Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

„Jetzt fängt das wieder an mit dem Stress“, dachte ich. „Der schüttet mich zu wie Sand, in dem ich versinke. Und ich strampele und strampele und versuche mich rauszuwühlen und den Kopf oben zu behalten, und ich schaffe es nicht. Jeden und jeden einzelnen Tag.“
Das schreibt keine ausgebrannte Spitzenmanagerin in der Therapie, sondern die Grundschülerin Lisa. Wie und mit wessen Hilfe das Mädchen aus dem Treibsand unserer beschleunigten Welt herausfindet, erzählt Andrea Schomburg plastisch und phantasievoll in Lisa und das Fluff. Es ist der fünfte Band aus der Reihe Kleiner Romane, die der Münchner Tulipan-Verlag 2015 mit Antje Damms Kleines Afrika gestartet hat.

Lisas Alltag ist streng durchgetaktet: Ballett, Klavier- und Schwimmunterricht, Reiten, Nachhilfestunden. Da bleibt keine freie Zeit für Freunde oder sich phantastische Geschichten auszudenken. Und so stolpert die vielleicht Acht-, höchstens Neunjährige durch ihr Leben, hechelt immer der Zeit hinterher, die ihr davonrennt, weil ihre Eltern doch nur ihr Bestes und sie deshalb perfekt auf die Anforderungen der modernen Welt vorbereiten wollen. Das Kind als weiteres Statussymbol, superoptimiert und stromlinienförmiger als der protzige SUV.

Schomburg findet pointierte Bilder, wie Lisa das erlebt und empfindet: Ihre Mutter erscheint ihr morgens im schwarzen Business-Kostüm mit weißer Bluse wie ein als Pinguin verkleideter General, der sie befehligt. Beim Ballettunterricht fühlt sie sich, als tanze sie mit einem Kartoffelsack auf dem Rücken. Doch sie will ihre Eltern nicht enttäuschen, denn dann würden „Papa und Mama weinen und weinen, bis sie ganz flüssig wären. Das ganze Haus würde schwarz werden von ihrer Traurigkeit, und dann würde es auf ihren Tränen davonschwimmen wie ein schwarzes Schiff.“
Im Vergleich mit ihrem älteren Bruders, der alles mit Bravour meistert und den sie deshalb nie zu Gesicht bekommt, hat sie das Gefühl, nicht in diese Familie zu passen und bei der Geburt vertauscht worden zu sein. „Vielleicht gehöre ich in eine Familie, wo alle rund und gemütlich sind und sich langsam bewegen wie große Fische, die in Zeitlupe durchs Meer flappen.“ Angesichts solcher bezaubernder Sätze ist die einmalige Formulierung mit dem „lieben Gott“ verziehen. Sagen Kinder heute so etwas noch?

Das macht den einnehmenden Charme dieser Erzählung der Entschleunigung aus, die besondere Sprache und schönen Metaphern. Lisas Welt besteht aus Begriffen wie „Disziplin“ und „Zeitfenster“, das eigentlich geschlossen gehören und sich wundersamer Weise für sie zum Positiven öffnet. Gemüse-Smoothies zum Frühstück und Salat mittags in der Schulkantine, weil so schnell und effizient gesunde Nahrung zugeführt wird. Sie bekommt Totschlagsätze an den Kopf geknallt wie „Du musst Mathe üben, die letzte Arbeit war nur eine Drei. So kommst du nie aufs Gymnasium“ und „was man einmal angefangen hat, zieht man auch durch“. Trotzdem bewahrt sie sich ihren eigenen Kopf und schafft sich Freiräume, wortwörtlich, für ihre Phantasie. Nach einem dramatischen Finale werden ihre Eltern vielleicht ein bisschen zu einfach „vernünftig“, wie es Lisas Freundin formuliert. „Man muss seinen Eltern auch mal eine Chance geben.“ Umso schöner, wenn diese die auch nutzen und schließlich verstehen, dass sie bislang ihre Tochter als Individuum und Kind gar nicht wirklich gesehen haben.

Dorothee Mahnkopfs überwiegend ganzseitige Illustrationen akzentuieren die Geschichte kongenial und sprechen für sich selbst, eine untermalende Mini-Graphic-Novel, wie in jedem Kleinen Roman.

Und „nu mal langsam“: Lasst uns die Langsamkeit wiederentdecken, und Momos grauen Männern die Macht entreißen. Die regieren nämlich längst unsere Gesellschaft, und die meisten unterwerfen sich freiwillig.

Elke von Berkholz

Andrea Schomburg: Lisa und das Fluff, Illustrationen: Dorothee Mahnkopf, Tulipan, 2017, 60 Seiten, ab 7, 10 Euro

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