Die moderne Weihnachtsfamilie

zwiebelchen

Was Adventsbücher angeht, hänge ich ja immer noch in einer unendlichen Schleife von Barbara Bartos-Höppners Schnüpperle fest. Das Buch mit den 24 Vorweihnachtsgeschichten von 1969 hat mich durch meine Kindheit begleitet und wurde in unserer Familie jedes Jahr wieder neu hervorgezogen und in Etappen bis Weihnachten gelesen. Dagegen anzukommen war bis jetzt für jedes neue Buch ziemlich schwer – nichts hat dieses wohlige Adventsgefühl in mir heraufbeschwören können wie Schnüpperle.

Doch jetzt – wenn auch mit einem Jahr Verspätung, denn Frohe Weihnachten, Zwiebelchen! ist bereits 2015 erschienen – bekommt Schnüpperle ernsthafte Konkurrenz. Die schwedische Autorin Frida Nilsson erzählt in 25 Kapiteln vom 6-jährigen Zwiebelchen, der eigentlich Stig heißt. Zusammen mit seiner Mama wohnt der klevere Junge im schwedischen Dorf Kilsmo und hat im Grunde nur zwei große Wünsche: ein Fahrrad und einen Papa.
Doch für ein Fahrrad hat seine Mama kein Geld, und das mit dem Papa ist eine schwierige Sache, denn den hat Mama vor Jahren in Stockholm bei einem Konzert kennengelernt und später den Zettel mit seiner Telefonnummer ganz rasch weggeworfen. Den Mann wollte Mama nicht, aber Zwiebelchen schon. Diese Geschichte kennt Zwiebelchen natürlich in- und auswendig. Trotzdem quält ihn dieser Gedanke, dass er einen Papa in Stockholm hat.
Darüberhinaus aber nervt ihn das Mitleid seiner Mitschüler, weil er eben doch keinen Papa hat. Richtig wütend wird er, wenn sein Mitschüler Elmar behauptet, er hätte es verdient keinen Papa zu haben. Dann wird Zwiebelchen schon mal aggressiv, schubst und haut.

Aber zum Glück gibt es im Dorf auch noch Karl, den alle für einen „komischen Vogel“ halten, weil eines seiner Beine kürzer ist und er angeblich Hühner hypnotisieren kann. Karl repariert Autos und wirkt ein bisschen wie der Außenseiter des Dorfes. Doch Karl ist ein herzensguter Typ und bringt Zwiebelchen alles über Hühner bei. Eines Tages schafft es Zwiebelchen sogar, den Hahn Hekto auf den Arm zu nehmen. Ein wunderbarer Moment an einem sonst ziemlich doofen Tag.

Mit so einigen Hochs und Tiefs schlägt sich Zwiebelchen also durch die Adventszeit und lernt in diesem schneelosen Dezember so einiges über Hühner und das Leben. Den kleinen Helden schließt man vom ersten Augenblick ins Herz, denn seine Beobachtungen des Alltags und seine Überlegungen über das Leben sind so bodenständig und liebenswert, dass man gar nicht anders kann.

Doch Zwiebelchen erfährt natürlich auch, dass das Leben kein Wunschkonzert ist. So kann man sich einen Vater nicht einfach erdichten, wie ihm die Reaktionen seiner Mitschüler zeigen. Es bringt auch nichts, einfach auf einem geklauten Fahrrad nach Stockholm fahren zu wollen. Zwiebelchen bleibt im endlich fallenden Schnee stecken, und mit dem Schnee reift in ihm schließlich auch der Gedanke, dass es auch die andere Seite der Papa-Frage gibt, nämlich die, dass dieser Mann ihn vielleicht ja gar nicht haben wollte…

In all diesem Gefühlschaos gibt es für Zwiebelchen zu Weihnachten schließlich doch ein Happy-End und die Erkenntnis, dass Familie auch aus selbstgewählten Mitgliedern bestehen kann und ein biologischer Erzeuger nicht unbedingt dazugehören muss.

In einfachen Sätzen, feinfühlig von Friederike Buchinger übersetzt, erzählt Frida Nilsson eine moderne Weihnachtsgeschichte, die das Zeug zum Klassiker hat. Sie macht deutlich, dass das Leben nicht immer aus perfekten Familienidyllen besteht, aber dennoch wunderschön sein kann. Eine sehr zu empfehlende Familien-Lektüre für die kommenden Wochen!

Frohe Weihnachten, Zwiebenlchen! war für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 in der Sparte Kinderbuch nominiert.

Frida Nilsson: Frohe Weihnachten, Zwiebelchen!, Übersetzung: Friederike Buchinger, Illustrationen: Anke Kuhl, Gerstenberg, 2015, 128 Seiten, ab 6, 12,95 Euro

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Es begab sich aber zu der Zeit …

adventNeulich durfte ich im Hamburger Literaturhaus eine ganz besondere Lesung erleben. In der Reihe „Spaß mit Büchern“ las Autorin Ilona Einwohlt aus ihrem neuen Kinderbuch Advent, Advent, die Bude brennt vor etwa 60 Erst- und Zweitklässlern.
Wer jetzt denkt, dass das eine ohrenbetäubende Veranstaltung gewesen sein muss, kennt Hamburger Schulkinder nicht. Aufmerksam, gespannt schauend, mitfiebernd lauschten sie Ilona Einwohlt, die von Lucas nervenaufreibenden Erlebnissen in der Vorweihnachtszeit berichtete.

Beim 10-jährigen Erzähler geht es nämlich alles andere als besinnlich zu. Lucas chaotische Mutter, die nach der Trennung vom Mann, endlich mal alles richtig machen möchte, fackelt aus reiner Schusseligkeit die Wohnung ab. Hochschwanger muss sie sich nun mit Luca und seiner großen Schwester sowie dem fast federlosen Papagei Bruder Jakob, der sämtliche Weihnachtslieder trällern kann, auf die Suche nach einer Unterkunft machen. Im Nobelhotel fühlen die drei sich allerdings nicht besonders wohl, bei Mamas Freundin Maria ist es zu eng, bei der Oma zu laut, bei der Tante zu aufgeräumt. Ein rundlicher Taxifahrer, der – hohoho – ganz erstaunlich an den Weihnachtsmann erinnert, fährt die Familie von einer Unterkunft in die nächste. Doch schließlich finden Lucas muslimische Freunde Mayla und Ibi eine Lösung, wo die Wohnungslosen unterkommen können …

Ilona Einwohlts Adventsgeschichte ist ein großer Spaß, inhaltlich wie sprachlich. Sie vereint alle Ingredienzien, die christlich geprägte Menschen aus der biblischen Weihnachtsgeschichte kennen: eine Hochschwangere, die Suche nach einer Unterkunft, wenig christliche Mitmenschen. Dass die Rettung von muslimischer Seite kommt, ist in unseren schwierigen Zeiten mit unzähligen Flüchtlingen und immer noch andauernden und anwachsenden Ressentiments und Vorurteilen ein wichtiges Zeichen.
Für die Kinder im Roman ist es  – ganz im Sinne Lessings  – völlig unerheblich, welcher Religion man angehört. Ibi formuliert es so: „Mayla denkt, sie muss sich zwischen Allah und Gott entscheiden […]. Erklär du ihr mal, dass der ein und derselbe ist und dass es völlig egal ist, zu wem sie betet. Hauptsache, sie glaubt an irgendwen.“ Klarer kann man die Verbindung von Christentum und Islam wohl kaum auf den Punkt bringen.

Die Kinder im Literaturhaus waren eine multikulturell-globalisierte Truppe, die diese Sätze mit aller Selbstverständlichkeit und Lässigkeit akzeptierten. Von Aufregung oder Unverständnis keine Spur. Die Freundschaft zwischen Luca, Mayla und Ibi im Roman ist wichtiger als jede kleinkrämerische Unterscheidung, wer Weihnachten feiern kann, darf oder nicht. Sie feiern. Alle. Und zwar zusammen. Und genau das sollten auch die Erwachsenen. Die Kinder machen vor, wie einfach das ist.

Ilona Einwohlts Advent, Advent, die Bude brennt hat für mich das Zeug zum weihnachtlichen Dauerbre … äh … Longseller.

Ilona Einwohlt: Advent, Advent, die Bude brennt. Die Weihnachtsgeschichte nach Luca, Illustration: Tine Schulz, Klett Kinderbuch Verlag, 2015, 128 Seiten, ab 8, 12,95 Euro

[Gastrezension] Diese Bücher verkürzen den Advent …

adventJetzt, wenn die Temperaturen frostiger werden, es tagsüber gar nicht mehr hell wird, selbst auf den kleinsten Plätzen Weihnachtsmärkte eröffnen und sogar Hamburg einen Sonntagnachmittag in magischem Schneeweiß glitzerte, kommt man endlich in Weihnachtsstimmung. Aber was macht man in den kommenden Wochen? Adventskalender wirken ziemlich profan. Helfen können zwei Bücher, die die Zeit bis Heiligabend viel schöner versüßen und von denen alle etwas haben:

Ausgerechnet am ersten Dezember verfängt sich die Fliege Bisy in Kai Pannens Buch Du spinnst wohl! im Netz der Spinne Karl-Heinz. Die freut sich über den Festtagsbraten, verschnürt Bisy zum Paket und will ihn schön bis Heiligabend abhängen lassen. Aber so leicht lässt der wort- und weltgewandte Bisy sich nicht einwickeln und zum Essen degradieren. Sein Name ist nicht nur onomatopoetisch, also lautmalerisch zu verstehen. Die flotte Stubenfliege ist sehr umtriebig, also busy, weiß von Supermärkten voller Köstlichkeiten für jeden Krabbeltiergusto unter der Spüle zu erzählen, gibt Tipps für festliche Dekoration und ist eine hervorragende Netzwerkerin. Und in 24 Tagen im Advent kann viel passieren und sich viel ändern.

Kai Pannen erzählt in seiner cartoonesk illustrierten Adventsgeschichte von einer außergewöhnlichen Freundschaft. Einer unmöglichen eigentlich. Denn die Spinne hängt immer nur auf ihrem Sofa ab und bekommt nichts mit von der Welt. Das liegt an ihrem fesselnden Wesen und ihren für alle anderen extrem ungesunden Ernährungsgewohnheiten, die bisher jede Kontaktaufnahme scheitern ließen. Selbst Karl-Heinz‘ Tante Kassandra würde ihn nach Spinnenart bei Gelegenheit als Zusatzhappen goutieren, was das Verhältnis zu ihr doch sehr distanziert macht.
So verlässt Karl-Heinz nur selten das Netz, verputzt Unmengen von Süßigkeiten, bekommt Zahnschmerzen, weiß aber weder, dass es überhaupt einen Zahnarzt gibt, der ihn von seinen Schmerzen erlösen könnte, noch wo der zu finden ist. Bisy hingegen kennt sich aus und erzählt der Spinne von dem Zahnarzt, der am goldenen Bilderrahmen praktiziert. Karl-Heinz’ Kommentar: „Typisch, so eine teure Gegend kann sich auch nur ein Zahnarzt leisten.“ So locker und witzig geschrieben ist diese Adventsgeschichte, deren 24 Kapitel vom 1. Dezember bis Heiligabend zum Vorlesen einladen, wirklich ein großer Spaß, süß, aber nicht so zuckrig und wesentlich inhaltsreicher als jeder Adventskalender.

Wer jetzt meckert – „Das ist doch total unrealistisch!“ –, dem sage ich nur: Hey, das ist keine biologische Abhandlung über die Interaktion von Insekten und Spinnentieren, obwohl manche Details stimmig sind. Aber die Originalgeschichte vom Christkind erhebt auch nicht Anspruch auf historische Exaktheit, ganz abgesehen von den Abwandlungen mit Weihnachtsmann, fliegendem Rentierschlitten und Overnight-Express-Lieferung durch den Kamin. Eine Adventsgeschichte soll die Wartezeit auf Heiligabend verschönern, sie soll aufheitern, glücklich machen und an das Gute in der Welt glauben lassen. Und das gelingt Kai Pannen ganz famos!

adventBei jeder Neuerscheinung aus dem brillanten aracari Verlag sind meine Erwartungen hoch. Vor fünf Jahren starteten die Schweizer mit dem berührenden koreanischen Bilderbuch Abschied von Aika. Zwei Jahre später landete aracari einen absoluten Bestseller mit dem kunterbunten Gefühlskaleidoskop Heute bin ich der Niederländerin Mies van Hout. Auch Guido van Genechtens knuffiger Schneemann Ben hat bei den Eidgenossen seine verlegerische Heimat gefunden. Und jetzt gesellt sich mit Der kleine Christbaum die Belgierin Ruth Wielockx dazu, übersetzt von Martin Rometsch.

Die Geschichte von dem noch jungen Nadelgewächs, das auch endlich zum Zuge kommen möchte, ist niedlich. Der kleine Baum beneidet seine großen Freunde, werden diese doch zum „Bäcker-Christbaum“, „Metzger-Christbaum“ oder „Marktplatz-Christbaum“. Da möchte der Kleine natürlich mithalten. Zum Glück kommt schließlich der Weihnachtsmann persönlich vorbei und überträgt ihm quasi die Hauptrolle für Christbäume …
Das ist ganz schön, aber auch etwas schade, denn die Story hätte mehr Potenzial gehabt. Auch dass die Bäume alle Gesichter haben, die an altmodische Bilderbuchsonnen erinnern, wirkt etwas behäbig.
Allerdings ist es fast schon mutig, und das sage ich als überzeugte Atheistin, heute politisch unkorrekt von einem Christbaum zu sprechen und potenzielle Käufer abzuhalten, vielleicht aber auch andere umso mehr anzusprechen… Der Originaltitel lautet De kleene kerstboom, also eigentlich„Der kleine Weihnachtsbaum“, aber „Christbaum“ klingt natürlich auch weniger hölzern als Weihnachtsbaum oder womöglich „Jahresendzeitgewächs“.

Dieses putzige Bilderbuch passt trotzdem sehr schön zum Thema Weihnachten, illustriert es doch ganz vortrefflich, dass zu hohe Erwartungen die Freude trüben können.

Elke von Berkholz

Kai Pannen: Du spinnst wohl!, Tulipan Verlag, 2015, 99 Seiten, ab 4,14,95 Euro

Ruth Wielockx: Der kleine Christbaum, Übersetzung: Martin Rometsch, aracari Verlag, 2015, 32 Seiten, ab 4, 13,90 Euro