Kammerspiel im Schulbus

park2Die aktuelle Pressemappe des Hanser Verlags zu Eleanor & Park von Rainbow Rowell beinhaltet erschreckend viele Rezensionen aus allen großen Tageszeitungen des Landes. Erschreckend für mich, weil nicht mehr viel bleibt, was man über dieses Buch schreiben kann, was nicht schon längst zu Papier gebracht wurde: Über rothaarige Protagonistinnen, über Romeo und Julia in der Geschichte, über John Greens Lobeshymne, über erste echte Liebe mit 16, das Erwachsenwerden von gemobbten Außenseitern. Für das Buch, die Autorin, die Übersetzerin, den Verlag ist es ein wunderbarer Erfolg, zu dem ich nur gratulieren kann.

Seit gestern ahne ich nun auch, warum die Geschichte um die beiden Teenager, die sich Mitte der 80er Jahre in einem Schulbus näher kommen, dieses Presseecho ausgelöst hat und längst auf der Bestsellerliste zu finden ist.
park4Ich saß – zusammen mit etwa zwanzig anderen Neugierigen – in einem knallgelben Schulbus im Hamburger Schanzenviertel und bekam aus dem Roman vorgelesen.
Die Schauspieler Franziska Hartmann und Julian Greis, die das Hörbuch von Eleanor & Park eingelesen haben, trugen Ausschnitte daraus vor. Was als Lesung gedacht war, entwickelte sich jedoch zu einem sehr vergnüglichen Kammerspiel. Denn die Vortragenden, die so gar nicht wie die Roman-Helden aussahen, schafften es, durch ihre pointierte Artikulation und wohlgesetzten Betonungen der Geschichte so viel Leben einzuhauchen, dass man wirklich mit Eleanor und Park im Schulbus sah. Doch Hartmann und Greis beließen es nicht beim reinen Vorlesen, denn als Kollegen am Hamburger Thalia Theater sind sie ein eingespieltes Team und selbst der beengte Raum von zwei Schulbussitzen reichte ihnen als Bühne. Blicke flogen zwischen ihnen hin und her, die vielleicht mehr andeuteten und sagten als so manche Action.

park3Franziska Hartmann ließ am Zynismus und an der Selbstironie von Eleanor keinen Zweifel. Der 32-jährige Julian Greis mutierte wieder zum unsicheren Teenager, der wie geflasht vor den unfassbaren Vorgängen einer großen Liebe zu stehen schien. Man konnte gar nicht anders: man lauschte, man schaute den beiden zu, genoss jeden Moment, jede hochgezogene Augenbraue, jedes verräterische Zucken um die Mundwinkel. Man sah und hörte den Spaß, den Greis und Hartmann am Lesen und an dieser Geschichte hatten. Man müsste schon ein arg unsensibler Klotz sein, wenn man sich von dieser Begeisterung, mit der hier ein Buch – auch von den Organisatorinnen der Lesung, den Damen der Hörcompany und der Pressefrau des Hanser Verlags – präsentiert wurde, nicht anstecken ließe. Ich jedenfalls habe mich anstecken lassen und bereue es gerade ein bisschen, dass das Buch bis heute auf meinem SUB warten musste. Doch nun werde ich das Versäumte umso rascher nachholen und zwar in der mitreißenden Hörversion – damit ich noch eine Weile mit Eleanor & Park im Schulbus sitzen kann.

Rainbow Rowell: Eleanor & Park.
Übersetzung: Brigitte Jakobeit, Hanser, 2015,  368 Seiten, ab 14, 16,90 Euro
5 Audio-CDs,
 Gesprochen von Franziska Hartmann und Julian Greis, Hörcompany, 2015, 19,95 Euro

[Gastinterview] Jeder Augenblick zählt

brownerHeute gibt es die Premiere einer quasi Gemeinschaftsrezension. Ausgangspunkt ist das Buch Alles geschieht heute des New Yorker Autors Jesse Browner, dem ich im ersten Moment mit Skepsis begegnet bin. Ohne Kapitel und dafür mit Bandwurmsätzen entfaltet sich die  Gefühlswelt von Wes, zwischen Party, der MS-kranken Mutter, dem gescheiterten Vater und einem Kalbsbries-Rezept, im Zeitraum eines Tages. Auch wenn ich Bandwurmsätze nicht besonders mag, war ich nach den ersten Seiten gefesselt von Wes‘ Welt, die kurz vor dem Kollaps zu stehen scheint, nur weil er zum ersten Mal mit einem Mädchen geschlafen hat. Dem falschen, wie er glaubt …

Nach der mitreißenden Lektüre erfuhr ich auf der Buchmesse in Frankfurt, dass die Tochter der Übersetzerin Anne Brauner den Autor in New York getroffen und interviewt hat. Großartigerweise hat Tabea Brauner sich bereit erklärt, ihr Interview auf letteraturen zu veröffentlichen. Herzlichen Dank dafür!

 

Everything Happens Today – Alles geschieht heute!
“It’s a frame that I love, because it makes every moment count!”

Wie der Titel schon sagt, porträtiert Jesse Browner einen einzigen Tag im Leben des 17- jährigen Wes, eines philosophischen, intelligenten New Yorkers, der hin und hergerissen ist zwischen der intellektuellen, unnahbaren Delia und der verführerischen, frechen Lucy, die Gerüchten zufolge eine Schlampe sein soll. Als gäbe ihm das nicht genug zu denken, muss er sich auch noch mit seiner schwer kranken Mutter und seinem wortkargen Vater herumschlagen und sich um seine jüngere, süße Schwester kümmern, die sich manchmal wohl eher um ihn zu kümmern scheint. Gleichzeitig möchte er in der Schule seinen Ruf als bester Literat aufrechterhalten und sucht sich für eine Hausarbeit ausgerechnet Krieg und Frieden von Leo Tolstoi aus.

Tabea Brauner: Jesse, für wen würden Sie sich entscheiden, Delia oder Lucy?

Jesse Browner: Die Inspiration zu Delias Charakter stammt von einem Mädchen, in das ich verliebt war, als ich so alt war wie du. Ich war total verrückt nach ihr, aber sie hat mir nicht gut getan. Mir gefällt Lucy (außer, dass sie zu jung für mich ist), und ich hätte gern so jemanden wie sie kennengelernt, der es mir gesagt hätte, wenn ich mich in Gefühlsdingen dämlich anstelle. So jemand kann sehr hilfreich sein!

Was hat Ihre Jugend mit der von Wes gemeinsam?

Meine Mutter war genau wie Wes’ Mutter sehr krank und starb, als ich 15 war. Natürlich verdrängt man diese schrecklichen Erinnerungen, und in meinem Alter ist es, als würde ich in einem Koffer wühlen und das Gesuchte wäre ganz unten vergraben.
Ich habe schon immer viel gelesen und mich in die Geschichten hinein geträumt. Meine Intellektualität ist ähnlich ausgeprägt wie bei Wes, aber auch meine bescheuerten Seiten finde ich in ihm wieder.

Welche Bedeutung haben die Flirt-SMS zwischen Lucy und Wes auf der Party?

Ich habe meine Töchter beobachtet. Wir alle haben iPhones, aber sie benutzen ihre nicht zum Telefonieren, sondern ausschließlich zum Simsen. Das Handy sollte sozusagen einen eigenen Charakter haben, mit dem ich nicht nur die natürliche Verständigung darstellen kann, sondern auf symbolische Art auch die Nicht-Kommunikation beim SMS-Schreiben.

Wes durchlebt einen ganz besonderen Tag voller verschiedener Gefühle – gab es so einen auch in Ihrem Leben?

Nein. Ich bezweifele, dass viele Menschen im wirklichen Leben einen solchen Tag erlebt haben. Es geht auch nicht darum, dass alles unbedingt an einem Tag geschehen sollte, sondern darum, dass die Dinge wahrheitsgetreuer erscheinen, wenn sie nicht der Wirklichkeit entsprechen.
Die Handlung in meinem Roman The Uncertain Hour findet ebenfalls innerhalb von zwölf Stunden statt. Ich liebe diesen Rahmen!

Jesse Browner, Schriftsteller, ausgezeichneter Übersetzer und Food-Journalist wurde in London geboren. In den vergangenen Jahren sind von ihm die Romane The Uncertain Hour (Bloomsbury 2007) und The Duchess Who Wouldn’t Sit Down: An Informal History of Hospitality (Bloomsbury 2003) erschienen. Zudem übersetzt er unter anderem Werke von Jean Cocteau, Paul Éluard und Rainer Maria Rilke. Journalistische Beiträge Browners finden sich in Magazinen wie The New York Times Book Review, New York magazine sowie in Food & Wine und Gastronomica.
Der Autor wohnt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Lower Manhattan.

Tabea Brauner (18) führte das Interview in New York.

Jesse Browner: Alles geschieht heuteÜbersetzung: Anne Brauner,  Freies Geistesleben, 2014, 249 Seiten, 19,90 Euro, als E-Book 16,99 Euro.

Reise zu den Wurzeln

ascheEin Mal im Jahr scheine ich ein Buch über Grabschändung und den perfekten Ort für eine Bestattung rezensieren zu können. War es im vergangenen Jahr der Roman von Boris Koch, so ist es nun Anke Webers Regenbogenasche. Vielleicht wird ja eine Tradition daraus…

Auch in Regenbogenasche geht es darum, einem Toten seinen letzten Willen zu erfüllen: Rhinas Vater ist bei einem Unfall gestorben. Seine große Sehnsucht war Namibia, und die fast 15-jährige Rhina setzt sich in den Kopf, seine Asche dorthin zu bringen und an dem schönsten Ort zu verstreuen. Zusammen mit ihrem Schulkameraden Unkas, schmiedet Rhina zunächst den Plan, die Urne unbemerkt auszubuddeln.
Später schließen sich die beiden Jugendlichen einer namibischen Kulturorganisation an, die Reisen in das afrikanische Land organisieren. Mit umgefüllter und eingefärbter Asche machen sich Rhina und Unkas auf nach Namibia.

Für Rhina ist diese Reise jedoch mehr, als nur den toten Vater an seinen Lieblingsort zu bringen. Sie war sieben als ihr Vater starb, seitdem vermisst sie ihn und kann irgendwie kein eigenes Leben beginnen. Unkas, der ihr bei diesem Abenteuer treu zur Seite steht, wird zu ihrem Vertrauten und besten Freund. Und je mehr Rhina über ihren Vater, seine Herkunft und seinen Tod herausfindet, um so mehr wandelt sie sich zu einem freien Mädchen, das ihren eigenen Lebensweg geht und die Liebe kennenlernt.

Anke Weber schafft es auf faszinierende, fesselnde Art und Weise, die Gegensätze von Leben und Tod in einem spannend Road-Roman zu vereinen. Sie macht jugendlichen Lesern deutlich, dass das eigene Leben von dem der Eltern mehr beeinflusst wird, als man so manches Mal meint oder es sich wünscht. Die Schatten der elterlichen Vergangenheit legen sich immer auch auf das Leben der Kinder. Weber erzählt das jedoch mit einer Leichtigkeit und dem exotischen Touch der namibischen Wüste, das man ganz gebannt Rhinas gesetzwidrige Grabschändung akzeptiert, mit ihr liebt, leidet und sich schließlich freut, als sie in Namibia nicht nur ihr Ziel erreicht, sondern auch eine große Überraschung erlebt.

Regenbogenasche variiert das Thema Grabschändung auf eine fast unbeschwerte Art und zeigt, wie wichtig es für Jugendliche ist, über die Herkunft und die Traumata der Eltern aufgeklärt zu werden. Jeder Mensch hat zwar durchaus ein Recht auf Geheimnisse, doch sobald diese sich auf die Nachkommen auswirken, haben diese wiederum ein Recht, sie zu erfahren. Erst dann können Jugendliche sich bewusst entscheiden, wie sie ihren eigenen Lebensweg einschlagen. So wie Rhina, die ihr Glück und ihren inneren Frieden erst findet, als sie das Geheimnis ihres Vaters gelüftet hat und den toten Vater am richtigen Ort weiß. Damit macht sie jugendlichen Lesern Mut, sich den eigenen Familiengeheimnissen zu stellen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Der düstere Tod wandelt sich in diesem Buch zu einer kunterbunten Liebeserklärung an das Leben.

Anke Weber: Regenbogenasche, Ueberreuter, 2013, 256 Seiten,  ab 12, 12,95 Euro

Romeo und Julia 2.0

Okay, zugegeben, der Titel dieses Blogeintrags könnte etwas in die Irre führen. Im Roman Herbstattacke stirbt niemand, weder durch Mord noch durch Selbstmord, auch Gift kommt nicht vor. Dennoch geht es in diesem Debüt von Nataly Savina heftig zur Sache.

Leo, fast 16, ist mit seiner Mutter Rosa in eine neue Stadt gezogen. Die Eltern haben sich getrennt, Rosa leidet darunter und kratzt sich ihre Neurodermitis-geschundenen Beine immer wieder auf. Leo versucht, in der neuen Schule Anschluss zu finden, wird aber erst einmal von der Gang um der persischstämmigen Jungen Malik abgezogen und auf die Probe gestellt.

In diesen Tagen des Neuanfangs begegnet Leo der schönen Farsaneh – und verliebt sich auf den ersten Blick in das Mädchen. Sie ist jedoch meistens mit ihrem kleinen Bruder Babak unterwegs oder mit ihrer Freundin Leila. Leo kommt nicht so recht an sie heran. Dann muss er auch noch feststellen, dass sie die Schwester von Malik ist. Und der achtet streng darauf, dass Farsaneh nicht mit Jungs rummacht. So wie es in seiner Kultur eben üblich ist. Dennoch gelingt es Leo, ein paar Worte mit ihr zu wechseln und ihr Interesse zu entfachen. Sie tauschen Blicke und finden schließlich die Gelegenheit sich auch mal allein zu sehen, für kurze Minuten in einer fremden Wohnung, in der Farsaneh die Katzen füttert.

Im Laufe der Zeit verschafft sich Leo in Maliks Gang den nötigen Respekt. Er macht bei den „Wettbewerben“ mit, die die Jungs veranstalten, um sich selbst zu beweisen. Sie jagen Briefkästen mit Böllern in die Luft, brechen Autoantennen ab, klauen Liegestühle aus einem Café. Rüpeln durch die Gegend. Leo hofft dabei immer, Farsaneh zu treffen, doch die Regeln der persischen Familie sind streng und scheinen unüberwindbar für einen Deutschen.

Irgendwann will Farsaneh die heimlichen Treffen mit Leo nicht mehr und macht Schluss. Doch da ist die Leidenschaft bei beiden füreinander bereits entbrannt. Nach ein paar Tagen treffen sie sich noch einmal in der Katzenwohnung, und dort fallen sie quasi übereinander her. Als Farsaneh nach dem ersten Sex wieder zur Besinnung kommt, breitet sich die Panik in ihr aus, und sie schickt Leo weg. Dieses Mal endgültig. Leo ist darüber so frustriert, dass er seine Wut in einer Kurzschlussreaktion an einem Studenten auslässt, den die Gang wenig später foppt, und ihn brutal zusammenschlägt.

Savina schildert das Leben der Jugendlichen schonungslos, und alle haben irgendwie ihr Päckchen zu tragen: Ich-Erzähler Leo muss in dem Gefühlschaos der ersten Liebe auch noch mit der Nachricht klarkommen, dass sein Vater mit seiner neuen Freundin ein zweites Kind bekommt. In Farsanehs und Maliks Familie fehlt die Mutter, die bei der Geburt Babaks gestorben ist. Einer der Jungs aus der Gang muss für seinen drogenabhängigen Bruder klauen. Das ist zum Teil harter Tobak, aber so klar und ohne Wertung erzählt, dass es der Geschichte Tiefe und Glaubwürdigkeit verleiht. In Herbstattacke können sich Jungs und Mädchen gleichermaßen mit ihren Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten wiederfinden. Dass es kein Happy End gibt, Farsaneh die Stadt verlassen muss und Leo sein Glück nicht findet, unterstreicht den realistischen Anspruch dieser Geschichte. Das Leben ist eben kein Ponyhof und so manche große Liebe hat in dieser Welt einfach keine Chance. Das war schon bei Romeo und Julia so. Diese Buch liefert also keine eskapistische Unterhaltung, sondern den Trost des Wiedererkennens. Und das ist seine große Stärke.

Nataly Savina: Herbstattacke, Chicken House, 2012, 135 Seiten, ab 14, 9,95 Euro

Leben, Leiden, Lieben

gleitflug Wie viel Leid passt in einen Roman, ohne dass man sich als Leser völlig niedergeschmettert und deprimiert fühlt? Ziemlich viel, wie ich gerade nach der Lektüre von Anne-Gine Goemans Gleitflug feststellen konnte, den Andreas Ecke mit perfekter Leichtigkeit aus dem Niederländischen übersetzt hat.

Der 14-jährige Gieles leidet an der Abwesenheit seiner Mutter, die lieber in Afrika als Entwicklungshelferin unterwegs ist, als bei Mann und Sohn in Holland zu bleiben. Mehr und mehr bekommt der Junge über die lautstarken Telefonate von Vater und Mutter mit, dass es zwischen seinen Eltern nicht mehr so gut läuft. Daher ersinnt er das Geheimprojekt „Geniale Rettungsaktion 3032“. Die Nummer steht für den Flug mit dem die Mutter wieder nach Hause zurückkommen will. Gieles, der mit Vater und Onkel Fred gleich neben der Startbahn des Flughafens wohnt, will mit seinen zahmen Gänsen ein Manöver durchführen, mit dem er die Aufmerksamkeit der Mutter zurückerobert und schließlich als glänzender Held dasteht. Danach, so sein Wunschtraum, wird die Mutter ihn nie wieder verlassen.

Doch bis es soweit ist, muss der Junge die beiden Gänse noch ordentlich trainieren, damit sie auf der Piste genau seinen Anweisungen folgen und im rechten Augenblick vor dem landenden Flugzeug davonfliegen. Gieles schreibt daher einem französischen Gänseforscher, um dessen Expertenmeinung einzuholen. Nebenher surft er im Internet, chattet und verliebt sich dabei in ein gepierctes Mädchen, das sich im Netz „Gravitation“ nennt. Gieles ist dort als „Captain Sully“ unterwegs, nach seinem bewunderten Held, dem Piloten Sullenberger, der 2009 seine Maschine auf dem Hudson-River in New York notgelandet hatte.

Damit nicht genug, passt er auf die Kinder der griesgrämigen Nachbarin Dolly auf, bekommt zwei weitere Gänse, von der die größere verfressen und aggressiv, die kleinere jedoch ein Talent zum Tischtennisspielen hat, und lernt eines Tages den megadicken Lokalreporter Super Waling kennen. Der ist mit seinem Elektromobil in einem Feld steckengeblieben, und der Junge hilft ihm aus der Patsche. Zunächst ist es Gieles peinlich mit dem fetten Mann gesehen zu werden. Doch der ehemalige Geschichtslehrer kann zuhören, interessiert sich für Gieles‘ Gänse und versorgt den Jungen mit der spannenden Geschichte, der Trockenlegung des Polders auf dem sich jetzt der Flughafen erstreckt. Zwischen den beiden so ungleichen Menschen entsteht eine tiefe Freundschaft.

Eines Tages steht Gravitation, die eigentlich Meike heißt, vor der Tür. Sie ist von Zuhause abgehauen – und überhaupt nicht so alt, wie sie sich im Netz ausgegeben hat. Sie bleibt die Sommerferien über in dem Männerhaushalt. Gieles ist von der 14-Jährigen mit den Dreadlocks, der tätowierten Träne am Auge und ihrer Wut auf die Eltern total fasziniert. Egal, was Meike macht, sagt oder anhat, er kann kaum seine Erregung verbergen und träumt immer mehr davon, das Mädchen zu küssen und mit ihr zu schlafen. So gerät er mit seinem Geheimprojekt in Verzug. Und eines Tages verkündet seine Mutter auch noch, drei Wochen früher als geplant nach Hause zu kommen. Gieles Plan droht zu scheitern.

Eigentlich wäre die Geschichte um Gieles und seinen fast verzweifelten Versuch, die Familie wieder zu vereinen, schon Stoff genug für einen Coming-of-age-Roman, doch Anne-Gine Goemans versammelt hier eine ganze Reihe skurriler und liebenswerter Figuren, die alle ihr Päckchen zu tragen haben: Onkel Fred leidet an Kinderlähmung und kümmert sich rührend um den Haushalt; Dolly ist Witwe und mit ihren drei Kindern und dem Friseursalon völlig überfordert; Gieles Freund Toon spielt sich grad als Sexmacker auf, während dessen Mutter eine Brustkrebsbehandlung über sich ergehen lassen muss; Ellen, Gieles Mutter, berichtet ihm in Mails und am Telefon ständig vom Leid in Afrika; und Super Waling ist mit seinem extremen Übergewicht eine Figur zwischen Lächerlichkeit und Mitleid, die jedoch eine ungemeine Faszination ausübt. Diese Anhäufung von Leid auf engstem Raum, das zudem vom Fluglärm quasi übertönt wird, versprüht einen ganz speziellen Reiz. „Unter jedem Dach ein Ach“, könnte man sagen und es in diesem Fall alles als völlig übertrieben und zu dick aufgetragen empfinden. Doch dem ist nicht so. Mit ihren Sorgen und Wünschen spiegeln diese Figuren das pralle Leben in all seinen Facetten. Darin als pubertierender Jugendlicher seinen eigenen Weg zu finden, ist alles anderes als leicht, wie man an Gieles und auch an Meike ganz wunderbar miterleben kann. So entwickelt der Roman trotz – oder vielleicht gerade wegen – all diesem Leid eine Leichtigkeit, die den Leser quasi im Gleitflug durch diese liebenswerte Geschichte segeln lässt.

Anne-Gine Goemans: Gleitflug, Übersetzung: Andreas Ecke, Insel Verlag, 2012, 448 Seiten, 21,95 Euro