Junges Gemüse schließt Freundschaft

erbseDie Schottin Morag Hood ist eine wunderbare Neuentdeckung! 2015 hat sie an der Cambridge School of Art ihren Master in Illustration gemacht, seitdem lebt sie wieder in ihrer Heimatstadt Edinburgh. Lilli und Lotte – Erbse und Karotte (Original: Colin and Lee) heißt ihr Debüt, das 2014 gleich für den britischen Macmillan Prize für Illustration nominiert wurde.

Quietschgrün ist Lilli, die Erbse. Warmorange Lotte, die Karotte. Eigentlich haben die beiden nichts gemein. Lilli ist immer mittendrin, umgeben von ungezählten grünen Freunden. Lotte ist, so scheint es, allein unterwegs. Lilli, klein und rund und doch nicht gleich, sprüht vor Verschmitztheit. Lotte ist lang aufgeschossen und so akkurat rechteckig geschnibbelt, dass sie wie ein Musterbeispiel an Zurückhaltung wirkt. Lilli grinst unternehmungslustig über beide Ohren. Lotte guckt abwartend und ein bisschen traurig in die Gegend.

Eines Tages treffen die beiden aufeinander, zufällig. Lilli, die Erbse, erkennt schnell: Die sieht aber anders aus. Und nicht nur das. Die orange Fremde kann nicht mal rollen, geschweige denn hüpfen. Und inmitten der Erbsentruppe fällt sie so sehr auf, dass sie zum Versteckspielen gleich gar nicht geeignet ist. Hmm, was also tun? Aneinander vorbeigehen? Oder lieber rauskriegen, was die andere so draufhat?

Nun, Lilli ist nicht nur verschmitzt, sondern auch neugierig und sehr mutig. Fix hat sie raus, dass mit Lotte andere Spiele möglich sind. Denn Lotte kann so vieles sein: Ein riesenhoher Turm. Eine Brücke, die über einen tiefen Graben führt. Und eine superschräge Rutsche, die am liebsten alle Erbsenkinder gleichzeitig ausprobieren würden. Hui, da kommt Leben auf!

Erbse und Karotte, das ist wahrlich nicht dasselbe. Aber Lilli und Lotte stört das nicht, denn sie haben eines entdeckt: Freundschaft!

Ganz schön pfiffig, dieses Bilderbuch von Morad Hood rund um zwei Gemüsesorten, die auf der Hitliste von Kindern (und Erwachsenen) nicht gerade an erster Stelle stehen. Doch schnell entdecken Klein und Groß, dass Erbsen und Karotten nicht nur gesund sind. Im Gegenteil: Putzmunter erkunden sie die Welt, lässt man sie erst mal von der Leine. Und das tut die Illustratorin, die gekonnt mit reduzierten Farben und Formen spielt. Und grandios mit dem Minenspiel ihrer Helden: Punktaugen und Strichmünder spiegeln alle denkbaren Emotionen zwischen Ängstlichkeit und Mut, Alleinsein und Gemeinschaft, Anderssein und Toleranz.

Ein kluges Debüt, fein und nuanciert. Da capo!

Heike Brillmann-Ede

Morag Hood: Lilli und Lotte — Erbse und Karotte, Übersetzung: Anke Katz, Thienemann, 2017, 32 Seiten, ab 4 (und jedes Alter!), 11,99 Euro

 

Gefühl Nummer Drei

zangeIn Plüschgewittern ließen sich nicht mehr ganz junge Menschen Anfang der 90er Jahre noch treiben. So nannte Wolfgang Herrndorff sein Romandebüt, das gleichzeitig diese freudig entspannte Stimmung im Berlin wenige Jahre nach dem Mauerfall beschrieb, mit Parties in halb zerfallenen Häusern, Leben in billigen Altbauwohnungen, alles wunderbar unhip und weit entfernt von Gentrifizierung, Start-ups und Selbstverwirklichungswahn.

25 Jahre später bewegt man sich in wesentlich widrigeren Elementen: Realitätsgewitter machen die Endzwanziger in Julia Zanges Roman zu Getriebenen. Diese Realitäten sind überwiegend virtuelle, die aber für die Protagonisten der Gegenwart die einzig realen und der tatsächliche Lebensraum zu sein scheinen. Mit dem Smartphone verwachsen fühlen sie sich nur unter dem Dauerbombardement von Nachrichten und Tweets lebendig. Ohne zig Friends und Followern auf Facebook und Twitter existiert man nicht, ein permanenter Zwang mehr zu scheinen als zu sein. Julia Zanges Heldin aber kann sich nicht länger erfolgreich mit permanenten Parties, pseudophilosophischem Geplauder, oberflächlichen Beziehungen und tristem Sex betäuben und über das Gefühl der hohlen Sinnlosigkeit hinwegtäuschen. „In den letzten Monaten ist etwas passiert. Etwas ist verschwunden und etwas anderes ist aufgetaucht“, stellt Marla auf den ersten Seiten fest. „Das ganz große Versprechen, das immer in mir schlummerte, etwas, das auf Erlösung hoffte, ein Wunder, ein unsinniger und irrsinniger Antrieb, eine naive Hoffnung, eine Frage – das gibt es nicht mehr. Es wurde ersetzt durch eine blanke, tiefe Traurigkeit, ein seltsames Wohlgefühl und eine Art Langeweile.“

So auf den Punkt beschreibt Julia Zange das Gefühl der Ernüchterung und Enttäuschung, das viele auf dem Weg zum Erwachsenwerden empfinden. „Denn auch wenn bei Gefühl 1 der Boden immerzu schwankte, gab es eine Intensität der Dinge, einen Zauber. Gefühl 2 brachte die Gewissheit, dass sich das Versprechen niemals einlösen wird, dass es keine andere Welt gibt als diese eine.“

Vermeintlich verliebt in einen neurotisch unverbindlichen Amerikaner und Kokskopf mit Hygienefimmel, angeödet vom Praktikum bei einem hippen Modemagazin, von Papa aus emotionaler Erpressung der Geldhahn zugedreht und komplett ideenlos versucht Marla der Leere ihres Lebens zu entkommen. Dazu reist sie zurück ins wohlstandsverwahrloste Elternhaus in die nordrhein-westfälischen Provinz und nach Sylt, um schließlich doch wieder nach Berlin und schließlich auch zu sich selbst zurückzufinden.

Mit sehr viel, gänzlich unkitschigem Lokalkolorit und schlaglichtartig aufblitzenden, politischen Ereignissen des Jahres 2015 (Flüchtlinge, Merkels „wir schaffen das“, Attentat in Nizza) haut die knapp 30-jährige Julia Zange eine höchst moderne Coming-of-Age-Geschichte raus. Weil das alles sehr klug beobachtet ist, darf es gelegentlich etwas altklug klingen, Marla nennt es „kitschigen Facebook-Eintrag“, Altklugheit ist schließlich ein Privileg der Jugend. „Wir haben eine Entscheidungsfreiheit, jede Sekunde. Aber das Seltsamste, was jetzt passiert, ist, dass auf einmal Gefühl 3 auftaucht“, erkennt Marla. „Und das hat etwas mit den anderen Menschen zu tun. Vielleicht kann man erst mit jemandem befreundet sein, wenn man den Falter von seinem Herzen entfernt hat.“

Junge Frauen auf der Suche nach sich und dem Sinn des Lebens in Berlin – das ist als Thema nicht neu. Noch nie hat man es aber so gegenwärtig und nicht zuletzt so elegant formuliert gelesen wie in Realitätsgewitter.

Elke von Berkholz

Julia Zange: Realitätsgewitter, Aufbau Verlag 2016, 157 Seiten, junge Erwachsene, 17,95 Euro

Tierische Bilderbücher

tierSeit Ende Januar feiern die Chinesen das Jahr des Hahns. Es soll Glück bringen für kommende Projekte. Eigentlich ein gutes Omen.

Ein Projekt hat auch Die kleine rote Henne von Pilar Martinez. Sie lebt mit ihren Küken auf dem Bauernhof und will ein Brot backen. Beim Bestellen des Feldes, beim Aussäen des Weizens, bei der Ernte, dem Mahlen der Körner und beim Backen könnte sie eigentlich ziemlich gut Hilfe gebrauchen. Doch ihre Mitbewohner Hund, Katze und Ente sind zu faul, schläfrig und lärmend und lehnen die wiederkehrende Frage, wer hilft, mit einem „Ich nicht!“ ab.
Da es bekanntermaßen so aus dem Wald herausschallt, wie man hineinruft, reagiert die kleine rote Henne am Ende dementsprechend, was hier mal nicht verraten wird.

Dieses freche spanische Volksmärchen ist eine entzückende Lektion in Sachen Hilfsbereitschaft, die kleinen Lesern durchaus zu denken geben wird. Und nicht nur denen.

Was mich bei diesem Buch noch ganz besonders freut, ist, dass die wunderbare Übersetzerin Ilse Layer auf dem Cover neben der Autorin und dem Illustrator genannt wird (wenn auch unverständlicherweise kleiner gedruckt). Das kommt in der deutschen Verlagslandschaft noch viel zu selten vor und sollte doch eigentlich selbstverständlich sein. Diesem Vorbild dürften andere Verlage bitte folgen.

Eine ebenso entzückende Federviehgeschichte ist die von Fledereule Eulenmaus der irischen Illustratorin und Schriftstellerin Marie-Louise Fitzpatrick. Ganz ohne Worte schildert sie die liebenswerte Begegnung zweier nachtaktiver Spezies des Tierreichs.

Da sitzt zunächst eine vierköpfige Eulenfamilie selig schlafend nebeneinander auf einem Ast, als sich eine Fledermausfamilie unter ihnen an den selben Ast hängt. Zunächst beäugt man sich misstrauisch, rückt auseinander und verbietet seinen Kindern den Kontakt während der Schlafenszeit.
Als ein Windstoß den Baum schüttelt, fällt das Getier vom Baum, und nun sammeln die besorgten Mütter ihren Nachwuchs wieder ein, allerdings nicht nur den eigenen, sondern auch den der Astnachbarin. Mittlerweile ist der Vollmond rund hinter dem Baum aufgegangen, die Lütten sind hellwach und alle rücken dichter zusammen.

Solidarität, Hilfsbereitschaft und Freundschaft brauchen hier keine Worte. Mutterliebe ist universell, und gemeinsam mit seinen Freunden macht die Erkundung der Nacht gleich doppelten Spaß. Braucht man mehr, um Kindern Offenheit und Toleranz zu zeigen? Ich glaube nicht.

bilderbücherDicke Freunde sind auch die beiden Wollschweinferkel Krümel & Fussel von Judith Allert. Sie führen ein schweinotastisches und wunderborstiges Leben voller Gegrunze, Geknurpse, Gemampfe und Gebuddel auf dem Bauernhof. Es fehlt ihnen an nichts. Nachts kuschelt die Großfamilienwollschweinsippe sich zusammen und veranstaltet ein Schnarchkonzert.
Doch eines Abends entdeckt Krümel ein faszinierendes Funkellicht. Er will ihm folgen, wird jedoch vom Zaun gestoppt. Was aber so ein abenteuerlustiges Wollschwein ist, das lässt sich natürlich nicht von einem einfachen Lattenzaun aufhalten. Am nächsten Morgen ziehen die Freunde los, finden ein Loch im Zaun und weiter geht es, immer dem Rüssel nach. Der dunkle Wald bei Nacht, die unheimlichen Geräusche und die fremden Waldbewohner halten die beiden nicht auf, um näher zum Funkellicht zu kommen.

Dass manchmal ein Perspektivwechsel des Rätsels Lösung bringen kann, erkennen die Freunde schon bald. Dass so eine Erkenntnis auch noch weitere Folgen hat und man manchmal einfach seinem Rüssel folgen muss, auch. Die beiden knuffigen Wollschweine machen einfach Lust darauf, dem eigenen Forscherdrang nachzugeben und den eigenen Weg unbeirrt weiterzugehen.

bilderbücherSo könnte das Leben eigentlich ganz wunderbar sein, wenn da nicht der nervige Schluckauf wäre. Vor allem, wenn er im ungelegensten Moment auftaucht und dann nicht mehr verschwindet, wie in Christian Gutendorfs Bilderbuch Hicks!
Krokodil Egbert kann ein Lied so einem Schluckauf singen. Als er eines Tages nach der Fütterung selig schlummert, schlägt der Aushilfsunterpfleger Tim die Tür mit so einem Ka-Bumm zu, dass es Egbert von seiner Mama runterschmeißt. „Eine Weile nix. Dann … Hicks“, so heißt es fort an. Es schüttelt und rüttelt und schmeißt Egbert hin und her, es ist herzerweichend.

Was macht man bei Schluckauf? Klar, man fragt andere um Rat. Egbert konsultiert Walross Wally, Mick, die Maus, Giraffe Ruth und noch so einige andere Zoobewohner. Doch nichts hilft, Luftanhalten nicht, Käse essen nicht, trocken schlucken erst recht nicht. Es ist zum … Hicks!

Und wenn schließlich alles nichts mehr geht, dann, ja dann sucht man auch endlich mal den Arzt auf. Egbert ist da nicht anders und traut sich endlich zum Tierarzt …

Liebevoll gereimt und humorvoll gezeichnet widmet sich Christian Gutendorf einem alltäglichen Phänomen, das zwar lästig, aber nicht lebensbedrohlich ist – und für das jeder sein eigenes Rezept entwickeln muss. Bis dahin ist diese Lektüre so wunderbar unterhaltsam, dass jede_r Schluckauf habende Leser_in vermutlich vor Lachen das nervige Gehickse wieder los wird …

 

Pilar Martinez: Die kleine rote Henne, Übersetzung: Ilse Layer, Illustration: Maro Somà, Aracari, 2017, 36 Seiten, ab 4, 13,90 Euro
Marie-Louise Fitzpatrick: Fledereule Eulenmaus, Sauerländer, 2017, 32 Seiten, ab 4, 14,99 Euro
Judith Allert: Krümel & Fussel immer dem Rüssel nach, Illustration: Joelle Tourlonias, Ravensburger, 2017, 32 Seiten, ab 4, 13 Euro
Christian Gutendorf: Hicks! Ein Krokodil hat Schluckauf, Lappan, 2017, 44 Seiten, ab 4, 12,99 Euro

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Die Höhen und Tiefen des Lebens

Bekanntermaßen ist das Leben kein ununterbrochener  Kindergeburtstag. Vor allem, wenn psychische Krankheiten das Leben dauerhaft prägen. Diese Leiden Kindern zu erklären und ein Verständnis in ihnen zu wecken, ist ein schwieriges, wenn nicht gar heikles Unterfangen. Ulrich Fasshauer hat es gewagt und mit Das U-Boot auf dem Berg einen liebevoll rasanten Kinderoman zum Thema vorgelegt.

Mauritius ist zwölf und erst vor kurzem mit den Eltern aufs Land gezogen, irgendwo nach Norddeutschland, wo er von dem Hügel, auf dem ihr Haus steht, das Meer sehen kann (warum auf dem Buchcover im Hintergrund die Berge zu sehen sind, ist mir ein Rätsel…). Das Meer ist Mauritius große Leidenschaft, je tiefer und dunkler desto besser. Sein Zimmer ist dementsprechend eingerichtet und über die Bewohner der Tiefsee weiß er Bescheid. Nur redet Mauritius nicht besonders viel. Die Welt scheint ihn zu überfordern. Wenn alles extrem zu viel wird, wendet er sich an seinen imaginären Freund Herrn Glimm, einen Laternenfisch. Ihn füttert er mit allem, was ihn ärgert. Das sind momentan vor allem die neuen Klassenkameraden, die mit seinem Schweigen nicht viel anfangen können.

So bleibt es natürlich nicht. Eines Tage taucht Mauritius Onkel Christoph auf, ein gescheiterter Rockmusiker, der manisch-depressiv ist. Von dieser tückischen Krankheit bekommt Mauritius zunächst noch nicht viel mit, denn Christoph ist gerade in seiner manischen Phase und stellt das ruhige Leben der Familie gehörig auf den Kopf. Das nervt Mauritius anfangs ziemlich, so dass er den Onkel am liebsten an Herrn Glimm verfüttern würde. Wäre da nicht die anregende, mutmachende, lebensbejaende Seite von Onkel Christoph, an der sich Mauritius so gern anstecken würde. Denn Onkel Christoph ist auch ziemlich cool und erfüllt Mauritius seinen größten Wunsch zum Geburtstag, mit der Folge, dass der Kindergeburtstag völlig aus dem Ruder läuft. Onkel Christoph wird in die Psychiatrie eingeliefert, und da merkt Mauritius, wie anders der Onkel wirklich ist.

Fasshauer schreibt konsequent aus der Perspektive seines Ich-Erzählers, so dass das ungewöhnliche Verhalten des Onkels zunächst nicht unter den Beurteilungswahn der Erwachsenenwelt fällt. Erst nach und nach wird klar, dass es sich hier nicht um eine gewöhnliche Überdrehtheit handelt, sondern um wirklich krankhaftes Verhalten.
Wenn schon Erwachsene diese komplexe und unberechenbare Krankheit nicht so richtig einschätzen und angemessen damit umgehen können, ist dieses für Kinder natürlich noch um Längen schwieriger. An was soll man sich halten, wenn das Gegenüber von einer Sekunde auf die andere alles Gewohnte über den Haufen wirft, Regeln missachtet und seine eigenen Wahrheiten propagiert? Mauritius hält sich tapfer, versucht, Onkel Christoph nicht zu verurteilen, und entdeckt schließlich die liebenswerten Seiten des Onkels, die natürlich einen Einfluss auf ihn selbst haben.

In all dem Chaos, das Onkel Christoph anrichtet, erlebt Mauritius und mit ihm die jungen Lesenden, was für eine Belastung eine psychische Krankheit eines Angehörigen sein kann, aber auch, dass der Betroffenen dennoch ein liebenswerter und wichtiger Teil im Leben der Familie ist. Fasshauer schafft es so, dass Verständnis und Toleranz für psychisch Erkrankte steigt und man nicht verzweifelt. Denn es gibt immer einen Weg, wie man mit diesen Menschen und ihren Phasen umgehen kann.

Mauritius macht – mit anderen Worten – den Kindern Mut. Mut, sich einzulassen auf Ungewohntes, Mut, über den eigenen Schatten zu springen, Mut, Neues zu wagen. So wird das eigene Leben selbst durch eine Krankheit eines anderen bunter und lebenswerter.

Ulrich Fasshauer: Das U-Boot auf dem Berg, Tulipan, 2017, 188 Seiten, ab 10, 13 Euro

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Die Leiden der jungen Großstadtkinder

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Unkonventionelle Familienkonstellationen gibt es in Kinderbücher ja mittlerweile in allen möglichen Formen, Farben und Varianten. Jetzt ist mit dem neuen Roman von Anne C. Voorhoeve endlich auch das Konzept der „Kinderwohnung“ hinzugekommen. Und das auf eine sehr unterhaltsame Art.

Die Geschwister Pia und Jonas stellen irgendwann fest, dass sich ihre Eltern gar nicht mehr zoffen. Eine gespenstische Ruhe ist in ihrer Wohnung im Berliner Reuterkiez (Neukölln) eingezogen. Das ist kein gutes Zeichen. Schnell wird den beiden klar: Mama und Papa lassen sich scheiden. Doch anstatt, dass die Kinder mit dem einen oder anderen Elternteil in eine andere Wohnung ziehen, dürfen sie in ihrem Zuhause bleiben – nur die Erwachsenen ziehen um und wechseln sich wochenweise in der Kinderwohnung ab. Das Konzept bewährt sich, so dass die Kids wieder ihren einigermaßen normalen Alltag leben können.
Mit ihren Freunden, Nesrin, Kasim, Finn-Ole, Mustafa und Rifat, machen Pia und Jonas ihren Kiez unsicher – und zwar in Form einer Stadtteilführung: „Neukölln für starke Nerven!“ Die etwas andere Berlin-Rundtour soll den Touristen das „harte“ Neuklölln zeigen, wo Kampfhunde herumlaufen, am hellichten Tage Fahrräder gestohlen und Passanten beklaut werden. So sollen die Fremden davon abgehalten werden, in den Kiez zu ziehen und ihn zu gentrifizieren. Die erste Führung wird leider zum Reinfall, die zweite so ein Erfolg, dass gewiefte Geschäftsleute den Kids die Idee klauen.

Zu allem Überfluss findet Pia auf der Tour heraus, dass ihr Wohnhaus bereits von einer Investorin gekauft wurde und nun luxussaniert wird. Aus dem anfänglichen Spaß wird auf einmal bitterer Ernst: Wo sollen die Bewohner nur hin, wenn sie sich die Mieten nicht mehr leisten können oder kein Geld haben, die eigene Wohnung zu kaufen?

Voorhoeven lässt die Ich-Erzählerin Pia in einem leichten Ton von all diesen Unbill des Großstadtlebens erzählen. Trotz unglaublich vieler bitteren Dinge, die die Kinder erleben müssen (Scheidung, die neuen Partner der Eltern, sie verlieren ihr Zuhause), verströmt Pia dennoch so viel Zuversicht und pragmatischen Umgang mit den immer neuen Problemen, dass man die Geschichte schon fast als heiter bezeichnen muss. Sie zeigt, dass Ideenreichtum trotz aller Rückschläge weiterhilft, dass Gespräche beim Psychologen förderlich sind, dass das Leben weitergeht, auch wenn sich so einiges ändert. Und dass es immer noch schön sein kann.

Das Leben in einer Patchworkfamilie und die Gentrifizierung von Szenekiezen sind zwar zwei hammerharte Themen, die für sich allein schon eine Geschichte tragen würden. Doch ist es ja auch so, dass man im wahren Leben diese Probleme durchaus nicht immer einzeln auf dem Tablett serviert bekommt, sondern, wenn es mal kommt, es häufig eben auch so dicke kommt, dass man sich fragt, womit man all so ein Unglück eigentlich verdient hat. Natürlich hat das niemand verdient, aber junge Lesende bekommen hier einen Vorgeschmack auf die Komplexität unseres Lebens. Das ist nicht immer schön, und geht auch nicht immer gut aus. Aber die Helden von Wir 7 vom Reuterkiez zeigen mit ihren Aktionen, dass man doch so einiges in die Hand nehmen und bewegen kann. Ausruhen und jammern ist eben nicht.

Anne C. Voorhoeve: Wir 7 vom Reuterkiez, Sauerländer, 2016, 256 Seiten, ab 10, 12,99 Euro

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Die Gefahren nach der Flucht

zippiGeschichten von Geflüchteten gibt es momentan sehr viele, und das ist wichtig und notwendig. Eine – in meinen Augen – ganz besondere Geschichte erzählt Adriana Stern nun in ihrem Roman Und frei bist du noch lange nicht. Denn hier geht es nicht nur um Flüchtende aus Syrien oder Afrika, sondern auch um Menschen, die auch heute noch aus religiösen Gründen ihre Heimat verlassen müssen.

Stern erzählt von der 13-jährigen Zippi, die mit ihrem Bruder Ivo und ihren Eltern aus Krasnaja Sloboda in Aserbaidschan nach Deutschland kommt. Zippi und ihre Familie sind Juden und gehören in ihrer Heimat einer Minderheit an, die dort nicht mehr sicher ist. Sie reisen nach Düsseldorf und finden zunächst Unterkunft in zwei winzigen Zimmern eines Flüchtlingsheims.
In einem zweiten Erzählstrang schildert Stern die Geschichte des 10-jährigen Syriers Saladin, der mit seinem Bruder Tarek vor dem Krieg flieht. Während Zippi relativ bequem im Flugzeug nach Deutschland kommt, legt Saladin die Strecke über das Mittelmeer und durch Italien zurück, mit allen Schrecken, die auf dem offenen Meer laueren.

In Düsseldorf verweben sich die Schicksale der beiden Kinder, die sich in einem Fastfood-Restaurant kennenlernen, da es dort Gratis-WLan gibt, mit dem sie Kontakt mit ihren Freunden in der Heimat oder auf der Fluchtroute halten können. Die beiden freunden sich an, Saladin wird schließlich ein guter Kumpel von Zippis Bruder Ivo.
Im Flüchtlingsheim lernen die beiden Protagonisten weitere Kinder kennen – und sie erfahren von den dunklen Seiten vermeintlicher Helfer. Denn sie finden heraus, dass der Hausmeister des Heims ein Mitglied der Partei „Aufbruch für Deutschland“ ist (Ähnlichkeiten sind durchaus beabsichtigt) und mit ein paar Komplizen vielen Geflüchteten die Pässe abgenommen hat. Ohne diese Pässe können diese Menschen keine endgültigen Asylanträge stellen und sind der Gefahr ausgesetzt, wieder abgeschoben zu werden.

Gemeinsam machen sich die Kinder und Jugendlichen auf, der Bande das Handwerk zu legen und für ihre Ehre zu kämpfen…

Sterns Roman ist eine komplexe Geschichte, die in manchen Momenten vielleicht etwas konstruiert erscheint (so können sich Zippi und Saladin auf Russisch unterhalten, weil Saladins Mutter Russin war). Wenn man sich jedoch auf diese erzähltechnischen Tricks einlässt, eröffnet sich ein spannendes Abenteuer, in dem die geflüchteten Kinder nicht die passiven Hilfsbedürftigen sind, sondern zu aktiven Helden werden, die gegen Ungerechtigkeit und Fremdenhass kämpfen. Für junge Lesende macht gerade dies die Lektüre zu einer interessanten Mischung: Hier steht nicht die mühsame und gefährliche Flucht im Mittelpunkt, deren Schrecken durchaus geschildert werden, sondern die Probleme, mit denen Geflüchtete nach ihrer Ankunft in Deutschland zu kämpfen haben (überfüllte Zelte, Enge in den Heimen, unverständliche Behördenvorgänge).

Für Zippis Familie kommen darüber hinaus die Anforderungen des jüdischen Lebens hinzu, die sich beispielsweise an ihrer speziellen Küchenausstattung zeigt, aber auch in der Suche nach einer jüdischen Gemeinde, der sich die gläubige Familie anschließen kann.
Zippis Leidenschaft fürs Kochen bringt zudem einen sehr sinnlichen Aspekt in die Geschichte ein. Das Essen, die Zutaten, die Gerüche erinnern an die Heimat, trösten ein wenig, aber verbinden auch die unterschiedlichen Kulturen, in denen manche Gerichte identisch sind, nur andere Namen haben. So entdecken Saladin und Zippi verbindende Gemeinsamkeiten. Und Saladin fängt auf einmal an, über die Vorurteile, die manche Syrer gegenüber Juden hegen, nachzudenken.

In anderen Worten: Adriana Stern mischt gekonnt eine spannende Kriminalgeschichte mit den realen Lebenswelten von Geflüchteten und jüdischem Leben in Deutschland. Über beides dürfte die Mehrheit der hiesigen Jugendlichen nicht besonders viel wissen, umso besser, dass diese Buch kurzweilige Abhilfe schafft.
Gleichzeitig macht es etwas Weiteres noch mal ganz klar: Die Menschen, die es aus Krisengebieten bis nach Deutschland schaffen, mögen ihr Leben gerettet haben, einfach und bequem ist der Alltag bei uns für sie damit noch lange nicht. Auch dies sollten wir sich immer wieder ins Bewusstsein rufen, wenn wir meinen, wir hätten unsere Pflicht gegenüber diesen Menschen bereits erfüllt.

Adriana Stern: Und frei bist du noch lange nicht, Ariella Verlag, 2016, 376 Seiten, ab 12, 14,95 Euro

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Bücher, die die Welt reparieren

„Es gibt eine größere Offenheit, die Literatur ist vorwitziger und frecher, weil man die Kinder ernst nimmt, sie auch zum Nachdenken bringen will, denn das gehört zum Aufwachsen.“ So beschreibt der Autor Bart Moeyart das Besondere der niederländischen und flämischen Kinder- und Jugendliteratur. Der Flame ist künstlerischer Leiter der Ehrengast-Präsentation bei der Frankfurter Buchmesse. Und das, obwohl er „nur“ Kinder- und Jugendbuchautor ist. Dass Literatur für junge Leser bei unseren Nachbarn einen besonderen Stellenwert genießt und im flämischen Sprachraum brillante Bücher für Kinder und Jugendliche geschrieben werden, zeigt auch diese Auswahl.

 

51efazxaazlJede dritte Ehe scheitert, das ist bedauerlich, aber alltäglich und banal, Menschen verlieben und entlieben sich. Schlimm wird es nur, wenn Kinder involviert sind: Denen fehlen ein paar Jahrzehnte ernüchternde Erfahrungen, es kann ihnen den Boden unter den Füßen wegziehen und fortan müssen sie sich nicht nur mit „Hin- und Her-Taschen“ abschleppen zwischen getrennten Wohnungen und Leben. Da helfen auch oberschlaue Ratgeber wie „Glücklich verheiratet, glücklich getrennt“ nichts, die nur das schlechte Gewissen der Eltern beruhigen.

Die zwölfjährige Felicia, die fortan Fitz genannt werden will, ist vor allem wahnsinnig wütend. Auch noch, als ihr Vater und ihre jüngere Schwester Bente einen Unfall haben und die ganze Familie in der Notaufnahme zusammentrifft. Fitz ist aber auch eine scharfsinnige Beobachterin, ein ungeheuer waches, kluges und einfühlsames Mädchen, das man sofort ins Herz schließt. Kein Wunder, dass in den Weiten des großen Krankenhauses der höchst attraktive, lakonische Adam und die schräg-witzige Primula sofort auf sie anspringen und die drei im Laufe des Tages gleich mehrere Herzen entflammen, nicht nur die eigenen.

Anna Woltz hat bereits mit ihrer sehr modernen Familiengeschichte „Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess“ zwei liebenswerte Charaktere geschaffen, die draufgängerische Tess und den sensiblen Samuel. Ihre Heldin Fitz ist einfach grandios: Sie rettet vielleicht nicht die ganze Welt, auch die Ehe ihrer Eltern nicht, die kann man halt nicht wieder zusammennähen wie Bentes verletzen Finger. Aber mit ihrem Charme, ihrer Direktheit und ihren klugen Erkenntnissen kann sie die Welt auf jeden Fall lebenswerter machen. Weil dieses Mädchen abgeklärte Leser wieder an so etwas wie Liebe glauben lässt. Das liegt auch an den erwachsenen, ebenso lebendig wie vielschichtig beschriebenen Nebenfiguren. Spätestens wenn Fitz, nach ihrer Tour de Force über mehrere Stockwerke und Stationen der Klinik, nicht länger „lieber in einen Vulkan springen will, als jemals zu heiraten“. Man will dieses absolut hinreißende Mädchen am Ende der Geschichte und des Tages nie mehr loslassen. Aber mit etwas Glück hat Adam ja recht: „Vielleicht ist morgen dann wieder heute“ – in neuer Tag voller verrückter Emotionen, Begegnungen und Erfahrungen.

Nur schade, dass der Carlsen Verlag diese unter die Haut gehende Geschichte hinter einem nichtssagenden Einband versteckt. So don’t judge a book by looking at it’s cover.

Anna Woltz: Gips oder wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte; Übersetzung: Andrea Kluitmann, Carlsen 2016, 176 Seiten, ab 10 Jahren, 10,99 Euro

 

51n5-hss4cl-_sx355_bo1204203200_ Kalle ist ein Macher, der lieber einen Gedanken zu wenig denkt, als sich von seinem Vorhaben abbringen zu lassen. Bei Helicoptereltern hätte solch ein tatendurstiger kleiner Kerl keine Chance (übrigens spielt ein Hubschrauber später auch noch eine Rolle, aber mehr wird hier nicht verraten!). Selbst für weniger behütende und gerade auch sehr müde Erziehungsberechtige ist es ganz gut, wenn sie nicht so genau wissen, was Kalle vorhat, wenn er sagt, er geht weg: Der Achtjährige springt mit Nachbarhund Max und Meerschweinchen Hektor in sein kleines Motorboot und nimmt Kurs Richtung großen Fluss – eine ebenso spannende und witzige wie haarsträubend gewagte Bootstour. Anke Kranendonks Geschichte ist pädagogisch völlig wertlos – im besten Sinn. So wie vor wartenden Kindern bei Rot über die Ampel zu gehen. Weil es Kinder zu selbstständigem Denken und Eigenverantwortung motiviert.

Charmant zitiert die niederländische Kinder- und Jugendbuchautorin Tomi Ungerers „Kein Kuss für Mutter“ und beerbt anarchistisch-autarke Helden wie Pippi Langstrumpf oder Michel. Sympathisch persifliert sie in den etwas einseitigen Dialogen Kalles mit Vierbeiner Max wie Eltern mit ihrem Nachwuchs reden: ein wenig herablassend ob des vermeintlich geringeren Verstands, auch mal ganz schön genervt, doch letztlich immer voller Zuneigung, gelegentlich zerknirscht.

Noch schöner wird die von Sylke Hachmeister erfrischend übersetzte Geschichte durch Annemarie van Haeringens in kräftigen Farben colorierte und an Quentin Blake (bekannt aus Roald Dahls Büchern) erinnernde Illustrationen. Kalles Selbstbewusstsein und Abenteuerlust sind umwerfend, niemand sollte solch tollkühne Kinder stoppen dürfen!

Anke Kranendonk: Käpt’n Kalle; Illustrationen: Annemarie van Haeringen, Übersetzung: Sylke Hachmeister, Carlsen 2016, 152 Seiten, ab 8 Jahren, 9,99 Euro

 

51gzheiofl-_sx258_bo1204203200_„One ist the loneliest number“ wissen wir aus der Popmusik. Jetzt erweitert die niederländische Illustratorin Henriette Boerendans unser Zahlenwissen mit „Die Null ist eine seltsame Zahl“. Mit kunstvollen Holzschnitten verknüpft sie die Ziffern eins bis zehn sowie fünfzig und hundert mit spannenden Informationen für kleine Kinder: Ein kleiner Elefant braucht zwei Jahre, bis er geboren wird. Tiger haben an den Vorderpfoten fünf Zehen und an den Hinterpfoten vier. Wie viele hat das Kind? Eine Schildkröte legt zehn Eier. Sie selbst kann bis zu 188 Jahre alt werden. Aber Muscheln werden noch viel älter. Und kleine Kaninchen sehen ihre Mutter nur fünf Minuten täglich.

In der Farbgebung erinnern die Drucke an Andy Warhols Siebdruckserien. Von der Anmutung haben sie etwas klassisch Asiatisches. Boerendans entwickelt eine ganz eigene Bildsprache und macht so abstrakte Größen lebendig und begreifbar. Für Vorleser ist dieses Buch auf jeden Fall ein optischer Genuss. Und warum ist die Null seltsam? Weil sie das Nichts beschreibt, eine Lücke – so wie die Dodos, die es nicht mehr gibt, die ausgestorben sind, weil ihre Eier aufgefressen wurden.

Henriette Boerendans: Die Null ist eine seltsame Zahl, Übersetzung: Martin Rometsch, aracari Verlag 2016, 32 Seiten, ab 3 Jahren, 14,90 Euro

Elke von Berkholz