Kaputtes Kind

nichollsDieses Buch – Wünsche sind für Versager von Sally Nicholls – ist kaum auszuhalten. Es ist verstörend, es macht traurig, wütend, hilflos. Es lässt einen zweifeln und verzweifeln. Es nährt leise Hoffnung, um sie gleich auf den nächsten Seiten dröhnend zu zertrümmern.

Es geht um die systematische Zerstörung einer Kinderseele. Die 11-jährige Olivia erzählt von ihrer Odyssee durch Pflegestellen, Fürsorgeeinrichtungen, Kinderheime und Ersatzfamilien. Mittlerweile ist sie bei „Zuhause Nummer 16“ angelangt, bei Jim und den Kindern Daniel und Harriet sowie der fast erwachsenen Grace mit ihrem Baby Maisy. Sie leben auf dem Land in der Nähe von Bristol.

Olivia wünscht sich nichts mehr, als anzukommen, eine Familie zu haben und geliebt zu werden. Das ganze Buch ist ein Schrei nach Liebe (obwohl man das nach dem Song von den Ärzten über Neonazis kaum noch neutral schreiben kann, ist das Bild trotzdem sehr treffend). Doch nach den vielen Traumata und Verletzungen von frühester Kindheit an fasst Olivia nicht nur schwer Vertrauen, sie ist auch der festen Überzeugung, dass man ihr selbst nicht trauen darf: Weil sie böse ist, ein Monster, eine Hexe, ein abgrundtief schlechter Mensch.

Warum Olivias versoffene, alleinerziehende Mutter sie von Anfang an auf das Perfideste misshandelt hat, wird nicht erörtert und ist nicht das Thema. Es heißt zwar, dass die Misshandelnden selbst als Kinder misshandelt wurden. Eine Elfjährige kann diese Frage aber nicht beantworten und es würde ihr auch nicht weiterhelfen, geschweige denn, den Kreislauf aus Gewalt durchbrechen und beenden.

Perverserweise liebt Olivia ihre Mutter, obwohl sie auch schreckliche Angst vor ihr hat. Seit mittlerweile fünf Jahren hat sie sie gar nicht mehr gesehen. Das ist, wie man aus Erzählungen und Fallberichten von misshandelten und vernachlässigten Kinder weiß, nicht ungewöhnlich, eher normal. Genau darum geht es: Olivia sehnt sich nur nach etwas, das selbstverständlich sein sollte. Ein Kind sollte geliebt werden. Das ist nur natürlich. Sonst wäre die Menschheit längst ausgestorben, zu Recht. Auch Tiere kümmern sich um ihren frischgeborenen Nachwuchs, beschützen und ernähren ihn. Das ist laut unserer Definition keine Liebe, sondern nur Instinkt. Aber eine Grundvoraussetzung für das Überleben. Und wenn Tiermütter in Gefangenschaft ihren Nachwuchs verstoßen, wird er, wie beispielsweise beim Eisbären Knut vor ein paar Jahren, von Millionen Menschen adoptiert und umsorgt.

Olivias Mutter hat als erste dieses Urvertrauen zerstört. Sie hat so getan, als wolle sie Olivia umarmen, stattdessen hat sie ihr Brandwunden mit Zigaretten zugefügt. Aber weil sie ganz selten wirklich nett war, ist Olivia immer wieder darauf reingefallen. „Ich wusste gleich, du bist der Teufel“, hat Olivia schon als Kleinkind gehört. Als Baby hat sie so lange verzweifelt vor Hunger, Durst, Einsamkeit geschrien, bis sie verstanden hat, dass sie beim nächsten Mucks nur Schlimmeres erleiden muss oder gleich tot geschlagen wird. Für Olivia ging es instinktiv fortan nur noch ums bloße Überleben. Oder wie sie später schreibt: „Wünsche sind für Versager.“

Später hat sie ihre jüngeren Geschwister vor der Raserei der Mutter beschützt. Vor allem hat sie dafür gesorgt, dass die Kleinen nicht schreien, hat als Vier-, Fünfjährige ihren Babybruder stundenlang rumgetragen, gefüttert, obwohl oft nichts Essbares im Haus war. Und auch keiner etwas von den schrecklichen Zuständen „zu Hause“ mitbekommen durfte, auch nicht, wenn ihre Mutter auf tagelange Sauftouren ging und die Kinder eingeschlossen hat.

Als dann Jugendamt und Polizei endlich eingriffen, wurde Olivia nach einigen Interimslösungen und Trennung von ihren Geschwistern auch noch das Opfer einer sadistischen Pflegemutter, die sie im Keller einsperrte, und dem vernichtenden Gefühl aussetzte, dort vergessen zu werden und zu sterben. Manchmal stellte sie Olivia aus „disziplinarischen Gründen“ unter die eiskalte Dusche. Olivias Rettung hierbei war ihre Fähigkeit, ihren Körper zu verlassen und so den Schmerz nicht fühlen zu müssen. Dissoziation nennt man das in Psychologie und so nennt es auch ihre spätere Therapeutin.

Es gibt aber auch Menschen, die nett zu ihr sind, die sich um sie kümmern und ihr helfen wollen. Sie sind sogar in Mehrzahl, dieses Buch ist kein Buch gegen staatliche Fürsorge und Pflegeeltern. Aber Olivia hat solche Angst, erneut verletzt und enttäuscht zu werden, dass sie niemandem mehr traut und alle von sich stößt, mit wildem Geschrei, gemeinsten Beleidigungen, Kratzen, Beißen, Treten, Zerstörungsorgien und sogar Messern. Nur einer einzigen Betreuerin gelingt es, an sie ranzukommen. Aber diese ist nur für den Übergang da, das ist ihr Job. Und als sie Olivia einer neuen Familie anvertrauen will, schlägt Olivias zarte Zuneigung, Vertrauen und erster Respekt für einen Erwachsenen, vielleicht sogar Liebe, in Hass um.

Die englische Autorin Sally Nicholls beschreibt Olivias Gefühle so eindringlich, so furios und schmerzhaft, dass es kaum zu ertragen ist. Schon bei ihrem Debüt Wie man unsterblich wird von 2008 ist sie in die Seele eines Elfjährigen eingetaucht, eines krebskranken Jungen, der einerseits noch ganz Kind ist, mit seinem Sterben und dem baldigen Tod aber wesentlich reifer und reflektierter umgeht als manche Erwachsenen. Doch dieser Junge wurde geliebt. Und obwohl er zum Schluss stirbt, war dieses Buch auch lustig, lebendig, hoffnungsvoll und versöhnlich mit der totalen Ungerechtigkeit, dass Kinder sterben müssen. Es war sogar besser, als John Greens vier Jahre später erschienener Bestseller zum selben Thema Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Wünsche sind für Versager erzählt von einem seelisch fast toten Kind und endet mit einem vernichtend winzigen Hoffnungsschimmer auf Errettung. Ein einzigartiges Horrorbuch, eine nachhallende Zombiegeschichte. Trotzdem oder gerade deshalb muss man sie unbedingt lesen!

Elke von Berkholz

Sally Nicholls: Wünsche sind für Versager, Übersetzung: Beate Schäfer, Hanser Verlag 2016, 224 Seiten, ab 13, 15,90 Euro

Die Eleganz des Stinktiers

51jaiKqgejL„Als ich mein Haus verließ, saß ein Stinktier vor der Tür.“ Ebenso überrascht wie der Erzähler gerät man in die skurrile, zunehmend gruselige und doch ganz bezaubernde Geschichte einer grotesken Verfolgungsjagd. Gleichzeitig beginnt so eines der schönsten Bilderbücher dieses Jahres. Und das obwohl es überhaupt nicht kunstvoll, großspurig und auf den ersten Blick pädagogisch wertvoll daherkommt.

Das Stinktier heftet sich dem befrackten, mit seiner Brille und Frisur an den jungen Woody Allen erinnernden Helden an die Fersen; egal wo er langgeht, ob er rennt oder trödelt, es ist immer da, mal hinter oder auch neben ihm. Das ist anfangs noch spaßig, wird aber immer unheimlicher. Es hilft auch nicht, den Verfolger zur Rede zu stellen: „Ich drehte mich zu dem Stinktier um. Ich fragte: ,Was willst du von mir?’ Das Stinktier antwortete nicht. Das Stinktier war ein Stinktier.“

Natürlich ist das Stinktier viel kleiner als der Verfolgte, und es tut nichts, es stinkt auch gar nicht. Und doch kriecht die Paranoia in die Geschichte, Hitchcock lässt grüßen, bei den Vögeln fing auch alles ganz harmlos an. Schließlich treibt blanke Panik den Helden auf seiner surreal-slapstickhaften Flucht durch die Oper, über Friedhöfe und Rummelplätze, in Sackgassen und schließlich in die Kanalisation. Unter der Stadt hetzt er ohne Pause weiter, schüttelt den Verfolger ab, bezieht ein neues Haus, beginnt ein neues Leben …

Das ambivalente Ende der wunderbar absurden Geschichte, das der Anfang einer anderen sein könnte, sei hier nicht verraten. Der amerikanische Kinderbuchautor Mac Barnett ist keiner der definitiven happy endings. Wie zum Beispiel in seinem actiongeladenen Comic mit dem selbstredenden Titel Oh No! Or How My Science Project Destroyed The World: Darin erfindet ein nerdiges Mädchens einen tollen Roboter, der leider die ganze Welt in Schutt und Asche legt – das kann man nicht mehr heil machen. Mac Barnett erzählt in kurzen, präzisen Sätzen, seine Worte sind klar und auf den Punkt gebracht – und von Barbara Küper ebenso prägnant ins Deutsche übersetzt.

In Patrick McDonnell hat Barnett einen kongenialen Illustrator gefunden: Die größtenteils in schwarz-weiß gehaltenen Bilder, nur vereinzelt mit roten Farbtupfern versehen, wie zum Beispiel der Nase des Stinktiers und Fliege des Helden, wirken wie aus der Zeit gefallen und doch zeitlos schön. McDonnells Stil, den einige vielleicht von seinen Comicstrips Mutts kennen, erinnert an einen anderen, vor einigen Jahren vom Berlin Verlag wiederentdeckten Klassiker: Eloise in Paris. Mit leicht anarchistischem Charme erobert hier eine kleine New Yorkerin die Stadt der Lichter. Und in beiden Büchern spielt die Urbanität, das Großstadtleben eine wichtige Rolle.

McDonnells gibt vor allem dem ursprünglich nicht großstädtischen Stinktier wahre Eleganz. Von wegen die befrackten Pinguine, sein Stinktier hat wirklich Klasse: in stilvollem schwarz-weißen Streifenlook, den buschigen Schwanz wie eine lässig getragene Pelzstola hinter ihm herwehend. Blöd, dass es im Deutschen nur ein Wort gibt, das die unangenehme Seite des hübschen Tiers betont. Das englische „skunk“ klingt natürlich nicht besser,„Gestank“ schwingt auch hier mit. In Frankreich heißt das Buch lustigerweise „Das Stinktier, das mich liebte“. Nur „Stinktier“ als Titel verfängt im Land der Parfümeure wohl nicht; dann lieber ein scheinbares James-Bond-Zitat.

Die stilvoll schwarz-weißen Bilder kippen nur einmal ins grell Bunte. Und zwar während der vermeintlich besseren, weil wieder stinktierlosen Zeit. Instinktiv merkt man, dass in der schicken Wohnung, zwischen den aufgekratzt feiernden Partygästen in all ihrer Farbigkeit etwas – oder jemand – fehlt.

Was oder wer? Das kann jeder für sich interpretieren. Ist es das anhängliche, jüngere Geschwisterkind? Oder etwas Abstraktes wie Träume oder eine Sehnsucht, die man sich nicht traut auszuleben, die einen aber nicht loslässt, weil ohne sie das Leben hohl und sinnlos ist. Oder steht das Stinktier für den  Freund aus Kindertagen, der einem mittlerweile peinlich ist, weil er nicht zu den neuen coolen, hippen Freunden passt und sich nicht für die Modetrends und den nächsten heißen Scheiß interessiert. Stattdessen ist er verlässlich, treu und bodenständig, und nicht zuletzt von subtiler, erst auf den zweiten Blick erkennbarer Eleganz.

Das Stinktier von Mac Barnett und Patrick McDonnell ist für Leser jeden Alters eine Entdeckung und hat das Zeug zum modernen Klassiker, mit der Betonung auf Klasse!

Elke von Berkholz

Mac Barnett: Das Stinktier, Illustration: Patrick McDonnell, Übersetzung: Barbara Küper, Tulipan 2016, 44 Seiten, jedes Alter, 13 Euro

Bilder gegen Neonazis

drei steineBrutal zusammengeschlagen liegt ein Junge auf dem siffigem Fußboden eines Schulklos. Seine Schulsachen sind ausgekippt, an den Wänden Kritzeleien, die Comicfigur Werner, BVB Logo, ein verdrehtes Hakenkreuz.

Mit dem Titelbild seiner autobiographischen Graphic Novel Drei Steine springt Nils Oskamp direkt in die Geschichte: Dortmund-Dorstfeld in den 80er Jahren. Zechen werden geschlossen, mit der Stahlindustrie geht es bergab, die Arbeitslosigkeit steigt und die rechtsradikale Szene erstarkt.

Der Schüler Nils Oskamp hat bei den immer lauter werdenden, faschistischen Parolen an seiner Schule nicht weggehört und den Neonazis seine Meinung gesagt – und hätte das fast mit dem Leben bezahlt. Doch die rechte Gewalt hat ihn nicht mundtot gemacht – im Gegenteil: Statt den Neonazis mit den gleichen Mitteln zu begegnen und die Spirale der Gewalt weiterzudrehen, schlägt der Illustrator jetzt mit Drei Steine zurück.

Seine Geschichte zeigt, dass man sich wehren muss. Vor allem wird deutlich, wie gefährlich die Rechtsradikalen waren und immer noch sind. Und wer dachte, dass die Neonazi-Szene früher nur im repressiven DDR-Staat gedeihen konnte und wie aus dem Nichts mit der Wiedervereinigung über Deutschland hereingebrochen ist, dem werden mit diesen Szenen aus Dortmund, einer Hochburg der Rechtsradikalen seit Jahrzehnten, unmissverständlich die Augen geöffnet.

Zur Story: Oskamp, der auch Trickfilm studiert hat, beherzigt die alte Filmregel, mit einer Explosion zu beginnen und sich dann langsam zu steigern. Gleich auf dem Vorsatzpapier knallt es: Mit einem gewaltigem „BÄÄM“ wird ein riesiger Förderturm gesprengt und kracht in sich zusammen. Das Ende von Bergbau und Stahlindustrie im Ruhrgebiet Anfang der 80er Jahre. Und dann gerät der Leser unvermittelt in einen Albtraum: Mehrere Skinheads mit Baseballschlägern treiben einen Teenager in eine Falle, prügeln und treten auf ihn ein. Es ist ein wiederkehrender Albtraum, aus dem der Erzähler Nils Oskamp erwacht, geweckt von seinem kleinen Sohn Tom. Der ist nach einem Schulfreund Oskamps benannt, und jetzt erzählt der Vater seinem Jungen die Geschichte.

Die gegenwärtige Rahmenhandlung ist in warmen Sepiatönen gehalten. Die eigentliche Geschichte in kaltem Blau-Grau. Die Atmosphäre ist sofort so bedrückend wie das Geschehen. Als 14-Jähriger erlebt Oskamp, wie Mitschüler rechtsradikale Parolen grölen, ungeniert antisemitische Meinungen äußern, die Nazidiktatur verherrlichen und Wände mit Hakenkreuzen beschmieren. Er beobachtet, wie Altnazis Kinder für „kameradschaftliche“ Freizeitaktivitäten anwerben. Im Geschichtsunterricht verbreitet der Lehrer, früher Wehrmachtssoldat und Ostfrontkämpfer, angefeuert von interessierten Schülern, ungehemmt revanchistisches Gedankengut. Nils Oskamp kann und will das nicht hinnehmen. Seine vermeintlich neutralen Mitschüler lachen zwar, wenn er Paroli bietet, sich Wortgefechte liefert und aus dem Unterricht fliegt. Aber er ist isoliert und bleibt im unfairen Kampf gegen die Neonazis allein.

Die Gewalt, die die Faschos ausüben, um Andersdenkende mundtot zu machen, ist erschütternd anzusehen. Das sind nicht nur Einschüchterungen. Bei „mundtot“ liegt die Betonung auf dem zweiten Teil, so brutal und hemmungslos wie die Schläger auf ihre Opfer einprügeln. Da gibt es keine Anzeichen von Mitgefühl, Empathie oder Verständnis für den Schmerz des anderen. Ihre Ideologie scheint alle diese Emotionen auszuschalten und jedes Mittel zu rechtfertigen.

Fast ebenso schlimm und wirklich übelkeitserregend ist das Weggucken Außenstehender. Passanten drehen sich weg, Fenster werden geschlossen, Lehrer verkennen Tatsachen und Zusammenhänge. Als auf Oskamp in seinem Elternhaus durch ein Fenster geschossen wird, verharmlosen Polizisten den Anschlag als Luftgewehrstreich und „am Sonntag kommt die Spurensicherung nicht“. Richter ahnden rechtsradikale Verbrechen als Straftaten Minderjähriger und verurteilen Gewalttäter, falls es überhaupt zur Anzeige und einem Verfahren kommt, zu geringen Bewährungsstrafen. Oskamps Eltern sind von familiären und finanziellen Problemen absorbiert.

Das ist wirklich schwer auszuhalten und macht ungeheuer wütend. Nur Tom, eigentlich ein Kumpel seines ebenso ignoranten, älteren und pseudocoolen Bruders, hilft Nils gegen die Neonazis und haut ihn auch mal aus einer brenzligen Situation raus. Kurzzeitig war Tom selbst für die „kameradschaftlichen“, sportlichen Verlockungen der rechtsradikalen Verbände empfänglich, aber sein Verstand hat ihn vor falschen Freunden und deren kranken Ideologien bewahrt.

Umso erstaunlicher und bewundernswerter, dass Oskamp noch als Jugendlicher in einem entscheidenden Moment innehält, nicht mit dem Stein in seiner Hand zum finalen Schlag ausholt, sondern beschließt, mit anderen Mitteln und einer anderen Sprache zu kämpfen. Davon erzählt seine Graphic Novel Drei Steine sehr eindringlich.

Nur wie die Nazis ihre Propaganda so effektiv verbreiten können und was Menschen dafür so empfänglich macht, wird in dieser Geschichte nicht deutlich, insbesondere für jüngere Leser, die wenig von den gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen wissen. Oskamp erzählt aus der Perspektive eines 14-Jährigen. Auch der ausführliche Informationstext am Ende des Buchs ist eher eine zeitgeschichtliche Rekapitulation der erstarkenden Neonaziszene in Dortmund und Westdeutschland.

Drei Steine ist ein starkes Buch, eine eindringliche Graphic Novel. Es ist nur zum Kotzen (sorry für die deutlichen Worte), dass solche Geschichten immer noch und immer wieder erzählt werden müssen.

Elke von Berkholz

Nils Oskamp: Drei Steine, Panini Comics, 2016, 160 Seiten, ab 13, 19,99 Euro

Die Mädchen und das liebe Vieh

milchmaedchen„Das sind Kühe, keine Krokodile“, sagt Cowgirl spöttisch zu Gemma, die nach einer halsbrecherischen Schussfahrt vom Fahrrad geflogen ist und sich jetzt von einem Dutzend Wiederkäuer umgeben sieht. Aber Gemma ist nicht überzeugt und fürchtet sich vor den Tieren genauso wie vor ihrer groß gewachsenen Klassenkameradin, die eigentlich Kate heißt, von allen aber nur Cowgirl genannt wird. Blöde Kuh, denkt die 13-Jährige folgerichtig, als sie sich wieder auf den Sattel schwingt.

Cowgirl ist der Originaltitel des Romans. Und es passt perfekt zur burschikosen, selbstbewussten und reifer wirkenden, ebenfalls 13-Jährigen Kate. Trotzdem ist es gut, dass der Verlag Königskinder das Debüt des Walisers G. R. Gemin Milchmädchen genannt hat und dazu ein bildhübsches Mädchen mit Sommersprossen auf dem Umschlag zeigt, umrankt von rosa Kleeblüten. Das wirkt so friedlich, idyllisch und auch ein bisschen naiv und lebensuntauglich. Größer könnte der Kontrast nicht sein, denn das Leben der Mädchen in der Geschichte ist alles andere als rosig. Zudem funktioniert der Begriff Milchmädchen im Singular und Plural – raffiniert.

Gemmas Vater sitzt im Knast, ihre Mutter ist erschöpft von Alltag und Geldsorgen und ihr jüngerer Bruder Darren nervt. Sie leben in Wales, in dem heruntergekommenen Viertel Bryn Mawr (was „Brinn Maur“ gesprochen wird, mit gerollten R, und großer Hügel heißt) am Rand von Cardiff. Eine Mischung aus mehrstöckigen Sozialbauten und einfachen Einfamilienhäuschen mit kleinem Garten, von denen Gemmas Großmutter Lily eins bewohnt. Einbrüche, Diebstahl und Überfälle auf ältere Menschen, die ihre Rente abholen, sind Alltag; die Zeitungen berichten täglich und lakonisch. Deprimierende soziale Realität.

Cowgirl Kate lebt mit ihren Eltern auf einem kleinen Hof den Hügel hoch, mit nur noch einem Dutzend Kühen, die ihr Vater mangels Rentabilität und wegen der Schulden verkaufen will und muss. Aber Kate liebt die Kühe, sie ist Milchmädchen, Cowgirl, Kuhhirtin mit Leib und Seele. Noch immer leidet sie darunter, dass die einst 50-köpfige Herde wegen der Maul- und Klauenseuche vor einigen Jahren  gekeult werden musste, wie es zynisch in der Sprache der Massentierhaltung heißt. Später erzählt sie Gemma, dass sie nicht nur den schwarzen Fleck, wo die getöteten Tiere auf einem riesigen Scheiterhaufen verbrannt worden waren, mit Entsetzen gesehen, sondern auch noch tagelang das verbrannte Fleisch gerochen hat. Sie will ihre Kühe, die natürlich alle Namen tragen, nicht verlieren. Also muss Kate sie in Sicherheit bringen.

Erzählerin Gemma wird ihre wichtigste und stärkste Verbündete. Verrückterweise wird alles von ihrer über 80-jährigen Oma angestoßen, die nach dem Tod ihres räudigen Hundes zunächst todtraurig ist. Sie lernt Kate kennen und schließt das verschlossene und von allen anderen gemiedene Mädchen in ihr Herz, erst recht, als sich herausstellt, dass Oma Lily als junge Frau während des Krieges auf genau dem Hof, damals bei Kates geliebtem Großvater als Melkerin und Kuhhirtin ausgeholfen und beste Erinnerungen daran hat. Die Geschichte einer verwegenen Tierrettung nimmt so rasant Fahrt auf wie Gemma anfangs tollkühn abwärts gerast ist. „Die Ampel wurde grün. ,Na los, Mädels’, sagte ich und wir gingen über die Straße. Ich nickte einem wartenden Fahrer zu, als ob ich jeden Tag mit fünf Kühen die High Street überquerte.“ Am Ende beteiligt sich das gesamte Viertel Bryn Mawr.

Der in Cardiff als Sohn italienischer Einwanderer geborene G. R. Gemin hat eine bezaubernde und mitreißende Geschichte von zwei unglaublich mutigen Mädchen und ihrer wachsenden, wunderbaren Freundschaft geschrieben. Schonungslos beschreibt er im Kontrast dazu die Auswirkungen von Massentierhaltung, unser perverses Verhältnis zu Tieren und eine von Arbeits- und Perspektivlosigkeit zerrüttete Gesellschaft. Er zeigt aber auch, dass man noch etwas ändern – es zumindest versuchen – kann, und dass es manchmal noch Hoffnung gibt. Mit Gemmas Großmutter Lily hat er – neben diversen anderen – eine grandiose, total liebenswerte Figur erschaffen. Alles ist in einem erfrischenden, authentischen und lebendigen Ton erzählt. Gabriele Haefs hat die Geschichte ebenso spritzig und feinfühlig ins Deutsche übersetzt, mit ein paar netten Extras. So führt sie anfangs fünf walisische Begriffe und Namen mit Aussprache und Übersetzung an, was den Lesenden  die Gegend, in der der Roman spielt, näher bringt.

Am Ende reift die Erkenntnis: Kühe sind nicht nur keine Krokodile. Kühe sind auch keine Milchmaschinen, sondern empfindsame, individuelle Lebewesen. Und Darrens faszinierte Erklärung der Milchproduktion – „vorne kommt Gras rein und hinten kommt Milch raus“ – verdirbt einem Polizisten vorläufig die Lust auf seine morgendlichen Cornflakes. Kühe sind zudem keine Steaks auf vier Beinen, und die gemeinsame Sorge um das liebe Vieh schweißt schließlich auch die Menschen zusammen.

Elke von Berkholz

G.R. Gemin: Milchmädchen, Übersetzung: Gabriele Haefs, Königskinder, 2016, 272 Seiten, ab 12, 16,99 Euro

Grandioser Schund

formanRund 800 Seiten in knapp einer Woche – ist das schon ein Lob? Für eine notorische Langsamleserin wie mich durchaus. Obwohl es Momente gab, in denen ich nicht mehr weiterlesen wollte und nach 160 Seiten, also genau nachdem die Heldin von diesem einen Tag erzählt hat, hätte ich den ersten Band am liebsten vor Wut in die Ecke geschleudert, auf Nimmerwiedersehen, von Teil zwei ganz zu schweigen. Aber dann habe ich doch weitergelesen und es hat sich gelohnt!

Klingt nach gutem Schund, war mein erster Gedanke, als ich Gayle Formans zweibändige Liebesgeschichte in die Hände bekam. „Schund“ nenne ich liebevoll gut gemachten Kitsch, leicht konsumierbare Liebeskomödien. Im Kino hat Sandra Bullock zum Beispiel diese grundsympathischen, etwas schrägen Frauenfiguren mit reichlich Selbstironie drauf, und wenn sie dann noch auf Hugh Grants ungeschickt-schüchternen Charme trifft: perfekt. Auch die slapstikhafte Bridget Jones liebe ich in Buch und Film.

Nur ein Tag aber beginnt mit einer Überdosis Klischees: Die 18-jährige Allyson macht mit ihrer besten und einzigen Freundin Melanie eine typische Europa-Rundreise, organisiert von Teen Tours, ein Geschenk der Eltern zum High-School-Abschluss, bevor es dann aufs College geht. Melanie genießt die Freiheit, fernab von Helikoptereltern und heiler Vorstadtwelt, trägt knappe Tops, kurze Röcke, fesche Frisur und feiert ausgiebig in Kneipen und Pubs (diese verrückten Europäer, hier darf man schon mit 18 Alkohol trinken, das muss man natürlich nutzen). Die Tour endet in Stratford-upon-Avon, aber auf klassischen Shakespeare hat Mel keine Lust. Also überredet sie Allyson einmal über ihren Schatten zu springen, nicht zu allem gleich Nein zu sagen und stattdessen der Aufführung der Truppe Guerillawill zu folgen. Passenderweise gibt die statt düsterem Hamlet im Theatersaal Was ihr wollt unter Sternen in der lauen Sommernacht. Und Allyson gefällt’s, besonders der große, blonde Schauspieler, der den Sebastian spielt, hat es ihr angetan.
Und genau den trifft sie am nächsten Morgen im Zug nach London wieder.

Sie flirten. Er ist Niederländer, heißt Willem und nennt sie Lulu, nach der Stummfilmschauspielerin Louise Brooks, der die schwarzhaarige Allyson mit ihrem Pagenkopf, zu dem Melanie sie überredet hat, ähnlich sieht. Und Willem lädt sie ein, mit ihm für einen Tag nach Paris zu fahren, das Allyson und Teen Tours zuvor wegen streikenden Flugpersonals verpasst haben.
Einen Tag lang ist Allyson Lulu – eine mutige, offenherzige, spontane, authentische und witzige junge Frau mit einer screwballcomedyartigen Schlagfertigkeit. Mit Willem erlebt sie ein anderes, untourististisches Paris, begegnet lauter interessanten Menschen und beginnt, sich und das vor ihr liegende, perfekt durchgeplante Leben mit anderen Augen zu sehen. Das ganze hat den Zauber brillanter Begegnungen wie im Film Before Sunrise (wobei erst die Fortsetzung Before Sunset dann in der romantischen Kulisse von Paris spielt).

Als sie dann aber am nächsten Morgen allein in einem Atelier in einem besetzten Haus aufwacht, von Willem keine Spur, da ist Allyson plötzlich nur noch ein hilfloses, schluchzendes, heulendes Elend, das verzweifelt die pragmatische Teen-Tour-Leiterin anruft und sich von ihr nach London und letztlich nach Hause zurück helfen lässt. Oh weh, jetzt hat sie sich einmal etwas getraut und ist so enttäuscht worden, das arme Mädchen …

Da hätte ich das Buch am liebsten weggeworfen. Lulu war wieder die alte Allyson, hat nur noch genervt, Klischee, künstliches Drama, pathetisch, langweilig!

Zu meinem Glück habe ich diesem spätpubertierendem Teenager noch eine Chance gegeben und bin ihrer zwar nur langsam in Fahrt kommenden, aber immer spannender und lesenswerteren Suche nach Willem – die vor allem eine Suche nach sich selbst, nach Lulu, ist – gefolgt. Ein paar Mal hätte ich sie noch gern geschüttelt, weil sie es nicht schafft, ihrer übergriffigen Mutter Paroli zu bieten oder auch nur halbwegs normal mit ihrer Zimmermitbewohnerin oder ihren Kommilitonen zu reden. Weil sie sich erst in ihrem Schneckenhaus aus Kummer, Vorurteilen und Feigheit verkriecht.

Und soviel sei verraten: Shakespeare spielt bei dieser Befreiung eine Schlüsselrolle. Denn genau darum geht es auch, dass jeder eine Rolle spielt und sich anders gibt, als er ist. Shakespeares Stücke, vor allem die Verwandlungskomödien, sind raffiniert mit der Handlung verwoben und wirken als Katalysator.
Ein bisschen fühlt man sich wie im Krimi, im Kasperletheater oder schlechtem Horrorfilm, wenn man der Heldin immer einem einen Schritt voraus ist und rufen will: „Pass auf!“, „Dreh um!“ und „Lauf nicht da lang!“ Eigentlich scheint Allyson ein bisschen zu alt für diese Coming-of-Age-Geschichte. Manche ihrer Missverständnisse sind einfach nur grotesk. Und kein bisschen komisch.

Gayle Forman findet schließlich aber auch sehr gute Bilder: Als kleines Mädchen ist Allyson mit Melanie, beides Einzelkinder, immer Hand in Hand vom Sprungbrett in den Pool gesprungen. Doch immer wenn sie wieder an die Oberfläche geschwommen sind, mussten sie sich loslassen. Und so ist es auch mit dem Freischwimmen, von Eltern, von Lebensentwürfen, die nichts mit einem selbst zu tun haben, von Ängsten und Bequemlichkeiten – hin zum eigenen Leben, mit eigenen Träumen, eigenen Erfolgen und Niederlagen. Exakt ein Jahr nach diesem einen Tag in Paris steht sie in Amsterdam vor einer Tür und sagt: „Hi, Willem, ich bin Allyson.“

forman 2Da habe ich gleich Band zwei angefangen, der geschickterweise schon mit ein paar Seiten im ersten beginnt und neugierig macht. Jetzt erzählt nämlich Willem seine Geschichte. Nicht nur, warum er am nächsten Morgen in Paris verschwunden ist. Auch, warum er mit der jungen, Louise Brooks ähnelnden Amerikanerin nach Paris gefahren ist. Wovor er wegläuft. Weshalb er ständig verliebt ist, aber noch nie jemanden geliebt hat, wie er Lulu erklärt hat. Ein blonder Schlacks mit Schlag bei Frauen. Ich bin ganz vernarrt in diesen sprachbegabten Niederländer, der Brot mit Hagelslag, mit Schokostreuseln, liebt und jung genug ist, um mein Sohn sein zu können. Bin zwar schon alt, aber nicht zu alt für ein bisschen verliebt sein. Ich werde bestimmt nie so alt, dass ich auf Mummy Porn wie Fifty Shades of Grey abfahre, mit seinen erzkonservativen Geschlechterrollen.

Willem lässt sich treiben vom Zufall, oder Unfall, wie er es nennt. Hierbei frage ich mich, ob Stefanie Schäfer bei ihrer solide wirkenden Übersetzung etwas anfügen musste, weil im Englischen „accident“ beides bedeutet („by accident“, „accidental“ heißt „zufällig“).
Willem reist kreuz und quer um die Welt, lässt sich treiben – und ist auch ein Getriebener. Man begleitet ihn mit Vergnügen und entschlüsselt seine Geheimnisse, ergründet seine Verletzungen und Narben. Nur das komplizierte Verhältnis zu seiner Mutter entspannt sich etwas zu kathartisch (das geht, „zu kathartisch“! Merkt man beim Lesen). Man spürt hier überdeutlich die Autorin Gayle Forman, Jahrgang 1971, die auch Mutter von mittlerweile vermutlich halbwüchsigen Kindern und selbst Tochter ist. Sie arbeitet sich etwas zu sehr an der Mutterrolle ab, wie man eine gute Mutter ist, wie viel Vertrauen, Freiheit und Fürsorge angemessen ist. Mit Willems Mutter hat Forman ein reizvolles, besonderes Rollenvorbild entworfen. Yäel ist eine vielschichtige und kluge Frau, die ihre Empathie und Gefühle anders zum Ausdruck bringt, wie Willem schließlich versteht. Irgendwann sprechen Mutter und Sohn eine gemeinsame Sprache.

Willems Geschichte und Band zwei dieses doppelten Entwicklungsromans aus zwei Perspektiven hat mir extrem gut gefallen. Ich will jetzt nicht so weit gehen, dass Gesamtwerk als „doppeltes Glück“, eine im Buch wiederholt auftauchende Metapher aus dem Chinesischen, zu bezeichnen. Den bald zu erwartenden Film dazu will ich nicht sehen, um mir mein Bild von dem Jungen nicht kaputt machen zu lassen, obwohl das Ganze allein schon wegen der Handlungsorte nach einer Kinoadaption geradezu schreit. Auf jeden Fall ist es grandioser und absolut empfehlenswerter Schund!

Elke von Berkholz

Gayle Forman: Nur ein Tag, 432 Seiten, und Und ein ganzes Jahr, 368 Seiten, Übersetzung: Stefanie Schäfer, Fischer FJB Verlag, 2016, ab 14, jeweils 14,99 €

Tierisch gut kochen

essenKochbücher sind nicht so mein Ding. Zum einen lasse ich mich lieber bekochen. Zum anderen ist in den meisten Rezepten Fleisch drin, wobei Speckwürfel oft nur als Gewürz gelten und Risotto scheinbar am besten in Geflügelbrühe gelingt. Auch für eine in vieler Hinsicht konsequente, aber nicht hundertprozentige Vegetarierin (Fisch mag ich gelegentlich zu gern) ist die gängige Auswahl schlecht. Sofern man nicht gleich zur vegetarisch/veganen Sektion greift, die immer mit diesem angestrengten „fleischloses Essen kann auch sehr lecker sein“-Gusto daherkommt, was heute kaum jemand mehr ernsthaft bezweifelt. Außerdem machen fast alle Rezepte, egal ob Pasta, Salat oder Suppe, jahrzehntelange fade deutsche Küche wett, indem gefühlt jede Zutatenliste mit mindestens drei Knoblauchzehen beginnt. Ich habe durch die Küche meiner Eltern aber genug Knoblauch für den Rest meines Lebens und ziehe Chilischärfe vor. Und wie als Kind will ich an manchen Tagen nur Nachtisch essen.

Genau deshalb mache ich für Tanja Kirschners Essen wie die Tiere eine Ausnahme von meiner Kochbuch-Ignoranz. Nicht, weil ich mit dem fehlenden Knoblauch auch gleich alle Tischmanieren fahren und mich schmatzend und grunzend über rohe Nahrung hermachen will. Nein, dies ist schon ein echtes Kochbuch in dem Sinn, dass eine der wenigen menschlichen Errungenschaften, nämlich die Nutzung des Feuers zur Zubereitung von Speisen, auch zur Geltung kommt. Diese Sammlung von 27, überwiegend fleischfreien, leicht zuzubereitenden und oft süßen Gerichten orientiert sich am überraschend ausgewogenen Speiseplan von 13 Tieren.

Über die erfährt man auf der jeweils linken Seite dieses praktischen Ringbuchs ganz Erstaunliches: Zum Beispiel, dass Kaninchen vorkosten und mit einem Probebiss testen, ob etwas essbar oder giftig ist. So erweitert man den Speiseplan, und der Rat „Probier doch erst mal“ bekommt eine ganz neue Bedeutung.
Ziegen sind wahre Gourmets, käuen am liebsten nur feine Kräuter wieder und klettern für besonders leckere Blätter sogar auf Bäume. Trennungsschmerz aber verdirbt ihnen tagelang den Appetit.
Elefanten dagegen sind Gourmands: 400 Kilogramm müssen die Vielfraße täglich in sich reinhauen, 17 Stunden brauchen sie dafür. Das spricht ein wenig gegen kalorienarme, rein vegetarische Ernährung, denn für Schlaf bleibt da kaum Zeit.
Löwen und andere große Raubkatzen ziehen die umgekehrte Variante vor: Maximal einmal am Tag eine richtige Fleischorgie und dann ganz viel pennen. Und meist lassen Löwenmännchen die Weibchen jagen, weil die besser und geschickter sind, also lassen sie sich quasi „bekochen“. Eigentlich super, wenn das mit dem Fleisch nicht wär …
Füchse können ihre Lebensmittel hören und baldige Mahlzeiten austricksen. Haie haben einen echten siebten Sinn für die Nahrungsbeschaffung. Und von wegen Schweinefraß: Schweine haben eine sehr guten Geschmack und einen noch besseren Geruchssinn, was ja zusammen gehört, wie man merkt, wenn mit Schnupfennase alles wie Pappe schmeckt. Mit ihren Rüsseln können Schweine auch fühlen, tasten, wühlen und saugen.

Tanja Kirschners Zeichnungen sind witzig und lustig und geben jedem Tier Charakter. Ihre Rezepte wie Erdnuss-Kartoffel-Topf (Erdnüsse mögen Elefanten am liebsten), schnelle Thunfisch-Spaghetti (für kleine Haie) oder Penne Allerlei (für Allesesser) sind einfach zuzubereiten. Froschquark, Krake im Dip und sogar Termiten am Stil (Grissini mit Schokoladensoße und Streuseln für schlaue Affen) sind explizit „ganz einfach“. Anspruchsvoller sind Blutige Rote-Bete-Gnocchi und Kräuterknödelchen. Es sollten sich aber sowieso alle ambitionierten Jungköche helfen lassen, nie unbeaufsichtigt den Kochlöffel schwingen und sich mit Erwachsenen absprechen. Doch schon die Kleinsten können zum Beispiel Gemüse abwaschen oder Teig kneten. Alle Zutaten sind leicht erhältlich, kein exotisches Zeug, das nach einmaligem Gebrauch vor sich hin gammelt – auch so ein typisches Problem von Kochbüchern für Erwachsene. Jetzt muss ich nur noch einen Juniorküchenchef im Grundschulalter finden, Teenager lassen sich leider auch lieber bekochen. Ein Buch zum Anbeißen!

Elke von Berkholz

Tanja Kirschner (Text und Illustrationen): Essen wie die Tiere, aracari, 2016, 34 Seiten, ab 6, 16,90 Euro

[Gastrezension] Ein cooler Kumpel

bärEigentlich macht Leonard einen Ausflug in den Zoo. Die anderen Kindergartenkinder sind ganz hin und weg von den kleinen Eisbären und staunen, was die Robben und das Walross so können. Leonard scheint nicht so beeindruckt. Da legt sich etwas Schweres auf seine Schulter – die Tatze des Eisbären. „Gehst du ein Stück mit mir?“, fragt der Bär. Und jetzt wird der Ausflug für Leonard richtig spannend: Die beiden fahren mit der U-Bahn zum Hafen, essen Currywurst, spielen mit Leonards Holzeisenbahn und verdrücken Berge von Broten.

Genau dieser Kontrast von totaler Normalität dessen, was getan wird, und dem ganz und gar nicht alltäglichem Begleiter macht das Bilderbuch Ausflug mit Bär von Constanze Semidei so charmant. Das spiegelt sich auch in den grandiosen, außergewöhnlichen Illustrationen Volker Fredrichs: Der Hintergrund in gedeckten Farben ist fast hyperrealistisch, von den künstlichen Felslandschaften im Zoo über das geschmacklose Fleckenmuster der U-Bahn-Sitze bis zum ebenso stylischen wie unpraktischen Küchenmülleimer mit Federdeckel im typischen Beige-Emaille. Die Bilder wirken wie übermalte, dadurch akzentuierte Fotos einer Welt, die fast jedes Kind kennt und verinnerlicht hat, inklusive Hüpftierchen und Flachbildschirmfernseher (der sich nicht einfach so anschalten lässt, eine für Kinder sehr realistische Erfahrung).

Die Menschen und Tiere davor sind bunt und lebendig gemalt, wie Figuren aus einem richtigen Zeichentrickfilm, wobei die Erwachsenen ein bisschen karikaturesk rüberkommen und die Kinder unverstellt und einfach nett aussehen.

Der Eisbär ist groß, souverän, lässig, irgendwie erwachsen und doch für jeden kindlichen Spaß zu haben, ein echt cooler Kumpel. In einer Umhängetasche trägt er als Snack ein paar Fische mit sich und hinterlässt eine Spur abgenagter Gräten, was auch erklärt, warum die beiden in der Bahn so viel Platz haben: „Mein Freund roch ein wenig nach Fisch“, sagt Leonard. Die Gräten finden sich auch wie ein Emblem als skurriles Tapetenmuster auf den Innenseiten des Buchdeckels und dezent auf dem Titel wieder.

Ein ausgewachsener Eisbärenvater macht natürlich auch ganz erwachsene Sachen: Zur Wurst will er ein Bier und öffnet die Flasche mit den bloßen Pfoten. „Toll“, findet nicht nur Leonard. Der lakonische Tonfall, in dem Leonard vom Ausflug mit Bär erzählt, passt perfekt zu Geschichte: Wenn sich zwei auf Anhieb verstehen und sympathisch sind, braucht es nicht vieler, unnötig schmückender Worte. Die beiden sind ein tolles Gespann und man lässt sich nur zu gern auf dieses eigentlich unspektakuläre und doch absolut fantastische Abenteuer ein.

Als kleines Kind hatte ich das Bilderbuch „Ein dicker Mann wandert“ von Günter Bruno Fuchs. Für die damalige Zeit erfrischend anders und modern gestaltet, ganz einfach mit dicken Pinselstrichen konturiert, reduziert auf Schwarz, Blau, Rot und Grün, lebte auch diese Geschichte vom Kontrast aus vordergründig Banalem und dem subtilem Witz sowie einer inneren, verquerer Logik. Es war auch das Lieblingsbilderbuch meiner Mutter. Jetzt habe ich ein Lieblingsbilderbuch gefunden. Schade, dass mein Kind nicht mehr im entsprechenden Alter ist. Um so mehr wünsche ich mir, dass jetzt ganz viele jüngere Kinder einen Ausflug mit Bär machen und von Constanze Semideis Erzählung und Volker Fredrichs Illustrationen genauso begeistert sind, wie ich.

Einziger Einwand: Gut, dass der Bär sich ein Bier gönnt. Aber die gemalte Bierflasche gleicht der einer großen, ursprünglich Bremer Brauerei. Beck’s ist aber kein Synonym für Bier. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Aber in Hamburg, wo die Geschichte eindeutig spielt, trinkt man an den Landungsbrücken eher Astra, aus einer Knolle; macht sich auch gut in einer Tatze. Wenn schon Wiedererkennungseffekt und kindliche Lebenswelt, dann richtig. Ansonsten: Toll!

Elke von Berkholz

Constanze Semidei: Ausflug mit Bär, Illustration: Volker Fredrich, Tulipan, 2016, 36 Seiten, ab 3, 14,95 Euro

[Gastrezension] Eine Frage der Identität

minhEs gibt einen tollen Cartoon des Zeichners Tom: Ein junger Schwarzer schlurft mit Skateboard unterm Arm und Baseballcap auf dem Kopf durchs Bild. Da schnauzt ihn ein dicker, alter Mann mit Lodenhütchen an: „Geh doch nach Hause!“ Gedankenblase über dem Skater: „Was soll ich in Dortmund?“

Genauso würde die 16-jährige Minh Thi, genannt Mini, die Heldin aus dem Roman Im Jahr des Affen, denken: „Was soll ich in Herford?“ Denn für die als Kleinkind aus Vietnam geflohene Chinesin ist die Stadt in Nordrhein-Westfalen längst ihr Zuhause. Sie spricht fließend und akzentfrei Deutsch. Sie denkt auf Deutsch. Mit ihrem Vater wechselt sie nur wenige, einfache Worte auf Chinesisch. Doch dann kommt ihr Onkel Wu zu Besuch und stellt vieles im Leben der Teenagerin in Frage. Dabei spielt die Sprache eine große Rolle im Zusammenprallen der Kulturen und Lebensweisen. Zum Beispiel begrüßen Chinesen sich mit dem Spruch: „Hast du schon gekochten Reis gegessen?“ Mini antwortet ihrem Vater: „Nein, ich habe noch keinen Reis gegessen – aber Kartoffeln.“ Das ist etwa so, als wenn man in Süddeutschland auf die Formel „Grüß Gott“ antwortet: „Mach ich, wenn ich ihn sehe.“ Nur mit dem Unterschied, dass die meisten Menschen am Weißwurstäquator ein bisschen beleidigt sind, wenn man sie beim Wort nimmt. Minis Vater dagegen lacht höflich, obwohl er den Witz seiner Tochter nicht versteht.

Klug beobachtend, mit leisem Humor und einem besonderem Gespür für vielsagende Situationen beginnt die 1974 im südvietnamesischen Saigon geborene und in Deutschland aufgewachsene Chinesin Que Du Luu ihr erstes Jugendbuch (nach zwei Erwachsenenromanen). Dabei hat sie zumindest bei mir von Anfang an leichtes Spiel, beschreibt sie doch im Jahr 1992, dem titelgebenden Jahr des Affen, eine Party, bei der Mini und ihre Freundinnen Sarah und Micha zu Hits wie Marc Almonds Tainted Love, I Just Can’t Get Enough von Depeche Mode und Balladen von Guns’n’Roses tanzen. Mini verliebt sich, ausgerechnet in Bela, für den doch Sarah aufs Melodramatischste schwärmt. Kurz darauf erleidet ihr Vater, überarbeitet von der Schufterei in seinem schlecht laufenden Restaurant einen Herzinfarkt, Mini findet ihn mitten in der Nacht auf der Straße, neben sich eine ausgekippte Schüssel mit extra für sie zubereitetem gebratenen Reis. Und dann kommt Onkel Wu, der in Australien lebt, aber nur Chinesisch sprechen will, und nennt sie eine Banane: Außen gelb, innen weiß.

Obwohl Mini es zu Recht absurd findet, Menschen als „gelb“ zu beschreiben, bringt der Vergleich es für sie doch auf den Punkt. Nach außen ist sie die Chinesin, sie fällt auf, weckt Erwartungen und Vorurteile bei den Leuten – unterscheidet sich aber in ihrem Fühlen und ihren Wünschen nicht von ihren deutschen Freundinnen.

Onkel Wu und die weitläufige Verwandtschaft in Australien dagegen pflegen und leben das Chinesische. Und während der ältere Bruder ihres Vaters an fast allem rummeckert, sich im Café laut palavernd Schnitzel zum Frühstück schmecken lässt und versucht, das Restaurant in Schwung zu bringen, erfährt Mini vieles über ihre Herkunft und ihr Geburtsland Vietnam, wo sich einst viele Chinesen angesiedelt hatten. Hier spielen Küchengötter, Wächterlöwen, Pfirsiche und das Vier-nicht-ähnlich-Tier wichtige Rollen.

Vor allem der störrische, auch nur auf Kantonesisch kommunizierende Koch Bao erzählt ihr, von Onkel Wu aus der Reserve gelockt, von der Flucht in einem wackeligen Motorboot über das Meer, von tagelanger Seekrankheit und der Angst zu kentern und wie sie gerade im vermeintlich sicheren Singapur angekommen, sofort abgewiesen und wieder aufs offene Meer geschleppt worden sind. Vom Auffanglager in Thailand, wo sie ein Jahr lang in provisorischen Hütten aus Planen gehaust hatten. Dramatische Bilder und Erlebnisse, wie sie momentan wieder so aktuell und allgegenwärtig sind.

Und Bao erzählt von einem dunklen Geheimnis, dass Minis Vater mit ihm verbindet.

An all das erinnert sich die Protagonistin genauso wenig wie an ihre nicht weiter erwähnte Mutter. Zum einen, weil sie gerade mal drei, vier Jahre alt war, als die Vietcong sie vertrieben. Zum anderen, weil ihr Vater sich hingebungsvoll um sie gekümmert, sie vor allem beschützt und alles für sie getan hat. Das wird ihr erst jetzt bewusst, nachdem sie sich immer für die mit gespendeten Möbeln ausgestattete Hochhauswohnung, das düstere Restaurant und mit chinesischen Delikatessen ruinierte Geburtstagspartys geschämt hatte. Und sie fragt sich, warum ihr Vater sich in einem ihm fremd gebliebenen Land, fern seiner Familie abmüht, ein Leben, das nur aus Arbeit und erschöpft nachts vor dem Fernseher einschlafen besteht, ohne einen einzigen Freund, einen Menschen, mit dem er reden kann.

In diesem Sommer Im Jahr des Affen ändert sich viel in Minis Leben. Que Du Luu erzählt von Flucht und Fremde, von zu Hause und Familie in einer ganz eigenen Sprache, die noch lange nachhallt und den Leser vieles mit anderen Augen sehen lässt.

Elke von Berkholz

Que Du Luu: Im Jahr des Affen, Königskinder, 2016, 288 Seiten, ab 14, 16,99 Euro

[Gastrezension] Die pubertäre Vorhölle

fuckfischErinnert sich noch jemand an Helene Hegemann? Die Kernzielgruppe des sogleich vorgestellten Romans Fuckfisch von Juliette Favre ist noch nicht gemeint, die war damals noch in der Grundschule.

Im Januar 2010 veröffentlichte die damals 17-jährige Helene Hegemann ihr Romandebüt Axolotl Roadkill. Die Medien überschlugen sich geradezu und feierten die furiose Tour de Force einer knapp 15-jährigen, wohlstandsverwahrlosten Heldin zwischen Berliner Boheme, Patchworkfamilienbande und Technoclubs hymnisch. Nur um die Autorin bereits einen Monat später, als bekannt wurde, dass es sich bei einigen nächtlichen Szenen um Plagiate handelte, abgeschrieben aus einem Blog, um so vehementer zu verreißen; oder fast noch schlimmer, altväterlich wohlwollend und moralinsauer zu tadeln, ihr aber jedes Talent umgehend wieder abzusprechen. Was schreiend ungerecht war!

Die Erinnerung an Hegemann liegt nahe, veröffentlicht Juliette Favre nun ebenfalls als 17-Jährige ihr Debüt Fuckfisch im noch jungen Verlag Punktum. Darin erzählt sie tagebuchartig von der 14-jährigen Viktoria, die in den Sommerferien von ihrem Freund abserviert und in der Klasse zunächst ziemlich gemobbt wird. Dabei umgeht Favre, die das Buch mit 14 geschrieben hat, geschickt die Berghain-Falle. Sie beschreibt einfach nichts, was eine 14-Jährige unmöglich selbst erlebt haben kann, schon allein, weil sie nicht am Türsteher vorbei gekommen wäre.

Das macht ihr Debüt unspektakulärer als das von Hegemann, dafür aber umso authentischer: Absolut unverstellt, gnadenlos ehrlich und peinlich präzise beschreibt Favre das pubertäre Gefühlschaos zwischen Liebeskummer, Schulstress, Partys und Besäufnissen mit derben Wahrheit-oder-Pflicht-Spielen, testosteronstrotzenden Jungs und mal mehr, mal weniger ziemlich besten Freundinnen.

Favre und ihre Heldin Vicky bewegen sich im selben Milieu wie Hegemann, Tochter des Dramaturgen Carl Hegemann: zwischen Theaterwelt, Premierenparties und Patchworkfamilie. Ihre Stiefschwester ist gleichzeitig ihre beste Freundin. Erwachsene sind bestenfalls gute Kumpel, ansonsten ein bisschen albern und häufig angeschickert.

Vicky pendelt zwischen emotionalen Extremen – es gibt tieftraurige und ganz kurz auch euphorische Momente. Vor allem aber wird sie getrieben von einer ungeheuren Wut auf ihren Ex, auf ätzende Mitschüler, falsche Freunde, auf sich und auf die ganze Welt .

Vicky ist nicht zuletzt eine gute Beobachterin, auch sich selbst nimmt sie gelegentlich erfrischend selbstironisch unter die Lupe. Manchmal merkt man ihre Unreife und Unsicherheit, etwa wenn sie von ihrer „Mumu“ spricht. Solche albernen Verballhornungen wurden schon zu recht sogar in „Fack Ju Göhte 2“ veräppelt. Andererseits gibt es Witze, die echt knallen, scharfzüngige Blitzabrechnungen mit unrealistischen Mädchenbüchern und wirklich kluge Tipps: „Verliebt euch nie in einen Jungen aus eurer Klasse. Ich wurde dadurch zu Hackfleisch verarbeitet.“ Lässt sich nahtlos aufs Arbeitsleben übertragen: keine Affären im Job – sonst Hackfleisch.

Für jüngere Leser oder eher Leserinnen wird dieses Buch lustig und tröstlich sein, beruhigend, dass sich andere genauso peinlich benehmen und Liebeskummer immer völlig ätzend ist, aber hey, man überlebt es. Fuckfisch ist übrigens eine witzige Neuinterpretation des altmodischen Ausdrucks Backfisch, eine Bezeichnung für unreife Mädchen.

Für Erwachsene ist Favres schnodderig-ehrliches Debüt ein prima Schauerroman, eine gruselige Zeitreise: Man erinnert sich mit Grausen an die eigene Jugend, als man sich permanent selbst im Weg stand. Eigentlich war man damals extrem klarsichtig, voller Wut und Energie, die man hätte nutzen können, um wirklich etwas zu verändern. Stattdessen hat man sich mit nichtsnutzigem Liebeskummer, Haut- und Gewichtsproblemen rumgeschlagen. Die Aufforderung „Verschwende deine Jugend!“ ist überflüssig, weil leider ärgerliche Normalität.

Das klingt furchtbar altersarrogant, herablassend und desillusioniert. Aber es ist leider so, jetzt wieder mit den eigenen pubertären Kindern neu zu durchleiden. Oder um es mit der 17-jährigen Hegemann ganz abgeklärt zu sagen: „Vierzehn sein ist ja ganz schrecklich.“

Nicht zuletzt ist dieses Buch hübsch anzusehen und angenehm zu lesen: Handlich, in kräftigem Türkisgrün, mit aufgedrucktem, kleinem Mittelfinger-Ikon und stilvollem Lesebändchen in Pink. Die monochromen Einbände mit stilisierten, thematisch passenden Vignetten sind das Markenzeichen des Punktum Verlags, der Juliette Favre entdeckt hat. Fuckfisch ist kleiner Roman mit großer Wirkung, zum Glück ohne Skandal und Knalleffekt. Nicht so brillant wie Axolotl Roadkill, aber sehr vielversprechend. Für Helene Hegemanns weitere Werke hat sich kaum jemand interessiert. Juliette Favre jedoch steht die Welt noch offen.

Elke von Berkholz

Juliette Favre: Fuckfisch, Punktum Verlag, 2015, 204 Seiten, ab 14, 14,90 Euro

[Gastrezension] Bildgewaltige Expedition

ShackletonAlti, Amundsen, Blackie, Bob, Bo’sun, Bristol, Brownie, Buller, Bummer, Caruso, Chips … so lauten die Namen von elf der insgesamt 69 Hunde, die Ernest Shackleton auf seine Expedition zum Südpol mitgenommen hat. Und die der junge Illustrator William Grill alle auf einer Seite mit Buntstift gezeichnet hat. Das ist nur eines der höchst interessanten und liebevoll aufgeführten Details mit denen Grill seine packende Abenteuergeschichte Shackletons Reise beginnt.

Große, imposante Figuren in Uniform oder Pelzjacke, mit Werkzeug, auf Skiern, mit Kamera und Arzttasche, der Polarforscher seitengroß in lässiger Pose und seine 27-köpfige Mannschaft, gemalt in Schwarz und Brauntönen, mit kleinen Köpfen, mit roten, spitzen Nasen und schwarzen Knopfaugen – Grill zeigt jeden einzelnen dieser außergewöhnlichen Männer, die Shackleton aus 5000 Bewerbern ausgewählt hat. Dabei achtet der kühne Seemann nicht nur auf handwerkliche Fähigkeiten oder Navigationstalent, sondern auch darauf, ob die Männer singen oder ein Musikinstrument spielen können. Das zeigt die kluge Vorausschau des Abenteurers Shackleton und wird im Verlauf der zweijährigen Reise sehr wichtig. Der 1874 als zweites von zehn Kindern in Irland geborene Shackleton wird weniger als Antarktisforscher in die Geschichte eingehen, dafür aber als außergewöhnlich mutiger und verantwortungsbewusster Expeditionsleiter.

Shackleton nimmt an Robert Scotts Discovery-Expedition Anfang des 20. Jahrhunderts in die Antarktis teil. Doch der Norweger Roald Amundsen gewinnt 1911 das Rennen und erreicht als erster den Südpol. Und Ernest Shackleton ist klar, dass „die erste Durchquerung des antarktischen Kontinents, von einer Meeresküste zur anderen über den Pol“ die letzte große Aufgabe ist. Tatsächlich wird diese Expedition eine der größten menschlichen Herausforderungen.

Am 8. August 1914 sticht die speziell für das Polarmeer umgebaute Endurance mit Shackleton und seinen Mannen von Plymouth aus in See, zunächst mit Kurs auf Buenos Aires. Am 5. Dezember ist laut Shackleton dann endlich „die lange Zeit der Vorbereitung zu Ende und das Abenteuer liegt vor uns“: Von South Georgia bricht das Schiff zu den südlichen Sandwichinseln auf. Und stößt auch gleich auf das erste Packeis.

Und man sieht ein erstes von William Grills grandiosen, doppelseitigen Panoramabildern: Eisschollen soweit das Auge reicht und ganz unten links am Bildrand, winzig klein die Endurance, die noch einige Zeit ihrem Namen „Ausdauer“ alle Ehre machen wird.

Schon bald bleibt das Schiff stecken, kompaktes Eis trennt es vom offenen Wasser. Die erste Planänderung: Die Endurance wird zum Winterlager, die Männer trainieren die Hunde auf dem Eis, jagen Pinguine, um ihre Vorräte aufzustocken, befreien das Schiff von Eisschichten, liefern sich rasante Schlittenrennen, überstehen Schneestürme, die mit 150 Stundenkilometern über Eis fegen und halten sich für alles bereit. Aber am 27. Oktober kommt es zur Katastrophe – und das tapfere Schiff (so empfindet man es mit den todunglücklichen Besatzungsmitgliedern) wird von den Eismassen zerdrückt und sinkt.

Jetzt beginnt das wirklich größte Abenteuer ihres Lebens und mit noch einigen mutigen Entscheidungen, erstaunlichem Motivationstalent und Gewaltmärschen gelingt es Shackleton schließlich, alle seine Männer zu retten und nach über zwei Jahren nach Hause zurückzubringen. William Grill erzählt nüchtern und klar und niemals heroisierend, von Harald Stadler ebenso unprätentiös übersetzt.

Shackletons Reise ist ein fantastisches Leseabenteuer mit umwerfenden Bildern, an denen man sich kaum satt sehen kann, eine ebenso unglaubliche wie wahre Heldengeschichte.

Elke von Berkholz

William Grill: Shackletons Reise, Übersetzung: Harald Stadler, NordSüd Verlag, 2015, 75 Seiten, ab 7, 19,99 Euro

[Gastrezension] Die ganze Welt des Whodunit

krimiKrimis sind aus unserem Alltag und unserer Kultur nicht mehr wegzudenken. Gemeinsam Tatort gucken ist Kult; und zu Beginn dieses Jahres waren, bevor die echten Verbrechen der Silvesternacht bekannt wurden, die gewaltgeladenen Til-Schweiger-Episoden und die anschließende wilde, verbale Ballerei in den sozialen Medien das Thema. Thriller, vorwiegend skandinavischen Ursprungs, verkaufen sich wie geschnitten Brot beziehungsweise smørebrød. Deren Auflagen potenzieren sich mit der Anzahl der Leichen, die von den im Genre höchstbeliebten, in Wirklichkeit total unrealistischen, Serienkillern produziert werden. Und selbst in Jugendbüchern gibt es echte Morde, nicht nur an unschuldigen Haustieren, die von den abgebrühten Nachfolgern Emils und den Detektiven aufgeklärt werden.

Dabei fing alles relativ harmlos an, mit zwei Opfern, einem tierischen Täter, aber keinesfalls bestialischem Verbrechen: 1841 veröffentlichte Edgar Allan Poe seine Erzählung „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ – Ursprung aller Krimis und gleichzeitig Beginn der Spielart der „Locked Room Mystery“, einer rätselhaften Tat, die sich in einem verschlossenen Raum ereignet hat.

Genau damit beginnt auch das famose Kompendium Krimi! von Katharina Mahrenholtz und Dawn Parisi, der neueste Band ihrer außergewöhnlichen Sachbuchreihe.
Die Chronologie als Zeitstrahl ist seit dem 2012 erschienenen Auftaktband Literatur! der rote Faden, der unten über sämtliche Seiten läuft. Und daran reiht die Kulturwissenschaftlerin und Radiojournalistin Mahrenholtz Meilensteine und Klassiker des Genres neben Kuriositäten und skurrilen Randbemerkungen auf. Und zeigt, wie historische Ereignisse und Entwicklungen sich in der Krimiliteratur niederschlagen. Dawn Parisi illustriert auch das neue Werk der gemeinsam konzipierten Edition geistreich und charmant. Mit nur wenigen Strichen und sparsam verwendeten Farben schafft sie unverwechselbare Charakterporträts von berühmten Ermittlern und ihren Schöpfern.

In diesem Krimi-Band sind sie nun alle vereint: Von Poe und Doyles Sherlock Holmes geht es über die englischen Krimiladies Agatha Christie und Dorothy L. Sayers zu den abgeklärt-desillusionierten hard boiled stories aus den Remington Schreibmaschinen eines Raymond Chandler oder Dashiell Hammett. Die englischen Ex-Spione und Bestsellerautoren Ian Fleming und John le Carré sind natürlich ebenso vertreten wie die mittlerweile mehr aus Fernsehfilmen bekannte Figuren wie Henning Mankells depressiver Eigenbrötler Wallander oder Donna Leons venezianischer Lebemann Commissario Brunetti. Krimis aus Schottland, Deutschland, der Schweiz, Niederlande, Israel, Südafrika, den USA und Dänemark, selbst den Färöer Inseln – überall blüht zumindest in der Literatur das Verbrechen. Längst ist aus den einst belächelten, trivialen Fortsetzungsgeschichten in Heftchenformat ein milliardenstarker Absatzmarkt geworden.

Wirklich exzellent sind in Krimi! die übergreifenden Doppelseiten: Da werden, von Dawn Parisi witzig bebildert, ungewöhnliche Mordwaffen und berühmte Krimiheldinnen und Ermittlerinnen unter die Lupe genommen.
Auch die ursprünglichen Berufe der Autoren sind höchst interessant: Jo Nesbø war vor Harry Hole erfolgreicher Börsenmakler und Popsänger. Léo Malet, Autor wunderbarer Paris-Krimis, versuchte sich als Chansonnier, und Raymond Chandler hat seinen gut bezahlten Job als Direktor einer Ölgesellschaft versoffen.

Krimi! ist eine prickelnde Perle dieser Sachbuchreihe, aus der aktuell auch die Monographie Shakespeare! zum 400. Todesjahr des Theatermeisters zu empfehlen ist.

Elke von Berkholz

Kathatrina Mahrenholtz, Dawn Parisi (Illustrationen): Krimi! Mord und Totschlag in der Literatur, Hoffmann und Campe, 77 Seiten, ab 14, 15 Euro

[Gastrezension] Altersgerechte Aufklärung

aufgeklärtReden wir über Aufklärung, und damit meine ich nicht den klassischen philosophisch-politischen Begriff, sondern Sex und Kinderkriegen. Ab welchem Alter sollte man mit Kindern darüber reden? Und wie? Schwer zu sagen, wenn schon Kindergartenkids Sexpraktiken diskutieren oder gang-bang spielen. Dass Babys nicht aus einem Sechserkarton handelsüblicher Eier, vermischt mit einer Packung Samen entstehen und dann per Express vom Storch gebracht werden, das wissen schon die Kleinsten. Auch Bienchen und Blümchen dürften schon vor einiger Zeit ausgedient haben.

Bei der Gelegenheit habe ich überlegt, wann ich aufgeklärt wurde? Auf jeden Fall nicht von meinen Eltern. Jahre später, schon als Jugendliche, haben mein Bruder und ich zu unserer großen Erheiterung, gar nicht mal versteckt, im Buchregal bei den Bildbänden Will McBrides Aufklärungsklassiker Zeig mal! gefunden, ein Geschenk eines damals noch kinderlosen, pseudoprogressiven Onkels, der wohl vor allem unsere Eltern provozieren wollte. Das vielfach ausgezeichnete und von der evangelischen Kirche abgesegnete, sogar verlegte Buch mit den stilvollen schwarz-weiß-Aufnahmen in der Anfang der 70er-Jahre angesagten, fotorealistischen „Mein-Esel-Benjamin“-Ästhetik gilt heute als nicht mehr kindergerecht und ist auch nicht mehr erhältlich. Aber wann und wie klärt man heute auf?

Zum Beispiel mit diesem ebenso klugen wie charmantem und ganz und gar unpeinlichem Buch Tante Uli ist verliebt und vermehrt sich – Aufgeklärt!?, dem ersten Band der neuen Sachbuchreihe Carlotta, Henri und das Leben von Anette Beckmann und Marion Goedelt, konzipiert für junge Leser ab sieben Jahren.

Erzählerin ist, sehr realistisch, die redegewandte vier Minuten ältere Zwillingsschwester Carlotta. Sie schwärmt von der coolen Tante Uli, die sie mit ihrem Zwillingsbruder Henri einmal in der Woche besucht, weil ihre Eltern beruflich viel unterwegs sind. Mit Uli toben sie herum und genießen viele Freiheiten. Seit neuestem ist Uli total verknallt, in Mario, den Chef der Trattoria Fussili unten im Haus. Erst benehmen sich die beiden ziemlich peinlich, was auszuhalten ist, weil Mario die besten Spaghetti der Welt macht und den Geschwistern Eis schenkt. Aber dann: „Uli ist komisch und wird immer merkwürdiger: Sie ist ständig müde, verpeilt, isst komische Dinge und schläft beim Spielen ein“. Diagnose: Tante Uli ist schwanger. Aber wie kommt das? Und wie geht es jetzt weiter mit Uli, ihrem wachsenden Bauch und dem Baby darin?

Die Texte der studierten Kommunikationsdesignerin Anette Beckmann gehen mit den witzigen Illustrationen Marion Goedelts eine kongeniale Mischung ein, die auch beim Vorlesen ein großer Spaß ist: „Damit das mit dem Ei und dem Samen klappt, muss man Sex haben. Dabei entsteht ein ganz schönes Gefühl. Das ist aufregend und kribbelig und dann wird der Penis …
NICHT lachen, habe ich gesagt!!!
… ganz groß und hart.“

Es wird mit Typographien und Schriftsetzung gespielt, freundliche Figuren, die Zwillinge, ihre Eltern und natürlich die immer runder werdende Uli, toben zwischen collageartig arrangierten Schautafeln, Ultraschallbildern und schrägen Witzbildchen über die Seiten. Spermien liefern sich Wettrennen, es gibt einen tierischen Vergleich über Schwangerschaftsdauer und ein Hund karikiert auch mal die Hochschwangere in typischer Pose: „Puh.“

In diesem Buch wird davon ausgegangen, dass beim Sex Liebe und Zuneigung im Spiel sind. Es geht hier nicht darum, das ganze Spektrum sexueller Spielarten darzustellen. Das ist für jedes Kind eine schöne Vorstellung und trifft wahrscheinlich zumindest beim Zeugungsakt meistens zu, was allerdings die spätere Trennung der Eltern leider nicht ausschließt.

Die Schreibweise mit „!?“ im Titel ist Programm, denn was erst klar wie Kloßbrühe erscheinen mag, kann einen bei näherer Betrachtung ins Grübeln bringen. Manche Frau, die wie es so schön heißt, „spontan entbunden“ hat, sprich, auf dem natürlichen Geburtsweg, fragt sich auch, wie das Neugeborene durch den engen Geburtskanal gepasst hat. Solche Fragen und Begriffe wie Befruchtung, Mutterkuchen (Henri fragt berechtigterweise: „Warum nicht Mutterpizza?“), intrauterines Wachstum, Kaiserschnitt, platzende Fruchtblasen und Wehen werden ebenso anschaulich wie sympathisch und witzig beantwortet. Und wie gesagt, absolut unpeinlich!

So schafft das Sachbuch aus dem manchmal sogar gefährlichen (Stichwort: Teenagerschwangerschaften, sexuell übertragbare Krankheiten) „oblatendünnen Eis des halben Zweidrittelwissens“ (wie TV-Moderatorin Sarah Kuttner mal sehr schön schrieb) eine solide, altersgerechte und ausbaufähige Grundlage.

Elke von Berkholz

Anette Beckmann, Marion Goedelt (Illustrationen): Carlotta, Henri und das Leben, Band 1 „Tante Uli ist verliebt und vermehrt sich – Aufgeklärt!?“, Tulipan, 2016, 60 Seiten, ab 7, 15 Euro

[Gastrezension] Vom Kampf gegen die Depression

depression„Alles super!“ – das klingt irgendwie verdächtig, wenn auch noch relativ sympathisch und harmlos in Zeiten von facebook-Euphemismen, wo alles mindestens „suuupiduupi“ (schlimm), „ultratollo“ oder „megageil“ (ganz schlimm) ist. Und natürlich ist nicht alles super zu Hause bei den Geschwistern Raymond und Gloria im Roman Alles super! von Roddy Doyle.
Denn Onkel Ben, Papas jüngerer Bruder, ist bei der Familie eingezogen und wohnt nun in Glorias Zimmer. Ihre rosa Bettdecke hingegen liegt auf einer Matratze in Raymonds Zimmer. Dass sie sich jetzt ein Zimmer teilen, findet Raymond allerdings insgeheim sogar ganz gut.
Doch der geliebte Onkel Ben ist anders als sonst: Er musste seinen Malerbetrieb mangels Aufträgen dichtmachen und kann die Hypothek für sein Haus nicht mehr bezahlen. Ben ist gar nicht mehr lustig und leichtlebig, lacht nie, unternimmt nichts mehr mit den Geschwistern, ist nur noch ein schwermütiger Schatten seiner selbst.
„Der schwarze Hund, die Depression, ist diesem armen Jungen auf den Rücken gekrochen“, sagt Omi, Mamas Mutter, die auch im Haus wohnt. „Und Dublin hat sein Narrenbein verloren. Keiner lacht mehr.“

Also schleichen Raymond und Gloria sich nachts raus, um den schwarzen Hund zu vertreiben und treffen dabei Eddie, der als Schulversager das sprichwörtlich schlechte Beispiel für alle Kinder des Viertels ist und sich neuerdings als Vampir versucht. Bei der Jagd nach dem schwer zu fassenden, ständig Größe und Form ändernden Biest, das außerdem eine unheimliche Kälte ausstrahlt, treffen die drei immer mehr Kinder. Jedes von ihnen kennt einen geliebten Menschen, der vom schwarzen Hund angefallen wurde, oder wohnt in einem Haus, wo dieses fast dementorenartige Wesen vor der Schlafzimmertür des Vaters lauert, der dahinter apathisch im Bett liegt.

Die Darstellung der Depression als schwarzer Hund ist ein Klassiker der Visualisierung dieser Krankheit: Depression als ständige Begleiterin, man kann sie zähmen und in Schach halten, aber sie kann auch immer wieder gefährlich werden (sehr gut übrigens, dass im Buch konsequent der Singular verwendet wird und nicht von „Depressionen“ die Rede ist, als ob eine nicht schlimm genug sei). Roddy Doyle aber erzählt hier von mehr: Nicht nur von der psychischen Erkrankung, die einzelnen Betroffenen jede Freude und Empfindungsfähigkeit nimmt, sondern auch von der wirtschaftlichen Depression, die so viele Leute, ja eine ganze Stadt wie Dublin deprimiert. Die Finanzkrise von 2008, die alle westlichen Industrienationen erschüttert hat, hat Irland, in Anlehnung an prosperierende asiatische Staaten auch „keltischer Tiger“ genannt, besonders hart getroffen. Einst war Irland das ärmste Land Westeuropas, doch um die Jahrtausendwende waren die Iren sehr reich geworden – und fielen um so tiefer, verloren Arbeit und Häuser, kostspielige Pferde und andere Tiere wurden zu Tausenden ausgesetzt. Finanzielle Nöte deprimieren die Menschen, belasten und lähmen sie, sitzen ihnen im Nacken oder hängen wie ein Mühlstein um ihren Hals.

Kinder bekommen das sehr wohl mit und leiden ebenso unter den Auswirkungen der finanziellen Depression. Und Roddy Doyle, der sich in allen seinen Romanen mit gesellschaftlichen Problemen und Ungerechtigkeit beschäftigt, hat ein sehr eindringliches Bild für die Erschütterungen seiner Heimat gefunden und erzählt ebenso humorvoll wie eindringlich vom Kampf gegen die kollektive Depression.

Sehr gut sind Doyles Beschreibungen von typischem Erwachsenenverhalten aus Kindersicht, zum Beispiel unterscheiden die Geschwister zwischen „Reden“, „Plaudern“ und „Murmeln“ – bei letzterem geht es um sehr ernste Themen, die Kinder gar nicht wissen sollen, so wie den schwarzen Hund.
Als die Kinder das depressiv machende Wesen verfolgen, erweist sich das Wort „super“ als Geheimwaffe, als Laserschwert gegen die dunkle Macht und Beschwörungsformel gegen böse Beschimpfungen. Mit einem laut gerufenen„Super!“ zaubern sie Licht in die Nacht und machen sich Mut. Neben der Eiseskälte hat der Hund nämlich eine besonders perfide Waffe: Er beschimpft die Kinder als „unnütz“. Und da empfinden die Kinder, was Depression bedeutet: Sie fühlen sich niedergedrückt, so sehr, dass sie sich nur noch hinlegen möchten, nie wieder aufstehen und sterben, sich vom Meer wegspülen lassen. Es sind dann die Tiere, Katzen, Hunde, Möwen und Exoten im Zoo, die die Kinder daran erinnern, warum sie wichtig sind und was sie stark macht: „Ihr seid die Zukunft!“.

Das macht auch Roddy Doyles neuen Roman so charmant: Wie er von ernsten Themen mit liebenswerten Charakteren, viel Witz und intelligenten Humor erzählt und sogar noch ein überzeugendes happy ending beschert. Allein für die Nebenfiguren Ernie und die Omi lohnt es sich. Das ist leicht zu lesen (nicht zu schreiben!), aber nie seicht. Roddy Doyle ist sozusagen der irische Andreas Steinhöfel. Da passt es auch sehr gut, dass Steinhöfel mehrere Kinder- und Jugendbücher Doyles übersetzt hat. Leider nicht Alles super!, das hätte uns vielleicht das eine oder andere falsche „macht Sinn“, „von daher“ und affektiertes „oh, mein Gott“ erspart. Warum „Football“ nicht mit „Fußball“ übersetzt wurde, bleibt auch das Geheimnis von Bettina Obrecht. In Irland ist sicher nicht „American Football“ gemeint?!

Im Original heißt „super“ übrigens „brilliant“ – ein ungleich stärkeres, überzeugenderes, funkelnderes Schlagwort. Aber im Deutschen ist es schwierig, einen entsprechenden Begriff zu finden: krass, cool, voll fett? Wohl eher nicht …
Ansonsten ist alles super bei Roddy Doyles jüngstem Roman, schlicht: brillant!

Elke von Berkholz

Roddy Doyle: Alles super!, Übersetzung: Bettina Obrecht, cbj Verlag, 2015, 192 Seiten, ab 8, 12,99 Euro

[Gastrezension] Diese Bücher verkürzen den Advent …

adventJetzt, wenn die Temperaturen frostiger werden, es tagsüber gar nicht mehr hell wird, selbst auf den kleinsten Plätzen Weihnachtsmärkte eröffnen und sogar Hamburg einen Sonntagnachmittag in magischem Schneeweiß glitzerte, kommt man endlich in Weihnachtsstimmung. Aber was macht man in den kommenden Wochen? Adventskalender wirken ziemlich profan. Helfen können zwei Bücher, die die Zeit bis Heiligabend viel schöner versüßen und von denen alle etwas haben:

Ausgerechnet am ersten Dezember verfängt sich die Fliege Bisy in Kai Pannens Buch Du spinnst wohl! im Netz der Spinne Karl-Heinz. Die freut sich über den Festtagsbraten, verschnürt Bisy zum Paket und will ihn schön bis Heiligabend abhängen lassen. Aber so leicht lässt der wort- und weltgewandte Bisy sich nicht einwickeln und zum Essen degradieren. Sein Name ist nicht nur onomatopoetisch, also lautmalerisch zu verstehen. Die flotte Stubenfliege ist sehr umtriebig, also busy, weiß von Supermärkten voller Köstlichkeiten für jeden Krabbeltiergusto unter der Spüle zu erzählen, gibt Tipps für festliche Dekoration und ist eine hervorragende Netzwerkerin. Und in 24 Tagen im Advent kann viel passieren und sich viel ändern.

Kai Pannen erzählt in seiner cartoonesk illustrierten Adventsgeschichte von einer außergewöhnlichen Freundschaft. Einer unmöglichen eigentlich. Denn die Spinne hängt immer nur auf ihrem Sofa ab und bekommt nichts mit von der Welt. Das liegt an ihrem fesselnden Wesen und ihren für alle anderen extrem ungesunden Ernährungsgewohnheiten, die bisher jede Kontaktaufnahme scheitern ließen. Selbst Karl-Heinz‘ Tante Kassandra würde ihn nach Spinnenart bei Gelegenheit als Zusatzhappen goutieren, was das Verhältnis zu ihr doch sehr distanziert macht.
So verlässt Karl-Heinz nur selten das Netz, verputzt Unmengen von Süßigkeiten, bekommt Zahnschmerzen, weiß aber weder, dass es überhaupt einen Zahnarzt gibt, der ihn von seinen Schmerzen erlösen könnte, noch wo der zu finden ist. Bisy hingegen kennt sich aus und erzählt der Spinne von dem Zahnarzt, der am goldenen Bilderrahmen praktiziert. Karl-Heinz’ Kommentar: „Typisch, so eine teure Gegend kann sich auch nur ein Zahnarzt leisten.“ So locker und witzig geschrieben ist diese Adventsgeschichte, deren 24 Kapitel vom 1. Dezember bis Heiligabend zum Vorlesen einladen, wirklich ein großer Spaß, süß, aber nicht so zuckrig und wesentlich inhaltsreicher als jeder Adventskalender.

Wer jetzt meckert – „Das ist doch total unrealistisch!“ –, dem sage ich nur: Hey, das ist keine biologische Abhandlung über die Interaktion von Insekten und Spinnentieren, obwohl manche Details stimmig sind. Aber die Originalgeschichte vom Christkind erhebt auch nicht Anspruch auf historische Exaktheit, ganz abgesehen von den Abwandlungen mit Weihnachtsmann, fliegendem Rentierschlitten und Overnight-Express-Lieferung durch den Kamin. Eine Adventsgeschichte soll die Wartezeit auf Heiligabend verschönern, sie soll aufheitern, glücklich machen und an das Gute in der Welt glauben lassen. Und das gelingt Kai Pannen ganz famos!

adventBei jeder Neuerscheinung aus dem brillanten aracari Verlag sind meine Erwartungen hoch. Vor fünf Jahren starteten die Schweizer mit dem berührenden koreanischen Bilderbuch Abschied von Aika. Zwei Jahre später landete aracari einen absoluten Bestseller mit dem kunterbunten Gefühlskaleidoskop Heute bin ich der Niederländerin Mies van Hout. Auch Guido van Genechtens knuffiger Schneemann Ben hat bei den Eidgenossen seine verlegerische Heimat gefunden. Und jetzt gesellt sich mit Der kleine Christbaum die Belgierin Ruth Wielockx dazu, übersetzt von Martin Rometsch.

Die Geschichte von dem noch jungen Nadelgewächs, das auch endlich zum Zuge kommen möchte, ist niedlich. Der kleine Baum beneidet seine großen Freunde, werden diese doch zum „Bäcker-Christbaum“, „Metzger-Christbaum“ oder „Marktplatz-Christbaum“. Da möchte der Kleine natürlich mithalten. Zum Glück kommt schließlich der Weihnachtsmann persönlich vorbei und überträgt ihm quasi die Hauptrolle für Christbäume …
Das ist ganz schön, aber auch etwas schade, denn die Story hätte mehr Potenzial gehabt. Auch dass die Bäume alle Gesichter haben, die an altmodische Bilderbuchsonnen erinnern, wirkt etwas behäbig.
Allerdings ist es fast schon mutig, und das sage ich als überzeugte Atheistin, heute politisch unkorrekt von einem Christbaum zu sprechen und potenzielle Käufer abzuhalten, vielleicht aber auch andere umso mehr anzusprechen… Der Originaltitel lautet De kleene kerstboom, also eigentlich„Der kleine Weihnachtsbaum“, aber „Christbaum“ klingt natürlich auch weniger hölzern als Weihnachtsbaum oder womöglich „Jahresendzeitgewächs“.

Dieses putzige Bilderbuch passt trotzdem sehr schön zum Thema Weihnachten, illustriert es doch ganz vortrefflich, dass zu hohe Erwartungen die Freude trüben können.

Elke von Berkholz

Kai Pannen: Du spinnst wohl!, Tulipan Verlag, 2015, 99 Seiten, ab 4,14,95 Euro

Ruth Wielockx: Der kleine Christbaum, Übersetzung: Martin Rometsch, aracari Verlag, 2015, 32 Seiten, ab 4, 13,90 Euro

[Gastrezension] Musikalische Wolfsjagd 2.0

campinowolfWer einmal Sergei Prokofjews Musikstück Peter und der Wolf gehört hat, wird beim Klang einer Oboe immer zunächst an eine junge Ente denken, der ihre Abenteuerlust zum Verhängnis wird. Und wenn er ein Fagott hört, einen gestrengen Großvater vor sich sehen. Es ist dem russischen Komponisten mit seiner 1936 uraufgeführten Kindersinfonie gelungen, Instrumenten eine Stimme zu geben, sie zu Schauspielern zu machen und eine Geschichte erzählen zu lassen – und so Kinder an klassische Musik heranzuführen. Auf diese Weise haben Generationen von Kindern den mutigen Jungen Peter, der mit Hilfe eines kleinen Vogels einen gefährlichen Wolf fängt, in ihrer Fantasie lebendig werden lassen. Ganz abgesehen davon ist Peter und der Wolf ein zeitlos schönes Stück.

Dieses Potential hat auch das Produktionsduo Giants Are Small erkannt, bestehend aus dem US-amerikanischen Videokünstler Doug Fitch und dem Filmemacher Edouard Getaz, einem gebürtigen Schweizer. Weil sie aber wissen, dass Kinder heutzutage nicht so leicht zu faszinieren sind, haben sie den Klassiker raffiniert modernisiert: Sie verlegen die ursprünglich im ländlichen Russland spielende Geschichte nach Hollywood und betten die Originalsinfonie in eine actiongeladene Rahmenhandlung ein. Da wird der Großvater zu einem Hippie, der sich als Gärtner um das Anwesen eines Filmstars kümmert und die Jäger werden zu lästigen Paparazzi, ein Seitenhieb auf den Celebritykult.

Vor allem haben Giants Are Small Bilder zur Musik geschaffen, einen liebevoll in Mischtechnik aus Zeichnung, Modellbau und Fotografie gestalteten Trickfilm. Mit der dazugehörigen App können Kinder die Wolfsjagd interaktiv vorantreiben und die Schlinge zuziehen.

Auch musikalisch haben sie das Stück erweitert. Zwar wird Prokofjews Sinfonie im Original unverändert komplett gespielt, im sogenannten Vorspiel aber klingen zusätzlich zahlreiche Kompositionen von unter anderem Satie, Elgar, Mahler, Grieg, Mussorgski und Ravel an.
So sollen Kinder heute für klassische Musik begeistert werden. Allerdings sind diese Schnipsel so kurz angespielt und teils schon so oft verwendet und zweckentfremdet, dass manches Kind darin zwar einen Reklamejingle erkennen mag, aber nicht auf die Idee kommt, dass sich ganze Sinfonien und Opern, also abendfüllende Spielfilme sozusagen, dahinter verbergen könnten. Natürlich darf bei der actionreichen Verfolgungsjagd mit einem riesigen Roboter und Hubschraubern Wagners Walkürenritt nicht fehlen. Das schrammt knapp an der Banalisierung vorbei. Und leider ist immer noch nicht geklärt, was aus der Ente wird, die „der Wolf in seiner Gier im Ganzen verschlungen hat“ und die zum Schluss leise aus dem Bauch herausquakt. Dabei soll in der Neuinterpretation die Ente geradezu menschliche Züge haben und Peters bester Freund in der amerikanischen Fremde sein.

Erzählt wird die Geschichte im amerikanischen Original vom Rockmusiker Alice Cooper. Der deutsche Alice Cooper ist Campino, seines Zeichens nicht nur Sänger der Toten Hosen, sondern schon als Mackie Messer mit Brechts Dreigroschenoper und für Wim Wenders als Schauspieler unterwegs. Klassikbezug hat er auch, hat er doch soeben mit seiner Band und dem Sinfonieorchester der Düsseldorfer Robert Schumann Hochschule ein Album namens Entartete Musik – Willkommen in Deutschland veröffentlicht, das von den Nationalsozialisten verbotenen Komponisten endlich wieder Gehör verschafft. Die lustigen Opel-Gang-Zeiten sind schon lange passé.
Campino habe sich geehrt gefühlt, dass man ihn als Erzähler ausgesucht hat. Und es war ihm wichtig, dass das von ihm sehr geliebte Original erhalten bleibt. Campino macht seine Sache als, wie er zugibt, nicht-professioneller Sprecher sehr charmant und mit hörbarer Freude.

Peter und der Wolf in Hollywood ist eine überwiegend sehr gelungene und reizvolle Modernisierung des bald 80 Jahre alten Klassikers. Nur eines gelingt der neuen Version nicht – oder man traut es multimedial überreizten Kindern heute nicht mehr zu: Mit den Ohren zu sehen.

Elke von Berkholz

Sergei Prokofjew/Giants Are Small: Peter und der Wolf in Hollywood, erzählt von Campino, eingespielt vom Bundesjugendorchester unter der Leitung von Alexander Shelley, Deutsche Grammophon, CD, 52 Minuten, Download oder Stream mit interaktiver App, auch in einer Sonderedition mit 48-seitigem Buch, ab 3 Jahren, 16,99 Euro