Zeitreise nach Ostberlin

krauseWir nähern uns ja schon wieder den Jahrestagen, und in gar nicht all zu langer Zeit „nullt“ der Mauerfall. Jaja. Dreißig Jahre ist es dann her, dass die DDR sich abschaffte und der Westen zugriff. Wir Älteren erinnern uns noch, so einigermaßen. Die Jüngeren, die nach der Jahrtausendwende Geborenen, kennen höchstens unsere Anekdoten und die „Damals-war-alles-anders“-Geschichten. Nicht immer können wir (ich als Westfrau schon mal gar nicht) das Gefühl, wie es denn in dieser DDR wirklich war, noch mitreißend vermitteln. Mag sein, dass es Ost-Groß-Eltern noch gelingt, aber allen anderen?

Eine spannende Version hat nun Ute Krause vorgelegt mit ihrem Kinder-Roman Im Labyrinth der Lügen. Darin versetzt sie junge Leser_innen in die Mitte der Achtziger Jahre nach Ostberlin. Paul, 12, wohnt bei seiner Großmutter und seinem Onkel Henri, nachdem seine Eltern versucht haben, über Ungarn das Land zu verlassen. Sie sind erwischt und eingesperrt worden. Nun bekommt Paul die Nachricht, dass seine Eltern von der Bundesrepublik freigekauft wurden.

Natürlich ist ihm nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass er seine Eltern vielleicht nie mehr wiedersehen wird. Doch seine Oma und Onkel Henri tun ihr Bestes, damit der Junge nicht verzweifelt. So darf Paul den Onkel abends im Pergamonmuseum besuchen, wenn Oma im Hotel Metropol als Klofrau arbeiten muss. Allein im Museum, nur mit Onkel Henri, das ist aufregend und gruselig zugleich. Paul meint ungewöhnliche Geräusche zu hören. Der Onkel jedoch beruhigt ihn – versucht er zumindest.

Das gelingt jedoch nur mäßig, vor allem seit Paul die neue Mitschülerin Millie kennengelernt hat, deren Vater im Berliner Ensemble arbeitet. Gemeinsam streifen die beiden durch das Ostberlin rund um die Museumsinsel, beobachten, wie Onkel Henri ein merkwürdiges Paket hin- und herträgt, und fangen an, sich Fragen zu stellen: Zu dem, was die Erwachsenen ihnen erzählen, was Henri wohl verbirgt, über was man reden und worüber man am besten schweigen sollte. Sie vertrauen einander, doch irgendwo ist ein „Leck“ und eines Tages ist die Wohnung von Oma durchwühlt und Onkel Henri verschwunden.

Man könnte nun annehmen, es hier mit einer aktuelleren Version von Emil und die Detektive oder Pünktchen und Anton zu tun zu haben. Doch dem ist nicht so – denn in dem System der DDR bleibt den Kindern nicht viel Spielraum, selbst zu ermitteln. Zu schnell stoßen sie im eigenen Land an Grenzen, und sei es, dass Paul sogar am heimischen Küchentisch nicht mehr laut und unbeschwert reden kann, weil die Wohnung verwanzt ist.
So lösen am Ende zwar nicht die Kinder das Rätsel um Henri – es wird ihnen dann doch von den Erwachsenen erzählt –, aber sie und mit ihnen die Leser_innen bekommen einen fesselnden Eindruck davon, wie sehr vor mehr als dreißig Jahren die Atmosphäre in Ost- und Westberlin durch Misstrauen und Überwachung vergiftet war: Nicht linientreue Mitbürger wurden abgestraft, indem sie ihre Jobs oder Studienplätze verloren, Privatsphäre selbst in der eigenen Wohnung existierte so gut wie nicht und wenn jemand das Land verlassen wollte, wurde die Familie quasi in Sippenhaft genommen. So musste Paul eine Zeit in einem Kinderheim verbringen, ohne dass seine Oma wusste, wo der Junge eigentlich war. Eine schreckliche Vorstellung, die jedoch die Härte des DDR-Systems noch einmal eindrücklich zeigt, da nicht einmal vor den Kindern Halt gemacht wurde.

Fast nebenbei gelingt es Ute Krause zudem den Fremdenhass, den es offiziell in der DDR nicht gab, der jedoch im Alltag spürbar gewesen ist, einzuflechten. Das Mädchen Millie hat nämlich eine kubanische Mutter und daher dunkle Haut und schwarze Haare, was sie auffällig macht und ihr den Spott der Mitschüler einbringt.

Diese Facetten des DDR-Alltags verwebt Krause in Kombination mit einem Rätsel um das Pergamonmuseum zu einer fesselnden Agentengeschichte, der – zumindest für mich als Westsozialisierte – die beklemmende Atmosphäre des Stasi-Staates durchaus anhängt. Vielleicht sehen die in der DDR aufgewachsenen Menschen das anders – es wäre eine interessante Diskussion.

Im Glossar finden sich schließlich die Erklärungen zu den wichtigsten Begriffen aus DDR-Zeiten, die erwachsene Leser im Text vermutlich überhaupt nicht stören, weil sie altbekannt sind, die Kinder von heute jedoch irritieren können.
Schön ist zudem, dass im Vorsatz vorn und hinten Karten von der Museumsinsel und von Osterberlin eingefügt sind. Eine Karte des geteilten Deutschlands ergänzt diesen geografischen Überblick, der noch einmal das veranschaulicht, was heute in der Landschaft des Grünen Bandes und auf dem Mauerstreifen in Berlin kaum noch zu erkennen ist und man nur noch sieht, wenn man etwas darüber weiß.

Eins darf man bei diesem Buch allerdings nicht: sich von dem Cover abschrecken lassen. Mir sagt die Fotomontage aus sommerlich gekleidetem Jungen der Gegenwart vor der Rykestraße aus DDR-Zeiten in einer Farbgebung aus den Siebzigern nicht zu, auch wenn ich die Rykestraße sehr schön finde.  Zumal – jetzt werde ich mal wieder pingelig: An den Bäumen in der Straße sind keine Blätter, sprich: Es ist also Winter. Und der Winter in Berlin ist eisig. Da läuft kein Mensch im T-Shirt rum… Wer das also entspannt sehen kann, wird mit einer atmosphärisch dichten Geschichte belohnt, die der jungen Leserschaft einen annähernd authentischen Einblick in die DDR-Zeit gibt.
Mit diesem Wissen kann das dreißigjährige Jubiläum des Mauerfalls im kommenden Jahr dann mit noch mehr Wissen begangen werden. Und der nächste Familienausflug nach Berlin wird auf jeden Fall noch erhellender!

Ute Krause: Im Labyrinth der Lügen, cbt, 2018, 288 Seiten, ab 10, 8,99 Euro

Mehr als Wiedervereinigung

geschichteDie Sonne strahlte heute über Deutschland, das ein Vierteljahrhundert Wiedervereinigung feierte. Ein merkwürdiges Datum, von dem ich nicht mehr weiß, warum es genau auf diesen Tag gelegt wurde. Das verrät auch Peter Zolling in seinem seinem Werk Deutsche Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart nicht. Zwar erfahre ich, dass am 3. Oktober 1990 „das Grundgesetz in ganz Deutschland in Kraft trat und die Einheit verwirklicht war“, aber wieso gerade dieser Tag dafür ausgewählt worden war, bleibt im Dunkeln. Wahrscheinlich hat man damals gewürfelt, oder einfach nach einem passenden Termin für einen weiteren Feiertag zwischen Ostern, Pfingsten, Sommerferien und Weihnachten gesucht. Mir soll es recht sein. Vor 25 Jahren jedenfalls stand ich in Florenz auf dem Ponte Vecchio und wurde gefragt, ob die Deutschen denn nun glücklich seien, so wiedervereint. Ich hatte damals keine Antwort darauf, zu sehr ging mir die großdeutsche Euphorie auf den Senkel. Die Beurteilung der aktuellen Ereignissen hat mich in jener Zeit ziemlich überfordert. Heute ist es manchmal auch nicht viel einfacher. Zu komplex scheint die Welt zu sein, zu undurchsichtig die Machenschaften der Politik und der Wirtschaft.

Für die Einordnung von Vergangenem und Tagesgeschäft durch Historiker bin ich daher immer dankbar. Zollings Werk, das jetzt in aktualisiert Form vorliegt, liefert einen grundlegenden Überblick über fast 170 Jahre deutsche Geschichte. Dabei reiht er nicht nur die Fakten aneinander, sondern bringt dem Leser auch die Akteure aus Politik und Gesellschaft mit ihren menschlichen Abgründen näher. Neben den klassischen Stationen – Reichsgründung, Kaiserreich, Weltkriege und Weimarer Republik, Nazi-Diktatur, Teilung, RAF-Terror, Bonner Republik und Wiedervereinigung – reicht Zollings Abriss nun bis zum Sommer diesen Jahres heran.
Die deutsche Politik der ersten anderthalb Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts ist dabei in verstärktem Maße von den globalen Einflüssen und Katastrophen geprägt. Dies wird gerade in der komprimierten Darstellung offensichtlich und eindrucksvoll. Es wird deutlich, wie wenig wir uns hier nur um unseren Kram kümmern können, sondern immer weiter über den Tellerrand hinausblicken müssen, sei es in Sachen Umwelt- oder aktuell in der Flüchtlingspolitik.

Zollings Buch kann eine gute Ergänzung zu den Geschichtsbüchern der Schule sein, jugendliche Leser müssen sich jedoch auf eine journalistisch geprägte Sprache einstellen, die manchmal nicht ganz einfach zu verstehen ist.

Peter Zolling: Deutsche Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart. Macht in der Mitte Europas, Hanser, 2015, 448 Seiten,  ab 12, 21,90 Euro

Illustrierte Geschichtsstunde

trebisandBei manchen öffentlichen Veranstaltungen tut es mir in der Seele weh, dass nur ganz wenige Menschen den Weg dorthin finden. Gestern war so eine Veranstaltung: Die Comiclesung von Treibsand im hippen Nochtspeicher auf St. Pauli in Hamburg. Die beiden Autoren Max Mönch und Alexander Lahl stellten ihr Werk einem knappen Dutzend Zuhörern vor. Sie, und vor allem ihre Geschichte, hätten wahrlich mehr Publikum verdient.

Lahl und Mönch lasen in verteilten Rollen aus ihrer Graphic Novel, offenbarten sich als ein eingespieltes Team. Die Bilder wurden hinter ihnen an die Wand projiziert. Gezeichnet von Kitty Kahane, die zu meinem großen Bedauern leider nicht dabei sein konnte, erzählen sie von dem amerikanischen Journalisten Tom Sandman, der von seinem Zeitungschef im Sommer 1989 zunächst nach China, dann nach Deutschland geschickt wird – immer auf der Suche nach der Story, die den Fall des Kommunismus schildert. Sandman, gequält von Zahnschmerzen und Alpträumen, erlebt das Massaker auf dem Tianamen-Platz und dann die letzten Tage der DDR.
In Berlin wird ihm Ingrid zur Seite gestellt. Die junge Frau wurde nach einem missglückten Fluchtversuch von der BRD freigekauft. Sie kennt die Verhältnisse in der DDR und instruiert Sandman. Die beiden kommen sich näher, und plötzlich steckt der Amerikaner in den komplizierten Verhältnissen einer Ostfamilie, die durch Linientreue, Flucht und Verrat auseinander gerissen wurde.
Sandman tut seinen Job als Journalist und sitzt schließlich am 9. November 1989 in der stinklangweiligen Pressekonferenz von Schabowski. Als der italienische Kollege Ricardo Ehrmann die Frage nach dem Reisegesetzentwurf stellt, Schabowski sich an „den Zettel“ erinnert und mitteilt, dass die Reiseerleichterungen unverzüglich, ab sofort gelten, da wird Sandman von seinen Zahnschmerzen besiegt. Ohnmächtig wird er in die Charité gebracht und verpennt den Fall der Mauer.

Die Graphic Novel Treibsand ist in gerade einmal acht Monaten entstanden. Allein vier davon hatte Kitty Kahane für die Zeichnungen gebraucht. Eine Mammutleistung, die meinen höchsten Respekt hat. Kahanes grober, fast krakeliger Zeichenstil passt hervorragend zu den gezeigten Geschehnissen, denn dieser Stil überhöht nicht, verherrlicht nicht, sondern bringt eine Distanz und eine Kritik mit sich, die gegenüber dem DDR-Regime nötig ist.
Mönch und Lahl haben auf der faktischen Ebene der Geschichte saubere Arbeit geleistet. Von den Ereignissen in der Prager Botschaft – Genschers berühmter Halbsatz ist hier endlich mal ausgeschrieben – über die Protestbewegung in den Kirchen bis zur Pressekonferenz und der Öffnung des Schlagbaums an der Bornholmer Straße stimmt alles. Sie schildern zudem noch die Ereignisse vom 10. November, an dem Egon Krenz die NVA in erhöhte Gefechtsbereitschaft versetzte, eine militärische Eskalation wäre durchaus möglich gewesen – was im Jubel damals wie heute gern vergessen wird. Warum nichts damals nichts passierte, wird nicht aufgelöst.
Zudem reichern die Autoren die Geschehnisse mit verschiedenen Episoden aus der DDR-Zeit an: Grenzzwischenfälle, der Fluchtversuch Ingrids, der Verrat in der Familie. Auch das beruht auf realen Tatsachen. Man bekommt einen fast sachlichen Eindruck, wie die Stimmung in der DDR gewesen war.

Dennoch hadere ich ein bisschen mit Treibsand. Was für mich an der Figur von Tom Sandman liegt. Er kommt als Betrachter von außen, erzählt in der Rückschau mit 25 Jahren Abstand, als Journalist, der perfekt recherchieren und die Leute ausfragen kann. Und obwohl er sich damals in Ingrid verliebt und zeitweise Teil ihrer Familie wird, bleibt er ein Fremdkörper. So spult sich die Geschichte sehr korrekt, sehr gradlinig, sehr informativ, sehr detailliert vor dem Leser ab, doch für mich irgendwie emotionslos. Sandman bleibt mir fremd, da helfen auch seine Alpträume nicht, von den anderen Figuren erfahre ich nur das, was er erzählt, es bleibt eine Distanz – und das finde ich bei einem der emotionalsten Momente der deutschen Geschichte ein bisschen schade.

Max Mönch/Alexander Lahl/Kitty Kahane: Treibsand, Eine Graphic Novel aus den letzten Tagen der DDR, Walde und Graf bei Metrolit, 2014, 176 Seiten, 20 Euro

Kinderland ist abgebrannt …

mawilAm kommenden Wochenende nun jährt sich der Mauerfall. Zum 25. Mal. Wie in den vergangenen Jahren auch versuche ich mich dann immer zu erinnern, wo ich am 9. November 1989 war. Aber da ist nur ein Loch in meinem Hirn. Dieses Jahr werde ich in Barcelona weilen, während in Berlin der ehemalige Mauerstreifen illuminiert wird. Man kann eben nicht alles haben. Leider. In all dem Erinnerungsmarathon ist mir jedoch etwas ganz Feines in die Hände gefallen: Kinderland von Mavil.

Das Sandmännchen und Pittiplatsch im ersten Panel weisen den Weg: in eine Kindheit in der DDR. Drei Panels weiter steht eine blau-weiße Schlumpffigur im Setzkasten – und schon ist man als Leser im widersprüchlichen Kosmos von Mawils Graphic Novel gefangen. Darin erzählt er die Geschichte von Mirco Watzke, 13 Jahre.
Der Junge geht in die siebte Klasse, in einer Schule in Ostberlin, im Sommer 1989. Er ist ein guter Schüler, der nur zu spät kommt, wenn der Bus mal ausnahmsweise eine Umleitung fahren muss. Er ist Mitglied bei den Jungen Pionieren, sportlich unbegabt, sammelt Briefmarken und ist Messdiener in der Kirche, also eher von der unauffälligen Sorte, Typ Außenseiter. Das ändert sich, als in der Parallelklasse Torsten auftaucht. Der ist laut, selbstbewusst und kein Pionier. Das Tischtennis bringt die beiden Jungs zusammen. Gemeinsam wollen sie ein Turnier organisieren, aus Anlass des Geburtstages ihrer Pionier-Organisation. Was nicht auf die Begeisterung der Lehrerin stößt.

In diesem Sommer, zwischen Nacktbaden am See, lästiger Klassenfahrt mit fiesen Streichen, Morgenlatte und ersten hormonellen Verwirrungen beim Anblick von Mädchen, dringen nach und nach die Veränderungen, die im Land vor sich gehen, in Mircos Bewusstsein. Torstens Vater ist in den Westen abgehauen, weshalb der Junge nie im Leben dorthin will. Mircos Eltern unterhalten sich über die Fluchtversuche von Freunden, was der Junge vom Flur aus belauscht. Erst fehlt eine Mitschülerin in der Schule, später sogar eine Lehrerin. Mirco nimmt es wahr, ahnt aber nichts von der Gefahr, die hinter allem immer lauert. Das macht ihm erst Torsten klar, der sich nicht einreiht und sich vor allem nicht einschüchtern lässt. Inmitten all des schleichenden Wandels ist für Mirco jedoch immer noch das Tischtennis das Wichtigste.

In der Mitte der Graphic Novel kommt es daher zu einem spektakulären Tischtennis-Match, bei dem Mirco und Torsten gegen zwei große FDJler antreten. Wenn es vor Jahren hieß, der Film The Big Lebowski habe das Bowlen in all seiner Faszination und Schönheit in Bilder gegossen, so kann man heute sagen, dass Kinderland eine Hymne auf das Tischtennis zeichnet, komponiert, darbietet. Rasant, dynamisch und mit Schmackes saust der Pingpong-Ball von einem Panel zum nächsten, durchbricht die Begrenzungen, überspringt die Seiten, lässt sich vom Regen nicht aufhalten. Einfach großartig!
Natürlich kann man hier auch ganz wunderbar interpretatorischen Tiefsinn hineindenken – Außenseiter und Unangepasster gegen den untergehenden Staat. Der vermutlich schönste Abgesang auf die DDR und die ungewöhnlichste Hommage an den Mut der Menschen, sich aufzulehnen.
Aber auch wenn nicht, Kinderland ist ein Spaß für die Leser, selbst wenn es für Mirco und Torsten kein Spaß mehr ist. Das liegt auch an den kleinen Details die Mawil immer wieder einbaut, sei es der CCCP-Satellit, das Gorbi-Foto in der Zeitung, eine Figur namens Angela Werkel oder Mircos subversives „Amen“ statt „Immer bereit“. Der genaue Blick lohnt hier alle Mal.

Mircos Kindheit zwischen Pittiplatsch, Schlümpfen, Winnetou-West-Filmen und Depeche-Mode-Klassenfahrt-Disco-Abenden endet am 10. November 1989. Politisch wie privat sehr dramatisch. Für den Leser geht das Nachdenken  weiter. Und das Erinnern, an die Zeit vor 25 Jahren, als das Kinderland vieler verschwand und etwas anderes einkehrte …

Mawil: Kinderland, Reprodukt, 2014, 280 Seiten, 29 Euro – ausgezeichnet mit dem „Max und Moritz“-Pries Internationalen Comic-Salons Erlangen als „Bester deutschsprachiger Comic“ 2014.

[Jugendrezension] Ein aufregender Sommer

miaManchmal können unmögliche Wünsche wahr werden. Davon erzählt das Buch Mein Sommer mit Mia vom Berliner Autor Karsten Stollwerck.

In der Geschichte geht es um den 11-jährigen Meik, der 1989 in West-Berlin wohnt.
Meik wundert sich ständig, wie kompliziert es mit der DDR und West-Berlin ist. Als er einmal seine Cousine in Ost-Berlin besucht, lernt er Mia kennen, die bald seine beste Freundin wird.
Zusammen mit Meiks Cousine fahren sie in den Sommerferien zum Zelten und unternehmen viele Dinge. Als sie zurückkehren, fällt Meik auf, dass auf der Karte der DDR an Stelle von West-Berlin nur ein weißer Fleck ist. Wieder wundert er sich.
Als er dann auch noch erfährt, wie schlecht die Bedingungen in der DDR sind, beschließt er, einen Tunnel zu graben, um Mia nach West-Berlin zu holen. In der Nacht schleicht er mit einem Freund an die Mauer. Dabei werden die Jungs fast erwischt.

Nachdem dieser Plan nicht funktioniert hat, denkt Meik über alles mögliche Andere nach. Plötzlich erfährt er, dass in Ungarn die Grenze geöffnet wurde. Als er das nächste Mal mit Mia telefoniert, will er ihr das sagen, doch seine Mutter verhindert das, um die Stasi nicht aufmerksam zu machen.
Ein paar Tage danach hört er von einer Demonstration in Leipzig, bei der Verwandte von ihm waren. Als die Demonstration nichts bewirkt, ärgert sich Meik.

Doch einige Nächte später hupt es vor Meiks Haus: Er hört Menschen schreien, dass die Grenze offen sei …

Mein Sommer mit Mia ist spannend und ernst, da es die Realität aus dem Sommer 1989 vor dem Mauerfall behandelt. Ich würde das Buch wegen des Themas ab elf Jahren empfehlen, für mutige Leser schon ab zehn.

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Karsten Stollwerck: Mein Sommer mit Mia, Ravensburger Buchverlag, 2014, 224 Seiten, ab 10, 7,99 Euro

Von Schuld und Unschuld

schuldGute Bücher über den Fall der Mauer und die Flucht aus der DDR gibt es zuhauf, zum Beispiel  Tonspur. Das Schicksal der Kinder von Stasi-Mitarbeitern wird eher selten literarisch verarbeitet. Die Lebensläufe von Kindern hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter hat Ruth Hoffmann vor zwei Jahren in ihrem Sachbuch Stasi-Kinder erzählt.

Nun liefert Grit Poppe einen Jugendbuch-Roman zu diesem Thema. Schuld spielt in den Jahren 1988/89 sowie 1992 und erzählt von den 15-jährigen Jugendlichen Jana und Jakob.
Jana kommt neu in eine Schule am Rande von Ostberlin. Vom ersten Moment an fühlt sie sich zu dem Außenseiter Jakob hingezogen. Dessen Eltern haben einen Ausreiseantrag gestellt. Jakob selbst schreibt und verteilt illegal Flugblätter, engagiert sich im Neuen Forum und kämpft für Meinungsfreiheit. Eines Tages gibt er Jana ein solches Flugblatt, das sie bei sich zu Hause versteckt.

Als diese Flugblätter auch in der Schule auftauchen, fliegt Jakob erst von der Schule, später finden Stasileute einen weiteren Entwurf mit einem Aufruf zur Demo bei ihm. Der Junge kommt in Untersuchungshaft, wird verurteilt und in das Jugendgefängnis Halle gesteckt.
Jana ist verzweifelt. Zum einen, weil sie nicht weiß, wann und ob sie Jakob wiedersehen wird, zum anderen, weil ihre Eltern, linientreue Sozialisten, beständig gegen sie und ihre Beziehung zu Jakob arbeiten. Sie verbieten ihr schließlich, Jakob zu schreiben.
Jana ist da jedoch schon lange in der Protestbewegung engagiert, in die Jakob sie eingeführt hat, und lässt sich von ihrem Weg nicht abbringen.

Grit Poppes Roman Schuld schildert die letzen Jahre der DDR konsequent aus den Perspektiven von Jana und Jakob. Vor allem bei Jana ist das sehr beeindruckend gelungen, den das Mädchen durchschaut erst nach und nach das Überwachungssystem der DDR. Die Rebellion gegen den Staat geht mit der Rebellion gegen die Eltern einher – das verzahnt Poppe so geschickt, dass man eigentlich nicht weiß, was zuerst war. Allerdings bleibt Jana die perfide Ausspionierung durch den eigenen Vater bis zu letzt verborgen. Nur im Leser, vor allem im erwachsenen, macht sich ein fieses Gefühl von Abscheu breit.
Mit Jakob hingegen erlebt man die grausamen Zustände, die in den DDR-Jugendknästen geherrscht haben. Nach ihren Romanen Weggesperrt und Abgehauen zeigt Poppe auch hier noch einmal, wie sehr Jugendliche in der DDR gelitten haben, wenn sie nicht dem Ideal der vorgegebenen Doktrin entsprachen.

25 Jahre nach dem Mauerfall macht Grit Poppe mit ihren Büchern die dunkle Geschichte der DDR für junge Leser anschaulich und lebendig. Was in den Schulen meist nur als Faktenansammlung vermittelt wird, reichert sie mit Gesichtern, persönlichen Schicksalen und jeder Menge Emotionen an. Schuld legt man daher nicht mehr aus der Hand, man leidet mit den beiden Helden bis zur letzten Seite mit, ist gleichzeitig erleichtert, wie frei wir heute leben, wundert sich dann aber auch, wie wenig momentan noch protestiert wird (Gründe gäbe es genug).

Grit Poppe: Schuld, Dressler Verlag, 2014, 365 Seiten, ab 14, 9,99 Euro

Soundtrack einer Flucht

tonspurMusik kann ein starker Motor sein. Das muss man wohl niemandem erklären. Was wir nur heute gern vergessen, ist, dass wir diesbezüglich in einer überaus bequemen Welt leben, in der jede Art von Musik jederzeit verfügbar ist, selbst nachts übers Internet können wir so gut wie alles kaufen, streamen, kopieren. Dass es Zeiten und Länder gab, in denen das alles anderes als selbstverständlich war, davon erzählen Olaf Hintze und Susanne Krones in Tonspur.

Doch es geht natürlich um mehr als Musik, denn bei dieser Geschichte handelt es sich um Hintzes autobiografischen Bericht, wie er im Sommer 1989 aus der DDR flüchtet. Aber die Musik aus dem Westen ist einer der treibenden Faktoren, die den damals 25-Jährigen dazu bringen, Eltern, Geschwister, Freunde zu verlassen. Hintze ist ein Kulturmensch, der ohne Musik und Literatur nicht leben kann und will. Die Einschränkungen, die der sozialistische Staat ihm auferlegt, drücken mit der Zeit immer mehr. Sein Wunsch nach Abitur und Studium bleibt ihm unerfüllt, da sich der Junge nicht den politischen Vorgaben und Ansprüchen der DDR-Gesellschaft anpasst. Auf eine ruhige Art bleibt Hintze ein Außenseiter, für den Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“ zu einem Wegweiser und Lebensbuch wird.

Im August 1989 reist Hintze mit Freunden durch Rumänien und Bulgarien, setzt sich schließlich von der Gruppe ab und fährt nach Sopron. Er erkundet die Gegend, sucht nach Möglichkeiten, die Stacheldrahtzäune der österreich-ungarischen Grenze zu überwinden. Dass die Grenze durchlässig geworden ist, entnimmt er westdeutschen Zeitungen. Dennoch ist er sich der Gefahr bewusst, der er immer noch ausgesetzt ist. Seine Flucht gelingt – allerdings anders, als man es bei dem Ort Sopron gemeinhin denken mag.

Tonspur ist auf eine ganz besondere Art ein packendes Buch. Die Schilderung von Olaf Hintzes Flucht ist verpackt in die Erinnerung an seine Kindheit in der DDR. Er erzählt vom Alltag des Mangels, vom Schlangestehen, von den kleinen Gefälligkeiten für ein bisschen besseres Leben. Von einer Schule, in der die politische Haltung wichtiger ist als das Wissen, von einer Zeit bei der Armee, die eigentlich nur Schikane ist, von seiner Leidenschaft für Nachrichtentechnik und selbstgebastelten Radios. Und davon wie er sich bei jeder Gelegenheit, in der DDR kaum zu bekommende Musik-Platten besorgt. So unspektakulär sich das vielleicht anhört, so sehr zieht einen dieser scheinbar ewige Hindernislauf in den Bann.
Flankiert wird der Text von Fotos aus Hintzes Leben – und Abbildungen von den Beschriftungen seiner geliebten Mixtapes. Die sind einfach rührend, denn lange Zeit hatte Hintze keine Möglichkeit, die Namen der Künstler und die englischen Titel irgendwo abzuschreiben. Lautmalerisch hat er die aufgezeichneten Künstler und Songtitel dokumentiert, so dass man dort dann von „Mikel Schäksen“ und „Biedet“ liest. Mag man im ersten Reflex grinsen, so offenbaren diese liebenswerten Kleinigkeiten doch die immens große Sehnsucht nach selbstbestimmtem Musikgenuss und im Endeffekt nach Freiheit.

Im Jahr 25 nach dem Mauerfall stellt Tonspur eine rundum gelungen Erinnerung an eine Welt von Gestern dar, an die ältere Generationen sich noch erinnern, manche sie möglicherweise verherrlichen werden, die die jüngeren Leser aber nicht mehr kennen. In der Geschichte von Hintze und Krones finden sie einen klaren Blick auf das „normale“ Leben in der DDR, der gleichzeitig den Luxus unserer Welt von Heute spiegelt und zeigt, wie wertvoll ein selbstbestimmtes Leben ist.

Olaf Hintze/Susanne Krones: Tonspur – Wie ich die Welt von gestern verließ, dtv/Reihe Hanser, 2014, 360 Seiten, ab 14, 14,95 Euro

Den Aufstand wagen

aufstandKaum eine Woche ohne Jahrestage. Heute jährt sich der Aufstand des 17. Juni zum 60. Mal. Jetzt könnte man sich fragen, was die aufwühlenden Tage im Sommer 1953 in der DDR mit Kinder- und Jugendbüchern zu tun hat. Eigentlich nicht viel, denn in diesem Bereich gibt es scheinbar keine aktuellen Publikationen zu diesem Thema. Zwei Bücher sind mir dennoch in die Hände gefallen: Tage wie Jahre von Klaus Kordon aus dem Jahr 1986 und die Graphic Novel für Erwachsene 17. Juni – Die Geschichte von Armin & Eva von Kitty Kahane, der in diesem Frühjahr erschienen ist.

In Tage wie Jahre befasst sich Klaus Kordon sich mit den Zuständen in der DDR von 1953. Es ist der zweiten Teil seiner Trilogie über den Jungen Frank.
Frank, der mit seiner Mutter und seinem Stiefvater „Onkel Willi“ im Prenzlauer Berg lebt, ist das, was man früher als „Lausbube“ bezeichnet hat. Er ist zwar schlau, aber faul in der Schule und wird daher sitzen bleiben. Mit seinem Freund Kalle heckt er zunächst jedoch aus, dass sich die Jungs alle einen „Igel“ schneiden lassen, damit der verhasste Klassenlehrer sie nicht mehr an den Haaren ziehen kann. Während dieses schulischen Mini-Aufstandes braut sich in der Stadt, in der Stalin-Allee, der richtige Aufstand zusammen. Die Bauarbeiter protestieren gegen die erhöhten Arbeitsnormen, gegen die Fehler der SED und die DDR-Regierung. Was zunächst nur ein Protest gegen überzogene sozialistische Ansprüche war, wandelt sich in den Tagen im Juni zu einer politischen Revolte gegen das System.

Frank erfährt davon zunächst nur über einen Bekannten, der in Friedrichshain auf dem Bau arbeitet. Als jedoch der Ausnahmezustand verhängt wird, abends die Sperrstunde erlassen wird und das Gerücht von einem neuen Krieg die Runde macht, hält es den Jungen nicht mehr in seinem Kiez. Zusammen mit Kalle macht er sich auf nach Mitte, zum Alexanderplatz, von dort laufen sie zum Potsdamer Platz – und erleben, wie sowjetische Panzer aufziehen und schließlich tatsächlich Schüsse fallen.

Tage wie Jahre ist ein schmales Büchlein, das im Handel leider nur noch antiquarisch zu bekommen ist, aber Klaus Kordon fängt dort die Stimmung und die Lebenszustände in der DDR acht Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges ein. Die wirtschaftliche Lage im sowjetischen Sektor der Stadt ist prekär, Menschen verschwinden – es heißt, sie sind in den Westen geflüchtet –, andere werden verhaftet, angeblich aus politischen Gründen. Doch noch ist die Grenze in den Westen offen, und auch Frank macht sich an einem Tag auf, um von dort Schmerzmittel für die Mutter zu besorgen.

Klaus Kordons Text ist fast 30 Jahre alt, und das merkt man ihm an der langsamen, betulichen Erzählweise durchaus an. Gleichzeitig spiegelt sich in seiner Sprache das Nachkriegsdeutschland, in dem man Loser noch als „Nulpe“ bezeichnete – ich gebe es zu, ich liebe dieses Wort. Ein bisschen hat mich das an Stups und Lange Latte von Kurt Friedrich erinnert, dasmein Vater als Junge gelesen hat und das ich Jahre später selbst verschlugen habe. Moderne Literatur ist das natürlich nicht, aber das wohlige Gefühl von damals ist geblieben. Ansatzweise habe ich das bei Klaus Kordon wiedergefunden – trotz der dramatischen Ereignisse, die er schildert.

Falls doch noch junge Leser dieses Buch in die Hand nehmen – vielleicht gibt es das noch in gut bestückten Bibliotheken oder Bücherhallen –, werden sie dort auf jeden Fall einen guten Eindruck, über die Zustände in der DDR der 1950er Jahre und die Unterschiede zwischen Ost und West bekommen.
Diese spannende Episode der deutschen Geschichte könnte aber durchaus eine aktuelle Neugestaltung für Kinder und Jugendliche vertragen.

17. juniEin gelungenes Beispiel dafür – allerdings für Erwachsene – ist der Comic 17. Juni – Die Geschichte von Armin & Eva. Er wurde von Kitty Kahane gezeichnet, die Historiker Lahn, Köhler und Mönch haben die Geschichte recherchiert, konzeptioniert und die Texte geschrieben.

Sie erzählen in einem etwas verschachtelten Plot, wie Eva kurz nach der Wende ein Päckchen von Armin bekommt. Der Bote war ein Mitgefangenen von Armin im russischen Arbeitslager Workuta. Er erzählt Eva von Armins Schicksal. Dieser war kurz nach dem Aufstand des 17. Juni verschwunden – verschleppt von der ostdeutschen Polizei, die ihn dann den Russen ausgeliefert hat.

Eva hatte damals ihren Cousin Eddie, einen Reporter aus Westberlin, um Hilfe gebeten und nach Armin suchen lassen. Die beiden wollten heiraten. Eddie macht sich im Stahlwerk Hennigsdorf, im Nordwesten von Berlin im sowjetischen Sektor gelegen, auf Spurensuche. Doch im Stahlwerk trifft er auf eine Mauer des Schweigens. Erst ein Informant, der die Geschichte vom 17. Juni veröffentlicht sehen will, erzählt Eddie, was an den Tagen des Aufstandes im Stahlwerk und in Berlin passiert ist.

Die Verschachtelung der Plot-Stränge hat mich zunächst etwas verwirrt, doch sobald man in die Erzählung von den Streiks im Stahlwerk eintaucht und den Marsch der Arbeiter nach Ostberlin miterlebt, ist man gefangen von den Ereignissen und den kriegsähnlichen Zuständen in Ostberlin.
Vier längere Textpassagen klären über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR auf – und sie erzählen, dass der Aufstand des 17. Juni bis in das russische Arbeitslager Workuta wirkte. Auch dort traten die Gefangenen in den Streik und verweigerten die Arbeit in den Kohlegruben. Doch dort schlug die Staatsmacht noch gnadenloser zu als in der DDR. Die Aufstände endeten blutig.

Kitty Kahanes stahlblaue Panels mit dem fast krickeligen Strich zeigen wenig bekannte Facetten vom 17. Juni und erweitern so den Horizont in Bezug auf dieses Geschichtskapitel auf eine schön gemachte Art.

Klaus Kordon: Tage wie Jahre, Beltz & Gelberg, 2001/1986, 123 Seiten, ab 10, nicht mehr lieferbar

Kitty Kahane/Alexander Lahl/Max Mönch/Tim Köhler: 17. Juni – Die Geschichte von Armin & Eva, Metrolit Verlag, 2013, 112 Seiten, 15,99 Euro

Botschaft der Freiheit

gritt poppe abgehauenNeulich gab es im Fernsehen mal wieder eine dieser Umfragen, mit der das vermeintliche Unwissen der Bevölkerung dokumentiert werden sollte. Dieses Mal: Was wissen die Jugendlichen vom Fall der Mauer, der Wiedervereinigung und den Geschehnissen in der DDR vor 23 Jahren? Nicht viel, wie die zusammengeschnittenen Film-Schnippsel propagieren sollten. Darüber kann man sich natürlich sofort aufregen und die scheinbar mangelnde Qualität des Geschichtsunterrichts in den Schulen anprangern – oder aber die perfiden Mittel der TV-Macher, die mit Zuspitzung und Auslassung arbeiten. Bleibt die Frage, wie man geschichtliche Ereignisse und vergangenen Lebensverhältnisse so vermittelt, dass sie auch bei denen im Bewusstsein bleiben, die sie nicht selbst miterlebt haben.

Im Fall der Wendezeit und dem zum Teil schwierigen Leben der Jugendlichen in der DDR bieten die Romane Weggesperrt und Abgehauen von Grit Poppe eine alternative Möglichkeit der Geschichtsvermittlung. Hatte die Autorin, die in der DDR geboren und aufgewachsen ist, bereits 2009 in Weggesperrt die Geschichte von Anja erzählt, die im Jugendwerkhof Torgau zu einer sozialistisch angepassten Genossin geformt werden sollte, so hat sie nun die Fortsetzung dazu geliefert.

In Abgehauen schildert sie das Schicksal der 16-jährigen Gonzo, der besten Freundin von Anja. Das Mädchen ist ebenfalls in Torgau inhaftiert. Sie wird von den Aufsehern schikaniert, psychisch und physisch gequält, in der Dunkelzelle tagelang mit Isolierhaft bestraft. Erst als Gonzo sich selbst so stark verletzt, dass sie ins Krankenhaus gebracht wird, gelingt ihr die Flucht. Orientierungslos irrt sie durch das Land – auch der Leser erfährt nie, wo sie sich genau aufhält – und trifft in einem Kleingarten schließlich René. Der Junge, der zu seinem Vater in der Bundesrepublik will, hat einen Plan und nutzt den Stimmungswandel im Land. Zusammen schlagen sich die Jugendlichen nach Prag durch, um in der westdeutschen Botschaft Zuflucht zu suchen.

Zunächst müssen sich die beiden in der tschechischen Hauptstadt durchfragen, bevor sie  schließlich auf der Kleinseite zum Palais Lobkowitz gelangen. Zusammen mit anderen Flüchtlingen klettern sie über den Zaun auf der Rückseite des Gebäudes und befinden sich nun offiziell auf dem Gebiet der Bundesrepublik. Doch Gonzo, deren Seele durch die unfassbaren Erlebnisse im Jugendwerkhof Torgau Schaden genommen hat, traut dem Ganzen nicht. Immer wieder piesackt ihr innerer Punk sie mit Selbstzweifeln und der Skepsis gegenüber ihrer Umwelt. So traut sie weder den anderen Flüchtlingen noch René und auch den möglichen Veränderungen nicht.

Die Zustände in der Botschaft werden immer unerträglicher. Immer mehr Menschen flüchten auf das Gelände, die Schlafplätze werden knapp, der Botschafter selbst gräbt Zierbüsche aus, um Platz für die Flüchtenden zu schaffen, für Toilettengänge und Essensausgabe müssen die Menschen stundenlang anstehen. Gonzo bewegt sich in dieser Masse wie eine Außerirdische, vom ständigen Zweifel und dem Punk in ihrem Kopf gepeinigt. Als endlich am 30. September 1989 Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon der Botschaft tritt und den berühmtesten Halbsatz der Geschichte spricht, keimt die erste richtige Hoffnung bei Gonzo auf …

Über die Zustände in der deutschen Botschaft in Prag habe ich so bis jetzt noch nirgendwo gelesen (vielleicht ist mir da was entgangen, dann bitte ich um Aufklärung). Die Fernsehbilder von Herrn Genscher auf dem Balkon kenne ich natürlich und irgendwie treiben sie mir jedes Mal wieder Tränen in die Augen – und genau diesen Effekt hatte nun auch die entsprechende Szene im Buch auf mich. Man ist ganz nah dran am Geschehen, wird scheinbar Teil der deutschen Geschichte, leidet und freut sich mit der Heldin. Genau das ist die Art von Geschichtsdarstellung, die sich unvergesslich ins Hirn der Leser einbrennt, denn die Kombination von Fakten und Gefühlen macht es einem leicht, Geschehnisse nachzuempfinden und somit auch zu behalten. Das ist Grit Poppe hier ausgesprochen gut gelungen. Nach der Lektüre von Abgehauen wird wahrscheinlich kein Jugendlicher mehr sagen, dass er nichts über den Mauerfall und die Deutsche Einheit weiß.

Grit Poppe: Abgehauen, Dressler Verlag, 2012, 334 Seiten, ab 14, 9,95 Euro

Grit Poppe: Weggesperrt, Oetinger Taschenbuch Verlag, 2012,  Ausgezeichnet mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis 2010, 330 Seiten, ab 14, 6,95 Euro

Der Traum aller Mädchen

Es ist immer noch Grimm-Jahr, und eigentlich wollte ich die Märchen der Gebrüder nachgelesen haben. Aber selbst mein Vorhaben, jeden Tag nur ein Märchen zu lesen, konnte ich bis jetzt nicht umsetzen. Zu viele schöne aktuelle Geschichten haben mich abgehalten. Doch an einem konnte ich nicht vorbeigehen: Aschenbrödel. Besser gesagt an der Nacherzählung des tschechisch-ostdeutschen Märchenfilms Drei Haselnüsse für Aschenbrödel.

Mit dem Film aus dem Jahr 1973 bin ich quasi groß geworden. Jährlich zu Weihnachten war das eine feste Verabredung vor dem Fernseher. Den Text kann ich quasi mitsprechen, die Musik mitsummen. Keiner der anderen osteuropäischen Märchenfilme der damaligen Zeit löst bei mir so ein heimeliges Gefühl aus, keiner hat mich je so in den Bann gezogen. Mag sein, dass das an der Ausstattung (vor allem den Roben von Aschenbrödel) lag, vielleicht auch an der eingängigen Musik, sicher aber habe ich Aschenbrödel bewundert: Die herzensgute, gerechtigkeitsliebende Heldin, aber auch die freche Göre, die sich einfach so auf Pferd und Bäume schwingt und vorlauten Jungs Paroli bietet und schließlich auf Augenhöhe mit ihrem Prinzen durch die Winterlandschaft ins Glück reitet. Allerdings nicht, ohne ihn vorher auf die Probe zu stellen. Diese Interpretation der Märchenfigur reizte mich, wurde zu einem lange unausgesprochenen Vorbild. Und auch heute, fast vierzig Jahre später kann ich mich an diesem Film immer noch nicht satt sehen.

Die schriftliche Nacherzählung dieses Films nun hat mich nicht nur aus diesen Gründen gereizt. Ich war neugierig, ob dieses Experiment gelingt und ob ich mein Gefühl für diesen Film auch in dem Buch wiederfinden würde. Und es ist gelungen. Ganz entzückend sogar. Maike Stein erzählt in schlichten, präzisen Sätzen Aschenbrödels Erlebnisse nach. Sie wählt dafür eine manchmal etwas antiquierte Sprache, die in diesem Kontext jedoch perfekt passt, ohne sonderbar zu wirken. Die Szenen des Films tauchten sofort vor meinem inneren Auge auf, die Original-Dialoge aus dem Drehbuch klangen vollkommen vertraut.

Jetzt könnte man meinen: Okay, alles ganz dicht und treu am Film – wozu das Ganze? Doch damit entgeht einem etwas ganz Entscheidendes. Maike Stein schafft es nämlich, die Geschichte um Dimensionen zu bereichern, die der Film nicht liefern kann: Einfühlsam und wohldosiert schildert sie die Gedanken der Protagonisten, ihre Wünsche und Zweifel. Aschenbrödel, die sich um die liegengebliebene Arbeit sorgt, der Prinz, der vor Wonne „Wolken im Kopf“ hat und kein Wort mehr herausbekommt, während er mit der schönen Unbekannten tanzt. Zudem dufte sie auch noch nach Wald. Und Aschenbrödel spürt die Wärme der royalen Haut …  Diese synästhetischen Einschübe, die Gerüche, Temperaturen oder Materialien schildern, bereichern den inneren Film des Lesers ganz ungemein. So wird diese Nacherzählung zu einem schönen Beispiel, was gut geschriebene Texte können, und wozu das Medium Film immer noch nicht in der Lage ist. Umgekehrt gilt das natürlich auch, denn der Soundtrack, der sich im Laufe der Lektüre zwar in meinem Hirn ganz automatisch einstellte, weil ich den Film eben in- und auswendig kenne, fehlt selbstverständlich. Von den Bildern natürlich ganz zu schweigen.

Zum Glück gibt es im Innenteil des Buches einen – wenn auch viel zu kurzen – Bildteil mit Fotos aus dem Film. Ein schönes Wiedersehen, nur leider ohne die Ballszene, wo Aschenbrödel dem Prinzen das Rätsel aufgibt. Irgendwie ist die für mich eine Schlüsselszene – ohne dass ich das wirklich begründen könnte. Wahrscheinlich bin ich auch hier wieder nur ungemein in ihr zartrosa Kleid verliebt …

Für die große Fangemeinde des Films ist dieses Buch im Grunde ein Muss. Es lässt sich hervorragend vorlesen, und so kann die Faszination dieser Aschenputtel-Version von Fan-Müttern an die kommenden Liebhaberinnen auch beim gemeinsamen Lesen weitergeben werden. Für junge Leserinnen, die den Film noch nicht kennen, ist das Buch ein leicht zu lesendes Märchen, das zum Träumen, Reiten, Klettern und selbstbewusst Sein animiert – doch welches Mädchen kennt diesen Film nicht???

Maike Stein: Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, nach dem Märchenfilm von Václav Vorlicek und Frantisek Pavlicek, Ravensburger Buchverlag, 2012, 173 Seiten, ab 8, 12,99 Euro

Mauergeschichten

Berlin geteilte StadtSeit ich in Berlin wohne, üben Geschichten über diese Stadt einen fast unwiderstehlichen Reiz auf mich aus. Wenn sie dann noch in Comic-Form daherkommen, kann ich gar nicht anders und muss zugreifen. So habe ich nun auch das neueste Werk von Susanne Buddenberg und Thomas Henseler aufgesogen: Berlin – Geteilte Stadt.

In fünf Geschichten, die allesamt auf wahren Begebenheiten beruhen, umreißen die Comic-Macher die Zeit vom Mauerbau im Sommer 1961 bis zum Mauerfall vor 23 Jahren. Sie erzählen Schicksale vom fast verpassten Abitur, von Mauertoten, Flucht per Seilwinde, Stasi-Opfer und einem ganz besonderen 18. Geburtstag.

In klaren, schnörkellosen Schwarzweiß-Zeichnungen führen Buddenberg und Henseler die Leser detailgenau durch die Stadt und greifen dabei auch auf Bilder aus dem kollektiven Gedächtnis des Mauerbaus zurück. So zeigen sie das Gezerre an der alten Dame, die in der Bernauer Straße aus einem Haus in den Westen flüchten will. Oben die DDR-Grenzbeamten, unten hilfsbereite Westberliner. Ähnliches beim Mauerfall: Menschenmassen vor dem Grenzübergang Bornholmer Straße, Menschen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Älteren Lesern haben sich diese Bilder unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt und stellen dramatische oder erfreuliche Wiedererkennungseffekte bei der Lektüre da.

Die Episoden aus dem geteilten Berlin sind zwar kurz – und für Comic-Süchtige eher nur Appetithappen – doch zeigen sie essenzielle Momente der vergangenen 50 Jahre. Jugendliche Leser, die sich dem Thema deutsche Teilung jenseits der Schulbücher annähern möchten, finden hier die nötigen Eckdaten. Zwischen den Comic-Kapiteln haben die Autoren in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Berliner Mauer die historischen Fakten umrissen, so dass die Zusammenhänge und Hintergründe der Ereignisse perfekt eingeordnet werden können.

Susanne Buddenberg und Thomas Henseler, die mit Grenzfall bereits einen Comic über die SED-Diktatur gezeichnet haben, erzählen auch hier wieder sehr akkurat die kleinen, sehr persönlichen Geschichten, die man fast als unspektakulär bezeichnen möchte, wenn einem nicht im selben Moment einfällt, dass sie durch die Umstände und die politischen Entwicklungen alles andere das waren. Und es kann nicht oft genug an sie erinnert werden.

Berlin feiert dieser Tage seinen 775. Geburtstag. 28 Jahre davon werden in diesem Band gewürdigt, und es wird an das Jubiläums-Konzert vor dem Reichstag im Jahr 1987 im Zuge der 750-Jahr-Feier erinnert – so etwas ist für dieses Jahr nicht geplant, umso schöner, quasi als kleines Geburtstagsgeschenk, visuell noch einmal ansatzweise daran teilnehmen zu können.

Wenn ich mir etwas von dem Autoren-Duo wünschen könnte, wäre es ein weiterer Historien-Comic, sei es über die DDR oder über ein anderes Kapitel der deutschen Geschichte – dann aber bitte im XXL-Format und ohne didaktischen Anspruch, der der Lektüre dieses ansonsten total gelungenen Bandes einen etwas strengen Beigeschmack verleiht.

Susanne Buddenberg/Thomas Henseler: Berlin – Geteilte Stadt. Zeitgeschichten, avant-verlag, 2012, 97 Seiten, 14,95 Euro

Verratene Kindheit

Gerade habe ich ein „Kinderbuch“ der anderen Art zu Ende gelesen und bin noch ganz berührt. Das Sachbuch Stasi-Kinder von Ruth Hoffmann befasst sich mit einem der dunklen Kapitel der DDR-Geschichte.

23 Jahre nach dem Fall der Mauer hat die Autorin die Familiengeschichten von 13 Menschen aufgezeichnet, deren Eltern hauptamtlich bei der Stasi tätig waren. Was sich im ersten Moment vielleicht völlig unspektakulär anhört, entpuppt sich beim Lesen als reinster psychologischer Horror. Denn die Zugehörigkeit der Väter zum Überwachungsapparat der Deutschen Demokratischen Republik wirkte sich auch unmittelbar auf das Klima in den Familien aus. Gehorsam war oberste Pflicht, systemkonformes Benehmen eine Grundvoraussetzung. Kritik an den bestehenden Verhältnissen durfte auf gar keinen Fall geübt und unbequeme Fragen schon gar nicht gestellt werden. Taten die Kinder und Heranwachsenden dann doch, was in ihrem Alter nur natürlich ist und zu einer selbstbewussten Entwicklung gehört – also kritisch hinterfragen, sich auflehnen, den eigenen Weg suchen – konnte es sein, dass die Väter ihren Dienstherren davon berichteten und Sohn und Tochter verrieten. Was sich heute ungeheuerlich anhört, war bei den hauptamtlichen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit anscheinend üblich, hatten sie sich doch eidesstattlich zu absoluter Treue verpflichtet. Die leidtragenden waren zumeist die Kinder, die sich nicht gegen das wehren konnten, was nicht zu durchblicken und zu verstehen war. Und die im schlimmsten Fall ins Gefängnis gesteckt wurden.

Die Geschichten von Frank, Vera, Pierre, Edina oder Martin gehen ans Herz, lösen Unbehagen und gleichzeitig ein immenses Mitgefühl aus. Denn die heute Erwachsenen kämpfen zum Teil immer noch mit den Folgen dieser überwachten und schockierenden Kindheit. Manche konnten Vergangenes aufarbeiten, die Eltern befragen, sich im besten Fall mit ihnen aussöhnen, anderen ist dieser Trost verwehrt geblieben, sei es, weil die Eltern sich von den Kindern losgesagt haben, weil sie beharrlich schweigen oder weil sie verstorben sind, bevor es zur klärenden Aussprache kommen konnte.

Ruth Hoffmann gelingt es fabelhaft die Gefühlslagen der Kinder in den 70er und 80er Jahren in Worte zu fassen. Der Leser spürt förmlich am eigenen Leib die Eiseskälte, die Härte und das Misstrauen, die in diesen Familien geherrscht haben. Gleichzeitig schafft die Autorin so plastische Bilder, dass auch die Orte, hauptsächlich die trostlosen grauen Plattenbau-Viertel Ost-Berlins, vor dem inneren Auge des Lesers sichtbar werden, in denen aber Häkeldeckchen Heimeligkeit verbreiten und die man auf einem knallroten Dreirad ziemlich gut erkunden kann. So fern die DDR mittlerweile ist, so gegenwärtig ersteht sie auf diesen Seiten wieder auf.

Die Berichte der Kinder wechseln mit Exkursen, in denen die Autorin die Struktur des MfS, das Selbstverständnis der Mitarbeiter, die Disziplin und das Funktionieren dieses Überwachungsungetüm umreißt und erklärt. So fügen sich die Texte zu einer Facette eines Psychogramms zusammen, dem Psychogramm eines ganzen Staates. Manches des untergegangenen sozialistischen Staates versteht man als Westdeutscher nach der Lektüre besser, anderes bleibt einfach nur unfassbar.

Der Aufarbeitung der DDR-Geschichte fügt die Hamburger Journalistin mit ihrem bewegenden Buch ein wichtiges Puzzleteil hinzu, in dem die schwächsten Bürger der DDR endlich ein Forum bekommen und gehört werden. Man kann nur hoffen und wünschen, dass weitere Stasi-Kinder dadurch den Mut finden, sich zu öffnen und zu erzählen – damit weder sie noch ihre Familien und Kinder weiter an Unausgesprochenem leiden müssen.

Ruth Hoffmann: Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat, Propyläen, 2012, 317 Seiten, 19,99 Euro

Eine Frage der Haltung

grenzfallWas weiß man heute noch vom Grenzfall? Damit ist nicht der Mauerfall gemeint, sondern die Untergrundzeitschrift, die von 1986 bis 1987 in der DDR erschien. Nicht sehr viel, zumindest im Westen. Meine Bildungslücke zu diesem Thema hat vor einiger Zeit der Comic „Grenzfall“ von Thomas Henseler und Susanne Buddenberg wenigstens ansatzweise geschlossen.

In eindringlichen, klaren Bildern erzählen die Grafiker die Geschichte des Schülers Peter Grimm, der keine „sozialistische Persönlichkeit“ aus sich machen lassen will. Stattdessen schließt er sich dem Dissidentenkreis um Katja Havemann, der Witwe von Robert Havemann, an. Vergeblich versucht die Stasi, den jungen Mann anzuwerben. Im Gegenzug wird Grimm neun Tage vor dem schriftlichen Abi von der Schule verwiesen. In der „Initiative Frieden und Menschenrechte“, der er sich anschließt, entsteht später die Idee, eine eigene Zeitung jenseits der staatlichen Meinung herauszugeben. Der erste „Grenzfall“ erscheint in Kleinstauflage von 50 Stück – und die Stasi schreibt seitenlange Berichte … bis sie mit der Aktion „Falle“ zuschlägt.

Die schwarzweißen Panels dieser Graphic Novel schaffen es, die bedrückende Atmosphäre der späten 80er Jahre in der DDR wieder aufleben zu lassen. Originalzitate aus den Stasi-Unterlagen zeugen von dem Überwacherwahn der Herrschenden. Henseler und Buddenberg gelingt es durch die verdichtete Darstellung einer wahren Geschichte, der Aufarbeitung der SED-Diktatur ein fesselndes Puzzleteil hinzuzufügen. Und gelungen an eine wichtige Keimzelle der Wende von 1989 zu erinnern.

Thomas Henseler/Susanne Buddenberg: Grenzfall, avant-verlag, 101 Seiten, 14,95 Euro