Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln

huppertz„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen“, hat Johann Wolfgang von Goethe einst gesagt. Wurzeln, solange sie klein sind, und Flügel, wenn sie größer werden.
Doch was, wenn der leibliche Vater nicht zur Familie gehört? Fehlt dann im Wurzelwerk nicht etwas?

Lisse, 12, vermisst zu Beginn des neuen Romans von Nikola Huppertz erst einmal nichts. Sie lebt mit ihrer Mutter und dem Comiczeichner Jamal glücklich in Hannover. Jamal ist seit elfeinhalb Jahren ihr Vater.
Doch dann erreicht ein Anruf ihre Mutter: Lisses leiblicher Vater Markus ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Und obwohl Lisse ihm niemals begegnet ist, überkommt sie doch die Trauer, die sie selbst an ihrem geliebten Schlagzeug nicht so richtig loswird.
Auch ihre Mutter muss die Nachricht erst einmal verdauen, und da gerade Sommerferien sind, machen sich Mutter und Tochter für ein paar Tage auf und reisen zu den Orten, wo sich Lisses Eltern begegnet sind. Über Berlin und die Müritz geht es nach Rostock und schließlich zum Friedwald, wo Markus‘ Asche unter einem Baum beerdigt wurde.

Im Laufe der Reise erzählt die Mutter von ihrer ersten Begegnung mit Markus, von ihrer Verliebtheit, von Markus‘ Leidenschaft für Musik, von ihrer damaligen Tour an die Ostsee. Lisse erfährt so Einiges über ihren leiblichen Vater und lernt in diesen wenigen Tagen ganz andere Seiten ihrer Mutter kennen. Auf dem Baum-Friedhof schließlich begegnen die beiden dann einem alten Ehepaar und Lisses Leben bekommt eine neue Wendung.

Feinfühlig und emotional packend entwickelt Nikola Huppertz Lisses Geschichte. Der Tod ist kein Tabu, sondern wird hier viel mehr zu einem Auslöser, sich der Vergangenheit und der Komplexität des Lebens zu stellen. Lisse lernt auf vielen Ebenen, was es bedeutet zu lieben, einander, das Kind, die Eltern, den Stiefvater. Und sie kommt mit sich selbst ins Reine, kann die Sommersprossen und die Stupsnase, die sie vermeintlich zu niedlichsten Drummerin der Welt machen, akzeptieren, weil sie begreift, dass sie das genetische Erbe ihres Vaters sind. Ebenso wie ihre Leidenschaft für Musik und das Trommeln. Sie findet ihre Wurzeln, jedoch ohne zu Verzweifeln.
Denn wenn sie auch ihren Vater nicht mehr kennenlernen wird, so treten auf diesem sommerlichen Roadtrip neue Menschen in Lisses Leben, die sie bereichern.

In Huppertz‘ Roman geht es um das große Gefühl der Trauer und wie man ordentlich Abschied nimmt, ganz egal, ob man den Menschen kannte oder nicht. Jetzt könnte man vermuten, Woher ich meine Sommersprossen habe sei ein todtrauriger Roman, doch dem ist nicht so. Denn Huppertz versteht es vorzüglich, die Hoffnung in das Geschehen einzuflechten, in Form einer neuen Freundschaft, durch wunderschöne Naturerlebnisse, durch eine neue Vertrautheit zwischen Mutter und Tochter und durch Lisses Erkenntnis, dass ihr Leben und ihre Familie in Hannover vollkommen ist.

Ich weiß natürlich nicht, wie viele Kinder genau solche Familien-Geschichten und -Konstellationen erleben, doch von Lisse können sie sich so Manches abschauen, sei es, dass Mädchen sehr coole Schlagzeugerinnen abgeben oder dass man seinen Eltern durchaus nervende Fragen über die Vergangenheit stellen sollte, um mehr über sich selbst zu erfahren.
In diesem Sinne ist dieser wunderbare Roman ein Vorbild für die Suche nach den eigenen Wurzeln. Denn auch das gehört zum Erwachsenwerden dazu.

Nikola Huppertz: Woher ich meine Sommersprossen habe, Thienemann, 2017, 176 Seiten, ab 11, 11,99 Euro

Follow my blog with Bloglovin

Fridas Universum

 

 

 

 

 

 

 

Wie führt man junge Menschen an das Leben von großen Künstlerinnen heran? Wie kann man deren Neugierde auf das Werk von bereits verstorbene Berühmtheiten wecken?

Zum 110. Geburtstag der mexikanischen Malerin Frida Kahlo ist nun das farbenfrohe und fröhliche Bilderbuch Frida Kahlo und ihre Tiere erschienen, das ein Anfang sein kann. Die Autorin Monica Brown und Illustrator John Parra bringen über Fridas Beziehung zu ihren unzähligen Haustieren den jungen Betrachter_innen Leben und Werk dieser leidgeprüften Frau näher. Sie erzählen von Papagei, Rehkitz, Katze, Klammeraffen, aztekischen Nackthunden und Truthähnen. Sie begleiten die Künstlerin durch Kindheit, Jugend und die von Krankheit geprägten Jahre. Fridas Leiden wird hierbei nur dezent angedeutet, lediglich eine Abbildung zeigt einen Rollstuhl und eine Beinprothese, die erahnen lassen, wie schlimm es um Frida stand.

Die Lebensfreude und die scheinbar unverwüstbar gute Stimmung von Frida stehen hier im Mittelpunkt. Die Malerin wird zum leuchtenden Vorbild, sich von Schicksalsschlägen nicht unterkriegen zu lassen, und zeigt, dass man in guter tierischer Gesellschaft vieles ertragen und vieles erschaffen kann.

Die Bilder unterstreichen dies durch ihre kräftigen Farben: Das typische Blau der Casa Azul zieht sich durch alle Seiten. Begleitet wird es vom Rot von Fridas traditionellen Blusen und dem Grün der mexikanischen Natur, alle Farben sind jedoch etwas abgetönt, sodass Fridas Schmerz durchaus zu erahnen ist. Die Art der Illustrationen deuten aztekisch Kunst und deren Muster an – und macht auf jeden Fall Lust, entweder selbst zum Pinsel zu greifen oder sich noch weiter mit Frida Kahlo zu befassen.

Letzteres war dann bei mir der Fall, und so stieß ich auf die ebenfalls frisch erschienene Graphic Novel der Italienerin Vanna Vinci, Frida. Ein Leben zwischen Kunst und Liebe.
Hier geht es nun wahrlich an die grundlegenden Themen, die Fridas Leben geprägt haben – und die sind nicht unbedingt jugendfrei. Fridas schwerer Unfall mit 18 Jahren und die daraus resultierenden Schmerzen haben ihr Leben durch und durch geprägt. Was sie jedoch nicht davon abgehalten hat, exzessiv zu lieben. Diego Rivera, den berühmten Maler der Murales, wohl an erster Stelle, aber auch andere Männer und Frauen. Frida hat ihre sexuellen Bedürfnisse ausgelebt: zusammen mit anderen, an ihrer Leinwand oder auch nur mit sich selbst. Vinci macht auf jeder Seite deutlich, wie sehr Frida das Leben geliebt und in sich aufgesaugt hat.

Vinci greift dafür zu einem besonderen erzählerischen Kniff. Sie lässt Frida ein Gespräch mit dem Tod führen, in dem sie ihr eigenes Leben reflektiert. So ist auf jeder Seite Frida selbst in ihrer mexikanischen Tracht zu sehen, die ihre kulturelle Identität zeigt und doch auch zu einer Uniform geworden ist, wie sie selbst sagt. Mag man zwischendrin vermissen, dass bestimmte Erlebnisse und Begegnungen nur von Frida selbst erzählt und nicht im Bild gezeigt werden, so merkt man im Laufe der Lektüre, dass genau dies die Persönlichkeit von Frida perfekt spiegelt. Durch die langen Zeiten, die sie an Bett gefesselt war und in denen sie sich vor allem mit sich selbst, ihrem Körper, ihren Schmerzen und der Allgegenwart des Todes auseinandersetzen musste, hat sie zu einer Expertin in Sachen Selbstreferenzialität gemacht.

Und obwohl sich im Universum Frida Kahlos so gut wie alles um Frida Kahlo dreht, ist ihr Leben voll mit historisch wichtigen Lebensgefährten wie Leo Trotzki oder Tina Modotti. Man bekommt den Eindruck, dass Frida in den 47 Jahren ihres Lebens unzählige Leben gelebt hat, so viel ist ihr zugestoßen, so viel hat sie erlebt.
Vielleicht ist es die dauerhafte Präsenz des Todes in ihrem Leben, die sie zu so unbändiger Lebenslust getrieben hat. Auch der Tod, la Santa Muerte, ist in der Graphic Novel ständig präsent, entsprechend des mexikanischen Totenkultes. Er sitzt ihr gegenüber, raucht mit ihr oder zeigt sich in den Schädeln ihrer Haustiere.

Vinci erinnert auf großartige, packende Art an diese schillernde Frau, mit der man mitleidet, die man gleichzeitig für ihre Kunst verehrt und sie um ihren unverfrorenen, selbstbewussten Charakter beneidet. Auch bei Vanna Vinci sind die Farben gedeckt, Rot und Grün dominieren, umrahmt von dicken schwarzen Linien, die sich ausdrucksstark ins Gedächtnis prägen.
Und natürlich deutet Vinci die Kunstwerke Frida Kahlos an, sodass man sich nach Ende der Lektüre diese auf jeden Fall im Original ansehen will.
Besser kann man diese große Künstlerin kaum ehren.

Vanna Vinci: Frida. Ein Leben zwischen Kunst und Liebe, Übersetzung: Christine Schnappinger, Prestel, 2017, 160 Seiten, 22 Euro

Monica Brown: Frida Kahlo und ihre Tiere, Übersetzung: Elisa Martins, Illustration: John Parra, NordSüd, 2017, 40 Seiten, ab 4, 15 Euro

Follow my blog with Bloglovin

 

Geschwister und andere Katastrophen

Da kann man sich tausendmal vernünftigerweise sagen, dass Blut nicht dicker als Wasser ist und nur weil man mit jemandem genetisch verwandt ist, man nicht automatisch mit ihm verbunden ist: Die Beziehung zwischen Geschwistern ist und bleibt speziell, zwischen Schwestern, die sich altersmäßig kaum unterscheiden, extrem.

Lauren Oliver hat mit Als ich dich suchte ein besonderes Buch über zwei Schwestern geschrieben. Ein Roman, der gleichzeitig auch Krimi, Psychothriller und zarte Liebesgeschichte ist. Ein Buch, das einen gleich packt und nicht mehr loslässt, weil es provokativ beginnt: „Das Komische daran, beinahe gestorben zu sein, ist, dass anschießend alle meinen, du müsstest ununterbrochen auf dem Glückstrip sein, Schmetterlingen im grünen Gras nachjagen oder in jeder Ölpfütze auf dem Highway einen Regenbogen entdecken. Das Leben ist ein Geschenk, um das du nie gebeten hast, das du dir nie gewünscht hast, nie haben wolltest.“

Wer jetzt glaubt oder auch fürchtet, dass nach diesem lakonisch-abgeklärtem Auftakt die große Glücksbärchi-Geschichte folgt und zum Schluss die Erzählerin Nick mit Schmetterlingen tanzt und das Leben begeistert umarmt, dass es nur so kracht, der wird zum Glück enttäuscht. Zur Zeit ist es bei Prominenten jeden Alters angesagt, permanent von „Demut“ zu sprechen, die sie angesichts ihres Lebens empfinden, von „Dankbarkeit“ für das, was sie haben.

Nick aber hat allen Grund, stinksauer auf ihr Leben zu sein: Ihre knapp ein Jahr jüngere Schwester Dara, die immer im Mittelpunkt steht, die alle lieben, die jeden haben könnte, hat ausgerechnet Nicks besten Freund seit Kindertagen geküsst. Ihr Vater hat die Familie für eine schönheitsoperierte, flachsinnige Witwe verlassen, die Mutter ist seitdem ein tablettengesteuerter Schatten ihrer selbst. Beide Schwestern hat es aus der Bahn einer glücklichen Kindheit geworfen. Dann erleiden die Mädchen einen schrecklichen Autounfall und fortan spricht Dara nicht mehr mit Nick. In Rückblenden und Zeitsprüngen wird aus der Sicht von Nick und Dara erzählt, wie es zu dieser Katastrophe gekommen ist. Parallel sorgt das rätselhafte Verschwinden eines neunjährigen Mädchens für zusätzliche Spannung. Und irgendwann ist auch Dara nicht mehr da. Vanishing Girls lautet der Originaltitel von Olivers neuem Jugendroman. Als ich dich suchte trifft es jedoch fast besser, weil Nick nicht nur ihre Schwester wiederzufinden versucht. Und nicht zuletzt ist da auch noch Nicks Freund, der Nachbarsjunge Parker …

Das alles verknüpft Lauren Oliver virtuos und erzählt mitreißend und unprätentiös, treffsicher übersetzt von Katharina Diestelmeier. Wiederholt finden sich so kluge, hellsichtige Sätze und Beobachtungen wie „das ist das Blöde an Therapeuten: Man bezahlt sie dafür, dass sie einem denselben Quatsch erzählen, den andere umsonst sagen.“ Oder: „Ist dir schon mal aufgefallen, dass wirklich glückliche Paare nicht das Bedürfnis haben, andauernd miteinander rumzuhängen?“

Neben dem echten Krimi, der mutmaßlichen Entführung einer Grundschülerin, spielt das wahre Drama zwischen den so unterschiedlichen Schwestern: Wie können sich zwei Menschen so nah und doch so fern sein? Nie ausgesprochene Eifersucht, Neid, Groll, Bewunderung und angeeignete Rollen führen zu grotesken Missverständnissen.

Die Lösung und gleichzeitig Katharsis der Geschichte kommt überraschend. Cineasten fühlen sich an einen Psychothriller vom Ende der 90er Jahre erinnert, aber der ist für die jugendliche Zielgruppe sicher entschieden zu lange her. Als ich dich suchte startet durch seine atmosphärisch dichte Erzählweise, plastische Charaktere und intensiv beschriebenen, widersprüchlichen Gefühle sofort ganz großes Kopfkino. Und sollte auch dieses Buch wie aktuell Lauren Olivers Debüt Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie (Carlsen 2010, Originaltitel Before I fall) verfilmt werden, wird es selbst für begnadete Schauspielerinnen schwer, die emotionale Vielfalt zu spielen.

Dieser mit schlagkräftiger Direktheit, lakonischem Witz und berührender Zartheit geschriebene Roman über Geschwisterhassliebe, Schuld und Sühne ist ein Plädoyer fürs Lesen. Und nicht zuletzt hervorragende Ferienlektüre.

Elke von Berkholz

Lauren Oliver: Als ich dich suchte, Übersetzung: Katharina Diestelmeier, Carlsen, 2017, 368 Seiten, ab 13, 19,99 Euro

Hilfe für Hochbegabte

willowSeit ich diesen Blog betreibe, habe ich so einige Bücher gelesen, in denen Figuren mit einer speziellen Sichtweise auf die Welt den Leser unterhalten und sensibilisiert haben. Diese Protagonisten waren entweder von schweren Krankheiten gezeichnet oder gehörten zum Kreis der Autisten, die durch ihre Inselbegabung Alltägliches anders wahrnahmen.

In diese Reihe würde ich nun auch das Buch von Holly Goldberg Sloan, Glück ist eine Gleichung mit 7, in der Übersetzung von Wieland Freund, stellen. Nur dass die 12-jährige Protagonistin Willow weder krank noch autistisch, sondern hochbegabt ist, was ihre Umwelt jedoch nicht erkennt.

Willow hat einen Faible für die Zahl 7 und ist an medizinischen Zusammenhängen, vor allem Hautkrankheiten, interessiert. Darüber hinaus liebt sie ihren Garten, der in der Wüste Kaliforniens einer Oase gleicht. Als ihre Adoptiveltern bei einem Autounfall ums Leben kommen, bricht Willows fein austarierter Alltag zusammen. Sie steht ohne Angehörige da und wäre den Behörden heillos ausgesetzt, würden sich nicht der überforderte Sozialarbeiter Dell, Willows neue Freundin Mai und deren Mutter Pattie um sie kümmern.

Bei aller Tragik lebt diese Geschichte von Willows nüchternem, analysierenden Blick auf das Chaos und die Unvollkommenheit, das sie umgibt. Herausgerissen aus ihrem geordneten Zuhause lernt sie anderen „Lebensformen“ kennen: Mai und ihre vietnamesische Familie leben in einer Garage, Dell ist an der Schwelle zum Messie und schummelt sich so durch. Willows distanzierte, aber pragmatische Art setzt schließlich Dinge in Gang, die nicht nur ihr Leben ändern, sondern auch das ihrer Helfer.
Die Komik, die durch das Aufeinanderprallen dieser Welten unweigerlich entsteht, lässt einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Darüber habe ich dann auch das Übermaß an Drama – hochbegabtes Adoptivkind verliert Eltern und kämpf gegen die Behörden – mit Nachsicht akzeptieren können. Denn natürlich schließt man Willow, die als Ich-Erzählerin agiert, ins Herz.

Für junge Leser dürfte Willows Leidenschaft für Krankheiten jedoch ein sprachlich harter Brocken werden, denn sie scheut nicht davor zurück, die medizinischen Fachtermini zu benutzen, die schon Erwachsene nicht immer verstehen. Sie zeigt so zwar ihre hohe Intelligenz, beweist gleichzeitig jedoch, dass Wissen nicht vor Trauer schützt. Der Zusammenhalt von Menschen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, ist in jedem Fall wichtiger als 7er-Reihen.

Holly Goldberg Sloan: Glück ist eine Gleichung mit 7, Übersetzung: Wieland Freund, Hanser Verlag, 2015, 303 Seiten, ab 12, 16,90 Euro

[Gastrezension] Manege frei

trickDie Faszination für den Zirkus hat sich mir nie erschlossen: Rämtamtam-Musike, Tiere, die in nicht artgerechter Umgebung gezwungen werden, alberne Kunststückchen zu vollführen und vor allem eine der Schlüsselfiguren dieser Welt liegen mir gar nicht. Das hat weniger mit einer ausgewachsenen Coulrophobie – also der Angst vor Clowns zu tun – als eher mit der Abneigung, etwas lustig zu finden, was bestenfalls über Schadenfreude funktioniert und ansonsten überhaupt nicht komisch, sondern nur lachhaft ist.

Nina Wegers neues Kinderbuch, Trick 347 oder Der mutigste Junge der Welt, ist also auf den ersten Blick und den Klappentext hin vielleicht nicht mein Ding. Aber dennoch hat mich die Geschichte des elfjährigen Tom, der seinen Vater sucht und eine famose Familie unter dem sternenübersäten Himmel des Chapiteaus, des Zirkuszelts, findet, von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt.

Tom lebt in München mit seiner liebevollen und patenten Mutter, einer Geologin. Aber bei Fragen nach seinem Vater reagiert sie so vage und emotional, dass er das Thema lieber nicht mehr anspricht. Nur soviel verrät sie: Er sei Artist gewesen und vor Toms Geburt bei einem Unfall gestorben.

Doch dann reißt ein Anruf die beiden aus ihrem harmonischen, unspektakulären Alltag: Toms Großvater, den er nie kennengelernt hat und mit dem seine Mutter schon lange nicht mehr spricht, liegt im Sterben. Kurze Zeit später zieht Tom bei seiner Großmutter in Hannover ein, seine Mutter geht auf Forschungsreise in die Arktis – und Tom findet in einer der Umzugskisten eine alte Eintrittskarte für den Zirkus Merlini, der mittlerweile auf einer Brachfläche in Hannover residiert. Als Tom, der ein begabter Turner ist, versucht, dort mehr über seinen Vater herauszufinden, gerät er mitten in eine üble Intrige, mit der ein fieser Immobilienmakler die Artisten von dem Grundstück, das für viele auch ein Zuhause ist, vertreiben will. Tom setzt mit neugefundenen Freunden und außergewöhnlichen Mitstreitern alles daran, den Zirkus zu retten. Dass sich dabei manches zu wohlgefällig löst, stört nicht, immerhin ist es ein Kinderbuch. Die nüchterne Realität der Erwachsenenwelt greift früh genug.

Dabei bedient Nina Weger, die auch den Kinderzirkus Giovanni leitet, nie irgendwelche Klischees. Nach dem Abitur ist die Autorin selbst ein Jahr lang als Seiltänzerin mit einem Zirkus im eigenen Wagen durch die Lande getingelt und man merkt: Sie weiß, worüber sie schreibt, nicht nur bei den anschaulich und mit viel Sachverstand beschriebenen Kunststücken. Sie beginnt Toms Geschichte sogar mit der nüchternen Kehrseite des Artistenlebens: die ständige Gefahr von Unfällen, die das Ende der Karriere bedeuten; Zeiten ohne Engagement, wenn die Zirkusleute nur mit Mühe über die Runden kommen; Eifersüchteleien, Konkurrenzkampf und die alltäglichen Vorurteile, denen das fahrende Volk begegnet.

Nach und nach aber tauchen wir mit Tom in eine ganz besondere Gemeinschaft von exzentrischen und meist erst auf den zweiten Blick sehr liebenswerten Menschen und (Überlebens-)Künstlern ein. Trick 347 verbindet höchst raffiniert gegenwärtige Themen wie Gentrifizierung und eiskalte Profitsucht, Depression und gestörte Kommunikation mit der Magie der Manege. Zum Zauber des Zirkus gehören tolle Kunststücke und atemberaubende Artistik, Glitter und der Duft von Sägespänen. Das wirklich Faszinierende aber ist die zusammengewürfelte Zirkusfamilie selbst, die Tom seine größte Angst überwinden lässt und jedem Einzelnen das Unmögliche möglich macht. Nicht zuletzt ist dieses Buch bis zur letzten Seite superspannend und grandios geschrieben. Echt magisch!

Elke von Berkholz

Nina Weger: Trick 347 oder Der mutigste Junge der Welt, Verlag Friedrich Oetinger, 320 Seiten, 12,99 Euro, ab 10 Jahren

[Gastrezension] Alles anders

andersAnders heißt Andreas Steinhöfels neuer Roman – und genau das ist er: anders. Steinhöfels Bücher – von Dirk und ich über Beschützer der Diebe bis zur Trilogie um den tiefbegabten Rico und seinen Freund Oskar – waren schon immer außergewöhnlich, sind alle exzellent geschrieben und haben meist liebenswerte und immer besonders lebendige, vielschichtige Charaktere. Jetzt zeigt der Autor, Übersetzer und Hörbuchsprecher mit seinem ersten Werk für den neuen Verlag Königskinder eine reizvolle Entwicklung. Das hängt auch mit der Rückkehr aus Berlin in seine mittelhessische Heimat zusammen. Kleinstädtisches Lokalkolorit an der Lahn und mythisch aufgeladene Orte wie das Erler Loch spielen eine wichtige Rolle für die Dynamik der Geschichte.

Anders nennt sich der elfjährige Felix, weil er sich genau so fühlt, seit er nach neun Monaten aus dem Koma erwacht ist und sich nicht mehr an sein altes Ich erinnern kann. Nicht dass dem Jungen der ihm ursprünglich von seiner enorm ehrgeizigen Mutter verpasste Name Glück gebracht hat – er war ein überbehütetes, schüchternes und gelangweiltes, sogar unglückliches Kind. Absurd, dass ausgerechnet seine Eltern mit groteskem Slapstick zusammen den Unfall verursacht hatten, der ihren Sohn ins Koma fallen ließ. Jetzt sieht Anders seine Mitmenschen neu, riecht Farben, sagt, was er denkt, ist kompromisslos direkt und entlarvt Lebenslügen. Seine düsteren Diagnosen und eigenwillige Art verstören nicht nur seine Umgebung, es macht einige extrem nervös. Denn seine Amnesie hat auch Schutzfunktion – für ihn und diejenigen, die ein dunkles Geheimnis mit ihm teilen. Langsam und leidvoll kommt Anders der Lösung näher. Auch seine Lehrerin, seine Eltern und sein Nachhilfelehrer, der allein als Witwer am Ortsrand lebt, verwandeln sich durch ihn.

Nebenbei zeichnet Steinhöfel von Spießern und anderweitig engstirnigen Erwachsenen ein paar schön ätzende Miniaturen, die wohl weniger für seine jugendlichen Leser gedacht sind. Diese können sich umso mehr am virtuosen Spiel mit Märchen und Mythen freuen und Motive entschlüsseln: Felix als Schneewittchen, seine Mutter mit einer bösen Stiefmutter in Personalunion, für die das Kind ein Statusobjekt ist, das funktionieren soll. Sein Vater ist der sanftmütige und lange verblendete König. Es gibt Eigenbrötler, Romantik und Grausamkeit, gute Feen und wütende Nixen.
Darüber hinaus wechselt Steinhöfel Perspektiven, variiert Stilelemente, setzt inneren Monolog und Zeitungsmeldung ein, ist manchmal poetisch, wozu besonders gut die reduzierten, lichtdurchfluteten Illustrationen von Peter Schössow an jedem Kapitelanfang passen. Da kann man es auch verschmerzen, dass die unterschwellige Krimihandlung ein eher blassroter Faden ist, die Spannung lässt nach, wenn man nach etwa der Hälfte ahnt, was passiert ist.

Was Steinhöfel als Kinderbuchautor auszeichnet, ist sein großer Respekt vor Kindern. Sie sind ihm eindeutig die lieberen Mitmenschen. Dabei idealisiert und verniedlicht er Kinder nicht, er nimmt sie ernst, schätzt ihre unverstellte Art und traut ihnen alles zu – in guter wie schlechter Hinsicht. Und er mutet seinen Figuren und seinen Lesern einiges zu. All das spürt man sofort beim Lesen, und das erklärt auch den Erfolg seiner Bücher.

Mit Anders hat der 53-Jährige einiges gewagt und viel gewonnen. Weil Anders aber nicht als Serienheld gedacht scheint, das Werk eher monolithisch daher kommt, darf man auf die nächste Neuerfindung des Bestsellerautors gespannt sein. Sie wird anders grandios.

Elke von Berkholz

Andreas Steinhöfel: Anders, Königskinder Verlag, 2014, 240 Seiten, ab 12, 16,90 Euro

 

Im Strudel der Gefühle

danteAch, die Pubertät. Eine schwierige Zeit, alles verändert sich, der Körper vor allem, aber auch der Geist. Die Sicherheiten gehen verloren, die Richtung im Leben wird unklar. Alles gerät durcheinander. Von diesen Zuständen im Leben des 15-jährigen Aristoteles, genannt Ari, erzählt Benjamin Alire Saenz in seinem Roman Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums.

Ari trifft 1987 in El Paso, Texas, gleich an der Grenze zu Mexiko, Dante im Schwimmbad. Die Jungen könnten unterschiedlicher nicht sein: Ari ist introvertiert, verunsichert, hat keine Freunde. Er ist schwermütig, unter anderem, weil sein Vater nicht über seine Erlebnisse aus dem Vietnamkrieg berichtet. Zudem wird in der Familie nicht über Aris älteren Bruder gesprochen, der im Gefängnis sitzt.
Dante hingegen ist selbstsicher, liebt Poesie und Kunst, in seiner Familie gibt es keine Geheimnisse – und er weiß, dass er Jungs liebt. Nach und nach freunden sich die beiden an. Dante bringt Ari das Schwimmen bei, aber nicht nur das. Sie verbringen immer mehr Zeit miteinander, fahren in die Wüste und beobachten die Sterne, lesen Gedichte, diskutieren über ihre mexikanischen Wurzeln und ihr Leben in einer weißen Gesellschaft.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Aristoteles, und so stehen vor allem die Zweifel und Unsicherheiten des Heranwachsenden im Vordergrund. Lange, ganz lange kann und will er sich nicht eingestehen, dass er Dante liebt, zu außergewöhnlich ist das doch für einen Jungen, der aus einer katholischen Familie mit mexikanischen Wurzeln stammt. Aris Hadern, seine Wut, seine Suche, sein Übergang vom Kind zum Erwachsenen bekommt der Leser hautnah mit. Seine Gefühle werden quasi zu den Gefühlen des Lesers, so unmittelbar erzählt Saenz, in der lässigen deutschen Übersetzung von Brigitte Jakobeit. Und gerade das macht diesen Roman für pubertierende Jungen interessant. Hier finden sie eine Identifikationsfigur, die ihnen zeigt, dass all dieses Gefühlschaos zum Erwachsenwerden dazugehört, dass es okay ist, nicht dem Mainstream anzugehören, dass es in Ordnung ist, sich von familiären und gesellschaftlichen Traditionen zu verabschieden.
Gerade Jugendliche mit Migrationshintergrund finden in Ari und Dante zwei Helden, die sich aus ihrem alten Kontext lösen und um der Liebe willen ihren eigenen Weg gehen.

Benjamin Alire Saenz: Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums,  Übersetzung: Brigitte Jakobeit,  Thienemann Verlag, 2014, 384 Seiten,  ab 14, 16,99 Euro