Gegen die schädlichen Geheimnisse

missbrauchMomentan vergeht kein Tag, an dem nicht über #metoo und sexuellen Missbrauch in welcher Ausformung auch immer diskutiert wird. Lange genug haben die Betroffenen geschwiegen, aus Angst, aus Scham, aus Gründen, die in verqueren Machtstrukturen in unserer Gesellschaft und in unserem Arbeitsleben zu suchen sind.
Doch wenn es erwachsenen Menschen schon so schwer fällt, den Mund aufzumachen, zu berichten, anzuklagen oder rechtzeitig Nein zu sagen – wie soll es da erst Kindern ergehen, die solchen Übergriffen in ähnlicher Weise ausgesetzt sind und dabei nicht über das Wissen und das Vokabular verfügen, sich Hilfe zu suchen?

Das Bilderbuch Für das Geheimnis bin ich zu klein von Autorin Ilona Lammertink und Illustratorin Nynke Talsma befasst sich genau damit. Es erzählt von Joost, der gern mit Mama und Papa im Bett kuschelt und sich auf sein Geschwisterchen freut, das bald auf die Welt kommen soll. Nur soll er von diesem Geheimnis noch nichts erzählen.
Auch im Kindergarten lernt Joost, was es heißt, ein Geheimnis zu bewahren: Die Kinder basteln etwas für ihre Papas. Das sind lauter Geheimnisse, die Joost sehr gut für sich behalten kann. Für solche Geheimnisse ist er groß genug.

An einem Abend passt Frank auf Joost auf, weil Mama und Papa ausgehen. Frank ist 17, fährt Mofa, und Joost findet ihn ziemlich cool und lustig. Doch an diesem Abend steckt Frank ihn in die Badewanne und macht sehr seltsame Witze. Dann küsst er Joost auf den nackten Popo und den ganzen Körper. Schließlich wäscht Frank ihn mit einem Waschlappen, obwohl Joost es schon selbst kann. Er umfasst Joosts Penis und lässt ihn gar nicht mehr los. Als er den Jungen abtrocknet, droht er Joost, dass dieser ihr Geheimnis absolut niemandem erzählen darf.
Joost bekommt Angst. Für dieses Geheimnis ist er zu klein.

Ja, in diesem Buch wird der sexuelle Übergriff des Babysitters ganz offen angesprochen. Und genau das ist wichtig und gut. Lammertink redet nicht um den heißen Brei herum, sondern macht deutlich, dass kleine Kinder ganz genau merken, wenn jemand ihre persönlichen Grenzen überschreitet, sie missbraucht und unter Druck setzt. Dass beim Lesen und Schauen kein traumatisierender Schrecken aufkommt, ist das Verdienst der warmen flächigen Tuschezeichnungen von Nynke Talsma, die dem Missbrauch zwar zwei Doppelseiten einräumt, aber sonst die liebevolle Umgebung zeigt, in der Joost aufwächst.

Denn Joost hat zum Glück sensible Eltern, die schnell merken, dass den Sohn etwas bedrückt. Sie bieten ihm an, über alles zu reden.
Als Frank ein weiteres Mal auf Joost aufpassen soll, versteckt sich der Junge im Gartenhäuschen. Die Eltern begreifen, dass etwas vorgefallen sein muss, und bringen Joost liebevoll dazu, ihnen alles zu erzählen.

Lammertink erzählt diese Geschichte aus der Perspektive von Joost, begibt sich somit auf Augenhöhe mit dem Protagonisten, was dieses Buch zu einem sinnvollen Begleiter von missbrauchten Kindern machen kann. Sie und die Übersetzerin Sonja Fiedler-Tresp geben den Kindern die Worte, mit denen sie über solch unzumutbare Geheimnisse sprechen können. Sie zeigen ihnen, dass es wichtig ist, über das Geschehene zu sprechen, um sich von der Angst und dem Gefühl des Ausgeliefertseins zu befreien. Vorbildlich verhalten sich hier die Eltern, die Joost mit seinem Schmerz und seiner Angst nicht allein lassen.

Der Geschichte ist ein Anhang für die Eltern beigefügt, der sie über die Anzeichen von sexuellem Missbrauch beim eigenen Kind aufklärt und erläutert, wie man mit offenen Fragen und ohne Zwang mit dem Kind reden sollte. Auch die eigenen Gefühle, Vermutungen und Vorwürfe sollten die Erwachsenen lieber für sich behalten – und gerade diese Hinweise sind in einer Zeit, in der alles sofort bewertet und in Schubladen gesteckt wird, enorm wichtig. Denn bei all dem eigenen Entsetzten, was dem geliebten Kind angetan wurde, geht es in erster Linie darum, dass das Kind wieder Vertrauen und Lebensfreude findet. Und dabei ist dieses Bilderbuch ein wertvoller Schatz.

Ilona Lammertink: Für das Geheimnis bin ich zu klein, Übersetzung: Sonja Fiedler-Tresp, Illustration: Nynke M. Talsma, Ellermann, 2018, 32 Seiten, ab 4, 15 Euro

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Süße Medizin

Erster Eindruck: Ein hübsches Buch, gewichtig, mit rotem Leinenrücken und pinkem Lesebändchen, auf dem Einband sind sechs kleine, bunte Kinderhelden abgebildet: Sandmännchen, die kleine Raupe Nimmersatt, Tigerente, Paddington Bär, der kleine Prinz und der bunte Elefant Elmar. Sehr interessanter Titel: Die Romantherapie für Kinder nennen die Literaturwissenschaftlerinnen Ella Berthoud und Susan Elderkin ihr Kompendium, ein Ableger ihrer Romantherapie für Erwachsene. Kurz die Sorge, dass in diesem Buch vielleicht wirklich der richtige Roman für jede Malaise steht und Blogs wie LETTERATUREN überflüssig werden.

Das passiert natürlich nicht und ist von den Autorinnen auch nicht beabsichtigt: Berthoud und Elderkin haben nach dem Studium in Cambridge mein privates (Über-)Lebenselexier zur Geschäftsidee gemacht und bieten seit 2008 an der Londoner School of Life Bibliotherapie-Sitzungen an. Daraus entstand 2013 die Romantherapie und jetzt eben, unter Mithilfe der Programmdirektorin der lit.Cologne, Traudl Bünger, das Kompendium für Jüngere.

Die Idee eines umfassenden Ratgebers und einer soliden Hausapotheke gegen die unterschiedlichsten Probleme, Sorgen, Konflikte, Lebenslagen und Leiden ist bestechend und konsequent umgesetzt. Unter Stichworten von A wie Abenteuerlust, Akne oder Apokalypse; Angst haben vor ihr bis Z wie Zimmer teilen müssen, Zündeln und Zweiter Weltkrieg findet man jeweils mindestens zwei Bücher, die einem helfen, weil hier jemand mit denselben Widrigkeiten kämpft und eine Lösung findet. Diese Medizin für das jeweilige Problem ist zwar sperrig, manchmal bitter und überhaupt nicht zu schlucken. Die dazugehörigen Nebenwirkungen sind aber auf jeden Fall erwünscht: Anregung der Phantasie, erweiterter Horizont, gestärktes Selbstbewusstsein sowie Training der Lesefertigkeiten, Vergnügen und Glücksgefühle.

Dazwischen eingestreut sind 74 (falls ich mich nicht verzählt habe) Bestenlisten mit jeweils den zehn besten Büchern für zum Beispiel „heikle Esser“, über Werwölfe oder Vampire, zum Thema Selbstmord oder „um der eigenen Sexualität auf den Grund zu kommen“. Ersteren wird originellerweise mit Enid Blytons Fünf Freunden Appetit gemacht während kluge Gedanken zu Sex und Gender in Cornelia Funkes Die wilden Hühner und die Liebe, Andreas Steinhöfels Mitte der Welt oder neueren Romanen wie George von Alex Gino und Zusammen werden wir leuchten von Lisa Willamson zu finden sind.

Hier zeigt sich aber auch ein Schwachpunkt der Romantherapie: Ob Klassiker oder Neuerscheinung, es werden fast nur Bücher von deutschen und anglo-amerikanischen Autorinnen und Autoren empfohlen sowie natürlich die üblichen Verdächtigen aus Skandinavien wie Astrid Lindgren oder Mumins-Schöpferin Tove Jansson. Da ist wenig wirklich Überraschendes dabei, man könnte es einen soliden Kanon nennen, bei dem manchmal ein moderner Klassiker in einen ungewöhnlichen, eigentlich merkwürdigen Kontext gestellt wird: So ist John Boynes Der Junge im gestreiften Pyjama unter dem Stichwort „Sinn, nach einem suchen“ einsortiert.

Dagegen fehlt fatalerweise unter E wie „Essstörung“ Mirjam Pressler brillantes Buch Bitterschokolade von 1980, das mich als Jugendliche noch lange beschäftigt hat.
Und zumindest auf die Liste der zehn besten Bücher über Hunde wenn schon nicht auf die, „die in einem Trauerfall helfen“ hätte das herzzerreißende koreanische Bilderbuch Abschied von Aika gehört.

Man findet kaum etwas wirklich bisher Unbekanntes und Neues, ein bisschen gemein gesagt vertraut die Romantherapie auf altbewährte Hausmittel.

Die Darreichungsform ist umso süßer und patientenfreundlicher: In der hübsch aufgemachten Verpackung stecken liebevoll geschriebene Buchbeschreibungen und Empfehlungen, durch die sich aufs Schönste in eigenen Leseerinnerungen und –erlebnissen schwelgen lässt. Allein die bloße Erwähnung des einen oder anderen Romantitels katapultiert Leser in die Kindheit und Jugend zurück und lässt lange Vergessenes neu erleben. Das funktioniert fast so intensiv wie Gerüche, die ja im ältesten Teil der Erinnerungen abgespeichert sind und zu ganz verwegenen Sinneseindrücken führen können. Das macht die Romantherapie auf jeden Fall sehr charmant. Und lässt den abgeklärten erwachsenen Leser, auf den auch die Version für Kinder letztlich zugeschnitten ist, die reichlich naive Sicht, man könnte mit einem Buch überzeugte Nichtleser für Bücher interessieren, verzeihen. Es kann keiner ernsthaft glauben, dass bei den gesondert aufgeführten Leseleiden von „Aufmerksamkeitsspanne, kurze“ bis „Vorgelesen bekommen, es nicht wollen“ Tipps wie „Spielen Sie mit der Buchgröße“, also wahlweise überdimensionierte und winzige Werke in die kleinen Hände zu geben, oder eine die Einführung einer „Vorlesestunde für die ganze Familie“ Abhilfe schaffen kann. Als Mutter eines gerade 16-Jährigen, der nach intensiven Vorlesejahren, unter anderem aller Harry-Potter-Bände, freiwillig nie wieder ein Buch in die Hand genommen hat, weiß ich das realistisch einzuschätzen. Es gibt Leser. Und es gibt hartnäckige Nichtleser, die selbst erzwungene Schullektüre weitestgehend durch Sekundärliteratur und Interpretationshilfen aus dem Internet zu umgehen wissen.

Die Romantherapie für Kinder ist in erster Linie ein Metalesevergnügen für erwachsene Leser. Für lesehungrige Kinder und Jugendliche kann sie in der einen oder anderen Situation sogar hilfreich und heilsam sein. Und obwohl das nun wirklich nicht mehr mein Thema ist, werde ich einer Empfehlung gern folgen und mitfiebern, wenn die Autoren Tom Ellen und Lucy Ivison aus wechselnder Perspektive Sannah & Ham umeinander herumtänzeln lassen, beim Versuch ihre Jungfräulichkeit zu verlieren (Carlsen, Chicken House). Der Roman ist mir 2014 entgangen und scheint ganz besonders sympathisch und bezaubernd mit dem Thema umzugehen. Sex bleibt wahrscheinlich ein Leben lang kompliziert, ein bisschen Medizin zur Entspannung kann nicht schaden.

Elke von Berkholz

Ella Berthoud & Susan Elderkin, mit Traudl Bünger: Die Romantherapie für Kinder, Übersetzung: Katja Bendele und Kirsten Riesselmann, Insel Verlag, 2017, 372 Seiten, 20 Euro

Auf den Punkt gebracht

Zurzeit läuft im TV ein Werbespot der Initiative „Wir zusammen“, in der sich deutsche Unternehmen für die Integration von Flüchtlingen engagieren. Im Spot gehen, angefeuert von einem Ohrwurm-Song über die Freiheit, Menschen in Berlin in Massen auf die Straßen und treffen sich vor dem Dom. Aus der Vogelperspektive erkennt man, dass die pünktchenkleinen Menschen zwei Hände bilden, die aufeinander zugehen. Eine wichtige Willkommensgeste, die hoffentlich auch jenseits der glatten Werbewelt Wirkung zeigt.

Mich erinnert dieser Spot jedes Mal an das wunderschöne Bilderbuch Punkte von Giancarlo Macrì und Carolina Zanotti. Dort treffen die reichen, spaßhabenden schwarzen Punkte auf viele hungernde weiße Punkte. Die Weißen möchten zu den Schwarzen hinüber, doch die müssen erstmal nachdenken – die schwarzen Punkte finden sich zu einer schematischen Darstellung des Parlaments zusammen –, lassen dann ein paar Weiße zu sich, werden schließlich fast überrannt, so dass kein Platz mehr auf der Seite für alle ist. Eine Lösung muss her …

Diese offensichtliche Anspielung an die immer noch herrschende Flüchtlingskrise und die ausstehenden Lösungsansätze mag auf den ersten Blick naiv und zu schlicht erscheinen, doch beim genauen Nachdenken über den Lösungsansatz – die schwarzen Punkte gehen zu den weißen und helfen ihnen – entfaltet sich ein schier revolutionäres Potential.

Das liegt vor allem in dem Satz: „Zusammen schaffen wir so viele Dinge!“ Aus der Hilfe wird ein Gemeinschaftsprojekt, das niemanden übervorteilt oder bevormundet. Ein einzelner Punkt ist nichts. Man braucht Familie, Freund_innnen und Kolleg_innen, um nützliche, lebenswichtige und spaßmachende Dinge zu schaffen. Hier geht es nicht um Gewinnmaximierung und kapitalistische Ausbeutung, die in den Köpfen von erwachsenen Betrachter_innen schnell hochploppen mögen. Hier geht es um das Grundkonzept von Hilfe und Gemeinschaftlichkeit.

Würde uns gelingen, das in der Realität umzusetzen, ohne dass irgendeiner benachteiligt, unterdrückt, ausgebeutet oder mundtot gemacht würde, ohne dass profitgierige Manager, Banker oder machthungrige Politiker alles an sich reißen würden, es wäre ein Paradies. Und zwar weltweit.

Den Punkten geht es schließlich so gut, dass sie miteinander verschmelzen und am Ende zwei schwarz-weiße Punkte Hallo sagen. Und ohne viele Worte erzählen sie von der Utopie einer Welt ohne Grenzen, in der alle Menschen wirklich gleich sind, gleiche Rechte, gleiche Pflichten haben. Neid und Missgunst wären ausgerottet, ebenso der Fremdenhass, denn in jedem steckt ein Teil des anderen. Es könnte eigentlich so einfach sein …

Kleine Betrachter_innen, die im Kindergarten oder in der Schule mit geflüchteten Kindern in Kontakt kommen, können mit diesem eindrucksvollen Bilderbuch eine erste Erklärung für den fundamentalen Wandel finden, der in unserer Gesellschaft gerade abläuft. Vielleicht öffnen sich die nächsten Generationen dann viel selbstverständlicher den anderen Menschen, die so dringend unsere Hilfe brauchen. Und finden einen Weg, dass aus diese schöne Utopie Realität wird.

Giancarlo Macrì/Carolina Zanotti: Punkte, Übersetzung: Salah Naoura, Illustration: Clara Zanotti, Gabriel, 2017, 48 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

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Höllisches Paradies

martinIn diesen Tagen berichteten die Medien ja ein paar Mal über die Geflüchteten, die auf den griechischen Inseln festsitzen und jämmerlich frieren. Doch scheinbar interessiert sich kaum noch jemand für das Leid der Menschen vor Ort. Auf einmal ist Griechenland doch wieder ganz weit weg. Doch obwohl sich bei uns die mediale Aufregung um die neuen Mitbürger langsam gelegt hat, so sollten wir dennoch nicht vergessen, dass immer noch nicht alle in einer menschenwürdigen Unterkunft angekommen sind und dass immer noch Menschen über das Mittelmeer nach Europa flüchten. Viele von ihnen schaffen es nicht ans rettende Ufer. Im Vergangenen Jahr sind laut UNHCR über 4000 Menschen ertrunken, im Schnitt elf Männer, Frauen und Kinder pro Tag.
Da kommt der neue Roman von Peer Martin, der im vergangenen Oktober mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis für Sommer unter schwarzen Flügeln ausgezeichnet wurde, und von Antonia Michaelis (Die Attentäter) als eindrückliche Erinnerung gerade recht.

In Grenzlandtage erzählen die beiden Autoren die Geschichte der 17-jährigen Jule, die zwei Wochen Ferien auf einer griechischen Insel macht. Da ihre Freundin krank im Bett liegt, ist Jule allein unterwegs und will sich eigentlich in Ruhe auf die Abiturprüfungen vorbereiten. Noch ist die Insel, deren Namen nicht genannt wird, fast leer. Es ist Frühjahr, nur wenige Touristen sind da. Noch ist es zu kalt zum Baden. Jule wird freundlich aufgenommen, die Griechen sind bemüht, touristische Normalität zu bieten.
Doch schnell merkt Jule, dass auf der Insel nicht nur Griechen leben. Sie begegnet einem Jungen mit einer verbundenen Hand, den sie zunächst für einen Wildcamper hält. Ist er natürlich nicht, sondern einer von 32 Geflüchteten, die sich auf die Insel retten konnten, nachdem ihr seeuntüchtiges Boot abgesoffen ist. Von den Inselbewohnern bekamen sie keine Hilfe, im Gegenteil, sie wurden gezwungen, teueren Diesel zu kaufen, um damit nach Italien weiterzutuckern. Am Ende war ihr Geld futsch, und das Boot versank in den kalten Fluten. Von ursprünglich 104 Menschen an Bord retteten sich 32 auf die Insel.

Das alles erfährt Jule jedoch erst nach und nach. Sie freundet sich langsam mit Asman, so der Name des Jungen, an. Er versucht, Jule von ihrem Camp und der Höhle, in der sich die Geflüchteten verstecken, fernzuhalten. Aber Jule hat ihren eigenen Kopf, ist neugierig, einfühlsam und will es genau wissen. Als sie das ganze Ausmaß des Elends begreift, will sie um jeden Preis helfen. Doch das ist so gut wie unmöglich.
Als dann auch noch ein griechischer Inselbewohner tot aufgefunden wird, spitzt sich die Lage immer mehr zu.

Dem Autorenduo Martin und Michaelis ist eine sehr komplexe und mitreißende Geschichte gelungen. Sie verpacken die Flüchtlingsdramatik und ihre fürchterlichen Hintergründe, die exakt recherchiert sind, in eine ans Herz gehende Dramaturgie, indem sie sie sowohl mit einer Lovestory (Jule und Asman), als auch mit einem Krimi (der Tote) verknüpfen. Zwischendrin habe ich mich gefragt, ob das nicht ein bisschen dicke ist und ob die Flüchtlingsgeschichte nicht für sich hätte stehen können. Aber nein, es ist genau richtig so. Denn mit Jule ist man als Europäerin direkt dort vor Ort, wo die schicksalsgeplagten Menschen als erstes ankommen. Jule als offene, hilfsbereite Figur bietet ein hohes Identifikationspotential. Man ist bei ihr, verliebt sich mit ihr in den charmanten Asman, zermartert sich mit ihr Herz und Hirn, wie man nur helfen könnte. Und kann schließlich sogar ihren Entschluss verstehen, der sie in echte Gefahr bringt.
Der Krimi um den toten Griechen liefert zusätzliche Spannungsmomente, in denen man als Leserin schließlich mit den eigenen Überlegungen und Vorurteilen konfrontiert wird.

So komplex wie die gesamte Flüchtlingsproblematik ist auch dieses Buch. Es ist fordernd und durchaus keine leichte Kost. Dem Thema eben angemessen. Es bietet sehr viel Diskussionsstoff, beispielsweise darüber, wie man Hilfe besser organisieren könnte, damit die Geflüchteten aus Krisengebiet nicht mehr auf lecke Seelenverkäufer steigen und ihr gesamtes Geld habgierigen Schleppern opfern müssen, aber auch die Bewohner der griechischen Inseln nicht mit dem Ansturm allein gelassen werden und ihre Existenzgrundlage verlieren.

Darum lest dieses Buch, lest es im Unterricht, diskutiert und schaut euch solche Aktionen wie die Flüchtlingspaten Syrien e.V. an.

Peer Martin & Antonia Michaelis: Grenzlandtage, Oetinger, 2016, 460 Seiten, ab 15, 13,99 Euro.

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Jeder Tag kann Weihnachten sein

 
Weihnachten im Januar? Das geht durchaus, und zwar im Hotel Wunderbar.

Ein Porträt über einen belgischen Hotelier, der seine Pforten für Obdachlose öffnet, brachte die Kinderbuchautorin Jutta Nymphius in Schwung für ihren neuen Roman. Ihr Tore öffnender Held heißt Mika, ist neun Jahre alt und lebt mit seinem Vater im familieneigenen Hotel „Jameel“. Mikas Mutter ist vor einiger Zeit gestorben, seitdem arbeitet Papa meist hinter verschlossenen Türen in seinem Büro, und Mika wird hauptsächlich von den Angestellten Fanny und Henry betreut. Doch egal, wie viel Mühe sich die beiden geben, die Eltern ersetzen können sie nicht. Vor allem fehlt Mikas Mutter, warmherzig, temperamentvoll und gastfreundlich. Und weil Mama überall fehlt, fehlen inzwischen auch die Gäste. Sogar an Weihnachten!

Auch in diesem Jahr, was Mika ehrlicherweise nicht weiter verwundert hat. Schon der Weihnachtsschmuck war furchtbar! Langweilige Plastiktannenbaumgirlanden baumelten am Hoteleingang. Das musste ja alle abschrecken, denkt Mika. Früher gab es echte Zweige mit bunten Kugeln, ein fröhliches Willkommen und jede Menge Gäste und Trubel, gerade an den Feiertagen. Deshalb wurde ja auch der Anbau mit sechs neuen Zimmern errichtet, doch inzwischen steht der meistens leer. Hier fehlt es an Wärme und Zuneigung, das spürt Mika ganz genau. Und während er noch seinen Gedanken nachhängt, stolpert er über Silvester, einen kleinen schwarzlockigen Hund, und dessen Besitzer Teddy. Im ersten Moment verzieht Mika die Nase, Teddy riecht ziemlich streng, und seine langen Haare zotteln genauso an ihm herum wie sein Bart. Aber er verwickelt Mika gleich in ein Gespräch, und schnell ist klar: Die beiden haben Hunger und suchen ein Quartier, denn der Winter ist kalt und streng und Teddy obdachlos. Plötzlich weiß Mika, wo er die beiden unterbringen kann: im Anbau. Natürlich heimlich. Morgen früh müssen Hund & Herrchen das Haus superpünktlich wieder verlassen — und abends steigen sie geräuschlos und unsichtbar wieder ein.

Ganz fix werden es mehr Gäste, die Hilfe brauchen, denn auch Käthe friert erbärmlich. Genau wie Herbert. Mika schließt alle fest in sein Herz, selbst wenn der Heimlichkeitsstress dadurch immer größer wird: Betten beziehen. Essen in der Hotelküche abzweigen. Früh aufstehen, um alle zu wecken, damit sie rechtzeitig wieder verschwinden. Keinen Piep zu erzählen … Mika wird immer blasser und schlapper — was Fanny und Henry schließlich nicht mehr verborgen bleibt. Die Wahrheit muss auf den Tisch, vor der auch Mikas Papa die Augen nicht mehr verschließen kann: Das Leben geht weiter, und sein Sohn braucht ihn!

Weihnachten ist zwar längst vorbei, gefeiert werden kann trotzdem. Und weil dazu Gemeinschaft gehört, verlegen Mika & Co das wunderbare Fest einfach in den Januar und holen nach, was am 24.12. nicht möglich war: mit anderen Menschen zusammen zu sein, ihre Geschichten zu teilen, die Herzen zu öffnen und einander Wärme zu geben. Bis Ende März wird Papa das Hotel von nun an für die Obdachlosen öffnen. Und Weihnachten? Da sind sich alle einig: So ein tolles Januar-Weihnachtsfest wird es auch im kommenden Jahr wieder geben.

Dieser Kinderroman — schwarz-weiß-schmunzelnd illustriert von Stephan Pricken (!) —ist nicht nur warmherzig geschrieben und verbreitet Festtagsstimmung. Mika, Papa und alle anderen Helden von Jutta Nymphius laden dazu ein, darüber nachzudenken, worauf es wirklich ankommt: Kinder brauchen Eltern, Eltern brauchen Kinder. Und Menschen, die Hilfe benötigen, sollten nicht allein durchs Leben gehen. Und Feste? Die lassen sich nicht nur feiern, wenn es der Kalender sagt. Vielleicht hat jemand Lust, das auch mal auszuprobieren? Nur Mut!

Heike Brillmann-Ede

Jutta Nymphius: Hotel Wunderbar, mit einem Nachwort und einem Spiel von Jutta Nymphius, Illustration: Stephan Pricken, Tulipan, 2. Auflage 2016, 144 Seiten, ab 9, 13,00 Euro

Kleiner großer Held

kleinVergangene Woche geschah etwas doch Außergewöhnliches. Da postetet Klett Kinderbuch auf Facebook einen Hilferuf. Das Bilderbuch Klein der Schwedin Stina Wirsén war im Monat Mai gerade einmal sieben Mal bestellt worden – ein Debakel für ein Buch, über das ein Verlag nicht gerne spricht. Umso schöner, dass Klett es gewagt hat und im Netz um Unterstützung gebeten hat. Denn Klein ist eine Perle, die wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient hat.

Ich gebe zu, ich habe Klein vor dem Post auch nicht bemerkt, bei etwa 8000 Neuerscheinungen pro Jahr im Kinder- und Jugendbuchbereich ist das aber auch nicht wirklich verwunderlich. Jetzt könnte man sagen: Da hat das Marketing wohl versagt. Oder die Presseabteilung. Oder die Verlagsvertreter. Nun, das kommt vor. Sind sie doch auch alle nur Menschen, die bei so einem unbequemen Thema wie häusliche Gewalt in der Familie gern den Kopf einziehen und die Segel streichen. Solche Bücher gelten dann schnell als nicht vermittelbar, vor allem nicht an die Käufer von Bilderbüchern, die Erwachsenen.
Es ist wie mit Zeitschriften, die über Drogenmissbrauch berichten und aufklären und helfen wollen, die dann aber am Kiosk wie Blei liegen, weil sich kein Käufer outen möchte, ein Problem mit so was zu haben.
Die wirklich Betroffenen, die den Weg zur Einsicht noch nicht gefunden haben, werden weder so eine Zeitschrift, noch so ein Bilderbuch kaufen. Obwohl es so wichtig wäre. Das ist ein echtes Dilemma.

Und so ein Dilemma hat ein Buch wie Klein nicht verdient. Klein ist ein Wusel und lebt mit Groß und Stark zusammen. Klein geht in die Kita und freut sich, wenn zu Hause alles friedlich ist. Aber das ist es nicht immer, dann streiten Groß und Stark, schreien Klein an, schreien sich gegenseitig an, Groß zieht aus, Stark will sich nicht trösten lassen. Niemand kümmert sich mehr um Klein. Aber Klein ist mutig und weiß, dass Klein sich selbst retten muss.
Klein flüchtet nach nebenan zu Jemand. Und am nächsten Tag erzählt Klein alles seiner Kita-Betreuerin, Frau Traulich. Hier findet Klein Hilfe und Verständnis. Denn kein Großer oder Starker darf Kleinen Angst machen oder sie schlagen.

Eigentlich eine selbstverständliche Botschaft. Doch wenn man sich Zahlen und Statistiken anschaut, merkt man ganz rasch, dass hier nichts selbstverständlich ist. Die UNO schätzt, dass „30 bis 60 Prozent der Kinder, die im Kontext der Gewalt in der elterlichen Paarbeziehung aufwachsen, selbst unter Gewalt leiden“. Die Öffentlichkeit bekommt das meist erst mit, wenn wieder ein Kind getötet wurde und sich die Medien über den Fall hermachen. Das ist zu spät. Schon wenn ein Kind geschlagen wird, ist es zu spät.
Und hier sind alle gefragt, darauf zu achten, dass es gar nicht erst so weit kommt. Nie. Egal wie gestresst Eltern sind oder wie zerstritten. Hier dürfen weder die entfernteren Verwandten, noch die Freunde, noch die Nachbarn, noch Erzieher und Lehrer die Verantwortung abgeben – und genau diese großen Menschen können und sollten ein Buch wie Klein kaufen und es betroffenen Kindern als Angebot, Ermunterung und Ermutigung, Unterstützung und Vorbild vermachen. Und mit den Kindern darüber und die eigene Situation sprechen.

Wunderbar finde ich bei Klein zusätzlich noch, dass die Figuren Groß und Stark geschlechtslos gezeigt werden. Man weiß nicht, wer hier Mutter oder Vater ist, man kann hier auch ein gleichgeschlechtliches Elternpaar erkennen, wo eben wie in allen Familien auch mal die Fetzen fliegen.
Dieses Buch ist offen für alle Konstellationen und das ist ganz fein, so schlimm das Thema auch ist.

Mittelpunkt ist und bleibt aber auf jeden Fall Klein, der oder die geschlechtlich auch nicht festgelegt ist, seine/ihre Traurigkeit und sein/ihr lebensrettender Mut, sich anderen anzuvertrauen. Diesen Mut gilt es allen kleinen Menschen zu vermitteln. Und ihnen klar zu machen, dass die Eltern zwar streiten können, sie aber dennoch nicht allein sind.

Stina Wirsén: Klein, Übersetzung: Susanne Dahmann, Klett Kinderbuch, 2016, 40 Seiten, ab 3, 9,95 Euro

Heldenhaft offenherzig

tessaWenn man sich auf Montage freut, kann es eigentlich nur einen Grund geben: Man sieht nach einem endlos erscheinenden Wochenende einen geliebten Menschen wieder. Das jedenfalls stellt Paul, 11 Jahre, in Lena Hachs erstem Kinderbuch Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis ziemlich verwundert fest.

Seit Tessa mit ihrem Vater im Haus gegenüber eingezogen ist, hat Möchte-gern-Detektiv Paul eine neue ZP – Zielperson – direkt vor der Tür. Paul beobachtet, macht sich Notizen und ja, man kann es nicht anders sagen, er entbrennt auf den ersten Blick für die rotgelockte Tessa, die ihn irgendwie an sein Lieblingseis, Kirsch-Sahne, erinnert.

Doch die Liebe wäre langweilig, würde sie einfach so geschehen. Paul tastet sich langsam an Tessa heran, beobachte sie auf dem Weg zur Schule und im Unterricht. Im Gegensatz zu Paul ist Tessa ein Mathegenie, allerdings mit merkwürdigen Eigenheiten: die Pause verbringt sie im Gebäude, auf der Straße macht sie merkwürdige Hüpf- und Trippelschritte, freundliche Angebote vom beliebtesten Mädchen der Klasse schlägt sie aus.

Jeder andere Junge hätte vermutlich die Segel gestrichen, sich an die Stirn getippt und wäre bolzen gegangen. Nicht so Paul. Das wohlige Gefühl im Bauch, sobald er Tessa sieht, ist einfach zu schön. Und merkwürdig sind wir doch alle ein bisschen. Also bleibt er dran und knüpft tatsächlich erste freundschaftliche Bande zu Tessa. Nach und nach bekommt er heraus, warum Tessa ständig den Inhalt ihres Schulrucksackes kontrolliert, Rillen ausweicht und die Erbsen erst zählen muss, bevor sie sie isst.

Lena Hach erzählt in Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis in liebevollem, leichtem Ton und einer Extraportion Sahne-Humor vom ersten Verliebtsein und von der Großherzigkeit von Kindern, anderen ihre „Macken“ zuzugestehen. Natürlich erfährt man im Verlauf des Buches, dass Tessa diese Macken nicht einfach so hat, sondern ein ernsthaftes psychologisches Problem dahinter steckt. Doch das ist im ersten Augenblick völlig wumpe. Paul sieht die Schönheit von Tessa, ganz gleich, womit sie im Leben zu kämpfen hat. Dieser Blick geht uns Erwachsenen leider oftmals viel zu schnell verloren, bzw. wir haben ihn schon gar nicht mehr, sehen wir doch meist nur die Probleme und Hindernisse, die bei einer Begegnung mit einem Fremden angeblich auf uns zukommen. Wir sollten uns mehr von Paul und seiner Offenheit abschauen, seiner uneingeschränkten Bereitschaft zu helfen – egal, ob das dann wirklich hilft oder eher kontraproduktiv ist. Paul ist auf jeden Fall ein Held, der klar macht, dass eine psychische Krankheit nicht der einzige und ausschließliche Aspekt eines Menschen ist, nachdem dieser bewertet werden darf.

Heldenhaft finde ich zudem die Erzählperspektive, die Lena Hach gewählt hat: Offensichtlich ist Paul der Ich-Erzähler, was jetzt nicht so etwas Besonderes wäre, ABER er spricht Tessa beständig an, so dass er die meiste Zeit in der zweiten Person Singular erzählt und das alles in der Vergangenheitsform. Das ist für mich so was von erfrischend! Die ganzen Ich-Erzählungen im Präsens aus den vergangenen Jahren haben mich echt geschafft, ich konnte nicht mehr – ernsthaft, manchmal habe ich Bücher sofort wieder zugeschlagen, wenn mir eine Ich-Figur im Präsens eine Geschichte erzählen wollte. Das ist sicher nicht nett und nicht fair, aber es war wie zu viel Kuchen, den man irgendwann nicht mehr runterbekommt – und jetzt gab’s zur Abwechslung endlich mal erzähltechnisches Kirsch-Sahne-Eis, vor dem ich höchsten Respekt  habe.  Diese Ich-Du-Kombination ist nicht ganz einfach durchzuziehen, vor allem, wenn es dann um vorzeitige Geschehnisse geht. Doch hier ist es perfekt gelungen. Der Ton ist leicht, man hört Paul ununterbrochen mit Tessa quatschen, selbst wenn sie nicht anwesend ist. Er wächst einem bereits nach den ersten Sätzen an Herz. Und durch dieses „Du“ kommt dem Leser auch Tessa ganz nah. Das Ich existiert nur durch das Du, so ähnlich sagte es Martin Buber. Es zeugt für mich vom höchsten Grad der Liebe. Und den zeigt uns Paul – wie gesagt – ganz heldenhaft.

Paul und Tessas Geschichte wird von leichten, sehr treffenden schwarzweiß Illustrationen von Kerstin Meyer begleitet. Der Held und seine Angebetete sind hervorragend getroffen, sie passen perfekt zum Text.
Doch – mag sein, dass ich jetzt pingelig werde, aber ich habe vor einiger Zeit schon mal darauf aufmerksam gemacht und werde es auch in Zukunft tun – eines hat mich gestört: das Bild der Großeltern! Ja, Pauls Großeltern sind alt und schon ewig miteinander verheiratet. Das heißt aber nicht, dass sie aussehen müssen, wie vor hundert Jahren. Ich sage nur: Nena ist Großmutter. Sie ist natürlich nicht das Maß aller Dinge, doch zur Orientierung, dass Großeltern in Bilder- und Kinderbüchern auch mal etwas jünger, modischer, heutiger dargestellt werden sollten, könnte sie schon dienen.
Sollte ich je die Illustration von jugendlichen Großeltern in die Hand bekommen, jenseits von irgendwelchen Oma- und Opa-Klischees, ich werde ein Fest feiern.

Bis dahin feiere ich Paul als den unerschrockenen, offenherzigen Held und Role-Model zukünftiger (Männer)Generationen!

Lena Hach: Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis, Illustration: Kerstin Meyer, mixtvision, 2016, 248 Seit, ab 10, 12,90 Euro

Es begab sich aber zu der Zeit …

adventNeulich durfte ich im Hamburger Literaturhaus eine ganz besondere Lesung erleben. In der Reihe „Spaß mit Büchern“ las Autorin Ilona Einwohlt aus ihrem neuen Kinderbuch Advent, Advent, die Bude brennt vor etwa 60 Erst- und Zweitklässlern.
Wer jetzt denkt, dass das eine ohrenbetäubende Veranstaltung gewesen sein muss, kennt Hamburger Schulkinder nicht. Aufmerksam, gespannt schauend, mitfiebernd lauschten sie Ilona Einwohlt, die von Lucas nervenaufreibenden Erlebnissen in der Vorweihnachtszeit berichtete.

Beim 10-jährigen Erzähler geht es nämlich alles andere als besinnlich zu. Lucas chaotische Mutter, die nach der Trennung vom Mann, endlich mal alles richtig machen möchte, fackelt aus reiner Schusseligkeit die Wohnung ab. Hochschwanger muss sie sich nun mit Luca und seiner großen Schwester sowie dem fast federlosen Papagei Bruder Jakob, der sämtliche Weihnachtslieder trällern kann, auf die Suche nach einer Unterkunft machen. Im Nobelhotel fühlen die drei sich allerdings nicht besonders wohl, bei Mamas Freundin Maria ist es zu eng, bei der Oma zu laut, bei der Tante zu aufgeräumt. Ein rundlicher Taxifahrer, der – hohoho – ganz erstaunlich an den Weihnachtsmann erinnert, fährt die Familie von einer Unterkunft in die nächste. Doch schließlich finden Lucas muslimische Freunde Mayla und Ibi eine Lösung, wo die Wohnungslosen unterkommen können …

Ilona Einwohlts Adventsgeschichte ist ein großer Spaß, inhaltlich wie sprachlich. Sie vereint alle Ingredienzien, die christlich geprägte Menschen aus der biblischen Weihnachtsgeschichte kennen: eine Hochschwangere, die Suche nach einer Unterkunft, wenig christliche Mitmenschen. Dass die Rettung von muslimischer Seite kommt, ist in unseren schwierigen Zeiten mit unzähligen Flüchtlingen und immer noch andauernden und anwachsenden Ressentiments und Vorurteilen ein wichtiges Zeichen.
Für die Kinder im Roman ist es  – ganz im Sinne Lessings  – völlig unerheblich, welcher Religion man angehört. Ibi formuliert es so: „Mayla denkt, sie muss sich zwischen Allah und Gott entscheiden […]. Erklär du ihr mal, dass der ein und derselbe ist und dass es völlig egal ist, zu wem sie betet. Hauptsache, sie glaubt an irgendwen.“ Klarer kann man die Verbindung von Christentum und Islam wohl kaum auf den Punkt bringen.

Die Kinder im Literaturhaus waren eine multikulturell-globalisierte Truppe, die diese Sätze mit aller Selbstverständlichkeit und Lässigkeit akzeptierten. Von Aufregung oder Unverständnis keine Spur. Die Freundschaft zwischen Luca, Mayla und Ibi im Roman ist wichtiger als jede kleinkrämerische Unterscheidung, wer Weihnachten feiern kann, darf oder nicht. Sie feiern. Alle. Und zwar zusammen. Und genau das sollten auch die Erwachsenen. Die Kinder machen vor, wie einfach das ist.

Ilona Einwohlts Advent, Advent, die Bude brennt hat für mich das Zeug zum weihnachtlichen Dauerbre … äh … Longseller.

Ilona Einwohlt: Advent, Advent, die Bude brennt. Die Weihnachtsgeschichte nach Luca, Illustration: Tine Schulz, Klett Kinderbuch Verlag, 2015, 128 Seiten, ab 8, 12,95 Euro

Hilfe für Hochbegabte

willowSeit ich diesen Blog betreibe, habe ich so einige Bücher gelesen, in denen Figuren mit einer speziellen Sichtweise auf die Welt den Leser unterhalten und sensibilisiert haben. Diese Protagonisten waren entweder von schweren Krankheiten gezeichnet oder gehörten zum Kreis der Autisten, die durch ihre Inselbegabung Alltägliches anders wahrnahmen.

In diese Reihe würde ich nun auch das Buch von Holly Goldberg Sloan, Glück ist eine Gleichung mit 7, in der Übersetzung von Wieland Freund, stellen. Nur dass die 12-jährige Protagonistin Willow weder krank noch autistisch, sondern hochbegabt ist, was ihre Umwelt jedoch nicht erkennt.

Willow hat einen Faible für die Zahl 7 und ist an medizinischen Zusammenhängen, vor allem Hautkrankheiten, interessiert. Darüber hinaus liebt sie ihren Garten, der in der Wüste Kaliforniens einer Oase gleicht. Als ihre Adoptiveltern bei einem Autounfall ums Leben kommen, bricht Willows fein austarierter Alltag zusammen. Sie steht ohne Angehörige da und wäre den Behörden heillos ausgesetzt, würden sich nicht der überforderte Sozialarbeiter Dell, Willows neue Freundin Mai und deren Mutter Pattie um sie kümmern.

Bei aller Tragik lebt diese Geschichte von Willows nüchternem, analysierenden Blick auf das Chaos und die Unvollkommenheit, das sie umgibt. Herausgerissen aus ihrem geordneten Zuhause lernt sie anderen „Lebensformen“ kennen: Mai und ihre vietnamesische Familie leben in einer Garage, Dell ist an der Schwelle zum Messie und schummelt sich so durch. Willows distanzierte, aber pragmatische Art setzt schließlich Dinge in Gang, die nicht nur ihr Leben ändern, sondern auch das ihrer Helfer.
Die Komik, die durch das Aufeinanderprallen dieser Welten unweigerlich entsteht, lässt einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Darüber habe ich dann auch das Übermaß an Drama – hochbegabtes Adoptivkind verliert Eltern und kämpf gegen die Behörden – mit Nachsicht akzeptieren können. Denn natürlich schließt man Willow, die als Ich-Erzählerin agiert, ins Herz.

Für junge Leser dürfte Willows Leidenschaft für Krankheiten jedoch ein sprachlich harter Brocken werden, denn sie scheut nicht davor zurück, die medizinischen Fachtermini zu benutzen, die schon Erwachsene nicht immer verstehen. Sie zeigt so zwar ihre hohe Intelligenz, beweist gleichzeitig jedoch, dass Wissen nicht vor Trauer schützt. Der Zusammenhalt von Menschen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, ist in jedem Fall wichtiger als 7er-Reihen.

Holly Goldberg Sloan: Glück ist eine Gleichung mit 7, Übersetzung: Wieland Freund, Hanser Verlag, 2015, 303 Seiten, ab 12, 16,90 Euro

Kinderarmut existiert … nicht?

ajumVergangene Woche war ich als Referentin auf die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM) eingeladen. Hinter dem etwas sperrigen Namen stehen 500 Lehrer_innen und Pädagog_innen, die als Ehrenamtliche die Kinder- und Jugendbuchliteratur des Landes lesen und rezensieren. Dies macht die AJuM bereits seit über 100 Jahren, doch seit 2003 gibt es die Rezensionen auch im Internet auf der Seite ajum.de zu lesen. Hier prüfen die Rezensent_innen die Publikationen vor allem auf den pädagogischen Nutzen und die Einsatzmöglichkeiten im Unterricht. Im Archiv der AJuM kann man auf mehr als sagenhafte 50.000 Rezensionen zugreifen, mit ganz differenzierten Meinungen.

Ich war gebeten worden, in der evangelischen Akademie in Loccum über meine Arbeit als Buchbloggerin zu erzählen. So traf ich mit zwei Dutzend überaus interessierten Pädagog_innen, aktiven und bereits pensionierten, zusammen und diskutierte zwei Tage lang mit ihnen über Bücher, missratene Klappentexte, Kinderarmut als literarisches Thema, die Verlagswelt im Allgmeinen und wie gute Rezensionen auszusehen haben.
Da ich das Rezensieren auch nur durch learning-by-doing und journalistisches Ausprobieren gelernt habe, war ich dankbar, einmal über die Kategorien eines solchen Textes nachdenken zu können. Hier auf dem Blog unterliege ich zwar nicht den Vorgaben und Zwängen, an die sich die AJuM-Rezensenten halten müssen, doch gibt es Punkte, die auch für mich gelten: Eine Rezension ist mehr als eine Inhaltsangabe, sollte gut lesbar und nicht zu lang sein, das Ende der rezensierten Geschichte darf natürlich nicht gespoilert werden, Erzählperspektive, Sprache, Stil sollten erläutert, die Besonderheiten daran aufgezeigt und eventuell mit einem aussagekräftigen Zitat belegt werden, Worthülsen sollte man vermeiden und sie stattdessen mit Inhalt füllen (beispielsweise sagt das Wort „emotional“ nicht besonders viel, fragt sich der Leser einer Rezension dann vermutlich, ob man denn nun weint oder lacht …). Die Buchausstattung, die Illustrationen oder die Recherche-Arbeit der/s Autor_in sollten ebenfalls gewürdigt werden.
Das hört sich für Viel-Rezensenten möglicherweise völlig selbstverständlich ist, doch alle in der Runde waren dankbar für solche Handreichungen, da das tägliche Schreiben oftmals so automatisiert – oder unter Stress – abläuft, dass wichtige Aspekte manchmal einfach untergehen. Das passiert jedem.

ajumPraktische Anwendung fand dieser Kriterien-Katalog dann an zwei Büchern, die im Vorfeld als Lektüre aufgegeben worden waren. Thema dieser Tagung war die Kinderarmut in Deutschland, flankiert wurde dies durch einem umfang- und aufschlussreichen Vortrag von Michael Klundt, Professor für Kinderpolitik an der Uni Stendal, und einer Lesung von Dirk Reinhardt aus seinem aktuellen Roman Train Kids.
Bei den beiden Büchern für den Rezensions-Workshop handelte es sich um Dave Cousins 15 kopflose Tage, in der Übersetzung von Anne Brauner, und Donna Gepharts Tod durch Klopapier, ins Deutsche gebracht von Sabine Hübner. Letzteres stammt aus den USA, ersteres aus Großbritannien. Die Wahl fiel auf diese beiden Titel auch aus dem Grund, dass es keine deutschen Produktionen zum Thema Kinderarmut gibt. So wie – laut Professor Klundt – für die Politik momentan Kinderarmut in Deutschland nicht existiert, so ist für die Verlage dieses Thema eben nicht lukrativ genug. An diesen zwei Tagen in Loccum haben wir ziemlich häufig die Köpfe geschüttelt.

In Bezug auf die beiden vorzustellenden Bücher war ich anfangs etwas unentschlossen, wie ich sie finden sollte, denn das gesellschaftliche amerikanische und britische Umfeld sticht in beiden Geschichten nämlich ziemlich hervor. Doch im Gespräch in der Runde taten sich dann die Vorzüge dieser Lektüren auf.

Sowohl Cousins als auch Gephart verstehen es vorzüglich, schwierige Familiensituationen, bedrückende Ereignisse und bedrohliche Zukunftsaussichten durch eine liebevolle Darstellung und eine humorvolle Einbettung erträglich zu machen.
In 15 kopflose Tage ist es der 15-jährige Ich-Erzähler Laurence, der mit seinem 6-jährigen Bruder Jay und der alkoholkranken, depressiven Mutter, in einem Brennpunktviertel in einer nicht genannten britischen Großstadt lebt. Eines Tages verschwindet die Mutter und die Jungs sind auf sich allein gestellt. Aus Angst vor dem Jugendamt spielt Laurence gegenüber den Nachbarn vor, dass die Mutter immer gerade bei einem von ihren zwei Jobs ist. Trotz all der Probleme – das Geld geht ihnen aus, Jay wird krank – lieben die Brüder ihre Mutter über alles. Laurence versucht, ihr einen dringend nötigen Urlaub zu verschaffen, den er bei einem Radio-Quiz gewinnen will. Dafür gibt er sich als sein eigenen Vater aus, der die Familie vor Jahren verlassen hat.

Auf der anderen Seite des Atlantiks ist es der 10-jährige Ben, der ebenfalls als Ich-Erzähler in Tod durch Klopapier, seiner Mutter helfen will, nicht aus der Wohnung zu fliegen. Bens Vater ist an Krebs gestorben, die Mutter kann die Miete nicht mehr bezahlen, der Vermieter kündigt ihnen die Wohnung. Ben macht daher bei allen möglichen Gewinnspielen mit, in der Hoffnung, eines Tages den Jackpot zu knacken. Nebenher zieht er an der Schule einen illegalen Handel mit Schokoriegeln auf. Als der demente Großvater bei Ben und seiner Mutter einzieht spitzt sich die Situation zu.

Erstaunlich ist, dass es bei beiden Geschichten gewisse Parallelen gibt: Die Protagonisten können auf gute Freunde zählen, die ihnen ungeachtet ihrer Probleme, für die sie sich schämen, helfen und ihnen den Rücken stärken. Radio-Quiz und Preisausschreiben sind quasi die Ticks der Jungs, die, wenn man die Bücher hintereinander liest, fast wie ein nerviger Erzähl-Trick wirken, aber dennoch eigenständige Funktionen haben. Sie zeigen die Kreativität, Hilfsbereitschaft und Verzweiflung der jungen Helden.
In beiden Fällen handelte es sich vor den dramatischen Entwicklungen bei den Figuren um ganz normale Familien, die durch Schicksalsschläge wie Tod oder Scheidung zu Außenseitern der Gesellschaft werden. Für Kinder und Jugendliche, die in ähnlichen Situationen stecken, mag das vielleicht keine verlockende Lektüre sein, sie könnten dort jedoch das Gefühl finden, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind und Hilfe – trotz aller Scham – möglich ist.
Für alle anderen, die nicht von Armut bedroht sind, bieten die Bücher die Möglichkeit, eine Sensibilität für Freunde, Mitschüler und  Nachbarn mit diesen Problemen zu entwickeln.

Die schwierigen Lebenssituationen der Jungs wird von humoristischen Szenen in den Plots erträglich gemacht: Bens Freund Zahnstocher ist ein Meister in Sachen Horror-Maskenbild, was sich später als überaus hilfreich erweist; Jay hält sich für Scooby-Doo, beißt gern mal zu und bringt den großen Bruder in peinliche Situationen. Zudem ist jedes Buch mit Details ausgestattet, die ein weiteres Aufatmen erlauben: 15 kopflose Tage eröffnet jedes Kapitel mit einer Comic-Seite, die Autor Cousins selbst gezeichnet hat. Tod durch Klopapier liefert an jedem Kapitelanfang hintersinnig-witzige Informationen rund um die Geschichte des Klopapiers.

Die Diskussionsrunde in Loccum war sich bei der Beurteilung dieser Bücher jedoch auch einig, dass die Kinder und Jugendlichen bei dieser Lektüre begleitet werden sollten. Denn im humoristischen Kleid stecken bittere Schicksale, die man nicht so locker wegsteckt.

Zu wünschen bliebe, dass es auch deutsche Geschichten ähnlicher Couleur zu diesem Thema gäbe. Die Politik mag uns ja so Einiges vormachen und Kinderarmut geflissentlich übergehen, doch Bücher sollten die Realität in unserem Land spiegeln, egal wie trist sie ist oder wie wenig lukrativ. Sie könnten als Helfer und Mutmacher eine wichtige Rolle spielen.

Donna Gephart: Tod durch KlopapierÜbersetzung: Sabine Hübner, cbt, 2015, 288 Seiten, ab 10-99, 12,99 Euro

Dave Cousins: 15 kopflose TageÜbersetzung: Anne Brauner, Freies Geistesleben, 2015, 288 Seiten, ab 13, 17,90 Euro

Es lebe die sexuelle Vielfalt!

gayDas Leben auf dieser Erde ist alles andere als einfach, und der Mensch und seine vermeintlichen Regeln tragen nicht gerade dazu bei, dass es leichter wird. Vor allem, wenn es um Sexualität geht und wie die angeblich zu sein hat. Für Jugendliche, die sich ihrer sexuellen Identität noch nicht ganz klar sind, macht die Hetero-Normierung unserer Gesellschaft es auch nicht besser.

Gegen diese Normierung und eine angeblich normale Sexualität stellt der britische Autor James Dawson sein Handbuch How to be gay. Er richtet sich an die Jugendlichen, die vor allem eins sind: neugierig. Auf sich, auf das Leben, auf andere Arten der Sexualität, die ihnen nicht in der Schule erklärt und in den Medien oftmals als Stereotypen präsentiert werden. Dawson hingegen lädt die jungen Leser mit klaren, oft witzigen und ironischen Worten – von Volker Oldenburg in charmant-coole deutsche Varianten übersetzt, die eine unterhaltsame Lektüre garantieren – in den Club der LGBT*-Leute ein, d.h. in die Welt der LesbischGayBiTrans*-Menschen (wobei das * für die Gesamtheit aller sexuellen Orientierungen, sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten steht). Das mag sich, so referiert, vielleicht etwas sperrig lesen, doch geht es Dawson darum, sich unbefangen seinen sexuellen Phantasien zu stellen und herauszufinden, was Mädchen/Junge eigentlich mag. Der Respekt vor sich selbst und den anderen steht dabei im Mittelpunkt – ist der gegeben, ist es egal, wen und wie man liebt und mit wem oder wie man Sex hat.

Ist sie oder er sich seiner sexuellen Vorlieben erst einmal klar geworden, hilft How to be gay als Gebrauchsanleitung für das tägliche Leben weiter.  Dawson liefert wichtige Gedanken, wie ein Coming-out am besten gestaltet werden kann, verrät, was bei schwulem und lesbischen Sex abgeht, bietet Argumentationshilfen, wenn man als LGBT* zu einer religiösen Diskussion genötigt wird, zeigt, was bei Sex-Apps  zu beachten ist, oder wie man als homosexuelles Paar eine Familie gründet. Gleichzeitig warnt er auch vor lästigen und unnötigen Geschlechtskrankheiten und wie man sich durch respektloses Verhalten oder die gedankenlose Benutzung von Begriffen zum Vollhorst machen kann. Er nennt die Dinge dabei ungeschminkt beim Namen, und genau das tut gut, damit die Jugendlichen nicht ewig im Nebel von Unausgesprochenem, Angedeuteten, Klischees, Vorurteilen, Diskriminierung und angeblicher Unnormalität herumstochern müssen.

Angereichert hat Dawson seine Tipps mit O-Tönen von LGBT*-Menschen, die von ihren Erfahrungen und Geschichten berichten. Sie zeigen die Facetten von Leben, in denen die Menschen sich nicht nach der angeblichen Norm richten, sondern zu ihren Vorlieben und damit zu sich selbst stehen. Das sind durchweg großartige Vorbilder.

Einziger Wermutstropfen bei diesem Buch ist die fehlende Lokalisierung für die deutsche Szene. Dawson schildert vornehmlich britische Gegebenheit, also die Geschichte, Gesetzeslage und Rechte in Großbritannien. Und auch das „kleine Lexikon der großen Schwulen- und Lesbenikonen“ ist von angloamerikanischen Star beherrscht. Bei all dem hätte von Verlagsseite durchaus eine Anpassung und/oder Erweiterung für Deutschland vorgenommen werden können: Die Fragen zu Homo-Ehe und Kinder von Homosexuellen in Deutschland müssen sich die jungen Leser nun selbst recherchieren. Die Doppelseite mit nützlichen Websites am  Ende ist da nur ein schmaler Anfang. Und allein für das Ikonen-Lexikon fallen mir spontan bereits ein Dutzend deutscher LGBT*-Leute ein, die man hätte integrieren können.

Trotz dieses Mankos kann man Jugendlichen How to be gay als wegweisenden und hilfreichen Ratgeber an die Hand geben, den Eltern sei die Lektüre nicht minder empfohlen – denn man lernt auch als cisgender Hetero noch so Einiges dazu, sowohl über einen selbst, als auch über die Feinheiten, die für einen sensiblen und respektvollen Umgang in unserer Gesellschaft einfach nötig sind.

James Dawson: How to be gay. Alles über Coming-out, Sex, Gender und Liebe, Übersetzung: Volker Oldenburg, Fischer TB, 2015, 304 Seiten, ab 14, 9,99 Euro

Die Qualen einer Flucht

train kidsNeulich läuteten in Köln und Umgebung die Glocken im Gedenken an die Flüchtlinge, die seit dem Jahr 2000 im Mittelmeer, vor den Grenzen Europas, umgekommen sind. 23000 Mal erklangen die Glocken, für jeden Toten ein Glockenschlag. Eine schöne Geste, aber längst wieder verhallt.
Dass es nicht nur im Mittelmeer Flüchtlinge gibt, die ihr Leben riskieren, weil sie sich in der Ferne ein menschenwürdigeres Leben erhoffen, ist bekannt. Eine Art der Flucht holt uns Dirk Reinhardt mit seinem Roman Train Kids eindrücklich ins Bewusstsein.

Die Jugendlichen Miguel, Fernando, Emilio, Angel und das Mädchen Jaz machen sich von der Südgrenze Mexikos auf nach Norden. Auf Güterzügen wollen sie bis nach Nuevo Laredo an der Grenze zu den USA gelangen, um von dort illegal in das anscheinend gelobte Land einzuwandern. Jeder von ihnen hat gute Gründe, die Heimat in Guatemala, El Salvador oder Honduras zu verlassen. In den USA hoffen sie, Verwandte wiederzufinden, Mütter oder Brüder, und endlich ein besseres Leben ohne Elend und Hunger führen zu können. Doch der Weg dorthin ist lang, beschwerlich und gespickt mit Gefahren.

Fernando, der die Tour bereits einmal gemacht hat und von den mexikanischen Behörden erwischt und zurückgeschickt wurde, wird zum Leitwolf der Gruppe. Gemeinsam haben die Kids bessere Chancen durchzukommen, denn Fernando weiß, wo die Gefahren lauern und wie man sie am besten umgehen kann. Die Jugendlichen lernen das Aufspringen auf die Züge, wie man sich vor Ästen und Hochspannungsmasten schützt, wie man Tunnel übersteht, im Fahren Orangen pflückt. Doch trotz aller Vorsicht und aller Warnungen von Fernando bleibt es nicht aus, dass sie Banditen, Drogenhändlern und Polizisten in die Hände fallen. Sie müssen Schutzgelder zahlen, werden erpresst und ausgeraubt. Sie leiden Hunger und Durst, frieren nachts in der Wüste und in den Bergen, aber sie erleben auch die Hilfsbereitschaft eines Pastors und seiner Gemeinde und von der einfachen Landbevölkerung. Und die Freundschaft in der Gruppe. Dennoch schaffen es nicht alle der fünf es bis an die Grenze …

Reinhardts Buch fesselt und macht gleichzeitig betroffen, denn das, was er erzählt entspricht den Tatsachen. Reinhardt hat vor Ort in Mexiko recherchiert, mit realen Train Kids gesprochen und ihren Leidensweg hautnah nachvollzogen. Etwa 50 000 von diesen Kindern sind ständig in Mexiko unterwegs, schreibt Reinhardt in seinem Nachwort. Laut Amnesty International gehört die Flucht auf den Güterzügen durch das Land zu den gefährlichsten Fluchten der Welt. Nur ein Bruchteil der Flüchtlinge erreicht das Ziel. Warum das so ist, weiß man nach der Lektüre von Train Kids ziemlich genau.

Reinhardts Quintessenz aus seinem Nachwort, gilt jedoch nicht nur für Mittelamerika: „Will man wirklich etwas tun, um dieses Problem anzugehen, so kann die Lösung nicht darin bestehen, die Grenzen abzuriegeln und Migranten zu jagen, als wären sie Kriminelle. Langfristig ist es sinnvoller die Wirtschaft in den [jeweiligen] Ländern zu stärken und die Armut zu bekämpfen.“ Ist das wirklich so schwierig?

Dirk Reinhardt: Train Kids, Gerstenberg Verlag, 2015, 320 Seiten, ab 13, 14,95 Euro

Hinter der Fassade

prinzessinManchmal bin ich ratlos. Wie soll man ein Buch beschreiben und empfehlen, dass einen in den Bann zieht und gleichzeitig unendlich traurig ist?
Das ist der Fall bei Inken Weiands Roman Ich bin eine Prinzessin.

Darin erzählt sie die Geschichte von Mellani und ihren zwei Geschwistern. Sie leben in einer Familie, die kein Glück kennt. Der Vater trinkt, ist gewalttätig und ohne Arbeit. Die Mutter kann die Kinder nicht schützen, sie wird selbst gewalttätig. Sie kann nicht einmal sich selbst schützen, sucht Schutz und Liebe bei einem anderen Mann.
Mellani wird misshandelt. Sie kann nichts dagegen tun, sie deckt die Mutter, die sie gegen die Heizung geschlagen hat. Denn sie hat Angst in ein Kinderheim zu müssen, aus dem sie nie wieder herauskommt. Mellani übersteht den Horror nur, weil sie sich in eine Fantasiewelt flüchtet, in der sie die Prinzessin ist. In dieser Traumwelt ist alles schön, alle sind lieb und zuvorkommend zu Mellani. Dort hat sie Würde und übernimmt die Verantwortung für „ihr Volk“. Mehr und mehr kümmert sie sich um die Geschwister, versucht, ihnen wenigstens ein bisschen Essen zu besorgen, und geht mit ihnen zur Jugendstunde in der Gemeinde, weil es da Kekse gibt. Gegenüber den Damen vom Jugendamt spielt sie die häusliche Situation herunter. Erst als die Lage zu Hause zu eskalieren droht, ist Mellani bereit, Hilfe zu suchen …

Mellanis Geschichte ist keine schöne Geschichte. Keine, die man Kindern zu lesen geben möchte, und doch eine, die vermutlich viel zu oft in unseren Landen tatsächlich passiert. Weiand schreibt stringent aus der Perspektive Mellanis, erzählt von der Verwahrlosung, dem Hunger, dem Problemviertel, in dem die Familie lebt. Man ist als Leser dicht bei Mellani, erlebt ihre Ängste, Sorgen, versteht, warum sie handelt, wie sie handelt, und leidet doppelt, weil man weiß, dass es Hilfe gäbe.
Doch man verzweifelt auch fast, weil so viel schief läuft: Das Jugendamt lässt sich mit Ausreden abspeisen, ein düsteres Gespensterbild, das Mellani malt, wird zwar als ausdrucksvoll bewertet, doch nicht als Hilferuf gesehen. Da möchte man die Erwachsenen schütteln und rufen: „Macht doch mal die Augen auf.“ Es ist ehrlich frustrierend, weil man weiß, dass man manchmal nicht helfen kann.

Und genau deshalb habe ich so lange gebraucht über diesen preisgekrönten Roman zu schreiben. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Buch für Kinder ist. Möglicherweise kann es betroffene Kinder trösten, andere jedoch durchaus schockieren. Erwachsenen kann es möglicherweise eine Hilfestellung sein, wie es in misshandelten und traumatisierten Kindern aussieht, wie sie sich zu schützen versuchen. Mag sein, dass es beim Umgang mit solchen Kindern weiterhilft. Ich muss sagen, ich kenne mich da zu wenig aus. Beschwingte Unterhaltung ist dieser Roman auf jeden Fall nicht. Er legt den Finger auf eine wunde Stelle in unserer Gesellschaft, erzählt von den misshandelten Kinder, die viel zu oft allein gelassen werden.
Weiands Roman ist trotz allem packend und hält einen auch nach der Lektüre noch lange im Bann. Er löst intensive Gefühle aus, macht nachdenklich und eben auch ratlos.

Sicher ist aber auch, dass dieser Roman ein großartiges Stück Literatur ist.

Inken Weiand: Ich bin eine Prinzessin, Ruhland Verlag, 2014,  94 Seiten, ausgezeichnet mit dem Kinder- und Jugendliteraturpreis des Landes Steiermark 2012, 14,80 Euro

Gegen das Schweigen

gensichenDie Zahlen sind erschreckend: Jedes Jahr werden in Deutschland 20.000 Fälle von Kindesmissbrauch angezeigt. Die Dunkelziffer liegt schätzungsweise bei dem zehn- bis zwanzigfachen. Viel zu oft schweigen die betroffenen Kinder und Jugendlichen, aus Scham, aus Angst, aus Abhängigkeit, aus Liebe.

Der Hamburger Psychotherapeut Simon Gensichen will mit seinem Buch Anpfiff Kindern und Eltern helfen und zwar auf doppelte Weise. Zum einen liegt es ihm am Herzen, sexuelle Gewalt zu verhindern, zum anderen zeigt er auf, wo Betroffene Hilfe finden und wie sie das quälende Schweigen überwinden können.
Gensichen nutzt dafür eine ungewöhnliche Mischung aus fiktiver Erzählung und Ratgeber.

Im ersten Teil des Buches erzählt Gensichen die Geschichte des 10-jährigen Olek und des etwa 15-jährigen Jan. Beide spielen im selben Verein Fußball.
Jan ist in Bente verliebt, kann jedoch mit seinen Emotionen nicht gut umgehen. Schnell rastet er aus, Nähe erträgt er nur schwer. Warum das so ist, weiß Jan nicht.
Olek ist neu in der Stadt, seine Mutter kommt aus der Ukraine. Freunde hat Olek noch nicht, daher ist er dankbar, dass Fußballtrainer Prott so nett zu ihm ist. Prott kümmert sich um Olek, als dieser beim Training verletzt wird, nimmt ihn mit auf die Kartbahn, lässt ihn bei sich zu Hause Computerspiele spielen, erlaubt ihm, Bier zu trinken. Dabei sucht Prott immer mehr die körperliche Nähe von Olek: Er streichelt ihn, küsst ihn auf die Wange, nötigt ihn, das nasse T-Shirt auszuziehen. Von Olek verlangt er, dass er niemandem von ihren „Geheimnissen“ erzählt. Olek hält sich daran – und gerät in Gefahr.
Gerade noch rechtzeitig können Jan und Bente ihn aus Protts Fängen retten.

In diesem Erzählteil zeigt Gensichen anschaulich, wie perfide die Täter oftmals vorgehen. Hilfsbereit und kumpelhaft auf der einen Seite, erpresserisch auf der anderen. Olek, der sich Freunde wünscht, durchschaut dieses gefährliche Spiel nicht.
Wie sich sexueller Missbrauch von kleinen Kindern auswirkt, macht die Figur Jan deutlich. Er wurde von seinem Vater missbraucht, kann sich aber nicht mehr daran erinnern. Vor Jahren hat die Mutter den Vater rausgeschmissen, ohne Jan die Gründe zu erklären, für die er damals einfach zu klein war. Aber Jans Emotionen, seine unzügelbare Wut, die Angst vor Nähe, deuten an, dass etwas nicht stimmt. Allein kann Jan das jedoch nicht lösen. Erst als die Mutter mit ihm über die Vorfälle in Jans Kindheit spricht, kann sich der Junge seinem Schicksal stellen.

Im zweiten Teil seines Buches, dem eigentlichen Ratgeber, erklärt Gensichen zunächst Jugendlichen, was alles zu sexueller Gewalt zählt, seien es vermeintlich harmlose Doktorspiele oder das gemeinsame Bad von Elternteil und Kind. Sobald ein Kind damit nicht einverstanden ist, aber gezwungen wird, wird die Grenze zur Gewalt überschritten. Gensichen macht den Kindern Mut, Nein zu sagen – und zwar „ohne Begründung“ –, wenn sie etwas nicht wollen oder ein Alarmgefühl sich in ihnen bemerkbar macht.
Erwachsene Leser finden anschließend Hinweise, wie sie die oftmals nonverbalen Hilferufe von Kindern und Jugendlichen erkennen und wo sie medizinisch, psychologische und rechtliche Hilfe bekommen können. Die entsprechenden Internetadressen und Telefonnummer sind im Anhang aufgelistet.

Der Mix aus fiktiver Erzählung und Ratgeber ist außergewöhnlich. Aber er funktioniert hervorragend, denn Gensichen erläutert im Sachbuchteil die psychologischen Hintergründe der fiktiven Alltagsszenen in Schule und auf dem Sportplatz. Jugendlichen Lesern bieten sich hier Identifikationsmöglichkeiten, sie können überprüfen, ob in ihrem Umfeld etwas nicht stimmt. Sie lernen, erste Gefahren zu erkennen und Schlimmeres im besten Fall abzuwenden.
Vor allem aber lernen sie, dass reden ganz wichtig ist. Nur wer einer Vertrauensperson sein Herz ausschütten und seinen Kummer erzählen kann, ohne dafür abgestraft zu werden, kann sich von seinen Peinigern befreien und anfangen, das schreckliche Geschehen zu verarbeiten.
Gensichens Buch ist ein erster, wichtiger Schritt, das schädliche Schweigen zu durchbrechen.

Simon Gensichen: Anpfiff. Gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen. Ein Aufklärungsbuch für Jugendliche und Erwachsene, Ellert & Richter, 2014, 192 Seiten, 12,95 Euro

[Jugendrezension] Céciles neue Rolle

murailCécile, eine junge, noch vollkommen unerfahrene Grundschullehrerin, kommt – in Ein Ort wie dieser von Marie-Aude Murail – frisch von der Uni. Nun soll sie „ins kalte Wasser“ springen und die Verantwortung für ihre erste eigene Klasse übernehmen: Klassenlehrerin, eine Rolle, in die die unsichere Cécile erst einmal hineinwachsen muss. Je mehr sie sich in ihre neue Rolle hineinfindet, desto mehr gewinnt sie an Selbstvertrauen. Sie versetzt sich in ihre Schüler hinein, und die Probleme ihrer Schüler werden zu ihren eigenen.
Insbesondere das Schicksal der Kinder der afrikanischen Großfamilie Baoulé, die aus ihrem Heimatland flüchten mussten, nun obdachlos sind und abgeschoben werden sollen, beschäftigt sie. Bei der Suche nach einer möglichst guten Lösung für die Probleme dieser Familie, trifft sie Eloi, der sich – nicht immer ganz legal – für Flüchtlinge einsetzt. Und sie lernt ihren Chef, den Leiter der Schule, besser kennen, der sich ebenfalls selbstlos für andere engagiert. Beide Männer fangen an, sie zu interessieren …
Doch auch für dieses Buch gilt, wenn du wissen möchtest, was aus der Familie Baoulé und dem Liebesleben von Cécile wird, musst du es selbst in die Hand nehmen und lesen.

Mir hat das Buch Ein Ort wie dieser von Marie-Aude Murail echt gut gefallen, und ich habe während des Lesens immer gehofft, dass es Hilfe für die Familie Baoulé geben wird. Ich hoffe, dieses Buch wird dich genauso faszinieren wie mich.
Empfehlen würde ich es für Mädchen im Alter von 11 bis 16 Jahren. Viel Spaß beim baldigen Lesen ☺

Bücherwurm (11)

Marie-Aude Murail: Ein Ort wie dieser, Übersetzung: Tobias Scheffel, Fischer KJB, 2014, 416 Seiten, ab 12, 16,99 Euro