Über Ulrike Schimming

Ulrike Schimming übersetzt Literatur – von Kinder- und Jugendbüchern bis zu Graphic Novels und Comics – aus dem Italienischen und Englischen und arbeitet als freie Lektorin. Dieses E-Magazin entstand aus ihrer Arbeit für die Jugendzeitschrift stern Yuno. Hier stellt sie Neuerscheinungen oder Klassiker der Kinder- und Jugendbuchliteratur vor, Graphic Novels oder Buch-Perlen, denen sie ein paar mehr Leser wünscht. Weitere Infos zu Ulrike Schimming finden Sie unter www.letterata.de

Hummel, Hummel – Mors, Mors

Sbuchholzimone Buchholz wird vielen von euch vermutlich als Krimi-Autorin bekannt sein. Nun hat sie ihr erstes Kinderbuch vorgelegt – ich als Hamburgerin, die eher selten Krimis liest, war nun doch neugierig.

In Johnny und die Pommesbande erzählt Buchholz von der Clique um den 12-jährigen Johnny, der bei seinem Opa, einem alten Seebären, in einer Hafenstadt aufwächst.
Johnny ist mit seinen Kumpels, Ella, der Seiltänzerin, Sue und Buxe, den Zwillingen, Carlos, seinem besten Freund, und Tomek, dem Hafentroll, der auf einem alten Kahn wohnt, täglich an der Waterkant unterwegs. Sie haben eine clevere Masche entwickelt, um ihr Taschengeld aufzubessern. Ahnungslosen Touristen, die von Hafen und Kiez so dermaßen beeindruckt sind, dass sie kaum noch klar denken können, bieten die Kids an, die Sache mit der Kurtaxe für sie zu übernehmen. Ein einträgliches, wen auch nicht ganz legales Geschäft. Aber wie es im Leben so geht, reicht irgendwann das eigene Revier nicht mehr aus und die Kids streben nach Expansion.

So trauen sich Johnny und seine Freunde nach eingehender Diskussion auf die Meile. Dort ist alles bunt, schrill und voller Blingbling – und es gibt noch mehr Touristen, die den Mund vor Staunen nicht mehr zubekommen. Das Geschäft läuft.
Bis die Helden auf eine picklige Bande voller Halbstarker treffen, die es gar nicht gern sieht, wenn jemand in ihrem Revier wildert. Der Stress ist programmiert, und eines Tages verwüsten die Pickel-Brüder den Kiosk von Ellas Eltern und drohen, Schlimmeres anzurichten …

In herrlich schnoddriger Art lässt Buchholz Johnny von den Abenteuern der Clique berichten. Die Namen Hamburg, St. Pauli oder Reeperbahn fallen dabei nicht einmal. Doch jeder Hamburger hat sofort die entsprechenden Straßen und Viertel vor Augen – und freut sich. Alle Nicht-Hamburger bekommen ein cooles Gespür für die Hafenstadt vermittelt.

In Sachen Freundschaft und Gemeinschaftsgefühl finden junge Leser_innen hier großartige Vorbilder, bei denen jede_r seine/ihre Eigenarten hat, die allseits akzeptiert werden. Zusammen bilden die Kids so etwas wie eine Familie, in der die Erwachsenen nur am Rande eine Rolle spielen. Hier macht ihnen niemand Vorwürfe, sondern die Bande merkt selbst sehr schnell, was okay und was nicht gut ist. Auch verurteilt niemand ihre Kurtaxen-Abzocker-Nummer, was völlig in Ordnung ist – denn wenn Touristen zu dusselig sind, den Trick zu durchschauen, müssen sie eben bluten.

So entwickelt sich Buchholz‘ Geschichte zu einem spannenden, unkonventionellen Lesespaß ohne Moralkeule – und man wünscht sich, dass die Kinder auch im echten Leben immer noch solche Banden bilden und draußen auf der Straße echte Abenteuer erleben, und nicht nur vor Bildschirmen hängen oder von Helikoptereltern in abgezäumten Spielwiesen gehalten werden. Bei erwachsenen Leser_innen mag diese Geschichte einen Hauch von Nostalgie hinterlassen, die jungen mögen nach der Lektüre hoffentlich hinaus auf die Straße wollen und ihren Kiez erkunden. Und in ihrer restlichen Freizeit vielleicht mehr von solch unterhaltsamen Büchern lesen!

Simone Buchholz: Johnny und die Pommesbande, Illustration: Horst Klein, Dressler Verlag, 2018, 160 Seiten, ab 10, 12 Euro

Katzen-Phänomenologie

katzeCat-Content genießt im Netz ja eine große Beliebtheit. Vielleicht, weil wir bei den flauschigen Vierbeinern immer auch vermeintlich menschliches Verhalten entdecken und uns in ihnen und anderen Tieren spiegeln.

Einen etwas anders gearteten Spiegel hält uns nun der amerikanische Illustrator Brendan Wenzel mit seinem Bilderbuch Alle sehen eine Katze vor, das es gerade auf die Liste der Besten 7 geschafft hat. Darin stromert ein Stubentiger durch die Gegend und wird von den unterschiedlichsten Zeitgenossen gesehen: einem Kind, einem Hund, einem Fuchs, einem Stinktier, einem Vogel, einer Maus, einem Wurm. Soweit so anscheinend sehr unspektakulär, doch natürlich gibt es einen sehr augenöffnenden Kniff. Jeder Zeitgenosse sieht die Katze auf seine ganz spezielle Art, mal mit großen niedlichen Augen, mal als dürres Gebilde, mal mit bedrohlich Riesenglubschaugen, oder nur als Punkte infolge der Echolotung durch eine Fledermaus.

Phänomenologie und Erkenntnistheorie gehören bekanntlich zu den philosophischen Disziplinen, und manchen erscheinen sie unverständlich und hochtrabend. Dass das im Grundsatz nicht so schwierig sein muss, zeigt Wenzel nun in seinem Werk mit verblüffender Einfachheit. Der Wandel der Katze in jedem Bild macht auch den jüngsten Betrachtern ganz schnell klar, dass jedes Individuum auf unserem Planeten seine ganz eigene Sicht auf die Dinge hat.
Wenzel legt mit seinen farbenfrohen Tusche- und Aquarellbildern auf diese Art sehr spielerisch ein Samenkorn in Sachen Wahrheitsfindung. Denn: Welche Katze ist denn nun die richtige? Und was zeigt der Blick der Katze im Teich auf ihr eigenes Spiegelbild? Die Wahrheit?
So muss man sich auf philosophisch geprägte Diskussionen nach der Lektüre dieses Buches einstellen. Doch genau das ist für die aggressive Debattenkultur unserer Zeit im Netz und in den Medien und im realen Leben eine überaus wichtige Fähigkeit – denn nur, wenn einem klar ist, dass jeder von uns eine andere Sicht auf die Dinge hat, kann man zum einen Toleranz entwickeln, aber auch besser gegen einseitige, totalitäre Meinungen argumentieren.

Also lest mit euren Kindern so früh wie möglich dieses Buch und philosophiert. Es macht stark und hilft, sich in einer komplexen Welt sehr viel besser zurechtzufinden.

Brendan Wenzel: Alle sehen eine Katze, Übersetzung: Thomas Bodmer, NordSüd Verlag, 2018, 44 Seiten, ab 4, 15 Euro

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schollHeute vor 75 Jahren wurden Sophie Scholl, Hans Scholl und Christoph Probst im Gefängnis Stadelheim in München hingerichtet, nachdem sie vier Tage zuvor verhaftet und innerhalb kürzester Zeit in einem Schauprozess zum Tode verurteilt worden waren. Sophie war da gerade einmal 22 Jahre alt, Hans war 25 und Christoph 24. Junge, kluge Menschen. Und wahrscheinlich ist es gerade auch das, was uns neben ihren Texten und Aktionen heute noch immer so beeindruckt und berührt. Denn trotz ihrer Jugend waren die drei, die mit ihren weiteren Freunden zur Widerstandsbewegung Die weiße Rose gehörten, sehr viel klarer und entschlossener in ihrem Willen, etwas gegen das Unrechtsregime der Nazis zu tun, als vermeintliche Erwachsene. Innerhalb kürzester Zeit, vom Sommer 1942 bis Frühjahr 1943, taten sie in sechs Flugblättern ihren Abscheu gegen das Regime kund, riefen zu passivem Widerstand und Sabotage auf, klagten den Massenmord an den Juden an und erkannten, dass ein föderales Staatssystem für Deutschland das einzig richtige wäre. Während die Widerständler der Wehrmacht um Graf Stauffenberg noch zögerten, klagte die Jugend aus München an und ging „grad und frei durchs Leben“, im vollen Bewusstsein der tödlichen Konsequenzen, die ihr Handeln haben könnte und schließlich hatte. So sind sie auch ein Dreiviertel Jahrhundert nach ihrem Tod immer noch Vorbild und Mahner.

schollIch habe mit 14 die sechs Flugblätter der Weißen Rose zum ersten Mal gelesen, in dem Buch der Scholl-Schwester Inge, das zu den Klassikern in Bezug auf die Veröffentlichungen zur Widerstandsgruppe gehört und Anfang der 1950er Jahre herauskam. Mag man heute der 1998 verstorbenen Inge Scholl auch Befangenheit vorwerfen, so ist für mich ihre Nähe zu den Geschwistern doch ein wichtiger Aspekt und ihr Text ein Dokument, das durch die zeitliche Nähe an den damaligen Geschehnissen auch heute noch besticht.

Für einen differenzierteren Blick auf Sophie eignet sich ein weiterer Klassiker, das preisgekrönte Jugendsachbuch Das kurze Leben der Sophie Scholl von Hermann Vinke, ausgezeichnet mit den Jugendliteraturpreis. 1980 hat er Inge Scholl und Fritz Hartnagel, Sophies Freund, zum Interview getroffen, dazu Weggefährten wie Traude Lafrenz, Otl Aicher und andere. Er lässt sie alle zu Wort kommen und zitiert aus den Tagebüchern von Sophie und Willi Graf. So entsteht ein vielschichtiger Bericht von Sophies Kindheit und Jugend, von ihrer künstlerischen Begabung, ihrer Lebensfreude – und wie sich im Laufe weniger Jahre aus einem BDM-Mädel ein kritischer Geist entwickelte.

schollWer sich auf bildlicher Ebene der Vorzeigefigur der Weißen Rose nähern will, kann seit 2015 auch zur Graphic Novel von Heiner Lünstedt und Ingrid Sabisch greifen. Auf wenigen Seiten zeigen Autor und Illustratorin die prägenden Momente in Sophie Scholls Leben und legen für die Darstellung ihres Charakters vor allem ihre Briefe an Fritz Hartnagel zugrunde.
Sophies unnachgiebige Haltung setzen Lünstedt und Sabisch überzeugend in Szene, sodass Jugendliche, die vielleicht nicht ganz so gerne dicke Bücher lesen, hier zumindest einen elementaren Einstieg in das Thema der Weißen Rose findet.

Bei der Masse der Publikationen, die seit Jahren auf dem Markt sind, bleiben diese drei Empfehlungen natürlich nur eine kleine Auswahl. Erstaunlich finde ich, dass mir bis jetzt noch kein Roman über die Weiße Rose untergekommen ist. Mag sein, dass ich ihn übersehen habe (bitte klärt mich auf, falls es einen Roman gibt), doch außer den Verfilmungen (Die Weiße Rose, 1982, und Sophie Scholl – Die letzten Tage,  2005, es gibt noch ein paar andere, die ich jedoch nicht kenne) fehlt mir eigentlich eine romanhafte Erzählung, die über eine sachliche Biografie hinausgeht.

Was es jedoch in Sachen Widerstand der Jugend im NS-Regime momentan gibt, ist der Debütroman Bis die Stern zittern von Johannes Herwig. Darin geht es um die sogenannten Meuten von Leipzig, lockere Jugendgruppen, die sich gegen die staatlich aufgezwungenen Organisationen wie HJ und BDM stellen.

Held von Herwigs Roman ist der 16-jährige Harro, der im heute so coolen Stadtteil Connewitz lebt und mit eben diesen HJ-Leuten nicht klar kommt. Viel lieber hängt er mit der Swing-Jugend ab, die Lederhosen, weiße Kniestrümpfe und Karo-Hemden tragen, und bei der auch die Mädchen mal in kurzen Hosen auftauchen. Die Clique fällt auf und eckt an. Doch sie lassen sich erst einmal nicht abschrecken, prügeln sich mit den Regimetreuen und hängen schließlich sogar eine Glosse gegen die Nazis in Schaukästen auf.

Herwigs Verdienst ist es, dass er mit diesem Buch den Fokus auf eine bis heute ziemlich unbekannte Widerstandsbewegung lenkt. Das ist unzweifelhaft wichtig.
Persönlich hat mir bei der Lektüre dieses Erstlingswerk ein bisschen das Lektorat gefehlt, gibt es doch ziemlich viele schräge Vergleiche („Ich klappte den Mund auf und zu wie ein Wolf.“, S. 121, „Sein Blick stach wie ein Bajonett.“, S. 122) und unstimmige Bilder. Diese wirken mir zu gewollt literarisch und gleiten dann manchmal ins unfreiwillig Komische ab, vor allem, wenn sich die Körperteile verselbständigen („Meine Innereien rannten nach oben, nach unten, zur Seite.“, S. 100, „Meine Augen folgten den Ohren.“, S. 127). Hier musste ich mich etwas zusammenreißen, das Buch nicht gleich wieder wegzulegen – denn es packt einen doch und die Erinnerung an die Meuten ist einfach ein zu wichtiges Puzzleteil im Komplex des jugendlichen Widerstands, zu dem auch die Kölner Edelweißpiraten gehören.

Bleibt zu hoffen, dass die heutige Jugend früh genug mit den verschiedenen Formen des Widerstands bekannt gemacht wird, um selbst eine Haltung zu beziehen. Denn wir können leider nicht mehr sagen: „Wehret den Anfängen!“ – dazu sind die Rechtspopulisten und -radikalen schon wieder viel zu salonfähig geworden. Vielmehr sollte es heute wieder heißen: „Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen; die Weiße Rose lässt Euch keine Ruhe!“

Inge Scholl: Die Weiße Rose, Fischer Verlag, 16. Auflage 2013 (1952), 208 Seiten, 7,95 Euro

Hermann Vinke: Das kurze Leben der Sophie Scholl, Ravensburger, 20. Auflage 2017 (1980), 219 Seiten, ab 14, 7,99 Euro

Heiner Lünstedt: Sophie Scholl. Die Comic-Biografie, Illustration: Ingrid Sabisch, Knesebeck, 2015, 56 Seiten, 29,95 Euro

Johannes Herwig: Bis die Sterne zittern, Gerstenberg Verlag, 2017, 240 Seiten, ab 14, 14,95 Euro

Gegen die schädlichen Geheimnisse

missbrauchMomentan vergeht kein Tag, an dem nicht über #metoo und sexuellen Missbrauch in welcher Ausformung auch immer diskutiert wird. Lange genug haben die Betroffenen geschwiegen, aus Angst, aus Scham, aus Gründen, die in verqueren Machtstrukturen in unserer Gesellschaft und in unserem Arbeitsleben zu suchen sind.
Doch wenn es erwachsenen Menschen schon so schwer fällt, den Mund aufzumachen, zu berichten, anzuklagen oder rechtzeitig Nein zu sagen – wie soll es da erst Kindern ergehen, die solchen Übergriffen in ähnlicher Weise ausgesetzt sind und dabei nicht über das Wissen und das Vokabular verfügen, sich Hilfe zu suchen?

Das Bilderbuch Für das Geheimnis bin ich zu klein von Autorin Ilona Lammertink und Illustratorin Nynke Talsma befasst sich genau damit. Es erzählt von Joost, der gern mit Mama und Papa im Bett kuschelt und sich auf sein Geschwisterchen freut, das bald auf die Welt kommen soll. Nur soll er von diesem Geheimnis noch nichts erzählen.
Auch im Kindergarten lernt Joost, was es heißt, ein Geheimnis zu bewahren: Die Kinder basteln etwas für ihre Papas. Das sind lauter Geheimnisse, die Joost sehr gut für sich behalten kann. Für solche Geheimnisse ist er groß genug.

An einem Abend passt Frank auf Joost auf, weil Mama und Papa ausgehen. Frank ist 17, fährt Mofa, und Joost findet ihn ziemlich cool und lustig. Doch an diesem Abend steckt Frank ihn in die Badewanne und macht sehr seltsame Witze. Dann küsst er Joost auf den nackten Popo und den ganzen Körper. Schließlich wäscht Frank ihn mit einem Waschlappen, obwohl Joost es schon selbst kann. Er umfasst Joosts Penis und lässt ihn gar nicht mehr los. Als er den Jungen abtrocknet, droht er Joost, dass dieser ihr Geheimnis absolut niemandem erzählen darf.
Joost bekommt Angst. Für dieses Geheimnis ist er zu klein.

Ja, in diesem Buch wird der sexuelle Übergriff des Babysitters ganz offen angesprochen. Und genau das ist wichtig und gut. Lammertink redet nicht um den heißen Brei herum, sondern macht deutlich, dass kleine Kinder ganz genau merken, wenn jemand ihre persönlichen Grenzen überschreitet, sie missbraucht und unter Druck setzt. Dass beim Lesen und Schauen kein traumatisierender Schrecken aufkommt, ist das Verdienst der warmen flächigen Tuschezeichnungen von Nynke Talsma, die dem Missbrauch zwar zwei Doppelseiten einräumt, aber sonst die liebevolle Umgebung zeigt, in der Joost aufwächst.

Denn Joost hat zum Glück sensible Eltern, die schnell merken, dass den Sohn etwas bedrückt. Sie bieten ihm an, über alles zu reden.
Als Frank ein weiteres Mal auf Joost aufpassen soll, versteckt sich der Junge im Gartenhäuschen. Die Eltern begreifen, dass etwas vorgefallen sein muss, und bringen Joost liebevoll dazu, ihnen alles zu erzählen.

Lammertink erzählt diese Geschichte aus der Perspektive von Joost, begibt sich somit auf Augenhöhe mit dem Protagonisten, was dieses Buch zu einem sinnvollen Begleiter von missbrauchten Kindern machen kann. Sie und die Übersetzerin Sonja Fiedler-Tresp geben den Kindern die Worte, mit denen sie über solch unzumutbare Geheimnisse sprechen können. Sie zeigen ihnen, dass es wichtig ist, über das Geschehene zu sprechen, um sich von der Angst und dem Gefühl des Ausgeliefertseins zu befreien. Vorbildlich verhalten sich hier die Eltern, die Joost mit seinem Schmerz und seiner Angst nicht allein lassen.

Der Geschichte ist ein Anhang für die Eltern beigefügt, der sie über die Anzeichen von sexuellem Missbrauch beim eigenen Kind aufklärt und erläutert, wie man mit offenen Fragen und ohne Zwang mit dem Kind reden sollte. Auch die eigenen Gefühle, Vermutungen und Vorwürfe sollten die Erwachsenen lieber für sich behalten – und gerade diese Hinweise sind in einer Zeit, in der alles sofort bewertet und in Schubladen gesteckt wird, enorm wichtig. Denn bei all dem eigenen Entsetzten, was dem geliebten Kind angetan wurde, geht es in erster Linie darum, dass das Kind wieder Vertrauen und Lebensfreude findet. Und dabei ist dieses Bilderbuch ein wertvoller Schatz.

Ilona Lammertink: Für das Geheimnis bin ich zu klein, Übersetzung: Sonja Fiedler-Tresp, Illustration: Nynke M. Talsma, Ellermann, 2018, 32 Seiten, ab 4, 15 Euro

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Der Mann mit der Goldfarbe

KlimtHeute vor 100 Jahren starb der Wiener Maler Gustav Klimt, uns Erwachsenen bekannt für seine goldbeherrschten Gemälde wie „Der Kuss“ oder „Die goldene Adele“. Als ich in Wien vor seinen Werken stand, bekam ich den Mund kaum zu und war seltsam berührt.

Damit auch Kinder etwas mit diesen außergewöhnlichen Jugendstilwerken etwas anfangen können, hat die Autorin Nora Rath-Hodann das Leben Klimts zum Thema eines Buches gemacht. Darin erzählt sie ihrer Tochter Julie, die so gern ins Museum geht, die Geschichte es berühmten Malers – zumeist direkt vor den Bildern, denn die beiden wohnen in Wien.

So wird aus Julies Neugierde ein überaus interessanter und kindgerechter Einblick in ein anfangs prekäres Künstlerleben um die Jahrhundertwende. Die erste Auftragsarbeit für Kaiserin Elisabeth bringt Gustav Klimt Geld für eine Deutschland- und Italien-Reise, derTod von Vater und Bruder schlägt sich in düsteren Bildern nieder. Klimt wird Familienoberhaupt, ohne verheiratet zu sein, und trägt die Verantwortung für sieben Frauen. So malt er sie gern, die Frauen, auch nackt, und schreckt vor Skandalsujets nicht zurück. Er experimentiert mit Formen und Farben, entwickelt seine eigene Bildsprache.

Julie will jedoch nicht nur etwas über die Bilder wissen, sondern auch über den Charakter Klimts selber. So erfährt man von seinem Barfuß-Tick und seinen schlechten Tischmanieren, aber auch von seiner Gutmütigkeit. Mit Geld konnte er wohl nicht umgehen, dafür genoss er das Leben zu sehr – was man sich in Wien nur zu gut vorstellen kann.

So erkunden Mutter und Tochter die Bilder der verschiedenen Phasen Klimts und ihre Geheimnisse, bewundern die Farben und versteckten Figuren, rätseln, was sich der Künstler wohl dabei gedacht hat – oder was die Dargestellten wohl empfunden haben.

Mit diesem liebevoll gemachten Bändchen, an dessen Ende die wichtigsten Bilder Klimts abgedruckt sind, und dessen Erzähltext mit eindrucksvollen Illustrationen von Peter Diamond ausgestattet ist, die die Stilrichtungen Klimts noch zusätzlich verdeutlichen, bekommt jede_r heranwachsende Kunstliebhaber_in einen vorzüglichen ersten Eindruck in das Schaffen von Gustav Klim.
Wien-Reisenden sei dieses Werk als Begleitlektüre für die Museumsbesuche empfohlen. Es lässt sich in den Pausen zwischen einer Sehenswürdigkeit und dem nächsten Kunstwerk gut vorlesen.

Nora Rath-Hodann: Klimt. Erzählt für Kinder, Illustration: Peter Diamond, JGIM Verlag, 2017, 80 Seiten, ab 6, 14,49 Euro

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Von Visionen und Tatsachen

zerocalcareSeit ein paar Wochen wird im Norden Syriens wieder gekämpft. Nicht gegen den IS, sondern dieses Mal geht die Türkei gegen die Kurden vor. Die Verhältnisse sind so verwickelt, dass ich nicht behaupten kann, ich hätte da irgendwie den Durchblick. Fakt ist, dieser Krieg ist mal wieder schrecklich und unsinnig. So wie jeder Krieg.

Wer auf unkonventionelle Weise ansatzweise etwas über die Verhältnisse im Norden Syriens und in den Kurden-Gebieten dem sei – nun endlich mal – die Graphic Novel Kobane Calling des Römers Zerocalcare, in der Übersetzung von Carola Köhler, sehr empfohlen.

Bereits vor knapp vier Jahren war der Comiczeichner mit Freunden im kurdisch-syrischen Grenzgebiet, um humanitäre Hilfsgüter zu liefern. Doch bei dem einen Tripp ist es nicht geblieben, Zerocalcare, der in Rom das kurdische Zentrum frequentiert, fährt ein zweites Mal hin, um Überwachungskameras nach Kobane zu bringen.

In klaren schwarzweiß Zeichnungen schildert Zerocalcare die charmante Mischung aus Naivität, einem großen Herzen und Chaotentum, mit der die italienische Hilfstruppe losreist und auf die harte Realität im umkämpften Grenzgebiet trifft. Sie erleben Kämpfer, die nicht wie Rambo aussehen, auf Zollbeamte, die sich nicht verarschen lassen und die Kameras beschlagnahmen, auf Frauen, die mit Waffen umgehen können und mutiger sind als so mancher Kerl. Sie erfahren von den unterschiedlichen Schicksalen der Bevölkerung, und obwohl die Kameras weg sind, reisen sie weiter.

Das Ganze entwickelt sich zu einem Roadtrip, bei dem sie über das irakische Erbil, das erstaunlicherweise eher einem Wprk-in-progress-Dubai gleicht, nach Syrien einreisen. Sie schaffen es mit viel Geduld und Telefonaten bis nach Kobane, der Stadt, deren Bewohner den IS wieder vertrieben und die seit dem als Inbegriff des Widerstands gilt. Zudem ist Kobane die Hauptstadt des nicht-anerkannten Kurdenstaats Rojava, dessen Gesellschaftsvertrag, den Zerocalcare zitiert, das Ideal eines demokratischen Staates zeichnet, in dem Frauen komplett gleichberechtigt sind, Religionsfreiheit herrscht und die Todesstrafe abgeschafft ist. Das Pazifistenherz des Zeichners schlägt höher. Und wo sie schon mal in der Gegend sind, reist die Gruppe auch noch weiter nach Kandil, dem eigentlich unzugänglichen Kerngebiet der PKK.

Bei all dem geht Zerocalcare jedenfalls immer wieder der Arsch gehörig auf Grundeis. Die nahen Bombeneinschläge, die Kontrollen, eine handylose Zeit, die Nähe des IS und die überall drohenden Gefahren treiben ihm den Angstschweiß auf die Stirn. Und über seine aufgerissenen Augen macht er seine Emotionen perfekt sichtbar. Dennoch ist er mutig genug weiterzufahren, sich mit den Menschen auseinanderzusetzen und die heimischen Politiker der Heuchelei zu bezichtigen, die Hilfe versprechen und doch offensichtlich keine Ahnung von den wahren Zuständen haben.

Am Ende der Graphic Novel ist die Geschichte nicht zu Ende. Das wissen wir aus den aktuellen Nachrichten nur zu gut. In diesem Sinne ist sie aber ein wertvolles Mosaikstückchen, um die undurchschaubaren Vorgänge im kurdischen Grenzgebiet wenigsten ein My besser zu verstehen.

Diese Graphic Novel ist aus vielerlei Gründen kein Sonntagsspaziergang. Sie ist prall gefüllt mit Texten und Informationen. Als Übersetzerin aus dem Italienischen habe ich sie bereits 2016 im Original gelesen und kurz überlegt, ob ich sie übersetzen wollen würde, falls ich je gefragt würde (was eh nicht passiert wäre, weil ich nicht die richtigen Kontakte habe).
Mittlerweile bin ich froh, dass dieser Kelch an mir vorübergegangen ist, denn was mir über die Honorierung der exzellenten Übersetzung durch Carola Köhler zu Ohren gekommen ist, hat mich entsetzt. Natürlich sind Comic-Produktionen kostspielig und Übersetzungen gibt es auch nicht gratis, aber solch anspruchsvolle Texte, wie der von Zercocalcare, voll römischem Slang und italienischer Umgangssprache, dazu all die Realien aus dem Kriegsgebiet und die unzähligen Anspielungen des Autors, die die Übersetzerin zum Teil mit erklärenden Fußnoten versehen hat, sollten schon angemessener entlohnt werden, als es in diesem Fall geschehen ist.
Darum können wir Carola Köhler nur danken, dass sie mit so viel Idealismus, Herzblut und Leidenschaften dieses Mammutwerk in kürzester Zeit (das auch noch!) für ein viel zu geringes Honorar so vorzüglich ins Deutsche gebracht hat.

Was im rein optischen Vergleich von italienischem Original und deutscher Ausgabe noch auffällt, ist das unterschiedliche Lettering. Auch das ist ein Problem der Graphic-Novel-Übersetzungen, lettern doch die Comic-Künstler meist von Hand und schaffen so jedes Mal einen neuen Schriftfont – und viel wichtiger, damit ein stimmiges Gesamtbild eines Panels.
Zerocalcare, der 2015 mit Dimentica il mio nome (nicht ins Deutsche übersetzt) für den Premio Strega nominiert war, hat in seiner italienischen Version in einer ziemlich großen Versalienschrift die Sprechblasen gefüllt, ohne viel Weißraum.
Ohne diese raumgreifenden Texte ist die ganze Geschichte nicht zu verstehen. Hier kann man nicht einfach durchblättern und versteht bereits über die Bilder alles. Hier muss man lesen, um an die Informationen zu kommen. Daher ist für mich die Größe der Schrift auch ein Zeichen der Wichtigkeit der Inhalte.
Im Deutschen ist eine offensichtliche Maschinen-Versalienschrift zum Einsatz gekommen, die kleiner ist und mehr Platz in den Sprechblasen lässt. Das mag Puristen, die es gern luftig haben, erfreuen. Doch damit geht komplett der punkig-rotzige Charme von Zerocalcares Texten verloren. Die deutsche Fassung wirkt auf mich so viel geordneter und distanzierter. Doch genau das ist, meiner Meinung nach, nicht die Intention von Zerocalcare gewesen. Er war dicht dran, er hat versucht, diese Distanzen zu überwinden, und es ging auf seiner Reise in dieses umkämpfte Gebiet eben nicht immer ordentlich zu.

Doch das lese ich nun – zugegebenermaßen erst im Vergleich – aus seinem Werk auch heraus. So wäre es natürlich schön gewesen, wenn es in der deutschen Fassung ein ähnliches Handlettering mit all den Unebenheiten und bis zum Rand ausgefüllten Sprechblasen gegeben hätte. Aber auch das wäre wieder einmal teuer geworden und hätte den Copy-Preis für eine Ausgabe in solche Höhen getrieben, der einfach nicht mehr zu vertreten gewesen wäre. Und das ist leider immer noch ein echtes Dilemma beim Übersetzen von Graphic Novels.

Zerocalcare: Kobane Calling, Übersetzung: Carola Köhler, avant-Verlag, 2017, 272 Seiten, 24,95 Euro

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Zum Nachmachen empfohlen…

In Hamburg schneit es bekanntlich äußerst wenig. Große Ausnahme war vergangene Woche der Tag, an dem Orkan Friederike durch MItteldeutschland tobte. Hier im Norden war von Wind nichts zu spüren, dafür aber legte sich eine weiße Schneeschicht über die Stadt. Es sah einfach wunderschön aus.

Als ich nun dieser Tage in meiner liebsten Buchhandlung Marissal am Rathaus war, die für ihr exzellentes Bilderbuchsortiment bekannt ist, kam ich mit der Chefin unter anderem über den Schnee ins Gespräch und noch ehe ich es mich versah, zeigte sie mir voller Begeisterung ein Schneeflocken-Bilderbuch, das es in keiner Verlagsvorschau gibt.

Denn diese winterliche Geschichte, der dicken Schneeflocke Gisela, die eigentlich keine Lust hat, den langen Weg runter von ihrer Wolke zur Erde zu machen, haben sieben Kinder im Haus der Jugend Kiwittsmoor in Hamburg-Langenhorn selbst gestaltet.
Bei der Veranstaltung mit dem Titel „Wir illustrieren ein Kinderbuch“ haben sich junge Besucher der Jugendbegegnungsstätte Gedanken zu der Geschichte von Gisela gemacht und sind dann kreativ tätig geworden.
Gemeinsam haben sie zunächst verschiedene Mal- und Basteltechniken ausprobiert – mit Tusche und Aquarellfarben, Wachsmalstiften, Frottagen und Marmoriertechnik. Aus den kunterbunten Ergebnissen haben die kleinen Künstler dann passenden Formen und eindrückliche Figuren ausgeschnitten und jeweils eine Seite der Geschichte gestaltet.
Die Illustratorin Jana Walczyk hat anschließend alles professionell gelayoutet und wunderschön gesetzt, sodass nun ein leichtes und luftiges Schneeflocken-Abenteuer für die Kleinsten herausgekommen ist.

Denn Gisela macht sich natürlich auf den Weg zur Erde, wo sie von den Kindern schon sehnlichst erwartet wird. Das können vor allem die Hamburger richtig gut nachvollziehen, eben wegen der seltenen Schneefälle.

Was mich jedoch an dem ganzen Projekt zusätzlich bewegt, ist, dass man mit kleinen Mitteln – einer kurzen Geschichte, Papier, Farben und Kreativität – Kindern zeigen kann, was sie alles selbst gestalten können. Und dass aus ihren Ideen und ihrem Einsatz ein eigenes Buch werden kann, dass in der Buchhandlung am Hamburger Rathausmarkt im Schaufenster steht. Auf dieses entzückende Kunstwerk können die Macherinnen aus dem Haus der Jugend Kiwittsmoor jedenfalls bannig stolz sein!
Zudem hege ich die Hoffnung, dass durch solche kreativen Projekte, die Kinder noch mehr zu Büchern greifen – und ihren Wert und die viele Arbeit, die in jedem einzelnen steckt, ein Stückchen mehr begreifen.

Meyering und Walczyk haben die Geschichte als Hardcover in einer Auflage von 25 drucken lassen. Ich wünsche diesen engagierten Menschen, dass sie bald nachdrucken lassen müssen. Denn diese kleine Bilderbuchperle hat es alle mal verdient, von vielen kleinen schneeflocken-liebenden Kindern betrachtet zu werden.

Haus der Jugend Kiwittsmoor: Die Schneeflocke Gisela, Text: Corinne Meyering, Illustrationen von Ebru, Jessica, Katerina, Leonie, Lion, Melanie und Ulrike, Layout: Jana Walczyk, 2017, 26 Seiten, ab 3, 12,95 Euro zu bestellen bei der Buchhandlung Marissal in Hamburg

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Tiere machen Sachen

Am Anfang des neuen Jahres räume ich immer etwas rum – und dieses Mal ist mir aufgefallen, dass ich da noch eine ganze Reihe von Bilderbüchern liegen habe, die ich hier noch gar nicht gewürdigt habe. Obwohl sie es allesamt verdient haben. Das muss jetzt auf der Stelle nachgeholt werden.

Thematisch haben diese Werke alle tierische Hauptfiguren – die uns unterhalten, verwundern, amüsieren und von denen wir und eine ganze Scheibe abschneiden können.

Da wäre dann gleich mal zum aufräumenden Anfang der Dachs, der es in Emily Gravetts Bilderbuch gern ordentlich hat. Er lebt im Wald, wo er alles Mögliche stutzt und schneidet, dem Fuchs den Schwanz striegelt, Laub saugt und alles mit Stumpf und Stiel wegschafft. Der Gute gerät in so einen Wahn, dass er vor nichts Halt macht – mit drastischen Folgen: Der Wald verschwindet und stattdessen erstreckt sich dort eine glatte saubere Betonfläche. Doch auch ein Dachs kann dazulernen und Fehler eingestehen.
Die wunderbaren Reime von Uwe-Michael Gutzschhahn mildern die krassen Konsequenzen, die so ein rigoroses Vorgehen gegen die Natur haben kann, zwar ein bisschen, aber der Denkanstoß, in Zeiten, wo die Insekten wegsterben, ist gesetzt: Mehr Respekt vor der Natur tut uns allen gut!

Auch im Wald leben Hase, Igel, Eule und Maulwurf, in Jadwiga Kowalskas Bilderbuch Ich bin ein Wolf, sagt Hase. Die vier sind beste Freund und spielen gern Verstecken. Nur leider muss Hase abends immer allein nach Hause und hat Angst vor dem Wolf.
Eines Tages kommt er auf die Idee, sich selbst als Wolf zu verkleiden, dann muss er keine Angst mehr vor gar nichts haben. Eigentlich gar nicht so dumm, doch leider erkennen ihn nun seine Freunde nicht mehr … Hases Erkenntnis zeigt ganz charmant, dass es nicht immer sinnig ist, den großen Macker zu spielen. Denn das kann ziemlich einsam machen. Und gemeinsam mit Freunden verschwinden manchmal auch die Ängste ganz von selbst.

Wenn man jedoch partout etwas anderes machen möchte als im Alltag, kann man sich an Elch Erasmus ein Beispiel nehmen. Inspiriert von einer wahren Geschichte erzählt Franziska Walther ohne Worte in Hoch hinaus, wie dieser Elch sich aufmacht.
Aus dem hohen Norden wandert er los, überquert schneebedeckte Berge, weite Felder, schwimmt durch Flüsse und landet in einer Stadt. Erasmus schaut sich um, lässt sich mit Äpfeln füttern und scheut nicht davor zurück, einem Kaufhaus einen Besuch abzustatten. Doch auf dem Dach gerät er in eine Falle und muss sich einen Weg überlegen, wie er von dort wieder fortkommt.
In herrlich kräftig knalligen Farben schickt Walther den Elch durch die Welt – und zeigt, dass man es mit Neugierde, Mut und Fantasie sehr weit bringen kann. Man muss nur den ersten Schritt machen.

Ebenfalls ohne Worte kommt das optisch ganz großartige Bilderbuch der Italienerinnen Giovanna Zoboli und Mariachiara di Giorgio aus.
Wir lernen ein Krokodil kennen, begleiten es durch den Tag: Morgens um sieben klingelt der Wecker, Krokodil trägt einen gestreiften Pyjama und Pantoffeln, es putzt sich Zähne und sucht sich sorgsam einen Schlips aus, der zum gelben Hemd mit den roten Punkten passt. Dann gibt es Frühstück, danach verlässt Krokodil den Altbau, in dem er wohnt. Zwischen hetzenden Menschen, die am Handy telefonieren und rücksichtslos Auto fahren, durchquert es die Stadt, nimmt die Metro, in der auch eine sonnenbrillentragende Giraffe und ein Affe mit Mütze und Schal fahren. Krokodil erledigt seine Einkäufe, Blumen und Fleisch, bis er schließlich bei seinem Arbeitsplatz ankommt.

In zarten Bildern aus Buntstift, Kohle und Aquarellfarben erschaffen Zoboli und di Giorgio ein sehr vertrautes Stadtbild, mit einer finalen Überraschung, die einem ein Lächeln entlockt – und bei dem man denkt: „Na, klar, das konnte ja gar nicht anders sein.“
Mich entzückt diese Buch zudem, weil Krokodil mich mal wieder an Bernard Wabers Bilderbuch Das Haus in der Lindenallee erinnert hat, in dem schon 1962 ein Krokodil Einzug in das normale Leben hält. Ja, denn auch Krokodile haben einen Alltag.

Und ist es dann nach all dem Bilderbuch-Gegucke die Zeit zum Schlafen gekommen, empfiehlt sich für kleine Energiebündel, die noch nicht ins Bett wollen, der Reim-Spaß von Andrea Schomburg.

Sie schildert das Schicksal von Schaf Regine, das zur Schäfchen-Schlafenszeit mal wieder nicht einschlafen kann. Auch Schäfchen zählen funktioniert so gar nicht.
Aber Regine gibt nicht auf und macht sich auf die Suche nach Herrn Schlaf: beim Schäfer, im Pferde- und auch im Schweinestall ist er allerdings nicht zu finden.
Als Erwachsener leidet man ein bisschen mit dem knuffigen Schaf – ganz reizend hat Karsten Teich das Getier in Szene gesetzt – aber Regines Plan, dann eben die Nacht über wach zu bleiben, geht auch nur kurz auf … Bleibt nur zu hoffen, dass es bei der Gutenachtlektüre nicht zu abendlichen Aktivitäten animiert.

Emily Gravett: Aufgeräumt!, Übersetzung: Uwe-Michael Gutzschhahn, Sauerländer, 2017, 40 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

Jadwiga Kowalska: Ich bin ein Wolf, sagt Hase, Atlantis, 2017, 32 Seiten, ab 4, 14,95 Euro

Franziska Walther: Hoch hinaus, Kunstanstifter, 2017, 40 Seiten, 22 Euro

Giovanna Zoboli/Mariachiara di Giorgio: Krokodrillo, Bohem, 2017, 32 Seiten, ab 3, 16,95 Euro

Andrea Schomburg: Wie das Schaf den Schlaf fand, Illustration: Karsten Teich, Sauerländer, 2017, 32 Seiten, ab 4, 14,99 Euro

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Parole Emil!

kerrWer LETTERATUREN einigermaßen regelmäßig besucht, weiß, dass Erich Kästner hier einen festen Platz hat. Währen der Feiertage bin ich auf zwei verschiedene Arten mit Erich Kästner konfrontiert worden – und das mit sehr anregenden Folgen.
Zum einen lief vor Kurzem Erich Kästner und der kleine Dienstag im TV und lieferte eine bewegende Teil-Biografie dieses großartigen Schriftstellers, die sich auf sein Leben während der Nazi-Diktatur konzentrierte. Wer diesen Fernsehfilm noch irgendwo sehen kann, sollte dies unbedingt tun.

Eine ähnliche Geschichte findet sich im Kinderbuch des Briten Philip Kerr. In Friedrich der große Detektiv stellt er Erich Kästner einen fiktiven Nachbarsjungen zur Seite. Friedrich ist großer Kästner-Fan, hat Emil und die Detektive seit Erscheinen jeden Monat einmal gelesen und möchte nun ebenfalls Detektiv werden. Bis es soweit ist, spürt er zusammen mit seinen Freunden Albert und Viktoria verlorene Gegenstände auf und bringt sie zur Polizei. Doch die Zeiten sind im Wandel und das Vertrauen in die Polizei geht verloren. Das müssen die Kinder feststellen, als sie einen toten Maler (und Freund Kästners) im Tiergarten finden. Denn die Nazis haben die Macht übernommen, und Erich Kästner macht Friedrich und seinen Freunden klar, dass es nicht klug wäre, weiter Detektiv zu „spielen“.

Was Kerr hier auf sehr charmante und respektvolle Weise gelingt, ist es, einen Einblick in die Veränderungen des Alltags während der Nazi-Herrschaft zu geben. Friedrich ist ein aufgeweckter Junge, der durchaus mitbekommt, wie sich die Gesellschaft ziemlich schnell wandelt. Sein eigener Bruder wird erst Mitglied der HJ, später tritt er der SS bei. Durch die Freundschaft zu Kästner erlebt Friedrich die Bücherverbrennung auf dem Opernplatz mit und erkennt nach und nach, dass immer mehr Menschen (Kommunisten, Schwule, Juden) verschwinden.
Er bekommt zudem mit, dass Kästner nicht mehr arbeiten darf, aber das Land aus Rücksicht auf seine alte Mutter nicht verlassen will.

Kerr zeichnet ein eindrückliches Bild vom Berlin der 1930er-Jahre. Neben Erich Kästner lässt er Walter Trier, den Illustrator von Kästners Büchern, aber auch Max Liebermann und die Darsteller der Billy-Wilder-Verfilmung von Emil und die Detektive auftreten. Er schreibt jedoch keine Fortsetzung des Kästner-Buches, sondern verneigt sich respektvoll vor Kästner. Gleichzeitig macht er den jungen Leser_innen anschaulich klar, wie schwierig und gefährlich das Leben unter den Nazis war. Kästners kritischen Ton schlägt er an, ohne moralisch zu werden.

Ohne Bitterkeit geht es jedoch auch bei Kerr nicht aus – dafür ist die Zeit damals einfach zu grausam gewesen. Junge Leser_innen lernen hier jedoch, die Zeichen zu erkennen, die solchen Katastrophen, in die die Nazi die Menschen gestürzt haben, frühzeitig zu erkennen.
Bei der allgemeinen rechtslastigen Lage in der Welt ist das eine Fähigkeit, die heute gar nicht hoch genug geschätzt werden kann.

Für mich bedeutet dieses zufällige Kästner-Doppel zudem, dass ich mich endlich mehr mit dem Menschen Kästner beschäftigen möchte, mal wieder Fabian sowie Drei Männer im Schnee als Hörbuch genießen könnte. Und dann endlich mal die restlichen Kinderbücher von ihm lese, die ich immer noch nicht kenne. Ich glaube, das könnte als Literatur-Challenge für das noch junge Jahr durchgehen!

Philip Kerr: Friedrich der große Detektiv, Übersetzung: Christiane Steen, Illustration: Regina Kehn, Rowohlt Verlag 2017, 256 Seiten, ab 11, 14,99 Euro

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Der Geist wahrer Geschenke

paketAuch am heutigen Heiligabend werden in den meisten Familien wieder unzählig Geschenke gemacht. Sinnige und unsinnige. Große und kleine. Schöne und enttäuschende.
Die Wirtschaft und die Ladenbesitzer freut es, aber macht all dieser übermäßige Konsum uns wirklich glücklich?

Linda Wolfsgruber und Gino Alberti haben da eine etwas andere Vorstellung vom Schenken. In ihrem Bilderbuch Das rote Paket, das vor zwanzig Jahren zum ersten Mal herausgekommen ist, erzählen sie, was Schenken wirklich bedeuten kann.
Dazu schicken sie die kleine Anna in den Winterferien zu Oma aufs Land. An einem Tag ist Oma mit dem Einkaufen schneller fertig als sonst. Niemand hatte Zeit zum Plaudern, alle hetzten nur durch die Gegend.
Da kommt Oma auf die Idee, ein rotes Paket zu schnüren – das niemand öffnen darf. Anna und Oma bringen es dem allein stehenden Förster: Es soll ihm Glück und Zufriedenheit bringen. Der Förster stahlt … und schenkt das geheimnisvolle Paket weiter. Nun soll es dem Schornsteinfeger endlich einmal Glück bringen. Und so geht das rote Paket auf Wanderschaft. Von Hand zu Hand: Es macht ein krankes Kind gesund, verbreitet Spaß und Spannung, tröstet den Bäcker über seine verbrannten Brote und führt Nachbarn zusammen.

Je weiter man liest, schaut und blättert, umso klarer wird, dass es nur wenig braucht, um Menschen glücklich zu machen. Das muss kein großes, teueres Bling-Bling sein, sondern ein lieber Gedanke, ein bisschen Zuwendung, ein paar aufmerksame Worte oder etwas Trost können sehr viel mehr bedeuten.
Gerade in den gegenwärtigen Zeiten des Immer-Mehr und Immer-Größer kann dieser grundlegende Gedanke nicht oft genug wiederholt werden. Er ist vermutlich nachhaltiger und sinnvoller als blinder Konsum. Denn egal ob kleines Kind oder erfahrener Erwachsener, so gibt es für uns alle doch eigentlich nichts Schöneres als die Liebe und Zuwendung anderer Menschen.

Wer so ein symbolisches Geschenk braucht, findet bei dieser edel aufgemachten Bilderbuch-Neuauflage einen Bastelbogen, mit dem man ein kleines rotes Paket zusammenfügen kann. Und schon lassen sich Glück, Zufriedenheit und Trost verschenken. Auch nach Weihnachten und im neuen Jahr noch. Es braucht gar nicht viel.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen frohe Weihnachten!

Linda Wolfsgruber/Gino Alberti: Das rote Paket, Bohem Verlag, 2017, 32 Seiten, ab 3, 16,95 Euro

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Türchen Nr. 16: Mit Leidenschaft zum Traum!

Hereinspaziert – durch das 16. Türchen des Kinderbuchblogger-Adventskalender! Heute könnt Ihr ein zauberhaftes Bilderbuch für tanzbegeisterte Mädchen gewinnen: Der Schwan. Das Leben der Anna Pawlowa aus dem NordSüd Verlag.

Laurel Snyder und Julie Morstad erzählen darin die Lebensgeschichte der russischen Meistertänzerin Anna Pawlowa.
Alles beginnt damit, dass die Mutter die kleine Anna an einem verschneiten Winterabend in St. Petersburg mit ins Ballett nimmt. Es ist Annas erster Ausflug ins Theater überhaupt. Die Tänzer auf der Bühne faszinieren Anna so, dass in ihr der unstillbare Drang und Wunsch erwacht, ebenfalls zu tanzen. Zuhause übt sie Pirouetten, kann nicht mehr stillsitzen und versucht, so schnell wie möglich in diese Welt der großen Menschen hineinzukommen.

anna

Doch bei ihrem ersten Vortanzen an der Imperial Ballet School wird sie abgelehnt: Sie ist mit acht Jahren einfach noch zu jung.
Zwei Jahre später jedoch wird sie aufgenommen, trotz ihrer zarten Figur und ihren dürren Beinen (was damals noch nicht dem gängigen Ballettideal entsprach) – und nun beginnt eine Tanzkarriere, die fast 40 Jahre andauern soll.
Anna wird zum Schwan, ihrer Paraderolle, die sie zur Musik von Camille Saint-Saens Karneval der Tiere eindrücklich tanzt.

Autorin Laurel Snyder, übersetzt von Elisa Martins, erzählt in kurzen, überaus poetischen Sätzen von dem Durchhaltevermögen Annas, die sich aus ärmlichen Familienverhältnissen zur weltberühmten Diva hocharbeitet. Die wichtigsten Stationen im Leben der Tänzerin werden eher angedeutet, als lang ausgewalzt. Dafür liefern die Illustrationen von Julie Morstad traumhafte Einblicke. Alles an ihnen ist zart: die Figuren, die Striche, die Farben (mit ein paar kräftigen Ausnahmen), die Stoffe der Kleider und Tutus, sodass die Figur Anna scheinbar aus den Seiten zu schweben schein.
Doch die Bilder zeigen auch die harte Arbeit, die dem Balletttanz zu Grunde liegt, deuten die Bewunderung an, die Anna überall auf der Welt entgegenschlägt – und sie zeigen, wie sehr Tanz eine eigene Sprache, eine besondere Ausdrucksform ist, mit der Anna all das sein kann, was sie möchte: eine Königin, ein Geist, eine Libelle!

Und genau so ein Vorbild brauchen Mädchen – jeden Alters: Sie können nämlich alles sein! Im Tanz, aber auch so. Vielleicht brauchen sie dafür einen Traum, dem sie folgen, eine Leidenschaft, die sie nicht loslässt, auf jeden Fall aber brauchen sie Durchhaltevermögen und dürfen sich von Anstrengung und Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen lassen. Das zeigt ihnen die zarte Anna Pawlowa sehr eindrücklich!

Zusammen mit den NordSüd Verlag verlose ich hier nun drei Exemplare dieses wunderschönen Buches. Wenn du eines davon gewinnen möchte, verrate mir bitte unten im Kommentar bis zum 17.12.17, 24 h, welche Leidenschaft oder welchen Traum deine Tochter hat oder was sie im Leben einmal machen möchte? Ich bin gespannt, ob vielleicht eine neue Anna Pawlowa dabei ist – oder eine Forscherin, Raumfahrerin, Schriftstellerin … Denn das Leben ist bunt und vielfältig und das feiern wir!

Wer zum Abschluss Anna Pawlowa tanzen sehen möchte, hat hier Gelegenheit dazu:

Die Liste mit den teilnehmenden Blogs am Kinderbuchblogger-Adventskalender findet Ihr übrigens hier. Morgen geht es weiter bei Papillionis liest.

Laurel Snyder: Der Schwan. Das Leben der Anna Pawlowa, Illustration: Julie Morstad, Übersetzung: Elisa Martins, NordSüd, 2017, 48 Seiten, ab 4, 16 Euro

TEILNAHMEBEDINGUNGEN

  • Die Verlosung beginnt am 16.12.2017 um 0.01 Uhr und endet am 17.12.2017 um 23.59 Uhr.
  • Jeder, der unter diesem Beitrag einen Kommentar hinterlässt, erklärt sich mit den Teilnahmebedingungen einverstanden und kann gewinnen.
  • Teilnahmeberechtigt sind Personen ab 18 Jahren.
  • Über den Gewinner entscheidet das Los.
  • Der Gewinner wird per E-Mail benachrichtigt.

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Von der Last des schlechten Gewissens

BlumaMit dem schlechten Gewissen ist das so eine Sache. Wenn man nicht völlig abgebrüht ist, lässt es einen nicht so schnell wieder los und frisst ganz schön viel Energie.

Das muss auch die neunjährige Bluma im Kinderroman von Silke Schlichtmann erleben. Darin schreibt sich die Protagonistin selbst ihren ganzen Kummer von der Seele, von einer Sache, die Erwachsene vielleicht erst mal als nicht so schlimm empfinden würden – denn wer hat nicht schon mal eine Süßigkeit stibitzt?

Bluma jedoch macht sich fürchterliche Sorgen, weil sie ihrer Nachbarsfreundin Alice, einer unkonventionellen älteren Künstlerin, eine ihrer seltenen, superleckeren, bitzelnden Gummischlangen geklaut hat. Und alles nur, weil Bluma zwei Sorgen auf einmal quälen: Sie hat eine Fünf in Mathe geschrieben und möchte den Hund Flocki der alten Thea Quast bei sich aufnehmen, die ins Altersheim soll. Doch den Eltern beides auf einmal zu sagen, das traut sich Bluma nicht, also wollte sie erst einmal Alice um Rat fragen. Doch die hat ausgerechnet an diesem Tag keine Zeit für Bluma. Allerdings gibt es bei Alice selbstgemachte magische Gummischlangen, die dafür bekannt sind, dass sie bei der Lösung von Problemen helfen.

Das dies jedoch nicht für heimlich geklaute Exemplare gilt, merkt Bluma ganz schnell – zum Glück noch bevor sie die Gummischlange ganz verspeist hat. Irgendwie muss sie jetzt versuchen, das nun allerdings kopflose Tier wieder an seinen Platz zu schaffen. Bei diesem Unterfangen verstrickt sich Bluma jedoch in immer mehr Ausreden, Notlügen und peinliche Situationen, sodass aus dem einst kleinen Fehltritt eine immer größere Last an schlechtem Gewissen wird. Denn alle Versuche, den Fehler unbemerkt wieder gutzumachen, gehen schief.

Silke Schlichtmanns Kinderroman, mit den atmosphärischen, rot-schwarzen Illustrationen von Ulrike Möltgen, ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie man Kinder an die Fragen der Moral heranführen kann. Hier wird nicht von oben herab doziert, was richtig und was falsch ist, sondern Ich-Erzählerin Bluma zeigt, wie sehr ein schlechtes Gewissen intrinsischer Antrieb sein kann, den richtigen Weg zu suchen. Das große Herz der Heldin dürfte jede_n Leser_in entzücken.
Gleichzeitig erlebt Bluma aber auch, dass nicht alles, was wir aus der Beobachtung und durch die Erzählungen anderer erfahren, der Wahrheit entsprechen muss. Viel wichtiger ist es, den Mut aufzubringen, sich anderen gegenüber zu öffnen und das Gespräch zu suchen – egal, wie sehr man sich davor fürchtet.

Blumas Beispiel, wie sie den Weg zu dieser Offenheit und dem Vertrauen zu anderen Menschen findet, dürfte in jungen Leser_innen lange nachklingen und zusätzlich, wenn beide Seiten sich daran halten, zu einem gestärkten Eltern-Kind-Verhältnis führen.
Das hoffe ich zumindest.

Silke Schlichtmann: Bluma und das Gummischlangengeheimnis, Illustration: Ulrike Möltgen, Hanser, 2017, 176 Seiten, ab 8, 12 Euro

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Aus dem Gleichgewicht

calvinoBilderbücher mit italienischen Geschichten gibt es bei uns ja eher selten. Nun hat mich eines erreicht, das in mehrfacher Hinsicht interessant ist.

Da wäre zunächst die Geschichte: Das schwarze Schaf von italienischen Meister-Romancier Italo Calvino. Meine Neugierde als Italianistin war natürlich geweckt. Calvino, bei uns eher bekannt für seine fantastischen Romane wie Der Baron auf den Bäumen oder Der Ritter, den es nicht gab, erzählt hier in wenigen Sätzen von der Entstehung einer ungerechten Gesellschaft – die uns heute nur allzu bekannt vorkommt.

Es beginnt fast idyllisch mit einer Gemeinschaft, in der jedoch jeder jeden bestiehlt. Das hat System, das ist allen bekannt, alle machen mit, niemand leidet, keiner ist arm, keiner ist reich. Doch eines Tages taucht ein Ehrlicher auf. Der hockt lieber zu Hause, raucht und liest, anstatt andere zu bestehlen. Soll er doch, mag man denken, endlich ein Guter!
Doch sein extravagantes Verhalten bringt das Gleichgewicht dieser Gemeinschaft durcheinander. Auf einmal geht einer der Diebe leer aus, da er nicht beim Ehrlichen einbrechen kann. Zudem bleibt ein anderes Diebes-Haus unangetastet. Und schon häuft sich dort das Diebesgut. Reichtum entsteht – und Armut.
Das Gleichgewicht lässt sich nicht mehr herstellen, vielmehr verspüren die Reichen auf einmal den Drang, ihr Gut zu schützen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auf …

Illustriert hat diese Parabel Lena Schall und zwar auf sehr ungewöhnliche, vielleicht sogar gewöhnungsbedürftige Art. In Collagen erschafft sie die Stadt mit den diebischen Einwohnern, die sie wiederum aus Alltagsgegenständen zu unförmigen kuriosen Monstern zusammensetzt. Die Bewohner mit den langen Armen haben Knopfaugen, tragen Kronkorken als Hüte, haben Ohren, die aus den zugeknoteten Enden von Luftballons bestehen, sie kleiden sich in Frotteestoffe und kommen irgendwie nicht besonders sympathisch rüber. Im Gegensatz zum Ehrlichen, der mit seinem schwarz-weißen Matrosenanzug und seiner Brille aus Blister-Lutschbonbon-Verpackung, der hohen Stirn und dem gescheitelten Haar wie ein sympathischer Nerd daherkommt.
Die Raffkes, die sich alles unter den Nagel reißen – selbst die alten Bücher des Ehrlichen –, werden zu einem schauderhaften Spiegelbild unserer selbst – wie sie schließlich mit Goldkrone und Cocktail am Flussufer dem Müßiggang frönen, während sie zu Hause drei Autos und Goldberge stapeln.

Schalls Arrangement von Alltagsgegenständen, bestehend aus Fotografien von Plastikgießkannen, Bobbycars, Frühlingszwiebeln, Klopapierrollen, Spielzeugautos, Dekoschirmchen, Goldhasen und Spielzeug-Knips-Fernsehern, ist ein großartiges Bild für unsere absurde Konsumwelt. So wie neulich jemand im Zuge der Cyber-Monday-Woche sagte: „Das kann man bestimmt mal gebrauchen, und wenn nicht, dann schmeißt man es eben weg.“ Man fasst sich an den Kopf, ob dieser Aussage und ob der gnadenlosen Entwicklung in Calvinos Parabel …

Was deutschen Lesern vermutlich nur andeutungsweise klar wird – und ich bin da keine Ausnahme – sind die sarkastischen Anspielungen Calvinos auf den italienischen Staat. Denn im Grunde hält er seinen Landleuten mit dieser Geschichte, die er bereits im Juli 1945 geschrieben hat, den Spiegel vor. Noch unter dem Einfluss des gerade beendeten Krieges und seiner Zeit bei den Partisanen zeigt Calvino die Widersprüchlichkeiten des Kapitalismus‘ auf, aber auch die Machenschaften eines Staates und seiner Bewohner, in dem nicht das Miteinander, sondern das Gegeneinander das tägliche Leben bestimmt. Dabei erinnern mich Calvinos Sätze stark an die Befindlichkeiten auch im heutigen Italien, wo der Staat absurde Steuern erhebt, die Bewohner hingegen alles tun, um keine Steuern zu zahlen, wo die Bürokratie kafkaeske Züge annimmt und die Bestechung fast zum guten Ton gehört, wo mafiöse Strukturen fast alle Lebensbereiche durchdringen und es kein Entkommen daraus gibt, außer man verlässt das Land, oder lässt sich wie der einzig Ehrliche in der Geschichte ausplündern, um dann zu verhungern. Es ist ein verzweifeltes Bild von einer Lage, die sich scheinbar nie ändern wird und ändern kann, weil all dies schon seit Urzeiten in den Menschen drinsteckt, und es eben kein richtiges Leben im falschen geben kann.

In diesem Sinne ist Das schwarze Schaf von Italo Calvino, in der bewährten Übersetzung von Burkhart Kroeber und den aufrüttelnden Illustrationen von Lena Schall, ein Meisterwerk und ein tiefgründiger Anstoß zum Nachdenken. Ein unterhaltsames Bilderbuch für Kinder ist es allerdings nicht.

Italo Calvino: Das schwarze Schaf, Übersetzung: Burkhart Kroeber, Illustration Lena Schall, mixtvision, 32 Seiten, 19,90 Euro

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Eine herzerwärmende wirbelverstürmte Weihnachtsgeschichte

steinhöfelNormalerweise steige ich in bestehende Serien, die sowieso schon zu den gefeierten Bestsellern gehören, nicht mehr ein. Doch nun konnte ich nicht anders und habe endlich mal eine Lücke in meinem Kinderbuchwissen geschlossen. Und das mit allergrößtem Vergnügen.

In seinem vierten Band der Rico-und-Oskar-Reihe lässt Andreas Steinhöfel nun seinen tiefbegabten Protagonisten Rico die Ereignisse eines Tages erzählen. Doch es ist – wie man sich durch Titel und Schneeflockencover fast denken kann – nicht irgendein Tag, sondern Heiligabend.
In Berlin braut sich an diesem Tag ein ausgewachsener Schneesturm zusammen, dennoch müssen Rico und Oskar trotzdem noch mal raus, um die letzten Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Dabei kommen die beiden Freunde an einem Haus in der Urbanstraße vorbei, das in Rico die Erinnerung an die Erlebnisse vom vergangenen Sommer weckt: In einem vergessenen Hinterhof hat er eine Clique neuer Kinder kennengelernt und festgestellt, dass es ihm immer leichter fällt, Freunde zu finden. Sogar Oskar hat sich mit den neuen Freunden wohlgefühlt. Bis eines Tages sein geliebtes Souvenir aus dem Sommerurlaub verschwand.

Bei diesen bittersüßen Erinnerungen stellt sich im Wintersturm dann erstmal nicht so richtig besinnliche Stimmung ein. Alles wirbelt um Rico herum, seine Bingokugeln im Kopf scheinen schier zu explodieren. Doch in all dem Chaos, das zudem noch in der Dieffe 93 ausbricht, zwischen Weihnachtsbaumgeschleppe, verschwundenen Lebensmitteln und seltsamen Einkäufen, die Oskar tätigt, setzt Rico dann schließlich die entscheidenden Puzzleteile richtig zusammen.

Selbst wenn man – wie ich – die ersten Bände von Steinhöfels Reihe nicht kennt, kann man auch mit dieser Weihnachtsgeschichte ganz wunderbar in Ricos Kosmos einsteigen. Die Bewohner der Dieffe 93 und Ricos sich verändernde Familienkonstellation lernt der Leser auch hier rasch und umfassend kennen, die Hinterhofclique als Neuzugang bringt freche Mädchen ins Spiel, die bei den Jungs zusätzliche vorhormonelle Verwirrung stiften. Die zwei gegensätzlichen Helden, die Intelligenzbestie Oskar und den empathisch hoch begabten Rico, schließt man schon nach den ersten Sätzen ins Herz.
Ganz nebenbei beweisen Rico und Oscar ganz weihnachtsadäquat, was Nächstenliebe heißt und wie wichtig Entschuldigungen und Versöhnungen unter Freunden sind.

Die Leichtigkeit und der überbordende Sprachwitz von Andreas Steinhöfel inklusive Ricos naiv-großartigen Umdeutungen von schwierigen Wortzusammenhängen dürfte den vielen Fans hinlänglich bekannt sein. Ich habe mich so wunderbar unterhalten und sprachlich inspiriert gefühlt, dass ich die Vorgängerbände nun auch noch lesen muss, um diesen Genuss noch zu verlängern.

Kleinen Leser_innen dürften Ricos und Oskars Abenteuer gerade in der Vorweihnachtszeit jede Menge Spaß am Lesen vermitteln. Und damit hat Andreas Steinhöfel unter dem Aspekt der Leseförderung, die neulich auf der Jahrestagung der Bücherfrauen als eine wichtige Komponente unserer Gesellschaft angemahnt wurde, mal wieder alles richtig gemacht.

Andreas Steinhöfel: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch, Carlsen, 2017, 272 Seiten, ab 10, 14,99 Euro

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Der Kinderbuchblogger-Adventskalender 2017

Nachdem ich neulich an anderer Stelle den Advent fälschlicherweise um eine Woche vorverlegt habe, gibt es nun wirklich etwas vorweihnachtlich Schönes zum Advent zu berichten.

Ab dem 1. Dezember öffnen 13 Kinderbuchbloggerinnen jeden Tag ein Türchen am virtuellen Adventskalender und stellen Euch jeweils ein winterlich-weihnachtliches Kinderbuch vor – und verlosen es.
So könnt Ihr Euch vorweihnachtlich entspannt über schöne Lektüren beraten und inspirieren lassen – und ganz nebenbei auch noch jede Menge engagierte Buchmenschen kennenlernen, die ihre Passion für Bücher mit Euch teilen.

Die Blogtour wird dabei folgende Route nehmen:

1. Dezember bei Kinderbuch-Detektive
2. Dezember bei Kids&Cats
3. Dezember bei Lütte Lotte
4. Dezember bei Papillionis liest
5. Dezember bei Kinderbuch-Detektive
6. Dezember bei Die Bücherwelt von Corni Holmes
7. Dezember bei Favolina & Junior
8. Dezember bei Juli liest
9. Dezember bei Lütte Lotte
10. Dezember bei Buchverzückt
11. Dezember bei Familienbücherei
12. Dezember bei Geschichtenwolke Kinderbuchblog
13. Dezember bei Mint & Malve
14. Dezember bei Kunterbuntes Bücherregal
15. Dezember bei Familienbücherei
16. Dezember bei Letteraturen – also hier!
17. Dezember bei Papillionis liest
18. Dezember bei Kids&Cats
19. Dezember bei Kinderbuch-Detektive
20. Dezember bei Mint & Malve
21. Dezember bei Juli liest
22. Dezember bei Familienbücherei
23. Dezember bei Buchverzückt
24. Dezember bei Kinderbuch-Detektive

Um 0 Uhr des jeweiligen Tages gehen die Blogbeiträge online. Falls Euch das Buch des Tages dann total verzückt und Ihr es gewinnen wollt, müsst Ihr nur innerhalb von 48 Stunden einen Kommentar unter dem jeweiligen Post hinterlassen. Das ist also gar nicht schwer … und wird mit etwas Glück mit einem Buchpäckchen belohnt!

Wir alle freuen uns, wenn Ihr klickt, lest, schaut, kommentiert, weiterempfehlt, verlinkt – oder in Euren Lieblingsbuchladen geht und die vorgestellten Bücher an Weihnachten verschenkt!

Im Netz werden wir auf den bekannten Kanälen (also Facebook, Twitter, Instagram & Co.) unter dem Hashtag #kinderbuchadvent berichten.

Freut Euch auf einen wunderbuchmäßigen Advent & sagt es weiter…

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