Im Hier und Jetzt

wilkeWelches Kind liest ein Buch über ein dickes Mädchen, einen Jungen mit Down-Syndrom und einen mit bunten Haaren, der ein Versprechen an seinen verstorbenen Opa halten will?
Hoffentlich ganz viele!

Jutta Wilkes Stechmückensommer ist so bittersüß, wie es der Titel bereits ahnen lässt. Eine Sommergeschichte, in schönster schwedischer Wald- und Seenlandschaft – jedoch voller quälender Mücken.
Die fast 14-jährige Ich-Erzählerin Madeleine, von allen nur Made genannt, berichtet als extrem gut beobachtende Zeitgenossin von ihren Sommerferien, die sie in einem Ferienlager – ohne die Eltern – verbringen soll. Die Eltern brauchen Zeit für sich, nachdem das zweite Kind tot geboren wurde. Madeleine selbst kann mit diesem toten Bruder, der nie gelebt hat, eigentlich auch nicht umgehen, doch hat sie niemandem, mit dem sie darüber reden kann. Sie fühlt sich unsichtbar, versteckt ihren dicken Körper unter Zeltkleidern und versucht, nur nicht aufzufallen.

Als sie sich auf einem Ausflug in ein Bergwerk früher in den Bus zurückzieht, lernt sie Julian kennen. Dieser klaut den Bus und will damit zum Nordkap, weil er es seinem kürzlich verstorbenen Großvater versprochen hat. Dass dieser Road-Trip zu einem ganz anderen Ziel führt, wird spätestens dann klar, als sich zu diesen beiden unfreiwilligen Reisegenossen auch noch der 16-jährige Vincent gesellt. Der trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Keep calm! It’s only an extra Chromosome“. Seine Eltern scheinen jedoch nicht so cool mit dem Extra-Chromosom umzugehen, verbringen sie doch nur die Ferien mit dem Sohn und schieben ihn die restliche Zeit des Jahres in ein Heim ab.

Mit anderen Worten: Hier treffen drei Jugendliche aufeinander, die alle ihr unbequemes Päckchen zu tragen haben. Als Leser möchte man sie alle drei drücken und trösten – und die Erwachsenen sonst wohin wünschen. Die drei selbst jedoch haben erst einmal keine Zeit fürs Trösten. Das Leben ist nämlich kein Ponyhof, und auch Bullerbü ist in Schweden nur noch schwer zu finden. So raufen sie sich mühsam zusammen. Madeleine kämpft gegen ihre Unsicherheit, Vincent führt allen vor Augen, dass er zwar das Down-Syndrom hat, aber eben kein Idiot ist, und Julian muss schmerzlich von seinem Vorhaben absehen, das Nordkap zu erreichen, und seine persönliche Schwäche eingestehen.

Die Erwachsenen spielen zum Glück keine Rolle bei dem Abenteuer dieses Trios, das zwischen Bäumen, Seen und festgefahrenem Auto sein Coming-of-Age erlebt und eine Ahnung davon bekommt, was im Leben wirklich wichtig ist – trotz all der traurigen Facetten, die das Leben prägen.

Sehr unaufgeregt entwickelt Jutta Wilke diese Geschichte, zeigt mit wunderbarer Leichtigkeit, dass Down-Menschen zu unserer Gesellschaft dazugehören – ohne dass sie mahnend den Inklusions-Zeigefinger hebt. Sie lässt Madeleine erkennen, dass auch sie trotz Übergewicht glücklich sein kann und sich eben nicht verstecken braucht. Und auch für Julian, der hinter all seiner Trauer noch ein weiteres Problem verbirgt, gibt es Hoffnung.

Überhaupt: Hoffnung und die Erkenntnis, dass der wichtigste Moment immer das Hier und Jetzt ist, das lässt einen beglückt zurück – und liefert jungen Leser_innen jede Menge Stoff zum Überdenken eigener Vorurteile, zur Diskussion, wie weit man gehen darf, und wie man sein Leben schließlich selbst besser gestaltet. Und wie wichtig richtig gute Freunde sind.

Jutta Wilke: Stechmückensommer, Knesebeck, 2018, 208 Seiten, ab 10, 15 Euro

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