Von der Last des schlechten Gewissens

BlumaMit dem schlechten Gewissen ist das so eine Sache. Wenn man nicht völlig abgebrüht ist, lässt es einen nicht so schnell wieder los und frisst ganz schön viel Energie.

Das muss auch die neunjährige Bluma im Kinderroman von Silke Schlichtmann erleben. Darin schreibt sich die Protagonistin selbst ihren ganzen Kummer von der Seele, von einer Sache, die Erwachsene vielleicht erst mal als nicht so schlimm empfinden würden – denn wer hat nicht schon mal eine Süßigkeit stibitzt?

Bluma jedoch macht sich fürchterliche Sorgen, weil sie ihrer Nachbarsfreundin Alice, einer unkonventionellen älteren Künstlerin, eine ihrer seltenen, superleckeren, bitzelnden Gummischlangen geklaut hat. Und alles nur, weil Bluma zwei Sorgen auf einmal quälen: Sie hat eine Fünf in Mathe geschrieben und möchte den Hund Flocki der alten Thea Quast bei sich aufnehmen, die ins Altersheim soll. Doch den Eltern beides auf einmal zu sagen, das traut sich Bluma nicht, also wollte sie erst einmal Alice um Rat fragen. Doch die hat ausgerechnet an diesem Tag keine Zeit für Bluma. Allerdings gibt es bei Alice selbstgemachte magische Gummischlangen, die dafür bekannt sind, dass sie bei der Lösung von Problemen helfen.

Das dies jedoch nicht für heimlich geklaute Exemplare gilt, merkt Bluma ganz schnell – zum Glück noch bevor sie die Gummischlange ganz verspeist hat. Irgendwie muss sie jetzt versuchen, das nun allerdings kopflose Tier wieder an seinen Platz zu schaffen. Bei diesem Unterfangen verstrickt sich Bluma jedoch in immer mehr Ausreden, Notlügen und peinliche Situationen, sodass aus dem einst kleinen Fehltritt eine immer größere Last an schlechtem Gewissen wird. Denn alle Versuche, den Fehler unbemerkt wieder gutzumachen, gehen schief.

Silke Schlichtmanns Kinderroman, mit den atmosphärischen, rot-schwarzen Illustrationen von Ulrike Möltgen, ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie man Kinder an die Fragen der Moral heranführen kann. Hier wird nicht von oben herab doziert, was richtig und was falsch ist, sondern Ich-Erzählerin Bluma zeigt, wie sehr ein schlechtes Gewissen intrinsischer Antrieb sein kann, den richtigen Weg zu suchen. Das große Herz der Heldin dürfte jede_n Leser_in entzücken.
Gleichzeitig erlebt Bluma aber auch, dass nicht alles, was wir aus der Beobachtung und durch die Erzählungen anderer erfahren, der Wahrheit entsprechen muss. Viel wichtiger ist es, den Mut aufzubringen, sich anderen gegenüber zu öffnen und das Gespräch zu suchen – egal, wie sehr man sich davor fürchtet.

Blumas Beispiel, wie sie den Weg zu dieser Offenheit und dem Vertrauen zu anderen Menschen findet, dürfte in jungen Leser_innen lange nachklingen und zusätzlich, wenn beide Seiten sich daran halten, zu einem gestärkten Eltern-Kind-Verhältnis führen.
Das hoffe ich zumindest.

Silke Schlichtmann: Bluma und das Gummischlangengeheimnis, Illustration: Ulrike Möltgen, Hanser, 2017, 176 Seiten, ab 8, 12 Euro

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Die menschliche Natur

fuchsVor einiger Zeit hatte die Presseabteilung von Carlsen in das Verlagshaus in Hamburg geladen und die Neuerscheinungen für das Frühjahr vorgestellt. Stapelweise lagen da die neuen Bücher, die es noch nicht im Laden gab. Für jede/n Bücherfreund/in eine Wonne.

Eine Wonne war auch die kurze Lesung des Berliner Theatermacher Ulrich Hub aus seinem neuen Buch Füchse lügen nicht. Hatte ich beim ersten Herumschauen bei dem Buchtitel nur mit den Schultern gezuckt und kurz gedacht: „Aha, ein Tierbuch. Interessiert mich nicht“, so wurde ich innerhalb von zehn überaus kurzweiligen Minuten eines besseren belehrt und gestehe nun: Es interessiert mich doch – und zwar sehr.

Hub las von einer Handvoll Tiere, die in der Animallounge eines Flughafens auf ihren Flieger warten. Die Gans sucht beständig ihren Reisepass, die Klon-Schafe reden im Chor, der Affe schmeißt beständig Pillen ein, der Tiger rühmt sich seiner Fernsehkarriere und der Panda ruht sich auf seinem Artenschutzpass aus. Der Wachhund versucht das Chaos, das sich langsam ausbreitet, einzugrenzen. Während die Tiere tagelang warten, reden und irgendwann die Duty-Free-Shops stürmen, taucht ein Fuchs auf und bringt das wohlige Stelldichein durcheinander. Nach und nach hält er den Individuen den Spiegel vor, bohrt in Seelenwunden, desillusioniert und kommt Lügengespinsten auf die Spur. Und rettet allesamt schließlich vor einer großen Katastrophe.

Einem erwachsenen Leser wird natürlich schnell klar, dass hier der Mensch und seine Schwächen in allerfeinster Manier dargestellt wird. Hub, der beim Lesen als erfahrener Theatermann die Figuren durch verschiedene Stimmlagen zusätzlich charakterisierte, greift dabei auf die Geschichte Reineke Fuchs zurück.
Angeregt davon habe ich versucht Goethes Fuchs-Version zu lesen, bin aber an dem Versepos vorerst gescheitert. Goethe ist leider nicht so unterhaltsam wie Hub. Denn von der Situationskomik der eingesperrten Tiere mal abgesehen, gibt es für Erwachsene doch so einige Anspielungen – auf aktuelle Flughafenproblematiken unserer Hauptstadt oder Wachholderhaltige Getränke –, die einen zwischen Schmunzeln und stimmendem Kopfnicken ob der menschlichen Abgründe gut amüsieren.
Man muss also mitnichten eine Vorbildung in Sachen Reineke Fuchs besitzen, um dieses Buch schätzen zu können.
Und junge Leser werden ihren Spaß an den Macken der Helden haben und viel über das moralische Spiel mit den großen und kleinen Lügen lernen, die sowohl die Tiere, als auch wir selbst täglich erzählen.

Eine Facette, die dieses Buch zusätzlich liebenswert macht, sind die Illustrationen von Heike Drewelow. Jedem Tier verpasst sie ein eigenes Gesicht. Hub bezeichnete diese Menagerie nach der Lesung als „liebenswert und grenzdebil“. Genauso könnte man das ganze Buch bezeichnen, wobei ich „grenzdebil“ durchaus als Kompliment verstehe, denn diesen schmalen Grat zwischen feinsinnigem Humor und Klamauk muss man entlanglaufen können. Und Ulrich Hub kann das meisterhaft.

Ulrich Hub: Füchse lügen nicht, Illustrationen: Heike Drewelow, Carlsen,  2014, 144 Seiten, ab 8, 12,90 Euro