Mehr Erna sein

ernaFast könnte die elfjährige Erna, die Heldin aus Anke Stellings erstem Kinderbuch, einem leid tun: Sie trägt einen altmodischen, total uncoolen Namen, wohnt mit Eltern und Bruder in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt und geht auf eine Gemeinschaftsschule.
Gemeinsamkeit ist wichtig, jedenfalls für die Elterngeneration in diesem Buch.

Erna hingegen findet, dass in diesem ganzen Gemeinsamkeitsdingens ziemlich viel ziemlich gemein ist. Meistens regt Erna sich dann auf und kann nicht ruhig bleiben, sondern mischt sich ein. Nur kommt das nicht immer gut an, weder bei den Erwachsenen noch bei den Freunden oder Mitschülern von Erna. Dann eckt Erna an.

Doch statt sich von Unverständnis oder fiesen Sprüchen abhalten zu lassen, zieht Erna stoisch ihr Ding durch: Sie schaut genau hin, sie überlegt, sie forscht nach, sie beschäftigt sich mit der Bedeutung von Wörtern. So wird das etymologische Lexikon zu ihrer liebsten Lektüre. Und zur Stütze, die ihr hilft, sich gegen die Scheinheiligkeit der Freundinnen zu wappnen oder die Widersprüchlichkeiten der Erwachsenen zu entlarven.

Erna tritt als schlaue Ich-Erzählerin auf, die ihre Umgebung genau analysiert, die aber dennoch mit sich und ihrem Körper hadert (angeblich ist der Umfang ihrer Oberschenkel zu groß). Sie durchschaut die Nachteile von Gemeinschaftsprojekten, sehnt sich manchmal nach einer konventionellen Schule und weigert sich dennoch, einen Mitschüler zu verpetzen, der Gemeinschaftseigentum beschädigt hat. Mit anderen Worten: Erna hat es nicht leicht, obwohl sie intelligent ist.

Und genau das macht Erna so unglaublich liebenswert. Sie könnte das Ebenbild vieler Mädchen sein, die sich kurz vor der Pubertät in einer höchst komplexen und widersprüchlichen Welt zurecht finden müssen. In einer Welt, wo gebildete Städter plötzlich ein alternatives Leben führen wollen, den Kindern in der Schule aber schon das Prinzip der Selbstoptimierung einzuhämmern versuchen. Sie erkennt, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern sich jeder seinen eigenen kleinen wahren Kosmos zusammenzimmert.

Anke Stelling, die mit ihrem Roman Bodentiefe Fenster 2015 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, hat mit Erna einen wunderbar kritischen Geist geschaffen, den die heutige Jugend, die aktuelle Gesellschaft sehr gut gebrauchen kann. Wenn wir klagen, dass Politikverdrossenheit herrscht, dass die jungen Menschen gegen nichts mehr rebellieren, dass sie angepasst und eingespannt in das Leistungsprinzip sind, dann sollten wir uns alle eine Scheibe von Erna abschneiden. Wir sollten auf absurde Körpermaße pfeifen, kreativ und mitfühlend sein, und sehr viel mehr auf unsere Worte und deren eigentliche Bedeutung achten.

Vielleicht wäre die Welt ein besserer Ort, wenn wir alle ein bisschen mehr wären wie Erna.

Anke Stelling: Erna und die drei Wahrheiten, cbt, 2017, 240 Seiten, ab 11, 12,99 Euro

Flattr this!

Der Maulwurf in uns

MaulwurfBehaglich haben es die Maulwürfe, unter der grünen Wiese: Plüschsessel, Streifenbettwäsche, Pünktchentapete, Bollerofen. In schwindelerregende Tiefe graben sie ihr Reich und nutzen immer ausgefeiltere Maschinen, um ihre Gänge auszubauen. Selbst legen sie keine Hand mehr an das Erdreich. Immer mehr Maulwurfshügel zieren die grüne Wiese.

Und in Moletown müssen die Maulwürfe Schlange stehen, wenn sie die Tram nehmen wollen.
Riesige Vortriebsbohrer legen neue Wege für Moletown an, immer mehr Aktenordner füllen sich mit Papieren über die Maulwurfstadt.
Die Behaglichkeit und der Luxus der Maulwürfe nimmt zu: Lautsprecher, Telefonanlagen, TV, künstliche Sonnen, Wasserklosett und Grammophon. Gemütlich haben es die Maulwürfe.
Doch die Straßen von Moletown sind voll: mit Autos, Straßenbahnen, Hüte tragenden Maulwürfen. Und um die Maulwurfshügel, oben auf der Wiese, ist keine Wiese mehr, sondern nur noch Abgasgrau und Fördertürme. Nur ein kleines Fleckchen Gras ist noch da, abgesperrt mit einem rot-weißen Flatterband  … Trist haben es die Maulwürfe.

Natürlich braucht man keine zwei Sekunden um im Maulwurf uns Menschen wiederzukennen. Aber wie Torben Kuhlmann das macht, in diesem schmalen Bilderbuch, ist ganz fein. Auf wenigen Seiten durchlaufen die Maulwürfe einen Jahrhunderte lange Entwicklung. Dabei sollte man aber ganz genau hinsehen, um all die Details und Seitenhiebe auf unsere dekadent-entartete-naturferne Gesellschaft zu entdecken.
Mit Maulwurfstadt hat Torben Kuhlmann nach Lindbergh sein zweites Bilderbuch vorgelegt. Er kommt dabei mit zwei Sätzen Text aus, den Rest erzählen seine Bilder. Die gedeckten Braun- und Sepiatöne geben der Geschichte ein wunderbar antiquiertes Aussehen, von dem man sich aber nicht täuschen lassen darf. Spätesten mit den Schwarzweißbildern auf den Umschlaginnenseiten wird klar, an wen sich diese Maulwurfiade richtet.

Mag sein, dass es für uns und die Natur um uns herum schon zu spät ist. Doch nach diesem Buch nimmt man sich vor, ganz schnell etwas zu ändern, am eigenen Leben, an der Umweltverschmutzung, am täglichen, blinden Gehetze durch die Stadt. Und den kleinen Lesern wird so schon sehr früh klar, auf wessen Kosten unsere Behaglichkeit und Bequemlichkeit geht. Vielleicht wissen die, die nach uns kommen, die Natur höher zu schätzen. Denn niemand möchte so enden wie die Maulwürfe.

Torben Kuhlmann: MaulwurfstadtNordSüd Verlag, 2015, 32 Seiten,  ab 5, 14,99 Euro

Flattr this!