Lasst uns die Regeln brechen

Bushnell

Ich betrachtete Deannas steinerne Miene. Ich wüsste nicht, dass ich mir je große Gedanken darüber gemacht hätte, warum eigentlich alle sagen, sie wäre eine Schlampe – abgesehen davon, dass sie viel Busen hat und schon in der Siebten mit einem Jungen zusammen war. Und selbst wenn sie mit einer Million Typen zusammen gewesen wäre, denke ich plötzlich, selbst wenn sie mit ihrer Kleidung Aufmerksamkeit erregen will, dann ist das doch einzig und allein ihre Sache?!«
Es ist etwas passiert im Leben der 17-jährigen Highschool-Schülerin Marin. Seitdem sieht sie ihr Umfeld anders. Sie denkt anders. Und sie schreibt anders – einen wütenden Leitartikel für die Schülerzeitung. Die ungeschriebenen Regeln für junge Mädchen, die Rules for being a Girl, wie Candace Bushnells erstes Jugendbuch heißt, das sie zusammen mit Katie Cotugno geschrieben hat.

Ausgerechnet die Autorin von Sex and the City

Candace Bushnell, ist das nicht die Autorin der 90er Jahre Kultserie Sex and the City? Wo es für vier erwachsene Freundinnen in New York vor allem um teure Klamotten, coole Partys, Genuss und Luxus ging – und letztendlich doch auch darum, den einen, den Mr. Big, zu finden.
Genau so fängt es an: Marin und ihre beste Freundin Chloe sind im letzten Jahr der Highschool, hängen mit den coolen Lacrosse-Spielern ab, freuen sich aufs College, tauschen Schminktipps, sind quasi die Redaktion des Bridgewater-Schulblättchens, zuständig für euphorische Spielberichte, Kursneuigkeiten, Klatsch und Tratsch. Und schwärmen beide für den jungen, lässigen Englischlehrer Mr. Beckett, genannt Bex.
Nebenbei ein bisschen Namedropping zu Kleidungs- und Getränkefirmen, Neckereien mit Jungs und die große Frage, wer mit wem und ob und wann. Hanni und Nanni der 2010er Jahre also?

Du kannst tun, was du willst! Solange du dich bloß an die Regeln hältst

Geschickte Täuschung. So wie Marin 17 Jahre in ihrer Heile-Welt-Blase gelebt hat, lullen Bushnell und die routinierte Frauenromanautorin Cotugno die Leser:innen zunächst ein. Es ist noch keine Feministin vom Himmel gefallen.
»Denk dran, Mädchen: Du zu sein, das war in der Geschichte der Menschheit noch nie so toll wie gerade jetzt. Du kannst tun, was du willst! Du kannst so sein, wie du willst! Dir ist alles erlaubt! Solange du dich bloß an die Regeln hältst.«
Diese ungeschriebenen Gesetze hat Marin ihr bisheriges Leben unbewusst befolgt. Süß, lieb, nett, kumpelhaft, später sexy, souverän, lässig, selbstbewusst – aber eben nicht zu sehr. Alles zwischen Mädchen zum Pferdestehlen (mit dem entsprechenden Appetit, trotzdem magischerweise natürlich gertenschlank), kluge Schülerin (die ihre Intelligenz nicht zu sehr raushängen lassen), gewitzte Gefährtin und Vamp – aber immer kontrolliert, immer antizipierend, dass sie keine falschen Signale aussendet, nicht falsch verstanden wird, keine scheinbar eindeutigen Angebote macht. Immer vor allem für die Jungs mitdenkend.

Den alltäglichen Sexismus längst verinnerlicht

Doch nun wird Marin der alltägliche, allgemeine Sexismus überdeutlich. Angefangen bei Frotzeleien über Übervorteilungen bis zu massiven Grenzüberschreitungen. Ein Sexismus, den sie selbst längst verinnerlicht hat. Oder warum hat sie sich noch nie für das sehr erfolgreiche Volleyballteam der Mädchen interessiert, die erneut kurz vor der Meisterschaft stehen? Und stattdessen die klägliche Jungen-Footballmannschaft angefeuert? Warum geht sie davon aus, dass ein Junge nicht wirklich ein Buch, noch dazu das einer Autorin über Frauen, gelesen haben kann?
Dabei lebt sie doch in einer vermeintlich toleranten, diversen Umgebung. Wo ein Mitschüler selbstverständlich von seinen zwei Müttern spricht (in der Übersetzung heißt es leider immer ausnahmslos »Mom«). Ein anderer datet einen »supersüßen Typen«. Auch die Hautfarbe der Interviewerin am College spielt keine Rolle – bis sie von ihr selbst thematisiert wird (»das ist hier schon ein ziemlich weißer Campus«).

Darüber würde ein Kerl sich gar keine Gedanken machen

Marin und mit ihr die Leser:innen werden immer sensibler für und vor allem immer wütender über die tagtäglichen verbalen Attacken und die allgegenwärtige Doppelmoral (»Hast du deine Tage, oder was?« »Du schreibst irgendeinen seltsamen Artikel und benimmst dich wie ein totaler Psycho … entwickelst dich zu irgendeiner verrückten Feministin?«): »Weil …«, überlege ich, weil sein beiläufiger Sexismus auf einmal anfing mich zu nerven …« denkt Marin zwar, spricht es aber nicht mal gegenüber ihrer Freundin aus, weil es ihr nicht mehr logisch erscheint.
Beim Bewerbungsgespräch ermahnt Marin sich selbst, nicht zu souverän auf ein ernstgemeintes Kompliment für ihren Leitartikel zu reagieren: »Ich lächle und senke erfreut den Kopf, aber ich will nicht zu großspurig wirken – worüber, denke ich urplötzlich, ich mir wahrscheinlich als Kerl gar keine Gedanken machen würde.«

Das ist schlicht die Realität, oder?

Später wird Marin richtig zornig: »Ich habe die Nase voll davon, euch alle einfach davonkommen zu lassen, wenn ihr so einen Scheiß redet.«
Sie gründet einen feministischen Buchclub, als Reaktion auf die männlich dominierte Literatur im Unterricht, und reagiert lautstark und handfest auf auch nur beiläufige, viel zu lange hingenommene Ungerechtigkeiten. Schließlich meldet Marin der Schulleitung, was ausgerechnet Bex ihr angetan hat, und hat fortan die ganze Schule gegen sich – fast …
Als später die Zeitungen über die Ereignisse an Marins Schule berichten und alle sich wundern, wie »so etwas heutzutage noch geschehen konnte«, konstatiert Marin trocken: »[…] ich schätze, das ist schlicht die Realität, oder?«
Dass der Kampf gegen die ungeschriebenen und ungerechten Regeln, gegen Sexismus und Diskriminierung, noch lange nicht ausgefochten ist – auch nicht in unserer ach so toleranten, aufgeklärten westlichen Welt – das schreiben Bushnell und Cotugno mitreißend und spannend in Rules for being a Girl. Bis auf einige unnötige Anglizismen und die inflationären »Moms« und »Grams« haben Sylvia Bieker und Martina Tichy auch frisch, eloquent und authentisch übersetzt. Mit einem sehr schönem Schluss: »Sorry, dass ich zu spät bin«, sagt er und zuckt ein wenig schüchtern mit den Schultern. »Ich musste erst das Buch zu Ende lesen.«

Nonchalant feministisch

Und von wegen Vorurteile: Wer hätte der Sex-and-the-City-Autorin so viel absolut überzeugenden, kenntnisreichen Feminismus zugetraut? Tatsächlich hat sie ihre Figuren nonchalant feministisch entworfen: »Diese Frauen nehmen sich einfach das, was für Männer völlig normal ist. Sie sind selbstbewusst, dominant, genießen Geld und Statussymbole – und sie haben Sex, wann und mit wem und mit wie vielen sie wollen«, sagt Bushnell. Richtig so, lasst uns die Regeln brechen!

Candace Bushnell & Katie Cotugno: Rules for being a Girl, Übersetzung: Sylvia Bieker und Martina Tichy, Dragonfly 2020, 287 Seiten, ab 14, 15 Euro

Hexen exen

Dahl

Willkommen zurück aus der Sommerpause! Manche kürzten ihre Ferien Pandemie bedingt ab, ich nenne es meine vacances interruptue. Zehntausende von Briten hat es noch heftiger erwischt: Sie mussten Hals über Kopf von einem Tag auf den anderen Spanien und vor allem Frankreich verlassen und nach Hause reisen, sonst wären sie erst mal für zwei Wochen in Quarantäne gewandert. Eine neue Spielart der alten Animosität zwischen Engländern und Franzosen.
Überhaupt scheint in Großbritannien alles möglich. Ein einst kluger, gebildeter, witziger und auch charmanter Typ verwandelt sich zum nationalistischen Trottel und wird Premierminister. Im Brexit verbreiten sich Vorurteile und böse Geister so schnell wie das Virus. Warum soll es auf der Insel nicht auch die gefährlichste Hexenvereinigung der Welt geben?

Farbenprächtige und furiose Comicadaption von Roald Dahls Klassiker

Wie man mit dieser, im Gegensatz zum Virus, vor allem für Kinder extremen Gefahr umgeht, erzählt Pénélope Bagieu in ihrer formidablen Comic-Adaption von Roald Dahls Kinderbuchklassiker Hexen hexen. Der farbenprächtige und furiose Band ist eine Wucht und fürs Urlaubsgepäck sowieso viel zu schwer. Also zumindest ein guter Grund, wieder zu Hause zu sein.
Anstatt wie der Waliser Roald Dahl die Geschichte irgendwo in Norwegen beginnen zu lassen, springt Bagieu gleich rein ins Geschehen mit ein paar Superheldencomics zitierenden, prophetischen Seiten: Häuserschluchten, eine klassische böse, grüngesichtige Hexe, ein junger Mann mit coolem Superheldenmobil, ein hundsköpfiges Monster, das alle anderen winzig klein erscheinen lässt …

Kinder verdienen sehr gute und wahre Geschichten

Ein namenloser, todtrauriger Junge, der nur noch seine Großmutter hat. Als er diese nachts bittet, ihm eine Geschichte zu erzählen, erzählt sie ihm eine wahre Geschichte von den Hexen.
»Eine Geschichte, die schöne Träume macht, wäre mit lieber, aber ok.«
»Na, komm. Bist du nicht zu alt für solche Kindergeschichten?«
»Ich bin acht.«
»Eben! Du bist fast erwachsen. Du solltest die Wahrheit erfahren.«
Die Tonalität des nächtlichen Dialogs illustriert sowohl Bagieus wie Dahls Stil und Haltung. Kinder verdienen sehr gute Geschichten. Sie sind klug und stärker als man denkt, wenn sie jemanden haben, der sie liebt und beschützt. Und sie vertragen Wahrheiten.

Heimliche Heldin mit tuftig lila Haar

Gleichzeitig bringt die französische Comickünstlerin die Oma als zweite Heldin ins Spiel. Sie ist zwar klein und trägt eine tuftige Wolke lila Haar auf dem Kopf. Aber ein Hutzelweiblein ist sie bestimmt nicht. Schlaghose, Fellweste, lange Kette und laute Tanzmusik lassen darauf schließen, dass sie mal ein richtig flottes Beatgirl war.
Sie ist bärbeißig, unkonventionell und raucht Zigarren (die eigentlich wie Zigarillos aussehen).
Nach einem Erstickungsanfall verordnet der Hausarzt ihr ein paar Tage Luftveränderung. Und so quartiert sich Oma mit Enkel und zwei zahmen Mäusen im Casinohotel in einem typisch englischen Seebad ein. Beim Einchecken kommt es schon fast zum Eklat:
»Du hättest sie nicht so anschnauzen sollen … wenn es nun mal Gesetz ist.«
»Ach was, mein Schätzchen! Schluck nicht alles, was man dir sagt! Ein Gesetzt, laut dem man unter 18 Jahren beim Poker nicht um Geld spielen darf?? Ergibt doch keinen Sinn!«

Perfide Tarnung für einen tückischen Mordplan

Dass ihr Enkel nicht mitzocken darf, ist aber schon bald Großmutters geringste Sorge.
Und auch der Hoteldirektor verkennt, dass nicht zwei eingeschmuggelte, pelzige Haustierchen, sondern eine ganz andere Gruppe hofierter Hotelgäste die wahre Gefahr sind.
Perfiderweise konferieren sie, übrigens auch schon in Roald Dahls 1983 veröffentlichten Originalgeschichte, unter dem Deckmantel der Königlichen Gesellschaft zu Verhinderung von Kindesmisshandlungen. Denn in Wirklichkeit haben diese nur als elegante Damen verkleidete Wesen in ihrem unbändigen Hass das genaue Gegenteil im Sinn: Die totale Vernichtung aller Kinder! Und dazu hat ihre Anführerin einen ebenso raffinierten wie grausamen Massenmordplan entwickelt.

Drei neue Spezies von Superhelden

Wie zwei sehr mutige Kinder zusammen mit der gewitzten Großmutter den Spieß umdrehen, die Feinde mit ihren eigenen Waffen schlagen und schließlich die Hexen exen, erzählt Pénélope Bagieu nach Roald Dahls wahrhaft gruseliger Geschichte in schaurig-schönen Bildern. Nebenbei erweitert sie den Superheldenkosmos um drei bislang sträflich vernachlässigte und ungeheuer charmante Spezies: Kinder, Mäuse (manche auch mit betörend blauen Augen) und Großmütter. Und nicht zuletzt zeigt sie in super niedlichen Bildern, dass so ein kindliches Mäuseleben durchaus Vorteile hat.

 Pénélope Bagieu, Roald Dahl: Hexen hexen, Übersetzung: Silv Bannenberg, Reprodukt, 2020, 300 Seiten, ab 8, 24 Euro

Muthasen

Angsthase

All lost in the supermarket – der knubbelige Held in Barrouxs Bin doch kein Angsthase verläuft sich zwischen gigantischen Regalwänden, irgendwo zwischen Süßigkeiten und Waschmittel. Eigentlich eine klassische Paniksituation für kleine Kinder. »Aber Angst? Ich doch nicht. Bin doch kein Angsthase! Hab‘ ja mein Kuscheltier dabei.«
Egal, ob ein Unwetter ums Haus tobt, er vom Dreimeterbrett springt oder nachts gruselige Schatten über die Wände huschen – der namenlose Held mit dem großen, kugeligen, an Charlie Brown erinnernden Kopf ist ein richtiger Muthase.
Barroux zeigt starke Szenen und üppige Panoramen in schwarzgrau und weiß, akzentuiert nur mit zwei Farben, einem kräftig klaren Gelb und Rot. Manchmal verirrt sich ein orangener Gummientenschnabel dazwischen.

Urvertrauen in die Welt

Es ist vermeintlich nur ein Stoffhase, der dem Kleinen Mut macht. Am besten gefällt mir die Szene im Zoo. »Auf einmal brüllt mich ein Löwe an«, das Maul der Raubkatze ist furchterregend, die dünnen Gitterstäbe sind ein Witz. Da kann einem schon mal vor Schreck die Mütze vom Kopf fliegen. Toll sind dann die folgenden Seiten, wenn wirklich alle, das Kind, die anderen Tiere im Zoo und sogar der Kuschelhase, richtig wütend und auch angsteinflößend den Löwen anstarren.
Das Stofftier steht für ein Urvertrauen des Kindes in die Welt, »weil Menschen, die mich lieb haben, immer für mich da sind, wenn ich sie brauche«.
Große Wahrheiten, gelassen gezeichnet vom französischen Autor Barroux, der übrigens in einem weiteren Buch der für Kinder schlafraubend interessanten Frage nachgeht, Was machen Eltern nachts?

Sanfter Superheld der Kuscheltiere

Angsthase

Diese Frage kann Ricardo Liniers zwar nicht beantworten. Aber was Kuscheltiere nachts so treiben, zeigt der Argentinier in seinem Comic Gute Nacht, Sternchen. Das staksige Wesen Sternchen erinnert aufgrund seiner Flecken an ein Rehkitz auf zwei Beinen. Auf jeden Fall ist es kein Angsthase, mehr ein diskreter Superheld der Kuscheltiere.
Tagsüber versteckt es seine Superfähigkeiten. Unterwegs mit einem Mädchen wirkt es wie die unanimierte, schlaffe Version des Tigers Hobbs aus den Abenteuern mit Calvin. In zart kolorierten Bildern wird durch Herbstlaub getobt und auf einer Doppelseite in kleinformatigen Bilderfolgen die Abendroutine aus offensichtlich nicht leckerem Abendessen, Zähneputzen und zu Bett gehen gezeigt. Gute Nacht, Sternchen, wünscht das Kind in aller Unschuld (nicht »Schlaf gut«!) – und das Abenteuer beginnt.

Einfach mal machen

Mutig stürzt sich das immer noch stofftierartige, aber gar nicht mehr schlaffe Wesen die Treppe herunter – und fällt, erschreckt von einem Geräusch, anmutig in Ohnmacht.
Sternchen ist anfangs einmal nervös, aber die Nacht ist noch jung. Sternchen lässt sich vom Hund des Hauses durchschütteln, genießt den wohligen Schwindel, und futtert Kekse mit ihm. Dann gilt es eine angeberische Maus zu beeindrucken. Mut ist bekanntlich nicht die Abwesenheit, sondern die Überwindung von Angst – einfach mal nicht lange, zu lange nachdenken – und machen. Sternchen greift nach den Sternen.
Liniers entzückender Comic ist eine leise, liebenswerte Variante von Winsor McCays Little Nemo in Slumberland. Es erzählt vom Zauber der Nacht und von Abenteuerlust. Und von Mut, der auch Sanftmut und Gelassenheit sein kann.

Barroux (Text und Illustrationen): Bin doch kein Angsthase, Übersetzung: Andreas Illmann, Schaltzeit Verlag, 2019, 28 Seiten, ab 4, 16 Euro

Ricardo Liniers (Text und Illustrationen): Gute Nacht, Sternchen, Übersetzung: Paula Peretti, Sauerländer, 2019, 40 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

Auf den Hund gekommen

Der denkbare schlechteste Start in der neuen Klasse: Die 13-jährige Parker lässt sich hinreißen, bellt aus Spaß bei der Kennenlernrunde„Jingle Bells“ – und bekommt prompt den Spitznamen „Barker“ verpasst. Sven, der schlechte Witze auf ihre Kosten macht, um cool zu wirken, gibt selbst plötzlich merkwürdige Geistergeräusche von sich. Und muss allen sagen, dass er Epilepsie hat. Zwei Freaks knallen aufeinander.

In der Nacht begegnen sie sich erneut und sind ganz anders: Parker ist keine Witzfigur, sondern eine faszinierende Einbrecherin. Eine, die das Vertrauen in die Menschen verloren hat und sich nach einem bestimmten Lebewesen sehnt. Und Sven kann mir ihr reden, über seine Krankheit, die vor einem Jahr plötzlich begann und seitdem sein Leben bestimmt. Über seine Angst vor dem nächsten Anfall. Über seine Hilflosigkeit. Zwei verletzte Seelen nähern sich behutsam einander.

Die Verbindung zwischen Parker und Sven, zwischen ihren knalligen Images tagsüber und ihren sensiblen Nachtseiten, ist ein Hund. Genauer gesagt: Jene titelgebende Alaska, eine schneeweiße Golden-Retriever-Hündin. Jenes geliebte Wesen, von dem Parker sich vor vier Monaten trennen musste, weil einer ihrer kleinen Brüder allergisch reagierte. Und die jetzt als sogenannter Assistenzhund bei Sven lebt, von ihm „das Tier“ und „haariges Monster“ genannt, weil ihre Anwesenheit ihn ständig an seine Krankheit erinnert.
„Und da musste der Hund weg?“, fragt Sven seine nächtliche Besucherin.
„Oder Joey“, sagte sie. „Aber meine Eltern wollten ihn behalten. Also musste Alaska weg.“ Und riss ein hundeförmiges Loch in das Herz des Mädchens, dessen Leben ein paar Wochen später erschüttert wird durch einen Raubüberfall auf das Fotogeschäft ihrer Eltern. Parker muss, versteckt hinter einem Vorhang, ohnmächtig miterleben, wie ihre Mutter geschlagen und ihr Vater niedergeschossen wird. Weil die Täter entkommen, ist die Angst seitdem auch ihr ständiger Begleiter.

Ausgedacht hat sich diese vielschichtigen Charaktere die niederländische Autorin Anna Woltz in ihrem nun vierten Roman. In einem Alter, in dem man ohnehin unsicher ist, auf der Suche nach einem Sinn und sich selbst, wenn ein banaler Pickel einen schon aus der Bahn wirft, kann eine unkontrollierbare, beherrschende Krankheit, die einen mit dem Kopf auf den Boden knallen und „sabbernd und mit Gehirnerschütterung“ aufwachen lässt, einem komplett den Boden unter den Füßen wegreißen. Ebenso der Verlust eines geliebten Tieres.

Woltz lässt Sven und Parker aus wechselnder Perspektive erzählen und entspinnt grandiose Dialoge zwischen ihnen. Verständlich, dass Woltz die Lieblingsautorin der Übersetzerin Andrea Kluitmann ist, die erfrischend und glaubwürdig aus dem Niederländischem übersetzt. Mal komisch, mit trockenem Humor und Selbstironie, mal behutsam, dann wieder von entwaffnender Direktheit: „Das will jeder. Etwas Großartiges machen, damit die ganze Schule sofort weiß, wer man ist. Aber klappt das auch? Natürlich nicht! Das liegt wirklich nicht an deiner Epilepsie“, flüstert Parker. „Was hast du erwartet? Dass du Harry Potter bist? Dass man schon seit Jahren auf dich gewartet hat? Dass du die ganze Welt rettest?“

Später blafft Sven Parker an: „Sieh dich um Barker. Alle haben Angst. Oder sie haben nur mal kurz keine Angst – das ist so ziemlich dasselbe. Alle wissen, dass die Welt verdorben ist. Aber warum darfst du mehr Angst haben als alle anderen? Warum darfst du ständig darüber jammern und wir müssen einfach weitermachen mit dem Leben?“

Das erinnert an eine grandiose Szene aus Ally McBeal, in der die Titelheldin gefragt wird, warum eigentlich ihre Probleme immer so wichtig seien. Und Ally antwortet: „Weil es MEINE Probleme sind!“ Wie Sven und Parker nicht nur mit ihrem eigenen Leben weitermachen, wie sie beide über ihren Schatten und dem anderen zur Seite springen, und schließlich mit großem Mut für den anderen da sind – das ist die packende und zum Hinschmelzen schöne Geschichte von Freundschaft und größter Zuneigung.

Zuletzt noch eine kleine Mäkelei: So hübsch die Hündin als treues Bindeglied auch ist, wirkt sie doch etwas zu gut, um wahr zu sein. Kein Zweifel, dass manche Tiere einen sich anbahnenden epileptischen Anfall spüren und rechtzeitig vor dem Fallen warnen können. Aber dass ein Hund wirklich nur aus Wohlgeruch, Wärme und Verantwortungsbewusstsein besteht, sodass auch Sven schließlich vom haarigen Monster ganz hin und weg ist, erscheint doch etwas zu viel des Guten. Trotz Wunderhund ist es aber wieder ein wunderbarer Roman.

Anna Woltz: Für immer Alaska, Übersetzung: Andrea Kluitmann, Carlsen, 2018, 176 Seiten, ab 10, 12 Euro

Freunde auf dem Holodeck

whaleyDas Leben ist kein Ponyhof. Auch ohne Kriege, Hungersnöte und Naturkatastrophen ist es nicht einfach, in der Welt klarzukommen. Zu sagen, „der Mensch ist des Menschen Wolf“, wäre falsch, weil ein Wolf im Gegensatz zum Menschen nicht bewusst und ohne Kalkül handelt. Menschen verletzen einander, haben Vorurteile, grenzen aus, erwidern Liebe nicht, leben sich auseinander, entwickeln konträre Meinungen und inkompatible Pläne. Gemeinsames Glück ist selten von Dauer, dazu kommen noch Tod und Schmerz. „Zu viel Gefühl“, wie Annette Humpe mit der brillanten Band Ideal einst sang. Ziemlich normal, dass das Angst macht und verunsichert. Trotzdem haben sich fast alle damit arrangiert.

Manche halten diese Welt aber nicht aus. So wie der 16-jährige Solomon Reed, der in John Corey Whaleys drittem Roman Hochgradig unlogisches Verhalten das Haus nicht mehr verlässt. Vor drei Jahren, an seinem letzten Tag in der Schule, hat er sich während einer Panikattacke ausgezogen und in den Brunnen gesetzt. Auch zu Hause leidet er unter furchtbaren Anfällen, mit Herzrasen, Schwindel, Atemnot, aber seltener und nicht exponiert.

Solomon hat einen pragmatischen Blick auf seinen Zustand: „Nach dem Brunnen war ihm klar, was er zu tun hatte. Weg mit allem, was Panik auslöst. Er wunderte sich, warum die anderen das nicht verstanden. Er wollte einfach nur ohne Todesangst leben. Manche Menschen kriegen Krebs. Manche werden verrückt. Keiner käme auf den Gedanken, einem Krebskranken die Chemo auszureden.“ Ein Plädoyer dafür, psychische Krankheit gleichberechtigt mit körperlichen Gebrechen anzuerkennen. Laut aktuellen Studien haben beispielsweise Menschen mit Depression mit dem Vorurteil zu kämpfen, sie litten unter Charakterschwäche und müssten sich einfach mal zusammenreißen.

Solomons Agoraphobie, seine Angst, das Haus zu verlassen, macht ihn für Lisa Praytor interessant. Die 17-Jährige will sich um ein Stipendium für ein Psychologiestudium bewerben, an der zweitbesten Universität für diesen Studiengang, um dort dann die Beste werden zu können. Sie erinnert sich noch an ihren früheren Mitschüler im Brunnen, wie er nackt und nass vom Direktor, notdürftig mit einem Jackett bekleidet, weggeführt wurde und nicht mehr zurückkehrte. Über ihn will sie den für das vollbezahlte Studium notwendigen Aufsatz mit dem Thema „Meine persönliche Erfahrung mit psychischen Erkrankungen“ schreiben. Und nebenbei glaubt sie, Solomon aus dem Haus bringen und heilen zu können. Deshalb schreibt sie ihm einen rührseligen Brief, in dem sie ihre wahren Motive verschweigt, stattdessen Empathie und Sorge vortäuscht und ihm ihre Freundschaft anbietet.

Und Lisa Praytor, diese extrem ehrgeizige, zielstrebige, perfekte, immer 150 Prozent gebende, von sich selbst mehr als überzeugte und eingenommene Schülerin ist alles andere als wirklich sympathisch. Selbst wenn man erfährt, warum sie sich so verhält: „Lisa hatte von ihrer Mutter einige wichtige Dinge gelernt. Wie man sich beim Autofahren schminkt, wann man weiße Schuhe tragen kann und wann nicht – solchen Sachen. Aber vor allem hatte Lisa gelernt, sich im Leben nicht alles gefallen zu lassen. Sie hatte keine Lust, so zu enden wie ihre Mutter: überarbeitet, leicht depressiv und in dritter Ehe unglücklich.“ Und Lisa will unbedingt weg aus Upland, einer kleinen Stadt in Kalifornien. Erstaunlicherweise wird sie aber auch am meisten in dieser Geschichte lernen.

Genau das macht einen Reiz dieses aus wechselnder Perspektive erzählten Romans aus: Die vielschichtigen, plastischen und lebendigen Charaktere, die sich selten so verhalten wie man es erwarten würde. Da ist zum Beispiel der dritte im Bunde dieser Freundschafts- und Befreiungsgeschichte: Lisas Freund Clark, Modellathlet, Wasserballer, Posterboy der Highschool. Aber eben kein typisches Abziehbild, sondern ulkig, herzlich, auch rätselhaft.

Oder Solomons Eltern, seine Mutter Valerie, eine sportbegeisterte Zahnärztin, und sein Vater Jason, der seine Vorliebe für Filme und Konstruktionen zum Beruf gemacht hat und als Kulissenbauer arbeitet, allerdings die Hollywoodstars mangels Interesse kaum auseinander halten kann. Beide haben sich damit abgefunden, dass ihr Sohn das Haus nicht verlässt und Therapieversuche aufgegeben. Trotzdem sind sie nicht nur aufopferungsvolle Eltern, sondern Menschen mit Wünschen und Plänen, die sich nicht nur um ihr Kind drehen.

Zwischen allen diesen Figuren, die man gern kennenlernen möchte, entspinnen sich witzige, schlagfertige und kluge Dialoge. Ein bisschen Filmwissen und Star-Trek-Kenntnisse steigern den Genuss des hochgradig unlogischen Verhaltens. Grundlegende Wahrheiten über Freundschaft und Verlieben lassen sich hervorragend auf dem Holodeck darstellen. Beiläufig spielt auch das Thema Homosexualität eine Rolle, und es werden ein paar Vorurteile, gerade bei vermeintlich toleranten Leuten, aufgedeckt.

Das Ganze ist von Andreas Jandl spritzig und unprätentiös übersetzt, da ist dann jemand auch mal angefressen oder sauer. Vor allem in den teils Screwball Comedy reifen Dialogen merkt man, dass Jandl Theaterwissenschaften studiert hat und Bühnenstücke übersetzt.

Grandios und erfrischend ist auch Solomons pragmatische, lebenslustige Großmutter, eine erfolgreiche Immobilienmaklerin. Ihr gelingt es am besten, Solomon aus seiner selbstgewählten Isolation zu befreien, sie nimmt ihn ernst, lässt ihn aber auch nicht mit seiner Krankheit einfach so davonkommen.
Und sie hat auch genau die richtige Einstellung zu dieser Welt. Als Solomon von Lisas tatsächlichem Plan erfährt, wirft er sie und Clark, die er bis dahin für seine Freunde, seine ersten echten Freunde überhaupt, gehalten hat, aus dem Haus und zieht sich tief enttäuscht und in all seinen Vorurteilen bestätigt komplett zurück. „So was aber auch! Sie sind nicht perfekt. Trotzdem geht es dir mit ihnen besser als ohne sie.“

So ist es nämlich: Natürlich wäre das Leben einfacher, wenn wir alle Vulkanier wären – kontrolliert, ohne diese blöden, oft traurig oder wütend machenden, irrationalen Gefühle. Aber ohne hochgradig unlogisches Verhalten wäre das Leben auch so viel langweiliger und eigentlich sinnlos.

John Corey Whaley: Hochgradig unlogisches Verhalten, Übersetzung: Andreas Jandl, Hanser 2017, 240 Seiten,  ab 13, 16 Euro,

Grandiose Geschichten aus kleinen Klumpen

„Ich kann euch ganz in Ruhe meine Geschichte erzählen. Davon, wie eines Tages eine drangsalöse Misere über mich hereinbrach, die mein ganzes Leben durcheinanderbringen sollte. Hätte ich damals geahnt, was für Kalamitäten auf mich zukommen würden, ich wäre an jenem Morgen unter der Bettdecke geblieben …“

Mit diesen hübsch altmodischen Wörten beginnt der Erzähler seine Geschichte. Und während sich der eine oder andere Leser angesichts gelegentlich komplett verkorkster Tage denkt, dass es manchmal sicher die bessere Idee ist, morgens einfach liegen zu bleiben, schlägt einen Kirsten Reinhardts neuer Roman Der Kaugummigraf schon in seinen Bann: Es ist ein in vielfacher Hinsicht verblüffendes Buch. Nicht nur weil der Erzähler und Titelgeber ein alter Knorz ist, genauer der 81-jährige Eberhart von Eberharthausen. Es ist eine erstaunlich komplexe und vielschichtige Erzählung, wie man hinter dem für Reinhardts Standards sehr schlichten Titel nicht vermuten würde (frühere Titel waren Fennymores Reise oder wie man Dackel im Salzmantel macht und Die haarige Geschichte von Olga, Henrike und dem Austauschfranzosen).

Die Kalamitäten verursachende Misere tritt in Gestalt der struppigen, frechen und enorm hungrigen Ausreißerin Eli in das Leben des komischen Kauzes. Sie bringt ihn nach einigen Anlaufschwierigkeiten zum Erzählen. Und vielleicht zum ersten Mal am Ende seines langen Lebens öffnet sich Eberhart, stellt sich seinen Verletzungen, alter Schuld und lebenslanger Reue, Gedanken und Gefühlen, die er seit 20 Jahren mithilfe eines selbst auferlegten, strengen Zeitplans verdrängt und eingesperrt hat. Und natürlich sind das keine uralten Geschichten, „solche Dinge wie damals gibt es bestimmt nicht mehr“; da hofft Eberhart leider vergebens.

Aber warum nennt Eli ihn Kaugummigraf? Das hängt mit der höchst kuriosen Sammlung des betagten Helden zusammen, ein jahrelang verschlossener Raum in dem alten, vom Abriss bedrohten Bahnhof, in dem der Graf wohnt – und auch in seinem Herzen. Hier verwahrt er hunderte Kaugummis auf, die er seit seiner Kindheit gesammelt hat – gekaute, versteht sich. Denn „ein Kaugummi ist besser als ein Fingerabdruck“, wie der Graf sagt. Ein Fingerabdruck verrät nichts über seinen „Besitzer“. Ein ausgespuckter Kaugummiklumpen dagegen gibt erstaunlich viel preis: durch seine Form, die Zahnabdrücke, den Auffindeort, den Geruch, die Geschmacksrichtung, die Farbe. Und natürlich durch die präzise Erinnerung an all die kauenden Menschen, denen der Sammler begegnet ist und die sein Leben geprägt haben.

Es sind spannende, fantastische, erschütternde und rührende Geschichten, zeitlos gut und ewig wahr, Geschichten von abgeschobenen, missverstandenen Kindern, von Grausamkeit und Feigheit, von Wut und Mut. Davon, dass man stärker ist als man denkt und es nie zu spät ist, sein Leben in die Hand zu nehmen. Von der Suche nach Freundschaft, Liebe, Glück. Wahrheiten, gelassen ausgesprochen: Seine Verwandschaft kann man sich nicht aussuchen. Und es ist gar nicht so einfach, nichts zu tun. Die Freiheit, alles (oder nichts) tun zu können ist beängstigend, das muss man erst mal aushalten. Trotzdem ist sie das Beste am Leben, weil sie grenzenlose Möglichkeiten birgt.

Hat sich schon mal jemand beim Anblick der Flecken auf dem Pflaster überlegt, dass hier gelebte Geschichten kleben? Das entschuldigt natürlich nicht die Unsitte, Kaugummis in die Gegend zu spucken! Inzwischen haben Künstler die Sprengsel als winzige Leinwände entdeckt, um darauf grandiose Miniaturmeisterwerke zu schaffen, zu sehen unter anderem auf der Millenium Bridge in London.

Der Kaugummigraf ist ein Buch, so wie man sich das weltbeste Kaugummi wünscht, das es aber nie geben wird: Eine Wundertüte, ein Feuerwerk an unterschiedlichsten Geschmackerlebnissen, schönste, raumgreifende Blasen bildend, ein Genuss, sich damit zu beschäftigen und ganz lang anhaltend.

Elke von Berkholz

Kirsten Reinhardt: Der Kaugummigraf, mit Vignetten von Marie Geißler, Carlsen, 2017, 224 Seiten, ab 10, 12,99 Euro

 

P.S. Es gab schon mal ein besonderes Buch mit Kaumasse im Titel: Der quergestreifte Kaugummi von Ephraim Kishon, von 1977, eine unvergessene Erzählungssammlung.

Frechheit siegt

hexenfeeGut, hier muss ich von vornherein zugeben, dass ich parteiisch bin. Denn seit ich vor anderthalb Jahren das Bilderbuch Der goldene Käfig von Anna Castagnoli mit den Illustrationen von Carll Cneut übersetzt habe, bin ich in die Bilderwelten des Belgiers verliebt.

Nun hat Cneut die Geschichte der Hexenfee, aus der Feder von Brigitte Minne und frech neuübersetzt von Rolf Erdorf, ein weiteres Mal illustriert. Eine erste Version ist in Belgien bereits 1999 erschienen, 2006 von Mirjam Pressler ins Deutsche übersetzt und hier mittlerweile vergriffen.

Die Hexenfee erzählt von dem Feenmädchen Rosmarinchen, die so gar keine Lust hat, lieb und ordentlich zu sein, wie es sich für ein Fee gehört. Den Zauberstab, den sie zum Geburtstag bekommt, findet sie doof. Rollschuhe hätte sie lieber und überhaupt wäre sie viel lieber eine Hexe. Die dürfen sich schmutzig machen und mit einem Boot über den Bach fahren.
Keine der Feen kann Rosmarinchen überzeugen, dass Hexen gemeine Biester sind. Die kleine Fee zieht in den Hexenwald, und dort erfüllen sich ihre Wünsche vom Rollschuhlaufen und Boot fahren. Und das Fliegen auf einem Besen lernt sie auch noch.
Doch Rosmarinchens Mama vermisst die Tochter und folgt ihr in den Hexenwald. Und lernt Erstaunliches.

Minne zeigt mit dem Märchen Hexenfee, dass man im Leben nicht immer das eine oder das andere sein muss, sondern mehreres in sich vereinen kann. Sie zeigt, dass Mädchen nicht immer die brave Fee sein müssen, sondern dass die Frechheit der Hexen Spaß machen, das Leben bereichern und auch Eltern zum Umdenken bringen kann. Hier wird den Mädchen, die auch heute noch viel zu oft in überkommene Rollenklischees gepresst werden, der Rücken gestärkt, sich gegen elterliche Vorgaben aufzulehnen, wenn sie in sich den Wunsch nach etwas anderem verspüren.

Der Illustrator Cneut zeigt die Feenmädchen zunächst in einem altrosa Luftschloss, mit den typischen cneutschen Spitzhüten, auch diese in diversen Rosa-Tönen. Im Kontrast dazu entwirft er einen tiefschwarzen Hexenwald und düstere Hexenhüte. Doch für Rosmarinchen geht genau zwischen den schwarzen Blättern ihr Traum in Erfüllung, in Form eines schier unendlich roten Blumenmeers.
Und mit jeder Seite wird der dunkle Wald auf den mysteriösen Bildern immer lichter, Rosmarinchens Mama gesellt sich zur rebellischen Tochter, die Hexen stellen sich als nette Gesellen heraus, und die Welten von Feen und Hexen vermischen sich. Als Hexenfee lebt Rosmarinchen nun in beiden und ist glücklich. Ihr Mut, ihre bekannte Welt zugunsten des unbekannten Waldes aufzugeben, wird zum großen Vorbild, dem die kleinen Leserinnen möglicherweise gern folgen.

Die Illustrationen von Carll Cneut sind – wie in Der goldene Käfig – großartige Kunstwerke, an denen man sich nicht satt sehen kann, deren Tiefe man sich erst nach wiederholtem Betrachten erschließt, über die man trotzdem rätseln kann: Was sollen die vielen spitznasigen und spitzhütigen Köpfe, die oftmals wie Männer aussehen, aber doch auch Frauen sein sollen, dem Betrachter sagen? Jede_r Betrachter_in wird ihre/seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.
Rosmarinchen in ihren roten Kniestrümpfen und dem altrosa Kleid, in dessen Farbe sich schon das Schwarz des Hexenwaldes mischt, denn es ist kein reines Rosa und erst recht kein Pink, reitet so selbstbewusst auf ihrem Besen, dass man trotz schwarzem Blättergewirr dennoch die Gewissheit hat, dass sie in beiden Welten unbeirrt ihren Weg  finden wird.
Genau dies wünscht man es sich für alle kleine Mädchen, die noch glauben, Fee zu sein wäre das Nonplusultra.

Brigitte Minne: Hexenfee, Illustrationen: Carll Cneut, Übersetzung: Rolf Erdorf, Bohem, 2017, 48 Seiten, ab 3, 24,95 Euro

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Wehrt euch!

fülscherEin Kompliment. Ein charmantes Lächeln.Eine leichte Berührung. Als Mädchen und Frau hat man so etwas ja manchmal ganz gern. Es tut der Seele gut und schmeichelt. Doch ganz rasch ist eine Grenze überschritten, wo genau dies nicht mehr nett ist, sondern zu einer sexuellen Belästigung wird. Um diesen schmalen Grat geht es in Susanne Fülschers neuem Roman #fingerweg.

Die 18-jährige Lisa hat gerade ihr Abi gemacht und will eigentlich mit der besten Freundin ein paar Monate durch die Welt reisen, als sie die Zusage zu einem Praktikum bekommt. Und das ist nicht irgendein Praktikum, sondern das in ihrem Traumjob, beim Film, beim momentan angesagtesten Regisseur des Landes. Keine Frage, dass Lisa zusagt und der Freundin einen Korb gibt. Wer würde das nicht?
Mit Feuereifer stürzt sie sich in die Arbeit, die sie zunächst völlig unterfordert. Doch der Chef Maxime, ein George-Clooney-Beau mit graumelierten Haaren und entwaffnendem Jungenlächeln, lädt Lisa zum Essen ein, zum Frühstück, nimmt sie auf Filmpremieren und zu Interview-Terminen mit. Lauter Dinge, für die Lisa brennt und mit denen sich sie beruflich beschäftigen möchte. Eigentlich könnte es nicht besser laufen.

Doch in das Hochgefühl über diesen Traumjob mischt sich mit der Zeit immer mehr mulmigen Bedenken. Denn Maxime berührt Lisa immer wieder, fast wie zufällig. Morgens steht er auch schon mal halbnackt vor ihr, wenn er wieder im Büro geschlafen hat, weil es mit seiner Frau nicht gut läuft, und immer öfter lässt er anzügliche Bemerkungen fallen.
Lisa mag das alles gar nicht, doch für ihren Traumjob ist sie bereit einiges zu ertragen und sich nicht als Mimose anzustellen. Manches Mal befürchtet sie sogar, dass sie sich vielleicht falsch verhalten hat und Maxime quasi zu diesen Anzüglichkeiten aufgefordert hat. Sie ist hin- und hergerissen: Angezogen von der glitzernden Filmwelt und gleichzeitig abgestoßen von den immer drastischeren Annäherungsversuchen ihres Chefs.

Ihren Eltern will sie sich nicht anvertrauen, ihre beste Freundin tourt durch Kanada und ist nur per Skype zu erreichen. Maxime wird immer zudringlicher und legt eines Tages sogar pornografische Fotos von sich in der Teeküche aus. Lisa fühlt sich immer elender. Doch erst als er versucht, Lisa ins Bett zu bekommen, kündigt sie und lässt Maxime schließlich in aller Öffentlichkeit hochgehen …

In angenehm lockeren Ton schreibt Susanne Fülscher von einem sehr unsäglichen Problem unserer Gesellschaft. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gilt immer noch als Kavaliersdelikt, wird zumeist verschwiegen, wenn nicht gerade ein #aufschrei durch die sozialen Medien gepeitscht wird. Sobald die mediale Welle abebbt, wird wieder geschwiegen. Doch genau das darf nicht sein. Und das zeigt Fülscher auf sehr rasante und spannende Art. Dabei geht sie nicht in die reißerische Falle, einen Vergewaltigungsfall zu inszenieren, sondern zeigt die kleinen alltäglichen Gesten und Berührungen, lässt die scheinbar so charmant-harmlosen Sätze fallen, denen man ja keine böse Absicht unterstellen mag, in denen jedoch der Anfang von allem Unglück steckt. Genau damit zeigt sie jungen Mädchen auf, wie schmal der Grat zwischen ehrlicher Freundlichkeit und sexueller Belästigung ist, bei der das Machtgefälle zwischen Chef und Praktikantin schamlos ausgenutzt wird.

Fülscher bringt die Leserinnen zum Grübeln und sensibilisiert sie, wie weit man für seinen Traumjob gehen, was man erdulden und wo man die Grenze ziehen würde. Sie zeigt Lisas Zweifel, ihre Wünsche, es in im Job zu schaffen, und ihre Gewissensbisse, womöglich selbst schuld an Maximes Belästigungen zu sein. Lisas Freunde jedoch machen ihr eindeutig klar, dass sie mitnichten schuld ist, und zeigen ihr, wie wahre Zuneigung aussieht.
So bekommen die Leserinnen ein hilfreiches Gespür dafür vermittelt, was in Arbeitsverhältnissen, aber auch bei Freundschaften okay und was ein definitives No-go ist. Es bleibt zu hoffen, dass sich nach der Lektüre dieses wichtigen Buches mehr Mädchen und junge Frauen gegen sexuelle Belästigungen zur Wehr setzen und nicht alles wort- und tatenlos hinnehmen.

Ein Hinweis noch: Der Verlag empfiehlt das Buch für Leserinnen ab 12. Ich würde es jedoch eher ab 14 oder 15 empfehlen, denn die Szenen mit den pornografischen Fotos sind schon ziemlich explizit und nicht unbedingt für alle geeignet.

Susanne Fülscher: #fingerweg, Carlsen, 2016, 208 Seiten, ab 14, 6,99 Euro

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Die Tragik der Außenseiter

LaBan_25082_MR1.indd„So wüst und schön sah ich keinen Tag“
Ein Shakespeare-Zitat als Buchtitel? Und dann ausgerechnet Macbeth? Diese blutige Tragödie? Ist das eine Einladung zum Lesen?

Ja!

Das Debüt der US-amerikanischen Autorin Elizabeth LaBan — ein komplexes Unterfangen und vorzüglich übersetzt von Birgitt Kollmann! — ist gelungen. In Anspruch, Stil, Botschaft, mit jeder Menge Einladung zur Identifikation und zum Fragenstellen. Auch an uns selbst, das eigene Verhalten, die eigene Schulzeit, Werte und Moral, Mut und Angst … Und nicht zuletzt besticht Mr Simon, der Törtchen backende Englischlehrer mit einem Faible für Shakespeare, der jedes Jahr neu seinen SchülerInnen eine Tragödie als Abschlussarbeit aufbrummt. Wunderbar und gar nicht kitschig sein Ausspruch am Ende jeder Englischstunde: „Und nun geht und verbreitet Schönheit und Licht!“

Doch worum geht es in LaBans Roman?

Aus zwei Perspektiven wird erzählt: Von der Gegenwart berichtet Duncan, ein junger Mann, der ziemlich entspannt das letzte Highschooljahr angeht (wäre da nicht der Tragödienaufsatz!) und seine immer intensiver werdende Freundschaft mit Daisy genießt. Von der Vergangenheit berichtet Tim. Die Verknüpfung ergibt sich dadurch, dass die Schüler des Abschlussjahres in ihrem Zimmer jeweils ein Geschenk des Vorbewohners finden. Duncan, der zunächst komplett unglücklich reagiert, weil ihm das kleinste Zimmer zugewiesen wird, bekommt von seinem Vorgänger Tim Macbeth ein außergewöhnliches Geschenk: Auf mehreren CDs hat Tim seine und damit ein Stück Schulgeschichte hinterlassen. Eine fesselnde Erzählung, der sich Duncan kaum entziehen kann. Denn das, was Tim erlebt hat, steuert nicht auf ein Happy End zu, das ahnt der Leser von Anfang an. Zur Erzählkunst der Autorin gehört, den Spannungsbogen bis zum Schluss aufrechtzuerhalten.

Es ist eine Dreiecksgeschichte, von der Tim spricht: Zufällig lernt er Vanessa kennen, weil wüstes Schneetreiben den rechtzeitigen Abflug verhindert; beide sind auf dem Weg zur Highschool, um ihr Abschlussjahr anzutreten, wissen aber nicht, dass sie dieselbe besuchen werden. Tim erlebt eine junge Frau ohne Vorurteil. Er ist Albino, hält den Kopf oft gesenkt, um nicht aufzufallen oder die Ablehnung in den Augen der anderen lesen zu müssen; sein Aussehen beeinflusst sein Leben. Vanessa dagegen begegnet ihm ungezwungen. Sie, die schön ist und sich auffallend bunt kleidet, akzeptiert seine Farblosigkeit. 18 Stunden lang, bis die Weiterreise möglich ist.

Der Dritte im Bunde ist Patrick, Vanessas Freund. Ein Beau, der sich die Mädchen aussuchen kann, oberflächlich, manipulativ und feige. Dass seine Wahl auf Vanessa fiel, hat diese überraschenderweise erstaunt; die Beziehung hält aber schon eine Weile.

Tim wird zum Gegenspieler Patricks und zum Katalysator. Auf seine leise, verlässliche Art besticht er nicht nur im Unterricht. Er hat etwas zu sagen, ist charakterstark, setzt sich für Mitschüler ein, handelt, wenn andere zurückschrecken, entlarvt Patrick. Gleichzeitig bleibt er verletzlich und glaubt eigentlich nie daran, dass ihn jemand anderes als seine Eltern vorurteilsfrei lieben wird. In Vanessa löst er zunehmend Fragen an ihre Beziehung mit Patrick aus. Sie geht mit Tim joggen, allerdings heimlich, lässt sich von ihm küssen, macht Nähe möglich. Letztendlich fehlen ihr jedoch Entschlusskraft und Mut, vielleicht empfindet sie auch nicht so tief wie Tim.

Das Ende der Geschichte ist tragisch. Bei einem nächtlichen Schlittenrennen rammen Tim und Vanessa einen Baum. Vanessa landet schwer verletzt im Krankenhaus (sie wird überleben), Tim erblindet. Seine Augenprobleme haben sich lange zuvor angekündigt, denn eigentlich müsste er draußen immer eine dunkle Brille tragen, doch die Eitelkeit ließ ihn das „vergessen“.

Tims Geschichte hat Auswirkungen auf Duncan. Dieser reflektiert intensiver sein eigenes Verhalten, Tim stärkt ihm den Rücken, macht ihn sensibel gegenüber seiner Freundin Daisy, lässt ihn Verantwortung übernehmen und eigene Fehler bekennen, auch gegenüber Mr Simon und dem Schuldirektor. Wir erleben mit, wie aus Unsicherheit Festigkeit wird, wie Duncan erwachsen wird.

LaBans Roman stimmt hoffnungsvoll und traurig. Im Gegensatz zu Shakespeares Macbeth, der aus Machtgier und angetrieben von der eigenen Ehefrau seinen Vetter Duncan tötet, um König von Schottland zu werden, hilft Tim dem jungen Duncan in vielfacher Hinsicht. Doch was wird aus ihm selbst? Werden er und Vanessa sich noch einmal begegnen? Wie wird Tims Zukunft  ohne Augenlicht aussehen? Wird er zurückgeworfen auf sein Zuhause bei liebenden Eltern oder wird ihm ein selbstbestimmtes Leben gelingen? Und wohin mit all seinen tiefen Gefühlen, seiner Liebenswürdigkeit, seiner Sensibilität? Zudem: Wird jemand wie Patrick bestraft, der sich nach Vanessas Unglück schnell mit einer Neuen tröstet?

Und wir, wie gehen wir selbst mit Außenseitern um?

PS: Neben dem empfehlenswerten Inhalt und allen Tipps zum Thema Tragödie (auch im Anhang!) sei noch auf den außergewöhnlich schönen Umschlag des Romans verwiesen. Ein unbedingter Hingucker und ein Hoch auf die Haptik von Büchern!

Heike Brillmann-Ede

Elizabeth LaBan: So wüst und schön sah ich noch keinen Tag, Übersetzung: Birgitt Kollmann, Hanser Verlag, 2016, 288 Seiten, ab 13, 16,90 Euro

Bücher, die die Welt reparieren

„Es gibt eine größere Offenheit, die Literatur ist vorwitziger und frecher, weil man die Kinder ernst nimmt, sie auch zum Nachdenken bringen will, denn das gehört zum Aufwachsen.“ So beschreibt der Autor Bart Moeyart das Besondere der niederländischen und flämischen Kinder- und Jugendliteratur. Der Flame ist künstlerischer Leiter der Ehrengast-Präsentation bei der Frankfurter Buchmesse. Und das, obwohl er „nur“ Kinder- und Jugendbuchautor ist. Dass Literatur für junge Leser bei unseren Nachbarn einen besonderen Stellenwert genießt und im flämischen Sprachraum brillante Bücher für Kinder und Jugendliche geschrieben werden, zeigt auch diese Auswahl.

 

51efazxaazlJede dritte Ehe scheitert, das ist bedauerlich, aber alltäglich und banal, Menschen verlieben und entlieben sich. Schlimm wird es nur, wenn Kinder involviert sind: Denen fehlen ein paar Jahrzehnte ernüchternde Erfahrungen, es kann ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen und fortan müssen sie sich nicht nur mit „Hin- und Her-Taschen“ abschleppen zwischen getrennten Wohnungen und Leben. Da helfen auch oberschlaue Ratgeber wie „Glücklich verheiratet, glücklich getrennt“ nichts, die nur das schlechte Gewissen der Eltern beruhigen.

Die zwölfjährige Felicia, die fortan Fitz genannt werden will, ist vor allem wahnsinnig wütend. Auch noch, als ihr Vater und ihre jüngere Schwester Bente einen Unfall haben und die ganze Familie in der Notaufnahme zusammentrifft. Fitz ist aber auch eine scharfsinnige Beobachterin, ein ungeheuer waches, kluges und einfühlsames Mädchen, das man sofort ins Herz schließt. Kein Wunder, dass in den Weiten des großen Krankenhauses der höchst attraktive, lakonische Adam und die schräg-witzige Primula sofort auf sie anspringen und die drei im Laufe des Tages gleich mehrere Herzen entflammen, nicht nur die eigenen.

Anna Woltz hat bereits mit ihrer sehr modernen Familiengeschichte „Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess“ zwei liebenswerte Charaktere geschaffen, die draufgängerische Tess und den sensiblen Samuel. Ihre Heldin Fitz ist einfach grandios: Sie rettet vielleicht nicht die ganze Welt, auch die Ehe ihrer Eltern nicht, die kann man halt nicht wieder zusammennähen wie Bentes verletzen Finger. Aber mit ihrem Charme, ihrer Direktheit und ihren klugen Erkenntnissen kann sie die Welt auf jeden Fall lebenswerter machen. Weil dieses Mädchen abgeklärte Leser wieder an so etwas wie Liebe glauben lässt. Das liegt auch an den erwachsenen, ebenso lebendig wie vielschichtig beschriebenen Nebenfiguren. Spätestens wenn Fitz, nach ihrer Tour de Force über mehrere Stockwerke und Stationen der Klinik, nicht länger „lieber in einen Vulkan springen will, als jemals zu heiraten“. Man will dieses absolut hinreißende Mädchen am Ende der Geschichte und des Tages nie mehr loslassen. Aber mit etwas Glück hat Adam ja recht: „Vielleicht ist morgen dann wieder heute“ – in neuer Tag voller verrückter Emotionen, Begegnungen und Erfahrungen.

Nur schade, dass der Carlsen Verlag diese unter die Haut gehende Geschichte hinter einem nichtssagenden Einband versteckt. So don’t judge a book by looking at it’s cover.

Anna Woltz: Gips oder wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte; Übersetzung: Andrea Kluitmann, Carlsen 2016, 176 Seiten, ab 10 Jahren, 10,99 Euro

 

51n5-hss4cl-_sx355_bo1204203200_ Kalle ist ein Macher, der lieber einen Gedanken zu wenig denkt, als sich von seinem Vorhaben abbringen zu lassen. Bei Helicoptereltern hätte solch ein tatendurstiger kleiner Kerl keine Chance (übrigens spielt ein Hubschrauber später auch noch eine Rolle, aber mehr wird hier nicht verraten!). Selbst für weniger behütende und gerade auch sehr müde Erziehungsberechtige ist es ganz gut, wenn sie nicht so genau wissen, was Kalle vorhat, wenn er sagt, er geht weg: Der Achtjährige springt mit Nachbarhund Max und Meerschweinchen Hektor in sein kleines Motorboot und nimmt Kurs Richtung großen Fluss – eine ebenso spannende und witzige wie haarsträubend gewagte Bootstour. Anke Kranendonks Geschichte ist pädagogisch völlig wertlos – im besten Sinn. So wie vor wartenden Kindern bei Rot über die Ampel zu gehen. Weil es Kinder zu selbstständigem Denken und Eigenverantwortung motiviert.

Charmant zitiert die niederländische Kinder- und Jugendbuchautorin Tomi Ungerers „Kein Kuss für Mutter“ und beerbt anarchistisch-autarke Helden wie Pippi Langstrumpf oder Michel. Sympathisch persifliert sie in den etwas einseitigen Dialogen Kalles mit Vierbeiner Max wie Eltern mit ihrem Nachwuchs reden: ein wenig herablassend ob des vermeintlich geringeren Verstands, auch mal ganz schön genervt, doch letztlich immer voller Zuneigung, gelegentlich zerknirscht.

Noch schöner wird die von Sylke Hachmeister erfrischend übersetzte Geschichte durch Annemarie van Haeringens in kräftigen Farben colorierte und an Quentin Blake (bekannt aus Roald Dahls Büchern) erinnernde Illustrationen. Kalles Selbstbewusstsein und Abenteuerlust sind umwerfend, niemand sollte solch tollkühne Kinder stoppen dürfen!

Anke Kranendonk: Käpt’n Kalle; Illustrationen: Annemarie van Haeringen, Übersetzung: Sylke Hachmeister, Carlsen 2016, 152 Seiten, ab 8 Jahren, 9,99 Euro

 

51gzheiofl-_sx258_bo1204203200_„One ist the loneliest number“ wissen wir aus der Popmusik. Jetzt erweitert die niederländische Illustratorin Henriette Boerendans unser Zahlenwissen mit „Die Null ist eine seltsame Zahl“. Mit kunstvollen Holzschnitten verknüpft sie die Ziffern eins bis zehn sowie fünfzig und hundert mit spannenden Informationen für kleine Kinder: Ein kleiner Elefant braucht zwei Jahre, bis er geboren wird. Tiger haben an den Vorderpfoten fünf Zehen und an den Hinterpfoten vier. Wie viele hat das Kind? Eine Schildkröte legt zehn Eier. Sie selbst kann bis zu 188 Jahre alt werden. Aber Muscheln werden noch viel älter. Und kleine Kaninchen sehen ihre Mutter nur fünf Minuten täglich.

In der Farbgebung erinnern die Drucke an Andy Warhols Siebdruckserien. Von der Anmutung haben sie etwas klassisch Asiatisches. Boerendans entwickelt eine ganz eigene Bildsprache und macht so abstrakte Größen lebendig und begreifbar. Für Vorleser ist dieses Buch auf jeden Fall ein optischer Genuss. Und warum ist die Null seltsam? Weil sie das Nichts beschreibt, eine Lücke – so wie die Dodos, die es nicht mehr gibt, die ausgestorben sind, weil ihre Eier aufgefressen wurden.

Henriette Boerendans: Die Null ist eine seltsame Zahl, Übersetzung: Martin Rometsch, aracari Verlag 2016, 32 Seiten, ab 3 Jahren, 14,90 Euro

Elke von Berkholz

Abenteuer in Boschs Bestiarium

51hv2orrirl-_sx375_bo1204203200_Ich war zehn, als ich ihm das erste Mal begegnete. Es war in Madrid im Prado, und ich war sofort fasziniert von seiner Welt. Mit dem kindlichen Hang zum Makabren, der in Spanien reichlich mit den skurrilen Umzügen in der Karwoche und den Hunderten Darstellungen von Jesus am Kreuz allerorten bedient wird, entflammte ich sofort für die fantastischen und unheimlichen Bilder von Hieronymus Bosch. So sehr, dass ich mir den ersten Kunstbildband meines Lebens gekauft habe, im taschengeldkompatiblen Postkartenformat.

Jetzt kann jedes Kind in Boschs Welt verloren gehen – in den großformatigen, farbenprächtigen und schlicht überwältigenden Bildern des aus Indonesien stammenden Illustrators Thé Tjong-Khing in seinem Bilderbuch (komplett ohne Worte) Hieronymus.
Wie Alice ins Kaninchenloch so stürzt ein Junge beim Spiel mit seinem Hund von einer Klippe und landet in einem von merkwürdigen Fabelwesen bevölkerten Land. Beim Sturz verliert er seine Kappe, seinen Rucksack und den roten Ball samt Ballnetz. Sofort beginnen die drachenartigen, stacheligen, riesenohrigen oder vielbeinigen Schnabelmonster sich um die Sachen zu kloppen. Der Junge jagt ihnen hinterher und erobert nach und nach mit viel Mut und Raffinesse seine Dinge zurück. Dabei begegnet er mehreren menschlichen Wesen in mittelalterlicher Kleidung, die entsetzt vor einem leeren Bettchen stehen, über einem Kinderbild weinen oder mit zwei Kleinen in einer Trage auf dem Rücken vor Flugechsen fliehen. Sogar ein Engel kniet verzweifelt vor einer ärmlichen Bruchbude und vergießt bittere Tränen über drei ausgerupften Federn.

Was ist hier los? Was macht den Erwachsenen Angst? Wer terrorisiert sie? Und wo sind ihre Kinder? Unerschrocken nimmt der Junge den Kampf auf und hilft den Großen. Immer wieder taucht ein Wesen im gepunkteten Kleid auf. Hat es etwas mit den verschwundenen Kindern zu tun? Man blättert vor und zurück, entdeckt die Kappe, den Ball, den Rucksack im Wasser, in der Luft, im Maul eines Monsters. Man sieht Bestien wieder und entdeckt neue.

Dabei zitiert Thé Tjong-Khing den vor 500 Jahren gestorbenen Maler Hieronymus Bosch elegant und baut dessen Bestiarium klug in seine eigene Geschichte ein. So taucht mehrfach eines von Boschs berühmtesten Monstern auf: der buckelige Typ im roten Cape, mit langem, gekreuztem Schnabel, gepunkteten Schlappohren, auf Schlittschuhen und dem charakteristischem Trichter auf dem Kopf, aus dem auch noch so etwas wie ein verkrüppelter Weihnachtszweig mit einer Kugel ragt. Eine äußerst zwielichtige Figur, nicht nur, weil der umgedreht auf den Kopf gestülpte Trichter in der Bildsprache des Mittelalters für ein böses, weil sich gegen Gott abschirmendes Wesen steht. Modern gesagt, jemand der sich gegen intelligenten Input und Wissen verschließt. Es scheint eine der Schlüsselfiguren bei den schauerlichen Verbrechen in dieser Welt zu sein. Am Rand trinken und grasen Einhörner, ebenfalls von Bosch vertraut, eine Eule trägt das Ballnetz durch die Luft. Wir sehen Boschs bäuerliche Landschaften und seine fantastischen Behausungen, wie riesige Muscheln auf Stelzen, sehr organisch und extrem modern.

Auf jeder Seite gibt es Neues zu entdecken, Zusammenhänge werden klar, und es entspinnen sich mehrere Handlungen. Auch in Hieronymus Boschs Bildern gibt es zahlreiche, kleine Szenen, mal eine Rangelei, mal etwas Irritierendes am Rand. Es waren die ersten Wimmelbilder, wie 500 Jahre später die von Ali Mitgutsch, der so seine besonderen Sachbücher für Kinder gestaltete.

Warum allerdings der Moritz Verlag darauf besteht, dass der Junge gestelzt altmodisch Hieronymus heißen soll, bleibt sein Geheimnis. Im niederländischen Original heißt Thé Tjong-Khings Buch Bosch – het vreemde verhaal van Jeroen, zijn pet, zijn rugsak en de bal, also Bosch – die unheimliche Geschichte von Jeroen, seinem Hund, seinem Rucksack und dem Ball. Wobei Jeroen tatsächlich die moderne Namensadaption von Jheronimus ist, wie Hieronymus in den Niederlanden genannt und geschrieben wurde.

Thé Tjong-Khings brillantes Bilderbuch ist zwar auch eine Hommage an den fantastischen Maler. Vor allem ist es aber eine ganz eigene, schaurig-schöne Geschichte, erzählt in faszinierenden Bildern, die noch lang nachhallen und dazu einladen, immer wieder in diese Welt einzutauchen.

Elke von Berkholz

Thé Tjong-Khing: Hieronymus, Moritz Verlag, 2016, 48 Seiten, ab 6, 14,95 Euro

[Gastrezension] Wenn Wünsche Flügel kriegen − oder Schuppen?

krokodil

Odd – der Held von Taran Bjørnstads Roman Der Krokodildieb – ist neun und eher sonderbar, feige und dick, so seine Selbsteinschätzung.
Daheim wird er als Jüngster oft übersehen, in der Schule wählt ihn keiner in seine Mannschaft, und die coole Nova nutzt jede Gelegenheit, ihn zu mobben. Da kann auch Mette, die Odd heimlich verehrt, nicht helfen. So träumt er von Superkräften und wittert eines Tages seine Chance.
Bei einem Projekttag im Aquarium präsentiert Tierpfleger Rolf den jungen Kaiman Zack – und Odd ist der Einzige, der sich traut, das Tier zu streicheln. Bewunderung allenthalben, Odd wächst über sich hinaus. Und plötzlich kann er nur noch an eins denken: Zack verleiht ihm Kraft, deshalb muss er ihn stehlen. Das Unmögliche gelingt!
Daheim klebt Krokodildieb Odd zur Abschreckung der Familie ein großes Schild an seine Tür, dann lässt er Zack frei und bewegt sich nur noch „oberirdisch“: vom Schreibtisch auf den Stuhl und hoch aufs Etagenbett, denn Zack verschlingt, was sich ihm bietet. Ein Handy beendet schließlich das Abenteuer: Der Kaiman streckt alle Viere von sich, und Odd kriegt Angst. Stirbt das Tier? Ihm bleibt nur eins: Zack muss zurück ins Aquarium …

Gleichberechtigt neben dem überzeugenden Text, in der Übersetzung von Maike Dörries, stehen die Illustrationen, meist in Schwarzgraugrün mit gezielten Ausflügen in andere Farbwelten. Das großzügige Layout und das besondere Format des Buches lassen dem Zeichner Raum, fast wie in einer Graphic Novel. Ungewöhnlich sind die Perspektiven und Bildausschnitte. Anrührend porträtiert ist Odd mit übergroßer Brille und von gestauchter Statur, der so überzeugend schwach und stark ist. Freundin Mette im Afrolook verkörpert das pralle Leben, Nova die geballte Übermacht. Großartig Tierpfleger Rolf mit Tattoos, Glatze und feinem Gespür. Fast lebensecht Kaiman Zack, dessen runzlige Haut man zu berühren meint und dessen Anatomie (samt Mageninhalt!) auf einer Doppelseite ebenso fasziniert wie das Aquarium mit riesigen Mantarochen und zehn verschiedenen Haiarten. Ein wenig skandinavisch schräg – und so gut!

Heike Brillmann-Ede

Taran Bjørnstad/Christoffer Grav (Illu): Der Krokodildieb, Übersetzung: Maike Dörries, Beltz + Gelberg, 2016, 128 Seiten, ab 8, 12,95 Euro

 

 

Gemeinsam stark

lesbeVor einiger Zeit habe ich hier das neueste Buch von David Levithan besprochen und mir gewünscht, des möge doch auch mal Geschichten über lesbische Liebe geben. Das Thema lag wohl in der Luft, denn nun ist Maike Steins Roman Wir sind unsichtbar im Handel.

Stein erzählt die Geschichte von Valeska und Inken. Die 15-jährige Leska färbt sich gern die Haare bunt, betreibt einen Blog und weiß, dass sie Mädchen liebt. Ihrer Familie hat sie das bereits gesagt, nur hat sie noch nie ein Mädchen geküsst. Nichts würde sie gerade lieber tun.
Auf einer Party darf sie schließlich beim Flaschendrehen Inken küssen – was eigentlich so gar nicht nach Leskas Geschmack ist, hält sie Inken doch für „traumalos“, also langweilig und uninteressant. Der Kuss ist zwar nicht besonders weltbewegend und doch merkt Leska, dass hinter Inkens makelloser Fassade etwas steckt. Die beiden Mädchen nähern sich an und verlieben sich, was jedoch – laut Inken – niemand erfahren darf. Mehr und mehr entdeckt Leska, was Inken verbirgt und was ihr Angst macht. Da Leska ein Mädchen der Tat ist und Ungerechtigkeiten nicht ausstehen kann, greift sie schließlich zu Farbe und Pinsel, um Inken zu rächen …

Maike Stein schafft es mitreißend, die zarte und zerbrechliche Gefühlswelt zweier Jugendlichen in Worte zu fassen. Leskas Blogeinträge wechseln mit der Ich-Erzählung von Leska und kurzen Flashbacks auf Inkens Erfahrungen. In den kurzweiligen Kapiteln trifft so der Mut der einen auf die Angst der anderen, doch gemeinsam entsteht schließlich eine große Liebe. Gleichzeitig macht Stein klar, dass es in unserer ach-so-vermeintlich liberalen und aufgeklärten Welt alles andere als liberal zugeht. Die Vorurteile gegenüber gleichgeschlechtlich Liebenden sind immer noch tief in unzähligen Köpfen unserer Gesellschaft verankert. Es ist nicht selbstverständlich, schon gar nicht als Teenager-Mädchen sich offen zu seiner sexuellen Identität zu bekennen, solange sie eben nicht hetero ist. Den jungen Leserinnen dieses Buches jedoch macht Maike Stein durch ihre Heldinnen mit allen Mitteln Mut, zu sich und ihrer Liebe zu stehen. Sie macht Mut, sich zu zeigen, sichtbar zu werden, nicht nur in den entsprechenden Communitys oder am CSD, sondern tagtäglich. Das ist nicht einfach, erfordert Überwindung und viel Kraft. Doch Leska zeigt Inken, dass es immer wieder auch Menschen gibt, die zu einem stehen und helfen.

Und so sollte es im wahren Leben viel öfter sein.

Maike Stein: Wir sind unsichtbarMitarbeit: Kathrin Schüler, Oetinger Taschenbuch, 2015, 192 Seiten, ab 12, 8,99 Euro

Kinderland ist abgebrannt …

mawilAm kommenden Wochenende nun jährt sich der Mauerfall. Zum 25. Mal. Wie in den vergangenen Jahren auch versuche ich mich dann immer zu erinnern, wo ich am 9. November 1989 war. Aber da ist nur ein Loch in meinem Hirn. Dieses Jahr werde ich in Barcelona weilen, während in Berlin der ehemalige Mauerstreifen illuminiert wird. Man kann eben nicht alles haben. Leider. In all dem Erinnerungsmarathon ist mir jedoch etwas ganz Feines in die Hände gefallen: Kinderland von Mavil.

Das Sandmännchen und Pittiplatsch im ersten Panel weisen den Weg: in eine Kindheit in der DDR. Drei Panels weiter steht eine blau-weiße Schlumpffigur im Setzkasten – und schon ist man als Leser im widersprüchlichen Kosmos von Mawils Graphic Novel gefangen. Darin erzählt er die Geschichte von Mirco Watzke, 13 Jahre.
Der Junge geht in die siebte Klasse, in einer Schule in Ostberlin, im Sommer 1989. Er ist ein guter Schüler, der nur zu spät kommt, wenn der Bus mal ausnahmsweise eine Umleitung fahren muss. Er ist Mitglied bei den Jungen Pionieren, sportlich unbegabt, sammelt Briefmarken und ist Messdiener in der Kirche, also eher von der unauffälligen Sorte, Typ Außenseiter. Das ändert sich, als in der Parallelklasse Torsten auftaucht. Der ist laut, selbstbewusst und kein Pionier. Das Tischtennis bringt die beiden Jungs zusammen. Gemeinsam wollen sie ein Turnier organisieren, aus Anlass des Geburtstages ihrer Pionier-Organisation. Was nicht auf die Begeisterung der Lehrerin stößt.

In diesem Sommer, zwischen Nacktbaden am See, lästiger Klassenfahrt mit fiesen Streichen, Morgenlatte und ersten hormonellen Verwirrungen beim Anblick von Mädchen, dringen nach und nach die Veränderungen, die im Land vor sich gehen, in Mircos Bewusstsein. Torstens Vater ist in den Westen abgehauen, weshalb der Junge nie im Leben dorthin will. Mircos Eltern unterhalten sich über die Fluchtversuche von Freunden, was der Junge vom Flur aus belauscht. Erst fehlt eine Mitschülerin in der Schule, später sogar eine Lehrerin. Mirco nimmt es wahr, ahnt aber nichts von der Gefahr, die hinter allem immer lauert. Das macht ihm erst Torsten klar, der sich nicht einreiht und sich vor allem nicht einschüchtern lässt. Inmitten all des schleichenden Wandels ist für Mirco jedoch immer noch das Tischtennis das Wichtigste.

In der Mitte der Graphic Novel kommt es daher zu einem spektakulären Tischtennis-Match, bei dem Mirco und Torsten gegen zwei große FDJler antreten. Wenn es vor Jahren hieß, der Film The Big Lebowski habe das Bowlen in all seiner Faszination und Schönheit in Bilder gegossen, so kann man heute sagen, dass Kinderland eine Hymne auf das Tischtennis zeichnet, komponiert, darbietet. Rasant, dynamisch und mit Schmackes saust der Pingpong-Ball von einem Panel zum nächsten, durchbricht die Begrenzungen, überspringt die Seiten, lässt sich vom Regen nicht aufhalten. Einfach großartig!
Natürlich kann man hier auch ganz wunderbar interpretatorischen Tiefsinn hineindenken – Außenseiter und Unangepasster gegen den untergehenden Staat. Der vermutlich schönste Abgesang auf die DDR und die ungewöhnlichste Hommage an den Mut der Menschen, sich aufzulehnen.
Aber auch wenn nicht, Kinderland ist ein Spaß für die Leser, selbst wenn es für Mirco und Torsten kein Spaß mehr ist. Das liegt auch an den kleinen Details die Mawil immer wieder einbaut, sei es der CCCP-Satellit, das Gorbi-Foto in der Zeitung, eine Figur namens Angela Werkel oder Mircos subversives „Amen“ statt „Immer bereit“. Der genaue Blick lohnt hier alle Mal.

Mircos Kindheit zwischen Pittiplatsch, Schlümpfen, Winnetou-West-Filmen und Depeche-Mode-Klassenfahrt-Disco-Abenden endet am 10. November 1989. Politisch wie privat sehr dramatisch. Für den Leser geht das Nachdenken  weiter. Und das Erinnern, an die Zeit vor 25 Jahren, als das Kinderland vieler verschwand und etwas anderes einkehrte …

Mawil: Kinderland, Reprodukt, 2014, 280 Seiten, 29 Euro – ausgezeichnet mit dem „Max und Moritz“-Pries Internationalen Comic-Salons Erlangen als „Bester deutschsprachiger Comic“ 2014.

Der Mangel an Mut

irminaGab es „normale Deutsche“ während der Nazizeit? Aus der zeitlichen Entfernung möchte man sagen, nein, entweder gab es stramme Nazis, feige Mitläufer oder Verfolgte. Das ist die Außensicht. Eine Sicht von innen versucht Barbara Yelin in ihrer Graphic Novel Irmina darzustellen.

Darin erzählt sie die Geschichte der anfangs 17-jährigen Irmina, die 1934 nach London geht und dort eine Ausbildung als Fremdsprachensekretärin macht. Das Mädchen träumt von der Freiheit, will reisen, arbeiten und unabhängig sein. Auf einer Party lernt sie den Oxford-Studenten Howard kennen. Howard kommt aus Barbados und wird wegen seiner dunklen Hautfarbe angefeindet. Beide sind auf ihre Art Außenseiter, denn Irmina wird zwar als zuverlässige, fleißige Deutsche geschätzt, gleichzeitig ist sie jedoch keine Emigrantin und muss immer wieder Fragen zur Politik in Deutschland beantworten. Doch Irmina hat keine Antworten, sie changiert zwischen Trotz und Naivität, kann die Verhältnisse aus der Ferne nicht genau einschätzen.
Halt gibt ihr die Freundschaft zu Howard, die sich langsam in Liebe verwandelt.
Dann jedoch muss  Irmina nach Deutschland zurück, da die Eltern kein Geld mehr ins Ausland schicken dürfen, ihr Zimmer für eine Emigrantin gebraucht wird und sie nicht den Mut hat, sich einen Job zu suchen. Irmina verspricht Howard, so schnell wie möglich zurückzukommen.
In Deutschland findet sie zwar Arbeit im Kriegsministerium, doch das Gehalt ist schmal und ihr Antrag, nach London versetzt zu werden, wird abgelehnt. Gerade als sie sich mit geliehenem Geld ein Schiffsticket nach London gekauft hat, kommt einer ihrer Briefe an Howard zurück mit dem Vermerk „unbekannt verzogen“. Daraufhin gibt sie den Avancen des Architekten Gregor nach, heiratet ihn, bekommt einen Sohn, wird zur Hausfrau und  Mitläuferin und Profiteurin des Regimes. Ihr mangelnder Mut wandelt sich in die Schuld, sich arrangiert, weggesehen und den Mund gehalten zu haben.

Yelin lenkt mit ihren gedämpft grau-braunen Panels den Blick auf das alltägliche Schicksal einer jungen Frau, deren Träume zerplatzen, die ganz auf sich gestellt ist. Die Not, der Kampf ums Überleben scheinen sie zu ihren Entscheidungen zu zwingen. Der Leser hingegen sieht die Alternativen, hadert mit ihr Angst, meint es besser zu wissen, wünscht ihr mehr Mut, empört sich über ihre Feigheit und ihr Schweigen – und hat doch auch keine Lösungen parat. Denn die Frage: „Was hätte ich damals getan?“ kann niemand wirklich beantworten, der nicht dabei gewesen war. Aber genau über dieser Frage denkt man nach der Lektüre dieser Graphic Novel verstärkt nach. Und leidet dann mit Irmina umso mehr mit, als sie nach Jahren, als alte Frau, Howard noch einmal wiedersieht und ihr die verpasste Chance so überdeutlich vor Augen geführt wird.

Irminas Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht, macht nachdenklich und zwar sehr. Yelin zeigt, wie es Menschen damals gegangen sein könnte, ohne es platt zu verurteilen. Das besorgt der Leser selbst, obwohl es kaum einfache Lösungen und Antworten gibt. Wie so oft im Leben. Aber Irmina mahnt und macht Mut, öfter mal mutig zu sein.

Barbara Yelin: Irmina, Reprodukt, 2014, 300 Seiten, 39 Euro