Mädchen, werdet laut!

moxie

Vor wenigen Tagen hat die Süddeutsche Zeitung ein Projekt zu Geschlechterklischees in Kinderbüchern veröffentlicht. Allein die Auswertung der Meta-Daten von Tausenden von Büchern zeigt bereits, dass – anders als gefühlsmäßig angenommen – männliche Protagonisten immer noch in der Überzahl sind, die weiblichen Heldinnen nicht so komplexe Abenteuer erleben dürfen und die Verschlagwortung den Jungs mehr Begriffe zugesteht. Vermutlich lese ich nicht genug Kinderbücher und lasse mich von den Jugendbüchern blenden, unter denen es mittlerweile doch so einige Geschichten von Mädchen gibt, die gegen die Klischee angehen und feministische Töne anschlagen. Aber vermutlich müsste man auch hier mal eine Meta-Daten-Analyse durchführen, um ein genaueres Bild zu bekommen.

Machogehabe an der Highschool

Ein aktuelles Jugendbuch, das gegen die männliche Dominanz angeht, ist in jedem Fall Jennifer Mathieus Moxie – Zeit, zurückzuschlagen. Die Heldin Vivian hat es nämlich satt, sich in ihrer Highschool, in einem kleinen Seekaff in Texas, von den Jungs ständig dumme Sprüche anhören zu müssen, in denen die Mädchen auf ihre vermeintliche Rolle in der Küche reduziert werden. Die Jungs haben an ihrer Schule alle Freiheiten der Welt: Sie dürfen T-Shirts mit Machosprüchen tragen, während den Mädchen die Miniröcke und Tops verboten werden. Die Jungs können die Mädchen körperlich angehen, ohne dass sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Und das Football-Team steht als Inbegriff von Männlichkeit und Erfolg über allem und wird von allen Seiten finanziell unterstützt, während die Mädchen das Nachsehen haben.

Moxie ruft zum Widerstand auf

Viv nervt dieses Gesamtsituation ziemlich. Eines Tages stöbert sie in den alten Sachen ihrer Mutter, die Viv seit dem Tod ihres Vater allein großzieht. Dort findet sie Andenken an deren rebellische Jugend und Riot-Grrrl-Manifeste, die eine ganz andere Seite der Mutter offenbaren. Viv kommt die Idee, selbst ein Zine, also ein Magazin, für Mädchen zu gestalten und an der Schule zu verteilen. Im Alleingang und ohne, dass sie irgendjemandem davon erzählt, stellt sie vier Seiten zusammen, kopiert sie und verteilt sie schließlich auf den Mädchentoiletten. Sie tauft ihr Zine Moxie, was so viel wie Mut, Tatkraft und Selbstbewusstsein bedeutet – und bei ihr für all die Mädchen steht, die sich nichts gefallen lassen. Als erstes Erkennungszeichen fordert sie die Leserinnen auf, sich Sterne auf die Hand zu malen, falls sie ebenfalls ein Moxie-Girl sind.

Zunächst scheint Vivians Zine nicht viele Mädchen aufzurütteln, nur wenige kommen am verabredeten Tag mit Sternen auf der Hand in die Schule. Doch als die Kleiderkontrollen des Direktors immer absurder werden und immer mehr Schülerinnen beschämen, fordert Viv in der nächsten Ausgabe die Leserinnen auf, im Bademantel zum Unterricht zu kommen. Dieses Mal folgen dem Aufruf von Moxie bereits mehr Schülerinnen. Ein erstes Gefühl von Gemeinschaft macht sich breit.
Die gute Stimmung unter ihnen jedoch sinkt wieder, als neben einem „Mädchen-Vergleichs-Wettbewerb“ im Internet, bei dem Jungs über den Coolness/Schönheitsfaktor der Mädchen abstimmen, zusätzlich bei den Jungs ein übergriffiges Spiel angesagt ist, bei dem sie die Mädchen begrapschen. Schließlich geht einer noch weiter. Da ruft Moxie zum Streik auf – doch dieses Mal steckt nicht Vivian hinter der Veröffentlichung. Und Vivian gerät in einen schweren Gewissenskonflikt.

Gemeinsam stark

Mathieus Roman, von Alice Jakubeit souverän ins Deutsche übertragen, liest sich wie im Rausch runter. Mag sein, dass die Lage an der Schule etwas zugespitzt und übertrieben ist – normalerweise würde eine frauenfeindliche Aktion ja schon ausreichen, um auf die Barrikaden zu gehen. Doch als erzählerisches Mittel treibt es die Leserinnen vorwärts, sodass deren Wut proportional zu der Wut der Mädchen in der Geschichte steigen dürfte. So emotional mitgenommen wirkt eine Lektüre später sicherlich auch nach außen und in das hiesige Schulleben. Denn zum Glück solidarisieren sich die Mädchen im Buch, Viv lernt neue Mitschülerinnen kennen und überwindet eigene Vorurteile gegenüber anderen, die sie zunächst für arrogant gehalten hat. Mehr und mehr wird den Schülerinnen bewusst, dass sie nur gemeinsam gegen Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Gewalt kämpfen können. Und sensibilisieren damit auch gleichzeitig die Leserinnen, was sie, sollten sie Ähnliches erleben, machen könnten.

Die Sensibilisierung geschieht nicht nur durch die Aktionen der Mädchen, sondern auch durch die abgebildeten Moxie-Ausgaben, in denen Viv neben Bildern von 40er-Jahre Boxerinnen mit jeder Ausgabe mehr und mehr Infos zur weiblichen Selbstwahrnehmung, zu unsinnigen Kleiderordnungen sowie Zahlen zu sexueller Belästigung und den psychischen Folgen davon liefert. Sie zeigt aber auch, dass sexuelle Diskriminierung nicht erst mit einer Vergewaltigung zu einem Delikt wird, das frau anzeigen sollte, sondern oft schon viel früher beginnt –  in vermeintlich normalen Situationen zwischen Mädchen und Jungen.

Liebe inklusive

Jetzt könnte man denken, dass in diesem Roman alle Jungs doof sind. Zugegeben viele sind es, aber Mathieu hat natürlich – erzähltaktisch clever – auch ein gutes Exemplar in die Geschichte eingebaut. Seth, der gut aussehende Neuzugang an der Schule, findet die Moxie-Zines klasse, noch bevor herauskommt, von wem sie eigentlich stammen. Und er mag Viv und unterstützt sie. So wird der durchaus aufregende Kampf um Gleichbehandlung und Gleichberechtigung von diesem Liebes-Plot-Strang begleitet. Ganz im Sinne: Frau kann Feministin sein und trotzdem einen Mann lieben. Hier gleitet es vielleicht ein bisschen ins Klischee, doch wenn es jungen Mädchen die Angst nimmt, sie würden allein bleiben, wenn sie sich feministisch betätigen, hat das durchaus seine Berechtigung. Und es zeigt zudem, dass auch Jungs sich für den Feminismus und die Gleichberechtigung begeistert können. Auch das ein Thema, das noch viel zu wenig dargestellt wird.

Jennifer Mathieu: Moxie – Zeit, zurückzuschlagen, Übersetzung: Alice Jakubeit, Arctis Verlag, 2018, 352 Seiten, ab 14, 16 Euro

Deutsche Geschichte in falscher Verpackung

68erDieser Tage häufen sich die Berichte und Diskussionen über 68er Bewegung, pünktlich zum 50-jährigen Jubiläum. So wurde kürzlich dem Anschlag auf Rudi Dutschke in Berlin ausführlich gedacht. Die Studentenunruhen erreichten nach diesem Gewaltakt im Sommer 1968 ihren Höhepunkt, durch das spießige Nachkriegsdeutschland wehte ein frischer, ungewohnter Wind, der sich später durch die Anschläge der RAF zu einem terroristischen Sturm entwickeln sollte.
Im Rückblick betrachtet eine aufregende, umwälzende Zeit, von deren positiven Effekten (trotz aller Gewalt) wir heute noch profitieren – auch wenn gerade wieder rechtskonservative Strömungen das Rad der Geschichte weit, weit zurückdrehen und scheinbar die 68er ungeschehen machen möchten.

Vor ein paar Monaten erreichte mich per E-Mail eine Anfrage, ob ich nicht eine Empfehlung zu einem Jugendbuch hätte, das sich mit eben diesen 68ern beschäftigt. Hatte ich nicht. Aber so etwas reizt mich dann ja, ob nicht doch etwas zu dem Thema für junge Menschen erschienen ist. Das Ergebnis war eher ernüchternd.

Ja, es ist etwas erschienen, allerdings schon vor zwei Jahren: Sturmfrühling von Inge Barth-Grözinger. Darin begleiten die Leser_innen die Hauptfigur Marianne, die Fans von Barth-Grözinger schon aus dem Vorgängerband Stachelbeerjahre kennen können, vom Schwarzwald zum Studium nach Heidelberg.
Marianne studiert Germanistik, ist hingerissen von der Literatur der Romantik und dem Professor, der adrett gekleidete Studentinnen schätzt. Sie wohnt zur Untermiete in einem Zimmer, in dem Herrenbesuch natürlich verboten ist und ein Wohlgefühl nicht unbedingt aufkommt. Zudem belasten Mariannes Mutter und Schwester sie immer noch mit ihrem dunklen Geheimnis, das über ihrem Zuhause im Schwarzwald lastet und von dem der Roman Stachelbeerjahre erzählt.

Nach und nach merkt Marianne jedoch, dass an der Uni weit andere Dinge vor sich gehen, als nur das reine Studieren. Sie gerät in das Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und den charismatischen Kommilitonen David. Dieser treibt in Heidelberg den Protest gegen die verkrusteten Strukturen an der Universität, gegen die Alt-Nazis unter den Professoren und gegen die insgesamt spießige Gesellschaft voran.
Marianne ist fasziniert, zieht zu ihm in eine Kommune, geht mit ihm demonstrieren und fängt an, die ungeklärte Vergangenheit des verehrten Professors zu hinterfragen.
Die Bewohner der Kommune versuchen dem Berliner Vorbild, der Kommune 1, nachzueifern, David reist durch die Republik, um die Revolte weiter anzuheizen und seinem Idol Rudi nahe zu sein. Marianne jedoch kann sich nicht so richtig mit allen Facetten der Bewegung identifizieren.

Beim Lesen war ich hin- und hergerissen, was ich von dieser Geschichte halten soll, ich hatte mich – trotz des irreführenden Covers, das eher auf ein seichte Liebesgeschichte verweist – auf eine Revoluzzerstory eingestellt. Die Revolution, die Studentenrevolte schildert Barth-Grözinger durchaus, jedoch durch den Filter von Hauptfigur Marianne, die eben nicht nach Berlin fährt und mit einer gewissen Skepsis aus ihrem romantischen Elfenbeinturm tritt und eher zögerlich an den Demos teilnimmt. Das hat mich ganz kurz enttäuscht, doch dann wuchs in mir die Erkenntnis, dass diese Art der Darstellung sehr fein und subtil ist. Denn von den damaligen 300 000 Studenten waren eben nicht alle auf der Straße, haben nicht alle demonstriert, haben nicht alle im Zentrum des Geschehens mitgewirkt, sondern beobachtet.

Und trotz dieser hauptsächlichen Beobachtungshaltung, die Marianne einnimmt, hat die Bewegung auch direkte Auswirkungen auf ihr eigenes Leben. Sie ist die Beispielfigur, wie sehr die 68er die Gesellschaft aufgewühlt und umgekrempelt haben. Marianne setzt sich in der Folge kritisch mit der NS-Vergangenheit der Deutschen auseinander und löst sich selbst von ihrem erstickenden Elternhaus. Zwei Komponenten, die unsere Gesellschaft bis heute prägen: Vielleicht wäre es ohne die 68er nie zu einer Aufarbeitung des Nationalsozialismus gekommen, vielleicht hätte sich die Gleichberechtigung der Frau noch länger hingezogen, wenn nicht vor 50 Jahren die Frauenbewegung neue Impulse bekommen hätte.

Inge Barth-Grözinger schafft es durch ihren distanzierten Blick, die wichtigen Aspekte der 68er Bewegung herauszuarbeiten, ohne die gewaltbereiten Strömungen und spätere RAF-Terroristen zu glorifizieren. Zudem bekommen junge Leser_innen einen Einblick in die politische Lage der Bundesrepublik, die Notstandsgesetze und die Auswirkungen des Vietnamkriegs. Barth-Grözinger überwältigt ihre Leser_innen somit nicht, indem sie ein historisches Phänomen hochjubelt, sondern sie gibt ihnen zu denken. Das kann für geschichtlich nicht bewanderte Jugendliche zwar im ersten Moment sehr herausfordernd sein, doch für ein besseres Verständnis der Geschehnisse gibt es kurzes Glossar mit den wichtigsten Begriffen und Personen der Zeitgeschichte sowie ein Quellenverzeichnis für alle, die in dieses wichtige Thema weiter und tiefer einsteigen wollen. Man darf sich nur von dem leider völlig unpassenden Cover des Buches nicht abschrecken lassen.

Generell jedoch bin ich von den Jugendbuchverlagen ein bisschen enttäuscht, dass sich zum aktuellen Zeitpunkt keine fiktive Neuerscheinung mit den deutschen 68ern auseinandersetzt (bei Carlsen ist der zweibändige japanische Manga Unlucky Young Men erschienen, der 1968 spielt und die Umbrüche in Japan schildert, der jedoch nichts mit den hiesigen Geschehnissen zu tun hat). Klar, bedarf so eine publizistische Punktlandung langjähriger Planung, aber im Sachbuchbereich klappt so etwas ja doch das eine oder andere Mal. Nun ja, dies ist jetzt eine hypothetische Anmerkung. Vielleicht habe ich ja aber auch eine neue Publikation übersehen, dann bitte ich um Hinweise.

Inge Barth-Grözinger: Sturmfrühling, Thienemann Verlag, 2016, 272 Seiten, ab 14, 16,99 Euro

Die Eleganz des Stinktiers

51jaiKqgejL„Als ich mein Haus verließ, saß ein Stinktier vor der Tür.“ Ebenso überrascht wie der Erzähler gerät man in die skurrile, zunehmend gruselige und doch ganz bezaubernde Geschichte einer grotesken Verfolgungsjagd. Gleichzeitig beginnt so eines der schönsten Bilderbücher dieses Jahres. Und das obwohl es überhaupt nicht kunstvoll, großspurig und auf den ersten Blick pädagogisch wertvoll daherkommt.

Das Stinktier heftet sich dem befrackten, mit seiner Brille und Frisur an den jungen Woody Allen erinnernden Helden an die Fersen; egal wo er langgeht, ob er rennt oder trödelt, es ist immer da, mal hinter oder auch neben ihm. Das ist anfangs noch spaßig, wird aber immer unheimlicher. Es hilft auch nicht, den Verfolger zur Rede zu stellen: „Ich drehte mich zu dem Stinktier um. Ich fragte: ,Was willst du von mir?’ Das Stinktier antwortete nicht. Das Stinktier war ein Stinktier.“

Natürlich ist das Stinktier viel kleiner als der Verfolgte, und es tut nichts, es stinkt auch gar nicht. Und doch kriecht die Paranoia in die Geschichte, Hitchcock lässt grüßen, bei den Vögeln fing auch alles ganz harmlos an. Schließlich treibt blanke Panik den Helden auf seiner surreal-slapstickhaften Flucht durch die Oper, über Friedhöfe und Rummelplätze, in Sackgassen und schließlich in die Kanalisation. Unter der Stadt hetzt er ohne Pause weiter, schüttelt den Verfolger ab, bezieht ein neues Haus, beginnt ein neues Leben …

Das ambivalente Ende der wunderbar absurden Geschichte, das der Anfang einer anderen sein könnte, sei hier nicht verraten. Der amerikanische Kinderbuchautor Mac Barnett ist keiner der definitiven happy endings. Wie zum Beispiel in seinem actiongeladenen Comic mit dem selbstredenden Titel Oh No! Or How My Science Project Destroyed The World: Darin erfindet ein nerdiges Mädchens einen tollen Roboter, der leider die ganze Welt in Schutt und Asche legt – das kann man nicht mehr heil machen. Mac Barnett erzählt in kurzen, präzisen Sätzen, seine Worte sind klar und auf den Punkt gebracht – und von Barbara Küper ebenso prägnant ins Deutsche übersetzt.

In Patrick McDonnell hat Barnett einen kongenialen Illustrator gefunden: Die größtenteils in schwarz-weiß gehaltenen Bilder, nur vereinzelt mit roten Farbtupfern versehen, wie zum Beispiel der Nase des Stinktiers und Fliege des Helden, wirken wie aus der Zeit gefallen und doch zeitlos schön. McDonnells Stil, den einige vielleicht von seinen Comicstrips Mutts kennen, erinnert an einen anderen, vor einigen Jahren vom Berlin Verlag wiederentdeckten Klassiker: Eloise in Paris. Mit leicht anarchistischem Charme erobert hier eine kleine New Yorkerin die Stadt der Lichter. Und in beiden Büchern spielt die Urbanität, das Großstadtleben eine wichtige Rolle.

McDonnells gibt vor allem dem ursprünglich nicht großstädtischen Stinktier wahre Eleganz. Von wegen die befrackten Pinguine, sein Stinktier hat wirklich Klasse: in stilvollem schwarz-weißen Streifenlook, den buschigen Schwanz wie eine lässig getragene Pelzstola hinter ihm herwehend. Blöd, dass es im Deutschen nur ein Wort gibt, das die unangenehme Seite des hübschen Tiers betont. Das englische „skunk“ klingt natürlich nicht besser,„Gestank“ schwingt auch hier mit. In Frankreich heißt das Buch lustigerweise „Das Stinktier, das mich liebte“. Nur „Stinktier“ als Titel verfängt im Land der Parfümeure wohl nicht; dann lieber ein scheinbares James-Bond-Zitat.

Die stilvoll schwarz-weißen Bilder kippen nur einmal ins grell Bunte. Und zwar während der vermeintlich besseren, weil wieder stinktierlosen Zeit. Instinktiv merkt man, dass in der schicken Wohnung, zwischen den aufgekratzt feiernden Partygästen in all ihrer Farbigkeit etwas – oder jemand – fehlt.

Was oder wer? Das kann jeder für sich interpretieren. Ist es das anhängliche, jüngere Geschwisterkind? Oder etwas Abstraktes wie Träume oder eine Sehnsucht, die man sich nicht traut auszuleben, die einen aber nicht loslässt, weil ohne sie das Leben hohl und sinnlos ist. Oder steht das Stinktier für den  Freund aus Kindertagen, der einem mittlerweile peinlich ist, weil er nicht zu den neuen coolen, hippen Freunden passt und sich nicht für die Modetrends und den nächsten heißen Scheiß interessiert. Stattdessen ist er verlässlich, treu und bodenständig, und nicht zuletzt von subtiler, erst auf den zweiten Blick erkennbarer Eleganz.

Das Stinktier von Mac Barnett und Patrick McDonnell ist für Leser jeden Alters eine Entdeckung und hat das Zeug zum modernen Klassiker, mit der Betonung auf Klasse!

Elke von Berkholz

Mac Barnett: Das Stinktier, Illustration: Patrick McDonnell, Übersetzung: Barbara Küper, Tulipan 2016, 44 Seiten, jedes Alter, 13 Euro

Kampf um Emanzipation und Liebe

robin jenniferKonventionen sind eine zweischneidige Angelegenheit. Wir brauchen sie, damit die Gesellschaft und das alltägliche Miteinander funktioniert. Gleichzeitig können Konventionen zu einer Qual werden, wenn sie uns vorschreiben wollen, wie wir zu leben und zu lieben haben. Dass die gesellschaftlichen Konventionen sich wandeln, ist in so einem Fall ein Glück – nur geht das nicht von heute auf morgen. Gegen die Konvention, die vor hundert Jahren in Deutschland geherrscht haben, kämpfen die Mädchen Robin und Jennifer in dem gleichnamigen Roman von Elke Weigel.

Robin wächst als Halbwaise in Cannstadt auf, Jennifer lebt mit Mutter und Stiefvater in Paris. Beide Mädchen fühlen sich zu ihren jeweiligen Freundinnen hingezogen. Robin leidet dabei in dem eher kleinbürgerlichen Umfeld der väterlichen Apotheke mehr als Jennifer, da in dem reichen Haus ihrer Mutter Künstler und Andersdenkende der Pariser Bohéme ein und aus gehen.
Aus den beiden Perspektiven der Mädchen erzählt Weigel die jeweilige Emanzipation. Robin weigert sich schrittweise, die herrschenden Konventionen zu akzeptieren. So lehnt sie das Korsett ab, das ihr die Tante aufdrängen will, stattdessen entscheidet sie sich für Reformkleider und probiert die Herrenklamotten ihrer Brüder. Zudem setzt sie sich durch, dass sie zunächst auf ein Gymnasium, dann auf die Universität gehen kann. Mit Hauswirtschaft und Heiratsplänen hat Robin, im Gegensatz zu ihrer Freundin Paula, nichts am Hut. Als Robins Vater stirbt, zieht Robin zu einem Bruder auf den Monte Verità im Schweizer Tessin.
Jennifer hingegen muss miterleben, wie ihr Stiefvater die Mutter verprügelt und sich, als Jennifer älter wird, an sie heranmacht. Befreiung findet Jennifer im Tanz. Unterstützt von der Mutter lernt sie den so genannten Neuen Tanz. Auf der Flucht vor dem gewalttätigen Ehemann zieht es auch Jennifer und ihre Mutter in die Alternativkolonie.
Dort begegnen sich die nun schon erwachsenen Mädchen  …

Elke Weigel hat mit Robin & Jennifer einen Coming-of-age-Roman der besonderen Art vorgelegt. Eingebettet in die Zeit von 1900 bis 1913 zeigt sie sehr anschaulich, wie schwer es die Mädchen damals hatten, sich in einer patriarchalischen Gesellschaft zu behaupten, wenn sie zum einen mehr wollten als nur einen Ehemann und Kinder und zum anderen gleichgeschlechtlich liebten. Sowohl den Kampf gegen äußere Hindernisse – die lesbische Liebe wurde als krankhaft angesehen – als auch gegen die inneren Ängste – Robin ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe zu Jennifer und der Gefahr, die durch den Paragrafen 175 damals Homosexuellen drohte – schildert Weigel fesselnd und mitfühlend.
Die Kulisse des Monte Verità und der alternativen Lebenswelt, die sich die Bewohner dort erschaffen hatten, illustriert zudem den historischen Hintergrund der Entstehung des Ausdruckstanzes, der auf seine Art zur Befreiung eines Menschen von quälenden Konventionen beitragen kann.

Das Besondere an diesem Buch ist, dass Elke Weigel von den Anfängen der Frauenbewegung und der Emanzipation erzählt und das, ohne die Umstände zu verklären oder zu mystifizieren. Die Leserinnen bekommen einen hervorragenden Eindruck, wie mühsam es war, für das zu kämpfen, was uns heute selbstverständlich erscheint (von momentanen Gegenbewegungen möchte ich hier grad nicht reden…). Der Blick in die Vergangenheit weist dabei in mehrfacher Hinsicht in unsere Gegenwart, denn das Erkämpfte sollten wir uns um nichts in der Welt wieder nehmen lassen. Gleichzeitig macht die Geschichte von Robin & Jennifer deutlich, dass es nie einfach war, für sein persönliches Glück, seine Überzeugungen und seine Liebe zu kämpfen. Dabei befruchten sich persönlicher und öffentlicher Kampf immer auch gegenseitig und sind vermutlich ohne einander nicht denkbar. In diesem Sinne macht Weigels Roman Mut, sich in den Kampf zu stürzen.

Elke Weigel: Robin & Jennifer, Konkursbuchverlag, 2014, 347 Seiten, 10,90 Euro

 

Das große Staunen

evolutionGroßväter sind wichtige Bezugspersonen für die Enkelkinder. Manches Mal erkennen sie viel deutlicher, wo die Talente der Kinder liegen. Diese These jedenfalls zieht sich durch den entzückenden Roman Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen von Jacqueline Kelly.

Es ist ein heißer Sommer im Jahr 1899 in Texas. Calpurnia, elf-drei-viertel-fast-zwölf, lebt mit ihren Eltern, acht Brüdern und dem Großvater auf dem Land. Sie genießt ihre Freiheit, streift durch die Natur und beobachtet Pflanzen und Tiere. Ihre Erkenntnisse hält sie in einem roten Notizbuch fest. Als ihr auffällt, dass es grüne und gelbe Grashüpfer gibt, kann ihr niemand aus der Familie erklären, warum das so ist. Als sie den Mut aufbringt, den Großvater zu fragen, der bis dahin so gut wie nie mit ihr gesprochen hat, schickt er sie zunächst weg: „Ich vermute, dass ein schlaues kleines Ding wie du allein dahinterkommen kann. Komm wieder und berichte mir, wenn du es weißt.“ Calpurnia beobachtet weiter, entdeckt, dass die grünen Grashüpfer öfter gefressen werden. Sie will ihre These nachlesen und versucht Darwins Buch „Von der Entstehung der Arten“ aus der Bibliothek auszuleihen, was ihr die resolute Bibliothekarin allerdings verweigert. Als sie  dem Großvater davon erzählt, leiht er ihr kurzerhand sein Exemplar von Darwins Buch – und eine wundersame Beziehung zwischen Alt und Jung entsteht.

Gemeinsam streifen Großvater und Enkelin durch die Gegend, finden ein Kolibri-Nest, entdecken eine merkwürdige Abart der Zottelwicke und eine dicke Raupe, die Calpurnia Petzi tauft und bei der Verpuppung beobachtet. Der Großvater führt das Mädchen in die Welt der Naturwissenschaft ein, zeigt ihr seine Präparate-Sammlung, berichtet von seinem Kollegen Charles Darwin, leitet sie zu wissenschaftlich genauem Beobachten an, lässt sie durch ein Mikroskop schauen und Einzeller zeichnen. Calpurnia saugt alles begierig auf und entwickelt immer mehr den Wunsch Wissenschaftlerin zu werden.
Das jedoch passt der Mutter gar nicht ins Konzept. Sie will ihre Tochter in die gute Gesellschaft einführen. Dafür soll Calpurnia kochen, stricken, sticken und klöppeln lernen. Nur äußerst widerwillig fügt sich das Mädchen in Koch- und Strickstunden, entwischt jedoch in jeder freien Minute zum Großvater. Es ist für sie unvorstellbar, später für einen Mann und eine Familie zu kochen. Calpurnia hätte dafür selber gern eine Frau.
Der Großvater hingegen nimmt sie mit zum Fotografen, um die Zottelwicke fotografieren zu lassen. Denn die beiden Naturforscher glauben, dass sie eine neue Wickenart entdeckt haben. Die Fotos und die genaue Beschreibung schicken sie nach Washington zur Smithsonian Institution, um die Pflanze kategorisieren zu lassen. Es dauert Monate bis sie Nachricht erhalten sollen.
In der Zwischenzeit zieht die moderne Technik in das Leben Calpurnias ein: die Mutter erhält die erste Windmaschine, im Dorf wird das erste Telefon installiert, auf dem Dorffest trinkt Calpurnia die erste Coca-Cola, der Großvater besteigt zum ersten Mal ein Automobil und an Weihnachten bestaunt die ganze Familie Fotos durch ein Stereoskop.
Als Calpurnia dann am ersten Januar 1900 zum ersten Mal Schnee erlebt, ahnt sie, dass alles möglich ist und auch ihr die Welt der Wissenschaft offen steht.

Jacqueline Kellys Roman ist eine ganz wundervolle Emanzipationsgeschichte, die jungen Leserinnen Mut macht, sich sowohl von elterlichen Vorstellungen als auch gesellschaftlichen Konventionen frei zu machen. Ist hier im historischen Kontext die Naturwissenschaft als Beispiel für eine scheinbare Männerdomäne gewählt, in die nun auch Calpurnia vordringt, so kann man durchaus die Parallele in die Jetztzeit ziehen und den nächsten Frauengenerationen Ingenieurwissenschaften und Informatik schmackhaft machen. Calpurnia jedenfalls taugt fantastisch als Identifikationsfigur für Mädchen, die ihren eigenen Kopf haben und sich nicht von äußeren Zwängen verschrecken lassen. Calpurnia zeigt, wie wichtig es ist, Fragen zu stellen und Dingen auf den Grund zu gehen – dafür kann der Apfelkuchen auch schon mal missraten. Als Leser freut man sich nicht nur mit der Heldin über all ihre Entdeckungen, selbst wenn aus der Raupe kein schöner Schmetterling schlüpft, sondern „nur“ eine extrem große Motte, und fängt auch gleich an, die Natur wieder mit wacheren Augen zu betrachten.

Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen ist ein herrlicher Lesegenuss, nicht zuletzt durch die gelungene Übersetzung von Birgitt Kollmann. Die Geschichte entführt den Leser in eine aufregende Zeit des Umbruchs, wo neben technischem Fortschritt die Emanzipation der Frauen ihren Anfang hatte. Schöner kann man dieses Thema den Mädchen von heute kaum näher bringen.

Jacqueline Kelly: Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen, Übersetzung: Birgitt Kollmann, Hanser, 2013, 336 Seiten, ab 12, 16,90 Euro