Dracula im Blut

Was als Nächstes folgen wird, ist die Pfählung. Ich presse mir die Hände auf die Ohren, um nicht hören zu müssen, was sich oben tut. Ich sehe die Szene lebhaft vor mir, samt allen Geräuschen. Das Blut, die Angst – und wie spitz der Weißdornpfahl sein muss, um Haut, Muskeln und Brustkorb zu durchdringen und sich in das Herz des Vampirs zu bohren. Jeden Moment wird mein Freund sterben.« Zu allem Übel ist Mina schuld daran, dass ihr Freund Varney gebissen und Opfer des ersten Vampir-Angriffs seit zwanzig Jahren wurde.
Weil sie unbedingt Medizin studieren will. Und dafür eine prominente Leiche ausbuddeln und in den Seziersaal bringen wollte. Doch die Tote ist ihr zuvorgekommen und hat sich selbst herausgegraben.

Wettlauf gegen die Zeit

Plötzlich gibt es einen Aufschub für das grausame Gemetzel. Und kurz darauf entdecken Mina, ihre Schwester Buffy und ihre neugewonnene Mitstreiterin Bella etwas Unglaubliches: Ein Handbuch, geschrieben von einer Wissenschaftlerin. Und damit die Möglichkeit einer Heilung! Ein Wettlauf gegen die Zeit, bis zum nächsten Neumond, beginnt.
Emma Carroll erzählt mit Dracula & Töchter die Blutsauger-Saga neu – furios und fantastisch. Ihre Heldinnen sind drei junge Mädchen. Und das in der Kleinstadt Temstown, in der nicht nur der seit Jahrzehnten mit strengen, sexistischen Regeln und starrem Klassensystem regierende Helsing offensichtlich »ein Problem mit erfolgreichen Frauen hat«, wie seine stärkste Konkurrentin, die Bestatterin Beatrix Drake bemerkt.

Was für eine Familie

Schon bald erfahren die drei Mädchen mit den feuerroten Haaren, was sie verbindet. Und woher sie ihre jeweils individuellle besondere Fähigkeit haben. Und wie sie diese am besten gemeinsam im Kampf gegen die neu ausgebrochene Vampir-Epidemie einsetzen. Denn sie stammen aus einer Familie, und was für einer!

Rache und Romantik

Emma Carroll hat bereits mit Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück Hans-Christian Andersen misogynes Märchen eindrucksvoll als feministische Kampfansage adaptiert. Jetzt interpretiert sie das Vampirgenre neu, mit vielen überraschenden und kühnen Volten. So werden Vampire nicht aus dem Nichts zu blutsaugenden Monstern. Sie sind selbst heimtückischen Verbrechen zum Opfer gefallen. Und sinnen nun auf Rache.
Aber manche Vampire haben Sinn für Romantik. Und manchmal verlieben sie sich in Normalsterbliche. Deren Töchter sind Halbvampirinnen oder Dhampirinnen, mit dem messerscharfen Verstand von Vampiren, aber den Gefühlen und dem Verstand der Menschen. Das wiederum macht sie aber zu hervorragenden Vampirjägerinnen.

Machtgierige Männer

Damit sind wir wieder beim herrischen Helsing. Der rühmt sich betrügerischerweise als erfolgreicher Vampirschlächter und begründet damit seinen Machtanspruch. Im Laufe der Geschichte, dem ersten Band einer Trilogie, wird klar, dass Helsing auch ein eiskalter und berechnender Geschäftsmann ist, der die aktuelle Krise nicht nur ausnutzt, um seinen Reichtum zu vermehren. Auch der ebenso skrupellose Arzt Dr. Polidori will keinesfalls heilen, sondern mit grausamen Experimenten Ruhm erlangen.

Der wahre Horror: die Manosphere

Ungeheuer spannend und facettenreich zeigt Emma Carroll in Dracula & Töchter, wer die wirklichen Gegner sind – machtgierige Männer. Zwar bettet Carroll ihre moderne Gruselgeschichte in ein stimmiges, sanft romantisiertes und historisiertes Setting irgendwo gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in ein Zeitalter mit Kutschen und langen Röcken, weitab von Smartphones und social media. Doch es ist offensichtlich, was der wahre Horror ist: die sich unheilvoll ausbreitende Manosphere – um es mit einem neuem Begriff auf den Punkt zu bringen. Patriarchat ist ein zu harmloser Ausdruck für das, was geltungssüchtige, brutale und frauenverachtende Männer anrichten.

Mit Verve und Temperament

»Ich bin einfach nur maximal frustriert«, sagt Mina angesichts dieses Gebarens. Zum Glück lähmt sie ihre Erkenntnis nicht. Im Gegenteil, mutig machen sie und ihre Mitstreiterinnen den falschen Vampirschlächtern den Garaus. Und setzen auf Heilung statt Hetzjagd. Carroll lässt Mina modern, pointiert, mit Verve und Temperament erzählen. Fabienne Pfeiffer hat es mitreißend übersetzt. Nur einmal hat sich ein falsch verwendetes realisieren in ihren Text verirrt, wo verstanden oder kapiert das richtige Verb wäre. Das ist schade, weil man sonst deutlich merkt, dass hier ein Mensch mit viel Einfühlungsvermögen ins Deutsche übertragen hat.

Spaß am Spiel mit dem Genre

Viel Spaß hat Emma Carroll am Spiel mit dem Genre, alten Mythen und klangvollen Namen: vom Unsympath Helsing zu Minas jüngerer Schwester, die Buffy genannt wird und an eine andere moderne Neuversion der Vampirjägerinnen erinnert. Buffys sprechender Rabe hört auf den Namen Poe, nach Edgar Allan Poe, dem Meister der Gruselklassiker, dessen berühmteste Erzählung wiederum The Raven heißt. Ein ziemlich lächerlicher und feiger Theaterdirektor ist eine Figur namens Mr. Stoker. Und wie zuletzt die Mädchen auf den Geschäftsnamen Dracula & Töchter kommen, ist ebenfalls eine augenzwinkernde Anspielung. Wunderbar erneuert Carroll nebenbei das Konzept von Familie. Und noch ein entzückender Scherz zum Schluss des ersten Bandes: Der Freund, der nicht in die Fußstapfen des Vaters treten will, weil seine Liebe Pferden gilt. Ein Pferdejunge in einer Mädchengeschichte.

»Stellt alles infrage. Seid clever. «

Nicht zuletzt ist das Buch auch zauberhaft gestaltet. Vom schönen Titel blicken die Heldinnen selbstbewusst und entschlossen, man erkennt bereits auf diesem Bild den unterschiedlichen Charakter der drei. Auf dem Buchschnitt flattern Fledermäuse durch den blauvioletten Nachthimmel. Ein violettes Lesebändchen, elegantes Papier und stilvolles Schriftbild machen die Lektüre zusätzlich zu einem optischen und haptischen Genuss. Was auf jeden Fall bleibt, ist die Aufforderung der Urvampirin: »Stellt alles infrage. Seid clever.« Ein gut Teil Vampir im Blut tut dabei gut.

Emma Carroll: Dracula & Töchter, Übersetzung: Fabienne Pfeiffer, Carlsen, 2026, 336 Seiten, ab 10, 15 Euro

Rache ist …

antoinetteSchulzeit, schwere Zeit. Nicht nur, weil man von den Lehrern mit neuem Stoff gepiesackt wird und lernen muss, sondern auch, weil es Mitschüler gibt. Olivia Vieweg hat dieses bittere Kapitel im Leben in einen eindrucksvollen Comic gepackt: Antoinette kehrt zurück.

Antoinette lebt seit Jahren in Los Angeles, ist erfolgreich und mit einem berühmten Filmstar verheiratet. Was will man mehr? Doch die junge Frau wird von dem Gedanken an die alte Heimat in Deutschland gequält. Obwohl sie ihre Herkunft verschweigt, ja fast verleugnet, wirft sie täglich über eine Webcam einen Blick auf ihr altes Dorf.
Eines Tages taucht eine weibliche Figur vor der Kamera auf, die Antoinette verdammt ähnlich sieht. Der Protagonistin bleibt nichts anderes übrig als noch einmal nach Hause zurückzukehren.

Und während sie lange Stunden im Flugzeug sitzt, tauchen die ersten Erinnerung von ihrer Vergangenheit auf: die grausamen Mitschüler, die das schlaue Mädchen ausgrenzen, verhöhnen  und demütigen. Kaum setzt Antoinette einen Fuß ins Dorf, trifft sie auch schon eine von den verhassten Peinigerin von früher. Wie im falschen Film sieht sie auf einer Geburtstagsfeier auch die anderen verhassten Menschen wieder. Die sind nun erwachsen, „vernünftig“ und schmeißen sich an die „Berühmtheit“ aus LA ran. Ihren Neid können sie nur schlecht verbergen. Man weiß nicht, was schlimmer ist, Vergangenheit oder Gegenwart. Nur Jonathan fehlt. Der hatte Antoinette am schlimmsten von allen gequält …

In sonnengelb-grau-schwarzen Panels eröffnet Vieweg einen tiefen Blick in die Psyche eines Mobbing-Opfers. Das heitere kalifornische Gelb kontrastiert mit dem satten Schwarz der Seelenabgründe und aus der scheinbaren harmlosen Rückkehr in die Heimat wird langsam ein düsterer Rachefeldzug – für den man das vollste Verständnis entwickelt, wenn Antoinette mit ihrem Engelshaar sich nach und nach an alle schrecklichen Details ihrer Qual erinnert. Gleichzeitig fragt man sich beständig, wie weit Rache wirklich gehen darf, um die Geister der Vergangenheit wieder loszuwerden. Und ob man Antoinette daher noch nett und sympathisch finden darf. Das ist eine ziemlich harte Nuss, die Vieweg dem Leser hier zu knabbern gibt. Wie und ob dies alles irgendwie zu beurteilen und aufzuwiegen ist, diese Schlussfolgerungen muss jeder Leser selbst ziehen.

Antoinette kehrt zurück, für den Olivia Vieweg 2012 das Comic-Stipendium der Egmont Verlagsgesellschaften gewann, zeigt wieder einmal, dass sich das Medium Comic extrem gut für die visuelle Darstellung und somit für die Bewusstmachung von psychischen Abgründen eignet. Die leeren weißen Augen von Antoinettes Doppelgängerin sind so eindrucksvoll gruselig und erschreckend, dass die ganze Dimension von Mobbing für die Opfer mit einem Bild klar wird. Dafür brauchen andere Medien manchmal endlos lange Seiten oder Sequenzen. Vieweg schafft das mit ein paar klaren Strichen.

Olivia Vieweg: Antoinette kehrt zurück, Egmont Graphic Novel, 2014, 96 Seiten, 14,99 Euro