Nichts zu teilen

Das nennt man Understatement: Als Sara Nick fragt, ob er heute was Spannendes erlebt hat, antwortet der: „Nein. Ich hab ein paar Sachen gemacht. Aber richtig spannend waren die nicht.“ Nick erzählt, dass er Handstand gemacht hat, ein bisschen geschwommen ist, sich ausgeruht und ein paar Mäuse gesehen hat.

Also tatsächlich Nichts passiert, wie der niederländische Kinderbuchillustrator Mark Janssen sein erstes Bilderbuch nennt? Von wegen: Was Nick verschweigt, sehen wir auf seinen wunderschönen Aquarellbildern: Den Handstand hat Nick auf dem Kopf eines riesigen, sehr freundlichen Tigers gemacht. Geschwommen ist er mit Walen, inmitten eines Schwarms bunter Fische. Ausgeruht hat er auf dem vor spitzen Zähnen strotzenden Maul eines Drachen. Und die paar Mäuse waren eher ein paar Hundert.

Die doppelseitigen Bilder lassen den Betrachter eintauchen in eine betörende Phantasiewelt und stehen in größtmöglichem Kontrast zu den von Nick und Sarah angegebenen Tätigkeiten.

Wenn Sarah sagt, „heute morgen hab ich einen Apfel gepflückt“, verschweigt sie, dass sie hoch oben auf einer Räuberleiter aus wie schwerelose Wolken wirkenden Elefanten, auf der Rüsselspitze eines kleinen Elefanten balancierte, um an den himmelhoch hängenden Apfel zu gelangen. Und während sie auf der Flöte eine Melodie gespielt hat, war sie von in allen Farben schillernden Paradiesvögeln umgeben und sitzt bei einem von ihnen auf dem Schnabel.

Und der Betrachter fragt sich: Fanden die Kinder ihren Tag tatsächlich so langweilig? Oder verschweigen sie absichtlich, was sie wirklich erlebt haben? Warum?

Eine Erklärung könnte sein, dass es ihnen allein keinen Spaß macht, egal was sie tun. Am Schluss schlägt Nick Sarah etwas vor: „Ich hab eine Idee. Wie wär’s, wenn wir morgen zusammen …? Einfach mal zu zweit …?“ Eine vorsichtige Einladung zum gemeinsamen Nichtstun, auf die Sarah begeistert eingeht: „Das wär echt toll, Nick!“ Und während die Kinder in Vorfreude auf den gemeinsamen Tag einschlafen, verwandelt sich der neutrale, weiße Untergrund in ein das kuschelige Fell eines gigantischen Eisbären, auf dem auch noch drei winzige Eisbärbabies schlummern und ein paar Mäuse rumtoben.

Vielleicht muss man aber auch nicht immer alles erzählen, sondern kann seine Phantasiewelten und die eigenen Erlebnisse auch mal für sich behalten. Im Zeitalter, in dem alles ständig mit allen geteilt, fotografiert, festgehalten und ausgeplaudert wird, ist das ebenso ungewöhnlich wie angenehm. Die ganzen nur in der virtuellen Realität existierenden Leute halten Normalität gar nicht mehr aus, alles muss immer hammermäßig und mehr als überlebensgroß sein, und durch das permanente Geplapper in den sozialen Medien vergewissern sie sich ständig dessen. Und doch ist jeder für sich allein in seiner aufgeblähten Welt.

Und dann kommt dieses faszinierende und farbenprächtige Bilderbuch, in dem nichts passiert. Und lässt die ganzen Selbstdarsteller vor Neid erblassen.

Mark Janssen: Nichts passiert, Übersetzung: Eva Schweikart, Sauerländer, 2018, 36 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

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