Gegen die schädlichen Geheimnisse

missbrauchMomentan vergeht kein Tag, an dem nicht über #metoo und sexuellen Missbrauch in welcher Ausformung auch immer diskutiert wird. Lange genug haben die Betroffenen geschwiegen, aus Angst, aus Scham, aus Gründen, die in verqueren Machtstrukturen in unserer Gesellschaft und in unserem Arbeitsleben zu suchen sind.
Doch wenn es erwachsenen Menschen schon so schwer fällt, den Mund aufzumachen, zu berichten, anzuklagen oder rechtzeitig Nein zu sagen – wie soll es da erst Kindern ergehen, die solchen Übergriffen in ähnlicher Weise ausgesetzt sind und dabei nicht über das Wissen und das Vokabular verfügen, sich Hilfe zu suchen?

Das Bilderbuch Für das Geheimnis bin ich zu klein von Autorin Ilona Lammertink und Illustratorin Nynke Talsma befasst sich genau damit. Es erzählt von Joost, der gern mit Mama und Papa im Bett kuschelt und sich auf sein Geschwisterchen freut, das bald auf die Welt kommen soll. Nur soll er von diesem Geheimnis noch nichts erzählen.
Auch im Kindergarten lernt Joost, was es heißt, ein Geheimnis zu bewahren: Die Kinder basteln etwas für ihre Papas. Das sind lauter Geheimnisse, die Joost sehr gut für sich behalten kann. Für solche Geheimnisse ist er groß genug.

An einem Abend passt Frank auf Joost auf, weil Mama und Papa ausgehen. Frank ist 17, fährt Mofa, und Joost findet ihn ziemlich cool und lustig. Doch an diesem Abend steckt Frank ihn in die Badewanne und macht sehr seltsame Witze. Dann küsst er Joost auf den nackten Popo und den ganzen Körper. Schließlich wäscht Frank ihn mit einem Waschlappen, obwohl Joost es schon selbst kann. Er umfasst Joosts Penis und lässt ihn gar nicht mehr los. Als er den Jungen abtrocknet, droht er Joost, dass dieser ihr Geheimnis absolut niemandem erzählen darf.
Joost bekommt Angst. Für dieses Geheimnis ist er zu klein.

Ja, in diesem Buch wird der sexuelle Übergriff des Babysitters ganz offen angesprochen. Und genau das ist wichtig und gut. Lammertink redet nicht um den heißen Brei herum, sondern macht deutlich, dass kleine Kinder ganz genau merken, wenn jemand ihre persönlichen Grenzen überschreitet, sie missbraucht und unter Druck setzt. Dass beim Lesen und Schauen kein traumatisierender Schrecken aufkommt, ist das Verdienst der warmen flächigen Tuschezeichnungen von Nynke Talsma, die dem Missbrauch zwar zwei Doppelseiten einräumt, aber sonst die liebevolle Umgebung zeigt, in der Joost aufwächst.

Denn Joost hat zum Glück sensible Eltern, die schnell merken, dass den Sohn etwas bedrückt. Sie bieten ihm an, über alles zu reden.
Als Frank ein weiteres Mal auf Joost aufpassen soll, versteckt sich der Junge im Gartenhäuschen. Die Eltern begreifen, dass etwas vorgefallen sein muss, und bringen Joost liebevoll dazu, ihnen alles zu erzählen.

Lammertink erzählt diese Geschichte aus der Perspektive von Joost, begibt sich somit auf Augenhöhe mit dem Protagonisten, was dieses Buch zu einem sinnvollen Begleiter von missbrauchten Kindern machen kann. Sie und die Übersetzerin Sonja Fiedler-Tresp geben den Kindern die Worte, mit denen sie über solch unzumutbare Geheimnisse sprechen können. Sie zeigen ihnen, dass es wichtig ist, über das Geschehene zu sprechen, um sich von der Angst und dem Gefühl des Ausgeliefertseins zu befreien. Vorbildlich verhalten sich hier die Eltern, die Joost mit seinem Schmerz und seiner Angst nicht allein lassen.

Der Geschichte ist ein Anhang für die Eltern beigefügt, der sie über die Anzeichen von sexuellem Missbrauch beim eigenen Kind aufklärt und erläutert, wie man mit offenen Fragen und ohne Zwang mit dem Kind reden sollte. Auch die eigenen Gefühle, Vermutungen und Vorwürfe sollten die Erwachsenen lieber für sich behalten – und gerade diese Hinweise sind in einer Zeit, in der alles sofort bewertet und in Schubladen gesteckt wird, enorm wichtig. Denn bei all dem eigenen Entsetzten, was dem geliebten Kind angetan wurde, geht es in erster Linie darum, dass das Kind wieder Vertrauen und Lebensfreude findet. Und dabei ist dieses Bilderbuch ein wertvoller Schatz.

Ilona Lammertink: Für das Geheimnis bin ich zu klein, Übersetzung: Sonja Fiedler-Tresp, Illustration: Nynke M. Talsma, Ellermann, 2018, 32 Seiten, ab 4, 15 Euro

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Ein Mädchen am Scheideweg

AdaAngela Mohr setzt im Jugendbuch Themen: Zivilcourage angesichts rechter Gewalt ist in ihrem Roman Wach auf, wenn du dich traust gefragt. Das geschenkte Leben mit einem neuen Herzen und der Gewissheit, dass jemand anderes starb, berührt schmerzlich in Vergiss nicht, dass du tot bist.

ADA. Im Anfang war die Finsternis heißt ihr drittes Jugendbuch, ein Roman, in dem das eigene Schicksal eine Rolle spielt. Denn ADA erzählt vom Leben in einer sektenähnlichen Gemeinschaft; Angela Mohr ist selbst eine Aussteigerin und weiß also ganz genau, wovon sie spricht.

Ada lebt mit ihren Eltern und Geschwistern im Nirgendwo. »Im Dorf«, umgeben von undurchdringlichem Wald. Die Männer, Frauen und Kinder versorgen sich selbst. Sie bauen Gemüse an, halten Tiere, hüten den einzigen Brunnen, denn sein Wasser ist lebensnotwendig. Im Versammlungshaus trifft sich der Ältestenrat, überhaupt herrscht Hierarchie, ein jeder ist an seinem festen Platz. Männer sind das traditionelle Oberhaupt der Familie. Und es wird noch verheiratet: So wartet auf Ada der junge Hoffnungsträger des Rates, Simon. Gefühle werden nur in der Familie gezeigt, Sittsamkeit, Gehorsam, die Verantwortung für die Gemeinschaft und die Heilige Schrift bestimmen das Leben jedes Einzelnen.

Doch Adas Familie ist ungewöhnlich, sie leidet. Ihre Mutter ist krank, der ältere Bruder Kassian tot. Ada muss stark sein und hält die Familie emotional zusammen. Sie glaubt an die Werte, die ihr von Kindheit an vermittelt wurden.

Und doch: Zweifel kommen auf, als sie eines Tages erfährt, dass Kassian noch lebt. Luca und seine Mutter sind neu ins Dorf gekommen. Luca zeichnet, und unter seinen Skizzen findet sich ein Porträt Kassians. Wie kann das sein? Bohrende Fragen lassen Ada nicht mehr zur Ruhe kommen, aus der folgsamen jungen Frau wird eine Rebellin, die sich auch von Strafandrohungen nicht mundtot machen lässt. Als der Ältestenrat beschließt, sie in eine unterirdische Einzelzelle zu sperren, wächst Adas beste Freundin über sich hinaus und hilft Luca, die Gefangene zu befreien.

Der Weg durch den verbotenen Wald und der Eintritt in »die Welt da draußen«, die als reine Teufelei und Hölle für jeden verdammt wurde, verlangt unglaublichen Mut. Ada überwindet alle Scheu, denn ihre Trauer und ihre Zweifel sind größer. Sie kennt weder Autos noch Züge, keinen Bus, kein Telefon oder Handy, kein Internet. Die Architektur der Stadt ist ihr fremd, die vielen Menschen, die Hektik. Gleichzeitig nimmt sie die Ordnung im Chaos wahr, dazu die Schönheit und die Zwischenmenschlichkeit, denn eine unbekannte Frau hilft ihr, den Ort zu finden, an dem Kassian gesehen wurde.
Es beginnt ein Rennen gegen die Zeit. Die Ältesten beschatten Abtrünnige wie Adas Bruder. Luca gerät in ihre Fänge, und ein junges Mädchen gibt Geheimnisse preis, die das Leben anderer gefährden.

Adas arrangiertes Leben ist plötzlich auf den Kopf gestellt. Nichts ist mehr wahr, der Boden, auf dem sie sich bewegt, schwankt. Verrat und Lüge erschüttern ihren Glauben und ihr Vertrauen. Doch da ist Luca, da ist Kassian, da ist ihr Wille, die Finsternis hinter sich zu lassen. Um frei zu sein.

Eindringlich erzählt Angela Mohr die Geschichte von Menschen am Scheideweg, an dem nicht nur Ada steht. Die Verführung durch andere, die Hoffnung auf ein ruhiges, sicheres Dasein machen, verfängt bei denjenigen, die sich nach Frieden sehnen und vielleicht zu schwach sind, sich selbst zu wehren. Aber auch bei Menschen, die, von Neugierde und Abenteuerlust durchdrungen, ein wenig leichtfertig sind oder sich unverstanden fühlen und deshalb anderen auf den Leim gehen. Solchen, die psychologisch geschult sind und mit Worten und Taten faszinieren können.

ADA ist ein Roman, der nach der letzten Seite nicht zu Ende ist. Denn er stellt existenzielle Fragen, auf die wir keine schnellen Antworten finden.
Fragen, die uns bewegen, über die wir nachdenken und reden wollen!
Ein Roman, der zu Recht für den Buxtehuder Bulle 2016 nominiert wurde.

Angela Mohr: ADA. Im Anfang war die Finsternis, Arena Verlag, 2015, 360 Seiten, ab 14, 14,99 Euro

Von der Idylle zum wahren Horror

seeAuf der Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 steht in der Sparte Jugendbuch auch die Graphic Novel Ein Sommer am See der US-amerikanischen Cousinen Mariko und Jillian Tamaki. Jetzt hatte ich Gelegenheit, diese Geschichte noch vor der Preisverleihung im Oktober zu lesen. Ich habe sie genossen. So viel kann ich vorab verraten.

Die Tamakis erzählen von der 15-jährigen Rose und ihrer Sommerfreundin Windy, die sich seit Jahren immer in den Sommerferien an einem See wiedertreffen. In dem winzigen Dorf, in dem es gerade mal einen Kiosk gibt, können die Mädchen eigentlich nichts machen, etwas was Erwachsene ja durchaus als erholsam bewerten.
Die beiden gehen schwimmen, hören Musik, belauschen die Dorf-Jugend und rätseln, wer Sarah ein Kind gemacht hat. Außerdem leihen sie sich aus dem Kiosk Horror-Filme aus, für die sie eigentlich noch viel zu jung sind.

Doch rasch merken sie, dass der eigentlich Horror nicht in den Filmen, sondern im realen Leben zu finden ist. Rose‘ Mutter ist depressiv, ihr Vater hält es zwischendrin nicht mehr aus und verschwindet für ein paar Tage. Als es fast zur Katastrophe am See kommt, erfahren sie, was hinter der übergroßen Traurigkeit der Mutter steckt.

In dunkelblau, fast schwarzen Bildern, die in geordneten Panels angeordnet sind, entführen die Tamakis den Leser in eine scheinbare Idylle. Still ruht der See und birgt jede Menge Geheimnisse, die die Bewohner und Besucher mit sich herumtragen. Man möchte diese Ferien genießen, so wie Rose und Windy. Doch die beiden sind in dem Alter, wo man immer mehr Fragen stellt, wo die eigenen Gefühle Achterbahn fahren und man gewisse Sachen einfach nicht mehr überhören kann. Es ist der Sommer, in dem ihre Kindheit definitiv zu Ende geht. Die Spiele von einst sind nicht mehr interessant, da reizt selbst der picklige, freche Jüngling aus dem Kiosk mehr. Rose ist ein ganz klein bisschen verliebt.

Auch wenn es bei den Mädchen noch nicht sexuell zur Sache geht, dringt genau das in die Ferienstimmung. Dabei geht es nicht um den Akt selbst, sondern viel mehr um die Folgen – die unglaublich bitter sein können. Sei es, dass das Kind nicht gewollt war oder eine Schwangerschaft nicht gut ausgeht. Rose und Windy beobachten all dies und stehen dann am Ende der Sommerferien fast sprachlos vor dem Ende ihrer Kindheit. Sie reisen zurück in eine neue erwachsene Welt. Und da kommt dann wirklich kein noch so gruseliger Horror-Film mit.

Mariko Tamaki/Jillian Tamaki: Ein Sommer am See, Übersetzung: Tina Hohl, Reprodukt, 2015, 320 Seiten, ab 14, 29 Euro

[Gastrezension] Eine Frage der Identität

minhEs gibt einen tollen Cartoon des Zeichners Tom: Ein junger Schwarzer schlurft mit Skateboard unterm Arm und Baseballcap auf dem Kopf durchs Bild. Da schnauzt ihn ein dicker, alter Mann mit Lodenhütchen an: „Geh doch nach Hause!“ Gedankenblase über dem Skater: „Was soll ich in Dortmund?“

Genauso würde die 16-jährige Minh Thi, genannt Mini, die Heldin aus dem Roman Im Jahr des Affen, denken: „Was soll ich in Herford?“ Denn für die als Kleinkind aus Vietnam geflohene Chinesin ist die Stadt in Nordrhein-Westfalen längst ihr Zuhause. Sie spricht fließend und akzentfrei Deutsch. Sie denkt auf Deutsch. Mit ihrem Vater wechselt sie nur wenige, einfache Worte auf Chinesisch. Doch dann kommt ihr Onkel Wu zu Besuch und stellt vieles im Leben der Teenagerin in Frage. Dabei spielt die Sprache eine große Rolle im Zusammenprallen der Kulturen und Lebensweisen. Zum Beispiel begrüßen Chinesen sich mit dem Spruch: „Hast du schon gekochten Reis gegessen?“ Mini antwortet ihrem Vater: „Nein, ich habe noch keinen Reis gegessen – aber Kartoffeln.“ Das ist etwa so, als wenn man in Süddeutschland auf die Formel „Grüß Gott“ antwortet: „Mach ich, wenn ich ihn sehe.“ Nur mit dem Unterschied, dass die meisten Menschen am Weißwurstäquator ein bisschen beleidigt sind, wenn man sie beim Wort nimmt. Minis Vater dagegen lacht höflich, obwohl er den Witz seiner Tochter nicht versteht.

Klug beobachtend, mit leisem Humor und einem besonderem Gespür für vielsagende Situationen beginnt die 1974 im südvietnamesischen Saigon geborene und in Deutschland aufgewachsene Chinesin Que Du Luu ihr erstes Jugendbuch (nach zwei Erwachsenenromanen). Dabei hat sie zumindest bei mir von Anfang an leichtes Spiel, beschreibt sie doch im Jahr 1992, dem titelgebenden Jahr des Affen, eine Party, bei der Mini und ihre Freundinnen Sarah und Micha zu Hits wie Marc Almonds Tainted Love, I Just Can’t Get Enough von Depeche Mode und Balladen von Guns’n’Roses tanzen. Mini verliebt sich, ausgerechnet in Bela, für den doch Sarah aufs Melodramatischste schwärmt. Kurz darauf erleidet ihr Vater, überarbeitet von der Schufterei in seinem schlecht laufenden Restaurant einen Herzinfarkt, Mini findet ihn mitten in der Nacht auf der Straße, neben sich eine ausgekippte Schüssel mit extra für sie zubereitetem gebratenen Reis. Und dann kommt Onkel Wu, der in Australien lebt, aber nur Chinesisch sprechen will, und nennt sie eine Banane: Außen gelb, innen weiß.

Obwohl Mini es zu Recht absurd findet, Menschen als „gelb“ zu beschreiben, bringt der Vergleich es für sie doch auf den Punkt. Nach außen ist sie die Chinesin, sie fällt auf, weckt Erwartungen und Vorurteile bei den Leuten – unterscheidet sich aber in ihrem Fühlen und ihren Wünschen nicht von ihren deutschen Freundinnen.

Onkel Wu und die weitläufige Verwandtschaft in Australien dagegen pflegen und leben das Chinesische. Und während der ältere Bruder ihres Vaters an fast allem rummeckert, sich im Café laut palavernd Schnitzel zum Frühstück schmecken lässt und versucht, das Restaurant in Schwung zu bringen, erfährt Mini vieles über ihre Herkunft und ihr Geburtsland Vietnam, wo sich einst viele Chinesen angesiedelt hatten. Hier spielen Küchengötter, Wächterlöwen, Pfirsiche und das Vier-nicht-ähnlich-Tier wichtige Rollen.

Vor allem der störrische, auch nur auf Kantonesisch kommunizierende Koch Bao erzählt ihr, von Onkel Wu aus der Reserve gelockt, von der Flucht in einem wackeligen Motorboot über das Meer, von tagelanger Seekrankheit und der Angst zu kentern und wie sie gerade im vermeintlich sicheren Singapur angekommen, sofort abgewiesen und wieder aufs offene Meer geschleppt worden sind. Vom Auffanglager in Thailand, wo sie ein Jahr lang in provisorischen Hütten aus Planen gehaust hatten. Dramatische Bilder und Erlebnisse, wie sie momentan wieder so aktuell und allgegenwärtig sind.

Und Bao erzählt von einem dunklen Geheimnis, dass Minis Vater mit ihm verbindet.

An all das erinnert sich die Protagonistin genauso wenig wie an ihre nicht weiter erwähnte Mutter. Zum einen, weil sie gerade mal drei, vier Jahre alt war, als die Vietcong sie vertrieben. Zum anderen, weil ihr Vater sich hingebungsvoll um sie gekümmert, sie vor allem beschützt und alles für sie getan hat. Das wird ihr erst jetzt bewusst, nachdem sie sich immer für die mit gespendeten Möbeln ausgestattete Hochhauswohnung, das düstere Restaurant und mit chinesischen Delikatessen ruinierte Geburtstagspartys geschämt hatte. Und sie fragt sich, warum ihr Vater sich in einem ihm fremd gebliebenen Land, fern seiner Familie abmüht, ein Leben, das nur aus Arbeit und erschöpft nachts vor dem Fernseher einschlafen besteht, ohne einen einzigen Freund, einen Menschen, mit dem er reden kann.

In diesem Sommer Im Jahr des Affen ändert sich viel in Minis Leben. Que Du Luu erzählt von Flucht und Fremde, von zu Hause und Familie in einer ganz eigenen Sprache, die noch lange nachhallt und den Leser vieles mit anderen Augen sehen lässt.

Elke von Berkholz

Que Du Luu: Im Jahr des Affen, Königskinder, 2016, 288 Seiten, ab 14, 16,99 Euro

Konrad und der Bunker

konradGeschichte als Schulfach kann eine ziemlich dröge Angelegenheit sein, die die Schüler regelmäßig zur Verzweiflung treibt. So war es jedenfalls in meiner Erinnerung. Doch sobald man einen persönlichen Bezug zur Geschichte entdeckt, wird es interessant. So erlebt es der Protagonist in Marina Wildners Roman Finsterer Sommer.

Konrad ist 13, hat viel zu lange Arme und kommt sich so kurz vor der Pubertät wie ein unbeholfenes Monster vor. Zusammen mit seinen Eltern und seiner Cousine Lisbeth verbringt er die Sommerferien an der Atlantikküste Frankreichs. Die Mutter wollte aus unerfindlichen Gründen dorthin. Das Wetter ist nasskalt, Erholung Fehlanzeige, die oberschlaue Lisbeth nervt, und Konrad eckt irgendwie überall an. Sommerferien gehen eigentlich anders.

Am Strand vor der Bungalowanlage jedoch liegt ein Bunker halb versunken im Meer. Erstaunlich viele Menschen interessieren sich für den muschelüberzogenen Betonklotz. Eine Joggerin, ein fluchendes Pärchen, das Konrad für Agenten hält, ein seltsamer Mann mit Hund, der behauptet Schriftsteller zu sein. Lisbeth hält Konrad Vorträge über die Bunker an der französischen Westküste, die während des 2. Weltkriegs von der Organisation Todt errichtet worden waren.
Nach und nach kommen Konrad und Lisbeth dahinter, dass dieser Ort etwas mit ihrer Familie und einem Streit zwischen ihren Müttern zu tun hat. Sie sammeln Informationen, beobachten und ziehen ihre Schlüsse. Konrad nicht ganz so schnell wie Lisbeth, was ihn ziemlich wurmt. Schließlich finden sie heraus, was den Bunker (ein wunderbares Bild für die undurchdringliche, unauslöschbare Schuld einer Familie und einer Nation), einen alten einbeinigen Mann und ihren Urgroßvater verbindet – und noch bis heute in ihr Leben nachwirkt.

Martina Wildner, die 2014 mit Königin des Sprungturms den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen hat, ist mit Finsterer Sommer eine überaus vielschichtige und spannende Geschichte mit Krimielementen gelungen, in der sie heutige Familienverhältnisse, Erbstreitereien, Tod und den Wunsch nach schönen Sommerferien mit dem Erbe der Vergangenheit verbindet. Sie lässt Konrad die Erlebnisse erzählen und zeigt so, wie sich die Taten des Urgroßvaters, dessen Namen der Junge nicht einmal kannte, immer noch nachwirken. Konrad formuliert es so: „Aber nun war diese ferne Zeit wieder da, mit einem Schlag, mit diesem Namen, und sie lebte in mir weiter. Ich war verwandt mit einem schlimmen Nazi. Ich fühlte mich hässlich und schmutzig und schämte mich plötzlich, dass so jemand wie ich in Frankreich, das damals von Deutschland einfach erobert worden war, Urlaub machen konnte.“

Eindrucksvoller habe ich das Empfinden von kollektiver Schuld und das Verantwortungsgefühl für die Vergangenheit für junge Leser, die auf der Schwelle zum Teenageralter stehen, bis jetzt noch nicht gelesen.
Wenn Kriegskinder und Kriegsenkel heute glauben, sie haben genügend aufgearbeitet und sich ihrer Vergangenheit gestellt, so zeigt Wildner, dass das nicht genug ist. Auch die Urenkelgeneration, die gerade heranwächst, muss erfahren, was in den eigenen Familien damals passiert ist, mag es für die Kinder auch gefühlt unendlich lange her sein.
Die allgemeine Behandlung der Schrecken der NS-Zeit und des 2. Weltkrieges ist dabei natürlich unabdingbar, doch den Blick auf die persönliche Ebene zu lenken, auf den kleinsten gesellschaftlichen Nukleus, die Familie, gehört ebenso dazu. Das macht Martina Wildner unmissverständlich klar.

Finsterer Sommer könnte ich mir als Schullektüre vorstellen. Sprachlich bleibt Wildner durch ihren Erzähler Konrad dicht an der Zielgruppe und schildert somit die geschichtlichen Hintergründe verständlich, ohne die Leser mit den allergrößten Horroszenarien zu schocken.
Lisbeth, die schlaue Cousine, macht deutlich, dass Wissen wichtig ist und es hilfreich sein kann, auch mal im Duden einen Begriff nachzuschlagen. Hier treiben nicht die nervigen Eltern zum Lernen an, sondern Lisbeth lebt es Konrad auf Augenhöhe vor – was am Ende wirkungsvoller ist alle möglichen elterlichen Ermahnungen.
Von diesem didaktischen Kniff mal abgesehen, wird meiner Ansicht nach jede/r junge Leser/in nach dieser Lektüre Nachforschungen anstellen wollen, was in der eigenen Familie vor über 70 Jahren geschehen ist. Die Aufarbeitung und Bewahrung von Historie sowie die Vorbeugung vor Wiederholung des Schreckens könnten somit nicht besser in der Urenkelgeneration verankert werden.

Martina Wildner ist die bewundernswerte Meisterleistung gelungen, eine spannende Geschichte für Jungen und Mädchen mit Tiefe, historischer Aufklärung und dem Bezug zu unserer Gegenwart zu schaffen, die auch nach dem Lesen weiterwirkt.

Martina Wildner: Finsterer Sommer, Beltz & Gelberg, 2016,  238 Seiten, ab 11, 12,95 Euro

Endlich! Die Antwort auf eine immens wichtige Frage

weihnachtsmannAlle Jahre wieder … steht man vor der Frage, wie man seinen Kindern, Nichten oder Neffen erklären soll, dass der Weihnachtsmann in nur einer Nacht alle Kinder der Welt beschenken kann. Ein Drama!

Einen Lösungsvorschlag liefert nun die japanische Sachbuchautorin Hiroko Motai in dem Bilderbuch Tausend Millionen Weihnachtsmänner, übersetzt von Anu Stohner. Demnach gab es anfangs tatsächlich nur einen Weihnachtsmann. Aber es gab auch weniger Menschen auf der Erde, also auch weniger Kinder, und so schaffte er es, sein Pensum in einer Nacht zu absolvieren.
Doch die Menschen vermehrten sich, und so wurden auch die Kinder immer zahlreicher. Für den Weihnachtsmann wurde die Belastung im Job immer höher, auch das Rentier brauchte jetzt öfter eine Pause. Da wandte sich der Weihnachtsmann an Gott und bat, dass dieser aus ihm zwei Weihnachtsmänner machen sollte. Gott erfüllte ihm diesen Wunsch. Jedoch halbierte er die Weihnachtsmänner in der Größe.
Doch auch zwei Weihnachtsmänner schafften es irgendwann nicht mehr, die unzähligen Wünsche der vielen Kinder zu erfüllen. Wieder fragten sie Gott, wieder wurden sie erhört, wieder wurden sie kleiner und kleiner und kleiner …

Die Illustratorin Marika Maijala hat Motais Geschichte in Kreidezeichnungen umgesetzt, die ein ganz besonders heimeliges Weihnachtsgefühl aufkommen lassen. Zwischen Schneegestöber schleppen die rotbemützten Weihnachtsmänner Geschenke zu den Rentieren, Kinder laufen Schlittschuhe, Eltern hetzen durch die vorweihnachtliche Stadt. Die Bilder sind im Stil von Kinderzeichnungen gehalten, was durchaus nicht einfach hinzubekommen, sondern eine große Kunst ist. Sie sind dadurch jedoch ganz dicht bei den kleinen Betrachtern und sind über jeden Zweifel an dieser Erklärung erhaben.

Für Kinder, die jedoch der Überzeugung sind, dass das Christkind die Geschenke bringt, dürfte Tausend Millionen Weihnachtsmänner allerdings ein harter Brocken sein. Denn auf diese Grundsatzfrage antwortete dieses Buch leider nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es überhaupt ein Bilder- oder Kinderbuch gibt, das hier mal für Aufklärung sorgt.  😉

Hiroko Motai: Tausend Millionen Weihnachtsmänner, Übersetzung: Anu Stohner, Illustrator: Marika Maijala, Sauerländer, 2015, 40 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

[Gastrezension] Wachgerüttelt

hellwach„Hellwach“ assoziiert man nicht als erstes im Zusammenhang mit einem jungen Mädchen, das in seinen besten Freund verliebt ist und regelmäßig fette Joints durchzieht. Aber die knapp 17-jährige Kiri hat ein drastisches Erweckungserlebnis, und von da an laufen ihre Gedanken Amok und an Schlaf ist nicht zu denken. „Wild Awake“ heißt Hilary T. Smiths Romandebüt im Original, ein sehr treffendes Wortspiel.

Eigentlich will Kiri in den Ferien, die sie allein zu Hause verbringen darf, weil ihre Eltern zu einer Kreuzfahrt rund um die Welt aufgebrochen sind und der ältere Bruder die Semesterferien im Labor verbringen wird, erst mit Lukas einen Bandwettbewerb gewinnen und anschließend sein Herz. Außerdem möchte sie für einen nationalen Klavierwettbewerb üben.
Doch ein unbekannter Anrufer reißt die talentierte Pianistin und Keyboarderin aus ihren Träumereien: Er habe Kiris große Schwester Sukey gekannt, die vor fünf Jahren ums Leben gekommen ist und über die seitdem nicht mehr gesprochen werden darf.

Kiri, deren Eltern von ihr nicht mehr wollen, als „keine Flecken auf dem Teppich und eine nette Telefonstimmen“, also dass das Kind höflich, unkompliziert und zurückhaltend ist, geht dem Anruf nach und findet heraus, dass Sukey, eine leidenschaftliche Malerin, nicht bei einem Autounfall gestorben ist, wie alle immer behaupten. Sie beginnt Fragen zu stellen, hinterfragt sich und ihre Familie. Und wird dabei immer wütender auf ihre Eltern, weil sie die widerspenstige, freigeistige Sukey nicht akzeptiert und unterstützt haben: „Wenn ihnen ihre Scheißteppiche nicht so wahnsinnig wichtig gewesen wären, wäre Sukey jetzt nicht tot.“

Die Autorin beschreibt die Veränderung der Ich-Erzählerin in prägnanten Sätzen und findet starke Bilder. „Ich stehe da und hasse“, sagt Kiri voller lähmender Wut nach einem frustrierenden Streit mit ihrem Bruder. Später klingt sie versöhnlich: „Vielleicht sollte man Menschen nicht danach beurteilen, was aus ihnen geworden ist, sondern danach, was sie trotz allem geblieben sind.“ Und fasst schließlich die Sprachlosigkeit der Familie nach dem Tod der Schwester und Tochter in der Erkenntnis zusammen: „Wir stehen unsicher an der Kreuzung von Liebe und Vermeidungsverhalten, wie ein paar Touristen, die sich verlaufen haben und nicht wissen, welche Straße nach Hause führt.“

Bunte Farbspritzer auf dem alten Teppich halten Kiris Erinnerung an Sukey lebendig, ein schönes, fast poetisches Leitmotiv, das sich wie ein vielfarbiger Faden durch die Geschichte zieht. Das Buchcover spiegelt diese Idee allerdings nur halbherzig als pseudopsychedelische Kleckserei wider, die am Anfang jedes Kapitels als graugetönter Abklatsch zitiert wird, eigentlich nett gedacht, jedoch schlecht gemacht.

Smith, die zuvor anonym über ihre Erfahrungen als Dauerpraktikantin in der Buch- und Medienbranche gebloggt hat, macht in ihrer furiosen, warmherzigen Geschichte vom Erwachsenwerden, von Liebe und Tod, Kreativität und psychischen Krisen sehr vieles sehr gut: Zum Beispiel lesen sich glückliche Knutschszenen überhaupt nicht albern, verunglückte Annäherungsversuche aber fühlen sich exakt so peinlich an, wie sie für ihre Heldin sind. Dies ist auch der feinfühligen und nie überdrehten Übersetzung von Jenny Merling zu verdanken.

Situationen, die in anderen Romanen gern zu dramatischen Höhe- und Wendepunkten hochstilisiert werden, fügt Smith realistisch und schlüssig in die Geschichte ein: Kiri wird nicht gleich vergewaltigt, als sie trotzig und zugedröhnt zu einem älteren Mann ins Auto steigt. Und nach einem nächtlichen Zusammenstoß mit einem PKW kommt der Teenager mit lädiertem Rad, zerrissenen Leggins, etlichen blauen Flecken und blutigen Schrammen davon, und erleidet nicht gleich eine Querschnittslähmung oder ein schweres Schädelhirntrauma. So ist das Leben nämlich in Wirklichkeit: Man kriegt vom Schicksal immer wieder eine gewischt, aber dass „danach nichts mehr ist wie zuvor“ kommt eher selten vor, kleine Wachrüttler sind dagegen häufiger. Und dann liegt es an einem selbst, was man daraus macht.

Apropos Fahrrad: Man merkt gleich zu Anfang, dass dieses Buch nicht in den USA spielt, wo das Fahren von Spritfressern scheinbar zu den Grundrechten gehört und jeder Jugendliche ab 16 einen Führerschein hat. Kiri fährt viel Fahrrad im kanadischen Vancouver (sogar ohne Helm) und ihr flottes Zweirad wirkt einige Male entscheidend und wegweisend.

Insgesamt gleicht Kiris Sommer und Hilary T. Smiths Roman einer nächtlichen Fahrradspritztour durch die Stadt, im eigenen Rhythmus, ohne dass Ampeln und Autoverkehr das Tempo bestimmen. Man fährt durch vermeintlich bekannte Gegenden und entdeckt nachts ganz neue Facetten. Mal gleitet man genießerisch dahin, mal legt man einen erfrischenden Sprint ein, mal droht man ins Schleudern zu geraten. Man spürt alles viel deutlicher, unmittelbarer: den Wind in den Haaren, die vom Asphalt abgestrahlte Wärme, die plötzliche Kälte nach einem Schauer, die nächtliche Stille. Ein Trip, bei dem man leicht neben sich zu stehen scheint und doch hellwach ist, „sowas von da“, wie einst Tino Hanekamp treffend sein in einer Silvesternacht spielendes Debüt betitelt hatte. Ein Trip, bei dem man immer weiter mitfahren will.

Elke von Berkholz

Hilary T. Smith: Hellwach, Übersetzung  Jenny Merling, FJB Fischer Verlag, 2015, 367 Seiten, ab 14, 14,99 Euro

 

[Jugendrezension] Wie eine Achterbahnfahrt

wells1Du kannst keinem Trauen und Ihr seid nicht allein heißen die Bücher eines Thriller-Zweiteilers des US-Autors Robison Wells.

Seit seinem fünften Lebensjahr lebte Benson Fisher in 33 verschiedenen Pflegefamilien in Pittsburgh und Umgebung. Immer wieder musste er die Schule wechseln und sich neue Freunde suchen. Mit 18 will er einen Neuanfang starten und bewirbt sich um ein Stipendium für ein Elite-Internat.

Die Maxfield Academy liegt in New Mexico und ist eine ungewöhnliche Schule: Dort gibt es keine Lehrer. Die Schüler leben isoliert von der Außenwelt. Es sind Jugendliche ohne Familie, die anscheinend niemand vermisst. Jeden Morgen bekommen sie per Video-Botschaften die Lehrpläne und sonstige Anweisungen für den Tag. Jobs wie Lehrer und Hausmeister werden von den Schülern ausgeführt. Dafür gibt es Punkte, für die sie sich etwas kaufen können. Das System ist bis ins kleinste ausgeklügelt. Wer gegen die Regeln verstößt, bekommt Arrest. Und von diesem Arrest ist noch keiner zurückgekehrt.

Benson vermutet, dass die Schüler Versuchskaninchen in einem wahnsinnigen Experiment sind. Aber warum? Die meisten Schüler fügen sich und versuchen, das Beste daraus zu machen. Doch Benson will fliehen. Erst als er die anderen Schüler besser kennenlernt und sich in Jane verliebt, probiert er, sich mit seinem Schicksal abzufinden. Dann wird Jane in einem brutalen Kampf schwer verletzt, und Benson macht eine grauenvolle Entdeckung.

wells2Du kannst keinem trauen endet mit einer spektakulären Flucht. In Ihr seid nicht allein geht die Handlung genauso spannend weiter. Das Experiment ist umfassender, als Benson gedacht hat. Es gibt kein Entkommen, und Benson muss an seine äußersten Grenzen gehen …

Die Geschichte ist wie eine Achterbahnfahrt. Die Spannung hält die ganze Zeit über an. Es gibt kaum Szenen, in denen Nebensächliches passiert.
Ich habe beide Bücher geradezu verschlungen, weil ich endlich wissen wollte, wer hinter diesem gruseligen Experiment steckt! Robison Wells schafft es meisterhaft, eine dramatische Atmosphäre hervorzurufen.

Leider hat mich die Auflösung etwas enttäuscht. Sie lässt viele Fragen unbeantwortet. Daraus könnte Robison Wells noch einen dritten Band schreiben, oder einen Roman, der an den Zweiteiler angelehnt ist. Ich würde ihn sofort kaufen! 😉

Juliane (15)

RobisonWells:
Du kannst keinem trauen, 480 Seiten,
Ihr seid nicht allein 400 Seiten,
Übersetzung: Alice Jakubeit, Fischer FJB, 2014, je 14,99 Euro

[Jugendrezension] Gewagte Klettertour

strobelFür zehn Jugendliche – im Roman Abgründig von Arno Strobel – verläuft ihr Aufenthalt im Bergcamp Grainau anders als gedacht. Das Bergcamp Grainau ist nicht weit von der Zugspitze entfernt. 60 Jugendliche nimmt es jedes Jahr im Mai auf, die dort das Klettern lernen wollen. Das Alter der Jugendlichen variiert. Die Hälfte der Kinder sind über 14, die anderen darunter.

Ralf, ein 17-jähriger Junge aus München, war schon oft mit seinen Eltern klettern. Als er die kleinen Kletterwände sieht, an denen geklettert wird, will er etwas Spannenderes erleben: Eine Bergtour zur Zugspitze und wieder zurück, ohne Betreuer. Er kann noch neun andere Jugendliche, die alle totale Anfänger im Klettern sind, überzeugen, auf seine Tour mitzukommen. So schleichen sie sich am nächsten Morgen früh aus dem Camp und machen sich auf den Weg zur Zugspitze. Doch sie haben kein Glück, und der Weg läuft anders als gedacht ab. Ein schweres Unwetter zieht auf, und sie müssen in einer kleinen Hütte Unterschlupf suchen. Die Jugendlichen können keine Hilfe holen und müssen warten, bis das Unwetter vorbei ist.
Am folgenden Tag ist einer von ihnen verschwunden, und keiner weiß, was passiert ist. Außer Blutflecken gibt es keine Hinweise, was geschehen ist.

Ich finde Abgründig wirklich gut. Arno Strobel schreibt so lebendig, dass ich dieses Buch förmlich verschlungen und an einem Tag durchgelesen habe. Schade, dass das Buch nur 240 Seiten hat. Vielleicht ist dadurch das Ende sehr kurz geraten. Das hätte ich mir persönlich etwas anders gewünscht. Trotzdem ist das Buch wirklich klasse und sehr spannend. Deshalb kann ich es auf jeden Fall weiterempfehlen.

Laura (14)

Arno Strobel: AbgründigLoewe Verlag, 2014, 240 Seiten, ab 14, 9,95 Euro

Radtour durch Rom

ariaDie Aktion Blogger schenken Lesefreude geht in die zweite Runde. Und wie es der Zufall so will, verlose ich auch dieses Jahr eine frisch erschienen Übersetzung von mir: Aria – Das Schicksal fährt Fahrrad von der italienischen Autorin Miriam Dubini.

Und wie es der Zufall so will, spielt auch Aria – wie im vergangenen Jahr 99 und (m)ein Wunsch – in Rom. Ich schwöre, das ist keine Absicht!

Dieses mal sind es die Jugendlichen Aria und Anselmo, die Rom erkunden, per Fahrrad. Denn Anselmo hat eine besondere Gabe: Er findet verlorene Nachrichten und überbringt sie zu einem späteren Zeitpunkt den richtigen Empfängern. Bei einer seiner Touren durch Rom begegnet er der eigenwilligen Aria. Und für beide ändert sich plötzlich das Leben …

1920412_275348749290574_984065118_nAria ist ein fluffig-leichte Geschichte über Freundschaft, erste Liebe, die Leidenschaft des Radfahrens und über Rom. Ein Hauch von mysteriöser Fantasy liegt in der Luft, an der Mädchen ab 12 mit einem Hang zum Träumen ihren Spaß haben können.
Für den Herbst ist dann Band 2 dieser Trilogie geplant …
Einen entzückenden Eindruck, was passiert, wenn zwei Fahrrad-Verrückte aufeinandertreffen, vermittelt der italienischen Buchtrailer.

Wenn du an der Verlosung von fünf Exemplaren dieses Buches teilnehmen möchtest, dann schreibe mir bis zum 27. April 2014, 12 Uhr, in den Kommentar, was du oder deine Familie mit Rom verbindet.

Miriam Dubini: Aria – Das Schicksal fährt Fahrrad,  Übersetzung: Ulrike Schimming, Planet Girl, 2014, 208 Seiten, ab 12, 12,99 Euro

Vom Traum zum Trauma

kriegKann man die Kriegsbegeisterung, die vor 100 Jahren dieses Land durchzog den heutigen Jugendlichen noch irgendwie begreiflich machen? Elisabeth Zöller kann. Nachdem ich bereits ihre Bücher über den Nationalsozialismus, die Edelweißpiraten und ihre Faschismus-Parabel vorgestellt habe, reiht sich nun Zöllers Jugendbuch Der Krieg ist ein Menschenfresser über den ersten Weltkrieg hier ein.

Darin schildert sie die Ereignisse zwischen 1914 und 1918 auf zweigeteilte Art. Im ersten Teil erlebt der Leser die Begeisterung der Jungen Ferdinand und August aus Leipzig für den Krieg mit. Die Jungs melden sich freiwillig zum Militär, trotz der Ablehnung der Eltern. Zu groß ist die Lust auf „Abenteuer“. Ferdinand nimmt einen Fotoapparat an die Front mit und macht Bilder – was seinen Vorgesetzten gar nicht gefällt …

Im zweiten Teil erlebt Max 1917 die Schrecken an der belgischen Front und wird von einem wohlmeinenden Vorgesetzten zum Scharfschützen ausgebildet. Doch bei einer Aktion muss er einen Menschen töten, der kein Feind war. Traumatisiert kehrt er noch vor Kriegsende nach Berlin zurück und weigert sich, jemals wieder eine Uniform anzuziehen, sehr zum Unwillen seines Vaters. Seine Freundin Sophie steht ihm in dieser Zeit gegen den Vater und die Vorgesetzten bei, die ihn zur Herausgabe wichtiger Dokumente zwingen wollen …

Mehr möchte ich über den ziemlich spannenden Inhalt nicht verraten. Elisabeth Zöller schafft es nämlich, beide Seiten einzufangen: den Kriegstaumel zu Beginn der Auseinandersetzungen, aber auch die Traumata, die der sinnlose Stellungskrieg und vor allem die absurden Auswüchse von kriegerischen Konflikten verursachen. Geschickt macht sie klar, dass die Darstellung von Krieg in den Medien zumeist nichts mit der Wahrheit vor Ort zu tun hat, sondern dass immer Mächte dahinter stehen, die Einfluss darauf nehmen, wie die Sachverhalte Dritten präsentiert werden. So erklärt sie nicht nur die historische Kriegsführung und die entsprechende Propaganda, sondern verweist auch auf die heutige Medienmacht, der wir nur allzu gern vertrauen.

Wie schon bei dem Edelweißpiraten-Roman Wir tanzen nicht nach Führers Pfeife flechtet Zöller auch hier wieder sehr viele historische Fakten und Begrifflichkeit in den Text ein, die in einem Glossar kurz, manchmal fast zu kurz, erklärt werden. Die Gewalt des Krieges ist zwar präsent, aber anders als beispielsweise bei Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues nicht zu schockierend und zu grausam dargestellt, so dass die Lektüre für Leser ab 14 erträglich bleibt. Das liegt zudem an Zöller schon fast trocken-nüchterner Sprache, die diesem schrecklichen Thema jedoch sehr gut tut, da so der nötige Respekt vor den Toten gewahrt bleibt.

Das Einzige, was mich an dem Buch stört, ist dieses Mal das Cover. Es führt ein wenig in die Irre, da die eigentlichen Protagonisten die Jungen Ferdinand und Max sind, die dem Schrecken des Krieges ins Auge sehen. So bleibt nur zu hoffen, dass sich die Jungs, an die sich dieses Buch durchaus auch richtet, nicht von dem fast verträumten Mädchen abschrecken lassen. Das wäre sehr schade und hätte dieses Buch wirklich nicht verdient.

Elisabeth Zöller: Der Krieg ist ein Menschenfresser, Hanser, 2014, 288 Seiten, ab 14, 15,90 Euro

Nachtrag vom 17.03.2014: Über Facebook wies mich Elisabeth Zöller darauf hin, dass es zu ihrem Buch begleitendes Material von Christine Hagemann gibt, das mögliche Fragen zu den Begriffen ausführlicher erklärt: http://www.elisabeth-zoeller.de/data/content/00000052/_media.00000465.pdf
Herzlichen Dank für den Hinweis!

 

 

Kreaktive Abendteuer

roxy 2Wie schnell doch ein Jahr  wieder vergangen ist – dabei kommt es mir noch so vor als hätte ich erst gestern über  die vorwitzig coole Roxy Sauerteig geschrieben. Aber das war tatsächlich Ende 2012, nämlich hier. Und nun liegt schon seit ein paar Wochen Teil 2 von Katharina Reschke bei mir auf dem Tisch, und ich bin erst jetzt dazu gekommen, ihn zu lesen: Roxy Sauerteig – Alles löst sich in Luft auf.

Zweite Teile haben es ja nicht immer leicht, gerade wenn die Erwartungen hoch sind. Aber bei Roxy war ich gleich wieder eingefangen, begeistert, fasziniert und bestens unterhalten. Ich nehme gerade mein Urteil voraus – Roxy würde das jetzt eine „Vor-raus-sage“ nennen …
Womit ich schon wieder bei meiner Lieblingseigenschaft von Roxy bin: Wortschöpfungen. Immer wieder erfindet die Lütte neue Worte – wie „Kreaktion“, bei der man seine eigenen Ideen in eine Aktion mit einbringt. Herrlich. Möchte ich auch viel öfter machen.

Roxy ist auf jeden Fall extrem kreaktiv, muss sie doch zum einen ein Problem aus Teil 1 wieder beheben, zum anderen braucht die tüddelige Frau Feudel aus ihrem Haus Hilfe. Ihre Uhu-Eule ist verschwunden, und ohne die kann Frau Feudel einfach nicht leben. Gleichzeitig benimmt sich Frau Maschke vom Kiosk in der Straße merkwürdig, Herr Grindelmann kann immer noch nicht mit Kindern und schon gar nicht mit dem „roten Rettich“, wie er Roxy nennt.
Aber wie schon in Teil 1 lässt sich die kleine Heldin von nichts und niemanden ins Boxhorn jagen und geht mit Systematik und Mut an die Detektivarbeit.

Das Wiederlesen mit den wohlbekannten Figuren in Roxy Sauerteig – Alles löst sich in Luft auf vermittelt den Eindruck, als komme man nach Hause zur lieben, aber auch sehr schrägen Familie. Roxy trägt glücklicherweise immer noch Taucherbrille und Gummistiefel, ihre Frau Mutter übertrifft sich selbst mit ihrem überspannten Gehabe und Thusnelda, Roxys Fast-Freundin, schneidet sich endlich eine Scheibe von der Protagonistin ab. Die Kontinuität ist also hervorragend gewahrt, was den jungen Lesern mit Sicherheit ein Gefühl von Vertrautheit und Entspannung bei exzellenter Hochspannung gibt. Ein „Abendteuer“ eben.
Die feinen Illustrationen von Susanne Göhlich ergänzen die locker erzählte Geschichte ganz wunderbar, was sowohl das Selbstlesen als auch das Vorlesen zu einem echt kurzweiligen Vergnügen macht.

Katharina Reschke: Roxy Sauerteig – Alles löst sich in Luft auf,  Illustrationen: Susanne Göhlich, Baumhaus, 2013, 239 Seiten, ab 8, 12,99 Euro

[Jugendrezension] Verborgene Erinnerungen

janafreyKassandra Armadillo ist die jugendliche Hauptfigur aus dem Roman Weil du fehlst von Jana Frey. Kassandra ist in den Staaten geboren, zieht aber, seit dem Tod ihres Vaters, mit ihrer Mutter und ihrer hochbegabten kleinen Schwester Oya von einer Stadt in die nächste, da ihre Mutter es nirgendwo lange aushält.

So hat sie schon in einem kleinen Dorf in Rumänien, in Prag, auf der italienischen Insel Stromboli und in Paris gelebt. Als Kassandra siebzehn ist zieht die kleine Familie (inklusive Kater Billyboy) zurück nach Amerika. Dort wird Kassandra mit ihrer Vergangenheit konfrontiert…

Jana Frey hat einen unglaublichen Schreibstil, der sehr eigenwillig ist, an den man sich jedoch schnell gewöhnt und ihn schätzen lernt. Man kann sich zu Beginn gut in Kassandra hineinversetzen und selbst die Randcharaktere haben ausgeprägte Persönlichkeiten. Die Geschichte ist gut durchdacht, obwohl man schon am Anfang ahnt, was passieren wird. Sie wird langsam aufgebaut, wie ein Turm, eine Skulptur, die etwas in ihrem Inneren versteckt. Teilweise droht sie zu zerbrechen und zu zeigen, was sie versteckt. Leider ist es nicht wirklich witzig, abgesehen von ein  paar Stellen die (wahrscheinlich unfreiwillig) komisch sind. Zu Beginn ist die Geschichte sehr spannend, flacht dann aber merklich ab und wird fast langweilig.

Das Familiendrama ist gut überlegt und wirklich interessant geschrieben, aber bei etwa der Hälfte scheint die Autorin diesen Strang der Geschichte leider zu verlieren und verzettelt sich in einem absurden wie unnötigen Handlungsstrang über die Beziehung zwischen Kassandra und ihrem Vertrauenslehrer Mr. Rosen.
Es ist sehr schade das die Geschichte über ihre Familie so unvollkommen im Nichts verläuft und durch eine Liebesgeschichte abgelöst wird, deren trauriges Ende vorherzusehen ist. Das Handeln der Personen wird undurchschaubar und verwirrend und man möchte es eigentlich so machen wie Oya: Wenn es seltsam wird, nach Schweden ziehen und alles vergessen. Auch das Buch.

Dieses Buch ist vor allem etwas für Mädchen und keinesfalls für unter 14-Jährige geeignet.

Emilia (15)

Jana Frey: Weil du fehlst, Fischer KJB, 2013,  224 Seiten, ab 12, 12,99 Euro

Reise zu den Wurzeln

ascheEin Mal im Jahr scheine ich ein Buch über Grabschändung und den perfekten Ort für eine Bestattung rezensieren zu können. War es im vergangenen Jahr der Roman von Boris Koch, so ist es nun Anke Webers Regenbogenasche. Vielleicht wird ja eine Tradition daraus…

Auch in Regenbogenasche geht es darum, einem Toten seinen letzten Willen zu erfüllen: Rhinas Vater ist bei einem Unfall gestorben. Seine große Sehnsucht war Namibia, und die fast 15-jährige Rhina setzt sich in den Kopf, seine Asche dorthin zu bringen und an dem schönsten Ort zu verstreuen. Zusammen mit ihrem Schulkameraden Unkas, schmiedet Rhina zunächst den Plan, die Urne unbemerkt auszubuddeln.
Später schließen sich die beiden Jugendlichen einer namibischen Kulturorganisation an, die Reisen in das afrikanische Land organisieren. Mit umgefüllter und eingefärbter Asche machen sich Rhina und Unkas auf nach Namibia.

Für Rhina ist diese Reise jedoch mehr, als nur den toten Vater an seinen Lieblingsort zu bringen. Sie war sieben als ihr Vater starb, seitdem vermisst sie ihn und kann irgendwie kein eigenes Leben beginnen. Unkas, der ihr bei diesem Abenteuer treu zur Seite steht, wird zu ihrem Vertrauten und besten Freund. Und je mehr Rhina über ihren Vater, seine Herkunft und seinen Tod herausfindet, um so mehr wandelt sie sich zu einem freien Mädchen, das ihren eigenen Lebensweg geht und die Liebe kennenlernt.

Anke Weber schafft es auf faszinierende, fesselnde Art und Weise, die Gegensätze von Leben und Tod in einem spannend Road-Roman zu vereinen. Sie macht jugendlichen Lesern deutlich, dass das eigene Leben von dem der Eltern mehr beeinflusst wird, als man so manches Mal meint oder es sich wünscht. Die Schatten der elterlichen Vergangenheit legen sich immer auch auf das Leben der Kinder. Weber erzählt das jedoch mit einer Leichtigkeit und dem exotischen Touch der namibischen Wüste, das man ganz gebannt Rhinas gesetzwidrige Grabschändung akzeptiert, mit ihr liebt, leidet und sich schließlich freut, als sie in Namibia nicht nur ihr Ziel erreicht, sondern auch eine große Überraschung erlebt.

Regenbogenasche variiert das Thema Grabschändung auf eine fast unbeschwerte Art und zeigt, wie wichtig es für Jugendliche ist, über die Herkunft und die Traumata der Eltern aufgeklärt zu werden. Jeder Mensch hat zwar durchaus ein Recht auf Geheimnisse, doch sobald diese sich auf die Nachkommen auswirken, haben diese wiederum ein Recht, sie zu erfahren. Erst dann können Jugendliche sich bewusst entscheiden, wie sie ihren eigenen Lebensweg einschlagen. So wie Rhina, die ihr Glück und ihren inneren Frieden erst findet, als sie das Geheimnis ihres Vaters gelüftet hat und den toten Vater am richtigen Ort weiß. Damit macht sie jugendlichen Lesern Mut, sich den eigenen Familiengeheimnissen zu stellen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Der düstere Tod wandelt sich in diesem Buch zu einer kunterbunten Liebeserklärung an das Leben.

Anke Weber: Regenbogenasche, Ueberreuter, 2013, 256 Seiten,  ab 12, 12,95 Euro

London calling…

ashton place 2Fortsetzung sind ja manchmal so eine Sache. Die Erwartungen sind hoch, die Fallhöhe auch. Umso schöner, wenn sich auch in einem zweiten Teil das gleiche Gefühl und die gleiche Wonne wie beim Vorgänger einstellt. So geschehen gerade bei Maryrose Woods Fortsetzung von Das Geheimnis von Ashton Place.

In Teil zwei, Die Jagd ist eröffnet, reist Penelope Lumley, Gouvernante und Swanburne-Mädchen aus vollem Herzen, mit den drei Unerziehbaren Alexander, Beowulf und Cassiopeia, nach London. Dort will Penelope ihre ehemalige Erzieherin Miss Mortimer treffen. Diese hat der 15-Jährigen einen Hixby-London-Reiseführer geschickt, der sich mit seinen Berg- und Naturbildern als überaus merkwürdig und wenig hilfreich erweist. So irrt Penelope nach der Ankunft in der Großstadt durch die schmutzigen Gassen und findet den Weg in die vornehme Muffinshire Lane nicht, wo ihre Arbeitgeber Lady Constance und Lord Frederick eine hochherrschaftliche Villa angemietet haben.

Hilfe bietet ihr schließlich der junge Theaterschriftsteller Simon Harley-Dickinson, der sich im Laufe von Penelopes London-Aufenthalt zu einem unverzichtbaren Freund entwickelt. Zuvor jedoch haben die drei Kinder eine unheimliche Begegnung mit einer alten Wahrsagerin, die beim Schicksal der Unerziehbaren erschreckt ihre Sachen zusammenpackt und das Weite sucht, nachdem sie geheimnisvoll prophezeit hat: „Die Jagd ist eröffnet.“

Penelope jedenfalls ist fest entschlossen, ihren Schützlingen die Sehenswürdigkeiten und kulturellen Höhepunkte der britischen Hauptstadt näherzubringen: Buckingham Palace, die Parks, das British Museum, in dem ihr der Hixby die Abteilung 17 „Übermäßiger Symbolismus in historischen Porträts von untergeordneter Bedeutung“ ausdrücklich ans Herz legt, sowie eine Theaterveranstaltung im Westend. Zudem trifft sie sich mit Miss Mortimer im angesagtesten Hotelrestaurant der Stadt. Und die alte Erzieherin warnt Penelope, ohne genau zu sagen, vor was eigentlich. So entwickelt sich der London-Trip zu einem mysteriösen Abenteuer, bei dem die junge Gouvernante langsam erahnt, dass  hinter der Herkunft der Kinder, aber auch ihrer eigenen, etwas Größeres stecken muss.

Alexander, Beowulf und Cassiopeia, die mittlerweile annähernd gutes Benehmen erlernt haben, fallen hin und wieder in ihre alten Jagdgewohnheiten zurück. Sie belagern die Bärenmütze von einer der Palastwachen, helfen im Zoo bei der Elefantenpflege, jagen in der Theateraufführung einen Papagei und sabotieren das ganze Spektakel. Im British Museum allerdings stellt Beowulf überaus fachmännisch fest, dass eines der Bilder auch auf dem Dachboden von Ashton Place zu finden ist.

Und also ob das nicht schon genug Aufregung wäre, erleben auch die Herrschaften von Penelope durchaus Schreckliches: Lady Constance, die sich auf all die gesellschaftlichen Empfänge und Einladungen gefreut hat, katapultiert sich ins Society-Abseits, als sie unangemessen verkleidet zur Prämiere des Theaterstücke „Piraten auf Urlaub“ erscheint.   Für die Klatschpresse ein gefundenes Fressen, für Lady Constance der Absturz.
Ihr Gatte Lord Frederick hingegen entpuppt sich als ein Mensch, der ohne seinen Almanach, in dem die Mondphasen verzeichnet sind, nicht leben kann. Als dieses wichtige Büchlein verschwindet und gerade einmal wieder Vollmond ist, gebärdet sich der Lord höchst merkwürdig, heult, bellt und kratzt sich an Türrahmen, als würde ein Wolf in ihm stecken.

Die Jagd ist eröffnet ist ein kurzweiliges, extrem unterhaltsames Abenteuer in einer großen Stadt, mit einer überaus liebenswerten Penelope, die sogar überlegt, mit ihrer launischen Herrin Freundschaft zu schließen. Kulturelles vermischt sich mit Kulturkritik, die zwar den erwachsenen Lesern eher offensichtlich sein wird als den jungen. London-Kenner haben Wiedererkennungsmomente, London-Neulinge bekommen erste Hinweise auf die Sehenswürdigkeiten. Neben den vielen Irrungen und Aufregungen sind jedoch die Anspielungen auf Herkunft und verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Penelope, den Kindern und Lord Frederick viel wichtiger. Und gerade all diese Andeutungen machen mich schon ganz kribbelig, wie dieses Geheimnis von Ashton Place wohl ausgehen mag. Bleibt nur zu hoffen, dass Band 3 nicht allzu lange auf sich warten lässt.

Maryrose Wood: Das Geheimnis von Ashton Place – Die Jagd ist eröffnet, Übersetzung: Eva Plorin, Thienemann Verlag, 2012, 336 Seiten,  ab 11,  12,95 Euro