Die Wochenration Lyrik

Kinder KalenderEs gibt viele Arten, wie man Kinder an Poesie heranführen kann. Eine der schönsten ist für mich der Arche Kinder Kalender. Jetzt wieder zu haben für 2017.

Wie in den Jahren zuvor hat die Internationale Kinderbibliothek in München wieder mit feinem Gespür entzückende Gedichte mit ebenso wunderschöne Illustrationen aus aller Welt zusammengestellt. Jedes Wochenblatt brigt etwas Überraschendes, Fröhliches, Urkomisches, aber auch Nachdenkliches. Denn in diesen Mikrogeschichten eröffnen sich ganze Welten, zeigen sie doch, was in den verschiedenen Ländern von Italien bis China, von Portugal bis Russland, was also rund um den Globus die Menschen so sehr bewegt, dass sie es in einem Gedicht würdigen.

Das können fantastische Wesen wie der Drachen-Veteran, aber auch kulinarische Grundnahrungsmittel wie die Rote Bete oder Papadam sein. Oder aber die täglichen Ängste der Schüler vor dem Unterricht. Die Musik des Aprilregens wird genauso aufgeführt wie der Blumenreigen in einem Garten. Mäuse spielen Fußball, Schwäne ziehen über das Meer. Man kommt ins Träumen und fängt selbst an zu reimen, zu dichten. Ich möchte am liebsten meinen hopsenden Eichhörnchen im Baum vor dem Küchenfenster ein paar Zeilen widmen.

Wie schon vor zwei Jahren erfreut mich auch dieses Mal wieder, dass die Originalgedichte wie immer mitabgedruckt sind. Es würdigt die Autoren, aber im gleichen Maße die vielen vorzüglichen Übersetzer_innen, die großartige Lösungen für diese kondensierten Inhalte gefunden haben.
Aber gerade bei den Sprachen mit anderen Buchstabenschriften wie dem Kyrillischen, aber auch bei Chinesisch, Koreanisch oder bei den runden indischen Malayalam-Buchstaben, schaut man zudem die Gedichte selbst wie Bilder an. Manches Mal werden sie sogar Teil der Illustrationen, was ihre Schönheit doppelt unterstreicht. Im kommenden Jahr werde ich mit meiner dann fünfjährigen Nichte mal erkunden, wie das auf die Zielgruppe wirkt.

Sicher ist, dass die Kinder ein Gespür für Poesie entwickeln werden. Denn sie finden hier nicht nur gereimte Verse, sondern auch freie Formen und manch auf den ersten Blick rätselhafte Zeilen. Da werden dann die Gehirnwindungen gefragt sein, dem Gelesenen einen Sinn zu geben – oder vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall werden sie erfreuen, bewegen, anregen. Manch Baum wird vielleicht im Juni vorsichtiger bestiegen werden, damit Mama sich keine Sorgen mehr machen muss. Und Ende September sprudelt es möglicherweise aus den Kindern selbst heraus, denn dort gibt es eine leere weiße Seite, die mit Worten, Versen und Bildern gefüllt werden möchte.

Ich freue mich, dass ich diesen Begleiter durch das kommende Jahr bei mir aufhängen kann, und wünschte, dass er in möglichst vielen Kinderzimmern ebenfalls seinen Platz findet.

Arche Kinder Kalender 2017. Mit 53 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt. Herausgegeben und ausgewählt von der Internationalen Kinderbibliothek München, Arche Kalender Verlag, 2016, ab 5, 18 Euro

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Durch Neapel mit Patrizia Rinaldi

rinaldiDieses hier ist keine Rezension im üblichen Sinne, denn das könnte ich bei Die blinde Kommissarin von Patrizia Rinaldi gar nicht leisten. Dies hier ist viel mehr ein Werkstattbericht und ein Dank an die Autorin – denn sie hat mir bei der Übersetzung dieser Geschichte auf eine ganz entzückende Art geholfen.

Der Fall, den Patrizia Rinaldi erzählt, spielt in Neapel. Der Schlagersänger Jerry Vialdi ist ermordet worden. Drei Ermittler – ein Kommissar, ein Inspektor und die erblindete Blanca – treffen auf eine ganze Reihe von Frauen, die alle dem Charme des Sängers erlegen waren und die alle durchaus ein Motiv haben. Blanca, die zwar seit einem Feuer in ihrer Kindheit nicht mehr sehen kann, zeichnet sich durch ihr feinfühliges Gespür für Stimmungen und Tonlagen aus. Doch hinter dem Tod Vialdis steckt mehr als pure Eifersucht …

rinaldi2Eine weitere Hauptrolle in Rinaldis Geschichte übernimmt die Stadt Neapel. Die Autorin ist dort geboren, lebt dort mit ihrer Familie und liebt diese Stadt über alles. Diese Liebe ist in all den Beschreibungen der Örtlichkeiten, an denen sich ihre Figuren bewegen, ganz deutlich zu spüren. Und diese Liebe machte mich neugierig auf eine Stadt, die ich noch nicht kannte. So bin ich im Zuge der Übersetzung nach Neapel gereist, um mir so viele der Lokalitäten wie möglich persönlich anzuschauen, die in dem Krimi wichtig sind. Da ich zudem einige Fragen an die Autorin zu ihrem Text hatte, der im Italienischen sehr schön klingt und funktioniert, im Deutschen jedoch manchmal unklar blieb, habe ich Patrizia Rinaldi kontaktiert. Und sie schließlich im vergangenen September getroffen.

rinaldi3Begegnungen mit Autoren sind ja grundsätzlich schon interessant, aber die zwei Tage, die ich mit Patrizia Rinaldi verbracht habe, waren extrem schön und aufschlussreich.
Mit dem Auto holte sie mich aus der Innenstadt ab und zeigte mir dann ihre Ecken Neapels, die man als Tourist nicht sofort aufsuchen würde: das Gelände der alten Stahlfabrik ILVA, die Ruine des Palazzo Donn’Anna, den Parco di Villa Avelino in Pozzuoli, Nisida aus der Ferne, den Coroglio. Wir spazierten über den Ponte Nord und genossen den Blick auf Meer und Inseln, wir erkundeten den noch blubbernden Vulkan La Solfatara – zusammen mit einem etwa 90-jährigen Führer, der zwar kaum noch stehen konnte, fast nichts mehr hörte, aber für „seinen“ Vulkan brannte und uns eindrucksvoll mit einer glimmenden Zeitung die Rauchentwicklung im Gestein vorführte. Es folgten ein Besuch beim Sibyllinischen Orakel und in der alten römischen Therme von Baiae mit dem unglaublichen Merkur-Tempel. Bei all dem erzählte Patrizia Rinaldi eine Geschichte, eine Anekdote nach der anderen – ich gebe zu, mir schwirrte der Kopf nach diesen Treffen –  die ich gar nicht alle auf einmal behalten konnten. Daneben haben wir dann beim Essen und manchmal direkt vor Ort meine Fragen zu ihrem Text geklärt, so dass ich jetzt hoffe, dass Die blinde Kommissarin genau die Liebe zu Neapel transportiert, die auch im Original vorhanden ist und mit der mich die Autorin so angesteckt hat, dass ich sicherlich in die Stadt am Golf zurückkehren werde.

Vorauf ich bei der Produktion der deutschen Ausgabe keinen Einfluss hatte, waren der Titel und das Cover des Buches. Mit beidem bin ich ein wenig unglücklich, denn manchmal kommt meine Pingeligkeit durch und dann muss ich einfach sagen, dass Blanca zwar blind, aber keine Kommissarin ist. So wird sie im ganzen Text nicht einmal genannt. Im Original ist sie „sovrintendente“, also Polizeihauptmeisterin, was unschreibbar für den italienischen Kontext ist. Also ist es bei Sovrintendente geblieben. Ein kurzes Glossar am Ende des Buches erklärt einige italienische Begriffe.
Das Bild auf dem Cover hat leider so absolut gar nichts mit Neapel zu tun. Mag der Titel den Verkauf vielleicht fördern, weil er knackig ist und mit Blancas Handikap „spielt“, kann ich die Motivwahl nicht recht verstehen. Dieser Krimi spielt in einer sehr faszinierenden Großstadt, von der es ebensolch faszinierenden Fotos gibt. Das Cover jedoch, das zwar ein eindrucksvolles Foto und sehr italienisch ist, hat damit jedoch so viel zu tun wie Brandenburg mit Hamburg. Nun ja, ich bin gespannt, ob sich das irgendwie niederschlagen wird.

In jedem Fall war für mich die Arbeit an diesem Buch etwas Besonderes und Unvergessliches, und dafür sage ich: Grazie mille, Patrizia!

Nachtrag am 10.5.14: Wie mir heute morgen über Facebook zugetragen wurde, gibt es für die italienische Originalausgabe des Buches – „Tre, numero imperfetto“ – auch einen Buchtrailer von Ciro Orlandini:

 

Patrizia Rinaldi: Die blinde Kommissarin, Übersetzung: Ulrike Schimming, Ullstein TB, 2014, 224 Seiten, 8,99 Euro

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Fußball, Fummel & Freundschaft

kicker im KleidNeulich habe ich mich ja über David Walliams Mr. Stink schlappgelacht und jetzt landete das Erstlingswerk des Autors und Schauspielers auf meinem Tisch. Das musste ich natürlich gleich mal dazwischen schieben, weil Kurzweil und Amüsement lockten … und ich wurde tatsächlich nicht enttäuscht.

Dennis ist 12 und hat momentan nicht viel Freude im Leben. Seit seine Mutter die Familie verlassen hat, gelten in dem Männerhaushalt aus Dad, Dennis und seinem 14-jährigen Bruder John drei eiserne Regeln: Kein Wort über Mum! Nicht heulen! Keine Umarmung! Ziemlich trostlos das Ganze. Fußball ist die einzige Abwechslung, und darin ist Dennis einfach unschlagbar.

Als dann jedoch eines Tages auf der Vogue ein Model in einem Sommerkleid abgebildet ist, das Dennis ganz heftig an seine Mutter erinnert, kann der Junge nicht widerstehen und kauft die Zeitschrift. Er schwelgt in den opulenten Bildern all dieser unwiderstehlichen Kleider und entdeckt eine neue Leidenschaft: Frauenkleider!

In der coolen Lisa, die eigene Modelle entwirft,  findet Dennis die perfekte Freundin, die ihm ihren gesamten Kleiderschrank zum An- und Ausprobieren zur Verfügung stellt. Dennis erfindet sich neu und entdeckt, wie gut es tut, auch mal ein paar Regeln zu brechen. Schließlich schenkt Lisa ihm ein selbstgeschneidertes Paillettenkleid und überredet ihn, damit in der Schule aufzutauchen, verkleidet als ihre französische Brieffreundin.

Dass das Alles so richtig schön schief geht, ahnt man natürlich schnell. Doch Walliams gelingt es ganz großartig, liebevoll und lustig über den Spaß am Anderssein (nein, Dennis ist nicht schwul), echte Freundschaft und ein Fußballendspiel im Fummel zu erzählen. Das Buch legt man folglich erst wieder aus der Hand, wenn die letzte Seite erreicht ist. Und möchte sofort mehr solcher Geschichten …

David Walliams: Kicker im Kleid, Übersetzung: Dorothee Haentjes, Illustration: Quentin Blake, Aufbau Verlag, 2010, 232 Seiten, ab 10, 14,95 Euro

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