Am Abend saßen wir in der Küche, Papa, Lila und ich. Papa war ziemlich müde, ich ebenfalls. Lila aber war ziemlich aufgekratzt und erzählte, was alles passiert war am Tag. In ihrem Leben passierten andauernd aufregende Dinge: Theo hatte ihr ein Geld geschenkt, oder bei einer ihrer Puppen war ein Arm ab, oder Jona hatte sie geboxt, voll auf die Nase, das war niss lustig.
»Das war niss lustiss!«, bemerkte sie.
Sie war erst vier, aber sie erzählte und erzählte, sie kannte alle möglichen Wörter und sprach sie fast alle richtig aus. Nur wenn sie etwas nicht lustig fand, sagte sie es wie früher, als sie noch winzig war und in die Windel kackte.
Papa guckte sie freundlich an und rieb sich die Augen.
»Das war niss lustiss!«, sagte Lila noch einmal, damit er es endlich kapierte.
»Nee, kann ich mir vorstellen«, sagte Papa. »So voll auf die Nase …«
Lila bekam plötzlich Mitleid mit sich selbst und fing an zu weinen. Das dauerte aber bloß ein paar Sekunden, dann war sie schon wieder bei was anderem.
Einiges nicht lustig
Im Leben von Stuxx ist einiges wirklich nicht lustig. Und das verfliegt auch leider längst nicht so schnell wie der Kummer seiner kleinen Schwester. Vor vier Jahren ist seine Mutter weggegangen und hat seinen Vater, die damals erst sieben Wochen alte Lila und ihn zurückgelassen. Ohne eine Erklärung. Die Schule interessiert ihn nicht, die Lehrer haben ihn auf dem Kieker, Stuxx träumt lieber von Straßenkreuzern aus den 60er Jahren. Vor Kurzem ist die Familie aus einer anderen Stadt hergezogen, in eine absolut öde Gegend, waste land. Die Pubertät rückt dem 13-Jährigem mit Pickeln, schlechter Laune, Müdigkeit und Missfallen an Kopf und Gesicht zu Leibe. Und Stuxx ist verliebt in Luzie Karsunke.
Unscharf nachdenken
Das ist die Ausgangssituatioin von Will Gmehlings erstem und sehr famosen Jugendroman. Also schwänzt Stuxx, wie ihn alle nennen (außer den Lehrerinnen und Lehrern, die sagen Stefan), den Unterricht und erkundet auf seinem Schrottrad die Stadt. Eigentlich kommt die kleine Familie ganz gut klar. Zwar ist sein Papa schon ziemlich krumm. Geld reicht auch immer nur so gerade eben. »Er war nicht besonders gern am Leben, aber er war trotzdem freundlich zu mir«, bringt Stuxx das friedliche Zusammenleben auf den Punkt. Obwohl Stuxx meist zunächst Keine Ahnung, oder zur Abwechslung weiß nicht sagt, ist das, was er dann gelegentlich antwortet, treffsicher. Das liegt auch daran, dass er ziemlich viel nachdenkt. »Unscharf nachdenkt«, wie Stuxx sagt. Mangels Ruhe und eigenem Zimmer, weil er sich ein kleines Kinderzimmer mit Lila teilt. Virginia Woolf würde ihn sofort verstehen.
Wer einmal jemanden im Stich lässt …
Aber dann meldet sich plötzlich, nach vier Jahren ohne ein Lebenszeichen, »die Frau, die seine Mutter war«. Sie möchte die Familie besuchen und ihre Kinder sehen. Ausgerechnet jetzt, wo so einiges passiert in Stuxx‘ Leben, er verschiedenste Leute kennenlernt, ungeahnte Fähigkeiten entdeckt. Und anfangen könnte, sein Leben in die Hand zu nehmen. Und überhaupt: »Wer einmal jemanden im Stich lässt, der tut das auch gern ein zweites Mal.«
Gong mit dem komischen Gang
Andere Menschen sind jetzt wichtiger, zum Beispiel Gong. Koreanischer Mitschüler mit köstlichem Kimchi in der Pausenbrotdose. Und »mit dem komischem Gang. Er lief kerzengerade durch die Gegend, fast ein bisschen steif, doch seine Arme schlenkerten aufgeregt vor und zurück. Wenn er über den Schulhof ging, gab es immer irgendeinen Vollpfosten, der ihn nachmachte, und die anderen Vollpfosten krümmten sich vor Lachen und riefen: Go, Gong, go!« Auch Gong ist verliebt. In den attraktiven Mitschüler und talentierten Fußballspieler Eren.
Klassismus und Queerness en passant
Man ahnt, wo Will Gmehlings Geschichte hinläuft: Zwei Außenseiter, einer schwul, der andere aus prekären Verhältnissen, mindestens einer wird dann bestimmt schlimm gemobbt. Und der andere muss nach einigem Zögern Position beziehen. Und dann schlagen sie zusammen zurück. Oder auch nicht … Und schon ist man in die erste, selbstgestellte Klischeefalle getappt. Es kommt nämlich immer anders, als man denkt. Genau das macht Will Gmehlings Roman so ungeheuer charmant: Zwar geht es auch um Klassismus. Und Queerness. Und Coming-of-Age. Doch der für seine Kinderbücher bereits mehrfach ausgezeichnete Autor erzählt in diesem wunderbaren Jugendroman davon en passant.
Nicht immer auf die Marmeladenseite
Vor allem ist Stuxx eine Geschichte voller überraschender Wendungen, interessanter Begegnungen und erfrischender Erlebnisse. Gänzlich frei von Stereotypen und Klischees. Mit viel unerwarteter Freundlichkeit, Fairness und Wärme. Und der Erkenntnis, dass das Brot nicht immer auf die Marmeladenseite fällt. Und nicht alle Menschen gemein, ignorant und egoistisch sind. Fürchterlich fiese gibt es natürlich auch. Aber sie müssen nicht immer gewinnen.
»??«
Manche lesen magischen Realismus in Stuxx. Ein Begriff, zu dem Stuxx, wie in diversen Dialogen »??« sagen würde. Auch ein schönes Detail: Dass Stuxx etliche Begriffe nicht kennt, zum Beispiel synchron, Ornithologe oder die Redewengung, das eigene Licht nicht unter den Scheffel stellen. Es macht sich aber keiner darüber lustig, man sagt einfach gleichzeitig, Vogelkundler, oder sich nicht unter Wert verkaufen. Weiter geht’s. Diese Art, Sprache bewusst zu machen, und der unprätenziöse Umgang damit zeugen von besonderer sprachlicher Finesse.
Killerpitbull und rumpelnde Restmülltonnen
Nochmal zum vermeintlichen magischen Realismus: Stuxx spricht mit dem ungerührt dahinströmenden Fluss, mit einem zähnefletschenden Killerpitbull, mit seinem Spiegelbild und eines Vormittags auch mit drei rumpelden Restmülltonnen. Das sind kluge und gewitzte Selbstgespräche und Reflexionen, die Stuxx selbst-bewusster werden lassen. Ein weiteres raffiniertes Stilmittel. Nicht zuletzt lebt dieser Roman von den drei liebenswerten, jugendlichen Helden: der zurückhaltende, nachdenkliche, manchmal schwärmerische Sohn, große Bruder, Freund und verliebte Junge Stuxx. Der sehr schlaue, nie besserwisserische, poetische, optimistische und für alle Ballsportarten hoffnungslos unbegabte Gong. Und die spröde, gradlinige, auch wütende und verletzliche Luzie. Stuxx gibt auf leise, glaubwürdige und zauberhafte Art einem ein bisschen den Glauben an das Gute im Menschen wieder. Nebenbei könnte das war niss lustiss zum geflügelten Wort werden.
Will Gmehling: Stuxx, Peter Hammer Verlag, 2026, 288 Seiten, 17 Euro, ab 13 Jahre
