Am Tag sind alle Kater bunt

Kleine Kinder können ziemliche Spießer sein. Das Leben ist noch zu komplex für ihren unerfahrenen Verstand. Um nicht die Orientierung zu verlieren, beharren sie auf das möglichst immer Gleiche und Wiedererkennbare.
Man kann also gar nicht früh genug anfangen, den kindlichen Horizont zu erweitern. Da kommt Peter, Kater auf zwei Beinen genau richtig. Phil findet den schwarz-weißen Vierbeiner herzzerreißend miauend vor der Tür in einem kleinen Karton, auf dem ein Name steht: Peter.
Schnell öffnet er die Kiste. »Jetzt, wo er endlich frei war, stellte sich Peter, der Kater, gleich auf seine Hinterbeine. Phil hatte noch nie einen Kater auf zwei Beinen gesehen. Aber egal – er hatte schon immer davon geträumt, eine Katze zu haben! So kam es, dass er Peter gleich bei sich aufnahm.«

Mäusejagd auf dem Skateboard

Dieses »Aber egal« macht das Bilderbuch der Autorin Nadine Robert und des Illustrators Jean Jullien sofort absolut liebenswert.
Peter ist nämlich absolut kein typischer Kater und entspricht keinem Klischee, das Phils Schulfreundin Pam von Katzen hat. Anstatt Mäuse zu jagen, verfolgt der Kater sie lieber mit dem Skateboard. Statt mit Wollknäueln zu spielen, serviert er gelegentlich Tee.

Wollknäuel sind langweilig!

Grandios zeigt Jullien mit aufs Wesentliche reduzierten, farbigen Bildern, wie abwegig es dem Kater erscheint, eine freundliche, ebenfalls auf zwei Beinen stehende Maus zu jagen. Noch besser ist der höchst gelangweilte Gesichtsausdruck angesichts der Vorstellung, mit einem Wollknäuel rumzualbern.
Eher schenkt er schön blasiert wie die Karikatur eines altehrwürdigen Butlers Tee ein. Leicht irre und sehr witzig wird Peters Blick bei der Idee, nach seinem eigenen Schwanz zu schnappen. Wo er den doch viel geschickter nutzen kann, um damit ein Tässchen anzuheben.

Vielfalt des Lebens charmant gefeiert

Phil nimmt Peter so wie er ist. »Peter ist ein Kater auf zwei Beinen, und er ist sehr besonders. Aber am allerbesten finde ich …, dass er mein Freund ist.« Schöner und charmanter kann man die Vielfalt des Lebens und aller Lebewesen nicht zeigen und als absolute Bereicherung feiern. Was als Diversity gefordert wird, leben Phil, Peter und bald auch ihre jungen Leser ganz selbstverständlich.

Harry bleibt lieber drinnen – eigentlich

Seinen Horizont erweitert, wenn auch zunächst unfreiwillig, der gemütliche Siamkater Harry im Bilderbuch von Leo Timmers.
Harry hat zwar keine Schmetterlinge im Bauch. Aber einen vor der Nase. Und der fragt ihn, ob sie fangen spielen wollen. »Harry hatte noch nie draußen gespielt. Er bleibt lieber drinnen. Aber fangen spielen ist sicher sehr schön.«
Und so verlässt Harry ungewohnt mutig die bekannten vier Wände, folgt dem Schmetterling – und findet nicht mehr nach Hause. Er sieht, dass es ganz andere Häuser als seins gibt – kleine, hohe und niedrige. Traurig und ganz allein probiert er alles aus. Doch es gibt kein Haus für Harry bis er in einer stinkenden Mülltonne landet und dort andere, straßenschlaue und freundliche Katzen trifft.

Eine Art schnodderiger Aristocats

Der Niederländer Leo Timmers zeichnet den knuffigen Harry und die Katzenbande mit ihren großen Augen und knubbeligen Fellkörpern auf zarten Pfoten wie eine Art schnodderiger Aristocats. Dazu zitiert er fotorealistisch Elemente und Ausschnitte von verwirrenden Straßenschildern und Wegweisern. Gleich zu Anfang läuft Harry an einer Litfaßsäule vorbei, auf der gleichzeitig das Musical Cats und die Oper Madame Butterfly plakatiert sind.

Auf den Geschmack gekommen

Herrlich ist auch das bronzene Denkmal eines versonnen lächelnden Löwen, auf dessen Hinterteil selbstbewusst eine obligatorische Taube hockt. Timmers besonderer Stil macht Lust auf weitere Abenteuer.
Harry findet zwar schließlich nach Hause, wo er schon sehnsüchtig von einem Kind erwartet wird. Aber der Kater hat die Welt draußen entdeckt und ist auf den Geschmack gekommen: »Morgen komme ich wieder raus zum Spielen!«

Nadine Robert, Jean Jullien (Illustrationen): Peter, Kater auf zwei Beinen, Übersetzung: Daniel Beskos, mairisch, 2019, 56 Seiten, ab 3, 16 Euro

Leo Timmers: Ein Haus für Harry, Übersetzung: Rolf Erdorf, aracari 2019, 56 Seiten, ab 3, 14 Euro

Die Welt braucht mehr Leute wie Onkel Stan

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Was für ein Glück, A.L. Kennedy als Babysitterin zu haben! In ihren Romanen und Erzählungen für Erwachsene schreibt die schottische Schriftstellerin über kaputte, traumatisierte, versoffene, gewalttätige und gequälte Menschen, für die es keine Hoffnung gibt. In ihre Geschichten für Kinder von Onkel Stan und Dan aber packt sie so viel Freude, Optimismus, Liebe, Glück und Witz, dass man sie nicht wiedererkennt.
Weil es doch extrem schade wäre, wenn die Abenteuer vom Dachs Dan und seinem Freund Onkel Stan im schottischen Hochland bei den Zwillingen der Schauspielerin Tilda Swinton (denen hat Kennedy sie vor Jahren erzählt) verschwinden würden, erscheinen sie jetzt nach und nach in Buchform.

A. L. Kennedy als Kinderbuchautorin

Dabei ist das Leben in Kennedys Kinderromanen keinesfalls ein Ponyhof. Im ersten Band über das fast ganz ungeplante Abenteuer, in dem der Dachs und Onkel Stan sich kennenlernen und Freunde werden, kommt es für einige der späteren Helden als unfassbar trostlose Lamafarm daher. Und für den knuffigen Dan könnte es auch gleich das Ende seines noch jungen Lebens bedeuten, in blutige Fetzen zerbissen bei einem äußerst unfairen Kampf mit drei Kampfhunden.

Der Dachs sowie vier Lamas sind in die Fänge einer absolut bösartigen Farmerfamlie geraten. Wie unglaublich fies diese Leute sind, macht Kennedy von Anfang an deutlich, mit der Entführung Dans durch die Schwestern Esther und Martha: Zwar steckt Dan in einem Sack und sieht zunächst nichts, aber »Dan brauchte bloß einmal zu schnüffeln, da wusste er: Wer ihn wegschleppt, hatte ein Herz voller Nägel, Sand und Gehässigkeit.«

Als er auf einen kalten Steinfußboden geschüttet wird, sieht er dass seine Kidnapperinnen »winzig kleine und verärgerte Augen von der Farbe schlecht schmeckender Bonbons haben«.

Poetische Metaphern schaffen Kopfkino

Es sind diese ungeheuer eindringlichen Bilder und Vergleiche, die dieses Buch so besonders machen. Eine Stimme klingt, »als würde man etwas Hässliches in einen Brunnenschacht fallen lassen.«  Oder »Esther kicherte, was sich anhörte wie falsch verlegte Rohrleitungen.« Diese fast poetischen Metaphern schaffen intensives Kopfkino. Hier werden Menschen beschrieben, die aus Spaß andere quälen und alle als extrem ekelige Pasteten enden lassen wollen.

Konterkariert werden diese komplexen Charakterisierungen von Gemma Corrells zahlreichen, sehr reduzierten Zeichnungen (angeblich von einem von ihr mit Karamellbonbons bezahlten Fünfjährigen angefertigt), die mit zahlreichen Erklärungen versehen wie Schautafeln eines sehr schrägen Wissenschaftlers daherkommen.
Ingo Herzke hat Kennedys bildgewaltige Prosa mit viel Wortwitz und Fantasie übersetzt, zum Teil selbst kleine Scherze angefügt, zum Bespiel gehört ein Hubschrauber zur Staffel der »Air Forst One«. In eine Reklame für schneeweiße Unterwäsche fügt er, frei nach der mütterlichen Mahnung, immer eine frische Hose anzuziehen, wenn man das Haus verlässt, die raffinierte Zeile »Man weiß nie« ein. Und ein Witz für Freunde von Druckerzeugnissen lautet: »Was kriegt man, wenn man eine Druckerpresse verprügelt? Schlagzeilen!«

Grausame Figuren – aber Hoffnung auf Rettung

Darf man Kindern von so grausamen Menschen erzählen? Ja. Wenn es Hoffnung auf Rettung gibt. Wenn die alte Westernregel, dass das Böse immer gewinnt, widerlegt wird. Wenn die Bösen nicht besser werden und deshalb gerechterweise ein bizarres Ende finden. Wenn das Gute so charmant und liebenswert und klug wie Onkel Stan daherkommt: »Ein großer, ziemlich dünner Mann mit rötlichbraunen Locken, schlaksigen Armen, knochigen Knien, schlenkernde Beinen«, der in seinen Taschen eine dösende Maulwurfsmutter und Käsestangen, aber keine Socken hat, weil er die einem Eichhörnchen als Schlafsack zum Campingurlaubspielen geliehen hat. Ein wahnsinnig netter und sympathischer Kerl, ein Traumtänzer mit scharfem Verstand.

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Im zweiten, dem »ungeheuer, ungewöhnlichen Abenteuer« geht es fast Onkel Stan an den Kragen. Genauer gesagt droht er von einem abgrundtief bösen Manipulator zerquetscht zu werden. Dieser Gegner geht sehr systematisch vor, er will alles Ungewöhnliche aus der Welt schaffen – und er hat erschreckend leichtes Spiel damit. Der Herdentrieb und das Streben nach Gleichförmigkeit und Normen sind entsetzlich stark.

Band zwei ist ein Plädoyer für Vielfalt, für den Mut anders zu sein und zu handeln. »Ich bin nicht so wie jeder andere auch«, sang der famose Carsten Friedrich einst bei Superpunk. Und mit Der Liga der gewöhnlichen Gentlemen gelingt ihm die Beschreibung des grundguten und kämpferischen Onkel Stans: »Immer freundlich, nie gemein / Und wenn doch, dann muss es sein … Streetwise wie ein East-End-Schläger / Schlau wie ein Nobelpreisträger / Niedlich wie ein Hasenkind / Und berauschend wie Absinth … Die Welt braucht mehr Leute so wie Dich.«

Ein Plädoyer für Vielfalt

Dass dieses Abenteuer dem ureigenen Wesen und der Seele Onkel Stans gefährlich nahe kommt, merkt man, dass dieser im Laufe der Geschichte zu seinem eigenen Erstaunen »innendrin zornig« wird. Obwohl er jedem Gelegenheit gibt, seine Meinung zu ändern, weiß er schließlich, dass es bei diesem Gegner sinnlos ist: »Sie hassen es, wenn Leute sie selbst und glücklich sind.«

Wie gut, dass A.L. Kennedy ihre Helden ganz sie selbst sein lässt. Und was für ein Glück, dass die Ersthörer der Abenteuer von Onkel Stan und Dan mittlerweile erwachsen sind – und deshalb jetzt alle die Geschichten kennen und lieben lernen können.

A.L. Kennedy: Onkel Stan und Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer, 192 Seiten, und Onkel Stan und Dan und das ungeheuerlich ungewöhnliche Abenteuer, 272 Seiten, Orel Füssli, 2018/2019, Illustration: Gemma Correll, Übersetzung: Ingo Herzke, ab 9, je 14,95 Euro

Tierisch interessanter Sex

sexÜber Sex bei Menschen glauben bereits die meisten Grundschüler gut Bescheid zu wissen, unter anderem durch Videos, die gemeinsam auf dem Pausenhof angeguckt werden.

Aber wie machen es eigentlich die Tiere? „Wie machen Elefanten Sex? Können Tiere schwul sein?“ Solche angesichts von einschlägigen Bildungsmedien wie YouPorn rührend kindlich-naive Fragen hört die Sexualpädagogin Katharina von Gathen häufig. Und deshalb hat sie jetzt im Klett Kinderbuch Verlag, der ohnehin für mutige, gegen den Strich gebürstete Veröffentlichungen steht, ein ganz besonderes Tierbuch herausgebracht: Das Liebesleben der Tiere.

Umfassend, in zahlreichen Kapiteln und inklusive eines Registers aller genannten Tiere informiert sie auf 144 Seiten über alles, was zum Thema Sex gehört und weit über den eigentlichen Akt hinausgeht. Auch erwachsene Leser, die wissen, dass das Liebesleben ganz schön kompliziert sein kann, wundern sich und lernen noch einiges. „Lustiges und Erstaunliches, Gruseliges und Merkwürdiges, Vertrautes und Fremdartiges“ verspricht die Autorin, und das ist noch untertrieben. Die Formen der Fortpflanzung treiben mitunter bizarre Blüten. Und doch hat sich alles für die jeweilige Art und Gattung bewährt und ist von der Evolution erprobt und für sinnvoll befunden.

Es fängt wie beim Menschen meist auch mit der Partnersuche an: Da wird zunächst gebalzt und geworben, ganz ohne Datingportale, dafür umso variantenreicher und farbenfroher. Lauben werden gebaut, es wird getanzt, gerubbelt, und nicht nur Nachtigallen und Vögel im allgemeinen trällern Liebeslieder. Auch männliche Buckelwale und Bootsmannfische locken mit süßen Sirenengesängen (oder was für die weiblichen Ohren der jeweiligen Tierart so klingt). Gibbons finden mit der idealen Duettpartnerin auch die perfekt passende Gespielin. Und Kugelfische malen tagelang mit ihren Flossen kunstvolle Mandalas in den Meeresgrund.

Dann geht’s zur Sache: ganz langsam oder sekundenschnell, einige setzten auf Täuschung oder Bestechung, manchen reicht einmal im Leben (und es ist nicht die Eintagsfliege), andere legen Marathons hin, stundenlang oder bis zu 40 Mal am Tag, bis zur Erschöpfung oder sogar bis zum Tod! Arme Breitfuß-Beutelmausmänner.

Sex dient auch bei Tieren nicht nur der Fortpflanzung, sondern erfüllt zudem soziale Funktionen: Bonobos setzten bekannterweise auf körperliche Liebe statt Gewalt.

Silberfischchen bauen Stolperfallen, die Befruchtung findet indirekt, wenn auch nicht im Reagenzglas statt. Und Fledermäuse, Mauersegler oder Nacktschnecken stehen auf Funsportvarianten. Es gibt aber nicht nur Kuschelsex: Erpel, die ganz rührende und treue Entenpapas werden, stehen auf brutale Gruppenvergewaltigung. Und Katerpenisse haben an der Eichel Stacheln und Widerhaken und sind äußerst schmerzhaft. Kein Wunder, dass Katzen danach nicht gut auf die Kerle zu sprechen und die meiste Zeit des Jahres aufs Rolligsein überhaupt nicht scharf sind.

Katharina von der Ganthen beschreibt diese Kuriositäten wohltuend klar und nüchtern, ohne zu vermenschlichen oder verniedlichen und niemals mit einem Feigenblatt vor dem Mund. Der Humor ergibt sich aus den tierischen Absurditäten an sich.

Das alles wäre aber nur halb so unterhaltsam und lesenswert ohne Anke Kuhls brillante und eigenwillige Illustrationen. Kuhl, die mit dem schrägen Antiwestern-Bilderbuch Cowboy will nicht reiten (Carlsen) debütierte und mit Alle Kinder (Klett) charmant politisch unkorrekte Scherze mit Namen gemacht hat, bildet seit Klär mich auf. 101 Kinderfragen rund um ein aufregendes Thema seit 2014 mit von der Gathen ein bewährtes Duo in Sachen Aufklärung. Die charakteristischen kleinen Glubschaugen verleihen ihren Figuren, ob Mensch, ob Tier, grandios treffende Gesichtsausdrücke und Emotionen.

Echte Hingucker sind ihre beiden aufklappbaren Panoramaseiten mit „Geniale Genitalien“: Es gibt nichts, was es nicht gibt, und Größe ist beileibe nicht alles.

Auch in den Abschnitten Schwangerschaft, Geburt und Familienleben finden sich etliche Kuriositäten, von denen die zweifache Geburt der Kängurubabys die bekannteste und entzückendste ist. Katharina von der Gathen hat im Vorwort nicht zu viel versprochen. Bei „Vertrauten“ ertappt sich der erwachsene Leser immer wieder dabei, Parallelen zu ziehen und festzustellen, dass im menschlichen Miteinander auch nicht alles so anders ist und vieles bestimmt nicht logisch.

Nur der Begriff „Liebesleben“ im Titel ist nicht ganz treffend, denn mit dem, was wir unter Liebe verstehen und was beim Sex eine Rolle spielen kann, aber nicht muss, hat der tierische Akt nichts zu tun. Es macht auf jeden Fall Riesenspaß, darüber zu lesen, und genau so sollte Sex auch sein: Nicht wie in den einschlägigen Filmchen athletisch und hyperästhetisiert, sondern lustig, entspannt, unreflektiert, auch mal unfreiwillig komisch, lächerlich, gelegentlich peinlich, doch stets ein Vergnügen und keine Pflichtleibesübung.

Katharina von der Gathen, Anke Kuhl (Illustrationen): Das Liebesleben der Tiere, Klett Kinderbuch Verlag, 2017, 144 Seiten, ab 8, 18 Euro

Lebensrettendes Chaos

meschenmoserMit klassischen Märchen habe ich Probleme: Zu unreflektiert werden überkommene Werte und Rollenvorbilder wieder und wieder erzählt, passend zum heutigen Neokonservativismus. Noch verhasster sind mir Hans-Christian Andersens Schauergeschichten, in denen Mädchen sich prinzipiell opfern und die sich wie die kindliche, überhaupt nicht kindgerechte Vorlage für Filmtragödien des dänischen Regisseurs Lars von Trier lesen. Für Märchen im Sinn von Geschichten, wie sie die von mir sehr geschätzte Jugendbuchautorin Meg Rosoff gegen den grassierenden Realismuszwang verteidigt, bin ich dagegen auf jeden Fall zu haben – gern auch für fantastische, naturwissenschaftlich absolut abwegige Abenteuer. Nirgendwo kann man besser den Horizont erweitern und dem Denken eine neue Richtung geben als zwischen zwei Buchdeckeln und dem, was das im eigenen Kopf entfacht.

Gegen den Strich und gängige Erwartungen gebürstete Märchen gefallen mir umso besser: Sebastian Meschenmosers neuester Streich Die verflixten sieben Geißlein ist mindestens so gut wie seine hier von mir bereits vorgestellte Adaption eines anderen Grimmschen Klassikers. Rotkäppchen hat keine Lust enthebt das Mädchen der Opferrolle, lässt sie als unabhängige Räuberin glücklich werden, während nun Wolf und Großmutter in einer tierisch guten WG zusammen leben.

Schon damals hatte der Wolf einen klaren Plan: „Kind, Höhle, Kochtopf, Zack“. Auch diesmal ist der Wolf absolut erfolgsgewiss: Allerdings reicht ein bisschen Kreide fressen heute nicht mehr aus, sondern er gibt sich wirklich Mühe als Germanys-Next-Top-Geißenmutter zu landen: Schon auf dem Vorsatzpapier (!) bastelt er sich schicke Geißenhörner aus aneinander geklebten Klopapierrollen, trägt Puder und Lippenstift auf, dazu ein schickes Kleid und Highheels. Und dann das: Direkt hinter der der Schwelle fällt das aufgetakelte Raubtier über einen Ball und mit der Tür ins Haus – und landet im schönsten Durcheinander. „Haaarrrghnnpff!“ Das Wohnzimmer ist kunterbuntes Suchbild Nummer eins: Wer findet alle sieben Geißlein, die sich hier verstecken? Obwohl ich kein Freund von bekleideten Tieren bin, sind sie hier auf Meschenmosers farbenfrohen Aquarellen ganz und gar richtig.

Es hilft nichts, der Wolf muss aufräumen, um etwas zwischen die Zähne und in den Magen zu bekommen. Kein Chaos, keine Verstecke mehr. Deshalb bringt der Eindringling systematisch das Haus in Ordnung. Und gerade als er alle Verstecke auf- und weggeräumt hat und seinen überhaupt nicht verschreckten, potenziellen Opfern auch noch eine Standpauke hält, – „Wie kann man nur so unordentlich sein! Ob sie sich nicht schämten, wenn jemand vorkommt, um sie zu fressen und so einen Saustall vorfinden muss?“ – kommt die Geißenmutter nach Hause zurück und bereitet dem ordnungsliebenden Wolf ein unrühmliches Ende.

Und die Moral von der Geschichte? Es lebe das rettende Chaos! Als jemand mit einem angeborenen Hang zur Schlampigkeit und großem Mut zur Lücke freue ich mich über Meschenmosers märchenhaftes Plädoyer für ein kunstvolles Durcheinander. Aktuelle Metastudien beweisen sogar, dass Perfektionismus tatsächlich tödlich sein kann: Nämlich wenn Menschen mit zu hohem, unerfüllbarem Anspruch an sich selbst zum Scheitern verdammt sind und sich im Extremfall sogar umbringen. Oder wie der kluge Karl Kraus einst sagte: „Das Chaos sei willkommen, denn die Ordnung hat versagt.“

Ein buntes Durcheinander feiert auch die Doodle Cat: Eine auf das Wesentliche reduzierte, dafür umso ausdrucksstärkere Katze. Teilweise nur mit roter Umrandung gekritzelt („to doodle“) zeigt das Tier alles, was es liebt, vom Tanzen über Meer und Sterne zu geometrischen Mustern und Pupsen. Doodle Cat liebt Unterschiede, die vielfältigsten Typen, denn logische Begründung: „Unterschiede machen uns interessant. Wenn wir alle gleich wären, hätten wir einander nichts zu sagen. Stell dir vor, du würdest den ganzen Tag bloß in den Spiegel starre. Langweilig“.

Und nicht zuletzt liebt Doodle Cat sich selbst. Das heißt, sie nimmt sich so an wie sie ist: sprunghaft, verspielt, vielseitig, unperfekt. Gesundes Selbstbewusstsein kann nie schaden. Illustriert hat Doodle Cat Lauren Marriott, die von sich selbst als geborene Zeichnerin spricht, genauer als „doodler“. Es sind wirklich liebenswert exzentrische Kritzeleien, die das Kinderbuchdebüt der Wahl-Neuseeländerin Kat Patrick bebildern und zum Leben erwecken. Der Schweizer aracari Verlag ist eben immer für eine Überraschung gut: Nach diversen zarten Entdeckungen aus Südkorea und dem Bestseller Heute bin ich der Niederländerin Mies van Hout jetzt ein buntes Bilderbuch vom anderen Ende der Welt, das in der Übersetzung von Ilse Layer ebenfalls das Potenzial zum modernen Klassiker hat.

Sebastian Meschenmoser: Die verflixten sieben Geißlein, Thienemann Verlag 2017, 30 Seiten, ab 4, 12,99 Euro

Kat Patrick: Ich bin Doodle Cat, Illustratrion: Lauren Marriott, Übersetzung: Ilse Layer, aracari Verlag 2017, 36 Seiten, ab 3, 13.90 Euro