehen. Zu groß ist die Angst, für verrückt erklärt zu werden.
Ein Anruf einer Arbeitskollegin bringt sie immerhin zu ihrem Job. Doch auch dort, in einer großen Buchhandlung, kehrt die Erinnerung nicht zurück, und sie muss sich ihre Arbeit neu erschließen. Als das nicht besonders gut klappt, weiht sie eine Kollegin ein. Diese klärt sie peau à peau über ihr altes Leben auf. Eloise merkt, dass sie mit den Freunden von damals nichts mehr anfangen kann, zu oberflächlich und nichtssagend kommen ihr diese Menschen vor.

Wie ein leeres Blatt von Boulet und Pénélope Bagieu kommt zunächst wie eine etwas merkwürdige Krankengeschichte daher: Gedächtnisverlust auf der Bank. Als Leser rätselt man lange Zeit damit, was diese Amnesie wohl ausgelöst haben kann und leidet mit der Protagonistin mit, die sich plötzlich ganz neuen Herausforderungen stellen muss. Das was eigentlich selbstverständlich war und über das man nicht mehr im Geringsten nachdenkt, wird zu einem schier unüberwindbaren Hindernis.
Eloise‘ Versuche, die eigene Identität wiederzufinden, werden von ihrer Phantasie begleitet, was alles sein könnte: Sie probiert anhand der Sachen in ihrer Wohnung verschiedene Tätigkeiten aus – kann sie Musik machen, malen, stricken? Nichts davon scheint sie zu beherrschen. Sie bemalt eine Wand mit ihren „Forschungsergebnissen“ – und kommt schließlich zu einer fast erschreckenden Erkenntnis: Ihr Leben war so mainstreamig und durchschnittlich, dass es in seiner Belanglosigkeit einfach nicht existent war.

Diese Wendung von der scheinbaren Krankheitsgeschichte zu einer wahrlich philosophischen Grundfrage ist überraschend und herrlich. Wer bin ich? ist – neben Woher komme ich? und Wohin gehe ich? – wohl eine der dringendsten Fragen der Menschen. Diese in einem knallbunten Comic zu verpacken ist ein kühnes Unterfangen, aber, wie Boulet und Pénélope Bagieu zeigen, vortrefflich gelungen. Denn als Leser scannt man im Laufe von Eloise‘ Identitätssuche automatisch das eigene Leben, fragt sich nicht nur, was man im Fall eines Gedächtnisverlustes selbst getan hätte, sondern auch inwiefern man selbst zum gesichtslosen Mainstream gehört oder seine eigene Persönlichkeit hegt und pflegt.

Auch wenn der Comic bei Carlsen als „Graphic Novel für Frauen“ läuft, sollten sich Männer von der Lektüre nicht abschrecken lassen, den die Frage Wer bin ich? ist wahrlich nicht geschlechtergebunden. Und vielleicht traut sich manche/r ja nach der Lektüre den einen oder anderen Neuanfang.

Boulet/Pénélope Bagieu:Wie ein leeres Blatt, Übersetzung: Ulrich Pröfrock, Carlsen, 2013,208 Seiten, 17,90 Euro

Zwischen den Welten

Berlin-Neukölln, Campus Rütli, ein lauer Spätsommerabend. Die verkehrsberuhigte Rütlistraße präsentiert sich schon fast als Idyll. Kinder spielen im Jugendtreff, auf dem Sportplatz läuft eine Partie Basketball. In der Kleingartensiedlung „Hand in Hand“ ist gerade gar nichts los, an einer Brandmauer steht „Kotz Kölln“. Die Gewalt, die hier noch vor einigen Jahren herrschte, ist an diesem Abend nicht mehr zu spüren. Der Campus Rütli, der unter der Schirmherrschaft von Christina Rau, Witwe von Bundespräsident Johannes Rau, weiter ausgebaut wird, wandelt sich: Die Schüler schrauben an alten Porsche-Traktoren oder musizieren im Schulorchester. Die S. Fischer Stiftung unterstützt die Kids mit Aktionen wie „Fußball trifft Kultur“ – erst kicken, dann lesen. Und nun gab es eine Premiere: Im Rahmen der „Woche der Sprache und des Lesens in Berlin“ las Deniz Selek in der Mensa der Schule aus ihrem druckfrischen Roman Zimtküsse. Und richtig viele Schüler waren gekommen.

Man hätte vermuten können, dass das junge Publikum, vor allem die Jungs, bei der Lesung eines ausgesprochenen Mädchenbuches, herumalbern oder stören würden. Doch Fehlanzeige: Gebannt lauschen die etwa 80 Zuschauer der deutsch-türkischen Autorin, für die dieser Abend eine doppelte Premiere ist. Es ist ihre erste Lesung aus ihrem Debütroman – und Deniz Selek meistert das Ganze mit Bravour. Sie liest engagiert und mit Herzblut. Kein Wunder, dass die Jugendlichen ihr an den Lippen hängen und sie hinterher mit Autogrammwünschen bestürmen und den kleinen Büchertisch fast leerkaufen. Zu diesem Erfolg trägt natürlich auch Seleks unterhaltsam leichter Roman bei.

Darin erzählt sie die Geschichte der 14-jährigen Sahra. Ihr Vater ist Türke, Maschinenbauingenieur und der beste Papa der Welt, ihre Mutter ist Deutsche – und hat sich gerade in eine andere Frau verliebt. Sahras Welt steht Kopf. Hinzu kommt, dass ihre beste Freundin Katta nur noch Augen für Henry hat. Sahra hält das alles nicht mehr aus und flüchtet zu ihrer Großmutter nach Istanbul. Dort taucht sie zusammen mit ihren Cousinen Daria und Sema in das Getümmel der Großstadt ein, dort, wo internationale Kaffee-, Parfum- und Bekleidungsketten auf kleine Läden aus 1001 Nacht treffen, wo die Mädchen Liebesschlösser und bunte Perlenbänder für Gelübdebäume kaufen.  Sahra staunt, genießt und kämpft mit den beiden Welten, in denen sie lebt. Dort, wo sie gerade ist, fehlt ihr die andere Welt. Ist so etwas schon für Erwachsene eine Herausforderung, wird das für ein pubertierendes Mädchen zu einer existenziellen Erfahrung: Wer bin ich? Wo und wie will ich leben? Was prägt mich? Sahra erlebt die Sehnsucht und die Erfahrung, sich ständig entscheiden zu müssen, obwohl sie das eigentlich gar nicht will. Und sie erfährt die Liebe und Zuneigung von ihren Eltern, ihrer Großmutter, ihren Cousinen und ihren Freunden. Und Tjiago aus dem dritten Stock, Zuhause in Deutschland, scheint doch gar nicht so übel zu sein, wie anfangs gedacht …

Deniz Selek erzählt diese wichtigen Alltagsgeschichten, die zur Identitätsfindung Jugendlicher gehören, mit souveräner Leichtigkeit. Ihre lockere Sprache trifft genau den Ton der Teenager, die eingewebten türkischen Begriffe zeugen von der Verquickung der beiden Welten, in denen die Protagonistin lebt – und eben auch viele der zukünftigen Leserinnen. Seleks Liebe zu Istanbul, wo sie selbst viele Jahre gewohnt hat, ist in jeder Szene zu spüren. Ihre eigene Erfahrung als Halbtürkin in Deutschland spiegelt sich im Roman und verleiht ihm die nötige Authentizität. Die Autorin zeigt, dass im Einwanderland Deutschland das Leben in zwei Kulturen zur Normalität gehört. Und gerade diese Normalität, zu der auch der raue, gewalttätige Umgangston in der Schule gehört, macht die Stärke dieses Buches aus.

So wie die Lesung auf dem Campus Rütli, bei der übrigens auch Christina Rau anwesend war, ein tolles Beispiel war, wie man die Kids zum Lesen animiert, so ist Zimtküsse ein total liebenswertes Romandebüt, perfekt gelungene Unterhaltung und allerbestes Lesefutter.

Deniz Selek: Zimtküsse, Fischer Schatzinsel, 2012, 288 Seiten, ab 12, 13,99 Euro