Höllisches Paradies

martinIn diesen Tagen berichteten die Medien ja ein paar Mal über die Geflüchteten, die auf den griechischen Inseln festsitzen und jämmerlich frieren. Doch scheinbar interessiert sich kaum noch jemand für das Leid der Menschen vor Ort. Auf einmal ist Griechenland doch wieder ganz weit weg. Doch obwohl sich bei uns die mediale Aufregung um die neuen Mitbürger langsam gelegt hat, so sollten wir dennoch nicht vergessen, dass immer noch nicht alle in einer menschenwürdigen Unterkunft angekommen sind und dass immer noch Menschen über das Mittelmeer nach Europa flüchten. Viele von ihnen schaffen es nicht ans rettende Ufer. Im Vergangenen Jahr sind laut UNHCR über 4000 Menschen ertrunken, im Schnitt elf Männer, Frauen und Kinder pro Tag.
Da kommt der neue Roman von Peer Martin, der im vergangenen Oktober mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis für Sommer unter schwarzen Flügeln ausgezeichnet wurde, und von Antonia Michaelis (Die Attentäter) als eindrückliche Erinnerung gerade recht.

In Grenzlandtage erzählen die beiden Autoren die Geschichte der 17-jährigen Jule, die zwei Wochen Ferien auf einer griechischen Insel macht. Da ihre Freundin krank im Bett liegt, ist Jule allein unterwegs und will sich eigentlich in Ruhe auf die Abiturprüfungen vorbereiten. Noch ist die Insel, deren Namen nicht genannt wird, fast leer. Es ist Frühjahr, nur wenige Touristen sind da. Noch ist es zu kalt zum Baden. Jule wird freundlich aufgenommen, die Griechen sind bemüht, touristische Normalität zu bieten.
Doch schnell merkt Jule, dass auf der Insel nicht nur Griechen leben. Sie begegnet einem Jungen mit einer verbundenen Hand, den sie zunächst für einen Wildcamper hält. Ist er natürlich nicht, sondern einer von 32 Geflüchteten, die sich auf die Insel retten konnten, nachdem ihr seeuntüchtiges Boot abgesoffen ist. Von den Inselbewohnern bekamen sie keine Hilfe, im Gegenteil, sie wurden gezwungen, teueren Diesel zu kaufen, um damit nach Italien weiterzutuckern. Am Ende war ihr Geld futsch, und das Boot versank in den kalten Fluten. Von ursprünglich 104 Menschen an Bord retteten sich 32 auf die Insel.

Das alles erfährt Jule jedoch erst nach und nach. Sie freundet sich langsam mit Asman, so der Name des Jungen, an. Er versucht, Jule von ihrem Camp und der Höhle, in der sich die Geflüchteten verstecken, fernzuhalten. Aber Jule hat ihren eigenen Kopf, ist neugierig, einfühlsam und will es genau wissen. Als sie das ganze Ausmaß des Elends begreift, will sie um jeden Preis helfen. Doch das ist so gut wie unmöglich.
Als dann auch noch ein griechischer Inselbewohner tot aufgefunden wird, spitzt sich die Lage immer mehr zu.

Dem Autorenduo Martin und Michaelis ist eine sehr komplexe und mitreißende Geschichte gelungen. Sie verpacken die Flüchtlingsdramatik und ihre fürchterlichen Hintergründe, die exakt recherchiert sind, in eine ans Herz gehende Dramaturgie, indem sie sie sowohl mit einer Lovestory (Jule und Asman), als auch mit einem Krimi (der Tote) verknüpfen. Zwischendrin habe ich mich gefragt, ob das nicht ein bisschen dicke ist und ob die Flüchtlingsgeschichte nicht für sich hätte stehen können. Aber nein, es ist genau richtig so. Denn mit Jule ist man als Europäerin direkt dort vor Ort, wo die schicksalsgeplagten Menschen als erstes ankommen. Jule als offene, hilfsbereite Figur bietet ein hohes Identifikationspotential. Man ist bei ihr, verliebt sich mit ihr in den charmanten Asman, zermartert sich mit ihr Herz und Hirn, wie man nur helfen könnte. Und kann schließlich sogar ihren Entschluss verstehen, der sie in echte Gefahr bringt.
Der Krimi um den toten Griechen liefert zusätzliche Spannungsmomente, in denen man als Leserin schließlich mit den eigenen Überlegungen und Vorurteilen konfrontiert wird.

So komplex wie die gesamte Flüchtlingsproblematik ist auch dieses Buch. Es ist fordernd und durchaus keine leichte Kost. Dem Thema eben angemessen. Es bietet sehr viel Diskussionsstoff, beispielsweise darüber, wie man Hilfe besser organisieren könnte, damit die Geflüchteten aus Krisengebiet nicht mehr auf lecke Seelenverkäufer steigen und ihr gesamtes Geld habgierigen Schleppern opfern müssen, aber auch die Bewohner der griechischen Inseln nicht mit dem Ansturm allein gelassen werden und ihre Existenzgrundlage verlieren.

Darum lest dieses Buch, lest es im Unterricht, diskutiert und schaut euch solche Aktionen wie die Flüchtlingspaten Syrien e.V. an.

Peer Martin & Antonia Michaelis: Grenzlandtage, Oetinger, 2016, 460 Seiten, ab 15, 13,99 Euro.

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Gegen Unterdrückung, gegen Hass

nuriIch bin fertig. Völlig fertig. Und zwar in zweifacher Hinsicht. Eben haben ich den Roman Sommer unter schwarzen Flügeln von Peer Martin beendet. Nach überdurchschnittlich langer Lesezeit. Aber es ging nicht schneller. Denn die Geschichte von Nuri und Calvin ist keine leichte Kost. Zumal die aktuellen Nachrichten aus Syrien und Tröglitz die reale Bestätigung von Martins Fiktionalisierung sind. Aber der Reihe nach.

Martin erzählt von der 18-jährigen Nuri, die mit ihrer Familie vor dem Krieg aus Syrien geflüchtet ist und nun in einem Flüchtlingsheim in Stralsund lebt. Eines Tages trifft sie bei der alten Jüdin Frau Silbermann auf Calvin, ebenfalls 18, der seine jüngeren Brüder vom Nachhilfeunterricht abholt.
Calvin ist Neo-Nazi, mit Springerstiefeln, rechten Tattoos am Körper und rechten Ideen im Kopf. Die Asylbewerber sind für ihn und seine rechte Clique das Feindbild schlechthin. Dennoch ist er von der schwarzlockigen Nuri vom ersten Moment fasziniert.
Nuri beginnt, ihm von der Revolution, den Misshandlungen durch die Geheimdienstleute, dem Krieg und den Zerstörungen in Syrien zu erzählen.
Will Calvin das alles anfangs überhaupt nicht hören, entwickeln Nuris Geschichten jedoch so einen Sog, dass er immer mehr in die untergegangene Welt Syriens eintaucht. Immer öfter begegnen sich Nuri und Calvin. Zuerst zufällig, dann ganz gezielt. Nuri weiß um Calvins politische Einstellung, doch seine grünen Augen und seine Sommersprossen lassen sie nicht mehr los. Über viele, viele Seiten entwickelt sich ganz langsam eine große Liebe zwischen den beiden. Und Calvin fängt genauso langsam an, seine politische Einstellung abzulegen.
Immer größer wird der Zwiespalt in ihm: Nach außen macht er noch in seiner Clique mit, wird der neue Anführer, plant etwas „Großes“ gegen die Asylanten, innerlich jedoch geht er immer mehr auf Abstand, hintergeht die alten Freunde, fängt an Arabisch zu lernen.
Seine Kameraden werden misstrauisch, und als die Polizei ihre Laube im Kleingartenverein durchsucht und gehortetes Benzin sicherstellt, wird eine Gewaltspirale in Gang gesetzt, die bis zur letzten Seite andauert.

Martins Roman erzählt zwei Geschichten in einer. Ich war hin- und hergerissen zwischen den Welten, manchmal wollte ich den Wechsel nicht. Doch es fügt sich hervorragend zu einem erschreckend aktuellen Bild und spannenden Plot zusammen. Die Ereignisse in Syrien rollt Martin durch Nuris Erzählungen akkurat recherchiert von Anfang an auf, man wird daran erinnert, wie alles vor nur wenigen Jahren begann. Die Bilder in den Nachrichten und im Internet betrachtet man nach dieser Lektüre mit anderen Augen, mit Nuris Augen, und hat wie Calvin den Eindruck dort gewesen zu sein. Es nimmt einen mit, im Guten wie im Schlechten.
Auf eine andere Art erschreckend sind die Einblicke, die Martin in die rechte Szene Deutschlands gewährt. Lange hat er als Sozialarbeiter mit Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten gearbeitet und dort den Rechtsextremismus täglich erlebt. Diese Erfahrung schlägt sich in authentisch gezeichneten Szenen, Dialogen und Ansichten der Figuren wieder. Man mag es eigentlich nicht lesen, so real kommen die Diskussionen in der Clique daher. Doch Martin gelingt es, dass keine Verherrlichung dieses Gedankengutes aufkommt. Denn Calvins Zweifel und sein Wandel zum Aussteiger widerlegen die irrsinnigen Überzeugungen der Neo-Nazis und zeigt die Absurdität der Deutschtümelei (ein bisschen zum Schmunzeln sind die internationalen Namen der Clique wie Calvin, Kevin, Cindy, Kimberley …).

Die Erschütterung, die von diesem Buch also ausgeht, ist für mich vielfältig: Der Schrecken in Syrien rückt unglaublich nah, gleichzeitig wächst die Wut, dass scheinbar niemand diesem Land und seinen Menschen hilft. Und dass die Asylpolitik in diesem Land noch sehr zu wünschen übrig lässt, um es mal „nett“ zu formulieren. Hinzu kommt der Horror und die Abscheu vor den rechten Strömungen im eigenen Land, die mich fast krank machen.
Dennoch sollte Sommer unter schwarzen Flügeln gelesen werden, nicht nur von jungen Leuten, sondern von allen. Denn es bietet neben einer spannenden Liebesgeschichte vor allem Aufklärung und Diskussionsstoff – so dass kleingeistiges Denken, welcher Couleur auch immer, Gewalt und Unterdrückung in Zukunft hoffentlich keine Chance mehr bekommen.

Peer Martin: Sommer unter schwarzen Flügeln, Oetinger, 2015, 528 Seiten,  ab 16, 19,99 Euro