Sichtbar machen


mobbing
Für den Menschen, der zur Spezies Homo Sociales gehört, ist eine der schlimmsten Pein vermutlich das Nicht-Gesehen-Werden. Mobbing-Opfer, die nirgendwo Hilfe finden gegen ihre Peiniger, werden im wahrsten Sinne des Wortes unsichtbar. So jedenfalls geschieht es im Debütroman Operation Unsichtbar von Helen Endemann.

Eines Tages bemerkt der 12-jährige Nikolas, dass er für seine Umwelt unsichtbar geworden ist. Niemand sieht ihn mehr. Nicht die Schulkameraden, die ihn sonst in der Pause immer quälen, noch die Eltern, die vor allem mit der kleinen Schwester beschäftigt sind. Nikolas kann sich nicht erklären, wie es dazu gekommen ist. Vor allem, dass seine Eltern nicht über ihn reden, ihn nicht vermissen, nicht nach ihm suchen, wundert und bedrückt ihn ganz besonders. Zu Hause sieht ihn nur die kleine Schwester, die aber noch nicht reden kann. Nikolas fühlt sich dort überhaupt nicht mehr wohl. Er kommt nur noch zum Schlafen nach Hause, die übrige Zeit verbringt er in der Schule. Dort ist wenigstens etwas los. Er besucht unterschiedliche Klassen und sucht sich die interessantesten Lehrer und Fächer heraus. Nachmittags geht er ins Kino – und genießt wenigstens für eine kurze Weile den Vorteil, nicht gesehen, also auch nicht kontrolliert zu werden.

Eines Tages stellt Nikolas fest, dass es noch mehr unsichtbare Kinder an der Schule gibt. Vier von ihnen wohnen sogar dort im Keller. Er freundet sich mit Alice an, die bereits seit zwei Jahren unsichtbar ist. Sie wird immer schwächer, isst immer weniger, hat Schwierigkeiten schwere Türen zu öffnen. Manchmal taucht um die Unsichtbaren ein bedrohliches kaltes blaues Licht auf, und sie scheinen endgültig zu verschwinden. Die Jugendlichen sind ratlos, ob und wie sie wieder sichtbar werden können. Einer der Jungen hält es schließlich nicht mehr aus und stürzt sich vom Schuldach. Seine Leiche ist dann plötzlich für die Umwelt wieder sichtbar. Der Schock sitzt tief, bei den Unsichtbaren wie bei den Sichtbaren.

Mit der Zeit stellt Nikolas fest, dass immer wenn er starke Gefühle empfindet, er für empfindsame, aufmerksame Lehrer sichtbar wird. So bemerkt ihn schließlich die Religionslehrerin – und organisiert Hilfe.

Helen Endemann hat in ihrem Debüt das schwierige Thema Mobbing durch die Kombination mit dem fantastischen Element der Unsichtbarkeit zu einem richtig gehenden Page-Turner gemacht. Diese Unsichtbarkeit ist natürlich ein offensichtliches Symbol für die Folgen von Mobbing, doch es ist eingängig und überzeugend dargestellt, so dass sich das Fantastische fast wie selbstverständlich in einen realen Schulalltag fügt. Als Leser nimmt man Endemann diese großartige Idee sofort ab und verfolgt mit wachsender Spannung die Entwicklung von Nikolas und den anderen unsichtbaren Kindern.

Den Ausweg, den die Autorin liefert, orientiert sich an realen Konflikt-Lösungsstrategien, die an manchen deutschen Schulen tatsächlich schon durchgeführt werden. Neben der pädagogischen Absicht, Jugendliche für das Thema Mobbing zu sensibilisieren, sie davor zu schützen und sie davon abzuhalten, kommt somit auch für erwachsene Leser ein Lerneffekt hinzu. Man erfährt in Grundzügen, wie man Mobber möglicherweise ausschalten und den Mobbing-Opfern helfen kann. Dass die Mobber selbst zum Teil aus problembelasteten Familien kommen und auf eine andere Art selber leiden, vergisst Endemann dabei auch nicht.

Ein wichtiger Aspekt in diesem Roman ist zudem der Glaube. Nikolas glaubt an Gott und zieht aus Bibelgeschichten Hoffnung. Ihm gegenüber steht Alice, die trotz atheistischem Zweifel dennoch auf einen guten Ausgang der Geschichte hofft und die Zeit bis dahin mit Unterricht nutzt. Endemann flicht hier das Thema Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit des Menschen in Krisensituationen, geschickt in die Geschichte ein. Sie zeigt, dass sowohl der Glaube, als auch ein starkes Selbstwertgefühl für Kinder und Jugendliche Wege sein können, Hindernisse im Leben zu meistern.

All diese vielen Schichten der Geschichte machen Operation Unsichtbar auch zu einer passenden Schullektüre, die den Lehrern eine spannende Geschichte an die Hand gibt, die die Schüler mit Sicherheit bis zur letzten Seite lesen werden. Diskussionsstoff gibt es danach jede Menge.
Der Höhepunkt des Romans ist zudem so anrührend und filmreif geschrieben, dass man heulen möchte … vor Glück.

Helen Endemann: Operation Unsichtbar, Brunnen-Verlag, 2013, 192 Seiten, ab 12, 9,99 Euro

Göttlich

oh mein Gott Meg RosoffSeit vergangenem Wochenende habe ich eine neue Lieblingsromanfigur: der Eck. Der Eck, das letzte Exemplar seiner Rasse, ist eine merkwürdige, nicht eindeutig zuordbare Mischung aus Pinguin „mit der langen Nase eines Ameisenbärs, Knopfaugen und weichem grauen Fell“. Eck ist ein Fass ohne Boden, was das Essen angeht, den einzigen Laut, den er von sich gibt ist „Eck“. Eck ist liebenswürdig, hilfsbereit – und das Haustier von Gott.

Gott hingegen heißt in dem neuen Roman von Meg Rosoff Bob. Und dieser Bob ist ein fauler, egoistischer, sexsüchtiger Nichtskönner. Er bekommt den Job als Gott nur, weil die Kommission der Stellenbesetzung, sich auf keinen Kandidaten einigen kann und die Stelle bei einem Pokerspiel als Gewinn aussetzt. Bobs spielsüchtige Mutter Mona gewinnt und gibt den Job umgehend an ihren 19-jährigen Sohn weiter.

So nimmt das Unheil seinen Lauf. An gerade mal sechs Tagen hudelt der junge Schnösel die Erde hin. Ab und zu gelingt im ein genialer Streich (Eck, manche Naturphänomene), doch im Ganzen ist alles eher Flickwerk und extrem katastrophenanfällig. Vor allem die Menschen, die Bob in seiner Eitelkeit nach seinem eigenen Bild geschaffen hat, stellen sich als ziemlich unvollkommen heraus. Sie werden krank, bekriegen sich ständig, zerstören die Umwelt und schicken ständig Gebete an Gott. Um diese kümmert sich jedoch nicht Bob, sondern Mr. B., der sich eigentlich auf die Stelle beworben hatte, allerdings zu langweilig und spießig war und nun quasi die Drecksarbeit erledigen muss. Diese endet nie, die Gebete stapeln sich in Massen auf Mr. Bs. Schreibtisch, und die nächste Katastrophe bahnt sich bereits an.

Denn ausnahmsweise hat Bob ein Gebet gelesen. Darin bittet die 21-jährige Tierpflegerin Lucy, sich endlich mal zu verlieben. Doch zunächst ist es Bob, der sich verliebt. Hals über Kopf und rettungslos, in Lucy. Denn die ist seine absolute Traumfrau. Mit ihr will er den Rest seines Lebens verbringen. Nur dass Bobs Leben ewig dauern, während Lucy bereits in wenigen Jahren Falten bekommen und nach alter Frau riechen wird. Aber Bob will sie. Unbedingt. Und so taucht Gott unvermittelt bei seiner Angebeteten auf, verdreht ihr den Kopf, weckt ihre Leidenschaft – kann aber leider ihre Fragen nach Herkunft, Beruf und Wohnsitz nicht sehr überzeugend beantworten. Auch dass er kein Telefon hat, macht Lucy trotz all der erotischen Spannung und Begierden doch stutzig. Sie hält Bob auf Abstand. Das wiederum passt ihm gar nicht. Und wenn er nicht bekommt, was er will, wird er sauer, und wenn er sauer wird, schlägt sich das im irdischen Wetter nieder. So überziehen unvorhersehbare Wetterkapriolen die Erde und Lucys Stadt versinkt im Wasser. Und natürlich kann sich niemand den Schnee im Sommer, die Eiseskälte im Wechsel mit aller kitschigstem Traumwetter erklären. Mr. B. versucht sein Bestes, Bob von Lucy fortzulocken und beauftragt ihn mit der Rettung der Wale.

Derweil bangt Eck um sein Leben, denn Mona hat mal wieder gepokert und Eck musste als Einsatz herhalten. Nur hat sie dieses Mal kein Glück, verliert Eck, und sein neuer Besitzer will ihn unbedingt verspeisen, da er als Delikatesse in allen 9000 Galaxien gilt …

Meg Rosoffs neuer Roman Oh. Mein. Gott. ist an Absurdität, Schrägheit und Skurrilität eigentlich nicht zu überbieten. Hemmungslos demontiert sie die Gottesfigur und hinterfragt Glaubenskonzepte. Manchen mag das vielleicht gotteslästerlich erscheinen, doch Rosoff tut das mit so viel Witz und Charme, dass man ihr auf keiner Seite böse sein kann, sondern sich an ihren gleichermaßen durchgeknallten wie genialen Ideen, Abstrusitäten und Wundern immer mehr erfreut. Und man einfach nicht umhin kommt, Lucy, Mr. B. und vor allem Eck zu lieben. Ergo: ein göttlicher Lesespaß, ganz wunderbar übersetzt von Brigitte Jakobeit.

Meg Rosoff: Oh. Mein. Gott. Übersetzung: Brigitte Jakobeit, Fischer Verlag, 2012, 236 Seiten, 14,99 Euro