Wider die Bequemlichkeit

brüder„Wenn du vor mir stirbst, schreibe ich ein Buch über dich“, sagt der 18-jährige Quentin Bell zu seinem knapp drei Jahre älteren Bruder Julian. Das Buch Brüder für immer sollte es also nicht geben. Dann hätte Quentin seinen älteren Bruder und besten Freund noch. Ihren Eltern und Angehörigen wäre die Trauer über den frühen Tod des Sohns, Neffen und Freundes erspart geblieben. Vor allem der Mutter der beiden, der Malerin und Innenarchitektin Vanessa Bell, ältere Schwester der Schriftstellerin Virginia Woolf.

Aber es ist gut, dass es diesen Roman gibt, angelehnt an realen, historischen Personen, erdacht und geschrieben vom vielfach ausgezeichneten niederländischen Autor Rindert Kromhout.

Denn was von einigen Kritikern nur als die etwas naiv erzählte Geschichte zweier Brüder, aufgewachsen in einem unkonventionellen Milieu, aufgefasst wurde, ist tatsächlich ein hinreißendes Porträt der aus Schriftstellern, Journalisten, Verlegern, Künstlern und Wissenschaftlern bestehenden Bloomsbury Group.

Und es ist ein Manifest des freien Denkens, geradezu ein Imperativ sich selbst ein Urteil über die Welt zu bilden, ohne Vorurteile, ohne geistige Scheuklappen, und nach seinen Idealen zu leben und zu lieben. Das ist heute, in Zeiten von Fremdenhass und nationalistischer Ideologie, religiösem Fanatismus und Vorurteilen gegen alles Nonkonforme, dem Erstarken rechtsradikaler Politiker und Parteien wichtiger denn je.
Die Hauptfiguren in Kromhouts Roman haben wirklich gelebt: Die Malerin Vanessa Bell, geborene Stephen, ihr Ehemann, der Kunstkritiker und Journalist Clive Bell, Vanessa Bells homosexueller Freund, künstlerischer Partner und Liebhaber Duncan Grant und dessen Freund David. Zudem Vanessa und Clive Bells Söhne Julian und Quentin sowie deren jüngere Halbschwester Angelica. Sie alle lebten in Charleston, einem von Vanessa und Duncan zum lebendigen Kunstwerk gestalteten Haus auf dem Land in Sussex.

Am bekanntesten ist die Schriftstellerin Virginia Woolf, Vanessas jüngere Schwester, und deren Ehemann Leonard, Verleger und Publizist. Beide wohnten und arbeiteten im Monk’s House, das in Fahrradfahrtdistanz zu Charleston lag.
Außerdem kommen die Malerin Dora Carrington und ihr Lebenspartner, der Biograf und Kritiker Lytton Strachey, und die Kunstmäzenin Ottoline Morrell vor.

Dazu hat Kromhout diverse Nebenfiguren erdacht, die exzellent zu der ebenso ungewöhnlichen wie liebenswerten Gemeinschaft passen: die patente, großherzige Köchin Grace, ein aufgeschlossener Pfarrer sowie eine anfangs gegenüber den zugezogenen Künstlern sehr skeptische Dorfgemeinschaft.

Kromhout bedient sich eines Kunstgriffs, um seiner Geschichte die gewünschte Perspektive zu geben. Er erzählt vom Erwachsen- und Bewusstwerden unter dem Eindruck des fortschreitenden Faschismus in Europa. Dazu macht er die realen Brüder Bell fast zehn Jahre jünger. 1925 zieht die bunte Familie in das Charleston Haus, da sind Quentin und Julian sechs und acht Jahre alt. Während Julian sich schon früh für Politik interessiert und sich als Jugendlicher den Kommunisten anschließt, ist der Erzähler Quentin ein aufmerksamer Beobachter. Unterstützt von seiner Tante Virginia Woolf beginnt er seine literarischen Ambitionen mit einer Hauszeitung, für die er kluge und witzige Geschichten und Szenen aus dem Alltag in Charleston notiert.

Es ist ebenso faszinierend wie erstaunlich, wie selbstverständlich die Bewohner absolut unkonventionell zusammenleben. Hier halten wahre Zuneigung, Liebe, gemeinsame Interessen, die Kunst und gegenseitiger Respekt die Menschen zusammen, nicht gesellschaftliche und sexuelle Konventionen. Diese Leute sind wirklich glücklich in ihrer selbst gewählten Wunschgemeinschaft, da können die meisten modernen Patchworkfamilien nur von träumen, wo doch immer einer den Kürzeren zieht oder verletzt wird.

Die Kinder verbringen eine Kindheit in ungeheurer Freiheit, mit Baumhaus, Kostümfesten, durch die Felder streifen und Staudämme bauen. Man traut ihnen Vieles zu, spricht mit ihnen offen und auf Augenhöhe, und sie danken dieses Vertrauen, indem sie zu freigeistigen, klugen, toleranten und offenherzigen Menschen heranwachsen.

Kromhout lässt Quentin von diesen zwölf Jahren, von der Ankunft in Charleston House bis zu Julians Tod im Spanischen Bürgerkrieg, in einer einfachen, klaren und unaufgeregten Sprache erzählen. Birgit Erdmann hat das erfrischend und flott zu lesen übersetzt.

Nebenbei gibt Quentins Tante Virginia Woolf Einblick in das Schreiben und was es bedeutet, Schriftsteller zu sein. Sie ist auch selbst eine kluge Beobachterin des Weltgeschehens und warnt vor gefährlichen Simplifizierungen: So war Benito Mussolini, Führer der italienischen Faschisten, kein „dummer Diktator“, wie Quentin ihn in einer Geschichte darstellen möchte: Mussolini idealisierte Bücher, etablierte einen jährlichen Feiertag des Buchs, schrieb sogar selbst, „ein Kollege“, wie Virginia erklärt. Natürlich wusste er genau, was er die Leute lesen ließ, aber anstatt Bücher zu verbrennen und zu verbieten, instrumentalisierte und unterminierte er geschickt ein Medium, das eigentlich für geistige Freiheit steht.

Brüder für immer ist ein differenzierter und klarer Blick auf Entstehung und Mechanismus von Faschismus und Diktatur, die ja nur die Oberhand und schließlich die Macht gewinnen, weil so viele Menschen bereitwillig mitmachen oder es zumindest zulassen. „Die meisten Menschen finden es großartig, wenn es jemanden gibt, der für sie nachdenkt. Dann brauchen sie sich um nichts zu kümmern. Sie brauchen nicht darüber nachzudenken, ob etwas sein muss. Nie müssen sie zweifeln oder unsicher sein“, erklärt Clive Bell seinen Söhnen, „das ist pure Bequemlichkeit. Werdet nicht bequem. Denkt immer darüber nach, was ihr selbst wollt und meint. Notfalls müsst ihr dafür kämpfen.“

In diesem Sinne: Bleibt unbequem! Lest unbequeme Bücher, besonders, wenn es so schöne, bewegende und gut erzählte wie „Brüder für immer“ sind.

Elke von Berkholz

Rindert Kromhout: Brüder für immer, Übersetzung: Birgit Erdmann, Mixtvison, 2016, 300 Seiten, ab 12, 14, 90 Euro,  Jahren

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Vier Figuren suchen einen Autor

wenzelWas passiert, wenn ein etwas eigenbrötlerischer Schriftsteller und ein Kind mit Hummeln im Hintern auf einander treffen? Das kann eigentlich niemand wissen, denn das Leben und Wirken eines Schriftstellers ist zumeist ein großes Mysterium, und quirlige Kinder sind ein Garant für jede Menge Unplanbarkeiten … eine unschlagbar clevere Kombination für einen Roman, wie Nikola Huppertz beweist: Die unglaubliche Geschichte von Wenzel, dem Räuber Kawinski, Strupp und dem Suseldrusel heißt ihr Buch. Und so verwirrend wie der Titel ist auch der Inhalt. Aber das ist alles ganz wunderbar.

Wenzel muss eine Woche bei seinem schriftstellenden Onkel Nikolai (unverkennbar ein Alter-Ego der Autorin…) verbringen, weil seine Eltern eine Malediven-Reise für zwei gewonnen haben und nicht für drei. Der Junge, der mit Büchern so gar nichts am Hut hat, freut sich zwar überhaupt nicht, einfach so abgeschoben zu werden. Doch als er das Holzhaus des Onkels betritt und an der verschlossenen Ideenkammer vorbei kommt, ahnt er, dass sich dahinter ziemlich Interessantes verbirgt, das unbedingt erkundet werden muss. Denn Onkel Nikolai hat gerade mit einem neuen Roman angefangen …

Was nun beginnt, hat mich als Italianistin in gewissem Sinne an Luigi Pirandello und sein Theaterstück Sechs Personen suchen einen Autor erinnert: Hier sind es vier Figuren, der Hund Strupp, der Räuber Kawinski, die Prinzessin Melinda und das Suseldrusel, die sich vehement in das Leben von Nikolai hineindrängen. Denn so ist das beim Schreiben: Man hat eine Idee, man entwirft eine Figur und mit einem Mal entwickelt diese Figur ein Eigenleben und bestimmt, wo die Geschichte lang geht.
Nikola Huppertz illustriert dieses Phänomen mit ihrem Roman auf eine wundervoll turbulente Art und Weise. Wenzel geht mit Strupp auf Räuberjagd, erfindet eine coole Fußball-Prinzessin und stellt das ruhige Leben von Onkel Nikolai gehörig auf den Kopf.

Der Wechsel zwischen Nikolais Realität und seinen geschriebenen Texten markiert Huppertz durch wechselnde Schrifttypen, doch bald hat man als Leser die komplette Wirrnis im Kopf – die Erzählebenen verschränken sich so miteinander, dass man manchmal nicht mehr ganz durchblickt, was Wahrheit und was Dichtung ist. Aber genau das ist beabsichtigt, denn es zeigt, wie sehr Wirklichkeit und Fantasie verwoben sind – vor allen in den Köpfen von Schriftstellern. Wenn uns diese Autoren an ihren Erlebnissen und Erfahrungen teilhaben lassen, springt dieser Funke auch auf die Leser über. Das wusste schon Pirandello, als er vor fast hundert Jahren seine sechs Personen geschaffen hat.

Nikola Huppertz‘ Roman jedenfalls legt man erst wieder aus der Hand, wann alle Figuren zu ihrem Recht gekommen sind, und man ganz köstlich verwirrt und unterhalten wurde, und endlich das Mysterium, wie ein Schriftsteller denn so arbeitet, gelüftet wurde.

Von Regina Kehn, die das Cover und die Vignetten über den Kapiteln überaus zärtlich illustriert und Wenzel die traumhaftesten Mandelaugen verpasst hat, die ich je gesehen habe, hätten allerdings durchaus noch größere und mehr Bilder in dem Text sein können … aber man kann leider nicht alles haben. Und auch so ist dieses Buch ein Hauptgewinn.

Nikola Huppertz: Die unglaubliche Geschichte von Wenzel, dem Räuber Kawinski, Strupp und dem Suseldrusel, Illustration: Regina Kehn, mixtvision, 2014,  376 Seiten,  ab 10, 13,90 Euro

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Für Freiheit und Toleranz

bücherverbrennungIn Berlin erinnert das Deutsche Historische Museum in diesem Jahr mit der Ausstellung „Zerstörte Vielfalt“ an die Vertreibung von Künstlern und Intellektuellen von 1933 bis 1938. Dafür stehen in Mitte und in anderen Stadtteilen Litfaßsäulen mit den Biografien der Vertriebenen und Ermordeten. Schräg gegenüber vom Deutschen Historischen Museum liegt der Bebelplatz, auf dem vor genau 80 Jahren Goebbels die Bücherverbrennung inszeniert hat, ein weiteres Mosaiksteinchen bei der Zerstörung von geistiger Vielfalt.

Der Atrium Verlag hat nun vier Schriften von Erich Kästner, der bekanntermaßen am 10. Mai 1933 vor der Humboldt-Uni stand und von dort aus dem unsäglichen Treiben der Nazis zusah,  unter dem Titel Über das Verbrennen von Büchern neu herausgegeben. Kästner berichtet in den Texten, die von 1946, 1947, 1953 und 1965 stammen, wie er das Ereignis als 34-Jähriger erlebt hat. In seiner klaren, scharfsinnigen Sprache schildert er den Abend des 10. Mai, und die Ungeheuerlichkeiten des Spektakels erscheinen dem Leser bildhaft vor Augen. Man bewundert Kästner für seinen Mut, sich unter die Menge zu mischen und alles mit anzusehen. Er selbst entschuldigt sich in einem Artikel fast für seine Passivität, was er durchaus nicht müsste. Denn schon sein Bleiben in Nazideutschland, wo er „Chronist der Ereignisse“ sein wollte, verlangte jede Menge Mut und verdient höchsten Respekt.

Erschreckender ist dann umso mehr der Text von 1965, in dem Kästner von einer erneuten Bücherverbrennung in Düsseldorf berichtet. Dort hatte eine Jugendgruppe des „Bundes Entschiedener Christen“ mit Genehmigung des Ordnungsamtes am Rheinufer Bücher verbrannt – unter anderem auch die von Erich Kästner. Wieder einmal. Die Jung-Christen hatten sich dabei angeblich auf einen Brief des Apostel Paulus an die Epheser berufen, der die Verbrennung von heidnischen Zauberbüchern forderte. Von der Bücherverbrennung der Nazis hatten sie angeblich nichts gewusst. Man mag es nicht glauben, und es zeigt deutlich, dass wir auch heute noch nicht genug erinnern können.

Das schmale, aber wertvolle Büchlein liefert neben Kästners Texten einen kurzen chronologischen Abriss der Organisation der Bücherverbrennung, die von langer Hand und generalstabmäßig geplant wurde, sowie eine Liste mit den über 140 Autoren und Autorinnen, deren Bücher im Frühjahr 1933 öffentlich verbrannt wurden. Darunter u.a. Alfred Kerr, Joseph Roth, Maxim Gorki, Stefan Zweig, Nelly Sachs, Thomas, Heinrich und Klaus Mann, Carl Zuckmayer, Egon Erwin Kirsch, Schriftsteller, deren Bücher und Werke wir heute selbstverständlich aus dem Regal nehmen (eine erweiterte Liste mit den Namen findet sich auf der Website Bücherlesung). Über das Verbrennen von Büchern macht deutlich, dass es Zeiten gab, in denen das gar nicht selbstverständlich war. Diese Zeiten liegen zwar immer weiter zurück, doch das erlaubt uns nicht, sie zu vergessen.

Kästners vier kurze Texte in Über das Verbrennen von Büchern kommen in diesem Rahmen gerade recht, sind sie doch eine eindringliche Mahnung für Freiheit und Toleranz. Etwas das man nicht oft genug einfordern und verteidigen muss.

Und wer heute über den Bebelplatz in Berlin läuft, sollte den Blick auch nach unten lenken, denn im Boden ist ein Raum mit weißen Bücherregalen eingelassen. In ihnen steht kein einziges Buch.

Erich Kästner: Über das Verbrennen von Büchern, Atrium-Verlag, 2013, 56 Seiten, 10 Euro

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