Die Leiden der jungen Großstadtkinder

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Unkonventionelle Familienkonstellationen gibt es in Kinderbücher ja mittlerweile in allen möglichen Formen, Farben und Varianten. Jetzt ist mit dem neuen Roman von Anne C. Voorhoeve endlich auch das Konzept der „Kinderwohnung“ hinzugekommen. Und das auf eine sehr unterhaltsame Art.

Die Geschwister Pia und Jonas stellen irgendwann fest, dass sich ihre Eltern gar nicht mehr zoffen. Eine gespenstische Ruhe ist in ihrer Wohnung im Berliner Reuterkiez (Neukölln) eingezogen. Das ist kein gutes Zeichen. Schnell wird den beiden klar: Mama und Papa lassen sich scheiden. Doch anstatt, dass die Kinder mit dem einen oder anderen Elternteil in eine andere Wohnung ziehen, dürfen sie in ihrem Zuhause bleiben – nur die Erwachsenen ziehen um und wechseln sich wochenweise in der Kinderwohnung ab. Das Konzept bewährt sich, so dass die Kids wieder ihren einigermaßen normalen Alltag leben können.
Mit ihren Freunden, Nesrin, Kasim, Finn-Ole, Mustafa und Rifat, machen Pia und Jonas ihren Kiez unsicher – und zwar in Form einer Stadtteilführung: „Neukölln für starke Nerven!“ Die etwas andere Berlin-Rundtour soll den Touristen das „harte“ Neuklölln zeigen, wo Kampfhunde herumlaufen, am hellichten Tage Fahrräder gestohlen und Passanten beklaut werden. So sollen die Fremden davon abgehalten werden, in den Kiez zu ziehen und ihn zu gentrifizieren. Die erste Führung wird leider zum Reinfall, die zweite so ein Erfolg, dass gewiefte Geschäftsleute den Kids die Idee klauen.

Zu allem Überfluss findet Pia auf der Tour heraus, dass ihr Wohnhaus bereits von einer Investorin gekauft wurde und nun luxussaniert wird. Aus dem anfänglichen Spaß wird auf einmal bitterer Ernst: Wo sollen die Bewohner nur hin, wenn sie sich die Mieten nicht mehr leisten können oder kein Geld haben, die eigene Wohnung zu kaufen?

Voorhoeven lässt die Ich-Erzählerin Pia in einem leichten Ton von all diesen Unbill des Großstadtlebens erzählen. Trotz unglaublich vieler bitteren Dinge, die die Kinder erleben müssen (Scheidung, die neuen Partner der Eltern, sie verlieren ihr Zuhause), verströmt Pia dennoch so viel Zuversicht und pragmatischen Umgang mit den immer neuen Problemen, dass man die Geschichte schon fast als heiter bezeichnen muss. Sie zeigt, dass Ideenreichtum trotz aller Rückschläge weiterhilft, dass Gespräche beim Psychologen förderlich sind, dass das Leben weitergeht, auch wenn sich so einiges ändert. Und dass es immer noch schön sein kann.

Das Leben in einer Patchworkfamilie und die Gentrifizierung von Szenekiezen sind zwar zwei hammerharte Themen, die für sich allein schon eine Geschichte tragen würden. Doch ist es ja auch so, dass man im wahren Leben diese Probleme durchaus nicht immer einzeln auf dem Tablett serviert bekommt, sondern, wenn es mal kommt, es häufig eben auch so dicke kommt, dass man sich fragt, womit man all so ein Unglück eigentlich verdient hat. Natürlich hat das niemand verdient, aber junge Lesende bekommen hier einen Vorgeschmack auf die Komplexität unseres Lebens. Das ist nicht immer schön, und geht auch nicht immer gut aus. Aber die Helden von Wir 7 vom Reuterkiez zeigen mit ihren Aktionen, dass man doch so einiges in die Hand nehmen und bewegen kann. Ausruhen und jammern ist eben nicht.

Anne C. Voorhoeve: Wir 7 vom Reuterkiez, Sauerländer, 2016, 256 Seiten, ab 10, 12,99 Euro

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Nachkriegsleiden

unterlandAls Kind von Kriegsflüchtlingen üben Nachkriegsgeschichten auf mich eine sonderbare Anziehungskraft aus. Dabei sind das keine „schönen“ oder gar lustigen Geschichten, sondern bitterernste, traumatisierende Erlebnisse, die da geschildert werden. Vielleicht versuche ich, die Erfahrungen meiner Eltern dadurch wenigstens noch ein Stückchen besser nachvollziehen zu können.

Diese Woche war es der Roman Unterland von Anne C. Voorhoeve, der mich nicht mehr losgelassen hat. Er handelt von der 12-jährigen Alice, die mit Mutter, Großmutter und Bruder Henry von Helgoland nach Hamburg evakuiert wird. Der Vater ist in Kriegsgefangenschaft, der Onkel vermisst. Unmittelbar nach Kriegsende 1945 werden die Helgoländer mit vier anderen Familien in einer Villa einquartiert. Die Eigentümer begegnen den Flüchtlingen alles andere als freundlich, und nur die strenge Reglung der Küchenbenutzungszeiten verhindert Schlimmeres. Zum Kochen ist allerdings nicht viel da, mal fehlen die Lebensmittel, mal der Strom. Der Junge Wim weiht Alice in die Geheimnisse des Tausch- und Schwarzmarkthandels ein und nimmt das Mädchen mit auf Hamsterfahrt und Kohlenklau. Alice muss bei all dem zusätzlich mit dem Handicap eines amputierten Unterschenkels kämpfen. Sie krückt durch das zerbombte Hamburg, hofft auf eine neue, bequemere Prothese und erzählt das Ganze dabei mit so einer trockenen Selbstironie, dass weder Voyeurismus noch falsches Mitleid beim Leser aufkommt.

Viel wichtiger wird die Sehnsucht Alices, auf ihre geliebte Insel zurückzukehren. Bis es soweit ist, will sie mit ihrem Bruder Henry den angeblichen Verräter ausfindig machen, der eine friedliche Übergabe der Insel an die Briten verhindert hat. Dass dies ein sinnloses Unterfangen ist, merkt Alice schneller als ihr großer Bruder.

Überhaupt kommt die Ich-Erzählerin so einigen Geheimnissen auf die Spur: das Schicksal des verschollenen Onkels, das der verschwundenen Juden, die Lager, die Verbrechen der Nazis. Nach und nach wird ihr klar, worin die unermessliche Schuld der Deutschen besteht und warum sich die Besatzer selbst von den Kindern abwenden.

Voorhoeve stellt die Leiden der Nachkriegszeit so eindringlich und plastisch dar, dass man als Leser die Enge, die Kälte und den Hunger förmlich am eigenen Leibe spürt. Wie nebenbei erfährt man zudem, was die Briten mit Helgoland vorhatten (sie wollten die Insel komplett wegsprengen) und wie Nazis und Mitläufer versuchen, ihre Spuren zu verwischen und den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Doch viel schlimmer als die körperliche Not sind all die unbeantworteten Fragen, auf die Alice immer wieder stößt, und die Last der unausgesprochenen Schuld.

Unterland ist ein zutiefst berührender und überaus vielschichtiger Roman, der die Erinnerung an das Leid der Kriegskinder und Flüchtlinge sowie an die Gründe, die dazu geführt haben, wach hält. Jungen Leser bietet er jede Menge Anregungen, die eigenen Großeltern nach ihren Erlebnissen und Erfahrungen aus dieser bewegten Zeit zu befragen.

Anne C. Voorhoeve: Unterland, Ravensburger Buchverlag, 2012,  434 Seiten, ab 12, 16,99 Euro

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