Ein Mädchen am Scheideweg

AdaAngela Mohr setzt im Jugendbuch Themen: Zivilcourage angesichts rechter Gewalt ist in ihrem Roman Wach auf, wenn du dich traust gefragt. Das geschenkte Leben mit einem neuen Herzen und der Gewissheit, dass jemand anderes starb, berührt schmerzlich in Vergiss nicht, dass du tot bist.

ADA. Im Anfang war die Finsternis heißt ihr drittes Jugendbuch, ein Roman, in dem das eigene Schicksal eine Rolle spielt. Denn ADA erzählt vom Leben in einer sektenähnlichen Gemeinschaft; Angela Mohr ist selbst eine Aussteigerin und weiß also ganz genau, wovon sie spricht.

Ada lebt mit ihren Eltern und Geschwistern im Nirgendwo. »Im Dorf«, umgeben von undurchdringlichem Wald. Die Männer, Frauen und Kinder versorgen sich selbst. Sie bauen Gemüse an, halten Tiere, hüten den einzigen Brunnen, denn sein Wasser ist lebensnotwendig. Im Versammlungshaus trifft sich der Ältestenrat, überhaupt herrscht Hierarchie, ein jeder ist an seinem festen Platz. Männer sind das traditionelle Oberhaupt der Familie. Und es wird noch verheiratet: So wartet auf Ada der junge Hoffnungsträger des Rates, Simon. Gefühle werden nur in der Familie gezeigt, Sittsamkeit, Gehorsam, die Verantwortung für die Gemeinschaft und die Heilige Schrift bestimmen das Leben jedes Einzelnen.

Doch Adas Familie ist ungewöhnlich, sie leidet. Ihre Mutter ist krank, der ältere Bruder Kassian tot. Ada muss stark sein und hält die Familie emotional zusammen. Sie glaubt an die Werte, die ihr von Kindheit an vermittelt wurden.

Und doch: Zweifel kommen auf, als sie eines Tages erfährt, dass Kassian noch lebt. Luca und seine Mutter sind neu ins Dorf gekommen. Luca zeichnet, und unter seinen Skizzen findet sich ein Porträt Kassians. Wie kann das sein? Bohrende Fragen lassen Ada nicht mehr zur Ruhe kommen, aus der folgsamen jungen Frau wird eine Rebellin, die sich auch von Strafandrohungen nicht mundtot machen lässt. Als der Ältestenrat beschließt, sie in eine unterirdische Einzelzelle zu sperren, wächst Adas beste Freundin über sich hinaus und hilft Luca, die Gefangene zu befreien.

Der Weg durch den verbotenen Wald und der Eintritt in »die Welt da draußen«, die als reine Teufelei und Hölle für jeden verdammt wurde, verlangt unglaublichen Mut. Ada überwindet alle Scheu, denn ihre Trauer und ihre Zweifel sind größer. Sie kennt weder Autos noch Züge, keinen Bus, kein Telefon oder Handy, kein Internet. Die Architektur der Stadt ist ihr fremd, die vielen Menschen, die Hektik. Gleichzeitig nimmt sie die Ordnung im Chaos wahr, dazu die Schönheit und die Zwischenmenschlichkeit, denn eine unbekannte Frau hilft ihr, den Ort zu finden, an dem Kassian gesehen wurde.
Es beginnt ein Rennen gegen die Zeit. Die Ältesten beschatten Abtrünnige wie Adas Bruder. Luca gerät in ihre Fänge, und ein junges Mädchen gibt Geheimnisse preis, die das Leben anderer gefährden.

Adas arrangiertes Leben ist plötzlich auf den Kopf gestellt. Nichts ist mehr wahr, der Boden, auf dem sie sich bewegt, schwankt. Verrat und Lüge erschüttern ihren Glauben und ihr Vertrauen. Doch da ist Luca, da ist Kassian, da ist ihr Wille, die Finsternis hinter sich zu lassen. Um frei zu sein.

Eindringlich erzählt Angela Mohr die Geschichte von Menschen am Scheideweg, an dem nicht nur Ada steht. Die Verführung durch andere, die Hoffnung auf ein ruhiges, sicheres Dasein machen, verfängt bei denjenigen, die sich nach Frieden sehnen und vielleicht zu schwach sind, sich selbst zu wehren. Aber auch bei Menschen, die, von Neugierde und Abenteuerlust durchdrungen, ein wenig leichtfertig sind oder sich unverstanden fühlen und deshalb anderen auf den Leim gehen. Solchen, die psychologisch geschult sind und mit Worten und Taten faszinieren können.

ADA ist ein Roman, der nach der letzten Seite nicht zu Ende ist. Denn er stellt existenzielle Fragen, auf die wir keine schnellen Antworten finden.
Fragen, die uns bewegen, über die wir nachdenken und reden wollen!
Ein Roman, der zu Recht für den Buxtehuder Bulle 2016 nominiert wurde.

Angela Mohr: ADA. Im Anfang war die Finsternis, Arena Verlag, 2015, 360 Seiten, ab 14, 14,99 Euro

Familiengeheimnisse

familieDie Sache mit der Familie ist schon ein Kreuz. Die Familie zieht einen groß, bringt einen ins Leben – und nervt oftmals so sehr, dass man nur noch davonlaufen möchte. Dabei sind es nicht immer nur die Eltern, die eine prägen und verletzen können, sondern auch die Geschwister. Wie tief die Familienbande das eigene Leben bestimmen, beschreibt Mirjam Pressler in ihrem neuesten Roman Wer morgens lacht.

Die 22-jährige Studentin Anne ist von ihrer Schwester Marie wie besessen, seit diese vor sieben Jahren mit fast 18 von Zuhause weggelaufen ist. Anne versucht, sich von der Schwester zu lösen, indem sie ihre Geschichte aufschreibt und später ihrer Mitbewohnerin Ricki erzählt. Heraus kommt dabei das Portrait einer deutschen Familie in einem Münchner Vorort, die von der Vertreibung der Großmutter aus dem Sudetenland geprägt ist. Die Enkelin Anne liebt ihre Omi, die in einer seltsamen Sprache redet und von der alten Heimat wie von einem Märchenland erzählt. Doch die Oma hat die jegliche Lebensfreude verloren und definiert das Leben von Frauen nur über Schmerzen. So kann sie den beiden Enkelinnen nur alte, düstere Moralsprüche wie „Wer morgens lacht und mittags singt, abends in die Hölle springt“ mit auf den Weg geben.
Anne ist fasziniert und abgestoßen zugleich. Doch lässt sie auf ihre Oma nichts kommen. Stattdessen sieht sie sich in ständiger Konkurrenz zur großen Schwester Marie, der die Eltern immer alle Wünsche erfüllen. Marie darf alles, bekommt alles, ist der Liebling des Vaters, während Anne die alten Kleider auftragen muss und nicht beachtet wird. Anne ist das Musterkind, das gute Noten bringt und keinen Ärger macht. Innerlich jedoch brodelt es in ihr.
Dann verschwindet Marie eines Tages, und die Familie schweigt. Der arbeitslose Vater sucht zwar seine Tochter in der Stadt, doch kommt es zu keiner Diskussion am heimischen Tisch, warum Marie diesen Schritt gegangen ist. Scheinbar wird nicht einmal getrauert. Anne flüchtet drei Jahre später nach Frankfurt, in ein Studium der Biologie, mit Schwerpunkt Pilze.

Mirjam Presslers Roman ist keine leichte Kost. Psychologisch fundiert und hintergründig lässt sie Anne aus der Ich-Perspektive die Familiengeschichte erzählen. Die intelligente Studentin thematisiert dabei immer wieder auch die Wahrnehmungsfilter, mit der sie als Betroffene den Verlust der Schwester Marie erlebt und erinnert. Die Erinnerung an reale Fakten verschmilzt dabei zum Teil mit den Geschichten, die sich die junge Anne ausgedacht hat, als die Schwester verschwunden war. Das Schweigen der Eltern bot ihrer Phantasie einen Nährboden, auf dem Horror- und Schundgeschichten gleichermaßen gedeihen konnten. Was Wahrheit, was Lüge, was Wunschdenken oder gar Schuld ist, verschwimmt für Anne immer mehr. Die Familie und ihre Geschichte ist wie ein Pilzgeflecht, das unterirdisch miteinander verbunden ist, selbst wenn an der Oberfläche nur Einzelpersonen wahrzunehmen sind.
Schließlich bringen das Gespräch mit ihrer Mitbewohnerin Ricki und ein Besuch bei den Eltern nach fast drei Jahren neue Erkenntnisse und die Einsicht, dass auch sie nicht alles von ihrer Schwester, ihren Eltern und ihrer Oma gewusst hat.

In Wer morgens lacht illustriert Mirjam Pressler geschickt die psychologischen Mechanismen von Familie, die sich über die Generationengrenzen hinaus auswirken.  In der Wissenschaft befasst sich die Epigenetik mit diesen Phänomen, also dass das Kriegsleid der Großeltern noch Auswirkungen auf das Leben der Enkel hat. Mirjam Pressler vermittelt genau das, ohne mit gentechnischem Fachwissen oder psychologischem Spezialvokabular zu verschrecken. Sie zeichnet ein Bild einer Familie in Deutschland, wie es viele gibt. Und sie zeigt ihnen, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, dass offene Gespräche – auch Jahre später – reinigende Wirkung für alle Beteiligten haben können.

Das Einzige, was mich an diesem Text gestört hat, ist eine typographische Eigenart, die bei E-Literaten sehr beliebt ist. Die wörtliche Rede der Dialoge ist nicht durch Anführungszeichen markiert. Das mag jetzt pingelig erscheinen, doch stellt diese Art der Textgestaltung für mich ein Lesehindernis dar. Die inhaltlich schon schwierige und bedrückende Geschichte wird durch diese fehlenden Signale zu einem sperrigen Texterlebnis. Entsprechend lange habe ich für die Lektüre gebraucht.
Es mag ja sein, dass bei so einem gewichtigen Inhalt auch der Zugang gewichtig und schwierig sein sollte. Doch das hätte es meiner Ansicht nach gar nicht gebraucht. Warum ein zusätzliches Hindernis einbauen für ein so wichtiges Anliegen, das an sich doch vielen Menschen näher gebracht werden sollte? Das ist mir ein bisschen unverständlich. Und nur weil man das heute mal so macht, weil es – möglicherweise – intellektueller oder psychologischer rüberkommt, ist das für mich noch lange kein Grund, den Zugang zu einer Geschichte künstlich zu erschweren. Ich hoffe nur, dass das nicht allzu viele Leser verschreckt, denn sie würden eine ergreifende und nachdenklich machende Geschichte verpassen, die viel über den Menschen an sich, seine Ängste und seine Eigenarten erzählt.

Mirjam Pressler: Wer morgens lacht, Beltz, 2013, 264 Seiten, ab 14, 17,95 Euro

Der coolste Comic der Welt

Jimmy CorriganVor einer Woche stand ich im Gropiusbau in Berlin und wollte mir Scott McCloud und Chris Ware anhören. Ich war naiv. Ich hatte zu spät von dem Comic-Gipfeltreffen erfahren und keine Karten reserviert. Ich hatte überhaupt nicht darüber nachgedacht, dass die beiden Meister der Comic-Szene so dermaßen beliebt sind. Da stand ich also und kam nicht rein. Ich hätte es besser wissen können. Scott McCloud kannte ich seit meiner Dissertation und das ist mittlerweile gute zehn Jahre her.

Von Chris Ware, der von Art Spiegelman entdeckt worden war, und Jimmy Corrigan hatte mir vor Jahren ein Freund erzählt, in andächtiger Verehrung. Das ging bei mir damals in das eine Ohr rein, ins andere raus. Jaja, dachte ich, red du nur, du und deine merkwürdigen Alternativ-Comics. Was war ich für eine Ignorantin. Damals gab es Jimmy Corrigan nur auf Englisch, und ich war schlichtweg zu faul, mich damit zu beschäftigen. Mir ist Großes entgangen. Ich streue Asche auf mein Haupt und gelobe Besserung. Und damit fange ich heute, am Indiebookday an.

jimmy corrigan

Jimmy Corrigan ist nun im Berliner Reprodukt Verlag erschienen, der sich langsam zu meinem Lieblings-Comic-Verlag entwickelt, nachdem vor kurzem dort Lukas Jüligers beeindruckender Comic Vakuum herausgekommen ist.

Seit vergangenem Freitag, als ich unverrichteter Dinge den Gropiusbau wieder verlassen habe, ist Jimmy Corrigan in so gut wie allen Zeitungen hymnisch rezensiert worden. Zunächst dachte ich noch, dass ich da nicht noch etwas zu beitragen müsste. Aber ich will es nun doch tun, denn die Gesichte von Jimmy Corrigan ist ergreifend bis ins Mark. Heute habe ich es natürlich nicht geschafft, die über 380 Seiten bis zur letzten zu lesen. Doch schon das erste Drittel macht klar, worum es hier geht: Jimmy, der so merkwürdig alt aussehende Erwachsene, ist ein armer, verlassener Tropf. Zwischen einer nervenden Übermutter und einem Vater, den er jetzt erst kennenlernt und der sensibel wie ein Bulldozer ist, versucht der absolute Anti-Held, das Leben zu meistern, vielleicht doch eine Frau zu erobern. Seltsame Träume und Erinnerungen an unschöne, zum Teil auch traumatisierende Kindheitserinnerungen verweben sich mit seiner Gegenwart. Irgendwie mag man ihn in seiner trantütigen Art nicht und gleichzeitig tut er einem unglaublich leid, wenn der Vater ihn als Fehler bezeichnet und Jimmy in seinem eigenen Kosmos versteht, er wäre der einzige Fehler des Vaters gewesen. Er hört immer das, was er hören will. Als Leser befindet man sich in einer beständigen Ambivalenz zwischen Faszination, Voyeurismus und Entsetzen. Die psychologische Dimension und Tiefe dieses „Rührstücks in anschaulichen Piktogrammen“ ist tatsächlich verehrungswürdig. Die Warnung: „Die Lektüre des vorliegenden Werks ist nicht sonderlich aufschlussreich – trotz aller Bemühungen“ ist eine glatte Untertreibung. Denn selten habe ich über das Leben, über Eltern-Kind-Beziehungen und kindliche Prägungen so kompakt und so kompetent etwas erfahren wie hier (und das nach nur einem Drittel des Werks).

Die geschickte Verwebung des Plots von Jimmys Gegenwart und der Vergangenheit seiner Vorfahren ist eine Herausforderung, die mich in den nächsten Tagen noch beschäftigen wird.
Eine Herausforderung ist auch das Entziffern der Sprechblasen. Die dick schwarz umrandeten Panels sind teilweise nur briefmarkengroß – ich muss mich ernsthaft mit dem Gedanken anfreunden, dass für mich die Zeit für eine Lesebrille gekommen ist -, aber sie sind so klar gezeichnet und koloriert, dass man nicht mehr davon lassen kann. Diese Panels fordern ein genaues Lesen, so kann innerhalb von vier Bildern ein altes Haus verlassen werden, verfallen und abgerissen werden. Ist man hier zu schnell, überliest man die wortlosen Feinheiten. Bestechend sind die Farben. Jede Seite präsentiert sich in einem neuen harmonischen Ton. Egal ob quietschbunt oder gedeckt monochrom, es ist immer irgendwie schön.

Die Übersetzung von Heinrich Anders und Tina Hohl wird diesem Meisterwerk in jedem Satz gerecht. Das trockene Verlegenheitshusten – öchö – der Corrigans ist genial. Das hätte mir das Original vielleicht nicht geschenkt. Das versöhnt mich ein kleines bisschen mit meiner eigenen Trantütigkeit gegenüber Chris Wares Arbeit. Jedenfalls bin ich total glücklich, den Indiebookday mit Jimmy Corrigan zu feiern – denn jede Seite ist ein wunderbares Fest!

Chris Ware: Jimmy Corrigan – Der Klügste Junge der Welt, Übersetzung: Heinrich Anders und Tina Hohl, Reprodukt, 2013, 384 Seiten, 39 Euro

 

Die Untiefen der Psyche

sauerdropseDer Mensch ist ein wunderliches Wesen. Warum sind manche unserer Zeitgenossen immer gut drauf, während andere Trübsal blasen, den Kopf hängen lassen oder extrem miese Laune verbreiten? Leider ist es uns meistens nicht vergönnt, hinter die Fassaden schauen zu können. Die Beweggründe bleiben uns verborgen. Und doch sollten wir uns immer wieder daran erinnern, dass hinter jedem Verhalten ein durchaus ernsthafter oder gar trauriger Auslöser stecken kann.

Genau dies tut das Erzählbilderbuch Die Sauerdropse von den Niederländern Jaap Robben und Benjamin Leroy, wunderbar übersetzt von Birgit Erdmann. Die Brüder Harry und Hubert Sauerdrops, zwei schon ältere Herren, leben in einem grauen Haus, mit grauen Wänden, grau-betonierten Hof, dessen einziges kleines Rasenstück sie nicht betreten dürfen. Sie essen am liebsten saure Heringen, Bennnesseltee und Hühnersuppe, sie interessieren sich für künstliche Gebisse, ihre eigenen legen sie abends sorgfältig in Essig ein, und täglich um fünf Uhr rufen sie die Beschwerdestelle im Rathaus an. Der Bürgersteig vor der Haustür wird täglich gestaubsaugt. Besucher sind nicht willkommen, weil Mutter oben schläft. Alles was irgendwie bunt, laut, lebendig ist, wird von den Gebrüdern Sauerdrops gehasst. Sie sind also richtig, richtig mies drauf. Mieser geht es kaum.

Wie es in Bücher dann so ist, wird diese skurrile Tristess eines Tages durchbrochen, von einem unerträglich bunten Brief, der auch noch Musik macht. Die Brüder schieben den Brief tagelang hin und her, hoffen, dass er auf der Straße vom Wind weggeweht wird. Doch stattdessen taucht Gertie Bock von der Beschwerdestelle im Rathaus auf und bringt den Brief wieder zurück. Die Sauerdropse sind geschockt, zum einen, dass jemand auf ihre Beschwerdeanrufe reagiert, zum anderen, weil Gertie der Mutter von Harry und Hubert wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Die beiden alten Herren sind ziemlich verwirrt, lassen es aber zu, dass Gertie immer öfter vorbeikommt und etwas Farbe in das graue Leben bringt.
Schließlich taucht auch noch Niko, der Cousin der Brüder auf. Er hat den bunten Brief geschrieben, um seiner Tante, also Harrys und Huberts Mutter, zum 111. Geburtstag zu gratulieren und seinen Besuch anzukündigen. Die Sauerdropse sind völlig überfordert, denn Mutter schläft doch oben und darf auf keinen Fall gestört werden. So versuchen sie, sich aus der Bredouille zu schummeln, indem sie sich als Mutter verkleiden. Während Gertie eine Geburtstagsparty vorbereitet, bricht bei den neuen Nachbarn, die das Nebenhaus renovieren, eine Wand zu den Sauerdropsen ein, und plötzlich stehen lauter Unbekannte bei den Brüdern im Haus. Ihre Verkleidung funktioniert nicht (vier Beine sind schon sehr verdächtig) und in all dem Chaos müssen die beiden schließlich zugeben, dass die Mutter schon lange tot ist. Als der Nachbarhund aus dem Rasenstück im Hof dann auch noch einen menschlichen Unterarmknochen ausgräbt, flüchten die Bewohner und die Sauerdropse bleiben allein zurück. Erleichtert kehren sie zu ihrem geregelten grauen Leben zurück.

In diesen Plot, der voller überraschender Knaller steckt (die Brüder machen Urlaub, streiten sich so, dass die Kunstgebisse zu Bruch gehen), haben Autor und Illustrator auf ganz großartige Weise die psychologischen Abgründe der beiden Hauptfiguren verpackt. Der Leser erfährt, wie es bei Sauerdrops zuging, als der Vater noch lebte und als Bestatter bis zur Erschöpfung arbeitete. Schon damals schlief die Mutter immer, vernachlässigte die Jungs und setzte ihnen ausschließlich Hühnersuppe vor. Die Todesursache des erschöpften Vaters ist eine der absurdesten, die mir je untergekommen ist und die ich hier nicht verraten möchte, um den Spaß nicht zu verderben.
Die abwesende und doch permanent anwesende Mutter erinnert im Laufe der Lektüre die Erwachsenen unwillkürlich an Hitchcocks Psycho. Eine Dimension, die kleinen Lesern wahrscheinlich entgehen mag, doch das Gefühl, dass da etwas mit der Mutter ist, steigert sich im Laufe des Buches immer mehr und zeigt auf sehr eindrucksvolle Weise, wie sehr der Mensch unter dem Einfluss seiner Eltern steht und sich teilweise noch nicht einmal im hohen Alter davon lösen kann. Hier stecken zwei kleine Jungs in den Hautsäcken alter Männer und haben es nicht gelernt, sich von den Vorgaben und Verboten der höchstwahrscheinlich depressiven Übermutter zu verabschieden. Eigentlich traurig, und gleichzeitig doch so aufrüttelnd, die eigenen verinnerlichten Regeln einer genauen Prüfung zu unterziehen, ob sie auch der eigenen Überzeugung entsprechen.

Benjamin Leroys Bilder tragen ganz besonders zu dem Gelingen dieser tiefgründigen Geschichte bei. Sie sind eine Mischung aus Federzeichnung, Aquarell und Collage, die sich mit dem Voranschreiten der Erzählung und all den ungewöhnlichen Erlebnissen der Brüder vom Grau zum Bunt wandeln. Dabei haben die Bilder nicht nur die Aufgabe zu illustrieren, sondern sie erzählen Dinge, die die Texte nicht verraten. Sie zeigen die Träume der Brüder, ihre Erinnerungen an die Mutter oder den Spaß der Fußballjungs, die eines Tages im Hof der Sauerdropse kicken.

Robben und Leroy ist mit Die Sauerdropse eine an der Oberfläche sehr skurrile, lustige und chaotische Geschichte gelungen, die Spaß beim Vorlesen und Anschauen macht. Durch die psychologischen Hintergründe erlangt sie jedoch einen solchen respektvollen Tiefgang bei der Zeichnung der Hauptfiguren, dass man davor nur den Hut ziehen kann.

Jaap Robben/Benjamin Leroy: Die Sauerdropse, Übersetzung: Birgit Erdmann, mixtvision, 2013, 168 Seiten, ab 10, 14,90 Euro

Unvermisst

marit kaldhol allein unter SchildkrötenDer Mensch ist im Grunde allein. Aber der Mensch ist auch ein soziales Wesen. Und wird er von den anderen nicht gesehen, so stürzt ihn dies in quälende Seelenpein.

Über so einen Menschen schreibt die Norwegerin Marit Kaldhol in ihrem Roman Allein unter Schildkröten. In kurzen Texten lässt sie den 19-jährigen Mikke in Tagebucheinträgen von sich erzählen. Soweit eigentlich nichts Ungewöhnliches. Allerdings beschleicht den Leser auf den ersten 65 Seiten immer stärker das dumpfe, ungute Gefühl, dass bei Mikke etwas ganz gewaltig schief läuft. Oberflächlich scheint alles in Ordnung: Er begeistert sich für Biologie, betreut einen behinderten Jungen und ist gerade zum ersten Mal richtig verliebt. Sein Vater hat die Familie zwar vor Jahren verlassen, die Mutter aber eine neue Liebe gefunden. Mit seinem Stiefvater steht sich der Junge richtig gut. Aber trotzdem fühlt Mikke sich einsam, rutscht langsam in eine Depression und setzt seinem Leben schließlich ein Ende.

Kaldhol schildert dieses Drama unaufgeregt und in keiner Weise voyeuristisch oder reißerisch. Nachdem Mikkes Tagebuchaufzeichnungen enden, erinnert sich zunächst seine Mutter an ihn und auch an ihr eigenes Leben. Im dritten Teil des Buches verabschieden sich die Väter und Freunde mit Briefen von dem Jungen. So fügen sich im Laufe der Lektüre diese Stimmen wie ein Puzzle zusammen und zeichnen das Bild eines im Grunde lebenslustigen, sportlichen, gutaussehenden Teenagers, der aber einem modernen Werther gleich an der Welt leidet.

Die kurzen Kapitel wirken poetisch, sind aber vor allem von Mikkes philosophischen Betrachtungen über das Leben, das Sterben und die eigene Identität geprägt. Neben der Frage nach den Gründen für seinen Freitod regt gerade Mikkes Suche nach einer eigenen Persönlichkeit, nach einem Platz in der Gesellschaft, in der er sich so verlassen vorkommt wie das Gelege einer Meeresschildkröte, zum intensiven Nachdenken an. Der Leser wird dabei auf sich selbst zurückgeworfen, auf seine eigene Sicht der Dinge, ob er von anderen tatsächlich gesehen wird und ob er selbst die anderen wirklich sieht. Die Betrachtungen der Mutter und der anderen Figuren erweitern die Geschichte dann um die psychologische Dimension, die jedes Aufeinandertreffen von menschlichen Wesen zwangsläufig mit sich bringt. Man leidet mit den Menschen, die keine vorsätzlichen Fehler begangen haben, mit, weil man weiß, dass man einer von ihnen sein könnte.

So wird dieses schmale, stille Buch zu einer Lektüre mit Tiefe und Nachhall. In Zeiten von Krach, Oberflächlichkeit und Egozentrismus ein bewegender Kontrapunkt.

Marit Kaldhol: Allein unter Schildkröten, Übersetzung: Maike Dörries, mixtvision, 2012, 136 Seiten, ab 14, 12,90 Euro